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Ich denke Kartoffelisch

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9.9.2018 9:12
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Ich denke Kartoffelisch

Vergiss die Kartoffeln nicht.
Markus hatte die Stimme seiner Frau noch im Ohr, als er den Supermarkt betrat. „Was immer du tust, vergiss die Kartoffeln nicht.“ Und wenn seine Frau sagte ‚was immer du tust, nur das nicht‘, dann meinte sie es ernst und es konnte sprichwörtlich gesagt tödlich enden, wenn er dann genau die eine Sache vergaß.
Neben den Kartoffeln standen noch andere Dinge auf dem Einkaufszettel, aber die Kartoffeln schienen das Wichtigste des heutigen Einkaufs zu sein.
Markus streifte zwischen den Regalen entlang, lud Gemüse, Fleisch und Milch auf den Einkaufswagen, außerdem Nudeln und zwei Packungen Apfelsaft. Kurzerhand entschloss er sich, auch noch eine Tafel Erdbeerschokolade mitzunehmen, seine Frau liebte sie.

Zu guter Letzt näherte er sich dem Regal, in dem normalerweise gleich mehrere Sorten Kartoffeln lagerten. Er hatte die Stimme seiner Frau im Ohr: „Keine mehligen Kartoffeln, merk dir das. Ich brauche schöne große speckige. Nimm am besten die in einem Netz.“
Er hatte genickt, zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Seine Frau wusste, dass er sich mit dem Unterscheiden von Kartoffeln schwertat, dass er oft die Falschen auswählte. Daher hielt sie es für sicherer, ihm genau zu erklären, welche sie benötigte.
„Eigentlich ist das komisch“, sprach er zu sich selbst, den Familienvater ignorierend, der ihn verwundert anstarrte, während er ein Kleinkind in den Einkaufswagen bugsierte.
„Ich gehe gerne einkaufen und bringe immer die richtigen Dinge heim, nur die Kartoffeln wollen nicht so, wie ich will. Mir kommt es vor, als hätten sie sich gegen mich verschworen. Sie scheinen einander immer ähnlicher zu sehen, sodass ich nie die Richtigen erwische.“

Sie hatten sich gegen ihn verschworen, wie Markus erkennen musste, als er zu dem Regal kam, wo die Kartoffeln lagen. Oder besser: Liegen sollten. Denn dort, wo sich normalerweise Säcke und Netze voller speckiger und mehliger Kartoffeln (und was es sonst noch für welche gab) übereinander türmten, herrschte heute nur gähnende Leere.
Markus war sich zunächst sicher, dass es sich hierbei um einen Irrtum handeln musste. Es konnte nichts anderes sein, oder es handelte sich um einen geschmacklosen Scherz, dass die Kartoffeln justament genau dann ausverkauft waren, wenn er dringend welche brauchte. Er ging das Regal entlang, bis er an dessen Ende angelangt war. Keine Kartoffeln. Er umrundete das Regal und sah auf der Rückseite nach. Nichts.

„Immer diese Kartoffeln“, knurrte Markus. „Immer diese ach so erlesenen Früchte der Erde, sie haben sich gegen mich verschworen. Jedes Mal. Ich hasse sie!“
Vergiss die Kartoffeln nicht.
Die Stimme seiner Frau drang wie durch einen Nebel zu ihm. Sie hatte ihm nie geglaubt, dass er seinem persönlichen Krieg gegen diese Erdfrüchte ausgesetzt war, dass sie ihm das Leben zur Hölle machten, wo auch immer er war.
Hätte er sich in der Privatsphäre seiner Wohnung befunden, wäre er vor lauter Verzweiflung auf die Knie gefallen, hier in der Öffentlichkeit hütete er sich jedoch davor.
Als er einen Rundumblick wagte, fiel sein Blick plötzlich auf einen Einkaufswagen, der von einer älteren Dame geschoben wurde. In diesem befanden sich Kartoffeln. Und nicht nur irgendwelche, wie Markus erkannte. Speckige Kartoffeln, verpackt in einem Netz. Das erkannte er an der großen Aufschrift auf dem angenähten Plastikschild des Netzes.

„Ich habe einfach nicht genau genug geschaut“, befand Markus. „Es müssen irgendwo welche sein, wenn andere Leute auch Kartoffeln gefunden haben.“
Fest entschlossen, das Rätsel der verschwundenen Kartoffeln zu lösen, machte er sich auf die Suche. Systematisch durchkämmte er die Regalreihen, blickte in jedes noch so kleine Regal, hob Flaschen und Konserven an, blickte hinter die Milchflaschen und Joghurtbecher und durchkämmte sogar das Süßigkeitenregal. Doch die Kartoffeln blieben verschwunden.
Schweißperlen bildeten sich auf Markus‘ Stirn. Wenn er ohne Kartoffeln heimkam … nein, daran wollte er nicht denken, das konnte er nicht.
„Nur keine Panik, Markus, nur keine Panik. Beruhige dich, wo hast du noch nicht gesucht?“ Er umklammerte den Griff seines Einkaufswagens fester, während er sich Mut zuflüsterte. Die Lebensmittel in seinem Wagen schienen ihn anzustarren. Die gebogene Schrift auf dem Joghurtbecher sah aus, als würde sie ihn auslachen. Es war zum Wändehochrennen. Diese verflixten Kartoffeln. Immer diese Kartoffeln. Immer diese. Sie schienen sich gegen ihn verschworen zu haben, heute mehr als sonst.

Schließlich fasste sich Markus ein Herz und sprach einen Mitarbeiter an.
„Entschuldigen Sie“, er fasste seinen Einkaufswagen fester, „können Sie mir sagen, wo die Kartoffeln heute sind? Ich habe überall gesucht, aber ich habe keine gefunden.“
Die Frau, die gerade dabei war, Toilettenpapier ins Regal einzuordnen, sah ihn ein bisschen mürrisch an.
„Machen Sie gefälligst die Augen auf. Die Kartoffeln sind genau dort, wo sie immer liegen.“ Sie deutete in Richtung des Regals, vor dem Markus bereits verzweifelt war.
„Aber dort liegen sie nicht.“
„Woher soll ich wissen, wo die Kartoffeln sind?“, fauchte die Mitarbeiterin. „Ich habe keine Zeit, immer über jedes Produkt Buch zu führen. Sie werden ausverkauft sein.“ Damit wandte sie sich wieder ihrer Einräumarbeit zu.

Markus klang das Wort in den Ohren nach. Ausverkauft. Nein! Das konnte nicht sein! Das durfte nicht sein! Kurz war er versucht, zusammenzubrechen und seinen Frust herauszuschreien, jedoch besann er sich eines Besseren.
Auf dem Weg zum Regal zurück betrachtete er sorgfältig alle Einkaufswägen, die ihm vor die Augen kamen. In manchen fand sich tatsächlich ein Sack Kartoffeln. Und als er in die Regalreihe einbog, in dem normalerweise die Kartoffeln zu finden waren, machte sein Herz einen Hüpfer. Ein einziger Sack lag dort, ein einziger Sack. Und auch noch die richtige Sorte. Markus war versucht, einen Sprint hinzulegen und sich den Sack zu schnappen, näherte sich dem Sack jedoch im normalen Tempo. Es reichte für heute mit Auffallen.
Eine Sekunde später wünschte er sich, er wäre gesprintet. Ein Mann packte den Sack in seinen Wagen, in dem Moment, in dem Markus in Reichweite gekommen wäre. Ohne Markus eines Blickes zu würdigen, machte sich der Mann auf den Weg zu den Kassen.
Markus starrte auf die leeren Regale. Nun war es aus. Nun würde er gar keine Kartoffeln mehr bekommen. Sein Instinkt sagte ihm das.

Markus malte sich aus, was ihn zu Hause erwarten würde, wenn er ohne Kartoffeln heimkommen würde. Seine Frau würde nicht begeistert sein, sie glaubte nicht an die Verschwörung der Kartoffeln gegen ihn. Sie würde meinen, er wäre zu vergesslich, um sich ein paar Dinge zu merken.
Markus seufzte. Dann würde er wohl in den sauren Apfel beißen müssen.
Gerade, als er seinen Einkaufswagen wenden wollte, um zur Kassa zu gehen, bog ein Mitarbeiter um die Ecke, im Schlepptau einen großen Karton. Markus warf einen Blick in den Karton und sein Herz setzte einen Schlag aus.
Kartoffeln. Schöne, große, speckige Kartoffeln. Perfekte runde Erdfrüchte in ihrer wunderschönen braunen Schale. Noch nie hatte er sich so gefreut, diese Äpfel der Erde zu sehen.
Der Mitarbeiter lagerte die Säcke auf die Regale und Markus lächelte ihm zu. Der Mitarbeiter zwinkerte zurück.
„Sie wissen gar nicht, was für eine Freude Sie mir gerade gemacht haben“, erklärte Markus.
Der Mitarbeiter lachte. „Gehören Sie auch zu den Leuten, die kein Katoffelisch sprechen?“, fragte er.
„Kartoffelisch?“ Markus war verwirrt. „Was meinen Sie damit?“
„Nun ja“, keuchte der Mitarbeiter, der gerade die schweren Säcke im Regal übereinanderstapelte. „Es gibt Menschen, die haben die Kartoffel zum Feind. Keiner weiß, warum und es gibt auch keinen wissenschaftlichen Beweis, aber es gibt sie. Ich sehe sie fast jeden Tag. Gehören Sie auch dazu?“
„Ich glaube schon“, lachte Markus. Der Mitarbeiter fiel in sein Lachen ein.
„Das wird sich legen“, meinte er. „Selbst, wenn man lange Jahre Krieg mit den Kartoffeln geführt hat. Man muss die Kartoffel als ebenbürtig anerkennen, man muss ihre Schönheit erkennen. Tut man das nicht und sieht man sie nur als Nahrungsmittel, wird sie sich immer zur Wehr setzen.“

Markus dachte noch über diese Aussage nach, als er den Sack mit den Kartoffeln behutsam auf das Band legte. Behutsam, als wäre es sein eigenes Kind. Er strich mit der Hand die Runden Erdfrüchte entlang.
„Ich erkenne euch als ebenbürtig an“, flüsterte er. „Ihr Äpfel der Erde habt mir gezeigt, dass es wert ist, euch zu achten.“
In diesem Moment fühlte er, wie sich etwas veränderte. Er war nicht länger böse auf die Kartoffeln. Sie waren nun mal eigenwillige Knollen. Er fühlte sich verbunden mit den Erdfrüchten auf dem Band und mit all den Knollen in dem Supermarkt. Und er wusste: Sie hatten Frieden geschlossen. Er sprach die Sprache der Kartoffeln.
Ich spreche Kartoffelisch. Ich denke Kartoffelisch. Nun ist alles gut.

 

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Mausis Profilbild
Mausi Am 14.11.2018 um 19:50 Uhr
Ich finde deine Geschichte echt super. Dein Schreibstil gefällt mir auch.
Arduinnas Profilbild
Arduinna (Autor)Am 29.11.2018 um 8:42 Uhr
Hi,
Freut mich sehr, dass sie dir gefällt!

LG Ari

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Sätze:114
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Zeichen:8.829

Kurzbeschreibung

Kampf der Kartoffel. Ein Mann stellt sich in einem Supermarkt seinem ärgsten Feind. Doch kann er es schaffen, Frieden mit ihm zu schließen?

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