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Simons Fall - Die Prüfung der Seher

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4.3.2017 0:25
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

 

 

 

 

Der Wind trug den Geruch von Blut und Asche heran. Delia stand auf einem kleinen Hügel und sah hinab auf das in Flammen stehende Dorf. Einige der Hütten, die sich weiter außen befanden waren bereits zu wenig mehr als Glut und verkohlte Balken, während das Feuer weiter in den Straßen wütete. Aus der Ferne konnte die Seherin die Schemen von Dutzenden wenn nicht hunderten Männern und Frauen erkennen, die sich durch das Inferno kämpften. Längst nicht alle stammten von hier. Aber alle waren hier zusammengekommen, um dem Mann, der sie vertreiben wollte entgegen zu treten. Mit bescheidenem Erfolg, wie Delia für sich feststellte. Wenn überhaupt hatten sie durch ihren Widerstand heute mehr verloren als sie je hätten gewinnen können. Aber so waren Menschen nun einmal. Sie hatte sie jetzt lange genug beobachtet um das zu wissen. Sie schlugen lieber eine Schlacht, von der sie wissen konnten, dass sie sie nicht gewinnen konnten, anstatt sich in ihr Schicksal zu fügen. Und genau darauf setzte sie doch, oder nicht?

Über der dem Untergang geweihten Siedlung thronte eine gewaltiges Bauwerk, eines, das dort vielleicht schon gestanden hatte, als das Kaiserreich noch ein kleiner Barbarenstaat gewesen war. Die uralten dunklen Festungsmauern ragten unüberwindbar aus den Bergflanken auf. Das war ein alter Ort… doch nun war er zur Heimat für etwas Neues geworden, etwas, das alles verschlang und verzehrte, das ihm in den Weg kam. Selbst auf die Entfernung waren die gewaltigen Grabungsarbeiten um die Burg nicht zu übersehen und bald würde ihnen wohl auch das Dorf zum Opfer fallen… oder das, was dann noch davon übrig wäre.

Delia raffte den blauen Mantel den sie trug mit einer Hand enger um sich. Der Wind war durch die Feuer aufgewärmt, aber hier oben in den Bergen konnte es trotzdem noch empfindlich kalt werden. Mit der Anderen hingegen zog sie sich eine Kapuze über die grau melierten Haare, bevor sie sich auf den Weg in Richtung Siedlung machte.

Sie konnte die Gegenwart des Mannes, den sie suchte, beinahe spüren. Und das, dachte sie, machte ihre Aufgabe nicht leichter. Es bestand nach wie vor die Möglichkeit, dass sie starb, bevor sie dazu kam, ihre Aufgabe zu erfüllen, egal, was das Konzil vorhergesehen hatte. Ihre Visionen waren nicht unfehlbar. Doch solche Proteste stießen bei ihrem Volk auf taube Ohren. Seit Jahrhunderten hatten sie über die Welt gewacht. Vielleicht, überlegte Dalia, würden sie am Ende erkennen, wer recht gehabt hatte.

 

 

Kapitel 1

Simon Belfare

 

 

 

 

 

Die letzten Eiskristalle, die sich auf den Grashalmen gebildet hatten, tauten unter den warmen Sonnenstrahlen rasch auf. Obwohl das Frühjahr grade erst begann, standen die Bergwiesen hier oben bereits in voller Blüte. Tausende bunte Tupfer, die das Grün durchbrachen, doch nun unter den Stiefeln von hunderten bewaffneter Männer zertrampelt wurde. Ein Teil sammelte sich vor einer Ansammlung von Häusern und strohgedeckten Hütten, die sich im Schatten einer halb verfallenen Burg erhoben. Die meisten trugen einfache Felle oder Stoffkleidung und waren bestenfalls mit ihren Arbeitsgeräten bewaffnet. Sichel, Hämmer und Äxte gegen eine ausgebildete und ausgerüstete Armee. Doch es waren viele… und sie waren entschlossen genug, sich dem Kampf, der sie erwartete zu stellen. Und doch so entschlossen sie auch waren, mehr als einen musste beim Anblick ihrer Gegner doch fast der Mut verlassen.

Die zweite Gruppe Bewaffneter hatte sich oberhalb der Siedlung positioniert, wo das Land zur Festung hin steil Anstieg. Schwarzweiße Banner, auf denen das Emblem eines auf den Hinterläufen balancierenden Drachen zu sehen war, wehten über ihren Köpfen, zusammen mit weiteren, auf denen ein vergoldeter Tropfen auf türkisfarbenem Tuch zu sehen war.

Konnte man unten aus dem Lager der Dörfler noch nervöse Gespräche und das Klirren von Metall hören, so war es hier beinahe totenstill. Die Krieger unter dem Drachenbanner waren disziplinierte Soldaten und reichte nicht ihr Ruf aus, ihre Gegner in die Flucht zu schlagen, waren sie durchaus in der Lage, dem mit dem Schwert Nachdruck zu verleihen.

Oder mit der Flinte.

Der Geruch von brennenden Lunten, welche die Schützen sorgsam in kleinen Bleigefäßen an ihren Gürteln verwahrten, hing in der Luft. Die schweren, klobigen Arkebusen hatten die meisten noch auf die Schultern gestützt. Sie würden erst aufgebaut werden, wenn der Kampf begann…..

Gruben, so tief, das man vom Boden aus den Himmel nur noch als fernen Streifen sehen würde, zogen sich wie Narben durch die Landschaft und hatten stellenweise bereits die ersten Ausläufer des Dorfs erreicht. Erdarbeiten für die Fundamente der neuen Mauern, wenn erst das letzte Hindernis dafür beseitigt war. Und dieses, lag vor ihnen.

Der Mann, der an der Spitze der Soldaten stand, überblickte all dies mit scheinbarer Gelassenheit, die Hände auf den Griff eines schweren Zweihänders gestützt. Runen, die nicht nur dekorativen Zwecken dienten, waren auf der Oberfläche der Klinge eingeätzt und selbst jetzt am helllichten Tag schienen sie schwach zu leuchten. Magie… genährt von einer Reihe Kristalle, die man in das Heft eingelassen hatte.

Der Wind zerzauste seine hellblonden Haare. Er wirkte noch jung. Die meisten Leute, die einen ersten Blick auf Simon Belfare erhascht hätten, hätten ihn wohl kaum als gefährlich eingeschätzt… etwas, das sie sehr bald bereuten, wenn sie einen zweiten Blick wagten.

 

Die vergoldete Panzerung, die er trug erzählte ihre eigene Geschichte, genauso, wie der türkisfarbene Schulterumhang, mit dem Emblem des goldenen Blutstropfens. Das Zeichen des Sangius-Ordens. Seinem Orden, dachte Simon.

Der Mann neben ihm trug eine Robe in der gleichen Farbe und mit den gleichen Verzierungen wie der Umhang. Erik Svensson überragte Simon um einen guten Kopf. Die zurückgehenden, braunen Haare gaben ihm das Aussehen eines Gelehrten, doch er würde ihn deshalb niemals unterschätzen. Erik war mehr als nur intelligent… und er Gebot über eine Macht, die der seinen fast gleich kam. Fast… vielleicht würde er eines Tages zum Problem werden, überlegte Simon, während er zu der Armee aus Bauern und Dörflern hinab sah. Wie es aussah, gab es sogar eine Handvoll Gejarn unter ihnen. Die Tiermenschen Cantons und ihre Clans blieben für gewöhnlich lieber unter sich. Das sie Menschen zu Hilfe kamen, war alles andere als normal. Aber vermutlich, hatten auch die Clans mehr als genug Grund, ihn zu fürchten, nicht? Alle fürchteten ihn, wenn er es genauer bedachte. Sogar der Kaiser selbst… weshalb sonst sollte er ihm Truppen zur Verfügung stellen, um einen Aufstand niederzuschlagen, den er sogar alleine beenden könnte?

Die Gejarn waren letzten Endes das einzig bemerkenswerte, das er finden konnte. Gute Kämpfer, zumindest Bessere als eine Handvoll Bauern, aber trotz allem kaum eine Bedrohung.

Hinter ihm kam Bewegung in die Reihen der wartenden Soldaten. Erik drehte sich um, als sich zwei Männer in schwarz gefärbter Panzerung ihren Weg zu ihnen bahnten. Simon drehte sich erst um, als er hörte, wie die Schritte verstummten.

Die zwei waren Prätorianer, keine einfachen Soldaten. Die Leibwache des Kaisers selbst und die bei weitem loyalsten Diener des Hauses Ordeal. Manchmal konnte man meinen, sie sahen in ihrem Herrn schon mehr einen Gott, als einen Menschen. Es gab genau zwei Gründe, einem von ihnen zu begegnen. Man hatte etwas furchtbar falsch gemacht und würde die nächsten Augenblicke nicht überleben… oder man hatte sich die Gunst des Herrschers der Welt verdient. Simon wusste durchaus, dass er auf einem schmalen Grat zwischen diesen beiden Extremen balancierte. Er hatte lange gedient, nicht? Er und der Orden hatten genug Schlachten für Tiberius-Ordeal geschlagen. Und gleichzeitig war seine Macht mit jedem Sieg gewachsen. Und das Land hier, war Zeichen dieser Macht, wenn der Orden erst einmal einen würdigen Sitz erhielt.

„Lasst sie durch “, bemerkte er an Erik gerichtet, der sich den zwei Prätorianern in den Weg gestellt hatte. Der Mann zuckte mit den Schultern, bevor er bei Seite trat und den beiden folgte, als sie ihren Weg fortsetzten. Ganz unmerklich wurde jeder der beiden etwas langsamer, während sie sich ihm näherten. Simon wusste, dass er diese Wirkung auf andere hatte. Sein Ruf tat sein Übriges dazu…

„Ihr müsst meinen Stellvertreter entschuldigen.“, meinte er,

„Großmagier Erik ist lediglich äußerst besorgt was meine… Sicherheit angeht.“

,,Natürlich… Ordensoberster.“, antwortete der erste der Prätorianer.

„Verzeiht, aber worauf warten wir? Wir sollten diesen Bauern endlich zeigen, wer in diesem Land das Sagen hat.“

„Geduld Robert.“, mahnte der Zweite, „Mit etwas Glück rennen sie ohnehin weg, bevor es zu einem Kampf kommt.“

„Verdammt Leif, ich habe genug vom Warten. Nicht nur, dass der Kaiser uns, ausgerechnet uns, hierher…..“

„Kein Wort mehr“, erwiderte der als Leif angesprochene Prätorianer scharf. „Wie es aussieht Herr, muss ich auch für meinen Adjutanten um Verzeihung bitten. Er wird noch lernen wie man sich gebührend verhält.“

„Euer Adjutant?“, fragte Erik. „Dann seit ihr kein einfacher Ritter.“

„Nein, Sir Magier, das bin ich nicht. Leif, Hauptmann der kaiserlichen Leibgarde.

Er streckte dem Mann eine behandschuhte Hand hin, die dieser jedoch ignorierte.

„Der Kaiser schickt seinen Hauptmann hierher?“.

,,Nur als Beobachter“, antwortete Roland. „Wir werden nach der Schlacht wieder in der fliegenden Stadt zurück erwartet und sollen dann gleich Bericht erstatten. Wir waren einfach schon in der Gegend, als der Befehl kam.“ Leif zuckte mit den Schultern. Die schwere Panzerung die er trug schepperte bei der Bewegung. „Wenn sie ihr Land nicht einfach aufgeben, heißt das“

Simon folgte dem Gespräch nur mit einem halben Ohr. Das war niemals der wahre Grund, aus dem der Kaiser einen seiner besten Männer hierherschickte… vielleicht fruchtete der alte Tiberius wirklich langsam, das er ihn bald in den Schatten stellen könnte?

„Das ist nicht mehr ihr Land“, antwortete er schließlich. „Es wurde mir vom Kaiser überantwortet. Und ich habe vor, diese Leute daran zu erinnern.“

„Vielleicht können wir sie einfach vertreiben.“, merkte der Hauptmann an, während er einen Blick hinab ins Dorf warf.

„Genau das, ist der Plan. Eure Arkebusiere sollen sich formieren und zuerst angreifen. Wenn sie das nicht zermürbt… erledigen wir den Rest auf die altmodische Art.“

Er mochte Feuerwaffen ohnehin nicht. Sie verbreiteten einen Höllenlärm und Gestank… aber vor einer Bleikugel bot auf kurze Entfernung auch die dickste Panzerung keinen Schutz mehr.

„Ja, Herr…“

Die beiden Prätorianer schlugen sich zum Gruß vor die Brust, bevor sie durch die Reihen der Soldaten zurück verschwanden und rasch Anweisungen erteilten. Wenn man/ der kaiserlichen Garde eines lassen konnte, dann das sie effizient war. Einige Worte reichten und die komplette Abteilung setzte sich in Bewegung, bildete Gassen, damit die Schützen nach vorne gelangen konnten.

Unter den wartenden Milizionären unten im Dorf machte sich spätestens jetzt Nervosität breit. Simon konnte sehen, wie einige zurückwichen… nur um dann doch stehenzubleiben.

Gut, dachte er bei sich. Sie hatten jetzt tatsächlich lange genug gewartet… und diese Dörfler seine Geduld schon viel zu lange strapaziert. Jetzt würde ihre Siedlung eben ein Opfer der Flammen werden und nicht nur der Gruben. Er wusste nicht mal wie sie hieß… dafür war sie aber ein großes Ärgernis für ihn geworden.

 

Simon hätte das plötzliche Donnern der Gewehre fast überhört, so sehr war er bereits in Gedanken. Doch das dumpfe Dröhnen holte ihn dann doch zurück in die Wirklichkeit. Und diese… bestand aus Blut und Dampfschwaden.

Er konnte sehen, wie Dutzende der Dörfler plötzlich umkippten oder getroffen zusammensackten. Andere hatten sich hingegen flach auf dem Boden geworfen, ihre improvisierten Waffen von sich geschleudert. Die wenigen, die stehengeblieben waren, zogen sich nun jedoch, Verwundete und Tote mit sich schleppend, zwischen die vermeintliche Sicherheit ihrer Wohnhäuser zurück.

Simon riss das Schwert aus dem Erdboden, bevor er zu Erik zurücksah. Der Zauberer nickte und im nächsten Moment setzte sich die gesamte Mauer aus Stahl hinter ihm in Bewegung. Waffen wurden gezückt, die Schützen warfen die nun nutzlos gewordenen Gewehre weg und griffen zu Dolchen und Schwertern.

Simon erreichte das Dorf als einer der Ersten und fand sich bereits nach wenigen Augenblicken Auge in Auge mit einem Gejarn wieder. Das Biest war leicht doppelt so breit wie er und trug einen simplen Lederharnisch. Zottiges, dunkles Fell bedeckte den Kopf, der eindeutig wölfische Züge aufwies und in den Händen schwang es eine Axt, die definitiv nicht zum Holzmachen gedacht war. Simon parierte einen Hieb, der ihm durch Mark und Bein ging, als die Waffen aufeinandertrafen. Und während er strauchelte, holte der Gejarn bereits zu einem weiteren Schlag aus, der Knochen wie Stahl zersplittern lassen konnte.

Ihm fehlte die Zeit für so etwas, dachte Simon. Er sah die Schneide der Axt in der Sonne glitzern, den wilden Ausdruck in den Augen seines Gegners… und konzentrierte sich. Alles schien eine ganz eigene Brillanz zu haben, die Farben schienen gesättigter, die Welt im Augenblick erstarrt, während sein Verstand rasch nach den winzigen Fäden griff, die alles zusammenhielten und sie zu etwas neuem webte. Plötzlich schlug Feuer aus der Kleidung des Gejarn hervor, griff auf dessen Pelz über und verteilte sich, fast wie eine Flüssigkeit, über den gesamten Körper. Jaulend ging Simons Gegner zu Boden und versuchte, die angeheizten Flammen zu ersticken. Ein nutzloses Unterfangen. Dieses Feuer nährte sich nicht von Luft, sondern von Simons eigenem Willen und Energie. Von Magie…..

Er war einer der wenigen, in dessen Adern das Erbe des alten Volkes noch lebendig war und einer Macht Leben einhauchte, die diese Welt schon beinahe vergessen hatte. In Ihm und dem Rest des Sangius-Ordens und den verstreuten Zauberern des Kaiserreichs.

Der Ordensoberste stieß die Klinge in den Körper seines gefallenen Gegners, der daraufhin endlich zu Zucken aufhörte. Die Flammen erloschen und ließen nur einen dunklen Kadaver und den Geruch nach verbranntem Fleisch zurück. Langsam setzte Simon seinen Weg durch das Dorf fest. Er konnte sehen, wie sich die kaiserlichen Truppen zwischen den Gebäuden verteilten und den flüchtigen Milizionären nachsetzten. Vermutlich würden die meisten versuchen, zu entkommen. Und wer doch Widerstand leistete… nun was kümmerte ihn das.

Mit einer Handbewegung beschwor er Feuer herauf, das sich um seine Hand herum sammelte, bis diese wirkte, als wäre sie in Licht gebadet. Die meisten Hexer hätten ihre Mühe gehabt, einen solchen Zauber auch nur wenige Augenblicke aufrecht zu erhalten, doch Simon ging gemächlich von Haus zu Haus, schickte die tosenden Flammen aus, in Richtung der hölzernen Fassaden und strohgedeckten Dächer... ätherische, zerbrechlich wirkende Finger aus Feuer berührten das Stroh und die trockenen Baumstämme, entfachten durch unzählige kleine Brände, die rasch zu einem einzigen Inferno zusammenwuchsen…..

In einigen Minuten würde nur noch die Asche darauf hindeuten, dass an diesem Ort einmal eine blühende Siedlung gestanden hatte.

 

Simon Belfare ließ den Flammenzauber erlöschen und sah dabei zu, wie seine Männer die letzten verbliebenen Bauern aus dem Dorf und hinaus auf die umgebenden Wiesen trieben, wo sie sich rasch versprengten. Ein winziger, bedeutungsloser Sieg über einen Feind, der es nicht einmal Wert war, das man ihn zur Kenntnis nahm. Der Ordensoberste ging langsam weiter durch die brennende Siedlung, stieg über Tote und Verwundete… die meisten waren Milizionäre oder Clan-Gejarn. Die Meisten…..

Eine Bewegung zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Aus einem der wenigen noch unbeschädigten Gebäude, einem niedrigen Fachwerkbau, der statt einem leicht entzündlichen Strohdach mit Schiefer gedeckt war, war eine Gestalt getreten, die irgendwie nicht zu dem passen wollte, was er bisher hier gesehen hatte. Es war eine Frau, die einen langen, blauen Mantel trug. Graue Haare fielen ihr lose ins Gesicht, das trotz ihres offensichtlichen Alters bemerkenswert jung wirkte.

Oder vielleicht, überlegte Simon, war das nicht ganz das richtige Wort. Es wirkte eher… unbestimmbar. Zeitlos.

Er wusste nicht wieso, aber der Gedanke machte ihn unruhig. Die Frau sah langsam auf, als sie ihn bemerkte.

„Sagt mir, Simon Belfare, fürchtet Ihr das Schicksal?“.

 

 

 

Kapitel 2

Die Seherin

 

 

Simon ließ die Frau nicht aus den Augen, während sie endgültig aus dem Hauseingang hervortrat, hinaus auf die aufgewühlten Straßen der Siedlung. Tausende Stiefel hatten längst Schlamm aus den einstmals gepflegten Wegen gemacht, doch trotz ihrer feinen Kleidung schien sie sich daran nicht zu stören. Erst jetzt fiel ihm auf, das der Mantel den sie trug nicht völlig bar jeder Verzierungen war. Kaum erkennbar hatte jemand ein offenes Auge mit Silberdraht in das Gewebe geflochten. Ein Wappen, das ihn fast genauso sehr beunruhigte, wie ihre Worte.

„Ich bestimme mein Schicksal“, erklärte er schließlich.„Seht Euch um. Das ist mein Wille.“

Statt Furcht oder wenigstens Besorgnis, zeigte sich nur ein Lächeln auf ihren Zügen.

„Vielleicht tut Ihr das ja…“.

Simons Hand wanderte unwillkürlich zum Schwertgriff. Das war nur eine alte Frau, sagte er sich. Und doch warten ihn etwas vor ihr, etwas, das aus der gleichen Quelle zu stammen schien, wie seine Magie, eine Art Sinn, der sich verselbstständigt hatte… und einen Schauer über seinen Rücken jagte.

Oh ja, sie war gefährlich. Er wusste nur noch nicht, auf welche Art.

„Wer seid Ihr, Frau?“

„Mein Name ist Delia, wenn Ihr es unbedingt wissen müsst.“

„Also dann… Delia Ihr gehört wohl kaum zu diesen Bauern… also, erklärt Euch, was sucht Ihr hier auf meinem Land?“

„Land, das denen, die Ihr vertrieben habt, bereits Jahrhunderte vor Euch gehörte, vielleicht bevor es das Kaiserreich gab. Und doch tötet Ihr sie eher, als ihnen auch nur einen Kompromiss anzubieten.“

„Ihr sprecht als ob sie einen verdienen. Fakt ist jedoch, es ist mein gutes Recht.“

Und er würde nicht viel länger darüber diskutieren, entschied Simon.

„Das Recht eines Kaisers, der so oder so am Ende seiner Herrschaft angelangt ist. Aber für welches Recht steht Ihr selbst?“

„Meines. Und das lautet, tretet bei Seite und verlasst diesen Ort, oder spürt die Konsequenzen…“.

Er zog die Waffe und richtete sie auf die Gestalt, die unbeeindruckt einige Schritte von ihm entfernt stand. Nicht, das er im Zweifelsfall das Schwert brauchen würde, um sie loszuwerden. Es war mehr ein Werkzeug, als eine echte Waffe. Die eingelassenen Kristalle nährten seine Kräfte noch und dienten im Zweifelsfall als wertvolle Reserven, wenn sich seine eigenen Fähigkeiten erschöpften. Es war gefährlich für einen Zauberer, sich zu überanstrengen. Tod und langsamer Verfall waren die Folge.

„Wenn es denn sein muss.“

Ihre ruhige, gelassene Art zehrte an seinen Nerven. Es war beinahe so, als kümmere sie das Geschehen hier kaum. Stattdessen hielt sie es offenbar für nötig, ihm eine Moralpredigt zu halten. Entweder, sie war verrückt… oder noch gefährlicher, als er gedacht hatte. So oder so, er hatte genug von diesem Spiel. Wenn sie kämpfen wollte, konnte sie das jetzt.

„Ihr werdet euch wünschen auf mich gehört zu haben.“

Er ließ die Waffe sinken und sammelte sich erneut. Der Zauber von zuvor hatte seine Reserven angegriffen, aber lange nicht erschöpft. Es brauchte nicht mehr als einen Gedanken und erneut loderten Flammen in seiner Handfläche auf. Bögen aus flüssigem Feuer türmten sich übereinander, sprangen von seiner rechten in die linke Hand, bis er selber den Feuersturm nur noch mühsam kontrollierte… und dann auf die einsame Gestalt vor sich richtete. Der Zauber, mit dem er das Dorf angezündet hatte, war nichts hiergegen. Das hier, war formgegebene Wut die nur ein Ziel hatte. Zischend überschlugen sich die Flammen, bevor sie Delia erreichten und einhüllten. Simon hatte fest damit gerechnet, dass sie schreien würde, wenn das Feuer sie vernichtete, genau wie der Gejarn zuvor. Doch Delia blieb beunruhigend still und was wichtiger war, auf den Füßen… Simon kniff misstrauisch die Augen zusammen und fachte die magischen Flammen noch mehr an, so dass selbst die Erde um ihn herum in Brand geriet. Rauch stieg davon auf und zog durch die verlassenen Straßen. Und dann…..

Es war, als hätte ihm jemand ein glühendes Messer genau zwischen die Augen getrieben. Nur, ohne ihn zu töten… Simon stolperte Rückwärts und der Feuersturm um ihn herum verlosch von einem Moment auf den anderen, während seine Beine unter ihm nachgaben. Einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Er hatte sich überanstrengt, dachte er. Das musste es wohl sein. Ein Magier, der nicht wusste was er tat, konnte sich leicht mit seiner eigenen Magie umbringen. Aber wenigstens wäre von Delia wohl kaum mehr als Asche geblieben, dachte er und ein schwaches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht auf. Das Grinsen gefror jedoch, als er aufsah. Die Frau stand noch… schlimmer, sie war praktisch unversehrt, wenn man davon absah, das sie nun eine bestenfalls säuerlich zu nennende Mine aufgesetzt hatte. Es war keine echte Wut, dachte er irritiert… aber wohl so nah dran, wie diese reservierte Frau je kommen würde.

In ihrer Hand glitzerte etwas, das er schließlich als einen schwarzen, tropfenförmigen Stein erkannte. Die Oberfläche schien aus Vulkanglas zu bestehen, das so dunkel war, das es das Licht mehr zu schlucken, als zu reflektieren schien. Als hätte sie ein Stück reines Nichts in der Hand. Das einzige, was diesen Eindruck trübte, war das Symbol darauf. Ein in goldener Farbe gehaltenes, goldenes Auge. Ob es aufgemalt oder wirklich Teil des Kristalls war, konnte Simon auf die Entfernung jedoch nicht sagen. Schwerfällig kam er erneut auf die Füße.

„Ich weiß ja nicht, wie Ihr überlebt habt“, meinte er, während er sich für einen weiteren/ Zauber sammelte. ,, Aber…..“

Simon stockt. Er griff nach der Kraft, die er fast sein ganzes Leben lang gekannt hatte, die Magie, die bereitstand, seinem Willen, seinen Gedanken zu folgen… Nichts. Er wusste genau, was er zu tun hatte und wo er danach suchen musste, wie man das zerbrechliche Gefüge der Welt dem eigenen Willen unterwarf, aber es gelang ihm einfach nichts. Nur Leere. Einen Moment wurde ihm erneut schwindlig. Das konnte nicht, sein das war unmöglich. Er hatte schlicht etwas falsch gemacht. Falsch, bei einem Prozess, den er von Kindesbeinen an beherrschen gelernt hatte… Simon schloss die Augen, konzentrierte sich ganz darauf, das ruhige Zentrum in seinem Geist zu finden…..

„Was habt Ihr mit mir gemacht?“. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal wirklich Angst gehabt hatte, doch die kalte Klaue, die sich um seine Brust zu schließen schien, war genau das…. „Antwortet mir!“

Delia ließ den Stein langsam in der Tasche ihres Mantels verschwinden, bevor sie antwortete.

„Ich habe Euch zum Herrn über Euer Schicksal gemacht, Simon Belfare. Was Ihr damit anfangt, ist eure Sache. Doch lasst mich Euch eine letzte Warnung mitgeben. Kommt nicht zu mir, bevor ihr nicht Eure Ketten gebrochen habt. Sucht mich nicht auf, bevor Ihr nicht den Wert des Stahls kennt und das Gewicht des Verlusts tragt. Und letztlich, bringt mir das aus Schatten wiedergeborene Juwel.“

„Ich bringe Euch Euren Tod und sonst nichts!“, rief Simon, bevor er vorstürzte, das Schwert zum Schlag erhoben. Damit konnte er sie nach wie vor töten. Delia jedoch war schnell, schneller, als er je für möglich gehalten hätte. Beinahe war es, als hätte sie längst im Voraus gewusst, dass er angreifen würde, wich die Frau aus und stellte ihm zeitgleich ein Bein. Er schlug der Länge nach auf der Erde auf, das Schwert entglitt seinen Händen und landete einige Schritte entfernt…..

„Wie ich schon sagte, Zauberer, kommt nicht vorher… sucht danach… oder bleibt für alle Zeit in Eurem jetzigen Zustand“

Mit diesen Worten verschwand Delia. Er konnte ihre Schritte hören, während er selbst wie betäubt am Boden sitzen blieb. Sein Schädel dröhnte, die Leere drohte ihn zu verschlingen, seine Hände zitterten… das war nicht möglich, das war alles einfach nicht möglich…..

Irgendwann überwand er sich dann doch, wieder aufzustehen. Es würde nichts ändern, wenn er hier abwartete. Er musste sich organisieren und vor allem, herausfinden wer bei allen Göttern diese Frau war. Ein Schatten, der über ihn fiel, riss den Zauberer aus seinen Gedanken.

„Herr, alles in Ordnung mit Euch?“, fragte eine Stimme, die er sofort erkannte.

Erik Svensson stand über ihm, begleitet von vier weiteren Gestalten in den türkisfarbenen Roben der Ordensmagier.

„Gar nichts“, antwortete er, während er zeitgleich an sich herb sah.

Schmutz und Asche hatten seine Rüstung, sowie seinen Umhang gräulich verfärbt. Er sah aus, als hätte er grade eine richtige Schlacht hinter sich, kein bloßes Zusammentreffen mit einer Handvoll Bauern. Und gewissermaßen stimmte das ja auch. Nur war es sicher keine gute Idee, das sofort jedem auf die Nase zu binden. Vor allem nicht im Beisein von einem halben Dutzend Ordenshexer… .

„Ich habe… lediglich nicht aufgepasst und bin gestolpert. Wie sieht es aus?“.

„Wir haben die meisten Einwohner vertrieben.“, erwiderte Erik Svensson. „Wie es aussieht, haben sie sich über die Pässe zurück gezogen. Hinaus aus dem Tal und in die umliegenden Berge. Sollen wir sie verfolgen?“.

Simon winkte ab.

„Sie sind weg, das zählt. Ich werde keine Mittel darauf verschwenden einer Bande Streuner nachzustellen. Sagt den Truppen, sie sollen sich bei der Burg sammeln. Wir ziehen uns erst einmal aus der Siedlung zurück. Wenn die Feuer erloschen sind, kann die Arbeit endlich weitergehen.“

„Ja, Herr…“.

 

Er hob seine verlorene Waffe auf und schob sie zurück an ihren Platz an seinem Gürtel, bevor er Erik ein Zeichen gab, ihm zu folgen. Zusammen mit den verbliebenen Truppen machten sie sich an den Aufstieg hinauf zur Burg. Der Weg verlief leicht ansteigend und je höher man kam, desto besser konnte man sich einen Überblick verschaffen. Obwohl dieser Ort mitten in den Bergen lag, war das Land hier doch überraschend flach, so dass man von einem Ende zum anderen sehen konnte. Felsklippen rahmten eine grüne Wiesenlandschaft ein, in der nur einige vereinzelte Bäume wuchsen. Eine einzige, geklafterte Straße schlängelte sich als dunkelgraues Band vom Taleingang durch die Ebene, bis hinauf zu den Zinnen der Festungsbauten, die ihr Ziel darstellten. Die Steine der Mauern wirkten auf die Entfernung fast schwarz. Dunkler Granit, der direkt aus dem Fels der umliegenden Gipfel geschlagen worden war, als man diesen Ort erschuf. Das war vielleicht noch zur Zeit der ersten Kaiser gewesen, überlegte Simon, als Canton kaum mehr als eines von Dutzenden aufstrebenden Reichen gewesen war, das versuchte, sich in einer von ihren alten Meistern verlassenen Welt zu behaupten. Heute hingegen, beherrschte das Kaiserreich Cantons den Großteil der bekannten Welt, sah man von einigen Vasallenstaaten und den lebensfeindlichen Gegenden weit im Norden und Süden des Kontinents ab. Im Süden gab es nur endlose Wüsten, in denen sich, wussten die Götter was, eingenistet hatte und im Norden… da gab es nur Schnee und ewigen Frost. Bestenfalls die Eisnomaden überlebten in dieser unwirtlichen Gegend. Und vielleicht waren auch die mittlerweile alle erfroren. Man hörte nur selten etwas von ihnen.

 

Jedenfalls war das Bollwerk, das sich vor ihnen Abzeichnete hoffnungslos veraltet. Vermutlich, war das vor allem anderen der Grund, aus dem Kaiser Tiberius Ordeal ihm den Ort zum Geschenk gemacht hatte. Er wollte ihn abschieben. Seit Jahren hatten er und seine Magier dem Imperator treu gedient... und er hatte geglaubt ihn mit einem Stück wertlosen Land und einem kleinen Lehen abspeisen zu können. Aber er hatte ganz offenbar nicht mit Simons Ehrgeiz gerechnet. Wenn dieses Gemäuer nun seine Heimat und damit auch die des Ordens sein würde, dann würde er das Beste daraus machen. Die Ausbauarbeiten waren bereits in vollem Gange und nun, war auch das letzte Hindernis aus dem Weg. Die Siedlung, die einstmals mitten im Verlauf der neuen Mauern gelegen hatte, war jetzt nur noch Asche und Staub. Endlich würde der Sangius-Orden den Sitz bekommen, der ihm Zustand. Eine Festungsanlage, die bei jedem Ehrfurcht erwecken würde, sei es nun ein vorlauter Bauer… oder der Kaiser selbst.

Simon sah auf, als ihnen auf dem Weg zwei bekannte Gestalten entgegen kamen, beide in schwarz gefärbte Rüstungen gekleidet und mit Schwertern bewaffnet. Robert… und der Hauptmann Leif. Vermutlich würde er die Namen später ganz vergessen… Sie waren nicht wichtig.

„Ihr wollt uns schon verlassen?“, fragte Simon. Wenn es nach ihm ging, konnten die Agenten des Kaisers hier nicht schnell genug verschwinden.

„Leider ja, Herr“, antwortete der Hauptmann. „Mich hat vor kurzem eine Nachricht erreicht, dass ich… in meine Heimat zurückkehren soll.“

„Oh.“ Simon versuchte wenigstens halbwegs interessiert zu klingen.

„Der Bote hat sich sehr undeutlich ausgedrückt… Ich hoffe wirklich, dass es sich als Nichtigkeit herausstellt. Goldbrück ist normalerweise ein ruhiger Ort. Aber natürlich werden wir vorher dem Kaiser Bericht über Euren Sieg hier erstatten, Herr.“ Er verneigte sich kurz. Ein geringerer Mann wäre bei der Geste vermutlich allein unter dem Gewicht der Panzerung zusammengebrochen, aber bei dem Hauptmann besaß es eine gewisse Eleganz. Er war sich jeder seiner Bewegungen offenbar vollkommen bewusst. Die Eigenschaft eines gefährlichen Kämpfers…

Zu Simons Überraschung verneigte Erik an seiner Seite sich ebenfalls. Es war ganz sicher nicht die Art des älteren Zauberers, höflich zu sein….

Allerdings, hatte er im Augenblick wohl drängendere Probleme, dachte er. Je eher sie zur Burg gelangten und er Zeit hatte, nachzudenken, desto besser.

 

Kapitel 3

Die Burg

 

 

 

Als sie den Burghof erreichten, waren die Arbeiten dort bereits wieder in vollem Gange, wenn sie überhaupt je eingestellt worden waren. Wahrscheinlicher jedoch hatten die Männer auch während der Schlacht einfach weitergemacht. Gut genug bezahlt wurden sie in jedem Fall. Der Orden hatte über die Jahre einige beträchtliche Reichtümer angehäuft, darunter nicht nur Gold, sondern auch seltene Schriften, Bücher und Artefakte, die man aus den halb verfallenen Tempeln und Ruinenstädten des alten Volkes geborgen hatte. Jene waren schon lange vom Angesicht dieser Welt verschwunden, aber ihr Erbe bestand weiter. Kristalle, die Magie in ihrer Reinstform darstellten und alles übertrafen, was die heutigen Magier erschaffen konnte, magische Waffen, Schrifttafeln mit geschichtlichen Anweisungen oder Zauberformeln….

All das war wertvoller als Edelmetalle und Steine und einige wenige Stücke konnten den kompletten Bau finanzieren. Doch war bloße Münze nicht die einzige Motivation dieser Leute, wie Simon wusste. Man musste nicht einmal besonders aufmerksam sein, um es zu merken. Wie die Gespräche verstummten, sobald er und Erik durch die Tore traten, wie die Arbeiter auf den Gerüsten, welche die Mauern umgaben, sich plötzlich ganz und gar auf den Wallabschnitt vor sich zu konzentrieren schienen, um bloß nicht in Versuchung zu geraten, in seine Richtung zu blicken. Sie fürchteten sich… Magie war für die meisten etwas befremdliches, etwas, mit dem sich Adelige und Zauberer beschäftigten, das man aber außerhalb der größten Städte oder der gänzlich durch Zauberei am Himmel gehaltenen Hauptstadt nur selten zu sehen bekam. Und hier fanden sich diese Leute nun unter einer ganzen Gemeinschaft von Hexern wieder. Genug Motivation, das die meisten ihre Arbeit so schnell wie möglich beenden wollten, auch wenn sie noch weitere Wochen, wenn nicht Monate in Anspruch nehmen würde. In großen Bottichen wurde Mörtel angerührt und auf die Gerüste geschafft, damit die Maurer dort die alten Festungswälle ausbessern konnten, bevor man schließlich die Neuen hochziehen würde. Einige hölzerne Wirtschaftsgebäude erhoben sich im Schatten der Mauern. Stallungen, eine momentan leer stehende Schmiede… das einzige Steingebäude befand sich fast am anderen Ende des Hofs, eine Ansammlung von Türmen und zugigen Hallen, die beinahe wie aus dem Berg gewachsen wirkten. Auch das würde sich ändern, dachte Simon. Die Pläne lagen schon lange bereit. Aber eines nach dem anderen…

 

Im Augenblick machte ihm immer noch zu schaffen, das er nach wie vor nicht auf seine Magie zugreifen konnte. So sehr er es versuchte, jeden Trick anwandte, den er in Jahren und Jahrzehnten der Ausbildung gelernt hatte… da war einfach nichts mehr. Als wäre er völlig ohne Gabe geboren worden, als wäre er ein nichtsbedeutender… Mensch.

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er beinahe in einen unachtsamen Arbeiter hineinlief, der zwei schwere Eimer mit Mörtel in jeder Hand trug. Der Mann versuchte ihm noch auszuweichen, verlor dabei allerdings beinahe das Gleichgewicht. Einer der Behälter schlug auf dem Boden auf und der zähe Mörtel verteilte sich über den Hof. Simon sprang grade noch rechtzeitig zurück, um zu verhindern, dass zu dem Blut, der Asche und dem Staub auf seiner Kleidung nun auch noch Putzmasse hinzukam.

„Verzeiht, Herr… verzeiht…“, sobald der Arbeiter merkte, wer ihm gegenüberstand ließ er/ sich rasch auf ein Knie nieder und verschränkte die Arme vor der Brust.

Er sollte den Armleuchter hier einfach vor aller Augen verbrennen, dachte Simon bei sich. Das würde die übrigen Männer bestenfalls dazu bringen, ihre Arbeit noch schneller zu beenden… er konnte Erik ansehen, dass er praktisch bereits damit rechnete.

Allerdings… seine Fähigkeiten waren seit eben nicht wieder zu Tage getreten, im Gegenteil. Was Magie anging war er… eingeschränkt. Noch wusste das allerdings außer ihm keiner. Und vermutlich, dachte Simon, war es besser, wenn das auch so blieb. Er sah zu Erik. Der ältere Zauberer hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wartete ab, was geschehen würde.

Schließlich versetzte Simon dem Arbeiter lediglich einen Stoß, der ihn rückwärts stolpern ließ und dafür sorgte, dass er auch die übrigen Eimer verlor. Scheppernd landeten diese ebenfalls auf dem Boden.

„Passt in Zukunft auf, wo ihr hinlauft, oder ich verfüttere euch an die Wyvern. Verstehen wir uns?“

Der Mann nickte und hatte es plötzlich offenbar eilig, seine Sachen zusammenzusuchen und zu verschwinden. Simons Drohung war durchaus keine Leere. Am Anfang hatten sie mehr als einen Maurer oder Zimmermann an die kleinen Drachen der Berge verloren. Wyvern waren geflügelte Echsen von der Größe eines ausgewachsenen Pferds, die kein Problem damit hatten, einen Menschen in Fetzen zu reißen, wenn sie hungrig waren. Zum Glück begnügten sie sich jedoch meist mit Aas. Es sei denn, sie witterten leichte Beute. Es hatte einige gezielte Jagdaktionen gebraucht, bis die Biester gelernt hatten, dass sie die hier nicht fanden.

„Ihr hättet ein Exempel statuieren sollen“, bemerkte Erik, während sie ihren Weg über den Hof fortsetzten. „Die werden am Ende noch aufmüpfig.“

„Ich will aber auch nicht, dass uns die Leute davon rennen“, gab Simon zurück

Den wahren Grund, aus dem er den Mann verschont hatte, würde er auch weiterhin für sich behalten. Zumindest, bis er einige Nachforschungen angestellt hatte. Die Bibliotheken, die der Orden zusammengestellt hatte, waren bereits zur Burg verlegt worden und so stünde ihm eine der größten Sammlungen an Schriften außerhalb Varas zu jedem beliebigen Thema zur Verfügung. An der Universität in Vara gab es ganze Hallen, die wohl leicht die Fläche der Burg einnahmen, die nur dem Zweck dienten, dort Bücher unterzubringen, aber die Stadt lag eine Monatsreise entfernt in den Herzlanden. Und dort würde man Fragen stellen. Hier hingegen reichte es, wenn er erklärte, was er suchte. Das warum interessierte niemanden, dem sein Leben lieb war.

Nach wie vor mit Erik im Schlepptau, trat er durch die offen stehenden Türen des Bergfrieds. Das Holz des Portals war genauso alt wie alles hier und hatte mit der Zeit einen Farbton angenommen, der mehr den dunklen Granitfelsen entsprach und selbst die Oberfläche des Holzes fühlte sich beinahe… steinern an.

„Trotzdem, Ihr scheint nicht ganz bei Euch zu sein, Simon. Wie mir scheint… seit wir das Schlachtfeld verlassen haben. Sagt bloß nicht, der Tod einiger Bauern macht Euch zu schaffen?“

Simon lachte, während er gleichzeitig den scharfen Verstand des Mannes verfluchte. Er war nützlich, so viel war klar. Aber auch zu weilen lästig…..

„Nein. Ich mache mir nur… Gedanken, alter Freund.“

Der Zauberer zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts weiter, während sie eine von Fackeln erhellte Eingangshalle betraten. Zwar viel durch eine Reihe von Fenstern Licht herein, aber diese waren zerkratzt und angelaufen, sodass selbst am helllichten Tag nur Zwielicht innerhalb der Burgmauern herrschte.

„Ich will, dass Ihr die Baupläne überprüft“, erklärte Simon schließlich, während sie sich dem Bibliotheksflügel näherten.

Die Wände hier waren mit Wandteppichen behangen, die wohl einstmals kunstvolle Szenen aus der Geschichte Cantons gezeigt hatten. Jetzt jedoch waren die Farben ausgegraut, der Stoff brüchig geworden. Und allgemein hatte die gesamte Anlage schlicht schon bessere Tage gesehen, dachte Simon, während Erik sich mit einem Nicken verabschiedete und den Gang hinab verschwand. Aber zwei wildfremde Prätorianer waren ihm eine Verbeugung wert gewesen….. Nun, Hauptsache, er war ihn erst einmal los, damit er sich in Ruhe Gedanken machen konnte, ohne ständig jemanden zu haben, der ihm über die Schulter sah.

Die Bibliothek befand sich am Ende des Ganges, hinter einer schweren Tür, die halb von einigen weiteren Wandbehängen verborgen wurde. Im Winter war das vermutlich die einzige Möglichkeit, diesen Ort halbwegs warm zu halten, aber Simon hatte nicht vor, das herauszufinden. Bevor das nächste Mal Schnee fiel, würde die Festung bereits in neuem Glanz erstrahlen.

Der Raum, den er betrat, war vielleicht der hellste im ganzen Gebäude. Durch Dutzende aneinandergereihte Fenster fiel Sonnenlicht herein und beleuchtete die dicht an dicht gestellten Regale, auf denen sich Dutzende schwere Folianten, Schriftrollen und auch Steintafeln oder Abriebe von Inschriften auf Kohlepapier übereinanderstapelten.

In den wenigen Nischen, die nicht von Büchern in Beschlag genommen wurden, standen mehrere kleine Tische. Einige junge Magier saßen daran und arbeiteten, scheinbar konzentriert über einzelne Bücher oder Schriftstücke gebeugt. Oder vielleicht taten sie auch nur so, um eine Weile ihren Lehrern zu entkommen. Die meisten Zauberer wurden nicht gezielt ausgebildet. Wenn überhaupt, erhielten sie das nötige Training zur Beherrschung ihrer Gabe von ihrer Familie oder gingen bei einem der freien Zauberer in die Lehre, ohne sich an eine Organisation zu binden. Doch es wurden weniger, dachte Simon. Der Orden bot einige Vorteile, welche die freien Zauberer einfach nicht hatten. Es mangelte ihnen nie an Ressourcen und war die Ausbildung eines freien Zauberers mehr oder weniger den Launen seines Meisters unterworfen und damit alles andere als vollständig, war der Orden um einiges organisierter. Und mit jedem Magier, der sich ihnen anschloss, wuchs ihre Macht. Ein einziger Zauberer war auf dem Schlachtfeld bereits eine Macht, mit der man rechnen musste, aber zwei Dutzend oder mehr konnten den Ausgang eines Krieges verändern.

Simon trat an den Schülern vorbei, ohne sie groß zu beachten. Die meisten wussten wohl, wer er war, aber an sich hatte er wenig mit ihrer Ausbildung zu tun. Er suchte nach jemand anderen. Dem Archivar. Dieser war auf den ersten Blick ein freundlicher älterer Herr, dem die türkisfarbene Ordens-Robe, die er trug beinahe zu groß war und ihm ein wenig das Aussehen einer Vogelscheuche verlieh. Die grauen, verfilzten Haare hatte er im Nacken zusammengebunden um sie zu bändigen. Hellgrüne, wache Augen blickten Simon entgegen, sobald er den Zauberer bemerkte.

Volero mochte alt wirken, zählte aber kaum dreißig Sommer. Simon konnte sich noch daran erinnern, dem Mann einmal bei seinem Eintritt in den Orden begegnet zu sein. Damals hätte niemand geglaubt, dass aus dem energiegeladenen jungen Mann einmal ein bloßes Wrack werden könnte. Und doch war genau das geschehen.

„Kann ich etwas für Euch tun, Ordensoberster?“, fragte er mit leiser, zurückhaltender Stimme. Nichts an ihm schien noch den Krieger zu verraten, der er einst gewesen war. Die Magie hatte ihren Preis gefordert… und wenig übrig gelassen.

„Ich… suche nach Informationen. Zu einem ganz bestimmten Symbol.“ Wenn es in den Bibliotheken einen Hinweis auf das gab, was mit ihm geschah oder die Frau, der er begegnet war, musste jemand danach suchen. Trotzdem… es war gefährlich auch nur Kleinigkeiten bekannt zu geben. Je weniger Leute von seinem momentanen Zustand wussten, dachte Simon, desto besser. Die Begegnung im Dorf hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt. Jedes Detail, jede Bewegung… und natürlich auch das Zeichen des offenen Auges, das er gesehen hatte. Einmal auf dem Umhang der Fremden… und dann auf diesem Stein.

„Von was für einem Symbol genau reden wir hier?“, fragte Volero mit kaum verhohlener Neugier.

Simon wusste nicht, woran es lag, aber seit er nicht mehr im Kampf diente, hatte der jung gealterte Zauberer eine neue Leidenschaft entwickelt.

„Ich kann es Euch aufzeichnen, wenn ihr wollt.“

„Wenn ich euch sagen soll, ob es etwas dazu gibt… bitte…“

Volero griff zielsicher hinter sich in ein Regal und holte ein Stück Pergament sowie einen Federkiel und ein Tintenfass hervor. Mit einer Geste bedeutete er einer Gruppe Schüler, Platz zu machen, bevor er die Utensilien auf einem Tisch absetzte. Simon trat zu ihm und griff nach der Schreibfeder. Er versuchte, sich das Zeichen, das er gesehen hatte noch einmal genau ins Gedächtnis zu rufen. Mit einigen wenigen Strichen entstand etwas, das dem Augensymbol aus dem Dorf so nahe kam, wie es seiner Meinung nachging. Und offenbar hatte er recht damit, den Volero runzelte die Stirn, während er das Pergament eingehend betrachtete. Eine Weile sagte er gar nichts, sondern schien lediglich sein Gedächtnis zu durchforsten.

Vermutlich hatte der Zauberer mittlerweile den Großteil der Schriften hier im Kopf, dachte Simon, so viel Zeit wie er hier verbrachte. Es war wohl schon mehr eine Obsession als gesunde Beschäftigung damit… doch was dahinter stand, das hatte Simon nie ergründen können. Suchte Volero in den Büchern eine Antwort auf seinen Zustand? Oder ging es um etwas ganz anderes?

Es war nicht wichtig, solange er seine Antwort bekam.

„Das“, erklärte Volero, „ist ein Symbol der Seher. Ich dachte nicht, dass sie noch existieren. Wenn, dann haben sie sich in den letzten Jahren sehr bedeckt gehalten.“

„Seher… Ihr redet von Gauklern und Trickbetrügern?“

Echte Magie war selten, doch auf Jahrmärkten und bei den wandernden Schaustellern des Landes, fand man billigen Ersatz. Eine Schande, wenn er genauer darüber nachdachte. Wahrsager, Hellseher… jeder Novize könnte einem sagen, das Magie nicht allmächtig war. Und das Zauberer nun einmal nicht in die Zukunft sehen konnten.

Volero schüttelte den Kopf, während er gleichzeitig leise in sich hinein lachte.

„Wenn Ihr die meint, denen Ihr auf der Straße begegnen… das sind tatsächlich Betrüger. Aber nein. Nach allem, was die alten Quellen hergeben, sind die Seher… etwas völlig anderes.“

 

 

Kapitel 4

Die Seher

 

 

 

 

 

„Nach allem was ich weiß, sind die Seher eine recht verschlossenen Gemeinschaft. Und auch nicht unbedingt leicht zu finden. Ehrlich gesagt, würdet nicht grade ihr mir eines ihrer Symbole zeigen und danach fragen, ich würde jedem anderen einfach sagen, dass sie wohl gar nicht existieren.“

„Was genau sind das für Leute?“

„Wie gesagt, es gibt recht wenige Quellen über sie und viele davon wiedersprechen sich. Angeblich entstammen sie den Eisnomaden oder vielleicht bilden sie auch einen eigenen Stamm bei diesen. Selber nicht grade die aufgeschlossensten Gesellen, was das angeht. Leider ist es bisher weder dem Orden noch den freien Zauberern gelungen einen lebend zu… studieren, aber nach allem, was wir wissen, verfügt ihr ganzes Volk bereits über eine ganz eigene Form von Magie. Eine, die sich vielleicht sogar unabhängig von den Blutlinien des alten Volkes entwickelt hat. Menschen, völlig ohne eine Spur des alten Erbes und doch mit klaren magischen Eigenschaften….. Es klingt verrückt, würde aber vielleicht erklären, wie etwas, wie die Seher entstehen konnte. Man könnte sie als Anomalie bezeichnen, vielleicht ein Ergebnis von Jahrhunderten der Isolation und…..“

„Volero !“ Simons Stimme war laut genug, das sich mehrere Schüler in der Bibliothek zu ihnen umdrehten. „Ich bin nicht an Euren leeren Hypothesen interessiert. Ich will nur wissen, womit ich es zu tun habe. Und glaubt mir, sie sind keine Legende.“

Der ältere Magier räusperte sich umständlich.

„Verzeiht, Ordensoberster. Also… wo genau habt Ihr dieses Symbol gesehen?“

„Auf einem Kleidungsstück…und auf einem Stein. Und mehr werde ich Euch nicht verraten.“

„Ein Stein…“ der Bibliothekar schien den drohenden Unterton in Simons Stimme überhaupt nicht zu beachten.

„Ein Stein… ein… aber das kann nicht sein, oder? Welche Farbe ?“

„Bitte?“

„Welche Farbe hatte der Stein, Simon?“ Nun klang er selbst ungeduldig, beinahe düster. So musste er mit seinen Schülern reden, wenn sie an einer simplen Aufgabe scheiterten… aber so sprach er ganz sicher nicht mit ihm….. „Und seid ehrlich, das kann… Götter, antwortet mir einfach.“

„Ihr wagt es….“ Er hatte sich halb aufgesetzt, bevor er es selber gemerkt hatte. Hätte ihm in diesem Moment noch seine ganze Macht zur Verfügung gestanden, er hätte dem alten Zauberer eine Lektion erteilt, die ihm mindestens ein paar gebrochene Rippen gekostet hätte.

„Die Farbe. Macht mit mir was Ihr wollt, Ordensoberster, aber das ist wichtig.“

Simon ließ sich auf seinen Platz zurück sinken.

„Schwarz.“, presste er mühsam beherrscht hervor. „Der Stein war schwarz. Könnt Ihr damit etwas anfangen.“

„Bitte sagt mir, dass das Symbol darauf nicht golden war.“

„War es.“, antwortete Simon entnervt. „Mir scheint, ihr wisst etwas, das ich nicht weiß. Also… was ist es?“

„Ich muss sicher gehen…..“

Mit diesen Worten stand Volero auf und trat erneut zwischen die Bücherregale. Simon sah ihm lediglich schweigend nach, während der Bibliothekar begann, mehrere Einbände hervorzuziehen, einige Seiten durchblätterte und sie dann wieder zurück stellte. Volero mochte die meisten Schriften hier im Kopf haben, das hieß aber nicht, dass er auch wusste, wo sie sich befanden. Dutzende von Magier-Schülern brachten eine gewisse Unordnung mit sich und so sehr der alte Magier darüber auch fluchen mochte, am Ende fand selten etwas wieder ein Buch auch dorthin, wo es hingehörte. Schließlich jedoch fand er, was er gesucht hatte. Ein Buch, das selbst hier unter all den vergilbten Wälzern noch alt wirkte. Der Einband war wohl einmal rot gefärbt gewesen, aber die Farbe war durch tausende von Händen langsam abgetragen worden, so dass das braune Leder des eigentlichen Umschlags darunter sichtbar wurde und selbst dort, wo sich noch Farbe gehalten hatte, war sie eher rosa statt dem ursprünglichen dunkelrot. Mehrere Seiten hingen nur noch lose an einigen Fäden oder waren ganz herausgefallen und unachtsam einfach zwischen die Buchdeckel gelegt worden.

Volero legte das schwere Buch auf dem Tisch ab, bevor er sich selber wieder Simon gegenüber niederließ und begann, die Seiten durchzublättern, bis ihm eines der losen Blätter in die Hand fiel. Einen Moment betrachtete er, was immer darauf war, bevor er es schließlich an Simon weiterreichte. Dessen Geduld war ohnehin langsam erschöpft und so riss er dem Bibliothekar die Seite schlicht aus der Hand. Es war kein Text, wie er erwartet hätte. Stattdessen handelte es sich um eine Zeichnung. Mit verblasster Tinte hatte irgendein lange vergessener Künstler das Abbild eines tropfenförmigen, schwarzen Steins eingefangen. Lediglich an einer Stelle auf der dunklen Oberfläche des Steins schimmerte das darunterliegende Pergament durch und diese Aussparung hatte die exakte Form eines offen stehenden Auges. Simon erkannte den Gegenstand sofort wieder.

„Das ist das Juwel, das ich gesehen habe.“, erklärte er und sah auf.

Volero war plötzlich bleich geworden und der Ordensoberste war später davon überzeugt, dass er wohl gestürzt wäre, hätte er nicht bereits gesessen.

„Das ist vollkommen unmöglich.“, antwortete Volero überzeugt.

“Was immer auch geschehen ist, es kann unmöglich genau dieser Stein gewesen sein, vielleicht eher eine Fälschung…..“

Simon schüttelte den Kopf. Er hatte keine Ahnung, was den anderen Magier so aufbrachte, aber eines war klar. Dieser Stein hatte irgendetwas mit dem zu tun, was mit ihm passiert war. Da war er sich absolut sicher. Nicht zum ersten Mal gingen ihm die Worte dieser Frau, Delia, der Seherin durch den Kopf. Ein verrücktes Rätsel über gebrochene Ketten, Stahl und Verlust. Und doch konnte er sich an jedes Wort erinnern…

„Simon habt Ihr auch nur eine Ahnung, was das ist?“ , wollte Volero derweil wissen.

„Würde ich das wissen, wäre ich nicht zu Euch gekommen. Und langsam aber sicher, strapaziert ihr meine Geduld mehr, als gut für euch ist. Verstehen wir uns?“

„Es ist eine Träne, verdammt. Ich habe keine Ahnung, Ordensoberster, was Ihr vorhabt, aber nichts Gutes geht je daraus hervor, wenn eine Träne Falamirs im Spiel ist.“

„Die Tränen, Volero, sind seit Jahrhunderten verschollen. Seit dem Fall des Marionettenkaisers…“

„Zumindest ein Teil davon. Der andere befindet sich nach wie vor im Besitz der Ordeal-Kaiser. Und es kann von denen gewesen sein, die Ihr gesehen habt. Die schwarze Träne… der Leerenstein, war unter denen, die im Bürgerkrieg verloren gingen.“

„Aber verloren heißt nicht zerstört.“, stellte Simon fest. „Falls es überhaupt möglich ist, eine Träne zu zerstören.“

„Angesichts ihrer langen Geschichte würde ich das bezweifeln. Oder zumindest, glaube ich nicht, dass es möglich ist, eine dauerhaft zu vernichten. Vermutlich würde sie sich einfach irgendwann wieder herstellen. Die Tränen sind nur eine… Inkarnation, die physischen Objekte sind nicht wirklich die Quelle ihrer Kraft, ich…. es gibt ganze Bände die sich nur damit beschäftigen, was sie eigentlich sind.“

„Die versteinerten Tränen eines Zauberers des alten Volkes.“

„Das ist die Legende.“, meinte Volero wenig überzeugt. „Falamir war ein Schwertmagier des alten Volkes und wenn man glauben darf, was uns an Überlieferungen glauben darf, stand er in der Schuld eines Erzmagiers seiner Art. Um diese zu begleichen zog er in einem Kampf gegen eine Kreatur, die er nicht besiegen konnte, da unter ihrem Griff alles zu Stein wurde. Als ihm das klar wurde, ließ er zu, dass sie ihn angriff… und berührte sie im selben Augenblick. Sowohl der Krieger als auch die Bestie wurden daraufhin zu Felsen. Was dann passierte hängt davon ab welchen Barden ihr fragt. Angeblich hatten selbst die Götter Mitleid mit dem gefangenen Falamir und so berührten sie seine letzten Tränen, die fielen, als ihm klar wurde, dass er seine Aufgabe nie erfüllen würde. Ich persönlich gebe nicht viel auf diese Geschichte, aber wie immer sie nun auch wirklich entstanden, die Tränen Falamirs gehören vielleicht zu den gefährlichsten Dingen auf dieser Welt. Und ich habe einige davon gesehen oder darüber gelesen. Aber nichts davon kommt der Macht einer Träne gleich. Wenn Ihr also wirklich glaubt, eine gesehen zu haben dann… vergesst es Simon. Das ist ein Rat. Nicht als Bibliothekar oder Ordensmagier, sondern als jemand, der sich ernsthaft um Euch sorgt. Magie hat immer ihren Preis, seht mich an, wenn ihr daran zweifelt. Und den Preis den die Tränen zu weil von ihrem Träger verlangen… ist nichts wert.“

„Das zu entscheiden, überlasst Ihr besser mir…..“

Mit diesen Worten stand er auf und legte das Blatt mit der Zeichnung zurück. Zumindest wusste er jetzt um einiges mehr als zuvor. Aber wirklich weiter war er immer noch nicht.

„Simon, bitte…..“

Der Ordensoberste war bereits drauf und dran, die Bibliothek zu verlassen, als er doch noch einmal innehielt. Nicht wegen den Worten des alten Bibliothekars, sondern wegen etwas anderem.

„Sagt mir nur noch… Ihr wisst nicht zufällig etwas über den Wert des Stahls oder wenigstens, was ein aus Schatten wiedergeborenes Juwel sein soll?“

Volero sah ihn an, als befürchtete er, er hätte den Verstand verloren.

„Was bitte soll das wieder sein?“

„Nichts“, antwortete Simon enttäuscht, während er endgültig wieder auf die Gänge der Burg hinaus trat und die Tür hinter sich zuzog. „Nur ein unbedeutendes Rätsel…..“

 

Er musste nachdenken, dachte er. Einen Ort zum Meditieren finden…. er hatte viel erfahren und gleichzeitig nichts. Und selbst wenn er Ohren für die Warnungen des Bibliothekars gehabt hätte… welche Wahl blieb ihm denn? Noch wusste niemand von seiner momentanen Schwäche, aber das konnte nicht ewig so bleiben. Und bevor das geschah, musste er herausgefunden haben, was mit ihm geschehen war… und einen Weg finden es rückgängig zu machen. Vorzugsweise indem er einer gewissen Seherin die Haut abzog. Simon wollte sich nicht vorstellen, was sonst geschehen würde. Er hatte Jahre gebraucht, um zu der Position zu gelangen, die er jetzt innehatte. Und er hatte nicht vor, sie wieder abzugeben, ganz im Gegenteil.

„Herr…“

Ein Schatten tauchte aus einem Seitengang auf und gesellte sich zu ihm. Simon brauchte nur einen kurzen Blick über die Schulter zu werfen, um das schütter werdende Haar und die wachen, grünen Augen von Erik Svensson zu erkennen. Der Großmagier hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt, während er Simon durch die Gänge und Hallen der Burg folgte.

So viel zu seinen Plänen, eine Weile in Ruhe nachzudenken. Der Ordensoberste seufzte, bevor er sich seinem Gefährten zuwendete.

„Was gibt es denn?“

„Ihr wolltet, das ich mir die Baupläne ansehe… ich habe die Gelegenheit auch genutzt, mich mit dem Vorarbeiter zu unterhalten.“

„Und ?“

„Jetzt, wo das letzte Hindernis aus dem Weg ist und wenn es keine weiteren Überraschungen gibt, werden die Arbeiten wohl um einiges schneller voran gehen. Das wichtigste sollte bis Herbst stehen. Eure Pläne schreiten schnell voran, aber verratet mir eines Simon…..“

Der Zauberer blieb stehen und drehte sich zu seinem Gegenüber um. Eigentlich war ihm nicht wirklich danach, Eriks Neugier noch weiter zu ertragen, aber der Mann war so gewesen, seit er ihm das erste Mal begegnet war. Vor langer Zeit, in den Straßen von Vara. Vielleicht war es Schicksal gewesen, auch wenn Simon selbst nicht daran glauben wollte. Seitdem hatten sie beide viel erreicht, aber bisher war ihm nie die Idee gekommen, dass sie jemals gleichberechtigt sein würden. Erik ließ sich selten dazu verleiten, vertraulich mit ihm zu sprechen. Am Ende, war er nach wie vor der Meister des Ordens und Svensson bestenfalls eine nützliche linke Hand. Eine, die er eines Tages vielleicht abschlagen musste.

„Fragt.“ Es spielte letzten Endes keine große Rolle.

„Das alles hier… ich kenne Euch Simon. Ihr werdet Euch nicht damit zufrieden geben, Euer eigenes kleines Reich zu erschaffen. Was ist der nächste Schritt?“

Genau das wusste er im Augenblick nicht, dachte er bei sich. Alle seine Pläne waren heute über den Haufen geworfen worden. Doch er wusste nach wie vor, wo sein Ziel lag, dachte er.

„Der nächste Schritt… wird sein dem Kaiser einen Besuch abzustatten. Tiberius wird langsam alt…..“

Der ältere Magier wich einen Schritt zurück.

„Wenn das heißen soll…..“

„Es heißt, was es heißt“, antwortete er kühl.

Er hätte nichts sagen sollen, dachte er bei sich. Er hatte grade mehr oder weniger erklärt, das er nicht bloß vorhatte, sich die Magier Untertan zu machen… über kurz oder lang, würde er den Himmel selbst erstürmen. Der Mann auf dem Bernsteinthron war der uneingeschränkte Herrscher über die bekannte Welt.

„Mit einem habt Ihr Recht, Erik. Ich habe nicht vor, hier aufzuhören. Noch lange nicht.“

 

Zumindest, sobald er sich um sein drängenderes Problem gekümmert hätte. Nach wie vor versuchte er, mehr aus Gewohnheit als Absicht, nach dem ruhigen Zentrum in seinem Geist zu greifen, in dem normalerweise die lodernden Flammen der Magie brannten. Doch all, was er fand war Asche. Ihm war sogar kurz so, als könnte er den Staub schmecken. Der Geschmack von Tod und Verlorenheit…

Es fühlte sich… leer an. Er war Simon Belfare der Oberste des Sangius-Ordens, der mächtigste Zauberer, der seit Jahrhunderten auf dieser Welt wandelte… und was war er ohne Magie? Er wagte es nicht, sich die Antwort selbst zu geben.

 

 

 

 

 

 

Kapitel 5

Ein Vertrauter

 

 

Irgendetwas beschäftigt Euch doch…..“

Simon hielt in der Bewegung inne, das Schwert halb zum Schlag erhoben. Die einfache Übungsklinge verfügte über eine grade, dünne Schneide, die in einem Korbgriff endete, wie sie nun überall langsam die schweren Breitschwerter und Anderthalbhänder ersetzten. Mit dem Aufkommen von Feuerwaffen verschwand der Nutzen von Panzerung Zusehens und/ damit auch der Grund für Waffen, die genug Wucht aufbrachten, um selbst massiven Stahl durchdringen zu können. Lediglich die Prätorianer, die Elite des Kaisers, hielt nach wie vor an der traditionellen Ausrüstung fest, was ihnen auf dem Schlachtfeld immer mehr das Aussehen von Sagengestalten als wirklichen Kämpfern gab.

Doch trotz dieses zuweilen altmodischen Auftretens, waren sie durchaus fähig und nicht ohne Grund gefürchtet.

Simon selbst verließ sich zwar ebenfalls meist auf die alten Schwerter. Es gab nur wenige, die es erlernten, Schwert und Zauberei gleichzeitig zu führen und letzten Endes war auch Simons eigentliche Waffe vor allem die Magie. Nur das diese ihm auch weiterhin den Dienst versagte….

Er war sämtliche Bücher durchgegangen, die Volero ihm hatte nennen können, doch ohne wirkliches Ergebnis. Das meiste, hatte ihm der alte Bibliothekar ohnehin schon gesagt und dieses Wissen war bestenfalls dürftig. Im Augenblick hätte Simon nicht einmal gewusst, wo er anfangen könnte, mal abgesehen davon, den gesamten Norden Cantons auf der Suche nach einer Legende zu durchkämmen. Und das würde ewig dauern, selbst wenn er die Seher oder wenigstens einen Eisnomaden fand. Vielleicht sollte er doch nach Vara reisen, um die Archive dort zu durchsuchen. Die Bibliotheken waren um einiges größer als die, die der Orden hier in der Burg besaß und konnten ihm vielleicht wenigstens ein paar Antworten liefern.

Erst jetzt ließ Simon die Klinge ganz sinken und wendete sich seinem Besucher zu.

Er stand in einer kleinen, bis auf einige hölzerne Sitzbänke leeren, Halle. Die Übungskammer der Burg, die man vor allem für die Schüler eingerichtet hatte. Dutzende von Schutzzaubern brachten die Luft leicht zum Kribbeln und würden jegliche Magie abschwächen. Sonst wären Tote vorprogrammiert, bei den Kräften, über die bereits ein junger Zauberer verfügen konnte. Und die konnten sie sich einfach nicht leisten, dachte Simon. Jeder Magier war am Ende wertvoll…. Es wurden zu wenige von ihnen geboren, als das man Verschwenderisch mit ihnen umgehen konnte. Zumindest nicht mit jenen, deren Begabung vielversprechend genug war.

Der Ordensoberste ließ die Klinge in eine Wandhalterung gleiten, in der sich noch weitere Waffen befanden, die jedoch bereits so aussahen, als müssten sie an den Metallringen, die sie in Position hielten festgerostet sein. Es gab nicht viele hier, die sich auch mit dem Schwert übten, doch Simon war nun mehr als sonst genau darauf angewiesen.

„Mich beschäftigen eine Menge Dinge, Erik“, meinte er an den Mann gerichtet, der durch eine niedrige Tür in die Halle trat. Trübes Abendlicht fiel durch die Fenster und brachte den Staub in der Luft dazu, rötlich zu glühen. „Was führt Euch her?“

„Eine Nachricht des Kaisers. Der Bote ist erst vor einigen Minuten eingetroffen“, antwortete Erik. „Er war hocherfreut über unseren Sieg über diese Rebellen. Wie Ihr wisst, duldet das Reich keine Abweichler und diese Leute haben sich seinem Willen klar wiedersetzt.“

Simon wusste nicht zu sagen, woran es lag, aber irgendwie gefiel ihm Eriks Tonfall nicht.

„Ihr seid aber sicher nicht nur hierhergekommen um mir das zu sagen, oder? Der Kaiser hat sich bisher noch nie über unsere… Arbeit beklagt.“ Und das war untertrieben, wie Simon wusste. Ein Großteil der Macht, die der Orden mittlerweile besaß stammte direkt vom Kaiser. Geschenke in Gold und Land, das Recht Niederlassungen in den meisten größten Städten zu unterhalten und ihre einzigartige Position als Sammelbecken für Magier hatten dazu geführt.

„Nein. Ich wusste nur nicht, wie ich Euch am besten davon unterrichte. Wie es aussieht, Herr, haben wir die Aufmerksamkeit des Kaisers mehr als nur geweckt. Er ist auf dem Weg hierher, Simon. Und nach dem, was der Bote berichtet hat, wird er in weniger als zwei Tagen eintreffen.“

Simon hatte das Gefühl, als würde der Boden unter ihm zu schwanken beginnen. Wann hatte man das letzte Mal gehört, dass Kaiser Tiberius die Sicherheit der fliegenden Stadt verlassen hätte? Innerhalb der Mauern seines Palastes war er so gut wie unangreifbar, mal davon abgesehen, das er von einer ganzen Armee Leibwächter umgeben war, darunter nicht nur Prätorianer sondern auch Zauberer, die es an Macht sogar mit ihm aufnehmen könnten. Die hoch über der Erde schwebenden Bauten der Metropole waren allerdings ohnehin so gut wie unangreifbar. Alleine um hineinzukommen wäre eine kaum vorstellbare Belagerungsmaschinerie von Nöten, davon abgesehen, das die schwebenden Stadtteile sich ständig weiter bewegten und es so fast unmöglich machten, den Kaiserpalast einfach zu umstellen und auszuhungern.

Simon war bisher erst einmal dort gewesen und selbst er hatte sich, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, eingeschüchtert gefühlt. Die fliegende Stadt war kein Ort für gewöhnliche Sterbliche. Und nun hatte der Kaiser also seinen größten Schutz tatsächlich abgelegt wie es schien. Ausgerechnet jetzt, wo Simon machtlos war. War das Zufall? Er begann langsam auf und ab zu laufen. Vielleicht war es nichts. Vielleicht war es aber auch die Gelegenheit, die er sich nicht entgehen lassen konnte, Magie hin oder her. Simon wusste, dass er sich auf dünnes Eis wagte, sogar sehr dünnes… er konnte diese Entscheidung nicht jetzt treffen, dazu musste er wissen, ob er überhaupt eine Gelegenheit bekommen würde, an den Kaiser heranzukommen.

„In zwei Tagen also…“ Simon faltete die Hände hinter dem Rücken zusammen.

„Worauf genau müssen wir uns einstellen?“

„Tiberius wird sicher nicht ohne eine entsprechende Eskorte eintreffen“, meinte Erik. „Zweihundert Mann unter Waffen. Und wir werden sie wohl kaum abweisen können. Vermutlich lässt keiner davon den Kaiser länger als ein paar Herzschläge aus den Augen. Wenn sie den Burghof nicht vorher ohnehin abriegeln, bis man bereit ist, euch eine Audienz zu geben.“

Simon war stehen geblieben und sah aus dem Fenster.

„Natürlich. Wir werden doch alles tun, damit der Kaiser sich hier willkommen fühlt.“

Er zögerte.

Es gab wenige Leute, denen er vertrauen konnte, aber er konnte auch nicht ewig so weitermachen, vor allem nicht, wenn der Herrscher der Welt selbst bald hier eintreffen würde. Wenn er nicht bald eine Lösung fand, was nach wie vor unwahrscheinlich schien, dann könnte er nicht ewig verbergen, was aus ihm geworden war. Ein Mensch, dachte er angewidert. Ein ganz normaler, hilfloser, machtloser… Simon schloss einen Moment die Augen.

Das war alles doch bloß ein Alptraum. Was er sich aufgebaut hatte, drohte nun unter ihm zusammenzustürzen wie es schien. Das würde er aber nicht zulassen.

Doch was wollte eine Seherin von ihm? Wenn das eine Strafe sein sollte, war es keine sonderlich effektive. Er wusste, dass er seinen Weg auch so finden würde. Zum wiederholten Mal dachte er über ihre rätselhaften Worte nach. Welche Ketten bitte sollte er brechen? Mal davon abgesehen das er in den Tagen, die er jetzt schon in Nachforschungen gesteckt hatte weder etwas über Stahl noch ein Schattenjuwel hatte finden können. Und Volero war ohnehin ratlos.

„Während wir… während der Schlacht ist etwas mit mir geschehen, Erik. Weder habe ich eine Erklärung dafür, noch weiß ich, wie ich es Rückgängig machen kann, aber meine Kräfte sind geschwunden.“

„Geschwunden ?“ Eriks Stimme klang belegt und Simon wusste nicht zu sagen, ob er ernsthaft überrascht war… oder ob etwas anderes dahinter lag.

„Vielleicht ist das sogar das falsche Wort. Es ist praktisch nichts übrig, als hätte jemand jegliche Magie in meinem Körper erstickt. Seht doch selbst…..“

Der Ordensoberste richtete die Hand auf eine Kerze, die in einer Wandhalterung hing. Normalerweise wäre es dem unerfahrensten Magier möglich gewesen, eine einfache Flamme heraufzubeschwören, doch so sehr er sich auch darauf konzentrierte, es war als wäre er Blind geworden für die feinen Strömungen der Magie, das Gewebe der Existenz, das alles zusammenhielt und das er sonst so einfach seinem Willen unterwerfen konnte.

Mit unendlicher Mühe gelang es ihm schließlich, wenigstens einen winzigen Funken zu finden und selbst das kostete ihn unglaubliche Mühe. Seine Hand begann zu zittern und bohrende Schmerzen setzten sich in seinem Kopf fest. Dann endlich loderte der Kerzendocht auf. Eine klägliche Flamme, die sofort wieder Anstalten machte zu verlöschen.

„Das ist…“ Erik schien nicht zu wissen, wie er darauf reagieren sollte.

„Es ist schlecht.“, beendete Simon den Satz für ihn.

„Ich kann es noch geheim halten, aber wie lange weiß ich nicht. Auch nicht, ob dieser… Zustand vorübergehend ist oder nicht. Aber eines weiß ich. Weder der Kaiser noch der Rest des Ordens darf davon erfahren.“

Simon war wieder an die Waffenhalterung an der Wand getreten. Innerlich machte er sich bereit, notfalls eines der Schwerter zu ziehen… und sich auf Erik zu stürzen.

„Kann ich mich darauf verlassen, dass Ihr schweigen werdet?“

Der Zauberer spürte offenbar, dass nun sein Leben auf dem Spiel stand. Machtlos oder nicht, Erik wusste, wozu er fähig war. Wenn man erst einmal ein Stück Stahl zwischen den Rippen hatte, nützte alle Magie nichts mehr.

„Natürlich… Herr.“ Der Mann schlug sich mit einer Faust vor die Brust.

„Wie schon immer.“

Simon entspannte sich. „Bei allen Göttern, Erik, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen ihr verspottet mich… Ihr wisst nicht zufällig etwas über die Tränen Falamirs?“

Erik zuckte mit den Schultern. ,, Nur das, was jeder weiß, der die alten Legenden einmal gehört hat. Wieso ?“

„Weil ich eine gesehen habe.“

Die Augen seines Gegenübers wurden weit.

“ Ihr wisst, wo sich eine Träne befindet? Eine echte ?“

,,Noch nicht ganz.“ , antwortete er. „Ich arbeite noch daran.“

Er würde Erik gegenüber sicher nicht zugeben, wie aussichtslos diese Suche bis jetzt gewesen war und wie wenig er tatsächlich wusste. Es reichte bereits, dass der Mann nun wusste, wie geschwächt er im Augenblick war. Aber er brauchte einen Vertrauten, nicht?

 

 

 

 

 

Zwei Tage später stand Simon Belfare auf dem Mauerkamm der Burg und sah die, sich durch das Tal ziehende, Straße entlang. In der Nacht hatte es Frost gegeben und so war nach wie vor alles mit einer feinen Eisschicht überzogen, die Zinnen, die tückischen Stufen, die hinauf zur Mauer führten, die Gebäude und auch das Gras auf der Ebene. Die Morgensonne spiegelte sich darauf und machte es schmerzhaft länger hinzusehen, trotzdem blieb sein Blick auf die kleine Karawane geheftet, die sich ihren Weg hinauf zur Burg suchte.

Die Bauarbeiten gingen gut voran und dort wo vor einigen Wochen kaum mehr als bloße Gruben gewesen waren, ragten nun schon die ersten Mauersteine in die Höhe. So früh und mit dem Frost war es fürs erste kaum möglich, die Arbeiten fortzusetzen, aber jedem Reisenden musste beim Näherkommen bereits klar werden, welche Ausmaße die neue Festung einmal annehmen würde. Ein Zeichen für das, was aus dem Orden geworden war, das die ganze Welt sehen könnte. Simon bemerkte, wie die kleine Gruppe bewaffneter Reiter, die die Spitze der Kolonne bildete, etwas langsamer wurde, als sie die Grabungsarbeiten passierten. Selbst die disziplinierten Soldaten des Kaiserreichs sahen sich erstaunt um, um das entstehende Bauwerk zu begutachten.

Die Männer, die den Reitern folgten sahen nicht weniger grimmig aus. Schwarze Panzerungen und das allgegenwärtige Zeichen des Kaiserhauses, ein aufgerichteter Drache in weiß oder schwarz, warnten jedem bereits schon aus der Ferne, mit wem er es zu tun hatte. Prätorianer, jeder davon mit einem Banner in der Hand und einem schweren Umhang, als Schutz vor der Kälte genau so schwarz wie ihre Rüstungen. Die Männer sahen sich, im Gegensatz zu den Reitern nicht um, während sie die Baustelle passierten. Sie marschierten als fehlerloses, dicht gefügtes Rechteck, wenn man von der Lücke absah, die sie in ihrer Mitte ließen. Dort wiederum schwebte eine vergoldete Sänfte auf den Schultern von einem Dutzend Trägern. Vermutlich hatte man den Großteil des Weges mit einer Kutsche bewältigt. Das hier… das war vor allem eines: Machtdemonstration. Ein Spiel, das ihm jedoch nicht fremd war. Ein anderer hätte beim Anblick der kleinen Armee und des Prunks vielleicht Bedenken bekommen…..

Ein dunkelroter Vorhang an der Sänfte verhinderte, dass Simon einen Blick ins Innere werfen konnte, aber das war auch gar nicht nötig. Er wusste, wer sich darin befand. Seine Hände wanderten zum Schwertgriff, während die Reiter sich nun bereits an den Aufstieg zur Burg machten. Der Kaiser war hier…..

 

 

Kapitel 6

Der Richter

 

 

 

Das uralte Holz der Tore protestierte, als diese langsam aufgezogen wurden. Es brauchte fünf starke Männer um die Winde zu betätigen, welche die gewaltigen Flügel kontrollierte. Simon sah ihnen schweigend zu, während der Spalt zwischen den beiden Türseiten größer wurde. Morgenlicht viel durch das sich öffnende Portal in den Innenhof der Burg, der bis auf ihn, Erik und eine Handvoll Magier, die er als Ehrengarde ausgewählt hatte, verlassen war. Lediglich das Geräusch der sich nähernden Hufe durchbrach die Stille, als die Männer am Tor ihre Arbeit beendeten und sich beeilten, so schnell wie möglich selbst zu verschwinden.

Simon sah ihnen ruhig nach, während Erik neben ihm nervös in Richtung Tor blickte. Es würde noch einen Moment dauern, bis die ersten Reiter die Burg erreichten. Und dann in ihrem Schlepptau der Kaiser. Simon war sich nach wie vor nicht sicher, was er davon halten sollte. Es passte nicht zu dem, was er von Tiberius kannte. Oder fürchtete der Mann seine Macht mittlerweile genug, um sich seine Gunst persönlich versichern zu lassen? So oder so, war die Zeit seit der Schlacht für ihn ohnehin schon ein gefährlicher Balanceakt, damit niemand erfuhr, wie schwach er im Augenblick wirklich war. Und mit dem Kaiser hier würde es nicht unbedingt einfacher werden. Er sah zu Erik. Im Zweifelsfall könnte er sich wohl auf den Mann verlassen, aber am besten, er vermied jegliche Situation, in der seine Magie gefragt sein könnte.

Schließlich wurden die Hufschläge lauter und der erste Reiter preschte durch die Tore. Der Mann achtete erst gar nicht darauf, ob ihm jemand im Weg stehen könnte, sondern zügelte sein Pferd erst, als er bereits die Hälfte des Innenhofs durchquert hatte, nur wenige Schritte von Simon und den wartenden Magiern entfernt.

Der Ordensoberste konnte den schnaubenden Atem des Tiers auf dem Gesicht fühlen, während er zu dem Neuankömmling aufsah. Er trug die typische in Blau und Goldtönen gehaltene Livree eines kaiserlichen Sendboten, doch darunter glitzerte eine leichte Kettenrüstung. Schweigend wartete der Mann ab, ohne der Gruppe Zauberer direkt vor ihm besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Dem ersten Reiter folgten bald darauf ein zweiter und ein dritter, die alle ihre offenbar im Voraus abgesprochenen Positionen einnahmen. Weitere berittene Soldaten fanden sich ein, die sich langsam über den kompletten Innenhof verteilten und ein dichtes Spalier vom Tor bis zu den wartenden Magiern bildeten. Durch diesen weiten Korridor, trafen nun auch die Prätorianer ein, die Simon zuvor von den Mauern aus beobachtet hatte. Wie auf ein stilles Kommando teilten sich die Reihen der in Formation laufenden Elitekämpfer so, dass die Sänfte und ihre Träger nun die Spitze des Zugs bildeten. Nach wie vor konnte man durch die Vorhänge nicht erkennen, wer sich darin verbarg, aber alleine die Verzierungen zeigten deutlich, welche Macht dieser Mann besaß. Die Sänfte selbst bestand aus Holz, das aber über und über mit vergoldeten Schnitzereien verziert worden war. Symbole aus der Anfangszeit des Kaiserreichs, als der erste Kaiser sich aus dem Norden erhoben hatte um die Länder jenseits des ewigen Eises zu vereinen, aber auch das allgegenwärtige Drachenwappen des Hauses Ordeal. Selbst auf dem roten Stoff der Vorhänge hatte jemand mit silbernen Fäden die Figur eines auf den Hinterläufen balancierenden Drachens gestickt.

Während die Träger auf sie zukamen, gingen die wartenden Magier, genau wie die Soldaten langsam auf die Knie. Selbst die Reiter senkten zumindest den Kopf. Nur Simon und Erik blieben grade stehen, selbst als die Sänfte direkt vor ihnen abgestellt wurde. Schwere Holzbeine trugen das Konstrukt.

Sobald die Sänfte sicher stand entfernten sich die Träger und ließen sich ebenfalls auf die Knie fallen, während eine Hand die Vorhänge ein Stück weit zur Seite strich. Der entstehende Spalt war grade breit genug, das der Mann im inneren nach draußen sehen konnte, Simon jedoch konnte im Gegenzug nur einige grobe Züge erkennen. Tiberius war alt geworden, dachte er bei sich. Vielleicht wollte er einfach nicht, dass das Volk, das in ihm schon einen Gott sah, das bemerkte.

„Herr…“. Nun war es auch an ihm sich zu verbeugen.

„Wir sind geehrt Euch hier begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Ihr könnt das Chaos entschuldigen, aber ich habe erst vor zwei Tagen von Euren Plänen erfahren. Darf ich fragen, was Euch in diesen Zeiten hierher bringt?“

„Das kommt darauf an…“, meinte eine überraschend kraftvolle Stimme. Die Hand, die bisher die Vorhänge nur festgehalten hatte, zog diese nun zur Seite.

Das Innere war mit rotem sowie blauem Samt ausgekleidet, in das abermals das Wappen des Kaiserhauses eingestickt war. Und auf dem Polster wiederum saß ein, in feine Gewänder gekleideter, älterer Mann. Ein roter Umhang fiel ihm über die Schultern, gehalten von mehreren, schweren Goldschließen, die vermutlich alleine mehr Wert waren, als seine Träger in einem Jahr verdienten. Falls sie etwas verdienten. Sklaverei war rückläufig, aber vom Gesetz her nicht verboten, etwas das zwar vor allem die Clans der Gejarn zu spüren bekamen, die sich nie ganz mit der kaiserlichen Herrschaft anfreunden konnten, aber auch die menschlichen Feinde des Imperiums fanden sich zuweilen nicht nur in Ketten, sondern auch als Zwangsarbeiter wieder. Es hatte wohl eine gewisse Ironie, dass die Mächtigen Cantons von den Schultern der Besiegten getragen wurden.

Graue Haare fielen dem Mann im inneren der Lade in den Nacken, wo sie von einem einfachen Band zusammengehalten wurden. Während er langsam aus der Sänfte stieg, viel mehr Licht auf sein Gesicht. Ein sauber gestutzter Spitzbart verbarg sein Kinn und seine braunen Augen sahen sich träge, beinahe gelangweilt um.

Simon musste sich zusammenreißen um nicht einen Schritt zurück zu machen. Dieser Mann… war nicht der Kaiser. Misstrauisch sah er zu den wartenden Prätorianern und den berittenen Männern. Erst jetzt wurde ihm klar, dass ihre Formation nicht nur zur Zierde diente. Es war auch eine perfekte Falle. Wenn jemand aus der Burg fliehen wollte, müsste er sich zuerst durch eine Mauer aus Prätorianern kämpfen.

„Was geht hier vor sich?“ , verlangte er zu wissen und hoffte, dass seine Stimme nicht so nervös klang, wie er sich fühlte.

„ Ihr seid nicht der Kaiser. Erklärt Euch!“

„Nein. Ich bin nicht der Kaiser.“, antwortete der Mann im roten Umhang.

„Auch wenn ich im Auftrag seiner Majestät Tiberius Ordeal hier bin. Als kaiserlicher Richter.“

„Richter…“ Simons Hand wanderte zum Dolch an seiner Hüfte. Das Schwert hatte er noch abgelegt bevor der Zug eingetroffen war. Jetzt bereute er das.

„Weder habe ich euch bestellt, noch… seid ihr hier willkommen.“

„Ihr vielleicht nicht.“, antwortete eine kalte Stimme neben ihm. Erik trat langsam vor, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Ein düsteres Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.

„Aber ich sah durchaus Anlass dazu, Simon. Mehr als das.“

Er konnte nicht vermeiden, dass ihm bei den Worten des Mannes ein Schauer über den Rücken lief. Nein, nein das konnte nicht sein.

„Und warum seid Ihr hier?“ Simon zog den Dolch halb aus der Scheide.

„Um ein Urteil zu verkünden.“, antwortete erklärte der Richter, während er in Eriks Richtung sah und damit alle von Simons Befürchtungen bestätigte. Nein…

„Über Euch um genau zu sein. Ihr wurdet des Verrats am Kaiser für schuldig befunden. Und dieser Mann dort ist mein Zeuge.“

„Verräter !“ Mit einem Aufschrei stürzte Simon vor.

Erik war außerhalb seiner Reichweite, aber der Richter nicht. Selbst Magie war in diesem Augenblick nicht schneller als Stahl, als sich das Messer in den Körper des Mannes grub. Simon drehte die Klinge herum und stieß den sterbenden Leib von sich. Mit einem dumpfen Laut schlug der Richter auf dem Pflaster des Burghofs auf. Simon wartete nicht einmal ab, ob der Mann wirklich tot war, sondern wandte sich sofort Erik zu.

Oh ja, der Kaiser fürchtete ihn, dachte Simon bei sich. Aber er hatte die Zeichen falsch gedeutet. Tiberius war alles andere als dumm. Deshalb waren auch die Prätorianer hier gewesen. Hatten sie sich schon zuvor mit Svensson abgesprochen oder hatte er das alles geplant und war auf sie zugegangen? Hatte er von Anfang an vorgehabt es so zu beenden oder erst, nachdem Simon unter der Hand durchsickern ließ, was er plante? Es spielte keine Rolle. So oder so. Er käme hier nicht raus, dachte er bei sich. Dazu waren es zu viele. Aber er würde wenigstens dafür sorgen, dass es der Verräter auch nicht tat. Mit erhobener Waffe stürzte er auf den anderen Magier zu und tatsächlich flackerte kurz so etwas wie Panik in Eriks Gesicht auf, bevor er eine Hand hob. Die Druckwelle des Zaubers traf Simon direkt vor die Brust und schleuderte ihn rückwärts. Der Flug war viel zu lange und als er schließlich seitlich auf dem Boden aufschlug, spürte er, wie rasende Schmerzen seinen linken Arm hinauf rasten. Er konnte den Knochen darin brechen hören. Aber das alles schien längst weit weg, während er benommen liegen blieb und zu Erik aufsah. Wie? fragte er sich immer wieder, wie hatte er sich so täuschen können, er der so weit gekommen war, alleine gegen alle Widerstände… und so sollte es Enden?

„Warum?“, fragte er.

Ihm fehlte die Kraft, sich wieder aufzurichten, während die bisher wartenden Prätorianer sich nun in Bewegung setzten und einen weitläufigen Ring um ihn bildeten. Nur der Kopf des hochgewachsenen Großmagiers war noch hinter den Gestalten zu erkennen.

„Ihr hättet den Orden zerstört Simon. Glaubt Ihr wirklich, Ihr könntet Kaiser sein? Nein. Euer Ehrgeiz in Ehren, aber Ihr habt eine Regel nie gelernt, mein Freund. Manchmal ist es besser, man wartet auf seine Gelegenheit. Meine ist jetzt gekommen.“

Die Soldaten hatten den Ring mittlerweile vollkommen um ihn geschlossen, wagten es aber offenbar noch nicht, näherzukommen. Das hieß, bis Erik erneut das Wort ergriff.

„Er ist machtlos Männer. Ergreift ihn und bringt ihn mir aus den Augen!“

Simon wehrte sich nicht. Wozu auch ? Es war vorbei, dachte er, während ihn zwei Prätorianer unsanft auf die Füße rissen. Ein anderer drehte ihm die Arme auf den Rücken, ungeachtet des gebrochenen Linken. Simon biss sich auf die Zunge um einen Schmerzensschrei zu unterdrücken. Diesen Sieg zumindest würde er Erik noch nicht gönnen, dachte er, während die Männer ihn mit sich zogen. Wohin wusste er nicht. Doch sein Blick blieb die ganze Zeit über auf den Magier gerichtet, dem er das alles zu verdanken hatte. Erik lächelte nun nicht mehr bloß, er grinste triumphierend….

Hilflose Wut brodelte in ihm hoch, während er beobachtete, wie der Mann sich zu dem toten Richter hinab beugte.

Hätte er noch einen Funken Magie gehabt, er hätte ihn in diesem Moment geopfert, wenn das bedeutete, Erik tot zu sehen. Götter, das war ein Alptraum… Den Verlust seiner Magie hatte er überstanden, er hatte getan, was er konnte. Doch jetzt…. Das hier war mehr als eine Niederlage, dachte er, während man ihn in die Burg brachte. Seine Burg. Nun Eriks Festung….

Keiner der übrigen Ordensmagier versuchte auch nur im Geringsten einzugreifen. Die, die draußen standen, sahen ihm nur desinteressiert nach, während man ihn wegbrachte. Und die, die ihnen im inneren der steinernen Hallen begegneten taten offenbar so, als würden sie die Gruppe Soldaten gar nicht bemerken, die ihren Ordensobersten abführte. Erik musste sie bereits vorher instruiert haben, denn die Männer brachten ihn zielstrebig zu einer der Treppen, die hinab in die unterirdisch liegenden Teile der Anlage. Das waren vielleicht die ältesten Teile des Baus. Wasser sickerte durch die Risse in der steinernen Decke und machte die nur spärlich von Fackeln erhellten Stufen rutschig. Unten angekommen dann, gab es nichts, als mit Moosen und Flechten bewachsenen Fels, in den ein längst vergessener Bauherr mehrere Kammern getrieben hatte. Zellen, wie Simon wusste. Seit Jahrzehnten wenn nicht länger war niemand mehr hier unten festgehalten worden. Doch nun… nun würde es seines werden. Sein Denken schien abgestumpft. Nüchtern sah er dabei zu, wie einer seiner Wächter das Gitter öffnete, das eine der Felshöhlen sicherte. Dann wurde er unsanft hinein gestoßen. Simon stolperte, verlor das Gleichgewicht und schlug hin. Erneut flammten Schmerzen durch seinen gebrochenen Arm. Er machte sich nicht die Mühe aufzustehen, während er hörte, wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Das Licht der Fackeln, das sich bisher auf dem Höhlenboden und den Wänden niederschlug, wurde düsterer, als seine Wächter einer nach dem anderen wieder nach oben verschwanden. Mann für Mann, Fackel für Fackel wurde es dunkel, bis schließlich nichts zurückblieb als formlose Schatten.

 

Irgendwann, als zu den Schmerzen in seinem Arm auch noch die Kälte hinzukam, setzte er sich dann doch langsam auf und lehnte sich gegen die unnachgiebige Felswand seiner Zelle. Erkennen konnte er nichts, geschweige denn, dass er wüsste, wie spät es war.

Das hier war keine bloße Niederlage, dachte er, das hier…. War endgültig. Er hatte alles verloren….

 

 

 

 

Kapitel 7

Verhör

 

 

Er hatte längst jedes Zeitgefühl verloren, als er plötzlich Geräusche hörte. Simon wusste nicht mehr zu sagen, wie lange er einfach nur dasaß, gegen die kühle Felswand gelehnt… und wartete. Worauf, das wusste er nicht. Vielleicht den Tod. Sein Leben war so schnell in sich zusammengebrochen, das er scheinbar nicht einmal mehr geschockt darüber sein konnte. Er hatte hoch gespielt… und verloren wie es schien. Es war ein seltsamer Gedanke. Hatte er schon einmal wirklich darüber nachgedacht, einfach aufzugeben? Simon legte den Kopf in den Nacken und starrte zur Decke oder zumindest dorthin, wo diese wohl sein musste. Es war so dunkel, was er nicht einmal seine Hände sehen konnte, wenn er sie sich vors Gesicht hielt. Seine Magie war fort. Der Orden jetzt den Händen eines anderen überlassen und er….

Wenn er ehrlich zu sich selber war, durfte er wohl nicht hoffen, noch lange zu Leben zu haben. Der Kaiser war nicht dafür bekannt, zimperlich mit jenen umzugehen, die seine Macht bedrohten. Und jetzt? Nahm er den Weg, den so viele vor ihm gegangen waren. Alle seine Bestrebungen würden auf einem Schafott oder durch die Klinge eines Scharfrichters enden.

Irgendwann musste er wohl einfach eingenickt sein, denn als er wieder erwachte, war er nicht länger alleine. Schwacher Lichtschein, begleitet vom Geräusch von Schritten auf Stein, drang durch die Dunkelheit und zum ersten Mal in… wer wusste wie langer Zeit nahm er seine Umgebung war.

Er trug nach wie vor die Ordensroben, in denen er festgenommen worden war, jetzt freilich verdreckt, zerrissen und blutverschmiert. Die Schritte von draußen kamen langsam näher, genauso wie der Lichtschein und als die erste Gestalt auf der Treppe erschien, eine Fackeln in der Hand, musste er die Augen abschirmen, um nicht geblendet zu werden…. Ihm war durchaus klar, dass er einen beklagenswerten Eindruck machen musste, zerlumpt, mit blutunterlaufenen, gereizten Augen und dem gebrochenen Arm, den er so gut es ging mit der gesunden Hand schützte. Eine gebrochene Kreatur, eine die sich tiefer in die dunklen Winkel seiner Behausung drückte…. Nein !

So nicht, dachte er. Mochte sein, dass er das Ende seines Wegs erreicht hatte. Aber er würde ihm entgegentreten, wenn es sein musste. Entschlossen stand er auf und ging den Männern entgegen, die sich vor seiner Zellentür sammelten. Es waren drei. Eine gehüllt in die typischen Roben des Ordens, die anderen beiden in schwarze Panzerung gekleidet.

,,Geht.“ Wies der Magier seine zwei Begleiter an.

Gegen das Licht der Fackeln konnte Simon ihre Züge nicht erkennen doch er erkannte die Stimme wieder.

Die Prätorianer schlugen sich jeweils mit der Faust vor die Brust, bevor sie sich folgsam entfernten und die Fackeln dabei in zwei Halterungen am Treppenaufgang zurückließen.

„Es wird Euch sicher freuen zu erfahren, dass ich bis auf weiteres als Ordensoberster eingesetzt wurde.“, antwortete meinte Erik Svensson.

“Da Ihr dieser Aufgabe anscheinend nicht mehr… gewachsen seid, hat die Versammlung der Magier mich dazu bestimmt.“

„Wie lange habt Ihr das schon geplant?“ , fragte er matt.

„Simon… Ihr wart einfach zu Vertrauensselig, das ist alles. Ich habe eine Gelegenheit gesehen und sie ergriffen und behauptet nicht, Ihr hättet etwas anderes getan. Wir beiden können wenig daran ändern was wir sind. Das Blut des alten Volkes gehörte schon immer zu denen, die nach Macht streben…es ist unsere Natur, Simon. Und Euer Streben endet hier.“

Er lachte bitter.

„Dann worauf wartet ihr noch? Wenn ich mir aussuchen kann wie ich sterbe, dann lieber hier als irgendwo vorgeführt zu werden wie ein Tier oder ein Sklave.“

„Ihr werdet morgen früh zur fliegenden Stadt gebracht werden.“, antwortete erklärte sein Gegenüber nur kühl und trat näher an das Gitter. „Mich kümmert aber wenig wie ihr sterbt, aber vielleicht denke ich darüber nah euch nicht dem Kaiser zu überlassen… wenn ihr mir eine Frage beantwortet.“

„Eine Frage ?“ Simon lehnte sich erneut gegen die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie lautet sie?“

„Wo befindet sich die Träne, die ihr sucht? Was habt Ihr wirklich herausgefunden?“

Darum ging es ihm also jetzt. Simon hätte am liebsten laut gelacht. Das war Wahnsinn. Er wusste selber nicht mehr darüber, als das es existierte, oder? Allerdings… wusste das Erik nicht. Wenn der Mann wirklich davon überzeugt war, das er wusste, wo die Träne sich befand… dann brauchte er ihn zwangsläufig solange er die Information für sich behielt. Vielleicht war das seine Rettung, zumindest vor dem Scharfrichter.

„Und warum bitte, sollte ich Euch so etwas verraten ? Ich habe keinen Grund dazu. Ich werde sterben. Schon in wenigen Stunden.“

„Sicher. Aber die Zeit bis dahin kann Euch sehr lang werden.“

Noch bevor der Magier den Satz beendet hatte, schossen erneut Schmerzen durch Simons Körper. Es war, als wäre nicht mehr länger nur der Arm verletzt, sondern als würde jeder Knochen in seinem Körper einzeln zermalmt. Er spürte wie seine Beine unter ihm nachgaben, doch der Schmerz hielt an, nahm sogar noch einmal an Intensität zu…. So schnell wie alles begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Halb betäubt blieb er einfach regungslos liegen.

„Also“, fragte Erik. Redet Ihr jetzt? Ich kann die ganze Nacht so weitermachen wenn nötig.“

Simon zwang sich dazu, aufzustehen, auch wenn jede Faser seines Körpers dabei protestierte.

„Selbst, wenn ich irgendetwas wüsste, würde ich es euch ganz sicher nicht sagen.“

„Wie ihr wünscht.“

Mit diesen Worten wurde er zurückgeschleudert, als Erik eine Hand ausstreckte. Der Zauber drückte ihn gegen die Wand. Scharfkantige Felsstücke schnitten in seine Haut, er konnte nicht atmen, versuchte irgendwie gegen das unsichtbare Gewicht anzukämpfen, das ihn zu ersticken drohte….

Die magische Faust, die sich um seinen Körper geschlossen hatte, ließ grade rechtzeitig los, damit er Atem schöpfen konnte, hielt ihn aber weiterhin fest wo er war. Alles um ihn herum drohte dunkel zu werden und in seinem Kopf drehte sich alles, während er keuchend nach Luft schnappte. Das würde Erik ihm früher oder später büßen, schwor er sich, wusste aber gleichzeitig, dass es leere Worte waren. Er hatte nichts mehr, das einzige, was den neuen Ordensobersten daran hinderte, ihn hier und jetzt zu töten war, das er glaubte, Simon besäße Informationen. Und wenn er erst einmal herausfand, dass das eine Lüge war…

„Hat Euch das vielleicht überzeugt?“.

Erik hatte sich vor den Gitterstäben seiner Zelle auf dem Boden niedergelassen und musterte ihn, so wie ein Kind wohl einen Käfer betrachten mochte, den es im nächsten Augenblick zerquetschen würde.

„Vielleicht solltet Ihr das Foltern besser anderen überlassen.“ Simon lachte gequält.

„Ich hab ein wenig mehr Erfahrung damit als Ihr…“.

„Töricht Simon, Ihr könntet es euch so einfach machen…“.

Erik hob erneut eine Hand und dieses Mal schloss sich die unsichtbare Faust nicht nur um seinen Brustkorb… sie drückte zu. Simon spürte, wie mehrere Rippen sich verschoben… und brachen, wie sich die Splitter in sein Fleisch gruben….

Er spuckte Blut, als sich die Klammer löste und er kraftlos an der Wand hinabrutschte. Bei jedem Atemzug gruben sich die zerborstenen Knochen erneut in seinen Körper, rissen neue Wunden…. .

,,Keine Sorge.“ , antwortete meinte Erik im Plauderton. „Ihr werdet nicht sterben. Aber vielleicht bringen Euch ein, zwei Stunden in diesem Zustand doch zur Besinnung. Vielleicht entscheide ich ja auch, dass mich die Antwort nicht mehr interessiert und ich Euch hier langsam verbluten lasse, wer weiß… ich kann Euch immer wieder heilen wenn es nötig ist. Erst, wenn Ihr meine Frage beantwortet, könnte ich vielleicht darüber nachdenken Euch zu erlauben… zu sterben.“

Der Zauberer stand vor dem Gitter auf und ging ohne ein weiteres Wort. Simon sah ihm lediglich nach, sein ganzer Verstand war damit beschäftigt, ihn irgendwie am Leben zu erhalten, trotz der stechenden Schmerzen weiter zu atmen…. Aber wozu eigentlich ?

Er verlor erneut jegliches Zeitgefühl, während die Fackeln draußen langsam herunterbrannten. Das Knistern der Flammen war das einzige Geräusch, das die allumfassende Stille durchbrach. Wie lange er dieses mal alleine blieb, wusste er später nicht zu sagen. Es gab hier unten nichts, an dem er das verstreichen der Zeit hätte klar festmachen können. Er wusste nur, dass das die Fackeln zu einem sanften Glimmen heruntergebrannt war, das nur noch als schwacher, bläulicher Schein die Dunkelheit durchbrach, grade genug, dass er seine Umgebung in Umrissen erkennen konnte. Und dann hörte er erneut Schritte.

Simon wusste nicht, ob er das noch einmal durchstand…. Er hatte seinen Machtverlust nicht verheimlichen können, wie lange konnte er sein Nichtwissen geheim halten? Oder würde das einfach immer so weiter gehen, wenn Erik ihm nicht glaubte? Sicher würde er einen Weg finden, den Kaiser glaubhaft zu machen, dass man Simon jetzt noch nicht ausliefern konnte. Es könnten Wochen sein, dachte er bei sich. Oder sogar Monate.

Besser es endet, solange er noch nicht gebrochen war. Er würde nicht als sabbernder Idiot gehen und das würde aus ihm werden, wenn der Zauberer mit ihm fertig war. Wenn Erik zurückkehrte würde er ihm alles sagen. Viel war es ohnehin nicht…

Die Gestalt, die auf der Treppe erschien blieb auf dem letzten Absatz stehen, außerhalb des schwachen Fackelscheins, aber Simon konnte sie trotzdem sehen. Und er erkannte die Robe, die sie trug. Der Mantel des Ordens. Natürlich.

„Ich hatte Euch gewarnt, oder?“, fragte sie. Die Stimme veranlasste Simon doch, den Kopf zu heben. Die einfache Bewegung kostete ihn bereits erschreckend viel Kraft. Er blinzelte ins Halbdunkel.

„Wer ?“ Seine eigene Stimme klang rau, falsch, wie bei einem Mann, der zu viel getrunken hatte.

Der Mann auf der Treppe antwortete nicht, sondern vollführte eine Geste mit der Hand, worauf die heruntergebrannten Fackeln wieder aufloderten. Ihr schein viel auf ein faltiges, grauhaariges Gesicht.

„Volero…. Es sollte mich nicht überraschen, dass Erik Euch schickt. Ihr hattet mich nicht davor gewarnt, dass meine eigenen Leute mir in den Rücken fallen würden.“

Der alte Bibliothekar trat an die Zellentür heran.

„Nein. Vor allem weil ich nicht damit gerechnet habe, das man Euch so schnell hintergeht, Simon.“ Volero zog einen rostigen Metallring aus seiner Tasche, an dem eine Anzahl Schlüssel klirrte.

“ Aber am Ende, spielt das alles keine Rolle. Er wird genauso wenig auf mich hören wie Ihr, nicht?“

„Das weiß ich nicht.“, antwortete brachte Simon mühsam hervor.

Der alte Zauberer lachte stumm in sich hinein, während er nach dem richtigen Schlüssel suchte und die Zellentür aufsperrte. Angst, dass Simon entkommen könnte, musste er keine haben.

Im Augenblick, dachte dieser, wäre es ein Wunder wenn ich auch nur davonkriechen könnte….

Volero ließ sich neben ihm auf ein Knie nieder und musterte ihn stirnrunzelnd.

„Unsterbliche, der Bastard musste Euch auch komplett auseinander nehmen, wie?“

Vorsichtig legte er ihm beide Hände überkreuzt auf die Brust.

„Das wird Euch jetzt mehr wehtun, als mir.“

Simon spürte die Magie, die durch die Hände des Alten in seinen Körper strömte, in die Wunden, die zahlreichen kleineren Verletzungen, sich um die gebrochenen Knochen legte… und sie mit Gewalt wieder zusammenfügte. Hatte er geglaubt, zuvor Schmerz erlebt zu haben, so musste er jetzt feststellen, dass er sich maßlos verschätzt hatte, als gesplitterte Knochen und gerissene Venen sich wieder miteinander verbanden, neues Gewebe das zerstörte ersetzte und das Blut aus seinen Lungen sog… Simon kannte diese Pein gut. Magische Heilung war effektiv, aber nicht ohne Grund gefürchtet. Er selber hatte sich allerdings noch nie daran versucht. Auf der einen Seite war es jedem Magier schon alleine aufgrund der Schmerzen unmöglich sich selbst zu heilen und auf der Anderen… hatte er bisher nie einen Sinn darin gesehen.

Volero zog die Hände zurück und der Energiestrom riss ab. Der alte Magier atmete nun selber schwer. Selbst im Zwielicht konnte Simon die dunklen Ringe erkennen, die unter seinen Augen lagen. Waren die schon vorher da gewesen?

„Ihr helft mir… wozu ? Bald ist sowieso alles egal. Ihr hättet mich einfach sterben lassen können.“

„Und genau das hätte Erik niemals zugelassen.“, antwortete Volero. „Nicht, bevor er alles weiß, dass Ihr wisst. Und das darf nie geschehen.“

„Warum ? Es spielt keine Rolle mehr, Volero. Es ist vorbei. Ich bin machtlos, verurteilt…“

Der alte Bibliothekar seufzte tief, während er sich langsam aufrichtete.

„Nicht für Euch nein.“, erklärte er düster. „Aber vielleicht tät es Euch ganz gut, wenn Ihr einmal aufhören würdet, nur an das zu denken, was Euch alleine einen Vorteil bringt, Simon. Lasst mich ganz ehrlich sein, ich glaube Ihr verdient jedes bisschen hiervon, aber, Erik darf niemals erfahren, was Ihr wisst, egal wie wenig das ist, vielleicht reicht es schon aus. Egal was geschieht… er darf genau so wenig von der Träne erfahren wie Ihr es solltet.“

„Dann tötet mich eben. Mir ist es gleich. Und Eure Sorgen bedeuten mir nichts.“

„Vielleicht sollte ich das.“, antwortete Volero. „Aber ich hätte es bereits getan, wenn ich das gewollt hätte. Nein. Erik wird genau wie Ihr früher oder später auf die Idee kommen, in den Bibliotheken nachzusehen. Aber ohne meine Hilfe wird er dort nichts finden. Ich habe die wichtigsten Einträge bereits zerstört. Sie existieren jetzt nur noch an einem einzigen Ort.“

Der alte Bibliothekar tippte sich gegen die Stirn „Hier. Und das heißt keiner von uns beiden darf ihm noch in die Hände fallen. Wir müssen beide hier weg.“

 

 

 

 

 

 

Kapitel 8

Flucht

 

 

 

 

 

Mondlicht fiel durch die Fenster der Burg und verlieh allem einen silbrigen Glanz, als Simon die Kellertreppe verlies. Zumindest, wusste er jetzt, dass er mindestens den ganzen Tag gefangen gewesen war, vorausgesetzt natürlich, es war noch derselbe Abend. Er lauschte einen Moment, den Türgriff noch in der Hand, ob er etwas hörte, aber die gesamte Burg schien wie ausgestorben.

„Los kommt.“, wies Volero ihn an, der bereits draußen auf dem Gang stand und sich nervös umsah. „Es sieht beinahe so aus, als hätten wir Glück. Seit ihrer Ankunft, patrouillieren die Prätorianer das Gelände. Ich habe schon auf dem Weg hierher zwei von ihnen ausschalten müssen.“

Simon musterte den alten Bibliothekar skeptisch. Ein einzelner Mensch war für einen Zauberer zwar kein großer Gegner, doch wer hätte vermutet, das Volero noch zu so etwas fähig wäre?

Der Mann bedeutete Simon lediglich ihm zu folgen. Dieser überließ ihm nur zu gerne die Führung. Sollten sie doch auf jemanden treffen, wäre es wohl besser, er sähe zuerst den Magier anstatt den Mann, den man vor wenigen Stunden wegen Verrats festgenommen hatte. Wenn er jemals die Gelegenheit bekam, Erik dafür zur Rechenschaft zu ziehen…. Aber das war Wunschdenken, sagte Simon sich. Im Moment zählte nur, dass sie hier heraus kämen. Danach konnte er weitersehen. Misstrauisch beäugte er Volero, der vor ihm durch die dunklen Gänge der Burg lief. Bisher hatte er ihm, wie die meisten, nicht viel Beachtung geschenkt. Er war eben der Bibliothekar, ein Mann, der mehr in seinen Büchern zu existieren schien, als das er sich mit den Lebenden beschäftigte. Und doch wusste er ganz augenscheinlich mehr, als er je zugegeben hatte, nicht?

„Ihr habt mir nicht alles verraten, was ihr über die Tränen, oder die Seher was das angeht, wisst, habe ich recht?“, fragte Simon leise. Er hielt den Arm nach wie vor leicht angewinkelt. Obwohl seine Verletzungen geheilt waren, musste sich sein Geist erst noch wieder daran gewöhnen.

„Vielleicht tue ich das.“, antwortete Volero. „Aber dafür ist später Zeit. Und es ist nicht so, das ihr in der Lage wärt, mir dieses Wissen abzunehmen. Der Ausgang ist nicht mehr weit, schnell…“

Tatsächlich erreichten sie bald darauf eine, für die Verhältnisse der Burg, weitläufige Halle, deren Dach von Reihen aus massiven Säulen getragen wurde. Ohne jegliche Verzierung, wirkten diese mehr wie uralte Monolithe, anstatt wie etwas, das Menschen geschaffen hatten.

Und in ihrem Schatten… Simon hätte die Gestalten in ihren dunklen Panzerungen fast zu spät bemerkt. Vor jeder der Säulen stand ein Prätorianer, in der Dunkelheit kaum erkennbar. Mindestens zwölf, wenn sich anderswo nicht noch mehr verborgen hatten. Die Tore zum Innenhof standen offen und ließen silbrige Lichtstrahlen herein, die jedoch kaum dazu beitrugen, die Schatten zu vertreiben.

„Was machen wir jetzt ?“ , fragte er an Volero gerichtet.

Wenn er nur seine Magie wiederhätte, dann wäre das alles kein Problem. Manchmal schien es konnte er es beinahe vergessen. Außer in Momenten wie diesen wo ihm wieder klar wurde, wie erschreckend verwundbar er jetzt war. Die Seherin hatte mehr von ihm genommen, als nur seine Fähigkeit Zauber zu wirken… Wenn er nur….

Ja wenn, schalt er sich selbst, hast du aber nicht. Und solange er hier nicht wegkam, würde sich daran auch schwerlich etwas ändern. Aber sobald er und Volero entkommen waren, würde er ein paar Antworten bekommen und wenn er sie dem Alten aus den Rippen schneiden musste.

„Seht zu und lernt.“, antwortete der Zauberer derweil und trat an Simon vorbei in die Halle

War der den verrückt geworden? Simon drückte sich mit dem Rücken an die Wand, während er Volero nachsah, wie dieser unbekümmert auf die Posten zuging. Diese lösten sich von ihrer Position unter den Säulen und traten als geschlossene Kette auf den Magier zu.

„So spät noch auf?“, fragte einer. „Verzeiht, aber bis morgen früh verlässt niemand mehr die Burg. Befehl vom obersten Zauberer Svensson.

„Und dürfte ich erfahren, warum Ihr hier herumsteht?“, fragte Volero wütend „Ist er hier durchgekommen? Habt Ihr ihn gesehen?“

„Herr ? Wen sollen wir gesehen haben?“

  1. Belfare natürlich !“ Der alte Magier warf, scheinbar verzweifelt die Arme in die Luft. „Bin ich den nur von Idioten umgeben?“

„Der sitzt doch unten in seiner Zelle…“

„Eben nicht ! Ich war grade dort, da ist alles leer. Er muss schon vor Stunden entkommen sein und Ihr sagt ihr hättet ihn nicht gesehen?“

„Was… Wir…“ , setzte einer der Posten an. „Wir waren die ganze Zeit hier es ist unmöglich, das…“

„Dann ist er sicher schon an Euch vorbei.“ , unterbrach Volero ihn. „Verflucht. Worauf wartet ihr noch, nach draußen, wir müssen die ganze Umgebung absuchen. Ich informiere den Ordensobersten. Na los. Erik lässt uns alle hängen, wenn der Verräter entkommt.“

Die Männer schienen mittlerweile zu verwirrt, um sich den Anweisungen des Zauberers groß zu wiedersetzten und so waren die ersten bereits auf dem Hof, als Volero ihnen noch nachrief.

„Und vergesst nicht die nahegelegenen Wälder abzusuchen. Ich komme mit Verstärkung nach. Er entkommt uns nicht.“

Sobald der letzte Prätorianer in der Dunkelheit verschwunden war, trat Simon aus seinem Versteck heraus. Einen Augenblick begutachtete er die verlassene Eingangshalle.

„Ihr seid wahnsinnig alter Mann.“ , erklärte er mit gelassener Stimme. „Warum habt ihr sie nicht einfach getötet, anstatt dieses Spiel zu veranstalten?“

„Manchmal, Simon, reichen Worte.“, antwortete Volero nur. „Es ist nicht immer nötig, seine Feinde zu töten. Das solltet ihr auch einmal versuchen. Die meisten werden euch nur bekämpfen, wenn ihr ihnen keine Wahl lasst… oder sie glauben keine Wahl zu haben. Ich habe sie grade vor die Wahl gestellt, mich zu bekämpfen, oder das Weite zu suchen.“

„Ihr habt sie ausgetrickst.“

„Nein.“ Er drehte sich zu Simon um.„Das sind Prätorianer, die trickst man nicht aus. Aber auch sie hängen an ihrem Leben, wenn es nicht grade um das des Kaisers geht. Kommt, der Weg ist frei, das ist was zählt.“

Simon wusste nicht, ob er den Magier verstanden hatte, aber mit einem hatte er recht: Hauptsache, sie kamen hier raus. Auf dem Burghof war mittlerweile alles wieder still. Nach wie vor standen die Tore offen und erlaubten einen Blick über die im Dunkeln liegende Ebene. Am Horizont zeichnete sich nun jedoch bereits der erste Schimmer von Rot ab. Die Sonne würde bald aufgehen und bis dahin sollten er und Volero möglichst weit weg sein. Trotzdem sog er einen Moment die kühle Nachtluft ein. Seine Gefangenschaft war von kurzer Dauer gewesen, doch das Gefühl wieder frei zu sein, egal wie ausweglos seine Situation nach wie vor schien, war… überwältigend, dachte er bei sich. Eine… seltsame Erfahrung.

Sie hatten die Tore so gut wie erreicht, als es doch noch passierte. Simon hatte Volero ein Stück weit hinter sich zurück gelassen und das war sein Glück. Bevor er wusste, was vor sich ging, entzündete sich hinter ihnen ein Lichtpunkt in der Dunkelheit und erhellte den Eingangsbereich der Burg. Simon brauchte nicht länger hinzusehen, um zu wissen, dass dieses Licht weder von einer Fackel noch von einem harmlosen Lichtzauber stammte. Es war ein Feuerball, der direkt über der Handfläche eines Mannes in einem türkisfarbenen Umhang schwebte. Erik Svensson… und neben ihm mindestens ein Prätorianer. Einer der sie bemerkt haben musste….

Im nächsten Moment raste das magische Geschoss auch schon quer über den Hof auf sie zu.

„Volero, aufpassen…“, rief er noch. Der alte Magier drehte sich um… und blieb regungslos stehen, während der Feuerball nun nur noch wenige Herzschläge von ihnen entfernt war. „Was soll…“, setzte Simon an, dann hüllte das Feuer den Zauberer bereits ein.

Die entstehende Hitze trieb ihn dazu zurückzuweichen, doch Volero blieb scheinbar völlig ruhig. Und doch verbrannte das Feuer ihn, seine Kleidung, seine Haare, seine Haut…. Langsam sank der Mann in den Flammen in sich zusammen, während auch der Rest seines Körpers zu Asche zerfiel. Simon konnte dem geschehen nur fassungslos zusehen. Das war Selbstmord gewesen, das war… er hatte grade seine einzige Chance auf antworten verloren…

Und nun musste er fliehen oder er würde Voleros Schicksal teilen. Mit einem letzten Blick zurück, rannte er los, hinaus durch die Tore und den im Dunkeln tückischen Pfad hinab. Ein weiterer Feuerball raste direkt an ihm vorbei und schlug vor ihm auf dem Weg auf. Flüssiges Feuer ergoss sich über die Erde und er war gezwungen, darüber hinwegzuspringen, um nicht hineinzulaufen. Er spürte die Hitze, die seine Kleider versengte…. Dann war er endlich außer Reichweite und verschwand in der Nacht….

 

 

 

Erik Svensson sah ungehalten aus dem Fenster. Seine Finger klopften auf dem Holz des Tisches, der neben ihm stand. Mehrere Dutzend Bücher mit herausgerissenen Seiten waren darauf aufgestapelt worden. Und sie würden die fehlenden Teile auch nicht mehr finden, dachte er. Mehrere, verkohlte und unleserliche Papierstücke hatte man in einem der Kamine der Burg entdeckt, andere aufgeweicht und ebenfalls zerstört aus dem Brunnen gefischt. Volero war gründlich gewesen, so viel musste er ihm lassen. Sein Wissen war mit ihm gestorben. Und Simon Belfare blieb verschwunden. Sie hatten noch in der Nacht alles nach ihm abgesucht, aber vergeblich. Der Mann schien sich praktisch in Luft aufgelöst zu haben, nachdem sie ihn einmal aus den Augen verloren hatten.

Und damit, dachte Erik düster, war ihm die einzige Quelle für Informationen, die er noch hatte, abhanden gekommen. Aber nicht für lange. Simon konnte nirgendwo hin. Der Kaiser lies längst das Land nach ihm absuchen und bis er die nächste bewohnte Siedlung erreichte, würde vermutlich schon das halbe Reich sein Gesicht kennen. Nein er kam nicht weit. Aber wenn die kaiserliche Garde ihn aufgriff, hatte er sicher nicht mehr lang zu leben, wenn man ihn nicht an Ort und Stelle tötete. Das wiederum durfte nicht geschehen. Nicht solange er der Einzige war, der etwas über eine Träne Falamirs wusste. Mit Voleros Tod hatten sich die Spielregeln ein wenig verändert….

Erik sah auf zu der hochgewachsenen, schlanken Gestalt, die vor dem Tisch stand. Der Mann trug vollkommen schwarze Kleidung, die genau dem Ton seiner Haare zu entsprechen schien. Blaue, kalte Augen musterten den Ordensobersten, ohne dass sich die geringste Gefühlsregung auf den Zügen des Fremden gezeigt hätte. Ein Ledergurt, in dem mehrere Messer steckten, verlief quer über seine Brust und der Griff eines Kurzschwerts ragte über seinen Rücken, gehalten von einer weiteren Lederschlaufe. In den abgetragenen Stiefeln die er trug steckten ebenfalls Waffen. Zwei gespannte Radschlosspistolen, allerdings deutlich kleiner gehalten, als die klobigen Feuerwaffen, an denen der Adel zunehmend Gefallen fand. Diese hier wären vermutlich nur aus nächster Nähe tödlich, aber das reichte wohl auch. Sein gegenüber hatte durchaus seinen Ruf, dachte Erik.

„Roderick. Schön, dass Ihr den Weg hierher gefunden habt…“

Der Fremde zog eine Augenbraue hoch.

„Ich würde mir die Förmlichkeiten gerne sparen… Hexer. Ihr habt Arbeit für mich. Mich interessiert nur, worin diese besteht und wie viel ihr zahlt.“

„Ganz wie Ihr wünscht.“

Erik zog eine der Schubladen des Tisches auf und holte einen kleinen Geldbeutel heraus, den er dem Mann zuwarf. Dieser fing ihn mit katzengleicher Geschicklichkeit auf.

„Silber?“, fragte er.

„Gold. Seht es als Anzahlung und als Lohn für Eure Mühen, so schnell hierher zu kommen.“

 

„Ich war in der Gegend.“, antwortete er nur doch die Drohung war unüberhörbar. Roderick, der Falke war kein einfacher Söldner. Es gab nur wenige Menschen, die sich als Auftragsmörder verdingten und noch weniger, die sich dabei auf eine ganz bestimmte Zielgruppe spezialisiert hatten. Auf Magier. Dass der Mann so leicht zu finden gewesen war, bedeutete vermutlich, dass Erik bald einen Zauberer vermissen würde…. Aber solange der Mann tat, was man ihm auftrug, war er bereit darüber hinwegzusehen.

„Den Rest bekommt Ihr bei Erfüllung des Auftrags.“, erklärte Erik.

„Und wie lautet dieser Auftrag?

„Ihr werdet Simon Belfare finden.“, antwortete er.

„Und töten?“

„Genau das ist Teil des Problems. Es kümmert mich wenig, was Ihr mit ihm anstellt und wenn Ihr ihm die Füße abschneiden müsst… aber er sollte noch reden können, wenn ihr ihn hierherbringt.“

„Ich sehe schon. Das dürfte… interessant werden. Mir sind schon einige Magier untergekommen, aber noch nie einer vom Kaliber Simons, wenn man den Geschichten glauben darf.“

„Darf man. Ich war dabei. Aber darüber braucht ihr Euch kaum zu Sorgen, vertraut mir. Als ich ihn das letzte Mal sah, war er völlig machtlos und ich bezweifle, dass sich das geändert hat. Fühlt ihr euch dem gewachsen?“

„Ich hätte den Auftrag auch angenommen, wenn er noch im Vollbesitz seiner Kräfte wäre. Das macht so ja fast keinen Spaß.“

„Ich wüsste auch nicht, was daran spaßig sein soll.“ , erwidere der Ordensoberste.

Bereits im nächsten Moment hatte Roderick das Schwert von seinem Rücken gezogen und ließ die Waffe etwas zu nah an ihm vorbeiwirbeln.

„Die Jagd.“, erklärte er, die Klinge nach wie vor viel zu nah an Eriks Hals. „Ihr Zauberer seid so selbstsicher, so überheblich…. Aber wenn Ihr dann feststellt, dass Ihr nicht mehr die Jäger seid… sondern die Beute…. Es gibt nichts erhebenderes, als die Selbstsicherheit eines Mannes zu zerbrechen, bevor er stirbt. Das ist ein größerer Sieg als der Tod. Es hält länger an. Selbst wenn sie Euch dann entkommen… werden sie nie wieder dieselben sein.“

Erik hörte nur mit halbem Ohr zu. Der Mann war ganz offenbar verrückt, dachte er, während er in die blassblauen Augen seines Gegenübers starrte. Hätte er Magier aus irgendeinem Grund gehasst, das hätte er zumindest verstehen können. Aber Roderick schien einfach Spaß am Töten zu haben, nicht als Mittel zum Zweck sondern… einfach so.

Endlich verschwand die Waffe vor seinem Gesicht wieder. Erik konnte einen leichten Schauder nicht unterdrücken, als er darüber nachdachte, wie viele seines Blutes vielleicht schon durch genau jenes Schwert gefallen waren.

„Man wird euch alles geben, was ihr braucht.“, meinte er und hoffte, das seine Stimme nicht verriet, wie nervös er wirklich war.

„Sagt mir nur, in welche Richtung er unterwegs ist…“

 

 

 

 

 

Kapitel 9

Die Vertriebenen

 

 

 

 

Simon duckte sich schwer atmend ins Unterholz. Zum ersten Mal, seit er der Burg entkommen war, erlaubte er sich, anzuhalten und lauschte, ob sich etwas rührte. Goldene Sonnenstrahlen drangen durch das dichte Blätterdach über ihm und sprenkelten den Waldboden mit hellen Flecken. Ansonsten war es fast vollkommen ruhig. Nur einige Vögel zwitscherten in der Ferne und ab und an huschte eine Maus oder ein Eichhörnchen über den ausgetretenen Pfad vor ihm.

Simon wusste nicht genau zu sagen, wie lange er eigentlich gelaufen war, nur, dass er die Berge bereits hinter sich gelassen hatte. Trotzdem hatte er nicht halt gemacht, bis er einen der kleinen Wälder erreicht hatte, welche die Ebene bedeckten, so dass er zumindest etwas Deckung hatte. Das hier war Hasparen. Der Name eines lange vergessenen Königsreichs, das als eines der ersten unter die Herrschaft der Ordeal-Kaiser gefallen war. Außerhalb dieses Waldes, zog sich eine endlose, flache Ebene, hier und da von Geröllfeldern durchzogen, auf denen außer Flechten und Gräsern nichts wuchs.

Nicht grade ein guter Ort um sich zu verstecken, wenn man im Flachland meilenweit sehen konnte. Die Wälder würden, wie er wusste, schnell spärlicher werden, bis man auf den ausgezehrten Ebenen , auf die sich höchstens Rentierherden oder die Pferdezüchter verirrten, vielleicht noch alle paar Wegstunden auf einen traf. Aber für den Moment war er alleine. Und das war Teil des Problems, nicht? , dachte er. Volero war tot…und sein Wissen mit ihm gestorben.

Er war jetzt auf sich gestellt. Erik wäre sicher darauf aus, ihn zu finden, selbst wenn er dem Orden fürs Erste entkommen war. Dem Orden entkommen… seinen eigenen Leuten. Er spürte Wut in sich hochkochen wenn er nur daran dachte. Jahre der Arbeit…. (Zunichte.

Mit einer Hand zerrte er sich das, was mittlerweile von seiner Ordenskleidung noch übrig war, über den Kopf. Darunter trug er simple Kleidung, ein dunkles Hemd und graue Hosen. Unauffällig genug. Und leider auch nicht grade für das Klima Hasparens geeignet, dachte er bei sich. Nachts konnte es auf der Steppe empfindlich kalt werden. Aber weiterhin in der Ordensrobe herumzulaufen wäre ein sicheres Todesurteil. Da konnte er sich seinen Namen auch gleich auf die Stirn tätowieren lassen.

Er überlegte, welche Richtung er einschlagen sollte. Am Horizont ragten die Berge auf, aus denen er grade erst entkommen war. Dahinter im Norden läge Silberstedt… und dann nur noch endlose Eiswüsten. Er könnte auch versuchen sich in die Herzlande durchzuschlagen… oder nach Westen, Richtung Küste. Er kannte dieses Land nach wie vor, ermahnte er sich selbst. Das war zumindest ein Vorteil. Simon raffte sich auf und entschied, fürs erste vor allen Dingen so viel Distanz zwischen sich und die Ordensburg wie möglich zu bringen. Trotzdem verließ er den Schutz der Bäume nur zögerlich. Abgesehen vom hohen Gras gab es hier draußen keine weiteren Versteckmöglichkeiten. Allerdings, hieß das wohl auch, dass er eventuelle Verfolger schnell bemerken würde. Die noch vom Winter gelb verfärbten Halme wiegten sich im Wind, der beständig über die Ebene strich, während er sich auf den Weg machte. Straßen gab es hier draußen so gut wie keine und die wenigen befestigten Pfade die es gab, wurden normalerweise gemieden. Die Fürsten des Landes wussten durchaus, wie karg ihr Land war und versuchten ihre Schatzkammern gerne mit horrenden Abgaben aufzubessern. Etwas, das Reisende wie Händler dazu trieb, die wenigen größeren Siedlungen zu meiden… und das Land gleichzeitig weiter verarmen ließ, dachte Simon bei sich.

Er warf einen Blick zurück, konnte aber nichts entdecken außer einer Herde freilaufender Pferde, die am Fuß der Berge entlang galoppierten. Trotz der Entfernung konnte Simon die Erschütterung des Bodens spüren. Er schätzte die fernen Schemen auf mindestens eintausend Tiere. Und das, dachte er, war so ziemlich auch das einzige von Wert hier draußen und der ganze Stolz der Bewohner des Landes. Die Ernten hier ernährten grade mal die Bauern selbst, die Siedlungen verschwanden… aber die Pferdezucht florierte. Natürlich blieb diese vor allem jenen vorbehalten, die es sich leisten konnten, einige Dutzend bis hundert Tiere zu ernähren, aber es war auch einer der wenigen Gründe, aus denen sich Händler in diesen Teil der Welt verirrten. Die gesamte kaiserliche Garde hielt große Stücke darauf, ihre Kavallerie fast ausschließlich mit Pferden aus Hasparen zu versorgen.

Vor ihm ging das zuvor flache Land nun in eine sanfte Hügellandschaft über. Einzelne Wasserläufe, die das dünne Erdreich abgetragen und den blanken Fels darunter freigelegt hatten, zogen sich dazwischen entlang, so dass jede Erhebung praktisch einer kleinen Insel glich, die sich aus dem aufgeweichten Boden erhob. Bald war Simon gezwungen, über die kleinen Wasserläufe zu springen, um keine nassen Füße zu riskieren. Wenigstens, dachte er, würde er fürs Erste nicht verdursten. Er konnte allerdings nicht ewig so weitermachen, wie ihm klar wurde, als die Sonne langsam ihren höchsten Stand erreichte. Er musste sich irgendwo Vorräte besorgen. Götter, weit tief war er eigentlich gesunken, das er sich über so etwas Sorgen machen musste? Er besaß kein Geld und längst nicht mehr die Macht jemanden dazu zu zwingen ihm etwas zu geben…. . Auch wenn diese das ja nicht zwangsweise erfahren mussten. Sollte er sich wirklich wie ein verdammter Bandit durchschlagen?

Simons Linke ballte sich zur Faust, während er mit der Rechten einen Stein aufhob und auf die Oberfläche eines Wasserlaufs krachen ließ. Der einzige Effekt davon war, dass eine Wasserfontäne aufspritzte, die ihn von Kopf bis Fuß durchnässte. Seufzend ließ er sich im Schatten des letzten Hügels, den er überquert hatte, nieder und schöpfte mit der Hand Wasser. Es war eiskalt. Vermutlich Schmelzwasser aus den Bergen, überlegte er. Jetzt, wo es wärmer wurde, ging der ewige Schnee auf den Gipfeln zurück und speiste dafür die Flüsse im Land darunter.

Simon war sich nicht sicher, wie weit er bisher gekommen war, aber von die vertraute Silhouette des Gebirges, das ihn bisher begleitet hatte, hatte sich verändert und vor ihm erstreckte sich nun ein zweiter Wald, der, dem ähnlich, den er am Morgen durchquert hatte. Nebel hing über den Zweigen und stieg zum Himmel auf. Er sah den Dunstschleiern gedankenverloren nach. Aber… das war kein Nebel, wie ihm nur langsam klar wurde. Sein Verstand schien gefährlich träge geworden zu sein, dass ihm das erst jetzt auffiel. Das war Rauch. Und wo Rauch war, war auch Feuer. Allerdings bezweifelte Simon stark, dass es sich dabei um einen Waldbrand handelte. Er stand langsam auf und versuchte, zwischen den dichtstehenden Bäumen etwas zu erkennen. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, sich so gut es ging von anderen Menschen fernzuhalten. Er konnte nicht wissen, wie schnell sich die Nachricht seiner Flucht verbreiten würde. Aber gleichzeitig hatte er kaum eine Wahl, nicht? Zu Fuß und ohne Vorräte würde er es schlicht nicht schaffen. Und das musste er….. Erik würde hiermit nicht davonkommen. Niemals. Wenn er erst einmal seine Fähigkeiten zurückerlangte würde er diesem Bastard alle Knochen einzeln brechen. Und er wäre nicht so dumm zuzulassen, dass sie jemand wieder zusammensetzte. Oh nein, er würde nicht nur den Ordensobersten töten. Er würde jeden einzelnen Magier heraussuchen, der tatenlos zugesehen hatte, als die Prätorianer aufgetaucht waren. Aber alles zu seiner Zeit…..

Langsam stand Simon auf. Es war zwecklos durch die Zweige etwas erkennen zu wollen. Wer immer für das Feuer verantwortlich war, hatte sich offenbar tief ins Unterholz zurückgezogen. Gut für ihn. So könnte er sich nähern, ohne gleich entdeckt zu werden. Zuerst musste er einmal herausfinden, wer dort auf ihn wartete. Vielleicht nur eine Gruppe Händler auf dem Weg nach Lasanta, die sich vor den Zöllnern versteckten. Halb geduckt, beeilte er sich, den Waldrand zu erreichen. Einige der Bäume waren noch blattlos und kahl, andere bereits mit einem dichten Blätterkleid überzogen. Zweige knackten unter seinen Füßen, als er weiter in die Richtung ging, aus der der Rauch kommen musste. Und alleine der Geruch bestätigte ihm nun, dass es sich nicht um einen Brand handelte. Essen. Der Duft von Gewürzen, bratendem Fleisch und… Brot. Simon hätte nie gedacht, dass er alleine den Geruch von Nahrung einmal zu schätzen wissen könnte. Aber er seit gestern Morgen nichts mehr gegessen und war den halben Tag gelaufen… und am Vortag fast umgebracht worden. Götter, er würde sich den linken Arm für ein Stück frisch gebackenes Brot glatt nochmal brechen lassen.

Vor ihm schimmerte jetzt etwas Weißes zwischen dem Grün und Braun des Walde hindurch und Simon erkannte, dass es sich dabei offenbar um ein Zelt handelte, dass jemand mitten auf einer Lichtung aufgeschlagen hatte. Weitere Zelte, manche kaum mehr als simple aufgespannte Planen, standen über die gesamte Länge der Lichtung verteilt, alles in allem wohl mehr als ein Dutzend. Vor den meisten davon brannten kleine Holzfeuer, über denen an einfachen Spießen Fleisch briet. Auf den Steinen um die Flammen herum hatten die Bewohner des kleinen Lagers offenbar Teig zum Backen ausgelegt und an anderer Stelle brodelte Wasser in mehreren großen Töpfen.

Simon zögerte jedoch, sich zu zeigen. Er zählte mindestens dreißig Leute, die sich um die Feuer oder an den Zelten versammelt hatten. Die meisten davon trugen schlichte Kleidung. Leichte Wollmäntel als Schutz vor der abendlichen Kälte, grob gewebte Leinenhemden , Hosen und Röcke aus Stoffresten. Händler jedenfalls waren es nicht. Trotzdem war mehr als einer der Gruppe bewaffnet. Manche trugen Lanzen, die sie offenbar aus zugefeiltem Werkzeug gemacht hatten, andere trugen simple Messer oder Sicheln bei sich. Seltsame Leute und seltsames Verhalten für eine Reisegruppe, die scheinbar nichts Wertvolles bei sich hatte. Aber wenigstens waren es alles Menschen, soweit er sehen konnte. Bei einem Gejarn-Clan, der sich in diese Gegend gewagt hätte, hätte er sich niemals zu erkennen geben können. Der Orden hatte mehr als eines ihrer Dörfer niedergebrannt, das dem Kaiser ein Dorn im Auge geworden war. Kein Landesherr Cantons wollte unbedingt eine wandernde Siedlung in seinem Fürstentum haben, die den eigenen Jägern Konkurrenz machte….. Zwar duldeten die meisten die Clans offiziell, allein schon durch die vom Kaiser zugesicherte Neutralität dieser, aber das hieß nicht, das sie jeder auch willkommen hieß.

Simon wollte grade aufstehen um sich zu erkennen zu geben, als sich plötzlich ein Stück Stahl an seinen Hals legte.

„Wenn haben wir denn da ?“ , fragte eine Stimme hinter ihm.

Irgendetwas an ihr machte Simon stutzig. Es waren nicht die Worte selbst. Die waren fehlerfrei und klar verständlich. Aber irgendetwas an der Betonung, etwas kaum wahrnehmbares…. .

Er drehte langsam den Kopf und seufzte.

War er eben wirklich nicht erleichtert gewesen, es nicht mit Gejarn zu tun zu bekommen? Vielleicht sollte er aufhören, das Schicksal herauszufordern.

Hinter ihm stand eine, mit dunklem, fast schwarzem, Pelz besetzte Gestalt. Zwei gelbliche Augen musterten ihn misstrauisch, während das wölfische Gesicht, zu dem diese gehörten, beinahe ausdruckslos blieb. Es war nicht immer einfach, zu erraten, was ein Gejarn dachte. Doch in diesem Fall war es kaum möglich es nicht zu wissen. Der Schweif des Wolfs fegte unruhig über den Boden, das Schwert in seiner Hand blieb weiterhin direkt auf Simons Kehle gerichtet.

Es war eine Waffe aus krudem Metall, auf der einen Seite des Klingenblatts scharf geschliffen auf der anderen in dutzende kleine Metallzähne aufgeteilt, jeder davon stark genug, um Gewebe einfach vom Knochen zu reißen, wenn man genug Schwung in die Attacke legte.

„Ihr zuerst.“, erklärte Simon gelassen. Wenn der Wolf ihn töten wollte wäre das schon geschehen.

„Ordt. „

„Das ist nicht wirklich ein typsicher Clanname, oder?“

„Nein, ist es nicht.“ Der Ton des Mannes machte deutlich, dass er sich dazu auch nicht weiter äußern würde.

„Jetzt Ihr.“

„Ich bin Simon Belfare.“ Simon konnte spüren, wie Ordt sich bei Erwähnung des Namens anspannte. Er kannte ihn also ganz sicher.

„Und wenn Ihr wisst was gut für Euch ist, nehmt Ihr die Waffe runter. Jetzt. Ansonsten unternehme ich was und das wird Euch nicht gefallen.“

Trotz der Drohung blieb das Schwert wo es war. Statt der erhofften Wirkung, verdüsterte sich Ordts Mine plötzlich noch ein Stück, etwas, das Simon zuvor nicht für möglich gehalten hätte.

„Ach was ?“ In der Stimme des Wolfs schwang nun nicht mehr misstrauen, sondern unverhohlene Wut mit.

„Das gibt es jetzt nicht… sagt bloß es hat Euch nicht gereicht unser Dorf niederzubrennen um Eure Mauer zu bauen. Ihr müsst auch noch die Überlebenden verfolgen…..“

Mit einem Mal, war alles klar. Wer diese Leute waren, was sie hier draußen machten, wieso so viele von ihnen bewaffnet waren. Das war gar nicht gut…..

Er war soeben vom Regen in die Traufe gekommen.

Kapitel 10

Im Lager

 

 

 

 

 

 

„Ihr seid nicht dumm genug, das zu versuchen.“, meinte Simon an den Gejarn gerichtet. Nach wie vor lag die Schwertklinge direkt an seiner Kehle. Und was immer Ordt davon abhielt, ihn einfach direkt zu töten, er konnte dem Mann ansehen, das ihn das nicht mehr lange zurückhalten würde.

„Und warum nicht?“, fragte der Wolf gepresst.

„Weil ihr tot wärt bevor ihr wisst, was geschieht. Denkt nach. Ich bin ein Magier. Der einzige Grund, aus dem Ihr grade noch lebt ist, das ich Unterstützung brauche.“ Es war ein gewagter Bluff, aber auch die einzige Option, die er hatte. Wenn auch nur ein einziger dieser Leute nicht mitspielte… dann hätte er ein Problem. Niemand würde ihm abnehmen, dass er jemanden verschonte.

„Dann seid Ihr am falschen Ort.“, erklärte Ordt, aber zumindest verschwand die Klinge von seinem Hals.

„Und das könnt Ihr für alle entscheiden?“, fragte Simon und gab sich dabei kaum Mühe, den drohenden Unterton in seiner Stimme zu verbergen.

„Wie meint Ihr das?“ Der Wolf hielt die Klinge nach wie vor erhoben, scheinbar bereit, sich beim geringsten Anzeichen von Gefahr doch noch auf ihn zu stürzen.

„Ich… bitte Euch noch lediglich um Unterstützung. Es wäre aber nicht klug, mir diese zu verwehren. Vielleicht komme ich sonst doch noch zu dem Schluss, dass es besser wäre, Euch nicht entkommen zu lassen.“

„Ihr seid ein Bastard.“, antwortete Ordt, ließ die Waffe nun aber endgültig sinken.

„Ihr werdet mir folgen. Langsam. Ohne ein Wort Wenn nicht… kümmert mich nicht, was Ihr tut. Ihr werdet sterben.“

„Ihr meint, Ihr würdet versuchen mich zu töten… und dabei selber Euer Ende finden.“

„Sicher, dass Ihr das herausfinden wollt ?“ Ein tiefes Grollen drang aus Ordts Kehle.

Der Laut sorgte dafür, dass sich die Härchen auf Simons Armen aufrichteten und er musste sich zusammennehmen um nicht zurückzuweichen. Wie ein verfluchtes Tier, dachte er bei sich. Ein tollwütiger Wachhund. Aber für den Moment musste er sich damit arrangieren.

 

Vorsichtig stand er auf, während der Wolf ihm bedeutete, ihm zu folgen. Ohne sich noch einmal umzudrehen, trat Ordt unter den Bäumen hervor auf die Lichtung. Simon zögerte einen Moment, tat es ihm dann aber gleich. Wenn er jetzt Unsicherheit zeigte, könnte sein Bluff auffliegen. Und dann würde er sterben, das hatte er in den Augen des Wolfs sehen können. Nach wie vor schien der Mann sich zusammenreißen zu müssen, sich nicht direkt auf ihn zu stürzen. Vermutlich hielt ihn wirklich nur der Gedanke daran, was Simon dann mit dem Rest der Flüchtlingen tun würde, überhaupt zurück. Oder zumindest, was er gedroht hatte zu tun.

Dutzende von Gesichtern drehten sich in ihre Richtung, sobald den Leuten im Lager auffiel, das der Wolf nicht alleine zurückgekehrt war. Simon ließ den Blick zwischen den Feuern und Zelten hin und her schweifen. Niemand schien ihn zu erkennen, wie er erleichtert feststellte. Wenn sich jemand auf ihn stürzte, war es vorbei, dann war seine Täuschung dahin. Allerdings musste er sich darum wohl keine Sorgen machen. Er konnte sich vorstellen, was diese Leute sahen. Einen zerlumpten Reisenden, der aussah, als hätte er zu wenig Schlaf und Essen bekommen. Vielleicht fragten ein paar von ihnen sich, wieso dieser Fremde ihnen trotzdem entfernt vertraut vorkam. Aber niemand sagte etwas. In den meisten Gesichtern sah er nur Mitleid für etwas, das die Flüchtlinge hier wohl selber zu gut kannten. Aber keiner von ihnen war auch nur ansatzweise so tief gefallen wie er. Diese… Bauern hatten ein paar Hütten und ihr Vieh verloren. Er hingegen… alles. Es widerte ihn an, auch nur darüber nachzudenken.

Ordt führte ihn wortlos mitten durch das Lager und hin zu einer der größeren Feuerstellen. Dann blieb er stehen und wartete. Simon wollte bereits fragen, wie lange er ihn hinhalten wollte, ließ es dann aber. Ein wenig Geduld. Der Wolf wäre nicht so dumm, ihn zu hintergehen.

Die Flammen, die aus einer mit Steinen umrundeten Grube im Boden schlugen, erhitzten das Innere eines Wasserkessels und brachten die Flüssigkeit darin zum Brodeln. Eine einzelne Frau stand daran und gab aus einem simplen Lederbeutel eine Handvoll getrockneter Pflanzen und Kräuter dazu.

Manche Einfältigen hielten das schon für Magie, dachte Simon, während er zusah, wie sich das Wasser verfärbte und die aufkochenden Pflanzen einen leichten, pfefferminzartigen Geruch über die Lichtung verbreiteten. Tee, dachte Simon. Das er darauf nicht früher gekommen war….

Die Frau schöpfte einen Zinnkrug mit dem Inhalt des Kessels voll, bevor sie sich Ordt zuwendete.

Sie war noch jung, wie Simon feststellte. Vielleicht zwei, drei Jahre älter als er selbst. Lange, braune Haare fielen ihr bis über die Schultern, bedeckten den Rücken ihres blaugrünen Kleids und um ihren Hals lag eine feingliedrige Silberkette mit einem Anhänger in Form einer Waage. Mehr Aufmerksamkeit schenkte Simon allerdings dem Dolch an ihrem Gürtel. Bei den Göttern, musste hier denn wirklich jeder bewaffnet sein?

„Ordt ? Wen habt Ihr da mitgebracht?“

Ihre Stimme klang angespannt, obwohl sie sich offenbar Mühe gab das zu verbergen.

„Ihr wisst doch genau, dass wir niemanden mehr aufnehmen können.“

Sie seufzte, während sie Simon nun zum ersten Mal direkt ansah. Grüne Augen , die ihn ohne Furcht oder Ablehnung musterten. Aber nur einen Moment lang. Sie erkannte ihn…. .

„Ärger Kiris, Ärger“, antwortete Ordt düster.

„Aber ich glaube, das wisst Ihr schon….“

„Und ob.“, antwortete Kiris kühl.

„Was tut ihr hier? Nachsehen ob wir auch wirklich alle verschwinden? Ihr habt euer Land, Zauberer…“.

„Ich glaube nicht, das Euch das zu interessieren hat.“, antwortete Simon.

Aber die Flüchtlinge wären ein ideales Versteck. Wenn er in einer Gruppe reiste, fanden der Orden und der Kaiser ihn nicht so schnell. Und vielleicht konnte er sich mit ihrer Hilfe tatsächlich durchschlagen. Womöglich bis nach Vara. Er hatte von Anfang an überlegt, den Bibliotheken dort einen Besuch abzustatten und jetzt schien es seine einzige Möglichkeit, noch an die Informationen zu gelangen, die er suchte.

„Wichtig ist, das es für Euch… Folgen hätte, mir Eure Hilfe zu verweigern. Fürs Erste und solange mir danach ist, werde ich Euch begleiten.“

Ordt lachte gedämpft.

„Wenn Ihr Selbstmord begehen wollt… Simon Belfare, dann gibt es dafür schmerzfreiere Wege. Diese Leute werden Euch nicht vergeben, nachdem ihr Stillforn niedergebrannt habt.“

„Stillforn ?“ Simon sah fragend in die Runde.

„Ihr kanntet allen Ernstes nicht mal den Namen der Ortschaft, die Ihr dem Erdboden gleichgemacht habt?“

Die Stimme der Frau, Kiris, bebte jetzt vor unterdrückter Wut.

Er zuckte mit den Schultern. Diese Diskussion begann bereits in eine Richtung abzudriften, die ihn nur aufhalten würde.

“Ihr habt das selber durch Eure Weigerung zu weichen über Euch gebracht.“

„Ach ja?“, erwiderte Kiris,

„Ich war Stillforns Vorsteherin. Habt Ihr eine Ahnung, wie viele Briefe ich an den Kaiser gerichtet habe, damit wir eine Lösung finden? Verflucht, Ihr selber müsst ein Dutzend davon bekommen haben… und nichts. Keine Antwort, keine Kompromisse. Habt Ihr den Kopf so weit in den Wolken, dass ihr es nicht einmal für nötig hieltet, mit uns zu reden?“

Briefe… Simon dachte nach. Es gab stapelweise Papiere, um die er sich zu kümmern hatte. Einige davon verschwanden letztlich einfach unter den Anderen. Und wieder andere landeten direkt im Ofen. Vermutlich hatten die Schriftstücke um die es hier ging letzteren Weg genommen, auch wenn er sich nicht genau erinnern konnte. Es spielte auch keine Rolle. Diese Leute hatten schlicht keine Ansprüche zu stellen gehabt, sagte er sich. Trotzdem fand er sich unfähig etwas auf Kiris Anklage zu erwidern.

„Ich könnte ihn immer noch töten.“, murmelte Ordt grade so laut, das Simon die Worte hören musste.

„Nein, könnt Ihr nicht.“ Kiris sah wieder zu ihm.

„Und ich fürchte, das wisst Ihr. Wir haben beide gesehen, was dieser Mann anrichten kann.“ Sie holte tief Luft.

„Wenn er also unbedingt meint, uns begleiten zu müssen… von mir aus. Aber zwei Dinge. Erstens, verletzt Ihr irgendjemanden werde ich persönlich dafür sorgen, dass Ihr es bereut und wenn es das letzte ist, was ich tue. Zweitens, Ihr versorgt euch selbst. Mir ist egal wie, aber wir haben weder die Vorräte noch Lust dazu, jemanden durchzufüttern. Macht Euch nützlich… oder hungert. Ordt… habt ein Auge auf ihn. Ich gebe den anderen Bescheid, das wir früher aufbrechen.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging davon. Der Wolf dachte allerdings gar nicht daran, auf sie zu hören, sondern lief ihr rasch nach.

Simon, der alleine zurück blieb, atmete erleichtert auf. Es funktionierte. Tatsächlich schien Kiris erstaunlich vernünftig zu sein… auch wenn er das ungern zugab. Nun, solange sie nach wie vor alle glaubten, er besäße nach wie vor Magie, würden sie tun was er ihnen sagte. Doch das hieß auch, er musste sich Kiris Regeln beugen. Bekam er jemanden so weit, dass er gegen ihn kämpfte, wäre die Wahrheit sofort heraus.

„Kiris, früher aufbrechen?“

Ordt beschleunigte seine Schritte um zu der Frau aufzuschließen. Währenddessen warf er jedoch immer wieder einen Blick über die Schulter zu dem wartenden Menschen zurück. Simon Belfare blieb lediglich genau dort stehen, wo er ihn zurück gelassen hatte und sah sich, mit einem gelangweilten Ausdruck auf dem Gesicht, um. Geister, das musste alles ein schlechter Scherz sein, dachte der Gejarn.

“Die Leute brauchen eine Rast, das wisst Ihr so gut wie ich.“

Kiris antwortete nicht, sondern ging einfach weiter. Allerdings wurde sie etwas langsamer, so dass er ohne zu rennen mit ihr mithalten konnte. Die Ahnen wussten, diese Frau konnte rennen. Und zuschlagen. Ordt konnte ein kurzes Grinsen bei dem Gedanken nicht verbergen, egal wie verworren ihre Situation grade war. Er wusste selbst nicht, warum er sich bereiterklärt hatte, den Dörflern zu helfen. Letzten Endes hatte er allerdings ohnehin nirgendwo hingekonnt. Nicht nachdem…. . Der Wolf schüttelte die Erinnerung ab. Vielleicht hatte er ja den Tod gesucht. Gefunden hatte er Dutzende von Leuten, die Schutz brachten. Und wenn er dazu beitragen konnte…. . Es war ein kleiner Schritt, aber es war einer in Richtung Wiedergutmachung.

„Ja wir brauchen eine Rast.“, antwortete Kiris. „Wir alle. Aber vor allem ist es unsere Aufgabe, diese Leute in Sicherheit zu bringen.“

„Das nützt uns nichts, wenn sie auf halbem Weg tot umkippen.“, protestierte er.

So sehr die junge Frau sich bereits bewiesen hatte… sie konnte einen verfluchten Dickschädel haben, dachte er.

„Oder wenn uns das erwischt, wovor auch immer Simon wegrennt. Ehrlich gesagt, ich glaube, das ist gefährlicher.“

„Er flieht?“ , fragte Ordt überrascht.

„Natürlich flieht er. Oder glaubt Ihr, er ist hier, weil ihm plötzlich in den Sinn kam, mit einer Gruppe von Leuten durch die Gegend zu ziehen, die ihm bei erster Gelegenheit ein Messer in den Rücken rammen werden, falls sie erfahren, wer er ist? Und was immer es ist, es muss verdammt gefährlich sein, wenn es einen Zauberer dazu bewegen kann, ihm auszuweichen.“

Der Wolf zuckte mit den Schultern.

„Ich verstehe Menschen nicht immer.“, gab er zu. „Ihr seid schwer zu deuten, Eure Gesichter, Eure Stimmen…..“

„Sagt der laufende Bettvorleger. Verzeiht… ohne euch wären wir heute schon einige weniger. Und trotzdem verstehe ich immer noch nicht, warum Ihr uns eigentlich helft.“

„Ich… habe meine Gründe, das ist alles.“, antwortete Ordt unruhig. Er hatte vielleicht nicht Kiris Augenmerk für die kleinen Dinge, Mimik, Gestik, aber er verstand genug. „Offenbar gibt es noch einiges über euch zu lernen.“

„Menschen interessieren Euch?“

„Gezwungenermaßen. Ich… lebe schon eine Weile unter euch und werde es wohl noch eine ganze Weile tun müssen. Bei den Clans zumindest kann ich mich erst einmal nicht mehr sehen lassen.“

„Wieso ?“

Verflucht sei diese Frau und ihre Neugier. Aber er kannte sie jetzt lange genug um zu wissen, dass sie nicht mehr aufhören würde zu fragen, bis sie zumindest eine Antwort erhielt. Einen Teil der Wahrheit konnte sie wohl wissen. Der Rest jedoch ging niemanden etwas an.

„Ich habe jemanden getötet. Und ja, er hat es verdient.“ Er war sich in seinem Leben selten etwas so sicher gewesen.

„Belassen wir es dabei.“

Offenbar gab Kiris sich damit zufrieden.

„Also gut und wenn Ihr schon nicht auf unseren Gast achtet, helft mir die anderen zu informieren. Ich will, das wir noch vor Tagesanbruch hier weg kommen.“

Der Wolf nickte. Eine Aufgabe. Zumindest wäre er vor weiteren Fragen geschützt, während er sich darum kümmerte.

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 11

Auf Reisen

 

 

 

 

 

Zwei Wochen waren sie jetzt unterwegs. Zwei Wochen, in denen die knapp dreißig Mann starke Flüchtlingstruppe durch eine monotone Landschaft zog. Hätte Simon nicht langsam die Silhouette der Berge verschwinden sehen, die sie anfangs noch begleitete, er hätte glauben können, sie kämen gar nicht von der Stelle. In jede Himmelsrichtung sah die Gegend gleich aus. Felsen und Steine, mit Moos bewachsen, die aus dem sumpfigen Boden ragten. Das hohe Gras machte es tückisch sich abseits der Pfade zu bewegen, da man bei jedem Schritt riskierte, nasse Füße zu bekommen. Das Frühjahrsschmelzwasser tränkte die normalerweise trockenen Ebenen regelrecht und daran würde sich wohl erst in einigen Wochen wieder etwas ändern.

Deshalb war er froh, als am Morgen des zehnten Tages, den er jetzt mit den Überlebenden aus Stillforn zog, wieder ein Wald in Sicht kam. Noch waren die Bäume nur als ferne Schemen am Horizont zu erkennen und so flach, wie das Land hier war, könnten sie wohl noch bis heute Abend brauchen, um sie zu erreichen… aber wenigstens bedeutete das, festen Boden unter den Füßen zu haben. Innerlich fluchte er. Mit einem Pferd hätte er die Strecke in einem Drittel der Zeit bewältigen können.

Sie machten auf halbem Weg Rast, während die Sonne ihren höchsten Stand erreichte. Zusammen mit der Wärme kamen schließlich auch Schwärme von Mücken, die einfach aus dem feuchten Untergrund aufzusteigen schienen. Für jede, die man erschlug, schienen zwanzig Neue aufzutauchen und bald gab Simon es auf, sich weiter gegen die Plagegeister zu wehren. Götter, er wusste, was er als Erstes tun würde, sobald er seine Fähigkeiten zurück erhielt. Er würde diese komplette Gegend in Feuer baden. Mit einem Seufzer stellte er den Rucksack ab, den er trug. Kiris hatte ihre Drohung wahr gemacht. Wenn er essen wollte, half er. Und so heruntergekommen er selber war, er war nach wie vor besser auf den Füßen als ein Großteil der ehemaligen Einwohner Stillforns.

„Hier…“

Jemand tauchte mit einem gefüllten Wasserbecher neben ihm auf. Simons erster Impuls war, den Krug wegzuschlagen. Er war noch nicht so weit, dass er auf Almosen angewiesen war… am Ende jedoch, siegte der Durst und er griff danach. Simon stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter.

„Danke.“

Die Worte waren heraus, bevor er etwas dagegen tun konnte, während er sich nach seinem Wohltäter umsah. Sein Blick verfinsterte sich, als er Kiris erkannte. Das hatte ihm noch gefehlt…..

„Ich brauche Euch bei Kräften.“, meinte sie, während sie ihn einen Augenblick lang skeptisch ansah. Dann fuhr sie fort: „Wieso behelft ihr Euch nicht mit einem Zauber? Schafft uns die Mücken vom Hals.“

„Das wäre endgültig unter meiner Würde.“, brummte er, während er sich eine trockene Stelle im Gras suchte und sich setzte.

Auch die übrigen Flüchtlinge verteilten sich in der Umgebung, entfachten Feuer, durchsuchten ihr Gepäck nach etwas Essbarem oder verteilten Wasser.

Offenbar nahm Kiris seine Ausrede hin.

„Und ich dachte grade, Ihr könntet freundlich sein. Da habe ich mich wohl getäuscht.“

Simon gab keine Antwort, während er den Blick über die Landschaft schweifen ließ. Gelbes Gras ersteckte sich auf dem Weg, den sie gekommen waren und verlor sich irgendwo in der Ferne, wo die Halme mit dem Horizont verschmolzen. Ansonsten schien alles verlassen. Oder doch nicht ?

Simon blinzelte. Weit draußen auf dem Grasmeer stand eine Silhouette. Groß, aufrecht stehend…. . Das war kein Rentier. Ein Nachzügler vielleicht ?

„Vermisst Ihr jemanden?“, fragte er

„Ich vermisse eine Menge Leute, Dank Euch.“, antwortete sie. „Für ein Leben habe ich genug Tod gesehen.“

Simon nickte ohne selbst genau zu wissen, was er damit meinte. Die Frau hatte Biss, das zumindest musste er ihr lassen. Aber… er sah wieder auf die Ebene hinaus. Die Gestalt war weg, beinahe, als wäre sie im Gras versunken. Vermutlich war es ohnehin nichts gewesen.

„Würdet ihr mir eine Frage beantworten?“ , wollte Simon wissen.

„Wie auch immer Ihr auf die Idee kommt…“ Sie stockte. „Fragt was ihr wissen müsst"

„Wie ist jemand wie ihr, Vorsteherin eines Dorfes geworden? Verzeiht, aber eure Kleidung, euer Auftreten… ihr wirkt nicht wie einer dieser Bauern.“

„Ich wäre vorsichtiger mit dem was Ihr sagt. Das sind meine Leute, Simon Belfare. Und Ihr habt ihnen mehr als nur Unrecht getan.“

„Ganz im Gegenteil. Ich habe jedes Recht auf meiner Seite.“, antwortete er.

Kiris seufzte.

„Ich habe wirklich wenig Lust darüber zu debattieren…..Also um Eure Frage zu beantworten, meine Familie lebte schon seit Generationen in Stillforn. Und ob Ihr es glaubt oder nicht, aber es gab ein paar reiche Familien dort. So konnten wir es uns überhaupt leisten, einige Söldner als Hilfe anzuwerben. Kein Mensch wäre so verwegen, sich mit dem Kaiser anzulegen, aber die Gejarn haben noch genug offene Rechnungen zu begleichen wie es scheint.“

„Ordt?“, fragte Simon.„Ist der Wolf deshalb hier, weil Ihr ihn bezahlt?“ Die Vorstellung trug wenig dazu bei, seine Abneigung dem Gejarn gegenüber zu schmälern. Söldner waren schlicht nicht verlässlich, dachte er. Wenn man nur für Gold kämpfte, war die Loyalität auch nur daran gebunden, wer mehr bot. Und von einem bezahlten Schergen zu erwarten, dass er bis in den Tod kämpfte…..

“Anfangs.“, erwiderte Kiris und riss ihn damit aus seinen Gedanken. „Jetzt… ehrlich gesagt weiß ich nicht wirklich, warum er immer noch hier ist. Aber ich habe nicht den Luxus Hilfe abzulehnen, wenn sie mir jemand anbietet.“

„Und das Amt als Vorsteherin ?“

„Vor mir hatte mein Vater diesen Rang inne. Nach seinem Tod habe ich es… einfach übernommen könnte man sagen. Es gab eine Wahl, aber die Entscheidung viel recht einstimmig aus, auch wenn ich ein paar Zweifler erst überzeugen musste. Ehrlich gesagt bin ich überrascht, das euch das interessiert.“

Simon zuckte mit den Schultern.

“Wir sitzen für den Moment im selben Boot. Ich wüsste also gerne, mit wem ich es zu tun habe.“

„Wir sitzen nicht einmal ansatzweise im gleichen Boot, Zauberer.“ Kiris ganze Stimmung schien von einem Moment auf den anderen wieder auf eisige Kälte umzuschlagen. „Mit etwas Glück erreichen wir bald Anego. Dann trennen sich unsere Wege wieder.“

Anego… Simon schüttelte den Kopf bei dem Gedanken, wohin es ihn verschlug. Eine Stadt mitten im Nirgendwo, deren einzige Existenzgrundlage wohl auf dem regen Schmuggel vorbei an den herrschenden Fürsten und der Förderung durch den Kaiser basierte, der wohl einfach nicht zusehen wollte, wie eine einmal errichtete Metropole im Sumpf versank. Da wäre es auf einer der nördlichen Inseln angenehmer und die wurden allgemein als Strafkolonien verwendet…. Aber an Orten wie solchen konnte man auch leichter verschwinden.

„Je früher, desto besser.“, antwortete er kühl.

  1. Stunden später waren sie wieder unterwegs und hatten bereits die ersten Ausläufer des Waldes erreicht. Dahinter musste Anego liegen. Eine Menschenstadt… Ordt war sich nicht sicher, ob ihm die Vorstellung gefiel. Nach allem, was er gehört hatte, war es ein Ort, an den sich selbst die Menschen nicht gerne wagten. Aber es war auch die einzige größere Ansiedlung in der gesamten Provinz und sie konnten nicht ewig durch die Gegend ziehen. Es war ein Problem, über das er sich Gedanken machen konnte, wenn sie dort wären. Der Wolf ließ den Blick hinauf zum Blätterdach über ihnen wandern. Wenigstens die aufgeweichten Ebenen hatten sie jetzt hinter sich gelassen und die grünen Blätter und alten Bäume erinnerten ihn ein wenig an seine Heimat. Natürlich sahen die meisten Wälder sich recht ähnlich, sagte er sich selbst, aber das änderte wenig an der Tatsache. Von Zeit zu Zeit war da dieses reumütige Gefühl, dem er keinen Namen geben wollte. Hätte er es getan, wäre Heimweh wohl das richtige Wort gewesen. Aber das war etwas, das er sich schlicht nicht erlauben konnte. Nie mehr. Für ihn gab es kein Zurück.

„Verzeiht, aber Ihr seht aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen.“, bemerkte Kiris.

„Nicht unbedingt einen Geist, nein…“ Ordt drehte sich zu der Frau um. Sie gingen bereits an der Spitze der Gruppe und hatten die übrigen Flüchtlinge bereits ein Stück hinter sich gelassen um den Weg zu sichern. So musste er wohl nicht fürchten, dass sie jemand belauschte. Zumindest, galt das wohl für die übrigen Menschen. Bei Simon und generell Zauberern, konnte man wohl nie wissen.

„Was dann ?“

Der Gejarn schüttelte lediglich den Kopf, während er sich umsah. Die Bäume standen hier so dicht, dass sie einen Großteil des Sonnenlichts aussperrten und damit alles in Zwielicht tauchten. Ordt verstand nicht genau wieso, aber offenbar war es für Menschen um einiges schwieriger, bei diesen Verhältnissen etwas zu erkennen. Und das machte sie seltsam verwundbar. Doch die Schatten unter dem dichten Blätterdach waren leer, soweit er sehen konnte. Nur ein paar Tiere sprangen, von der Reisegruppe aufgeschreckt, davon. Und riechen tat er nur Bäume, verrottendes Laub und Harz…. . Keine fremden Eindrücke.

„Ihr habt mit dem Zauberer gesprochen, oder?

„Er wird uns in Anego verlassen. Und ich bin ehrlich gesagt froh darüber.“

Der Wolf grinste über ihren Tonfall.

„Ich mag nicht viel über Menschen wissen, aber Ihr klingt nicht so, als ob Ihr das ernst meint.“

Der Mann ist eine Katastrophe, Ordt.“ Kiris deutete zurück zu ihrer Gruppe. „Ich hoffe einfach immer noch, dass er uns nicht in Gefahr bringt. So viel Anstand traue ich ihm wenigstens zu.“

„Traue niemals einem Zauberer.“, gab der Gejarn zurück. „Die wichtigste Weisheit meines Volkes.“

„Und Ihr seid sicher, das geht nicht nur darauf zurück, das Eure Art über keine Magie verfügt?“

„Manchmal, Kiris seid Ihr offenbar scharfsinniger als gut für Euch ist. Das ändert allerdings wenig daran, dass ich ihm nicht traue. Aber das habe ich Euch jetzt oft genug gesagt…..“

 

Vor ihnen machte der Pfad, dem sie folgten einen Bogen und verschwand halb hinter einer undurchsichtigen Wand aus Bäumen. Ordt wusste nicht warum, aber er bedeutete Kiris, stehenzubleiben. Diese sah ihn fragend an, folgte aber seinem Beispiel und hielt an. Die übrigen Dörfler holten langsam wieder zu ihnen auf und sahen sich nervös um.

Der Wolf jedoch blieb auf die Abbiegung vor ihnen konzentriert. Prüfend sog er die Luft ein. Wieder nichts. Tannenharz, Laub... trotzdem stellten sich die Haare in seinem Nacken auf. Langsam wanderte seine Hand zum Schwertgriff.

„Ordt ? Was ist da vorne?“

„Nichts, das ist ja das Problem…“ Ordt ließ die Waffe los. “Nennt mich paranoid, aber wir sollten einfach vorsichtig weitergehen. Zumindest, bis wir aus dem Wald heraus sind. Keine Alleingänge mehr und wir bleiben dicht beieinander.“

“Wo ist das Problem, Wolf?“ Simon hatte sie ebenfalls eingeholt und sah von einem zum anderen.

„Ihr könnt gerne vorgehen und es für uns herausfinden.“ , knurrte der Gejarn. „Wenn Ihr es denn wagt, oh großer Magier.“

„Ist das eine Herausforderung?“ Simon kniff einen Moment misstrauisch die Augen zusammen. „Gebt mir zwei Leute mit, dann gehe ich vor.“

„Freiwillige?“ ,fragte Kiris an die übrigen Flüchtlinge gerichtet und kaum einen Augenblick später traten auch schon zwei Männer, mit zu Waffen umfunktionierten Werkzeug, vor. Zu Klingen scharfgeschliffene Schaufelblätter, die sich wohl als improvisierte Lanzen verwenden ließen…. . Vermutlich zerbrachen diese aber schon an der simpelsten Panzerung.

Simon gab den beiden lediglich ein Zeichen und setzte sich dann an die Spitze des kleinen Zugs. Ordt folgte ihm, nach wie vor angespannt. Sie hatten die Kurve jetzt so gut wie erreicht. Und noch immer rührte sich nichts. Vielleicht hatte er sich wirklich getäuscht, dachte der Gejarn. Nein, etwas stimmte nicht. Nur was es war schien ihm immer wieder zu entgleiten. Dabei musste es doch offensichtlich sein. Einem Teil von ihm, seinem Unterbewusstsein war klar, dass sie in Gefahr waren…

Der Duft von Tannenholz und Harz in der Luft verstärkte sich noch einmal, als sie die natürliche Barrikaden aus Bäumen passierten. Tannen…. . Bei den Geistern. Entsetzt sah er sich um, spähte zu den Zweigen über sich, suchte… und fand nicht, was er erwartet hatte. Es gab in diesem Wald keine Tannen… Es roch nach Bäumen die überhaupt nicht da waren!

„Sofort stehenbleiben!“, schrie er. Simon war ihm egal, aber die beiden Freiwilligen nicht.

„Zurück, das ist eine Falle, das…..“

Seine Worte kamen zu spät, als eine einzelne Gestalt geradezu aus dem Himmel fiel. Wahrscheinlich hatte sie in Wahrheit auf einem Ast über dem Weg gelauert. Der Fremde rollte sich über die Schulter ab, als er den Boden erreichte und kam direkt vor der dreiköpfigen Gruppe, bestehend aus Simon und seinen beiden Begleitern zum Stehen. Seine Kleidung entsprach fast genau dem Ton seiner Haare. Rabenschwarz, dunkler als Ordts eigener Pelz. An einem anderen Mann hätte das vielleicht lächerlich gewirkt, dachte der Gejarn. Aber nicht bei dem Fremden. Eine offene Metalldose hing an seinem Gürtel, in der sich, wie Ordt jetzt wusste, vermutlich eine schwarze, zähe Paste befand. Tannenpech. Der Geruch überdeckte jegliche anderen Fährten…. Wenn man sich an einen Gejarn heranschleichen wollte, die einzige Möglichkeit, auf Nummer sicher zu gehen.

Mehrere Messer ragten aus einem Gürtel, den er quer vor der Brust trug und über seinen Rücken ragte der Griff eines Schwerts. Keine der überladenden Waffen des Adels, sondern eine elegante, schmucklose Klinge. Geschaffen für einen einzigen Zweck…..

 

Kapitel 12

Der Assassine

 

 

 

 

 

Simons Begleiter richteten sofort die Waffen auf den Fremden.

„Wer seid Ihr?“, verlangte einer von ihnen zu wissen, während er auf den Mann zutrat, der soeben praktisch vom Himmel gefallen war. Beinahe, als wollte er sich ergeben, ließ dieser sich auf die Knie nieder, so dass er nun auf dem Boden hockte. Und dabei irgendwie aussah, wie eine gewaltige Krähe, dachte Simon.

„Steht auf, aber legt Eure Waffen weg.“, forderte ihn nun der zweite Dörfler auf.

Der Fremde hob den Kopf.

„Nein.“

Und genau in diesem Moment überschlugen sich die Ereignisse. Simon hatte noch nie gesehen, dass sich jemand so schnell bewegte. Vielleicht die Seher in Stillforn , aber ansonsten….

Bevor einer seiner zwei Begleiter reagieren konnte, war der in schwarz gekleidetem Mann wieder auf den Füßen und diesmal hielt er zwei gespannte Radschlosspistolen in Händen. Sich überlagernde Donnerschläge hallten durch den Wald, als der Fremde die Abzüge betätigte. Die beiden Dörfler sanken in sich zusammen, jeder ein gleichförmiges Loch in der Brust, dort, wo das Herz sitzen musste. Pulverdampf hing nun in der Luft, brannte in Simons Nase… das ganze hatte nur wenige Augenblicke gedauert.

„Simon Belfare, nehme ich an?“ , fragte der Fremde scheinbar gelassen, während er die leergeschossenen Pistolen in zwei Schlaufen an seinem Gürtel verschwinden ließ. Achtlos stieg er über die zwei Toten zu seinen Füßen hinweg. Sein Blick ging direkt an Simon vorbei, zu den übrigen Überlebenden, die sich nun um Kiris und Ordt scharrten, der angespannt zwischen ihnen und den zwei Männern an der Straßenbiegung hin und her sah. Kiris hingegen war bleich geworden, sobald sie die Schüsse gehört hatte. Zuzusehen, wie sie noch zwei Leute verlor… Simon schüttelte den Kopf, er hatte drängendere Probleme und das Größte davon stand direkt vor ihm.

„Wer seid Ihr ?“

„Mein Name ist Roderick. Ihr könnt ihn Euch merken. Es ist ohnehin der letzte, den Ihr je hören werdet.“ Zu Simons entsetzen holte der Mann einen türkisblauen Streifen Stoff hervor. Einen Stoffstreifen, auf dem das Tropfensymbol des Ordens zu sehen war. Die Überreste seines Umhangs… „Ihr solltet wirklich lernen Eure Spuren zu verwischen.“

„Also hat Erik Euch hinter mir hergeschickt. Ich sehe schon…“ Simon spannte sich an.

Er hatte keine Waffen, keine Magie… und dieser Mann hatte bereits unter Beweis gestellt, dass er mehr als nur gefährlich war. Er schätzte seine Chancen ab. Wegrennen kam nicht in Frage. Dafür war Roderick zu nahe. Und der Mann könnte ihm einfach in den Rücken schießen. Und kämpfen….

Sein Blick wanderte zum Messergürtel des Mannes.

„Um den Verräter am Orden zu stellen.“

Simon ergriff seine Chance.

Seine Hand schnellte vor und fasste den Griff eines der Messer, die der Mann trug. Mit einem Ruck war die Klinge aus ihrer Halterung befreit und er stieß zu…. Die Klinge traf nur noch Luft, als Roderick schnell wie ein Windhauch auswich und noch in der Bewegung das Schwert von seinem Rücken zog.

Sowohl Simon als auch der Auftragsmörder kamen einige Schritte voneinander entfernt wieder zum Stehen. Der Zauberer wog das Messer in der Hand und überlegte, ob er es einfach nach seinem Gegner werfen sollte. Aber dann wäre er erneut völlig unbewaffnet… vor allem, wenn er nicht traf.

Roderick nahm ihm die Entscheidung ab, als er mit erhobener Waffe vorstürmte.

Simon blieb nichts anderes übrig, als die Attacke abzuwehren und so wurde er rasch in die Defensive gezwungen. Stahl prallte in schneller Folge auf Stahl, während der Zauberer immer weiter zurückwich und jeden Moment damit rechnete, getroffen zu werden. Ewig konnte er nicht so weitermachen, dachte er, während Rodericks Schwert knapp an seinem Hals vorbeijagte. Zumindest nicht lediglich mit einem Messer bewaffnet. Was er jetzt brauchte, wäre ein Zauber.

Simon parierte einen weiteren mit knochenbrechender Kraft geführten Hieb, der ihn zum Straucheln brachte. Darauf hatte sein Gegner anscheinend gewartet, denn Roderick ergriff seine Chance… und hob die Klinge erneut. Simon hingegen nutzte die kurze Sekunde, die er dadurch gewann und sammelte sich. Dann streckte er eine Hand vor. Roderick erkannte, was er vorhatte. Simon hatte noch nie gesehen, dass jemand versuchte, einem Zauber auszuweichen, aber der Mann brachte es scheinbar fertig, seine Gedanken zu lesen. Statt den Angriff zu Ende führen, was seinen Tod bedeutet hätte, lies er sich blitzschnell zu Boden fallen und kam einige Schritte entfernt wieder auf die Füße. Außer Reichweite jedes Zaubers, den Simon hätte wirken können. Wenn ihm das denn möglich gewesen wäre.

Einen Moment starrte er wie versteinert auf seine eigene, ausgestreckte Hand. Nichts geschah. Nicht einmal ein Funken.

„Ach ja…“ verflucht, er musste sich nach wie vor daran gewöhnen, auch etwas zu verzichten, über das er sein ganzes Leben lang verfügt hatte.

Auch der Auftragsmörder sah blickte ihn mit zunehmender Verwirrung an. Den Mann, der unfähig war, einen Zauber zu sprechen.

„Also ist es wahr…“ auf Rodericks Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, das keinesfalls freundlich zu nennen war. Dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte. Laut und kalt…. „Der große Zauberer, beraubt aller Macht.“

Simon antwortete nichts, sondern umklammerte wieder das Messer. Götter, er hatte grade mehr Glück als Verstand gehabt, wie ihm bewusst wurde. Und jetzt, wo er seinen letzten Trumpf ausgespielt hatte… würde Roderick sich sicher nicht noch einmal ablenken lassen.

„Also dann…Zauberer…bringen wir das zu Ende, damit ich das Kopfgeld für Euch einstreichen kann. Wer weiß, vielleicht verzichte ich sogar darauf, nur um Euch zu töten…. “

„Wenn Ihr glaubt, mir Angst machen zu können, dann habt ihr Euch geschnitten….“

Roderick lachte nur.

„Ich habe diese Worte schon so oft gehört. Aber am Ende Simon… betteln sie alle um Gnade. Es gibt nichts erhebenderes, als einen am Boden zerstörten Magier.“

Simon verkniff sich eine Antwort. Es wäre ohnehin egal. Aber wenigstens einen Denkzettel könnte er diesem Bastard noch mitgeben. Er wog die Waffe in der Hand, schätzte die Entfernung... dann hob er den Arm zum Wurf.

Bevor er jedoch dazu kam, das Messer nach dem Mann zu schleudern, hörte er Schritte hinter sich. Offenbar hatten Ordt, Kiris und die übrigen Dörfler sich aus ihrer Erstarrung gelöst und kamen nun, ihre improvisierten Waffen und Werkzeuge in den Händen, auf sie zu.

Roderick sah kurz zwischen ihm und der vermeintlichen Verstärkung hin und her, als ob er abschätzen wollte, wie viel Ärger sie ihm machen konnten.

„Das ist noch nicht vorbei, Zauberer.“, erklärte er, bevor er sich umdrehte. „Und an Euch, ich würde mir gut überlegen, ob ich weiter mit einem Mann reisen wollte, der von seinem eigenen Orden gejagt wird.“

Mit diesen Worten verschwand er mit wenigen Schritten im Wald… und in den Schatten unter dem dichten Blätterdach. Simon sah ihm misstrauisch nach, verlor ihn aber bald aus den Augen. Und den Mann zu verfolgen wäre Selbstmord. Langsam drehte er sich zu den anderen um. Möglicherweise war der Assassine jetzt auch sein kleinstes Problem.

„Wie hat er das gemeint?“ , wollte Kiris wissen.

Ordt hatte den Kampf zwischen den beiden Männern verfolgt. Der Schlagabtausch war kurz gewesen, schien aber vor allem Simon einiges an Kraft gekostet zu haben. Der Zauberer hatte eben etwas sehr seltsames getan. Er hatte schon Menschen gesehen, die Magie wirkten, dachte der Wolf. Aber das eben war seltsam gewesen. Die meisten schienen sie dabei immer auf ihre Hände zu fokussieren, vielleicht einfach, weil es ihnen leichter viel, sich darauf zu konzentrieren. So oder so, er kannte die typischen Bewegungen, die normalerweise vorausgingen, bevor jeder, der im Weg stünde in Flammen aufging. Doch als Simon dieses Mal die Geste vollführt hatte, war nichts passiert. Und irgendwie bezweifelte er, dass das bloße Strategie gewesen war.

„Wie hat er das gemeint?“ , verlangte Kiris zu wissen, sobald der Fremde, der sich Roderick nannte außer Sicht war.

„Es dürfte klar sein, wie er das gemeint hat.“, antwortete der Wolf. Seine Augen fokussierten sich dabei direkt auf den Zauberer.

„Der Bastard nutzt uns als lebende Schilde, um sich vor seinen eigenen Leuten zu verstecken. Und jetzt haben sie uns gefunden.“

„Ist was wahr?“ Kiris verschränkte die Arme vor der Brust. „Götter… wenn er dem Orden berichtet, dass Simon hier ist….“

„Sie werden uns jagen wie die Ratten.“, erklärte Ordt. „Wegen euch, Simon.“

„Das war nicht meine Absicht.“, antwortete dieser. „Ich hatte vor euch in der nächsten Siedlung zu verlassen, Ordt.“

„Und das sollen wir euch abnehmen?“ Ordt legte eine Hand demonstrativ auf den Schwertgriff und machte einen Schritt auf den Magier zu. „Vielleicht bringe ich gleich hier zu Ende, was euer Freund Roderick nicht geschafft hat.“

„Ach und wie wollt ihr das anstellen?“, fragte Simon angespannt.

Der Mann machte sich erneut für einen Kampf bereit. Und diesmal, dachte Ordt würde er auch nicht davor zurückschrecken. Sie hatten grade eine Grenze passiert, die sich nur mit Blut wiederherstellen ließ.

„Ich glaube nicht, dass Ihr noch über irgendwelche Magie verfügt.“, antwortete er.

„Warum auch immer, Ihr konntet vorhin keine einsetzen. Glaubt Ihr ich bin blind?“

„Sicher das ihr Euer Leben darauf verwetten wollt, Gejarn?“, fragte Simon düster.

„Ja.“ Ordt wartete darauf, dass etwas geschah. Entweder, weil er einen Fehler gemacht hatte und gleich von einem Blitz erschlagen werden würde… oder weil er Recht gehabt hatte. So oder so, er hatte den Mann jetzt lange genug geduldet. Und er hatte sie allesamt zu Zielscheiben für den Sangius-Orden gemacht.

„Dann sterbt eben…“ Simon stieß ohne Vorwarnung mit dem Messer zu, aber Ordt hatte bereit damit gerechnet.

Der Wolf trat beiseite und ließ den Angriff ins Leere laufen, bevor er seinerseits zuschlug. Seine Faust traf mitten in Simons Gesicht. Und er hatte alles an Kraft in den Hieb gelegt, die er hatte. Der Zauberer wurde von den Beinen gefegt und schlug auf der Straße auf.

Ordt war bereit, sofort noch einmal zuzuschlagen, sollte das nötig sein, aber Simon blieb regungslos liegen. Blut sickerte aus einer Platzwunde an seiner Stirn. Aber er atmete noch.... Schade.

„Ist er tot?“ , fragte Kiris kleinlaut.

Er hätte nie gedacht, dass er den Tag erleben würde, wo diese Frau einmal… zaghaft wirkte. Aber heute waren schon zu viele verrückte Sachen passiert. Dass er einen der mächtigsten Hexenmeister Cantons erschlug, hätte auch nicht mehr viel geändert.

„Nein, nur bewusstlos.“, meinte er. „ Leider.“

Einer der Dörfler fragte: „Und, was machen wir jetzt mit ihm ?“

„Liegenlassen.“, erklärte Kiris lediglich. „Vielleicht kommt der Attentäter zurück, wer weiß. Hauptsache, wir sind ihn los.“

„Solange das der Orden nicht erfährt, bringt uns das wenig.“, warf Ordt ein, während er den bewusstlosen Zauberer musterte. „Die nächste größere Siedlung ist Anego. Wenn es dort eine Niederlassung der Magier gibt, können wir ihn direkt dort abliefern. Um den Rest, sollen die sich kümmern. Dann sind wir das Problem endgültig los.“

Kiris schien einen Moment nachzudenken.

„Einverstanden.“, sagte sie schließlich. „So ungern ich das zugebe aber… ich sehe keine andere Möglichkeit uns zu retten. Nicht wenn dieser Roderick von uns berichtet. Aber….“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Aber?“ , fragte er.

„Die Zeiten in denen ich dem Orden getraut habe, sind lange vorbei.“

Kiris hatte sich zu dem ohnmächtigen Zauberer hinab gebeugt und besah sich die Platzwunde an seiner Stirn. Ordt hätte ihr bereits sagen können, das das unnötig war. Die Verletzung wäre nicht tödlich, wenn der Mann nicht ordentlich Pech hätte. Aber er würde enorme Kopfschmerzen haben wenn er aufwachte. Vielleicht tat er ihnen ja auch den Gefallen und blieb bewusstlos, bis sie Anego erreichten.

„Wenn wir das wirklich machen, dann sollen die anderen ohne uns weiterziehen. Es reicht, wenn ihr und ich uns der Gefahr aussetzen.“

„Dann haben wir einen Plan.“, stellte der Wolf fest. Die Aussicht, wieder einmal dem Sangius-Orden zu begegnen war nicht wirklich schön, aber im Moment ihre beste Möglichkeit.

 

Mit einigen wenigen Worten verabschiedeten sie sich von den restlichen Überlebenden aus Stillforn, während sie alles zusammensuchten, was sie für die Reise brauchen würden. Zu zweit… oder besser zu dritt, würden sie die Strecke sehr viel schneller bewältigen. Und dann versuchen, so schnell wie möglich wieder zu den anderen zu gelangen. Kiris schulterte einen Rucksack mit Vorräten, während Ordt den nach wie vor bewusstlosen Zauberer einfach aufhob, als würde er nichts wiegen. Je schneller sie das hinter sich hätten, desto besser, dachte er.

 

Kapitel 13

Ungelöst

 

 

 

 

 

 

Simon starrte in die Nacht, weg vom Feuer, das einige Schritte entfernt brannte und die zwei Gestalten beleuchtete, die daran schliefen. Drei Tage waren sie jetzt unterwegs und sein Kopf fühlte sich nach wie vor an, als hätte ihn jemand aufgemeißelt und flüssiges Blei hineingegossen. Eines Tages würde der Wolf…. Ach was machte er sich eigentlich vor? Es war vorbei, seine letzte Chance zunichte. Was erhoffte er sich? Das Erik ihn ein zweites Mal entkommen ließ? Und Ordt war bei weitem zu wachsam für einen Fluchtversuch, selbst wenn seine Hände nicht gefesselt wären und seine Beine mit einem Seil so gesichert, das er kaum mehr als schnell gehen konnte. Wegrennen war, ohne sich zuvor umständlich befreien zu müssen, keine Option. Sowohl Kiris als auch der Wolf schwiegen während ihrer Wanderungen. Sie hatten die Wälder mittlerweile hinter sich gelassen und eine große Talsenke erreicht, durch die sich Dutzende von Seen zogen. Aber wenigstens schienen diese die Umgebung so weit zu entwässern, dass sie trockenen Fußes vorankamen. Anego konnte höchstens noch zwei Tagesmärsche entfernt sein, vielleicht auch nur einen….

Und dann würde das hier enden. Wenn Roderick sie nicht vorher wiederfand. Simon hatte keinen Zweifel daran, dass der Mann ihre Spur nicht so schnell verlieren würde. Das hatte er deutlich gemacht.

Er schüttelte den Kopf über seine eigene Dummheit. Ein Fehler, wie er spätestens wusste, als eine Welle aus Übelkeit ihn übermannte. Er übergab sich. Götter, er ertappte sich dabei, wie er sich halb wünschte, sie würde ihr Ziel schneller erreichen. Mit seinem Tod wäre wenigstens auch das vorbei. Der Hieb des Wolfs hatte mehr als gesessen.

Simon richtete sich umständlich wieder auf. An Schlaf zumindest, war für ihn nicht zu denken. Sein Blick wanderte zum Horizont, an dem sich bereits eine blasse, silberne Linie abzeichnete, die das Licht der Sterne überstrahlte. Sie lagerten auf einem kleinen Hügel, der zu einem der zahlreichen Seen hin abfiel. Mitten auf offenem Gelände. Eigentlich, dachte er, hätte ihn das unruhig machen müssen. Jeder, grade der Auftragsmörder, den Erik auf ihn angesetzt hatte, müsste das Feuer schon auf Entfernung bemerken.

Vielleicht war es die Tatsache, dass er dem Tod jetzt erneut so nahe war, wie selten. Aber grade das hätte ihn wohl erst recht nervös machen müssen, oder?

Ein Windhauch brachte den Geruch von vermoderndem Holz und unter Wasser stehenden Wissen mit sich. Der Silberstreif am Horizont war mittlerweile breiter geworden. Es würde bald hell werden und sie ihre Reise damit fortsetzen. Wenigstens könnte er sich dann wieder bewegen, dachte er. Das war immerhin etwas. Am Ende wurde er hier noch zum Optimisten. Der Gedanke war so lächerlich, dass er unwillkürlich grinsen musste. Nein, das ganz sicher nicht. Aber er hatte unangenehm viel Zeit um… nachzudenken.

Simon ließ den Blick zurück zum Feuer schweifen, das mittlerweile fast heruntergebrannt war. Nur noch einzelne, rötliche Flammen hielten sich in der Glut. Eine der zwei Gestalten, die danebenlagen, rührte sich. In der Dämmerung konnte er nicht gleich sagen, ob es Ordt oder Kiris war… allerdings war die Vorsteherin alleine wohl umgänglicher als der Gejarn. Der Wolf hatte es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, ihn so gut es ging zu ignorieren, wenn ihm das möglich war.

 

Die Silhouette, die sich am Feuer aufrichtete, war jedenfalls zu schmal um zu Ordt zu gehören. Kiris warf noch einige Holzstücke, die vom Abend zuvor übrig geblieben waren, auf die ersterbenden Flammen, während sie bereits begann Decken und das wenige, was sie sonst noch an Ausrüstung dabei hatten, zusammenzupacken.

Simon überlegte, ob er sich bemerkbar machen sollte, aber für den Augenblick blieb er einfach sitzen wo er war, ein paar Schritte vom Feuer entfernt. Die Wolken am Horizont hatten nun bereits einen deutlich rötlichen Schimmer. Die Sonne würde wohl bald endgültig aufgehen und damit auch den Gejarn wecken. Ansonsten könnte das wirklich ein schöner Tag werden… Simon schüttelte den Kopf über den Gedanken. Ein schöner Tag sich auf seinen Henker zuzubewegen. Und trotzdem Verstand er nach wie vor nicht wieso. Ohne Delia, die Seherin, wäre nichts von dem passiert. Und doch war das nicht ihre Absicht gewesen, oder? Ihre Worte ergaben sonst keinen Sinn. Wie sollte er nach etwas suchen, von dem er immer noch nicht einmal wusste, was es war, wenn er starb? Konnten Seher sich irren? War das Schicksal am Ende formbar?

Er wünschte er hätte Volero mehr Fragen gestellt. Vielleicht hätte ihm der Alte noch ein paar Antworten geben können. Seltsam, es hätte so viele Dinge zu bereuen gegeben und doch war das das erste was ihm einfiel. Mit diesem Rätsel zu sterben, das war… nicht hinnehmbar.

„Ihr seid wach…“ die Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Kiris saß, den fertig gepackten Beutel auf dem Schoß, vielleicht eine ausgestreckte Armlänge entfernt.

„Schon eine Weile.“, antwortete er. Die Wahrheit war natürlich, dass er überhaupt nicht geschlafen hatte.

“Ich schätze, wir erreichen Anego bald?“

„Ihr klingt beinahe als würdet ihr Euch darauf freuen…“, stellte sie fest. Misstrauen.

Natürlich, er an ihrer Stelle würde auch damit rechnen, dass er noch ein paar Tricks auf Lager hatte.

„Das nicht grade… aber immerhin, Euch muss das wie ausgleichende Gerechtigkeit vorkommen, nicht? Mein Leben für das Eurer Leute.“

„An so etwas glaube ich nicht.“, erklärte Kiris, „Wenn es nach mir ginge und wir die Wahl hätte, hätte ich Euch irgendwo zurück gelassen. Aber das hier habt Ihr selber über euch gebracht.“

Simon entging nicht, dass sie die gleichen Worte benutzte, wie er einige Tage zuvor. Und er war sich völlig sicher, dass das Absicht war.

„Und jetzt wollt Ihr mich töten lassen.“

„Solange Euch nichts besseres einfällt.

„Ihr könntet mich einfach gehen lassen.“, antwortete er. „Sobald ich weg bin, lasse ich mich beim Orden sehen, damit sie wissen, dass ich nicht mehr bei Euch bin. Ich muss mich ja nicht unbedingt erwischen lassen. Wir würden alle bekommen, was wir wollen.“

Nicht, dass er das wirklich tun würde, dachte er. Oder doch? Es wäre einfach, ein Ordensmagier oder eine kaiserliche Patrouille müsste ihn ja nur aus sicherer Entfernung sehen. Aber warum sollte er das riskieren? Kiris Stimme holte ihn zurück in die Wirklichkeit, bevor ihm eine Antwort einfiel.

„Das würdet ihr tun?“ Sie klang nicht überzeugt, aber schwang da nicht so etwas wie Hoffnung in ihrer Stimme mit?

„Ja.“ , antwortete er und hoffte, dass es überzeugend genug klang.

Götter, wenn sie ihm nur glaubte, dann hätte er tatsächlich noch eine Chance hier rauszukommen. Was er dann tun würde freilich, wusste er noch nicht.

Eine schallende Ohrfeige machte jedoch alle seine Hoffnung in einem einzigen Augenblick wieder zunichte.

„Das war übrigens für mein Zuhause, Bastard.“ Kiris ließ die Hand sinken.

Sie war aufgesprungen und Wut schimmerte jetzt in ihren Augen. Und zum ersten Mal hatte er… Angst vor ihr. Während der ganzen zwei Wochen, die er jetzt mit ihr und dem Wolf reiste, war sie stets reserviert, kühl, ja geradezu zurückhaltend gewesen. Aber das hier… Simon fürchtete kurz, er müsste gar nicht mehr auf den Henker warten. Es reichte ihr wohl auch, wenn man seine Leiche abliefern konnte.

„Glaubt ihr ich bin dämlich?“

Kiris Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, leise, aber tödlich. Und Simon fand sich unfähig, irgendetwas zu erwidern, ob es nun ihre Wut schüren oder besänftigen würde. Nur eines wurde ihm klar. Stillforn hatte eine gute Wahl für seine Vorsteherin getroffen, dachte er. Auch wenn ihm das im Augenblick nichts nützte. Ganz im Gegenteil. „Ihr nutzt andere bei jeder Gelegenheit aus, wenn Ihr euch davon irgendeinen Vorteil versprecht, Simon. Wenn Ihr denkt, ich würde ein Wort von dem glauben, was Ihr sagt, habt Ihr Euch getäuscht. Ihr hattet einige Chancen zu zeigen, das Ihr tatsächlich so denken könntet… aber Ihr habt nichts getan, als uns alle zur Zielscheibe zu machen, obwohl Euch das von Anfang an klar gewesen sein muss.“

„Es tut mir leid.“ Seine eigene Stimme kam ihm überraschend kraftlos vor.

Es war vielleicht das erste Mal, dass er diesen Satz sagte… und ihn auch so meinte. Er hatte bei so vielen Gelegenheiten das gleiche gesagt, beim Begräbnis eines mächtigen Adeligen, beim Tod eines Ordensmagiers… aber dabei waren es Höflichkeitsfloskeln geblieben.

Und normalerweise, dachte Simon, hätte er auf ihre Anschuldigungen nicht viel gegeben. Doch diesmal traf es einen Nerv, ohne das er zu sagen gewusst hätte wieso.

„Nein, Simon… ihr tut Euch nur selbst leid, das ist alles.“

Einen Moment war alles still, bis auf das Knistern des wieder auflodernden Feuers und dem Wind, der durch die Grashalme ging. Für jemanden, der zufällig vorbei gekommen wäre, hätte sich wohl ein seltsames Bild geboten. Der Oberste des Sangius-Ordens, gefesselt und am Boden sitzend, den Kopf zum Boden gesenkt und die Frau vor ihm, die ihn selbst stehend vielleicht grade einmal um einen Kopf überragte.

„Kiris ?“ Simon wusste nicht, ob ihr Gespräch den Wolf geweckt hatte oder ob Ordt schon vorher aufgewacht war, aber ohne das er es gemerkt hätte, war nun auch der Gejarn von seinem Platz am Feuer aufgestanden.

„Alles In Ordnung ?“

Sie antwortete nicht sofort, sondern wandte* sich zuerst von Simon ab, bevor sie ans Feuer zurückging.

„Brechen wir auf.“, meinte sie, während sie ihren Rucksack wieder aufhob.

„Je eher wir das hinter uns haben, desto besser.“

Der Wolf sah lediglich einen Moment unsicher zwischen Simon und der Frau hin und her, bevor er sich mit einem Schulterzucken daran machte, seine wenigen Habseligkeiten zusammenzusuchen. Die Sonne schickte grade ihre ersten Strahlen über den Horizont und tauchte die Landschaft vor ihnen in ein Farbenmeer aus Rot, Gelb und dem Grünblau der Seen….

Simon achtete kaum noch darauf, was Kiris oder der Wolf taten, sondern sah einen Moment über die Senke vor ihnen hinweg. Zumindest mit einem hatte er recht gehabt. Es würde ein schöner Tag werden. Das änderte aber wenig an dem Chaos, das sich in seinem Kopf eingenistet hatte.

Weniger als eine Stunde später waren sie bereits wieder unterwegs und gegen Abend sah Simon zum ersten Mal deutliche Zeichen menschlicher Besiedlung. Der ausgetretenen Wildwechsel, dem sie zuvor gefolgt waren, führte zu einer mit Pflastersteinen befestigten Straße, die sich zwischen den Seen hindurch schlängelte. Dort, wo weder Wasser noch Wälder das Land für sich beanspruchten, gab es vereinzelt eingezäunte Wiesen, auf denen Schafe oder die allgegenwärtigen Pferde Hasparens grasten.

Und dann sah er es. Aus der Ferne und über den Kamm eines Hügels hinweg konnte er zuerst nur die Krähen sehen. Eine schwarze Schar, die so dicht am Himmel kreiste, das er zuerst glaubte, es handle sich um eine Wolke. Doch sobald er erst einmal das markante Krächzten als das erkannt hatte, was es war, ergab es auch Sinn. Und er wusste bereits, was sie finden würden, als Ordt und Kiris noch misstrauisch zu den Vögeln heraufsahen. Gefahr drohte ihnen keine. Doch am liebsten hätte er seine beiden Wärter aufgefordert, einen Bogen darum zu machen. Er selbst fürchtete den Anblick nicht. Vor… all dem hier hatte er selber mehr als einen dieser Orte errichtet.

Als sie den Gipfel des Hügels erreichten, starrten sie auf eine Schädelstätte. In einer Grube am Wegesrand, so breit, dass das Fundament eines großen Hauses darin Platz gefunden hätte, stapelten sich die Toten. Menschen, Gejarn… bei den Meisten hatten die Verwesung und die Aasfresser längst jede Identifizierung unmöglich gemacht. Und obwohl sie noch mindestens eine halbe Wegstunde davon entfernt waren, konnte Simon den krankmachend süßlichen Geruch in der Luft riechen. Wie es Ordt dabei ging wollte er sich gar nicht erst vorstellen.

„Was bei meinen Ahnen ist hier geschehen?“, wollte der Gejarn wissen.

Kiris sah sich nur mit blasser, aber gefasster Mine um. Sie wusste wohl genauso wie Simon, was das hier zu bedeuten hatte.

„Den Feinden des Kaisers wird nur selten Gnade gewährt. Flüchtige Sklaven, Clans, die keine Abgaben zahlen, Aufständische wie Ihr, bewaffnete Rebellen, Banditen… Verräter“ , antwortete er.

„Auch wenn ich bezweifle, dass alle Toten hier aus einer einzigen… Säuberungsaktion stammen. Tiberius geht brutal vor um seine Macht zu sichern, aber er ist nicht darauf aus, eine ganze Siedlung auszulöschen. Die bezahlen dann keine Steuern mehr.“

„Ihr widert mich an, Mensch. Ihr und Euer Kaiser… Ihr schlachtet Euer eigenes Volk ab!“

„Jetzt sagt mir nicht, die Gejarn wären besser…“ Simon wusste nicht wieso, aber seine Worte schienen einen wunden Punkt bei Ordt getroffen zu haben. Der Wolf knurrte plötzlich und er rechnete halb damit, dass er sich jeden Moment auf ihn stürzen würde. Es hatte eine unbedeutende Erwiderung sein sollen. Nichtssagend…

„Ordt.“ Kiris Stimme war deutlich, aber sie wagte es offenbar auch nicht, zwischen ihn und den Gejarn zu geraten.

„Seht nach Westen.“

Ordt drehte den Kopf in ihre Richtung und zumindest ein Teil der blendenden Wut schien aus seinen Zügen zu weichen. Langsam, fast widerwillig sah er dann zum Horizont, wo Kiris auf etwas deutete. Einige weitere dunkle Schatten. Doch dieses Mal waren es keine Krähen…. Der Rauch von zahlreichen Feuern. Anego konnte nicht mehr fern sein.

 

Kapitel 14

Anego

 

 

 

Anego wirkte wie ein brauner Schmutzfleck inmitten der grasbewachsenen Ebene. Eine Holzpalisade umlief den gesamten Ort, der ungefähr die Form eines Ovals hatte. Die angespitzten Pfähle standen so dicht, dass es praktisch keine Lücken zwischen ihnen gab und man , stand man erst einmal davor, den Eindruck gewinnen konnte, der Wall bestünde aus einem Stück. Dahinter wiederum ragten die ersten Bauten der Stadt auf. Hölzerne oder Steinerne Hütten schmiegten sich direkt an den Schutzwall und die schlammigen Straßen. Die meisten Häuser wirkten ärmlich und alles andere als das, was man von der größten Stadt in der Region erwartet hätte. Lediglich ein einziges, fast rundes Bauwerk erhob sich fast zwei Stockwerke über alle anderen. Eine Arena, aber auch diese hatte offenbar schon bessere Zeiten gesehen. Selbst auf die Entfernung konnte er sehen, dass die Außenfassade stellenweise mit Gerüsten abgestützt werden musste. Vermutlich war das aber auch die einzige Attraktion in der Gegend. Der Bau schien jedem bereits den Zustand dieses Ortes kund zu tun, wie ein langsam verfallender Herold. Zwar gab es eine Niederlassung des Ordens hier, aber Simon selbst hatte es bisher vermieden, sich hier aufzuhalten. Ursprünglich war die komplette Gegend hier Sumpf gewesen, bis der vorherige Kaiser ihn in einem ehrgeizigen Projekt entwässern ließ. Ein Zeichen dafür, dass das Kaiserreich angeblich überall siedeln und neue Kolonien gründen konnte. Hätte man ihn gefragt, dachte Simon, war es eher ein Musterbeispiel dafür, wie das gesamte Reich funktionierte. Symbolik, nicht Taten. Angst, war nur eines davon.

Nach keinem festen Plan angelegt, wucherte die Siedlung allerdings schon längst über ihre eigenen Grenzen hinaus. Jenseits der Palisade duckten sich Gebäude, die noch heruntergekommener wirkten, als hätten die Leute als Baumaterial einfach genommen, was grade da war. Fenster und Türen waren oftmals lediglich mit Tierfellen verhängt oder komplett leer. Andernorts ragten verkohlte Ruinen auf, die wohl ein Brand hinterlassen hatte. Die Asche war lange kalt, wie Simon feststellte, als sie daran vorübergingen. Trotzdem hatte es scheinbar niemand für nötig befunden, hier aufzuräumen. Die verbrannten Balken und der Bauplatz wurden einfach der Natur überlassen, bis sich jemand Anderes hier niederließ.

Doch selbst hier draußen in den heruntergekommenen Vororten Anegos waren die Straßen hoffnungslos überlaufen. Als einzige größere Siedlung im Umkreis von mehreren Tagesreisen, zog Anego alle an, von den Verzweifelten, bis zu denen, die einfach nur ihre Waren anbieten wollten. Bauern zogen mit ihren Karren auf das Stadttor zu, vermutlich um dort ihre Ernteüberschüsse zu verkaufen, vernarbte Söldner zogen in kleineren Gruppen oder alleine umher und immer wieder erhaschte Simon auch einen Blick auf die bunten Wappenröcke der kaiserliche Gardisten. Zumindest sah er keine blau-goldenen darunter, dachte er erleichtert. Diese Farbe markierte die Leibgarde des Kaisers selbst, die neben den Prätorianern in der fliegenden Stadt dienten.

„Bitte sagt mir, dass nicht alle eure Städte so sind…“ Ordt ging leicht gebückt, um nicht direkt aus der Masse hervorzustechen. Was sie im Augenblick nicht gebrauchen konnten, wäre zu viel Aufmerksamkeit. Auch Simons Handfesseln waren größtenteils unter den Ärmeln seiner Kleidung verborgen und so wie er momentan aussah, würde ihn wohl kaum jemand erkennen, aber sicher war wohl sicher. Die einzige, die sich keine Sorgen zu machen brauchte war Kiris. Ihre Kleidung stach im Strom der Reisenden etwas heraus, ansonsten ging sie aber vermutlich als Händlerin durch.

„Nicht alle.“, antwortete sie dem Gejarn.

Ordt rümpfte die Schnauze. „Mich würde wirklich interessieren wie man auf die Idee kommt, hier zu leben….“

„Ob Ihr es glaubt oder nicht, aber eine ganze Menge Gejarn leben auch unter den Menschen.“, meinte Kiris. „Vermutlich gewöhnt man sich daran. Aber keine Sorge, Anego ist wirklich besonders schlimm.“

Simon schüttelte den Kopf, während er den beiden durch die Straßen folgte.

„Ich war mal in der fliegenden Stadt… und jetzt ende ich hier…. Ich bin langsam davon überzeugt, das Schicksal hat Sinn für Ironie.“

„Ich habe sie einmal gesehen.“, bemerkte Ordt da.

„Was?“, wollte Kiris wissen.

„Die fliegende Stadt.“, erklärte der Gejarn. „Es ist schon Jahre her, damals hat sie das Gebiet meines Clans passiert. Ich glaube dabei ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass Menschen verrückt sein müssen um ein Bauwerk zu erschaffen, das über den Himmel wandert. Seitdem habe ich es noch nicht geschafft, diesen Wahnsinn zu verstehen.“

„Nur haben wir sie nicht erschaffen.“, antwortete Simon.

„Wie meint ihr das?“ , fragte der Wolf und zum ersten Mal lag nicht Abneigung oder Kälte in seiner Stimme, sondern echte Neugier. Vielleicht sprach er gerne Abfällig von Menschen, aber offenbar interessierte es ihn wirklich.

„Ich schätze es ändert nichts, aber da Ihr fragt kann ich es Euch auch erklären…. Die fliegende Stadt wurde nicht von den heutigen Menschen erbaut, sondern von einer ausgestorbenen Rasse von Zauberern. Das alte Volk. Magie mag heute recht selten sein, aber damals beherrschte sie offenbar jeder und sie waren deutlich Mächtiger, als selbst die mächtigsten Zauberer aus heutiger Zeit. Allerdings sind von ihnen heute nur noch Ruinen geblieben. Mit Ausnahme der fliegenden Stadt. Ich habe genau so wenig eine Ahnung, was die Zauber der Stadt so lange erhalten hat, wie die restlichen gelehrten Cantons, aber es ist das letzte Stück intakter Magie des alten Volkes. Der Rest ist nur noch in Splittern vorhanden.“

„Und Eure Zauberer durchsuchen das ganze Land danach.“

„Magie ist Macht.“, antwortete Simon kurzangebunden. „Und genaugenommen suchen wir nur, was uns als Erbe zusteht. Wir, jeder einzelne Zauberer aus dieser Welt, sind die letzten lebenden Nachfahren des alten Volkes, es gibt keine andere Quelle für Magie, als ihre noch intakten Erblinien.“

Außer, wenn das was Volero über die Eisnomaden erzählte wirklich der Wahrheit entsprach. Eine neue Magie, aus einer neuen Quelle, nicht mehr gebunden an das Wohlwollen alter Gelehrter und die strikte Suche des Ordens und der freien Magier, die Schüler brauchten um ihre Kunst am Leben zu erhalten, nach Zaubererfamilien…. Es würde ihre ganze Machtstruktur untergraben. Ein schwindelerregender Gedanke. Aber wenn die Nomaden der Eiswüsten sich so lange zurückgehalten hatten, würden sie es wohl auch für den Rest ihrer Existenz tun. Nein, das war keine Bedrohung.

„Das klingt ziemlich arrogant, wenn Ihr mich fragt.“, bemerkte Kiris.

„Euch hat aber niemand gefragt.“ Simon verfluchte sein loses Mundwerk bereits stumm, noch ehe die Worte ganz heraus waren.

„Das“, antwortete sie kühl. „Ist mir durchaus bewusst.“

Mittlerweile hatten sie das Stadttor so gut wie erreicht. Eine Gruppe Wachleute in braunen Schulterumhängen, unter denen ein einfaches Kettenhemd lag, winkten die eintreffenden Reisendender Reihe nach durch, meist ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Das Torhaus selbst bestand aus zwei großen Baumstämmen, die man auf die gegenüberliegenden Enden des Palisadenzauns gesetzt hatte. Im Zwischenraum, den sie offen ließen lag wiederum ein festgezurrtes Gitter. Man müsste nicht mehr tun, als die Halteseile zu durchtrennen und das Gitter würde die Stadt abriegeln. Einer Belagerung würde das allerdings nicht lange standhalten, dachte Simon. Ein Rammbock oder auch nur eine kleine Menge Schwarzpulver würde kurzen Prozess damit machen. Und für einen Zauberer wäre es erst recht kein Hindernis. Wenn dieser Zauberer im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre….

 

Sie reihten sich einfach in die Schlangen der ankommenden Reisenden ein und warteten, bis der träge Menschenstrom sie mit sich durch die Stadttore trug. Der Lärm, während sie warteten, war beinahe unbeschreiblich. Dutzende von Tiere, über Zugpferde, Ochsen und Hühner in Käfigen riefen durcheinander, zusammen mit den Besitzern, Händlern, Adeligen oder einfachen Bauern, sodass man kaum noch einzelne Worte verstehen konnte. Simon schleppte sich bewusst träge voran, während Ordt hinter und Kiris vor ihm blieb. Die Niederlassung des Ordens konnte nicht mehr weit sein, sobald sie die Tore einmal passiert hatten. Und er hatte es ganz sicher nicht eilig, dort anzukommen….

Bevor sie jedoch auch nur die Hälfte des Weges hinter sich hatten, hielt einer der Wachmänner sie an. Der Posten löste sich auf einen Fingerzeig eines seiner Kameraden aus den Reihen der übrigen Soldaten und bahnte sich einen Weg durch die Menge in ihre Richtung. Seine Augen blieben dabei vor allem auf Ordt gerichtet. Gejarn waren in menschlichen Siedlungen zwar nicht völlig ungewöhnlich, aber wenn bereits ein solches Chaos herrschte, waren die Wächter wohl zu Recht misstrauisch über alles Ungewöhnliche.

„Ihr da. Halt.“

Der Mann war lediglich mit einem Speer bewaffnet, den er sich schutzsuchend vor die Brust hielt. Simon war sich in diesem Moment sicher, dass er wohl niemals von alleine auf die Idee gekommen wäre, den Wolf anzuhalten. Seine Kameraden mochten nah sein, aber nahe genug um ihn vor einem Prankenhieb zu retten, sicher nicht. Trotzdem hielt er seine Nervosität beim Anblick des großen Gejarn gut verborgen.

„Gibt es ein Problem?“, wollte Kiris wissen, während sie Ordt bedeutete, ein Auge auf Simon zu haben. Vermutlich, dachte dieser, vor allem damit der Wolf sich zurückhielt. Sie konnten ganz sicher keine unnötige Aufmerksamkeit gebrauchen.

„Das kommt ein wenig darauf an, ob Euer großer Freund da Ärger macht.“, erklärte der Wächter, bevor er fragte: „Wer seid Ihr?“

„Mein Name ist Kiris und das ist Ordt.“, antwortete sie. „Wir stammen aus Stillforn und…“,

„Stillforn…“ hatte der Mann zuvor eine nervöse Freundlichkeit an den Tag gelegt, so war diese von einem Moment auf den anderen verschwunden. „Ihr seid hier nicht willkommen. Ihr habt euch dem Kaiser widersetzt, ich weiß also nicht, was Euch auf die Idee bringt, man würde Euch noch irgendwo einlassen.“

Das konnte ja heiter werden, dachte Simon. Natürlich hatte sich die Nachricht über die Zerstörung der Siedlung mittlerweile verbreitet, aber dass die Wächter in der Umgebung den Namen kennen und sich auch noch merken würden… wer von ihnen hätte damit gerechnet? Er zumindest nicht. Normalerweise waren diese Männer eher darauf aus, keine offensichtlichen Störenfriede einzulassen, ansonsten war meist egal, wer die Tore passierte….

„Vielleicht lässt sich euer Meinung ändern.“, erklärte Ordt da und machte einen drohenden Schritt vorwärts.

„Versucht es nur Kreatur. Ihr seid tot, bevor Ihr zwei Schritte weit kommt.“

Der Wachmann nickte in Richtung seiner Kameraden, die bereits nervös ihre Waffen überprüften. Eines musste Simon ihm lassen, Mut hatte er ja.

„Wir haben Simon Belfare bei uns.“, erklärte Kiris dann.

„Bitte?“ Der Mann sah sie kurz verdutzt an, dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte. „Ich weiß nicht wie Ihr auf die Idee kommt, ich könnte euch das abkaufen. Ich habe ja schon viele Sachen gehört, aber das ist wirklich einzigartig… Ihr…“

„Seht doch selbst.“ Kiris trat bei Seite, so dass der Mann an Ordt vorbei direkt auf Simon sehen musste.

Dieser war sich zwar nicht sicher, ob der Posten ihn auch erkennen würde, aber Erik oder Tiberius hatte sicher bereits dafür gesorgt, dass man sein Gesicht überall kannte. Bisher hatte er keine offiziellen Steckbriefe gesehen, aber das hieß nichts….

„Ja da brat mir doch einer… “

Simon seufzte. Oh ja, er wurde erkannt. So viel zu seiner letzten Hoffnung, dass man sie abweisen würde.

„Ja ich bin es.“, erklärte er entnervt. „Können wir das hier jetzt bitte einfach hinter uns bringen?“

Wenn er heute schon starb oder sich wieder in Eriks… Obhut wiederfand, dann sollte es eben so sein. Aber langsam hatte er die Diskussion satt.

„Ich… ich…“ Der Posten drehte sich zu den anderen Männern herum. „Einer von Euch, informiert den Gardehauptmann, wir… haben hier jemanden für den sich der Kaiser interessieren könnte. Der Rest von Euch… zu mir. Wir bringen Euch sofort zum Orden. Sollen die Zauberer mir sagen, ob das hier alles eine Täuschung ist.“

Sofort kamen die übrigen Wachen, bis auf den einen, der als Bote in den Straßen der Stadt verschwand, herbeigelaufen und bildeten einen kleinen Ring um die Drei. Simon schüttelte den Kopf. Der Tag wurde einfach immer besser. Und er war noch nicht vorüber, dachte er, während sich die kleine Gruppe in Bewegung setzte. Die übrigen Reisenden machten rasch einen Weg frei, während die Stadtwache sie durch die Tore und weiter zwischen den einfachen Holzhütten hindurch eskortierte, welche das gesamte Stadtbild Anegos prägten.

 

Kapitel 15

Doppelter Verrat

 

 

 

 

 

Die Niederlassung des Ordens war, neben der Arena, vielleicht das einzige größere Bauwerk in Anego. Die Gebäude, die sich in den Schatten der ummauerten Anlage duckten, wirkten zwar ebenfalls nicht so heruntergekommen wie die Bauten in den Vororten, aber gegen die steinernen Hallen, die sich am Ende des ummauerten Hofs befanden, nahmen sie sich trotzdem ärmlich aus.

Die Gebäude nahmen die Forme eines nach vorne offenen Rechtecks ein. Eine große Treppe führte hinauf zum mittleren Gebäude. Graue, glatte Steinwände erhoben sich in dreifacher Mannshöhe zum Himmel und das mit dunklen Schieferplatten gedeckte Dach verstärkte den ungastlichen Eindruck noch. Und ein großes, schmiedeeisernes Tor, das den Zugang zum Hof sicherte, tat sein Übriges. Eingelassen in das Gitter schimmerte das Symbol eines vergoldeten Tropfens und an den Gebäuden der Ordensniederlassung wehten Flaggen, die das gleiche Wappen trugen. Einst hätte ihn dieser Anblick eigentlich gefreut, dachte Simon. Das Zeichen dafür, dass die Gemeinschaft, die er gegründet hatte, sich mittlerweile über das gesamte Kaiserreich erstreckte. Doch nun bedeutete es das Ende, wie es aussah. Die Straßen waren auch hier noch überfüllt und hätte er die Gelegenheit gehabt, er hätte wohl darauf hoffen können, in der Menge zu verschwinden, doch die Stadtwachen, die sie vom Tor aus begleitet hatten, hatten nach wie vor ein Auge auf ihn und sorgten dafür, dass die Bürger Anegos einen gebührenden Abstand einhielten. Nein… nach wie vor, er konnte nicht entkommen.

Ordt beäugte derweil misstrauisch den großen Steinbau, dem sie sich näherten. Einer, der sie begleitenden Wächter, schlug mehrmals gegen das große Eisentor, um auf sie aufmerksam zu machen. Eine Weile lang tat sich nichts, dann jedoch öffnete sich eine der Türen am oberen Ende des Treppenaufgangs und eine kleine Gruppe Gestalten trat heraus, jeder davon gekleidet in die typischen Roben des Ordens. Die zwei Frauen und drei Männer sahen einen Moment unentschlossen zu der Gruppe am Tor herüber, bevor einer von ihnen die Hand ausstreckte und auf die Gitterstäbe richtete. Mit einem knirschenden Geräusch schwangen diese nun beiseite und gaben den Weg für Simon und die anderen frei. Einer der Wächter versetzte ihm einen leichten Stoß, während sie den Zauberern entgegengingen.

„Ich hoffe, Ihr habt einen guten Grund, hierherzukommen.“, meinte der Magier, der zuvor auch das Tor geöffnet hatte.

Unter der Kapuze schimmerte Simon ein grünes und ein grau verschleiertes, blindes Auge entgegen. Eine deutliche Narbe zog sich durch das zerstörte Auge und über den Unterkiefer des Mannes. Simon konnte sich nicht sicher sein, aber vermutlich war der Mann derjenige, dem die Ordensniederlassung hier unterstand. Auch wenn er ihn nicht kannte. Vielleicht hatte Erik bereits damit begonnen, diejenigen Zauberer, die Simon eingesetzt hatte ihrer Ämter zu entheben. Zumindest wäre das der erste logische Schritt, wenn der Mann seine Macht sichern wollte. Doch die übrigen Magier kamen ihn bekannt vor. Verzweifelt suchte er nach einem Namen, der zu den vertrauten Gesichtern passte. Und er fand einen. Ein Zauberer mittleren Alters, der im Gegensatz zu den anderen die Kapuze zurückgeschlagen und die Arme vor der Brust verschränkt hatte. Die dunklen Haare auf seinem Kopf waren so kurz geschoren, dass man die Haut stellenweise durchschimmern sehen konnte.

„Den haben wir.“, erklärte einer der Wachmänner. „Diese Leute sind keine halbe Stunde zuvor am Stadttor aufgetaucht. Und sie behaupten, sie hätten uns Simon Belfare gebracht.“

Er deutete an Kiris und Ordt vorbei auf Simon. Langsam trat er vor. Seine gefesselten Hände ballten sich zu Fäusten.

„Hallo, Gnaeus, “, sagte er an einen der Männer gerichtet. „Ich dachte eigentlich, Ihr solltet die Nachfolge als Führer dieser Niederlassung antreten.“

Der als Gnaeus angesprochene Ordenszauberer antwortete nicht, sah aber wieder zu dem Mann, der nun an seiner statt dieses Amts innehatte. Nachdem der alte Großmagier sicher aus dem Weg geschafft worden war. Simons Vermutung erhärtete sich. Erik beseitigte jetzt nach und nach, was er vielleicht noch an Verbündeten haben könnte.

„Das gibt es doch nicht….“

Der Anführer der Magier sah einen Moment zwischen Simon und Gnaeus hin und her, bevor er an den Wachen vorbei auf Simon zutrat. Ein kaltes Lächeln tauchte auf seinen Lippen auf.

„Das Letzte was ich von Euch hörte war, das Ihr Euch irgendwo in der Wildnis verkrochen habt, Simon. Und jetzt taucht Ihr hier auf. Gefangengenommen von einem Gejarn? Und Ihr ?“

Er wandte sich an Kiris.

„Mein Name ist Kiris, Hexer. Und ich bin nur hier, um ein Problem aus der Welt zu schaffen. Nehmt Simon mit und wir verschwinden wieder.“

In diesem Moment gab es an den nach wie vor offenen Toren einen kleinen Tumult. Einige Leute waren draußen auf der Straße stehen geblieben und sahen neugierig den beiden Gruppen zu. Nun jedoch sprangen sie eilig durcheinander, als sich ein Dutzend oder mehr kaiserliche Gardisten einen Weg durch sie bahnten. Wer nicht rechtzeitig auswich, wurde einfach beiseite gestoßen oder drohte, unter die Stiefel der Soldaten zu geraten. Mit Schwertern und Arkebusen bewaffnet, formten die Männer einen Halbkreis, sobald sie den Hof betraten. Nur ein einziger Mann blieb genau im Bogen des Halbkreises stehen. Braune Haare, mit der ersten Spur von grau rahmten ein bärtiges, wettergegerbtes Gesicht ein. Ein blauer Schulterumhang fiel ihm über einen Arm, während der andere am Griff eines verzierten Breitschwerts lag. Das Wappen des Hauses Ordeal, der Drache, war mit versilberten Nieten in das Heft getrieben worden. Simon konnte sich nicht sicher sein, aber wenn das nicht der Kommandant war, den die Wachen vom Tor alarmieren wollten, dann wäre das ein seltsamer Zufall. Und langsam hörte er auf, an Zufälle zu glauben.

Der Großmagier sah misstrauisch zu der Gruppe Bewaffneter herüber.

„Kommandant Ielfgar, was sucht Ihr hier?“

„Ich wurde informiert, das sich Simon Belfare in eurem Gewahrsam befinden soll.“, erklärte der als Ielfgar angesprochene Mann. „Ist dem so?“

„Ich bin hier.“ Langsam wurde das hier aberwitzig, dachte Simon. Die Situation war so schon gespannt genug und der Wirbel um ihn war grade alles andere als kleiner geworden.

„Und hier wird er bleiben, bis wir den Ordensobersten Svensson informiert haben.“, entschied der Großmagier ruhig. „Der Meister will ihn sicher persönlich verhören.“

Ielfgar gab sich unbeeindruckt.

„So ? Nun dann wird sich Euer Ordensoberster beeilen müssen. Ich habe ein Todesurteil für ihn. Zur sofortigen Vollstreckung wenn möglich.“

Simon konnte geradezu spüren, wie sowohl die kleine Gruppe Zauberer, als auch die Gardisten sich plötzlich anspannten. Die Stadtwächter wiederum, die sich plötzlich mitten in der Schusslinie zwischen Orden und Soldaten wiederfanden, beeilten sich, aus der Schusslinie zu kommen. Nur Kiris und Ordt blieben mit ihm stehen wo sie waren. Und Simon konnte nicht anders, als ihnen dafür kurz Respekt zu zollen. So seltsam das war, ein Teil von ihm hatte… beinahe so etwas wie Bewunderung für sie übrig. Sie waren nur ein Mensch und ein Gejarn, hatten keine Magie, keine Waffen… und standen plötzlich im Kreuzfeuer zwischen den zwei mächtigsten Organisationen des Landes.

„Ihr könnt es gerne versuchen.“, meinte der Großmagier.

„Ich habe klare Anweisungen.“, knurrte der Kommandant seinerseits. Auch wenn die Zauberer in diesem Fall wohl überlegen waren, ein Dutzend feuerbereite Gardisten konnten ihnen durchaus gefährlich werden. Gegen eine Kugel half auch keine Magie.

„Wir übernehmen das hier ab jetzt… Magier. Tiberius will seinen Tod, also sorgen wir dafür.“

„Und mein Herr wird den Unseren wünschen, wenn Simon stirbt, bevor er Gelegenheit hatte, ihn persönlich zu verhören.“

„Das ist ehrlich gesagt nicht mein Problem.“, gab Ielfgar zurück. „Sollte dem Kaiser irgendwie zu Ohren kommen, dass ich sein Urteil aufgeschoben habe, können wir uns alle von unserem Kopf verabschieden. Aber wisst Ihr was? Es gibt sicher einen Kompromiss….“ Offenbar war der Kommandant nicht darauf aus, sich mit einer Gruppe Magier anzulegen und der Hochmut, der zuvor in seiner Stimme gelegen hatte, verschwand etwas.

„Wie soll der aussehen?“

„Wir schaffen ihn in die Arena.“, antwortete der Kommandant.

Simon wurde hellhörig. Das war zwar nur eine andere Art von Todesurteil, aber zumindest bedeutete es einen kleinen Aufschub. Oder, je nachdem wie er sich schlug, einen Großen. Nach wie vor, er verfügte über keine Magie mehr, aber mit einem Schwert konnte er nach wie vor umgehen. Und nur vielleicht... bot sich so auch eine Gelegenheit zur Flucht.

„Das wird sicher interessant. Und Ihr könnt dann eine Nachricht an Euren Ordensobersten schicken. Stirbt Simon, bevor er hier eintrifft, ist es nicht Eure Schuld und überlebt er länger als er sollte… ist es nicht meine Schuld. Unsere Aufgabe wäre in jedem Fall erfüllt. Niemand könnte uns einen Vorwurf machen.“

Der Großmagier überlegte einen Moment. Aber Ielfgars Vorschlag schien die einzige Möglichkeit zu sein, das hier ohne Blutvergießen zu beenden. Und was dann geschehen mochte, konnte niemand sagen.

„Einverstanden.“, erklärte der Zauberer schließlich. „Nehmt ihn mit. Aber glaubt nicht, Ihr könntet mich austricksen. Ich werde mich persönlich davon überzeugen, dass er zumindest diesen Tag überlebt. Sonst….“

Er brauchte die Drohung nicht beenden.

Kiris räusperte sich in der einsetzenden Stille.

„Wir… gehen dann besser.“, meinte sie und gab Ordt ein Zeichen ihr zu folgen.

Der Wolf gehorchte nur zu gerne, wie es schien. Die Magier im Rücken und die kaiserliche Garde vor sich zu haben, war wohl etwas, das nicht nur einen Gejarn unruhig machen würde.

Simon hingegen blieb stehen, wo er war, während die beiden an ihm vorbeigingen. Ohne ein Wort oder einen Blick zurück. So wie er es in ihren Augen wohl verdiente. Und vielleicht… stimmte das auch? Er schüttelte den Kopf, als wollte er den ungewohnten Gedanken wie einen Floh abschütteln.

„Verzeiht uns.“ Kiris Stimme war so leise, das er sie fast nicht gehört hätte.

Und vielleicht wäre das auch besser so gewesen. Er kam nicht dazu, etwas zu erwidern, denn in diesem Moment stellte der Kommandant sich den beiden bereits in den Weg.

„Einen Moment noch.“, meinte er und das düstere Grinsen auf seinem Gesicht verriet Simon schon alles, was er wissen musste.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr aus Stillforn stammt. Wie es der Zufall will… gibt es auch einen Haftbefehl für alle Rebellen. Ihr könnt nicht glauben, dass ihr einfach hier herausspazieren könnt. Männer….“

Von einem Moment auf den anderen, hatte das Dutzend Gardisten erneut die Waffen gezogen, und sich Gewehrmündungen auf den Gejarn und Kiris gerichtet.

„Wir haben Euch eben Simon gebracht.“, protestierte diese laut.

„Und ändert das etwas daran, das Ihr euch dem Kaiser offen wiedersetzt und mehrere unserer Männer getötet habt?“, fragte Ielfgar. „Los nehmt ihnen die Waffen ab….“

Bevor er den Satz ganz beendet hatte, hatte Ordt bereits das Schwert gezogen.

„Das glaube ich nicht.“ , erklärte der Gejarn ruhig, auch wenn Simon nicht zu sagen wusste, was er glaubte, gegen eine Abteilung bewaffneter Soldaten ausrichten zu können. Nicht zu vergessen die Magier.

„Ordt… seid vernünftig.“ Kiris nickte in Richtung der mit erhobenen Waffen wartenden Männer. Sie kamen hier nicht raus.

„Vernünftig ? Wir sterben so oder so, Kiris. Da gehe ich lieber so unter.“

„Wenn Ihr Euren Gejarn nicht zurückpfeift, sorgen meine Männer dafür.“, erklärte Ielfgar trocken. „Und ich habe nicht mehr viel Geduld.“

„Ordt…“ Simon überraschte es selber, als er anfing zu sprechen. Sollte die Garde den Wolf doch über den Haufen schießen, was kümmerte es ihn…. „So helft Ihr Niemand.“

„Ich wüsste nicht, was Ihr darüber wissen könntet, anderen zu helfen, Zauberer.“, knurrte der Wolf grimmig.

„Das reicht jetzt langsam.“, bemerkte Ielfgar. „Feuer auf mein Kommando, ich will….“

„Aber bedauerlicherweise habt Ihr recht.“

Ordt warf das Schwert weg, direkt vor die Füße des Gardekommandanten, der überrascht zurücksprang, als das schwere Stück Stahl auf das Pflaster prallte.

Im nächsten Moment schloss sich auch schon ein Ring aus Gardisten um ihn, Simon und Kiris, die sie rasch aus dem Hof des Ordenshauses hinaus und zurück in die überlaufenen Straßen Anegos trieben. Nach wie vor sprangen die Menschen eilig beiseite, sobald sie die bewaffneten Männer sahen oder wurden, wenn sie zu langsam waren, grob von diesen zur Seite gestoßen. Und der über der Stadt aufragende Bau der Arena kam mittlerweile schon beunruhigend nahe. Innerlich seufzte Simon. Er war mal wieder gefangen. Langsam, dachte er sarkastisch, gewöhne er sich beinahe daran….

 

Kapitel 16

Tiege

 

 

 

 

 

Ordt hatte das Gitter erneut erreicht. Auf dem Gang draußen war alles dunkel. Lediglich einige dünne Lichtbalken vielen durch die hoch gelegenen Gitterfenster und erschufen ein Muster aus hellen und schattigen Flecken auf dem mit Staub bedeckten Boden. Der Wolf drehte sich um und ging wieder zurück zur Rückwand der Zelle. Eine einfache Liege bildete die einzige Einrichtung und selbst diese knarrte bedenklich unter seinem Gewicht, als er sich darauf nieder ließ.

Es war kühl hier unten, nicht zu verwunderlich, lagen die Zellen doch ein Stück weit in der Erde vergraben. Als man ihn, Kiris und den Zauberer hergebracht hatte, hatte man sie eine lange Treppe an der Außenseite der Arena hinab gebracht, bis sie eine verriegelte Tür erreicht hatten. Ordt hatte sich weit unter dem Torbogen ducken müssen, damit er überhaupt hindurch passte und hatte praktisch sofort bereut, das er sich nicht doch von den Gardisten erschießen lassen hatte.

Es roch nach Tod, Verfall, verschimmelnden Stroh… und Schlimmeren, über das er erst gar nicht zu genau nachdenken wollte. Und jetzt saß er hier. Wie viel Zeit vergangen war, seit man sie hergebracht hatte, konnte er nur an dem sich langsam verdunkelndem Licht abschätzen, das durch die Fenster hereinfiel. Diese mussten sich wohl auf Höhe des Bodens draußen befinden, denn ab und an verstellte ein Schatten sie und ließ einen Teil von Ordts Gefängniszellen in kompletter Finsternis zurück. So zumindest, hatte er sich sein Ende nicht vorgestellt, nicht einmal, als er seinen Clan verlassen hatte. Mit der sicheren Gewissheit, dass man ihn jagen und töten würde. Und doch hatte er überlebt. Um jetzt in einem imperialen Gefängnis zu versauern… zumindest so lange, bis ihren Wärtern etwas Besseres einfiel. Für Simon zumindest, gab es offenbar schon Pläne.

Die Worte des Magiers fielen ihm wieder ein. Die Worte die, so seltsam es schien, sein Leben gerettet hatten. Tot konnte er niemandem helfen. Und auch wenn der Mann damit wohl Recht hatte… wegen ihm waren sie doch erst in dieser Situation. Sein Auftauchen hatte sie gezwungen, hierherzukommen. Und sie hatten ihn lediglich dem Orden übergeben wollen. Jetzt waren er und Kiris selber Gefangene des Kaiserreichs. So hatte das wirklich nicht laufen sollen. Er hatte weder die Frau noch den Zauberer wiedergesehen, seit man ihn hier herunter gebracht hatte, aber vermutlich befanden sie sich in den angrenzenden Zellen. Die ihm gegenüber jedenfalls war, bis auf einen Stapel Decken verlassen.

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Ein metallisches Kratzen, das er erst nicht als das erkannte was es war, bis plötzlich ein weiterer Lichtstrahl in den Gang fiel. Ein Türriegel, der zurückgeschoben wurde. Hallende Schritte und das Klirren von Stahl kündigten schon an, das sich jemand näherte, bevor Ordt den Mann auch nur sehen konnte. Es war Ielfgar, der Kommandant der Garnison dieser Stadt. Und so wie es aussah, war er bester Laune. Das Grinsen auf seinem Gesicht jagte Ordt bereits einen Schauer über den Rücken, bevor er auch nur darüber nachdachte, was den Mann hier herunter bringen könnte. Und das war nicht grade ermutigend. Sicher, er hatte dem Anführer es Ordens in Anego versprechen müssen, das er Simon fürs Erste am Leben erhalten würde. Das galt aber weder für Kiris… noch für ihn.

„Freut euch, Ihr kommt bald hier raus, Wolf.“, meinte Ielfgar, als er vor der Zelle stehen blieb, mehrere Schritte von den Gitterstäben entfernt… und damit zu weit, als das Ordt auch nur hoffen könnte, ihn eventuell zu erwischen. Mal davon abgesehen, das außerhalb seines Sichtfels bestimmt weitere Gardisten warten würden. Ielfgar war sicher nicht dumm genug alleine hier herunter zu gelangen.

„Wieso habe ich das Gefühl, das mir das nicht gefallen wird?“, fragte Ordt. Ihm gefiel der Überschwang in der Stimme des Kommandanten jetzt schon nicht.

„Oh ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es das wird. Ihr werdet morgen gegen Simon hier antreten dürfen.“

„Was ?“ Kiris und die Stimme des Zauberers überschnitten sich beinahe.

Aber wenigstens, dachte Ordt, wusste er jetzt, das sie noch in der Nähe waren. Und, dachte er grimmig, nicht, dass ihm die Aussicht, Simon in Stücke zu schneiden ungelegen kam, aber….

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihr kaum ein Gegner für einen legendären Kämpfer, wie ihn, sein werdet, aber ich entledige mich damit zweier Probleme auf einmal.“

„Lasst Euch überraschen.“, antwortete der Wolf.

Bisher hatte er von diesem… legendären Kämpfer nicht viel gesehen und ohne Magie, war Simon nur halb so gefährlich, wenn überhaupt. Trotzdem, die Vorstellung nach der Pfeife dieses Bastards zu tanzen behagte ihm nicht.

„Aber wer garantiert Euch, das wir uns morgen nicht einfach in den Schatten der Arena setzen und abwarten, bis es dunkel wird?“

„Ich hatte gehofft, dass Ihr fragen würdet.“ Das Grinsen auf Ielfgars Zügen verlosch. „Solltet Ihr euch weigern, warum auch immer, sterbt Ihr sofort. Und die Frau obendrein. Ohne eine Chance, wenigstens das Leben von einem von Euch zu verlängern.“ Der Kommandant wandte sich zu der Zelle links von Ordt um. „Euch mag das vielleicht wenig bedeuten, Simon, aber ich bin mir sicher der Wolf wird das anders sehen…. Nun, morgen bei Sonnenaufgang werden wir es wissen, nicht?“

Mit diesen Worten drehte Ielfgar sich um und machte sich auf den Weg aus dem Gefängnis. Ordt konnte seine Schritte auf der Treppe nach draußen verhallen hören.

„Ich hasse den Bastard jetzt schon.“, konnte er Simon murmeln hören.

„Das habt Ihr ja großartig hinbekommen.“, rief er dem Mann zu.

„Ich ? Erklärt mir einmal, was ich damit zu tun habe, das Ihr meine Anwesenheit hier gleich der Stadtwache, der kaiserlichen Garde und dem Orden gleichzeitig bekannt geben musstet. Das wäre nicht passiert, wenn Ihr mich einfach hättet gehen lassen.“

„Damit der Orden uns an eurer Stelle jagt, Zauberer?“ fragte Ordt gereizt.

„Könntet Ihr beide Euch vielleicht lieber darauf konzentrieren, wie wir hier herauskommen?“, rief Kiris. Die Frau klang mehr resigniert als wütend.

„Gar nicht.“, antwortete er. „Das ist ja das Problem. Ich habe mir schon die letzten Stunden darüber den Kopf zerbrochen, aber wenn unser… Freund hier nicht plötzlich seine Fähigkeiten wiederentdeckt sehe ich schwarz. Für ihn oder für mich. Vorzugsweise für ihn.“

„Das beruht auf Gegenseitigkeit!“ Ordt könnte Hören, wie Simon in der Nachbarzelle gegen die Gitterstäbe schlug.

„Hey, ich versuche hier zu schlafen!“ Die vierte, fremde, Stimme brachte sie alle Drei kurz dazu, innezuhalten.

Ordt konnte sich nicht sicher sein, meinte aber einen seltsamen Akzent in den Worten zu erkennen, den er schlicht keiner Region Cantons zuordnen konnte. In der seiner eigenen gegenüber liegenden Zelle, rührte sich etwas. Der Stapel Decken wurde beiseitegeschoben und darunter kam eine Gestalt zutage, wie Ordt sie bisher nicht gesehen hatte. Ein Gejarn mit gräulich-rotem, etwas zottelig wirkendem Fell….

In der Dunkelheit konnte Ordt es nicht mit Sicherheit sagen, tippte aber auf einen Fuchs. Ein paar gelbliche Augen sahen ihm unverwandt entgegen und irgendetwas blitzte darin. Etwas, das ihn zutiefst beunruhigte. Der Mann trug einen mit feinem Kettengewebe verstärkten Lederpanzer und offenbar hatte man ihm, obwohl er hier mit ihnen eingesperrt war, seine Waffen gelassen. Ein simpler Rundschild und ein Breitschwert, aber von einer Machart, wie Ordt es noch nicht gesehen hatte. Eine Parier-Stange gab es nicht und in den Knauf war das Symbol einer aufgehenden Sonne eingelassen worden.

„Wer seid Ihr?“, fragte Simon und kam damit dem Wolf zuvor, dem bereits dieselbe Frage auf der Zunge brannte.

„Tiege.“, erklärte der Fremde. „Tiege Carmine um genau zu sein. Und falls Euch das entgangen ist, ja das hat sich gereimt. Steht’s zu Diensten.“ Er deutete tatsächlich eine kurze Verbeugung an.

Kiris lachte leise, aber in der einsetzenden Stille hörten sie es wohl trotzdem alle.

„In Helike hört man selten Jemanden lachen. Daran musste ich mich hier erst gewöhnen.“, meinte Tiege nun selber grinsend. Die Geste ließ zwar einige Spitze Zähne zu viel sehen, schien aber ehrlich zu sein. Auch wenn der Mann Ordt jetzt schon vor ein Dutzend Rätsel stellte.

„Sagtet Ihr grade Helike?“, wollte er wissen.

„Da komme ich her. Ich weiß es ist nicht grade in der Nähe, aber glaubt mir, ich hab mir das nicht ausgesucht. Wenn es nach mir ging, bin ich vor dem Herbst wieder auf dem Weg zurück dorthin. Oder zumindest, wenn die Archonten mich bis dahin ein wenig vergessen haben und ich behaupten kann ich hätte meine… Ehre wiederhergestellt. Was immer man darunter versteht. Laos zumindest hat es in seinen Schriften nie genau definiert. Verrückter Kerl, wenn ihr mich fragt.“

Laos… Helike... Das waren Namen und Orte, die er bestenfalls aus Gerüchten kannte. Helike, das war die legendäre Stadt, weit hinter den freien Königreichen und über das Südmeer hinweg gelegen. Ein Ort, den wenige je gesehen und noch weniger je betreten hatten. Doch die Geschichten die man von dort hörte, waren bestenfalls beunruhigend. Und Laos….

Der Schutzpatron dieses Stadtstaats, wenn Ordt das richtig verstanden hatte. Es war seltsam, aber er hätte nie gedacht, dass ein Mann aus Helike so über seinen Gott reden könnte. Die wenigen, die sich ihrerseits jemals nach Canton verirrt hatten, kannte man eigentlich als schweigsame Gestalten und Söldner, die aufgrund ihrer Kampfkunst überall gefragt waren. Tiege zumindest passte ganz und gar nicht in dieses Bild.

„Ehre wiederherstellen?“, fragte Simon. „Wie ? Indem Ihr hier kämpft?“

„Wieso nicht ? Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, was ich sonst tun sollte. Aber ein guter Kampf bringt immer Gewinn und mit einem Schwert umgehen ist das einzige, was ich je gelernt habe. Wenn meine Heimat sich nicht durch meine Taten besänftigen lässt, dann sicher durch ein paar Truhen voll Gold. Am Ende sind die Archonten Helikes auch nur Menschen… oder Gejarn, je nachdem.“

„Ihr seid also freiwillig hier?“

„Ihr nicht ?“ Tiege runzelte die Stirn. War der Mann so einfältig oder einfach mit den Gepflogenheiten Cantons derartig unvertraut?

„Verzeiht, aber Ihr habt das hier…“ Ordt schlug gegen die Gitterstäbe. „Nicht zufällig mit den Gästezimmern verwechselt , oder ?“

„Nein… aber wenn Ihr nicht aus freien Stücken hier seid…“

„Wir sind Gefangene.“, antwortete nun Kiris.

„Ich verstehe…“ Tiege schüttelte den Kopf. „Barbaren hier, allesamt. Und natürlich verheimlicht man mir so etwas…. Wir haben wenigstens den Anstand unsere Gefangenen gleich zu töten, oder sie in die Wüste zu schicken, wortwörtlich übrigens. Und ich wurde damit betrogen. An einem Kampf gegen Unfreiwillige ist nichts Ehrenhaftes zu finden…. So kann ich lange darauf hoffen, in meine Heimat zurückkehren zu können. Aber wenn Ihr einen Plan habt, wie ihr entkommen könnt….“

„Ähm…“ Kiris räusperte sich. „Ihr werdet uns nicht einfach raus lassen?“

„Nichts für ungut, ich kann zwar hier raus, aber weder weiß ich, wo sich der Schlüssel für eure Zellen befinden mag, noch bin ich besonders unauffällig oder wüsste wenigstens, wie man ein Schloss aufbricht. Und ich habe ein Versprechen gegeben, als man mich in diese Stadt ließ, dass ich nichts tun würde, was ihnen schadet. Davon jedoch, dass ich im Zweifelsfall nicht mit Euch fliehen dürfte, haben sie aber nichts gesagt.“

Simon hörte dem Gejarn, der sich als Tiege vorgestellt hatte nur mit einem halben Ohr zu. Er hatte sich noch nie so machtlos gefühlt, wie in diesem Moment. Nicht während seiner vorangegangenen Gefangenschaft, nicht während seiner Flucht. Das Schicksal schien es sich in letzter Zeit einfach zur Aufgabe gemacht zu haben, ihm immer wieder vor Augen zu führen, wie es sich anfühlte, völlig am Boden zu sein. Und jetzt saßen sie fest, er und Ordt würden morgen kämpfen… und einer von ihnen sterben… und es gab keinen Weg darum herum. Nicht, das ihm das Leben des Gejarn etwas bedeutete. Aber Morgen würden sie Waffen in der Hand haben. Wenn es einen Weg hier heraus gab, wäre das die beste Gelegenheit, ihn zu nutzen. In der Arena allerdings würden sie wohl ständig unter Beobachtung stehen. Man würde auf sie achten, vielleicht auch darauf, dass Ordt Simon nicht umbrachte, wenn der Hauptmann einen weiteren Konflikt mit dem Orden vermeiden wollte. Und vielleicht lag darin auch der Schlüssel…

„Ich habe eine Idee.“, erklärte Simon ruhig. Aber damit sie auch nur die geringste Aussicht auf Erfolg hatte, musste er sich auf die anderen verlassen können. Vor allem auf Ordt. Und das war der schwierige Teil….

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 17

Kampf

 

 

 

 

 

Die morschen Holztribünen knirschten unter dem Gewicht der Zuschauer, die sich darauf drängten. Zeltbahnen schützten die höher gelegenen Ränge, wo sich die Oberschicht Anegos sammelte, vor dem einsetzenden Nieselregen, der den Boden der Arena aufgeweicht hatte. Dieser bestand aus bracher Erde, von Tausenden von Füßen festgetrampelt. Lediglich an einigen wenigen Stellen durchbrach Unkraut das Braun

Wieder einmal fand Simon seine Vermutung bestätigt. Dieser Ort war wohl wirklich die einzige Attraktion in der Gegend. Und ein Kampf wie der, der nun bevorstand, zog die Leute an, von den wenigen Herrschern des Landes, den Handwerkern bis hin zu den ärmsten Tagelöhnern. Das die Tribüne die Masse überhaupt noch trug, war wohl an sich schon ein kleines Wunder.

Er duckte sich unter dem Hieb einer Wache weg, die ihn eine Treppe hinab trieb, welche, von einer mit einem Gitter umgebenen Plattform, hinab auf das eigentliche Kampffeld führte. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine ähnliche Konstruktion und auch wenn er den Wolf auf die Entfernung nie erkannt hätte, wusste er doch, dass die zweite Gestalt, welche grade diese Treppe hinab kam, Ordt sein musste. Man hatte sie bereits früh am Morgen aus ihren Zellen hinauf gebracht. Und ausgerüstet. In Simons Hand lag ein einfaches Schwert und als zusätzliche Waffe ein Dolch, den er an seinem Stiefel trug. Rüstung hingegen hatte keiner von ihnen bekommen und das aus gutem Grund. Und dieser Grund saß auf den Tribünen umher. Diese Leute waren nicht hier weil sie interessierte, wer von ihnen als Sieger hervorging. Es war barbarisch, aber ein simples Mittel für den Kaiser, seine Kontrolle über das Land zu festigen. Sie waren hier um Blut zu sehen. Blut, das den Gedanken an Rebellion oder Widerstand sättigte. Nun, zumindest das würden sie wohl bekommen, auch wenn sein Plan aufging.

Jetzt blieb Simon nur, zu hoffen, dass Ordt auch mitspielte und das hier nicht als Gelegenheit ansah, ihn auszuschalten. Er könnte versuchen, Simons Plan auf andere Art umzusetzen. Ein toter Zauberer wäre möglicherweise ebenfalls Ablenkung genug, um zu tun, was er tun musste und der Wolf könnte versuchen, auf eigene Faust hier herauszukommen. Aber… er müsste vertrauen haben, dachte Simon. Es würde nur so funktionieren. Es sei den… was wen er den Wolf als Ablenkung tötete? Seine Reaktion auf diesen Gedanken überraschte ihn selbst. Nein. Er hatte einen Plan ersonnen, so unsicher dieser sein mochte, der sie hier alle lebend rausbringen würde. Und das hatte er nicht umsonst getan. Es klang wie eine Ausrede und das wusste er. Aber wem erzählte er die? Sich selbst ?

Du hattest mal keine Probleme damit, den Wolf zu erledigen und sie alle einfach hier zurückzulassen, dachte er. Und das sollte er immer noch nicht haben. Er brauchte ihn einfach, antwortete er sich schließlich selbst. Eine zusätzliche Klinge konnte über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Hoffentlich war Ordt das auch klar. Es musste funktionieren. Sie hatten nur diese eine Chance.

Simon machte einen letzten Schritt von der Treppe hinab und auf den aufgeweichten Erdboden. Zumindest klärte der Himmel sich langsam wieder und der Regen ging in, von vorbeiziehenden Wolken unterbrochenen, Sonnenschein über.

Ordt hatte auf der anderen Seite ebenfalls bereits den Boden erreicht. Im gleichen Moment wurden hinter ihnen auch schon schwere Gattertore zugezogen, welche den Rückweg auf die Tribüne versperrten. Ab jetzt, dachte Simon, gab es keinen Ausweg mehr aus dem Ring, der sie umgab, außer, sein Plan funktionierte… oder einer von ihnen starb.

Ordt war ähnlich gerüstet wie er selber. Keinerlei schützende Panzerung, aber offenbar hatte ihm jemand seine Waffe zurückgegeben. Simon hatte von Anfang an vermieden, mit der gezackten Klinge, die der Wolf führte nähere Bekanntschaft zu schließen… und er würde jetzt nicht damit anfangen. Kaum merklich nickte er Ordt zu und hoffte, dass er die Geste auch verstand. Die Gesichtszüge des Gejarn blieben jedoch nichtssagend düster. Was wenn er einen Fehler machte?, fragte Simon sich wieder. Er war sich sicher, den Wolf in einem Kampf schlagen zu können. Dann müsste er kein Risiko für sich eingehen. Aber... ja was aber ? Es gab kein Aber. Er wollte es schlicht nicht. Also gut. Vielleicht wurde er ja auch nur langsam verrückt.

Simon blieb gut fünf Schritte von Ordt entfernt stehen und wartete, was geschehen würde. Der Wolf hielt ebenfalls an, ohne ein Wort, oder eine Geste, die ihm verraten hätte, was in dem Mann vorging. Götter es war immer noch närrisch so viel Vertrauen in jemanden zu setzen, der ihn tot sehen wollte.

Sein Blick wanderte wieder zu den Tribünen. Etwa auf halber Höhe auf den Rängen befand sich eine kleine Plattform, die wohl eventuellen Ehrengästen vorbehalten war. Freilich jedoch, lag diese verlassen da. Die Adeligen der Gegend zählten nicht grade zu den Einflussreichsten Cantons. Und das führte man ihnen so wohl auch vor Augen.... Noch eine gute Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass niemanden sein Rang zu Kopf stieg, wie es schien.

Nun jedoch trat eine einzelne Gestalt in der roten Robe eines kaiserlichen Richters auf die Plattform hinaus. Simon sah dem Man grimmig entgegen. Offenbar ließ Ielfgar es sich nicht nehmen, hieraus ein kleines Theaterstück zu machen.

„Heute.“, begann er Richter, „werden wir sehen, wie zwei der größten Feinde des Kaiserreichs ihre gerechte Strafe erhalten. Simon Belfare, der Verräter, enthoben aller Ämter und verurteilt wegen Verschwörung gegen unseren geliebten Kaiser….“ Der Mann stockte einen Moment, so als wollte er die Wirkung seiner Worte abwarten. Das alles hier war wirklich nur Theater, dachte Simon, während die Menge auf den Rängen erschrocken Luft holte. Einstudiert, bestenfalls. Dem Richter schien es jedoch zu genügen, denn er fuhr fort: „Und Ordt, von den Gejarn, schuldig befunden des mehrfachen Mordes an den Kriegern unseres Herrn Tiberius Ordeal.“

Simon konnte ein Kopfschütteln nicht verbergen. Was bitte war daran Mord, wenn man sich gegen bewaffnete Eindringlinge verteidigte? Der Gedanke war seltsam. Natürlich war das falsch gewesen, oder? Das Land gehörte immerhin ihm. Oder hatte ihm gehört. Aber… er verbot sich weiter darüber nachzudenken. Später, sagte er sich. Wenn es den ein Später gab. Jetzt musste er sich ganz auf die Aufgabe konzentrieren, die vor ihm und dem Wolf lag.

„Wer von den beiden den heutigen Kampf gewinnt, wird einen weiteren Tag leben. Mögen die Götter entscheiden, wem sie das Sonnenlicht erneut schenken.“

Uns allen, dachte Simon. Wenn er etwas Glück hatte. Sobald die letzten Worte des Richters verklungen waren, wurde es fast totenstill im Ring. Keiner der Anwesenden schien auch nur zu atmen, während er und Ordt sich weiter regungslos gegenüberstanden. Jeder wartete auf das erste zusammentreffen, das Klirren des Stahls den Geruch des ersten Bluts…

Simon machte Schritt zur Seite und zog gleichzeitig das Schwert. Aber zu lange würde er es nicht behalten.

Ordt folgte seinen Bewegungen, blieb jedoch wo er war, die Klinge in der Hand… und wartete. Simon stellte erneut fest, dass es ihm unmöglich war, etwas in den Zügen des Wolfs zu lesen. Genauso gut hätte er einem Fels gegenüberstehen können. Und dann geschah es. Ordt war schnell, schneller als Simon erwartet hatte und sprang vor, die Klinge bereits zum Schlag erhoben.

Der Zauberer wusste, dass ihm keine Zeit blieb, den Angriff abzuwehren und so versuchte er sich durch einen raschen Sprung zur Seite zu retten. Dreck spritzte auf, als er im Schlamm landete und rasch wieder auf die Füße kam. Die Waffe des Gejarn unterdessen schlug ungebremst in den Boden und versank fast bis zur Hälfte darin, als ob der Mann durch Butter geschnitten hätte.

Nun war es an Simon anzugreifen, während der Wolf sich noch damit abmühte, das Schwert wieder zu befreien. Aber er durfte ihn nicht töten, schoss es ihm wieder durch den Kopf. Trotzdem, Ordt stand viel zu offen, wenn er nicht zustieß würde klar werden, das sie ein falsches Spiel spielten…

Der Schlag traf ihn erneut überraschend, als Ordt es aufgab, das Schwert wieder aus dem Boden zu ziehen und ihm stattdessen einen Fausthieb in die Magengrube verpasste.

Simon spürte, wie sich seine Finger um den Griff seiner eigenen Waffe lösten, während er an dem Wolf vorspeistolperte. Übelkeit wallte in ihm auf… trotzdem konnte er sich wohl noch glücklich schätzen, dachte er. Er wusste mittlerweile aus eigener Erfahrung, wie viel Kraft Ordt besaß. Hätte er es gewollt, er hätte ihm grade die Rippen gebrochen. Oder gleich mit einem Prankenhieb zerfetzt.

Wenigstens, dachte Simon, wusste er jetzt was gespielt wurde. Mit einer Hand tastete er nach seiner zweiten Waffe, dem Messer. Ordt hingegen wartete bereits auf ihn, scheinbar entspannt und ebenfalls einen Dolch in der Pranke. Die Klinge wirkte nicht besonders gefährlich… aber nun wären sie beide gezwungen, ihrem Gegner ziemlich nahe zu kommen. Das würde wehtun, dachte Simon. Ob sie es wollten oder nicht, sich nicht zu verletzen war jetzt endgültig unmöglich geworden. Er stürzte vor, das Messer vor dem Körper angewinkelt. So hätte er im Zweifelsfalls bessere Kontrolle darüber, wo die Klinge landete. Ein paar Schrammen am Arm oder einen Kratzer im Gesicht würde der Wolf schon überstehen….

Und doch kam ihm Ordt erneut zuvor. Der Wolf wich der Klinge aus und führte das eigene Messer in einem Bogen nach oben. Die Waffe verfehlte Simons Kehle nur knapp, schnitt jedoch in den Stoff seines Hemdärmels… und hindurch in das Fleisch darunter. Brennender Schmerz gesellte sich zu der verbleibenden Übelkeit nach Ordts Schlag.

Ohne Magie fehlte ihm einfach…. Irgendetwas, dachte Simon. Früher wäre er niemals auf so eine Finte hereingefallen. Es war, als wäre er ständig aus dem Gleichgewicht, grade wenn es darauf ankam. Als hätte ihm jemand einen Sinn genommen, den er sein ganzes Leben genutzt hatte und ihn erst jetzt bemerkte, wo er fehlte. Und vermutlich, war auch genau das der Fall.

Ordt war erneut stehengeblieben, dieses Mal jedoch mit einem deutlich fragenden Blick in Richtung auf Simons verletzten Arm. Mit einer grimmigen Geste wischte er das sich ansammelnde Blut weg. Und erstarrte. Es ging dem Wolf natürlich nicht um die Verletzung. Er wusste durchaus, wie weit jeder von ihnen gehen konnte. Aber das dunkelrote Geflecht aus sich gabelnden Linien und Runen das sich über seine Schulter und einen Teil seines Rückens zog, schimmerte unter dem ausgeschlitzten Stoff hindurch. Noch eine Erinnerung, die er im Augenblick nicht gebrauchen konnte.

Simon stürzte erneut vor und dieses Mal war er darauf gefasst, das Ordt zurückschlug. Der Wolf tauchte unter dem Hieb durch und wollte ihm den Knauf seiner Waffe ins Gesicht schlagen. Simon jedoch kam ihm zuvor und parierte den Hieb seinerseits. Die Klingen verkeilten sich und das Geräusch von knirschendem Stahl war für einen Moment erneut der einzige Laut, den man innerhalb der hölzernen Arenamauern hörte.

Dann wurde die Spannung zu groß. Sowohl der Zauberer als auch Ordt sprangen zeitgleich zurück, während die beiden Messer in einem Bogen davon segelten und einige Schritte entfernt auf dem Boden landeten. Während der Wolf noch der verlorenen Waffe nachsah, verpasste Simon ihm bereits einen Schlag, der ihn von den Füßen holte. Obwohl er nicht mehr Kraft als nötig hineinlegte, schien Ordt beinahe von selbst zu Boden zu gehen. Jetzt würde sich zeigen müssen, ob sie Glück hatten. Im nächsten Moment wurden ihm auch schon die Beine weggezogen. Erneut fand er sich im Dreck liegend wieder, während Ordt bereits auf ihn einschlug. Simon wehrte die Hiebe ab, während er versuchte, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Mit aller Kraft, die er noch hatte, sprang er wieder hoch und schüttelte den Wolf dabei ab. Dieser kam ebenfalls wieder auf die Füße. Und für einen Moment, nur einen ganz kurzen Augenblick, sah Simon etwas Metallisches in seiner Hand aufblitzen, bevor es verschwand. Sicher versteckt, wie er hoffte. Sonst war das hier alles umsonst.

„Jetzt…“, meinte er schwer atmend, „wäre die Zeit aufzugeben.“

„Davon träumt ihr.“ Aber er konnte auch dem Gejarn ansehen, das dieser langsam an die Grenzen seiner Kräfte kam. Wenn man sie einfach immer weiterkämpfen ließ, dachte er, würde das hier damit enden, dass sie beide einfach auf dem Feld zusammenbrachen.

Er wusste nicht, wie lange sie schon kämpften, aber die Sonne hatte bereits ihren Stand direkt über ihren Köpfen erreicht. Zwei Stunden? Drei? In jedem Fall hatte es seinen Zweck erfüllt. Und dann, grade als er schon glaubte, den Kampf erneut beginnen zu müssen, erhob sich der Richter erneut. Wie Simon gehofft hatte. Niemand wollte dem Volk zwei zu Tode erschöpfte Kontrahenten präsentieren. Allerdings bestand nach wie vor die Möglichkeit, dass er sie einfach beide töten ließ. Aber das passte nicht zu dem Kaiserreich, das er kannte. Diese Leute wollten Theater, sie würden es bekommen. Eine simple Hinrichtung war zu kurz.

Einen Moment sah der Richter lediglich auf sie herab, bevor er anfing:

„Bringt sie zurück in ihre Zellen. Morgen werden wir sie erneut antreten lassen. Gegen einen…. anderen Gegner.“

Einige der Wächter, die hinter den Gittertoren an den Rändern der Arena zurück geblieben waren, lösten sich nun von ihrem Posten und kamen über das Feld auf sie zu. Simon ließ sich widerstandslos in die Mitte nehmen, genauso wie Ordt, jeweils flankiert von zwei bewaffneten Gardisten. Jetzt blieb ihm nur noch, zu hoffen, dass niemanden auffiel, das nur ein Dolch auf dem Kampffeld zurückgeblieben war.

 

Kapitel 18

Flucht

 

 

 

 

 

Simon konnte nicht grade sagen, dass er sich freute, die düsteren Kerkermauern wiederzusehen, als ihm einer seiner Bewacher einen Stoß gab. Instinktiv duckte er sich unter der Tür durch, damit er sich nicht den Kopf stieß und stolperte die steinerne Treppe hinab zu den Zellen. Zerschlagen wie er war, wäre er nicht einmal in der Lage gewesen Widerstand zu leisten, wenn er es gewollt hätte. Oder zumindest, dachte er, musste er weiterhin so tun. Eine kleine Kraftreserve hatte er noch. Und hoffentlich traf das auch auf Ordt zu.

Der Wolf wurde direkt hinter ihm durch die Tür geführt und einen Moment lang traf sich ihr Blick. Noch nicht. Wenn sie zu früh zuschlugen, würden sie wertvolle Zeit verlieren. Kiris war nach wie vor gefangen und irgendwie bezweifelte Simon, das Tiege einfach so aus seiner Zelle spazieren konnte, egal was der Mann sagte. Er war sich ja nicht einmal sicher, ob sie ihn wirklich mitnehmen sollten. Der Mann war bestenfalls seltsam. Auf der anderen Seite... konnten sie aber auch jede Hilfe gebrauchen, wie es schien.

So oder so, bevor sie etwas unternehmen, mussten sie wissen, wo sich die Schlüssel zu den Zellen befanden, sonst würden sie später nur wertvolle Zeit verlieren. Simon gab sich nicht der Hoffnung hin, dass ihre Flucht lange unbemerkt bleiben würde.

Mittlerweile hatten sie den Gang erreicht, in den man ihn Ordt und die Anderen zuvor festgehalten hatte. Erleichtert stellte Simon fest, das Kiris nach wie vor hier war. Aber wo hätte sie sonst sein sollen? Wenn du jetzt anfängst, dir Sorgen um jemanden zu machen, kommt das wieder einmal reichlich spät, meinte eine sarkastische Stimme in seinem Kopf. Nur wo bitte war Tiege ? Die Zelle des Gejarn aus Laos wirkte genau so leer, wie als sie zum ersten Mal hier hinunter gebracht worden waren. Schlief der Mann etwa wieder? Simon ließ den Blick über die niedrige Liege in der Kammer wandern. Tatsächlich waren Decken und Kissen wieder hoch aufgestapelt, so als würde der Mann ständig frieren. So oder so, er hatte jetzt kaum Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Sie mussten zuschlagen und sie hätten nur eine Chance dafür.

Simon nickte Kiris zu, die sich offenbar Mühe gab, sich nichts anmerken zu lassen. Ihre Miene blieb gelassen und entspannt, während sie mehrmals zwischen den Wachen und Tieges Zelle hin und her sah. Als warte sie selber auf etwas…. Hatten sich der Gejarn und die Vorsteherin etwa abgesprochen?

Einer ihrer vier Wächter war derweil vorgetreten und machte sich bereits an der Tür einer leeren Zelle zu schaffen, als ihn einer der Anderen zurückhielt. Die Hand des Mannes, die bereits in seiner Tasche nach dem Schlüssel gesucht hatte, kam wieder zum Vorschein.

„Was?“ , fragte er ungeduldig.

„Ich traue dem ganzen nicht.“, erklärte sein Gegenüber und sah dabei zwischen Simon und Ordt hin und her. „Ielfgar kocht uns lebendig, wenn die Beiden irgendwelche Dummheiten machen. Du hast den Kampf nicht gesehen. Wenn wir nicht aufpassen, bringen die sich noch vor morgen früh gegenseitig um.“

„Du machst dir Gedanken…“, antwortete der erste Wachmann genervt. „Also schön, verpasst dem Zauberer und dem Wolf ein paar Ketten. Und dann weg hier, ich muss heute Abend die Nachtwache übernehmen…“

Mit diesen Worten packten die zwei übrigen Soldaten Simon, während der Mann, der sie zuvor aufgehalten hatte, eine Eisenschelle von seinem Gürtel löste. Mit einem quietschenden Laut schloss sich der rostige Metallring um Simons rechtes Handgelenk. Und diesmal hielt den Wachmann niemand auf, als er nach dem Schlüssel griff, ein schwerer Bund, mit dem sich wohl jede Tür hier unten öffnen ließ. Und der die Kette um seine Hände schließen würde….

Simon sah zu Ordt. Der Gejarn rührte sich nach wie vor nicht, auch nicht als der Wachmann den ersten der Eisenringe zusammendrückte und verschloss. Worauf wartete er noch? , dachte Simon.

Und dann ging alles ganz schnell. Der Gejarn war schnell, selbst Simon sah nicht mehr, woher das Messer auftauchte, nur das die Klinge plötzlich auf den Nacken eines der vier Wachmänner zuraste, die um ihn herumstanden.

Und jetzt wurde ihm auch klar, worauf der Wolf gewartet hatte. Jetzt, wo sich alle Aufmerksamkeit auf ihn konzentrierte, würde niemand mehr Ordt aufhalten können.

Simon sprang zurück, als das Messer die ungeschützte Haut durchdrang und an der Kehle des Mannes wieder austrat. Bevor seine Kameraden noch verstanden hatten, was vor sich ging, sank der Soldat in sich zusammen. Ordt riss die Klinge zurück, während die drei verbliebenen Männer sich nun plötzlich voll und ganz auf den Wolf konzentrierten. Einer von ihnen griff zum Schwert und Simon stürzte sich im selben Augenblick auf ihn, noch ehe die Waffe aus der Scheide war. Sowohl der Zauberer als auch der Soldat gingen zu Boden und rissen dabei einen zweiten Wächter mit sich. Der Dritte wiederum war nicht mehr schnell genug, um Ordt zu entgehen. Der Mann hatte eine schwere Holzkeule gezogen, in der Jemand scharfkantige Metallkeile getrieben hatte, die aus der groben Waffe etwas aus einer Folterkammer zu machen schienen. Der Gejarn jedoch wich dem ersten Hieb elegant aus, bevor er seinem Gegner das Messer zwischen die Rippen trieb. Bevor der Mann auch nur dazu kam, zu schreien, hatte der Wolf die Klinge mit einer Drehbewegung aus der Wunde gezogen. Der nächste Schnitt öffnete seine Kehle und der zweite Wächter ging zu Boden, tot, oder kurz davor.

Simon mühte sich derweil ab, die Oberhand zu behalten, während er blind auf den Mann einschlug, den er zu Boden gerissen hatte. Dieser versuchte immer noch, sein Schwert zu ziehen und ignorierte die Hiebe des Zauberers, die wirkungslos vom Gambeson seines Gegners abprallten. Und zu allem Überfluss konnte er sich dabei nicht um den zweiten Posten kümmern, der schwerfällig wieder auf die Füße kam. Den einen Mann konnte er zumindest in Schach halten, aber wenn er es erst mit zwei zu tun hätte…. Aus den Augenwinkeln sah Simon, wie sich die Gestalt neben ihm wieder aufrichtete und stellte sich bereits darauf ein, dass der Mann sich gleich auf ihn stürzen würde. Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen erstarrte die Gestalt plötzlich.

Simon fragte nicht lange, sondern nutzte die Atempause, die er dadurch gewann und versetzte seinem verbliebenen Gegner einen Schlag gegen die Schläfe, worauf dieser plötzlich jede Körperspannung verlor und still liegenblieb.

Schwer atmend stand er auf und entdeckte auch, was ihn eben gerettet hatte. Der verbliebene Wachmann stand direkt vor dem Gitter zu Tieges Zelle. Und der Gejarn aus Laos schlief nicht mehr. Falls er das überhaupt je getan hatte. Stattdessen hielt er jetzt dem letzten ihrer Gefängniswärter das Schwert an den Hals. Es war seltsam genug, das man dem Mann erlaubt hatte, seine Waffe zu behalten, aber… wenn Simon recht überlegte, war an Tiege alles seltsam, soweit er das beurteilen konnte.

„Ich an Deiner Stelle würde mir jetzt gut überlegen ob ich Alarm schlage oder ganz ruhig bleibe und weiterlebe.“, meinte der Fuchs im freundlichsten Plauderton. „Also? Wie wäre es, wenn Ihr uns einfach kurz den Schlüssel gebt… und dann um Euer Leben rennt.“

Der Posten, nach wie vor das Schwert des Gejarn am Hals nickte langsam. Mit zittriger Hand fischte er einen schweren Schlüsselbund aus seiner Tasche und hielt ihn Ordt hin. Im selben Moment, in dem der Wolf die Schlüssel an sich nahm, ließ Tiege den Mann bereits los. Simon sah ihm lediglich nach, als er schnell und lautlos das Weite suchte. Allerdings würde es wohl nicht lange dauern, bis er sich eines Besseren besann und Alarm schlug….

Ich hätte ihn töten sollen, dachte er. Aber dafür war es jetzt zu spät. Und warum hatte er es nicht einfach getan? Bevor er sich selber eine Antwort geben konnte, hatte Ordt bereits Tieges und Kiris Zellen aufgesperrt. Diese sah dem flüchtigen Wachmann einen Moment misstrauisch hinterher, bevor sie sich dem Wolf und Simon zuwendete.

„Geht es Euch allen gut?“

„Ein paar Kratzer.“ , erwiderte Simon. „Aber ich bin überrascht, dass Ihr fragt.“

„Wir müssen immer noch alle zusammen hier raus.“, antwortete sie und ein schwaches Lächeln huschte über ihre Züge. „Und je länger wir hier herumstehen desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man uns aufhält.“

„In diesem Fall würde es Euch sicher nichts ausmachen, mich hier raus zulassen?“, fragte Tiege sarkastisch und schlug dabei demonstrativ gegen die Gitterstäbe seiner Zelle.

Ordt hatte sich mittlerweile bereits hingekniet und löste den Zellenschlüssel vom Gürtel eines der toten Wächter.

,,Hier.“

Simon konnte den Gegenstand grade noch rechtzeitig auffangen, bevor er sich der Zelle des Gejarn zuwandte.

„Können wir ihm wirklich trauen?“ , fragte er an die anderen gerichtet. Er selber war sich da alles andere als sicher. Der Mann hatte ihnen geholfen ja… aber was wussten sie eigentlich über ihn?

„Bei meinem Leben und meiner Ehre.“ , erklärte Tiege, bevor einer von ihnen etwas erwidern konnte. „Und wenn Euch dieser Schwur nichts bedeutet, fasse ich das übrigens als Beleidigung auf.“

Simon seufzte. Er war in letzter Zeit zu oft auf Andere angewiesen gewesen. Das wurde langsam… lästig. Und vielleicht war das nicht das Wort, das er suchte.

„Also schön.“, meinte er schließlich und sperrte die Zellentür auf. „Und jetzt weg hier, wir haben Anegos Gastfreundschaft lange genug genossen.“

Ordt nickte, während er bereits Kiris Zelle mit einem zweiten entwendeten Schlüssel öffnete. So schnell, wie alles gegangen war, verschwanden sie nun auch wieder aus dem Verlies, die ausgetretenen Steinstufen am Ende des Korridors nach oben.

 

Die Tür auf dem letzten Absatz schließlich mündete direkt unter den langsam verfallenden Mauern der Arena. Die Sonne stand bereits tief am Horizont und zeichnete deutliche Schatten in dem Gewirr aus Holzbrettern und Seilen, welche die Fassade noch mühsam intakt hielten. Segeltuchplanen, die wohl einstmals dem Zweck gedient hatten, das Konstrukt vor Nässe und Fäulnis zu schützen, wehten träge im Abendwind, als sie auf das Pflaster hinaus traten, das die komplette Anlage umgab.

Jenseits davon, begannen wieder die kaum befestigten und wahllos bebauten Gassen Anegos.

Zu ihrem Glück, war das Gelände um die Arena so gut wie verlassen. Nach dem der Kampf beendet worden war, waren die meisten Zuschauer wohl längst wieder daheim oder in den Tavernen der Stadt verschwunden. So oder so es war beinahe totenstill.

Simon atmete einen Moment die stickige Luft Anegos tief ein. So unangenehm der Fäulnishauch auch war, der über allem hier lag, er war wieder frei. Seltsam, wie man so eine Kleinigkeit schätzen konnte, aber so war es…. Das letzte Überbleibsel seiner Gefangenschaft bestand nun mehr lediglich aus der Kette, die nach wie vor um eines seiner Handgelenke lag. Und jetzt hätte er keine Zeit, sich davon zu befreien. Wenn sie erst einmal außerhalb der Stadtmauern wären, konnte er sich weiter darüber Gedanken machen. Und über eine ganze Menge anderer Dinge….

Langsam und sich nach allen Seiten umsehend, machte sich die kleine Gruppe auf den Weg durch das stille Anego. Sie sollten jedoch nicht sehr weit kommen.

Simon schätzte, dass sie vielleicht die Hälfte des Wegs zu den Toren hinter sich hatten, als der schallende Klang eines Horns durch die Straßen drang. Einmal, langezogen und klagend, dann ein zweites Mal. Er brauchte niemanden sagen, was das bedeutete, von alleine beschleunigten sich ihre Schritte, während das Horn ein drittes Mal erschallte. Irgendjemand, vermutlich der Wachmann, den sie hatten entkommen lassen, hatte Alarm geschlagen. Und das hieß, dass bald jeder einzelne Stadtwächter und jeder Gardist in Anego Bescheid wissen würden. Und damit auch die Torwachen. Sie mussten sich beeilen, sonst würde es für sie bald kein Entkommen mehr geben.

Simon übernahm die Führung, während sie durch eine der schmalen Seitenstraßen der Stadt liefen. Verfallene Hütten und strohgedeckte Baracken ragten rechts und links von ihnen auf, manche davon im Laufe der Jahre so weit in sich zusammengesackt, das er über die Dächer hinweg in die angrenzenden Gassen sehen konnte. Und so bemerkte er die Gestalten auch vor allen Anderen. Es mussten wohl mindestens ein Dutzend Männer mit dem Drachenwappen des Kaisers auf ihren Umhängen sein. Und sie versuchten ohne Zweifel ihnen den Weg abzuschneiden.

„Wir bekommen Besuch!“, rief er den Anderen zu.

„Habe ich gemerkt.“, gab Ordt zurück, der bereits die Waffe überprüfte, die er trug, eines der Schwerter, die ihre Gefängniswärter nicht mehr brauchen würden. Simon verfluchte sich selbst, dass er nicht daran gedacht hatte, sich ebenfalls zu bewaffnen, aber dafür war in der Aufregung kaum Zeit gewesen. Die Schatten der Wachen, die sie verfolgt hatten waren derweil verschwunden, vielleicht mittlerweile hinter ihnen zurück geblieben.

Mit etwas Glück, dachte Simon, könnten sie der Falle entgehen. Vor ihnen konnte er bereits eine Kreuzung erkennen, an der sich der Weg, dem sie folgten, auffächerte. Waren sie vor den Gardisten dort, würden sie doch noch entkommen können…

 

 

 

Kapitel 19

Ielfgars Ende

 

 

 

 

 

Als Simon auf die Kreuzung hinaus stolperte, wusste er bereits, dass seine Hoffnung vergebens gewesen war. Aus drei Richtungen näherten sich mindestens fünfzehn bewaffnete Männer, alle in den blau-goldenen Wappenröcken der kaiserlichen Garde.

„Zurück!“, rief er und drehte sich bereits um, ohne darauf zu achten, ob die anderen seinem Beispiel auch folgten. Das hier war eine Sackgasse und mit so vielen würden sie es niemals aufnehmen können. Zumindest nicht ohne Magie, dachte er bitter. Der einzige Weg, der ihnen noch blieb war, durch die Gasse die sie gekommen waren zurück…. Das würde zwar einen Umweg bedeuten, aber anders erreichten sie die Tore jetzt garantiert nicht mehr. Wenn die Wachen sie nicht ohnehin vorher einholten, hieß das.

„Los jetzt endlich!“ Er versetzte sowohl Tiege als auch Kiris einen Stoß, die wie erstarrt stehen geblieben waren. Offenbar zeigte das die erwünschte Wirkung, denn endlich setzten auch die Beiden sich in Bewegung. Aber was war mit Ordt?

Der Wolf war auf halbem Weg die Gasse hinauf stehengeblieben.

„Geht schon mal ohne mich weiter.“,erklärte er ruhig.

„Seid Ihr plötzlich wahnsinnig geworden?“, wollte Simon wissen.

„Hört zu, ich komme nach. Die Gasse ist zu schmal, als das sie mich alle gleichzeitig angreifen könnten. Ich halte sie etwas hin und folge Euch dann.“

Kiris schüttelte den Kopf. „Ihr… Also schön. Aber das ist ein Versprechen. Wehe Ihr lasst euch umbringen.“

Über Ordts Züge blitzte ein kurzes Grinsen, das selbst Simon einen Moment Angst machte.

„Glaubt mir, das haben schon ganz andere versucht. Und ich stehe immer noch. Und jetzt los.“

Kiris nickte.

„Wir sehen uns auf der anderen Seite.“

 

Mit diesen Worten war es entschieden und sie setzten sich erneut in Bewegung. Trotzdem konnte Simon es nicht ganz vermeiden, sich noch einmal zu dem Gejarn umzudrehen. Es fühlte sich schlicht… falsch an, den Mann derartig zurückzulassen. Aber er hatte sich aus freien Stücken dafür entschieden. Götter, was dachte er überhaupt? Es sollte ihm völlig egal werden, was aus Ordt wurde.

„Ich gebe ihm fünf Minuten, wenn er dann nicht wieder bei uns ist, zieh ich den Sturkopf am Schweif hier raus…“, konnte er Kiris murmeln hören, während die verfallenden Hütten Anegos an ihnen vorbeirasten. Und zu seiner eigenen Überraschung konnte er ein schwaches, trockenes Lachen nicht vermeiden. Es war eine Weile her, dass er Grund dazu gehabt hatte, ehrlich zu lachen. Aber die ganze Situation hier war auch Irrsinnig…

Am Ende der Gasse wurde er kurz langsamer um sich zu orientieren. Die Stadt war der reinste Irrgarten und dass ihnen jetzt endgültig die Zeit davon lief, machte die Sache nicht unbedingt einfacher…

„Hier lang.“, warf da Tiege ein und rannte eine der verstaubten Straßen hinab.

Simon zögerte einen Moment, ihm zu folgen. Nach wie vor wussten sie beinahe nichts über den Mann. Aber… welche Wahl hatten sie schon? Bevor er noch länger darüber nachdenken konnte, folgte er dem Gejarn auch schon, direkt hinter Kiris. Und wenige Augenblicke später, wusste er auch bereits, dass sie sich auf dem richtigen Weg befanden. Der Palisadenzaun, welcher Anego umgab, war nicht sehr hoch, aber über die gedrungenen Gebäude hinweg, war er trotzdem gut zu sehen. Und auch das Torhaus zeichnete sich bereits als deutliche Silhouette über den Dächern ab. Sie hätten es gleich geschafft….

Doch wieder einmal hatte das Glück gegen sie entschieden. Noch bevor sie ganz heran waren, erkannte Simon bereits den Mann, der an den Toren auf sie wartete.

Der Kommandant der kaiserlichen Garde Anegos. Und Ielfgar war nicht alleine. In seinem Rücken standen vier Männer, die in ihren schwarzen Panzerungen mehr wie lebende Schatten wirkten, als wie Wesen aus Fleisch und Blut. Jeder der vier trug ein schweres Zweihandschwert auf die Schulter gestützt, Klinge und Heft ebenfalls schwarz gehalten, wenn man von dem Drachenwappen am Heft absah. Prätorianer. Das hatte ihnen grade noch gefehlt. Vermutlich hatte Ielfgar sie hierher beordert. Möglicherweise sogar als Henker für ihn selbst, dachte Simon. So oder so, sie standen ihnen im Weg….

„Und ich hatte schon befürchtet, meine Leute würden mich um das Vergnügen bringen, euch selbst zu erledigen, Simon.“, meinte Ielfgar kalt. „Ich will gar nicht wissen, wie Ihr es angestellt habt, zu entkommen. Fest steht, ich gebe euch dazu keine zweite Gelegenheit, Orden hin oder her.“

„Daraus wird nichts.“ Tiege zog die Waffe. Das Symbol der aufgehenden Sonne , das in das Heft des Schwerts eingelassen war. „Die gehören mir.“, fügte er an Simon und Kiris gerichtet hinzu.

Ielfgar lachte, als er die Worte des Gejarn hörte.

„Ihr seid verrückt.“ Und mit einem Wink an seine Männer befahl er: „Tötet das Großmaul. Und danach die Anderen.“

Die vier Prätorianer setzten sich träge in Bewegung und hoben ihre Schwerter von den Schultern. So furchteinflößend diese Waffen auch wirkten, es brauchte normalerweise einen unvorstellbar kräftigen Krieger, sie auch effektiv einzusetzen. Und jetzt hatten sie vier davon vor sich. Simon wäre Tiege zur Hilfe gekommen, aber er hatte nichts, womit er helfen konnte. Nicht mehr, wie ihm erneut schmerzhaft bewusst wurde.

Der Gejarn wartete lediglich, während die vier Prätorianer ausschwärmten und einen Halbkreis um ihn bildeten, die Hand am Schwertgriff, ansonsten aber scheinbar vollkommen entspannt. Lediglich seine Augen folgten jeder Bewegung. Dann ging plötzlich alles ganz schnell.

Der erste Prätorianer hob das Schwert und stürmte auf den wartenden Tiege zu. Die anderen drei folgten seinem Beispiel nur wenige Herzschläge später.

Tiege hingegen bewegte sich beinahe wie in Trance, wie es Simon schien. In einer fließenden Bewegung hatte er das Schwert gezogen und Griff, sowie den oberen Teil der Klinge gepackt. Der Aufprall, als der Zweihänder und das dagegen zerbrechlich wirkende Schwert des Gejarn aufeinandertrafen, hätte Knochen zerschmettern können. Tiege jedoch ließ sich davon scheinbar nicht aus der Ruhe bringen. Einen Moment, während die restlichen drei Prätorianer ihm schon gefährlich nahe kamen, blieben die beiden Männer regungslos stehen, der Gejarn darum bemüht, die Klinge von sich fernzuhalten und scheinbar versagte er dabei. Der Prätorianer überragte Tiege leicht um einen halben Kopf und war ohne Zweifel ein gutes Stück kräftiger. Dann jedoch versetzte Tiege seinem Gegner einen Tritt, der diesem das Gleichgewicht kostete. Jetzt erst wurde auch Simon klar, was der Fuchs getan hatte. Er hatte darauf gewartet, dass sein Gegner alle Kraft in das Schwert legte, seinen Schwerpunkt verlagerte… die Vollpanzerung forderte jetzt ihren Tribut und der Prätorianer schlug scheppernd auf dem Boden auf. Die anderen beiden schenkten ihrem gefallenen Kameraden jedoch keine Beachtung, sondern drangen nun geschlossen auf ihren einzelnen Gegner ein. Dieser jedoch, gab das Katz und Maus Spiel nun offenbar auf. Simon hatte selten jemanden gesehen, der sich so schnell und dabei gleichzeitig so gezielt bewegte. Es war beinahe, als wäre Tiege kaum mehr als Luft, die zwischen den Klingen seiner Gegner hindurch huschte… und dabei immer wieder zuschlug. Nach wie vor hielt der Mann das Klingenblatt des Schwerts mit einer Hand gepackt und schien es mehr wie eine Lanze zu verwenden, anstatt als Hiebwaffe. Mit jedem gezielten Stoß fand er eine Lücke in den schweren Plattenrüstungen seiner Gegner, eine offene Armbeuge, ein Kniegelenk, den Schlitz eines Helmvisiers….

Als der Gejarn die Waffe schließlich sinken ließ, standen seine drei Gegner nur noch schwankend auf den Beinen. Blut rann aus den Rüstungen hervor, floss über den schwarz glänzenden Stahl und tropfte dann auf die staubigen Straßen.

Tiege ging an den sterbenden Männern vorbei, noch ehe diese in sich zusammensanken, direkt auf Ielfgar zu. Der Kommandant war mittlerweile bleich geworden, während er zusah, wie seine vier Krieger innerhalb weniger Augenblicke besiegt wurden. Langsam wich er vor dem näherkommenden Gejarn zurück.

„Götter…Ihr habt meine Männer alle getötet. Ihr….“ Ielfgars Hände zitterten, während er einen schweren Gegenstand aus seinem Gürtel zog und auf Tiege richtete. „Sterbt Dämon!“

Dieser ignorierte die Bedrohung jedoch und ging nur weiter auf den Kommandanten zu, der nun bereits die Waffe spannte, nun nicht mehr zitternd, sondern routiniert und mit schnellen Handgriffen.

Eine Radschlosspistole. Simon erkannte das Stück verziertes Holz beinahe selbst zu spät als das was es war. Er hatte in einer Provinzstadt wie dieser nicht wirklich damit gerechnet. Lunten-Gewehre konnte man beinahe überall bekommen, aber die kleineren Ausführungen waren schon alleine aufgrund der komplizierten Zündmechanik teurer und normalerweise dem Hochadel vorbehalten.

„Tiege, Vorsicht! “ Kiris hatte offenbar auch gemerkt was vor sich ging. Und das der Gejarn den Kommandanten nie rechtzeitig erreichen würde. Ielfgar hingegen brauchte nur noch den Abzug betätigen.

Der Schuss war auf die kurze Entfernung ohrenbetäubend laut. Kiris wendete den Kopf ab und selbst Simon ertappte sich dabei, dass er kurz die Augen schloss. Als er wieder hinsah, bot sich ihm ein seltsames Bild.

Tiege hatte offenbar die letzten Augenblicke genutzt, um den Rundschild, den er bisher unbenutzt auf dem Rücken getragen hatte, an sich zu nehmen. Weniger als zwei Schritte von der rauchenden Mündung der Feuerwaffe entfernt, wirkte die Barriere aus Stahl nicht so, als könnte sie den Mann irgendwie geschützt haben. Simon konnte die gewaltige Delle sehen, die der Aufprall der Kugel in das Metall gestanzt hatte, aber… ansonsten war es noch intakt….

Das war doch unmöglich.

Tiege ließ den nun nutzlosen Schild einfach fallen. Im gleichen Moment, wo dieser auf dem Erdboden aufprallte, sprang eine einzelne, verkrümmte Bleikugel aus der Delle hervor.

„In Eurem nächsten Leben solltet Ihr Euch vielleicht Gedanken darüber machen, wen Ihr anlügt.“

Der Gejarn führte die Klinge in einem Bogen auf den Hals des auf der Stelle erstarrten Kommandanten. Dieses Mal drehte Simon den Kopf ebenfalls weg, das Geräusch der Klinge jedoch, die Knochen und Muskeln wie Papier durchtrennte, sollte ihn noch bis in seine Träume verfolgen.

„Es ist vorbei, oder?“, fragte Kiris offenbar darum bemüht, den regungslosen Körpern vor dem Torhaus keine Aufmerksamkeit zu widmen.

„Noch ist nichts vorbei, wenn wir nicht bald hier verschwinden.“, antwortete Tiege.

„Ich bin mir sicher in ein paar Minuten wird es hier vor Gardisten wimmeln. Bis dahin sollten wir schon ein gutes Stück Abstand zwischen uns und Anego gebracht haben.“

„Was ist mit Ordt?“, wollte sie wissen. „Wir können ihn nicht einfach hier zurück lassen.“

„So sehr ich das bedauere, aber Euer Freund hat sein Schicksal selbst gewählt.“, antwortete der Gejarn. “Und wenn das nicht umsonst gewesen sein soll müssen wir weg. Jetzt.“

„Dann geht.“, antwortete Kiris entschlossen. Wieder einmal konnte Simon nicht anders, als ihren Mut stumm Respekt zu zollen. So ungern er das auch zugab.

„Ich jedenfalls gehe zurück und suche ihn. Mit etwas Glück… finden wir einen anderen Ausweg.“

„Nichts da.“ Ehe er selber wusste, was er tat, war er zwischen Kiris und Tiege getreten. „Ich gehe zurück und hole ihn.“, erklärte Simon, bevor er selber wusste, was er sagen wollte. „Das verschafft euch einen Vorteil. Sie sind vor allem hinter mir her und damit gebe ich euch selbst im schlimmsten Fall… wenigstens einen Vorsprung.“

Kiris sah ihn einen Moment an, als hätte er den Verstand verloren. Und vielleicht hatte er das ja auch, dachte Simon. Der Ausgang lag vor ihm, sein größtes Problem grade sollte sein, wie er am schnellsten hier weg kam. Aber gesagt war gesagt….

„Wir…“ Kiris hielt einen Moment inne, als wüsste sie nicht, was sie antworten oder von seinem Vorschlag halten sollte. „Wir warten draußen.“, erklärte sie schließlich.

Simon nickte, während er eines der Schwerter aufhob, die die Prätorianer verloren hatten. Zu schwer für ihn. Wenn er das mitschleppte könnte er auch gleich kriechen. Er ließ es fallen. Wichtig war erst einmal, den Wolf überhaupt zu finden. Was er dann tun wollte, wusste er ohnehin nicht. Am wahrscheinlichsten schien ohnehin, dass der Mann längst tot war.

„Wartet nicht zu lange.“, meinte er an Kiris und den Gejarn gerichtet, dann machte er sich wieder auf den Weg, hinein in die Labyrinth artigen Straßen Anegos. In der Ferne könnte er die Fassade der Arena aufragen sehen. Solange er sich daran orientierte, müsste er auch irgendwie zu der Straße zurückfinden, in der sie Ordt verloren hatten. Zumindest hoffte er das…. Ihm blieb so oder so nicht viel Zeit, bevor die Garde anfangen würde, die ganze Stadt auf den Kopf zu stellen.

 

 

 

 

 

Kapitel 20

Entkommen

 

 

 

 

 

 

Ordt stand mit dem Rücken zur Wand. Im wahrsten Sinne des Wortes. Hinter ihm ragte die hölzerne, mit Flechten überzogene Fassade eines kleinen Lagerhauses auf. Er wusste nicht, wie lange er sich jetzt schon mit der Stadtwache und der kaiserlichen Garde ein Katz-und-Maus-Spiel lieferte. Nur das er langsam aber sicher verlor. Vor ihm auf der Straße lagen drei weitere Tote, alle in den typischen blauen Wappenröcken der Gardisten. Wie viele weitere schon regungslos in den Straßen Anegos zurückgeblieben waren, konnte er nicht abschätzen. Anfangs hatte es wirklich so ausgesehen, als könnte er seine Position in der Gasse verteidigen, aber nachdem er demonstriert hatte, das es keiner der Soldaten im Kampf Mann gegen Mann mit ihm aufnehmen konnte, waren die ersten auf die Idee gekommen, über die niedrigen Gebäude und Mauern zu klettern um ihn in die Zange zu nehmen. Am Ende, war ihm nur die Flucht geblieben.

Doch wohin er auch kam, überall schienen nur weitere Soldaten auf ihn zu warten und in seinem jetzigen Zustand konnte er sich nicht mehr verstecken. Blutüberströmt und das Schwert in der Hand, fanden sie ihn letztlich überall. Und mittlerweile kam er längst nicht mehr so glimpflich davon wie zu Beginn. Ein Dutzend mehr oder weniger tiefe Schnitte machten ihm zunehmend zu schaffen. Tödlich war keiner davon, aber der Blutverlust, zusammen mit seiner zunehmenden Erschöpfung, tat sein Übriges.

Und nun schien es, war sein Weg endgültig zu einem Ende gekommen. In seinem Rücken gab es nur verwittertes Holz und auch links und rechts von ihm ragten lediglich glatte Wände auf. Keine Möglichkeit irgendwo hinaufzuklettern, selbst wenn er sich das noch zugetraut hätte. Vor ihm wiederum standen die zwei noch lebenden Gardisten des Trupps, der ihn als letztes gefunden hatte. Es gab keinen Ausweg mehr für ihn. Noch hielten die Männer sich verunsichert zurück und wagten es nicht, den Mann anzugreifen, dem bereits ein gutes Dutzend ihrer Kameraden zum Opfer gefallen war, aber nun arbeitete die Zeit für sie. Ordt wusste nicht, was zuerst eintreten würde, dass sie Verstärkung erhielten oder dass er einfach vor Erschöpfung aufgab. So oder so, er hatte das Ende seines Wegs erreicht. Er schloss einen Moment die Augen. Er würde nie zu seinem Clan zurückkehren…. Allerdings, hatte er das ohnehin nicht vorgehabt, oder? Und wenn es nur gewesen wäre um sie ein letztes Mal zu sehen, zu wissen dass es ihr jetzt gut ging….

Eine Bewegung riss ihn aus seinen Gedanken, als der erste Gardist seine Furcht überwand und vorpreschte, das Schwert in einem Bogen auf den Hals des Wolfs führend. Ein tödlicher Fehler. Ordts Bewegungen waren langsam geworden und es kostete ihn mehr Kraft, die Waffe auch nur zu heben, als er zugeben wollte, aber er parierte den Hieb grade noch rechtzeitig. Der Aufprall ging ihn durch Mark und Bein, aber sein Gegner wurde durch die plötzliche Gegenwehr überrascht. Ordt schlug die Waffe des Mannes beiseite und stieß ihm die eigene Klinge in die Brust. Dann ließ er den Waffengriff los. Er fürchtete ohnehin, dass ihm die Kraft fehlen könnte, das Schwert noch einmal aus dem Körper zu lösen. Ordts Waffe nach wie vor zwischen den Rippen sank der Gardist in sich zusammen. Doch nun hatte der Wolf endgültig nichts mehr, um sich vor dem zweiten Mann zu schützen, der sich bereits daran machte, den Tod seines Gefährten zu rächen. Ordt wusste nicht, ob es am Blutverlust lag, aber einen Moment lang kam es ihm so vor, als hätte der Mann dort vor ihm zwei Schatten. Einen der sich wie es sich gehörte am Boden hielt und einen zweiten, der ihm halb verborgen über die Schulter zu sehen schien. Nur das dieser Schatten einen Kranz goldener Haare zu besitzen schien.

Im nächsten Moment hatte die Silhouette auch schon ausgeholt und ließ etwas mit Wucht auf den Schädel des Gardisten krachen. Ordt konnte hören wie sich Knochen beim Aufprall verschoben und zersplitterten. Der letzte verbliebene Gardist sackte wie eine Marionette mit durchgeschnittenen Fäden in sich zusammen und gab endlich den Blick auf die Gestalt hinter ihm frei. Simon ließ die Kette an seinem Handgelenk los, mit der er den Mann grade niedergeschlagen hatte.

„Ihr seht furchtbar aus.“, erklärte er nur, als er sich Ordt zuwandte.

Dieser blinzelte nur verwirrt.

„Seid Ihr verrückt geworden wegen mir zurückzukommen?“, fragte er, während der Mensch ihm bereits unter die Arme griff und ihm half, sich durch die plötzlich gespenstisch stillen Gassen Anegos zu schleppen. Aber das würden sie wohl nicht zu lange bleiben, dachte der Gejarn.

„Glaubt mir, es wäre nicht das Verrückteste was ich in den letzten Tagen getan habe. Und seht es so, wenn man uns erwischt kann ich euch immer noch als Köder zurücklassen.“

Ordt lachte, was jedoch ein Dutzend Nadelstiche in seiner Lunge aufflammen ließ.

“Ich bestehe sogar darauf.“

Simon antwortete nicht, sondern begann lediglich schneller zu laufen, so dass er den Gejarn jetzt halb mit sich zog. Einen Moment überlegte Ordt, ob es die Mühe wert wäre, sich auf den Füßen zu halten, nur um den Mann weiter hinterher zu stolpern.

Ein Faustschlag ins Gesicht riss ihn zurück in die Wirklichkeit.

„Wenn Ihr mir jetzt einschlaft, lass ich Euch gleich hier.“, erklärte Simon grimmig und Ordt konnte ein weiteres trockenes Lachen nicht unterdrücken.

Nein, das würde er nicht. Dieser Irre brachte es fertig und trug ihn, wenn er das Bewusstsein verlor. Aber das würde erst gar nicht passieren. Der Schmerz des erneuten Lachanfalls riss ihn von der Grenze der Ohnmacht zurück. Mittlerweile hatten sie eine der Straßen erreicht, die direkt an der Palisade entlangführte, die Anego umgab. Durch die Lücken zwischen den dicht gefügten Baumstämmen konnte er vereinzelt die Bauten der Vororte aufblitzen sehen. Wenn sie es nur bis dorthin schafften, wären sie wohl fürs erste in Sicherheit. Hier in der Stadt konnte man sie einfach aufspüren, aber dort draußen….

Simon führte sie weiter, hinaus auf eine Straße hinaus, auf denen ihnen zum ersten Mal wieder einige der Bewohner Anegos begegneten. Hauptsächlich waren es jene, die wohl den heutigen Kämpfen in der Arena ferngeblieben waren, einfache Arbeiter, Händler und Reisende, die wohl erst im Laufe des Tages angekommen waren oder Bedienstete der besser gestellten Haushalte.

Die meisten wichen den beiden nervös aus und sie mussten ein seltsames Bild abgeben, dachte Ordt. Der überall gesuchte Mensch, der einen halbtoten Gejarn mit sich zog… hinter ihnen brach bereits ein kleiner Tumult aus, als sich eine Abteilung Stadtwachen ihren Weg durch die Menschen auf der Straße bahnte. Verdammt….

Simon begann schneller zu laufen und der Wolf versuchte, so gut es eben ging Schritt zuhalten. Mittlerweile konnte er die Tore bereits sehen und hoffte inständig, dass sie nach wie vor offen wären. Doch alles, das ihnen im Weg lag, waren die Körper von fünf Männern, vier davon in pechschwarzer Rüstung, die Ordt von irgendwoher kannte. Stillforn, dachte er träge. Das waren Prätorianer gewesen…. Wer hatte sie getötet? Ordt sah misstrauisch zu Simon. Hatte der Mann seine Magie etwa wiedererlangt? Nein… wenn, dann würden sie jetzt grade ganz sicher nicht fliehen. Und wie es aussah, wiesen die fünf Körper eine ganze Reihe Stichwunden auf, nicht Verbrennungen, Erfrierungen oder sogar das Fehlen von jeglicher Spur von Gewalt, wie man sie bei Zauberei erwarten würde.

Bevor er noch länger darüber nachdenken konnte, löste sich Simon plötzlich von seiner Seite und hob eines der Schwerter auf, die neben den fünf toten Soldaten am Boden lagen.

„Lauft weiter.“, meinte er nur an Ordt gerichtet und begann langsam rückwärts zu gehen. „Kiris und der Fuchs müssen irgendwo hier sein. Ich komme gleich nach. Und im Gegensatz zu Euch habe ich das tatsächlich vor.“

Ordt schüttelte lediglich den Kopf, setzte sich aber humpelnd wieder in Bewegung, während der Mensch unter den Torbogen trat. Aus der Straße, aus der sie gekommen waren, drang nun bereits deutlicher Lärm zu ihnen heran und wenige Augenblicke später, tauchte bereits wieder die erste Stadtwache auf. Ordt warf einen Blick zurück zu Simon, der nach wie vor direkt unter dem Torbogen stand… und einfach zu warten schien. Als der Wolf schon befürchtete, der Mann würde tatsächlich zurückbleiben, hob er plötzlich die Waffe… und ließ die Klinge auf ein Seil krachen, das direkt in der Mitte des Torbogens verlief. Ein Seil, das wie er wusste das Fallgatter in Position hielt…. Er hatte überhaupt nicht mehr daran gedacht. Der Mensch hingegen schien sich alles genau gemerkt zu haben….

Simon ließ das Schwert fallen und sprang grade noch rechtzeitig unter dem herab schnellenden Tor hindurch. Die angespitzten Enden des Gitters gruben sich tief in den Erdboden und versiegelten den Durchgang damit endgültig. Den verdutzten Stadtwachen blieb nur, zuzusehen, wie der Mann, den sie eben noch verfolgten entkam.

„Das sollte sie eine Weile beschäftigen.“, meinte der Zauberer an Ordt gerichtet.

„Kommt, suchen wir die Anderen.“ Der Wolf nickte.

Je eher sie hier weg waren, desto besser. Und er war sich ohnehin nicht sicher, wie lange er sich noch auf den Beinen halten würde. Und Simon… Geister, musste ausgerechnet dieser Mann ihm das Leben retten? Er würde sich später darüber Gedanken machen. Wenn sie endgültig in Sicherheit wären.

Schon nach wenigen Minuten waren sie im Strom der Leute, die durch die Vororte Anegos zogen so gut wie verschwunden. Der Alarm hatte zwar jeden innerhalb der Stadtmauern in Bereitschaft versetzt, aber hier draußen schien sich niemand darum zu kümmern. Lediglich die Schlange, die sich langsam vor dem Tor bildete, ohne dass jemand die wartenden Händler und Reisenden durchließ, deutete hier darauf hin, dass etwas nicht stimmte. Und bis man genug Männer zusammenhätte, um das schwere Fallgatter wieder zu raffen, könnten einige Stunden vergehen. Sie waren tatsächlich entkommen. Und in Anbetracht der Umstände relativ glimpflich davon gekommen…

„Ich gebe es ungern zu, aber das vorhin war… nicht schlecht. Woher habt Ihr gewusst, wie man das Fallgatter auslöst?“

„Ich habe es schon gesehen, als wir hier angekommen sind.“, antwortete Simon. „Und ich merke mir immer, was mir zum Vorteil gereichen könnte.“

Ordt nickte stumm. Das schien zu dem Mann zu passen, den er kannte. Das er allerdings zurückkam und sein Leben riskierte um ihn hier rauszuholen… überhaupt nicht.

„Wer hat Euch zurück geschickt?“, wollte er wissen.

„Kiris.“ , antwortete Simon, für Ordts Geschmack etwas zu hastig. Er log, aber warum?

„Aha… und warum habt Ihr es dann auch getan?“

Der Zauberer seufzte schwer, während sie eine Gasse passierten, in der ein schwerer Ochsenkarren auf der Straße stand. Die Tiere davor schnaubten, als die zwei Männer sich an ihnen vorbeizwängten, offenbar nervös über die Anwesenheit des Wolfs.

„Könnten wir das bitte ausdiskutieren, wenn wir hier raus sind?“

„Sie hat Euch nicht gefragt.“ , stellte Ordt fest.

„Nein… eigentlich wollte sie selbst gehen.“

„Und warum habt Ihr das nicht zugelassen?“

„Muss ich mich wiederholen? Ich habe es schlicht nicht erlaubt. Das ist was zählt.“

 

Sie ließen den Karren hinter sich zurück und erreichten eine Stelle, an der der Weg, der zwischen den grob gezimmerten Hütten hindurchführte wieder breiter wurde. Vor ihnen gabelte sich die Straße vor einer kleinen Hausruine. Fenster und Türen waren leer und falls es einmal Glas gegeben hatte, so war dieses lange herausgebrochen worden. Ein Teil des Daches* war in sich zusammengesackt und offenbar bereits verrottet, so dass dort nun ein Fleck nackter Erde zurückgeblieben war. Von dem einstigen Gebäude war damit nur ein Querschnitt geblieben.

Grade als Simon den Weg rechts an der Ruine vorbei nehme wollte, bewegte sich etwas hinter einem der leeren Fenster. Ordt hatte es ebenfalls gesehen und spannte sich innerlich an. Es war unwahrscheinlich, dass die Garde oder Anegos Stadtwache ihnen hier draußen eine Falle stellte, das hieß jedoch nicht, dass es jemand anderes nicht tun könnte…

Dann jedoch trat eine Gestalt aus den Schatten des verfallenen Hauses hervor, die er kannte….

„Kiris ?“ Ihr wiederum folgte eine zweite Person, der Gejarn aus dem Gefängnis… Tiege. Sie hatten es also beide geschafft. Und wie es aussah hier versteckt.

„Und ich dachte wir hätten uns zum letzten Mal gesehen.“, meinte Kiris.

 

 

Kapitel 21

Rast

 

 

 

 

Anego war nur noch als dunkle Silhouette am Horizont zu erkennen, beleuchtet von einem letzten roten Schimmer am Horizont. Mit Einbruch der Nacht flackerte eine einzelne Flamme in der Ebene von Hasparen auf. Das Licht des Feuers spiegelte sich auf der Oberfläche eines Sees, an dem sich die kleine Gruppe niedergelassen hatte. Zwischen mehreren Hügeln gelegen, war die Wasserfläche von der Straße aus so gut wie nicht zu sehen und einige Bäume, die auch Brennmaterial für das Lagefeuer lieferten, taten ihr Übriges.

Tiege ließ einen weiteren Ast in die Flammen wandern, während er zeitgleich darauf achtete, dass ihr Tagesfang nicht verbrannte. Der Mann hatte sich erstaunlich geschickt darin erwiesen, einige Fische aus dem stillen Wasser des Sees zu fangen, ohne mehr als einen angespitzten Stock zu verwenden, an dem ihr Fang auch gleich briet.

Simon sog den Duft des bratenden Fisches ein, während er gleichzeitig weiterhin versuchte, die Kette von seinem Handgelenk zu lösen. Etwas, das einfacher aussah, als es war. Zwar war nur eine der zwei Stahlschellen auch um seinen Arm geschlossen, aber das Metall war dick und unnachgiebig. Ohne einen Schlüssel hatte er keine Chance. Die Kettenglieder selber hingegen waren dünner und so begann er das erste davon mit einem spitzen Stein zu bearbeiten. Nicht grade elegant… aber er hatte keine andere Möglichkeit. Das Schicksal hatte es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht, ihm zunehmend alle seine Möglichkeiten zu nehmen….

Ordt war derweil damit beschäftigt seine Verletzungen zu versorgen. Simon wusste gar nicht, woher der Mann die ganzen Stoffstreifen nahm, mit denen er einen Schnitt nach dem anderen verband, seelenruhig und scheinbar nur darauf bedacht, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Zu den improvisierten Verbänden hatte der Wolf außerdem ein ganzes Büschel irgendeines Krauts auf dem Schoß liegen, von dem er ab und an ein Blatt abriss und kaute.

„Was ist das?“ , wollte Simon wissen.

Der Wolf unterbrach seine Arbeit einen Moment.

„Ihr wisst, das der Saft von Mohnpflanzen betäubend wirken kann, oder?“

Er nickte.

„Es ist mehr oder weniger das Gleiche. Außerdem verhindert es, dass sich die Wunden entzünden. Fragt mich nicht wie. Diese Pflanze hat mir… eine alte Freundin gezeigt, als ich noch jung war. Ich habe es nie vergessen. Ich glaube, seit ich meinen Clan verlassen habe, hat mir das schon öfter das Leben gerettet als alles andere.“

„Eine alte Freundin?“, fragte Kiris neugierig.

Simon hatte Ordt bisher noch nie von sich selbst erzählen hören und so wie es aussah, wusste sie kaum mehr als er.

„Es… ist nicht wichtig.“, erklärte der Wolf nur.

Simon holte derweil noch einmal mit dem Stein aus und diesmal gab das Metall endlich nach. Eines der Kettenglieder sprang auf, grade weit genug, dass es sich von den anderen lösen ließ. Blieb nur noch der Metallring um sein Handgelenk, dachte Simon. Aber den könnte er notfalls auch unter seiner Kleidung verbergen.

„Was genau habt Ihr jetzt eigentlich vor?“, fragte Tiege, der zum ersten Mal von seinem Platz am Feuer aufsah und einen der gefangenen Fische aus den Flamme zog.

Der Fuchs schien sich erstaunlich wenig Sorgen zu machen, dachte Simon. Oder zumindest konnte er es wohl gut verbergen. Der Mann sprach genau das an, was sie alle beschäftigte. Sie hatten kaum mehr als das, was sie am Leib trugen und selbst das war nicht viel und noch dazu blutverkrustet. Simon nahm sich vor, zumindest den gröbsten Schmutz morgen früh noch auszuwaschen, bevor sie weiterzogen. Wohin auch immer....

„Wir können zumindest nicht zu den anderen zurück.“, erklärte Kiris. „So seltsam das klingt, wir haben unser… Problem nicht wirklich gelöst, eher vergrößert. Das Kaiserreich jagt uns jetzt alle Vier….

Simon musste ihr Recht geben. Ob sie es wollten oder nicht, sie saßen jetzt alle im selben Boot.

„Und wir haben bessere Chancen, wenn wir zusammenbleiben, schätze ich.“, warf Ordt ein.

Der Gejarn hatte grade das letzte Blatt von der Pflanze gelöst und ließ die übrig gebliebenen Stängel und Wurzeln achtlos bei Seite fallen.

„Das wollte ich auch grade sagen.“ Kiris seufzte.

„Sowohl der Kaiser als auch der Orden wird hinter uns her sein. Und einzeln erwischen sie uns garantiert. Was ist mit Euch, Zauberer?“

Simon zuckte mit den Schultern.

„Es gibt keinen Ort, an den ich gehen könnte, wenn Ihr das meint. Ein paar Plätze, an denen ich Antworten finden könnte, das vielleicht… aber keine Zuflucht. Tut mir leid.“ Und seltsamerweise meinte er es auch so, stellte Simon überrascht fest. Er hatte diesen Leuten geholfen, sie irgendwie unter seinen Schutz genommen, so unnütz dieser im Augenblick auch war. Das war… ungewohnt. Aber er konnte sie jetzt nicht mehr zurücklassen…. „Das heißt wenn Ihr mich dabei haben wollt.“

In diesem Moment räusperte sich Ordt. „Ich will nicht unbedingt sagen, das mir wohl dabei ist, Euch in meinem Rücken zu haben.“, erklärte der Wolf. „Aber, Ihr habt heute unser aller Leben gerettet und meines obendrein. Zweimal um genau zu sein. Ich schulde Euch also etwas. Bis ich das zurückzahlen kann, bleibe ich an Eurer Seite.“

„Ist das Euer Ernst?“, fragte Tiege und sah dabei irritiert zwischen dem Wolf und dem Zauberer hin und her, „wenn ich Euch richtig verstanden habe, hat er versucht Euch alle umzubringen.“

„Das mag sein.“, antwortete Ordt. „Es ändert jedoch wenig an dem, was nun geschehen ist. Und meine Entscheidung steht…“

„Ich will Eure Dankbarkeit nicht.“, entgegnete Simon. „Und ich habe das ganz sicher nicht für einen von Euch getan.“

Kiris nahm es kopfschüttelnd zur Kenntnis. Einen Moment war Simon fest davon überzeugt, dass sie noch etwas sagen würde, bevor sie sich dann an Tiege wendete.

„Was ist mit Euch?“

„Nun ich kann so gesehen auch nirgendwo hin.“, antwortete der Gejarn.

„Wieso nicht ?“

Der Fuchs zuckte mit den Schultern. „Da ich nicht Wolf Griesgram da drüben bin kann ich es Euch wohl auch erzählen….“

„Strapaziert Euer Glück nicht.“, entgegnete Ordt lachend.

„Ich habe ursprünglich als Paladin in Helike gedient, ein Beschützer der inneren Stadt und der Archonten. Hat mir meine Familie zumindest immer so gesagt.“ Tiege zog langsam das Schwert und betrachtete die Schneide einen Moment, so als wüsste er nicht, was er da vor sich hätte. Der Schein des Feuers spiegelte sich auf dem polierten Stahl wieder und erweckte die in das Heft eingelassene Szenerie beinahe zum Leben. „Ehre und Ruhm, weil ich es zu einem Rang gebracht habe, den andere ihr Leben lang nur von Fernen bewundern. Oder hassen, das kommt wohl darauf an, wen man fragt.“

„Ihr wart also schlicht nicht glücklich mit Eurem Posten?“, fragte Kiris.

„Wenn es nur das gewesen wäre. Aber ich hatte nicht einmal eine Wahl. Wenn man aufwächst wie ich ist es praktisch unmöglich eine… ehrenvolle Aufgabe wie diese abzulehnen. Die Prüfungen Helikes, die jedem innerhalb der Stadtmauern seinen Platz zuweisen sind verbindlich. Aber ich habe das Beste aus der Situation gemacht und ehrlich gesagt, ließ man mir ziemlich viel durchgehen, wenn ich es rückschauend betrachte. Aber letztendlich wurde ich trotzdem der Stadt verwiesen. Ich habe es vielleicht auch ein wenig darauf angelegt…. “

Der Gejarn grinste kurz, während er dem durchgebratenen Fisch geschickt mit dem Schwert die Haut abzog und an Ordt weiterreichte, während er einen weiteren vom Feuer nahm.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen warum.“, meinte Kiris und die Ironie in ihrer Stimme entging wohl keinem von ihnen. Außer vielleicht Tiege.

„Ein Witz über die Mätresse eines Archonten und ich fand mich in Fesseln auf einem Schiff Kurs Richtung Canton.“, erwiderte er. „Aber das wird so schnell auch keiner mehr vergessen. Angeblich hat vor mir in der inneren Stadt Helikes seit eintausend Jahren niemand mehr gelacht. Aber um ehrlich zu sein, ist es wohl ein Wunder, das ich mit dem Leben davon gekommen bin. Wenn ihr glaubt euer Adel hier nimmt sich selbst für wichtig, solltet ihr die Archonten erleben. Wenn Laos doch eines Tages zurückkehrt, wird er mit diesen Idioten den Boden aufwischen. Zumindest hat mich diese Vorstellung immer bei Laune gehalten. Und mir einen schönen Spitzname eingebracht.“

„Ist euer... Laos nicht seit Jahrtausenden tot ?“ Simon erinnerte sich nicht an viel, was er über Laos und Helike gehört hatte, aber das, was hängen geblieben war… eine ganze Gesellschaft, aufgebaut um die Worte und Schriften eines toten Mannes herum, den sie wie einen Gott verehrten.

Tiege nickte.

„Und doch heißt es, er soll eines Tages, wenn sein Volk ihn am nötigsten braucht wieder zu uns zurückkehren. Wenn das letzte Kind des Nordens die innere Stadt betritt und die Banner eines fremden Reichs vor unseren Mauern wehen, was immer das auch heißen soll. Ich denke aber, bis dahin dürfte noch einiges an Sand über die Wüste wehen, wenn Ihr versteht. Zumindest bin ich definitiv nicht der erste, der aus meiner Familie verbannt wurde und sicher nicht der letzte. Man sagte mir einmal, wir Carmines würden Ärger einfach anziehen. Gleichzeitig sind aus unseren Reihen aber auch einige Archonten hervorgegangen und das hat mich wohl gerettet. Niemand möchte öffentlich das Blut des Nachfahren eines alten Helden vergießen.“

„Ihr klingt wirklich froh, Helike verlassen zu haben.“, stellte Kiris fest.

Hatte Tiege zuvor in einem scherzhaften Tonfall gesprochen, wurde seine Stimme nun düster.

„Man kann sich sein Zuhause nicht aussuchen und auch wenn Helike immer genau das für mich sein wird… ich habe Dinge gesehen, die schlicht nicht… richtig sind. Noch mehr manchmal fürchte ich, wir könnten uns eines Tages selbst zerstören. Ihr wisst, das es in Helike keine Magier gibt, oder?“

Simon nickte. Das war eines der Dinge, die hängegeblieben waren. Ordt und Kiris hörten nur weiterhin interessiert zu, während Tiege mit seiner Geschichte fortfuhr.

„Ihr wisst aber nicht, wieso. Ich habe Leichen gesehen, Zauberer. Dutzende. Kinder genauso wie ausgewachsene Männer und Frauen die für das Verbrechen zum Tode verurteilt wurden, anders geboren zu sein. Und ich habe es nicht nur gesehen…. “

„Was meint ihr damit?“ , wollte Kiris wissen.

Simon konnte es sich denken, wollte seine Gedanken jedoch nicht aussprechen, bevor Tiege sie bestätigte. Und ein Blick zu Ordt reichte ihm um zu wissen, dass der Wolf ebenfalls verstanden hatte.

„Ihr habt Magier getötet?“

„Gejagt, gehetzt, sie in ihren Verstecken zusammengetrieben und angezündet…. “Der Gejarn sah von den Flammen auf und einen Moment kam es Simon vor, als starre er einfach in zwei dunkle, schwarze Löcher mitten im Gesicht des Mannes. Dunkle Tümpel hinter denen sich der Schein der Flammen widerspiegelte. Kurz fragte er sich, ob Tiege nicht schlicht und ergreifend wahnsinnig geworden war. Einen Moment schien er nichts ernst nehmen zu können und dann… geschah so etwas, das eine Seite an dem Mann zum Vorschein treten ließ, die selbst ihm Angst machte, egal, ob er nun über Magie verfügte oder nicht. „Ich war gut darin.“

„Ich… habe vielleicht nicht grade die besten Erfahrungen mit... Zauberern gemacht“, begann Kiris. „Aber sie alle einfach töten? Nein, das ist verrückt, Tiege. Das ist… Bei allem Schrecken, den Magie anrichten kann, sie kann für Gutes wie Böses benutzt werden. Die Begabung alleine zu haben entscheidet darüber nicht.“

„Und Ihr glaubt, ich wäre hier, wenn ich das nicht wüsste? Der Narr von Helike… ein Name, der passt, auf mehr als eine Weise.“

Die Stimme des Fuchses war nun kaum mehr ein Flüstern, als er sich wieder dem Feuer zuwendete und die letzten Fische verteilte.

„Vergessen wir das… einfach. Ich will nicht mehr darüber reden.“

 

Eine Weile lang, sagte niemand ein Wort. Simon ertappte sich selber dabei, wie er Tieges Worte in seinem Kopf wiederholte. Der Narr von Helike ? Das musste wohl der Name gewesen sein, dem man ihm gegeben hatte. Aber Tiege wirkte auf ihn nicht länger wie ein Narr. Was immer diesem Mann passiert war, es schien etwas in ihm zerstört zu haben. Und warum kümmert dich das?, fragte er sich selbst. Er kannte die Antwort nicht und war beinahe erleichtert, als Kiris wieder das Wort ergriff und ihn damit zwang, seine Gedanken fürs erste bei Seite zu stellen.

„Wir sollten versuchen, irgendwo unterzutauchen.“, meinte sie.

„Selbst wenn der Kaiser nicht gezielt nach uns suchen lässt, Ihr zumindest habt nach wie vor einen Attentäter im Nacken, Simon. Diesen….“

„Roderick.“ , beendete Simon den Satz.

„Ich habe es nicht vergessen. Und ich bezweifle wirklich, das er mir den Gefallen tut mich zu vergessen.“

„Roderick…“ Tieges Stimme klang nach wie vor seltsam abwesend, so als wiederhole er den Namen mehr für sich selbst, als um sicher zu sein.

„Ja, wieso ?“

„Ich kannte einmal einen Mann namens Roderick. Aber ich bezweifle, dass es der gleiche Mann ist. Vor allem, weil der Roderick den ich meine, seit zehn Jahre tot sein sollte. Er war… ein Schwertmeister und im Rang damit sogar noch über mir, aber seine Methoden waren letztlich, selbst den Archonten, zu brutal. Sie haben ihn… verschwinden lassen. Zumindest tauchte er eines Tages einfach nicht mehr auf.“

„Nein.“, meinte Simon ohne es wirklich zu glauben. In letzter Zeit gab es zu viele Zufälle. „Es ist wohl kaum derselbe Mann. Aber ich hätte eine Idee, wohin wir gehen könnten.“

„Und zwar?“, fragte Ordt.

„Vara.“, erklärte er. „Ich bin dort aufgewachsen. Und es ist ein verschlafenes Städtchen, nicht besonders bedeutend, sieht man von den Bibliotheken und der Universität einmal ab. Ich glaube nicht, das uns Tiberius oder Erik bei den Gelehrte suchen werden.“ Und er könnte anfangen, endlich einige längst überfällige Nachforschungen zu betreiben, was eine gewisse Träne Falamirs anging. An seinen Plänen hatte sich wenig geändert. Er würde zurückerlangen, was ihm gehörte und dann Erik einen Besuch abstatten. Und dann könnte er auch anfangen, sich in Ruhe über einige Dinge Gedanken zu machen….

 

 

 

 

Kapitel 22

Lichter im Nebel

 

 

 

 

 

Als Simon erwachte, war die Welt noch ins Halbdunkle gehüllt. Die Sonne zeichnete sich als trübe Scheibe durch den Nebel ab, der über den See trieb und sich im Schilf, der die Ufer besiedelte, zu verfangen schien. Einen Moment blieb er einfach sitzen wo er war, direkt neben dem zu warmer Asche heruntergebrannten Feuer. Mit einem Blick zu den Anderen stellte er fest, dass alle noch schliefen und legte etwas Holz auf die verbliebene Glut. Zum Glück hatten sie gestern einen kleinen Vorrat angelegt, das würde ihm ersparen, sich später noch einmal auf die Suche nach Feuerholz machen zu müssen. Bäume gab es hier kaum und der nächste Wald war mindestens eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt.

Sie hatten sich gestern noch lange über das für und wider nach Vara zu gehen unterhalten, aber am Ende war die Entscheidung klar gewesen, dachte Simon. Er war der Einzige, der ihnen zumindest wieder so etwas wie eine Richtung vorgegeben hatte, auch wenn diese vor allem seinen eigenen Zielen diente…. Vara war vielleicht der eine Ort, an dem er eine Antwort auf seine Fragen finden könnte. Vermutlich wären Ordt und Kiris aber dort auch in Sicherheit.

Es wäre ein beschwerlicher Weg, der sie leicht mehrere Wochen kosten, aber mit etwas Glück konnte sich dort alles zum Besseren wenden. Irgendwann musste seine Pechsträhne ja einmal abreißen, oder?

Geräuschlos stand Simon auf und ging zum Seeufer hinab. Seine Pläne könnten zumindest solange warten, bis er seine Kleider etwas gesäubert hatte. Einen Moment überlegte er, ob er einfach so wie er war ins Wasser springen sollte, einen großen Unterschied würde das nicht mehr machen, ließ dann aber zumindest seine Stiefel am Rand des Schilfgürtels zurück, bevor er einige Schritte hinaus ins Wasser watete. Irgendwo rief ein Wasservogel, der sich wohl durch die Gegenwart des Menschen gestört fühlte, ansonsten jedoch war es gespenstisch ruhig. Die dichten Schilfpflanzen hinter ihm, verwehrten Simon einen Blick zurück auf das Ufer und vor ihm gab es nur eine endlos erscheinende Wasserfläche, die mit dem Nebel verschmolz. Er stand vielleicht knietief im Wasser, trotzdem begann er bereits zu frieren. Er sollte sich beeilen, sich säubern und zusehen, dass er zurück das Feuer kam, dachte er. Trotzdem blieb er noch einen Moment stehen, als wolle er die Ruhe, die hier herrschte in sich aufnehmen. Er hatte seine Magie verloren, dachte Simon fasziniert, aber dieser Ort hatte eine seltsame Ausstrahlung. Etwas war hier, das er bisher weder in Anego noch im restlichen Hasparen gespürt hatte. Und dann sah er es. So schnell wie ein Wimpernschlag huschte etwas über die Oberfläche des Sees. Eine sanft glühende Kugel, vielleicht so groß wie Simon Daumen, die eine dünne Welle hinter sich herzog, bevor sie wieder im Nebel verschwand. Ohne dass er es merkte, hatte er den Atem angehalten, während er darauf wartete, das sich die Erscheinung noch einmal zeigte. Obwohl er so etwas noch nie gesehen hatte, fühlte er sich nicht bedroht. Nur ungewohnt entspannt….

„Hier seid Ihr also.“, meinte eine Stimme hinter ihm und als er sich umdrehte, konnte er grade noch Kiris Umrisse ausmachen, die aus dem Schilfgürtel trat, den Rock in einer Hand zusammengerafft, damit der Stoff nicht nass wurde.

„Fürchtet Ihr, ich könnte ertrinken?“, fragte er spöttisch. Die Worte klangen in der Stille und der Isolation die der See bot, beinahe blasphemisch laut. Nicht, das er je damit gerechnet hätte, dieses Wort einmal zu gebrauchen. Aber dieser Ort war seltsam. Und er musste erst mittendrin stehen, damit es ihm auffiel….

„Ich kann auch wieder gehen.“, erwiderte Kiris lediglich.

„Nein bitte…“ Simon taten seine Worte bereits leid. Wie es aussah, musste er auch wieder lernen, seine Worte zu kontrollieren. Und das er sie damit verjagen könnte…. „Bleibt.“

Die Frau antwortete nicht, während sie zu ihm trat und seinem Blick folgend, in den Nebel starrte.

„Was genau macht Ihr hier?“

„Ich habe… etwas gesehen.“, antwortete er nur. Und dann tauchte es wieder auf, nur für einige Herzschläge, aber der Lichtpunkt, der knapp über das Wasser hinweg jagte war dieses Mal ein gutes Stück näher als zuvor.

Kiris musste es auch gesehen haben, denn die Frau trat langsam ein Stück vor, wie um sich einen besseren Überblick zu verschaffen.

„Sagt bloß nicht, ihr fürchtet Euch vor einem Irrlicht.“, meinte sie grinsend. „Die sind absolut harmlos.“

„Harmlos…“ Simon schüttelte den Kopf. Nein das waren sie ganz sicher nicht. Das war Magie nie… er hatte zwar davon gehört, aber bisher noch nie selbst eines gesehen. Wie auch, soweit er wusste, galten Irrlichter als so gut wie ausgestorben. Woran ihre latenten magischen Fähigkeiten wohl nicht ganz unschuldig waren. Wie die großen Drachen und alle Wesen, die von Natur aus Magie besaßen, sammelte diese sich über ihr Leben in ihren Körpern an. Um genau zu sein, in den Knochen. Simon hatte einmal den Schädel eines ausgewachsenen Drachen gesehen. Was daran einmal normales Bein gewesen sein mochte, war über Jahrhunderte und Jahrtausende zu etwas geworden, das mehr Kristall ähnelte, bläulich durchscheinend und opalisierend von einer Schönheit, mit der selbst ein reiner Diamant nicht mithalten konnte. Es war der Grundstoff, der für Speicherkristalle verwendet wurde, wie sie der Orden schuf. Zwar waren diese Steine nach dem Vorbild derer gefertigt, die das alte Volk hinterlassen hatte, aber irgendetwas fehlte ihnen immer noch, zerbröselten die, die der Orden oder die freien Zauberer es Landes kreierten doch einfach zu Staub, nachdem sie einmal benutzt worden waren. Und damit brauchten sie auch beständig Nachschub an Rohstoffen…. Drachen gab es praktisch keine mehr und Irrlichter waren ohnehin um einiges umgänglicher als eine hundert Schritte lange, feuerspeiende Echse.

„Es gab früher welche in den Bergen um Stillforn.“, meinte Kiris leise, während erneut einer der leuchtenden Punkte auftauchte und diesmal, keine Handbreit über der Oberfläche des Sees schwebend zum Stehen kam. „An den Quellseen der großen Flüsse. Aber ich habe seit Jahren keine mehr gesehen. Mindestens, seit die ersten Magier in die Gegend kamen. Und dann euer Orden… “

„Es… tut mir leid.“, erklärte Simon lediglich, wagte es jedoch nicht, sich dabei zu ihr umzudrehen.

„Ich glaube nach wie vor nicht, dass Ihr ganz versteht, was diese Worte überhaupt bedeuten.“

Simon schwieg. Eine Weile verfolgte er einfach nur, wie sich dem einzelnen Irrlicht weitere anschlossen. Einige der Lichtpunkte waren winzig, kaum größer als ein Fingernagel, andere strahlend helle Kugeln vom Durchmesser seiner Handfläche. Ohne zu wissen, was er tat, streckte er eine Hand nach einem der lebenden Funken aus, wagte es aber nicht, sich wirklich zu nähern. Er wusste nach wie vor nicht genau, womit er es zu tun hatte. Irrlichter waren ihm nie wie etwas vorgekommen, über das Nachforschungen anzustellen sich lohnen könnte. Aber so harmlos sie auch aussahen, wenn es um Magie ging, konnten Anschein und Wahrheit Welten auseinander liegen. Langsam und ohne einen Laut glitt eines der Irrlichter näher. Die Bewegung des Wesens war durch nichts wahrnehmbar, außer durch das schwache Kräuseln der Wasseroberfläche, so, als würde seine Anwesenheit alleine schon ausreichen, das Wasser in Bewegung zu versetzen. Als es noch gut einen Schritt von seiner ausgestreckten Rechten entfernt war, überlegte er bereits, den Arm zurückzuziehen. Die Gelegenheit jedoch, erhielt er nie. Als hätte das Wesen sein Zögern gespürt, war es plötzlich mit einer raschen Bewegung, schnell wie ein Blitz heran. Simons Hand schien einfach durch es hindurchzugreifen, als das Irrlicht seine Fingerspitzen berührte, als besäße es keinerlei echte Substanz, genau wie der Nebel über dem See. Dann jedoch erlosch es plötzlich. Von einem Moment auf den Anderen verschwand das Leuchten und lediglich einige golden glimmende Funken blieben zurück, die langsam im Wasser versanken. Der Schock den Simon dabei erhielt, stammte weniger von der seltsamen Furcht, das Wesen grade irgendwie getötet zu haben, als von der Energiewelle, die seinem Arm hinauf wanderte, durch seinen Körper jagte…. Es dauerte nur einen Herzschlag lang und doch erkannte er das Gefühl wieder. Magie. Echte reine Magie, die einen Moment hell in der Leere glomm, den seine eigene Gabe hinterlassen hatte… und wieder verlosch. Simon blieb einen Moment regungslos stehen. Es war, als wäre er blind gewesen und hätte für einen Augenblick lang wieder sehen können….

Bevor er sich noch lange darüber Gedanken machend konnte, holten ihn der Geruch verbrennender Haut und die rasenden Schmerzen, die von seinem Handgelenk ausstrahlten, wieder zurück in die Wirklichkeit. Rasch tauchte er den Arm, mit dem er das Irrlicht berührt hatte, ins Wasser. Das Metallband, das von seinen Fesseln übrig geblieben war, hatte sich durch den Energiestoß glühend aufgeheizt und sobald es das Wasser berührte stiegen zischend Blasen auf.

„Es… mag euch offenbar nicht besonders.“, stellte Kiris fest, aber Simon konnte den Schalk in ihrer Stimme hören.

„Im Gegenteil.“, erklärte er, während er die verbrannte Hand schüttelte. „Ich glaube, es hat mir etwas gezeigt….“ Seine Begabung mochte verschwunden sein, aber nicht die Fähigkeit sie zu nutzen. Es war, als hätte man einfach Wasser auf ein Holzfeuer gegossen. Sicher, die Flammen waren erloschen und das Holz nass, aber es war damit nicht völlig wertlos geworden. Die leuchtenden Flocken, die von dem Irrlicht geblieben waren, trieben mittlerweile allesamt auf dem Wasser, wie goldene Wasserlinsen. Simon fragte sich erneut, ob er das Wesen durch seine Berührung nicht tatsächlich getötet hatte, aber wenn dem so war… warum war es dann auf ihn zugekommen?

Und dann geschah etwas Seltsames. Die goldenen Flocken trieben, entgegen der herrschenden Strömung, wieder aufeinander zu, verklumpten sich miteinander… Im nächsten Moment erstrahlte die so entstandene Kugel erneut in hellem Licht und hob sich träge von der Wasseroberfläche um sich wieder den anderen, hier und dort über den See schwebenden, Irrlichtern anzuschließen.

Wenn er dem Wesen eben seine Magie genommen hatte, überlegte Simon, dann musste das Wasser selbst hier eine Art Magiequelle sein. Vielleicht gab es irgendwo auf dem Grund des Sees ja eine Ruine des alten Volkes mit einem Kristall, irgendetwas jedenfalls, das diesen Ort nährte. Das würde auch das seltsame Gefühl von Ruhe erklären, dass er hier gespürt hatte… Der Hunger nach Macht und Magie ließ Zauberer nur selten los…

„Seid Ihr eigentlich aus einem bestimmten Grund hier, oder habt Ihr nur nach mir gesucht?“ , fragte er Kiris, als er es schließlich wieder wagte, zu sprechen.

„Ich dachte nur, Ihr könntet das hier vielleicht gebrauchen.“, erklärte sie und förderte aus einer Rocktasche einen Schlüssel zu Tage. Allerdings nicht irgendeinen. Simon erkannte ihn sofort wieder, bereute er mittlerweile doch, keinen mitgenommen zu haben.

„Das ist der Schlüssel zu meinen Ketten…“, Simon stutzte. „Wie lange habt Ihr den schon und warum gebt Ihr mir ihn erst jetzt?“

„Eigentlich habe ich nicht einmal versucht, den Schlüssel zu verstecken.“, antwortete sie. „Aber mir ist erst heute Morgen eingefallen, das Ihr vielleicht gar nicht gesehen habt, wie ich ihn an mich genommen habe.“ Kiris grinste breit und setzte eine Mine auf, die fast überzeugend unschuldig wirkte. Aber nur fast.

Simon beäugte sie misstrauisch.

„Ihr genießt das, gebt es ruhig zu.“, erklärte er, musste jedoch ebenfalls grinsen. Der Tag begann wenigstens einmal nicht ganz so schlecht wie sonst.

„Seht es als späte Rache.“, antwortete Kiris lediglich, bevor sie ihm den Schlüssel in die Hand drückte und zurück in Richtung Ufer watete.

Simon sah ihr einen Moment nach. Oh nein, das war noch nicht mal nahe dran an Rache gewesen, dachte er bei sich. Und er würde garantiert jeden bemitleiden, der das Pech hatte, sich diese Frau zum Feind zu machen. Was ihn einschloss…. Wobei der Schlüssel wohl zumindest ein kleines Zeichen des Friedens sein sollte. Jedenfalls hoffte er das. Er würde sie sich ungern ein zweites Mal mit ihr verderben. Zumindest jetzt nicht mehr….

Immer noch etwas grinsend, schloss er die verbliebene Schelle um sein Handgelenk auf und ließ den Metallring einfach ins Wasser fallen. Wie es aussah, hatte er seine Ketten endgültig gebrochen. Es war dieser Gedanke, der ihn erneut innehalten ließ. Die gebrochene Kette….

„Kommt nicht zu mir, bevor ihr nicht eure Ketten gebrochen habt. Sucht mich nicht auf, bevor ihr nicht den Wert des Stahls kennt und das Gewicht des Verlusts tragt. Und letztlich, bringt mir das aus Schatten wiedergeborene Juwel.“, murmelte er die Worte der Seherin nach. War das Rätsel für das er bisher keine Lösung gesehen hatte am Ende so einfach? Und wenn ja, wie hatte Delia wissen können das er… Simon schüttelte den Kopf. Die Frage beantwortete sich von selbst. Aber hieß das nicht, dass er letztlich nur einem vorgezeichneten Pfad folgte? Einem Weg, den jemand schon vor langer Zeit für ihn vorbereitet hatte ? Ein Bauer auf einem verdammt großen Schachbrett, war er das? Die zerbrochene Kette. Seine… gebrochenen Ketten. Er hatte eines der Dinge, von denen Delia gesprochen hatte gefunden… Simon bückte sich und fischte die Handschelle wieder aus den Fluten. Blieb die Frage ob er herausfinden wollte, was die anderen waren.

 

 

 

Kapitel 23

Auf der Reise

 

 

 

 

 

Sie waren nun seit fast zwei Wochen unterwegs und das Land veränderte sich langsam. Die endlosen Grasebenen gingen immer mehr in Wälder über, deren dichte Blätter Schutz vor der Hitze des Tages boten. Auch wenn der Sommer das Land noch nicht vollkommen im Griff hatte, Ordt genoss die Schatten so gut es ging, wusste er doch, dass ihr Weg sie nicht ewig durch das Dickicht führen würde. Sie näherten sich den Herzlanden, der Kernprovinz Cantons und damit würden die Wälder bald zwangsweise von den Getreidefeldern abgelöst werden, die den Großteil des von Menschen beherrschten Gebiets dieses Landes einschlossen. Er erinnerte sich noch gut daran, wie er als Kind zum ersten Mal einen Blick über die endlosen Reihen goldener Halme geworfen hatte, das Meer aus Korn nur unterbrochen durch ein paar vereinzelte Bauernhöfe oder Siedlungen. Es hieß, man könnte von einem Ende der Provinz zum anderen gelangen, ohne jemals etwas Anderes zu sehen und die meisten Menschen taten das wohl auch, vor allem, da sie die Wälder und unbefestigten Straßen mieden. Diese wiederum gehörten den Clans der Gejarn. Allerdings hatten sie wohl Glück, dachte er. Das Gebiet seiner eigenen Leute lag noch ein gutes Stück hinter Vara und die Wahrscheinlichkeit überhaupt jemanden zu begegnen war gering. Solange es sie nicht betraf, hielten sich die Clans aus allem raus und bisher hatte der Kaiser auch nie den Versuch unternommen, daran etwas zu ändern. Es war ein stummes Friedensabkommen, das zwischen Canton und Ihnen herrschte. Auf sich gestellt wäre keiner der Clans stark genug, eine Bedrohung für das Reich darzustellen und dem Kaiser wiederum war es wohl zu mühselig, sie alle Einzeln aufzuspüren und zu unterwerfen. Und sie wussten sich durchaus zu wehren, dachte Ordt. Zwar waren die letzten größeren Konflikte mit den Menschen seit Jahrhunderten vorbei, aber auch zwischen den verschiedenen Clans gab es genug Streitigkeiten. Er hatte ja sogar seine eigenen….

Die wenigsten Gejarn verließen je wirklich länger ihre Heimat, zumindest damit war er also wohl so etwas wie ein Einzelfall.

„Kennt ihr diese Gegend?“ , fragte Kiris und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

„Ich… bin vor einigen Jahren einmal hier gewesen.“, antwortete er. Auf einem Weg, den er nie gedacht hatte, ein zweites Mal zu gehen. Doch jetzt sah es tatsächlich so aus, als würde er das müssen. Immer noch, es war fast unmöglich, dass sie Jemanden aus seinem Clan begegnete, beruhigte er sich selbst. Zwar lebten die meisten Gejarn in nomadischen Dörfern mit einigem Dutzend bis hundert Einwohnern zusammen, aber das Gebiet, das sie bereisten blieb eher klein. Aber wenn doch… Ordt seufzte. Wenn doch, wären sie schnell in ziemlich großen Schwierigkeiten. Den Menschen zu entkommen war eine Sache. Einem Rudel Wölfe, das war etwas ganz anderes….

Das Licht, das durch die Blätter über ihnen fiel, malte ein Muster aus dunklen und hellen Flecken auf den Weg, den sie folgten und die Stämme der Bäume schienen den Weg beinahe wie eine Mauer zu umschließen. Ordt wusste nicht zu sagen, wann sich das letzte Mal ein Holzfäller hierher verirrt hatte, aber es musste Jahrhunderte her sein. Die Menschen hielten sich aus den tieferen Schatten heraus, ganz anders wie sein Volk. Menschen sah man kommen oder man hörte sie zumindest. Seine Leute nicht. Es war auf seine Art faszinierend, wie ein Volk, das ihnen derart unterlegen zu sein schien doch in so vielen Dingen weiter war. Er hatte jetzt genug von ihren Städten gesehen, ihren Armeen, den Menschen darin…. Und seine neuen Begleiter stellten da keine Ausnahme.

„Ich bin ehrlich gesagt immer noch überrascht. Normalerweise isolieren sich die Gejarn ziemlich, von einigen Ausnahmen abgesehen.“, meinte Simon neben ihm und holte ihn damit erneut zurück in die Wirklichkeit.

„Das stimmt auch. Sicher, manche mögen ihr Glück in den größeren Städten des Landes versuchen, aber es sind die Wenigsten, die damit Erfolg hatten. Andere verdingten sich auch als Söldner oder Mietschwerter und manche auch als Banditen.“

„Und was davon seid Ihr gleich nochmal?“, hakte Tiege nach.

„Ihr seid in jedem Fall kein Söldner.“

„Nur jemand, der überleben will.“, antwortete der Wolf.

„Wie wir alle glaube ich.“, meinte Kiris. „Ordt ist mit einer Gruppe anderer Gejarn bei uns in Stillforn aufgetaucht, gut eine Woche vor der Schlacht. Und ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht genau, warum Ihr uns unbedingt helfen wolltet.“

„Wir… waren einfach eine kleine Gruppe Umherziehender.“, erklärte Ordt. „Ausgestoßene, Söldner ohne Auftrag , solche Leute eben. Und als wir hörten, dass Ihr Hilfe braucht, habe ich dafür gestimmt, uns Euch anzuschließen“ Und tatsächlich war er nicht der Einzige gewesen, auch wenn es Überzeugungsarbeit gekostet hatte. Ein paar zusätzliche Narben auf seinem Arm und an der Schulter waren jedoch ein geringer Preis dafür gewesen.

„Im besten Fall hätte es eine neue Heimat für uns bedeutet. Im Schlimmsten… nun, das seht Ihr ja.“ Er hatte sie in den Tod geführt. Und selbst wenn welche überlebt hatten, gab es für ihn keinen Weg, sich ihnen wieder anzuschießen, vorausgesetzt, er fand sie überhaupt.

Vor ihnen wichen die Laubbäume einer kleinen Tannenschonung und die gesamte Straße verschwand unter einem dichten Nadelteppich, der das Geräusch ihrer Schritte schluckte.

„Ich werde mich nie daran gewöhnen…“, murmelte Tiege , der sich ebenso wachsam umsah wie Ordt selbst, die Augen misstrauisch zusammengekniffen.

„Sagt jetzt nicht, Ihr könnt nicht im Dunkeln sehen?“

Der Paladin lachte.

„Ha, von wegen. Aber ich bin es gewohnt, meilenweit sehen zu können. Das einzige, was einem in Laos die Sicht versperren kann, sind die Mauern der inneren Stadt Helikes. Ansonsten ist das Land fast völlig flach, wenn man von den Sanddünen absieht. Hinter denen kann dafür eine Bande Whaid lauern. Wenn sich jemand in der Wüste verstecken kann, dann die. “

Der Mann ließ das Schwert ein Stück weit aus der Halterung gleiten, während er sprach. Ansonsten jedoch schien er wieder zu seinem alten, gut gelaunten Selbst zurück gekehrt zu sein, denn seit sie den See verlassen hatten, hatte sich die düsterere Seite des Gejarn nicht mehr gezeigt und Ordt fragte sich bereits, ob sie sich nicht schlicht getäuscht hatten.

„Ich glaube, ich habe den Namen schon einmal gehört.“, bemerkte Kiris.

„Whaid…“

„Es sind die ursprünglichen Einwohner des Landes, soweit ich weiß.“, antwortete Simon für Tiege.

Dieser nickte.

„So könnte man es sagen. Bevor Helike zu dem wurde, was es heute ist, muss es dort ganz anders zugegangen sein. Die Menschen wurden von Drachen regiert, die sie wie Götter verehrten. Doch ihre Herrschaft war alles andere als gerecht oder gnadenvoll, wenn ich dem glaube, was man mir erzählt hat. Im Gegenteil, sie waren grausam, fraßen diejenigen ihrer Diener, die sie enttäuschten und zwangen die übrigen zum Frondienst um ihren Reichtum zu mehren. Offenbar haben Drachen eine ziemliche Schwäche für Gold. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was eine riesige Echse mit Münzen will.“

„Was ist passiert?“

„Eines Tages kam ein Mann, der sich gegen die Drachen auflehnte. Ein Fremder heißt es, der aus den Wüsten des Südens auftauchte, wie ein Geist. Ohne Angst trat er unter die Leute und rief sie dazu auf, sich gegen ihre Unterdrücker zur Wehr zu setzen, doch diese verspotteten den einen Menschen nur, der ihnen im Weg stand und kamen von ihren Thronen und Bergen herab um ihn zu vernichten. Laos jedoch provozierte den hohen Drachenkönig so lange, bis dieser einem Zweikampf zustimmte. Im Vertrauen auf seine Stärke und seine Magie war das Monster alles andere als vorsichtig und versuchte, das Ärgernis, das Laos darstellte, so schnell wie möglich auszulöschen. Ihr Kampf jedoch dauerte Stunden und legte beinahe die gesamte Region in Schutt und Asche. Der Drache verbrannte ganze Felder bei dem Versuch, Laos einzuäschern, ohne mehr zu erreichen, als die Wut seiner Untertanen zu schüren, während dieser der Kreatur beständig kleinere Wunden beibrachte. Schließlich kam es dort, wo sich heute die Ratskammern in Helike erheben zur Entscheidung und Laos trieb sein Schwert in das Herz der Kreatur, die daraufhin tot zusammenbrach. Als die übrigen Drachen das sahen, flohen bereits die Ersten. Die Übrigen jedoch wollten Rache für den Tod ihres Königs nehmen. Soweit kam es jedoch nie, denn in diesem Moment wandten sich ihre eigenen Sklaven endlich gegen Sie und so mächtig die alten Drachen auch gewesen sein mochten, gegen Tausende und Abertausende konnten sie nicht bestehen. Die wenigen, die überlebten zogen sich mit ihren letzten Anhängern in die Wüste zurück. Das sind die heutigen Whaid. Und sie bekämpfen uns immer noch.“

„Und was wurde aus Laos?“

„Nun nach seinem Sieg über die Drachen heißt es, stellte er das Volk von Helike vor eine Wahl. Er könne gehen und sie ihrem eigenen Leben überlassen, wie sie es wünschten oder weiterhin unter ihnen weilen und ihnen zeigen, wie man wie er werden könnte. Verständlicherweise waren die meisten Menschen beeindruckt genug von dem Mann, der im Alleingang einen Drachen vernichten konnte, um sich ihm anzuschließen. Laos erklärte darauf, wie das zu tun sei und so entstanden seine ersten Schriften, die heute noch als Gesetzesgrundlage in Helike gelten. Es sind mit den Jahren auch noch einige dazugekommen aber im Großen und Ganzen… wir leben alle nach dem Wort eines toten Mannes. Ein wenig ironisch ist das schon. Und die, die dem zum Opfer fallen, finden es wohl auch… weniger lustig, schätze ich.“ Tieges Grinsen erlosch, während er seine Geschichte beendete. Er schien plötzlich wieder weit weg, während er murmelte: „Nein, das glaube ich wirklich nicht.“

Ordt konnte nicht anders, als sich erneut zu fragen, was dem Mann passiert war. Irgendetwas zumindest, das ihn dazu gebracht hatte genau das, was er ihnen grade erzählte, in Frage zu stellen. Und er war längst nicht der Einzige hier, der einen Schicksalsschlag hinter sich hatte, überlegte der Wolf. Wenn er es recht bedachte, traf das sogar auf sie Alle zu. Kiris hatte ihr Dorf verloren, Simon so ziemlich alles bis auf sein Leben, Tiege seine Naivität. Und er… mehr als genug.

Als hätte Kiris seine Gedanken gelesen, sagte sie: „Ihr habt mir nie wirklich verraten, was ihr eigentlich hier draußen sucht. Mir ist klar, dass es genug Gründe gibt, Euren Clan zu verlassen, aber… wir sind jetzt in den Herzlanden. Sagt mir nur, dass das für uns nicht zu einem Problem werden wird.“

Und damit hatte sie genau den Punkt getroffen um den es ging, dachte Ordt. Manchmal war das Gespür dieser Frau fast unheimlich. Aber was tat er jetzt? Wenn es eine Gelegenheit gab, die Wahrheit zu sagen, dann wohl jetzt. Und eigentlich war es lange überfällig. So gering die Chance war, sie mussten wissen, welcher Gefahr sie sich aussetzten, wenn sie weiter in die Herzlande reisten.

„Also gut.“, seufzte er. „Ich bezweifle allerdings, dass Euch das gefallen wird. Ich denke selber nicht gerne darüber nach. Ja ich bin ein Ausgestoßener. Aber die Gründe dafür sind… komplizierter, schätze ich. Ich bin es aus freien Stücken. Und gleichzeitig nicht.“

Vor ihnen gabelte sich der Weg und zwischen den beiden Pfaden lagen mehrere Baumstämme verstreut. Frische Spuren von Sägen und Äxten an dem Holz zeigten, dass sie die verlassenen Teile der Wälder hinter sich gebracht hatten. Weit konnte es nicht mehr sein. Ordt wollte die Geschichte ungern im Gehen erzählen und so setzte er sich auf eine der übrig gebliebenen Baumwurzeln. Die anderen taten es ihm gleich. Ein Blick zur Sonne zeigte ihm, dass es ohnehin bald dunkel werden würde. Und er würde eine Weile brauchen um alles zu erzählen. Jetzt, wo er sich einmal dazu entschlossen hatte, alles preiszugeben würde er das auch tun.

Als er wieder aufsah, starrte er lediglich in drei fragende Gesichter. Selbst Tiege schien wieder auf andere Gedanken gekommen zu sein, den erneut war der seltsame Ausdruck, den Ordt noch vom See her kannte verschwunden und hatte einer vorsichtigen Neugier Platz gemacht. Kiris hingegen saß, die Hände im Schoß gefaltet da. Ihre Mine verriet nicht, was sie dachte, aber der Wolf konnte immerhin raten.

„Gebt mir nur einen Moment.“

Es waren keine angenehmen Erinnerungen. Und gleichzeitig waren mit dem Schmerz und der lange verrauchten, schalen Wut auch einige der süßesten Momente seines Lebens verbunden. Er hatte nie mit seinem Schicksal gehadert, aber zurückzublicken war dadurch nicht einfacher…

 

Kapitel 24

Ordts Geschichte

 

 

 

 

Die Bäume wirkten gegen die roten Strahlen der Abendsonne fast schwarz. Nur einige wenige Lichtbalken fanden ihren Weg zwischen dem Labyrinth aus Stämmen hindurch und tauchten die kleine Lichtung auf der sie saßen in schummriges Licht. Tiege hatte bereits damit begonnen, mithilfe von etwas Feuerstein und seinem Schwert, ein Lagerfeuer zu entfachen, das er mit Rinde und Resten aus dem Holzeinschlag nährte.

Kiris ging derweil den Beutel mit ihren gemeinsamen Vorräten durch, die sie auf dem Weg gegen ein Messer und eine silberne Fibel eingetauscht hatten, die Kiris irgendwie verborgen hatte. Die waagenförmige Kette, die sie trug wäre wohl auch etwas wert, aber davon schien sie sich nicht trennen zu wollen. Viel war es ohnehin nicht, was sie bekommen hatten und noch heute würden sie sich wohl nach neuer Verpflegung umsehen müssen. Möglicherweise fanden sie auch vorübergehend bei einem der Bauern in der Gegend Zuflucht, wenn sie die Felder der Herzlande erreichten.

Simon saß nur da, die Hände auf die Knie gestützt und schien wie so oft seinen eigenen Gedanken nachzuhängen.

Alles wartete darauf, dass er sich überwand, zu sprechen, dachte Ordt. Und langsam wusste er zumindest, wie er beginnen sollte.

„Wird das noch lange dauern?“ , fragte Simon ungehalten. Die spitze Bemerkung entlockte Ordt nur ein müdes Grinsen. Der Mann schien einfach nie zufrieden zu sein. Oder vielleicht suchte er auch absichtlich Gründe unhöflich zu sein, um sich dahinter zu verstecken. So oder so, sah man darüber hinweg, lernte Ordt ihn langsam schätzen, den er hatte mittlerweile gesehen, zu was dieser Mann in der Lage war, wenn er es wollte. So unwahrscheinlich das anfangs auch schien. Er hatte ihr aller Leben gerettet…. Zumindest ein Recht auf die ganze Geschichte hatte er sich damit verdient.

„Wo soll ich beginnen...“ Ordt stocherte mit einem Ast im Laub, während er sich seine Worte zurechtlegte. „Rückblickend, war mein Schicksal hierbei vielleicht noch das leichtere. Der Clan in den ich hineingeboren wurde lebt südöstlich von hier, noch hinter Vara. Aber in meinem siebzehnten Sommer habe ich dort allem den Rücken gekehrt.“

„Das wissen wir.“, meinte Simon, die Arme vor der Brust verschränkt. „Aber warum ?“ Eine Augenbraue des Mannes hob sich fragend und verriet, dass er auf die Erzählung doch gespannter war, als er zugeben wollte.

„Ich habe jemanden getötet. Einen Mann, der jemanden, der mir sehr viel bedeutet, verletzt hat. Ach verflucht, das…“ Ordt stockte. Hatte er wirklich geglaubt, es würde leicht werden, das alles wieder hervorzuholen? Nein, aber vielleicht wenigstens, das er seine Gefühle dabei aus dem Spiel lassen könnte.

„Ihr Name war Maen und sie war die Schülerin der Heilerin meines Clans. Sie war es auch, die mir die Pflanze gezeigt hat, die ich am Seeufer benutzt habe. Ich muss damals vielleicht zehn gewesen sein. Ein dummer Unfall eines dummen Jungen. Ich hatte mich zu weit von unserem Dorf entfernt und den Rückweg danach nicht mehr gefunden, also irrte ich eine halbe Ewigkeit durch den Wald ohne zu wissen, ob ich überhaupt in die richtige Richtung lief oder mich noch weiter entfernt….“

„Und niemand hat nach Euch gesucht?“, wollte Kiris wissen. „Ich dachte bei den Clans würden sich alle um den Nachwuchs kümmern.“

„Das ist auch in den meisten Fällen richtig. Selbst wenn beide Elternteile sterben, nimmt sich normalerweise eine andere Familie sofort den Hinterbliebenen an, seien es nun Kinder oder junge Erwachsene, aber…“ Ordt kratzte sich am Hinterkopf.„Ich bin ein Mischling.“

„Sieht man Euch nicht an.“, bemerkte Simon trocken.

„Das sieht man auch nicht.“, kommentierte Tiege. „Und in Helike war das nie ein Problem. Ich schätze aber, für euer Volk schon?“

„Es hat sich einfach niemand wirklich für mich zuständig gefühlt.“, fuhr Ordt fort.

„Meine Mutter war ein Wolf, mein Vater… soweit ich mich erinnern kann, hat sie nie wirklich über ihn gesprochen. Nicht mal als sie starb…. Ich schätze dass ich vielleicht gar nicht wissen will, wer er war. Niemand aus meinem Clan zumindest. Jedenfalls gab es zu dieser Zeit niemanden, der sich wirklich um mich gekümmert hätte und als es anfing Dunkel zu werden, irrte ich noch immer umher. Das war das erste Mal in meinem Leben, das ich wusste, was echte Angst hieß… Kälte, Hunger, Einsamkeit…. An sehr viel mehr erinnere ich mich auch nicht mehr, nur das ich irgendwann zusammengebrochen bin und das Bewusstsein verloren habe. Als ich wieder aufwachte, fand ich mich in einer Hütte wieder….“

Ordt schloss kurz die Augen. Ihm war beinahe, als könnte er immer noch den Duft von getrockneten Kräutern riechen, der ihm damals als erstes in die Nase gestiegen war. Die dünnen Holzwände, durch die er das Rascheln der Blätter draußen hören konnte waren ihm genauso in Erinnerung geblieben. In den Dörfern der Gejarn war nichts jemals wirklich fest gebaut, sondern immer darauf ausgelegt, möglichst schnell abgebaut zu werden, damit man es an einen anderen Ort wiedererrichten konnte. Und dann war da der Moment in dem ihm auffiel, das er nicht alleine war….

„Mir war klar, wo ich mich befand, aber nicht, wie ich dorthin gekommen war. Das Haus der Dorfheilerin, einer Frau um die ich, bisher, eigentlich einen großen Bogen gemacht habe. Wie alle eigentlich. Außer es ging ihnen schlecht. Dann haben sich plötzlich wieder alle an sie erinnert, aber ansonsten wurde Isbeil, die Kräuterfrau meines Clans, meist gemieden. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, kann ich es wohl verstehen. Sie gab mir eine Handvoll Blätter zu essen, sobald ich wach war, die wie eingeschlafene Füße schmeckten… aber immerhin ging es mir schnell besser. Sie… nahm mich auf, warum weiß ich bis heute nicht, aber bei der Gelegenheit habe ich dann auch zum ersten Mal Maen kennengelernt, Isbeils Schülerin. Sie war ein Jahr jünger als ich selbst, aber….“

Ordt lachte bei der Erinnerung an das halbe Kind, das ihm auf Anweisung der alten Heilerin zwang, regelmäßig noch mehr bittere Blätter und Wurzeln zu kauen und streng darauf achtete, das der junge Wolf die ekelhaften Pflanzen nicht gleich wieder ausspuckte.

„Sie hatte Temperament, damals schon.“

„Klingt, als wäre da jemand verliebt.“, stellte Kiris grinsend fest.

„Damals noch nicht.“, antwortete Ordt und seine Stimme klang plötzlich betrübt. „Ich habe sechs Jahre bei der Heilerin verbracht und ich und Maen sind praktisch zusammen aufgewachsen. Sie nahm mich ungefragt auf, gab mir einen Schlafplatz und eine regelmäßige Mahlzeit…. Vielleicht war Isbeil einfach nur einsam, auch wenn sie das nie zeigte. Aber als sie starb, hatte sie Maen alles beigebracht, was sie wusste, so dass diese ihre Nachfolge antrat.“ Die Erinnerung an das struppige Gejarn-Mädchen, das nach all der Zeit zu einer stattlichen jungen Frau herangewachsen war, war nach wie vor frisch.

„Und ich… ich glaube ich hatte mich da schon hoffnungslos verliebt….“

„Ich wusste es.“ Kiris warf Tiege einen ausgebeulten Topf zu, den dieser mit Wasser aus einer ihrer Feldflaschen füllte und über das Feuer hängte.

Ordt schmunzelte.

„Und ich wollte sie darum bitten, meine Gefährtin zu werden. Und das wusste sie auch, das spürte ich. Ich wusste nur nicht, wie sie reagieren würde. Leider habe ich es dann nie gewagt, den ersten Schritt zu machen, auch wenn ich mir mittlerweile als Wächter meinen eigenen Platz im Clan verdient hatte. Am Ende war ich immer noch der, den man vor einigen Jahren noch zum Sterben im Wald zurück gelassen hatte. Hätte ich nicht so lange gezögert… vielleicht wäre alles ganz anders gekommen.“

„Was ist passiert?“, fragte Simon.

„Ein Ältester Namens Tarkeen … hat ihr einen Antrag gemacht.“

Tiege sah von dem Topf auf, dessen Inhalt mittlerweile zu kochen begann.

„Und das ist schlecht, oder?“

„Die Ältesten sind oberstes Gericht und Gesetz in einem.“, erklärte Ordt.

„Nur die würdigsten und edelsten Mitglieder aus den Reihen eines Clans werden dazu berufen. Oder zumindest dachte ich das bis dahin. Zumindest würde man einen solchen Antrag eigentlich nicht ablehnen. Aber Maen hatte schon immer ihren eigenen Kopf.“

„Sie hat ihn also abgewiesen?“

Ordt nickte. Und er wusste nur zu gut warum. Genauso wie er wusste, was danach passiert war.

„Aber das ist doch gut. Ich meine für Euch zumindest.“, stellte Kiris fest.

Tiege nickte. „Würde ich auch meinen. Ich meine, wenn Euch das nicht wachgerüttelt hat, was….“

„Er hat es nicht akzeptiert.“ Ordt flüsterte die Worte nur. Mit einem Mal war es totenstill, während der Gejarn seine Gedanken ordnete.

„Ich weiß nicht, welcher Wahnsinn in ihn gefahren ist oder ob sein Stolz es nur nicht ertragen konnte, aber…. Er hat sich auf sie gestürzt und wäre vermutlich noch weiter gegangen, wenn ich mir nicht ausgerechnet diesen Tag ausgesucht hätte, um Maen zu besuchen. Die meiste Zeit war ich in den Wäldern, um unseren Lagerplatz herum, unterwegs und so sahen wir uns kaum, aber ich kam grade von einer längeren Spähmission zurück. Mir war sofort klar, dass etwas nicht stimmte, als ich ihre Hütte erreichte. Maen lebte wie Isbeil zuvor ein Stück außerhalb der Siedlung und es war nicht ihre Art, die Tür unverschlossen zu lassen und sobald mir klar wurde, was vor sich ging….“

„Ihr habt Rot gesehen?“ Kiris Hände verkrampften sich. Für seine Zuhörer war das wohl auch nicht unbedingt einfach mit anzuhören. Und wenn er es gekonnt hätte, er hätte Tarkeen hier und jetzt gleich noch einmal getötet, weil er selbst im Grab und all den Jahren scheinbar noch Leid über sie bringen konnte. Der Mann hatte wohl nicht mal gewusst, das Ordt existierte und doch sein Leben ruiniert. Seines… und Maens. Und Letzteres war, was er nicht verzeihen konnte.

„Da noch nicht. Ich meine, verflucht ich hätte den Kerl auf der Stelle umbringen können, aber mir war auch klar, wer er war…. Also habe ich ihn nur nach draußen gezerrt und wollte ihn zur Rede stellen, ihm wenigstens die Gelegenheit geben, sich zu verteidigen, vielleicht auch einfach nur um Verzeihung zu beten….“

„Und was ist dann passiert?“ Selbst Simon schien kurz unwohl zu sein. So viele Verbrechen der Mann begangen haben mochte, Vergewaltigung zählte offenbar nicht dazu. Für den Zauberer hatte wohl immer nur Macht gezählt.

„Er hat mich angegriffen, als ich grade nach Maen sehen wollte. Ohne Vorwarnung . Und ich hatte meine Waffen bereits abgegeben, als ich ins Dorf zurückgekehrt war. Aber Tarkeen war kein Krieger. Ich hab ihm das Schwert entwendet, es kam zu einem kurzen Handgemenge… und er ist in seine eigene Klinge gestürzt. Danach haben Maen und ich die Leiche versteckt, aber uns war klar, dass sie nicht ewig unentdeckt bleiben würde. Genauso, wie klar war, wen sie verdächtigen würden…“

„Wieso verdächtigen?“ Simon war von seinem Platz aufgesprungen. „Den Bastard zu töten kann Euch wirklich niemand übel nehmen und das sage ich Euch grade! Das ist ungerecht, das ist….“

„Es ist wie es ist.“, meinte Ordt nur und bedeutete dem Mann sich wieder zu setzen, auch wenn ihn der Ausbruch erneut zum Schmunzeln brachte. „Und es ist Vergangenheit. Sowohl Maen als auch mir war klar, dass man mich verdächtigen würde. Und mir war klar, dass man ihr nicht glauben würde. Schon alleine weil Tarkeen ein Ältester war. Wie würden die anderen reagieren, wenn man einen der ihren bezichtigte? Bestenfalls hätte man sie mit mir verurteilt.“

„Was habt Ihr getan?“

„Ich bin gegangen, Kiris. So konnte Maen wenigstens leugnen von irgendetwas zu wissen und ich… ich wäre nicht mehr da. Ein Mörder auf der Flucht. Die Sache wäre erledigt… und zumindest einer von uns könnte noch ein normales Leben haben.“

„So einfach ist das nicht.“, stellte Tiege fest.

„Glaubt Ihr, das wäre mir nicht auch klar geworden? Für mein eigenes Volk bin ich ein Mörder, die Frau die ich liebe werde ich nie wiedersehen… und jetzt kehre ich in das Land zurück das ich nie wieder betreten wollte.“

Ordt hatte jetzt Mühe, seine Stimme zu beherrschen.

„Sie kam zu mir, damals, bevor ich ging…“

 

 

Der Geruch von nassem Laub hatte sich wie jedes Ereignis an diesem Tag in sein Gedächtnis gebrannt. Der Herbst hatte grade begonnen und die Blätter der Bäume um die Siedlung verfärbten sich langsam bunt, während das Licht der untergehenden Sonne allem einen roten Schimmer verlieh. Ordt jedoch hatte für das Farbenspiel, das sich draußen bot keine Augen. Er wusste nicht, wie viel Zeit ihm blieb, aber vermutlich würde man den Ältesten bereits vermissen. Die meisten Einwohner des Dorfes würden spätestens jetzt von ihren täglichen Arbeiten zurückkehren, Jäger, Bauern und die noch in den Wäldern verbliebenen Wächter….. Es würde auffallen, wenn jemand fehlte.

Ihm blieb nicht viel Zeit um alles zusammenzusuchen, was er mitnehmen wollte. Viel war es ohnehin nicht, dachte er, während er die kleine Hütte am Rand der Siedlung betrat. Wie die übrigen Gebäude auch bestanden die Wände aus einfachem Flechtwerk, das man rasch von den tragenden Balken lösen und transportieren konnte. In einer Ecke stand ein Bogen mit einigen Pfeilen neben einem niedrigen Strohlager. Die würde er hierlassen. Er hatte ohnehin nie viel damit anfangen können. Rasch zog er einen einfachen Stoffbeutel unter dem Lager hervor und begann das wenige an Vorräten, dass er hier hatte einzupacken. Normalerweise teilten sie alles untereinander auf und die Wächter bekamen für ihren Dienst Nahrung von Jägern und Viehhirten und umgekehrt. Jetzt jedoch war Ordt froh, wenigstens ab und an etwas beiseite geschafft zu haben. Froh… das Wort klang schon falsch wenn er es nur dachte….4. Der Wolf hielt inne und sah unwillkürlich an sich herab. Seine Hände sowie das Schwert, das er dem Ältesten abgenommen hatte, hatte er, so gut es ging gesäubert, aber auf seiner Kleidung prangte nach wie vor ein deutlicher Blutfleck. Tarkeens Blut… Geister, was war nur in diesem Mann gefahren? Und was sollte er jetzt bloß tun? Es war klar, dass man ihn verdächtigen würde, sobald man den Körper des Ältesten fand. Er war derjenige gewesen, der seit Jahren gezaudert hatte was Maen anging und vermutlich wussten das auch alle…. Und wenn dann noch jemand wusste, das Tarkeen der Heilerin einen Antrag machen wollte… man musste nur eins und eins zusammenzählen. Und würde doch zu der falschen Schlussfolgerung kommen. Und Maen….

Ein Teil von ihm wollte seine Fluchtpläne hinwerfen und wieder zu ihr zurückgehen nur um sicherzustellen, dass sie wieder in Ordnung kam. So kurz diese Zeit auch sein würde… der andere, rationale Teil seiner selbst wusste, dass das Wahnsinn war. Und er fürchtete nach wie vor, was noch geschehen konnte, wenn er blieb. Wäre er weg, hätte Maen keinen Grund mehr zu versuchen, jemandem die Wahrheit zu sagen. Zumindest hoffte er das. Es reichte, wenn Tarkeens Taten ein Leben völlig zerstört. Maen würde in Ordnung kommen, das wusste er. Sie war stark genug. Aber nicht, wenn sie einen Ältesten anklagte. Einen toten Ältesten. Einen ermordeten Ältesten. Die anderen würden das niemals akzeptieren. Bevor er es selber merkte hatte er ausgeholt und der dünnen Wand seiner Behausung einen Schlag versetzt. Das aus kleineren Ästen bestehende Flechtwerk gab fast ohne Widerstand nach.

„Ordt…“ Er sah nicht hin, doch er erkannte die Stimme nach wie vor, trotz des unterschwelligen Zitterns, das nun darin lag.

Sie stand in der Tür, ohne das er sie kommen gehört hätte. Aber Maen konnte sich beinahe lautlos bewegen, wenn sie es wollte. Ordt atmete tief durch ehe er sich zu ihr umdrehte. Sie noch einmal zu sehen würde nichts einfacher machen. Und doch war sie hier. Das grüne Gewand, das sie trug spiegelte beinahe die Farbe ihrer Augen wieder, ein satter, dunkler Ton, der an Blätter im Sommer erinnere. Der normalerweise silbrige Pelz der Gejarn bekam im letzten Tageslicht einen rötlichen Ton.

„Geht es Dir gut?“, fragte er lediglich und schalt sich gleich dafür. Die Antwort kannte er….

„Eigentlich sollte ich das Dich fragen.“, entgegnete Maen, während sie eintrat. Sie deutete auf seine Hand. Splitter aus der Wand hatten mehrere tiefe Schnitte darauf hinterlassen.

„Solltest Du nicht.“

Ohne ein weiteres Wort trat sie zu ihm und holte einige Blätter aus einem Beutel an ihrem Gürtel hervor. Ordt erkannte die Pflanze sofort wieder, während die Heilerin ihm das Bündle in die Hand drückte.

„Die wirst Du brauchen…“, meinte sie und rang sich ein kurzes Lächeln ab. „Und es wird Dich am Leben erhalten. Das ist was wichtig ist.“

Ordt zwang sich dazu, nicht darauf einzugehen.

„Maen… Du darfst ihnen nicht sagen, egal was…. Sei einfach Vorsichtig.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Das ist nicht fair, Ordt und das weißt Du so gut wie ich. Geh nicht. Wir finden einen Weg und….“

„Und was dann? Wollen wir alleine vor die Ältesten treten und einen der ihren beschuldigen? Was meinst du würde passieren? Was meinst du würden sie tun? Nein ich kann Dir das nicht zum….

Bevor er den Satz beenden konnte, drückte sie ihre Lippen auf Seine. Die Berührung fegte sämtliche Widerworte hinweg, die ihm grade eben noch einfallen wollten und die Blätter, die Maen ihm gegeben hatten, fielen zu Boden.

„Das ist meine Entscheidung.“, erklärte sie ruhig, als sie sich wieder voneinander lösten.

„Bitte…“ Er wusste, wie stur sie sein konnte, aber dieses eine Mal musste sie darauf verzichten ihren Kopf durchzusetzen.

„Maen… ich könne nicht mit dem Gedanken leben. Versprich es mir.“

Die Gejarn trat einen Schritt zurück. Sie gab ihm kein Versprechen. Aber ihre nächsten Worte hätten beinahe gereicht, das Ordt auch den letzten Mut verloren hätte.

„Ich liebe Dich. Und genau deshalb hätte ich Tarkeen nie angenommen. Und ich lasse Dich nicht gehen, ohne dass du das weißt.“

Dieses Mal war er es, der die Initiative ergriff. Er küsste sie erneut, sog ihren Duft ein, in dem Wissen, dass es das letzte Mal sein würde. Maen roch immer nach Tannenadeln und den Kräutern mit denen sie arbeitete. Die Wölfin ihrerseits ließ ihre Hände über seinen Rücken wandern, drängte sich an ihn…. Ein Teil von ihm wollte es hier beenden, sie zum Gehen auffordern… der andere dachte nicht mehr nach, sondern lies alles einfach geschehen, suchte Zuflucht darin. Ordt war sich noch halb bewusst, wie ihre Kleider verschwanden und sie beide umschlungen auf das Lager zurücksanken. Maens Finger wanderten über seinen Körper und er tat es ihr gleich, erforschte das feste Fleisch ihrer Brüste…. Vor wenigen Tagen noch hätte er sich genau hiernach gesehnt, sie wirklich zu lieben… und zu wissen, dass sie es ebenso tat. Nun war das Ganze mit einer Bitterkeit verbunden, die den ganzen Akt… schal erscheinen ließ. Falsch. Es war das erste Mal. Es war das letzte Mal. Und er wusste bereits, dass er wohl nie jemand anderen finden würde. All diese Gedanken wurden jedoch hinweg gespült, als Maen ihn erneut an sich zog, ihn führte, zu der geheimsten Stelle zwischen ihren Beinen. Als er in sie eindrang konnte er spüren, wie sie kurz zusammenzuckte und einen Moment war er versucht, sich wieder aus ihr zurückzuziehen. Maen jedoch schlang die Beine um ihn, während eine ihrer Hände unter sein Kinn wanderte und Ordt zwang, sie anzusehen. Lust und Entschlossenheit spiegelten sich in ihren Augen. Sie wollte das hier genauso wie er und wie um diesen Gedanken zu bestätigen, begann sie sich mit ihm zu bewegen. Viel zu schnell wurde ihr Rhythmus wilder, unkontrolliert… als er glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, hielt sie jedoch plötzlich still. Verwundert hörte Ordt auf. Alles, was eben noch an Lust da gewesen war, verschwand beinahe sofort bei der Vorstellung irgendetwas falsch gemacht, sie irgendwie verletzt zu haben…

„Alles in Ordnung ?“ Seine eigene Stimme klang ungewohnt rau in seinen Ohren.

„Nein. Weil ich Dich verliere, wenn das hier vorbei ist.“ Maen schloss einen Moment die Augen, dann jedoch begann sie sich wieder zu bewegen, schneller diesmal. Ihr Becken drängte sich immer wieder gegen seines. Ordt versuchte, es so gut es ging hinauszuzögern, doch allzu bald hatte er erneut die Grenze erreicht, seine Muskeln schienen sich von selbst anzuspannen…

Maen schien es zu spüren, denn sie begann sich ebenfalls schneller zu bewegen und schickte ihn endgültig über den Abgrund… Sie folgte ihm wenige Augenblicke später und Ordt spürte , wie sich sie sich kurz verkrampfte um dann schwer atmend neben ihm niederzusinken. Eine Weile blieben sie nur still liegen, während es draußen endgültig dunkel wurde, dann jedoch setzte Ordt sich schweren Herzens auf.

„Ich muss gehen.“, erklärte er leise.

„Ich weiß…“ Maen legte ihm eine Hand auf den Arm. „Und ich wünschte, ich könnte es verhindern.“

„Solange keiner von uns zu einem Ältesten wird… sehe ich wirklich schwarz.“ Langsam, widerwillig erhob er sich und zog sich an. Das wenige, was er zusammengepackt hatte, passte in einen einfachen Beutel, zusammen mit Maens Kräutern. Ordt verbot sich, sich noch einmal umzudrehen, als er nach draußen trat. Wenn er das jetzt tat, würde er bleiben. Und wenn sie irgendetwas sagte ebenfalls. Das wusste er. Aber Maen schwieg, schwieg auch, als er auf die Wiese vor der Hütte hinaustrat und schließlich in den Wäldern verschwand. Erst, nachdem er sicher sein konnte, seinen Clan und die Siedlung weit hinter sich gelassen zu haben, gestattete er sich, zu weinen….

 

 

 

 

 

„Jetzt wisst Ihr es also.“ Mittlerweile war auch der Wald um den Holzeinschlag herum dunkel geworden. Ordt stieg der Duft der auf dem Feuer köchelnden Suppe in die Nase, während Tiege noch eine Handvoll ihrer letzten Vorräte unterrührte. Kochen konnte der Mann immerhin, dachte der Wolf.

„Und was würde passieren, wenn wir das Pech hätten, Eurem alten Clan über den Weg zu laufen?“, wollte der Paladin wissen.

„Für sie bin ich der Mann, der einen ihrer Ältesten grundlos getötet hat. Was glaubt ihr was sie tun würden? Wir wären tot, sobald man mich erkennt. Deshalb musstet Ihr es ja wissen…. Nur für den Fall, das Ihr… besser alleine weiterziehen wollt.“

„Und wer geht mir dann auf die Nerven?“, fragte Simon.

„Kiris meldet sich sicher freiwillig.“, ergänzte Tiege.

„Nein. Ihr seid mir zu bösartig, wenn Ihr es wollt.“, erwiderte der Zauberer in Richtung der Frau und rang sich ein Grinsen ab. „Das würde ja langweilig werden. Und ehrlich gesagt, ich bin derjenige, von dem Ihr euch trennen solltet. Immerhin ist mir eine ganze Burg voll Hexenmeister auf den Fersen. Eure paar Ältesten fallen da wirklich kaum noch ins Gewicht.“

Ordt lachte schallend. Götter, dieser Mensch war irre. Aber immerhin zeigte er jetzt zum ersten Mal offen sein wahres Gesicht, wie es schien. Es gefiel ihm auf jedem Fall besser als das Alte.

„Nur um das festzuhalten.“, schaltete sich Kiris ein.„Wir können also alle vier eigentlich nirgendwo mehr hin. Euer Helike ist zu weit weg, Tiege, Euer eigener Clan wird euch töten wenn sie Euch auch nur sehen. Ordt, mein Dorf ist Asche und Ihr Simon habt nach wie vor den Kaiser selbst im Nacken.“

„Das Schicksal hat Sinn für Ironie.“, bemerkte Simon nur.

Das hatte es wirklich, dachte Ordt. Es war seltsam, aber das kurze Gespräch hatte ihn wieder auf andere Gedanken gebracht. Er mochte diese Leute, so unterschiedlich sie waren…. Und selbst Simon schien sich langsam zum Besseren zu verändern. Er hatte keinen Clan mehr. Aber diese Leute hier waren immerhin gute Gefährten. Und er würde nicht zulassen, dass er einen von ihnen verlor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 25

Das Gehöft

 

 

 

 

 

Am nächsten Morgen ließen sie die Wälder zum ersten Mal hinter sich. Vor ihnen erstreckte sich eine der, aus dicht beieinander gefügten Pflastersteinen bestehenden, Handelsstraßen, die sich vom Westmeer bis zur anderen Küste zogen und die meisten größeren Siedlungen und Häfen Cantons miteinander verbanden. Ein Ozean aus reifen Ähren wiegte sich abseits der Straßen im Wind, nur durchbrochen von einzelnen Farmhäusern und Zäunen, die wie Inseln daraus hervorragten.

Das milde Klima, das weite Teile der Region prägte, erlaubte an manchen Orten zwei Ernten pro Jahr und je weiter man nach Süden käme, desto fruchtbarer wurde das Land. Was sie hier vor sich sahen, war die Kornkammer des gesamten Reichs, denn was in den anderen Teilen Cantons an Ernten wegfiel, wurde durch Getreide aus den Herzlanden wieder ausgeglichen. Es war auf mehr als eine Art wertvoll… Simon genoss die ersten wärmenden Sonnenstrahlen, während sie der Straße folgten. Obwohl der Sommer das Land wohl bald fest im Griff haben würde, war es unter den Schatten der Bäume nachts doch noch empfindlich kühl geworden.

Einer seiner alten Pläne hatte einmal vorgesehen, die Herzlande zu besetzen und den Kaiser so einfach auszuhungern. Mit Magie wäre das gar nicht einmal ein so verwegener Plan und im Zweifelsfall hätte er nach wie vor damit drohen können, die gesamte Ernte eines Jahres zu vernichten. Was eine Hungersnot ohne Gleichen bedeutet hätte. Es war Wahnsinn gewesen, dachte er kopfschüttelnd. Mehr als das. Und auf seine Art schlimmer als alles, was Ordts Ältester getan haben mochte. Er hatte Tarkeen gestern verurteilt…. Nur mit welchem Recht eigentlich ? Götter, was dachte er überhaupt?

Während sie weitergingen, stieg die Sonne langsam höher und tauchte das Land um sie herum in gleißendes Licht und bald ertappte Simon sich dabei, wie er in der Ferne nach einem Flecken Blau Ausschau hielt oder wenigstens nach dem Gluckern eines Bachlaufs lauschte. Ihre verbliebenen Vorräte, inklusive Wasser, waren für ihre letzte Mahlzeit draufgegangen. Ihnen würde kaum etwas anderes übrig bleiben, als sich Neue zu besorgen und ihnen blieb kaum etwas, das sie dafür eintauschen konnten. Das hieß, bis auf ihre Arbeitskraft. Götter, er war wirklich tief gesunken, dachte Simon, musste dabei aber unwillkürlich lächeln. Im Augenblick war es ihm egal, wenn er dafür einen Krug kaltes Wasser und genug Essen für ein paar Tage bekam.

„Über was genau grinst Ihr so?“ , wollte Ordt wissen.

„Nichts. Vielleicht über mich selbst. Und darüber, dass wir uns für unsere nächste Mahlzeit wohl als Tagelöhner versuchen müssen.“

„Schon mal eine Sense in der Hand gehabt?“ , wollte Kiris wissen.

„Nicht mehr, seit mich mein alter Meister mich dazu verdonnert hat, den Garten hinter seinem Haus mit einer zu mähen. Keine Ahnung was mir das bringen sollte….“

„Klingt nach einem komischen Vogel.“, bemerkte Tiege.

Das sagt der richtige, dachte Simon bei sich.

„Er war der erste Zauberer, der mich ausgebildet hat. Und nun er ist tot “, gab er zurück und der Ton in seiner Stimme musste wohl mehr verraten haben, als er wollte, den der Fuchs erwiderte nichts mehr.

 

Gegen Mittag schließlich erreichten sie ein kleines Gehöft, das direkt an der Straße lag. Gelbe Lehmwände umschlossen einen kleinen Innenhof, in dem ein kleiner Gemüsegarten neben einem simplen, aus Ziegeln errichteten Haus lag. Ein weiteres Gebäude direkt neben dem Wohnhaus bestand aus kaum mehr als einigen morschen Brettern, die durch mehrere Querstreben aufrecht gehalten wurden und wohl mal eine Scheune darstellen sollten. Nun jedoch war das Dach, genau wie die Fassade in sich zusammengefallen und wenn es noch Tiere gab, so hörte Simon sie nicht.

Tiege und Ordt sahen sich nach allen Seiten um, während sie den Innenhof betraten und auch Simon konnte nicht verhindern, dass ihm bei dem Gedanken mulmig wurde, an einem Ort mit nur einen Ausgang festzusitzen. Auch wenn es unwahrscheinlich war, das man sie hier erkannte, sie waren nach wie vor alle Flüchtlinge.

Kiris ihrerseits übernahm jedoch die Führung und trat ohne Zögern auf das Wohnhaus zu. Hinter einem der Fenster im zweiten Geschoss des Baus meinte Simon kurz, eine Bewegung wahrgenommen zu haben, konnte aber nichts mehr entdecken, während er genauer hinsah.

Die ehemalige Vorsteherin Stillforns klopfte derweil bereits gegen die weiß getünchte Tür des Hauses und wartete. Es dauerte eine Weile, bevor geöffnet wurde, aber während sie warteten, konnte Simon kurz mehrere Schläge hören, so als würde Metall auf Holz treffen. Dann endlich würde die Tür aufgezogen und ein leicht untersetzter Mann mit angegrauten, dunklen Haaren trat ins Licht. Er trug eine dunkle Schürze, die die von der Sonne braun gebrannten Arme freiließ und die Füße steckten in hohen Stiefeln, die wohl schon bessere Tage gesehen hatten. Doch seine Augen sprachen dem Eindruck eines simplen Bauern, der einfach ein paar schlechte Jahre hinter sich hatte, Hohn. Der Blick des Mannes wanderte voller Sorge über die bunte Truppe vor ihm und blieb dann am bewaffneten Tiege hängen.

„Kellan, wer ist das?“

Hinter ihm tauchte derweil eine Frau auf, die ihnen genauso besorgt entgegensah. Und im Gegensatz zu dem Mann hielt sie ein stumpfes Küchenmesser umklammert, als fürchte sie, die vier Besucher könnten versuchen, sich gewaltsam Zutritt zum Haus zu verschaffen. Die gespannte Atmosphäre hielt jedoch nur einen Moment, dann fragte der als Kellan angesprochene:

„Ich weiß es nicht Carol, aber… Ihr seid nicht von der Garde, oder?“

„Nein.“, antwortete Kiris beruhigend. „Ehrlich gesagt glaube ich, sind wir so weit davon entfernt wie möglich.“

Simon fragte sich bereits, was diese Leute zu verbergen hatten, das sie sich vor der Garde fürchteten. Sicher, die Truppen von Kaiser Tiberius waren nicht grade höflich wenn man etwas besaß, das sie wollten, aber er brauchte sich nur umzusehen um zu wissen, dass es hier nicht viel von Wert geben konnte, von dem Korn auf den Feldern einmal abgesehen. Und das stand noch. Erst wenn es Geschnitten und getrocknet wäre, würde der Kaiser seinen Teil als Steuer einfordern.

„Helbert, Du kannst runter kommen.“

Die Frau, die nach wie vor im Eingang des Hauses stand hatte sich zu einer Treppe umgedreht, die sich im Schatten hinter den beiden alten Leuten abzeichnete. Auf ihren Ruf kam eine dritte Gestalt rasch die Stufen hinab und nun wusste Simon, dass er sich eben nicht getäuscht hatte. Da war tatsächlich jemand im zweiten Stock gewesen…. Ein Junge von vielleicht sechzehn Jahren, der zögerlich hinab kam. Blieb die Frage, warum sie versucht hatten, ihn zu verstecken.

„Ihr müsst meine Vorsicht wohl entschuldigen.“, meinte die als Carol angesprochene Frau, während sie das Messer bei Seite legte und an die Seite ihres Mannes trat.

„Aber wir können leider nicht mehr vorsichtig genug sein, grade jetzt…. “

„Wenn ich fragen darf wieso?“, schaltete sich Simon ein.

Die beiden Gejarn verfolgten die Szene nach wie vor schweigend und in Anbetracht der Umstände, war das vielleicht auch besser. Auch wenn Menschen und Clans in den Herzlanden dicht an dicht lebten waren sie nicht immer gute Nachbarn und brachten einander ein gesundes Maß an Misstrauen entgegen. Und grade war die Lage schon angespannt genug, auch wenn sich die erste Angst der beiden Leute gelegt hatte.

„Wir haben schon ein Kind an die Garde verloren.“, erklärte der Mann, Kellan.

„Vor drei Jahren haben sie ihn eingezogen. Ohne irgendein Widerwort zu dulden. Und ich glaube nicht, das er noch zurück kommt….“ Er ließ den Satz unvollendet, aber Simon verstand durchaus, worauf er hinauswollte. Vermutlich war er tot, irgendwo auf einem namenlosen Schlachtfeld gefallen und vergessen worden.

„Und jetzt, wo der Kaiser einen neuen Feldzug plant….“

„Seit wann ?“ Normalerweise plante Tiberius eine solche Sache Monate im Voraus. Und er vor allen anderen hätte davon wissen müssen, es sei denn….

„Seit ihm der neue Oberste dieses verfluchten Sangius-Orden dazu geraten hat. Offenbar ist es mal wieder Zeit die freien Königreiche etwas einzuschüchtern. Und wir dürfen dafür sterben. Alles Dank diesem… keine Ahnung wie er hieß.“

„Sein Name ist Erik.“, erklärte Simon und fügte hastig hinzu : „Soweit ich weiß jedenfalls.“

„Jedenfalls lasse ich nicht zu, das sie uns noch ein Kind nehmen.“, stellte Kellan fest. „Wenn nicht, weil der Junge nie zurückkommen wird, dann schon alleine weil mein Hof langsam zugrunde geht. Ich meine seht Euch das an!“ Er deutete in Richtung der zusammengefallenen Scheune und hinaus auf ein kleines Seitentor, das auf die Felder hinausging. „Das Korn verrottet mir schneller, als ich es einbringen kann.“

„Ich glaube.“, ergriff Kiris wieder das Wort, „dann sind wir genau die Richtigen für euch.“

 

Es dauerte nicht lange, den Bauern davon zu überzeugen, ihnen für etwas Arbeit genug Vorräte zur Verfügung zu stellen, um es bis nach Vara zu schaffen. Geld besaß er vielleicht keines, dafür aber mehr als genug Lebensmittel, um ihnen einen Teil abzugeben. Und vermutlich, dachte Simon, war der Mann wohl heilfroh darüber, für so wenig, gleich vier helfende Hände zu bekommen. Wie sich herausstellte, gehörte Kellan fast das gesamte Land, das sie überblicken konnten, nur hatte es ihm bis jetzt einfach an Leuten gemangelt, es auch vernünftig zu bewirtschaften. Für Arbeit war also gesorgt und Simon war bald dankbar für den braunen Schlapphut , den ihm der Mann angeboten hatte und der zumindest etwas Schutz vor der Sonne bot, die ihren höchsten Stand bereits vor einigen Stunden erreicht hatte.

Er und Tiege waren beide damit beschäftigt, die goldenen Ähren mit zwei Sensen, Reihe für Reihe abzutrennen, eine eintönige Arbeit und die zunehmende Hitze des Tages machte es nicht wirklich besser. Aber was tat man nicht alles für einen vollen Magen. Simon richtete sich einen Moment auf und rückte den Hut zurecht, während der Gejarn ihn bereits ein Stück überholte und eine perfekte rechteckige Schneise durch das Korn pflügte. Irgendwie war es faszinierend, dem Mann dabei zuzusehen. Tiege schien das Ganze nicht wirklich ernst zu nehmen, sondern eher als Gelegenheit, seine Fertigkeiten zu üben. Er nutzte die Sense nicht wie Simon es erwartet hätte, sondern holte mit dem Werkzeug in hohen Bögen aus, so, als würde er das Gewicht kaum spüren. Und so, wie er es schon einmal gesehen hatte, wie ihm klar wurde. Auch wenn die Bewegungen hier langsam waren, erkannte er darin den seltsamen Kampfstil, den der Fuchs nutzte. Und dem an anderer Stelle bereits eine Handvoll Prätorianer zum Opfer gefallen waren. So unpraktisch das wirkte, er war damit sogar schneller als sie alle, denn mit jedem Streich vielen auch Halme, sauber über dem Boden abgetrennt.

„Passt bloß auf, das ihr euch nicht verletzt.“, meinte Kiris, die ihnen mit Ordt folgte und die abgeschnittenen Ähren zu Garben zusammenband, die sie zum Trocknen aufstellen konnten.

„Irgendwie muss ich ja in Form bleiben.“, erklärte Tiege lediglich, bevor er sich erneut in die Arbeit stürzte. Simon schüttelte nur Kopf, tat es dem Fuchs aber gleich. Und irgendwie… gefiel es ihm, dachte er. Es war ungewohnte Arbeit, aber, es war eine Aufgabe. Zumindest reichte das, um ihn von seinen ganz eigenen Problemen abzulenken.

Sie hatten sich verpflichtet, bis Sonnenuntergang zu arbeiten und langsam wurden die Schatten länger. Ein Blick zurück zum Hof zeigte ihm, das sie bereits ein gutes Stück davon entfernt waren. Hinter ihnen erstreckte sich eine große Fläche, auf der sich nun Getreidegarbe an Garbe reihte. Und vor ihnen endete das Feld an einem tiefen Entwässerungsgraben, in dem durch Lehm und Erde braun gefärbtes Wasser stand. Sie hatten es tatsächlich geschafft…

Simon stützte sich auf die Sense, während er den Blick noch einmal zurück zum Gehöft schweifen ließ, von dem sich nun eine einzelne Gestalt näherte. Es war Carol, wie er nach einer Weile erkannte.

Und Kellans Frau trug einen schweren Korb mit sich. Stämmig und etwas kurz geraten, hatte sie augenscheinlich ihre liebe Mühe mit dem Gewicht, bis Ordt ihr entgegenging und beim Tragen half. Einen Moment war da wieder kurz misstrauen, als sie den Wolf auf sich zutreten sah, dann jedoch nahm sie die Hilfe mit einem gleichmütigen Schulterzucken an. Allerdings war Simon sich ziemlich sicher, nie erfahren zu wollen, wie weit dieser Gleichmut ging. Immerhin, sie war diejenige gewesen, die mit einem Messer bewaffnet an der Tür erschienen war, nicht ihr Mann….

Aber Götter, es sah so aus, als könnte dieser Tag tatsächlich besser enden wie so viele Andere in letzter Zeit.

 

 

 

 

 

Kapitel 26

Alastor

 

 

 

 

 

 

 

Simon und die Anderen ließen sich einfach auf einer freien Stelle mitten auf dem Feld nieder, während Ordt und Carol mit dem Korb herbeikamen und sich zu ihnen setzten. Der Abend brachte etwas Kühlung von der unnachgiebigen Hitze des Tages und der Sonnenschein wurde weniger unerbittlich. Kellans Frau begann bereits damit ihnen allen Wasser aus einer großen Metallflasche zu geben, die sie aus dem Korb zog, aus dem bereits jetzt ein Duft aufstieg, der ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Endlich einmal wieder eine richtige Mahlzeit, die nicht aus den gestreckten Überresten ihrer wenigen Vorräte bestand…. Simon grinste bei dem Gedanken an die Strapazen, die sie bereits hinter sich hatten unwillkürlich. Ein leerer Magen war nichts dagegen und trotzdem… er freute sich schlicht.

„Götter, damit kommen wir fast bis zum Winter durch falls nötig.“, stellte Kiris fest, die bereits einen Blick auf den restlichen Inhalt des Behälters geworfen hatte und mehrere große Streifen Trockenfleisch und Brotleibe hervorholte.

„Falls.“, ergänzte Tiege und nahm ihr eines der Fleischstücke ab. „Ehrlich gesagt habe ich nicht vor, herauszufinden wie kalt es bei euch wirklich werden kann.“

„Wenn ich in Vara nichts finde, könnten wir vielleicht zur Küste weiterziehen.“, meinte Simon. Aber daran glaubte er nicht. Gab es in den Bibliotheken dort keine Antworten für ihn, wäre er endgültig in einer Sackgasse angekommen. Und er war noch nicht bereit aufzugeben. So sehr sich in ihm eine schleichende Bewunderung für seine Gefährten entwickelt hatte, er hatte seinen Platz und den wollte er zurück.

„Nun jedenfalls, das habt Ihr euch verdient.“, stellte Carol fest, der es wohl unangenehm war, unfreiwillig zu lauschen.

„Eigentlich zu viel um es anzunehmen.“, meinte Ordt und rang sich ebenfalls ein kurzes Lächeln ab, das ihr aber eher Angst zu machen schien, als die gewünschte Wirkung zu haben. „Unser Ziel ist nicht mehr weit. Und nun werden wir auf dem restlichen Weg garantiert nicht hungern.“

„Euer Diener ist ziemlich aufgeweckt.“, meinte die Frau nur an Kiris gerichtet.

Diese schüttelte den Kopf. „Ordt ist kein Sklave wenn Ihr das meint. Und ehrlich gesagt habe ich Leute noch nie verstanden, die es für nötig halten, welche zu haben.“

Die Bemerkung schien nicht grade dazu beizutragen, Carol zu beruhigen, im Gegenteil. Vermutlich hätte sie einen Sklaven nicht für eine Bedrohung gehalten, einen freien Gejarn hingegen…. Simon war schon zuvor aufgefallen, dass der Wolf sie zu beunruhigen schien. Aber das war wohl kein Wunder, wenn man bedachte, wo sie waren. Tiege hingegen schenkte sie trotz dessen Bewaffnung weniger Beachtung. Vermutlich dachte sie, dass der sie um einen Kopf überragenden Wolf um einiges gefährlicher wäre, als der Fuchs. Simon hingegen hätte nicht gewusst, wen er weniger zum Feind haben wollte.

„Was ist er dann?“

„Ein Freund.“, antwortete Simon, bevor jemand anderes etwas sagen konnte. „Und einer, der genau so gute Arbeit geleistet hat wie wir alle. Ich bin mir sicher, Ihr hattet eure Schwierigkeiten, aber Ordt hier ist für niemanden gefährlich. Außer Ihr gebt ihm einen guten Grund heißt das.“

„Ich nehme euch beim Wort, Herr….“

„Simon.“, antwortete er. „Mein Name ist Simon.“

„Ein seltsamer Zufall. Vor ein paar Wochen ließ man überall verkünden, das nach einem Mann dieses Namens im ganzen Kaiserreich gesucht würde.“

„Richtig.“, meinte er bei einem weiteren Schluck Wasser. „Reiner Zufall. Kann ich den Hut behalten?“

Carol verstand den Wink mit dem Zaunpfahl offenbar. „Betrachtet es als Geschenk. Und wenn ihr mich nun entschuldigt….“

Simon nickte und tippte sich zum Abschied gegen die Hutkrempe. Die Frau stapfte derweil zurück in Richtung des Hofs.

Ordt sah ihn fragend an. „Was wollt Ihr bitte damit?“

„Ich kann schlecht so wie ich bin durch die Stadttore von Vara marschieren.“, antwortete er. „Aber der Hut ist besser als nichts. Das zusammen mit dem ganzen Straßenstaub der mir sowieso schon in den Kleidern hängt und ich glaube, wir sollten unerkannt durchkommen.“

„Trotzdem beunruhigt mich etwas.“, meinte Kiris.

„Es war klar, dass man nach uns suchen würde.“, stellte Tiege fest, der einen abgenagten Knochen bei Seite warf und sich über ein Stück Brot hermachte. Für seine Statur bewies der junge Krieger einen erstaunlichen Appetit.

„Darum geht es nicht. Aber euer alter… Freund, dieser Erik…. Wieso sollte er den Kaiser überzeugen einen neuen Feldzug zu beginnen?“

„Vermutlich will er so gleich seine Loyalität im Krieg unter Beweis stellen. Das Kaiserreich greift die freien Königreiche immer wieder an. Reine Einschüchterungstaktik, denn wenn sie wirklich Anstalten machen würden, mehr als ein oder zwei Stadtstaaten zu verwüsten, könnten die übrigen sich tatsächlich einmal zusammenschließen… und Tiberius eine Lektion erteilen. Und er ist nicht mein Freund.“, erwiderte Simon kalt. Bei dem Gedanken an den Verrat des Mannes verfluchte er die Seherin innerlich erneut. Nach wie vor hatte er keine Ahnung, was hier vor sich ging oder welchem Zweck es diente. „Wir wurden lediglich zusammen von ein und demselben Mann ausgebildet. Das ist alles.“

„Euer alter Meister, von dem ihr heute Morgen gesprochen habt ?“

Simon nickte. „Dem verdanke ich auch das hier.“ Er trug nach wie vor das Hemd, in dem er in der Arena Anegos gekämpft hatte und nach wie vor klaffte in einem der Ärmel ein breiter Riss, den Ordts Messer hinterlassen hatte. Simon schob den Stoff endgültig zur Seite. Darunter schimmerten klar erkennbare Runen und geometrische Muster, die in roten Linien in das Fleisch gebrannt waren. Es waren Narben…

„Was ist das?“, fragte Ordt, dem offenbar bereits klar wurde, dass es sich dabei nicht um eine simple Tätowierung handelte.

„Vielleicht fange ich am Anfang an.“, schlug Simon vor. Das würde ihm zumindest Gelegenheit geben, die aufkommende Wut in seinem Bauch unter Kontrolle zu bringen. Nein, er dachte auch nach all der Zeit, nach dem er sich weit über seine erkaltende Asche erhoben hatte, nicht gerne an den Menschen zurück, dem er diese Zeichnungen verdankte.

„Ich bin in Vara als Straßenkind aufgewachsen und was meine Eltern angeht erinnere ich mich nicht an viel über sie. Aber eines Tages bin hatte ich das Pech oder Glück, einen der freien Magier der Stadt zu bestehlen, einen Mann namens Alastor. Sagen wir einfach, das ging nicht sonderlich gut aus und es lief darauf hinaus, das sein Schüler mir nachsetzte.“

„Und dieser Schüler….“

„War Erik Svensson.“, beendete Simon den Satz. „Ja. Ich war mir damals meiner Gabe nicht wirklich bewusst, ich meine, natürlich war mir klar, dass manchmal irgendetwas anders war. Ab und an geschahen einige Dinge einfach, wie das ich scheinbar Wärme erzeugen konnte um mich vor dem erfrieren zu schützen oder manchmal auch spüren konnte, wenn sich irgendwo ein magischer Gegenstand befand, nicht, das es viele davon geben hätte. Aber ich wusste nie, was es damit auf sich hatte, bis zu diesem Tag. Solltet Ihr je auf die Idee kommen, vor einem Magier davonlaufen zu wollen lasst mich einfach sagen, dass das nicht immer eine gute Idee ist. Ich kam keine drei Straßen weit, bevor Erik mich eingeholt hatte und mir mit einem Zauber die Beine wegzog. Und er war damals schon einen guten Kopf größer wie ich.“

„Was ist dann passiert?“

„Bevor Erik mit mir den Boden aufwischen konnte, kam zum Glück Alastor dazu. Und ihm ist gleich aufgefallen, dass ich über Magie verfüge. So etwas kann man vor einem anderen Zauberer nur schwer verstecken, vor allem ohne Ausbildung. Um es kurz zu machen, anstatt die Wachen zu rufen, nahm er mich auf und ich wurde sein zweiter Schüler. Die nächsten vier Jahre meines Lebens hatte ich kaum mehr Ruhe. Alastor streng zu nennen wäre untertrieben und wenn der Mann ein Herz hatte, so muss er das schon lange vorher verloren haben…. Er konnte sich sehr interessante Strafen ausdenken, wenn man seine Erwartungen nicht erfüllte, aber er war nie sinnlos grausam. Wenn man seine ewigen Predigten über Verantwortung nicht Folter nennen will. Das hieß bis hierhin….“ Simon strich den Ärmel wieder über die Narben an seinem Arm. „Götter, ich hatte in dem Alter allerdings auch Flausen im Kopf.“

„Manche würden sagen, daran hat sich nicht viel geändert.“, stellte Kiris fest.

„Vielleicht…“ er war sich ja selber nicht mehr sicher. „In Canton mag man offener mit Magie umgehen als in eurer Heimat Tiege, aber auch hier gibt es Leute, die uns lieber alle tot sehen würde. Und einige davon gab es auch in Vara. An Alastor trauten sie sich nicht ran, aber einen seiner Schüler… den hielten sie wohl für ein einfaches Ziel. Falsch gedacht.“

„Ihr habt sie getötet?“

Simon schüttelte den Kopf. „Nur verletzt und eine Heidenangst eingejagt. Ich war trotz allem noch ein halbes Kind, aber immerhin eines, das mit einem Gedanken einen Glutsturm entfachen konnte. Aber als ich an diesem Tag zu Alastor zurückkehrte…. Jemand war schneller als ich gewesen und hatte ihm von dem Vorfall erzählt. Nur leider dabei ausgelassen, das ich nicht derjenige war, der zuerst zugeschlagen hat. Der alte Magier war außer sich und wütend wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Er meinte, er hätte mir und Erik wohl nicht genug Verantwortung beigebracht. Und dann hat er versucht, sie mir einzubrennen…“

„Versucht?“

„Sagen wir einfach, an diesem Tag hat er herausgefunden, dass es keine gute Idee ist einen Magier foltern zu wollen, dessen magische Kräfte den seinen bereits weit überlegen sind.“ Er konnte sich noch gut an die Schmerzen erinnern, als ihn der Zauber Alastors traf. Und dann war irgendwo in seinem Geist etwas zerrissen. „Ich habe einen Zauber gewirkt, der das halbe Haus zerstört hat, in dem wir uns befanden. Von Alastor selber ist nichts übrig geblieben, soweit ich das sagen kann. Jedenfalls nichts, was man hätte erkennen können. Danach habe ich zusammen mit Erik Vara verlassen und später begonnen, den Orden aufzubauen. Und der Rest…. Nun hier bin ich weniger als zehn Jahre später.“

„Und Ihr habt inzwischen mehr getan, als ein einziges Leben auszulöschen.“, stellte Kiris fest.

„Glaubt ihr, daran müsst Ihr mich noch erinnern?“ Er seufzte. Es brachte nichts, egal wie oft er auch beteuerte, dass er seine Entscheidung inzwischen bereute…. Es war ein schleichender Prozess gewesen, einer der wohl nach wie vor stattfand, aber vielleicht… waren nicht alle seine Entscheidungen immer die besten gewesen. Er hatte immer darauf abgezielt, seine eigene Macht zu steigern. Aber vielleicht hatte er dabei etwas übersehen….

„Ihr habt in einem Augenblick, aus einer Laune heraus, vernichtet, was zwei Generationen meiner Familie aufgebaut haben, Simon. Ich weiß nicht einmal, ob ich das vergeben könnte, selbst wenn ich es wollte.“

Er hatte übersehen, welchen Preis andere dafür bezahlen würden. „Ich bin kein Monster, wenn Ihr das meint.“

„Nein vielleicht nicht.“ Kiris berührte Gedankenverloren die Kette, die sie um den Hals trug. „Und ich weiß einfach nicht, was ich von Euch halten soll. Erst verflucht ihr uns, dann helft Ihr uns und jetzt was? Sitzen wir hier und reden?“ Sie schüttelte den Kopf. „Seid Ihr immer so… zwiespältig?“

„Normalerweise nicht. Und wenn es irgendetwas ändert… wenn ich noch die Macht dazu hätte, ich würde Euch Euer Land zurückgeben. Götter, ich würde es gänzlich rückgängig machen wenn das möglich wäre….“ Ob er es zugeben wollte oder nicht, er hatte mittlerweile einen gesunden Respekt vor seinen unfreiwilligen Gefährten gewonnen und vielleicht grade vor Kiris. Immer zielstrebig… und in der Lage die unbequemsten Fragen zu stellen. Er schüttelte den Kopf. Diese Frau hatte etwas Faszinierendes an sich, das er sich nicht erklären konnte.

„Vorsicht, jemand könnte auf die Idee kommen, dass Ihr freundlich sein könnt….“ Kiris ließ den Anhänger los, den sie bisher zwischen den Fingern gedreht hatte. „Ich habe das hier bekommen, als ich das Amt des Dorfvorstehers von meinem Vater übernahm. Es steht für Gerechtigkeit. Man hat immer dafür gesorgt, dass ich unterscheiden kann, was Recht und Unrecht ist. Wenn man auch als Schlichterin bei Streitigkeiten von ein paar hundert Seelen fungiert, ist das zwingend notwendig. Aber ihr….“

Bevor sie den Satz beenden konnte, zog etwas Simons Aufmerksamkeit auf sich. Eine Gestalt, die sich vom Hof her über das Feld näherte. Und zwar schnell. Er erkannte grade noch Kellan, bevor dieser auch schon bei ihnen war, die Augen vor Angst geweitet und schwer atmend.

„Ihr müsst euch sofort irgendwo verstecken.“, erklärte er angespannt. „Soldaten der Garde. Und nicht grade wenige.“ Der Bauer deutete zurück zum Haus und auf die Straße hinaus, die daran entlangführte. Darauf zeichneten sich bereits deutlich die Umrisse von mindestens einem Dutzend Männern zu Pferd ab. Sie hatten ein Problem….

 

 

 

 

Kapitel 27

Rettungskation

 

 

Wenig später sah Simon aus ihren Versteck aus zu, wie gut zwanzig Reiter durch das Tor in den Innenhof des kleinen Anwesens galoppierten und ihre Pferde anhielten. Die Männer auf dem Rücken der Tiere trugen alle die blau-goldenen Insignien der kaiserlichen Garde und das Klirren ihrer Waffen, als sie abstiegen, war überdeutlich laut zu hören.

Sie hatten sich in einem noch nicht abgeernteten Teil des Felds versteckt, der genau gegenüber des kleinen Tors lag, das hinaus auf den Acker führte. Durch die Gitterstäbe hindurch konnten sie so fast den gesamten Hof einsehen, ohne zu riskieren, selbst gesehen zu werden.

Simon sah nach rechts und links, wo jeweils Ordt und Tiege neben ihm lagen. Kiris hingegen hatte sich noch ein Stück weiter vorgewagt und kauerte, grade noch verborgen, am Beginn der Mauer.

Kellan hingegen war bereits in das Haus zurückgekehrt, bevor die Reiter eingetroffen waren, damit sie auch Jemanden antreffen würden. Vermutlich hatte seine Frau ihm bereits erzählt, dass Simon hatte durchblicken lassen, dass man nach ihm suchte. Aber was würde jetzt aus ihnen werden? Immerhin es war unwahrscheinlich, dass die Gardisten wegen ihm hier waren, aber auch die Bauersleute hatten etwas zu verlieren. Vielleicht sogar etwas Wichtigeres… Simon schüttelte den Kopf. Vielleicht gingen die Soldaten auch wieder und wollten nur Vorräte holen.

Aber das, dachte er, glaubst du doch selber nicht.

Die Männer bildeten einen kleinen Halbkreis vor dem Eingang des Wohnhauses, während einer von ihnen, offenbar der Anführer, vortrat und mehrmals kräftig gegen die hölzerne Tür schlug. Hoffentlich waren weder Kellan noch Carol dumm genug den Versuch zu wagen, nicht zu öffnen. Die Männer mochten noch weit entfernt gewesen sein, als sie sie entdeckten, aber ihnen konnte unmöglich entgangen sein, das sich hier Menschen aufhielten. Wie schon bei ihrer eigenen Ankunft hier, dauerte es eine ganze Weile, bis die Tür geöffnet wurde und Kellan erschien.

„Die Herren?“, fragte er scheinbar überrascht. „Was kann ich für Euch tun?“

Im Abendlicht schimmerten die grauen Haare des Mannes rötlich, während er auf den Hof hinaus trat. Bevor er jedoch dazu kam, das Haus wieder hinter sich zu schließen, streckte der Kommandant der kleinen Truppe eine Hand aus und hielt die Tür fest, wo sie war. Eine seiner Hände wanderte dabei zum Schwert an seinem Gürtel.

„Ihr könntet die Güte haben uns einzulassen.“, erklärte er herablassend. „Wenn wir nicht finden, was wir suchen, versichere ich Euch, sind meine Männer genauso schnell wieder weg, wie wir gekommen sind.“

„Aha…. und würdet Ihr mir auch verraten, was Ihr in meinem Haus zu finden hofft? Seht Euch hier um, sieht es so aus, als hätte ich irgendetwas von Wert?“

Irgendjemand, dachte Simon, musste den Männern einen Tipp gegeben haben. Oder vielleicht waren sie auch selber darauf gekommen. So oder so, das düstere Lächeln, das auf dem Gesicht des Hauptmanns erschien, verriet ihm alles, was er wissen musste.

„Davon“, erklärte dieser, „bin ich sogar überzeugt.“

Simon wurde klar, was gleich passieren musste. Entweder, Kellan machte Platz und garantierte damit praktisch, das man Helbert entdeckte oder er blieb stur. Und wenn er das tat, würde er heute mehr verlieren als nur einen Sohn. Simon spannte sich innerlich an. Er wollte das nicht sehen, wollte weglaufen, am besten die Augen schließen… oder etwas tun. Diese Leute hatten ihnen weitaus mehr geholfen, als nötig gewesen wäre und wenn er ihnen das jemals zurückzahlen wollte, dann jetzt. Er machte eben nur ungern Schulden, sagte er sich selbst. Und seien es nur ethische.

Geräuschlos erhob er sich in die Hocke. Sofort drückte Ordt ihn wieder zu Boden.

„Seid Ihr plötzlich Lebensmüde geworden?“, fragte der Wolf, während nun auch Kiris leise zu ihnen kam.

„Im Gegenteil, ich habe eigentlich vor, ein paar Leben zu retten.“, erklärte er lediglich.

„Was ist los?“ , wollte Kiris wissen, die von dem Gespräch nur die Hälfte

„Fragt das Simon.“, antwortete Ordt.

„Hört zu… wenn wir nicht sofort etwas tun, sehen wir gleich mindestens drei Leute sterben. Und darauf habe ich ehrlich gesagt nicht die geringste Lust. Und ich bin der Eine von uns, an dem sie garantiert mehr interessiert sein werden, als an Kellan und seiner Familie.“

Er machte erneut Anstalten, aufzustehen, doch diesmal war es Kiris , die ihn zurückhielt. Einen Moment sah es so aus, als wollte sie etwas sagen, dann schüttelte sie nur den Kopf.

„Ihr seid verrückt.“, erklärte sie. „Verrückt, aber mutig. Viel Glück… ich hoffe wirklich Ihr habt einen Plan.“

„Ich mache das hier nicht für Euch.“, gab er lediglich zurück und erhob sich endgültig. Nach wie vor halb geduckt, trat er aus dem Feld und überbrückte die kurze Entfernung zwischen der Außenmauer des Gehöfts und dem Rand des Ackers. Den Hof konnte er jetzt nicht mehr einsehen, aber von den aufgebrachten Stimmen her zu urteilen, blieb ihm nicht mehr viel Zeit. Kellan würde die Gardisten kaum lange hinhalten können und wenn ihnen erst der Geduldsfaden riss….

So schnell er es wagte, ohne zu viel Lärm zu machen, machte er sich daran, das Haus zu umrunden, bis er die Straße erreichte. Etwas Gutes hatte es, sich direkt an der Mauer zu halten. Die Gardisten würden ihn unmöglich sehen können. Andererseits hatte er aber auch keine Ahnung mehr, was drinnen vor sich ging. Und der gesamte Plan, den er sich so kurz zu Recht gelegt hatte, baute darauf, dass alle zu sehr mit Kellan beschäftigt sein würden.

Simon folgte der Straße zwischen den Feldern zurück bis zum Haupttor des Hofs und spähte vorsichtig um die Ecke. Innerlich schickte er ein rasches Stoßgebet zu den Göttern, das keiner der Gardisten sich genau diesen Augenblick aussuchte, um zurückzublicken.

Das Bild das sich ihm bot, bestätigte ihm endgültig, das er keinen Augenblick länger hätte zögern dürfen. Kellan hatte die Geduld des Hauptmanns überstrapaziert. Dieser holte grade in diesem Augenblick mit einer behandschuhten Faust aus und holte den Farmer glatt von den Füßen. Die Wucht des Schlags ging Simon bereits beim Zusehen durch Mark und Bein und er konnte hören, wie Carol aufschrie, als ihr Mann ohne einen weiteren Laut zu Boden ging. Im nächsten Moment hatte der Gardist auch bereits das Schwert gezogen und machte sich daran, über den gestürzten Bauern hinweg, ins Haus einzudringen.

Simon jedoch hatte bereits entdeckt, was er suchte. Die Männer hatten ihre Pferde allesamt in einer Ecke des Hofs angebunden, wo sie an einigen spärlichen Büscheln Unkraut herum kauten. Die Tiere nahmen von Simon kaum Notiz, als er auf sie zutrat. Nervös warf er immer wieder einen Blick nach den Gardisten, aber diese waren nach wie vor mit dem Geschehen am Wohnhaus beschäftigt. Götter, es funktionierte. Zumindest so weit. Aber der schwierigste Teil begann jetzt erst.

Simon löste vorsichtig, um keines der Pferde aufzuschrecken, die Knoten in den Leinen der Tiere. Dann zog er sich in den Sattel. Einen Moment tapste das Pferd, das er sich ausgesucht hatte unsicher rückwärts. Es kannte ihn nicht, dachte er. Und was es noch schlimmer machte, jetzt wo eines der Tiere nervös wurde, wurden es die anderen auch. Immerhin das klappte….

Jetzt merkten auch die ersten Gardisten, dass etwas nicht stimmte und drehten sich zu den schnaubenden und wiehernden Pferden um.

Auch der Hauptmann hielt inne, den Fuß bereits in der Tür. Simon wusste nicht, wie lange sowohl die Männer als auch er einfach nur still da standen, aber es konnte wohl nicht allzu lang gewesen sein. Ihm jedoch kam es wie eine Ewigkeit vor. Langsam, all zu langsam wurde den Gardisten klar, wen sie da vor sich hatten.

„Guten Abend, die Herren.“, meinte er spöttisch. „Ich störe ja nur ungern, aber ich bin mir ziemlich sicher, ich bin Euch mehr Wert, als ein paar Bauern. Also holt mich, das heißt wenn Ihr euch traut!“

Simon gab seinem Reittier die Sporen und sah nur noch, wie die ersten Gardisten in Richtung ihrer eigenen Pferde losliefen. Doch genau in diesem Moment sprengten diese auseinander um ihrem aufgestachelten Artgenossen Platz zu machen. Einige der Tiere preschten direkt durch die Reihen der Soldaten, andere versuchten lediglich, durch das Tor aus dem Innenhof zu entkommen.

Die wenigsten wurden von ihren Reitern angehalten und noch weniger Gardisten schafften es dann auch, sich in den Sattel zu schwingen.

Der Kommandant der Truppe sah sich nur ratlos in dem heillosen Chaos um, das so schnell entstanden war, das wohl noch nicht jeder verstanden hatte, was überhaupt vor sich ging. Schließlich jedoch fing er sich wieder und rief rasch einige Befehle.

„Verfolgt ihn!“, seine Stimme war laut genug um sich auch über die Unruhe noch verständlich zu machen. „Und bringt mir seinen Kopf! Denkt daran: Kaiser Tiberius ist er lebend nichts wert!“

Die übrigen Männer reagierten sofort und schafften es entweder einem der durchgehenden Pferde Herr zu werden oder nahmen zu Fuß die Verfolgung auf.

Simon seinerseits, war bereits zum Tor hinaus und schlug einen Weg ein, der ihn hoffentlich Weg von den endlosen Feldern und zu den sichereren Wäldern der Herzlande brachte. Er musste diese Kerle jetzt immer noch irgendwie abschütteln….

 

 

 

Ordt sah ungläubig zu, wie der wahnwitzige Plan des Zauberers Gestalt annahm. Hätte der Mann ihm erzählt, was er vorhatte, er hätte noch versucht ihn davon abzuhalten. Was glaubte er eigentlich zu tun? Er und die anderen konnten nur hilflos zusehen, wie Simon zwischen den angebundenen Pferden der Garde-Abteilung verschwand, nur um wenige Augenblicke später auf dem Rücken eines der Tiere aufzutauchen. Und so verrückt es schien, die Gardisten folgten ihm durch das Chaos, das die nun befreiten Pferde veranstalteten und weg vom Hof.

Ordt gab den anderen ein Zeichen ihm zu folgen, während er zwischen den Weizenähren auftauchte. Dass sie jetzt noch jemand bemerkte, dachte er, war so gut wie ausgeschlossen. Nach wie vor lag Kellan dort wo er gefallen war am Boden und Blut sickerte aus einer Platzwunde an seinem Kopf. Von außen mochte es so aussehen, als hätte er nur das Bewusstsein verloren, aber wenn Ordt sich an eine von Isbeils Lektionen erinnerte, dann die, dass Kopfverletzungen selten harmlos waren.

Simon hatte ihnen grade eine Gelegenheit verschafft, die sollten sie nutzen um wenigstens nach dem Mann zu sehen.

Tiege und Kiris hegten offenbar den gleichen Gedanken, den sie sprangen ohne zu zögern auf und folgten ihm das kurze Stück bis zum Seitentor des Gehöfts.

Der Kommandant sah nach wie vor seinen Männern nach, die Simon verfolgten. Bereits wenige Augenblicke, nachdem der Zauberer verschwunden war, blieb er als einziger zurück.

„Ich erledige hier den Rest.“, erklärte er grade dem letzten der Gardisten, der den übrigen zu Fuß nachsetzte. Noch während er sich wieder dem Haus zuwandte, musste er bemerkt haben, dass er nicht so alleine war, wie er gedacht hatte. Ordt und die anderen traten durch das Seitentor auf den Innenhof hinaus.

„Das glaube ich nicht.“, meinte Tiege, eine Hand am Schwertgriff. „Ich würde vorschlagen, Ihr folgt euren Männern und verschwindet von hier.“

„Und wer glaubt Ihr zu sein, das Ihr mir befehlen könnt?“ Der Kommandant war offenbar überzeugt, es mit drei Gegnern, von denen nur einer bewaffnet war, aufnehmen zu können. Sein Blick wanderte von Kiris über Ordt wieder zurück zu dem Fuchs, der unverändert und ruhig stehen blieb.

„Ich befehle Euch nicht.“, antwortete der Gejarn, während er vortrat. „Aber ich gebe Euch einen guten Rat. Wenn Ihr nur auf Befehle hört, solltet Ihr euch vielleicht Gedanken darüber machen, ob es wert ist, dafür zu sterben.“

„Ihr seid der einzige, Großmaul, der hier sterben wird.“, antwortete der Mann und suchte einen festen Stand, das Schwert bereits zum Kampf erhoben.

Tiege seufzte, während er die eigene Waffe ein Stück weit aus der Hülle zog. „Sicher?“

Statt einer Antwort, stürmte der Garde-Hauptmann vor und holte mit der Waffe aus. Tiege reagierte sofort. Um seine eigene Waffe noch zu ziehen, fehlte ihm die Zeit, stattdessen wich er dem Schlag des Hauptmanns aus und packte dann dessen Handgelenk. Ordt konnte hören, wie die Knochen darin mit einem Übelkeit erregenden Geräusch brachen, als der Gejarn es verdrehte und seinem Gegner das Schwert entriss. Brüllend vor Schmerzen ging dieser zu Boden und Tiege stieß ihn von sich. Er stolperte noch einige Schritte und stürzte dann zu Boden, wo er jammernd liegenblieb.

„Ich sehe, das Er bleibt wo Er ist.“, erklärte der Fuchs ruhig. „Seht Ihr nach den anderen.“

 

 

 

 

 

Kapitel 28

Wiedervereint

 

 

 

 

 

Das Innere des Hauses war schlicht eingerichtet, wie Ordt feststellte, während sie Carol eine Stufe hinab in ein Esszimmer führte. In der Mitte des Raums standen ein einfacher Tisch aus einem ungeschliffenen Stück Holz und mehrere Stühle, die vom Aussehen her wohl selbst zusammengezimmert worden waren. Dazu gab es eine simple Küchenzeile, bestehend aus einem gemauerten Ofen und einigen Wandaufhängungen, an denen Kräuter trockneten. Der Geruch war für Ordt wie immer eine direkte Erinnerung an seine eigene Vergangenheit.

Er und Kiris stützten den nach wie vor benommenen Kellan und halfen ihm, bis zu einem der Sitzplätze.

„Danke.“, murmelte der ältere Bauer, während er sich umständlich setzte und sich ein in Wasser getränktes Tuch auf die Wunde an seiner Stirn presste. Seine Frau verschwand unterdessen kurz aus dem Raum, nur um wenig später mit einer Flasche Wein und einigen Zinnkrügen zurück zu kommen. Ordt nahm dankend einen der Becher an sich. Dieser Tag war so schnell von friedlich auf chaotisch umgeschlagen…. Er schüttelte den Kopf und nippte vorsichtig an dem Getränk.

Kiris nahm ebenfalls einen Krug, nur Tiege lehnte ab. Der Fuchs hatte den Hauptmann der kaiserlichen Garde gefesselt im Hof zurückgelassen und mit einer gebrochenen Hand standen seine Chancen sich zu befreien schlecht. Wie sie ansonsten mit dem Mann verfahren sollten… Ordts Instinkt riet ihm, das Problem mit einem raschen Schnitt aus der Welt zu schaffen, aber ob die anderen dabei mitmachen würden. Nein. Vermutlich nicht. Und vermutlich, dachte er, würde er sich nicht mal dazu durchringen können. Der Mann war keine Bedrohung mehr.

Carol verdünnte derweil in einem dritten Becher etwas Wein mit Wasser und wollte ihn an Kellan weiterreichen.

„Einen Moment.“, unterbrach Ordt sie. Nach wie vor, er erinnerte sich an das wenigste, was er bei Isbeil aufgeschnappt hatte, aber eine Kopfverletzung und Alkohol waren sicher keine gute Kombination.„Ich habe vielleicht etwas Besseres.“

Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf ihn. Ordt beachtete es nicht, während er begann seine Taschen zu durchsuchen. Hoffentlich hatte es die Reise auch überstanden…. Endlich jedoch fand er was er suchte und holte ein Büschel gezackter Blätter hervor.

„Das kenne ich doch irgendwo her.“, stellte Kiris fest.

„Tut Ihr auch. Ich habe, nachdem wir aus Anego entkommen waren, einige gesammelt. Das ist der Rest davon. Hier.“ Er reichte Kellan einige Blätter. „Einfach gut kauen Der Schmerz sollte sofort nachlassen.“

„Ich weiß nicht, warum Ihr das alles für uns tut… aber danke.“ Diesmal war es Carol die sprach und es war vielleicht das erste Mal, dass sie es wagte dem Wolf direkt in die Augen zu sehen. Vielleicht verstand sie langsam, dass er niemanden hier bei erster Gelegenheit auffressen würde. Der Gedanke brachte ihn kurz zum Grinsen. Es gab ganz sicher genug Schreckensgeschichten, die sich sowohl die Farmer der Herzlande als auch die Clans voneinander erzählten. Zumindest was die über Menschen anging, wusste er mittlerweile, dass kaum etwas davon wahr war. Auch wenn es einzelne gab, auf die die Warnungen der Ältesten mehr als zutrafen. Und einer davon war Simon Belfare. Was der Mann heute getan hatte…. Es schien nicht zu dem Zauberer zu passen, der ein ganzes Dorf niederbrannte, weil es ihm im Weg war. Das heute war ein anderer Mensch gewesen. Und er fragte sich, ob Simon dafür nicht noch einen hohen Preis zahlen würde.

„Geht die Garde immer so brutal vor?“, wollte Tiege wissen. Der Fuchs hielt das Schwert, das er dem Hauptmann der Garde abgenommen hat zwischen den Händen und besah sich die, im Vergleich zu seiner gewohnten Bewaffnung, dünne Schneide und den Korbgriff mit etwas, das für Ordt fast wie… Abscheu wirkte.

„Früher nicht.“, erklärte Kellan schwerfällig. Er schien sich langsam von dem Schlag zu erholen, zumindest, wich er trübe Schleier aus seinem Blick. „Aber mit jedem Jahr gehen die Truppen des Kaisers rücksichtsloser vor. Und ich glaube nicht, dass das Zufall ist.“

„Wie meint Ihr das?“ , fragte Kiris.

„Tiberius klammert sich beinahe fanatisch an die Macht, als ob er fürchten würde, sie jeden Moment verlieren zu können. Und so unwahrscheinlich ist das gar nicht. Er hat die fliegende Stadt seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr verlassen und allmählich… wird ihm wohl klar, dass er alles andere als unsterblich ist. Ihm bleibt kein Erbe, den er nicht schon überlebt hätte und wenn er stirbt, ohne dass jemand seinen Platz einnimmt… wer weiß, was dann aus dem Reich wird. Jedenfalls heißt es, er geht jetzt über Leichen um seine Macht zusammenzuhalten.“

„Das ist nur ein Gerücht. Das habe ich leider schon herausfinden müssen.“, meinte Ordt. Er erinnerte sich noch gut an die Richtstädte, die sie auf dem Weg nach Anego passiert hatten. Noch ein Geruch, der ihn sein Leben lang verfolgen würde und diesmal kein angenehmer.

In diesem Moment ertönte ein lautes Krachen direkt neben ihm und sowohl er als auch Kiris fuhren zu Tiege herum. Dieser hielt mittlerweile zwei Schwertteile in den Händen. Die Degenklinge, die er eben noch untersucht hatte, war glatt in zwei Teile zersplittert.

„Billiger Stahl.“, erklärte der Gejarn abfällig. „Aus den Massenschmieden Eures Kaiserreichs. Ihr könnt viel herstellen, aber nichts für die Ewigkeit.“

„Und bei Euch ist das anders?“

Tiege grinste, während er das zerbrochene Schwert bei Seite legte und seine eigene Waffe zog.

„Das hier“, erklärte er mit einem Anflug von Stolz, „wurde speziell auf mich angefertigt. Das Gewicht des Knaufs, der Griff, alles…. Das ist der Unterschied. Nun, was machen wir jetzt?“

„Wir müssen so oder so weiter.“, meinte Kiris. „Und Vara ist ein genau so gutes Ziel wie überall sonst. Vielleicht… treffen wir dort ja auch Simon wieder.“

Ordt schüttelte den Kopf. „Sagt mir jetzt nicht, Ihr macht euch Sorgen um ihn.“

„Nicht mehr, als um jeden von Euch, Ordt. Wir stecken hier alle zusammen drinnen.“

„Natürlich.“, bemerkte der Wolf nur um hinzuzufügen: „Ich… mache mir auch Sorgen um ihn, ehrlich gesagt. Je eher wir aufbrechen, desto eher finden wir ihn auch wieder.“

Mit diesen Worten erhob Ordt sich vom Tisch und sowohl Tiege als auch Kiris machten Anstalten ihm zu Folgen.

„Ihr werdet klarkommen?“, wollte sie an Carol und Kellan gerichtet wissen.

„Fürs erste ja.“, antwortete die Frau nun schon wieder deutlich ruhiger. „Lange werden wir wohl nicht mehr hierbleiben können, aber… wir sollten genug Zeit haben. Aber wohin es dann für uns geht….“

„Ihr könntet uns begleiten.“, schlug Ordt vor. Es behagte ihm nicht, diese Leute hier zurückzulassen, schon gar nicht, wenn die Möglichkeit bestand, das sie der Grund waren, aus dem die Gardisten überhaupt hier gewesen waren….

„Verzeiht, Wol… Ordt, aber mir scheint, ihr habt genug eigene Probleme. Und nicht grade ungefährliche. Alleine haben wir wohl bessere Chancen, worauf auch immer.“

Er nickte. Aber innerlich kam es ihm nach wie vor nicht richtig vor. Sie hatten sich entschieden, sagte er sich. Und wenn sie nicht bald aufbrachen, würden sie die Nacht hier verbringen müssen.

„Was passiert mit dem Gardisten auf dem Hof?“, wollte er noch wissen, als sie grade zur Tür heraus traten.

„Um den kümmern wir uns. Vermutlich lasse ich ihn laufen, sobald wir hier alles… zusammengepackt haben.“, antwortete Kellan.

 

Es wurde zunehmend dunkler und der einsetzende Nieselregen trug auch nicht grade dazu bei, seine Laune zu heben. Simon Belfare ließ das Pferd nur ungern langsamer werden, aber sowohl er, als auch das Tier waren zu Tode erschöpft und sich in der Finsternis weiter durch den Wald zu schlagen war Wahnsinn. So ließ er das Pferd in einen leichten Trab verfallen und begann sich umzusehen. Andere Hufschläge, konnte er keine mehr hören, dafür das Plätschern des Regens, der sich in den Zweigen über ihm sammelte und als kleine Rinnsale hinab tropfte. Ansonsten konnte er kaum etwas erkennen. Die Bäume, die links und rechts des Wildwechsels, dem er folgte, aufragten, waren nur schemenhaft auszumachen. Ein dunklerer Umriss in der Schwärze. Wenigstens würde es den Gardisten nicht besser gehen, wenn sie ihm noch auf den Fersen waren.

Es war doch Wahnsinn gewesen, sich einer ganzen Abteilung Soldaten alleine zu stellen. Zumindest sagte ihm das der rationale Teil seines Verstandes. Es war bar jeder Logik. Nur mit Glück war er schneller gewesen als sie und wenn auch nur einer der Männer ein Gewehr gehabt hätte….

Trotzdem, dachte Simon, hatte er schlicht nicht zusehen können. Und warum nicht ? Es war ihm auch schon früher gelungen, sein ganzer Aufstieg baute darauf auf, den richtigen Moment abzuwarten, egal, was dabei geschah…. Doch in letzter Zeit zerfielen seine Pläne immer wieder oder verzögerten sich. Er hätte längst in Vara sein können, wenn sie den Tag nicht auf den Feldern verbracht hätten. Vorräte konnte man auch anders besorgen. Und doch, wieder einmal, hatte er den kalten, berechnenden Teil seiner selbst einfach ignoriert. Und warum?

Manchmal verlangte es eben nach harten Entscheidungen. Konnte er die noch treffen? Genau wie früher? Er wollte sich keine Antwort darauf geben. Das war genauso Teil von ihm wie… dieser erbärmliche Zustand mit dem er sich seit neuestem herumschlagen durfte. Er war machtlos. Und doch hatte er heute etwas getan…. War Magie am Ende nicht alles?

Simon merkte gar nicht, wie das Pferd unter ihm vom Weg abkam und begann, zwischen den dicht stehenden Bäumen und dem Unterholz, einen eigenen Weg zu suchen. Erst nach einer ganzen Weile fiel ihm auf, dass etwas nicht stimmte, aber wo immer das Tier mit ihm hinwollte… er hatte ja ohnehin jede Orientierung verloren, dachte Simon. Und so achtete er lediglich darauf, dass ihm kein tiefhängender Ast ins Gesicht schlug oder aus dem Sattel holte, während er dem Pferd freien Lauf ließ. Das Tier musste etwas gehört oder gesehen oder vielleicht auch gerochen haben, das ihm entgangen war. Hoffentlich nicht seine Artgenossen. Dass er jetzt mitten in die Gardetruppe hineinritt fehlte ihm grade noch. Er war nass, müde… und generell am Ende seiner Kräfte.

Dann jedoch, sah er es. Ein schwacher, zuerst kaum wahrnehmbarer Lichtschein, der zwischen den Bäumen schimmerte. Das unregelmäßige Flacken eines Feuers….

Bevor er noch mehr ausmachen konnte, waren sie auch schon unter den Bäumen heraus und erreichten eine kleine Lichtung. Im Schatten einer großen Tanne, ganz am Rand der offenen Fläche, hatte jemand mehrere Zeltplanen aufgespannt und in deren Mitte brannte ein großes Holzfeuer. Ein Feuer, an dem nicht wie er befürchtete zwanzig Gestalten in den Uniformen der Garde saßen, sondern nur drei. Drei ihm sehr bekannte Schemen….

Ordt sah als Erster auf. Vermutlich hatte der Wolf ihn schon lange vorher gewittert, falls der Regen das nicht unmöglich machte. Aber es war Kiris, die als Erste bei ihm war, sobald er vom Pferderücken stieg. Seine Beine fühlten sich taub an und er hatte kaum Lust, sich eine erneute Predigt von ihr anzuhören….

„Ehrlich gesagt hatte ich nicht geglaubt Euch noch einmal wiederzusehen.“, erklärte er. „Es war nicht ganz einfach die alle abzuschütt….“

Weiter kam er bereits nicht mehr, bevor Kiris ihm ohne Vorwarnung um den Hals fiel. Überrascht ließ er die Umarmung über sich ergehen.

„Wir dachten alle, wir sehen Euch wirklich nie wieder.“, antwortete sie nach einer Weile, während nun auch Ordt und Tiege hinzukamen. Der Wolf klopfte ihm auf die Schulter, während Kiris sich schließlich von ihm löste und sie sich auf den Weg in Richtung Feuer machten.

„Vor allen Dingen Ihr.“, bemerkte er grinsend und auch Simon konnte sich nicht gegen das schwache Lächeln wehren, das sich trotz seiner Erschöpfung auf sein Gesicht stahl. Diese Leute mochten ihm nicht vergeben können, noch nicht, aber für den Moment konnten sie es vergessen….

Er fiel mehr, als das er sich an die Flammen setzte. Die Wärme brachte seine Lebensgeister teilweise zurück, so dass ihm langsam ernsthaft bewusst wurde, was grade geschehen war. Er hatte sie wiedergefunden… das schien so unvorstellbar unwahrscheinlich, das… das es kaum Zufall sein konnte. Das Spiel ging weiter, dachte er bei sich, ohne genau zu wissen, was er damit meinte. Das Spiel der Seherin. Delias... Pläne, wie auch immer sie aussahen.

Er würde sich später darüber Gedanken machen. Wenn er eine Nacht durchgeschlafen hatte, vielleicht würde ihm dann auch wieder Einfallen, wieso dieser Gedanke irrwitzig war.

Stumm reichte Kiris ihm lediglich eine Decke und ohne sich erst die Mühe zu machen, diese auszubreiten schlief er, den Kopf darauf gebettet ein….

 

 

 

Kapitel 29

Ankunft in Vara

 

 

 

 

Vara lag in einer Talsenke eingebettet zwischen mehreren großen Hügeln. Diese bildeten auch das Ende der Wälder, die sie die letzten Tage durchquert hatten. Stattdessen gab es nur noch eine gewaltige, einheitliche Grasfläche, die sich um die gesamte Stadt erstreckte. Die weiß getünchten Häuser der Stadt leuchteten in der Sonne. Vara war auf mehr als eine Art einzigartig, selbst wenn man ihre Lage mitten im Herz Cantons außer Acht ließ. Die Straßen und Gebäude innerhalb der Stadtmauern waren in genauen Winkeln zueinander erbaut worden, so dass der gesamte Ort den Eindruck perfekter Planung machte. Die einzige Ausnahme davon bildeten die großen Bibliotheksgebäude am anderen Ende der Stadt. Diese waren mit der Zeit und bei Bedarf gewachsen und so hatte sich ein kleines Labyrinth aus Bauten der unterschiedlichsten Stile und Epochen des Kaiserreichs gebildet. Auf einer kleinen Anhöhe gelegen, konnte man die kupferfarbenen Dächer von fast jedem Punkt in Vara aus sehen. Durch Kanäle umgeleitete Wasserströme zogen sich durch die Straßen und glitzerten im Morgenlicht.

Es schien, als wollte die Stadt sich als genauer Gegensatz zum Chaos von Anego präsentieren. Das änderte jedoch wenig daran, dass sich auch hier die Händler und Bauern vor dem Stadttor stauten. Die Schlange war so lang, das Simon und die anderen nicht einmal die Hügel um die Stadt herabkamen, bevor sie sich inmitten der Menschenmassen wiederfanden. Offenbar wurden die Reisenden nur Gruppenweise eingelassen, so dass es nur langsam vorwärts ging und einige Bauern und fahrenden Händler hatten ihre Karren zurückgelassen, um im Schatten eines der großen Runensteine, Schutz zu suchen. Diese gewaltigen Monolithen umgaben ganz Vara in einem nahezu perfekten Kreis, auch wenn niemand mehr wusste, welchem Zweck sie einmal gedient hatten. Die Zeichen jedenfalls, die irgendein lange vergessener Steinmetz in den Fels geschlagen hatte, gehörten zu keiner Sprache, die noch irgendjemand verstehen würde und ganze Generationen von Gelehrten hatten sich schon über ihre Bedeutung den Kopf zerbrochen.

Simon konnte jedoch nicht anders, als den gewaltigen Steinen Respekt zu zollen, als er und die Anderen ebenfalls versuchten, der Sonne zu entgehen. Bis sich die Schlange auflöste, könnten noch Stunden vergehen.

„Beeindruckend, oder?“, fragte Kiris, die eine Hand über die alten Schriftzeichen im Stein wandern ließ. „Und doch, wer immer diese Felsbrocken hier aufgestellt hat, er hatte keinen Bestand.“

Simon nickte.

Magie spürte er an diesem Ort jedoch keine. Wie auch, wenn diese Monolithen einmal Magie besessen haben mochten, so war sie schon vor Jahrtausenden verloschen, vielleicht noch bevor das alte Volk sich über die Welt ausbreitete.

„Manche der Leute hier bringen den Steinen Opfer.“, bemerkte Ordt. „Auch einige der Clans, soweit ich weiß.“

„Ich dachte eure Leute pflegen einen Ahnenkult?“

Der Wolf nickte. „Aber es gibt Orte, an denen sich unsere Geister zeigen, uralte Bäume, deren Wurzeln tiefer reichen als die Minen Silberstedts, Lichtungen, die nie zuwuchsen und auf die sich kein Tier wagt… und Orte, an denen die Grenzen zwischen den Welten dünn sind.“

„Grenze zwischen den Welten?“ Die Idee war lächerlich, dachte Simon. Tausende von Magiern hatten ihr Leben bei dem Versuch verschwendet, mit den Toten in Kontakt zu treten oder einen Zugang in die goldenen Hallen der Verstorbenen zu brechen. Das ausgerechnet ein Volk, das ohne jede Magie existierte den Schlüssel dazu haben sollte…. Bei allem Respekt, den er mittlerweile für den Wolf empfand, wahrscheinlicher war doch eher, dass seine Leute sich unter Drogen setzten und dann eben irgendetwas sahen.

„Sagt mir jetzt nicht auch noch, Ihr könntet so etwas spüren?“

„Nein. Aber ich kenne die Orte, die mein Volk aufsucht.“, antwortete der Gejarn nur.

„Ich habe etwas ähnliches schon einmal gesehen.“, meinte Tiege, der auf eines der Symbole im Fels deutete das wie eine zur Seite geneigte, verschnörkelte Acht wirkte.

„Wo?“ Diesmal war Simons Neugier wirklich geweckt worden. Einer der Gründe, aus dem die Runensteine nach wie vor ein Rätsel waren, war dem Umstand zu verdanken, dass ihre Beschriftung sonst nirgendwo jemals gefunden worden war. Welche Sprache auch immer dort stand, sie war einzigartig.

„In den Archiven in Helike. Mein Volk hat schon vor langer Zeit entschieden, dass wir nicht einfach alles vernichten können, was uns an unsere… magische Vergangenheit erinnert und so begann man es wegzuschließen. Nur wenige Leute haben Zutritt zu den Gewölben, aber ich bin dort unten einmal zum Wachdienst eingeteilt worden. Die Regale sind so überladen mit Schriftrollen, das man sie regelmäßig umlagern muss, damit sie nicht zusammenbrechen.“

„Wenn ihr eine Ahnung hättet, was ich grade dafür geben würde, einen Blick da rein zu werfen.“

Der Gedanke allerdings, war auf mehr als eine Art beunruhigend. Jeder Magier wusste, dass die Magie der Welt einem Muster folgte. Es gab Hochzeiten und Zeiten der Abnahme, in denen weniger Zauberer geboren wurde und ihre Gabe schwächer wurde… doch zu Zeiten des alten Volkes hatte es ein Hoch gegeben, das seitdem nie wieder erreicht worden war. Oder vielleicht hatte diese Schwankung, die graduelle Abnahme auch erst danach eingesetzt? Ein ganzes Volk von Magiern, das quasi innerhalb weniger Jahre ausgerottet wurde. Hatte das irgendwie eine Narbe hinterlassen? Die fliegende Stadt jedenfalls legte noch immer ein eindrucksvolles, stummes Zeugnis von der Macht des alten Zauberer-Imperiums ab. Und auch das alte Volk hatte seine Magie alles andere als rein zu wohltätigen Zwecken genutzt…. Plötzlich war er ganz froh, nicht zu wissen, für was diese Steine einmal genutzt worden waren. Sie waren ohnehin erloschen. Oder schliefen und warteten….

Jetzt mach dich nicht selber verrückt, sagte Simon sich, während sich die Schlange vor dem Tor langsam wieder in Bewegung setzte.

„Was für ein heilloses Chaos.“, meinte Ordt, als sich ein Ochsenkarren an ihnen vorbeischob und sie dazu zwang, von der Straße auf die Wiesen auszuweichen. Jetzt im Sommer herrschte Hochkonjunktur. Die Bauern strömten in die Städte um ihren Ernteüberschuss zu verkaufen und die Händler folgten ihnen, um dabei ihre Geschäfte zu machen.

Simon zog sich den Hut, den er von Carol bekommen hatte tief ins Gesicht, während sie sich dem Stadttor näherten. Spätestens jetzt wusste wohl jeder Soldat in ganz Canton, wie er aussah und ob der Hut ausreichen würde….

Er musterte die kleine Gruppe Stadtwachen, die vor dem Tor Aufstellung genommen hatten. Es waren insgesamt vier, jeder bewaffnet mit einer Hellebarde, die im Sonnenlicht glitzerte. In den Stahl der Plattenpanzer, die sie trugen, war das Wappen Varas, ein einzelner Stern, gestanzt worden.

Das hier waren keine übermüdeten oder gelangweilten Posten. Die Männer überblickten die gesamte Menge mit wachsamen, kalten Augen und winkten die Wartenden nur durch, nachdem sie zumindest einen Blick auf sie geworfen hatten. Der Patrizier der Stadt duldete wohl keine Unaufmerksamkeit….

Simon ließ sich mit den anderen etwas zurückfallen.

„Was ist los?“, fragte Kiris.

„Der Patrizier der Stadt wird uns eben kaum willkommen heißen.“, antwortete er. „Ich dachte, es wäre nicht verkehrt, auf Nummer sicher zu gehen.“

„Patrizier?“

„Die meisten Städte haben ihre alten Herrschertitel nach der Eroberung durch das Kaiserreich beibehalten, nur sind es nun keine unabhängigen Regenten mehr, sondern Vasallen von Tiberius. Es gibt Fürsten, Stadtkönige….“

Simon winkte ab. Ihm war etwas ins Auge gefallen. Ein Karren, der hoch mit Stoffen beladen war und von zwei Ochsen gezogen wurde. Der Mann auf dem Kutschbock stierte gelangweilt vor sich hin, während er die Tiere ab und an antrieb, wenn eine Lücke in der Menge frei wurde.

„Haben wir Geld?“, fragte er.

„Carol hat uns mit den Vorräten auch ein paar Münzen zugesteckt.“, antwortete Kiris und setzte ihren Rucksack ab. Einen Moment wühlte sie darin herum, bevor sie einen kleinen Beutel hervorholte und Simon zwei Silbermünzen reichte. Mehr als genug, dachte er, während er sich rasch einen Weg durch die wartenden Menschen in Richtung des Stoffkarrens suchte. Und er wusste, dass Kellans Frau ihnen nicht nur Geld gegeben hatte. Sie hatten es auch der Großzügigkeit der kleinen Bauernfamilie zu verdanken, dass sie seit letzter Zeit nicht mehr völlig ungeschützt im freien schlafen mussten.

„Verzeiht.“, sprach Simon den Händler an, der träge den Blick hob.

„Aber ich könnte euch nicht überzeugen, mir einen Umhang zu verkaufen?“

„Wie es aussieht komme ich heute nicht mal mehr in die Stadt.“, entgegnete der Mann. „Der Herr Varas lässt normalerweise jeden Händler verhaften, der nicht innerhalb der Mauern seine Waren anbietet, wegen der Steuer….“

Simon nickte. Die meisten Fürsten versuchten den Handel in den von ihnen kontrollierten Gebieten zu lenken und zu besteuern, schon alleine weil für ortsfremde Händler oft große Summen an Abgaben und Bestechungsgeldern fällig wurden, wenn sie einen Stand ergattern wollten. Vara bildete da keine Ausnahme…

„Also ja oder nein?“, wolle er wissen.

Der Händler seufzte. „Wenn jemand fragt, habt ihr das nicht von mir.“

Mit diesen Worten griff er hinter sich und zog einen schlichten, braunen Wollmantel unter einigen Decken und Stoffballen hervor. Simon reichte dem Mann seinerseits die Münzen, bevor er wieder zu den anderen ging und sich gleichzeitig den Umhang über die Schultern warf. Zusammen mit dem Hut hoffte er, genug wie ein Farmer auszusehen, dass man ihn durchließ. Es wäre ein Glücksspiel. Aber umzukehren kam jetzt ohnehin nicht mehr in Frage.

Es dauerte nicht mehr lange, bis er erfuhr, ob seine Tarnung ausreichte. Als sie sich dem Tor näherten, hatten sie sofort die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich lasten. Zwei Gejarn alleine wären wohl schon etwas Ungewöhnliches, und in Begleitung von zwei Menschen… Simon hielt den Atem an. Wenn die Posten sie nicht durchließen oder ansprachen, flog alles auf, da war er sich sicher. Sicher, Kiris könnte erklären, Ordt und Tiege seien nur Leibwächter für die Reise, aber wenn einer der Soldaten sich Simon genauer ansah….

Nach einen Moment jedoch, zuckte einer der Männer mit den Schultern, als wollte er seine Gefährten fragen, was zwei Gejarn schon für eine Bedrohung darstellten und die Übrigen winkten sie durch. Diszipliniert ja, dachte Simon grinsend. Aber die Wächter hier waren offenbar auch von sich eingenommen und wollten sich keine Blöße geben, indem sie jemanden aus Angst wegschickten.

Zufrieden bemerkte er, wie die Stadtwachen ihre Aufmerksamkeit sofort der nächsten Gruppe Reisender zuwendeten, die durch die Tore kam. Vielleicht wäre alles anders verlaufen, wenn er in diesem Moment länger hingesehen hätte. Vielleicht hätte es auch nichts geändert. Und vielleicht wäre ihm die Gestalt aufgefallen, die hinter einer Gruppe Bauern mit Handkarren folgte. Seine rabenschwarzen Haare bildeten ein genaues Gegenstück zu seiner Kleidung, die unter einem grünen Mantel zu erkennen waren. Dieser reichte jedoch nur notdürftig um die Vielzahl an Waffen zu verbergen, die sich auf mehrere Gürtel um die Hüfte und die Brust des Fremden verteilten. Glitzerndes Metall, die Griffe zweier Pistolen in den Stiefeln verborgen und ein Kurzschwert an seiner Seite tragend. Die blauen Augen des Mannes folgten Simon und den anderen ohne jede Spur von Emotion, während er einem der Stadtwächter einen Beutel mit Gold in die Hand drückte und ohne langsamer zu werden an ihm vorbeiging. Roderick grinste düster. Es hatte eine Weile gedauert, herauszufinden, wohin Simon geflohen war, nachdem er aus Anego entkam. Die Zeit hatte die meisten Spuren bereits kalt werden lassen. Doch nun schien es, hatte der Zufall ihm in die Hände gespielt. Vara war eigentlich sein Ziel gewesen um seine schwindenden Vorräte aufzustocken. Nun wurde es vielleicht zu seiner letzten Station bei dieser Jagd. Er hatte seine Beute wiedergefunden.

Sein Blick wanderte von dem hellhaarigen Zauberer zu seinen Gefährten. Zwei davon kannte er schon. Die Frau würde ihm nicht im Weg stehen, dachte er. Den Wolf… schon eher. Aber auch mit dem wurde er fertig. Vor allem, wenn sie nach wie vor eher gegeneinander kämpfen. Doch Simons dritter Begleiter mache ihn stutzig. Die Gestalt kam ihm vage vertraut vor, eine ferne Erinnerung an einen übermütigen Fuchs… aber das konnte nicht sein. Es war beinahe ein Jahrzehnt her… und doch war er es. Roderick wusste, wen er vor sich hatte. Stellte sich nur noch die Frage, ob das die Sache einfacher machte oder komplizierter. Sah so aus, als wäre er nicht der Einzige, der die Launen der Archonten zu spüren bekommen hatte.

 

Kapitel 30

Vara

 

 

 

 

 

 

Der Rauch eines prasselnden Holzfeuers schlug ihnen entgegen, als Simon die Tür des Gasthauses aufstieß. In der stickigen Luft hing der Geruch von bratendem Fleisch und schalem Bier, welches die wenigen Gäste aus großen Krügen tranken. Obwohl der Raum, den sie betraten wohl leicht Platz für fünfzig Leute geboten hätte, gab es neben ihnen grade einmal drei weitere Gestalten, die in den rauchverhangenen Ecken des Gasthauses saßen. Bei diesem Wetter war kaum jemanden danach, sich im Inneren eines stickigen Hauses aufzuhalten. Gut für sie, dachte Simon. Damit sank die Wahrscheinlichkeit, dass sie jemand erkannte. Er gab dem anderen ein Zeichen, ihm zu folgen.

Das Feuer, das ihm vorher bereits aufgefallen war, brannte in einem offenen Kamin in der Mitte des Raums. Im Winter sicher eine wahre Erholung für alle Reisenden und Bürger, die aus den kalten Straßen kamen, nun jedoch hielt es die Kundschaft eher fern. Über den Flammen hing ein Spieß mit einem ganzen Schwein, das ein Küchenjunge beständig drehte.

„Also… wir sind hier.“, meinte Ordt und ließ sich auf einem Platz an der Rückwand des Raumes nieder. Seine Augen blieben dabei auf die Tür gerichtet und Simon bezweifelte nicht, dass der Wolf jeden, der hereinkam, genau beobachten würde. „Was nun ?“

„Ich hatte eigentlich vor, mich in den Bibliotheken umzusehen.“, antwortete er. Er hatte den anderen bisher nicht ausführlich erzählt, was mit ihm geschehen war, aber auch sie wussten, dass er nach Antworten suchte. Und Simon wusste nicht, wie lange er brauchen würde, um das zu finden was er suchte. Vorausgesetzt, dachte er, dass die Bibliotheken hier überhaupt einen Hinweis enthielten, der ihm weiterhalf. Entweder dabei, das Rätsel der Seherin zu lösen… oder herauszufinden, was mit ihm Geschehen war.

„Ihr könnt solange hier warten oder… Ihr zieht ohne mich weiter. Mein Ziel jedenfalls ist fürs Erste genau hier.“

„Ich dachte, das hätten wir geklärt.“, meinte Kiris grinsend. „Wir stehen das zusammen durch. Und sei es nur deshalb, weil wir alle alleine keine Chance mehr haben. Ohne Tiege währen wir nicht aus Anego entkommen und ohne Euch auch nicht, ohne Ordt wäre ich nicht mehr aus Stillforn entkommen.“

„Und ohne Euch gäbe es sehr viel weniger, um das ich mir Gedanken machen muss.“, brummte Simon, konnte aber ein schwaches Grinsen nicht verbergen.

„Sagt der Mann, der sich vor einem Irrlicht fürchtet.“ Kiris zwinkerte, so dass es weder Tiege noch Ordt bemerkten. Irgendwie hatte diese Frau es sich zur Aufgabe gemacht, seine Nerven zu strapazieren. Und seine Ansichten…. Er hatte einen Teil der Grausamkeit und Härte, die diese Leute erdulden mussten jetzt selbst erlebt. Und nach wie vor war er sich nicht sicher, was er davon halten sollte. Es änderte jedenfalls wenig an seinem momentanen Ziel. Varas Bibliotheken. Er machte Anstalten aufzustehen, wurde jedoch von einer Stimme zurückgehalten.

„Ich würde Euch gerne begleiten.“, bemerkte Kiris. „Das heißt wenn Ihr das wollt.“

Simon hielt in der Bewegung inne. Es wäre sicherer alleine zu gehen. So zog er weniger Aufmerksamkeit auf sich, den seine momentane Tarnung würde bereits zu genug fragenden Blicken führen. Ein Farmer war das letzte, was man in den steinernen Hallen der Gelehrten erwartete….

Auf der anderen Seite….

„Wenn Ihr wollt.“, erklärte er schließlich und stand auf.

„Wir werden fürs erste hier warten.“, meinte Ordt, bevor er und Kiris aufbrechen konnten. „Wenn Ihr bis heute Abend nicht zurück seid, versuche ich mit dem Geld, das wir noch haben ein Zimmer zu bekommen. Und… passt auf Euch auf.“

„Keine Sorge.“, antwortete Kiris. „Was kann uns in einer Bibliothek geschehen?“

„Euch könnte ein Buch auf den Kopf fallen.“, bemerkte Tiege. „In den Archiven Helikes kann das durchaus lebensgefährlich sein. Manchmal folgt darauf nämlich gleich das ganze Regal.“

Simon ignorierte den Scherz des Gejarn, während er und Kiris durch die Tür auf die Straße hinaus traten. Die weiß getünchten Fassaden der Häuser spiegelten die Sonne wieder und die Helligkeit war nach dem dämmrigen Inneren des Gasthauses beinahe schmerzhaft. Es war eine Weile her, dass er das letzte Mal hier war. In Vara jedoch, veränderte sich alles nur langsam und das Ziel, an den es ihn zog, konnte er von überall sehen. Die kupfergrünen Dächer der Bibliotheken erhoben sich über der Stadt, wie es andernorts ein Fürstensitz oder eine Burg tun mochte. Doch Vara hatte schon immer einen Sonderstatus genossen und die Patrizier der Stadt selten viel Wert auf Prunk gelegt. Hingegen war es die unendliche Findigkeit der Gelehrten, die aus allen Ecken des Reichs ihren Weg hierher fanden, welche das Bild der Siedlung prägte. Das gewaltige Kanalsystem, das die Stadt sowohl über als auch unterirdisch durchzog und die meisten Häuser und öffentlichen Brunnen mit frischem Wasser versorgte, war Beweis genug dafür.

Die Straße, der sie folgten, führte über genau einen solchen künstlichen Wasserlauf. Eine aus Marmorplatten gelegte Rinne führte unter einer aus hellem Holz gefertigten Brücke hindurch, an deren anderen Ende sich ein kleiner Platz befand. Simon war bereits fast auf der anderen Seite angelangt, als er merkte, dass Kiris nicht mehr an seiner Seite war. Sie stand auf dem Scheitelpunkt der kleinen Brücke und sah dem träge dahin strömenden Wasser nach.

„Ich schätze, so etwas gibt es in Stillforn nicht?“ , fragte er, während er zu ihr zurück ging.

„Es gab natürlich Gräben auf den Feldern, aber einen Fluss durch eine Stadt zu leiten… das ist beeindruckend.“

„Tatsächlich ist es nicht einmal ein Fluss.“, antwortete Simon. „Das Land um Vara ist trocken, verglichen mit den übrigen Herzlanden. Das hier stammt aus Höhlen tief im Fels auf dem die Stadt steht.“

Es war belanglos, dachte er. Sie sollten sich auf den Weg machen. Gleichzeitig genoss ein Teil von ihm das simple Gespräch mehr als er zugeben wollte. Es war… schön einmal alleine mit ihr zu sein.

„Hört zu, ich verstehe langsam, dass Ihr… mich hassen müsst. Und ich weiß, dass Ihr mir nicht verzeihen wollt, aber…“

Bevor er den Satz beenden konnte, schüttelte Kiris den Kopf.

„Ihr seid nicht mehr der Mann, der Ihr einmal wart.“ Sie drehte sich zu ihm um und obwohl sie einen halben Kopf kleiner als er selbst war, fand Simon sich unfähig ihrem Blick auszuweichen. „Oder spielt Ihr nur mit uns, bis Ihr habt was ihr wollt?“

„Götter, ich wünschte, ich könnte darauf eine ehrliche Antwort geben…. “ Er trat an das Geländer der Brücke und sah den Wasserlauf entlang, bis zu der Stelle, wo er an den Stadtmauern entsprang. Wenigstens entkam er so Kiris fragendem Blick. „Mein Leben hat sich in den letzten Wochen sehr verändert, soviel kann ich sagen.“

„Ihr wisst es wirklich nicht, oder?“

Jetzt war es an Simon den Kopf zu schütteln.

„Nein. Wenn ich heute zu meinem alten Leben zurückkehren könnte, meine Fähigkeiten zurück gewinnen würde…. Ich weiß nicht, was passieren würde, ob ich da weitermachen würde, wo ich aufgehört habe…. Götter, ich hatte vor, ganz Canton zu übernehmen, könnt Ihr euch das vorstellen?“

„Vielleicht könntet Ihr es dann aus den richtigen Gründen tun.“, meinte Kiris. Er konnte spüren, wie sie direkt hinter ihn trat.

„Vielleicht… ich habe genug Dinge gesehen, die sich zu ändern lohnen würde. Mehr als genug für ein Leben.“ Er drehte sich um. „Und vielleicht ist Macht ein Gift. Schleichend, aber genauso tödlich, wie ein Stich ins Herz. Was ist jedes hohe Ziel, Welt, wenn am Ende nicht mehr davon bleibt als Asche?“

Einen Augenblick standen sie sich wortlos gegenüber. Die Stille wurde allmählich drückend, so als würde sie auf etwas warten. Eine Antwort vielleicht, auch wenn Simon nicht wusste, wie die aussehen sollte….

„Wir sollten weitergehen.“, erklärte er schließlich nur und setzte sich wieder in Bewegung.

Kiris folgte ihm nach einem Moment, in dem sie noch regungslos auf der Brücke stehen blieb. Sie hatten die Bibliotheken jetzt so gut wie erreicht. Der Platz, den Simon schon zuvor gesehen hatte, lag direkt zu Füßen der über der Stadt thronenden Bauten. Gewaltige Hallen aus honigfarbenem Stein, die einen angenehmen Gegensatz zu der sonstigen, grellen Helligkeit Varas darstellten. Große Fenster, die teilweise vom Fundament einzelner Gebäude bis zum Beginn der mit Schiefer gedeckten Dächer hinaufreichten, zierten die Fassaden. An anderen Stellen wiederum erhoben sich Bauwerke aus simplen, aufeinander gefügten Stein oder aus unverputzten Ziegeln. Es war ein Sammelsurium von Baustilen und manche der Gebäude hier stammten wohl noch aus der Gründungszeit der Stadt. Es war der vielleicht einzige Ort in Vara, der nicht durchstrukturiert und geplant war, sondern einfach mit der Zeit gewachsen, so wie es andernorts Wehranlagen taten. Bloß brauchte Vara natürlich kaum militärischen Schutz. Im Herzen des Imperiums gelegen, schien es unmöglich, das jemals eine fremde Armee bis hierher vordringen könnte. Die alte Zitadelle der Erdwacht, weiter im Landesinneren stellte zudem ein weitaus größeres Hindernis dar, als es jede normale Festung je tun würde. Nein statt Verteidigung, war hier eine Zitadelle des Geistes entstanden. Und hoffentlich enthielt sie, wonach Simon nun schon seit Monaten suchte….

Der Hügel, auf dem die Bibliothek lag, war größtenteils in einzelne Terrassen umgewandelt worden, auf denen sich ausladende Gärten erstreckten. Blumenbeete mit Blüten in allen Farben zogen sich, fast wie lebende Banner, die Erdrampen hinauf und rahmten eine große Treppe ein, die zum Haupttor des Bauwerks führte. Bäume, ragten dort, wo die Beete noch Platz boten, aus der Erde. Das dichte Blätterdach tauchte die Stufen vor ihnen in kühle Schatten, welcher Reisende wie Ortsansässigen geradezu aufzufordern schien, dort niederzulassen. Auf der großen Freifläche vor dem Bibliothekszugang wiederum, erhoben sich drei Brunnen, jeweils zwei an beiden Enden des Platzes und einer direkt im Zentrum. Der stetige, eiskalte Wasserstrom aus den Tiefen unter Vara, füllte die Luft mit einem zarten Wasserschleier, in dem sich das Sonnenlicht brach. Simon hatte vergessen, wie viele Stunden er selber hier verbracht hatte, wenn Alastor ihn zum Lernen oder Bücher holen schickte. Und auch viele der Gelehrten und Archivare der Bibliotheken Varas, zogen es vor, ihre Zeit hier draußen, statt in den Mauern ihrer Zuflucht, zu verbringen. Die Gestalten in ihren markanten blauen Roben saßen an den Springbrunnen oder im Schatten der Gärten, unterhielten sich gedämpft, blätterten in Büchern oder meditierten schlicht in der mittäglichen Stille.

„Es ist… schön hier.“, stellte Kiris fest, während sie ihm über den Platz und die Stufen der Treppe hinauf folgte. Der Duft der allgegenwärtigen Blumengärten erfüllte die Luft, während sie auf einem Absatz stehenblieben und hinab auf den Platz blickten.

„Das ist es.“ , antwortete er nachdenklich . „Vara ist… vielleicht einer der glücklicheren Orte in Canton. Der Kaiser lässt den Leuten hier größtenteils ihre Unabhängigkeit und der Patrizier hört meist auf seine Bürger. Und wie ihr seht, es funktioniert. In Anego… das war der alleinige Wille des Kaisers. Das hier hingegen… ist der Wille der Menschen, schätze ich. Tiberius Wunsch, alles zu kontrollieren wird das allerdings kaum viel länger zulassen.“

„Wieso seid ihr euch da so sicher?“, fragte Kiris. „Ich bezweifle, dass diese Leute ihre Freiheit so einfach abgeben würden.“

„Ihr habt es doch selbst bereits gesehen und ihr habt Kellan gehört.“, antwortete er. „Und ich kenne Tiberius. Ich gebe dem hier noch ein paar Jahre, dann wird der Kaiser versuchen, auch hier seinen Einfluss bis ins Kleinste durchzusetzen. Und er hat die Mittel dazu. Die Leute werden versuchen zu kämpfen, sicher. Das tun sie immer. Und sie werden zertreten.“

„Nicht wenn sie jemand führen würde.“ Kiris Stimme wurde ernst.

„Und wer soll das sein?“, fragte Simon und konnte einen belustigten Unterton nicht verbergen. Bisher war jeder, einschließlich er selbst, gescheitert, der versucht hatte, sich gegen die Ordeal-Herrscher zu stellen. Bei den Göttern, ein Unsterblicher war während des großen Bürgerkriegs vor zweihundert Jahren daran gescheitert. Und vielleicht hielt sich Tiberius selbst längst dafür. Für einen Gott.

Bevor Kiris ihm eine Antwort geben konnte, riss ihn eine andere Stimme aus seinen Gedanken. Eine Stimme, die er kannte. Und eine, die er nie wieder hatte hören wollen. Er konnte spüren, wie sich seine Nackenhaare aufstellten, während er sich zu dem Neuankömmling umdrehte. Und spätestens jetzt waren alle Zweifel ausgelöscht.

„Hallo, Simon. Ich schätze, du hättest nicht gedacht, mich je wiederzusehen.“

 

 

Kapitel 31

Der Narr von Helike

 

 

 

 

 

„Meint Ihr wirklich es war eine gute Idee, die beiden alleine gehen zu lassen?“, wollte Tiege wissen.

Der Fuchs und er hatten sich mittlerweile aus dem Schankraum nach draußen begeben. Das Gasthaus, zu dem Simon sie geführt hatte, verfügte über einen kleinen, ummauerten Hinterhof, von dem aus sie die Straße einsehen konnten. Efeu wucherte über die niedrigen Ziegelmauern und fand seinen Weg bis um die Beine der verstreut stehenden Tische und Stühle.

„Es ist Euch vielleicht entgangen, aber wir fallen hier ziemlich auf.“, antwortete Ordt und nickte in Richtung der wenigen anderen Gäste, die sich hierher verirrt hatten und in Richtung der Straße, auf der Bürger und Reisende vorbeiströmten. Sie waren jetzt gut eine Stunde hier und abgesehen von einer Ausnahme hatte er noch keinen anderen Gejarn gesehen. „Ihr mehr als ich, was das angeht. Und keine Sorge. Die können beide ziemliche Sturköpfe sein wenn sie wollen. Die kommen klar.“

„Ja… vermutlich habt Ihr recht.“ Der Fuchs ließ den Blick über die Hausfassade in ihrem Rücken wandern, die ihnen den Blick auf die Bibliotheksgebäude verstellte. „Und vermutlich bin ich nur mal wieder ein Narr.“

„Ihr habt einmal gesagt, euer eigenes Volk würde Euch einen Narren nennen.“

Tiege nickte. „Das habe ich. Und ich weiß nicht, ob sie damit nicht recht gehabt haben. Auch mehr als eine Art. Ich habe Euch ja bereits gesagt, dass ich als Paladin in Helike gedient habe.“

„Und das Ihr verbannt wurdet.“, ergänzte Ordt.

Doch sehr viel mehr hatte der Mann bisher nicht von sich verraten, obwohl der Wolf bei mehr als einer Gelegenheit bereits einen Blick hinter den seltsamen Humor geworfen hatte, den Tiege beinahe wie eine Maske zu tragen schien.

„Ehrlich gesagt kann man das nicht wirklich eine Strafe nennen. Ich hatte es immerhin genau darauf angelegt.“

„Ihr wolltet das man Euch… rauswirft?“

„Nicht Anfangs…“ Tiege schien einen Moment abwesend zu sein und Ordt dachte schon er würde nicht weitersprechen, als er doch noch anfing: „Es fing alles mit meiner Ausbildung zum Paladin an. Ich hatte die nötigen Prüfungen bestanden, die man jedem auferlegt, der sich in Helike einen Rang verdienen will, aber nach wie vor gab es Dinge, die nur die Leibwache der Archonten erlernt. Mein Ausbilder jedenfalls, war ein Schwertmeister, der einzige Rang, der neben den Archonten selbst noch über einem Paladin steht. Ein Mann namens Roderick. Wenn es jemals einen Mann gab, der selbst die Archonten dazu bringen konnte, Angst vor ihm zu haben, so war er das. Aber er war auch ihr bester… Jäger.“

„Jäger ?“ Ordt war sich nicht sicher, ob er wissen wollte, was genau dieser Mann gejagt hatte. Aber von dem Wenigen, was er über Tieges Volk wusste, konnte er es sich denken.

„Zauberer. Ich hatte es bis dahin immer nur als etwas gesehen, dass eben getan werden musste, aber Roderick…. Ich habe selten Männer gesehen, denen das Töten gefiel, aber ihm gefiel es nicht nur, er labte sich geradezu daran, die Angst und den Schmerz seiner Gegner in die Länge zu ziehen. Aber bis zu dem Tag, an dem ich zum ersten Mal selbst dabei war, dachte ich nicht, dass er überhaupt keine Gnade kennen könnte…. “

 

 

 

Tiege Carmine blinzelte in die Nacht. Nur das Sternenlicht erhellte die Straße vor ihnen. In der Unterstadt Helikes war längst Ruhe eingekehrt. Nur in einiger Entfernung konnte der Fuchs noch vereinzelt Stimmen hören, hier jedoch, war alles verlassen, die Fenster der aus Ziegeln erbauten Häuser dunkel…. Es war einer der ärmeren Bezirke, die Gebäude hier angeschlagen und teilweise reparaturbedürftig. Hinter ihnen, zeichnete sich die Silhouette der inneren Stadt ab. Die Zitadelle der Archonten ragte wie ein Berg aus dem Zentrum der Stadt auf. Mauern so hoch, das selbst die Riesen, die die Wüste im Süden durchwanderten, davor winzig erschienen wären, umschlossen den gesamten Komplex, mit seinen Marmorbauten und dem dunklen Granitbau in ihrer Mitte. Dort oben konnte er auch noch vereinzelt das Licht von Fackeln erkennen, die die Mauern und die große Rampe beleuchteten, die zu ihnen hinauf führte. Tiege wandte den Blick ab. Er war nicht hier, um die Aussicht zu bewundern, dachte er. Heute Nacht, würde er sich beweisen müssen. Nervös überprüfte er den Sitz der Waffe, die er trug. Das Schwert mit dem darauf eingelassenem Emblem einer aufgehenden Sonne, war ihm von seiner Familie übergeben worden, kurz nachdem er sich seinen Posten als Paladin verdient hatte. Doch die letzte Prüfung stand noch aus. Die schwere Panzerung die er trug, schepperte, während er es wagte und sich nach seinen Gefährten umsah. Ganz am anderen Ende der Gasse, konnte der Fuchs grade so eine Handvoll Gestalten erkennen, die alle ähnliche Ausrüstung wie er trugen, nur ergänzt, durch einen roten Umhang, der ihm noch fehlte. Den Mantel eines vollwertigen Paladins würde er erst am nächsten Morgen tragen. Wenn alles gut ging.

„Worauf warten wir?“, fragte er leise, an den Mann an seiner Seite gerichtet.

Roderick blickte stumm auf die Straße hinaus. Die dunklen, fast rabenschwarzen Haare, die ihm ins Gesicht fielen, überschatteten kaum, das selbst in der Dunkelheit leuchtende blau seiner Augen. Der Mensch überragte Tiege um einen guten Kopf und auch so wusste er, dass man ihn besser nicht unterschätzte.

„Das gefällt mir einfach nicht.“, antwortete Roderick und nickte auf die Straße hinaus.

Etwa auf halbem Weg stand ein großer Bau, der etwas weniger mitgenommen wirkte, als die restlichen Häuser hier. Ein großes Tor blockierte den einzigen Eingang und eine steile Treppe führte hinauf zu einem Flachdach. Für Tiege wirkte alles verlassen. Aber es war nicht verlassen, das wusste er mit Sicherheit. Das heißt wenn ihr Informant nicht gelogen hatte. Irgendwo hier verborgen sie sich. Magier. In den letzten Jahren fand man immer weniger ihrer Verstecke, entweder, weil sie lernten sie besser zu beschützen oder weil es einfach nicht mehr so viele gab. Vermutlich Letzteres.

„Es gibt keine Wachen.“, bemerkte Tiege.

Roderick nickte. „Als ob sie nicht einmal wüssten, dass sie in Gefahr sind…. “

„Vielleicht sollten wir uns zurückziehen.“, schlug er vor. Ihm war bei dem Gedanken an diesen Auftrag ohnehin nicht ganz wohl gewesen. Und das hier gab dem mulmigen Gefühl, das sich in seinem Bauch eingenistet hatte neue Nahrung. Es war zu ruhig.

„Die Archonten haben uns eine Aufgabe gegeben.“, erwiderte Roderick. „Und die beenden wir auch. Es sei denn, Du hast es dir plötzlich anders überlegt, Tiege. Dann verschwinde hier und steh mir nicht im Weg.“

Tiege antwortete nicht, warf dem Schwertmeister aber einen säuerlichen Blick zu. Das war seine letzte Prüfung und er würde jetzt ganz sicher nicht mehr umdrehen.

„Was tun wir also?“, wollte ein anderer Mann wissen, ein Mensch, der bereits die rote Schärpe eines vollwertigen Paladins trug und mit einer Hellebarde bewaffnet war.

Roderick antwortete nicht sofort, während er sich die Straße erneut besah. Tiege konnte beinahe hören, wie es in seinem Kopf arbeitete. Der Mann war nicht so weit gekommen, weil er Dinge überstürzte. Aber er war auch nicht so weit gekommen, in dem er Rücksicht auf seine Leute nahm.

„Es gibt keinen anderen Zugang zu den Gebäuden hier.“, erklärte er schließlich. „Und ich wette beinahe, unsere… Freunde, haben sich in dem Schuppen dort versteckt.“

Roderick deutete auf das Gebäude fast in der Mitte der Häuserzeile, das Tiege schon zuvor aufgefallen war.

„Also?“

„Also führen wir unsere Auftrag aus.“, antwortete der Schwertmeister und zog die Waffe blank.

Im selben Augenblick hatten auch die übrigen wartenden Männer ihre Schwerter gezückt und auch am anderen Ende der Gasse blitzte nun Stahl auf. Es brauchte keine Worte, keine gerufenen Befehle. Tiege spürte selber, wie die Anspannung, die bisher wie ein Stahlgewicht auf ihm gelastet hatte, von ihm abfiel, sobald er das Schwert zog und Roderick folgte, als dieser auf den Weg hinaus trat.

Das Haus, das ihr Ziel darstellte, war weniger als hundert Schritte entfernt. Doch bevor sie auch nur die Hälfte der Entfernung hinter sich gebracht hatten, tauchte plötzlich ein Schatten auf einem der Dächer auf. Tiege sah die Gestalt grade noch rechtzeitig um mitzubekommen, wie zwischen ihren Händen plötzlich Feuer aufloderte. Das Licht der magisch erzeugten Flammen enthüllte ein ausgehärmtes Gesicht, das halb unter einer schwarzen Kapuze verborgen war. Wäre Tiege diesem Mann am Tag in den Straßen Helikes begegnet, er hätte ihn einfach für einen Bettler gehalten. Aber so….

„Vorsicht!“ Sein Warnruf kam zu spät. Das Feuer in den Händen des Zauberers verdichtete sich zu einer Kugel, die mit einem kreischenden Laut vorschoss und den ersten Paladin traf und einhüllte.

Im nächsten Moment wirbelte Roderick auch schon herum, ein Wurfmesser in der Hand und schleuderte die Klinge nach der Gestalt auf dem Dach. Jetzt, wo der Feuerzauber langsam erlosch und nur die verkohlte Leiche seines Opfers zurück ließ, konnte Tiege den Zauberer nur noch als Schemen sehen. Aber er wusste sofort, dass Rodericks Wurf getroffen hatte. Die Gestalt taumelte plötzlich und sackte zusammen, nur damit ihr Platz sofort von drei oder vier weiteren eingenommen wurde. Nun tauchten auch auf den Dächern der übrigen Häuser Phantome auf, in deren Händen sich glühend Energie sammelte. Eine Falle. Und sie waren mitten hineingelaufen. Nun zumindest wussten sie jetzt, dass sie am richtigen Ort waren. Tiege um klammerte den Schwertgriff fester. Der Kampf hatte noch nicht begonnen, trotzdem waren seine Hände rutschig vom Schweiß. So sollte das nicht laufen….

„Für Laos. Für Helike. Lasst keinen von ihnen am Leben!“ Der Schlachtruf, aus der Kehle eines weiteren Paladins, erstickte, als plötzlich ein Blitz vom Himmel raste und ihn direkt in die Brust traf. Der schwere Stahlpanzer, den der Mann trug, bot keinerlei Schutz. Das Metall wurde einfach zerfetzt, glühende Splitter überall verteilt….

Roderick hatte derweil bereits damit begonnen, die Zauberer auf den Dächern zu dezimieren. Jedes Mal, wenn Tiege zu ihm herübersah, schien er eine neue Waffe in der Hand zu haben, mal ein Wurfmesser, eine gespannte Armbrust, dann ein Kurzschwert… dabei lag während des ganzen Kampfes ein seltsames, kaum wahrnehmbares Lächeln auf seinen Lippen. Und Tiege war weit davon entfernt, es freundlich zu nennen.

Mehr als vier ihrer Angreifer gingen zu Boden und an einer Stelle stürmten bereits die ersten Paladine eine Treppe hinauf, um sich ihren Gegnern im Nahkampf zu stellen. Wenigstens dabei waren sie den Magiern haushoch überlegen. Tiege begann wieder Hoffnung zu schöpfen und wollte sich ihnen anschließen. Bevor er jedoch weit kam, flackerte links von ihm ein weiteres Licht auf.

Alles schien plötzlich unglaublich langsam zu werden, während der Fuchs den Kopf drehte. Genau ihm gegenüber war eine weitere in Roben gekleidete Gestalt aufgetaucht. Und in ihren Händen glühte ein blendendes, weißes Licht, das in einer Welle auf ihn zuzuströmen schien.

Tiege spürte, wie er den Boden unter den Füßen verlor, als der Zauber ihn erreichte. Die Waffe wurde ihm aus der Hand geschleudert, während die Welle der Magie ihn mit sich riss… und direkt gegen das Tor des Schuppens schleuderte, um den die Schlacht tobte.

Das Holz gab knirschend unter ihm nach, während der Zauber ihn nach wie vor ungebremst weitertrug. Auf die Rückwand des Gebäudes zu… er konnte den Aufprall nicht überleben, dachte er entsetzt. Er war zu schnell, das Innere des Schuppens raste in einem einzigen Wimpernschlag an ihm vorbei…. Er spürte, wie seine Knochen brachen, heißer Schmerz, der durch seinen ganzen Körper strahlte… dann wurde alles schwarz.

Als er wieder zu sich kam, starrte er in ein paar großer brauner Augen, die ihn ängstlich musterten und so schnell wieder verschwanden, dass er nicht mehr wusste, ob er sich nicht getäuscht hatte. Sein gesamter Körper fühlte sich an, als wäre er vom höchsten Punkt der inneren Stadt gefallen. Jeder Atemzug schmerzte und allein bei dem Gedanken, sich bewegen zu müssen, wurde ihm übel.

Aber… er lebte. Immer noch. Und wenn Tiege ehrlich zu sich selber war, dann fühlte er sich nicht wie jemand, der gleich sterben würde, weil sein Inneres sich in Brei verwandelt hatte…

Langsam begann er seine Umgebung ganz wahrzunehmen. Der Schuppen lag im Halbdunkel, nur erhellt von einigen verstreuten Kerzen. Möbel und Kisten lagen zerschmettert oder umgeworfen auf dem Boden. War er das gewesen? Wahrscheinlich….

Tiege wagte den Versuch und stützte sich mit einer Hand hoch um auf die Füße zu kommen. Erneut brandeten Schmerzen auf und er stürzte wieder zu Boden. Einen Moment blieb er einfach nur schwer atmend liegen und starrte zur Decke. Aber da war noch etwas, etwas, das er bereits beinahe vergessen hatte….

Dünne Finger tasteten seinen Arm ab, während sich eine unbekannte Wärme in den zerschmetterten Knochen darin ausbreitete. Im ersten Moment noch angenehm, wurde diese jedoch zu brennenden Schmerzen. Tiege biss die Zähne zusammen und versuchte zu erkennen, wer dort war…. Und dann war der Schmerz plötzlich weg, so schnell wie er gekommen war. Erneut wagte er den Versuch aufzustehen. Der Arm ließ sich problemlos bewegen. Langsam, um sich nicht erneut zu verletzen, erhob er sich und erkannte auch zum ersten Mal die Gestalt, die ihn grade… ja was eigentlich? Die ihn geheilt hatte… Tiege starrte einen Moment wortlos auf die gesunde Hand. Nein. Nicht nur seine Hand.

„Du hast mich gerettet?“ Die Worte hörten sich noch ungewohnt rau an.

Und das lag nicht bloß Schock, grade dem Tod entronnen zu sein. Er hatte ein verdammtes Kind vor sich…. Das Mädchen war vielleicht zehn Sommer alt, gekleidet in ein dunkel gefärbtes Kleid und einen Umhang, der nur ein paar großer Augen und einige Haarsträhnen erkennen ließ. Es gab hier Kinder? Er wäre beinahe erneut auf die Knie gesunken. Laos, Götter, Ahnen und alle Geister… was taten sie hier eigentlich? Tiege lauschte. Die Kämpfe draußen mussten vorbei sein, dachte er, den außer seinem eigenen Atem, war es totenstill. Das hieß entweder die Magier oder Roderick und die anderen hatten gesiegt. So oder so, er musste hier weg. Aber… er konnte auch kein Kind hier lassen, oder? Was tun… was war richtig? Er konnte nicht warten und herausfinden, wer die kleine Schlacht gewonnen hatte.

„Also gut.“, setzte er an… und kam nicht weiter, als die kleine Gestalt vor ihm plötzlich zusammenzuckte.

Der Schrei, blieb Tiege im Hals stecken, als er sah, wie sich ein Blutfleck auf der Brust des Kindes ausbreitete und es in sich zusammensackte. Er wollte es auffangen, als ihn eine Stimme innehalten ließ.

„Ihr habt ja doch überlebt.“ Roderick trat durch die zertrümmerte Tür des Schuppens und sah beinahe abfällig über das Chaos hinweg. Ohne hinzusehen, zog er die Waffe aus dem Rücken der toten Gestalt… und drückte sie Tiege in die Hand. Nur mit Mühe hielt dieser sich davon ab, das Schwert sofort von sich zu schleudern. Es war sein eigenes Schwert… das was er zuvor verloren hatte. Und jetzt klebte das Blut einer Unschuldigen daran….

„Was ist mit den Anderen?“, brachte er mühsam hervor. Seine Hand, die die Waffe hielt zitterte. Ein Teil seines Verstands schrie ihm zu, Roderick das Schwert in die Brust zu rammen. Der Andere, es gegen sich selbst zu richten. Wieder ein Anderer fragte, was das hier für ein Wahnsinn war, auf den er sich eingelassen hatte….

„Sie sind alle tot.“, erwiderte der Schwertmeister. „Aber die Zauberer auch, das ist was zählt. Verschwinden wir von hier…. “

 

Tiege schien plötzlich wieder weit weg, während er seine Erzählung beendete. Ordt wusste nicht, wo sich der Geist des Fuchses grade befand, hier jedoch ganz sicher nicht. Er konnte sehen, wie Tieges Finger über den Schwertgriff wanderten.

„Es gibt nur noch einen Grund, aus dem ich diese Waffe weiterhin trage. Und das ist, um mich immer daran zu erinnern. Nach dieser Nacht, wurde Roderick verbannt.“, erklärte er tonlos.

„Weil er seine Leute in den Tod geführt hat?“ Ordt wusste nicht, ob er den Fuchs überhaupt ansprechen sollte.

„Auch. Aber vor Allem, weil ich es war, der den Archonten davon berichtete. Immerhin, das hat er wenigstens nie erfahren, sonst würde ich heute nicht hier stehen. Er wusste, dass es zu gefährlich war. Aber das, hat einen Mann wie Roderick noch nie aufgehalten. Euer Simon ist auch so einer, tief drinnen. So etwas… spüre ich einfach. Aber irgendetwas an ihm…“ Tiege machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nun… 10 Jahre später bin ich Roderick dann nachgefolgt. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Für meine Familie war es natürlich entehrend, aber… das letzte Mal, das mich so etwas gekümmert hätte, war vor einem Jahrzehnt.“

Eine Weile schwiegen sie Beide, der Wolf, der nicht wusste, was er entgegnen sollte und der Fuchs, der ohnehin nicht richtig hier zu sein schien. Hatte Ordt einmal gedacht ein unglückliches Schicksal erwischt zu haben? Wenigstens konnte er immer von sich behaupten, dass sein Gewissen rein war. Tiege hingegen… blieb nicht einmal das. Und vielleicht war das der wahre Grund für seinen Aufenthalt in der Arena Anegos gewesen. Hatte der Mann am Ende jemanden gesucht, der ihn töten konnte?

Bevor er dazu kam, weiter darüber nachzudenken, hatte Tiege ihn gepackt und zu Boden gezogen. Zuerst war Ordt überzeugt, der Mann sei endgültig verrückt geworden, doch dann hörte er es ebenfalls. Dutzende Schritte, die in ihre Richtung kamen. Es dauerte nicht lange, bis er ihre Ursache sah, ein Dutzend mit Arkebusen bewaffneter Soldaten, die alle das Sternenwappen Varas auf ihrer Kleidung trugen.

„Suchen die nach uns?“, fragte er leise.

„Ich weiß es nicht.“, antwortete Tiege. „Aber so wie es aussieht, sind sie in Richtung Bibliothek unterwegs…. “

 

 

 

 

Kapitel 32

Alte Bekannte

 

 

 

 

 

Simon stand einem Geist gegenüber. Der Mann schien in den letzten Jahren kaum gealtert zu sein.

Die grauen Haare waren wie eh und je im Nacken zusammengebunden und ließen ein kantiges, von der Sonne und dem Alter zerfurchtes, Gesicht erkennen, das teilweise unter einem sauber gestutzten Bart verborgen war. Das einzige, was sich an der Gestalt verändert hatte, waren mehrere deutlich sichtbare Narben, die sich über die linke Gesichtshälfte bis über den Hals hinab zogen und unter seiner Kleidung verschwanden. Die dunkelgrüne, mit braunen Ziernähten versehene, Robe des Mannes ließ ihn größer erscheinen, als er eigentlich war. Zwar stützte er sich mit der linken behandschuhten Hand auf einen Stab ab und ging leicht gebeugt, doch Simon wusste, dass er ihm selbst aufgerichtet grade bis zur Brust reichte.

„Nein… Alastor. Das hatte ich tatsächlich nicht erwartet.“, antwortete er kalt. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, während er darauf wartete, dass der Mann etwas tat. Aber sein alter Lehrmeister rührte sich nicht, wie er dort auf dem Treppenabsatz stand. „Ihr wart immerhin tot.“

„Zumindest, hast Du das geglaubt.“ Alastor verlagerte sein Gewicht etwas, als bereite es ihm Schmerzen, länger stillzuhalten.„Ich habe Dir alles beigebracht, was Du damals wusstest. Das heißt aber nicht, dass Du auch schon alles wusstest, was ich weiß.“

„Wie habt Ihr überlebt?“ , wollte Simon nur wissen und verfluchte sich, dass er keine Waffe dabei hatte. Warum war Alastor hierhergekommen? Wusste er bereits, dass seine Kräfte geschwunden waren und suchte Rache? Alles andere schien wie Selbstmord. Wäre dieser Mann ihm vor ein paar Monaten über den Weg gelaufen, er wäre wohl kaum dazu gekommen, auch nur den Mund aufzumachen. Jetzt jedoch…. „Und wichtiger, was wollt Ihr?“

„Vielleicht nur mit Dir reden.“ Alastors Stimme zeigte zum ersten Mal so etwas wie Emotion. „Es ist lange her. Und ich habe, trotz allem, verfolgt was Du getan hast. Du warst immerhin mein vielversprechendster Schüler.“

Er klang beinahe… besorgt? War es das? Aber um was sollte dieser Bastard sich Sorgen machen? Höchstens darüber, das Simon eben mit bloßen Händen zu Ende brachte, was ihm beim letzten Mal offenbar nicht gelungen war. Nein… er konnte spüren, dass die alte Wut auf seinen ehemaligen Meister nach wie vor da war. Aber das flammende Inferno, das Alastor einst verzehrt hatte, war zu Glut geworden. Simon würde sie nicht wieder anheizen. Gleichzeitig wollte er den Mann aber auch so schnell wie möglich loswerden. Er hatte genug Probleme….

„Ich allerdings habe nichts mit Euch zu bereden.“, erklärte er und drehte sich in Richtung Bibliothek um. Je eher er fand, was er suchte, desto schneller könnte er auch wieder hier verschwinden.

Kiris, die das Gespräch bisher schweigend verfolgt hatte, sah einen Moment zwischen dem entstellten Zauberer und Simon hin und her. Dieser hatte bereits die Hälfte der Stufen hinauf zur Bibliothek hinter sich gebracht.

„Wartet. Nur einen Moment.“

Obwohl er es nicht wollte, hielt Simon an. Allerdings, wagte er es nicht, sich erneut zu Alastor und ihr umzudrehen. Er fürchtete, was er sonst tun könnte. Verdammt, seit wann nimmst du Rücksicht auf Leute, die du verabscheust? , fragte ihn eine sarkastische Stimme in seinem Kopf. Seit Neuestem, kam die Antwort.

„Ich habe mit diesem Mann nichts mehr zu schaffen Kiris. Wenn ihr mich sucht, ich warte in der Bibliothek.“ Mit diesen Worten ging er weiter, eine Stufe nach der anderen, während der alte Zauberer und Kiris alleine auf dem Treppenabsatz zurückblieben.

 

Kiris sah ihm nach, bis er durch die offenen Tore der Bibliotheksgebäude verschwunden war. Nur schwer konnte sie sich davon abhalten, ihm zu Folgen. Sie hatte diesen seltsamen, verwirrten Mann nun schon in fast allen denkbaren Situationen erlebt. Wütend, resigniert, sogar so etwas wie glücklich. Aber noch nie derart… verbittert und kalt. Langsam wandte sie sich wieder Alastor zu. Simon hatte ihr zwar von diesem Mann erzählt… aber ihn jetzt vor sich zu haben, war doch etwas anderes. Es wollte schlicht nicht zu der grenzenlosen Ablehnung passen, die der einstige Ordensoberste für seinen Lehrmeister reserviert hatte. Allerdings, schien bei Simon selten etwas ihren Erwartungen zu entsprechen, dachte Kiris.

„Wie ich sehe hat er sich in all den Jahren kein bisschen verändert.“, meinte Alastor seufzend und ließ sich auf dem Treppenabsatz nieder, das linke Bein von sich gestreckt und den Gehstock über die Beine gelegt.

„Ich glaube, das wäre das Letzte, was ich behaupten würde.“ Die letzten Wochen, die der Zauberer sie nun begleitete, hatte sie mehr Überraschungen erlebt, als in den Monaten davor. Und nicht alle davon waren negativ, oder? „Ich… kenne ihn vielleicht nicht so wie ihr, aber… ich habe gesehen, wie dieser Mann sein Leben riskiert hat um andere zu retten.“ Und gleichzeitig hatte sie gesehen, wie er Hunderte Leben auslöschte, die ihm im Weg standen. Wie konnte ein Mensch eine derart zwiespältige Persönlichkeit haben… und dabei nicht wahnsinnig werden? Gedankenverloren ließ Kiris die Kette an ihrem Hals durch die Finger gleiten. Die Waage daran glitzerte im Sonnenlicht, das durch die Zweige der Bäume am Rand der Treppe fiel. Schwarz und Weiß, Richtig und Falsch, das, hatte man ihr einmal beigebracht, waren zwei Seiten einer Medaille, einer flachen Münze. Es gab keine Zwischenstufen. Und sie hatte es immer als Wegweiser genutzt, wenn es darum ging, das Beste für Stillforn zu erreichen. Das Beste… und es hatte im Feuer geendet, nicht?

Vielleicht gab es letztlich Graustufen dazwischen. Jede Münze, hatte einen Rand. Und Simon schien eine Gradwanderung darauf zu vollführen. „Und er hat mir auch von euch erzählt. Und doch… kenne ich nur eine Version der Geschichte. Was ist damals passiert?“

„Ich fürchte, zu meiner Schande muss ich gestehen, das was er euch erzählt hat, größtenteils der Wahrheit entsprechen dürfte. Er war noch ein Kind, als er zu mir kam.“, meinte Alastor. „Aber selbst damals wusste ich schon, über welche Macht er gebot. Ich denke, manchmal… hatte ich Angst vor ihm. Vor dem, was aus ihm werden könnte.“

„Ihr habt ihn gefoltert.“, erwiderte Kiris. Sie konnte nicht anders, als den Kopf zu schütteln, wenn sie darüber nachdachte. „Er mag genau das geworden sein, was ihr befürchtet habt, aber damals war er ein halbes Kind. Glaubt ihr wirklich, das wäre irgendwie zu entschuldigen? Weil ihr… Angst hattet? Ihr hättet ihn einfach nicht weiter Unterweisen können.“

„Dann hätte es jemand anderes getan. Und ich habe nicht vor, mich dafür zu entschuldigen, das ich getan habe, was nötig war um die Welt zu schützen.“

„Es hat nicht funktioniert.“

„Nein… an jenem Tag… meine Furcht stand meinem gesunden Menschenverstand im Weg. Ich habe erst sehr spät erfahren, dass Simon letztendlich keine Schuld traf. Nicht daran zumindest. Er hat sich nur verteidigt. Aber ihr müsst verstehen, wie Magie funktioniert. Zauberei ist Macht. Und je mehr Macht das Individuum bekommt… desto leichter wird es korrumpiert. Manche machen sogar den Fehler, sich für allmächtig zu halten. Meist mit tödlichen Folgen, nicht nur für sie. Ich wollte lediglich nicht der Schöpfer eines weiteren Monsters sein.“

Kiris musterte den sichtlich in sich zusammengesunkenen Magier schweigend. Erneut, das war nicht, was sie erwartet hatte. Alastor empfand Reue, das konnte sie spüren. Und bisher hatte sie sich doch auf ihr Gespür immer verlassen können. Und doch war der Mann mindestens so stur wie Simon. Götter, wo geriet sie hier nur wieder rein?

„Nun… Simon ist davon jetzt zumindest weit entfernt.“, erklärte sie schließlich. Nur ob es der Wahrheit entsprach? Sie sah zur Bibliothek hinauf. Was würde geschehen, wenn er hier die Antworten fand, die er suchte, wenn er seine Fähigkeiten zurück gewann? Es schien Wahnsinn ihm auch nur den Rücken zuzukehren. Und doch… ich glaube er hat sich in den letzten Wochen sehr verändert, Alastor. Nicht nur, weil ihm offenbar seine gesamte Magie… abhanden gekommen ist.“

„Wie?“ Nun trat statt Trotz, verhohlene Neugier in die Stimme des alten Zauberers. „Verzeiht, aber das wäre das erste Mal, dass ich davon höre, dass ein Magier seine Begabung einfach… verlieren kann. Sicher wir könnten vergessen, wie man sie nutzt, aber was Ihr sagt wäre so ähnlich, als wenn Ihr behauptet, er hätte seinen Kopf verloren.“

„Das offenbar auch.“, meinte Kiris und musste kurz grinsen. „Aber ich mag diese neue Seite von ihm. Jedenfalls mehr als die Alte, die ich erlebt habe.“

„Dieser Junge…“ Alastor schüttelte den Kopf und die Art, wie er die Worte betonte…. Nein, Simon war weit davon entfernt, noch ein Kind zu sein, aber für diesen Mann war er es wohl weiterhin. Scheinbar ins Nichts starrend, hob Alastor die linke Hand und Streifte den Handschuh daran ab. Die Haut, die darunter zum Vorschein kam, war genauso von Kreuz und Quer verlaufenden Narben gekennzeichnet, wie sein Gesicht… und vermutlich auch der Rest einer Körperhälfte. Er hatte zwar gemeint, dem Angriff Simons entkommen zu sein, aber offenbar hatte er dafür keinen geringen Preis gezahlt. „Das war er… und trotzdem sorge ich mich um ihn. Und vielleicht möchte ich um Verzeihung bitten…“

„Dann tut es.“

„Er hört mir nicht zu, das habt ihr doch eben selbst erlebt… Kiris, oder?“

„Das wohl nicht…“ Kiris zögerte einen Moment. „Aber, ich glaube, mir hört er für gewöhnlich zu.“

„Dann wärt ihr die Erste.“, erwiderte Alastor und lachte kurz auf. Ein trockener, ungesund klingender Laut. „Er mag euch, oder?“

„Ich… weiß es nicht.“, antwortete sie.

Die Frage des Zauberers brachte sie aus dem Konzept. Es ging hierbei nicht um sie… oder zumindest, dachte Kiris, hatte es das bis grade eben nicht getan.

Alastor nickte nur, als würde das bereits alles beantworten, bevor er aufstand.

„In diesem Fall… Gehen wir ihm nach.“, meinte er und machte sich auf den Weg die Stufen hinauf. Kiris blieb einen Moment ratlos stehen, bevor sie sich daran machte, ihm zu folgen. Hätte sie sich jedoch in diesem Moment umgedreht, wäre erneut vielleicht alles anders gekommen. So jedoch entging ihr der schwarz gekleidete Mann, der hinter einem der Brunnen auftauchte und die beiden Gestalten auf der Treppe genau beobachtete.

 

 

Roderick wartete, bis auch die Frau und der alte Mann in den Gebäuden auf dem Hügel verschwunden waren. Es wäre ein leichtes gewesen, sie hier draußen zu stellen, aber wie sich herausstellte, war es klug gewesen, zu warten. Mit Simon und seiner Begleiterin hatte er gerechnet, aber nicht, mit dem dritten Mann, der sie auf ihrem Weg aufgehalten hatte. Und auch wenn dieser gebrechlich wirkte… er konnte die Magie, die von ihm ausging beinahe riechen. Zwei Zauberer waren einer zu viel, zumindest wenn er einen von ihnen lebend gefangen nehmen musste. Und was mit den anderen beiden Begleitern Simons war, wusste er ebenfalls noch nicht. Vor allem einer, machte ihm dabei Sorgen. Tiege… er hätte nie gedacht, seinem alten Schüler noch einmal über den Weg zu laufen. Schon gar nicht so. Was immer der Fuchs hier wollte, er würde es noch herausfinden, dachte Roderick. So oder so, seine Pläne verzögerten sich nur geringfügig. Roderick zog langsam ein Messer aus seinem Gürtel. Er durfte ihn nicht töten, erinnerte er sich. Das hieß aber nicht, dass er ein Risiko eingehen würde. Zusammen mit dem Messer, zog er ebenfalls eine kleine Glasphiole aus einer Schlaufe daneben. Darin befand sich eine klare, leicht gelbliche Flüssigkeit. Vorsichtig und darauf bedacht, auf keinen Fall einen Tropfen des Inhalts zu verschütten, entfernte Roderick den Korken auf der Phiole. Das Gift kostete ein kleines Vermögen, aber wenn es seinen Zweck erfüllte, wäre es seinen Preis wert. Vorsichtig trug er es in einer dünnen Schicht auf die Messerklinge auf, wo es sofort trocknete und eine glasartige Patina bildete. Ein einziger Schnitt damit wäre lähmend. Und wenn der Zauberer zu viel Widerstand leistete, wäre eine größere Wunde auch tödlich….

Schritte, die sich rasch näherten, rissen ihn jedoch aus seinen Gedanken. Rasch ließ er die Klinge wieder verschwinden, während er sich zu dem Geräusch umdrehte. Ein Dutzend, wenn nicht mehr, Männer mit dem Emblem der Stadt Vara auf ihrer Kleidung, kamen auf den Brunnenplatz hinaus gestürmt. Roderick wich langsam etwas zurück. Das allerdings, dachte er, gehörte nicht zum Plan. Irgendjemand außer ihm musste Simon noch erkannt haben…

 

 

Kapitel 33

Gespräch

 

 

 

 

 

Simon Belfare schlug das Buch vor sich enttäuscht zu. Legenden, Gerüchte, Vermutungen… aber nichts Konkretes. Der Tisch vor ihm ächzte unter der Last aus Folianten, Schriftrollen und losen Pergamenten.

Es war nicht schwer gewesen, einen der Gelehrten zu überreden, ihm zu helfen, aber Varas Bibliotheken enthielten eine Unzahl an Schriften zu allen möglichen Themen. Und die Tränen Falamirs waren kein unbekanntes Objekt oder etwas derart Obskures, das es wenig Materialen dazu gegeben hätte, im Gegenteil. Bis vor weniger als zweihundert Jahren hatten sich alle dieser magischen Kristalle noch im Besitz der Kaiserfamilie befunden, als Teil der Kronjuwelen. Einer davon war sogar in Handschuhen verarbeitet worden, die angeblich durch eine Berührung töten oder Stadtmauern einreißen konnten.

Simon lehnte sich etwas auf seinem Platz zurück.

Das flackernde Licht der Kerzen zeichnete tanzende Schatten auf die Buchreihen, die sich in alle Richtungen erstreckten. Simon kam sich winzig vor den hohen Regalen vor, deren oberste Fächer er nicht einmal mehr erkennen konnte. Die Bibliotheken von Vara konnten ein düsterer Ort sein und das unstete Licht trug zu dieser Atmosphäre bei. Volero hätte es wohl als das einzig richtige Licht für so etwas bezeichnet, aber Simon schmerzten bereits nach kurzer Zeit die Augen.

Zwar waren die Außenwände des Gebäudes durch große Fenster durchbrochen, aber die Regale, die teilweise so dicht standen, das man seitwärts gehen musste, um zwischen ihnen hindurch zu gelangen, blockierten das meiste Sonnenlicht.

Er zwang sich, ein weiteres Pergament von dem uneinsichtigen Stapel zu nehmen, der sich vor ihm auftürmte. Schon nach wenigen Augenblicken wusste Simon, dass er erneut ins Leere gegriffen hatte. Eine weitere unnötige Abhandlung zu den Tränen, die bestenfalls auf Spekulationen beruhte, um was es sich genau dabei handelte. Die Vermutungen gingen dabei über die Legende Falamirs bis zu Blutstropfen der Götter selbst, die das alte Volk ihnen entrissen hatte. Aber nichts, das erklärte, wie man damit die Magie eines anderen Menschen stehlen könnte.

„Simon?“ Er legte das Pergament weg, als er seinen Namen hörte. Er hatte sie nicht einmal kommen hören. Die schweren Teppiche, die den Steinboden der Bibliotheken bedeckten, dämpften jeden Schritt.

Simon drehte sich zu Kiris um und Erstarrte, als er bemerkte, dass sie nicht alleine war. Der Mann, der ihr folgte, blieb knapp außerhalb des schwachen Lichtkreises der Kerzen. Aber Simon erkannte ihn auch so.

„Was macht der denn hier?“, fragte er kühl und stand langsam von seinem Platz am Tisch auf.

Kiris stellte sich ihm in den Weg, als er an ihr vorbei wollte.

„Hör ihm wenigstens zu.“, antwortete sie. „Bitte.“ Ihre Hand legte sich auf seine Schulter. Es wäre ein Leichtes, die Berührung abzuschütteln… trotzdem fand er sich unfähig weiterzugehen.

Alastor war derweil ins Licht getreten. Eine Weile stand er nur da und besah sich den Stapel Papiere, der sich auf dem Tisch vor ihm auftürmte.

„Schön…“ Simon trat langsam einen Schritt zurück. „Ich höre…“

Er würde Alastor die Gelegenheit geben zu sprechen. Aber wenn der Mann glaubte, das änderte irgendetwas….

Der alte Zauberer schien selber unsicher, wie er beginnen sollte. Statt etwas zu sagen, zog er lediglich ein Pergament vom Tisch hervor.

„Du suchst nach einer Träne?“ , fragte er nach einer Weile.

„Ich wüsste nicht, was Euch das angeht.“

„Ich würde sagen eine Menge.“, antwortete Alastor. „Wo bei allen Schatten bist Du da rein geraten?“

Simon konnte einen Moment nicht antworten. Aus der Stimme seines alten Meisters sprach etwas, das er so nicht erwartet hätte. Aufrichtige Besorgnis. Und nicht bloß wegen der Träne, dachte er.

Nein… Alastor interessierte es tatsächlich.

„Ich weiß es nicht.“, gestand er. „Noch nicht jedenfalls. Aber ich will es herausfinden.“

„Und was ist mit Erik? Warum ist er nicht hier bei Euch?“

„Ich glaube.“, antwortete Simon, „das dürftet Ihr bereits Wissen. Das halbe Imperium sucht nach mir. Er hat die Macht im Orden an sich gerissen, Alastor. Im Augenblick, bin ich auf der Flucht vor meinen eigenen Leuten.“

„Es hat Dir wohl nicht gereicht, die freien Magier zu verdrängen…“ dieses Mal lag nichts von Sorge in der Stimme des alten Zauberers. Simon fühlte sich unwillkürlich wieder in seine Kindheit zurückversetzt. Wie oft hatte der Mann ihn mit genau diesem Ton gescholten, wenn etwas nicht nach seinem Willen lief? Aber nicht mehr…

„Ihr könnt Magier nicht ordentlich ausbilden.“, erklärte er. „Das Wissen der freien Magier ist immer lückenhaft, jeder Meister besitzt nur einen Teil, den er dann auch noch wie einen Schatz hütet und nur an ein paar Schüler wiedergibt oder schlimmer mit in sein Grab nimmt.“

„Und das ist auch gut so.“, gab Alastor zurück.

„Das behauptet Ihr zumindest.“ Simon verschränkte die Arme vor der Brust.

Das war der eine Punkt, in dem er auch nach allem nicht nachgeben würde. Sicher, was aus dem Orden geworden war, wenn er jetzt darauf zurückblickte… nein, das hätte nicht geschehen sollen. Aber nach wie vor schafften sie es, das Wissen zu sammeln und zu konservieren, das zuvor nur verstreut vorhanden gewesen war. Und es weiterzugeben. Jeder einzelne Zauberer, der seine Prüfungen im Orden bestand war am Ende erfahrener, als es die unabhängigen Hexenmeister je sein würden.

„Ja das behaupte ich.“ Alastor klang wieder ruhiger, während er sich vorsichtig an den Tisch setzte, die Hände. „Ihr habt ein Jahrtausend altes Gleichgewicht einfach zerschmettert.“

„Vielleicht, war es Zeit dafür.“, antwortete Simon. „Manche Dinge, Alastor, müssen sich ändern, ob uns das gefällt oder nicht. Und vielleicht habt Ihr recht. Es ist gefährlich, Macht derart zu sammeln. Und doch, Ihr würdet sie am liebsten wegschließen. Das ist nicht die Lösung und das wisst Ihr genau so gut wie ich.“

Simon setzte sich seinem alten Lehrer gegenüber, der die Hände ineinander gefaltet dasaß. Schweigend. So überzeugt, er selber von seinen Worten war , er wusste mittlerweile auch, das Alastor mit einigen Dingen recht gehabt hatte, mit seinen ständigen Mahnungen…. Aber was hatte es letztlich geändert? Nichts. Ganz im Gegenteil. Worte alleine hatten nicht abwenden können, was aus ihm geworden war. Er hatte es erst von außen sehen… und dem selber fast zum Opfer fallen müssen.

„Und Ihr habt noch keine Antwort gefunden.“ Kiris hatte dem Gespräch erneut nur gelauscht, anstatt sich einzumischen. Und offenbar, war das auch ihre Absicht gewesen.

„Nein.“ Irgendwie hatte er das Gefühl, das sie nicht nur sein eigenes Dilemma meinte. Er dachte an das Gespräch auf der Treppe, bevor Alastor so unerwartet wieder in sein Leben getreten war. Es gab keine Zufälle mehr, dachte er. „Und was kann ich schon tun, Kiris? Was kann ein einzelner Mann tun, der machtlos ist?“ Selbst wenn er erkannte, dass fast alles, was er bisher getan hatte, ein einziger Fehlschlag war. Den letzten Teil dachte er nur, aber Kiris schien zu merken, was in ihm vorging. Oder vielleicht konnte diese Frau wirklich Gedanken lesen… der Gedanke war belustigend. Und erschreckend zugleich.

„Genug.“, meinte sie. Es war nur ein Wort, aber es war genau das, was er hören musste. Und es war die Wahrheit, dachte Simon. Zumindest, soweit es Kiris betraf.

„Genug…“ er murmelte das Wort, lauschte auf das Echo seiner eigenen Stimme. Was wäre denn genug? Bei allem, was er an Fehlern auszubügeln hätte… es würde ein Leben lang dauern. Falls er überhaupt noch einmal die Gelegenheit dazu bekäme. Alleine die Kontrolle über den Orden zurückzugewinnen schien im Augenblick unmöglich. Und das würde es auch bleiben, wenn er nichts tat. Simon raffte sich zusammen.

„Werdet Ihr mir suchen helfen?“, fragte er an Alastor gerichtet.

Der alte Zauberer schien einen Moment zu zögern. Dann jedoch seufzte er nur.

„Machen wir uns an die Arbeit.“ Mit diesen Worten zog Alastor einen weiteren Pergamentbogen aus den Stapeln heraus und begann, ihn durchzusehen. Simon konnte nicht anders, als einen Moment zu lächeln. Irgendwie hatte dieser Anblick etwas Vertrautes. Wie viel Zeit hatte er genauso mit seinem alten Lehrer verbracht?

„Worauf genau müssen wir achten?“,fragte Kiris die sich neben Simon setzte und ein Buch aufschlug, das beinahe schon auseinanderfiel.

„Alles was auch nur entfernt interessant ist… und über Gerüchte hinaus geht.“, antwortete Simon, bevor er sich ebenfalls wieder dem Text zuwendete, den er zuvor frustriert beiseitegelegt hatte.

„Ihr könnt lesen?“, fragte Alastor derweil überrascht.

Kiris sah auf „Wollt Ihr mich beleidigen? Ich glaube mit Zehn hatte ich alle Bücher durch, die es in Stillforn gab.“

„Das waren wie viele?“, fragte Simon.

„Zehn.“

 

 

 

Gut eine halbe Stunde verging, in der lediglich das rascheln von Papier und gelegentlich die Schritte eines Gelehrten die Stille durchdrangen. Simon hatte sich bereits daran gewöhnt, dass ab und an, eine der in staubgrauen Roben gekleideten Männer oder Frauen an ihnen vorbei kam. Die meisten, waren offenbar zu sehr mit ihren eigenen Studien beschäftigt, um sich groß mit ihnen aufzuhalten. Alastor, war wohl nach wie vor ein bekanntes Gesicht an diesem Ort und so würde ihre Anwesenheit wohl kaum Jemanden wundern.

Eine dieser Gestalten jedoch, war auf dem Gang stehen geblieben, welchen die Regale bildeten. Simon achtete erst kaum auf den Schatten, der das spärliche Licht ausblockte. Sollte jemand fragen, was sie hier zu suchen hatten, würde Alastor wohl schon eine Erklärung einfallen. Es war schon seltsam, dem Mann nach all dieser Zeit wieder zu begegnen… grade weil er bis vor Kurzem davon überzeugt gewesen war, ihn getötet zu haben.

Eine Bewegung, die er nur aus den Augenwinkeln wahrnahm, riss ihn aus seinen Gedanken. Der Gelehrte, der eben noch im Gang gestanden hatte, hatte sich plötzlich in Bewegung gesetzt und war mit zwei, drei großen Schritten bei ihm. Irgendetwas daran, wie der Mann sich bewegte, ließ in seinem Kopf sämtliche Alarmglocken läuten. Und dann sah Simon das Messer, das der Fremde unter seinem Mantel verborgen gehalten hatte.

„Vorsicht !“

Alastor hatte es offenbar auch gemerkt, denn der Alte war trotz seiner Verletzungen aufgesprungen. Der Stuhl auf dem er eben noch gesessen hatte, schwankte. Noch bevor die Sitzgelegenheit umfiel und auf dem Boden aufschlug, hatte Simons alter Meister die Arme hochgerissen. Eine Sturmbö wirbelte die Zettel und Pergamente vom Tisch auf und traf ungebremst auf die fremde Gestalt, bevor diese mit dem Dolch zustoßen konnte. Der Zauber fegte ihr die Beine weg und schleuderte sie direkt gegen das Regal, das unter dem Gewicht ächzte und sich gefährlich zur Seite neigte.

Der Gelehrtenmantel, den die Gestalt trug, wurde weggefegt und enthüllte ein von dunklen Haaren eingerahmtes Gesicht. Zwei hellblaue Augen starrten Simon daraus an. Roderick….

Der Assassine fing sich überraschend schnell und stieß sich von dem wankenden Regal ab. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und die gesamte Holzkonstruktion stürzte krachend gegen das nächste, noch feststehende Regal. Ein Strom aus Büchern ergoss sich über die Flure der Bibliothek.

Simon wich derweil einem Messerstoß von Roderick aus. Die Klinge jagte knapp an ihm vorbei und bohrte sich stattdessen in einen Buchrücken hinter ihm. Simon versetzte dem Kopfgeldjäger einen Tritt, der ihm zumindest etwas Luft verschaffte. Aber ihm blieb nicht viel Zeit. Unbewaffnet und auf engstem Raum hatte er kaum Möglichkeiten sich zu wehren.

„Raus hier!“, rief er den anderen zu und versetzte bereits Kiris einen Stoß nach vorne, während er Alastor ganz auf die Beine zog.

Dieser hatte sich erneut für einen Zauber gesammelt, dem er dem Assassinen vor die Brust rammte. Doch Roderick war beinahe unheimlich schnell. Er ließ den Dolch fürs Erste fallen und zog stattdessen das Kurzschwert von seinem Rücken… und brachte das Metall zwischen sich und den Zauber. Der Aufprall, der ihm andernfalls wohl die Knochen gebrochen hätte, verpuffte an der Klinge, auch wenn die Wucht der Magie ihn kurz wanken ließ.

Alastor schien einen Moment wie erstarrt. Wann hatte man schon einmal gesehen, dass ein Mensch einen Zauber derart abwehrte…. Nur zögerlich gab er schließlich Simons Drängen nach und folgte ihnen auf dem Weg durch die in Unruhe geratene Bibliothek.

„Wer war das?“ , wollte der Zauberer wissen, während er sich abmühte , mit ihnen Schritt zu halten.

„Ein alter Bekannter von mir, lassen wir es fürs Erste dabei.“, erklärte Simon.

Regale und Gänge flogen an ihnen vorbei. Die Bibliotheken Varas waren zwar riesig, aber sie hatten sich nicht weit in das Durcheinander aus Gebäuden, Hallen und Büchern gewagt. Der Ausgang musste ganz nah sein….

 

 

 

 

Kapitel 34

In der Falle

 

 

 

 

 

Tageslicht! Nach der Dunkelheit in den Bibliothekssälen blendete es Simon fast, als sie endlich die Haupttore erreichten. Die große Eingangshalle der Bibliotheken Varas unterschied sich deutlich von den überfüllten Räumen der übrigen Bauten. Eine hohe, von schweren Sandsteinsäulen getragene, Decke erzeugte beinahe das Gefühl, sich unter freiem Himmel zu befinden. Während das allgegenwärtige Wasser der Stadt mehrere kleine Zimmerbrunnen speiste. Manche davon waren sogar in die Wände der Halle selbst integriert und vielen über Stufen oder Miniaturalkoven zu fadendünnen Wasserfällen ab, die irgendwo am Boden des Raums in Abflüssen mündeten.

Das ständige Plätschern wurde nur vom Geräusch ihrer eigenen Schritte übertönt. Simon wagte es jedoch nicht, anzuhalten und zurückzublicken. Roderick hatte ganz sicher nicht aufgegeben…. Nach all der Zeit hatte der Attentäter, den Erik auf ihn gehetzt hatte, sie also endlich wiedergefunden.

Simon, Kiris und Alastor stolperten durch die offen stehenden Tore der Halle hinaus ins Freie. Einen Moment, glaubte er tatsächlich, sie hätten es geschafft. Vor dem Tor lag ein kleiner Platz, kaum größer als die Absätze auf der großen Treppe, die nach unten führte. Das Licht der Sonne brach sich in einem kleinen Teich, der die Mitte der kreisrunden Steinfläche einnahm. Die Parkanlagen darum herum jedoch, wurden von einer Mauer aus bewaffneten Männern versperrt. Simon wurde langsamer, als sich Dutzende von Gewehrläufen auf ihn und die Anderen richteten und auch von der Treppe her tauchten nun Soldaten auf, alle das Sternenwappen Varas aus ihrer Kleidung tragend.

Wenn sie das nicht Roderick zu verdanken hatten….

Simon merkte, wie Alastor sich neben ihm anspannte. Er schüttelte den Kopf. Das würde nichts werden. Sein alter Lehrmeister war kein Kämpfer und selbst mit Magie…. Es reichte, wenn eine einzige Kugel sie erreichte.

„Lasst gut sein.“, murmelte Simon leise.

„Was machen wir jetzt?“ , wollte Kiris wissen.

„Ich habe keine Ahnung.“, gab er zu, während er verzweifelt nach einem Ausweg suchte. Vielleicht wenn sie schnell waren und sich wieder in die Bibliothek zurückzogen? Aber das würden sie niemals Alle schaffen. Und er war nicht bereit, Alastor oder Kiris zu opfern um zu entkommen. Sie saßen in der Falle.

Hinter ihnen erklangen nun erneut eilige Schritte. Als Simon den Kopf drehte, erkannte er Roderick, der mit gezückter Waffe aus der Eingangshalle gerannt kam. Der Meuchelmörder wurde langsamer, als ihm klar wurde, dass etwas nicht stimmte und seltsamerweise entdeckte er so etwas wie…. Ärger auf seinem Gesicht ? Sie waren ihm doch direkt in die Falle gelaufen, dachte Simon.

„Simon Belfare.“ Ein einzelner Mann, der einen schweren Stahlkürass trug, drängte sich durch die Reihen der Schützen. Auch im Metall der Rüstung prangte das Wappen Varas.

„Ihr wurdet des Verrats an Kaiser Tiberius Ordeal für schuldig befunden. Und in Anbetracht der Umstände, dass Ihr eurer Strafe schon mehrmals entflohen seid… wird sie sofort vollstreckt.“

Simons Gedanken rasten. Was sollte er tun? Hinter ihnen versperrte Roderick den Weg, vor ihnen die Stadtwache. Und jetzt schien es, hatte das gegen ihn erlassene Todesurteil nicht einmal mehr einen Aufschub…. Er atmete tief durch. Sie könnten Kämpfen. Und vielleicht würde einer von ihnen entkommen. Und dann gab es noch eine andere Möglichkeit. Simon trat, die Arme erhoben vor.

„Junge, was tust Du?“, fragte Alastor und versuchte ihn, am Arm zurückzuhalten.

„Zur Abwechslung einmal das Richtige…“, erklärte er und es überraschte ihn selbst, das seine Stimme nicht zitterte. Vielleicht gab es für ihn keinen Ausweg. Das hieß aber nicht, dass das gleiche auch auf Alastor oder Kiris zutraf. „Ja ich bin weggelaufen. Aber jetzt nicht mehr. Tut was Ihr tun müsst, aber meine beiden Begleiter hier lasst gehen. Sie haben damit nichts zu tun. Einer ist ein angesehener Zauberer dieser Stadt.“

Der Mann im Kürass nickte.

„Ich erkenne Meister Alastor.“ Und an seine Männer gerichtet fügte er hinzu: „Lasst sie durch. Sie müssen das nicht mit ansehen.“

Zwei der Männer nickten und bildeten einen schmalen Durchgang, blieben jedoch angespannt, sollte Simon versuchen, zu fliehen. Das, dachte dieser, könnten sie sich sparen. Er würde das Leben der anderen nicht gefährden.

„Simon…“ weder Alastor noch Kiris machten Anstalten, sich zu rühren, aber es war Kiris, die ihre Stimme als erste wiederfand.

„Geht, jetzt. Sie werden Euch keine zweite Gelegenheit geben.“

„Du bist verrückt, das weißt Du?“, fragte Alastor.

„Im Gegenteil.“ Oder vielleicht war es tatsächlich Wahnsinn, wie sollte er das wissen? „Und jetzt geht endlich.“ Alastor seufzte, dann setzte er sich jedoch langsam in Bewegung. Kiris jedoch, blieb stehen, wo sie war. Simon fürchtete, sie würde nicht auf ihn hören, dass sie vielleicht zu stur sein könnte. Wenn nötig, würde er den Hauptmann der Stadtwache eben bitten, sie wegzuschaffen….

„Wartet!“

Die Stimme, die ihn, sowie die wartenden Gardisten aufschrecken ließ, kam aus dem Inneren der Bibliothek. Roderick trat unter dem hohen Torbogen heraus, nach wie vor das Schwert in der Hand. Der Zauber, mit dem Alastor ihn angegriffen hatte, hatte den Stahl leicht verbogen. Götter, das Letzte was er jetzt gebrauchen konnte, war, das Roderick und die Gardisten sich darum stritten, wer ihm umbringen durfte. Doch die Worte des Attentäters ließen einen Moment wieder so etwas wie Hoffnung in ihm aufkommen.

„Ich brauche ihn lebend.“

Der Anführer der Stadtwache, wendete sich dem Neuankömmling scheinbar entspannt zu. Ein schwaches Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Offenbar hielt er Roderick nicht wirklich für eine Bedrohung.

„Und wer seid Ihr, das von mir zu fordern?“ Roderick antwortete nicht, doch Simon konnte sehen, wie der Mann sein Gegenüber musterte. Der Blick des Attentäters wanderte ohne jede Hast zwischen den Stadtwachen, Simon, Kiris und Alastor hin und her. „Das werdet Ihr erfahren…“

 

 

 

Ordt war außer Atem, als er und Tiege den Brunnenplatz vor der Bibliothek erreichten. Zwar war es ein Leichtes gewesen, der Stadtwache zu folgen, aber die Männer hatten es ganz offenbar eilig. Und sie wiederum durften nicht entdeckt werden. Die graden Straßen Varas erlaubten es ihnen, genug Abstand zu halten und ihr Ziel trotzdem nicht aus den Augen zu verlieren. Das hieß, bis der gesamte Wachtrupp vor einer halben Stunde einfach verschwunden war. Jetzt, wurde dem Wolf auch klar, wieso. Die Männer hatten die Straße verlassen und die große Treppe am anderen Ende des Platzes erklommen, doch wagten sie sich offenbar nicht weiter vor, sondern bildeten lediglich einen Halbkreis vor dem Zugang zur Bibliothek. Wenn Simon und Kiris schon dort waren, saßen sie jetzt in der Falle, dachte Ordt.

Tiege dachte offenbar dasselbe, denn der Fuchs überprüfte bereits sein Schwert.

„Wir müssen etwas tun.“, erklärte er lediglich.

Ordt nickte.

„Ihr seid der Einzige von uns mit einer Waffe.“

„Das, lässt sich ändern.“ Der Gesichtsausdruck des Paladins verdüsterte sich. „Folgt mir.“

Ohne darauf zu achten, ob der Wolf ihm auch wirklich nachging, setzte der Fuchs sich in Bewegung und hastete die Stufen der Treppe hinauf. Ordt sah ihm einen Moment unentschlossen nach. Geister, was glaubte er alleine gegen eine ganze Abteilung Soldaten auszurichten? Vor allem, wo diese mit Gewehren bewaffnet waren? Wenn sie jemand kommen hörte. Ordt wischte die Gedanken beiseite. Er würde nicht hier herum stehen und abwarten, was passierte….

Die Gärten, die sie auf dem Weg nach oben passierten, bildeten einen krassen Gegensatz zu der Anspannung, die in der Luft lag. Außer ihren eigenen Schritten und den leisen Geräuschen, die von der Stadt heraufdrangen, war es absolut ruhig. Zu ruhig. Eigentlich hätten die blühenden Beete und Bäume vor Leben summen müssen, doch nicht einmal die Insekten zeigten sich und die Vögel schienen ihre Stimme verloren zu haben. Ordt blickte die Treppe hinauf und sah, das sie es so gut wie geschafft hatten. Im gleichen Moment jedoch, legten plötzlich sämtliche der am Tor wartenden Schützen an. Er konnte durch die Reihen der Männer nicht genau erkennen, was vor sich ging, aber eines war klar, sie hatten keine Zeit mehr. Und genau in diesem Augenblick geriet alles außer Kontrolle.

Mit einem letzten Satz erreichte Tiege einem Augenblick vor ihm die letzte Stufe und hechtete auf den Platz vor dem Bibliothekstor hinaus. Der Fuchs wurde erst gar nicht langsamer. Die Klinge des Paladins beschrieb einen Bogen, während er mitten unter die wartenden Schützen rauschte. Ordt sah, wie die erste Stadtwache mit einer klaffenden Wunde im Rücken zu Boden ging. Die übrigen Männer waren über das plötzliche Auftauchen des Gejarn zu überrascht, um sich schnell verteidigen und die schweren Feuerwaffen kamen ihnen jetzt eher in die Quere, als das sie einen Vorteil boten. Nur wenige Schüsse lösten sich, die Kugeln surrten harmlos an ihnen vorbei. Rasch zog der Fuchs den Degen des Soldaten, den er zuvor gefällt hatte und warf Ordt die Klinge zu. Jetzt, dachte der Wolf, sah die Sache schon anders aus. Die eben noch dichte Formation aus Schützen begann sich aufzulösen, als sich mehr und mehr der Männer ihren neuen Gegnern zuwandten. Inmitten des lichter werdenden Kreises jedoch, erkannte Ordt nun auch Simon und Kiris… und einen dritten Mann, den er nicht kannte. Trotzdem spürte er auf Anhieb ein vertrautes, bedrohliches Kribbeln am ganzen Körper, als er ihn erblickte. Magie… lange Zeit, darüber nachzudenken, hatte er jedoch nicht, als sich ein Stadtwächter in der Uniform eines Offiziers auf ihn stürzte. Ordt entkam grade noch einem Schwerthieb, der auf seine Rippen zielte, konnte aber nicht ganz verhindern, dass er getroffen wurde. Ein schmerzhaftes Ziehen in seiner Seite folgte, als das Schwert des Offiziers seinen Körper streifte. Ein Krater, mehr nicht, aber er würde ihn langsamer machen….

Rasch riss der Wolf das Schwert hoch um den nächsten Hieb seines Gegners zu parieren, als dieser ohne Vorwarnung von den Beinen gerissen wurde. Ordt spürte die Druckwelle, die den Mann davontrug und die Treppe hinab stieß. Sein Blick wanderte zu dem alten Magier an Simons Seite. Dieser ließ die Hände langsam sinken und nickte ihn einen Moment zu.

Kiris hatte derweil einer der gefallenen Stadtwachen ebenfalls eine Waffe abgenommen und reichte sie an Simon weiter. Im gleichen Moment sank einer der Wachmänner zu Ordts rechter Seite in sich zusammen, als ihn ein Wurfmesser in den Hals traf. Der Wolf sah auf. Eine einzelne Gestalt, halb in den Schatten des Torbogens der Bibliothek verborgen, zog bereits ein zweites Messer aus ihrem Stiefel. Die dunkle Kleidung machte es nicht unbedingt leichter, etwas zu erkennen, aber irgendetwas an ihr kam ihm beunruhigend vertraut vor. Die Art, halb auf den Knien dazusitzen, während sie nach den Waffen griff… beinahe so, als wollte sie sich ergeben. Er hatte das schon einmal gesehen….

„Und ich hatte schon gedacht, ich sehe Euch nie wieder.“ Simon war an seiner Seite aufgetaucht, ebenfalls ein Schwert haltend. „Was haltet Ihr davon, wenn wir die Beine in die Hand nehmen, bevor jemand klar wird, das wir nur zu fünft sind?“

„Klingt nach einem Plan.“, rief Tiege zurück, der sich eines weiteren Gegners entledigte, der versucht hatte, in seinen Rücken zu kommen.

Mit einer fließenden Bewegung wirbelte der Fuchs herum und schlitzte dem Mann die Kehle auf.

Ordt nickte und spähte in Richtung Treppe. Von den ursprünglich knapp zwanzig Stadtwachen lagen nun fünf Tod am Boden, während die übrigen versuchten, sich gegen einen Angriff zu verteidigen, der für sie aus jeder Richtung gleichzeitig zu kommen schien. Wenn sie hier wegwollten, dann bevor es jemanden gelang, die Truppe wieder zu organisieren. Der Wolf ließ die Waffe sinken und gab den anderen ein Zeichen ihm zu folgen. Zwei weitere Soldaten versuchten sich ihm in den Weg zu stellen, bevor sie die Stufen nach unten erreichten. Den Ersten ließ er nahe genug für einen Angriff herankommen. Noch während der Mann das Schwert hob, war Ordt bereits an ihm vorbei und versetzte ihm einen Schlag mit dem Degenknauf gegen den Kopf. Für heute war genug Blut geflossen, dachte er, während der Soldat in sich zusammensank. Der Zweite, bekam es mit dem für Ordt immer noch namenlosen Zauberer zu tun. Der alte Mann brauchte nicht einmal mehr einen Zauber wirken. Einen Moment, blieb der Wächter nur reglos stehen, bis sein gegenüber Anstalten machte, die Hand zu heben, dann suchte er das weite.

Der Weg war frei…

Ordt wartete an den Stufen, bis Simon und die anderen an ihm vorbei waren. Sie hatten Glück gehabt, dachte er, während er ihnen folgte. Und das auf mehr als eine Weise. Er dachte wieder an den Schatten zurück, der ihnen eben scheinbar zur Hilfe gekommen war. Und jetzt wurde ihm auch klar, woher er diese Art zu kämpfen, kannte. Roderick… aber warum bei allen Geistern bekämpfte der Mann die Stadtwache? Vielleicht wollte er seine Beute ganz einfach nicht teilen. So oder so, mit etwas Glück, würden die restlichen Soldaten ihn erledigen…. Jetzt mussten sie nur noch aus Vara entkommen.

 

 

 

 

Kapitel 35

Tieges Kampf

 

 

 

 

 

 

Simon fühlte sich an ihre Flucht aus Anego erinnert. Doch hatte ihre Flucht damals unter den Alarmrufen der Stadtwache stattgefunden. Vara hingegen, war nach wie vor überraschend still. Die wenigen Leute auf der Straße, sprangen bei Seite, wenn sie die fünf bewaffneten Gestalten auf sich zukommen sahen und mehr als einer rief auch nach der Stadtwache. Aber offenbar, war seine Anwesenheit nicht überall bekannt gemacht worden, dachte Simon. Vielleicht konnten sie durch die Tore entkommen, bevor jemand etwas merkte…. Er steckte das Schwert weg und bedeutete den Anderen, langsamer zu werden. Wenn man wirklich noch nicht nach ihnen suchte, sollten sie besser keine weitere Aufmerksamkeit erregen. Die Straße, der sie folgten, unterschied sich kaum von Dutzend anderer. Die weiß getünchten Häuser Varas zogen sich in beinahe zwanghaft ordentlichen Reihen entlang kleinerer künstlicher Bachläufe.

„Das.“, stellte Simon fest, nachdem er endgültig sicher war, dass ihnen niemand mehr folgte, „war mal wieder etwas zu knapp.“

Die Erleichterung, erneut entkommen zu sein, wollte sich nur langsam einstellen. Zu viele Dinge gleichzeitig beschäftigten ihn nach wie vor. Er war keinen Schritt weitergekommen, oder? Nach wie vor standen das Rätsel seines eigenen Machtverlusts… und der Worte der Seherin ungelöst im Raum.

„Ich dachte, Ihr gewöhnt euch langsam daran.“, meinte Kiris, ohne das es spöttisch klang. Alles Bissige schien aus ihrer Stimme gewichen zu sein ohne dass er sich erklären könnte, wieso.

„Das heißt allerdings nicht, dass es mir auch gefallen muss. Warum seid Ihr nicht gegangen, als ich Euch dazu aufgefordert habe? “

Die Frage brannte ihm auf der Zunge, seit ihre Flucht geglückt schien. Er hatte bereits mehr als einmal gesehen, dass es der jungen Frau nicht an Mut fehlte… und mehr als einmal hatte sich dieser Mut auch gegen ihn gerichtet. Gemischt mit einer ordentlichen Portion Wut. Die mehr als gerechtfertigt gewesen war, wenn er ehrlich zu sich selber sein wollte. Aber Kiris war normalerweise auch realistisch, oder nicht?

„Ich lasse Euch nicht mehr alleine Simon.“ Genau so wenig, wie ich das bei Ordt oder Tiege tun würde, übrigens. Wir hängen hier alle immer noch zusammen drinnen.“ Einen Moment schenkte sie ihm ein warmes Lächeln, das er so noch nie gesehen hatte. Oder vielleicht, dachte Simon, war es ihm vorher noch nie aufgefallen. „Und ehrlich gesagt“, fuhr Kiris fort. „ihr bringt schon genug Ärger mit Euch, wenn ich ein Auge auf Euch habe. Ich will nicht wissen, was ihr anstellt, wenn Ihr alleine seid.“

„Ich war den Großteil meines Lebens allein.“, erwiderte Simon entnervt.

„Eben.“

„Also gut…“ Nein, das war wirklich kein Argument. „Sagen wir, das war ein schlechtes Beispiel.“

„Man könnte fast meinen, Du hättest Freunde gefunden.“, merkte Alastor an.

„Ja… vielleicht…“ Freunde… ein seltsamer Gedanke, nach wie vor. In seinem bisherigen Leben, in der Politik des Ordens und des Imperiums, hatte es dafür keinen Platz geben. Simon sah zu Alastor.

Der alte Zauberer grinste in sich hinein, während er sich etwas zurückfallen ließ. An einer Stelle waren Bäume am Rand des Wegs gepflanzt worden, die jetzt am frühen Nachmittag etwas Schatten spendeten und sich um einen der zahlreichen öffentlichen Brunnen gruppierten. Simons alter Lehrmeister, trat an die Ummauerung des Brunnens heran und stützte sich daran ab.

„Alles in Ordnung?“, fragte Tiege, der zu dem Magier trat, gefolgt von Simon und den anderen. Ordt hielt nach wie vor die Schnittwunde über seiner Hüfte, die ihm der Hauptmann der Stadtwache beigebracht hatte. Die Verletzung war nicht tief und blutete kaum, machte dem Wolf aber ganz offensichtlich zu schaffen. Trotzdem hielt er mit, anders, als Alastor.

Simon trat an die Seite seines alten Mentors.

„Wegrennen ist nicht mehr wirklich etwas für mich.“, meinte dieser und lachte schwach. „Das war es schon nicht, als ich noch gut auf zwei Beinen stehen konnte.“ Alastor stupste den linken Fuß demonstrativ mit seiner Krücke an.

„Tut mir leid, aber wenn ich mitkomme, halte ich Euch nur auf. Ich glaube allerdings nicht, dass mich außer dem Hauptmann jemand erkannt hat. Und um den… habe ich mich gekümmert. Ich bin also vermutlich in Sicherheit….“

„Und wenn nicht ? Wir lassen euch nicht einfach hier zurück.“, erklärte Simon entschieden. „Es gibt irgendeinen Weg.“

„Vielleicht hast Du es vergessen, Junge, aber ich kann mich weder selbst heilen… noch wärst Du im Augenblick in der Lage dazu. Und wenn wir noch lange streiten, brauchen wir uns darum alle keine Gedanken mehr zu machen. Ihr habt nicht viel Zeit. Irgendwann werden sie auf die Idee kommen, die Tore zu schließen. “

Simon schüttelte den Kopf. Alastor hatte recht, das wusste er. Aber er wollte sich nicht so von dem Mann verabschieden, den er vor kurzem noch für Tod gehalten hatte. Und den er vor wenigen Wochen vielleicht tatsächlich noch getötet hätte ohne einmal darüber nachzudenken….

„Alastor…“

Der alte Zauberer hob eine Hand und bedeutete ihm damit zu schweigen.

„Ich wünsche Euch alles Glück der Welt.“, erklärte er. „Und jetzt geht, solange Ihr es noch könnt.“

Simon nickte, während er vom Brunnenrand zurücktrat. Innerlich war er für den feinen Wasserschleier dankbar, der sich über alles legte. Immerhin würde es verbergen, dass seine Augen feucht wurden. Eines Tages, schwor er sich, würde er nach Vara zurückkehren. Er wusste nicht, wie lange es dauern würde, aber dann würde er Alastor finden… sie hätten viel zu besprechen.

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging zurück zu den anderen, die ihm langsam folgten. Nur der Zauberer blieb am Brunnen sitzend zurück und sah ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwunden waren.

 

 

 

 

Jetzt, wo es langsam dunkel wurde, war der Strom der Reisenden endlich einmal abgerissen und hatte den kleinen Platz vor dem Stadttor leer hinterlassen. Das einzige hörbare Geräusch war das ferne Plätschern des Wassers, das hier in Vara ohnehin allgegenwärtig war.

Die Abendsonne schien durch die Tore und verlieh allem einen rötlichen Schimmer. Das Licht zeichnete die Konturen zweier Männer nach, die inmitten des hohen Steinbogens Standen, der ihren Fluchtweg bildete. Simon wollte bereits erleichtert aufatmen, als er die Hügel um Vara durch die offen stehenden Pforten erblickte. Es waren nur noch wenige Schritte, die sie von der Sicherheit trennten. Sie hatten es tatsächlich geschafft und das ohne, dass jemand sie verfolgte. Und mit den zwei Wächtern würden sie auch noch fertig werden. Vielleicht ging noch einmal alles gut….

Doch der Anflug eines Lächelns verschwand, als er erkannte, dass die beiden Männer in ihrem Weg, nicht Wache standen. Einer war leicht erkennbar ein Mitglied der Stadtgarde. In den Stahl eines Brustharnischs war das Wappen Varas geätzt worden. Ein Wappen jedoch, das nun von Rot überströmt wurde. Blut aus einer klaffenden Wunde in seinem Hals. Das zu der Verletzung gehörende Messer befand sich in der Hand der zweiten Gestalt, welche die Waffe rasch drehte und erneut damit zustieß, diesmal in die schmale Lücke, welche die Arme in der Panzerung ihres Gegners freiließen. Der Dolch traf Fleisch und bohrte sich in die Lunge des Postens, der endgültig in einer Blutlache zusammenbrach, die sich mit dem von zwei weiteren Soldaten vermischte, die halb verborgen im Schatten des Torhauses lagen.

Roderick drehte sich gemächlich und scheinbar ohne jede Anspannung zu ihnen um. Trotzdem atmete er schwer, wie Simon feststellte. Der Mann musste wie der Teufel gerannt sein, um vor ihnen hier sein zu können….

„Ihr dachtet wohl, es wäre ganz schlau, mich einfach den Wachen zu überlassen wie?“ Der Attentäter wischte abfällig etwas Blut von seinem Ärmel, bevor es ganz einsickern konnte.

Simons Hand wanderte zum Schwertgriff. Das ging jetzt lange genug, dachte er. Ordt hegte offensichtlich ähnliche Gedanken. Der Gejarn trat vor und nahm die Hand von seiner verletzten Seite.

„Ich kümmere mich um diesen Bastard.“, erklärte er grimmig.

„Ihr seid verletzt.“, erwiderte Tiege ruhig, während er ihren Gegner musterte. Der Fuchs konnte den Assassinen jetzt wohl zum ersten Mal klar erkennen und die Art, wie seine Augen sich ungläubig weiteten… kannte Tiege Roderick etwa? „Überlasst das uns. Kiris… passt darauf auf, das er keine Dummheiten macht.“ Kiris stellte keine Fragen, sondern nahm den störrischen Wolf lediglich beiseite.

Mit seinen letzten Worten trat der Fuchs vor und zog sein Schwert blank. Roderick musterte Tiege genauso wie dieser zu vor ihn und legte den Kopf schief, beinahe wie ein Huhn, das nicht wusste, was es on der Situation halten sollte. Ein gefährliches Huhn nichts desto trotz, erinnerte Simon sich, während er Tiege folgte.

„Hallo Roderick.“, meinte dieser und hielt an, als sie noch gut zehn Schritte von ihrem Gegner entfernt waren. „Ich dachte, Ihr seid tot.“

„Eine Weile dachte ich das auch.“ Roderick steckte das Messer, mit dem er die Torwachen erledigt hatte, zu einer Sammlung weiterer Klingen. Statt des Dolchs zog er nun das Kurzschwert von seinem Rücken. „Aber falls ihr Euch erinnert, ich gebe selten auf. Und was tut Ihr hier? Wir könnten immer noch zusammenarbeiten, stattdessen verteidigt Ihr jetzt diese… Fremden, noch dazu einen Zauberer?“

„Ihr versteht es wirklich nicht oder?“ Tiege machte einen Schritt vorwärts. „Es gibt kaum etwas in meinem Leben, das ich weniger tun möchte, als noch einmal an Eurer Seite zu kämpfen, Roderick!“

Der Fuchs stürmte vor. Simon folgte ihm sofort doch noch während er seine Waffe zog, trat ein eisiges Grinsen auf Rodericks Gesicht.

„So sei es.“ Simon hatte selten gesehen, wie sich jemand so schnell bewegte, wie der Attentäter in diesem Augenblick. Beinahe mühelos parierte er Tieges ersten Hieb und stieß den Fuchs mit aller Kraft zurück, bevor Simon ihn erreichte. Der ehemalige Ordenszauberer versuchte, in die Seite seines Gegners zu gelangen, dieser jedoch hatte scheinbar damit gerechnet. Kurz bevor Simons Schwert auf Haut traf, war plötzlich Rodericks Waffe im Weg. Der Aufprall ging ihm durch Mark und Bein.

„Wenn das alles ist…“, spottete der Assassine kalt.

Simon ging nicht darauf ein, sondern machte einem Satz zurück umso einem Kräftemessen mit dem Mann zu entgehen.

Tiege war unterdessen wieder heran und trieb Roderick mit einer wilden Reihe von Schlägen zurück. Stahl prallte in so rascher Folge auf Stahl, dass Simon nicht hätte sagen können, wer die Oberhand hatte. Nur das Roderick langsam aber sicher zurückwich. Das überlegene Grinsen jedenfalls, war aus seinem Gesicht verschwunden. Tiege war mindestens genau so geschickt wie sein Gegner und gönnte dem Assassinen keine Atempause mehr. Simon wusste nicht mehr, wo in diesem Wirbel aus Stahl er noch eingreifen sollte. Jeder Versuch, in Rodericks Rücken zu gelangen jedenfalls, wurde von diesem rasch ausgehebelt, indem er Tiege zwischen sich und den gefallenen Magier lenkte. Also hatte er doch noch etwas Kontrolle über den Kampf, dachte Simon. Oder hielt er sich zurück?

Dann jedoch geschah es. Das Schwert wurde Rodericks Hand entrissen und schlug klirrend auf dem Pflaster der Straße auf. Erneut standen sich nun der Paladin und der ehemalige Schwertmeister gegenüber, beide schwer atmend und scheinbar am Ende ihrer Kräfte. Tiege hielt die Klinge auf die Kehle seines Gegners gerichtet, während dieser mit weit ausgebreiteten Armen dastand.

„Es ist vorbei!“, rief der Gejarn, während er den Schwertgriff fester packte. „Es ist vorbei, Roderick.“, wiederholte er. „Geht jetzt. Trotz allem… Ihr wart mein Lehrer, so viel Respekt schulde ich Euch. Aber erwartet nicht, das ich Euer Leben schone, wenn Ihr bleibt.“

„Wisst Ihr Tiege… Ihr wart immer schon zu gutgläubig.“ Mit diesen Worten, ließ der Attentäter sich zu Boden fallen und zog gleichzeitig einen der Dolche aus seinem Gürtel.

Tiege stieß das Schwert zu Boden, verfehlte Rodericks Kehle jedoch eine Handbreit, so dass die Waffe mit der Spitze voran auf den Boden schlug. Gleichzeitig tauchte sein Gegner wieder auf, das Messer in der Hand… und stieß zu. Die Klinge drang ohne Wiederstand in die Brust des Gejarn. Tieges Hände ließen das Schwert los, seine Beine gaben unter ihm nach… Simon konnte nur wie erstarrt zusehen, als der Paladin zu Boden ging. Roderick versetzte dem reglosen Körper einen Tritt, während er Tieges verlorene Waffe aufhob.

„Dieser Narr ist diese Waffe nicht wert.“, erklärte er spöttisch. „Nicht mal den Stahl, aus dem sie besteht.“

Ordt war mittlerweile doch irgendwie von Kiris losgekommen und trat an Simons Seite, ebenfalls ein Schwert in der Hand. „Oh doch und ich fürchte Roderick, mehr als ihr es je sein werdet.“

Der Assassine antwortete nicht. Seine Augen wanderten zwischen dem verwundeten Wolf und Simon hin und her, als wollte er abschätzen, ob er es mit zwei weiteren Gegnern aufnehmen konnte. Dieser hoffte innerlich, er würde es versuchen. Götter… Sein eigener Blick wanderte zu Tieges regungsloser Gestalt… Das konnte nicht sein.

„Wir werden das woanders zu Ende bringen, Simon.“, erklärte er schließlich und drehte sich um, um in den Straßen Varas zu verschwinden. Simon wollte ihm hinterherrennen, wurde jedoch von Ordt zurückgehalten.

„Wir müssen hier weg.“, erklärte der Wolf. Es wiederstrebte ihm, den Kerl einfach laufen zu lassen, grade jetzt…. Aber Ordt hatte recht. Sie konnten es sich nicht erlauben, Roderick nachzusetzen, wenn sie selber nach wie vor gesucht wurden. Kiris war unterdessen an Tieges Seite auf die Knie gegangen. Vorsichtig, zog sie die Klinge aus der Wunde des Gejarn. Das Messer schien mit einer durchsichtigen, harzartigen Substanz überzogen zu sein. Seltsamerweise schien die Verletzung selber jedoch nicht einmal so tief, wie Simon zuerst gedacht hatte. Und alles andere als tödlich.

Kiris sah unterdessen wie gebannt auf den Brustkorb des Mannes, der sich unregelmäßig hob und senkte. Tiege atmete noch und das hieß…. „Er lebt noch…“

 

 

Kapitel 36

Eine Möglichkeit

 

 

 

Die Wälder bildeten ein dichtes Labyrinth um sie herum. Nach ihrer Flucht aus Vara hatten sie die viel benutzten Straßen rasch verlassen und waren auf kleine Pfade und Wildwechsel ausgewichen. Und nun… gab es gar keinen Anhaltspunkt mehr, wohin sie eigentlich gingen. Ihr einziger ständiger Begleiter war das schwindende Sonnenlicht und der leise Gesang der Vögel. Das leise Zwitschern in der Ferne, schien ihrer Lage Hohn zu sprechen….

Simon und Ordt wechselten sich dabei ab, Tiege zu tragen. Der Fuchs war nicht sonderlich schwer und so kamen sie trotz der zusätzlichen Belastung gut voran. Nur wohin sie jetzt bloß sollten… Simon verbot sich länger über diese Frage nachzudenken. Weg von Vara, das war das Wichtigste. Kiris bildete derweil das Schlusslicht der Gruppe und hatte damit begonnen, ihre Spuren zu verwischen, indem sie Laub und Äste über ihre Spuren legte. Sollte ihnen jemand folgen, würde er es schwer haben, sie zu finden.

Weiter vorne konnte Simon erkennen, dass die Bäume sich zu einer kleinen Lichtung öffneten. Vielleicht könnten sie dort fürs erste eine Pause einlegen und nach Tiege sehen. Zwar waren die Wunden des Gejarn nicht tief und bluteten kaum noch, trotzdem blieb er nach wie vor bewusstlos.

Und noch etwas machte Simon Sorgen. Er glaubte jetzt, einen weiteren Teil von Delias Rätsel zu verstehen. Die gebrochenen Ketten… und ihnen folgte der Wert des Stahls. Rodericks Worte, als er die Waffe des Paladins an sich genommen hatte, hatten ihn darauf gebracht. Wieder einmal, wirkte die Antwort so einfach und doch so folgenschwer…. Hatte die Seherin bis ins Detail gewusst, was geschehen würde? Oder hatte sie nur grade genug gewusst, um ihm ein Rätsel aufzugeben, dessen Antworten sie selbst nicht kannte? So oder so… er war überzeugt davon, jetzt zwei der vier Puzzleteile zu haben, und gleichzeitig war Simon unsicherer denn je, ob er herausfinden wollte, was die anderen beiden waren. Wenn er mit seinem Vermutungen recht hatte, dann war er an allem was geschehen war schuld. Und er hatte die anderen hier mit hinein gezogen.

„Ich hoffe wirklich, wir haben diesen Bastard zum letzten Mal gesehen.“, bemerkte Ordt, der im Augenblick Tiege trug, während sie auf die Lichtung hinaus traten. Gras, das ihnen fast bis zur Hüfte reichte, wuchs außerhalb der Schatten der Bäume und irgendwo musste es wohl auch einen Bach in der Nähe geben. Simon konnte das deutliche Gluckern von Wasser hören. Also mussten sie sich auch keine Gedanken darüber machen, wo sie etwas zu trinken, oder Kochwasser herbekommen würden. Doch fürs Erste, genügte es, das sie vor Anbruch der Dunkelheit aus den Wäldern gelangt waren.

„Ich würde mich nicht darauf verlassen.“, bemerkte Kiris, während Ordt den Fuchs vorsichtig auf dem Boden ablegte. Die junge Frau kniete sich sofort neben den Verletzten und besah sich die Wunde einen Augenblick.

„Und irgendetwas stimmt hier nicht. Er müsste längst wieder wach sein.“

„Wem sagt ihr das.“, bemerkte Simon.

Die Wunde in der Brust des Gejarns war mit einem simplen Stoffstreifen verbunden und lediglich ein dünner roter Fleck verriet, dass dem Mann überhaupt etwas fehlte. Von den geschlossenen Augen einmal abgesehen….

„Ordt… Ihr habt nicht zufällig noch etwas von Euren Heilkräutern übrig?“ , wollte Kiris wissen.

Der Wolf schüttelte den Kopf.

„Was ich an Vorräte hatte, habe ich Kellan dagelassen. Und ich bezweifle, dass sie hier viel ausrichten würden. Er müsste sie kauen und im Augenblick erstickt er daran eher. Verflucht….“

Der große Gejarn holte mit der Faust aus und einen Moment, fürchtete Simon, er hätte es auf ihn abgesehen, doch Ordts Pranke langte an ihm vorbei und traf lediglich einen Baumstamm, keinen halben Schritt von ihm entfernt.

„Ich hätte von Anfang an mit Euch kämpfen sollen.“

„Und was hätte das gebracht?“ , fragte Kiris. „Im besten Fall würdet vielleicht jetzt Ihr statt Tiege hier liegen. Im schlimmsten Fall müssten wir ihn jetzt alleine tragen.“

Simon nickte zustimmend. Auf Kiris kühle Logik war meist Verlass. Aber er bezweifelte irgendwie, dass sie in diesem Fall zu dem Wolf durchkam. Ordt hatte schon einmal dabei versagt, jemanden zu schützen, der ihm nahe stand… für ihn musste das gleichsam einem doppelten Fehlschlag gleichkommen. Wenn er doch nur einen Funken Magie hätte, dachte Simon, was immer Roderick Tiege auch angetan hatte, es war sicher nichts, dass ein Heilzauber nicht aufheben könnte…. Er verbot sich weiter darüber nachzudenken. Sonst fing er selber schon an, sich Vorwürfe zu machen. Alles, was er jetzt sicher wusste, war das er gezwungen war, das Spiel der Seherin zu spielen. Und das er besser schnell herausfand, was die übrigen zwei Rätsel bedeuten sollten, bevor noch jemand dadurch gefährdet wurde.

 

Eine Weile saßen sie einfach nur schweigend neben dem bewusstlosen Gejarn, während die Sonne langsam am Horizont verschwand. Im Gras der Lichtung begannen die Insekten zu Zirpen und die letzten Sonnenstrahlen ließen die wenigen Wolken am Himmel rot leuchtend erstrahlen.

„Ich gehe Wasser holen.“, erklärte Simon schließlich, als er die Ruhe nicht mehr ertragen konnte und stand auf.

„Ich komme mit.“, erklärte Kiris kurz entschlossen. „Ordt…“

„Ich achte auf Tiege.“, antwortete dieser, während er den Rucksack den er trug absetzte. „Und da wir heute ohnehin nicht mehr weit kommen, fange ich schon mal an die Zelte aufzuschlagen.“

Die Wahrheit war vermutlich eher, dass er schlicht nicht untätig neben dem Mann sitzen wollte, an dessen Zustand er sich die Schuld gab. Vielleicht sollte er ihm von seinem Verdacht erzählen, überlegte Simon. Allerdings… er glaubte ja selber nach wie vor kaum daran, dass die Worte einer verrückten Zauberin irgendwie Auswirkung auf sein Schicksal haben sollten….

Kiris neben sich machte er sich schließlich auf den Weg über die Lichtung, immer dem Geräusch des fließenden Wassers nach.

„Ich hoffe er macht nichts Dummes.“, meinte Kiris mit einem Blick zurück zum Waldrand, wo sie die beiden Gejarn zurückgelassen hatten.

Bei jedem ihrer Schritte, stoben kleine Wolken aus Insekten auf, die sich vor den beiden Gestalten, die sich einen Weg durch ihre Heimat bahnten, in Sicherheit brachten. Wenigstens war die Hitze jetzt in der Dämmerung nicht mehr so drückend.

Simon hätte gerne etwas gesagt um Kiris Sorgen zu zerstreuen. Die Wahrheit war allerdings, dass er sie teilte.

„Ich habe ein Auge auf ihn, wenn ich kann.“, sagte er schließlich. Er wusste selber, wie leer diese Worte waren, aber… „und dennoch fürchte ich, trage ich weitaus mehr Schuld an dem hier als Ordt.“

Sie hatten mittlerweile die andere Seite der Wiese erreicht, wo diese erneut auf den Waldrand traf. Der Boden war hier leicht abschüssig und führte zu einer kleinen Senke hinab, durch die sich ein silbriger Strom zog. Wasser.

„Wie meint Ihr das? Weil Roderick hinter euch her war?“, wollte Kiris wissen, während sie einen Wasserschlauch von ihrem Gürtel löste und zum Bachufer hinabkletterte.

„Auch.“ Simon zögerte ihr mitzuteilen, was sie eigentlich in Gefahr brachte. Nicht Roderick. Nicht der Orden. Nicht der Kaiser. Nur er. Weil er ein Teil einer irren Prophezeiung geworden war…. Vielleicht konnte er nicht davor davonlaufen. Er hoffte jedoch, das Kiris und Ordt es konnten. Er holte tief Luft: „Ihr müsst weg. Ihr, Ordt und auch Tiege. Alles was bisher geschehen ist, wozu es geführt hat… ich fürchte, es ist geplant. Und das bedeutet ich habe keine Ahnung, was noch alles geschehen wird, aber es ist nichts Gutes.“

„Sagt mir nicht, Ihr fangt plötzlich an, an Schicksal zu glauben? Ich habe Euch schon mal gesagt, dass wir alle bei Euch bleiben, egal was passiert.“

„Ich weiß nicht, was ich noch glauben soll, Kiris. Erinnert ihr Euch an dem Tag, an dem Ihr mir den Schlüssel gegeben hat? Als wir aus Anego entkommen sind?“

Sie nickte.

„Und was hat das damit zu tun, dass Ihr plötzlich Angst habt?“

„Kommt nicht zu mir, bevor Ihr nicht Eure Ketten gebrochen habt. Sucht mich nicht auf, bevor Ihr nicht den Wert des Stahls kennt und das Gewicht des Verlusts tragt. Und letztlich, bringt mir das aus Schatten wiedergeborene Juwel.“, zitierte Simon die Worte der Seherin aus dem Gedächtnis. Nach wie vor waren sie in seinen Geist eingebrannt, so sehr er auch versucht hatte, sie zu vergessen. Und so unwichtig sie anfangs zu sein schienen : „Das ist eine Prophezeiung Kiris und sie erfüllt sich Stück für Stück. Die Fesseln in Anego… die gebrochene Kette. Der Wert des Stahls… Rodericks Überfall. Ich will nicht herausfinden, ob für den Rest noch jemand verletzt werden oder in Gefahr geraten muss. Ich habe Euch alle zum Teil eines Spiels gemacht, bei dem Euer Leben ganz offenbar ein gültiger Einsatz ist. Und das habe ich nie gewollt. Ihr und Ordt solltet Tiege mit Euch nehmen und gehen, so bald Ihr könnt.“

Mit diesen Worten drehte er sich um und stieg den restlichen Weg zum Bach hinab. Das Ufer bestand aus glatt geschliffenen Kieseln, die unter seinen Schritten knirschten. Simon setzte sein Gepäck ab und begann krampfhaft nach einem Wasserschlauch zu suchen. Alleine würde er deutlich weniger Vorräte brauchen, aber er wusste auch nicht, wann er das nächste Mal Gelegenheit haben würde, sich welche zu besorgen. Simon hielt inne, als er das Geräusch von einem weiteren paar Stiefeln hörte, die sich ihm näherten.

„Simon…“Er ignorierte die Stimme und begann erneut seinen Rucksack zu durchsuchen. „Simon, sieh mich wenigstens an, wenn ich mit Dir rede.“

Es kostete ihn mehr Überwindung, als er zugeben wollte, den Blick zu heben. Kiris saß ihm gegenüber, keine Armlänge entfernt. Sie schüttelte langsam den Kopf, worüber jedoch das konnte er nur raten. Dabei spielte die ganze Zeit ein kaum wahrnehmbares Lächeln über ihre Züge, als würde sie sich über irgendetwas furchtbar amüsieren.

„Was?“, fragte er tonlos.

„Ich habe es Dir schon einmal gesagt, selbst wenn Ordt sich anders entscheiden sollte, ich verlasse Dich nicht mehr.“

Ohne Vorwarnung beugte sie sich vor, ihre Lippen fanden seine…. Es dauerte nur wenige Augenblicke … aber für ihn wurde in diesem einen Moment einiges klar. Etwas, das er eigentlich nicht für möglich gehalten hatte. Irgendwie irgendwann auf ihrem Weg hatte sich diese so willensstarke Frau in ihn verliebt. Und wie ging es ihm dabei… sein Herz wollte einen Schlag aussetzen.

„Wie ?“

„Wie was ?“ Kiris lachte.

„Wie kannst Du mich lieben?“ Es schien so absolut unmöglich so völlig abwegig für ihn. Götter, wie viele ihrer Bekannten, Freunde hatte er womöglich auf dem Gewissen?

„Ich.. weiß es nicht. Ehrlich. Kann man so etwas kontrollieren? Aber… ich glaube der Mann, der in Stillforn war… ich glaube, er ist gestorben. Und ich glaube ich weiß auch, wer ihn getötet hat. Oder irre ich mich da, Simon? Bin ich zu blind jemanden endlich als das zu erkennen, was er ist?“

„Würde ich die Antwort auf diese Frage kennen…“ Er brach ab.... „Wir sollten zu Ordt zurück.“, erklärte Simon schließlich und stand auf. Kiris nickte und er half ihr ebenfalls wieder auf die Füße. Den Weg zurück über die Lichtung schwiegen sie, jeder den eigenen Gedanken nachhängend. War das hier Liebe? Simon wusste es nicht. Er wusste nur, er hatte sie nie wegschicken wollen. Für den Moment musste das reichen….

Schon als der gegenüberliegende Waldrand in Sicht kam, kam ihnen bereits Ordt entgegen. Der Wolf hatte eine noch düstere Mine aufgesetzt als zuvor und Simon wollte gar nicht wissen, was der Grund dafür war.

„Tiege geht’s schlechter.“, erklärte er, ohne das einer von ihnen fragen musste. „Es ist mir vorher nicht aufgefallen aber… er atmet kaum noch. Als wir aus Vara geflohen sind, war noch alles normal also bin ich mir mittlerweile sicher, das Roderick seine Waffen mit irgendetwas präpariert hat und wenn wir Tiege nicht bald helfen…“

„Was tun wir also?“ , wollte Kiris wissen.

„Wir können nirgendwo mehr hin.“, antwortete der Gejarn niedergeschlagen. „Vara ist für uns gesperrt und jede andere Stadt weit entfernt. Aber… es gäbe vielleicht eine andere Möglichkeit.“

„Warum habe ich nur das Gefühl, das mir das nicht gefallen wird….“

„Wird es nicht.“, versprach Ordt düster. „Das Gebiet meines Clans ist keine zwei Tagesmärsche mehr entfernt. Wenn wir jetzt aufbrechen und keine Pause machen, könnten wir es in einem Schaffen. Das überlebt Tiege vielleicht noch.“

„Ihr habt mal gesagt, Eure Leute würden Euch vermutlich auf der Stelle töten, wenn Ihr ihnen noch einmal unter die Augen tretet.“, gab Kiris zu bedenken.

„Das weiß ich auch, aber es ist die einzige Chance, die ich noch sehe.“ Ordt seufzte. „Also, Ihr kennt das Risiko, wer kommt mit?“

Simon sah einen Moment zu Kiris. Er kannte die Antwort bereits.

 

 

 

Kapitel 37

In den Händen der Clans

 

 

 

 

 

Die Schatten ließen Ordt unruhig werden. Normalerweise fühlte der große Wolf sich unter dem Blätterdach wohler als auf offener Fläche, doch heute, boten ihm die Schatten der Bäume keinen Schutz. Im Gegenteil. Seine übermüdeten Augen spielten ihm Streiche und erweckten die Illusion, etwas würde ihnen im Halbdunkel folgen, nur hier und dort verraten durch einen der wenigen Lichtstrahlen, die das Laub durchbrachen. Und er wusste zu gut, dass es sich bei den huschenden Schatten, die er von Zeit zu Zeit sah, nicht nur um Trugbilder handelte….

Hätte er nicht, den nach wie vor bewusstlosen Tiege, tragen müssen, er hätte bereits die Waffe in der Hand. Und sei es, auch nur um sich etwas besser zu fühlen. Simon schien die Schemen jedoch ebenfalls bemerkt zu haben, denn der Mensch sah sich wachsam nach allen Seiten um.

„Das gefällt mir gar nicht.“, meinte er düster. „Ich komme mir vor wie ein verdammtes Reh, bei der kaiserlichen Hochjagd…. “

„Worauf warten die?“, wollte Kiris wissen. „Sie folgen uns jetzt sein mindestens einer Stunde.“

„Drei.“, antwortete Ordt nur. „Seit wir ihr Gebiet betreten haben. Ich bin allerdings überrascht, dass Ihr sie bemerkt. Entweder sind sie nicht aufmerksam… oder wollen gesehen werden.“

„Wie meint Ihr das?“ Kiris strich sich nervös über die Arme. Vermutlich, dachte Ordt, gefiel keinem seiner beiden Begleiter ihr Vorhaben besonders. Es gefiel ihm ja selber nicht.

„Wenn ein Gejarn nicht gesehen werden will, wird er es auch nicht. Vor allem hier draußen. Es kommt mir beinahe mehr vor, wie eine Eskorte. Ein paar Leute, die sie ausgeschickt haben, um ein Auge darauf zu haben, was wir hier tun. Ich bin mir allerdings sicher, dass sie mich erkannt haben“

Seit sie vor gut anderthalb Tagen aufgebrochen waren, hatte keiner von ihnen besonders viel Schlaf bekommen. Die Sorge um ihren verletzten Gefährten trieb sie vorwärts. Und jetzt… jetzt waren sie hier. Obwohl es Jahre her war, dass der Wolf zum letzten Mal hier gewesen war, erkannte er manches wieder. Die uralten Kernwälder veränderten sich nur langsam und selbst tote Bäume konnten eine halbe Ewigkeit an ihrem Platz liegen, bevor Moder und Pilze sie endgültig zersetzten. Geister, es war beinahe unheimlich vertraut, selbst der Geruch war der gleiche. Der ferne Duft von Holunderbüschen, die an den wenigen Sonnenplätzen unter dem Blätterdach wuchsen. Sie waren jetzt sehr nahe… so nahe, wie er sich noch nie zuvor seit seiner Verbannung an seine alte Heimat herangewagt hatte. Und sie würden noch weiter gehen…

Das Knacken eines Zweigs riss Ordt aus seinen Gedanken. Vor ihnen, keine hundert Schritte entfernt, stand eine Gestalt am Wegesrand. Die in Dunkelgrün und Brauntönen gehaltene Kleidung verschmolz geradezu mit den Schatten der Wälder und ließ sie selbst jetzt noch mehr wie eine Illusion wirken. Eine Illusion mit Gelb glühenden Augen, die den drei Reisenden entgegensahen. Dunkler Pelz bedeckte das Gesicht sah man von einem schmalen Silberstreif direkt über der Stirn ab. Lässig auf einen Bogen gestützt wirkte der einzelne Wolf nicht bedrohlich, aber Ordt wusste, wie sehr der Schein täuschen konnte. Sollte einer von ihnen eine falsche Bewegung machen, hätte der Gejarn den Bogen schneller gespannt, als einer von ihnen, ihn je erreichen könnte.

„Sieh mal einer an.“, meinte der Fremde, während er endgültig auf die Straße hinaus trat. „Besuch.“ Obwohl die Worte klar verständlich waren, verriet ein deutlicher Akzent doch, dass der Mann es offenbar nicht gewohnt war, die Amtssprache zu nutzen.

„Wer seid Ihr?“, wollte Kiris wissen, während sie ein paar Schritte von dem Wolf entfernt stehen blieben.

„Niemand, der euch Etwas Böses möchte… Fadrin, wenn Ihr einen Namen braucht. Ihr müsste meine Neugier entschuldigen, aber mich interessiert, was vier Fremde auf unser Gebiet treibt. Also, Ihr wisst wer ich bin,… es ist nur fair, wenn Ihr mir im Gegenzug verratet, wer Ihr seid?“

„Und wenn nicht?“ , fragte Simon.

Im selben Moment kam Bewegung in die Vegetation um sie herum. Erst einer, dann zwei dann immer mehr Schatten in ähnlicher Kleidung wie der Erste traten aus dem Halbdunkel, entweder ebenfalls mit Bögen oder Schwertern bewaffnet. Ordt brauchte sich nicht umsehen um zu wissen, dass sie umzingelt waren. Vermutlich hatten die anderen Wölfe nur auf ein Zeichen ihres Anführers gewartet.

„Also noch einmal.“, meinte Fadrin im freundlichsten Plauderton. „Wir haben keinen Streit mit den Menschen, aber wenn Ihr passieren wollt, muss ich wissen, wen ich durch unsere Wälder ziehen lasse. Und was Euch angeht…“ der Wolf stockte mitten im Satz. Seine Augen waren zu Ordt gewandert. „Ahnen… Ordt ? Seit Ihr das wirklich oder ist das ein böser Scherz ?“

Also war er endlich erkannt worden, dachte der Gejarn. Es hatte auch lange genug gedauert. Ordt holte tief Luft. Er wusste nicht, wie viel Zeit ihm blieb, oder ob man ihn nicht auf der Stelle töten würde… aber er musste wenigstens noch erklären, was ihn hergeführt hatte.

„Ich hatte nie vor, diese Wälder noch einmal zu betreten, Fadrin. Aber die Umstände ließen mir keine Wahl. Tut was Ihr tun müsst. Aber diese Leute hier brauchen Eure Hilfe. Vor allem er…“ Ordt nickte in Richtung der reglosen Gestalt in seinen Armen. „Mein Tod ist mir egal.

Hatte Fadrin eben noch bloß überrascht gewirkt, so sah er nun vollends verwirrt aus.

„Ordt… Was ist mit Euch los? Niemand hier will oder wird euch töten…“

Nun war es an Ordt den anderen Gejarn verständnislos anzusehen. „Aber ich… Ihr…“

„Wir haben wohl einiges zu bereden.“, meinte Fadrin und gab seinen übrigen Leuten ein Zeichen, worauf diese ihre Waffen sinken ließen. „Wir bringen Euch am besten direkt zu den Ältesten und Ihr Fremde… wenn Ihr wirklich hier seid, um uns, um Hilfe zu ersuchen, kommt mit. Aber behaltet Eure Hände dort, wo ich sie sehen kann.“

Ordt folgte ohne ein weiteres Wort und auch Simon und die anderen gingen mit, als die Gejarn sie in die Mitte nahmen. Was ging hier bloß vor sich?

 

 

 

 

Erik Svensson sah über das aufgewühlte Land um die Ordensburg hinweg. Er stand auf den Zinnen eines grade fertiggestellten Turms. Der Wind brachte einen letzten Hauch des Winters mit sich aus den immer schneebedeckten Bergen um die Festung herum und ließ ihn einen Moment frösteln.

Die Reste dessen, das einmal ein blühendes Dorf gewesen war, verschwanden in den gewaltigen Erdarbeiten. Tausende von Arbeitern waren damit beschäftigt, Wälle aufzuschütten, Steine heranzukarren oder Mörtel in gewaltigen Bottichen an zumischen. Große Holzgerüste stützen die noch nicht fertigen Bauabschnitte und die Gruben, die man für die Fundamente ausgehoben hatte. Der neue Ordensoberste nickte zufrieden. Die Bauarbeiten gingen schneller voran, als er gedacht hatte und mit der zusätzlichen Hilfe, die er von Kaiser Tiberius erhalten hatte, würde es nicht mehr lange dauern, bis Simons Pläne Gestalt angenommen hätten. Der Gedanke an den nach wie vor verschwundenen Zauberer bereitete ihm allerdings Kopfschmerzen…. Seit einer Weile gab es keine Meldungen mehr über ihn und die , die er bisher erhalten hatte, waren bestenfalls beunruhigend. Offenbar war Simon das letzte Mal in Vara gesehen worden. Ausgerechnet an dem einen Ort, an dem er vielleicht Hilfe finden könnte… Eriks Linke ballte sich zur Faust. Solange Simon nicht in seiner Gewalt war, war alles offen. Wusste der Mann wirklich, wo sich eine der Tränen Falamirs befand, könnte das alles verändern. Vor allem, wenn Simon sie vor ihm fand. Wenn wenigstens Roderick mit guten Nachrichten zurückkehren würde….

Das plötzliche Kribbeln, das durch seinen Körper strömte, sagte ihm, das er darauf vielleicht nicht mehr allzu lange warten musste. Er hatte dem Auftragsmörder einen Zauber mitgegeben, der es ihm erlauben sollte, schnell mit ihm in Kontakt zu treten. Als Erik sich umdrehte, leuchtete vor ihm plötzlich eine etwa Kopfgroße, bläuliche Kugel auf, die sich langsam zu verformen begann. Zuerst nur schwer erkennbar, wurde das Licht beinahe… elastisch und nahm immer mehr die Umrisse einer menschlichen Gestalt an, bis sich einzelne Charakteristika , Haare, Kleidung, Gesichtszüge herausbildeten.

Roderick sah sich einen Moment mit seinen seltsam kalten Augen um, hob eine Hand, als wollte er feststellen, ob er sich bewegen könnte….

„Interessant.“, murmelte der Assassine.

„Ist das alles, was Ihr mir zu sagen habt?“ , fragte Erik ungehalten. Er wollte mit diesen Mann nur so viel zu tun haben, wie grade nötig und ihn jetzt wieder hier vor sich zu haben… vielleicht hätte er ihm doch keinen Teleportzauber anvertrauen sollen. Der Gedanke, dass dieser Irre jederzeit direkt neben ihm auftauchen konnte…

„Nein.“, antwortete Roderick. „Ich habe Simons Spur wiedergefunden.“

„Und deshalb kommt Ihr hierher….“ Wenn der Mann Simon wirklich gefunden hatte, wieso brachte er ihn dann nicht mit? Es konnte nicht einfach einmal einfach sein, oder?

„Sie sind bei den Clans.“

„Und?“ Jetzt verschwendete der Kerl seine Zeit, anstatt zum Punkt zu kommen.

„Ich weiß nicht Zauberer, wie das bei Euch aussieht, ich jedenfalls muss erst noch von jemanden hören, der sich erfolgreich an eine ganze Siedlung voller Gejarn heranschleicht.“, meinte der Mann spöttisch. „Die Hören oder Riechen mich auf eine halbe Tagesreise Entfernung. Und sie werden Simon und seine Gefährten wohl kaum kampflos herausgeben. Das gebietet schon ihre Gastfreundschaft. „

„Ich verstehe. Wie viele Männer braucht Ihr?“

„Ihr vertraut mir einfach so eure Leute an?“, fragte der Attentäter ruhig.

„Ich“, erwiderte Erik. „vertraue darauf, dass Ihr euren Auftrag beendet. Nehmt, wen Ihr braucht.“ Mit diesen Worten griff der Ordensoberste in eine der Taschen seiner Robe und zog einen schweren Stoffbeutel heraus, den er Roderick zuwarf. „Endgültig.“

Der Assassine fing das Gold auf und verbeugte sich. „Euer Wunsch ist mir Befehl….“

Erik machte eine wegwerfende Handgeste und Roderick entfernte sich endlich… Götter, der Mann bescherte ihm nach wie vor eine Gänsehaut.

Roderick war derweil bereits auf halbem Weg den Turm hinab. Die steinernen Stufen unter seinen Füßen führten in einer stetigen Spirale über mehrere Ebenen abwärts. Auf manchen davon wurde sogar noch gearbeitet, Stützen abgebaut, die nicht mehr benötigt wurden oder letzte Verbesserungen vorgenommen. Die meisten Handwerker jedoch, waren bereits verschwunden und die wenigen, die noch hier waren, schenkten der dunkel gekleideten Gestalt keine Aufmerksamkeit. Das hieß, bis auf einen. Roderick hatte früh genug gelernt, ein Auge auf seine Umgebung zu haben und so bemerkte er die einzelne Gestalt sofort. Ein Mann in staubiger Kleidung, der auf den ersten Blick kaum wie einer der übrigen Arbeiter wirkte. Aber seine Augen folgten jeder von Roderick Bewegungen, während er den Raum durchquerte. Der Assassine erkannte diese Art, jemanden zu beobachten. Es war nicht Neugier, die den Fremden antrieb….

„Haben wir ein Problem?“, fragte Roderick leise, während er auf ihn zutrat. Seine Hand wanderte beinahe automatisch zu einem der Dolche in seinem Gürtel.

„Das kommt ein wenig auf Euch an.“ Der Fremde hob eine Hand, an der ein silberner Ring schimmerte. Darauf eingraviert prangte der Drache des Hauses Ordeal. Rodericks Verstand setzte die Puzzlestücke rasend schnell zusammen.

„Ihr seid ein kaiserlicher Agent.“, stellte er fest.

„Ihr könnt es Kaiser Tiberius nicht verübeln, dass er nach allem, was geschehen ist ein Auge auf den Orden hat. Und ich weiß mittlerweile, dass auch Erik Svensson eigene Pläne verfolgt. Ich weiß nur noch nicht, welcher Art sie sind, aber dem Kaiser willkommen sind sie nicht. Und ich weiß auch, wer Ihr seid, Roderick.“

„Und wie kommt Ihr auf die Idee, dass mich das interessiert?“ Roderick verschränkte die Arme vor der Brust. Er würde keine Waffe brauchen, das spüre er. Nein, dieser Mann hatte etwas ganz anderes im Sinn und wenn er es richtig anpackte….

„Sagen wir einfach, der Kaiser ist über das Ausbleiben von Erfolgen bei der Suche nach Simon Belfare höchst unerfreut. Aber könnte ihm jemandem einen Hinweis geben oder gar den Kopf des Verräters bringen… ich mache Euch ein Angebot. Solltet Ihr Simon Belfare… völlig zufällig finden… zahle ich Euch das Doppelte, von was immer Erik Euch bieten mag… wenn ihr Ihn tötet und mir einen Beweis dafür bringt.“

 

 

 

Kapitel 38

Die Ältesten

 

 

 

 

 

Fadrin führte sie auf halb verborgenen Pfaden durch den Wald. Ordt hätte längst jegliche Orientierung verloren, wäre ihm die Gegend nicht bereits allzu vertraut vorgekommen. Er wusste genau, wohin sie unterwegs waren. Einer ihrer Lagerplätze konnte nicht mehr weit von hier sein und innerlich, war er heilfroh darum. Tiege war ihm anfangs noch viel zu leicht vorgekommen, doch mittlerweile zog das Gewicht des verletzten Paladins an den Muskeln in seinen Armen. Wenigstens war jegliche Müdigkeit, die er zuvor noch verspürt hatte, wie weggeblasen. Seine Sinne waren aufs Äußerste angespannt, bereit, auf alles Ungewöhnliche zu reagieren….

Die Begleiter des jungen Wolfs, der sie angehalten hatte, waren mittlerweile wieder verschwunden, aber Simon hatte keinen Zweifel daran, dass sie nach wie vor in der Nähe waren. Und sollten sie ihnen einen Anlass dazu geben, würden sie nicht mehr mitbekommen, dass sie wieder auftauchten.

Ordt wusste nach wie vor nicht, was er davon halten sollte. Er hatte keinen warmen Empfang erwartet und doch war genau das geschehen. Und das Fadrin ihn kannte... woher? Er selber konnte sich nicht an einen Wolf dieses Namens erinnern. Oder vielleicht hatte er es auch vergessen, aber woher wusste ihr Führer dann nach all der Zeit so genau, wie er aussah?

Er schloss zu dem Gejarn auf und musterte ihn einen Moment. Der Wolf war noch jung, vielleicht siebzehn Sommer, aber die entspannte Art, mit der er seinen Weg durch das Unterholz fand…. Vermutlich war er normalerweise einer der Jäger des Clans, wenn es nicht grade darum ging, Fremde abzuschrecken. Der silberne Streifen, der sich über seine Stirn zog war das Einzige, was von ihm unter den Schatten der Blätter deutlich zu erkennen war.

„Stimmt etwas nicht?“ Fadrin hatte den musternden Blick wohl bemerkt.

„Eine Menge.“, antwortete Ordt „Das ich noch nicht tot bin beispielsweise.“

„Ihr werdet bald alles verstehen. Verzeiht, aber… es gibt Dinge, die Euch besser andere erzählen.“

„Beispielsweise ?“

„Geduld. Ahnen, Ihr seid ja schlimmer als Maen und es ist eine Weile her, das sie mal so etwas wie Geduld gezeigt hat.“

Der Name versetzte ihm einen kleinen Stich. Er musste sich zusammenreißen um Fadrin nicht sofort nach ihr zu Fragen. Aber… das würde nur unnötig alte Wunden aufreißen. Selbst wenn die Ältesten sie anhörten, wenn ihr Zorn auf ihn abgeklungen war… er wäre unmöglich jemals wieder hier willkommen. Aber sie lebte noch, dachte er. Wenigstens das wusste er. Und vielleicht….

Ordt schüttelte den Kopf. Besser er vermied es sie zu sehen.

„Wir sind da.“, riss Fadrin ihn aus seinen Gedanken. Der Wolf war stehen geblieben und hatte sich erneut auf seinen Bogen gestützt. Vor ihnen lichteten sich die Wälder etwas und gaben den Blick auf eine Ansammlung von mehreren Dutzend Hütten frei. Die meisten davon bestanden aus dem typischen Flechtwerk, wie es die meisten Clans verwendeten, leicht zu reparieren und leicht wieder abzubauen. Dazwischen zogen sich Gatter mit Tieren oder kleinere Felder entlang, die man dort angelegt hatte, wo zwischen den Häusern noch Platz gewesen war. Ganz in der Mitte der Siedlung jedoch erhob sich etwas, das an ein großes Zelt erinnerte. Gegerbte Häute bildeten ein dichtes Dach und die Außenseiten waren mit Holzpfählen und dem gleichen geflochtenen Matten wie an den restlichen Gebäuden verstärkt. Lampen, die man auf mehreren Pfosten darum herum aufgestellt hatte, beleuchteten in der einsetzenden Dämmerung den Weg. Das musste der Versammlungsplatz der Ältesten sein, auch wenn Ordt das Gebäude noch nie gesehen hatte. Es war wohl erst in den Jahren nach seiner Flucht entstanden.

Fadrin führte sie zwischen den Gebäuden hindurch in Richtung des Zelts. Noch bevor sie das erste Gebäude erreicht hatten, waren bereits die ersten Gejarn auf sie aufmerksam geworden und kamen aus ihren Häusern oder von den Feldern herbeigelaufen. Zum Glück für Ordt schienen sie sich weniger für ihn zu interessieren, als für Simon und Kiris. Es kam nicht alle Tage vor, dass ein Mensch ein Gejarn-Dor betrat.

Fadrin hatte seine liebe Mühe damit, die Leute dazu zu bekommen, ihnen den Weg frei zu machen, und Ordt bemerkte schmunzelnd, wie Simon sich unter der ungewollten Aufmerksamkeit wand. Der Mann war jetzt so lange auf der Flucht vor allem und jedem, dass ihn die schlichte Vorstellung, so vielen neugierigen Blicken ausgesetzt zu sein, wohl schon unruhig werden ließ.

Geister, es war wirklich zu lange her, dachte Ordt, während Fadrin es endlich schaffte, ihnen eine Gasse frei zu machen, sodass sie ihren Weg fortsetzen konnten. Der Eingang des großen Zelts in der Dorfmitte war jetzt bereits deutlich zu erkennen, genauso, wie die zwei Gestalten, die daran Wache hielten. Zwei Wölfe in der gleichen dunkelgrünen Waldkleidung, wie sie auch ihr neuer Begleiter trug.

Die Beiden stellten sich ihnen ohne ein Wort in den Weg. Fadrin seufzte und begann sich gedämpft mit den beiden zu unterhalten.

„Stimmt etwas nicht? fragte Simon mit einem besorgten Blick in Richtung der zwei Wachen. Die Hand des Zauberers wanderte instinktiv zum Schwertgriff.

„Keine Ahnung.“, gab Ordt zu. Er hätte es dem Mann gerne gleich getan, aber da er nach wie vor Tiege trug war er dazu verdammt lediglich abzuwarten.

„Wenn sie uns töten wollten, hätten sie es längst getan, schätze ich.“ Kiris sah sich ebenfalls um, schien jedoch noch am ehesten die Nerven zu behalten. Vermutlich erinnerte dieser Ort die junge Frau auch ein wenig an ihre eigene Heimat. Ordt hatte Stillforn gesehen und wenn man davon absah, das der Baustil der Menschen sich so deutlich von ihrem Unterschied…

„Ich verstehe wirklich nicht, warum jeder Angst vor uns hat.“ Fadrin war, ohne das einer von ihnen ihn bemerkt hätte, wieder zu ihnen zurückgekehrt.

„Den letzten Menschen, den wir getötet haben, war ein Sklavenjäger aus Silberstedt, zusammen mit seiner Bande. Und der hat es darauf angelegt.“

„Wie?“ , wollte Kiris wissen.

„Er hat versucht, zwei unserer Jüngsten zu entführen. Habe ihm dafür einen Pfeil durchs Auge verpasst, nachdem er mit einer Flinte auf mich geschossen hat. Das Schöne an einem Bogen ist, dass man nicht nachladen braucht. Um seine restlichen Männer haben wir uns danach gekümmert. Ich denke, die hängen immer noch irgendwo an der großen Handelsstraße Richtung Erindal.“ Der Wolf sah zurück zum Zelt, wo einer der beiden Wächter grade den Kopf durch einen Vorhang steckte und sich scheinbar mit jemand unterhielt.

„Wir müssen einen Moment warten. Die Ältesten sind noch nicht vollzählig und ich weiß nicht….4.“ Bevor er den Satz beenden konnte, tauchte der Posten wieder auf und gab ihnen ein Zeichen, näherzukommen.

Fadrin zuckte mit den Schultern, so als wollte er zeigen, dass er selber nicht wusste, was das zu bedeuten hatte, bevor sie der Aufforderung folgten und ins Innere des Zelts traten.

Das rötliche Flackern eines heruntergebrannten Lagerfeuers empfing sie. Der Boden im inneren des Unterstands war mit Holzplanken ausgelegt, in deren Mitte man eine Aussparung für das Feuer gelassen hatte. Darum herum saßen drei Gestalten auf eine Reihe von Stühlen verteilt. Nur ein Platz war leer… Ordt sah sich langsam nach allen Seiten um, während Fadrin sie genau vor die Flammen führte. Die drei Gestalten auf ihren Plätzen sahen erst auf, als der Wolf schon fast direkt vor ihnen stand.

„Älteste.“, begann er. „Ihr habt sicher bereits die Nachricht meiner Späher erhalten. Ich bringe Euch drei Fremde, die um unsere Hilfe gebeten haben. Und ich bringe Euch außerdem… einen Geist.“ Fadrin trat zurück und ließ Ordt damit nur die Wahl, zu bleiben wo er war… oder vorzutreten und zu sprechen. Und langsam aber sicher wollte er wissen, was hier vor sich ging, dachte der Gejarn.

„Mein Name ist Ordt.“, erklärte er, während er Tiege vorsichtig auf dem Holzboden ablegte. Kiris und Simon würden ein Auge auf ihn haben… „und ich denke, Ihr kennt ihn bereits. Ich will weder leugnen, was ich getan habe, noch lange darüber diskutieren. Ihr werdet tun, was ihr tun müsst. Aber ich ersuche Euch zuvor um Hilfe für diese Leute hier, Leute, die ich meine Freunde nenne. Einer von ihnen wurde auf dem Weg hierher verletzt und ich fürchte, ohne Hilfe würde er sterben. Das ist alles, um was ich bitte. Tut für sie, was Ihr könnt, vergesst meinetwegen nicht jede Gastfreundschaft.“

Nachdem seine letzten Worte verklungen waren, senkte sich Schweigen über das Innere des Zelts. Jetzt kam es darauf an, dachte Ordt. Und je länger das Schweigen dauerte, desto unsicherer wurde er. War die Freundlichkeit, die Fadrin gezeigt hatte nur oberflächlich gewesen? Hatte man ihn vielleicht nur hergebracht, um ihn vor den Augen der Ältesten töten zu können? Es war nicht mehr wichtig. Er schloss die Augen. Was wichtig war, war, dass sie es hierher geschafft hatten. Was immer auch mit ihm geschah, die Ältesten konnten jemanden, der sie derart offen um Hilfe anflehte nicht wegschicken. Zumindest nicht vor Zeugen. Das käme einer öffentlichen Zurschaustellung von Bosheit gleich. Er sah einen Moment zu Fadrin, der sich erneut auf seinen Bogen stützte und einfach nur zu den Ältesten sah. Dann erhob sich die erste der Gestalten. Das rote Glimmen der Kohlen enthüllte ein von, vom alten hell gewordenem, Fell bedecktes Gesicht. Die Züge des Ältesten verrieten nicht im Geringsten, was er dachte. Oder was er tun würde.

„Keinem Clanbruder, der Hilfe sucht, wird sie verwehrt.“, erklärte er schließlich. „Eure Freunde sind unsere Freunde, sofern ihr Euch für sie verbürgen könnte. Und was Euch angeht Ordt… so bleibt mir nur Euch daheim erneut willkommen zu Heißen. Es ist wahrhaft lange her. Und ich glaube nicht, dass einer von uns wirklich noch damit gerechnet hat, dass dieser Tag kommt, außer vielleicht….“

„Wie?“ Ordt unterbrach den Ältesten. Das war zu viel, dachte er und spürte, wie seine Beine unter ihm nachgeben wollten. Das was hier grade geschah, war unmöglich. Krampfhaft suchte er nach einer Spur Hinterlist in der Stimme seines Gegenübers, doch selbst die Züge des alten Wolfs wirkten warm und verstärkten seine Worte bestenfalls. „Ich verstehe es nicht Ältester. Als ich Euch verließ, tat ich das in der Überzeugung, niemals zurückkehren zu können. Und jetzt das… Ihr… wie könnt Ihr mich einfach so wieder aufnehmen?“

„Dafür.“, meinte eine Stimme hinter ihm. „Wäre ich verantwortlich.“

Ordt wagte es einen Moment nicht, sich umzudrehen. Fadrin hatte ja eben gesagt, dass sie noch auf jemanden warteten. Doch hatte er nicht gesagt, um wen es sich dabei handelte. Geister mit einem Mal wurde ihm einiges klar. Die Geheimnistuerei, er ganze Aufwand… das hatte sie sich ausgedacht, da war der Wolf sich sicher. Auch wenn er nicht wusste wie das möglich war oder wie sie das alles in die Tat umgesetzt hatte. Und doch konnte er sich nur mit Mühe überwinden, sich endlich umzudrehen.

Maen hatte sich in den letzten Jahren kaum verändert, sie trug sogar das grüne Gewand, das er so gut kannte und das beinahe den Farbton ihrer Augen traf. Es war beinahe so, als wäre er nie weg gewesen, als wäre alles bis zu diesem Augenblick ein böser Traum….

„Hallo Ordt…“ Sie blieb stehen, wo sie war. Wartete. Aber so sehr Ordt sich auch bemühte, seine Stimme versagte ihm den Dienst. Er konnte nur zögerlich einen Schritt nach dem anderen auf sie zumachen. Halb rechnete er schon damit, dass er aufwachen würde, immer noch auf den Weg zu den Clans, doch… nichts dergleichen. Stattdessen spürte er, wie Maen ihn an sich zog. Nein, das war kein Traum. „Ich dachte, ich sehe Dich nie wieder, Du verfluchter Idiot.“, erklärte sie lachend. Gleichzeitig konnte er jedoch sehen wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Geister, was war nur geschehen, seit er fortgegangen war? Und wie hatte Maen das hinbekommen? Endlich fand er auch seine Sprache wieder.

„Maen… ich…“ bevor er jedoch noch mehr sagen konnte, küsste sie ihn bereits und machte damit jedes weitere Wort unnötig. Erst, als einer der Ältesten sich hörbar räusperte, lösten sie sich wieder voneinander. Stellte sich noch eine Frage, dachte Ordt. Was machte Maen bei einer Anhörung durch die Ältesten? Er ahnte die Antwort bereits aber die Wahrheit musste er immer noch von ihr hören….

 

 

Kapitel 39

Maen

 

 

 

 

 

Simon sah dem Geschehen schweigend zu. Das plötzliche Auftauchen der Wölfin hatte auch ihn überrascht und das es sich dabei um Ordts verloren geglaubte Liebe handelte… Götter, es gab keine Zufälle mehr. Irgendwie, dachte Simon, hatte sie es hinbekommen, den Ältesten die Wahrheit beizubringen. Nach allem, was der Gejarn ihm allerdings erzählt hatte, bezweifelte er, dass das so einfach war.

Ordt seinerseits stand nach wie vor halb erstarrt da, während Maen zu den übrigen Ältesten trat und sich auf dem leeren Platz am Feuer setzte. Sie musterte sie alle der Reihe nach , während die übrigen Gejarn es entweder nicht wagten etwas zu sagen… oder nach wie vor auf etwas warteten. Schließlich jedoch war es der Älteste, der zuvor bereits das Wort ergriffen hatte, der die Stille brach.

„Wir wissen alle, was Ihr getan habt, Ordt.“, erklärte er. „Aber wir wissen auch wieso. Maen hat uns alles erzählt und keiner von uns sah zu diesem Zeitpunkt noch einen Grund, an ihren Worten zu zweifeln.“

„Das hat sie?“ Ordt schien sich wieder gefangen zu haben. Ein vorsichtiges Lächeln legte sich auf die Züge des Wolfs.

Maen nickte. „Das habe ich. Und egal was Du gesagt hast… ich habe sie auch dazu gebracht mir zu glauben.“

Simon war sich unsicher, was er von der Wölfin halten sollte. Bei ihrer Ankunft hier hatte es kurz so ausgesehen, als würde sie in Tränen ausbrechen. Jetzt jedoch schien sie völlig beherrscht, geradezu kalt, während sie vor den Ältesten sprach….

„Nur wie ?“

„Ich habe das Einzige getan, was mir übrig blieb.“, antwortete sie. „Nachdem Du weg warst, habe ich eine Weile gebraucht aber… ich bin zu einer Ältesten geworden. Sie mussten mir glauben, Ordt.“ Bei den letzten Worten schwang eine deutliche Spur Bitterkeit mit, während die Heilerin wieder aufstand.

„Ich nehme an, wir sind hier fertig?“ Der Älteste, der sich bisher als Wortführer versucht hatte, nickte nur. „Gut.“ Maen wendete sich wieder ihnen zu, während die übrigen drei Ältesten sich ebenfalls erhoben und durch einen Durchgang in der Rückwand des Zelts verschwanden. „Ordt… du hast gesagt, einer von Euch sei verletzt?“

„Tiege, ja.“, erklärte der Wolf, während er sich vorsichtig neben dem Körper des Fuchses niederließ. Kiris und Simon hatten sich während der kurzen Besprechung um ihn gekümmert, aber wenn man etwas für ihren Gefährten tun konnte… dann lag das nicht in ihrer Macht. So weh es auch tat, sich das erneut einzugestehen, dachte Simon.

Mittlerweile waren auch die letzten Ältesten aus dem Raum verschwunden. Maens Strenge fiel wie eine Maske von ihr ab, als sie sich neben den verletzten Paladin hockte. Vorsichtig besah sie sich die blutverkrustete Stichwunde in seiner Brust, tastete ein Handgelenk ab, bis sie einen Puls fand.

„Was hat ihn verwundet?“ , fragte die Wölfin.

„Ein Dolch.“ , sagte Ordt „Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, die Klinge war vergiftet. Sonst wäre er nicht in dem Zustand in dem er ist. Kannst Du ihm helfen?“

„Vielleicht. Seit wann nicht mehr bei Bewusstsein ?“

„Fast zwei Tage.“

„Und ich vermute, er hat in der Zeit weder etwas zu Essen noch zu trinken bekommen.“ Maen griff in einen kleinen Beutel, der am Gürtel ihrer Robe hing und zog ein kleines Messer mit silberner Klinge , die vielleicht grade so lang wie Simons Fingernagel war, hervor. „Ich muss sehen, ob ich ihn so wachbekomme.“, erklärte sie, bevor sie das Messer ohne zu zögern auf das Knie des Gejarn stieß. Die Klinge ritzte die Haut nur oberflächlich und etwas Blut sickerte aus der neuen Verletzung. Sonst rührte sich nichts.

„Ich nehme an, das ist nicht gut, oder?“, fragte Kiris.

„Nicht gut ist untertrieben, Mensch.“ Maen blieb eine Weile auf dem Boden hocken, während sie die kleine Wunde verband, und schien nachzudenken. Schließlich jedoch, stand sie wieder auf. „Ordt, hilfst Du mir ihn zu meiner Hütte zu bringen? Dort kann ich mehr für ihn tun.“

Der Wolf nickte und vorsichtig, um dem geschundenen Mann nicht noch mehr zu verletzen, hob er den reglosen Tiege erneut auf.

“ Kommt Ihr mit?“ , fragte er an Simon und Kiris gerichtet.

„Sie können nachkommen.“, erwiderte Maen. „Ich denke deine Gefährten haben sicher Hunger. Fadrin ?“

Bei Erwähnung seines Namens trat der junge Wolf ins Licht des mittlerweile fast heruntergebrannten Feuers.

“Ihr habt mich gerufen, Älteste?“

„Wenn Du so freundlich wärst, unseren Gästen etwas zu Essen zu besorgen?“

Fadrin nickte. „Sie brauchen ohnehin eine Unterkunft.“, erklärte er. „Ich nehme sie mit zu mir, wenn Ihr nur noch so freundlich wärt, mir Eure Namen zu verraten? Wenn Ordt sie erwähnt hat, habe ich sie scheinbar vergessen….“

Etwas blitzte in den gelblichen Augen des Wolfs auf, dass Simon gar nicht gefallen wollte. Fadrin wusste, wer er war, dachte er. Er wollte es nur noch bestätigt wissen.

„Das ist Kiris aus Stillforn und ich bin Simon Belfare. Ändert das etwas?“

„Solange ihr uns friedlich wieder verlasst, ist für mich alles in Ordnung.“ Das Verschlagene war so schnell wieder aus den Zügen des Wolfs gewichen, das Simon nicht sicher war, ob er sich nicht getäuscht hatte.

„Aber… ich habe ein Auge auf Euch.“

 

Mit diesen Worten gab Fadrin ihnen ein Zeichen, ihm zu folgen, während Ordt und Maen durch den zweiten Zeltausgang verschwanden. Als Simon wieder nach draußen trat, war es bereits dunkel geworden und die Siedlung wurde nur noch von vereinzelten Laternen und Feuern erhellt. Doch irgendwo in der Ferne huschten vereinzelt Lichter umher, die zwischen den Bäumen aufblitzten. Glühwürmchen, dachte er, auch wenn sie dafür eigentlich zu groß waren. Nein die schwebenden Lichter erinnerten ihn an etwas anderes….

„Simon?“ Kiris war neben ihm stehen geblieben und spähte in die gleiche Richtung wie er. „Stimmt etwas nicht?“

Er schüttelte den Kopf, während er sich zu ihr umdrehte.

„Alles in Ordnung.“

Kiris wirkte nicht überzeugt, erwiderte aber nichts, als sie ihren Weg fortsetzten. Seit sie vor zwei Tagen aufgebrochen, hatte Simon nicht mehr wirklich eine Gelegenheit gehabt mit ihr zu reden. Und doch wäre es nötig, dachte er. Für den Moment waren sie in Sicherheit, aber wenn sie weiterzogen… Kiris hatte mehr als klar gemacht, dass sie ihn weiter begleiten würde. Und warum. Nur wie er sich dabei fühlte… es war seltsam. Er hatte von Anfang an ein gesundes Maß an Respekt vor Kiris gehabt, wenn auch anfangs widerwillig. Jetzt jedoch erschien das alles in neuem Licht. Und er fragte sich, ob er es nicht einfach zulassen könnte….

Aber hatte sich etwas an seiner Situation geändert? Nein, nach wie vor, er brauchte nur an Tiege denken, um zu wissen, dass niemand in seiner Nähe auf Dauer sicher war.

Mittlerweile hatten sie die Außenbereiche des Dorfs erreicht. Die wenigen verstreuten Hütten, die es hier noch gab, duckten sich in die Schatten der Bäume, nur verraten durch einige Lichter, die durch Bretterspalten und Fenster schienen. Fadrin führte sie auf einem ausgetretenen Pfad im Gras zu einen, Haus, das sich wenig von den Anderen unterschied. Das niedrige, mit Blättern und Zweigen bedeckte Dach wirkte beinahe, als könnte es bei der geringsten Berührung zusammenfallen, während die Wände windschief und nur von mehreren Seilen zusammengehalten waren.

„Ich war noch nie fürs Bauen zu begeistern.“, meinte der Jäger fast entschuldigend. „Normalerweise kümmere ich mich selbst auch kaum darum, aber als wir hierhergekommen sind, sind ein paar unserer Handwerker ausgefallen…. Und ich bin noch nicht dazu gekommen, jemanden zu bitten, mir zu helfen.“

Mit diesen Worten schob der Gejarn einen Vorhang beiseite, der den Eingang der Hütte verbarg und trat ins Innere. Simon und Kiris folgten ihn unaufgefordert. Im Inneren des Hauses sah es nicht viel besser aus als außerhalb. Es gab nur einen einzigen Raum, der lediglich durch einen weiteren Vorhang etwas unterteilt wurde. An einer der Wände waren einige Regale angebracht, in denen sich die unterschiedlichsten Dinge befanden, von einem Köcher Pfeile, bis zu einigen Geweihen und kleinen Tontöpfen, die wahrscheinlichen Gewürze enthielten. In einer Ecke wiederum befand sich eine Schlafecke, bestehend aus einigen Stoffdecken und Stroh.

„Setzte Euch.“, meinte Fadrin und deutete in Richtung eines niedrigen Tischs in der Raummitte. Simon setzte sich zögerlich, während er sich weiter umsah. „Es ist nicht sonderlich groß, aber daheim ist daheim.“

Mit diesen Worten verschwand ihr Gastgeber fürs Erste hinter den Vorhängen und Simon hörte nur noch das Knistern eines Feuers, das erneut angefacht wurde. Ansonsten senkte sich Stille über den Raum. Kiris hatte sich ihm gegenüber niedergelassen. Wenn es etwas zu sagen gab, dachte er, dann vielleicht jetzt.

„Also?“ , fragte sie.

„Ich glaube, ich habe heute mehr Überraschungen erlebt, als in den letzten Monaten zusammen.“, erklärte er schließlich. Das war nicht der richtige Zeitpunkt. Er brauchte Zeit, wenigstens um etwas nachzudenken.

Kiris nickte. „Es war seltsam, Ordt einmal… verblüfft zu sehen. Aber was Maen angeht… Götter, ich weiß nicht ob Du es gemerkt hast, aber sie hat die Ältesten allesamt in der Tasche. Ich weiß nicht viel über die Clans, aber von dem was ich gehört habe, ist es mehr als ungewöhnlich für jemanden in ihrem Alter schon einen Platz im Ältestenrat innezuhaben.“

„Genau so ungewöhnlich, wie bereits einem Dorf vorzustehen?“ Er rang sich ein dünnes Lächeln ab, Kiris hingegen blieb todernst.

„Das ist etwas anderes.“

Der Duft von bratendem Fleisch erfüllte mittlerweile die Luft, während Fadrin nach wie vor im abgetrennten Teil des Raums herum werkelte. Es dauerte jedoch nicht lange, bis der Wolf wieder auftauchte, in jeder Hand eine Holzschale, in der mehrere Stücke Reh lagen.

„Heute Morgen erlegt.“, meinte er, während er das Geschirr absetzte und sich zu ihnen gesellte. „Ich hatte nicht damit gerechnet Gäste zu haben, aber jetzt brauche ich mich wenigstens nicht mehr fragen, was ich mit dem übrigen Fleisch mache.“

„Wie lange ist Maen eigentlich schon eine Älteste?“, wollte Kiris wissen.

„Gut zwei Jahre, denke ich. Es hat lange gedauert, bis man die Lücke, die Tarkeen hinterlassen hat, wieder besetzte. Aber darauf abgesehen hatte sie es, glaube ich, seit dem Tag an dem Ordt verschwunden ist. Und mittlerweile verstehe ich auch warum. Eigentlich, versteht das, glaube ich, der ganze Clan. Auch wenn es ein paar gibt, die bis heute Tarkeen verteidigen würden, wenn Maen nicht in der Position wäre, in der sie nun mal ist.“

„Und Ihr habt trotzdem nie versucht, Ordt zu finden?“

Fadrin zuckte mit den Schultern. „Wir haben es natürlich versucht, aber Canton ist groß und wir sehr wenige. Wäre er noch in der Nähe unseres Gebiets gewesen, hätten wir ihn gefunden. Aber er war wohl weiter weg.“

„Um einiges weiter.“, meinte Simon. „Das könnt Ihr mir glauben. Zum ersten Mal getroffen, habe ich ihn im nördlichen Hasparen.“

Es tat gut einmal über jemand anderen zu reden, dachte er bei sich. Zumindest, lenkte es ihn etwas von seinen eigenen Gedanken ab. Aber nicht für lange, das wusste er.

„Hasparen? Ahnen, das ist weiter als die meisten hier je freiwillig gehen würden. Und Ihr habt ihn dort getroffen? Darf ich fragen wie?“

„Er war ursprünglich mit mir und einigen Flüchtlingen unterwegs.“ , antwortete Kiris für Simon. „Unsere Siedlung, Stillforn war kurz vorher zerstört worden von… den Leuten des Ordens.“

Bei den letzten Worten hatte sie es offenbar grade noch vermieden, seinen Namen ins Spiel zu bringen. Fadrin mochte wissen, wer er war, vielleicht hatte er auch gehört, dass man nach ihm suchte… aber er musste sicher nicht erfahren, dass er ein Dorf mit samt Einwohnern dem Erdboden gleichgemacht hatte. Wenn Fadrin eins zu wollen schien, dann seine Leute zu schützen.

„Und Ihr seid ihnen dann begegnet?“

„Begegnet ist gut.“, antwortete Simon. „Ich war keine zwei Tage bei ihnen, als Ordt mich bewusstlos geschlagen hat. Von da… ging es für mich ziemlich bergab.“

Im Verlauf des Abends erzählten er und Kiris schließlich alles über ihre bisherige Reise, was nicht zu viel verriet. Einschließlich des Rätsels der Seherin…. Bei der Erwähnung der Worte, die sich bereits in Simons Gedächtnis gebrannt hatten, wurde Fadrin hellhörig.

„Schattenjuwel?“, fragte er.

„Ein aus Schatten wiedergeborenes Juwel.“ , ergänzte Simon. „Wieso fragt Ihr?“

„Weil es mir bekannt vorkommt. Ihr solltet die Ältesten fragen, aber es gibt einen alten Reim…. Ein Stein, aus Schatten geboren und in seinem Kiel folgt der Sturm. Keine Ahnung, was das bedeuten soll, aber es klingt zumindest ähnlich.“

Kiris sah skeptisch drein. „Könnte Zufall sein. Simon ?“

Das war kein Zufall, dachte er. Den gab es auf dieser Reise ganz offenbar nicht mehr. Und wenn es stimmte, wenn irgendjemand hier wusste, was das Rätsel der Seherin bedeutete… dann waren sie hier keinesfalls in Sicherheit. Das Spiel ging nach wie vor weiter….

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Maens Haus hatte sich seit seinem letzten Besuch nicht großartig verändert. Etwas abseits der eigentlichen Siedlung gelegen, so wie schon zu Isbeil Zeiten, leuchteten ihnen die Laternen in den Fenstern entgegen. Das mit Zweigen und Stroh gedeckte Dach schimmerte in einem Strahl Mondlicht, der seinen Weg zwischen den Bäumen hindurch fand. Beinahe fühlte Ordt sich an seine Kindheit erinnert, alleine durch die Wälder irrend… nur war er diesmal nicht alleine. Maen ging dicht neben ihm und in seinen Armen lag nach wie vor Tiege. Der Zustand des Fuchses hatte sich zumindest nicht verschlechtert, seit sie hier angekommen waren, dachte er. Allerdings, wenn es dem Mann noch etwas schlechter ginge, wäre er vermutlich auch tot. Das würde er aber nicht zulassen. Er war nicht so weit gekommen, nur um den Mann jetzt doch sterben zu lassen. Im Augenblick konnte er nur darauf vertrauen, das Maen ihm helfen konnte. Und obwohl er wusste, zu was sie fähig war… es war viel Zeit vergangen, dachte er. Sie nach all der Zeit wiederzusehen war schön, Ahnen, er hätte es nie zu hoffen gewagt, aber so viele Dinge hatten sich verändert. Er fürchtete, zu Fragen, wie Maen es geschafft hatte, zu einer Ältesten zu werden.

„Wie hast Du das alles geschafft?“ , fragte er schließlich doch, als sie durch die Tür der Hütte traten. Sie fanden sich in einem kleinen Raum wieder, in dem Kräuter und Pflanzen zum Trocknen von der Decke hingen. Der vertraute Geruch stieg Ordt sofort in die Nase. Erneut war es so, als wäre er nie weg gewesen. Eine Illusion, die das Gewicht in seinen Armen und Maen vor ihm zunichtemachte. Die Gejarn entzündete einige Lampen, die in kleinen Alkoven in den Wänden standen und bedeutete ihm, den verletzten Tiege auf einer niedrigen Liebe abzusetzen.

Erst jetzt, antwortete sie auf seine Frage. „Ich hatte nicht wirklich eine Wahl.“

Ein schwaches Lächeln huschte über Maens Züge.

„Und es war nicht einfach, belassen wir es dabei. Wichtig ist, das Du wieder hier bist Ordt. Und damit war es nicht umsonst. Eine Weile habe ich trotz allem geglaubt, dass ich Dich für immer verloren habe. Und jetzt, kümmern wir uns um Deinen Freund.“

Ordt nickte. „Sag mir nur wenn ich helfen kann.“

„Sei einfach noch da, wen ich wiederkomme.“, erwiderte Maen, während sie durch eine Tür auf der anderen Seite des Raums trat. Aus dem Gedächtnis wusste er, das sich dort eine weitere Kammer mit Vorräten und Utensilien befand. Vermutlich suchte die Wölfin etwas Bestimmtes, irgendetwas, das Tiege helfen könnte…. Er setzte sich neben die Liege auf einen kleinen Hocker und ließ den Blick ziellos durch den Raum wandern. Es hatte sich wirklich nur wenig verändert. Selbst Maen nicht, auch wenn sie die Ältesten das wohl nie wissen lassen würde… er kannte sie dafür zu gut.

Noch bevor er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, kehrte die Wölfin auch bereits zurück, einen kleinen Korb mit sich tragend, mit dem sie sich neben Ordt niederlies. Mit träumerischer Sicherheit griff Maen eine Reihe von Pflanzenbündeln und Gläsern mit zermahlenen Wurzeln oder Blüten aus dem Korb und stellte sie auf dem Boden ab.

„Ich glaube, was immer Deinen Freund erwischt hat, sollte ihn gar nicht töten.“, meinte sie, während sie eine flache Wasserschale nahm und über eine der Kerzenflammen stellte. „Ein Gift, das sein Ziel nur lähmt und nicht sofort umbringt. Das Problem ist, ich bezweifle auch, dass er von selbst wieder aufwacht. Wie lange sagst Du ist es her, dass er das Bewusstsein verloren hat?“

„Jetzt gut zwei Tage.“

Sie nickte. „Und er hat, in der Zeit weder gegessen noch getrunken. Wie auch… ich will Dich nicht anlügen, aber Tiege ginge es schon ohne das Gift nicht besonders gut.“ Maen nahm das Wasser wieder von der Kerzenflamme, schüttete einen Teil davon in einen Becher und zerbröselte ein Büschel getrockneter Blätter, die stark nach Kampfer rochen. Dann reichte sie den Krug an Ordt weiter.

„Sie zu ob Du ihm wenigstens etwas zu trinken geben kannst.“

Ordt nickte und führte den Becher vorsichtig an die Lippen des bewusstlosen Paladins. Nur einige wenige Tropfen versickerten im Mund des Mannes, bis Maen ihm bedeutete, dass es genug war.

„Wer ist er eigentlich?“, wollte sie wissen. „Auch ein Ausgestoßener? Ich kenne ein paar Leute aus den Fuchsclans der Gegend, aber davon ist er definitiv keiner.“

„Er stammt aus Helike.“

„Geister wo hast Du dich in den letzten Jahren überall rumgetrieben?“

„An genug Orten, die ich nie wiedersehen möchte, belassen wir es dabei. Es sei denn Du erzählst mir, wie Du es geschafft hast, die Ältesten zu überzeugen, Dich zu einem der ihren zu machen.“

Maen lachte kopfschüttelnd, während Tiege sich plötzlich regte. Die Augen des Gejarn öffneten sich flackernd, während er sich verwirrt umsah.

„Ordt ?“ Die Stimme des sonst so vorlauten Mannes klang ungewohnt dünn, beinahe wie ein Flüstern.

„Na bitte.“, meinte Maen, „Er wird gleich wieder einschlafen, aber gib ihm vorher noch mehr zu trinken.“

„Was ist passiert?“ , verlangte Tiege derweil zu wissen, machte aber keine Anstalten aufzustehen.

„Ich erzähl Dir, so viel ich kann.“, antwortete Ordt. „Aber trink erst.“ Er reichte dem Fuchs die nach wie vor fast volle Schüssel mit Wasser.

Tiege fragte nicht mehr, sondern trank fast die ganze Schale in einem Zug aus.

„Laos, ich fühle mich grade wie bei meiner ersten Patrouille in der Wüste um Helike…“, murmelte er, während er die Schale absetzte und zurück auf die Liege sank. „Hoffentlich…“, bevor er den Satz beenden konnte, waren seine Augen bereits wieder zugefallen.

„Du hast gewusst, dass er aufwachen würde?“, fragte Ordt, nachdem Tiege sich erneut nicht mehr rührte „Warum hast du mich nicht vorgewarnt?“

„Du hättest grade Deinen Gesichtsausdruck sehen müssen.“, erwiderte die Wölfin nur. Hatte er eben noch gedacht, dass sich nicht viel verändert hatte, dann wusste er es jetzt endgültig. Ein Teil von Maen würde wohl immer das kleine, neugierige Mädchen bleiben, das schon Isbeil mehr als genug Kopfzerbrechen bereitet hatte.

„Er wird durchkommen, oder?“

Maen wurde wieder ernst.

„Ja. Aber es wird Zeit brauchen. Das Gift ist nach wie vor in seinem Körper, allerdings weiß ich jetzt zumindest, dass ich ihn wecken kann. Das heißt, ich kann ihm zu Essen und zu trinken geben und warten, bis er sich von selbst erholt.“

„Aber wenn Du ein Gegengift kennst, dann könntest Du ihn auch gleich bei Bewusstsein halten, oder?“

Maen schüttelte den Kopf und zog einige der Blätter, die sie zuvor benutzt hatte aus dem Korb und gab sie Ordt.“

„Sieh selbst.“

Ordt besah sich eines der getrockneten Blätter. Die Farbe, die wohl einmal hellgrün gewesen war, war beinahe schwarz geworden und die Räder liefen in einem seltsamen unsymmetrischen Zackenmuster.

„Wenn das ein Nachtbaum-Blatt ist, hast Du ihn grade erst echt zum Tod verdammt… das ist hochgiftig. Wie…“

„Richtig. Um genau zu sein, wenn man eine Handvoll Blätter zu sich nimmt, löst das unvorstellbare Krämpfe aus und man ist innerhalb von einigen Minuten tot. Das Gift jedoch, was Deinen Freund zu schaffen macht, tut offenbar das genaue Gegenteil. Es macht ihn bewegungsunfähig. Wenn man vorsichtig ist, kann man die Wirkung des einen mit dem anderen Aufheben. Aber nicht für lange. Und wenn ich Tiege mehr als nötig geben würde, würde ihn das genauso sicher umbringen, wie wenn wir gar nichts tun.“ Sie nahm ihm die Blätter ab und legte sie zurück. „Du… hast noch keine Unterkunft, oder?“

„Nein.“

„Das heißt, Du bleibst hier.“ Es war keine Frage, dachte er, während Maen schlicht seine Hand ergriff und ihn in den Nebenraum und in ein weiteres Zimmer führte.

Das einfache Lager aus Decken, in einer Ecke des Raums war halb verborgen hinter Regalen mit weiteren Kräutern und den verschiedenen Arbeitsutensilien eines Heilers. Ohne ein Wort zog Maen ihn mit sich, während sie sich in die Kissen fallen ließ. Ordt zog sie schlicht an sich, als sich ihre Lippen fanden. Ein wohliges Gefühl durchströmte ihn, noch nicht Lust, sondern schlicht das Wissen darum, dem Anderen nahe zu sein. Nach den letzten zwei Tagen war ihm eigentlich nur nach schlafen zu Mute. Und doch hielt er sich wach, während er Maen übers Haar strich. Ihre Wärme neben ihm vertrieb für den Moment alle Gedanken an was hinter ihm lag. Oder was noch vor ihnen liegen könnte. Jetzt grade, zählte nur das. Er war daheim, dachte er. Nach einer unvorstellbar langen Zeit.

„Weißt Du eigentlich, wie lange ich darauf gewartet habe?“ , fragte Maen leise.

„Ich habe immerhin die Tage gezählt.“, antwortete er.

 

Es vergingen gut zwei Wochen, in denen Tiege das Bewusstsein nach wie vor nur sporadisch wiedererlangte. Simon besuchte den Gejarn in paar Mal, wenn Maen ihn weckte, doch meistens schlief er genau so schnell wieder ein, wie er erwacht war. Wenigstens schiene es zu funktionieren, dachte Simon. Auch wenn er nicht wusste, wie lange noch. Er fühlte sich unruhig, während er vor dem Eingang des großen Zelts auf und ab ging. Seit Fadrins Erzählung wusste er, dass ihm die Zeit erneut davonlief, es war nur eine Frage der Zeit. Und doch hatte er es bisher nicht geschafft, noch einmal mit den Ältesten zu sprechen, von Maen einmal abgesehen. Und diese hatte ihm nicht weiterhelfen können. Nein, wenn ihm jemand über die Hintergründe des Reims aufklären könnte, dann hoffentlich die Ältesten. Und genau deshalb war er hier. Wenn nur die Wachen ihn endlich einlassen würden… Götter, Kaiser Tiberius ließ sich nicht derart absichern, wenn er mit seinen Untergebenen sprach. Und vielleicht gab es noch einen anderen Grund für das unruhige Grummeln in ihm….

Er hatte gedacht, nur Zeit zum Nachdenken zu brauchen, aber ein halber Monat war ins Land gezogen, in dem er Kiris mit allen Mitteln ausgewichen war. Er wusste nicht, was er tun würde, wenn er zu einer Entscheidung gezwungen wäre. Nicht nachdem Fadrins Worte alle seine Ängste erneut wach gerufen hatten. Simon strich sich Gedanken verloren die Haare zurück. Sobald er hier fertig wäre, würde er Ordt ebenfalls einen Besuch abstatten. Schon alleine, weil der Gejarn hier zum ersten Mal wirklich... glücklich wirkte. Sollten er und Maen Tiege gesund pflegen, dachte Simon. Noch bevor dieser Tag vorbei wäre, hätte er seine Sachen gepackt und wäre unterwegs… wohin auch immer. Wenn die Ältesten ihm helfen könnten, hoffentlich zu einem Teil des Puzzles. Dem letzten… und warum viel ihm der Gedanke dann so schwer, diesen Ort wieder zu verlassen ? , fragte er sich. Vielleicht weil er nicht wusste, ob Kiris ihn diesmal begleiten würde. Es war sinnlos, ihr etwas ausreden zu wollen, aber wo hin immer sein Weg ihn führte… es wäre das Ende dieses Schicksals-Spiels, in das er hineingezogen worden war.

Eine Stimme aus dem inneren des Zelts riss ihn aus seinen Gedanken.

„Die Ältesten werden Euch empfangen, Mensch.“, meldete einer der Wächter, der grade wieder nach draußen trat.

„Das wurde aber auch Zeit.“, knurrte Simon, während er an dem Mann vorbeitrat, eine Hand am Schwertgriff. Beinahe wünschte er sich, dass der zweite Wachposten, der im inneren des Zelts auf ihn wartete, so dumm wäre sich ihm in den Weg zu stellen. Simon spürte einen alten Zorn in sich aufsteigen, den er lange nicht mehr gekannt hatte. Aber dafür war jetzt kein Platz, sagte er sich und verbannte den Schatten wieder dorthin, wo er sein neues Heim gefunden hatte. Ganz weit weg in einem verschlossenen Winkel seines Verstands. Bleib ruhig, sagte er sich. Aber für ihn gab es keine Ruhe mehr. Es gab nur noch die Wahl zwischen einer schweren Entscheidung, der zu gehen und einer Schlechten. Er konnte nicht bleiben. Und er würde sich von einigen seiner… Freunde verabschieden müssen. Aber wenigstens, dachte er, ließ er sie in guten Händen. Nach wie vor war der Gedanke seltsam, seine ungleichen Gefährten als Freunde zu sehen. Aber diese Reise hatte mehr aus ihnen gemacht, als eine Zwangsgemeinschaft. Und vielleicht auch mehr aus ihm selbst, wer konnte das schon sagen.

 

 

Kapitel 41

Glück

 

 

 

 

 

Als Simon zum letzten Mal hier gewesen war, war es bereits dunkel, doch selbst jetzt mitten am Tag, lag das Innere des großen Zelts im Zwielicht. Einzelne Lichtbahnen fielen durch die groben Nähte der Dachplanen und zeichneten ein Mandala aus hellen Linien und Punkten, die sich um das Feuer herum anordneten. In dem Steinrund in der Raummitte, brannten heute keine Flammen, lediglich einige verkohlte Äste deuteten darauf an, dass hier in den vergangenen Stunden jemand gewesen war. Das und die drei Gestalten, die auf ihren Lehnstühlen um die Feuerstelle herum saßen. Simon bezweifelte, dass die Ältesten sich selbst um viel kümmern mussten, schon gar nicht um solche Kleinigkeiten wie Feuer zu machen. Nein, diese Drei repräsentierten das Beste ihres Volks. Oder besser, sie sollten es zumindest. Vielleicht waren die Unterschiede zwischen der Politik der Menschen und der der Gejarn gar nicht so groß. Nur die Maßstäbe waren anders….

„Ihr wolltet uns sprechen?“

Er nickte. „Ich nehme an, Maen wird nicht zu uns stoßen?“, fragte er mit einem Blick auf den leeren Platz.

„Nein.“, antwortete eine der Gestalten kurz angebunden, aber ein wenig zu hektisch. Sie mochten grade versuchen völlig ruhig zu erscheinen, aber Simon bemerkte ihre Nervosität trotzdem. Er hatte jahrelange Übung darin. Und er hatte auch gelernt, sich diese Furcht zunutze zu machen. Aber nicht Heute, ermahnte er sich. Und nie wieder, wenn er die Wahl hatte.

„Ich will es kurz machen, ich suche nach etwas… recht Speziellen könnte man sagen. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht einmal, worum es sich genau handelt. Aber es wurde mir als ein aus Schatten wiedergeborenes Juwel beschrieben.“ Nun musste er zum Punkt kommen, dachte er. Aber er wollte Fadrin hier heraushalten. Simon wusste nicht, ob die Ältesten es ihm nicht übel nehmen könnten, wenn er erzählte, wo er den Reim aufgeschnappt hatte, der seine letzte Hoffnung darstellte.

„Mir ist ein Gedicht zu Ohren gekommen, das dem was ich suche, recht ähnlich klingt. Ein Stein, aus Schatten geboren und in seinem Kiel folgt der Sturm. Mich würde sein Ursprung interessieren.“

„Es ist kein vollständiges Gedicht.“, meinte einer der Ältesten, „Diese Worte stammen aus einer Erzählung meines Volkes, die von einem unserer größten Anführer handelt. Aber die spezielle Stelle, die Ihr erwähnt habt, spricht vom einzigen Rückschlag, den er je hinnehmen musste. Er war mit einer Expedition des damaligen Kaisers weit über die Grenzen unseres Gebiets hinaus gewandert, bis über die Berge und in das ewige Eis des Nordens. Dort schließlich, fand er die Überreste einer Stadt, eine, die einstmals vom alten Volk erbaut worden war.“

„Und was geschah dann?“ Auf Ruinen, die das alte Volk bei seinem Verschwinden hinterlassen hatte, konnte man fast in ganz Canton und sogar darüber hinaus treffen. Nur irgendetwas hier musste anders sein. Etwas, das ihm einen Hinweis gab.

„Es war nicht viel übrig, nur einige Säulen und Grundmauern, aber nach einigen Tagen der Suche, fanden sie einen Eingang, der zu einem unterirdischen Teil der Anlage führte. Der Ahne und einige seiner Gefährten stiegen in die Tiefe hinab und was sie dort fanden, muss sie noch bis ins hohe Alter verfolgt haben. Sie gelangten in eine Art Labyrinth, in dem sie scheinbar Stunden lang umherirrten. Und durch die uralten Felsgänge drang ein unwirtliches Licht, das sie vorantrieb, ein Licht, das von einem Stein in der Dunkelheit ausging, einem Kristall. Ihr wisst, dass das alte Volk seine Macht in diesen Steinen speichern konnte?“

Simon nickte. Er hatte selber mehr als einmal auf einen dieser Steine zurückgegriffen. Es war die einfachste Methode für einen Magier, seine eigenen Fähigkeiten zu erhöhen. Wenn auch nicht immer ganz ungefährlich, handelte es sich doch um Artefakte, deren wahrer Zweck teilweise völlig unbekannt war.

„Offenbar fanden sie genau das in den Tiefen. Es, verzeiht, ich schätzte, Ihr wisst mehr darüber als ich, aber es schien sie zu locken, zu rufen…. Irgendwann bemerkte der Ahne, dass etwas daran nicht stimmte und versuchte seine Gefährten zum Umkehren zu bewegen. Einige folgten ihm, zurück ins Licht. Andere… gingen weiter. Von ihnen wurde nie wieder jemand gesehen und bevor jemand nachsehen konnte, wurde die Expedition angegriffen.“

„Angegriffen? Von was?“

Sein Gegenüber zuckte mit den Schultern. „Es wird nur als Feuer vom Himmel beschrieben.“

Simon schwieg eine Weile, nachdem der Älteste seine Geschichte beendet hatte. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Vielleicht, war über die Generationen einfach zu viel Legende hineingeraten und die Wahrheit sähe ganz anders aus. Aber, dachte er, das glaubst du doch selber nicht. Es konnte kein Zufall sein, dazu passte es zu gut.

„Und Ihr könnt mir auch verraten, wo genau sich dieser Ort befindet, den Euer Ahne besucht hat?“

„Ich kann Euch den Weg beschreiben, soweit wir ihn noch überliefert haben.“

„Ich bitte Euch darum.“

 

Als Simon das Zelt wieder verließ, wusste er, dass ihm erneut eine lange Reise bevorstehen würde. Wie die Ältesten gesagt hatten, der Ort, den er suchte, befand sich wirklich im äußersten Norden Cantons, noch weit hinter Silberstedt und den letzten bewohnten Außenposten. Wenn er wie geplant noch heute aufbrach, würde er Wochen brauchen, um auch nur in die Nähe zu gelangen. Falls die Ruinen überhaupt noch existierten, hieß das. Aber zumindest, was das anging, war er mehr als zuversichtlich. Bisher war alles, jedes einzelne Teil des Rätsels, irgendwie zu ihm gekommen. Es würde sich wohl ergeben, wenn er sich auf den Weg machte, ob die vagen Beschreibungen der Ältesten ihn nun zu seinem Ziel brachten, oder nicht.

Er lenkte seine Schritte zum Rand der Siedlung, während er darüber nachdachte, wie es weitergehen sollte. Nach wie vor war nicht einmal sicher, ob er die Reise wirklich antreten sollte. Wenn dieser Ort wirklich eine Rolle in Delias Spiel spielte, dann würde ihr Plan nicht aufgehen, wie auch immer dieser aussähe, wenn er nicht auch hingehen würde. Vielleicht, dachte Simon, hatte er eine Schwachstelle gefunden, einen Weg, diese ganze Prophezeiung anzuhalten. Götter, wenn dem so wäre… aber das hieße auch, jede Möglichkeit, seine Kräfte je zurückzugewinnen aufzugeben. Ein seltsamer Gedanke. Bisher hatte er sich derart darauf versteift, irgendwie voranzukommen, dass er einfach… vergessen hatte, wieso. Aber konnte er nach allem, was geschehen war, überhaupt noch einen anderen Weg einschlagen?

Ohne es zu merken, hatte er bereits den äußeren Rand des Nomaden-Dorfs erreicht. Der Waldrand bildete hier eine dichte Mauer aus Baumstämmen und Zweigen und nur an einigen wenigen Stellen verrieten kaum ausgetretene Pfade, wo man sicher hindurch gelangen konnte. Simon betrat einen dieser halb verborgenen Wege. Er hatte in den letzten Wochen genug Zeit gehabt, sich die Umgebung anzusehen, und heute zog es ihm zu einem Platz, den er erst vor einigen Tagen entdeckt hatte. Angst davor, sich zu verirren, musste er keine haben. Die Gejarn patrouillierten die angrenzenden Wälder regelmäßig und es wäre schon ein Wunder nötig, um nicht früher oder später auf einen ihrer Spähtrupps zu stoßen.

Vorsichtig trat er über einen kaum sichtbaren Faden über den Weg hinweg. Hätte er nicht längst gewusst, dass er da war, er hätte ihn wohl übersehen. Und das war auch Sinn der Sache. Das System war so einfach wie narrensicher. Ein Stolperdraht, an dessen anderen Ende eine Glocke hing. Würde eine davon ausgelöst, wäre sofort die ganze Siedlung auf den Beinen, um nachzusehen, welche Fremden so nahe an ihre Häuser herangekommen waren… oder welcher ihrer eigenen Leute so in Eile war, dass er die Drähte ignorierte.

Simon hielt den Blick jetzt ständig zu Boden gerichtet, um den Weg nicht zu verlieren. Auf dem mit Blättern und Zweigen bedeckten Boden war es schwierig der Spur zu folgen, aber nach einer Weile, lichtete sich der Wald etwas und gab den Blick auf eine breite Wasserfläche frei. Bis auf den schmalen Streifen Land, auf dem Simon sich nun wiederfand, war das restliche Ufer von dichtem Schilf umwuchert, sodass man das andere Ende des Sees nicht sehen konnte. Dafür jedoch zeigten sich ab und an ihm bereits vertraute Lichtpunkte, die zwischen den Schilfgürteln auftauchten und über das Wasser huschten.

Simon ließ sich einige Schritte vom Seeufer entfernt nieder und sah den glühenden Phantomen bei ihrem Tanz zu. Irrlichter, dachte er. Eigentlich überraschte es ihn kaum, diesen Wesen erneut zu begegnen. Am Ende hatte ein wichtiger Teil seiner bisherigen Reise erst mit ihnen begonnen. Es schien nur passend, dass ein weiterer Abschnitt damit enden würde. Der Gedanke ließ ihn ungewohnt melancholisch werden.

„Wusste ich doch, dass ich Dich hier finde.“, meinte eine Stimme hinter ihm. Kiris trat zwischen einigen Sträuchern hinaus, welche die Waldgrenze bewuchsen. Ein einzelnes Blatt hatte sich in ihren Haaren verfangen, das sie achtlos beiseite wischte.

„Sag jetzt nur nicht, Du bist mir gefolgt.“ Simon sah erneut auf den See hinaus, hauptsächlich, damit Kiris nicht bemerkte, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete.

„Ich habe vielleicht gesehen, wie Du nach dem Treffen mit dem Ältesten das Dorf verlassen hast.“, gab sie zu, während sie sich neben ihn setzte.

„Was ist passiert?“

„Grob gesagt, es wird noch einmal ein weiter Weg.“, antwortete er. „Und ich werde Ordt nicht mitnehmen.“

„Und nicht nur Ordt oder ? Du willst mich bitten, auch hierzubleiben.“ Er wusste bereits, dass ihr der Vorschlag nicht gefallen würde. Und dafür gab es zwei einfache Gründe. Welchen Fluch, dachte Simon, habe ich nur auf mich geladen, dass ich die Loyalität und Liebe derer erhalte, die ich verletze?

„Es sind gute Leute hier, Kiris. Und Maen wird auf Euch achten. Fadrin auch.“

„Darum geht es Dir aber gar nicht.“ , stellte sie fest.

„Seit Fadrin diesen verfluchten Reim erwähnt hat… Du grenzt dich selbst aus Simon. Von uns allen.“

„Und welche Wahl habe ich, außer zuzusehen, wie doch noch jemand meinetwegen stirbt ? Tiege hatte Glück. Die einzige andere Möglichkeit wäre, meine Suche aufzugeben, Kiris. Ich weiß nicht, was besser ist.“

„Und ich kann Dir die Entscheidung nicht abnehmen.“, antwortete sie. „Nicht einmal wenn ich es dürfte. Wenn Du mich darum bittest, werde ich mit Ordt und den anderen hierbleiben. Aber nur unter einer Bedingung.“

Die wäre?“ , fragte er, während er sich zu ihr umdrehte.

„Komm lebend wieder.“ Kiris klang todernst. Aber das, dachte er, wäre ein Versprechen, dass er nicht geben könnte. Allein der Weg bis in den Norden wäre gefährlich und was ihn dann dort erwartete… die alten Legenden der Ältesten enthielten sicher einen Funken Wahrheit. Es ging hier nur um eines, sagte Simon sich selbst. Was wollte er?

In seinem Kopf fand das reinste Tauziehen statt, zwischen dem Verlangen, dem allen endlich einen Sinn zu geben, endlich zu beenden, was er vor Monaten begonnen hatte… und der schlichten Tatsache, dass es ihn nicht mehr interessierte. Es war zu viel Zeit vergangen. Seine Fähigkeiten waren dahin. Und er hatte längst gelernt, ohne sie zu leben. Doch er wusste auch, wen er nicht mehr missen wollte. Jeden seiner Gefährten, Ordt, Tiege… Kiris….

Er hob vorsichtig eine Hand und ließ sie hinauf zu ihrer Wange wandern. Die warme Haut unter seinen Fingern, der Blick in Kiris Augen, gab endgültig den Ausschlag. Er wusste, was er wollte. Simon lehnte sich vor und eher als gedacht, fanden sich ihre Lippen, als Kiris ihm entgegenkam.

Sollte die Seherin doch bleiben wo sie wollte, dachte er, während sie umschlungen zu Boden sanken. Sie lachte, während sie sich auf seinen Schoß zog und erneut küsste. Das war, was er wollte. Er wollte Kiris, die Frau, der er so viel genommen hatte… und ihm vielleicht mehr gegeben hatte, als er ihr vielleicht je ganz klar machen könnte. Und nichts anderes. Vergessen war der Orden, vergessen die Worte düsterer Prophezeiungen und die Rufe des Schicksals. Es war gut, wie es war. Solange er sie hatte. Auf eine Art fühlte er sich zum ersten Mal vollends… glücklich.

 

 

Kapitel 42

Angriff

 

 

 

 

 

Roderick lauschte ins Halbdunkel, während er seinen zwei Begleitern bedeutete, stehen zu bleiben. Es hatte sie Zeit gekostet, die Gejarn wiederzufinden. In den dichten Wäldern der Herzlande, wirkte alles gleich und die tiefen Schatten unter dem Blätterdach machten die Sache nicht einfacher. Nur einige Lichttupfer erreichten jemals den Waldboden und zeichneten ein, sich mit dem Wind wandelndes, Muster.

Nachdem er jedoch sicher war, sich wieder auf den richtigen Weg zu befinden, hatte er den Großteil seiner übrigen Leute zurückgelassen. Mit dem Gold, das der oberste Ordenszauberer ihm zur Verfügung gestellt hatte, hatte er zusätzlich zu einer Handvoll Magier noch einige Söldner angeheuert. Sobald sich so viele bewaffnete Männer näherten, würden die Wölfe zwangsweise aufmerksam werden. Und das wollte er vermeiden. Zwar waren sie besser ausgerüstet, aber sie waren weniger. Und wenn sie das Überraschungsmoment verloren, wusste er nicht, wer den Sieg davontragen würde. Er hatte kein Vertrauen in die Macht der Hexer. Roderick wusste selber zu gut, wie schnell man diese Kräfte überwinden konnte.

Er überzeugte sich kurz davon, dass seine beiden Gefährten tatsächlich blieben, wo sie waren, bevor er vorsichtig weiterging. Das war noch zu einfach, dachte Roderick, die Augen zu Boden gerichtet und alle Sinne angespannt. Seine Ohren waren nicht so gut, wie die eines Gejarn, aber sie reichten aus. Ihm würde nicht entgehen, wenn sich jemand näherte. Aber alles blieb ruhig. Trotzdem wurde er das Gefühl, beobachtet zu werden nicht los. Und dann sah er etwas im Sonnenlicht aufblitzen. Ein hauchdünner Draht verlief keinen Fingerbreit von seiner Stiefelspitze entfernt. Hätte sich nicht zufällig ein Lichtstrahl genau zu diesem Punkt verirrt, er wäre glatt hineingelaufen. Langsam hob er den Blick und folgte dem Verlauf des Stolperdrahts. In einem der Bäume, keine zwanzig Schritte entfernt hing etwas, das er auf den ersten Blick als eine Glocke erkannte. Ein falscher Schritt und er hätte sie verraten. Es hatte sich also doch als richtig erwiesen, seine beiden Begleiter zurückzulassen. Einer davon wäre garantiert in die Falle getappt.

Roderick richtete sich auf und gab den Männern ein Zeichen, zu ihm zu kommen.

„Aber seit vorsichtig und achtet, wohin Ihr tretet.“, erklärte er, während er ein Messer aus seinem Gürtel zog und den Faden durchschnitt. Es wäre ganz sicher nicht das Einzige Hindernis auf ihrem Weg, dachte er, bevor etwas mit einem säuselnden Laut an ihm vorbei zischte, kurz darauf gefolgt von einem zweiten. Zwei dumpfe Schläge folgten, als sich die Pfeile in die Kehlen der zwei Söldner bohrten. Der dritte Pfeil jedoch, fand sein Ziel nie. Roderick warf sich beiseite, grade noch rechtzeitig, den er spürte, wie der Federkiel seinen Hals streifte. Der Assassine stand vorsichtig wieder auf, das Messer umklammert. Im gleichen Augenblick fiel ein Schatten aus den Zweigen der Bäume und landete wenige Armlängen von ihm entfernt. Es war ein Wolf, hochgewachsen und schlank. Das, bis auf einen Silberstreif auf der Stirn, komplett schwarze Fell verbarg ihn fast vollständig im Halbdunkeln, solange er sich nicht bewegte. Da einzige, das ihn verriet, war das schwache gelbliche Glühen seiner Augen, die sich genau auf Roderick richteten.

Locker auf einen Bogen gestützt, mit dem er zuvor die anderen beiden Männer ausgeschaltet hatte, schien er nicht im Geringsten beunruhigt über den Fremden in ihrem Gebiet.

„Mein Name ist Fadrin. Und ich weiß nicht, wer Ihr seid.“, begann er, „ehrlich gesagt interessiert es mich auch nicht. Aber wenn Ihr nicht sofort verschwindet, verfehlt mein nächster Pfeil sein Ziel nicht mehr.“ Mit diesen Worten hob der Wolf den Bogen und schneller, als selbst Roderick das für möglich gehalten hätte, wanderte ein weiterer Pfeil auf die Sehne. „Wir verstehen uns?“

Der Gejarn machte einen Schritt vorwärts, auf Rodericks Kehle zielend. Ein Lichtstrahl, der durch die Blätter fiel enthüllte grün-braune Waldkleidung und einen halb leeren Köcher über der Schulter der Gestalt.

„Ich wollte Euch grade dasselbe raten.“, antwortete Roderick und seine Hand wanderte zum Schwertgriff.

Sein Gegenüber zog amüsiert eine Augenbraue hoch.

„So? Nun, ich habe Euch gewarnt.“

Mit diesen Worten riss Fadrin den Bogen erneut hoch und lies die Sehne los. Im gleichen Augenblick zog Roderick das Schwert. Die Waffe, die er Tiege genommen hatte, lag um ein vielfaches besser in der Hand, als der fast wertlose Stahl Cantons. Er hatte nur eine Gelegenheit, dachte er. War er zu langsam oder die Klinge im falschen Winkel, wäre er tot. Es war eine Sache, einem Pfeil auszuweichen. Eine gänzlich andere war es, ihn ohne Schild abzuwehren. Roderick wusste, der Wolf zielte wie bei den anderen auf seine Kehle…. Im nächsten Moment ging ein Ruck durch seinen Körper, als das Projektil mit einem hellen Klang vom Klingenblatt abprallte und harmlos davon segelte.

Fadrin sah dem Pfeil nur fassungslos nach, die Selbstsicherheit, die er grade noch gezeigt hatte, zunichte. Wo ein anderer jedoch schlicht stehen geblieben wäre, bewies der Wolf jedoch bereits die Instinkte eines Kriegers. Rasch hatte er einen zweiten Pfeil auf die Sehne gespannt und legte an. Roderick wusste nicht, ob er sein Kunststück wiederholen könnte und so blieb ihm nur eins, er preschte vor, die Klinge zum Schlag erhoben und überbrückte die Entfernung zwischen ihnen. Statt seinem Gegner jedoch mit seinem Angriff zuvorzukommen, traf die Klinge auf Holz, als Fadrin seinen Bogen zwischen sich und das Schwert brachte. Das schwächere Material gab zwar ein beunruhigendes Knirschen von sich, hielt jedoch stand. Bevor Roderick sich etwas anderes überlegen konnte, versetzte der Gejarn dem Bogen auch bereits einen Stoß, sodass die Waffen sich lösten und schlug dann nach den Beinen seines Kontrahenten. Roderick sprang darüber hinweg und landete, schwer atmend, einige Schritte von Fadrin entfernt wieder auf den Füßen. Hier im Schatten und auf seinem Gebiet hatte der Wolf einen klaren Vorteil, dachte er. Zumindest, wenn er weiterhin fair spielte…. Seine Augen wanderten in Richtung seines Messers, das vergessen auf dem Waldboden lag.

„Du weißt nicht, mit wem Du dich anlegst, Junge.“, warnte er sein Gegenüber, während er vorsichtig einen Schritt in Richtung der Waffe machte.

„Ich glaube, das weiß ich sogar ziemlich genau.“

Fadrin folgte der Bewegung seines Gegners mit den Augen. Der Wolf hatte angebissen, dachte Roderick erleichtert. Er kam hier doch noch irgendwie raus. Mit diesem Gedanken machte er einen weiten Ausfallschritt zur Waffe. Es musste einfach so aussehen, als wollte er sich das Messer holen. Im gleichen Augenblick stürzte sich Fadrin auch schon auf die Waffe, mit viel zu viel Schwung, als das er noch verhindern könnte, in die Falle zu tappen. Statt es dem Gejarn gleich zu tun, setzte Roderick an ihm vorbei und führte das Schwert dabei in einer Aufwärtsbewegung. Das Geräusch als Stahl und Fleisch aufeinandertrafen, ging im erstickten Schrei seines Gegners über, als die Brust des Wolfs aufgeschlitzt wurde. Der tödlich verwundete Fadrin stolperte noch ein paar Schritte weiter, bevor er auf die Knie sank.

Einer weniger, der zwischen ihm und seinem eigentlichen Ziel stand, dachte Roderick. Sobald er Simon erst einmal aufgespürt und erledigt hatte, könnte er für den Rest seiner Tage sorgenfrei leben. Was nicht unbedingt hieß, dass er die Jagd aufgeben würde. Ein düsteres Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Jetzt musste er nur noch den restlichen Weg sichern….

Das Lächeln gefror auf seinem Gesicht, als er hinter sich eine Bewegung spürte. Das gab es doch nicht….

Fadrin kam zitternd wieder auf die Füße, den Bogen in der Hand. Unendlich langsam, beinahe so, das Roderick zu ihm laufen und ihm das Projektil wegnehmen hätte können, legte er einen letzten Pfeil auf die Sehne.

„Habt Ihr noch nicht genug?“ , fragte Roderick. Nun war es an ihm, selbstsicher zu sein. Auch wenn er keine Ahnung hatte, wie der Mann sich überhaupt noch auf den Beinen hielt, er konnte kaum zielen und war so gut wie tot. Diesmal würde er keine Probleme haben, dem Angriff einfach auszuweichen.

Der Wolf antwortete nicht, sondern spannte den Bogen. Zu spät erkannte Roderick, dass er nicht auf ihn zielte.

„Nein !“ Er schlug im selben Moment zu, in dem der Pfeil von der Sehne schnellte, weit an ihm vorbei, zu einem kleinen, kaum sichtbaren Stück Metall in den Bäumen. Der Klang, als die Glocke getroffen wurde, ging ihm durch Mark und Bein. Im selben Augenblick bohrte sich das Schwert zum zweiten Mal in den Körper des Wolfs, der daraufhin endgültig in sich zusammenbrach. Die Glocke wiederum verhallte nur langsam, ihr Läuten breitete sich unaufhaltsam durch den Wald aus….

Roderick zog die Klinge aus dem Leichnam und rannte los, zurück zu seinen restlichen Leuten. Wenn er noch eine Chance haben wollte, mussten sie jetzt sofort zuschlagen. Noch im Laufen löste er eine Phiole von seinem Gürtel und entkorkte sie. Ein neues Gift. Diesmal musste er Simon nur töten….

 

Ordt hörte die Warnglocke grade, als Tiege die Augen aufschlug. Es war ein mittlerweile ziemlich vertrautes Ritual und in den vergangenen Wochen, blieb der Paladin immer länger wach, ohne, dass Maen ihm mehr von ihren Kräutern hätte geben müssen. Trotzdem bestand er meist darauf, dabei zu sein, und war es nur, damit der Mann nicht ganz alleine war. Es war schwer, Tiege zu erklären, was vor sich ging, wenn er ohnehin schnell wieder das Bewusstsein verlor, doch mittlerweile war ihm wohl klar, wo er sich befand und wer Maen war.

„Was ist das?“, fragte der Fuchs irritiert, während er fast schon automatisch nach der Wasserschale griff, die die Wölfin ihm reichte.

„Nichts Gutes.“, antwortete die Gejarn und stand von der Seite der Liege auf, auf der Tiege ruhte. Mit wenigen Schritten war sie am Fenster und spähte nach draußen, kehrte jedoch kopfschüttelnd zurück. “Keine Sorge, hier solltet Ihr eigentlich sicher sein. Wir liegen abseits der Siedlung. Wenn es jemand auf uns angesehen hat, wird er es zuerst dort versuchen, nicht hier. Sobald Ihr schlaft, gehen ich und Ordt nachsehen.“

Mit diesen Worten kehrten sie an die Seite des Wolfs zurück, der Tiege derweil am, aufstehen hindern musste. Der Fuchs jedoch schüttelte ihn ab.

„Auf Euch abgesehen?“, wollte er wissen und erhob sich schwankend. Nach fast einem Monat, den Tiege größtenteils bewusstlos verbracht hatte, trugen seine Beine ihn nur unwillig. Und offenbar verlor Maens Medizin bereits ihre Wirkung.

„Ihr könnt sowieso nichts tun.“, versuchte Ordt seinen Freund zu beruhigen. „Vielleicht ist es auch nichts und nur ein Tier, das sich in den Seilen verheddert hat.“

„Ja, sicher.“, gab die Wölfin zurück.

Tiege jedoch schüttelte den Kopf.

„Das glaubt Ihr selber nicht.“ Mit einem Seufzer sank er auf die Liege zurück, kämpfte jedoch nach wie vor gegen die Ohnmacht an.

„Ich weiß nur, Ihr habt mir geholfen Maen… und ich denke, ich kann es Euch zurückzahlen. Gebt mir irgendwas, damit ich länger wach bleibe. Ich kann Euch helfen.“

„Ihr helft Niemanden, wenn Ihr euch umbringt. Und das ist, was geschehen wird, wenn ich tue was Ihr verlangt.“, gab die Wölfin zurück.

„Und wenn…“, setzte Ordt an.

„Er wird ohnehin gleich wieder schlafen.“, gab Maen zurück. „Keine Sorge, ich bin sicher, es ist wirklich ni….“

Weiter kam sie jedoch nicht mehr, als sich draußen Stimmen und Schritte erhoben, kurz darauf gefolgt vom entfernten Klirren von Stahl, der auf Stahl traf.

Tiege ergriff derweil ihr Handgelenk.

„Bitte…“

Eine Weile sagte niemand etwas, während die Wölfin lange nachzudenken schien. Ordt wusste nur zu gut, was in ihr vorging. Und er wusste auch zu gut, was auf dem Spiel stand. Er wusste nicht, ob er diese Entscheidung an ihrer statt treffen könnte….

„Das meiste Gift sollte Euer Körper schon alleine beseitigt haben.“, erklärte sie schließlich. „Ich brauche Euch also keine Dosis geben, die Euch unter Garantie umbringen würde. Euch ist aber klar, das Euch das nach wie vor töten könnte?“

„Das Risiko gehe ich ein.“

„Ich… schön, es ist Eure Entscheidung.“, mit diesen Worten stand Maen auf und verschwand mit eiligen Schritten in ihrer kleinen Vorratskammer. Ordt blieb derweil bei Tiege und half ihm, erneut aufzustehen. Wenige Augenblicke später kehrte die Wölfin bereits zurück, eine Handvoll Blätter mit sich tragend.

„Nur damit das klar ist.“, meinte sie. „Ich halte das immer noch nicht für eine gute Idee.“

 

 

 

 

Kapitel 43

Erfülltes Schicksal

 

 

 

 

 

Ein halber Monat war ins Land gezogen, ohne, das sich viel getan hätte. Tiege war nach wie vor bewusstlos, auch wenn Maens Medizin langsam Wirkung zu zeigen schien. Der Mann atmete nicht mehr so bedrohlich flach wie bei ihrer Ankunft und wenn er einmal wach war, war sein Verstand meist überraschend klar. Ordt seinerseits hatte nie gefragt, was Simon überhaupt als Nächstes vorhatte und sollte er es tun… die Antwort war klar, dachte er, während er sich zu der schlafenden Gestalt neben sich umdrehte. Kiris hatte sich zum Fenster gedreht, durch das die Sonne hereinschien. Simon überlegte, aufzustehen, dann jedoch entschloss er sich doch, noch liegen zu bleiben. Einen Moment wenigstens, dachte er. Eines hatte er mittlerweile gelernt, in der Siedlung der Gejarn gab es immer etwas zu tun und er nahm nur zu gerne Anteil daran. Wenn er die Gastfreundschaft der Wölfe irgendwie zurückzahlen konnte, würde er es tun. Vielleicht würde er sogar ein Handwerk lernen.

Fadrin war über Nacht auf Jagd gegangen und auch am Morgen nicht zurückgekehrt. Das war so weit nichts Ungewöhnliches, war der Wolf doch schon einmal tagelang verschwunden, doch Simon dankte ihm stumm dafür. Auch wenn er sich inzwischen entschlossen hatte, hierzubleiben, fürs Erste wohnten er und Kiris weiterhin in der Hütte des Gejarn und so war jede Gelegenheit, alleine mit ihr zu sein, kostbar genug.

Gedankenverloren musterte er die Frau, die mit dem Rücken zu ihm lag. Wie sehr sich sein Leben doch in so kurzer Zeit umgekehrt hatte. Er war mal verrückt genug gewesen, zu glauben, er würde Tiberius ablösen. Und er musste wahrhaft verrückt gewesen sein… Größenwahnsinnig… nun, damit mussten sich jetzt andere herumschlagen. Sollte Erik mit seinem neuen Posten glücklich werden, ihn würde er nicht wiedersehen….

„Bereust Du es schon?“ Kiris hatte sich zu ihm umgedreht, ohne dass er es gemerkt hatte.

„Was?“, fragte er.

„Nicht gegangen zu sein.“

Simon lachte.

„Nein. Und das werde ich auch nicht.“, antwortete er. Die Entscheidung stand. Und es war eine Weile her, dass er das letzte Mal überhaupt daran gezweifelt hatte. Im Gegenteil. Mit jedem Tag, der verging, geriet seine Vergangenheit mehr in Vergessenheit. Er liebte Kiris. Das zählte. Was weiter daraus werden würde, musste die Zukunft zeigen. Und die gehörte endlich wieder ihm.

„Ich habe nur grade an einen alten… Freund gedacht.“, meinte er schließlich. „Es gibt immer noch ein paar Leute, denen ich nie wieder begegnen will. Einer davon hatte Spaß daran, mir mit seinen Gedanken die Rippen zu brechen.“

Kiris schüttelte den Kopf.

„Sind alle Zauberer von Natur aus völlig wahnsinnig?“

„Genug, schätze ich. Und das trifft wohl nicht nur auf Magier zu.“

In diesem Moment hallte der Klang einer einzelnen Glocke durch den Raum. Ein heller Ton, doch das Lächeln auf Simons Zügen erlosch augenblicklich. Nein, dachte er, während Kiris aufstand um nach draußen zu sehen. Das war nicht gut.

Simon folgte ihr, nicht jedoch ohne zuvor seine Waffe von der Bettseite zu nehmen. Das war ein Alarm gewesen. Und er war nicht bereit, zu glauben, dass es sich dabei um Zufall handelte. Spätestens der Blick aus dem Fenster bestätigte seine Vermutung. Das Dorf war in heller Aufregung, Dutzende von Gejarn strömten über die Wege in Richtung Dorfzentrum, Bögen oder Schwerter mit sich führend, während andere sich in ihren Häusern verbarrikadierten. Das wiederum kam für ihn nicht in Frage.

„Wir sollten nach den Anderen sehen.“, meinte Kiris ernst und er stimmte ihr mit einem Nicken zu. Ordts und Maens Hütte befand sich etwas abseits der Siedlung. Wenn wirklich Gefahr drohte, würden sie dort vielleicht gar nichts davon mitbekommen, bis es zu spät war. So oder so, er wollte so viele seiner Freunde in Sicherheit wissen, wie nur möglich.

„Was immer auch passiert, bleib bei mir.“, erklärte Simon, bevor er die Tür aufstieß und in die kühle Morgenluft hinaus trat. Auf den ersten Blick wirkte nach dem verklingen der Glocke alles ruhig, sah man davon ab, das die Straßen nun beinahe gespenstisch leer waren. In seinem Verstand hämmerte es, während er und Kiris rasch einem Weg zwischen den Gebäuden hin zum großen Zelt in der Dorfmitte folgte. Immer wieder nur ein Wort : Nein. Er hatte geglaubt hier sicher zu sein, oder? Er hatte geglaubt hier alles hinter sich gelassen zu haben….

Mittlerweile hatten er und Kiris das Dorfzentrum erreicht. Hunderte wenn nicht mehr Gejarn hatten sich in einem Halbkreis um das Zelt versammelt, vor dem bereits die Ältesten mit ihrer Leibgarde standen. Die Clanführer schienen genau so nervös, wie alle Anderen, den noch schien niemand zu wissen, worin die Gefahr bestand. Nur, dass sie da war. Simon konnte die Anspannung in der Luft geradezu greifen. Ein Funke nur, und alles würde in Flammen aufgehen.

Eine Bewegung am östlichen Waldrand zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Erst eine, dann eine zweite und schließlich immer mehr Gestalten tauchten zwischen den Bäumen auf, Musketen oder Schwerter tragend. Die meisten trugen einheitlich dunkle Kleidung, doch meinte Simon auch einmal, die türkisfarbene Robe eines Zauberers zu erkennen. Doch der Mann wurde so schnell wieder von der Masse der Soldaten verschluckt, dass er sich nicht sicher sein konnte. Ansonsten jedoch, gab es keinerlei Rangzeichen, nichts, das sie irgendwie auswies…. Noch ein Grund unruhig zu werden, dachte er. Keine einfachen Banditen wären so dumm, sich mit einem ganzen Clan anzulegen. Die Waffen der kleinen Armee klirrten, als die Männer auf ein stummes Zeichen hin anhielten. Beinahe hätte man meinen können, die Schlacht hätte bereits begonnen…

„Wer sind die?“, fragte Kiris.

„Keine Ahnung.“, gab Simon zu. Doch er hatte eine düstere Vorahnung. „Und ehrlich gesagt kümmert es mich nicht. Bei erster Gelegenheit schlagen wir uns zu Ordt und Maen durch und warnen sie.“

Und vor allem wäre Kiris so in Sicherheit, dachte er. Maens Haus lag genau in der den Soldaten entgegengesetzten Richtung.

„Danach sehen wir, was wir hier ausrichten können.“

Noch während er sprach, kam Unruhe in die Reihen der Soldaten am Waldrand. Die Männer traten hastig beiseite um einer einzelnen Gestalt in schwarzer Kleidung Platz zu machen. Ein Schwertgriff, in dessen Knauf ein Sonnenemblem eingelassen war, ragte über einen Rücken. Simon lief ein kalter Schauer über den Rücken, als sich seine schlimmsten Befürchtungen auf einen Schlag bewahrheiteten.

Roderick sah sich ohne sichtbare Gefühlsregung um, während er die Hand hob. Darin lag ein Gegenstand, den er erst in diesem Moment als Bogen erkannte. Und nicht irgendeiner, dachte Simon. Fadrin….

Auch Kiris musste erkannt haben, zu wem die Waffe gehörte.

„Nein…“ Ihre Gesichtszüge nahmen einen harten Ausdruck an, während sie zu dem Assassinen sah.

Währenddessen war einer der Ältesten aus dem Schutzkreis seiner Wächter heraus getreten. Wie zuvor Rodericks Soldaten ihm, machten die Gejarn ihrem Anführer respektvoll Platz. Aber ohne die von Furcht getriebene Eile, welche die Männer des Auftragsmörders an den Tag legten.

„Dürfte ich vielleicht erfahren, was Ihr wollt, dass Ihr hier mit einer kleinen Armee auftaucht, Fremder?“, rief er Roderick zu.

„Nur, dass Ihr den Verräter Simon Belfare und seine Gefährten herausgebt. Sie werden allesamt vom Kaiser gesucht. Solltet Ihr Euch weigern, setzte ich den Willen seiner Majestät, mit Freuden, mit anderen Mitteln um.“

Täuschte Simons sich, oder klang der Mann weniger selbstherrlich als sonst? Ganz offenbar hatte das anders ablaufen sollen, überlegte er. Auf den ersten Blick wirkte Rodericks Truppe schlagkräftig, aber… sie waren um einiges weniger, als die Gejarn. Hatte er anfangs etwas einen Überraschungsangriff geplant? Wenn ja, musste die Alarmglocke ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht haben… Aber auch so….

„Ich fürchte, dann haben wir ein Problem.“, erklärte der Älteste gelassen. Offenbar war ihm ebenfalls aufgefallen, dass es Roderick an Leuten mangelte. Was jetzt jedoch folgen würde, war sowohl ihm, als auch Simon nur all zu klar.

„Ich wünschte ich hätte noch die Macht, das alles zu verhindern.“, flüsterte er an Kiris gerichtet. Er wollte nichts hiervon. Und doch, er konnte auch nicht sich, Ordt und die anderen einfach ausliefern.

„Niemand hier gibt Dir die Schuld.“, meinte Kiris.

„Noch nicht.“, gab er zurück. „Warte, bis sie die Toten zählen.“

Rodericks Mine verfinsterte sich derweil.

„So sei es. Tötet sie. Alle.“

Auf den Befehl hin wurden Dutzende von Gewehren angelegt, zeitgleich jedoch spannten die bisher nur abwartenden Gejarn ihre Bögen. Schwerter flogen aus den Scheiden… Simon hielt den Atem an. Nein, er konnte das nicht mit ansehen. Zumindest nicht tatenlos… aber er war machtlos. Oder doch nicht? Ein vager Plan begann sich in seinem Kopf zu formen. Rodericks Männer wollten nicht gegen eine Übermacht kämpfen. Aber vermutlich fürchteten sie den Mann einfach zu sehr….

„Roderick!“ Er löste sich von Kiris und trat vor.

Seine Stimme war laut genug, um den Donner der Arkebusen und das Zischen der Pfeile zu übertönen. Auf beiden Seiten fielen die ersten Kämpfer, die Gewehre wurden abgelegt, Bögen wieder gespannt. Die ersten Klingen prallten aufeinander….

Simon hatte Kiris im Gedränge bereits aus den Augen verloren, während die Masse der vorstürmenden Gejarn ihn schlicht mit sich trug. Einen kurzen Moment lang meinte er, einen Blick auf rötlich-graues Fell und einem ihn bekannten Lederpanzer zu erhaschen. Aber das schien unmöglich, dachte Simon. Tiege sollte nach wie vor bewusstlos sein und wenn er hier war… was war dann mit Ordt und Maen?

Schwaden aus Pulverdampf waberten über das Schlachtfeld und ließen die Kämpfenden zu undeutlichen Schemen werden. Simon jedoch hatte sein Ziel längst erspäht.

„Stopp!“

Roderick befand sich grade im Zweikampf mit einem grau-schwarz gemusterten Wolf, den er jedoch mit wenigen gezielten Hieben neiderstreckte, bevor er sich zu Simon umdrehte.

„Seid Ihr es müde wegzurennen?“

„Wenn ich mich richtig erinnere, seid Ihr das letzte Mal doch wie ein getretener Hund davongelaufen. Aber wenn Ihr hinter mir her seid… holt mich!“

Mit diesen Worten rannte er los, an dem verdutzten Assassinen vorbei. Er musste ihn an den richtigen Ort locken, oder sein Plan, so unsicher er war, wäre bereits jetzt zum Scheitern verurteilt. Und wenn Roderick ihm nicht folgte… doch seine Zweifel erwiesen sich als unberechtigt. Der Mann setzte ihn, nach Kurzem überlegen, nach. Ihm war wohl klar, dass Simon etwas plante. Nur was, das konnte er nicht wissen. Und wenn er es herausfand, wäre es bereits zu spät….

 

Das Seeufer war erstaunlich ruhig, als Simon es schließlich erreichte. Der Lärm der Schlacht, die nach wie vor im Dorf tobte, war zu kaum mehr als einem beunruhigenden Grollen im Hintergrund geworden, als er darauf wartete, das Roderick ihn einholte. Der Assassine kannte die Gegend nicht so gut wie er und hatte offenbar Mühe, sich durch Unterholz und über die versteckten Pfade zu kämpfen. Allerdings musste er nicht fürchten, dass Simon ihm davonlaufen könnte. Die Gejarn hier hatten ihm Zuflucht gewährt, vielleicht auch nur, weil sie nicht mit Sicherheit wussten, wer er war. Jedenfalls würde er sie nicht dafür zahlen lassen. Der Mann, der er einmal gewesen war, hätte das vielleicht getan. Aber dieser Mann war irgendwo zwischen hier und der Ordensburg gestorben und das war gut so.

Langsam ging er am Ufer entlang und suchte den See mit den Augen ab, suchte nach einem Funken goldenen Lichts. Aber da war nichts, dachte Simon. Nur Nebel, der träge über das Wasser hinweg trieb….

Ein Rascheln hinter ihm sagte ihm, das seine Zeit abgelaufen war. Roderick stolperte zwischen den das Ufer bewachsenden Büschen hervor, das Schwert in der Hand.

„Gebt Ihr endlich auf?“ , fragte er grinsend, während er ohne Vorwarnung auf Simon losging.

Dieser sprang zurück und parierte den Schlag. Der Assassine war immer noch unvorstellbar schnell, aber dieses Mal war Simon darauf vorbereitet. Er wusste nur allzu gut, dass sein Gegner wenig von einem fairen Kampf hielt. Als die Schwerter aufeinanderprallten, fiel ihm sofort die harzige Beschichtung auf der Waffe seines Gegners auf. Simon trat nach Roderick, während dieser grade versuchte, das Schwert zurückzureißen, um den Kampf fortzuführen. Der vereinigte Schwung des Stoßes, und des eigenen Gewichts des Mannes, ließen ihn zurückstolpern. Für einen Moment stand sein Gegner völlig offen da, mit einem Arm rudernd um das Gleichgewicht zu halten. Simon sah seine Gelegenheit gekommen und schlug zu. Roderick jedoch erwies sich als scharfsinniger, als der Zauberer gedacht hatte. Bevor Simon ihn treffen konnte, ließ der Attentäter sich zur Seite fallen. Zwar verlor er dabei das Schwert, entkam aber wenigstens einer tödlichen Verletzung. Nun war es Simon, der plötzlich ins Leere lief. Zumindest, bis ihm Roderick ein Bein stellte und er ebenfalls der Länge nach auf dem Boden landete. Im Gegensatz zu seinem Gegner jedoch, hielt er den Schwertgriff fest umklammert. Wenn er jetzt auch noch seine Waffe verlor, wäre es vorbei.

Die beiden Kontrahenten kamen zeitgleich wieder auf die Füße, Simon schwer atmend und Roderick erneut mit dem Schwert in der Hand.

„Seid Ihr plötzlich mutig geworden, ja?“, spottete der Mann. „Oder hat dieser Wahnsinn einen anderen Grund? Ihr könnt mich nicht schlagen.“

Leider befürchtete Simon, dass er damit nur zu Recht hatte. Noch konnte er sich behaupten, die Frage war, für wie lange. Erneut wanderte sein Blick hinaus zum See. Vielleicht hatte er sich verschätzt. Und vielleicht unterschätzte sein Gegner ihn auch. Wenn Roderick eines war, dann viel zu selbstsicher. Simon wusste bereits, dass er sehr wohl geschlagen werden konnte… zumindest, würde er nicht einfach aufgeben. Seine ganze Hoffnung beruhte darauf, dass die Truppen sich nach Rodericks Tod zurückziehen würden. Und mit jedem Moment der verging, würden Leute sterben… Leute, die ihm Schutz gewährt hatten, welche, die er Freund nannte, Ordt, Tiege, Maen… Kiris. Er durfte sich nicht von etwas Überheblichkeit einschüchtern lassen.

Simon griff ohne Rücksicht an und verwickelte seinen Gegner in einen langen Schlagabtausch. Stahl prallte funkenschlagend auf Stahl, während Roderick tatsächlich gezwungen war, zurückzuweichen, auch wenn er jeden Hieb sicher parierte. Seine Sinne waren aufs Äußerste gespannt, für ihn gab es nichts mehr, außer dem Wunsch, dem hier ein Ende zu machen…. Aber lange würde er das nicht durchhalten, das wusste Simon. Er brauchte nur einen Fehler machen….

Dann jedoch gab Roderick sich endlich eine Blöße. Simon stieß die Klinge des Mannes beiseite und verpasste ihm eine tiefe Schnittwunde am Arm. Mit einem Aufschrei stolperte der Mann zurück.

Endlich, dachte Simon.

„Nur damit Ihr es wisst, das ist für Tiege!“, rief er und machte sich bereit, seinen Gegner endgültig zu Fall zu bringen. Er stieß die Klinge vorwärts auf die ungeschützte Brust des Attentäters. Bevor das Schwert jedoch traf, schoss plötzlich etwas Silbernes an ihm vorbei und er spürte nur noch, wie sich etwas schmerzhaft in seinen eigenen Arm bohrte. Sofort breitete sich ein Taubheitsgefühl von der Wunde her aus, während Simon nach wie vor verständnislos auf den Dolch in Rodericks Hand starrte. Dasselbe Schimmern wie auf der Schwertklinge des Attentäters lag auch auf dem Messer….

Roderick wartete nicht, ob sein Opfer sich von dem überraschenden Angriff erholte, sondern ging dazu über, Simon mit dem Dolch zu traktieren. Das Schwert ließ er dabei achtlos zurück, mit der verletzten Hand konnte er es wohl ohnehin nicht mehr richtig führen. Simon selbst hatte die gleichen Schwierigkeiten, doch im Gegensatz zu Roderick, keine zweite, leichtere Waffe in Reserve… bald gesellten sich ein halbes Dutzend mehr oder weniger tiefe Stichwunden, zu der an seinem Arm, dazu. Er hatte längst aufgehört zu zählen, während das Blut aus den Wunden seine Kleidung durchtränkte. Die Meisten waren nur oberflächlich, aber das Gift zeigte seine Wirkung. Seine Beine gaben unter ihm nach, das Schwert fiel ihm aus der Hand… ein letztes Mal wanderte sein Blick zum See. Nichts… er hatte schlicht zu hoch gesetzt und verloren, dachte er. Aber einen Weg könnte es noch geben….

„Also schön.“, brachte er hervor. Um ihn herum schien sich alles zu drehen, während das Gift sich einen Weg durch seine Venen fraß. „Ich ergebe mich, wenn Ihr Eure Leute sofort zurückpfeift. Sonst könnt Ihr vergessen, dass Erik mich lebend bekommt. Und ich bezweifle, dass er darüber zu erfreut wäre….“

Unter Schmerzen richtete er sich wieder halb auf. Vielleicht wäre das wenigstens eine Möglichkeit, das hier zu beenden, ohne das noch mehr Blut floss.

„Schade, dass diese Einsicht etwas zu spät kommt.“, meinte Roderick. „Leider zahlt der Kaiser mehr für Euren Tod.“

Mit diesen Worten holte der Assassine erneut mit der Waffe aus. Simon schloss die Augen. Eigentlich hatte er nie damit gerechnet, dass sein Weg einmal so enden würde. Doch der Schlag kam nicht. Stattdessen durchbrach das Klirren von Stahl den Moment der Stille.

„Man kann dich keinen Augenblick alleine lassen.“, meinte einem ihm zu vertraute Stimme. Am liebsten hätte er die Augen nicht wieder geöffnet, es irgendwie geändert….

Kiris hatte Rodericks verlorene Waffe an sich genommen. Das Schwert, das zuvor Tiege gehört hatte, wirkte beinahe etwas zu schwer für sie, trotzdem hatte sie Rodericks Hieb ohne Probleme abgefangen… sie musste ihm gefolgt sein, nachdem er das Dorf verlassen hatte, dachte Simon. Und genau das war das Problem. Seine Füße wollten ihn erneut nicht länger tragen, während Roderick lediglich den Kopf schüttelte.

„Das ist ja geradezu putzig.“, meinte er grinsend.

„Passt auf, dass euch das Grinsen nicht gleich jemand aus dem Gesicht wischt.“, gab Kiris zurück. Simon konnte nur zusehen. Er wusste, was passieren würde, oder? Hatte es die ganze Zeit gewusst… und er würde es nicht zu lassen.

„Kiris… geh.“, murmelte er mit letzter Kraft.

Sie schüttelte den Kopf und der traurige Blick in ihren Augen verriet, dass sie es genauso wusste, wie er.

„Du hast mich mal gefragt, von wem ich glaube, dass er diese Leute führen könnte. Ich habe meine Antwort, Simon. Vergiss es nur nicht.“, erklärte sie, bevor sie die Waffe in Richtung Roderick schwang.

Der Assassine parierte den Schlag mühelos und ging selber zum Angriff über. Die Klinge verfehlte knapp ihren Hals und durchtrennte dabei das schmale Band, das den Anhänger an ihrem Hals hielt. Die silberne Waage fiel zu Boden. Kiris taumelte und versuchte einen festen Stand wieder zu finden. Roderick war jedoch schneller….

„Nein!“ Simon sah das Aufblitzen des Stahls, bevor dieser sich in Kiris Körper bohrte. Der Assassine stieß die verletzte Frau von sich, scheinbar ohne jedes echtes Interesse und trat erneut auf Simon zu.

Dieser schleppte sich derweil zu der gefallenen Gestalt, so gut, dass sein zerschundener Körper noch zuließ. Das konnte einfach nicht sein, dachte er immer wieder, während er spürte, wie sich Tränen in seinen Augen sammelten. Seine Sicht verschwamm noch mehr als ohnehin schon, doch durch seine verschleierten Augen, drang von irgendwoher Licht. Ein kaum sichtbarer, leuchtender Punkt, der über das Wasser auf ihn zu schwebte….

„Verrückte Frau.“, meinte Roderick abfällig. „Ihr habt sie gemocht, verstehe…bringen wir das jetzt ohne Störungen zu Ende….“

Simon starrte nur wie gelähmt auf das Licht. Warum jetzt?, fragte er sich. Und natürlich kannte er die Antwort. Es war ein abgekartetes Spiel gewesen, die ganze Zeit… Tränen, hervorgebracht durch Wut und Trauer gleichermaßen liefen jetzt seine Wangen hinab. Sie hatten nie eine Chance.

„Es hat etwas, den Moment zu sehen, in dem ein Mann seinen Grund zu kämpfen verliert.“ Der Assassine hob das Schwert zu einem weiteren, einem Letzten Hieb. Doch Simon achtete noch immer nicht darauf. Es war vorbei. Aber nicht für ihn….

„Das Problem ist, Roderick, das habt Ihr nicht…“ Kiris hatte an ihn geglaubt und er würde diesen glauben nicht enttäuschen.

Zitternd streckte er eine Hand aus und das Licht kam wie ein Blitz angeschossen, berührte seine Fingerspitzen…. Es war als würde sich flüssiges Feuer durch seine Venen ergießen, Feuer, das selbst das Gift des Assassinen übertraf, in seinen Geist und seine Seele strömte und die Asche dessen, was einstmals seine Magie gewesen war, für den Moment neu entfachte. Das Licht an seiner Hand wurde dunkel, purpurfarben und Simon konnte sehen, wie sich Rodericks Augen vor Schreck weiteten. Ein Gedanke nur und der Körper des Assassinen war gelähmt.

„Ihr spielt mit Angst Roderick.“, erklärte Simon tödlich leise. „Aber Ihr habt selber noch keine Ahnung, was wahre Furcht ist!“ Er ließ den Strom angestauter Wut Form annehmen, der in seinem Geist tobte. Simon versuchte erst gar nicht, den Zauber zu lenken, er legte einfach alles hinein, was er hatte. Ein Wall aus Schatten brach aus seinen Fingerspitzen hervor und hüllte den Mann vor ihm ein. Die Schreie, als das, was darin verborgen lag, Rodericks Fleisch von den Knochen riss, würde er sein Leben nicht vergessen und als das Licht an das Seeufer zurückkehrte, waren von dem Mann nur noch einige Kleiderfetzen geblieben.

Simons Zorn war genauso kurzlebig, wie das Aufflackern von Magie. Nachdem von Roderick nichts mehr blieb, zerfiel was er noch an Kraft gehabt hatte, auf einen Schlag zu Asche und ließ nur grenzenlose Müdigkeit zurück. Vorsichtig drückte er Kiris regungslosen Körper an sich, während die Dunkelheit ihn selbst einzuhüllen drohte. Er hatte verstanden….

„Ich will nichts hiervon Seherin, hört Ihr mich?“, rief er, reine Verzweiflung war alles, was ihm noch die Kraft dazu gab. „Ich will nichts zurück…“ Nur Sie. Das war sein letzter Gedanke, bevor er das Bewusstsein verlor.

 

 

Kapitel 44

Bitteres Erwachen

 

 

 

 

Asche stieg unter seinen Füßen auf, als Ordt sich einen Weg durch den zerstörten Wald bahnte. Was bei allen Ahnen war hier nur geschehen? Die Bäume auf einer graden, mehrere hundert Schritte langen Linie hatten ihre Blätter allesamt verloren und ihre Rinde wirkte, als hätte etwas mit gewaltigen Krallen oder Zähnen darüber gescharrt.

„Was richtet so etwas an?“, wollte Maen wissen und fuhr mit der Hand über das freigelegte Holz eines Baumes.

„Magie.“, antwortete Tiege knapp, während er sich misstrauisch nach allen Seiten umsah. Der Paladin hatte auch, nachdem die überlebenden Söldner sich zurückgezogen hatten, das Schwert in der Hand behalten. Ohne ihn, dachte Ordt, hätte der heutige Tag deutlich schlimmer für sie enden können. Ordt konnte es nicht mit Sicherheit sagen, aber die vier toten Zauberer, die sie nach Ende der Schlacht gefunden hatten, schienen alle Tiege zum Opfer gefallen zu sein. Obwohl er nach wie vor nicht ganz auf den Beinen war, schien es dem Fuchs den Umständen entsprechend gut zu gehen. Sie waren lediglich alle erschöpft… und Simon sowie Kiris wurden nach wie vor vermisst.

Sobald klar war, dass ansonsten alle da waren, hatte man mehrere Suchtrupps ausgeschickt um den Zauberer und die ehemalige Dorfvorsteherin zu finden, bisher jedoch, war keiner davon mit guten Nachrichten zurückgekehrt. Und so hatten sie sich selber auf den Weg gemacht.

„Wir werden zumindest nicht herausfinden, was hier geschehen ist, wenn wir rumstehen.“; meinte Ordt. Die Sorge um die verschwundenen Freunde trieb ihn vorwärts. Was immer auch geschehen war, er konnte nur hoffen, dass es ihnen gut ging.

Gefolgt von Maen und Tiege kletterte er über einige umgestürzte Baumstämme hinweg. Wenn Tiege mit seiner Vermutung recht hatte, hatte die Wucht des Zaubers sie schlicht umgerissen und entwurzelt, als wäre es nichts. Ordt wollte nicht einfallen, welche Macht dazu auch sonst in der Lage sein sollte. Stellte sich nur die Frage, warum.

Sie folgten der Spur der Zerstörung, bis sich vor ihnen schließlich eine Wasserfläche auftat, um die herum der Wald wieder intakt zu sein schien. Ein See, wie er wusste, der etwas abseits der normalen Pfade lag, die ihre Jäger nahmen. Und das hatte seinen Grund… schon als Ordt unter den letzten Bäumen hervortrat, bemerkte er die zwei Gestalten, die wenige Schritte entfernt vom Seeufer lagen.

Direkt neben Simons ausgestreckter Hand schimmerte ein einzelnes Irrlicht, das sich aufgeschreckt von ihren Schritten in die Luft erhob und über den See verschwand.

Tiege blieb derweil stehen, als er das Blut sah, das sowohl Simon als auch Kiris in einer Lache umgab. Zu viel, dachte Ordt, während er nähertrat und sich neben Simon auf die Knie fallen ließ. Maen beugten sich derweil über Kiris. Beide sahen furchtbar aus. Der Körper des Zauberers war mit Schnittwunden übersät.

„So endet das also.“, meinte Tiege kopfschüttelnd, der sich wieder zu ihnen gesellt hatte. In der Hand hielt er ein Schwert, das Ordt zum letzten Mal in Vara gesehen hatte. Die Waffe, die Roderick ihm abgenommen hatte…

„Ich habe es da hinten gefunden.“, erklärte der Fuchs auf Ordts fragenden Blick. „Vermutlich brauchen wir uns um Roderick keine Sorgen mehr zu machen. Aber der Preis war hoch genug.

„Ihr redet, als gäbe es keine Chance mehr.“, gab der Wolf unwirsch zurück. So wenig Hoffnung sie auch hatten, Ordt wollte zumindest Gewissheit. Und tatsächlich….

„Sie lebt noch.“, kam Maen ihm zuvor. „Grade so. Was ist mit Simon?“

„Er atmet zumindest.“, gab Ordt zurück. Auch wenn er keine Ahnung hatte, was den Mann überhaupt noch am Leben hielt.

„Wir sollten sie ins Dorf zurückbringen.“, erkläre Maen derweil. „Hier kann ich kaum etwas für sie tun. Wenn überhaupt noch….“

„Wie meint Ihr das?“, fragte Tiege besorgt. „Ich meine, dass es ein Wunder ist, das einer der beiden überhaupt noch lebt. Das wird Zeit brauchen…“ Maen griff der bewusstlosen Kiris vorsichtig unter die Schultern.

„Helft mir sie tragen. Ich glaube kaum, dass ihr es noch viel schlimmer machen könnt.“

 

Ihre Rückkehr ins Dorf, war keine glückliche. Ausdruckslose oder traurige Gesichter sahen ihnen entgegen, während sie sich mit ihrer Last einen Weg durch die Straßen suchten. Nicht nur sie hatten heute Verluste davon getragen, wie Ordt nur zu gut wusste. Wie viele sie verloren hatten, konnte er noch gar nicht sagen, lagen die meisten doch nach wie vor, dort wo sie gefallen waren, auf der Ebene zwischen Dorf und Waldrand, oder in den Straßen der Siedlung…. In so einer engen Gemeinschaft, wie es die Clans bildeten, bedeutete jeder Tote einen Verlust für alle. Ohne zu fragen, brachten einige Tragen, für die zwei verletzten Menschen herbei und halfen, sie durch die Siedlung zu bringen. Die Nachricht ihrer Rückkehr jedoch verbreitete sich, trotz der allgemeinen Trauer, wie ein Lauffeuer, ein Flüstern, das ihnen voranging… gab man ihnen die Schuld? fragte Ordt sich. Er könnte es zumindest verstehen. Die Männer, die dieses Leid über sie gebracht hatten, hatten nach ihnen gesucht und nach niemandem sonst…. Vielleicht verstand er grade besser, wie Simon sich gefühlt haben musste. Er hatte nichts davon gewollt. Aber er hatte es auch nicht verhindern können, hatte es nicht einmal kommen sehen….

 

Maen hatte mittlerweile die Führung der kleinen Gruppe übernommen und Ordt merkte kaum, als ihnen die übrigen Ältesten entgegenkamen, doch wo bei anderen Trauer und Wut zu sehen war, spiegelte sich auf den alten Gesichtern nur Resignation wieder.

„Was ist passiert?“

„Das wissen wir nicht.“, entgegnete Maen, ohne langsamer zu werden. „Und wenn wir nicht viel Glück haben, werden wir das auch nicht mehr erfahren.“

Damit schien die Sache für die Wölfin erledigt und sie ging ohne ein weiteres Wort an den Ältesten vorbei. Ordt war insgeheim froh, sich nicht weiter mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Für heute, hatten sie alle genug durchgemacht und der rote Schleier des Kampfes war nach wie vor nicht ganz aus seinem Geist gewichen. Er würde es zumindest niemandem empfehlen sich ihm im Augenblick in den Weg zu stellen. Vor allem nicht, wenn Zeit alles war….

Er ließ sich im Gehen, etwas zu den Tragen zurückfallen, um nach Kiris und Simon zu sehen. Nach wie vor atmeten beide, aber das war auch das einzige, dass einen Hinweis darauf gab, dass sie noch lebten. Simon war bleich wie Kerzenwachs und Kiris…. Die Verletzungen des Zauberers waren zahlreich, aber nicht tief, doch die Wunde, die Roderick ihr beigebracht hatte… ein tiefer Schnitt direkt unter der Brust. Wenn sie Glück hätte, hätte der Assassine wenigstens ihre Lunge verfehlt, dachte er. Doch auch so war es Kiris, um die er sich am meisten Sorgen machen musste.

Tiege sagte während des ganzen Wegs zu Maens Hütte kein Wort, sondern begnügte sich damit, mit einem grimmigen Gesichtsausdruck neben der Trage herzulaufen. Erschöpfung und ziellose Wut waren in den letzten Stunden ihre ständigen Begleiter gewesen und langsam, forderte das auch seinen Tribut, was ihren Geist betraf. Und vielleicht hatte der Fuchs auch nach wie vor seinen ganz eigenen Kampf gegen das restliche Gift in seinem Körper zu kämpfen. Und wenn Ordt Roderick richtig einschätzte, hätte er auch dieses Mal sicher irgendetwas Heimtückisches in der Hinterhand gehabt… Geister, selbst im Tod machte ihnen dieser Mann noch Ärger. Aber Maen wusste wie man damit umging, dachte der Wolf. Oder zumindest, hoffte er das….

„Ordt…?“ so unglaublich es schien, Simon öffnete die Augen und blinzelte einen Moment schwach ins Sonnenlicht, das durch die Zweige über ihnen fiel. Mittlerweile hatten sie die Siedlung hinter sich gelassen und Maens Haus konnte nicht mehr weit sein….

„Ruht Euch aus.“, meinte der Wolf. „Ihr…“

Simon lachte bitter, ein schwacher Laut, so als würde er kaum Luft bekommen, aber er hörte nicht mehr auf, bis einige Tropfen Blut über seine Lippen flossen.

„Es ist vorbei, Ordt…“, meinte er nur.

Bevor der Wolf noch etwas erwidern konnte, war der Mann bereits wieder weg. Sein Kopf sank zur Seite und einen Moment befürchtete Ordt, Simon würde nicht mehr atmen. Dann jedoch bemerkte er, wie die Brust des Menschen sich unmerklich hob und senkte. Der Zauberer war zäh, selbst jetzt… aber Kiris…. Vielleicht die einzige Frau, die ihm bisher begegnet war, die es mit Maen an Willensstärke aufnehmen konnte, aber was nützte das, wenn der Tod nach einem griff? Er wünschte nur, sie würden endlich ankommen. Die kleine Gruppe, die sich ihren Weg durch den Wald suchte, kam ihm zunehmend wie eine verfrühte Trauerprozession vor.

Als wollte die Welt endlich etwas für den heutigen Tag gut machen, tauchten vor ihnen die Umrisse eines Hauses auf, das halb unter den Baumwipfeln verborgen lag. Und trotzdem blieb ihm im Augenblick nichts übrig, als zu warten, ob Maen etwas für seine beiden Gefährten tun konnte. Ordt hatte bisher nicht gewagt zu fragen, hatte er die Wölfin doch selten so angespannt erlebt, nicht einmal an dem Abend, an dem er so unverhofft zurückgekehrt war. Er fürchtete, dass sie vielleicht bereits wusste, dass sie weder Simon noch Kiris würde helfen können….

 

Drei Wochen später, schlug Simon Belfare schließlich die Augen auf. Einen Moment lang, wusste er nicht, wo er sich befand, oder auch nur, wer er war. Nur das sein ganzer Körper schmerzte, sodass sich ihm beim Gedanken an Bewegung der Magen umdrehte. Nur langsam wichen die Schatten von seinem Geist und brachten einzelne Erinnerungen mit sich. Er war immer wieder kurz davor gewesen, das Bewusstsein wieder zu erlangen, und erinnerte sich an undeutliche Schemen, manche sprachen mit ihm, andere blieben nur schweigend stehen und wieder einige verbanden seine Wunden oder gaben ihm zu trinken, doch konnte er keinem davon einem Namen zuordnen. Noch nicht, denn mit seinen undeutlichen Erinnerungen kehrten auch Gefühle zurück. Emotionen, die er nach allem am liebsten vergessen hätte. Seine eigenen Schmerzen, vermischt mit einer tiefen Trauer, die er nicht benennen konnte und dem untragbaren Gedanken, etwas sehr Wichtiges verloren zu haben, etwas, das er um nichts auf der Welt je vergessen haben könnte, ein Anker, etwas, das seinen Geist wieder ins Gleichgewicht brachte, eine Waage… Kiris….

Mit dem Namen stürzte alles wieder auf ihn ein, die Schemen in seinem Geist bekamen Gesichter, Geschichten… Freunde, Bekannte, Ereignisse, sein letzter, fataler Kampf mit Roderick…. Er war sich selbst jetzt nicht sicher, was er dem Mann eigentlich angetan hatte, nur das es vorbei war. In jeder Hinsicht. Plötzlich hatte er nicht einmal mehr das Bedürfnis aufzustehen, sondern blieb einfach weiter regungslos liegen. Am liebsten wäre er einfach hier gestorben. Aber das war natürlich unmöglich. Nach wie vor war er ein Gefangener, in einem Spiel, dessen Sinn er nicht verstand. Kiris letzte Worte hallten durch seinen leeren Geist.

„Du hast mich mal gefragt, von wem ich glaube, dass er diese Leute führen könnte. Ich habe meine Antwort, Simon. Vergiss es nur nicht.“

Und das würde er nicht, dachte Simon. Er könnte es gar nicht. Die Worte waren längst ein Teil von ihm. Unter unsäglichen Mühen schaffte er es schließlich, sich auf einen Ellenbogen hoch zu stützen. Sein ganzer Körper schien in Verbände gehüllt und er konnte nicht verhindern, dass sich seine Augen mit Tränen füllten, woran die körperlichen Schmerzen den geringsten Teil Schuld trugen…. Ihm fehlte die Kraft, sie wegzuwischen, und so ignorierte er die feinen Wassertröpfchen einfach.

Als er endlich aufrecht saß, war ihm so schwindelig, dass er einen Moment abwarten musste, bis er den Versuch wagen konnte, auf die Füße zu kommen. Erstaunlicherweise versagten seine Muskeln ihm nicht den Dienst, während er auf die Tür am Ende des Raums zu schlurfte. Er wusste, wo er sich befand, nur nicht, wie er hierher gelangt war. Als er die Tür vorsichtig öffnete, fand er vor sich einen weiteren Raum, mit einer Liege auf der jemand lag. Die dunklen, bräunlichen Haare, die über ein Kissen gebreitet lagen, verrieten ihm bereits, um wen es sich dabei handeln musste.

Neben der Liege wiederum saß Maen, die eine von Kiris Händen hielt, als würde sie nach einem Puls suchen. Nur langsam drehte die Heilerin den Kopf in seine Richtung… allein diese Geste sagte ihm, was er wissen musste, aber er weigerte sich, es so einfach zu akzeptieren.

„Maen ?“ Simon eigene Stimme kam ihm fremd vor. „Bitte sagt mir die Wahrheit, wie geht es ihr?“

Ein seltsamer Ausdruck trat auf das Gesicht der Wölfin. Bitte nicht, dachte er nur, bevor sie endlich antwortete….

 

Kapitel 45

Neues Feuer

 

 

 

 

 

Das Feuer zischte im Wind, als der Pfeil zu sinken begann. Ordt folgte der leuchtenden Spur, die das Projektil am Nachthimmel hinterließ, bis es auf dem ölgetränkten Leinen aufschlug. Sofort schlugen Flammen daraus hervor, die sich über das gesamte Boot ausbreiteten.

Der Wolf ließ den Bogen sinken, während Simon nach wie vor reglos im knietiefen Wasser stand und dem kleinen Schiff nachsah, das er eben noch aufs Wasser hinaus geschoben hatte und das nun langsam vor ihren Augen verbrannte. Der Zauberer stand halb in sich zusammengesunken da, so als hätte er nach wie vor Schmerzen. Ordt hingegen fand es eher verwunderlich, wie schnell der Mann sich erholte. Allerdings, dachte er, war sein Körper wohl das Geringste, was Simon im Augenblick zu schaffen machte.

Nur zögerlich kehrte Simon schließlich zu ihnen zurück. Wasser tropfte aus seiner Kleidung, während sie zusahen, wie das Feuer das Boot und den Körper darauf verzehrte… In den Nebelschwaden, die träge über den See trieben, tauchten ab und an vereinzelte Lichtpunkte auf, doch keines der Irrlichter zeigte sich, beinahe, dachte Ordt, als würden diese Wesen verstehen, was Trauer war.

„Ihr werdet Zeit brauchen Euch zu erholen.“, meinte Maen und brach damit als Erste das Schweigen. „Bleibt so lange Ihr müsst, ich bestehe darauf.“

Wie, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, legte sie Simon eine Hand auf die Schulter. Doch wenn diese Geste tröstlich wirken sollte, verfehlte sie ihre Wirkung auf den Zauberer völlig.

Als er sich zu ihnen umdrehte, lag etwas Wildes im Blick des Mannes, das Ordt zuerst nicht zuordnen konnte, als würde irgendwo versteckt hinter diesen Augen nach wie vor ein Feuer brennen. Ein Feuer, das trotz allem nicht erloschen war… Wussten die Geister, woher Simon die Kraft dafür nahm…

„Nein.“, erklärte er mit einem letzten Blick auf das zu Glut zerfallende Schiff. „Es ist Zeit, das hier zu beenden. Und ich weiß jetzt auch wie.“

Trotz seiner Entschlossenheit entging Ordt die Bitterkeit nicht, die in der Stimme seines Freunds lag. Es war… seltsam ihn so sprechen zu hören, dachte er. Und gleichzeitig konnte ein Teil von ihm es zu gut verstehen. Simon wollte, dass jemand für das hier zahlte, dass jemand Verantwortung trug. Aber der einzige Schuldige war noch vor Kiris zu Asche im Wind geworden. Innerlich fürchtete er, dass Simon den Verstand verlieren könnte….

„Simon…“ , setzte Tiege an. Der Paladin war nach wie vor angeschlagen und die letzten Reste des Gifts schienen ihn manchmal etwas abwesend werden zu lassen. Doch selbst ihn rüttelten die Worte des Zauberers auf.

„Ich bitte keinen von Euch, mich zu begleiten. Und ich weiß, was Ihr jetzt sagen wollt, Ordt. Aber meine Entscheidung steht.“ Erst jetzt fiel dem Wolf die Kette in Simons geballter Faust auf. Kiris Amulett….

„Wohin immer es geht, ich bin dabei.“, meinte Tiege und trat vor. „Ich schulde Euch genauso mein Leben, wie Maen und Ordt. Und ich weiß, wer mich im Augenblick braucht, ob Ihr es zugeben wollt oder nicht.

Maen stützte entnervt den Kopf in die Handfläche. „Ahnen, was habe ich verbrochen, dass sich jeder den ich heile gleich wieder umbringen will?“

„Ehrlich gesagt, muss ich Maen recht geben.“, meinte Ordt. „Ihr seid am Allerwenigsten in der Verfassung zu reisen, Tiege. Im Zweifelsfall… erreicht ihr das Ziel nicht einmal.“

Der Paladin seufzte schwer. Ihm war klar, dass er recht hatte, dachte der Wolf. Und doch fiel es ihm wohl schwer, nach all der Zeit zuzusehen, wie sie so auseinandergingen….

„Und wer hält Simon dann den Rücken frei?“, fragte der Fuchs schließlich mit einem schwachen Lächeln.

Ordt zögerte zu Antworten. Eigentlich stand seine Entscheidung, dachte er. Aber auf der anderen Seite… er sah zu Maen. Es war schwer, in ihrer Mine zu erkennen, was sie dachte. Nein, er wollte sie nicht erneut verlassen, alles in ihm sträubte sich dagegen….

Doch schließlich trat sie ganz nahe zu ihm. „Geh.“, die Worte waren kaum ein Flüstern. „Tu das Richtige. Ich glaube, er wird Dich brauchen. Und Ordt… nicht alles ist, wie es scheint.“

„Was soll das heißen?“

„Ich habe schon zu viel gesagt.“, erwiderte sie nur und nickte mit dem Kopf in Richtung Simon. „Pass nur auf Dich auf.“

„Ich komme zurück Maen.“ , schwor er. „Heute in einem Jahr, bin ich wieder hier. Davon wird mich nichts abhalten können. Egal wohin es mich verschlägt, ich komme immer wieder zurück.“

„Das weiß ich…“ Maen küsste ihn sanft auf die Stirn, doch so wollte er sich ganz sicher nicht verabschieden. Vorsichtig fasste er ihr Gesicht mit beiden Händen. Ihre Lippen fanden sich.

Tiege räusperte sich derweil und trat, seine Waffe in der Hand auf Simon zu.

„Wenn ich Euch schon nicht begleiten kann, kann ich wenigstens dafür sorgen, dass Ihr gut ausgerüstet seid.“, erklärte er und hielt dem Zauberer das Schwert mit dem griff zuerst hin.

„Das kann ich nicht annehmen.“ Simon schüttelte den Kopf und schob die Klinge von sich.

„Ich kann Euch aber auch schlecht mit dem Müll, den Ihr hierzulande Waffen nennt, in Eure letzte Schlacht ziehen lassen.“

„Das wird keine Schlacht Tiege.“

„Sagt Ihr.“, antwortete der Gejarn grinsend. „Ich habe so was im Gespür. Nehmt es. Es gehört mir ohnehin nicht mehr. Ihr habt es fair gewonnen.“

Erst jetzt ergriff der Zauberer das Schwert und besah sich die Klinge einen Moment. „Eines Tages“, versprach er, „bringe ich es Euch zurück.“

„Ich verlasse mich darauf. Das würde immerhin bedeuten, dass Ihr das hier überlebt. Ich für meinen Teil werde mich wohl auf den Heimweg machen, sobald Maen es zulässt. Nur damit Ihr Bescheid wisst, Ihr werdet dann wohl oder übel nach Helike kommen müssen.“

„Ich dachte, Ihr könnt nicht zurück?“ , fragte Ordt, der sich , wenn auch schweren Herzens, von Maen gelöst hatte.

„Das war, bevor ich den Archonten berichten kann, dass einer der Männer, die sie am meisten tot sehen wollten, Geschichte ist. Und wenn ich mich dabei nicht verplappere… sagen wir einfach, ich denke, ich habe fürs Erste genug von Canton. Und vielleicht gibt es in meiner Heimat einige Dinge, die ich ändern kann.“

„In diesem Fall wünsche ich Euch ebenfalls alles Gute.“, meinte Simon abwesend. „Ich aber, muss den Weg fortsetzen, den ich begonnen habe.“

 

Simon nahm sich nicht einmal Zeit, viel zu packen, geschweige denn, das Ordt noch Gelegenheit gehabt hätte, sich von den übrigen Ältesten zu verabschieden. Er hatte den Menschen selten so in Eile gesehen, wie während er das wenige zusammensuchte, das sich mitzunehmen lohnen würde. Noch vor der Morgendämmerung waren sie wieder auf der Straße… und auf dem Weg. Wohin genau, wusste Ordt nach wie vor nicht, nur das Simon es offenbar ganz genau wusste. Der Mann führte sie zielstrebig beständig Richtung Norden und noch vor dem ersten Nachmittag, verließen sie schließlich zum ersten Mal seit mehr als einem Monat die Wälder der Herzlande.

Der Sommer hatte bereits begonnen, in den Herbst überzugehen. Die ersten bunten Blätter wehten über die offenen Felder und bedeckten die nach der Ernte nur mehr mit Stoppeln übersäte Erde und die Weiden. Die wenigen Tiere, waren das einige, was ihnen sonst an anderen Lebewesen begegnete und Ordt war innerlich dankbar dafür. Roderick mochte tot sein, das hieß jedoch nicht, dass sie außer Gefahr währen. Simon und auch er selbst wurden nach wie vor im ganzen Imperium gesucht. Allerdings, schien der Zauberer eine solche stumme Wut mit sich herumzutragen, dass der Wolf Mitleid mit jedem hätte, der sich ihm im Augenblick in den Weg stellte. Vielleicht, war es auch nur Simon Art, mit der Trauer umzugehen. Manchmal begrub man Dinge einfach unter etwas anderem…

Seine wenigen Versuche, ein Gespräch mit dem Mann zu beginnen, verliefen schnell im Sande, denn wenn er sich einmal zu einer Antwort herabließ, war diese einsilbig, aber niemals unhöflich. Trotzdem gab Ordt irgendwann auf, sodass sie ihren Weg größtenteils schweigend fortsetzten…. Nach Norden. Sie waren jetzt nur noch zu zweit, dachte er. Und was immer vor ihnen lag, könnte vielleicht die größte Herausforderung bisher werden. Aber sie hatten eine Chance. Und mit jedem Schritt wurde wenigstens die Gefahr für Maen und Tiege kleiner. Das war immerhin etwas….

 

 

 

Die Silhouette der fliegenden Stadt, erhob sich wie der Traum eines wahnsinnigen Architekten am Himmel. Wer die mitten in der Luft schwebenden Inseln und Gebäude das erste Mal sah, musste oft erinnert werden, dass er es nicht mit einer Illusion zu tun hatte. Dutzende kleinere und eine Handvoll größere Plattformen glitzerten im Licht der untergehenden Sonne und der Marmor, aus dem die Paläste, Plätze und Hallen darauf bestanden, schien der Sonne Konkurrenz machen zu wollen. Auch wenn die meisten Bürger Cantons die Stadt einmal auf ihrer ewigen Wanderschaft durch das Land gesehen hatten, nur die wenigstens erhielten auch einmal die Gelegenheit, sie zu betreten. Selbst die niederen Adeligen und die Handwerker, die in den Palästen der Adeligen ihren Dienst verrichteten, wurden nur so lange wie nötig geduldet und zogen ansonsten als endloser Strom hinter der Stadt her. Und noch weniger Menschen erhielten jemals eine Audienz beim Kaiser persönlich.

Erik Svensson jedoch, war einer dieser Menschen, auch wenn er sich dieses Recht wohl erst vor Kurzem verdient hatte. Als Oberster des Sangius-Ordens war er eine Macht, mit der selbst Tiberius Ordeal rechnen musste. Doch heute war er nicht hier, weil der Kaiser ihn vorgeladen hätte. Er war auf eigenes Bestreben hier. Die Sache geriet außer Kontrolle, achte er, während er aus dem Fenster der Gondel starrte. Roderick verschollen, eine kleine Streitmacht vernichtet… Simon kostete ihn bei Weitem zu viele Ressourcen, als das er die Jagd auf ihn länger alleine führen könnte. Nicht, ohne, dass Tiberius davon Wind bekam. Und besser, dachte Erik, er mimte den loyalen Untergebenen, der seinen Herrn über eine drohende Gefahr aufklärte, als das er als potenzieller Verräter dastand. Er wusste zu gut, wohin das führte… und vielleicht wusste er jetzt auch, wohin Simon eigentlich unterwegs war. Sollte er damit recht haben, sollte er die Träne bekommen… dann könnte er dem Kaiser die treue immer noch genauso schnell aufkündigen, wie er sie geschworen hatte.

Gewaltige Seilwinden zogen den hölzernen Verschlag nach oben und mittlerweile konnte er einen gewaltigen Landstrich überblicken. Der Menschenstrom, der der liegenden Stadt folgte, wirkte von hier beinahe winzig. Unbedeutend. Langsam verstand er, wieso Tiberius sich in den letzten Jahren so isoliert hatte. Es wäre so einfach hier oben den Blick auf die Kleinigkeiten in der Welt dort unten zu verlieren.

Hätte einer der drei Prätorianer, die mit ihm in der Gondel saßen, seine Gedanken gehört, vermutlich hätten sie ihn schlicht in die Tiefe gestoßen. Für diese Männer war Tiberius schon mehr Gott als Mensch….

Erik war sich nach wie vor nicht sicher, ob diese drei seine Leibwache stellen sollten… oder ob Tiberius sie geschickt hatte, um ihm beim geringsten Anzeichen auf Gefahr zu beseitigen. Vermutlich beides.

„Wird das noch lange dauern?“, fragte er ungehalten.

Die Gebäude über ihm waren nach wie vor ein Stück entfernt und die Höhe behagte ihm jetzt schon nicht sonderlich. Hätte Tiberius den Entschluss gefasst, dass er ihn nicht länger brauche, reichte ein Schnitt mit einem Messer, der die Halteseile durchtrennte und er würde mehrere hundert Fuß in die Tiefe stürzen. Davor rettete ihn kein Zauber. Und er war sich ziemlich sicher, dass es dem Kaiser auch egal wäre, wenn er dabei drei seiner eigenen Leute verlor...

„Wir sollten die Stadt bald erreicht haben.“ , erklärte einer der Prätorianer, der die gleiche schwarze Panzerung trug die die übrigen. Mit einer Hand nahm er den Helm ab und stellte ihn auf einer niedrigen Bank ab. Irgendwie, dachte Erik, kam ihm das Gesicht des Mannes bekannt vor.

„Robert, oder?“ , fragte er, als ihm der dazugehörige Name wieder einfiel.

Der Mann verbeugte sich.

„Erster Prätorianer des Kaisers, immer zu Diensten… Herr.“

„Erster?“ Erik zog eine Augenbraue hoch. „Verzeiht, aber war das nicht Euer Meister… Sir Leif ?“

„Mein Meister hat uns verlassen.“, antwortete der Mann nur kalt.

Im selben Moment kam die Gondel mit einem Ruck zum Stehen und die Türen wurden von einem der übrigen Prätorianer aufgestoßen.

Sie waren angekommen….

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 46

Der Kaiser

 

 

 

 

 

Der Thronsaal im Herzen der fliegenden Stadt bot selbst nach ihrem Weg durch die von Palästen und Prunkbauten gesäumten Straßen einen beeindruckenden Anblick. Gewaltige Säulen, so groß, dass es vier Männer gebraucht hätte, sie zu umfassen, stützten die Decke. Das lebensechte Gemälde des Abendhimmels darauf, erzeugte tatsächlich fast den Eindruck, sich im freien zu befinden und das fein abgestimmte Licht tausender leuchtender Kristalle, die sorgfältig im Raum angebracht worden waren, verstärkte diesen Eindruck noch.

Genau in der Mitte des Saals, erhob sich ein Sitz aus honigfarbenem, durchscheinendem Stein, dessen hohe Lehne eine Aussparung besaß, die genau um den Kopf des Mannes auf dem Thron lag. Das Licht, das sich in einem weiteren Juwel brach, das direkt im Zentrum der Öffnung schwebte, erzeugte einen seltsamen Lichtschein um die Züge von Tiberius Ordeal. Erik wusste nicht, was er erwartet hatte, vielleicht einen jüngeren Mann, dachte er, aber der Kaiser war alt geworden, wie sie alle. Graue Haare rahmten ein hartes Gesicht ein, das kaum einen Gedanken oder eine Gefühlsregung verriet. Das goldene Ornat, dass er trug, wirkte an ihm etwas zu groß und auf seiner Stirn saß ein, inmitten all des Prunks, beinahe unscheinbar wirkender Goldreif, in dem ein einziger, geschliffener Diamant eingelassen war. Die Krone Cantons stammte noch aus der Zeit vor der fliegenden Stadt, als die ersten Menschen ihren Weg aus dem Norden in die grünen Ebenen und Täler der Herzlande fanden. Und vielleicht aus der Zeit, in der grade die letzten Zauberer des alten Volkes verschwanden. Was von ihrer einstmals blühenden Kultur übrig geblieben war, hatte sich mit der der Menschen vereint und nirgendwo sah man das deutlicher als an diesem Ort. Und, dachte Erik, wenn man einem Zaubrer gegenüberstand.

Der ganze Prunk und die Schönheit um ihn herum ließen ihn kalt, während er eine sorgsam einstudierte Verbeugung vollführte. Erst, als er sich wieder erhob, schien Tiberius Ordeal ihn überhaupt wahrzunehmen.

„Ihr habt um ein Treffen mit mir gebeten, Magier?“, fragte der Kaiser. Trotz des Alters war seine Stimme erstaunlich kräftig und strafte Eriks ersten Eindruck lügen. Tiberius Augen verengten sich misstrauisch, während er auf eine Antwort wartete. Der Ordensoberste spürte, wie die Prätorianer, die an den Seiten des Saals Aufstellung genommen hatten, sich anspannten, bereit, ihn auf einen Fingerzeig ihres Herrn zu töten.

„Das habe ich tatsächlich… Herr.“ , antwortete Erik schließlich. „Wie euch vielleicht zu Ohren gekommen ist, ist Simon Belfare nach wie vor auf der Flucht.“

„Das habe ich tatsächlich gehört.“, meinte Tiberius.

Der herablassende Ton in der Stimme des Kaisers entging ihm nicht. Tiberius wusste mehr, als er zugab… und das war gefährlich. Wenn er nicht wenigstens über einige Dinge im Unklaren war, könnte sein ganzer Plan scheitern. Wüsste der Kaiser alles, was er wusste, würde er nicht mehr gebraucht. Wenn er überhaupt am Leben bleiben würde. Aber er brauchte die Macht über die Tiberius verfügte… vor allem die Militärische.

„Es ist mir gelungen, ihn aufzuspüren.“, erklärte er schließlich. Besser, er gab nur Stück für Stück Preis, um was es hier eigentlich ging.

„Euch soll also gelungen sein, woran all meine Spione und jeder einzelne meiner Soldaten bisher gescheitert sind?“

Jetzt war es nicht mehr nur Herablassung, Tiberius wirkte geradezu amüsiert über diese Vorstellung. Aber er würde sich noch wundern. Vielleicht war der Mann der Welt tatsächlich so fremd geworden, dass er davon überzeugt war, alles und jeden bereits zu kontrollieren, der ihm gefährlich werden könnte. Nun, bis vor einer Weile hätte das wohl auch der Wahrheit entsprochen.

„Das ist es mir in der Tat. Besser, ich weiß wohin er gehen wird. Und wir werden dort auf ihn warten oder ihm den Rückweg abschneiden. Seht ihr, Simon sucht etwas, etwas ganz Bestimmtes. Euch ist sicher schon zu Ohren gekommen, dass er den Großteil seiner Kräfte eingebüßt hat?“

„Das habe ich in der Tat gehört. Sprecht weiter.“

„Geschehen ist dies durch einen Gegenstand, der Euch nicht ganz unvertraut sein dürfte. Eine Träne Falamirs.“

„Völlig unmöglich !“ Das war Robert, der Prätorianer-Hauptmann, der ihn hierher begleitet hatte. Der Mann hatte seinen Posten verlassen und trat, nach einer respektvollen Verbeugung vor den Thron. „Die Tränen sind seit Jahrhunderten verschollen, abgesehen von den wenigen, die wir retten konnten. Und die sind sicher verwahrt.“

„Offenbar, ist Euch mindestens eine entgangen.“, meinte Erik. Er hatte langsam genug davon, dass jeder hier es für nötig hielt, ihn herablassend zu behandeln, oder schon als potenzielles nächstes Opfer für die Sicherheit des Kaisers zu sehen… das war ja schlimmer als an Simons schlechtesten Tagen. Der Mann hatte wenigstens so etwas wie einen Sinn für Respekt gehabt, zumindest, was andere Magier anging… „und diese Träne befindet sich im Besitz der Seher. Weit im Norden.“

Es hatte ihn Monate gekostet, das Puzzle zusammenzusetzen und herauszufinden, welche Schriften Volero bei seinem Fluchtversuch vernichtet hatte. Und mit den neuen Ressourcen war es leicht gewesen, Ersatz für das meiste zu finden. Doch jetzt wusste er, was Simon wusste. Und vielleicht etwas mehr. Er wusste, wo die Seher sich befanden….

„Und verratet Ihr mir auch, wieso ich Euch trauen sollte und wer weiß wie viele Männer in die Eisebenen schicke, um einer Legende nachzujagen?“

„Weil ich persönlich jede Streitmacht führen werde, die Ihr aussendet, das Artefakt zu gewinnen.“

Erik wusste, dass er gewonnen hatte, als der Kaiser Robert ein Zeichen gab, beiseitezutreten. Bald schon würde er nicht nur Simon endlich ausschalten können, sondern auch einen Gegenstand in Händen halten, dessen Macht beinahe grenzenlos war.

 

 

 

Die Kälte war bereits jetzt schneidend, dabei hatten sie grade einmal die Berge erreicht. Selbst im Sommer taute hier nie ganz der Schnee und jetzt im Herbst waren die Pässe bereits tief gefroren und teilweise unpassierbar. Ordt versuchte, so gut es ging auf dem rutschigen Untergrund Schritt zu halten. Zu seiner linken erhob sich eine glatt geschmirgelte, abweisende Bergflanke, die sich bis hoch in den Himmel erstreckte. Und zu ihrer linken ging es fast senkrecht bergab. Der einzige Halt wurde durch einen schmalen Felsgrat gebildet, grade groß genug, dass sie mit beiden Füßen darauf stehen konnten. Es hätte einfacherer Wege über das Felsmassiv gegeben, dachte Ordt, aber die hätten sie zu nah an die Ordensburg herangeführt und im Augenblick, war das der letzte Ort, an den er zurückkehren wollte. Von Simon ganz zu schweigen.

Den Zauberer schienen weder die Kälte noch der gefährliche Aufstieg zu kümmern und abends musste der Wolf ihn schon mehr als einmal zum Anhalten zwingen. Wussten die Ahnen, woher der Mann die Energie dafür nahm. Ordt fürchtete die Antwort jedenfalls….

Eine Windböe trieb Schnee von den Felshängen über ihnen herab und der Wolf zog den Mantel enger um sich. Selbst sein Pelz bot kaum Schutz vor der Kälte, die Simon nicht einmal zu spüren schien…

„Jetzt werdet doch wenigstens einmal langsamer.“, rief er dem Mann nach, während er nach wie vor versuchte, ihn wieder einzuholen. Wenn das so weiterging, käme noch der Moment, in dem Simon einfach ins Leere trat… und dann wäre alles vorbei. Erleichtert, stellte Ordt fest, dass der Zauberer tatsächlich etwas langsamer ging, allerdings, ohne sich auch nur nach ihm umzudrehen. Wenigstens, dachte der Wolf, hörte er ihn noch. Simon schien nur noch mit ihm zu sprechen, wenn es nötig war und manchmal selbst dann nicht.

„Wenn Ihr sterbt, bringt das Kiris auch nicht zurück.“, erklärte Ordt wütend. Langsam hatte er genug davon. Er würde diesem Mann bis ans Ende der Welt folgen, sollte es nötig sein, aber es sollte sich wenigstens lohnen. Wenn Simon nur hier draußen war, um den Tod zu suchen, konnte er das auch ohne ihn, den offenbar konnte er ihn auch nicht davon abhalten…

Die Schärfe in Ordts Stimme schien endlich durchzudringen, denn der Magier blieb stehen und warf einen Moment einen Blick zurück über die Täler und Gipfel, die bereits hinter ihnen lagen.

„Ich denke, wir sind weit genug.“, erklärte er… und begann ohne Vorwarnung zu lachen.

In diesem Moment befürchtete der Wolf endgültig, dass sein Freund den Verstand verloren hatte. Und doch klang es irgendwie ernsthaft… fröhlich, nicht hysterisch oder verzweifelt, sondern erleichtert. Simon schien irgendwann einfach keine Luft mehr zu bekommen und sank gegen die Felswand zurück, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Das schien so absolut gar nicht zu dem schweigsamen, düster gelaunten Mann zu passen, den er die letzten Tage begleitet hatte.

„Warum lacht Ihr?“ , wollte Ordt wissen.

„Weil sie lebt.“ Simons Stimme war nach dem Lachanfall kaum mehr als ein Flüstern, als die Anspannung von Wochen von ihm abzufallen schien….

Ihr meint…“, setzte Ordt an. Er war sich nach wie vor nicht sicher, ob das Wahnsinn war oder der Wahrheit entsprach. Aber er wusste, von wem der Zauberer sprach… so unmöglich es klang, ein Teil von ihm wollte Simon glauben.

„Kiris lebt. Ich durfte es selbst Euch nicht sagen, bevor wir weit genug weg waren, es… hätte alles ruinieren können. Ich musste sie erst endgültig in Sicherheit wissen.“

Einen Moment stand Ordt nur wortlos da, während Simon, nach wie vor ein Lächeln auf den Lippen, sich in den Schnee sinken ließ. Ahnen, waren die letzten Tage wirklich nur ein Schauspiel gewesen um jeden zu täuschen, selbst ihn? Wenn ja, dann hatte es offenbar funktioniert, denn selbst jetzt war er sich nicht sicher, ob er den Worten des Mannes Glauben schenken sollte.

„Wie?“

„Maen ist neben mir die Einzige, die es weiß, Ordt. Das heißt bis jetzt. Sie lebt. Kiris ist immer noch verletzt und bewusstlos, aber ich weiß, dass Maen sie wieder auf die Beine bringt. Da vertraue ich ihr einfach. Und bei Eurem Clan ist sie in jedem Fall besser aufgehoben… als hier draußen. Bis ich das alles beenden kann zumindest.“

„Aber wozu dieses Spiel, das Boot…“ Ordt schüttelte den Kopf.

Und selbst Maen hatte dichtgehalten, dachte er. Bis auf den kleinen Hinweis, dem sie ihn gegeben hatte… und den er erst jetzt verstand.

„Das auf dem Boot war Fadrin.“, erklärte Simon. „Zugegeben, das hat es leichter gemacht… überzeugend zu sein. Einen Moment dachte ich wirklich, ich hätte sie verloren… und ich glaube, mehr war auch gar nicht nötig. Trotzdem wollte ich kein Risiko eingehen. Ich kann sie nicht verlieren Ordt. Die Möglichkeit alleine ist… erschreckend, schätze ich.“ Mehr als das, dachte Ordt. Dem Zauberer fehlten vielleicht die Worte, aber er brauchte nur darüber nachzudenken, was er ohne Maen tun würde… grade jetzt, wo er sie endlich wiedergefunden hatte.

„Und ich muss mich wohl bei Euch entschuldigen.“, fuhr Simon derweil fort. „Die letzten Tage habt Ihr vermutlich mehr durchgemacht als ich. Aber….“

„Vergesst es einfach.“, erklärte der Wolf und streckte dem Mann eine Hand hin. Der Zauberer griff ohne zu zögern zu und ließ sich von dem Gejarn wieder auf die Füße ziehen.

„Beenden wir das?“ , fragte er.

„Worauf ihr Euch verlassen könnt.“, erklärte Ordt, bevor sie ihren Weg fortsetzten.

Die Wahrheit hatte etwas Befreiendes und plötzlich verstand er auch, was Simon vorangetrieben hatte. Nicht Trauer, nicht Wahnsinn, sondern schlicht der Wunsch, so schnell wie möglich wieder zurück zu sein. Nun, er hatte genauso einen Grund, dachte er, während sie weiter den Bergpfad hinauf stiegen. Schnee knirschte bei jedem Schritt unter ihren Füßen und der Wind nahm noch einmal zu. Doch das alles würde sie ganz sicher nicht mehr ausbremsen….

Und dann hatten sie endlich den Gipfel erreicht und blickten über eine endlos erscheinende, gefrorene Ebene. Nur einzelne Tannenwälder leuchteten als unscheinbare Farbflecken aus der Landschaft, ansonsten, gab es von Horizont zu Horizont nur Schnee. Die Sonne spiegelte sich auf gefrorenen Flüssen und lange erstarrten Seen. Sie hatten es geschafft, dachte Ordt, während er das Land vor ihnen nach einer Spur von Leben absuchte. Irgendwie hatte die Weite etwas Faszinierendes, als zöge sie die beiden Reisenden geradezu an. Und vielleicht stimmte das auch, dachte Ordt.

Sie hatten die Berge hinter sich. Allerdings, könnte das nach wie vor der kleinste Teil ihrer Prüfungen gewesen sein. Etwas hatte sie hierhergeführt. Und jetzt könnte es bald soweit sein, dem gegenüberzutreten.

 

 

 

Kapitel 47

Ruinen

 

 

 

 

 

Das Erste, was Simon sah, war eine einzige Säule, die aus der gefrorenen Landschaft ragte. Ein gefrorener Wasserfall ergoss sich nicht weit davon entfernt über eine Felsflanke. In der erstarrten Flüssigkeit zeigten sich die Schatten weiterer Gebäudeteile und zerbrochener Statuen, die vielleicht einstmals zu einem ummauerten Brunnen gehört hatten. Jetzt jedoch, waren es nur noch Ruinen, Trümmer einer verlorenen Welt, konserviert in eisigem Glas. Weitere Überreste verteilten sich über das gesamte Areal, wie Würfel, die ein Riese geworfen haben mochte. Nichts passte zueinander. Hier erhoben sich die gefrorenen Überreste einer Mauer, dort lagen die Überreste einer zerschmetterten Statuette verteilt und andernorts verbarg sich knapp unter der pudrigen Schneedecke ein kaum beschädigtes Ornament…. Das musste die Stelle sein, die ihm die Ältesten beschrieben hatten, dachte Simon. Wo waren sie hier nur? Und was hatte diesen Ort so zerstören können?

Simon erkannte die Architektur von Dutzenden ähnlichen Städten wieder, die der Orden im ganzen Kaiserreich untersucht hatte, aber meist waren die Bauten des alten Volkes nur von der Zeit und von gelegentlichen Plünderern beschädigt worden… das hier hingegen sah aus wie etwas, das Belagerungswaffen anrichten mochten. Oder zerstörerische Magie. In dieser Stadt war kein Stein auf dem anderen geblieben… nur einige wenige Gebäude, die sich an die Felswand unterhalb des Wasserfalls schmiegten, wirkten noch fast intakt. Hohe Säulen stützten einen Felsvorsprung, unter dem zwei kleine Türme ein großes rechteckiges Bauwerk flankierten. Einst waren die grauen Außenwände wohl mit Marmorplatten vertäfelt gewesen, die nun jedoch zerschmettert als Trümmerberge zu Füßen der Türme lagen. Und noch etwas hatte die einstige Schönheit dieses Ortes entstellt. Über dem Eingang des mittleren Bauwerks prangte eine breite Rußspur, wie Simon beim Näherkommen feststellte. Also hatte er mit seiner Vermutung recht gehabt? Hatte Magie das hier angerichtet?

„Das gefällt mir gar nicht.“, bemerkte Ordt neben ihm, während sie sich dem intakten Bereich der ehemaligen Stadt näherten.

Simon antwortete nicht, während er auf den Durchgang zutrat. Aber auch er spürte es. Eine schleichende Kälte, die nicht auf die Temperaturen zurückzuführen war, das Gefühl, das hier einst etwas Schreckliches geschehen war… oder noch geschah.

Die Öffnung vor ihnen war breit genug, dass fünf ausgewachsene Männer ohne Probleme Seite an Seite hindurchtreten könnten. Doch trotzdem schien kein Licht über die Türschwelle zu gelangen. Die Welt hätte auf der anderen Seite genauso gut Enden können, dachte Simon. Vor ihm lag nur eine schwarze Wand, noch dunkler, als der Ruß, der die Außenseite des Gebäudes verunstaltete. Langsam streckte Simon eine Hand danach aus. Die Asche bröckelte einfach ab, aber nicht wie er erwartet hatte halb versteinert von den Äonen… ein schmieriger Film blieb auf seiner Hand zurück. Die Asche war nicht alt… etwas hatte hier gewütet. Und das nicht vor Urzeiten.

Ordts Hand wandere Instinkt in Richtung Schwertgriff und Simon tat es ihm gleich. Mit einer Hand überprüfte er, ob die Klinge sich leicht ziehen ließ, während er zurück über die Ruinen blickte. Aber da war nichts, zumindest nichts, das er sehen könnte. Nur der Wind, der Schnee mit sich trieb…

Wind….

Simon ließ die Waffe los und schaufelte eine Handvoll Schnee zusammen und ließ ihn zu Boden rieseln. Der Wind hatte aufgefrischt, das wusste er. Doch der Himmel war vollkommen klar und eisblau. Seine Magie mochte nach wie vor weg sein, aber sein Gespür war noch da. Etwas kam näher… etwas Großes… jetzt konnte er es schon deutlicher spüren, wenn auch noch nicht sehen. Die Luft um sie herum schien sich in Wellen zu bewegen, die zuerst Schnee, dann auch kleinere Eisstücke mit sich trugen.

„Ordt, was immer gleich passiert, ich schlage vor, wir sehen zu, dass wir hier wegkommen.“

Der Wolf nickte und zog das Schwert. Rücken an Rücken und Schritt für Schritt traten sie den Weg zurück durch die verfallene Stadt an. Doch das ungute Gefühl, das sie verfolgte, ließ nicht nach, im Gegenteil. Nach wie vor konnte Simon nichts erkennen, nur Endloses weiß, das sich in alle Richtungen um die Ruinen erstreckte. Und dann fiel ein gewaltiger Schatten über das Land. Die Sonne war mit einem Schlag verschwunden. Simon sah grade noch die Umrisse von durchscheinenden, gewaltigen Schwingen und einen Rachen voller Zähne, der aus der Luft auf sie herabstieß, bevor er sich zur Seite warf. Die Schockwelle als das Monster auf dem Boden aufschlug, schleuderte ihn mehrere Schritte weit gegen eine halb zerfallene Mauer. Ordt seinerseits wurde von den Füßen gerissen und überschlug sich mehrmals und blieb regungslos im Schnee liegen.

Als Simon sich wieder aufrichtete, starrte er in ein Auge, das leicht so groß wie seine Hand war. Eine trübe, blinde Pupille starrte daraus hervor und bewegte sich träge, als könnte die Kreatur nach wie vor damit sehen. Eine Narbe, leicht so hoch wie er selbst lief zwischen den weißen Schuppen hindurch, und quer über das erblindete Auge des Drachen, der langsam zurücktrat. Der Kopf schwenkte an Simon vorbei, der sich so gut es ging an die Mauer duckte, um nicht zerquetscht zu werden. Götter, dachte er nur, während der Drache sich erstmals zu voller Größe aufrichtete. Diese Kreatur musste uralt sein.

Die durchscheinenden, bläulichen Schwingen waren zerfetzt und löchrig und der Körper des Drachen von den vier, mit messerscharfen Krallen bewehrten Füßen bis zur Schweifspitze mit weiteren Narben und Spuren alter Kämpfe übersät. Und dann die Größe… die Bestie vor ihnen hätte selbst die meisten ihrer Artgenossen wie Zwerge wirken lassen.

Nur langsam begann sein Verstand wieder normal zu arbeiten. Waren sie in sein Revier eingedrungen?, fragte er sich. Oder hatten sie irgendetwas getan um ihn zu verärgern? Normalerweise waren Drachen nicht sonderlich aggressiv, solange man sie in Ruhe ließ und als Beute waren sie sicher nicht von Interesse, also was ging hier vor sich….

Der Kopf des Drachen war immer noch genau vor ihm und obwohl das blinde, als auch das gesunde, hellblaue Auge musterten ihn, als wäge die Kreatur ab, ob er die Mühe wert sei, ihn zu fressen.

Ordt war derweil wieder auf die Füße gekommen, strauchelte aber erneut, beim Anblick des Monsters vor ihnen. Langsam zog der Wolf das Schwert, Simon gab ihm jedoch ein Zeichen, abzuwarten. So wie er die Lage einschätzte, hatten sie sowieso keine Chance… worauf wartete es?

„Ihr seid nicht wie die anderen, die hierher kamen, Mensch.“ Die Stimme des Drachen war so tief und das Wesen ihm so nah, das seine Ohren zu schmerzen begannen. „Vielleicht seid ihr der, den die letzten Alten meinten.“

„Die Alten?“ Simon rang nach Worten.

Er glaubte zwar, einmal gelesen zu haben, dass Drachen die menschliche Sprache beherrschen lernen konnten, aber es wirklich zu hören war doch etwas ganz anderes…

„was seid ihr? Wer….“

„Zu viele Fragen.“ Obwohl es ihm schwerfiel, bei der Tonlage Emotionen auszumachen, klang der Drache jetzt beinahe… melancholisch. „Und zu viel Zeit ist vergangen, als das sie noch eine Rolle spielen würden. Wenn ich einen Namen hatte, so habe ich ihn vergessen, Mensch. So wie Ihr uns vergessen habt, oder was einst hier geschah. Oder vielleicht ist euer Volk so jung, das ihr es nicht einmal wissen könnt. Was ihr vor euch seht, ist alles, was von der einstigen Hauptstadt des alten Reichs geblieben ist. Und ich bin ihr Wächter. Gebunden durch Magie, die ihr nicht einmal verstehen würdet. Vielleicht seid ihr der, auf den ich warten sollte. Vielleicht nicht. Es spielt keine Rolle. Ich bin es müde, Mensch.“

„Warten ? Was meint Ihr damit, Ihr habt auf mich gewartet?“

„Habe ich das?“ Der Drache legte den Kopf schief und schnaubte, was wohl das Äquivalent eines Lachens sein sollte. Dann drehte er den Kopf in Richtung des Bauwerks unter dem Felsvorsprung. Einen Moment schien er nachzudenken.„Das gilt es herauszufinden. Geht hinein und ich werde euch leiten, so gut ich kann.“

„Und wenn ich mich weigere ?“

„Töte ich Euch beide und warte eben auf den Nächsten, oder den Übernächsten. Wenn ich eines in all den Jahrtausenden gelernt habe, dann das es immer einen Neuen gibt. Aber ich bin es überdrüssig, Mensch. Deshalb lebt ihr noch. Man hat mir nicht erlaubt, meine Wache aufzugeben, bis jemand kommt, um zu holen, was die Alten hier zurückließen. Aber ich werde auch nicht zulassen, dass Ihr… ihn nährt.“

„Wen meint Ihr?“

„Seid froh, wenn Ihr es nicht herausfinden müsst. Also, wie lautet Eure Entscheidung?“

„Es ist nicht so, dass ich eine Wahl habe.“

„Der Tod ist eine Wahl, Mensch, auch wenn viele von Euch sie nicht zu schätzen wissen. Eine Wahl, die ich nie hatte.“

Simon zögerte. Er hatte ohnehin vorgehabt, sich hier umzusehen, nicht? Aber diese Begegnung hatte etwas… Verstörendes. Auf was genau war er hier nun wieder gestoßen? So oder so… er würde es herausfinden müssen.

„Wir werden gehen.“, erklärte er schließlich an den Drachen gerichtet. „Ordt ? Ihr müsst mich nicht begleiten.“

Der Wolf, der dem Gespräch bisher schweigend gefolgt war, schüttelte entschieden den Kopf.

„Wir sind so weit gekommen. Was immer uns hier noch erwartet, ich begleite euch bis zu Ende.“

„Nur ihr. Alleine.“ , meinte der Drache da.

„Was ?“

„Nur Ihr werdet die Katakomben betreten, Mensch. Euer Gefährte, wird hier warten. Kehrt Ihr nicht zurück, kann er gehen.“

„Und was genau erwartet mich nun da unten?“

„Viele Dinge. Dunkel, böse, lange verloren… und das sollten sie auch besser bleiben. Aber ich habe nicht die Möglichkeit die Befehle der Alten infrage zu stellen. Geht, Mensch. Wenn ihr Euren Weg verliert, werde ich Euch führen. Und hütet Euch, nicht alles an diesem Ort ist so Tod, wie es scheint.“

„Beruhigend.“, meinte Ordt, während er Simon kurz bei Seite nahm. „Und Ihr seid sicher, dass ihr das tun wollt? Während Ihr da unten seid, kann ich zumindest versuchen, Hilfe zu finden. Ihr....“

Simon legte dem Freund nur eine Hand auf die Schulter und brachte ihn damit zum Schweigen.

„Ich weiß das Angebot zu schätzen. Aber ich schätze, diesen Teil meiner Reise muss ich wirklich alleine antreten. Wenn ich nicht zurückkehre…“

Er zögerte.

„Ihr wisst, was Ihr Kiris sagen müsst. Ich wünschte, es wäre anders gekommen. Aber offenbar gönnt das Schicksal uns nur wenig….“

Mit diesen Worten wendete Simon sich ab und trat auf den Eingang an der Felswand zu. Der Drache begleitete ihn und bei jedem Schritt der gewaltigen Kreatur zitterte die Erde unter seinen Füßen etwas.

„Ihr denkt, es mache mir Spaß euch hierzu zu zwingen.“, bemerkte sein riesenhafter Begleiter.

„Nein. Ich denke, Ihr wisst nicht einmal mehr, wieso Ihr das hier tut.“, antwortete Simon, als sie den Durchgang erreichten. „Es fällt kein Licht hinein.“

„Wie gesagt, solltet Ihr den Weg verlieren, werde ich Euch leiten.“ Der Drache kratzte etwas Schnee beiseite und legte dabei einige Äste eines lange erfrorenen Baumes frei. Ein einziger Feuerstrahl löste sich aus den Nüstern und entzündete einen davon. Simon hob die provisorische Fackel auf und umwickelte das nicht mit flüssigem Feuer umhüllte Ende mit einem Stück Tuch.

„Wie auch immer Ihr das machen wollt.“, bemerkte er. Es stimmte zwar, dass der Eingang ungewöhnlich breit war, aber der Drache war beinahe so groß wie der ganze Berg. Geschweige denn, dass Simon glaubte, dass alle Gänge dort drinnen derart großzügig angelegt sein würden.

„Ihr werdet sehen.“

Simon zögerte an der Schwelle. Selbst mit der Fackel vermochte er die Schatten auf der anderen Seite nicht zu vertreiben. Es musste Magie sein, dachte er. Etwas oder jemand hatte einen Zauber gewebt, der verhinderte, das Licht nach drinnen fiel. Nur wozu derjenige das getan haben mochte…. Entweder das alte Volk war lichtscheu gewesen oder es gab einen Grund, den er lieber nicht erfahren mochte.

Es spielte allerdings auch keine Rolle mehr. Er würde jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Simon atmete ein letztes Mal tief durch, dann trat er ins Innere. Die Außenwelt verschwand fast augenblicklich hinter einem schwarzen, dunstartigen Schleier und das Licht der Fackel erhellte nichts, außer einem kleinen Kreis um ihn herum. Er konnte weder Decken noch Wände sehen, noch, wie groß die Halle vor ihm war. Und er war ab jetzt absolut alleine…. Hinter ihm, lag nur Finsternis und vor ihm nicht mehr.

 

 

 

 

 

Kapitel 48

Durch das Dunkel

 

 

 

 

 

„Geht weiter Mensch. Fürchtet die Dunkelheit nicht.“ Die Stimme kam nicht von draußen, wie Simon erstaunt feststellte, sondern hallte scheinbar direkt in seinem Kopf. Der Drache hielt also Wort, dachte er. Er könnte ihn tatsächlich leiten, wenn es nötig wurde.

„Ich weiß nicht wohin.“ ,erklärte er leise. Seine eigene Stimme klang verloren in der schwarzen Weite, die ihn umgab.

„Geht weiter geradeaus. Was Ihr vor euch seht, waren einstmals die Hallen des Kastenrats. Heute jedoch sind sie verlassen… und vergleichsweise sicher. Ich glaube nicht, das sich etwas von weiter unten jemals hier herauf wagt.“

„Etwas?“ , fragte Simon, während er den Anweisungen folgte und durch den Raum ging. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Halbdunkel und er konnte kleine Alkoven mit zerbrochenen Statuen darin erkennen.

„Seit einfach vorsichtig. Ich werde versuchen, Euch um die meisten Gefahren herumzuführen. Das alte Volk hinterließ hier mehr als nur kalten Stein.“

„Beruhigend…“Simons Schritte hallten von dem steinernen Boden wieder und ab und an knirschte etwas unter seinen Stiefeln. Er wagte nicht nachzusehen, war sich jedoch absolut sicher, dass es sich dabei nicht um Steine handelte… Was immer es war, es war so uralt, das es unter seinen Füßen einfach zu Staub zerbröselte. Langsam konnte er auch vor sich etwas anderes erkennen, das sich aus der Dunkelheit schälte. Von außen hatte dieser Ort einen heruntergekommenen Eindruck gemacht, doch je weiter Simon sich vorwagte, desto intakter wirkte seine Umgebung. Die Statuen an den Seitenwänden, waren hier unbeschädigt und ließen die Züge von Wesen erkennen, die auf den ersten Blick einem Menschen zum Verwechseln ähnlich waren, nur wirkten die in Stein gemeißelten Züge feiner, zerbrechlicher. Aber das alte Volk war so weit von den Menschen entfernt gewesen, dass sie es bis heute nicht verstanden, dachte Simon, während er gedankenverloren vor einem der Standbilder stehen blieb.

„Was ist hier geschehen, Drache?“, fragte er. Es kam ihm seltsam vor laut zu sprechen, obwohl niemand in der Nähe war. Irgendwie behagte der Gedanke ihm nicht, dass der Geist dieses Wesens so mühelos in seinen eigenen dringen konnte. Hoffentlich stöberte es nicht zu sehr in seinen Erinnerungen….

„Das würde ich nicht tun.“

„Ihr habt es grade getan.“,erwiderte Simon.

„Nur, was ihr grade denkt. Das lässt sich kaum vermeiden. Aber wenn ihr euren Weg alleine fortsetzen wollt, bitte sehr….“

Simon ging nicht darauf ein. „Ihr habt meine Frage nicht beantwortet.“

„Was hier geschah, Mensch, geschah überall. Die gleiche Zerstörung, geboren aus dem eigenen Hochmut der Zauberer und den Folgen daraus. Eine ganze Zivilisation, verschlungen von ihren Sünden.“

„Ihr sprecht in Rätseln.“

„Betet zu Euren Göttern, dass ihr nie herausfinden müsst, wovon ich wirklich rede. Ich war dabei, vergesst das nicht. Und wenn ich darüber schweige… hat das Gründe.“

 

Ein weiterer Durchgang schälte sich aus der Finsternis, als Simon weiterging, dieses Mal kleiner als das gewaltige Eingangsportal, aber immer noch groß genug, das dieser Ort entweder einst von vielen Leuten besucht wurde… oder vielleicht rituellen Zwecken gedient hatte. Wie hatte der Drache es genannt? Die Halle des Kastenrats ? Direkt über dem Tor vor ihm, befand sich eine seltsame Öffnung im Dach der Halle. Die gleiche Magie wie die am Eingang schien zu verhindern, das Licht hindurch drang. Nur herrschte hier noch ein anderer Zauber… als Simon darunter trat und nach oben sah, fragte er sich erst, wie viel Zeit vergangen sein musste. Durch die Öffnung schimmerte ihm der Nachthimmel, übersät mit tausenden von Sternen entgegen. Aber die Lichtpunkte wirkten… größer, klarer, als er sie natürlicherweise je erblickt hatte. Nur langsam Verstand er, dass die Öffnung in der Decke offenbar nur Sonnenlicht schluckte. Sternenlicht kam, wie es schien aber durch….

„Wozu hat das gedient?“, fragte er fasziniert.

„Muss alles einen Zweck für Euch haben, Mensch? Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen Euch und dem alten Volk. Kunst und Magie sind keine zwei trennbaren Mysterien. Sie sind miteinander verwoben. Solange Ihr das nicht versteht, bleibt Eure Macht immer begrenzt.“

„Ihr sprecht nach wie vor in Rätseln.“

„Ihr fragt nach Wissen, das Ihr nicht verstehen würdet, selbst wenn ich ein Jahrtausend darauf verschwenden würde, es Euch beibringen zu wollen.“

Trotz der Kälte draußen war es erstaunlich warm geworden, seit Simon die Hallen betreten hatte. Und langsam verstand er den Grund dafür. Das alte Volk mochte tot sein, seine Magie jedoch glomm in jeder Felsspalte, in jedem Mauerstein hier nach. Wie musste es an diesem Ort bloß zu seinen Glanzzeiten gewesen sein?

„Götter, was für eine Magie hat hier geherrscht, dass sie nach all dieser Zeit noch spürbar ist?“

„Wer sagt, dass sie erloschen ist, Mensch? Geht weiter.“

 

Simon setzte sich nur zögerlich wieder in Bewegung. Irgendwie trugen die Worte des Drachen nur äußerst wenig dazu bei, ihn zu beruhigen. Ganz im Gegenteil. Das Gefühl der Bedrohung, dass er schon draußen in der Ruinenstadt verspürt hatte, kehrte mit Macht zurück und Eis-Hände schienen nach ihm zu greifen. Auf der anderen Seite des zweiten Portals, befand sich eine Kammer, ähnlich der ersten. Nur gab es hier keine Statuen und kein magisches Zierwerk mehr. Simon fand sich inmitten eines kalten, grauen steinernen Würfels wieder. Es gab weder Schutt, noch Reste von Farbe, als wäre dieser Ort noch genau in dem Zustand, in dem er einst erbaut worden war. Dort, wo in der vorherigen Halle Statuen gestanden hatten, zweigten hier jedoch Dutzende von Gängen in alle Richtungen ab.

„Wo lang?“, fragte er, ohne zu zögern. Er wollte das plötzlich nur noch hinter sich bringen und sei es auch nur, um das ungute Gefühl in seiner Magengegend Lügen zu strafen.

„Nehmt die mittlere Tür, Mensch. Aber tretet vorsichtig auf. Ihr befindet Euch damit auf dem Pfad der Erzmagier.“

„Was soll das wieder heißen?“

„Einst wurden an diesem Ort Zauberer geprüft und nur Zehn aus jeder Generation beschritten je den Pfad des Erzmagiers. Nur einer von diesen zehn kehrte am Ende auch zurück. Der letzte Erzmagier des alten Volkes, Ismaiel, war sogar der einzige seiner Generation, der es wagte.“

„Vielleicht ist es Euch entgangen, Drache, aber ich verfüge im Augenblick über so viel Magie, wie ein Gejarn. Also keine. Wie genau glaubt Ihr, soll ich das Überleben?“

„Das ist der Grund, aus dem Ihr noch lebt. Die meisten Prüfungen sind lange erloschen, aber die, die es nicht sind, werden Euch nicht finden. Sie suchen nach Magie. Ein Lebewesen ohne diese elementare Eigenschaft war für das alte Volk schlicht nicht denkbar. Und selbst die meisten Menschen besitzen einen Funken davon. Ihr jedoch….“

„Und da seid ihr Euch sicher?“

„Ihr wärt beim Durchtreten der zweiten Tür verbrannt, wäre dem nicht so. Der Schutzzauber dort, ist noch aktiv. Ihr habt die Wärme doch gespürt….“

Die verfluchte Echse will mich umbringen, dachte Simon, während er vorsichtig durch die Tür trat, die der Drache ihm gewiesen hatte. Vor ihm erstreckte sich ein langer Tunnel, dessen Seitenwände mit schwach glimmenden Kristallen besetzt waren. Andere Steine leuchteten bereits überhaupt nicht mehr und andere flackerten, offenbar kurz davor, ihre Kraft zu verlieren. Etwas huschte vor ihm durch das Halbdunkel, während Simon weiterging. Mäuse, sagte er sich. Sicher nichts als Mäuse…

Der Gang endete in einer kleineren, aber genauso würfelförmigen, grauen Steinkammer, wie die, die er zuvor erst verlassen hatte. Fünf weitere Pfade zweigten davon in alle Richtungen ab und Simon blieb einen Moment lang in der Mitte der Kreuzung stehen.

„Wohin jetzt?“, wollte er wissen. Das hier unten musste das reinste Labyrinth für jeden sein, der nicht wusste, wo er sich befand. Und die kalten, grauen Wände gaben keinen Hinweis darauf, der Stein war auch nach all den Jahrtausenden noch glatt und ohne jegliche Risse, die wenigstens dazu dienen könnten, herauszufinden, ob man im Kreis lief….

Das einzig Bemerkenswerte hier war ein Zirkel aus miteinander verschachtelten Runen, der in der Raummitte lag.

Die in den Stein gemeißelten Symbole waren dunkle Kerben, nicht mehr, trotzdem konnte Simon den vertrauten Wärmeschauer und das Kribbeln verloschener Magie spüren, je näher er darauf zutrat.

„Ich schätze, das war eine der Prüfungen?“, fragte er, da der Drache nach wie vor nicht antwortete.

„Nein, Mensch. Es war die letzte Gelegenheit umzukehren.“,meldete sich die Stimme endlich zurück. „Tretet hinein. Ich glaube, es ist noch aktiv. Seht Euch an, was vor Euch liegt.“

 

Simon zögerte einen Moment, tat dann aber, wie ihm geheißen. Sobald er einen Fuß in den Runenkreis setzte, füllten sich die Rillen im Stein mit flüssigem Licht. Ein bläulicher Schein, der flackerte und sich verschob, als wäre der Zauber nach all den Jahrtausenden nicht mehr ganz stabil. Aber er schien seine Wirkung zu tun, den einen Moment erschreckte er ihn zu Tode. Der Boden unter Simons Füßen verschwand ohne Vorwarnung und ließ nur ein gewaltiges, gähnendes Loch zurück. Einen Moment, glaubte er zu fallen, was er unter sich erblickte, schien unmöglich, ein gewaltiges Geflecht aus Röhren und Hallen, die ineinander übergingen und ein gewaltiges Spinnennetz zu bilden schienen…. Nur langsam wurde Simon klar, dass seine Füße nach wie vor sicher auf dem Boden standen. Die Felsen, auf denen er stand, waren also nicht verschwunden. Aber sie waren… durchscheinend geworden.

„Ihr hättet mich vorwarnen können.“, erklärte Simon grimmig. Langsam fragte er sich, ob das Ganze hier einen Zweck diente, oder ob der Drache sich einen üblen Scherz mit ihm erlaubte.

„Seht hinab.“ ,befahl das Wesen in seinem Kopf nur und mit einem seufzen, überwand er sich schließlich, erneut in die Tiefe zu blicken. Sein erster Eindruck erhärtete sich. Durch die nun nicht länger sichtbaren Felsen erhielt er einen Blick auf ein schier unendliches Gewirr aus Gängen und steinernen Röhren, Hallen, Kammern… Selbst wenn er davon ausging, das die Stadt draußen nur einen Bruchteil ihrer ehemaligen Fläche widerspiegelte, das hier unten war größer, größer sogar, als jedes zusammenhängende Bauwerk, das er je gesehen hatte. Man bräuchte nicht Wochen oder Tage um sich hier zu Recht zu finden… man bräuchte wahrhaft Jahre…. Kam man einmal vom richtigen Weg ab, gäbe es keine Chance mehr, je zurückzufinden. Ohne einen Hinweis war man verloren… und dann sah er doch etwas. Ein schwacher, purpurner Schimmer in der Ferne, den er erst gar nicht wahrgenommen habe. Er war so subtil, dass Simon es mehrmals aus den Augen verlor, aber irgendwie machte die… Struktur dieses Lichts ihn unruhig. Wabernd, sich ausdehnend, beinahe, wie ein pulsierendes Herz. Wenn es so etwas wie dunkles Licht geben konnte, Licht, das keines war… dann sah er es grade hier vor sich.

„Was ist das?“, fragte er flüsternd, so als hätte er Angst, das Ding dort draußen auf sich aufmerksam zu machen.

„Weshalb Ihr gekommen seid.“ ,antwortete der Drache. „Wenn Ihr es habt, ist meine Wacht vorbei. Es gibt etwas hier unten, Mensch, das sich davon nährt, etwas, das niemals entkommen darf. Nehmt ihm seine Nahrung.“

„Deshalb bin ich also hier.“ Simon trat aus dem Runenkreis zurück, der flackernd verlosch. Im gleichen Moment wurde auch der Stein im inneren des Zirkels wieder fest und blickdicht.

„Aber wenn Ihr schon so lange Wache haltet, verratet mir eines, warum habt ihr nie jemand anderen geschickt? Warum ich, warum jetzt ? Es geht nicht nur um die Fallen hier, oder?“

„Nein, da habt Ihr recht. Die letzten der Alten meinten, es würde eines Tages jemand kommen. Aber ich weiß nicht, wer das sein soll. Wenn Ihr jedoch versagt, könnt Ihr es nicht noch stärken, Mensch.“

„Und Ihr hatte vor mir wann zu sagen das ich praktisch... Kanonenfutter bin?“

„Eigentlich nie. Aber es ist wichtig, dass Ihr so oder so keine Gefahr seid. Das Wesen von dem ich spreche ist stark geschwächt, auch nach all der Zeit. Es wagt sich nicht an die Oberfläche. Aber eines Tages wird es das….“

„Ist... es… das was das alte Volk zerstört hat?“, Simon wagte kaum zu fragen. „Fürchtet Ihr es deshalb so? Habt Ihr es hier eingesperrt?“

Die Antwort, die er darauf in seinem Kopf vernahm, klang nach einem donnernden Lachen. Aber es war kein glücklicher Laut.

„Würde es in meiner Macht stehen, es einzusperren oder aufzuhalten, bräuchte ich dann jemanden, der es für mich tötet, wenn auch nur indirekt? Nein. Es entkam hierher. Wäre es nicht so geschwächt, es könnte mich mit einem Gedanken aus der Tiefe heraus vernichten. Aber noch kann es nicht mit mir aufnehmen. Und ich es nicht erreichen. Geht weiter… der dritte Durchgang.“

Simon seufzte und setzte sich, das ungute Gefühl nun nur noch gestärkt, wieder in Bewegung.

Kapitel 49

Erleuchtet

 

 

 

 

 

 

Ohne die Stimme, die ihn leitete, hätte Simon sich längst hoffnungslos verirrt. Und auch so hatte er das Gefühl, seit einer Ewigkeit unterwegs zu sein. Es gab nichts, womit er abschätzen könnte, wie viel Zeit vergangen war. Das Drachenpech an der Fackel, die er trug, schien nicht herunterzubrennen oder zumindest so langsam, das er es kaum merkte…. Hier unten sah alles gleich aus. Mit schwach leuchtenden Kristallen besetzte Gänge wechselten sich mit Kammern und Hallen ab, von denen nur noch mehr Wege abzweigten. Und nach wie vor wich das Gefühl der Bedrohung nicht von ihm. Er konnte nicht sagen, woran er es feststellte, aber sie schien langsam näher zu kommen. Vielleicht, dachte er, wurde es ja auch nur kälter, aber Simon hatte das Gefühl, als strichen Eisfinger über sein Rückgrat. Er legte eine Hand an den Schwertgriff. Das Gewicht der Waffe hatte etwas Beruhigendes, auch wenn er wusste, dass es ihm gegen das Wesen hier unten kaum etwas helfen würde. Wenn ein Drache Angst davor hatte… was sollte er dann ausrichten?

„Ihr sollt es auch nicht bekämpfen, Mensch. Es sei denn ihr habt Todessehnsucht.“

Von wegen, er las seine Gedanken nicht, dachte Simon. Und war sich sofort im Klaren darüber, dass der Drache auch das mitbekommen haben musste. Diesmal jedoch schwieg das Wesen, während der Gang vor Simon sich zum ersten Mal deutlich veränderte. Zuerst wurde der Weg unmerklich breiter und die Kristalle spärlicher. Statt dem sanften, bläulichen Licht drang ein waberndes, fast lebendig wirkendes Violett von irgendwo weiter vorne, das gespenstische Schatten und Muster auf die Wände zeichnete. Simon wusste, was er vor sich hatte, auch wenn ihm noch nicht klar war, was das Licht genau erzeugte. Mit jedem Schritt veränderte sich das Farbenspiel an den Wänden, wurde dunkler, bis es sich kaum mehr von der nun fast vollständigen Dunkelheit abhob….

Simon musste sich zwingen weiterzugehen, während der Gang vor ihm sich zu einer weiteren, großen, Kammer weitete. Im Zentrum befand sich eine Art überdachter Altar, der von einem Säulenrund gestützt wurde. Ineinander geflochtene Adern aus schwarzem und weißem Marmor durchzogen das Gestein um den Altar herum und schienen im unwirtlichen Licht beinahe flüssig, ein beständiger Strom, der sich vor den Säulen aufteilte und sich über die Stufen zu einem Sockel im Zentrum des Altars zog. Darauf schließlich ruhte die Quelle des Lichts. Eingeschlagen in ein dunkles Tuch, drang das seltsame Licht von einem Gegenstand darunter. Simon konnte nicht erkennen, worum es sich dabei handelte, aber er konnte es sich denken. Nach allem, was ihm der Drache erzählt hatte und seiner eigenen Erfahrung gab es nur eine Möglichkeit. Ein aus Schatten wiedergeborenes Juwel….

Er trat, sich nach allen Seiten umsehend, auf den Altar zu. Der Raum, in dem er sich befand war riesig. Decken und Seitenwände verloren sich in der Finsternis und das, was er vom Boden erkennen konnte, bestand rund um die Altar-Konstruktion aus Steinplatten, die leicht so groß wie ein kleines Gebäude waren. Simon kam sich beinahe wie ein Zwerg vor. Erneut fragte er sich, ob das alles einen praktischen Nutzen hatte oder nur rituellen Zwecken diente….

„Dies war die letzte Kammer, die ein Anwärter auf den Rang eines Erzmagiers nach einem Weg durch das Labyrinth erreichte, Mensch.“,erklärte der Drache unaufgefordert. „Jeder vorangegangene Erzmagier hinterließ bei seiner Ankunft hier etwas, das sein Nachfolger mit sich zurückbringen sollte, einen persönlichen Gegenstand, ein Geschenk, das den Anwärter leiten sollte oder vielleicht auch nur einige Worte. Nur dies hier… kam nie jemand holen. Bis heute.“

Simon war derweil bis ganz an den Altar herangetreten. Zögerlich streckte er eine Hand nach dem Tuch über dem Stein aus. Wie lange das schon hier liegen musste, dachte er. Und hielt inne.

„Ich kann es einfach so nehmen?“, fragte er gedämpft. Er wagte es nicht, laut zu sprechen. Auch nach all der Zeit, nach all der Zerstörung und den Schrecken, die hier geschehen sein mochten, strahlte dieser Ort etwas Sakrales aus….

„Ihr braucht die Magie dieses Ortes nicht zu fürchten.“ ,kam die Antwort.

Das war zwar nicht, was er gefragt hatte, dachte Simon, aber eine bessere Antwort würde er wohl nicht bekommen. Bevor er noch lange darüber nachdenken konnte, griff er beherzt zu und zog das Tuch weg. Das eben noch gedämpfte Licht, das von dem Juwel ausging, brach nun vollends hervor und enthüllte zum ersten Mal vollständig Simons Umgebung. Dieser jedoch achtete kaum darauf.

Der Stein wirkte beinahe unscheinbar, sah man über die Tatsache hinweg, dass er im Dunkeln glühte, wie eine Miniatursonne in den falschen Farben. Das war es also, dachte er. Der letzte Schritt, der letzte Gegenstand auf einer Liste… irgendwie hatte er wohl mehr erwartet.

Simon nahm den violetten, ovalen Kristall vorsichtig in eine Hand. Bevor er jedoch dazu kam, das Tuch erneut darum zu schlagen, nahm er aus den Augenwinkeln, eine Bewegung war.

Am äußersten Rand der Halle erhob sich träge eine Gestalt, die wohl dort gelegen haben musste. Die Entfernung war zu groß, als das Simon zu viele Details erkennen konnte, doch auf den ersten Blick wirkte sie durchaus menschlich, wenn auch fast bis auf die Knochen abgemagert. Eine zerrissene schwarze Robe hing mehr an dem Körper, als das sie noch durch viel getragen wurde… Die großen Löcher und Risse in der Kleidung offenbarten, was an dem Wesen nicht menschlich war. Schwarze Wucherungen bedeckten fast den kompletten Körper, verwuchsen an einer Schulter beinahe zu, so etwas wie grotesken Schuppen, und liefen als dunkle Linien den Arm hinab. An der Hand wiederum fächerten die Wucherungen über Finger und Handfläche aus und verliehen der ganzen Gestalt etwas beunruhigend Asymmetrisches, bis sie an den Fingerspitzen zu dünnen, nadelartigen Krallen ausliefen. Und trotz allem konnte Simon sich des Eindrucks nicht erwehren, einen Menschen vor sich zu haben…. schrecklich entstellt, kaum mehr erkennbar, aber doch nicht zu leugnen…

Träge hob es den Kopf und sah in seine Richtung… sah genau auf den Stein in Simons Händen.

„Lauft, Mensch, wenn ihr das Tageslicht je wiedersehen wollt. Rennt…“, donnerte die Stimme des Drachen in seinem Kopf und Simons starrer Körper setzte sich wieder in Bewegung. Mit einem Satz war er vom Altar weg und hechtete auf den Ausgang der Halle zu. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass das Wesen keinen Versuch unternahm, ihm zu folgen. Es legte lediglich den Kopf schief… und verschwand plötzlich. Simon erfuhr sofort wohin, als er wieder nach vorne sah und fast in es hineingelaufen wäre.

Das Wesen stand wie aus dem Boden gewachsen keinem halben Schritt von ihm entfernt. Wahnsinnige, gelbe Augen starrten ihn aus dem entstellten Gesicht heraus an und so zerstört die Züge des Wesens… des Mannes, auch wenn er sich da wohl nicht mehr sicher sein konnte, auch waren, sie kamen ihm vertraut vor. Die Statuen in der Eingangshalle, dachte Simon. Was er vor sich hatte, war nicht etwa einmal ein Mensch gewesen… sondern ein Mitglied des alten Volkes. Irgendwie erregte der Gedanke weniger Abscheu in ihm als ein fernes, schwer greifbares Mitleid. Das war alles, dachte er. Das war, was von ihnen geblieben war. Dieses Monster, diese eine Abscheulichkeit….

Angst, Hass und Mitgefühl kämpften in seinem Kopf einen Moment miteinander um die Oberhand, bis sein Überlebensinstinkt gewann. Er musste immer noch hier weg und zwar schnell….

„Seid äußerst vorsichtig.“, warnte der Drache ihn. „Auch wenn er weit von seiner ursprünglichen Form und Macht entfernt ist, kann er Euch nach wie vor vernichten. Und seht es Euch gut an. Das ist, was aus dem alten Volk wurde. Eine Kreatur, die sich der Dunkelheit verschrieben hat. “

„Ihr meint, sie wurden alle zu diesen… Dingern?“

„Nicht alle. Aber genug davon, Unwissenheit kann ein Segen sein, Mensch. Und Ihr müsst hier weg. Jetzt“

Das braucht Ihr mir nicht erst zu sagen, dachte Simon. Er setzte an der Kreatur vorbei, in dem Wissen, das diese nur den Arm heben bräuchte, um ihn aufzuhalten. Aber nichts dergleichen geschah. Es sah ihm lediglich nach, wie er an ihr vorüberlief und auf den plötzlich freien Ausgang zu… bis es erneut in einem Wimpernschlag verschwand und direkt vor Simon auftauchte. Diesmal jedoch, blieb es nicht tatenlos. Bevor er mit der Kreatur zusammenstieß, hatte diese bereits die entstellte Pranke gehoben. Eine Welle aus verdichteter Luft schlug Simon vor die Brust und riss ihn von den Füßen. Der Kristall, den er zuvor noch umklammert gehalten hatte, entglitt seinem Griff und schlitterte über den Boden davon. Der Aufprall, als Simons kurzer Flug endete, war heftiger als erwartet und er fürchtete, das Bewusstsein zu verlieren. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst und für einen Moment verdunkelte sich sein Blickfeld. Er wappnete sich bereits für das, was folgen musste. Aber alles blieb ruhig. Das Wesen schien sich bereits nicht mehr für ihn zu interessieren, sondern starrte in Richtung des verlorenen Steins…was sollte das denn?

„Wie gesagt Mensch. Ihr verfügt nicht über Magie, Ihr seid für es völlig… uninteressant. Vielleicht hält es euch auch für harmlos. Wäre dem nicht so, wärt ihr schon tot.“

„Na danke…“ Simon richtete sich schwerfällig auf, Blut tropfte aus seinem Mundwinkel auf den Boden. Aber vielleicht war das auch seine einzige Chance, dachte er. Eine Chance, die ein anderer nie bekommen würde. Sollte das Schicksal entscheiden….

Er schätze die Entfernung zwischen sich und dem verlorenen Kristall ab. Wenn das Ding so dahinter her war, sollte er vielleicht etwas dagegen tun. Simons Hand wanderte zum Schwertgriff.

„Was habt Ihr vor?“ , fragte die Stimme des Drachen.

„Vermutlich etwas, das ich bereuen werde. Ihr habt gemeint, der Stein wäre alles, was diese Kreatur nährt. Wenn ich ihn nicht mitnehmen kann, zerstöre ich ihn eben… mit einem habt ihr recht. Das Ding darf nicht von hier entkommen.“

Simon sprang vor und zog das Schwert. Das Wesen, das einstmals ein Mitglied des alten Volkes gewesen sein mochte, merkte offenbar, was er vorhatte, denn mit einem kaum wahrnehmbaren flackern, verschwand es erneut und erschien direkt über dem Stein. Simon konnte das Blut in seinen Venen hören, jeden Atemzug, während er die restliche Entfernung zwischen sich und seinem Gegner überbrückte.

Das Wesen hatte derweil die Hand nach dem Stein ausgestreckt und hob das Juwel vorsichtig auf. Den anderen Arm hob es derweil wie beiläufig in Simons Richtung. Grün-blaues Feuer schlug daraus hervor und jagte als Wolke auf ihn zu. Simon konnte die Hitze der Flammen selbst auf die Entfernung spüren. Reflexartig ließ er sich zu Boden fallen und schlitterte über die Steinfliesen. Die Feuerwolke jagte weniger als einen Fingerbreit über ihn hinweg und fächerte mit einer weiteren Geste des entstellten Zauberers zu einem breiten Teppich aus, der auf den Boden herabsank. Die Hitze versenkte bereits Simons Haut, als er endlich darunter hindurch war. Das Schwert hielt er nach wie vor umklammert, während er auf die Füße sprang. Er hatte diese eine Gelegenheit. Eine Zweite würde er nicht bekommen.

Diesmal war er es, der überraschend vor seinem Gegner auftauchte. Simon schlug zu, ohne nachzudenken. Er wusste nicht, was er tun würde, falls eine einfache Klinge dieses… Ding nicht verletzen würde. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt….

Das Wesen war offenbar zu überrascht um noch zu reagieren, als das Schwert auf die Hand niederfuhr, die den Kristall hielt. Das Geräusch, als die Waffe Knochen und Fleisch durchtrennte, sollte Simon noch Tage später verfolgen, genauso wie der heulende Laut, den der entstellte Magier ausstieß, als seine Hand sauber abgetrennt wurde… und das Juwel ungebremst zu Boden fiel. Beim Aufprall gab es einen gewaltigen Lichtblitz, der Simon einen Moment blind machte. Er spürte lediglich, wie er erneut den Boden unter den Füßen verlor und durch den Raum geschleudert wurde. Das Wesen jedoch, blieb wo es war, eingeschlossen in der gleißenden Lichtsäule, die einen Moment die Schatten aus der Halle vertrieb... Tausende, lange erloschener magischer Lichtquellen speigelten das Leuchten wieder und ließen die toten Hallen so einen letzten Augenblick lang in alten Glanz erstrahlen.

Simon seinerseits krachte ungebremst gegen den Altar. Schmerz strahlte durch seinen ganzen Körper, als der Stein selbst etwas unter der Wucht des Aufpralls nachzugeben schien, dann verlor er das Bewusstsein.

 

 

Kapitel 50

Verloren

 

 

 

 

 

 

„Das dauert zu lange.“ Ordt stand von der Mauer auf, auf der er gesessen hatte „Irgendwas ist passiert…“ ihm gefiel ohnehin nicht, was der Drache ihm bisher über diesen Ort erzählt hatte. Wenig Konkretes… aber er wusste, dass Simon in Gefahr war.

Der Himmel über ihm hatte mittlerweile einen tiefblauen Ton angenommen, mit Ausnahme eines schmalen Lichtstreifens am Horizont. Noch etwas länger und es wäre ganz dunkel. Der Wind trieb einzelne Schneeflocken mit sich, die sich in der Kleidung des Gejarn verfingen, während er auf den Drachen zuging. Das riesige Wesen hatte sich ein Stück weiter niedergelassen und starrte seit mehreren Stunden, seit Simon darin verschwunden war, auf den Eingang an den Klippen.

Das hieß, bis grade eben. Der Drache war aufgestanden und wirkte plötzlich… unruhig? Ordt fand es schwer, die Körpersprache dieses Wesens lesen zu wollen. Irgendetwas musste sich geändert haben, was seine Aufmerksamkeit geweckt hatte. Aber was ?

„Er ist weg.“, stellte die riesige Echse fest. „Wer ist weg?“ Ordt gefiel der Ton in der Stimme des Drachen nicht. Es klang zu… beunruhigt.

„Euer Freund…“ die Augen des Drachen verengten sich zu schlitzen. „Und auch der Andere… sie sind beide fort.“

„Welcher Anderer ? Was meint ihr damit, sie sind fort?“

„Ich kann keinen von ihnen mehr spüren, Gejarn. Es ist beinahe so, als wäre ich plötzlich blind für sie geworden. Eben waren sie noch da und nun… nichts mehr.“

Ordt wollte gar nicht wissen, was das bedeuten mochte. Doch scheinbar hatte der Drache seine Gedanken erraten.

„Ich fürchte Euer Freund ist tot.“ Die Antwort war so knapp wie eindeutig. „Aber er hat seine Aufgabe erfüllt.“ Die Direktheit des Drachen stieß Ordt vor den Kopf. Das konnte er doch nicht wissen, dachte der Wolf. Nicht einfach so zumindest. Und er würde es sicher nicht einfach hinnehmen.

„Ich gehe ihm nach.“, erklärte er lediglich und lief, ohne langsamer zu werden, an dem Drachen vorbei.

Dieser jedoch war schneller, als Ordt bei seiner Größe für möglich gehalten hätte. Die gewaltige Kreatur machte einen Satz direkt vor Ordt, der den Boden zum Zittern brachte. Schnee wirbelte auf und hüllte den Wolf ein, während der Drache sich zu ihm herunterbeugte, bis sie beinahe miteinander auf Augenhöhe waren.

„Ihr werdet nichts dergleichen tun. Davon abgesehen, dass Ihr ihn nicht finden würdet, sollte ich mich irren und beide oder einer von beiden überlebt haben, gehe ich das Risiko nicht ein, das Ihr es… wieder stärkt. Hier steht mehr auf dem Spiel, als Ihr auch nur verstehen könnt.“

„So wie ich das mitbekommen habe, Drache, habt Ihr Simon dort runter geschickt, weil er nicht mehr über Magie verfügt. Es ist Euch vielleicht entgangen, aber ich bin ein Gejarn. Mein Volk verfügt nicht über Magie.“

„Der Funke, den Ihr habt, reicht.“, antwortete der Drache. „Es tut mir leid, aber macht noch einen Schritt und ich bin gezwungen Euch aufzuhalten. Wenn es so schwach ist, dass ich es nicht mehr spüren kann, wird es sterben. Es sei denn ein Narr wie Ihr nährt es.“

Ordt brummte einen leisen Fluch, machte aber einen Schritt rückwärts. Vielleicht hatte der Drache sogar Recht, vielleicht stand hier mehr auf dem Spiel, als das Leben eines einzelnen Mannes. Eines Freunds… aber er konnte hier auch nicht bloß herumsitzen.

„Kiris wird mich umbringen.“, murmelte er und ließ sich neben einer umgestürzten Säule in den Schnee sinken.

„Wer ist das eigentlich?“, wollte der Drache wissen und klang beinahe etwas… versöhnlich? Die Stimme des Wesens war einfach zu tief, um klar Emotionen ausmachen zu können. „Ich habe gezwungenermaßen einige der Gedanken Eures Freunds gesehen.“

„Hoffentlich jemand, der ihn am Leben erhält.“, antwortete Ordt nur. Vielleicht schmeckte dem Drachen ja etwas von seiner eigenen Medizin… er würde sicher nicht riskieren, dass das alles umsonst gewesen war. Aber er würde die Hoffnung auch nicht aufgeben. „Ich werde hier warten und wenn es eine Woche dauert.“

„Ich verstehe. Es tut mir leid, aber ich bezweifle, dass er noch lebt. Und meine Wacht hier ist nun vorbei.“

Mit diesen Worten breitete der Drache die Schwingen aus und erhob sich in die Luft. Jeder Flügelschlag lies eine Sturmbö über das Land fegen und wirbelte Schnee auf. Ordt sah der Kreatur nur ungläubig nach, wie diese innerhalb weniger Herzschläge am dunkler werdenden Himmel verschwand. Das war doch jetzt nicht sein Ernst… langsam machte der Wolf sich auf den Weg durch die nun vollends verlassene Ruinenstadt in Richtung der Felsklippe. Die noch intakten Bauten dort waren vielleicht zum Grab für einen Mann geworden, den er wie sonst kaum jemanden respektieren gelernt hatte… aber er würde warten, dachte Ordt. Nein, so schnell gab er dann doch nicht auf. Einen Moment blickte er zurück über die tote Stadt und die vereisten Ebenen um sie herum. Es war erstaunlich, dass dies hier tatsächlich einst als Hauptstadt des alten Volkes gedient haben sollte. Aber vielleicht war das Klima ja einst anders gewesen? Hätte jemand Ordt gefragt, er hätte bezweifelt, dass hier draußen überhaupt etwas lange überleben könnte. Den ganzen Weg hierher hatte er nur vereinzelt Tiere gesehen, einige Vögel, eine kleine Rentierherde… aber kaum Hinweise auf Menschen oder Besiedlung. Deshalb starrte er auch verwundert auf die Schemen am Horizont. Es gab hier kaum Erhebungen, weswegen er nicht genau einschätzen konnte, wie weit sie noch weg waren, aber es waren viele. Tausende vielleicht. Eine dichte Reihe aus sich verschiebenden, bunten Punkten, inmitten der kalten Ebene. Das waren keine Tiere, da war er sich sicher. Und sie waren auf dem Weg hierher…. Der Wolf wollte sicher nicht ehrausfinden, ob wer immer dort draußen war, der ihnen freundlich gesinnt war.

Ordt rannte jetzt in Richtung Felswand weiter. Egal, was der Drache gesagt hatte, er könnte nicht auf Simon warten… und wenn er nicht auf ihn warten konnte, musste er ihn eben finden. Bevor er jedoch weit kam, wurden ihm ohne Vorwarnung die Beine unter dem Körper weggezogen. Er wollte die Arme ausstrecken, um sich abzufangen, fand sich jedoch selbst dazu unfähig und schlug ungebremst in einer Schneewehe auf. Sein ganzer Körper war wie gelähmt und egal wie sehr er sich auch anstrengte… er konnte keinen Finger rühren. Erst, als jemand ihn an der Schulter packte und auf die Füße zog, erlangte er etwas Kontrolle über seinen Körper zurück, aber auch nur genug, um nicht erneut zu stürzen. Und als er sah, wen er da vor sich hatte… Der Mann, der ihn festhielt trug eine, Ordt nur zu vertraute, blau-goldene Uniform. Vor ihm auf dem Weg waren noch weitere Gardisten aufgetaucht und in ihrer Mitte stand eine Gestalt in den türkisfarbenen Roben des Sangius-Ordens.

Die hohe Stirn und die kurzen, dunklen Haare gaben dem Mann eher etwas von einem Gelehrten, doch Ordt wusste, dass die bloße Erscheinung bei einem Zauberer immer täuschte.

„Sieh mal einer an.“, meinte Erik Svensson. „Man könnte fast meinen jemand der genau wie ihr aussieht, wird momentan überall gesucht….“

 

Simon blinzelte im Halbdunkeln. Wieder einmal brannte jede Faser seines Körpers, als er versuchte, sich aufzusetzen. Blut lief aus einem Dutzend kleinerer Schnittwunden über seinen Rücken… aber seine Beine gehorchten ihm noch. Das war immerhin etwas, dachte er. Und es war ein kleines Wunder… Simon stützte sich auf der gesprungenen Oberfläche des Altars ab. Nur langsam kehrten seine letzten Erinnerungen an den Kampf zurück. Hatte er es geschafft?, fragte er sich. Oder war dieses Ding hier immer noch irgendwo? Seine Hand tastete suchend nach dem Schwertgriff, fand ihn aber nicht. Die Waffe musste nach wie vor irgendwo in der dunklen Halle liegen. Nach der Zerstörung des Kristalles, waren die Schatten noch undurchdringlicher geworden, sodass er kaum zwei Schritte weit sehen konnte.

„Ist es vorbei?“, fragte er, erhielt jedoch keine Antwort.

„Drache ?“ Erneut, bestand die Antwort nur aus drückender Stille. Langsam ging Simon weiter, lauschte, ob sich irgendwo etwas rührte….

Bei jedem Schritt brannten seine Muskeln. Und er hätte noch den kompletten Rückweg vor sich. Wenn er ihn denn fand. Was war nur geschehen, dass der Drache ihn nicht mehr hörte?

Vor ihm tauchten die Umrisse der Rückwand der Halle auf. Der Stein schien auf einem Abschnitt so groß wie ein Haus geschmolzen und wieder erstarrt zu sein. Die glasige Oberfläche war teilweise auf den Boden hinab gelaufen und hatte dort kleine Pfützen aus, nach wie vor glühendem, Gestein hinterlassen. Simon trat vorsichtig über die Lavalachen hinweg, bis ihm ein schimmernder Gegenstand ins Auge fiel. Das Schwert… die Detonation des Kristalls hatte die Klinge zwar nicht zerstört, aber deutlich in Mitleidenschaft gezogen. Die Sonnengravur auf dem Knauf war beinahe unkenntlich geworden und das Klingenblatt selbst von Ruß und Asche geschwärzt. Simon nahm die Waffen an sich und ging weiter. Wenn er einfach der Wand folgte, würde er früher oder später zumindest den Ausgang aus dieser Halle finden. Ob er auch den Weg durch das Labyrinth finden würde, war wiederum eine andere Frage… war das hier am Ende das Ziel von all dem gewesen, was hinter ihm lag? , fragte er sich. Oder war es nur eine weitere Prüfung? Ein Geräusch zu seiner linken, riss ihn aus seinen Gedanken. Etwas bewegte sich im Halbdunkel, eine Gestalt, die sich mit letzter Kraft voranschleppte… er wusste, was es war. Der Geruch von verbrannter Haut schlug Simon entgegen, aber er überwand sich, stehen zu bleiben. Von der einstmaligen Bedrohung, die die Kreatur ausgestrahlt hatte, war kaum etwas geblieben. Die Explosion hatte es wohl bereits so gut wie getötet. Es streckte den Stumpf aus, der einmal ein Arm gewesen war, als würde das noch irgendetwas bewirken. In den weit aufgerissenen gelben Augen lag keine Wut oder Niederträchtigkeit mehr. Nur Verzweiflung und Schmerz. Es schien Simon beinahe so, als Begriff dieses Wesen, was es verloren hatte. Was einstmals vielleicht zu der mächtigsten Art dieser Welt gehört hatte, war nun ein entstelltes, sterbendes Ding…. Eine Karikatur, jeder Macht beraubt, ein Zerrbild dessen, was es einstmals gewesen sein mochte und was es hätte werden können.

Simon umklammerte den Schwertgriff fester und sammelte sich. Es war eine Sache, etwas zu töten, dass eine Bedrohung darstellte. Eine andere, dass mit einem Wesen zu tun, für das der Tod nur noch eine Erlösung darstellte. Und wahrscheinlich, dachte Simon, löschte er damit auch alles aus, was vom alten Volk geblieben war. Er bat stumm um Vergebung, bevor er das Schwert hob und es in einem weiten Bogen auf den Hals der Kreatur herabfahren ließ. Es gab keinen Widerstand und auch keinen markerschütternden Aufschrei, wie zuvor. Nur ein kurzes Aufblitzen des Verstehens in den Augen seines Gegenübers, bevor die Klinge traf….

Danach blieb Simon einen Moment vornübergebeugt stehen. Er fühlte sich müde und hatte keine Ahnung, wie er den Weg zurückfinden sollte. Aber er lebte noch. Vielleicht war es also noch nicht vorbei. Simon wischte das Schwert sauber. So gut ihn seine zitternden Beine trugen, schleppte er sich in Richtung Ausgang und ließ die zentrale Kammer hinter sich. Ohne einen Führer würde es schwer, wenn nicht sogar unmöglich werden, seine Schritte zurückzuverfolgen. Aber es war nicht unmöglich, sagte er sich. Nur Mut, machte ihm das nicht wirklich… Wenigstens waren die Schatten weniger drückend, nachdem er die Tunnel wieder erreichte. Die leuchtenden Steine in den Wänden hüllten alles in ein gespenstisches, bläuliches Licht. Nach wie vor sah alles hier gleich aus. Für die ersten Abzweigungen wusste er noch ungefähr, welchen Weg er nehmen musste, doch je weiter er kam, desto unsicherer wurde er. Und es brauchte nur einen Fehler….

Als Simon schließlich die erste Kammer erreichte, in der er anhalten musste, wusste er, dass es vorbei war. Vier Wege führten in vier unterschiedliche Richtungen, ohne das er sich erinnern könnte, welche die Richtige war. Vielleicht könnte er es trotzdem versuchen… aber das Risiko den Weg zu verlieren war zu groß. Simon lauschte erneut, ob vielleicht der Drache wieder da wäre… aber nach wie vor blieb er mit seinen Gedanken alleine und die unterirdischen Kammern so still, wie in den letzten tausend Jahren zuvor….

 

 

 

Kapitel 51

Gefangen

 

 

 

 

 

„Simon…“ die vertraute Stimme ließ ihn aufhorchen. Zum ersten Mal seit… er wusste nicht wie vielen Stunden kehrte so etwas wie Leben in ihn zurück. Er wusste nicht, wie lange er nun schon durch das Halbdunkel der Gänge und Kammern hier irrte. Viel zu lange, als das er noch Hoffnung hatte, den richtigen Weg wiederzufinden. Alles hier sah absolut gleich aus und mit der Zeit kamen die Müdigkeit, Durst, Erschöpfung. Nach unzähligen Abzweigungen und Räumen hatte er sich einfach gegen eine kalte Mauer gelehnt und war eingeschlafen….

Simon blinzelte. Er wusste, dass das, was er hörte, eigentlich unmöglich war. Vielleicht halluzinierte er. Vielleicht spielte es auch keine Rolle.

„Hallo, Simon.“ Kiris saß keinen Schritt von ihm entfernt auf dem Boden, die Arme überkreuzt und ein beinahe… spöttisches Lächeln auf den Lippen.

„Du bist nicht hier.“, erklärte er ruhig. „Du bist weit weg… in Sicherheit.“ Und das war, was zählte. Jeder, der noch von ihr wissen könnte, war selber Tod oder davon überzeugt, sie sei es, mit Ausnahme von ihm selbst und Ordt.

„Stimmt wohl.“

„In dem Fall bist du nur eine Vision… hervorgerufen, von was auch immer dieser Ort von meinem Verstand übrig gelassen hat.“

Statt ihm direkt zu antworten, streckte die Erscheinung ihm lediglich eine Hand hin.

„Und trotzdem kann ich dir helfen.“

„Wie?“ Bevor er selber wusste, was er tat, ergriff er die dargebotene Hand und stand langsam auf. Er war erschöpft… und verlor offenbar grade den Verstand. Aber er fühlte sich besser, dachte Simon. Und vor ihm lag ein weiterer Tunnel, der ins Nirgendwo führte. Halb rechnete er damit, das Kiris verschwunden sein würde, als er sich erneut zu ihr umdrehte, aber sie war nach wie vor da.

„Sieh nach vorne.“, erklärte sie mit einem kurzen Nicken in Richtung einer der Abzweigungen. „Vielleicht bist du nicht so verloren, wie du glaubst, Simon. Das warst du nie. Und doch hast du allzu lang gebraucht um es zu erkennen, nicht?“

Er fragte nicht, was das bedeuten sollte. Im Augenblick hatte er ohnehin keine andere Hoffnung. Der Tunnel, den er sah, unterschied sich kaum von den tausenden anderen hier unten. Der schwache Lichtschein der von den magischen Steinen an den Wänden ausging, erlaubte es, sich zu orientieren, aber kaum mehr. Normalerweise konnte man grade erkennen, wohin man mit dem Fuß trat. Aber… etwas war hier anders, dachte Simon. Etwas, das ihm zuvor nicht aufgefallen war, weil es so unscheinbar war. Es war nicht so dunkel wie sonst. Licht. Von irgendwo her fiel Licht herein. Aber das war unmöglich, wenn er sich richtig erinnerte. Der Eingang war versiegelt gewesen, der Zauber würde kein Licht hereinlassen. Es sei denn der Tod der Kreatur in den Katakomben hatte auch die Magie gebrochen. So oder so, wenn es Heller wurde, gab es einen Ausgang… und er war nahe. Die Erschöpfung war mit einem Schlag wie weggeblasen. Langsam begann er erneut seinen Weg durch das Labyrinth, doch diesmal war alles anders. Er hatte seinen Mut wiedergefunden. Und er war nicht mehr verloren so unglaublich das schien. Kiris begleitete ihn schweigend durch das Halbdunkel und ob er nun verrückt wurde oder nicht… für den Moment reichte es, nicht alleine zu sein.

Er war so weit gekommen, jetzt würde er den Weg, den er begonnen hatte auch bis zum Ende gehen. Delia… ohne dass er lange darüber nachdenken musste, wusste er, wo sein nächstes Ziel lag. Er würde sie Seher finden. Die Helligkeit wurde jetzt immer deutlicher und verdrängte zunehmend das unstete Licht der Kristalle. Jetzt konnte er sich nicht mehr verirren…. Bevor Simon wusste, wie ihm geschah, stolperte er auch bereits in die große Steinhalle, die den Eingang des Labyrinths markierte. Der Runenkreis am Boden flackerte einen Moment auf, als er darüber hinwegging, schien aber ebenfalls seine letzte Kraft verloren zu haben. Dieser Ort starb, dachte Simon, als er durch die vorletzte Tür des Bauwerks trat. Die große Halle mit den Statuen war jetzt von trübem Licht durchflutet und auch durch die Dachöffnung fielen nun rötliche Sonnenstrahlen. Es musste bald dunkel werden. Zum ersten Mal konnte Simon abschätzen, wie lange er wirklich durch die Katakomben geirrt war. Fast einen ganzen Tag….

Seine Schritte hallten gespenstisch in dem riesigen Saal wieder, aber mit dem Licht war auch das Gefühl der Bedrohung gewichen. Jetzt war es nur noch einer von vielen verlassenen Orten auf dieser Welt. Leer und Tod, aber nicht mehr gefährlich. Was immer er hier vernichtet hatte, so sehr sein Mitleid am Ende auch überwogen hatte, es war das Richtige gewesen, dachte Simon. Er trat auf eine der Statuen zu, die in einer Nische in der Wand standen und betrachtete die abgeschliffenen Züge. Hatte das alte Volk wirklich gewusst, dass er hierher kommen würde? Vielleicht war es einfacher zu glauben, dass der Drache mit den Äonen bloß genau so verrückt geworden war, wie sein Gefangener. Aber er hatte gesehen, dass es so etwas wie Schicksal gab, nicht?

„Und doch ist es nicht festgeschrieben, oder?“ Er hatte nicht damit gerechnet, das Kiris noch da sein würde. Und wieder einmal, dachte Simon, traf sie genau den Punkt, um den es ging.

„Nein… nein, das glaube ich nicht.“ Er zwang sich, langsam weiterzugehen, auf den hellen Punkt zu, der den Ausgang aus diesen verlassenen Hallen markierte.

„Du wirst mich nicht weiter begleiten, oder?“, fragte er, als das Tor nur noch wenige Schritte entfernt war.

Kiris schüttelte den Kopf. „Nur bis hierhin. Und bis wir uns wiedersehen.“

„Das werden wir.“, erkläre Simon. „Das verspreche ich.“

„Gib kein Versprechen, das du nicht halten kannst.“

„Nun dann muss ich eben zusehen, dass ich es halte.“ Simon konnte die Kälte spüren, die mit dem Wind durch das offene Tor hereinkam. Danke, Kiris. Für alles.“

Ein letzter Schritt und er trat nach draußen und damit endgültig zurück ins Licht.

 

Die Kälte traf wie ein Messer auf jede bloße Hautstelle. Der Himmel hatte einen tiefblauen Farbton angenommen und was noch an Tageslicht übrig war, strahlte als goldene Line am Horizont, trotzdem blendete es ihn nach der langen Zeit in den Schatten einen Moment. Er drehte sich weg, um wenigstens sein Gesicht zu schützen… und vermutlich rettete ihm das das Leben.

Simon hörte den Schuss, bevor ihn die Kugel traf. Heißer Schmerz raste durch seinen Arm, als das Projektil ihn streifte und eine tiefe Wunde hinterließ. Blut durchtränkte seine Kleidung, während sein Verstand noch nicht ganz begriffen hatte, was vor sich ging. Sein Körper jedoch, reagierte sofort. Die noch unverletzte Hand riss das Schwert hoch und parierte einen Klingenhieb, der wie die Kugel aus dem nichts zu kommen schien. Erst jetzt konnte er erkennen, wer ihm gegenüberstand. Etwa ein Dutzend Männer, in vertrauten, blau - goldenen Wappenröcken, hatten einen Halbkreis um ihn gebildet, Schwerter und Arkebusen auf ihn gerichtet… der eine, der ihn attackiert hatte, riss derweil die Waffe zurück und schlug erneut auf ihn ein. Sich nur mit einer Hand zu verteidigen, war alles andere als einfach... Simon sprang zurück um den Angriff zu entgehen, im gleichen Moment, war jedoch schon einer der anderen Gardisten heran und stieß ihm den Kolben eines Gewehrs gegen den Schädel. Einen Moment wurde alles schwarz um ihn, bevor er sich auf dem Boden knien wiederfand. Bevor er noch Gelegenheit hatte, irgendetwas anderes zu tun, war er bereits endgültig umstellt und wurde grob erneut auf die Füße gerissen. Die Gardisten führten ihn schweigend durch die Ruinenstadt, bis zu einem Gebäude, dessen Außenwände weitgehend intakt waren und etwas Schutz vor dem schneidenden Wind boten.

Tausend Fragen schwirrten in seinem Kopf, während die Gardisten ihm vom Eingang des Labyrinths fortzerrten. Wie hatte man ihn gefunden? Wo bitte war der Drache? Und wenn die kaiserliche Garde hier war… was war mit Ordt? Zumindest auf letztere Frage erhielt er eine Antwort, als man ihn erneut zu Boden stieß und er direkt neben der Gestalt des Wolfs im Schnee landete.

Ordt sah übler aus, als er selbst, soweit Simon das einschätzen konnte. Ein Auge des Gejarn war zugeschwollen und selbst das dichte Fell konnte die Vielzahl an kleineren Wunden, die über Arme und Gesicht verteilt waren, nicht mehr verbergen….

Trotzdem rang der Mann sich ein gequältes Lächeln ab, als er Simon erkannte.

„Ich habe schon gedacht, ihr kommt gar nicht mehr… Eure Freunde hier haben sich derweil die Zeit mit mir vertreiben dürfen.“

Simon richtete sich in eine halb sitzende Position auf, während der Wolf sich lediglich gegen eine der Mauern zurücksinken ließ.

„Glaubt mir, ich hätte mich mehr beeilt, wenn ich gewusst hätte, das Ihr schon alle auf mich wartet.“

Das Grinsen auf seinem Gesicht erlosch. „Sieht nicht gut aus, oder?“

Statt einer Antwort nickte der Wolf nur in Richtung Ausgang des verfallenen Gebäudes. Ihre Bewacher hatten sicher davor Stellung bezogen um jede Flucht zu verhindern. Nun jedoch verdunkelte eine weitere Gestalt die Öffnung. Simon konnte nur die Silhouette erkennen, aber das reichte ihm bereits. Der Fremde trug eine lange, mit Pelz gefütterte Robe, die Kleidung eines Magiers… Simon versuchte aufzustehen, während der Zauberer endlich aus dem Licht und ins Innere des zerstörten Hauses trat. Als er schließlich erkannte, um wen es sich handelte, gab er den Versuch auf, wieder auf die Füße zu kommen. Erik Svensson klopfte sich beiläufig den Schnee aus der Kleidung, während sein Blick über die beiden Gefangenen wanderte. Ein nur überheblich zu nennendes Lächeln spielte um seine Lippen und zu seinem Leitwesen musste Simon gestehen, dass es wohl berechtigt war. Die Situation war ihm nur zu gut bekannt.

„Ich mache es einfach.“, meinte Erik. „Wo ist die Träne Simon? Ihr habt sie inzwischen gefunden, da bin ich mir sicher.“

Einen Moment war Simon sich nicht sicher, ob Erik ein Spiel mit ihm spielte. Zuzutrauen wäre e ihm wohl, dachte er. Andererseits gab es keinen Grund dazu… er musterte seinen alten Gefährten einen Augenblick. Götter, er meinte es ernst….

Statt zu antworten, lachte Simon, lachte selbst weiter, als das zuvor entspannte Gesicht des Zauberers einen düsteren Ausdruck annahm.

„Was ist bitte in Euch gefahren?“, verlangte Erik, mühsam beherrscht, zu wissen.

„Ihr…“ Simon erstickte einen weiteren Lachanfall. „Glaubt ihr wirklich, ich bin deshalb hier draußen? Weil ich nach einem Artefakt suche? Etwas, das ich in meinem momentanen Zustand nicht einmal mehr benutzen kann? Erik, Ihr seid dämlich.“

Im nächsten Moment wurde ihm die Luft aus den Lungen gepresst, als der Zauberer eine Hand hob und ihn gegen die Wand schleuderte. Seine Knochen knirschten hörbar, aber wenigstens brach diesmal nichts.

„Das hatten wir doch schon einmal.“, meinte Erik. „Also, lasst mich noch einmal fra….“

Bevor der Ordensoberste den Satz beenden konnte, wurde er selber zu Boden gestoßen, diesmal von einem schwarzen Schatten. Ordt hatte die Gelegenheit genutzt um wieder auf die Füße zu kommen und sich auf den Zauberer zu stürzen. Blitze schlugen aus den abwehrend vorgestreckten Händen seines Gegners, trafen jedoch nur ins Leere. Der Wolf seinerseits, versuchte nun Erik endgültig auszuschalten und versetzte dem Mann einen Schlag gegen die Stirn.. Bevor er jedoch erneut ausholen konnte, stürmten bereits die ersten Wachen von draußen herein und zerrten den Gejarn von ihrem Anführer weg.

Dieser erhob sich fluchend und wehrte die Hände ab, die ihm helfen wollten.

„Das werdet Ihr mir noch büßen. Im Gegensatz zu Simon, brauche ich Euch Flohteppich nicht.“ In den Händen des Zauberers sammelte sich flüssiges Feuer. Simon spannte sich innerlich an. Während der ganzen Aufregung, war der Zauber, der ihn band, erloschen, wenn er den richtigen Augenblick abpasste….

„Ich werde Euch lehren…“ bevor Erik zu Ende sprechen oder Simon sich rühren konnte, stürmte plötzlich ein weiterer Gardist zu ihnen herein. Einen Moment blickte der Soldat verdutzt auf die Situation vor sich, den verletzten Ordensobersten, den zerschunden Wolf zu dessen Füßen und den regungslosen Simon….

„Herr, verzeiht…“ Er verbeugte sich kurz und machte Anstalten wieder zu gehen.

„Bleibt.“ , schnauzte Erik den Mann an. „Ich kümmere mich später um… das hier…“ Das Feuer in seinen Händen erlosch.

„Was gibt es?“

„Herr, vielleicht sollten wir das nicht unbedingt… hier besprechen.“ Er schielte in Richtung der beiden Gefangenen.

Erik brummte missmutig, gab seinen übrigen Leuten jedoch ein Zeichen, ihm zu folgen, während sie den Raum verließen.

„Was ist jetzt?“ , wollte er wissen.

„Wir haben vielleicht ein Problem, Herr. Zwei unserer Späher, die, die verschwunden sind… „

Viel mehr konnte Simon nicht mehr deutlich verstehen, bevor sowohl Erik als auch der Bote außer Hörweite waren. Nur eines noch:

„Tot aufgefunden worden.“

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 52

Rettung

 

 

 

 

 

Simon wusste nicht, wie lange es dauerte, bis sich wieder etwas rührte. Das Stück Himmel jedenfalls, dass er durch das lange verrottete Dach erkennen konnte, hatte mittlerweile eine samtene Schwärze angenommen. Das einzige Licht kam von einigen flackernden Feuern draußen und den Sternen. Und von einem nur schwach erkennbaren Lichtband. Als er es das erste Mal gesehen hatte, hatte es ihn sogar erschreckt, doch mittlerweile kam es ihm kaum mehr seltsam vor. Was immer es war, es war zumindest nicht gefährlich. Oder nicht gefährlicher als ihre momentane Situation. Was immer Erik so lange aufhielt, wenn der Mann das nächste Mal durch diese Tür trat, wären sie tot. Und nach wie vor wollte ihm nichts einfallen, was ihnen weiterhelfen konnte. Lediglich seine Finger und Beine wurden langsam taub vor Kälte….

Er drehte sich zu Ordt.

„Tut mir wirklich leid.“, meinte Simon. „Aber ich glaube, das ist diesmal wirklich das Ende.“

Der Wolf antwortete nicht, sondern hielt den Blick gebannt auf die Tür gerichtet. Eines seiner Ohren zuckte kurz verräterisch. Auf was lauschte er? , fragte Simon sich. Selbst wenn die Wächter verschwinden würden, wie sollten sie unbemerkt entkommen? Da draußen war eine kleine Armee….

Bevor er jedoch dazu kam zu fragen, auf was der Gejarn wartete, hörte er von draußen plötzlich einen erstickten Laut, kurz darauf gefolgt von einem Zweiten. Einige Herzschläge lang blieb es still, dann folgten zwei fast zeitgleiche, dumpfe Schläge. Eine Gestalt stürzte halb durch die Tür ihres improvisierten Gefängnisses. Die blau-goldene Uniform, die sie trug, war blutdurchtränkt, von einer Wunde an ihrem Hals. Im nächsten Moment trat auch schon ein zweiter Schatten über die Leiche hinweg. Der Mann war für die Witterungsbedingungen völlig unpassend gekleidet. Lediglich ein leichter Mantel bot so etwas wie Schutz vor der Kälte, darunter kamen ein simpler Lederharnisch und rötliches Fell zum Vorschein. Das gab es doch nicht….

„Also, wer von Euch hat mich vermisst?“ , fragte Tiege Carmine.

„Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich Euch hier draußen wiedersehen würde…“, meinte Ordt grinsend, als er aufstand.

„Wie seid Ihr hierhergekommen?“

„Sagen wir einfach, ich habe meine Abreise etwas verschoben.“, erklärte der Fuchs, bevor er sich an Simon wendete. „Ich soll Euch übrigens Grüße von Kiris bestellen.“

„Es geht ihr gut?“

„Wie man es nimmt.“ , antwortete Tiege grinsend. „Ich glaube, alles was sie davon abgehalten hat mich zu begleiten ist, das Maen ihr ins Gewissen geredet hat. Mir auch… aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, sie ist ziemlich sauer auf euch, dass Ihr einfach aufgebrochen seid. Ich habe ihr versprochen Euch in einem Stück zurückzubringen, das hat sie zumindest etwas beruhigt. Vielleicht hat sie auch nur überlegt ob sie Euch zur Begrüßung Küssen oder schlagen soll.“

Simon schüttelte den Kopf. Der Mann hatte sich nicht verändert, dachte er. Aber jetzt mussten sie erst einmal hier raus.

„Und wie habt Ihr uns gefunden?“, fragte Ordt, während sie vorsichtig zur Tür hinaus traten. Draußen lagen zwei weitere, tote Wächter mit aufgeschlitzten Kehlen. Ansonsten jedoch, wirkte dieser Abschnitt der Ruinenstadt ziemlich verlassen. Einige Häuser weiter flackerten Feuer, aber um sie herum war es fast stockdunkel… seltsam, dachte Simon. Wollte Erik am Ende nicht, dass alle erfuhren, dass er ihn gefangen genommen hatte? Würde ihm beinahe ähnlich sehen. Das waren kaiserliche Soldaten… und Erik würde was er suchte, sicher nicht an Tiberius abtreten wollen…

„Mehrere tausend Mann, die sich einen Weg durch das Land bahnen, sind schwer zu übersehen.“, antwortete der Fuchs, während er ihnen bedeutete, ihm zu folgen.

Mit schnellen Schritten verschwand er um eine halb verfallene Mauer herum, während Simon noch einen Blick zurückwarf. Seine Erlebnisse hier zählten vielleicht zu den seltsamsten dieser Reise. Und sie war noch nicht vorbei, erinnerte er sich. Eine Sache gab es da noch…

„Kommt schon oder seid Ihr festgefroren?“, fragte Tiege, als er und Ordt merkten, dass Simon stehen geblieben war. „Wenn wir uns beeilen, sind wir in zwei Wochen zurück in den Herzlanden.“

„Nein.“

„Wie, nein ?“Ordt sah ihn nur ratlos an.

„Ich muss weiter nach Norden.“, erklärte er. „Ich weiß nicht wie weit, aber es kann nicht mehr viel sein. Ein letzter Schritt, bevor das hier alles vorbei ist.“

Der Wolf fragte nicht lange, sondern nickte nur.

„Also gut. Wo immer es auch hingeht… ich folge Euch. Tiege?“

Der Paladin zuckte mit den Schultern. „Worauf warten wir?“

„Darauf, dass ich Euch das Fell abziehe...“ sowohl Simon als auch die beiden Gejarn wirbelten herum, als sie die Stimme hörten. Erik, gefolgt von einer Handvoll Gardisten, kam genau aus Richtung ihres ehemaligen Gefängnisses auf sie zu. Der Ordensoberste bedeutete seinen Begleitern zu warten, während er alleine auf die drei zutrat. „Glaubt Ihr wirklich, ich lasse zu, dass Ihr mir noch einmal entkommt, Simon?“

„Nein, Erik. Ich glaube immer noch, dass Ihr keine Ahnung habt, um was es hier geht.“

„Nun ich werde es erfahren und wenn ich Euch die Antwort aus den Rippen schneiden muss.“

Die Gestalt des Zauberers spannte sich an. Simon wusste, was gleich passieren würde. Erik brauchte nur einen einzigen Zauber anbringen, um sie alle auszuschalten. Er suchte fieberhaft nach einer Lösung, einem Weg, doch noch zu entkommen... und dann fiel ein Schatten, noch dunkler als die umgebende Nacht über sie alle. Sowohl die Polarlichter als auch die Sterne waren mit einem Schlag vom Nachthimmel verschwunden, als eine gewaltige Silhouette darüber hinweg zog. Mit dem Schemen kam Wind auf, der sich zu einem Sturm aufbauschte. Schnee, Eis und selbst kleinere Trümmerstücke von den Ruinen wurden aufgewirbelt und mitgerissen, während Erik und seine Begleiter die Augen abschirmten. Dann gab es einen gewaltigen Schlag, als der Drache landete. Der Boden zitterte unter ihren Füßen und die Welt schien nicht mehr zur Ruhe kommen zu wollen. Sowohl Simon und die anderen, als auch Erik und seine Soldaten wichen vor der perlmuttfarbenschimmernden Kreatur zurück. Die eisigen Augen richteten sich auf den Zauberer und ein beinahe amüsiertes Schnauben drang zwischen den mit spitzen Zähnen bewährten Kiefern hervor.

„Ich würde weglaufen… Sterblicher.“

Selbst im Dunkeln konnte Simon sehen, wie Erik anfing zu zittern. Aber er blieb stehen, wo er war. Immerhin, er hatte scheinbar genau so viel Mut wie Verschlagenheit in sich, sich dem Drachen in den Weg zu stellen…. Dieser jedoch schien sich nicht lange damit aufzuhalten, sondern atmete nur einmal aus. Statt einem Luftstrom jagte ein Feuerball aus den Nüstern der Kreatur hervor und hüllte sowohl den Ordensobersten als auch seine Begleiter ein. Die Gardisten verbrannten beinahe sofort zu Asche…. Bevor Erik jedoch ebenfalls von den Flammen eingehüllt werden konnte, sprach dieser einen Zauber und verschwand mit einem kurzen Aufflackern von Licht….

Die zurückbleibende Asche, glühte nur langsam aus, während der Drache den Kopf senkte und sich langsam zu ihnen umdrehte. Sein Blick wanderte von Tiege, zu Ordt und dann weiter zu Simon, an dem die blauen Augen schließlich hängen blieben.

„Ihr habt überlebt.“, stellte er fest und klang dabei beinahe so etwas wie… überrascht? Simon konnte es nicht mit Sicherheit sagen.

„Das habe ich, Drache. Damit ist mein Teil erfüllt.“

Die Kreatur nickte träge.

„Das habt Ihr. Und ich fürchte, ich stehe bei Euch mehr in der Schuld, als ich je zurückzahlen könnte. Betrachtet dies, als den Versuch einer Wiedergutmachung… Mensch.“

„Ihr schuldet mir nichts.“, erklärte Simon fest. „Aber Ihr könntet anfangen, meinen Namen zu gebrauchen. Im Augenblick müssen wir erst einmal hier weg. Ihr kennt diese Gegend, oder?“

Der Drache nickte. „Die Dinge haben sich hier draußen im letzten Jahrtausend kaum verändert.“

„Dann könnt Ihr mir auch sagen, ob sich in der Nähe Eisnomaden aufhalten? Oder ein Seher ?“

Einen Moment wirkte es so, als sei der Drache sich nicht sicher, was er von der Frage halten sollte.

„Eine ihrer Enklaven liegt etwa einen halben Tagesmarsch nordöstlich von hier. Ich habe sie nie verstanden. Es sind seltsame Leute… Simon. Gefährliche Leute. Selbst ich habe sie meist passieren lassen, solange sie der alten Stadt nicht zu nahe kamen.“

„Und dennoch muss ich sie finden.“, antwortete er.„Aber ich danke Euch für eure Hilfe. Was werdet Ihr jetzt tun?“

„Ich weiß es nicht.“ , antwortete der Drache und klang dabei tatsächlich ratlos. „Vielleicht habe ich diesen Ort schon zu lange bewacht, um noch etwas anderes zu tun. Vielleicht gibt es in dieser Welt keinen anderen Platz mehr für mich. Aber letzten Endes… bin ich frei. Und dafür danke ich Euch. Nun geht. Ich bezweifle, dass wir lange unentdeckt bleiben werden.“

Tiege nickte. „Er hat recht. Sehen wir zu, dass wir hier wegkommen.“

Simon zögerte einen Moment, während Ordt dem Fuchs bereits in die schneeumtoste Dunkelheit folgte. Bevor er jedoch noch etwas sagen konnte, schwang sich der Drache erneut in die Luft und verschwand mit wenigen, gewaltigen Flügelschlägen am Nachthimmel….

 

Der Weg durch die Einöde, wurde ihnen schneller lang, als Simon gedacht hätte. Entgegen der Warnung des Drachens schien ihnen niemand zu folgen und die Ruinen verschwanden bald außer Sicht. Trotzdem war er sich sicher, dass Erik die Jagd noch nicht aufgegeben hatte. Aber das war ein Problem, um das er sich hoffentlich keine Sorgen mehr machen musste. Sobald er die Seher fand, würde er die Sache beenden und mit den anderen in die Herzlande zurückkehren.

Bei jedem Schritt sanken ihre Stiefel ein Stück in den pulvrigen Schnee, der seinen Weg durch jede Öffnung in ihrer Kleidung fand. Simon war bis auf die Knochen durchgefroren und beinahe wünschte er sich zurück in die Ruinenstadt. Wenigstens hatten die verfallenen Mauern etwas Schutz geboten…

Wenigstens, dachte er, als er einen fahlen Lichtschein am Horizont entdeckte, würde bald die Sonne aufgehen. Das vertrieb die Kälte zwar nicht, aber es würde ihnen zumindest das Schlimmste ersparen. Die ersten, wärmenden Strahlen, drangen bereits zu ihnen durch, als sie schließlich fanden, was sie gesucht hatten. Wenn auch nicht auf die Art, die Simon geplant hatte.

Tiege nutzte unterdessen sein Schwert, das Simon ihm zurückgegeben hatte, um sich eine niedrige Eisformation hinaufzuhangeln. Als der Fuchs oben angelangt war, stand er eine Weile nur regungslos da und sah den Weg zurück, den sie gekommen waren.

„Was seht Ihr?“ , wollte Ordt wissen.

„Sieht aus, als würde Euer Freund nicht so schnell aufgeben, Simon.“, erklärte er und reichte dem Menschen die Hand, um ihn zu sich heraufzuziehen.

Ordt folgte kurz darauf… und erstarrte ebenfalls, als er sah, was Tiege hatte stutzig werden lassen. Das Land hinter ihnen schien unter dunklen Punkten zu verschwinden, die sich ihren Weg über die Ebene suchten. Tausende von Männern, wenn nicht mehr… wie er schon vermutet hatte, dachte Simon. Wenigstens hielt der tiefe Schnee sie genauso auf wie ihn und seine Gefährten. Das würde sie ein paar Stunden aufhalten…

„Sehen wir zu, dass wir hier wegkommen.“, erklärte er und lief die abgeflachte Rückseite des Eishügels hinab, weiter in die Richtung, in der sie hoffentlich auf die Eisnomaden stoßen würden. Noch ehe er jedoch wieder sicheren Boden erreichte, erwachte das Eis um sie herum zum Leben. Oder besser, es hatte zumindest den Anschein für ihn. Wo eben noch nichts als formloses Weiß gewesen war, erhoben sich plötzlich, zwei, drei und schließlich mindestens ein Dutzend Gestalten, alle gekleidet in helle Umhänge unter denen schwere Pelze zum Vorschein kamen. Bevor einer von ihnen reagieren konnte, waren er, Ordt und Tiege umstellt. Speere, Schwerter und Dolche wurden auf sie gerichtet. Im ersten Moment dachte Simon schon, dass die Gardisten sie überholt haben mussten… doch diese Leute trugen keinerlei Rangabzeichen.

„Was sucht Ihr hier?“ , fragte einer von ihnen. „Wir haben euer Kaiserreich stets ignoriert und doch zieht ihr nun mit einer Armee direkt vor unsere Siedlungen?“

Langsam verstand Simon, wen er vor sich hatte. Sie waren also doch nicht so weit von ihrem Ziel entfernt, wie er zuvor noch gedacht hatte. Was wenig daran änderte, dass sie mal wieder in der Falle saßen. Langsam, dachte er, gewöhne ich mich daran.

 

 

 

 

 

Kapitel 53

Eisnomaden

 

 

 

 

 

„Ich glaube, hier liegt ein Irrtum vor.“, meinte Simon , während er langsam die Hände über den Kopf hob. Das Dutzend bewaffneter Männer schenkte seinen Worten augenscheinlich kaum Aufmerksamkeit, sondern unterhielt sich gedämpft in einer Sprache, die er kaum verstand. Einige Worte ähnelten wohl der Amtssprache Cantons, ansonsten jedoch blieb ihm das Gespräch verschlossen. Er musste allerdings auch nicht verstehen, was sie sagten, ihr Tonfall war deutlich genug, eine Mischung aus ärger und Angst….

Simon beschloss es noch einmal zu versuchen.

„Weder ich noch meine Begleiter haben die Absicht irgendjemanden hier zu schaden.“ Auch wenn er sich da bei Tiege nicht so sicher war. Der Paladin war während des ganzen Hinterhalts erstaunlich entspannt geblieben, eine Hand auf den Schwertgriff gelegt. Simon wusste, zu was er fähig war und war mehr als dankbar, dass der Gejarn sich bisher zurückhielt. Sie waren nicht hier, um zu kämpfen.

„Mein Name ist Simon Belfare und….“

Schon bei Nennung seines Namens änderte sich die ganze Haltung der wartenden Männer. Sie senken fast zeitgleich die Waffen, während einer, dessen schwere Pelzumhänge seine Züge fast vollständig verbargen, vortrat. Das einzige, was ihn von den anderen grau-weiß gekleideten Gestalten unterschied, war ein rötlicher Schal, den er sich um den Hals gewickelt hatte, vielleicht eine Art Rangzeichen.

„Delia sagte, Ihr würdet kommen.“, erklärte er und mit einem missfälligen Blick in Richtung der anrückenden Armee fügte er hinzu. „Sie hat aber auch gesagt, dass ihr alleine sein würdet….“

„Glaubt mir, wir haben die nicht eingeladen.“, antwortete Tiege.

Der Anführer der Gruppe sagte nichts, sondern schien lediglich einen Augenblick nachzudenken. Schließlich nickte er.

„Kommt mit. Ich hoffe wirklich, das ist es Delia wert.“

Mit einem Wink bedeutete er seinen Leuten, die drei Fremden in die Mitte zu nehmen, und so machten sie sich erneut auf den Weg durch die gefrorene Landschaft. Nun jedoch knirschte Eis statt Schnee unter ihren Füßen. Wie es aussah, überquerten sie einen seit Urzeiten gefrorenen See. An manchen Stellen war das Eis so klar, das Simon meinte, bis auf den Grund sehen zu können… es war jedoch kaum eine Abwechslung von der Ödnis um sie herum.

Allzu lange jedoch, blieb die Gegend nicht mehr leer und eintönig. Bereits nach einigen Minuten konnte Simon in der Ferne etwas erahnen, das unschwer zu einem Gebäude gehören musste. Der komplette Bau war mit einer dünnen Schicht Eis überzogen, was ihn auf die Entfernung fast eins mit der Landschaft werden ließ. Beim Näherkommen wurde jedoch klar, dass es sich um behauenen Stein handelte, der unter dem Schnee zum Vorschein kam. Darum herum gruppierten sich Dutzende wenn nicht hunderte kleinerer und größerer Hütten aus Holz, Fellen, Seilen, manche der Unterkünfte waren tatsächlich mehr aus Schnee als aus irgendetwas anderem errichtet. Simon überlegte, wie viele Leute hier wohl lebten, inmitten der Einöde… viele, dachte er. Mehr, als er je für möglich gehalten hätte. Ihre Begleiter führten sie zwischen den Zelten und Unterkünften hindurch und Simon konnte zum ersten Mal einen näheren Blick auf den Steinbau im Zentrum der Siedlung werfen. Die grauen, fensterlosen Wände erinnerten mehr an einen Felsen, ein von Wind und Wetter zu einem annähernden Quader abgeschliffener Berg… auf dessen Spitze jedoch thronte eine Kuppel, die entweder aus Kristall oder dem klarsten Eis bestand, der Simon je gesehen hatte….

Bevor er sich jedoch näher damit befassen konnte, hielten ihre Führer vor einem vergleichsweise großen Zelt an. Der Anführer, mit dem roten Schal, schlug ein Fell vor dem Eingang zurück und trat respektvoll ein. Bisher hatte Simon damit gerechnet, dass man sie genau zu dem seltsamen Bau bringen würde. Nun jedoch konnte er nur warten, mit welcher Nachricht, falls es eine gab, der Eisnomade zurückkehren würde. Er sah sich zu Ordt und Tiege um, die sich ebenfalls neugierig in der Siedlung umsahen. Die Kälte war für den Moment vergessen. Was auch immer sie hier erwartete, es lief bereits anders ab, als Simon erwartet hatte….

Schließlich wurde der Vorhang vor dem Eingang der Unterkunft erneut zurückgeschlagen und der Mann trat alleine wieder heraus.

„Man erwartet Euch.“, erklärte er und bedeutete Simon näherzutreten. Bevor Ordt oder Tiege ihm jedoch folgen konnten, schüttelte er den Kopf. „Alleine.“

Simon sagte nichts und auch seine beiden Gefährten schwiegen still. Selbst wenn er davon ausgehen müsste, dass ihn hier der Tod erwartete… würde er hier draußen stehen bleiben und wieder gehen? Nein, dafür war er zu weit gekommen. Er atmete einmal durch und trat ins Halbdunkel.

Das innere des Zelts roch nach den Häuten aus denen es bestand und dem langsam verwehenden Duft einiger erloschener Räucherkerzen. Das wenige Licht, das es gab, stammte von einer Laterne, die in der von Ästen und Seilen getragenen Zeltkuppel hing. Der Boden war mit Holzbrettern ausgelegt worden, über den man Teppiche gebreitet hatte, um die Kälte fernzuhalten, sodass seine Schritte kaum einen Laut verursachten.

„Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob wir uns wiedersehen.“, meinte eine vertraute Stimme aus einer Ecke des Raums. Dort stand ein niedriger Tisch, um den einige Sitzkissen verteilt waren und in einem der Kissen… sie trug denselben blauen Mantel, wie bei ihrer ersten Begegnung. Die grauen Haare schimmerten leicht im Zwielicht.

„Delia.“

„Ihr erinnert Euch also zumindest an meinen Namen.“ Ihr Lachen war schwach, klang aber echt.

„Ich erinnere mich an einiges mehr.“, antwortete er reserviert. Nein, er traute ihr nicht, dachte Simon, Kein Stück weit. Sie hatte das alles nicht getan, weil er am Ende ein besserer Mensch werden könnte… Hier ging noch irgendetwas anderes vor sich. Und bis er nicht wusste was, konnte diese Frau vor ihm genauso gefährlich sein, wie ein Messer an seinem Hals, das hatte sie bewiesen.

„Ich bin trotz allem erleichtert, Euch hier zu sehen. Es war nicht ganz klar, ob Ihr auch überlebt.“ Sie sprach, als wäre er gar nicht da, als würde sie mehr mit sich selbst reden, als ihm antworten… Simon konnte spüren, wie Wut in ihm hochkochte.

„Wer gibt Euch das Recht?“, fragte er kalt. „Wer bei allen Göttern gibt Euch das Recht Euch so in mein Leben einzumischen? Habt Ihr eine Ahnung, was ich alles verloren… und was ich beinahe alles verloren habe?“ Er konnte darüber hinwegsehen, dass er seinen Rang verloren hatte. Er konnte darüber hinwegsehen, das er seien Begabung verspielt hatte… aber das war nicht der einzige Einsatz bei diesem Spiel gewesen, nicht wahr? Nein… Tiege, Kiris… selbst Roderick waren nichts als Schachfiguren für Delias Pläne gewesen….

Ohne es zu merken war er näher getreten und hatte sich zu ihr herabgebeugt. Alles in ihm schrie, die Seherin einfach hier und jetzt zu erwürgen. Alles, bis auf die leise Stimme der Vernunft, die ihn langsam wieder zurückbrachte. Das war ein anderes Leben gewesen, in dem er diesem Drang ohne nachzudenken stattgegeben hätte.

„Verzeiht…“ Simon trat rasch ein Stück zurück und setzte sich auf eines der Kissen, ihr gegenüber.

„Nein... ich fürchte, Ihr habt alles Recht, wütend auf mich zu sein.“, erklärte sie nachdenklich. „Und ich fürchte auch, Ihr versteht gar nicht, von welchem Ausmaß an Einmischung wir hier reden. Ich habe Euer Schicksal neu geformt… das kommt nicht ohne Preis.“

„Wie meint ihr das, es neu geformt?“ Simons Wut war verraucht, doch bisher ließ dieses Wiedersehen mehr Fragen in ihm zurück, als Antworten.

„Das Schicksal, wie Ihr es nennt, ist keine feste Größe, kein Pfad, dem wir unter allen Umständen folgen müssen.“ Delia nahm eine Kanne von einem Untersetzer auf dem Tisch und goss dampfende Flüssigkeit in zwei Tonkrüge, während sie sprach. „Es ist eher nur… der Weg des leichtesten Widerstands. Ich habe dafür gesorgt, dass ihr einen Umweg macht. Und zum Besseren, möchte ich meinen. Doch davon sind längst nicht alle überzeugt.“

Sie hatte einen freundlichen Plauderton angeschlagen, der so gar nicht zu der Situation passen wollte. Aber Simon merkte, wie er sich entspannte. Zumindest verfehlte er also nicht seine Wirkung.

„Es gibt also mehr Seher als nur Euch.“, stellte er fest, während er einen der Becher entgegennahm. Warmer Kräuterdunst stieg ihm entgegen. Tee… nicht grade etwas, das er hier draußen erwartet hätte. Die Plantagen des Südens waren so weit davon entfernt, dass er sich fragte, wie die Eisnomaden daran gekommen sein mochten. Vielleicht wollte er es ja gar nicht wissen.

„Natürlich. Und die wenigsten von ihnen teilen meine Auffassung, dass man das Schicksal manchmal ein wenig lenken muss, Simon. Sie werden Euch auf die Probe stellen.“

„Ich bin genug geprüft worden für ein Leben.“, erklärte Simon bitter. „Warum noch mehr ? Seit ihr nie zufrieden?“

„Glaubt mir, ich würde dem Frieden niemanden mehr gönnen als Euch. Doch deshalb seid ihr nicht hier fürchte ich. Mit euch kommt ein Sturm, Simon und er wird die Grundfesten dieser Welt erschüttern.“

„Ihr redet nicht von den Truppen, die Erik führt, oder?“

„Nein. Wisst Ihr Simon, man beobachtet Euch schon eine ganze Weile. Ihr hattet immer das Potenzial, diese Welt zu ändern, doch hätte man es Euch vor der Zeit erlaubt, ich glaube nicht, dass Ihr jetzt mögen würdet, was daraus geworden wäre. Nun jedoch….“

„Ja ?“

„Nun stehen die Dinge freilich ganz anders.“ Sie lächelte verschmitzt und das kaum wahrnehmbare Funkeln in ihren Augen jagte Simon einen Schauer über den Rücken. Sie wusste mal wieder sehr viel mehr, als sie zugab. Und doch, diesmal musste er alles wissen.

„Was habt Ihr gesehen?“

„Schemen von etwas… Möglichkeiten, Simon. Und die meisten davon machen mir Angst. Wie ich bereits sagte, der Sturm der aufzieht, kann die Welt verändern… oder sie hinwegfegen, wenn wir nicht vorsichtig sind.“ Sie stellte die leere Teetasse ab. „Aber Ihr werdet früh genug alles erfahren.“

Mit diesen Worten stand die Seherin auf und bedeutete Simon dabei, ihr zu folgen. Das trübe Licht der aufgehenden Sonne blendete ihn einen Moment, als sie nach draußen traten.

Ordt und Tiege waren nirgendwo zu sehen, wie er feststellte. Oder besser, er konnte sie in der Menge zumindest nicht ausfindig machen. Hunderte von Leuten in derselben Kleidung wie die Posten, die sie aufgegriffen hatten, standen um sie herum. In der gesamten Siedlung war kein Flecken Schnee mehr zu sehen, der nicht unter schweren Stiefeln verschwunden wäre….

Einen Moment war er unsicher, was vor sich ging, bis Delia beschwichtigend eine Hand hob und die Leute respektvoll eine Gasse bildeten um ihn und die Seherin durchzulassen… er brauchte nicht aufsehen, um zu wissen, wohin ihr Weg sie nun führte. Der graue Steinbau ragte wie eine Drohung vor ihnen auf. Eine letzte Prüfung, dachte er. Und danach? Hatte er sich selbst getäuscht, als er hierhergekommen war… in der Hoffnung ein Ende zu machen? Vielleicht… und vielleicht hatte es ein Teil von ihm auch gewusst. Er würde nicht versagen. Das heute, war ein Beginn, kein Ende.

Der Eingang des Gebäudes bestand aus einem grob gehauenen Tunnel, der durch die massiven Außenmauern hindurch führte und vor einer geschlossenen Tür endete. Simon stutzte erneut, beim Anblick der mit Silber verzierten Nieten und der geschnitzten Bilder auf dem Holz. Das war einfach nicht passend für einen Ort wie diesen. Hatten die Seher und ihre Gefolgschaft diesen Ort bloß gefunden? Wenn ja, was war er? Ein Teil der uralten Stadt, die sie auf dem Weg hierher durchquert hatten ? Bevor er dazu kam zu fragen, stieß Delia die Tür auf und trat ins Innere.

Licht viel durch die Kristallkuppel über ihren Köpfen und erleuchtete einen runden Innenhof. Es war genau so kalt wie draußen und der einst wohl aus sauber behauenen Steinen gefügte Boden, war mit einer dünnen Schicht Schnee bedeckt. Hier und dort streckten sich verkrüppelte Nadelbäume zum Himmel, wurden dabei jedoch kaum höher als Simons Hüfte. Und ganz im Zentrum der Anlage erhob sich ein weiteres Steinrund. Zwölf gewaltige Monolithen, wie Spielsteine eines Riesen waren durch etwas Unvorstellbares zu einem Halbkreis angeordnet worden. Langsam traten er und Delia vor das offene Ende der Konstruktion. Vor jedem der gewaltigen Steine stand eine Gestalt, wie die Seherin in eine blaue Robe gehüllt. Nur vor einem nicht. Delia bedeutete Simon wortlos, zu bleiben wo er war, während sie den freien Platz einnahm. Erst dann sprach sie und diesmal hatte ihre Stimme kaum etwas Freundliches oder Plauderndes. Sie war eiskalt, autoritär….

„Simon Belfare. Tretet vor, wenn Ihr es wagt. Das Konzil der Seher erwartet Euch.“

 

 

 

 

 

Kapitel 54

Das Konzil

 

 

 

 

 

Simon blieb in der Mitte des Steinkreises stehen. Einen Moment sah er hinauf zur gläsernen Kuppel über sich. Vielleicht, dachte er, war dieser Ort einmal ein Garten gewesen, so seltsam das klang. Aber einst musste diese Einöde vor Leben übergelaufen sein, wenn das alte Volk hier seine Städte erbaut hatte.

„Ich bin nicht hierhergekommen um mich prüfen zu lassen.“, erklärte er. Seine Stimme blieb überraschend ruhig. „Mein Weg hierher sollte Euch allen Beweis genug sein. Ist er das nicht, müsste ich die Seher blind schimpfen. Aber ich werde auch nicht unverrichteter Dinge wieder gehen.“

„Wir werden eure Zukunft erneut einsehen.“, antwortete eine der Gestalten, die in den Schatten der Monolithen warteten. „Wenn ihr hier seid, um zurückzuerhalten, was euch genommen wurde, müsst ihr Euch unserem Urteil und Eurer letzten Prüfung stellen. Wenn nicht, können wir nicht zulassen, dass ihr diesen Ort lebend verlasst.“

„Das war nicht vorgesehen.“, erwiderte Delia scharf.

„Nichts hiervon war vorgesehen.“, antwortete der andere Seher. „Es ist wie es ist. Ihr habt getan, was Ihr für nötig hieltet… jetzt erlaubt, dass wir das auch tun.“

„Aber…“

„Ich habe bereits gesagt, dass ich mich stellen werde, was auch immer Ihr für nötig haltet.“, unterbrach Simon den Streit. „Und ich habe lange genug für eine Lüge gekämpft. Wie immer die Wahrheit über meine Zukunft lautet, ich werde nicht davor zurückschrecken.“

Delia sah einen Moment aus, als wollte sie noch etwas sagen, trat dann jedoch stumm zurück in den Schatten der Steine. Die übrigen Seher taten das Gleiche. Simon sah ihnen nur regungslos zu. Was immer auch geschehen würde, er war bereit. Zumindest, so bereit, wie er sein konnte….

 

Eine Weile, er wusste nicht, wie lange, tat sich gar nichts. Lediglich das Heulen des Windes draußen durchbrach die Stille… und dann setzte er plötzlich aus. Als wäre jeglicher Ton aus der Welt gewichen, verstummte selbst das Geräusch von Simons Atem. Das einzige, das noch hörbar, oder mehr spürbar war, war ein tiefes Summen, eine Vibration im Boden, die kleine Steine und die leichtesten Schneeflocken zum Tanzen brachte. Simon wollte fragen was vor sich ging, doch als er den Mund öffnete, konnte er nicht einmal ein Wort hervorbringen. Nach wie vor war da nur das Summen, als einziges verbleibendes Geräusch, das langsam zunahm. Er konnte keine Worte verstehen, aber langsam wurde ihm klar, dass es sich um Gesang handelte. Eine seltsame Melodie, die keine feste Form zu kennen schien. War der Ton in einem Moment noch melancholisch, schien plötzlich Freude daraus zu sprechen, bevor das Ganze zu einem ruhigen Takt abfiel… und begleitend dazu wogten Schatten durch den zerfallenen Garten. Je deutlicher der Gesang wurde, desto dunkler wurde es auch. Zuerst verfinsterte sich nur das Gestein der Außenmauern, dann jedoch sickerte die Schwärze wie eine Flüssigkeit auf sie zu, verdeckte selbst das große Kristalldach über ihnen.

Am Ende stand Simon alleine in einem letzten, verbleibenden Kreis von Licht m, den die wogenden Schatten nicht zu durchbrechen vermochten. Nur einige dunkle Fühler schlugen aus der Finsternis nach ihm, trafen jedoch nicht… Simon seinerseits blieb nach wie vor ruhig stehen. Wenn das die Prüfung war, dachte er, dann hatte er keine Ahnung, was er zu tun hatte. Der Gesang war mittlerweile verstummt, so als hätte die Welt um ihn herum tatsächlich aufgehört zu existieren….

Einen Moment schloss er die Augen, während seine Hand zum Schwertgriff wanderte. Ihm blieb nur, sich auf seine Instinkte zu verlassen. Und das Gefühl der Bedrohung, das ihn umgab, rief danach, sich zu verteidigen. Er würde hier nicht abwarten, bis die Schatten ihn holten…. Mit einer fließenden Bewegung zog er die Waffe und stieß das Schwert wahllos in die Dunkelheit. Erst, als die Klinge auf Widerstand stieß, öffnete er die Augen wieder. Die wirbelnde Schwärze um ihn herum wich etwas zurück und enthüllte, was er getroffen hatte. Vor ihm stand eine Gestalt, gehüllt in grau schwarze Kleidung. Das Schwert hatte ihre Brust durchbohrt, doch zeigte ihr Gesicht keine Regung. Dort, wo sich eigentlich Haut befinden sollte, gab es nur weiß schimmerndes Porzellan. Eine Maske….

 

Simon zog die Klinge aus dem Körper, der daraufhin in sich zusammenbrach. Es dauerte einen Augenblick, bis er das Geschehen wirklich begriff. Etwas hatte sich grade geändert. Aber ob es die richtige Entscheidung gewesen war… Simon wusste es nicht. Vorsichtig schob er das Schwert zurück an seinen Platz, bevor er sich über die Gestalt beugte. Die Hand nach der Maske seines geschlagenen Kontrahenten ausgestreckt, nahm er das Stück Porzellan ab…. Einen Moment konnte er nur verwirrt blinzeln, als er in sein eigenes Gesicht starrte. Er selbst lag dort tot vor ihm auf dem Boden. Und er selbst stand gleichzeitig nach wie vor auf beiden Füßen… noch ehe er ganz begreifen konnte, was er vor sich hatte, traf es ihn wie ein Blitz. Bilder rasten in wahnsinniger Geschwindigkeit an ihm vorbei. Eindrücke, Gerüche, Gefühle, Wärme , Kälte… ein endloser Strom, die Erfahrungen eines Lebens und vielleicht mehr. Er spürte, wie sein Verstand drohte, daran zu ersticken, die Bilder überlagerten sich, machten sich daran, seine eigenen Erinnerungen auszulöschen, während er versuchte, etwas aufzunehmen, das er schlicht nicht verarbeiten konnte. Es war zu viel… Simon kämpfte darum, die Kontrolle zu behalten, dem Strom eine Richtung zu geben, das tobende Chaos zu bändigen. Es war unmöglich. Langsam wurde ihm klar, was er dort sah. Alles. Jeden Augenblick aller Zeitalter… war es das, was ein Seher wahrnahm? So oder so er war dem nicht gewachsen, er konnte nichts damit anfangen, außer dass es drohte, ihn in den Wahnsinn zu treiben…. Aber vielleicht war das auch gar nicht der Punkt. Was hatte Delia gesagt? Nichts war sicher. Und der Strom vor ihm daher tatsächlich endlos. Möglichkeiten, keine Realität. Es gab kein Entkommen, wenn er zu kontrollieren versuchte, was nicht zu kontrollieren war. Simon ließ schlicht los, erlaubte den Eindrücken an ihm vorbeizuziehen, durch ihn hindurch, ohne sie sich anzusehen. Und plötzlich gelang es ihm. Nur noch einzelne Bilder fanden ihren Weg in seinen Verstand. Und diesmal brauchte er nicht lange, um zu begreifen, zu was sie gehörten. Er sah sein Leben. Augenblicke… Ausschnitte, einzelne Momente. Er sah Feuer, roch den Geruch von Blut und Schießpulver… das Klirren der Schwerter. Er sah endlose Schlachtfelder, spürte Schnitte und Wunden, die er erst Jahre später erleiden sollte…. Dann war dieser Abschnitt vorbei. Stattdessen sah er vor sich eine gewaltige, aus Marmor errichtete Halle. Das Gemälde, das an ihrer Decke prangte, war ihm vertraut, ebenso wie der aus honigfarbenem Stein errichtete Sitz in ihrem Zentrum. Doch die Gestalt, die darauf saß, war nicht Tiberius, auch wenn sie vom Aussehen her im gleichen Alter sein könnte. Es war er selbst, mit grauen Haaren…. Doch sein Gefühl sagte ihm, das zwischen jetzt und dieser Vision unmöglich so viel Zeit vergangen sein konnte. Doch dann gab es nur eine Erklärung für das was er sah. So wie Volero… , dachte Simon. Er kannte den Preis der Magie zu gut. Und das hieß, ihm blieb nur wenig Zeit.

„Bin das wirklich ich?“, fragte er in die Leere hinein. Natürlich erhielt er keine Antwort, stattdessen wechselte die Szenerie erneut in einem Wirbelwind aus Eindrücken und Bildern. Er sah ganze Generationen an sich vorüberzeihen, Kaiser, Fürsten, Könige, Menschen wie Gejarn, Schatten und Licht, Gut und Böse… er wusste nicht, wie viele Jahrhunderte vergangen sein mochten, doch plötzlich fand er sich selbst über den Ozean schweben, weg von der Küste Cantons und auf eine nebelverhangene Klippe zu… und dann spürte er es. Eine Präsenz, etwas Bedrohliches, das sich hinter den von Feuerlanzen durchbrochenen Nebelbänken verbarg… und lauerte. Obwohl er wusste, dass es nur eine Vision war, war das Gefühl der Bedrohung erdrückend. Verglichen hiermit wirkte das Ding aus den Katakomben geradezu zwergenhaft, ein Witz… und was immer da draußen war… es lachte, wie Simon klar wurde. Es wusste, dass er es spürte, selbst über Raum und Zeit hinweg, wusste, dass er es bemerkt hatte… und es lachte ihn aus, lachte über die Menschen, die Gejarn, Canon, Helike über alles was geschehen war und geschehen würde….

„Ich fürchte Euch nicht.“, erklärte Simon ohne zu wissen, ob das stimmte. Das Lachen jedoch wurde nur lauter, klang nun beinahe amüsiert….

„Ihr wisst nicht einmal, womit ihr es zu tun habt, kleiner Zauberer…“ die Stimme war hämisch, düster ohne jeden Hall. Als er glaubte, dass ihn das Geräusch wahnsinnig machen würde, brach plötzlich alles zusammen. Die Dunkelheit war verschwunden, die Visionen waren erloschen, der Gesang verstummt du die Gestalt zu seinen Füßen zerfiel zu Staub. Simon stand wieder inmitten des Steinkreises, als hätte er sich nie bewegt…. Mit einem gewaltigen Donner zersprang die Kristallkuppel über ihren Köpfen und feine Trümmer rieselten herab, vermischten sich mit dem Schnee….

Das Licht der bereits hoch am Himmel stehenden Sonne brach sich auf den Splittern, manche davon so groß und scharfkantig wie Dolche. Doch, als würde etwas die Scherben ablenken, wurden weder Simon noch einer der Seher verletzt, während die Reste der Kuppel in sich zusammenfielen. Hatte er bestanden?, fragte er sich. War das das Ende der Prüfungen?

„Was… Was ist passiert?“, fragte einer der Seher zaghaft um dann schärfer hinzuzufügen:

„Was bei allen Göttern, habt Ihr getan?“

„Gar nichts.“ , erklärte Simon und starrte zur zerstörten Kuppel hinauf. Nein, das war nicht er gewesen… doch offenbar hörte man ihm überhaupt nicht zu. Die zwölf versammelten Seher redeten durcheinander, einige riefen Beschuldigungen in Richtung Delia. „Delia, was habt Ihr da hierhergebracht?“

„Genug.“, rief die Seherin nun selbst offenbar am Ende ihrer Geduld. Ihre Stimme übertönte alles andere und tatsächlich verstummten nach und nach auch die letzten Streitgespräche. Mit entschlossenen Schritten trat sie von den Monolithen weg zu Simon in die Mitte des Kreises. Einen Moment stand sie direkt vor ihm, keine Handbreit entfernt, als versuche sie in seinem Blick zu ergründen, was geschehen war.

„Was immer Ihr gesehen habt.“, flüsterte sie schließlich. „Es war nur für Euch bestimmt. Behütet es gut, Simon. Eure Bürde wird nicht leichter werden. Aber zumindest werdet Ihr wissen, wofür Ihr kämpft.“

Simon nickte. Er hatte es gesehen. Einen flüchtigen Blick auf die Zukunft, die auf ihn folgen sollte. Er würde nicht alle Missstände in Canton beheben. Aber das war vielleicht auch gar nicht möglich. Aber er würde einen Weg ebnen… und am Ende dieses Weges…. Stand die Finsternis. Etwas unvorstellbares, düsteres… ein Feind der sich noch gar nicht enthüllt hatte.

Er schüttelte die unheimliche Stimme ab, die er gehört hatte.

Delia wendete sich derweil wieder an die übrigen Seher.

„Simon hat überlebt und damit bestanden. Will das irgendjemand hier anzweifeln? Vielleicht sollte ihr endlich die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es auch für uns Überraschungen gibt.“

„Er mag bestanden haben.“, merkte einer der übrigen Seher an. „Aber nach wie vor ist eine Armee des Kaiserreichs auf dem Weg hierher und ich glaube nicht, dass sie nur wegen ihm hier sind.“

„Nein…“ Delia seufzte. „Lasst uns alleine.“

Simon rechnete eigentlich fest damit, dass die übrigen Seher protestieren würden. Stattdessen jedoch drehten sich die elf Gestalten in ihren blauen Mänteln nur wortlos um und gingen.

Delia wartete, bis sie alle verschwunden waren, bevor sie weitersprach:

„Euer alter Freund wird sich nicht davon abbringen lassen, der Träne hinterherzujagen. Und wenn ihn niemand stoppt, wird er uns vernichten. Aber er wird nicht bekommen, weshalb er hierher kam, Simon. Ich kenne einen Teil Eurer Zukunft. Und ich weiß, dass Ihr ihn jetzt auch kennt. Aber Ihr habt immer eine Wahl, besonders jetzt….“

„Aber ihr wollt mich darum bitten, diesen Weg zu Ende zu gehen.“

Statt einer Antwort, zog Delia lediglich einen schwarzen, tropfenförmigen Stein aus ihrer Manteltasche und hielt ihn Simon hin.

„Simon Belfare. Ihr sollt dies wissen. Es waren die Seher, die den ersten Herrscher des Imperiums krönten. Kirus Ordeal schwor uns einen Eid, dass er die Menschen beschützen würde, nicht sie versklaven, das er wachsam sein würde nicht blind. Das er sich der Finsternis stellen würde, die nach uns greift um sie mit allen Mitteln zu vertreiben. Doch sein Schwur ist lange vergessen und seine Erben ehren ihn nicht mehr. Es steht uns zu, diese Krone zurückzuziehen und neu zu verleihen. Wenn Ihr sie den wollt… zusammen mit allem anderen, was rechtens Euer ist und der gesammelten Unterstützung der Seher. Zieht Ihr für uns in diese Schlacht, obwohl wir euch all diesen Prüfungen unterzogen haben? Oder überlasst Ihr uns dem Schicksal, das wir vielleicht verdienen?“

„Was ist, wenn ich nach allem was geschehen ist, entscheide, dass ich diese Macht nicht will? Ich werde Euch nicht dem Tod überlassen, Delia. Nicht Euch, nicht die anderen, nicht Euer Volk. Aber antwortet ehrlich.“

„Wie in allen Dingen. Ihr habt jetzt die Wahl. Nehmt den Stein oder bleibt, wie Ihr seid. Nehmt die Krone oder überlasst sie jemand anderem. Stellt Euch Eurem alten Rivalen… oder flieht. Aber wenn Ihr nur eines dieser Dinge tut, nur die Krone wollt, nur Rache oder nur Macht werdet Ihr versagen. Alles, oder nichts. Es gibt keine andere Möglichkeit. Entscheidet euch….“

Simons Hand verharrte halb ausgestreckt über der Träne. Und er wusste, dass es die richtige Entscheidung war, noch bevor er den Stein schließlich an sich nahm….

 

Kapitel 55

Vorbereitungen

 

 

 

 

 

Ordt lief vor dem Eingang des Steinbaus auf und ab. Das dauerte jetzt schon Stunden. Stunden, in denen sich nichts tat, sah man davon ab, das das Dach des Gebäudes mittlerweile in Trümmern lag… der Wolf hatte nicht gesehen, was passiert war, aber den Lärm hatte er gehört. Ein Schlag, als würde die Welt selbst zersplittern, nicht nur die kuppelförmige Konstruktion aus Glas und Metall. Und trotzdem wollte man ihn nicht hereinlassen. Mittlerweile hatte sich ein halbes Dutzend Wachen vor der Tür postiert. Die dunklen Mäntel und die mit Pelz verbrämten Kapuzen unter denen man grade das Glitzern ihrer Augen ausmachen konnte, gaben ihnen nicht grade das freundlichste Aussehen und von dem, was Ordt bisher von ihnen gesehen hatte, machte ihnen die Kälte hier deutlich weniger aus als ihm. Vermutlich würden sie bis in die Nacht regungslos vor dieser Tür stehen, sofern man ihnen nichts anderes befahl. Die Männer beäugten den Gejarn misstrauisch, als befürchteten sie, er würde trotz der Warnung versuchen, an ihnen vorbeizukommen. Aber er war nicht dumm… Angespannt ja, aber… Simon hatte schon einiges mehr durchgemacht. Vielleicht gefiel es ihm einfach nicht erneut ausgesperrt zu sein und nur abwarten zu können, was geschah.

Er trat nach einer der Scherben des Daches, die überall um das Bauwerk zu Boden gerieselt waren. Das etwa armlange Stück Glas zersprang zu tausend kleinen Splittern, die in der Sonne glitzerten, bevor sie im Schnee versanken.

„Ihr macht Euch Sorgen?“ , fragte Tiege.

Der Fuchs wirkte nach außen um einiges ruhiger als er selbst. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt und die Augen halb geschlossen lehnte er an der Außenmauer eines halb aus gefrorenem Schnee errichteten Gebäudes.

„Sagt bloß ihr nicht?“ Der Paladin schwieg, was Ordt jedoch Antwort genug war.

Natürlich tat er das. Aber er konnte es wohl einfach besser verbergen. Verflucht sie waren hierhergekommen um diese Sache zu Ende zu bringen, nicht eine weitere Prüfung zu beginnen. Und genau das war es doch, was das hier war… Der Wolf fragte sich nur, welchem Zweck es dienen sollte. Bevor er jedoch noch weiter darüber nachdenken konnte, wurden die Türen des großen Steinbauwerks endlich geöffnet.

Als Erstes trat Delia heraus. Dunkle Ringe unter ihren Augen sprachen von Anstrengung und Angst… Im ersten Moment hätte Ordt sie kaum wiedererkannt, wäre da nicht das seltsame unheimliche Leuchten in ihrem Blick gewesen. Sie war erschöpft, ohne Zweifel, aber sie wirkte auch wie um Jahre verjüngt. Die zweite Gestalt, die der Seherin folgte, erkannte er trotz ihres veränderten Aussehens sofort. Und doch, dachte er, schien das nicht mehr ganz der Mann zu sein, den er einmal gekannt hatte. Ein Gedanke, der ihn in den Jahren und Jahrzehnten, die folgen sollten, mehr als einmal heimsuchte. Nein, nach diesem Tag schien Simon Belfare nie wieder ganz derselbe zu sein.

Der ernste Ausdruck auf seinem Gesicht strafte jeden Gedanken daran, dass dies hier das Ende sein könnte, Lügen. Simon trug die Kleidung eines Königs. Oder eines Kaisers, der in den Krieg zog. Ein im Türkis des Ordens gehaltener Wappenrock fiel ihm über den Körper und der vergoldete Kürass darüber spiegelte das Sonnenlicht wieder. Die darauf eingravierten Symbole und verschlungenen Muster sagten ihm zwar nichts… das mussten sie aber auch nicht. Er hatte sie schon einmal gesehen. Vor einer gefühlten Ewigkeit in der zerstörten Stadt des alten Volkes. Und alle Zeichen gruppierten sich um das in den Stahl gestanzte Wappen auf der Brust des Zauberers. Ein Adler und ein Löwe… Genau wie auf dem Griff des Schwerts an seiner Hüfte. Ein roter Schal, mit weiteren, in goldenen Nähten gehaltenen Symbolen und ein breiter Gürtel mit einem kleinen Kästchen daran, vervollständigten die Ausrüstung schließlich.

Tiege stieß einen leisen Pfiff aus.

„Sagt einmal, habt Ihr die Leute hier bestohlen oder haben sie euch das freiwillig gegeben?“

Simon lachte. Endlich löste sich die Anspannung etwas aus seinem Gesicht, doch nicht ganz. Ein Teil davon blieb zurück und würde es wohl für den Rest seines Lebens tun.

„Es stellt sich heraus, dass die Seher ziemlich zuvorkommend sein können, wenn man anbietet, ihre Haut zu retten.“

„Ihr wisst, das das nicht der einzige Grund ist.“, meinte Delia.

„Natürlich.“ Das Lächeln auf Simons Gesicht schwand so schnell, wie es gekommen war. Seine Hand wanderte zu dem Kästchen an seinem Gürtel. Ohne hinzusehen, öffnete er das kleine Schloss daran und holte einen glatten, tropfenförmigen Stein hervor. Obwohl Ordt sie noch nie zuvor gesehen hatte, wusste er, was Simon dort in der Hand hielt. Die Träne Falamirs wirkte auf den ersten Blick nicht besonders, wenn man von der vergoldeten Gravierung in Augenform absah, die sich auf ihrer Oberfläche fand. Aber das täuschte. Der Gejarn spürte das Kribbeln der Magie, sobald der Stein aus dem Kästchen genommen wurde. Es war, als wäre die Luft selbst plötzlich elektrisch aufgeladen. Ein Sturm, der wartete, entfesselt zu werden. Und der Herr dieses Orkans stand direkt vor ihm. Simon musste seine Kräfte nicht nutzen, Ordt wusste instinktiv, dass die Magie seines Freundes wieder da war…

„Es endet hier, oder?“ , fragte der Wolf schließlich.

Simon schüttelte den Kopf, die Geste hatte etwas Trauriges.

„Ich fürchte, es beginnt erst. Und es wird ein Leben lang dauern, alter Freund. Vielleicht nicht für Euch, aber definitiv für mich. Deshalb kann ich Euch auch nicht darum bitten, an meiner Seite zu bleiben. Geht jetzt. Ihr auch Tiege. Mir wird nichts geschehen. Erik kann heute nicht gewinnen. Aber Ihr habt beide ein eigenes Leben zu führen. Maen wird nicht ewig auf Euch warten. Und Eure Heimat Euch vielleicht nicht mehr willkommen heißen, wenn ihr zu lange fernbleibt, Tiege.“

„Ich glaube, meine Stadt wird auch ohne mich überleben. Zumindest etwas länger.“ , erklärte der Fuchs, bevor Ordt etwas erwidern konnte. „Diese Schlacht zumindest, werde ich an Eurer Seite bleiben.“

„Und ich habe ein Versprechen gegeben, in einem Jahr zurückzukehren. Ob ich bleiben kann, wird sich dann entscheiden, nicht heute.“, erwiderte Ordt.„Heute kämpfen wir zusammen.“

Simon stieß einen leisen Seufzer aus. Vielleicht, dachte Ordt, war er sich seiner Sache ja doch nicht so sicher, wie er vorgab.

„In diesem Fall danke ich Euch.“

In diesem Moment wurde am anderen Ende der Siedlung ein Aufruhr laut. Alle Anwesenden drehten sich fast zeitgleich in Richtung Süden, als von dort eine Gruppe von vier Männern herbeikam, die einen fünften stützten. Alle fünf trugen die typische Kleidung der Eisnomaden, nur war diese nun blutverschmiert. Blut, das von dem Mann in ihrer Mitte stammte.

„Herr.“ Die Vier grüßten Simon mit einer kurzen Verbeugung. „Grade eben kam dieser Mann zu uns herein gestolpert. Bevor er zusammenbrach, konnte er und grade noch warnen. Wir dachten, die Witterung würde sie länger aufhalten, aber die Truppen des falschen Kaisers sind bereits auf halbem Weg über die gefrorenen Seen. In ein paar Stunden sind sie hier.“

„Wie ich vorhergesehen habe.“, murmelte Delia, während die Boten den verletzten Mann auf einer herbeigebrachten Bahre betten.

„Wie schlimm ist es?“ , wollte Simon wissen, als er neben die Liege trat. Der Späher war offenbar von mehreren Kugeln in den Rücken getroffen worden. Und die meisten waren auch wieder ausgetreten. Blut sickerte beständig aus den Schusswunden. Ordt musste nicht auf die Antwort warten, um zu wissen, dass der Mann nicht überleben würde. Doch Simon schien sich damit nicht abfinden zu wollen.

„Tretet zurück.“, erklärte er an die umstehenden Eisnomaden gerichtet, während er eine Hand nach dem Sterbenden ausstreckte.

„Was tut Ihr da?“ unterbrach Delia ihn.

„Ich werde zumindest noch niemanden beim Sterben zusehen.“, erwiderte Simon kühl. „Die Schlacht hat noch nicht einmal angefangen.“

„Und Ihr werdet all Eure Kräfte brauchen.“

„Ich habe mehr, als ich je brauchen könnte, Seherin. Und wenn ich euer Kaiser sein soll, dann habt ihr mir nichts zu befehlen.“ Mit diesen Worten sammelte sich plötzlich Licht in der ausgestreckten Hand des Zauberers. Es schien aus den Wolken und dem Boden zu sickern, beinahe als würde es sich dabei um eine Flüssigkeit handeln und während Ordt sich noch fragte, was nun vor sich ging, hüllte es auch bereits sowohl Simon als auch den Verletzten ein. Das Strahlen war mittlerweile so grell, das Ordt wegsehen musste, um nicht geblendet zu werden. Das war keine einfache Magie mehr, wie ihm langsam klar wurde. Das hier war mehr, die Macht eines Zauberers, genährt durch eine Träne….

Selbst auf Tieges Gesicht, der bisher ruhig alles beobachtet hatte, war plötzlich eine Spur von Angst zu sehen. Es dauerte jedoch nicht lange, bis das Licht wieder erlosch und Simon von dem nun ruhig atmenden Mann zurück trat. Nach wie vor war seine Kleidung blutdurchtränkt , aber dort, wo zuvor klaffende Wunden gewesen waren, fand sich nunmehr glatte Haut, ohne ein Anzeichen, dass er je verletzt gewesen wäre. Simon lies derweil die schwarze Träne wider in der Schatulle an seiner Hüfte verschwinden, während er sich zur Delia umdrehte.

„Also dann. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Wie viele Eurer Leute werden kämpfen können?“

Die Seherin schien einen Moment zu überlegen.

„Alles in allem bekommen wir vielleicht zwei oder dreitausend zusammen.“

„Das wird nicht reichen.“, bemerkte einer der vier Boten, die nach wie vor ihren bewusstlosen Gefährten umstanden. „Da draußen sind mindestens zehntausend Mann, wenn nicht mehr. Und sie haben Gewehre. Was sollen wir dagegen ausrichten?“

„Ihr habt von einem See gesprochen?“, fragte Simon ohne sichtliche Beunruhigung.

Der Späher runzelte die Stirn.

„Er liegt etwa zwei Stunden von hier, ihr müsst ihn auf eurem Weg hierher überquert haben. Das Eis taut nur für wenige Tage im Sommer, wenn überhaupt.“

„Dann werde ich sie dort erwarten.“, entschied der Zauberer. „Können die übrigen Menschen aus dem Dorf irgendwohin?“

„Wir können sie weiter nach Norden führen, weg von der Streitmacht.“, meinte Delia. „Allerdings werden wir ihnen so nicht lange entkommen können.“

„Das wird auch nicht nötig sein. Tiege, ich will, dass ihr diese Leute mit euch nehmt, führt sie so weit weg wie möglich. Falls nötig, könnt ich sie schützen.“

Ordt rechnete eigentlich fest damit, dass der Paladin protestieren würde, doch nickte er einfach nur. Da war es wieder, dachte der Wolf. Irgendetwas an Simon war gänzlich anders. Autoritärer, Sicherer, als wäre er sich seiner Sache vollends gewiss…. Während Simon noch sprach, hatte Delia bereits damit begonnen, den vier Boten Anweisungen zu geben, alle kampffähigen Männer in der Siedlung zusammenzurufen. Tiege seinerseits hatte sich aufgerappelt und rief die übrigen Einwohner zusammen. Mit einem war Ordt sich sicher, bei dem Fuchs wären sie in guten Händen. Stellte sich nur die Frage, welchem Zweck das diente. Sie konnten nicht gegen eine derartige Übermacht gewinnen. Oder ? Simon entfernte sich ohne ein Wort etwas von dem Trubel eine Hand am Schwertgriff und sah nach Süden… in Richtung der anrückenden Truppen. Ordt folgte ihm leise.

„Was jetzt?“ , fragte er.

„Jetzt wird sich zeigen, ob das Vertrauen dieser Leute in mich gerechtfertigt ist.“, antwortete der Zauberer. „So oder so, mir wird nicht viel Zeit bleiben, Ordt. Und der Weg vor uns wird lang… zu lang fürchte ich. Vielleicht werde ich Euch um Dinge bitten müssen, die Ihr verwerflich findet. Vielleicht nützt es nicht einmal etwas. Tiege wird mich nicht begleiten, aber ich kenne Euch. Deshalb bin ich ehrlich, Ordt, ab hier gibt es kein Zurück mehr, für keinen für uns.“

„Und Ihr wollt Kaiser werden.“

„Wenn alles seinen Gang geht, ja.“

„In diesem Fall Herr… ich stehe an eurer Seite bis zum Ende. Nach wie vor “

„Das könnte näher sein, als Ihr glaubt, wenn die Seher sich irren.“, meinte Simon düster. „Ich muss noch einmal mit Delia sprechen. Danach werde ich zum See aufbrechen. Euch jedoch muss ich bitten, mit den übrigen Eisnomaden abzuwarten. Delia wird Euch alles erklären.“

„Ihr habt also einen Plan?“

Der Zauberer nickte.

„Es wird jedoch darauf ankommen, wie sicher Erik sich seiner Sache ist. Aber ich kenne ihn und er scheint sich in den letzten Monaten kaum geändert zu haben. Das wird heute sein Untergang. Selbst wenn ich versage, bezweifle ich, dass er noch in der Lage sein wird, irgendjemand hier zu schaden.“

 

 

 

Kapitel 56

Ausgeglichene Zahlen

 

 

 

 

 

Das tiefblaue Eis knirschte unter seinen Füßen, als Simon auf die gefrorene Oberfläche des Sees hinaustrat. Er konnte die Tiefe der erstarrten Wasser spüren, als wären sie ein Teil von ihm. Faszinierend und gefährlich zugleich, wie alles in dieser Welt aus Eis und Schnee. Wer nicht aufpasste, fand hier draußen schnell den Tod. Und dennoch gab es Augenblicke der Schönheit. Lebendig wirkende Skulpturen aus Eis, Licht, das sich in tausend Facetten darauf brach…. Der See stellte hierbei keine Ausnahme dar, er schien es wenn überhaupt zu verkörpern.

Auf dem spiegelglatten Grund fand selbst der Schnee kaum halt und wurde vom stetigen Wind beseitigt, sodass er aufpassen musste, nicht auszurutschen. Westlich und östlich von ihm erhoben sich die endlosen Schneedünen, die dieses kalte, tote Land prägten. Direkt vor ihm jedoch befand sich eine Schneise, durch die Simon weit über die Ebene sehen konnte. Die dunklen Schatten, die sich stetig in seine Richtung schleppten bedeckten fast den kompletten Horizont. Zehntausend war eine sehr grobe Schätzung gewesen, dachte er. Vielleicht eher fünfzehntausend. Wie hatte Erik den Kaiser bloß dazu bekommen, ihm eine solche Streitmacht zur Verfügung zu stellen? Die Antwort, ruhte höchstwahrscheinlich auf einem Samtpolster in seiner Gürteltasche. Aber sie würden nicht viel weiter kommen. Als die ersten Späher den See erreichten, blieben sie erstaunt stehen. Vielleicht, dachte Simon, erkannten sie ihn nicht oder fragten sich, welcher Wahnsinn ihn treiben mochte, dass er sich ihnen scheinbar alleine entgegenstellte. Statt etwas zu sagen, zog Simon lediglich das Schwert und stellte die Klinge vor seinen Füßen ab. Die Geste reichte den meisten der Gardisten bereits. Entweder, dachten sie jetzt er wäre endgültig verrückt… oder traten verunsichert einen Schritt zurück. Simon beschloss, das als gutes Zeichen zu werten.

Nach und nach sammelten sich immer mehr Leute am Ufer, bis Simon es aufgab, sie zählen zu wollen. Nach wie vor rührte er sich nicht, sondern wartete ab. Noch war die Zeit für den Kampf nicht gekommen. Und noch hatte er Erik nicht in der Menge erspäht. Wenn es ihm gelang den Mann in die Falle zu locken, würde das schon fast ihren Sieg bedeuten. Diese Leute wussten zum Großteil nicht einmal, wieso sie hier waren. Fiel die treibende Kraft hinter ihnen.... Vielleicht, nur ganz vielleicht gab es eine andere Möglichkeit, das hier zu beenden.

In diesem Moment teilte sich die Menge und die Gardisten bildeten eine Gasse, um vier Reitern Platz zu machen. Bei dreien handelte es sich wohl um hochrangige Offiziere. Die kaum gepolsterten, blau-goldenen Uniformen wirkten in der unwirtlichen Landschaft fehl am Platz, trotzdem schien es keiner von ihnen zu wagen, ein Wort der Klage zu äußern. Der vierte Mann, der ihnen vorausritt, war Erik Svensson. Die Roben des Ordens waren unverkennbar….

„Sieh einmal an, wen wir hier haben.“, meinte der oberste Zauberer hämisch, als er Simon erkannte. „So treffen wir uns also zum letzten Mal wieder.“

„Es sieht so aus.“, antwortete Simon kühl. „Aber habt Ihr auch den Mut Euch mir alleine zu stellen?“

Eine Weile antwortete Erik nicht. Die einzigen Geräusche in der einsetzenden Stille waren das Tosen des Windes und ab und an das Schnauben eines Pferds und das Klirren von Metall. Dann lachte er. Ein kläglicher Laut in dem jedoch niemand der übrigen Soldaten unter seinem Befehl einstimmte. Simon reichte ein Blick in ihre Gesichter, um zu wissen, dass sie lieber davongelaufen wären, zurück in die vermeintliche Sicherheit der Herzlande. Hier draußen war kein Platz für sie. Das Einzige, was sie davon abhielt, war die Angst vor dem Zauberer in ihrer Mitte. Aber mit Angst konnte man keine Armee führen, dachte Simon. Das hatte er verstanden. Es gab etwas, das sehr viel schwerer wog als Furcht. Er hatte es bei Tiege gesehen, bei Kiris und vielleicht noch mehr bei Ordt. Simon wusste nicht, womit er sie sich verdient hatte, aber Loyalität war nicht zu erzwingen…

„Ich habe eine ganze Armee, Simon.“, rief der Ordensobere über den zugefrorenen See hinweg. Seine Stimme hallte von den umliegenden Eisklippen wieder. „Und Ihr seid ganz alleine.“

„Seid ihr euch da ganz sicher?“ Simon zog das Schwert mit einem Ruck aus dem Eis und richtete es in einem Bogen langsam auf jeden einzelnen der wartenden Soldaten. „Das hier wird meine erste und einzige Warnung an euch sein. Zieht jetzt friedlich ab und ich schenke Euch Euer Leben. Doch jeder, der es wagt einen Schritt weiterzugehen, wird sterben.“

„Und wer wird uns aufhalten, wenn wir weitergehen, Ihr etwa? Ihr seid machtlos, Simon.“, erklärte Erik unbeeindruckt.

Er wusste es nicht, dachte Simon. Entweder war er zu blind, um zu spüren, dass Simon nicht länger hilflos war… oder er wollte schlicht nicht wahrhaben, wovor ihn seine Sinne warnten. Dass er zu spät war, dass er verloren hatte… und das es für ihn heute kein Entkommen geben würde. Für andere vielleicht. Aber nicht für ihn.

„Ich stehe weit über Euch. Weit über allem, was ich je für möglich gehalten habe. Und ich habe bitter dafür bezahlt. Tut was Ihr müsst, aber erwartet dann keine Gnade. Noch bin ich bereit alles zu vergessen. Noch.“

Statt einer Antwort beschrieb Eriks Hand eine Geste, die die Luft vor ihm in Brand steckte. Ein gewaltiger Feuerball, der die Kälte für einen Augenblick vertrieb nahm Gestalt an. Grünblaue Flammen überschlugen sich, während das Geschoss mit einem heulenden Geräusch auf Simon zu jagte. Dieser jedoch hob lediglich das Schwert und brachte die Klinge zwischen sich und das tobende Inferno. Der Aufprall ging ihm bis ins Mark und selbst durch den hastig errichteten Schild nahm ihm die Hitze fast den Atem. Ohne Magie hätte er nicht einen Herzschlag lang überlebt. So jedoch verpuffte der Zauber wirkungslos. Lediglich einige kleine Flammen blieben auf dem Eis um ihn herum zurück, wurden jedoch gelöscht, als sie keine neue Nahrung fanden.

„Ist das alles?“, fragte Simon, während er die Waffe sinken ließ. Erik riss lediglich an den Zügeln seines Pferds und zog sich hinter seine Generäle zurück.

„Tötet ihn!“

Die Männer zögerten nicht. Nach wie vor war ihre Angst vor Erik größer als die vor dem einzelnen Zauberer, der sich ihnen in den Weg stellte. Allerdings, dachte Simon, würde das bevor dieser Tag zu Ende ging, noch anders aussehen. Die Flut aus Soldaten, die über die Uferböschung auf das Eis hinausstürmte, brachte den Grund unter seinen Füßen zum Zittern. Er ließ das Schwert mit einer geschmeidigen Bewegung wieder an seinen Platz an seinem Gürtel zurückgleiten und sammelte sich. Simons Geist wanderte durch das Eis unter seinen Füßen, hinab in die Tiefe, die nie ganz gefror und er nahm die Macht der Träne mit sich. In die Dunkelheit…. Der gefrorene Panzer war so tief wie ein Haus hoch war. Doch für die Macht, die er nun geweckt hatte, war sie kein Hindernis. Der Zauber nahm in einem Wimpernschlag Gestalt an.

„Ich habe euch gewarnt!“, rief er. Seine Stimme schallte über den See, zusammen mit dem Geräusch von knirschendem Eis. Hier hätten die Gardisten sich noch retten können, doch die wenigen, die die Warnung verstanden, wurden von der Masse an nachrückenden Kämpfern vorwärtsgedrängt. Aus dem Knirschen wurde ein Bersten, als das Eis auf der ganzen Länge des Sees aufriss und eine Barriere zwischen den Männern und Simon bildete. Eiskaltes Wasser schwappte durch den Spalt und durchnässte bald die Schuhe der vordersten Soldaten. Und dann folgte ein zweiter, krachender Laut, als sich tausende kleinerer Risse von der großen Lücke aus ausbreiteten. Das Eis, das eben noch so fest erschienen war, gab unter den Männern nach. Die Ersten, die einbrachen, kamen nicht einmal mehr dazu zu schreien, so schnell geschah alles. Immer größere Stücke Eis gaben einfach nach, als hätten sie einen eigenen Willen, als hätte dort irgendwo in der kalten Tiefe ein Untier sein Maul geöffnet, um zu fressen.

Simon, der nach wie vor auf seiner Seite des Sees stand, sah dem Schauspiel ungerührt zu. Wo ein Gardist wegbrach, rutschten gleich zwanzig mehr nach. Noch immer hatte man am sicheren Ufer nicht ganz verstanden, was vor sich ging… und noch immer schickte Erik mehr Männer in den sicheren Tod… dann jedoch gab der Rest an verblieben Eis auf der Seite der Gardisten mit einem Schlag nach. Ein dunkles Auge, in dem tausend Seelen ohne einen Laut versanken. Die wenigen, die es schafften, in ihrer Ausrüstung und den vollgesogenen Pelzen zu schwimmen, entkam ebenfalls kaum ein Laut. Zu groß war der Schock, die Kälte… und das Wissen, das ihr Schicksal besiegelt war. Simon zog das Schwert wieder und beschrieb mit der Klinge einen weiteren Halbkreis über dem See. Was eben so leicht zerstört worden war, kehrte nun umso schneller zurück. Das tosende dunkle Wasser erstarrte, wie es war. Wellen gefroren in der Bewegung… und die gefallenen Gardisten erstarrten zu eisigen Statuen, manche schon fast am rettenden Ufer, andere, die Arme von sich gestreckt, als könnten sie das unvermeidliche irgendwie abwehren. Ein schauriger Garten der Toten….

Simon sah über das nun wiederhergestellte Eis zu den verbliebenen Gardisten hinüber. Die Generäle um Erik sahen entsetzt über das Desaster. Mindestens fünftausend Mann hatten grade den Tod gefunden, vernichtet von einer Macht, vor der sie ihr Zauberer eigentlich hätte warnen müssen.

„Mein Angebot steht noch.“, rief Simon. „Ihr und ich, Erik. Oder Ihr versucht es noch einmal. Ich bezweifle allerdings, dass Ihr danach noch Männer übrig haben werdet. Ihr könntet natürlich auch versuchen den See zu umgehen, aber Ihr wollt nicht herausfinden, was dann geschieht.“

„Ihr seid so überheblich wie immer.“

„Ich gebe Euch eine faire Chance.“, antwortete Simon. „Es war Euer Hochmut, der grade Tausenden das Leben gekostet hat. Es gab genug Tote für einen Tag.“

„Das werden wir noch sehen. Wenn Ihr glaubt, dass ich jemals wieder in Eurem Schatten stehen werde, dann habt Ihr Euch getäuscht. Eure Zeit ist vorbei, Simon, seht es ein.“ , rief Erik grimmig zurück, bevor er sich an seine übrigen Leute wandte .

„Ich will, dass er stirbt. Wenn Ihr mir ohne seinen Kopf zurückkehrt, sorge ich dafür, dass ihr langsamer sterbt, als durch alles, was er sich ausdenken könntet.“

„Ihr seid wahnsinnig.“, erklärte einer der Generäle. Erik machte sich gar nicht erst die Mühe, ihm zu widersprechen, sondern hob lediglich eine Hand. Ein greller Lichtblitz schlug daraus hervor und in die Brust des Mannes, der daraufhin vom Pferd geschleudert wurde und regungslos im Schnee landete.

„Ihr seid als Nächste dran.“, erklärte er. „Ich will ihn tot sehen. Heute. Er kann unmöglich einen zweiten Zauber dieser Art auslösen. Er ist grade völlig machtlos, versteht ihr mich?“

Und wieder einmal, dachte Simon, wusste er nicht ob Erik schlicht die Realität verleugnete oder schlicht zu verblendet war um die Wahrheit zu erkennen. Es spielte keine Rolle. Es endete hier.

Bevor einer der Soldaten sich erneut auf das Eis hinaus wagen konnte, rief er:

„Jetzt !“

Im gleichen Augenblick erwachten die Hügel um den See herum zum Leben. Schnee wurde aus weißen Umhängen und Pelzen geschüttelt, Schwerter gezogen und Bögen gespannt. Und inmitten hunderter grau-weiß gekleideter Gestalten wurde ein Banner gehisst, das erst vor wenigen Stunden erschaffen worden war. Das Wappen eines silbernen Adlers und eines goldenen Löwen auf blauem Grund. Der Plan war aufgegangen, dachte Simon, noch während die erste Pfeilsalve durch die Luft sauste und die völlig überraschen Gardisten traf. Bevor die Männer des Kaisers sich auch nur neu organisieren konnten, waren bereits die ersten Kämpfer der Eisnomaden unter ihnen. Was eben noch nach einer Pattsituation ausgesehen hatte, wendete sich in eine ausgewachsene Schlacht.

Schreie wurden laut, einzelne Schüsse waren zu hören. Aber noch hatten sie nicht gewonnen. Simon machte sich langsam auf dem Weg über den See hinein in den ersten, von zahlreichen, Kämpfen wie er wusste. Jetzt blieb nur noch eines zu tun. Er musste Erik finden und ihn ausschalten, damit dieses Blutbad rasche in Ende nehmen konnte. Das erneut gefrorene Eis knirschte unter seinen Füßen. Und irgendwo in der Tiefe trieben nun die Überreste eines Großteils der kaiserlichen Streitkräfte.

 

 

 

 

 

Kapitel 57

Letztes Gefecht

 

 

 

 

 

Simon ließ einen wahren Sturm aus Zaubern entstehen. Hätten die Gardisten den Angriff der Nomaden vielleicht noch abwehren können, der entfesselten Gewalt eines Zauberers hatten sie nichts mehr entgegenzusetzen. Und auch so waren bereits dutzende von Eriks Männern tot im Schnee zurückgeblieben, niedergestreckt von Pfeilen und Klingen, die aus dem nichts aufgetaucht waren. Langsam wurde aus dem weiß zunehmend rot. Das Klirren der aufeinanderprallenden Waffen und der tödliche Donner der Gewehre erfüllten die Luft um Simon herum,. Während er sich einen Weg durch die Reihen seiner Gegner bahnte. Blitze schlugen auf einem Gedanken seinerseits dort ein, wo er sie brauchte, Wind und Eis formten scharfkantige Dolche, die von unsichtbarer Hand getrieben ihre Ziele fanden… Simon nutze alles, was seine wiedererweckten Kräfte gaben… und das die Umgebung ihm lieferte. An einem Hang, unter dem sich mehrere Offiziere verschanzt hatten, die versuchten wieder Ordnung in das heillose Chaos zu bringen, löste er eine Lawine aus. Die plötzlich ins Rutschen kommenden Schneemassen begruben sie unter sich, bevor noch jemand einen Warnruf äußern konnte. Aber langsam wurde er müde. Selbst mit der Träne waren seinen Möglichkeiten Grenzen gesetzt, das bekam er zu spüren. Vielleicht konnte er unbegrenzt Magie herbeirufen, aber weder sein Körper noch sein Geist hielten das auf Dauer durch. Dabei hatte er grade erst angefangen, die Reihen der kaiserlichen Truppen zu dezimieren. Und nach wie vor gab es keine Spur von Erik.

Dafür jedoch erspähte er eine andere, wohlbekannte Gestalt mitten im Getümmel.

„Ordt !“ Der Gejarn drehte sich nur einem Moment zu ihm um und nickte einen Moment, bevor er sich bereits wieder seinem nächsten Gegner stellte. So gerne Simon sich in seiner Nähe gehalten hätte, wenn er das hier schnell beenden wollte, musste er den Ordensobersten finden. Der See lag mittlerweile bereits ein gutes Stück hinter ihm und während die ersten Gardisten, auf die sie getroffen waren, noch zu geschockt waren, um sich groß zu wehren, änderte sich das, je weiter er und die Eisnomaden einen Keil in die Formation aus blau-golden Uniformierten Kämpfern trieben. Der Widerstand wurde heftiger und den Gardisten gelang es endlich, eine saubere Schützenlinie zu bilden. Dutzende von Gewehrläufen, gespickt mit Schwertern sollte jemand zu nahe kommen, richteten sich plötzlich auf Simon und die ihm folgenden Männer. Er handelte, ohne nachzudenken. Noch bevor der erste Schuss fiel, hob er die Arme. Sowohl die Luft als auch der Erdboden folgten der Bewegung. In einer Welle wurde der Grund aufgerissen und die eben noch in Formation stehenden Männer von den Füßen gerissen. Mehrere Musketen wurden abgefeuert, doch die Kugeln gingen entweder weit an ihrem Ziel vorbei oder trafen nichts als den Himmel. Und bevor die Gardisten einen festen Stand wiederfanden, waren die Eisnomaden gefolgt von Simon auch schon unter ihnen. Der Zauber hatte seine verbliebenen Reserven stark angegriffen… aber jetzt wo die größte Gefahr vorüber war, blieben ihm andere Mittel sich zu verteidigen. Simon zog das Schwert und parierte einen Hieb, der auf seinen Hals zielte. Noch bevor sein Gegner zu einem zweiten Angriff ausholen konnte, schlug er selbst zu und durchstieß den Brustkorb des Gardisten. Er hatte keine Zeit sich lange mit Eriks Fußsoldaten aufzuhalten. Er musste ihn endlich finden….

Pulverdampf trieb träge über das Schlachtfeld und erschwerte die Sicht, während er sich etwas zurückfallen ließ. Simon wusste nicht zu sagen, wer im Augenblick die Oberhand hatte. Alles wurde zu undeutlichen Schemen im weißen Dunst, der selbst das Schreien der Sterbenden und Verwundeten zu dämpfen vermochte. Das Schwert in der Hand trat er vorsichtig weiter vor, jederzeit darauf gefasst, aus dem Nebel heraus angegriffen zu werden. Doch nichts geschah. Grade in dem Moment, in dem er die Waffe sinken ließ, wurde der Nebel direkt vor ihm beiseitegeschoben. Ein Geschoss aus verdichteter Luft traf ihn direkt vor die Brust und riss ihn von den Füßen.

Bevor der zerrissene Vorhang aus Pulverdampf sich wieder schloss und Simon auf dem Boden aufschlug, sah er noch eine Gestalt in den türkisenen Gewändern des Sangius- Ordens. Erik….

Ohne lange nachzudenken, sprang er wieder auf die Füße. Wo war er hin? Langsam versuchte er, in den wabernden Schatten, etwas auszumachen, das seinen Gegner verraten würde.

„Wagt ihr es nicht Euch mir Auge in Auge zu stellen?“, rief er über den gedämpften Lärm der Schlacht hinweg. Statt einer Antwort leuchtete links von ihm ein Feuer auf. Simon sah das Licht keinen Augenblick zu früh und konnte grade noch einen Schutzzauber herbeirufen, der die tosenden Flammen erstickte, bevor sie ihn erreichten. Dann würde es eben auf das hier hinauslaufen. Ein letzter Tanz mit dem Tod….

Simon nahm ruhig den schwarzen Stein aus der Schatulle an seinem Gürtel. Solange Erik nicht angriff, wusste er nicht, wo er war. Aber wenigstens würde der andere Zauber ihn genauso schwer finden.

„Wir sind Narren gewesen. Ihr und ich. Aber noch können wir dem allen ein Ende bereiten.“

„Der einzige Narr hier seid Ihr, Simon. Ich kann Euch nicht sehen, aber hören! “

Ein Blitz jagte direkt vor ihm aus dem Dunst. Simon lenkte das magische Projektil mit einer Handbewegung ab, sodass es surrend wieder im Nebel verschwand.

Und ich weiß jetzt wo du bist, dachte er. Ihm blieb nur diese eine Gelegenheit, wenn er versage, könnte dieser Kampf sich noch stundenlang hinziehen.

„Es ist vorbei!“ Simon legte alles in den Zauber, was er noch hatte. Ein gleißender Bolzen aus Licht brach durch den Nebel und vertrieb ihn endgültig. Dann traf es auf die Gestalt, die sich bisher noch dahinter verborgen hatte. Im gleichen Moment jedoch wusste Simon, dass er einen Fehler gemacht hatte. Anstatt zu Boden zu gehen, begann der in die Roben des Ordens gekleidete Schemen zu flackern… ein Trugbild, aber….

Ihm blieb keine Gelegenheit mehr, seinen Fehler zu korrigieren, stattdessen musste er sich zu Boden werfen, um einer Feuerwelle zu entkommen, die plötzlich hinter ihm auftauchte. Noch bevor Simon jedoch auf dem Boden aufkam, wurde er bereits von einer zweiten Attacke getroffen, ein Fausthieb aus dem Nichts, der ihm die Luft aus den Lungen trieb. Er spürte, wie sich der Griff seiner Hände lockerte… und wie ihm die Träne entglitt. Dann schlug er unsanft auf dem gefrorenen Grund auf.

 

Einen Moment blieb Simon regungslos liegen. Stechende Schmerzen strömten durch seinen ganzen Körper, als er sich schließlich dazu zwang, aufzustehen. Der Aufprall musste ein paar Knochen geprellt haben. Von dem Zauber ganz zu schweigen….

Simon kam grade noch rechtzeitig auf die Beine, um zu sehen, wie Erik sich nach etwas bückte. Einem kleinen schwarzen Stein in der Form eines Tropfens….

„Ich denke, das werdet Ihr nicht mehr brauchen.“, meinte der Ordensoberste hämisch, während er die Träne ins Licht hielt.„Endlich… nach all den Schwierigkeiten, die Ihr mir gemacht habt….“

Er kam langsam auf Simon zu.

„Ihr habt schon verloren, Erik.“, erklärte dieser und deutete auf das Schlachtfeld hinaus. Die Kämpfe waren mittlerweile so gut wie zum Erliegen gekommen und die Gardisten, die noch nicht Tod oder verwundet waren, hatten begonnen, die Waffen zu strecken.„Eure Armee ist zerschlagen. Und Ihr werdet nicht entkommen.“

„Ich brauche keine Armee, wenn ich das hier habe.“ Wie um seine Worte zu unterstreichen, richtete der Zauberer eine Hand auf eine Gruppe Soldaten, die grade ihre Gewehre wegwarfen. Eine Welle aus Finsternis senkte sich in einem Herzschlag über sie und lies nur tote Körper mit vor schrecken weit aufgerissenen Augen zurück.

„Erst seit Ihr dran… dann der Kaiser.“

„Glaubt das nur.“

Simon warf einen Blitz nach seinem Gegner, den dieser jedoch mühelos abwehrte. Hatte er sich verschätzt? , fragte Simon sich. Offenbar. Ihm war heute nur eines gelungen, nämlich, das er Erik in die Hände gespielt hatte….

„Heute ist es für Euch aus!“ In Eriks Handfläche sammelte sich flüssiges Feuer, bereit mit einem Gedanken, alles zu verzehren, was sich ihm in den Weg stellte. Und damit auch Simon. Er hatte nichts mehr, um sich gegen einen solchen Angriff zu verteidigen….

In diesem Moment jedoch ging Erik auf die Knie, als ihm ein Stab mit Gewalt vor den Kopf geschlagen wurde. Dieses Mal war er es, der die Träne verlor und noch bevor das Artefakt erneut in den Schnee fiel, hatte Delia erneut ausgeholt und dem Mann einen Hieb in die Magengrube versetzt.

„Das.“, erklärte sie kalt, bevor sie die Träne Simon zuschob, „war überfällig. Der Kerl ist ja völlig Irre.“

„Ich glaube, daran bin ich nicht ganz unschuldig.“, erklärte er kopfschüttelnd , als er den Stein wieder an sich nahm. „Der Orden hat bisher nichts anderes verkörpert, als Größenwahn. Vielleicht wird er sich nie mehr ganz davon befreien können. Und der Einzige, der Schuld daran trägt, bin ich. Aber vielleicht kann ich es noch wiedergutmachen.“

Eriks Antwort bestand in einem düsteren Lachen.

„Glaubt ja nicht, dass Euch Euer Mitleid jemand abkauft, Simon. Wir sind genau die gleiche Art Mensch, das wisst Ihr so gut wie ich. Jetzt bringt das zu Ende.“

„Und genau damit irrt Ihr Euch. Wir sind beide aus dem gleichen Feuer geboren, Erik, das stimmt. Aber ich habe gelernt es für etwas anderes zu nutzen.“ Mit diesen Worten ließ er den geschlagenen Zauberer im Schnee kniend zurück. Delia schloss sich ihm ohne ein Wort an.

„Wo wollt ihr hin?“ , rief Erik ihm nach.

„Weg von hier. Wir sind fertig, Erik. Ihr habt verloren, seht es ein.“

Hatte er damit gerechnet, dass der Mann vernünftig sein könnte? Vielleicht. Vielleicht hatte er aber auch von Anfang an gewusst, wie es ausgehen musste.

Der Ordensoberste kam schwankend auf die Füße.

„Das bezahlt ihr mir noch!“

 

 

Bevor es jedoch so weit kam, tauchte ein Schatten über dem Mann auf. Einen Moment glaubte Simon nur, eine Wolke hätte sich vor die Sonne geschoben. Doch dann erkannte er seinen Fehler. Die Farbe kam hin ja… aber das war auch schon das Einzige, was an der gewaltigen Kreatur an eine Wolke erinnerte. Schuppen so groß wie Hände bedeckten den mitgenommenen Körper des Drachen, der sich mit ausgebreiteten Schwingen auf den Zauberer stürzte. Simon drehte sich weg, das Knacken der Kiefer jedoch, als das was von Erik Svensson übrig war, dazwischen zermalmt wurde, bekam er mit. Die große Echse wandte sich ihm zu. Blut troff von den armlangen Fängen.

„Warum seid Ihr erneut zurückgekehrt?“, fragte Simon. Er hatte geglaubt, kaum ein Flüstern heraus zu bringen, doch seine Stimme blieb klar verständlich und kräftig. Vielleicht brauchte es mittlerweile sehr viel mehr, um ihn zu erschüttern.

„Um meine Schuld endgültig zu begleichen. Ich habe eine Entscheidung getroffen, Mensch. Da es in dieser Welt keine Aufgabe mehr für mich gibt, werde ich mich zu den großen Ruhestädten meiner Ahnen begeben. Und ich möchte diese Reise ohne Verpflichtungen antreten.“

Delia wich etwas von der Kreatur zurück, während sie sprach. Die Stimme des Drachen brachte das Land zum Zittern.

„Alles was Ihr mir schuldet, ist lange beglichen. Geht. Ihr seid frei. Doch beantwortet mir eine Frage.“

Der Drache legte den Kopf schief.

„Wie viele andere gibt es?“ Simon musste es wissen. Er hatte etwas gesehen, etwas schreckliches, das weit hinter dem Horizont dieser Welt und dieser Zeit lauerte. „Wie viele haben noch überlebt?“

„Keine. Das alte Volk hat alle Schatten vernichtet.“

„Und da seid Ihr Euch sicher?“ Es passte nicht zu dem, was er vor dem Konzil gespürt hatte. Die Präsenz die ihn verlacht hatte, hatte dasselbe beunruhigende Gefühl bei ihm ausgelöst wie das Monster in den Katakomben… Nur ungleich stärker. Erdrückend.

„So sicher, wie ich mir sein kann, Mensch. Ihr habt mein Wort, die Dunkelheit, die das alte Volk vernichtete, ist für alle Zeiten fort.“

„Dann geht.“

Die Worte waren noch nicht verklungen, als sich die riesige Echse auch schon mit wenigen Flügelschlägen Richtung Himmel erhob. Simon wendete sich praktisch sofort ab. Jetzt, dachte er, begann die eigentliche Herausforderung erst.

„Um was ging es hierbei?“ , wollte Delia wissen.

„Ihr wisst selbst, was ich gesehen habe.“

Delia schüttelte den Kopf.

„Nein, ehrlich gesagt, weiß das keiner von uns, Simon. Es war eure Vision, nicht unsere.“

Bevor er jedoch zu einer Erklärung ansetzen konnte, kamen ihnen bereits Ort und eine kleine Gruppe abgekämpft wirkender Eisnomaden entgegen.

„Herr.“ Der Wolf machte tatsächlich eine kurze Verbeugung vor Simon.

„Nennt mich nicht so.“

„Ich fürchte jedoch, das seit ihr.“, gab Ordt zurück. „Wir haben die verbliebenen Gardisten auf der Ebene zusammengetrieben. Alles in allen etwa dreitausend Mann. Ich dachte, Ihr habt vielleicht eine Idee, was mit ihnen geschehen soll.“

„Die habe ich, in der Tat.“, erklärte er und bedeutete dem Wolf, ihm den Weg zu zeigen. „Ich werde mit ihnen reden.“

 

Ordt hatte ihn und Delia auf die Spitze einer Anhöhe aus gefrorenem Schnee geführt. Das Land unter ihm war vergleichsweises Flach und wäre normalerweise wohl bloß von Schnee bedeckt gewesen. Nun jedoch drängten sich dort unten tausende von Menschen zusammen, Gardisten, genauso wie die sie bewachenden Eisnomaden. Es war ein heilloses Durcheinander. An manchen Stellen wurden Verletzte versorgt, an anderem Feuer entfacht, die wenigstens etwas die Kälte vertrieben. Doch aller Trubel kam mit einem Schlag zum Erliegen, als ihn die Leute erkannten. Simon wusste, dass er in der geschenkten Rüstung auffiel. Vielleicht machten einige der Leute dort unten auch den Fehler, ihn bereits für einen König zu halten. So oder so, langsam sanken die Männer, einer nach dem anderen auf die Knie, als hätte es ein stummes Signal gegeben, das nicht bloß aus seiner Gegenwart bestand. Ehrfurcht und Angst spiegelten sich auf ihren Gesichtern. Angst über das Schicksal, das er für sie haben mochte, Ehrfurcht vor… ihm. Ein seltsamer Gedanke. Er hatte geglaubt die Zeit überwunden zu haben, wo ihm das etwas bedeutete. Doch diese Leute erwarteten etwas von ihm. Delia tat es genaues, das konnte er ihr ansehen. Gardisten und Nomaden gleichermaßen waren in tiefes Schweigen verfallen.

Die Eisnomaden würden ihn schwer bis nach Canton zurückbegleiten, das wusste Simon. Aber die Gardisten… und wenn er zurückkam, jetzt nach Eriks Tod, würde er auch die Kontrolle über den Orden zurückgewinnen. Doch er würde eine Armee brauchen. Die Entscheidung war in dem Moment getroffen worden, in dem er die Träne an sich gebracht hatte. Es gab kein zurück. Und als er an den Rand der Klippe trat, die das Lager überblickte, brach die Sonne zwischen den Wolken hervor und ließ den Schnee für einige Augenblicke fast schmerzhaft hell aufleuchten.

„Steht auf!“ Seine Stimme hallte über das provisorische Lager, ohne dass sich etwas tat. „Ich sagte, steht auf!“

Gemurmel wurde laut, als sich die Leute langsam wieder erhoben, beinahe zögerlich, als wüssten sie nicht, was sie davon halten sollten oder was sie zu erwarten hatten.

„Heute, ist der letzte Tag, an dem ihr vor jemanden kniet. Ihr habt vor dem Kaiser gekniet, vor euren Offizieren, vor denen, die ihr eure Herren nennt. Vor den Menschen, die eure Familien zerrissen haben, als sie euch zwangsweise rekrutierten. Vor den Menschen, vor denen ihr eure Kinder verstecken müsst, vor denen, die euch töten würden, wenn auch nur der Verdacht besteht, dass ihr ihnen im Weg sein könnten. Und doch nach allem verlangen sie euer Blut. Wer mir folgen will, dem kann ich nicht versprechen, dass dies alles enden wird. Ich kann nicht versprechen, dass es ein einfacher Weg wird. Aber eines kann ich versprechen: Wir werden ihnen die Augen öffnen. Mit Feuer und Stahl. Noch sind unsere Herzen nicht erkaltet… erinnern wir die Welt daran. Erinnern wir sie daran, dass die Menschen ihr Schicksal und ihre Bestimmung nicht vergessen haben. Werft euren Ketten fort, fegt ihren Schmutz in den Wind und der heutige Tag wird das Ende des Hauses Ordeal einläuten. Ein Jahrtausend der Dunkelheit endet heute. Wer ist mit mir?“

Die Antwort bestand aus tausenden Waffen gleichzeitig, die gegen den gefrorenen Himmel gereckt wurden, das Klirren des Stahls dröhnte weit über die schneebedeckten Felder hinweg. Er hatte eine Armee… der erste Schritt war getan. Simons Blick wanderte langsam über das Heer hinweg nach Süden. Nach wie vor blieb viel zu tun, ein Leben an Arbeit, das vor ihm lag… und ob es von Erfolg gekrönt sein würde, war längst nicht garantiert. Das Kaiserreich zu Fall bringen… eine titanenhafte Aufgabe, selbst mit einem geschwächten Kaiser. Er besah sich einen Moment die Träne in seiner Hand. Zumindest wusste er schon, womit er sie beginnen würde…

Epilog

 

 

 

 

 

10 Jahre später….

 

Die Wellen plätscherten sanft über den Kiesstrand an der Westküste Cantons. Tausende von Möwen, die an den hohen Klippen nisteten, kreisten am strahlend blauen Himmel und erfüllten die Luft mit dem Geräusch schlagender Flügel und durchdringenden Rufen. Die Dutzend Männer, die an einem Pier am Fuß der Klippe arbeiteten, schienen das jedoch nicht zu stören. Zielstrebig brachten sie Kisten mit Vorräten und Ausrüstung an Bord eines großen Seglers. Das geschäftige Treiben fand in aller Heimlichkeit statt. Jeder, der heute hier bei den letzten Vorbereitungen half, würde auch wieder an Bord gehen. Jeder außer dem Gejarn, der soeben eine in den Fels geschlagene Treppe hinab kam. Einen Moment sah der Wolf sich nur ungläubig um, bis er die einzelne Gestalt am Ende des Piers entdeckte. Die viel zu früh ergrauten Haare fingen das Sonnenlicht ein und der Blick der seit jenem fernen Tag auf den eisigen Ebenen stets in die Ferne gerichtet schien, wirkte zum ersten Mal wirklich unsicher, als er den alten Freund auf sich zukommen sah.

„Ich habe das schon viel zu lange aufgeschoben.“, meinte der Kaiser Cantons. Ein müdes Lächeln spielte um seine Mundwinkel, als sich Ordt ihm in den Weg stellte. Hatte er wirklich geglaubt, alle täuschen zu können? Nein natürlich nicht… Er hatte damit gerechnet, dass sein vorgetäuschter Tod auffliegen würde. Aber am ehesten hatte er noch gedacht, das Kiris ihm folgen würde. Oder vielleicht Tiege, wenn er nicht schon längst in seine Heimat zurückgekehrt wäre. Der Fuchs war immer scharfsinniger gewesen, als er hatte durchblicken lassen. So weh es tat, hier alles hinter sich zu lassen, er hatten keine Wahl. Sein Blick wanderte wieder zum Horizont und auf das endlose, blaue Meer hinaus.

„Warum?“ , wollte der Wolf nur wissen.

„Kiris würde es nicht verstehen. Niemand hier, um genau zu sein. Und doch muss ich gehen. Ich habe vor zehn Jahren etwas gesehen, das mich immer noch verfolgt… und ich werde keine Ruhe haben, bis ich nicht Gewissheit habe. Und dieses Land würde keinen Frieden finden mit einem verschollenen Herrscher. Deshalb müssen alle Glauben ich sei tot . Kiris ist stark, Ordt. Aber sie würde es nicht verstehen. Deshalb muss ich euch auch bitten, alles für euch zu behalten.“

„Ich verstehe nicht einmal, wieso ihr Frau und Kind zurücklasst, Simon. Und ich kenne euch lange genug Herr. Lasst mich euch wenigstens begleiten.“

Simon schüttelte den Kopf, während er dem Gejarn eine Hand auf die Schulter legte.

„Diesmal nicht, alter Freund. Diese Reise muss ich alleine auf mich nehmen. Die Nebelküste wartet. Und ich bin nicht sicher, ob ich zurückkehren werde. Ich kann Euch nicht bitten, schon wieder alles für mich aufzugeben. Und das könnte ich auch Maen nicht antun. Ich werde es auch nicht zulassen. Ich brauche Euch hier. Kiris wird Euch brauchen. Ganz Canton vielleicht, das ist der letzte Dienst um den ich Euch bitte, denn wenn ich versage… fürchte ich um das Schicksal dieser Welt.“

Mit diesen Worten drehte Simon sich um und folgte den Männern, die grade die letzten Kisten mit sich brachten an Bord des Schiffs. Auf ein Signal hin wurden die Taue gekappt und die Segel aufgespannt. Ordt blieb stehen, wo er war, während das Schiff langsam an ihm vorüber und dann auf die offene See hinaus glitt.

 

Hatten sie ihr Ziel wirklich erreicht? fragte der Wolf sich, während er der forttreibenden Silhouette nachsah. So oder so, ab hier wäre es wohl anderen Überlassen. Er hatte Simon seit jenem Tag vor nun fast einem Jahrzehnt nie wieder ganz verstanden und vielleicht würde er das auch nie. Aber er würde tun, um was er ihn gebeten hatte. Aber das der Mann sich ohne Unterstützung, ohne im Besitz der Tränen zu sein auf diese Reise begab…. Ordt fragte sich, ob er je wieder etwas von seinem alten Freund hören würde, während die letzten Schiffsmasten eben hinter dem Horizont verschwanden.

 

 

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Kapitel:59
Sätze:9.552
Wörter:129.855
Zeichen:759.024

Kurzbeschreibung

Simon Belfare war einst einer der mächtigsten Zauberer im gesamten Reich und als Herr des Sangius-Ordens selbst vom Kaiser und all jenen gefürchtet, die sich ihm in den Weg stellten. Doch als er sich einiger Dörfler entledigen will, die ihm beim Bau seiner neuen Burg im Weg stehen, werden ihm seine Kräfte geraubt. Verwundbar und von seinen eigenen Leuten verraten befindet er sich alsbald auf der Flucht, mit nur einem Ziel: Zurückzuerlangen was ihm genommen wurde. Sein Weg führt ihn dabei durch Armut, Finsternis und letztendlich auch die Folgen seines eigenen Handelns…bis er im Norden des Kontinents schließlich sein Schicksal findet. Zum Guten oder zum Bösen.