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Die Gedanken fließen lassen

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7.7.2018 22:56
Fertiggestellt

Autorennotiz

Diese Textsammlung besteht aus Kurz- und Kürzestgeschichten, die Ergebnisse verschiedenster Schreibübungen im Rahmen eines Unimoduls zum kreativen Schreiben waren (was man hier tatsächlich als vollen Studiengang studieren kann). Sie dürften damit keinen hohen Leswert haben (aber Twitterleute wollten es dennoch lesen, ihr seid schuld :D), aber sie können als Anregung zu eigenen Schreibübungen dienen. Updates vorerst wöchentlich.
In der ersten Schreibübung sollten wir einen Gegenstand unserer Wahl beschreiben. Ihr könnt ja raten, welchen ich genommen habe. Im zweiten Teil sollten wir uns den Gegenstand noch einmal ansehen und all das beschreiben, was wir im ersten Teil ausgelassen hatten. Das waren die einzigen Rahmenbedingungen. Schreibzeit jerweils 20min.
Das Bildnis

Teil 1

Mit schlichter Eleganz steht er an der ebenso schlichten Wand. Die scharfen Schatten seiner Kanten werden von saften Rundungen abgeschwächt. Die Maserung des Holzes zieht sich über seine Oberfläche wie die Dünen eines Sandmeeres. Er ist auf Hochglanz poliert, sodass er beinahe so schimmert wie ein die Oberfläche eines ruhig daliegenden Sees. Er ist zweckgebunden und minimalistisch eingerichtet. Ein Stoß Papiere liegt auf der Mitte der Schreiboberfläche, dahinter ein Tintenfass aus Stein und ein Bild eines älteren Herrn. Vielleicht einer der Altmeister, von denen der Schüler nun lernt. Das Schubfach unter der Schreibunterlage ist geschlossen, bereit geöffnet zu werden und tausend Geschichten zu entlassen. Doch heute arbeitet niemand mehr hier, der Stuhl steht leer daneben.

 

Teil 2

Dunkle und helle Wellen in der Maserung wechseln sich ab wie eine herabrinnende Flüssigkeit, Sie streben vorbei an den kleinen fast schon fehlplatziert wirkenden Schlüssellöchern der Schubladen hin zu den schlichten, kantigen Formen, die den Schrank umrahmen und ihm eine Fassung geben. Darunter sind nur noch die kleinen aber stämmig wirkenden Füße, die ihm einen festen Stand geben. Zwischen ihnen sammeln sich mitternachtsschwarze Schatten, lauernd, als würden sie ein dunkles Geheimnis verbergen, das nur darauf wartet, zu einem günstigen Zeitpunkt aus seiner Deckung zu springen.

In einem Meer aus Schwarz und Weiß ist und bleibt er der einzige Farbfleck, sticht heraus und legt mit so viel und doch so wenig den Fokus auf das wirklich wichtige: Die Freiheit der Gedanken, die uns Flügel wachsen lassen, mit denen wir aus unseren Käfigen ausbrechen können.

Was auch immer ich da geraucht hatte ...
Aufgabe war es, einen fiktiven Wohnort zu beschreiben. Es kann ins Surreale abdriften, muss aber nicht. Textform und -länge sind freigestellt, es kann also auch zum Beispiel ein Gedicht sein.
Wolkenpalazzo

Ich lebe in den Wolken. »Aber das geht doch nicht!«, wirst du jetzt wohl sagen. »Aber klar doch«, werde ich erwidern. »Warum nicht?«

Wir alle leben manchmal in den Wolken, in unserem eigenen Wolkenpalazzo. Schön ist es dort oben, die ganze Welt liegt einem zu Füßen. Alles sehe ich von hier oben, alles und noch viel mehr. Hier kann ich gehen, wohin ich will. Das lästige TV-Programm der Erde braucht mich nicht zu stören, denn ich bin mein eigener Showrunner. Hier bestimme ich, welcher Ton gespielt wird. Wie ein Dirigent eines Orchesters schlage ich den Takt an und gestalte alles nach meinen Wünschen.

Und wenn es mir hier langweilig wird, breite ich meine Flügel aus und fliege davon. Dann suche ich mir eine neue Wolke, wo ich einen neuen Wolkenpalazzo errichten kann. Nichts hält mich mehr an meinem alten, keine Fesseln, nichts. Vielleicht gefiel mir ein bestimmtes Element, das nehme ich in meine neue Heimat mit, doch alles andere bleibt zurück und wird in die wunderbare Ecke der Vorstellung gestellt.

Viele liebgewonnene, aber vergangene Dinge stehen da, an die ich mich gern zurückerinnere. Auf die baue ich auf, doch was vergangen ist, wird nie wieder sein. Ich finde das gut so: Warum Altlasten mit sich schleppen, die einen fesseln, binden?

Du bist immer noch nicht überzeugt? Dabei ist es so einfach, seinen eigenen Wolkenpalazzo zu errichten. Du wirst nie wieder woanders leben wollen, das verspreche ich dir. Lass einfach los, lass deine Fesseln hinter dir und breite deine Schwingen aus. Oh ja, anfangs ist es schwer, die Fesseln sind stark, ich weiß. Nur Mut. Versuche es. Hast du es einmal geschafft, wirst du schnell Feuer fangen.

Werde nur nicht wie Ikarus und fliege zur Sonne.

Das Ergebnis einer weiteren Schreibübung samt Aufgabe findet ihr hier bei meinen Drabbles.
Passierschein A38
Aufgabe war es, einen Miniessay von einer Seite Länge zu schreiben, der die Themen erwachsen werden und Mineralien beinhaltet. Formal sollte er dabei mit dem Stilmittel der Abschweifung (Digression) spielen.

Ja, ist es denn zu fassen? Da steckt man eigentlich seine Botten noch ins Hotel Mama, aber trotzdem muss man schon diese erwachsenen Dinge tun. Pfui. Na gut, das mit der Steuererklärung lassen wir vielleicht noch einmal. Aber Versicherungen abschließen, Rechnungen zahlen, organisiert sein. Gerade das mit der Organisation ist so eine Sache. Nehmen wir die Uni. Ein Formular nach dem anderen, Passierschein A38 in Reinkultur! Für das Modul braucht man diesen Schein, für jenes den Stein, nein Schein. Schein!

  Schrieb ich Stein? Warum schrieb ich Stein? Da! So fängt es an! Da wird man doch ganz wuschig im Kopf, wenn man von Scheinen zu Steinen kommt. Wobei so ein Mineral schon seine Vorzüge hat.

  Manche sammeln sie ja. Ich weiß zwar nicht, wieso, aber sie tun es. Vielleicht ist es ja entspannend, sich diese hübsch funkelnden Steinchen ins Regal zu stellen, möglichst effekthascherisch auszuleuchten und dann anzugucken. Einfach nur angucken …

  Zumindest ist es bedeutend spießerischer, als zum Beispiel diese Funko Pop Dinger zu sammeln. Das hat etwas von Prävention vor dem Erwachsenwerden. Bloß immer seine Nerdseele nach außen tragen und sich lieber darauf fokussieren als auf diese erwachsenen Dinge wie Passierschein A38 und das Gerenne von A nach B nach C nach Z, weil man in das Maul des Monsters namens Verwaltung geraten ist.

  Manche Kinder sammeln auch Steine, weil sie cool aussehen, irgendeine besondere Form haben. Das hatte noch etwas Besonderes, fast schon Magisches. Und dann kommen diese langweiligen Erwachsenen und sammeln ganz pickfein Mineralien. Fühlt man sich dann irgendwie besonders? Erwachsener?

  Dieses Erwachsensein kann einem schon irgendwie suspekt erscheinen. Als Kind war es einem scheißegal, dass man da einen Haufen Staubfänger im Regal hat. Die Dinger sahen halt einfach cool aus! Genau wie die verdrehte Wurzel, die so geschickt im Regal platziert ist, dass sie einen gruseligen Schatten an die Wand wirft, wenn abends die Straßenlaterne ins Zimmer scheint. Da staunen die Kumpels aus der Schule!

  Vielleicht ist es ja wirklich besser, sich irgendwelches Zeug ins Regal zu stellen und es halt Staub fangen zu lassen. Passierschein A38 lauert da draußen schon genug auf einen. Man muss nicht immer erwachsen sein. Manchmal darf man auch einmal Nerd sein, vielleicht besser sogar Kind.

Kaffee
Aufgabe war es, einen Monolog aus der Sicht eines unsympathischen Charakters zu schreiben. Und na ja, nach dem Tweet konnte ich einfach nicht widerstehen ...

Ja, Schatz, ich bin’s … Ja, bin gut angekommen … Arbeit war scheiße. …Wieso? Na, wegen diesem, diesem Kim! Wegen wem denn sonst? … Was? Nur weil er Koreaner ist, soll ich mich nicht so haben? Natürlich habe ich mich so! Einen alten Sack hat er mich genannt! Mit einem toten Meerschweinchen auf dem Kopf!

Was? Das ist rassistisch? Ach, quatsch! Alles Lügenpresse, was die heutzutage über Ausländer abdrucken, ich sag’s dir! Natürlich heckt der was aus. Hab ihnen einen kleinen dicken Kim genannt, denn genau das ist er! Ein kleiner dicker Kim aus Korea, der mir auf der Arbeit den Kaffee wegtrinkt!

Ach, Melania, jetzt hab du dich nicht so! Es ist nun mal nicht in Ordnung, dass irgend so ein Asiate denkt, dass er jetzt in den USA ist und er die Füße hochlegen kann, weil es hier Hähnchen vom Himmel regnet. Was denken sich diese Idioten eigentlich? Er kann ja nicht mal selbst Kaffee kochen! Immer wenn ich mir einen mache, schleicht er hinter mir in die Küche im Büro und schnappt sich meine Tasse. Und weißt du was? Jetzt kommt’s! Er räumt sie dann nicht einmal in den Geschirrspüler! Der kleine dicke Kim macht keinen Finger krumm! Dieses Land geht den Bach hinunter, wenn so nutzloses Pack hier einwandern darf!

Was? Ich soll genauso sein? Sag mal, Melina, was ist in dich gefahren?! Diese Dienstreisen tun dir nicht gut! Ich red‘ mal mit deinem Chef.

Ja … Ja! Jetzt lass mich doch auch mal zu Wort kommen! … Schrei doch nicht so! Ich hör dich gut genug durch den Hörer … Weib, es reicht!

Äh … Sagtest du Scheidung? Was? Was?! Nein, mein Engelchen, sag doch nicht so etwas! Wenn’s das mit dem Aufräumen ist, ja, ich kann versuchen, mich zu bessern. Mehr als versuchen kann ich auch nicht, ja?! Aber keine Scheidung, bitte nicht! … Melania? Hallo? Melania, bist du noch dran? Melania! … Oh, shit.

Deine Geister
Aufgabe war es, eine Kurzgeschichte zu schreiben, in der am Ende alles anders ist, ohne das eine gravierende Veränderung eintrat.

Jeder wusste von deinen Geistern, wie du sie nanntest. Damals, als wir uns das erste Mal in der Schule sahen, warst du uns allen unheimlich. Wie das mit Kindern nun mal ist, können sie sehr grausam sein. Du warst eine Ausgegrenzte, als hättest du die Krätze oder so. Wie das mit geistigen Krankheiten nun mal so ist, sind gesunde Menschen nur allzu oft ignorant und wollen einfach nicht verstehen, wie ein äußerlich gesunder Mensch »krank« sein kann.

Dass du deine seelischen Narben auch nach außen hin trugst, machte die Sache freilich nicht besser.

Irgendwie war ich dir ähnlich, ich als einzige spürte das von Beginn an. Ich war zwar gesund (glaubte ich), aber trotzdem fühlte ich mich dir irgendwie verbunden. Sonderbar, nicht? Ich hatte auch nie wirklich Anschluss an unsere Klassenkameraden gefunden. Sie akzeptierten mich zwar eher als dich in ihren Kreisen, aber ich fühlte mich trotzdem wie ein Alien. Ein Fremdkörper, der eingedrungen war und nun halt da war, aber auch Unwohlsein hervorbrachte.

Wir taten uns zusammen, und vielleicht war ich die einzige Person, die jemals deine Geister kennenlernte. Ich kann nicht behaupten, dass ich sie jemals verstanden habe. Aber zumindest habe ich es versucht. Das zählt doch auch, oder?

Denn ja, ganz tief in mir drinnen warst du mir trotzdem unheimlich.

Die Sachen, die du sagtest, Senua, sie legten eine Dunkelheit an den Tag, die mich einfach ängstigte. Ich meine, am Ende war das doch alles nur in deinem Kopf, oder? Nur in deinem Kopf … Wie kann etwas, das nur in deinem Kopf  existiert, dir so zusetzen? Wie kann so etwas auch mich ängstigen? Ich mein, die Dinger waren nicht in meinem Kopf. Oder?

Du hast deine Dunkelheit doch nicht auf mich übertragen?

Deine Eltern hatten dir diesen Namen gegeben, keltisch, wie du mir mal sagtest. Nach irgendeiner Gottheit. Vielleicht war es wegen diesem Namen, weswegen du es so mit den Kelten hattest und auch mit diesem ganzen Mystizismus. Irgendwie war es ja cool, wenn ich bei dir war, in deinem dunklen Zimmer, und wir die Räucherstäbchen angezündet hatten und kleine Knöchelchen warfen, auf die du irgendwelche sonderbaren Zeichen geritzt hattest.

Und dann fingst du an, von deinen Geistern zu reden. Du sagtest, dass diese Rituale eine Möglichkeit für dich waren, deine Geister zum Verstummen zu bringen. Dann könntest du in Ruhe mit ihnen reden, sagtest du. Wie kann man mit etwas reden, das nur im eigenen Kopf existiert? Ich verstehe es bis heute nicht. Ich hatte es versucht, wirklich. Ich hatte es versucht …

Es war eine morbide Faszination. Anfänglich zumindest. Ich verstand nicht, was du meintest, wenn du sagtest, dass du Hela, der Göttin der Unterwelt, entgegentreten musst. Aber ich hörte dir zu, weil ich sah, wie du dich über jemanden freutest, der zuhörte. Gemeinsam würden wir Hela besiegen können, sagtest du mir, ich würde dir die nötige Kraft geben. Ich war einfach nur froh, dass ich endlich eine Freundin zu haben schien.

Aber irgendwann, ich weiß nicht wann … Vielleicht wurde es einfach alles zu viel für mich. Habe ich dich ausgenutzt, Senua? Wie ein Vampir ausgesaugt? Ich hatte mir so sehr eine wirkliche, eine echte Freundin gewünscht, in deren Gesicht ist nicht nur ein gezwungenes Lächeln sah, wenn ich kam, sondern ein ehrliches. So sehr hatte ich es mir gewünscht!

Doch ich war nicht blind. Ich sah, wie meine Freundschaft zu dir mich von den anderen entfremdete. Jetzt war ich ein Fremdkörper, der weh tat. Ein Stachel, der aus dem Fleisch gezogen werden muss.

Ich kann nicht, Senua. Ich kann einfach nicht. Es tut mir leid. Ich muss gehen, sonst ergreift mich deine Dunkelheit und ich werde zu dir hinabgezogen. Ich kann Hela nicht entgegentreten. Du kannst das, du bist stark, ein besserer Mensch. Aber ich kann einfach nicht. Bitte vergib mir. Es tut mir leid …

Aufgabe war es, sich einen Titel aus der Anthologie der Absolventen des DLL auszusuchen und dazu einen Text zu schreiben ohne das Original zu kennen. ich entschied mich für den hier aufgeführten Titel. Die Textform war frei wählbar, wie immer maximal eine Seite.
Im Dunklen Tannenwald

Drell stand auf der Mauer und starrte in die dunkle Nacht hinaus. Er merkte kaum, wie seine Hand den Schwertgriff an seiner Seite krampfhaft umklammerte und ihm der Angstschweiß  in den Rüstungskragen lief.

Sie waren dort draußen, jeder hier wusste es. Er würde trotzdem gehen. Er musste.

»Drell, Junge«, sagte Mwrel neben ihm. »Ganz ehrlich: Ich bin froh, dass ich nicht gehen muss. Und na ja, ich wollte dir danke sagen, dass du das freiwillig machst. Uns den Arsch retten.« Er lächelte nervös und klopfte Drell auf die Schulter, um seine eigene Nervosität zu überspielen.

Sie waren stolze Wachmänner, die sich furchtlos jeder Gefahr der Nach stellten. Bis jetzt. Kein Mensch hatte jemals von diesen Schrecken gehört, die jetzt dort draußen im dunklen Tannenwald jenseits der sicheren Mauern der Stadt lauerten. Sie hielten sie alle für Ammenmärchen, um kleine, unartige Kinder zu erschrecken, aber sie waren nur allzu real. Sie waren dazu übergegangen, sie Dämonen zu nennen, aus Ermangelung eines anderen Namens für den fleischgewordenen Schrecken, aber so wirklich wusste niemand, um was es sich handelte. Vielleicht wussten die Gelehrten mehr, aber wenn, dann sagten sie es einem einfachen Fußsoldaten nicht.

Drell biss die Zähne zusammen und wandte sich ab. Seine Mannschaft aus fünf weiteren Freiwilligen wartete bereits auf ihm vor dem Stadttor. Sie wurden schon seit Wochen belagert von einer Macht, die sie nicht kannten. Jedes Unterfangen, den Gegner auszuspionieren und mehr über ihn zu erfahren, endete für die Kundschafter bisher tödlich. Mittlerweile wurden nur noch Freiwillige auf diese Mission geschickt, doch auch diese wurden immer rarer. Wenn Drell und seine Männer keinen Erfolg hatten, dann würde wahrscheinlich niemand mehr ausgesandt werden und die ganze Stadt würde einen langsamen Hungertod sterben, die Berge im Rücken, den Feind vor der Nase. Wenn dieser nicht schon vorher die Stadt angreifen würde …

Drell musste es gelingen, in dieser Nacht einen Weg aus dieser scheinbar ausweglosen Situation zu finden! Ansonsten wären sie alle verloren.

Er war nicht gut darin, Reden zu halten. Er hatte ja selbst kaum einen nennenswerten Rang innerhalb der Wache inne und war nur deswegen zum Anführer dieser Mission ernannt worden, weil er so vehement auf einen letzten Versuch gedrängt hatte, während die meisten anderen sich bereits aufgegeben hatten.

Nacheinander sah er seinen Männern in die Gesichter und sah dort dieselbe Entschlossenheit und Angst, die auch ihn gepackt hatte. Sie wussten, was auf dem Spiel stand. Wozu also noch groß Worte herbeistottern?

»Also dann«, sagte er nur und ging los. Sie folgten ihm ebenso wortarm.

Ein Seitentor im großen Stadttor wurde für sie geöffnet. In dieser Nacht waren keine Lichter entlang der Stadtmauer entzündet worden, sodass ihr Vorhaben von der Dunkelheit verschleiert wurde. Drell hoffte, dass es funktionierte, und ihr Auszug nicht bemerkt worden war.

Noch immer umklammerte er sein Schwert. Das Gewicht der Waffe an seiner Seite hatte sonst immer beruhigend auf ihn eingewirkt, doch heute funktionierte es nicht. Seine Angst war zu groß. Alles in ihm schrie dagegen an, dass er auch nur noch einen weiteren Schritt vor die Mauern setzte. Es schien ihm, als wären Gebirge an seine Füße gekettet, und jeder Schritt kostete ihm unendliche Mühen. Doch irgendwie schaffte er es und sie erreichten die Waldgrenze, die sich dem freien Feld vor den Mauern anschloss.

Was sie hier erwarten würde, war ungewiss, ebenso, ob sie jemals lebend zu ihren Familien zurückkehren würden. Doch Drell war bereit für alles, was ihm hier begegnen würde.

Maximal eine Seite erwies sich in diesem Kapitel und dem vorigen als ziemlich schwierig. Es beidemal in nur eine Seite zu quetschen, hat nicht wirklich gut funktioniert. Mindestens den vorigen Text werde ich daher noch mal etwas aufarbeiten zu einer längeren Geschichte/Novelle, vielleicht auch diesen hier. Der hat mich aber noch nicht so sehr gepackt wie Senua, daher mal sehen, wie Zeit und Lust sind.
Eine weitere Aufgabe findet ihr hier
Aufgabe war es, mit dem Grapheminventar des folgenden Satzes aus 1001 Nacht ein Anagarammgedicht mit vier Versen zu schreiben: »Der Tag löscht die Worte der Nacht aus.« Das ö durfte zum oe aufgelöst werden und es müssen pro Vers nicht alle Zeichen verwendet werden, allerdings auch keine zusätzlichen. Anagramm nach Wikipedia: »Als Anagramm (von griechisch ἀναγράφειν anagráphein ‚umschreiben‘) wird eine Buchstabenfolge bezeichnet, die aus einer anderen Buchstabenfolge allein durch Umstellung (Permutation) der Buchstaben gebildet wurde.« (aufgerufen am 11.12.17 um 13:12)
Der Tag löscht die Worte der Nacht aus.

Der Tag loescht die Worte der Nacht aus.

Chaos ruht dort

Wo du gehst

Loescht der Tag die Worte der Nacht aus?

Kleiner Nachtrag: Ich hab das mit dem Annagram leider etwas falsch verstanden und das hier wurde ein unechtes Anaagram. War jetzt nicht wild, aber bei einem echten Anagramm werden in jedem Vers alle Buchstaben verwendet, nicht nur ein Teil, wie ich es in Vers 2 und 3 tat.
Aufgabe war es, den Beginn einer Erzählung zu schreiben, der sich einer ungwöhnlichen Erzählform bedient, beispielsweise der direkten Anrede des Lesers oder der Du- oder Wir-Form.
Wir

»Das ist Blödsinn.« Oder: »Du bildest dir das nur ein.« Oder: »Hör auf, mit dir selbst zu reden, als sei da jemand. Da ist niemand!«

Das sind Sätze des alltäglichen Wahnsinns, den wir ständig zu hören bekommen. Sie sagen, »ich« sei krank, und manchmal sagen sie, »ich« sei von Dämonen besessen, und die ganz Alten sagen, »ich« bräuchte einen Exorzisten. Manchmal winken sie beschwichtigend ab und fügen an, dass ein Sanatorium ja genügen würde, weil da heutzutage Leute wie »ich« hingehören.

Wir wissen es natürlich besser. Sie verstehen das Konzept eines Kollektivs nicht. Vielleicht wollen sie es auch gar nichts aus Angst vor … Ja, vor was eigentlich? Keiner von uns hat das jemals verstehen können. Wir sind weder irre oder gar von Dämonen besessen. Und schon gar nicht krank. Wir sind einfach wir. Wir tun niemandem was.

Na gut, die meisten von uns nicht, zugegeben.

Nein, streite es nicht ab! Du gehörst zu denen, die anderen wehtun wollen! Besonders denen, die uns nicht glauben. Dabei weißt du, dass es nicht in Ordnung ist, anderen wehzutun. Wenn du nicht sofort aufhörst, dem widersprechen zu wollen, müssen wir dich rausschneiden. Verstanden?

Gut.

Wir sind nicht anders als alle anderen Menschen auch, aber die anderen Menschen machen uns anders und das macht das Leben manchmal schwer. Wir sehnen den Tag herbei, an dem wir einem Gleichgesinnten begegnen. Manche, von denen die Leute behaupten, sie seien krank wie wir, sind uns ähnlich, aber … Aber eben nicht ganz. Trotzdem sind wir allein.

Obwohl: Können wir jemals alleine sein? Nein, eigentlich nicht. Und das ist gut so.

Wir waren neulich in ein Gespräch vertieft. Es war ein sehr Anregendes, und wir waren mit Eifer dabei. Da begegnete uns Frau Müller. Sie ist eine derer, die unser Kollektiv nicht verstehen können oder wollen (nun, derer sind es viele), aber sie sagt immer, sie würde sich um »mich« sorgen und dass »meine« Eltern sich nicht um »mich« kümmern würden, sonst wäre das alles ja nie passiert. Blödsinn. Aber sie ist im Großen und Ganzen eine nette Frau, da sind wir uns alle einig.

Wir schweifen gern ab, ein Umstand des Kollektivs, was uns sehr leid tut, weil das vielleicht einer der Gründe ist, warum andere uns so schwer verstehen können. Nun jedenfalls setzte sie sich zu uns und begann, an unserem Gespräch teilzuhaben. Wir zeigten uns höchst erstaunt, denn sie schien einen radikalen Wandel vollzogen zu haben. Plötzlich schien sie vollkommen verständlich, redete mit uns allen statt nur mit einer Person.

Ja, ja, sei endlich still. Natürlich hätten wir es wissen müssen und du hattest die ganze Zeit Recht. Denn natürlich hielt dieser Zustand nicht lange an. Recht bald schüttelte sie doch den Kopf und sagte: »Junge, du tust mir leid. Du musst schon mit dir selbst reden, um irgendeine Art von Aufmerksamkeit zu bekommen. Man sollte dich deinen Eltern wegnehmen, die tun dir nicht gut.«

Und das ist nur ein Beispiel von vielen aus unserem Kollektivleben. Sie sagen im besten Falle, dass wir schizophren sind, aber wir wissen es natürlich besser. Daher erzählen wir hier unsere Geschichte.

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Kapitel:8
Sätze:254
Wörter:3.581
Zeichen:21.038

Kurzbeschreibung

Wenn die Gedanken frei fließen. Kurz- und Kürzestgeschichten im Rahmen verschiedener Schreibübungen.