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Die Weihnachtsmaus

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23.12.2018 20:22
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Am Abend des dreiundzwanzigsten Dezember fiel eine neue Schicht Schnee auf die weißen Straßen. Das ganze Dorf war in Weihnachtsstimmung - nur eine nicht: Eine kleine Maus rannte schon den ganzen Tag, um einen warmen Unterschlupf zu finden. Ihr vorheriges Zuhause, ein warmer Stall, war durch die Masse des Schnees zusammengebrochen. Doch überall, wo es ihr gefiel, wurde sie verscheucht oder der Ort war ungeeignet, weil es dort Katzen gab.
Schließlich schien sich das Glück zu wenden: Die Tür einer Bar öffnete sich und gab einen Blick auf die freudigen Männer frei, die fröhlich redeten, lachten und tranken. Schnell huschte die Maus hinein und verkroch sich unter dem Tresen. Sie wollte sich gerade in eine Ecke legen und dösen, als sie wieder nach draußen gescheucht wurde. Einer der Menschen rannte mit einem Besen hinter ihr her und sie konnte sich gerade so auf die Straße retten.
Vor Panik piepsend lief sie weiter, doch egal, wie lange sie suchte, sie fand nichts.
Irgendwann konnte sie nicht mehr. Die graue Maus ließ sich vor einer Tür in den Schnee fallen, weil sie so erschöpft war. Ungeachtet der Kälte dämmerte sie davon. Mehr und mehr Flocken fielen auf sie, sodass sie bald kaum noch zu sehen war. Doch anstatt des Schlafes kam ein Mädchen und hockte sich neben sie.
„Hallo du", meinte es kichernd. Die Maus wollte weglaufen, aber ihre Beine waren von der Kälte, vom Hin-und-Her-Laufen, zu schwach und trugen sie nicht mehr weiter. Lächelnd betrachtete das kleine Mädchen die piepsende Maus und streckte ihre Hände, die in weinroten Handschuhen steckten, aus, um sie aufzuheben.
„Du bist süß, ich nehme dich mit!" Ohne zu überlegen steckte sie das kleine Wesen in die Tasche ihrer roten Winterjacke.
„Rosie! Wo bleibst du?", rief ihre Mutter in diesem Moment. Schnell lief Rosalia - liebevoll Rosie genannt - mit der Maus in ihrer Jackentasche zu ihr. Kindlich kichernd nahm sie die Hand, die ihre Mutter ausstreckte, und zusammen gingen sie heim.
Rosalias Haus war sehr alt, eines der ältesten, die es im Dorf gab, aber viel schöner als jeder Neubau. Die beiden Frauen betraten das Haus und wurden von einer angenehmen Wärme empfangen.
„Schnell ausziehen und dann ab in die Badewanne", meinte ihre Mutter. Schnell tat Rosalia, was ihr aufgetragen war. Sie freute sich auf das warme Wasser, das sie erwartete, auf den Badeschaum, der lecker nach Erdbeeren duftete ... und auf ihr Spielzeug, ohne das sie nicht in die Wanne ging. An die Maus dachte sie schon gar nicht mehr.
Diese befand sich noch immer in der warmen Tasche. Obwohl sie am Anfang Angst gehabt hatte, war ihr nichts passiert. Schon bevor sie Rosies Haus erreicht hatten, beruhigte sie sich. Froh, der Kälte entkommen zu sein, fiel sie schließlich in einen tiefen Schlaf.

Wie lange sie geschlafen hatte, wusste sie nicht. Irgendwann fühlte sie, wie eine Hand sie umschloss und aus der Wärme der Tasche zog. Es war Rosalia, der ihre neue kleine Freundin wieder eingefallen war. Sie trug noch ihren Bademantel, unter ihrem Arm klemmte eine Puppe mit nassem Haar.
Schnell brachte sie das Nagetier in ihr Zimmer, wo sie es auf ihr Kopfkissen setzte.
„Ich werde mich um dich kümmern", erklärte sie.
„Lauf nicht weg, ich bin gleich wieder da." Sie stürmte aus dem Zimmer, um nach wenigen Minuten wieder zurückzukommen.
„Hier, etwas Käse!", rief sie - doch ihr Blick fiel auf ein leeres Kissen. Natürlich hatte die Maus sich unter dem Schrank in Sicherheit gebracht - sie hatte genug Aufregung gehabt in den letzten Tagen.
Rosie rann eine Träne über die Wange. Warum war ihre neue Freundin weggelaufen? Sie ging zum Kleiderschrank und kniete sich davor. Den Käse, den sie in der Hand hatte, legte sie auf den Boden.
„Bitte komm raus da", bat sie das Mäuschen, das sich in die hinterste Ecke verkrochen hatte, wo sie nicht hinreichen konnte. So blieb sie eine Weile hocken, wobei sie leise lockte und mit dem Käsestück winkte, bis ihre Mutter an die Tür klopfte.
„Rosie, geh bitte ins Bett! Ich komm gleich und erzähl dir eine Geschichte."
„Ja, Mama! Gute Nacht, liebe Maus und lass es dir schmecken'', sagte Rosie - und es klang ein bisschen traurig.
Spät in der Nacht, nachdem alle im Haus schliefen, traute sich die Maus aus ihrem Versteck. Zuerst machte sie sich über den Käse her. Innerhalb kürzester Zeit verputzte sie das ganze Stückchen, das beinah halb so groß war wie sie selbst. Rosie hatte es wirklich gut gemeint.
Schließlich saß die Maus satt und zufrieden da und betrachtete das schlafende Mädchen im Bett. Dieser Zweibeiner war anders als die, die sie bis jetzt kennen gelernt hatte. Freundlich.
Leise kletterte das Mäuschen am Bett empor und rollte sich neben Rosalia auf dem Kopfkissen zusammen.
Als sie am anderen Morgen erwachte, lächelte Rosalia sie an.
„Guten Morgen", flüsterte das Mädchen gerade, als von draußen jemand rief.
„Ich muss zum Frühstück, kleine Maus", sagte sie, „sei lieb und warte auf mich. Bald bin ich wieder da."
Es verging eine ganze Weile, in der die Maus allein im Zimmer war. Deswegen unternahm sie einen Ausflug, um sich ihr neues Zuhause genau anzuschauen. Sie wuselte zwischen Kuscheltieren umher und beschloss letztendlich, ins Puppenhaus einzuziehen. Dort gab es jede Menge Sachen in ihrer Größe. Begeistert trug sie ein paar Teller von der Puppenküche ins Wohnzimmer, probierte die Früchte, die auf dem Schrank standen, doch die waren aus Kunststoff.
Ein bisschen enttäuscht wühlte sie sich neben einer der Puppen ins Bett und wartete.
Draußen war es bereits dunkel, als Rosalia zurückkehrte. Zuerst sah sie erschrocken aus, doch als die Maus ihr vorsichtig entgegen lief, begann sie zu lachen.
„Ich muss dir so viel erzählen!", rief Rosalia und hielt ihrer Freundin ein Stückchen Brot entgegen.
Während die Maus daran knabberte, berichtete Rosalia von ihrem Kirchenbesuch und davon, was sie alles erlebt hatte.
„Stell dir vor: Heute kommt der Weihnachtsmann. Weißt du, wer das ist? Er ist ein bisschen gruselig, aber eigentlich ganz lieb. Und wenn du brav warst, bekommst du ganz viele Geschenke von ihm." Sie sprang auf, tanzte durchs Zimmer und sang „Heute kommt der Weihnachtsmann", während die Maus sie beobachtete.


Sie mussten nur wenige Minuten warten, dann erklang ein Glöckchen.
Vor Aufregung war Rosalia ganz rot im Gesicht, als sie die Hand nach der Maus ausstreckte und sie in ihre Tasche steckte. „Du musst mir helfen! Ich bin so gespannt, ich platze gleich", flüsterte sie dem Tier zu.
Das Nächste, was die Maus erblickte, nahm ihr den Atem. Der Anblick der geschmückten Stube war nicht zu vergleichen mit ihrem alten Stall. Überall waren bunt bemalte Figuren, in einer Ecke des Raumes stand ein Baum, an dem glitzernde Dinge hingen und auf dessen Zweigen jemand unzählige Lichter angebracht hatte. Es war auch nicht so hell wie sonst in den Häusern. Irgendwer hatte die Lampen gelöscht und nur der Schein der Kerzen erhellte den Raum.
Staunend drehte die Maus den Kopf hierhin und dahin und konnte sich nicht satt sehen. Dann fiel ihr Blick auf eine große Gestalt: Einen Mann in langem, rotem Mantel. Fast sein ganzes Gesicht verschwand hinter einem weißen Bart, der ihm bis auf die Brust reichte. Die Maus spürte, wie Rosalias Hand feucht wurde und ihre Finger zitterten. Das musste wohl dieser „Weihnachtsmann" sein.
„Na", fragte der in diesem Augenblick mit tiefer Stimme, „warst du auch immer brav?"
Gerade wollte die Maus nicken, als ihr einfiel, dass ja gar keiner wusste, dass sie da war. Die Worte waren wohl an Rosalia gerichtet, die eine Antwort stotterte. Danach sagte sie ein Gedicht auf, so schnell und leise, dass nicht einmal das Mäuschen mit seinen ausgesprochen guten Ohren alles verstand. Doch der Weihnachtsmann war anscheinend zufrieden, denn er öffnete den großen Sack, den er neben sich abgestellt hatte, und holte ein Paket nach dem anderen heraus.
Begeistert machte sich Rosalia daran, die Geschenke zu öffnen. Dabei hielt sie sie so, dass ihre Mausefreundin sie ebenfalls betrachten konnte. „Schau mal, eine neue Puppe! Ein neues Kleid für mich - und eins für sie! Ach, und da! Eine Spielzeug-Kutsche!"
Nach der Bescherung gab es Essen. Dazu setzte Rosalia das Mäuschen unauffällig in die Kutsche, damit es nicht plötzlich auf dem Tisch auftauchte. „Sei lieb", flüsterte sie, „dann bring ich dir was zu Futtern mit."
Nur Herumsitzen war der Maus zu langweilig, weswegen sie sich auf den Weg machte, um den Baum aus der Nähe zu betrachten. Sie schnupperte an einer gläsernen Kugel, in der sie sich spiegeln konnte. Sie probierte einen der Strohsterne. Sie zupfte an dem langen silbernen Zeug, das auf den Zweigen hing. Dann kletterte sie am Stamm hinauf, höher und höher, bis sie schließlich auf dem Stern angelangt war, der auf der Spitze steckte.
Von hier oben sah alles noch einmal so festlich aus ... und ohne darüber nachzudenken, piepste sie: „Frohe Weihnachten!"
Rosie, die diesen Gruß als einzige gehört hatte, schmuggelte ein Lächeln in ihre Richtung und wisperte:
„Jetzt bist du eine richtige Weihnachtsmaus."

 

Autorennotiz

Frohe Weihnachten meine Lieben. Diese Story ist für meine kleine Schwester Nele entstanden und ist ein kleiner Schatz in meinem Bücherregal. Hoffe es konnte euch auf Morgen einstimmen.
Eure Blacky

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Autor

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Kurzbeschreibung

Ein Tag vor Heiligabend waren fast alle in Weihnachtsstimmung außer einer: Eine kleine Maus. Es ist eine Kurzgeschichte über ein kleines Mädchen mit einem großen Herz und einer kleinen, armen Maus.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Festliches auch im Genre Freundschaft gelistet.