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Coonie

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14.07.20 00:32
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Ich muss mich beeilen; schnell Nachhause. Die Sonne ging langsam, einem sinkendem Schiff gleich, unter. Und wenn dieses Schiff unterging, würde es mich in einem wirbelndem Strudel mit sich reißen. Bald würde es dunkel werden; bald würden diese Dinger rauskommen. Wenn ich bis dahin nicht Zuhause bin, dann … Das weiß ich nicht. Niemand hatte von den armen Idioten, die des Nachts die Schutzzonen verließen, auch nur ein Sterbenswörtchen gehört. Wenn ich nicht schnell genug bin, würde ich bald herausfinden, wie es ihnen ergangen ist.

Ich saß auf meinem Fahrrad und trat so stark in die Pedalen, dass bereits nach kurzer Zeit meine Oberschenkel schmerzten. Besonders weh tat es, wenn ich einen Hügel hoch fahren musste. Von denen gab es viele auf meinem Weg. Immer wieder rauf und runter. Der Weg zu dem höchsten Punkt war zwar besonders schmerzhaft, doch jedes Mal, wenn mir der Fahrtwind in mein Gesicht peitschte, während ich wieder nach unten schoss, war es mir die Mühe wert. Rauf und runter.

Als die Sonne bereits den Horizont küsste, wurde mir klar, dass ich es niemals rechtzeitig Heim schaffen würde. Diese Kreaturen werden Jagt auf mich machen und mich vermutlich in Stücke reißen. Ich spürte die Ohnmacht, die einem überfiel, wenn man Kontrolle über eine Sache verlor. Ich depersonalisierte. Es war, als würde sich meine Seele von der Welt, sogar von meinem Körper abheften. Wie ein Pflaster, dass sich löste, wenn man es lange genug unter Wasser hielt. Keine Panik, kein Schmerz in den Beinen; ich starrte einfach als unbeteiligter Zuschauer auf meine leere Hülle hinab, die wohl mein Körper war. Bis sich die Kette, die links von meiner Jeans hing, in dem Hinterreifen verkantete und mich samt dem Fahrrad zu Fall brachte, was mich augenblicklich in die Realität zurück holte. Wenn ich diese Nacht jemals überlebte, würde ich allen, die es nicht hören wollten, erzählen, wie mich mein Kleidungsstil fast umgebracht hätte. Das natürlich noch in Kombination mit der Unfähigkeit, adäquat auf belastende Situationen zu reagieren. Ich wäre der perfekte Partyclown.

Sich wieder aufzurichten war kein Problem, da mein Körper vor Adrenalin gar surrte. Mein Schmerzzentrum bekam kalte Füße und sprang vom sinkendem Schiff ins eisige Wasser. Ich stellte mir vor wie es noch kurz winkte und „Du bist sowas von am Arsch.“ rief, bevor es mit einem Köpper von der Reling sprang. Wie auch immer man sich ein Schmerzzentrum bildlich vorstellen mochte. Mein Fahrrad hingegen war jetzt wirklich am Arsch. Die Kette war rausgesprungen und das abgebrochene Lenkrad lag neben mir im Gebüsch.

Ich vergrub mein Gesicht in meine Hände und versuchte Ruhe zu bewahren. Ein- und ausatmen. Rauf und runter.

Plötzlich schaute mich ein paar gelbe Augen aus dem Gebüsch an, in das der der Lenker geflogen ist. War das schon einer dieser Kreaturen. Das war vollkommen ungmöglich. Sie waren bisher nie vor Eintritt der Dunkelheit gekommen. Aber wer bin ich – wer sind wir als Menschen denn, dass wir sicher sagen können, was nun Tatsachen und was Theorien sind. In Wirklichkeit wussten wir gar nichts. Unsere Spezies ist nur ein kleiner Fleck im Universum, welcher sich zu viel auf seine Intelligenz einbildet.

Der Busch raschelte und das vermeintliche Ungetüm entpuppte sich als eine ziemlich heruntergekommene Straßenkatze. Farbe und Fell ließen darauf schließen, dass es sich hierbei um eine Maine-Coon handelte. Während ich noch immer am Boden lag, trat sie geradewegs näher an mich heran. Die Zutraulichkeit dieses Tiers war überraschend, aber auch irgendwie rührend. Trotzdem sie auf sich alleine gestellt war, erhielt sie sich irgendwie ihre Fähigkeit anderen zu vertrauen. Allein darum beneidete ich sie.

Ich streckte meinen mit Schürfwunden übersäten linken Arm aus und berührte ihr verfilztes Fell. Die Katze hatte mehrere verkrustete Stellen auf ihrem Rücken. Das waren sicher Wunden, die sie davongetragen hatte, als sie nachts in eins dieser Monster lief. Und sie hatte diese Auseinandersetzung überlebt. Theorien, keine Tatsachen, schärfte ich mir wieder ein.

Sie machte nun ihr Maul auf, aber statt einem weichen Miauen, kam nur ein luftiger Ton heraus. Als würde Luft aus einem Fahrradreifen entweichen. Noch mehr Luftzüge, bevor sie sich umdrehte und hinter sich, zu mir schaute. Sie bedeutete mir ihr zu folgen.

Jetzt verlierst du wohl komplett deinen Verstand, mein Lieber. Das ist nur eine verwirrte, alte Straßenkatze und du interpretierst da wie immer irgendetwas rein, weil die Realität zu grausam wäre. Sie es ein, in spätestens einer Stunde ist dieses Tier tot und du wahrscheinlich auch.

Aber wenn mein Grab sowieso schon geschaufelt ist, warum soll ich diese letzten Momente damit zubringen auf meinen Tod zu warten, wenn ich genauso gut noch ein letztes Mal träumen könnte? Es war komplett irrelevant. Keiner war hier; ich konnte mich vor niemandem lächerlich machen. Mein Leben lang war ich bemüht mich an bestimmte Konventionen zu klammern, bis der Höhepunkt, den dieser Abend, dieser Moment darstellte, mir zeigte, wie instabil das ist, was wir als sicher betrachten. Jetzt war es an der Zeit, in der nichts mehr irgendwas bedeutete, sich hinab in die Absurdität zu stürzen. Rauf und runter.

So richtete ich mich auf und ging auf die Katze zu, die sich sofort in Bewegung setzte. Das Wrack, was mal mein Fahrrad war, ließ ich zurück. Dort wo ich hier hinfolgte, würde es mir selbst im guten Zustand nichts bringen: Sie führte mich geradewegs in den Wald.

Von der Sonne blieb zwar noch ein orangener Hügel über dem Horizont, aber der Wald war so dicht, dass es hier drin schon finster war. Ich tat mein Bestes nicht über irgendeinen Ast zu stolpern, während ich meinem letzten Hirngespinst nachging.

Es wurde von Minute zu Minute dunkler, weshalb ich mich hauptsächlich an das Rascheln des laubbedeckten Waldbodens orientierte, was die Katze verursachte. Das Schiff, die M.S. Sonne war sicher schon gesunken und war wohl gerade dabei die letzten überlebenden Sonnenstrahlen – äh – Passagiere in einem Strudel mit sich zu ziehen. Runter. Ein Rauf würde ich nicht mehr erleben. Das Merkwürdige an der Sache war, dass es mich nicht störte. Ich begab mich auf ein Abenteuer und fühlte mich so lebendig wie noch nie. Was war schon einmal kurz zu sterben, wenn man sein ganzes Leben schon tot war? Nein, hier gab es solche Dinge wie den Tod nicht. Hier in diesem Wald, an den ich jeden Tag achtlos vorbei fuhr, schien die Zeit still zu stehen. Hier sind die Probleme der „echten Welt“ nur ein Gerücht. All das ist hier bedeutungslos. Diesem Ort ist alles gleichgültig; der Natur sind wir alle gleichgültig.

Durch die kleinen Lücken in den Baumkronen, konnte ich erkennen, dass der Himmel bereits eine dunkelblaue Färbung angenommen hat. Die Katze veränderte aber nicht ihr Tempo, sondern trottete in ihrem üblichen Tempo weiter. Der Natur sind wir alle gleichgültig!

Ich war wirklich gespannt, wie diese Dinger aussahen. Auch wenn ich diese Information mit ins Grab nehmen würde, könnte ich das doch mit der Genugtuung tun, in diesem Moment mehr zu wissen, als jeder andere lebende Mensch. Wenn man mal von unserer Regierung und dem Militär absah, welche aber stets bemüht waren, den Mantel des Schweigens darüber zu legen.

Bevor ich mich noch länger diesem Gedanken frönen konnte, brachen wir aus dem Unterholz heraus auf eine kleine Lichtung. Nichts. Hier gab es nichts außer einer mit Gras bewachsenen Fläche. Doch die Katze spurtete plötzlich los und blieb an einer Stelle aufgewühltem Erdreich stehen … und sie begann zu buddeln!

Ohne darüber nachzudenken, wie merkwürdig diese Situation war, ging ich kurzerhand zu ihr hinüber und half ihr. Es dauerte nicht lange, bis meine Fingernägel an etwas harten schabten. Eine Metallplatte. Ein große Metallplatte mit … Griffen? Es entpuppte sich als ein Eingang, zu einem alten Bunker. Er stammte wohl noch aus der Zeit, in der andere Menschen noch die größte Bedrohung auf diesem Planeten waren. Wie schnell sich das Blatt wendete.

Ich zog an den Griffen aber es tat sich nichts. Ich sah schon die ersten Sterne am Himmel, während ein grässlicher Schrei die bisherige Stille unterbrach. Okay, denk nach. Irgendwas musst du übersehen haben. Die Falltür lässt sich nicht allein durch grobes Ziehen öffnen.

Der Körper der Katze fing an zu rütteln, als wäre er ein kaputter Motor.

Rütteln. Rauf und runter. Du musst die Griffe drehen!

Tatsächlich, da tat sich was! Mit leichter Anstrengung ließen sich die beiden Griffe, die zuvor parallel zueinander standen, zu einer einzigen Linie verbinden, was jedoch ein lautes Quietschen verursachte.

Noch ein grässlicher Schrei; diesmal näher.

Jetzt noch noch einmal kräftig ziehen. Die Tür musste jetzt einfach aufgehen. Sie musste einfach. Und sie tat es. Voller Erleichterung blickte ich in ein klaffendes, schwarzes Loch, in dem eine verostete Leiter hinunter führte. Wie ging nochmal dieses Zitat von Nietsche? Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Ich musste dort unten wohl ohne eine Lichtquelle auskommen, aber das war mir, angesichts meiner aktuellen Lage, einerlei. Ich begann hastig meinen Abstieg, doch dann … die Katze! Sie rüttelte immernoch, während jetzt auchnoch Schaum aus ihrem Maul trat. Schon halb durch die Falltür, streckte ich trotzdem meine Hand aus und sagte ihr: „Komm mit, sie werden bald hier sein“, doch sie rührte sich nicht vom Fleck.

„Bitte“, sagte ich.

Und das, was nun geschah, würde mich mein ganzes Leben lang verfolgen. Die Katze richtete sich auf ihre Hinterbeine auf und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Einer der selben Schreie, die ich jede Nacht hörte, während ich noch nachts im Bett ein Buch las.

Die Vorderpfoten wurden zu Klauen und das Maul riss sich bis zu beiden Ohren auf, während das Tier auf eine Größe von zwei Metern heran wuchs.

Gelbe Augen sahen mich an, aber darin war nichts mehr von der alten, gebrechlichen Katze zu sehen. Statt dem luftigen Miauen, stieß dieses Ding einen weiteren Schrei aus. Ein deutlicheres Zeichen hätte ich nicht bekommen können. Ich hielt mich an den inneren Griffen der Falltür fest und ließ mich nach unten fallen. Mein Gewicht ließ sie zuscheppern.

PONG! PONG! PONG! PONG!

Die Kreatur schlug wie wild auf die Tür ein. Sie schien aber den Schlägen stand zu halten. Gut. Nach dem ersten Schock bemerkte ich, dass ich immer noch an den Griffen baumelte. Ich tastete mich vorsichtig mit einem Fuß an die Leiter heran. Nachdem ich sicher stand, packte ich mit der rechten Hand die Stange, während ich mit der Linken die Griffe wieder auseinander drehte. Sicher ist sicher.

Das Poltern hatte aufgehört. Entweder hat das Ding neue Beute gefunden, oder es hatte mich schlicht und einfach vergessen. Ich stieg hinab, tastete mich unten an die erstbeste Mauer und ließ mich daran sinken. Was habe ich da gerade gesehen? War das der Ursprung der Kreaturen? Wurden alle wilden Tiere nachts zu Monstern? Es musste so sein. Vielleicht sind wir der Natur doch nicht so egal, wie ich immer annahm. Im Gegenteil, vielleicht rächt sie sich auf diese Weise an unserer verräterischen Spezies. Einfach zum totlachen, wenn ich nicht selber ein Teil dieser Spezies wäre. Theorien, keine Tatsachen!

„Ach ja“, sagte ich zu mir selber und lachte in finstere Leere, als hätte ich als Einziger die Pointe eines Witzes verstanden.

 

Ein Jahr später

 

„Coonie!“, rief ich, während ich Unkraut aus einem meiner Gemüsebeete entfernte. Die gleißende Mittagsonne brannte mir auf der Haut und Schweißperlen rannen mir am ganzen Körper hinab. Doch ich war glücklich. Es war nicht die Art von Glück, die einem irgendwelche materiellen Dinge geben könnten. Nein, es war Frieden. Ich war mit mir und der Welt im Reinen. Meiner Welt. Alles außerhalb dieses Waldes existierte für mich nicht. Ich war mir auch überhaupt nicht sicher, ob da draußen wirklich noch was existierte. Vielleicht hatte sich die Menschheit inzwischen schon in irgendeiner ihrer sinnlosen Kriege von selber vernichtet. Wer weiß das schon. Es war mir einfach egal.

„Da bist du ja! Was hast du mir denn da mitgebracht?“

Coonie hielt eine Lasche in ihrem Maul an der ein klobiges Gerät, was etwa das doppelte ihres Kopfes maß, befestigt war. An einer länglichen Seite war eine Kurbel befestigt. Ich nahm das Gerät an mich und befreite es von der Erde. An einem Ende tastete ich über etwas, was sich wie Glas anfühlte.

„Eine Taschenlampe! Ob die es noch tut?“ Ich griff die Kurbel und drehte sie. Aus der gesprungenen Linse kam ein schwaches Leuchten, was immer intensiver wurde, je mehr ich kurbelte. Rauf und runter.

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