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Die Blätterkatze

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02.06.20 19:52
Fertiggestellt

Die Blätterkatze

 

Der laue Sommerwind wirbelte die dunkelgrünen Blätter an den Zweigen durcheinander. Er sauste durch das Wäldchen, munter und fröhlich. Hie und da zupfte er an den Blättern so lange, bis sie abfielen und mit ihm mitflogen. Irgendwann landeten sie am Waldboden und blieben liegen. In der Einsamkeit des Waldes. 

So entstand ein kleiner feiner Blätterberg an den Wurzeln einer mächtigen Tanne, neben einem prächtigen Parasolpilz. Eine Fliege summte munter um ihn herum, setzte sich auf seinen Schirm und rieb die Beine aneinander. Durch ihre Facettenaugen sah sie eine Bewegung und flog sofort hoch, um sich in Sicherheit zu bringen. Der Blätterhaufen hatte sich bewegt. Die Blätter wurden in die Luft gehoben und schienen sich zu formieren. Aber in welche Gestalt? Große und kleine Blätter unterschiedlicher Färbung fanden sich zusammen und sogar so mancher Grashalm gesellte sich hinzu. 

Kaum eine Minute später war ein kleines Tier entstanden, ein Wesen aus Blättern und Magie. Eine Katze. Eine Blätterkatze mit sanft leuchtenden blauen Zauberaugen. Eichenblätter formten ihren Schwanz, Birkenblätter ihre Pfoten. Sie war wunderhübsch anzusehen und schritt majestätisch durch den Wald. Die Tiere beäugten sie mit Ehrfurcht und Interesse, doch keines wagte es, sie anzusprechen. Die Blätterkatze wusste, dass man sie ansah und beobachtete. Sie genoss es und glitt geschmeidig zwischen den Bäumen hindurch, durch hohes Gras, sprang über eine Quelle. Oh, wie fühlte sie sich schön! Sie war wahrlich das wunderbarste Tier des Waldes. Freunde? Nein, die brauchte sie doch nicht! Wozu? Bewundert wurde sie auch so. 

Eine neugierige Schwebfliege folgte summend dem Blätterwesen. Sie war mutig und wissbegierig. Als die Blätterkatze sich auf einem sonnigen Plätzchen auf einem weichen Moos niederließ, setzte sich die Fliege auf einen Zweig und glotzte das Wesen an. „Wer bist du?“, fragte sie mit ihrer lautesten Stimme, damit die Katze sie hören konnte.

Die Katze stellte ihre Lindenblätterohren auf und lauschte. „Wer spricht hier?“, fragte sie verwirrt. 

„Ich, Schwebola, eine Schwebfliege, direkt vor dir.“

„Ach, du gehörst den winzigen Geschöpfen des Waldes an, nicht wahr? Ich weiß nicht, ob ich dir antworten möchte, du Nichtsnutz.“ Die Blätterkatze blinzelte kurz, dann schloss sie die Augen und genoss die sommerliche Wärme auf ihren Blätterrücken. 

„Wer bist du, dass du so mit mir redest?“, fragte Schwebola erbost. „Sag es mir!“ Sie erhob sich und schwebte direkt über dem Blättertier. „Du bestehst doch nur aus Blättern und sonst nichts.“

Die Blätterkatze öffnete die Augen zu schmalen Schlitzen. 

„Lass mich in Ruhe“, maunzte sie.

„Sag mir, wer du bist“, summte die Fliege ärgerlich. „Jetzt, sofort!“

„Du dumme Fliege! Das sieht man doch!“

„Ich nicht! Ich sehe nur einen Haufen Blätter, die sich bewegen!“

„Ich bin eine wunderschöne Blätterkatze und ich reise mit dem Wind.“

Nun, da sie es nun wusste, wollte Schwebula keine Zeit verlieren. Eiligst schwebte sie davon, um den anderen Waldbewohnern von dem seltenen und überaus eitlen Gast zu berichten. 

Die Blätterkatze jedoch blieb auf ihrem Platz im Moos sitzen und fing lauthals zu singen an. Sie hatte doch so eine großartige angenehme Katzenstimme ...

„Du bist also eine Blätterkatze?“, murmelte eine alte Eule plötzlich. Ihre weise Stimme klang ungläubig und etwas verschlafen. Durch den Streit mit der Fliege war sie aufgeweckt worden und sah nun hinunter auf das singende Blätterwesen.

„Wer will das wissen?“, schnaubte die Katze und blinzelte nach oben.

„Ich. Kannst du bitte so gut sein und woanders Maunzen? Ich bin müde und möchte schlafen.“

„Singen. Nun, wenn es dir nicht gefällt, dann flieg doch weg, alter Flederwisch“, erwiderte die Blätterkatze und starrte die Eule missmutig an. „Mein Gesang ist prachtvoll, also verschwinde!“

„Ich bin genauso wenig ein Flederwisch, wie du eine Katze bist. Also pass auf, was du sagst! Der Hochmut kommt vor dem Fall.“, erwiderte die Eule ärgerlich. Sie breitete die Flügel aus und starrte auf das Blättertier. 

„Unsinn! Ich bin eine edle Katze und begnadete Sängerin, du verlaustes Federvieh“, erwiderte die Blätterkatze zornig und maunzte lauter denn jäh. 

 

Abermals sauste der Wind durch den Wald. Diesmal war er wütend und brauste durch die Zweige, sodass sich die Bäume bogen. 

Die Blätterkatze machte einen Buckel und fauchte, als der Wind sie ergriff und durcheinanderwirbelte. 

Die Schwebfliege hatte sich Deckung in einem Astloch gesucht, die Eule am Waldboden. Doch die Blätterkatze wurde davongetragen und – was von ihr übrig blieb, wollt ihr wissen?

Einzelne Blätter, die der Wind mit sich trug. Es könnte sein, dass dir die Blätterkatze in deinem Wäldchen begegnet, dann wende dich ab, denn sie ist lieber alleine. Wenn du sie bewundern willst, dann nur von der Ferne. Und vergiss nicht, dir die Ohren zuzuhalten. 

 

 

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Simon Am 03.06.2020 um 11:20 Uhr
Sehr schön, sag ich - kurz und knapp! :)

Autor

Kathi71s Profilbild Kathi71

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Sätze:82
Wörter:820
Zeichen:4.832

Kurzbeschreibung

Ein Wesen aus Blättern, das mit dem Wind reist

Kategorisierung

Diese Story wird neben Vermischtes auch in den Genres Natur und Nachdenkliches gelistet.