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Fahle graue Ostereier

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11.9.2018 20:51
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Fahle graue Ostereier

Die Welt versank im Nebel, als Sophie durch den Garten streifte. Das Aprilwetter hatte wieder alle verrückten Seiten aufgezogen, gestern hatte noch strahlender Sonnenschein geherrscht, doch als Sophie heute den Garten betreten hatte, lag der Nebel so dicht, dass sie die Hand kaum vor den Augen sehen konnte.

Sophies Schritte machten auf dem Gartenweg keinen Lärm, es schien dem Mädchen beinahe, sie schwebe. Sie hörte ein rhythmisches Quietschen, das musste von der Hollywoodschaukel stammen. Das leise Geräusch wirkte gleichsam unheimlich wie beunruhigend und Sophie wünschte allmählich, ihre Eltern würden ihr in den Garten folgen.

Sie warf einen Blick zurück. Nebel umgab das Haus, doch die Fenster wirkten wie schwarze Löcher, welche größer zu werden schienen, je länger Sophie zu ihnen sah. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass jemand in der Dunkelheit hinter den Fenstern stand und sie beobachtete. Aber niemand zeigte sich. Doch das, was sie am meisten irritierte war die Farbe der Wand, ein fahles Grau, wie der Nebel. War die Wand nicht gestern noch orange gewesen?

Sophie versuchte, das Haus zu ignorieren, welches sie magisch anzog, wieder hineinzugehen, doch das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden, blieb. Das Mädchen strich die blonden Haare hinter die Ohren zurück und ging weiter durch den Garten, über die Wiese. Der Nebel machte ihr Gewand feucht, konnte sie es doch sehen, doch spürte sie weder Kälte noch Nässe.

In der dunklen Erde unter einem Busch lag ein Gegenstand. Sophie ging hin und hob ihn auf. Es war ein Ei, ein kleines Ei. Ein Osterei, gefärbt in einem fahlen Grau. Wie der Nebel. Und das Haus.
Ein Luftzug umwehte das Mädchen, ließ Gänsehaut auf ihrer Haut erscheinen und jagte ihr einen Schauder über den Rücken. Ruckartig wandte sie sich um.
Das Haus war verschwunden.

„Keine Panik, Sophie“, murmelte sich das Mädchen selbst Mut zu. „Es ist bestimmt noch da, es ist nur im Nebel verborgen.“
Sie warf einen beiläufigen Blick nach rechts, wollte nicht weiter in die Richtung schauen, in der sie das Haus vermutete. Dort, im Schatten der Hortensie, lag ein weiterer Gegenstand. Ein weiteres fahlgraues Osterei. Als Sophie es aufhob, erklang ein dröhnendes Geräusch, es war ganz leise und klang wie von fern, doch es war deutlich zu hören. Ihre Haare wurden ihr aus dem Gesicht gezogen und ein kalter Lufthauch schien an ihr zu ziehen, allerdings so leicht, dass das Mädchen sich nicht sicher war, ob sie sich das nicht bloß eingebildet hatte.

Warum waren ihre Eltern noch nicht da? Sophie versuchte herauszufinden, in welcher Richtung das Haus lag, doch der Nebel hatte ihre Orientierung verzerrt. Sie begann zu laufen, wählte die Richtung aus der sie glaubte zu kommen, doch schließlich musste sie abrupt bremsen, da Rosenbeete vor ihr lagen. Zwischen den blutroten Blüten, welche im Nebel viel roter als sonst wirkten, lagen weitere Eier. Sophie sammelte sie in den Armen, sie waren nicht schwer und seltsamerweise konnte sie sie problemlos tragen, keines viel ihr aus der Hand.

In ihrem Nacken prickelte es. Erschrocken fuhr sie herum und sprang zurück, als sie die dunklen Fenster des Hauses im Nebel sah. Wann war sie zum Haus zurückgegangen? Gerade war es doch noch nicht dagewesen.
Die Fenster wirkten bedrohlich, es waren bloß schwarze Löcher, das Haus selbst war nicht zu erkennen, es war wahrscheinlich im Nebel verborgen. Nur schwarze Vierecke waren zu sehen.
Die Rosen hatten sich in die Beine des Mädchens verhakt, doch Sophie spürte keinen Schmerz, wahrscheinlich hatten sich die Stacheln bloß in ihrer Hose verfangen. Die dunklen Fensteröffnungen zogen sie an, ja, es waren tatsächlich Öffnungen, die Fensterflügel konnte man nicht sehen, aber warum waren alle offen? Und wer hatte sie alle geöffnet? 
Ein Luftzug wehte ihr wieder um das Gesicht und diesmal war klar, dass dieser aus dem Haus kam. Die Vorhänge wehten nach draußen, sie waren von der gleichen grauen Farbe wie die Ostereier in ihren Armen. Von denen sie immer noch nicht wusste, was es mit ihnen auf sich hatte. Die Eier, die der Osterhase versteckte, waren bunt. Bunt wie ein Regenbogen. Seit Tagen freute sie sich schon darauf, sie zu suchen, doch nun war ihr die Welt nicht mehr geheuer.
Das dröhnende Geräusch erklang erneut und die Vorhänge wurden in die schwarzen Löcher gezogen. Sophie fühlte einen starken Sog. Und als der Luftzug wiederkam, der die Vorhänge aus dem Haus blies und ihr die Haare aus dem Gesicht wehte, wurde es ihr klar. Das Haus, es war das Haus! Das Haus atmete.

Die Ostereier in ihren Händen schienen schwerer geworden zu sein. Als der Sog wiederkam, stürzte sie und erkannte in dem Moment, was die Eier sollten. Sie sollten sie schützen. Sie waren schwerer geworden und boten nun einen Halt, etwas, an das sie sich festklammern konnte, wenn der Sog wiederkehrte. Der Luftzug kam wieder, es war wie ein Sturm und Sophie wurde herumgeworfen, klammerte sich aber an den Eiern fest. Als der Sog sie wieder in Richtung Haus zog, glitten ihre Finger an den Eiern entlang. Nur mit der Fingerspitze konnte sie sich halten.
„Nein“, flüsterte das Mädchen. Panisch und voller Angst. Tränen liefen ihr über die Wangen, als der Sturm sie wieder vom Haus wegwehte. Sie verlor den Halt an den Eiern. Und als der Sog erneut an ihr zerrte, griff sie vergeblich nach ihnen. Als hätte das Haus ihre Schwäche gespürt, zog der Sog stärker an ihr und schließlich wurde sie in die Luft gehoben und zu einem der dunklen Fenster im Erdgeschoss gezogen. Sie wurde eingesogen und konnte sich noch am Fensterbrett festhalten. Hinter ihr und um sie herum war tiefste Schwärze. Der Nebel draußen schien dichter geworden zu sein, doch der kleine Haufen Eier hob sich trotzdem grau ab. Und diesmal hörte der Sog nicht auf. Ihre Fingerspitzen rutschten ab und Sophie wurde mit einem Aufschrei in die undurchdringliche Finsternis gezogen.

****

Sophie schoss in ihrem Bett senkrecht in die Höhe und starrte in die Finsternis, in der sich nur langsam die Konturen ihres Zimmers abzuzeichnen begannen. Die Fensterflügel schlugen klappernd gegen die Wand ihres Kinderzimmers, die weißen Vorhänge flatterten im Wind, der von draußen kam. Sie wirkten wie weiße Schleier. Wie in Trance stand Sophie auf und ging zum Fenster. Draußen herrschte eine sternenklare Nacht, und im fahlen Licht des Vollmondes erkannte das Kind aus im Wind tränenden Augen einen kleinen Haufen Gegenstände im Gras des Gartens. Die Gegenstände sahen aus wie fahlgraue Eier.

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Kurzbeschreibung

Eine unheimliche Ostereiersuche im Nebel

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