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Der Lebenskünstler

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14.3.2020 11:40
18 Ab 18 Jahren
Fertiggestellt

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie meine Obsession mit dem Spiel Animal Crossing begann. Ich bekam dieses Spiel zu meinem zwölften Geburtstag mit einem Nintendo DS geschenkt. Ich habe mich so sehr gefreut, dass ich Tränen weinte. Schließlich habe ich ja auch schon seit der Bekanntgabe auf das Spiel gewartet.

Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass ich die nächsten Tage damit verbrachte, mich in diese virtuelle Welt zu flüchten. Es klingt verrückt, aber ich hatte schon eine gewisse Verbindung zu den tierischen Bewohnern. Ich merkte mir schnell jeden ihrer Namen und redete sogar über sie, als wären es richtige fühlende Wesen.

Es gab immer acht Bewohner pro Spielwelt. Es war zu meinem Bedauern jedoch möglich, dass jeder von ihnen umziehen konnte und durch einen Neuankömmling ersetzt werden würde. Deshalb war ich jeden Tag stets bemüht, nachzuschauen, ob noch alle da waren. Die, die gehen wollten, konnte man zum Glück zum Bleiben bewegen.

So wurden aus den Tagen schließlich Wochen. Ich nahm meinen DS mittlerweile schon überall mit hin. Ein Tag ohne meine kleine Welt, war für mich schon gar nicht mehr denkbar. Dies wurde mir an einem Tag schließlich zum Verhängnis.

Ich weiß noch, dass ich mit dem Bus auf dem Weg nach Hause war. Zuvor hatte ich mich mit einem Freund getroffen, der sich das Spiel auch kürzlich zulegte, um es zusammen zu spielen. Ich stieg schließlich an meiner Haltestelle aus und musste Zuhause mit Entsetzen feststellen, dass mein DS verschwunden war. Er musste mir aus meiner Jackentasche gefallen sein.

Ich war lange am Boden zerstört darüber, aber mit der Zeit habe ich irgendwann gar nicht mehr an mein virtuelles Refugium gedacht. Bis zu jenem Tag.

17 Jahre waren vergangen. Diesen Vorfall aus der Kindheit hatte ich mittlerweile vollständig vergessen, denn ich war nun erwachsen und zu einem Leiter einer respektablen Medienagentur aufgestiegen. Die Arbeit machte Spaß, jedoch musste ich oft Überstunden bis spät in den Abend machen. Der Abend, an dem mich meine Kindheit einholen würde war so ein Abend.

Es war schon 22 Uhr, während ich mein Zeug zusammenpackte und mir meine Jacke anzog. Ich bekomme immer ein unbehagliches Gefühl, wenn ich mich als Einziger in unserem Firmengebäude befand, was tagsüber voller Mitarbeiter ist. Vielleicht liegt es an der plötzlichen Stille, die den Gegenpol zu meinem rasanten Arbeitsleben bildet.

Da ich nun all meine Habseligkeiten beisammen hatte, machte ich mich auf den Weg zur Tiefgarage. Immer, wenn ich diese leeren Flure durchschritt, kam ich mir vor wie ein komatöser Patient, der während einer Zombieapokalypse im Krankenhaus erwacht und orientierungslos umherwandelt.

Die Tiefgarage war praktisch das Pendant zum restlichen Gebäude: Vollkommen verlassen, bis auf einen einsamen „Bewohner“; mein Auto. Trotzdem fühlte ich mich dort, wie oben im Büro ziemlich unbehaglich. Ich schob dieses Gefühl beiseite und trat meine Heimfahrt an.

Es war bereits um die 23 Uhr, als ich den Motor meines Autos vor meinem Heim zum Schweigen brachte. Ich begann routiniert meinen Schlüsselbund aus der Tasche zu ziehen und den Briefkastenschlüssel zu suchen, bevor ich austieg.

Mir kam beim Öffnen des Briefkastens erstmal ein Haufen Werbung entgegen, die mit einem Klatschen auf den Boden fiel. Wofür habe ich eigentlich den „Keine Reklame“-Aufkleber angebracht?

Mein Ärger über die Reklamehefte wurde abgelöst von Überraschung, als ich ein kleines braunes Päckchen in meinem Fach entdeckte. Ich nahm es heraus. Kein Absender.

„Was zum Teufel...“, sprach ich in mich hinein. Das ganze bereitete mir ein mulmiges Gefühl. Meine Neugier nahm dennoch Überhand, sodass ich beschloss, es drinnen auf zu machen.

Ich setzte mich also auf die Wohnzimmercouch und riss, nach anfänglichen Zögern, das Packpapier ab. Das Innenleben bestand aus dieser Luftpolsterfolie, deren kleine Bläschen einen leisen Knalllaut  von sich geben, wenn man sie zerdrückt. Als Kind hab ich sie geliebt, jetzt jedoch stand sie nur im Weg; zwischen mir und dem mysteriösen Gegenstand in ihrem Inneren. Also riss ich sie ebenfalls herunter. Dieses Relikt meiner Kindheit, legte nur ein weiteres frei.

Es war ein Nintendo DS. Nein, es... Es war mein Nintendo DS. Die Initialen meines Namens, die ich damals, mit einem Edding, auf die Unterseite kritzelte, waren etwas verblasst, aber ich hatte kein Zweifel. Das löste in mir eine Kettenreaktion der Erinnerungen aus.
Wie bei Domino Day musste nur der erste Stein umgestoßen werden, um am Ende ein einziges, klares Bild zu erzeugen.

Ich saß einige Momente da und starrte dieses Ding nur an. Ein Drang in mir erwachte wieder zum Leben. Ich gab nach und schaltete das Gerät ein.

Im Hauptmenü von Animal Crossing setzte die Erkennungsmelodie ein, die Balsam für meine Seele war.

Ich betrat also die Spielwelt und musste feststellen, dass ich statt, wie gewöhnlich, in meinem Haus, jetzt draußen anfing. Es war schon komisch, aber ich hielt es für einen technischen Bug.

Als ich mich so umblickte, sah ich, dass einfach alles voller Unkraut war. Es war jedoch nicht überraschend, wenn man bedenkt, wie lange ich die Bewohner allein gelassen habe. Die Bäume sahen auch ziemlich mitgenommen aus. Das Regenwetter rundete die Atmosphäre einer Geisterstadt komplett ab. Als ich an die schöne lebendige Welt aus meiner Kindheit dachte, musste ich eine Träne verdrücken. Wenn ich erstmal einen der tierischen Bewohner fand, würde es besser werden. Doch ich fand keinen. Alles war wie ausgestorben. Nichtmal die kratzbürstige Peggy vom Rathaus oder Eugen vom Museum waren da. Auch die Wachen am Stadttor waren abwesend. Und das Stadttor … es stand offen!

Das ganze fing an merkwürdig zu werden. Ich ging also von Wohnhaus zu Wohnhaus, aber fand jeweils nur Dunkelheit und kryptische Nachrichten an den Eingängen vor, wie „Ich bin da, aber will ihn nicht herein lassen“ oder „Lass mich in Frieden“.

Am letzten Haus, das von Dolly dem Schaf, brannte auch kein Licht, aber ich konnte eintreten.

Bevor ich sie erkennen konnte, begann Dolly im charakteristischen, unverständliche Geplapper der NPCs zu quasseln. Das ganze wurde von einer Sprechblase übersetzt: „Bitte, nein! Ich hab dir doch schon alles gegeben!“

Als ich nun genau hinsah, erspähte ich Dolly, wie sie zitternd in einer Ecke kauerte. Sie war vollkommen nackt und anscheinend geschoren worden. Mir stockte der Atem.

„Du bist es! Wo warst du so lange? Wir waren so lange alleine, bis… bis er kam. Du hast das Stadttor offen gelassen, nachdem du deinen Freund hierher eingeladen hast.“

Was war das nur für ein grausamer Scherz? Es musste sich doch um einen Streich handeln. Jemand hatte diese kranke Mod auf meinem DS installiert, um mich zu verarschen. Aber wer?

Als ich die Konsole gerade abschalten wollte, fiel mir auf, dass mir noch ein Haus fehlte. Mein Haus.

Meine Neugier überwältigte mein Unbehagen und so ging ich zu meinem virtuellen Heim. Ich fühlte mich wieder wie das Kind, was ich einmal war.

Als ich dort ankam, sah ich, dass drinnen das Licht brannte. Jemand war hier. Nach all dem Unheimlichen, was hier passierte, war ich mir nicht sicher, ob ich sehen wollte, was dort vor sich ging. Ich hatte schon den Daumen auf dem Aus-Schalter. Nein, das war nur ein Spiel. Das ist nicht echt, und was nicht echt ist, kann einem auch nichts tun. Also betrat ich mein Haus.

Mir war, als müsste ich mich übergeben. All die Bewohner wurden ermordet! Ihre abgetrennten Köpfe lagen links an der Wand in einem Haufen, als wären es Bälle für den Sportunterricht. Einige lagen wie Unrat mitten im Raum verteilt. Denen fehlten die Augen, das Hirn und was weiß ich noch alles. Direkt daneben lagen ihre Körper übereinander, als wären es Kissen. Davon lagen auch ein paar herum, die ausgebeutet waren; ihren säuberlich aufgeschlitzten Leibern, hatte man sämtliche Organe sorgfältig entnommen, als hätte man Doktor Bibber an ihnen gespielt.

Ich war von dem Ganzen so verstört, dass mir erst jetzt dieses Wesen im Raum auffiel. Mit roter Farbe malte es etwas an die gegenüberliegende Wand. Nein, es war keine Farbe. Links von ihm, stand ein Eimer mit Blut und rechts lag ein Beutel mit Wolle; offenbar die von Dolly, die er benutze, um seine „Farbe“ aufzutragen. Es trug einen weißen, blutverschmierten Kittel. Auf seinem Kopf thronte ein schwarzer Bowler, der komplett deplatziert aussah.

Nun schien mich dieses Wesen bemerkt zu haben und ließ von seinem Kunstwerk ab und drehte sich zu mir um. Es trug eine japanische Ko-Omote-Maske. An der Hüfte hing eine Art Werkzeuggürtel mit blutverschmierten Zangen, Skalpellen und Messern.

„Willkommen in meinem Atelier!“

Ich schrak zusammen, da dieses Ding wirklich sprechen konnte; keine Sprechblase und kein unverständliches Geplapper. Nur diese schrecklich Stimme, die sich anhörte, wie wenn damals in der Schule, die Tafel quietschte, wenn man die Kreide zu sehr draufdrückte.

„Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber ich hab hier noch eine Menge zutun. Ich neige dazu mich an große Projekte zu werfen, die dann wirklich viel Zeit fordern. Es ist zwar manchmal ziemlich stressig, aber es macht mir auch Spaß. Ist ja schließlich mein Hobby. Hör zu, gib mir noch ein paar Tage, dann komm ich zu dir und mach aus dir auch was Schönes. Ich-“

Ich schaltete den DS ab. Bevor ich ihn in den Müll warf, starrte ich noch circa fünf Miunten auf den schwarzen Bildschirm. Gut, dieses kranke Schwein, was aus diesem Spiel so einen gestörten Albtraum machte, hatte jetzt sicher seinen Spaß. Sowas Geschmackloses.

Noch leicht zitternd, machte ich mich auf den Weg nach oben ins Schlafzimmer. Die Treppe knarzte, während ich nach oben schritt. Dann öffnete ich die Schlafzimmertür, die immer so ein nerviges Quietschen von sich gab.

Eine Woche verging und ich dachte über dieses Erlebnis kaum noch nach. Ich ging wieder, wie jeden Tag ganz normal zur Arbeit. Aber meine Einstellung zu meinem bisherigen Leben hatte sich plötzlich geändert. Ich gestattete mir auch mal Ruhepausen und probierte mich in neuen Hobbys.

Nach dem heutigen Arbeitstag, ging ich mit ein paar meiner alten Freunde aus meiner Kindheit, mit denen ich schon lange keinen Kontakt mehr hatte, ein paar Bier trinken. Wir erzählten uns alte Anekdoten und lachten viel. Und um alles abzurunden, hab ich Jane, die mit dabei war, Sonntag auf ein Date eingeladen.

Wenn mir dieses verstörende Erlebnis mit Animal Crossing eins gelehrt hat, dann war es, dass ich dem Kind in mir kein Gehör schenkte. Jetzt hat es in meinem Leben wieder eine Heimat gefunden.

Am Sonntag, nach meinem Date mit Jane, ging ich zufrieden nach Hause und machte mich direkt bettfertig. Ich legte mich hin, knipste mein Nachtlicht aus und schloss die Augen.

Während ich noch so in Gedanken schwelgte, hörte ich das vertraute Knarzen meiner Treppe. Ich riss augenblicklich meine Augen auf, während das Knarzen immer lauter wurde. Nun verstummte es, und kurz darauf hörte ich meine Schlafzimmertür quietschen. Ich lag in Schockstarre im Bett und traute mich nicht hinzusehen. Aber das musste ich nicht, denn jetzt hörte ich diese schreckliche Stimme sprechen.

„Hey, tut mir Leid, dass du so lange warten musstest. Wollen wir anfangen?“

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