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Rabenballade

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4.3.2018 0:54
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Praeludium

 

Auf einem Baum drei Raben stolz
Die war'n so schwarz wie Ebenholz
So schwarz wie eben deine Seel'
Und davon ich euch jetzt erzähl...



Ich schreibe dies in dem Bewusstsein nieder, dass ich nicht mehr allzu lange dazu in der Lage sein werde.
Mit jedem Tag, der verstreicht, spüre ich die Gebrechen des Alters mit immer stärkerer Macht- längst schwindet mein Augenlicht in einer Weise, die es mir schwer werden lässt, die Wörter der von mir stets geliebten Bücher zu entziffern und die Winterkälte trifft mich bis ins Mark, lässt die Finger steif und ungelenk werden.
Ich kann mich nicht entsinnen, dass mir in meiner Jugend je kalt gewesen wäre.
Heute friert mich beinahe ständig.
Es kann nicht mehr lang dauern, bis der Herr sich entschließt, mich zu sich zu rufen, und so muss ich mich sputen, dies her niederzuschreiben, so lange ich die Schrift noch erkennen und meine Hand die Feder noch führen kann.
Ich hoffe, dass der Herr, wenn meine Zeit gekommen ist, gnädig mit mir verfährt und Milde über meine arme Sünderseele walten lässt, war es doch eben jene Episode in meinem Leben, die mich zweifeln ließ. Zweifeln ließ an meiner Berufung und zweifeln gar daran, dass Er der Eine ist und der Einzige. Denn für eine Weile war ich ein Ketzer und ein Sünder – ein Sünder der schlimmsten Art, die man erdenken kann.
Ich vermag nicht zu ahnen, ob die Bußen, die ich mir auferlegte, mich von dieser Sünde loszusprechen vermögen, weiß nicht, ob meine Seele noch gerettet werden kann.
Denn eines ist mir klargeworden im Laufe der Jahreszeiten - und ich kann nur beten und hoffen, dass der Herr in seiner unendlichen Güte mir diesen Frevel verzeihen mag – es gibt vieles, das getan zu haben ich zutiefst bereue. Ja, ich bereue beinahe alles, was damals geschehen ist, alles, wozu ich habe hinreißen lassen... bis auf eines, bis auf diese eine, diese stumme Sünde. Sie wiegt ebenso schwer, wenn nicht gar schwerer als der Zweifel, der unweigerlich zum zeitweiligen Verlust meines Glaubens führte.
Ich wage auch nicht zu vermuten, dass die Jugend und Gutgläubigkeit, die mir zu Eigen waren, als es geschah, diese Sünde zu entschuldigen vermögen oder auch nur zu erklären. Ich denke, ich hätte es besser wissen müssen, ich hätte stärker sein müssen im Glauben und trotz meiner jugendlichen Unwissenheit in der Lage zu widerstehen.
Doch ich widerstand nicht. Mein Glaube war zu klein und die Verlockungen waren zu stark als dass ich hätte standhaft bleiben können, damals, in jenem Winter vor nunmehr über siebzig Jahren.
Damals, als die Sünde auf schwarzen Schwingen zu mir kam und mich für sich einnahm.
Ich bereue vieles, doch nicht dieses...

 

I



Meine Kindheit und Jugend waren geprägt von der stillen Gleichförmigkeit des klösterlichen Lebens. Ein Tag verlief wie der andere in Gebet und Arbeit und Andacht, ein ewiger Kreislauf im Dienst an Gott und den Menschen, denen gegenüber wir in Nächstenliebe handelten.
Ich war eine Klosterwaise, ausgesetzt als winziges, kränkliches Wickelkind auf den Stufen zur Klosterpforte und gefunden von den Mönchen am Gedenktag des heiligen Amatus, weshalb dies auch mein Name werden sollte.
Amatus bedeutet „Der Geliebte“ und geliebt fühlte ich mich tatsächlich stets in der Gesellschaft der Brüder und ganz besonders der meines Ziehvaters Hironymus, der mich gleich unter seine Fittiche nahm. Zum nicht geringen Erstaunen seiner Mitbrüder, wie er mir Jahre später verriet, denn Hironymus hatte seine Berufung erst spät gefunden, nachdem er zuvor ein recht bewegtes und sogar kriegerisches Leben geführt hatte. Ein bezahlter Streiter war er gewesen und hatte viele Dinge getan, derer er sich später nur mehr zu schämen vermochte. Möglich, dass er sich in der Hauptsache deswegen meiner annahm, weil er glaubte, an mir etwas gutmachen zu müssen... es war mir gleichgültig. Er liebte mich, wie ein echter Vater mich nicht mehr hätte lieben können, er war gut zu mir und lehrte mich alles, das zu lehren er in der Lage war. Er war klug und weise auf seine Art, er strahlte eine stille Autorität aus, der ich mich gern fügte, weil ich wusste, dass alles, was er mir sagte, zu meinem Besten war.
Ich stand ihm mit unverbrüchlicher Liebe und Ehrfurcht zur Seite und an dem Tag, da er zum Abt unserer Gemeinschaft berufen wurde, wollte ich schier vor Stolz und Freude platzen. Dafür schalt er mich, weil Stolz einem guten Christenmenschen nicht anstand, doch er wusste wohl, dass er ein Kind vor sich hatte, einen kleinen Jungen, der von derlei Verfehlungen noch nichts verstand und so fiel seine Strafpredigt milde aus.
Mir gefiel das Leben im Kloster, was leicht daher gesagt ist, zumal mir ja jeglicher Vergleich mit anderen Lebensweisen fehlte.
Doch ich bin sicher, es hätte mir auch gefallen, hätte ich meine Familie gekannt. Sicher waren sie furchtbar arm gewesen, wenn sie sich gezwungen sahen, mich fort zu geben; sicher fürchteten sie, mich nicht ernähren zu können. Ich dachte nicht oft an sie, nur ganz selten, wenn ich im Dorf zugange war, hielt ich Ausschau nach Erwachsenen oder anderen Kindern, die mir vielleicht glichen, versuchte Ähnlichkeiten zu finden in der Form der Augen oder des Mundes oder der Art, wie ich mich bewegte oder sprach. Ich fand das eine oder andere Merkmal, von dem ich mir nicht sicher sein konnte, doch nie genug Ähnlichkeiten um sicher sein zu können. Vermutlich hatte ich schlicht keine Verwandtschaft, vielleicht waren meine Eltern auf der Durchreise gewesen...
Mit den Jahren machte ich mir immer weniger Gedanken darüber.
Meine Familie waren die Brüder, meine Heimat das Kloster.

Im Sommer arbeiteten wir, wenn wir nicht in der Klosterschule saßen, in den Weinbergen und auf den Feldern, versorgten die munteren Ziegen und Bruder Titus‘ geschäftig summende Bienenstöcke. Ich sage wir, denn ich war beileibe nicht der Einzige, der als Waise Aufnahme gefunden hatte.
Stets waren wir fünf oder sechs Jungen und wann immer einer ging, um ein Handwerk zu lernen oder ein Mädchen zu freien, kam schon bald wieder einer hinzu.
Allerdings war ich nicht der einzige, der bleiben sollte, auch bei den Brüdern Carolus und Darius handelte es sich um ehemalige Klosterwaisen, die hier ihre Berufung gefunden hatten, doch sie waren um einige Jahre älter als ich und wir hatten wenig gemein.
Für mich kam nichts anderes infrage, als zu bleiben und mein Leben ganz in den Dienst des Herrn zu stellen – zum einen war ich, wie ich glaubte, stark im Glauben verhaftet, zum anderen dachte ich, dass es nirgendwo sonst für mich die Möglichkeit gab, mich mit dem zu umgeben, was ich beinahe noch mehr liebte als Weinberge und Gebete zu Ehren Gottes, nämlich Bücher und das in ihnen enthaltene Wissen.
Wir – die Klosterwaisen und einige vielversprechende Jungen aus dem Dorf (ich hatte nichts gegen sie, doch nie wurden wir auch nur annähernd so etwas wie Freunde, dazu kamen wir aus viel zu verschiedenen Welten, war die Kluft, die uns trennte, zu tief) – wurden von Bruder Cyprian unterrichtet. Lesen, Schreiben, die hohe Kunst der Mathematik und natürlich Unterweisungen im Glauben standen auf unserem Lehrplan. Sobald ich vermochte, die Buchstaben sinnvoll zu Wörtern aneinander zu reihen, vertiefte ich mich, wann immer meine Zeit es zuließ, in die aus heutiger Sicht eher kleine Bibliothek unseres Klosters. Obschon von eher geringem Umfang, was die Anzahl der enthaltenen Werke betraf, war sie wohlgeordnet und enthielt aus meinem kindlichen Blickwinkel alles Wissen, das in der Welt war. Es waren einige besonders schöne Bände darunter, geschmückt mit farbenfrohen Illustrationen von fremdartigen Tieren und in unseren Breitengraden unbekannten Pflanzen, Geschenke aus Klöstern von fernen, uns jedoch in Freundschaft verbundenen Klöstern, kopiert und gemalt von den dort lebenden Brüdern. Meine Mitschüler sprachen oft davon, wie gern sie in diese fremden Länder reisen und dort große Abenteuer erleben würden.
Ich nicht.
Mir genügten die Bilder. Mir genügte die Bibliothek als Rückzugsort und als Trost, wenn ich glaubte, das Leben meinte es hart mit mir.
Das Kloster, die dazu gehörenden Ländereien und die kleine Stadt auf der anderen Seite des Waldes waren mir Welt genug.

Dieser Wald, der Stadt und Kloster voneinander trennte... ich mochte ihn nicht. Die Bäume ragten so hoch hinauf, dass man kaum den Himmel sehen konnte, selbst wenn man den Kopf ganz weit in den Nacken legte. Auch am heißesten, hellsten Sommertag war es dort drin kalt und düster. Gerüchte gingen um von wilden, bösartigen Tieren und von allerlei Gesindel, das im Wald sein Unwesen trieb, von Mordgesellen und teuflischen Geistern, von Hexen und allerlei anderem Unheimlichen, das guten Grund hatte, Gottes helles Sonnenlicht zu scheuen.
Dank dieser Geschichten gingen wir Jungen niemals in den Wald und spielten dort nicht, auch nahmen wir lieber den Umweg über die breite Straße in Kauf, wann immer wir in der Stadt zu tun hatten. Die Stadtjungen hielten es gleich, wenn sie zu uns kamen.
Irgendwann erfuhr ich, dass es sehr wohl Pfade durch den Wald gab und dass die älteren Brüder diese durchaus benutzten und ich wäre fast geneigt zu glauben, man hätte uns die Schauergeschichten nur erzählt, damit wir und nicht in dem undurchdringlichen Waldesdunkel verliefen und zu Schaden kamen, wenn nicht... wenn nicht ausgerechnet in diesem Wald meine Begegnung mit der Sünde ihren Anfang genommen hätte.

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Hawkeees Profilbild
Hawkeee Am 30.01.2019 um 13:45 Uhr
Ich habe noch nichts gelesen, möchte dir aber sagen, dass mich deine Geschichte generell anspricht und ich sie wenn ich mal Zeit finde lesen werde. Ich hoffe du hast weiterhin viel Spaß beim Schreiben! Bis bald.
Liebe Grüße
Luna
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Usarias Profilbild
Usaria Am 22.03.2018 um 17:46 Uhr
Geil! Eine Geschichte voll nach meinem Geschmack. Du gibst zwar keine Zeit an, doch durch die doch recht altertümliche Sprache vermute ich mal, dass sie im Mittelalter spielt. Ich rate mal so um das 1. Jahrtausend, also 800, 900 nach Christi.
Ich finde es sehr kreativ, wenn Leute den Mut haben, Geschichten die in anderen Zeitaltern spielen, dies auch mit der Sprache aus zu drücken. Was ja schwierig sein kann, wegen der richtigen Schreibweise der Wörter.
Die Idee eine Romance zwischen einem jungen Priester und einem mystischen dunklen Wesen, finde ich auch toll. Mal was anderes!
Der Anfang hört sich schon mal gut an, und ich hoffe du wirst bald weiter schreiben
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Autor

groberUnfugs Profilbild groberUnfug

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Sätze:43
Wörter:1.627
Zeichen:9.305

Kurzbeschreibung

Ein junger Novize, der ein behütetes, stilles Leben im Kloster führt. Ein uraltes Wesen, dem nichts (un)menschliches fremd ist. Eine verbotene Leidenschaft, eine stumme Sünde... und ein Weg, der zum Verlust nicht nur der körperlichen Unschuld führt...

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Mystery und Erotik gelistet.