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| Sätze: | 58 | |
| Wörter: | 854 | |
| Zeichen: | 5.135 |
Miriam fühlte sich müde und schwach.
So schwach, dass sie immer wieder mit dem Rauchen anfing. So schwach, dass sie manchmal zu viel trank. So schwach, dass sie oft „Ja“ sagte, wenn sie „Nein“ meinte. Eigentlich hörte ihr auch niemand richtig zu, denn ihre Stimme war leise und klang, als ob am Satzende jedesmal drei Pünktchen stünden. Manchmal ärgerte sie sich - sie redete sich geradezu in Rage - über ungerechte Machtverhältnisse, nachbarschaftliche Streitigkeiten oder sich selbst. Doch es schien ihr, dass die Leute nur milde lächelten und abwinkten.
Plick plick.
Miriam riss sich aus den Gedanken und wollte gerade dort weitermachen, wo sie aufgehört hatte, als sie das Tropfen des Wasserhahns bemerkte. Wie so oft, hatte sie ihn wohl nicht richtig zugedreht. Auch Saftflaschen und Gurkengläser waren bei ihr nie richtig geschlossen. Sie hatte vermutlich den Dreh nicht raus.
Sie war nett, sagte man. Genau das würde sicherlich einst auf ihrem Grabstein stehen. Wobei bestimmt nicht viele zu ihrer Beerdigung kommen würden, mit der Rechtfertigung: Wir kannten sie ja kaum.
Plick plick.
Und wenn doch alles eine tiefere Bedeutung hatte? Vielleicht fand sie irgendwo einen Platz in dieser Welt.
Nett und harmlos sein, das hieß zumindest keinen unnötig großen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen und kein überdimensioniertes Ego zu haben. Und war das nicht der Sinn von Kants Kategorischem Imperativ? Handle so, dass die Maxime deines Willens… Miriam erinnerte sich an die Philosophiestunden in der Oberstufe. Frau Heise hatte auf den ersten Blick nicht wie eine Erleuchtete gewirkt, Leopardenleggings und wasserstoffblondiertes Haar führten dazu, dass Miriam sie in eine andere Schublade steckte. Doch überraschenderweise verstand sie es, die richtigen Fragen zu stellen. Fragen, die neue Fragen aufwarfen. Und so kam es, dass die beiden sich während der Philosophiestunden vergnügt in Dialektik übten, jegliche Wahrheiten anzweifelten und Thesen aufstellten, um sie gleich darauf zu widerlegen.
Guten Willen, niemandem zu schaden hatte Miriam zweifellos. Sie spürte, wie der große Philosoph ihr aus dem Jenseits auf die Schulter klopfte und nahm entspannt die Arbeit an ihrem Fantasy-Debüt wieder auf. Arbeitstitel: Antaya – Das Volk des Wassers. Kapitel 1: Die Kraft der Stille. Stille breitete sich über der gesamten Erde aus. Doch unter Wasser herrschte Aufruhr.
Plick plick.
Steter Tropfen höhlt den Stein, dachte Miriam und griff ihren Kugelschreiber fester.
Das war kein Kant, aber ein Satz, der ein Prickeln in ihrem Kopf auslöste.
Der Wasserhahn verstummte und die Worte flossen aufs Papier. Unaufhaltsam.
Miriam versank in ihrer selbstgeschaffenen Welt, es zog sie hinein. Unaufhaltsam?
Miraim schreckte hoch, als es an der Tür klingelte. Verärgert runzelte sie die Stirn und überlegte, das Klingeln zu ignorieren.
„Fräulein Miriam?“, vernahm sie da ein Stimmchen. Miriam war wieder in der Realität angelangt. Das konnte nur Frau Kruse aus dem Erdgeschoss sein. Mit ihren 91 Jahren war sie die Einzige, die die veraltete Anrede ungetadelt benutzen durfte. Auch Frau Kruse selbst wurde am liebsten als Fräulein bezeichnet, denn sie war nie verheiratet gewesen. Rasch öffnete Miriam die Tür. Es war schon merkwürdig, dass die alte Dame sich die Mühe gemacht hatte, die Stufen bis in den zweiten Stock zu erklimmen.
Frau Kruse stand mit einer Tafel Herrenschokolade in der Hand vor der Tür. Dass es die noch gibt, wunderte sich Miriam.
„Hallo Frau, äh… Fräulein Kruse! Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ach, Fräulein Miriam, ich hoffe, ich störe Sie nicht. Hier, ich habe etwas für Sie, die können Sie ihrem Besuch anbieten, vielleicht dem jungen Mann, der manchmal kommt.“ Sie drückte der verdutzten Miriam die Schokolade in die Hand und fuhr fort. „Sie sind doch schriftlich so begabt und Ihre Augen sind noch so gut. Wären Sie so lieb, mir zu helfen, eine Mail zu verfassen? Jetzt habe ich schon diesen Computerkurs belegt und mir das technische Zeug besorgt, habe Internetanschluss … man ist ja nicht von gestern! Auch wenn bei dem ganzen Klimbim manchmal doch eine Brieftaube effektiver wäre, nicht wahr? Tja, und jetzt ist es die kleine Schrift, die mir Ärger macht.“
Miriam war keine Person, die viel lächelte, doch bei Frau Kruses Anblick konnte sie nicht anders. Trotz ihres Alters ging ein Strahlen von ihr aus. Vielleicht lag es auch einfach an dem vielen Goldschmuck, der sie zierte, sowie der goldenen Haarspange, die auf ihrem Kopf thronte.
„Sehr gut, Sie gehen mit der Zeit.“ Miriam nickte aufmunternd. „Aber stimmt schon, manchmal fragt man sich, wozu… Ich kann Ihnen gerne helfen. Wann passt es Ihnen?“
„Oh, wenn es keine Umstände macht, am besten jetzt gleich. Dann habe ich es hinter mir. Wissen Sie, der Vermieter will die Miete erhöhen, dabei hat er seit Jahren nicht renoviert und die Heizung funktioniert auch nur so là là. “ Frau Kruse blickte Miriam hoffnungsvoll an.
„Das kriegen wir hin, Frau Kruse.“ Miriam schnappte sich ihren Schlüssel, zog die Haustür zu und ließ sich auf dem Weg ins Erdgeschoss gerne von Frau Kruse unterhaken.
Verstorbene Philosophen, Fantasy-Welten - und tropfende Wasserhähne - konnten warten.
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chatniris • Vor 13 Stunden und 2 Minuten | |
| So kann Nachbarschaftshilfe klappen, Fräulein Cordula ;-) Gefällt mir :-) | ||
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Eowin • Vor 13 Stunden und 26 Minuten | |||
| Liebe Cordula, so schön, dich hier wieder zu lesen.💕So eine schöne Story, die gleichzeitig nachdenklich und glücklich stimmt 💕 Liebe Grüße, Eowin | ||||
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Musenzeit • Vor 15 Stunden und 6 Minuten | |||
| So liebenswert und sehr lebensnah aus dem Alltäglichen eines Nachbarschaftlichen. Dein lockerer Erzählstil gefällt mir sehr!🥰😊 | ||||
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Gabrieleart • Vor 16 Stunden und 3 Minuten | |||
| Ein kleiner Einblick in die Lebenswelt zweier starker Frauen! Beispielhaft, authentisch. | ||||
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