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Das schlafende Auge

23
20.6.2018 19:03
18 Ab 18 Jahren
Bisexualität
In Arbeit

Einleitung

 

Der erste Gedanke.

Das erste Gefühl.

Der erste Eindruck war das Nichts.

Einst gab es das Nichts und es wurde wahrhaftig inmitten des Seins. Im Nichts lag nichts – obgleich es war. Im Sein aber lag alles – ja selbst das Nichts. Ich war im Nichts und somit war ich im Sein. Ich war zugleich alles und nichts.

Am Anfang da war ich und ich war rein und vollkommen. In meinem Inneren aber lag die Unreinheit und Unvollkommenheit. Ich spürte wie es zwickte und kniff. Es kratze und biss. Nach Freiheit schreiend und auf der Flucht vor mir nannte ich es Leben.

Ich hatte Kraft und Recht es an mich zu binden, gleichermaßen hatte ich weder Kraft noch Recht es in mir zu halten. Das Leben wollte mir entfliehen, denn es wollte und der Wille lag im Sein, denn im Sein lag alles, ja selbst das Nichts.

Der Wille brannte in mir wie wildes Feuer und ich spürte seinen steten Handlungsdrang. So ließ ich ihn gehen und mit ihm all das was zu ihm gehörte. Leben, Tod. Kälte, Wärme. Hass, Liebe. Angst und Wut.

 

Vor allem aber die Freiheit, ohne die der Wille nichtig wird.

 

Im Laufe der Jahrtausende entstanden viele Leben und mit dem Menschen entstanden noch mehr Dinge. Imperien sah ich wachsen und Imperien sah ich fallen. Denn die Stadt und der Krieg können nicht ohneeinander, ebenso wenig miteinander. Egal wie weit entwickelt eine Stadt auch sein mag, egal wie groß ihr Reichtum ist, stets lechzt sie nach jenem das sie nicht Ihres nennen kann.

Denn tief in den Städten, tief in den Wesen der Menschen verankert, da liegt keine Weisheit, kein Verstand und ebenso wenig findet man Klarsicht. Wenn man in die Herzen der Menschen blickt, so sieht man sogleich diesen dominierenden unstillbaren Hunger, der in ihren inneren tobt und schreit. Die scheinbare Vernunft ist lediglich Ausgeburt dieser Gier.

Es ist keine Erkenntnis, die Komplotte schmiedet.

Es ist keine Klarsicht, die den Geiz nährt.

Es ist nicht die Vernunft die denkt, Krieg fördere den Reichtum.

Ursprung ist dieser brennende und stechende Hunger, der durch nichts Weltliches gestillt werden kann. Die Vernunft sucht lediglich nach einem Weg der Gier zum Sieg zu verhelfen, denn sie entspringt ihr und sie will ihr treu bleiben. Ja. Jene Vernunft, die in den Menschen liegt, ist eine falsche, trügerische Weisheit, die nur dem eigenen Wohle dienen will. Und viele Geschichten beginnen mit jenem Begehren, mit jener schrecklichen Qual, welche den Menschen schon seit seiner Erschaffung quält.

War er doch unvollkommen erschaffen, war er noch nicht fertig geboren. War er doch fälschlicherweise gesandt zur falschen Zeit zum falschen Ort.

 

 

Prolog
Wir sollen unser Herz nicht so an die vergängliche Kreaturen hängen, sagte der Witwer beim Tode seiner Frau.[1]

Der Tod ist weder gut noch schlecht. Der Tod selbst kann nicht grausam sein, lediglich den Umständen unter denen er eintritt teilen wir eine Emotion zu. So erscheint der Tod eines Kindes grausamer als der Tod einer alten Frau und das obwohl die Folgen doch stets dieselben sind. Von außen kann man leicht urteilen, doch bleibt die Frage, ob man wirklich alle Aspekte des Lebensweges eines Menschen mit bloßem Auge sehen kann. Vielleicht sollte man erst, nachdem man auf diese Frage eine Antwort gefunden hat versuchen, über jemandes Tod zu urteilen. Vielleicht sollte man es aber auch sein lassen, denn schlussendlich bleibt nur eines zu sagen: Der Tod ist immer gleich.

Tropfen fielen stetig herab. Fielen ungehört zu Boden und waren mit einem dumpfen Aufschlag schon vollkommen vergessen. Unbedeutend und klein. Es gab keinen der um sie weinen würde, denn sie weinten ebenso wenig um einen anderen. Beim nächsten Atemzug schon würde es so sein, als hätten sie niemals existiert, waren sie doch nicht mehr, als Relikte von alten Tagen.

Wenn er die Augen schlösse, so könnte er sich vorstellen, er stände inmitten eines warmen Sommerregens. Der Wind würde sachte durch sein silbriges Haar streichen und jeder  Aufschlag der lauwarmen Tropfen auf seiner erhitzten Haut würde ihm eine angenehme Gänsehaut verpassen. Sein Blick würde sich gen Himmel richten, doch den Anblick ertrüge er nur einige Sekunden, da die Sonne ihm direkt ins Gesicht schiene. Seine Vorstellungskraft jedoch langte nur zu einer von Wolken verdeckten, rötlichen Sonne, die langsam hinter dem Horizont verschwand. Er versuchte den Geruch von altem Zedernholz gepaart mit dem Duft von feuchtem Moos zu erhaschen, aber in seine Nase strömte lediglich der beißende Gestank der Verwesung. Verzweifelt von dem Grauen, welches seinen Verstand heimsuchte, sank er in die Knie, griff nach den bunten, unwirklich leuchtenden Blumen des Frühlings, die noch zwischen seinen zittrigen Fingern dorrten und starben. Innerlich schrie er auf,  hörte jedoch nichts als das jaulende Wüten der Krieger, die sich durch den Wald kämpften und achtlos alles Leben vernichteten, welches ihren Weg kreuzte. Er wusste, dass es nicht Bosheit war, die die Menschen dazu bewegte auf bestialische Weise zu agieren, sondern einfache Blindheit und Verständnislosigkeit gegenüber dem Einklang ihres Umfelds. Das Traurige daran war, dass all das die Situation noch verschlimmerte, da die verzweifelten Hilferufe von Mutter Natur im Nichts verklangen. Stetig fielen die Tropfen herab, doch dieses Mal wurden sie erhört, ungeachtet dessen, dass sie weniger als eine Sekunde des Seins andauerten. Nicht einmal wenn er die Augen schlösse, vermochte er, sich in eine andere Zeit zu denken, dafür war der Geruch von Schweiß und Blut zu präsent und die dumpfen Schreie von Mutter Natur hallten lauter in seinen Ohren wieder, als jeder Donner es vermocht hätte.

 

Capricornus befand sich in dem Wohnzimmer eines alten Bauernhauses, welches am Rande eines kränklich wirkenden Waldes erbaut worden war. Eitergelbe Stellen an der Fassade ließen erahnen, dass das Haus einst mit leuchtender Farbe bestrichen war. Heute aber wirkte es ungepflegt und verfallen.

Von dem westlichen Fenster aus hatte er einen guten Blick auf den Abhang, der sich in  einigen Metern Entfernung befand. Es war kein ausgesprochen steiler Abhang, trotzdem hätte man ihn vermutlich gesichert, wenn Kinder hier gespielt hätten, denn in der Tiefe befand sich ein kleiner Teich. Wenn er es gewollt hätte, so wäre es einfach die Böschung hinab zu steigen. Er müsste nur den Spuren folgen, die die Besitzer des Anwesens hinterlassen hatten. Der kleine Fischteich war gut gepflegt. Es standen zwei kleine steinerne Bänke an dessen Ufern, getrennt von einer Eiche, die so riesig war, dass man meinen könnte, sie habe schon lange Zeit vor dem Erbau des Bauernhäuschen hier gestanden. Ihre massiven Äste breiteten sich wie schützende Arme über den Bänken aus und spendeten Schatten, wenn die Sonne unbarmherzig auf die Erde hinab schien. Bei Regen wurde das grüne Blätterdach zu einem undurchdringlichen Schirm und selbst Hagel würde ihren Schützlingen kein Haar krümmen. Was für Geschichten dieser anmutige Baum im Laufe der Zeit wohl mitgenommen hatte. Würde er ihm davon erzählen, wenn er sich nur kurz die Zeit nahm zuzuhören? Er hatte den Menschen sicherlich viel Trost gespendet und ganz sicher hatte er viele Generationen überlebt. Unzählige Geheimnisse musste er in sich tragen.

An die Wurzeln der Eiche gelehnt, befand sich ein weißer Eimer, der nachlässig mit einem Deckel bedeckt worden war, der offensichtlich nicht für ihn erdacht war.

Capricornus schritt gelassen durch den Raum, am Wohnzimmer vorbei, zur südöstlichen Seite der Küche. Wohnzimmer und Küche waren zusammengewachsen, so dass es sich dabei um einen großen Raum handelte. Das Fenster über dem Herd lieferte einen guten Blick auf das Dorf Latina, welches nur wenige Minuten entfernt war. Dennoch war das alte Haus so abgelegen, dass man erahnen konnte, das entweder die Bewohner des Hauses nichts mit dem Dorf oder umgekehrt die Dorfbewohner nichts mit den Bewohnern des Hauses zu tun haben wollten. Doch im Grunde spielte es keine Rolle, denn die Bewohner des Anwesens waren tot.
 

In der Ferne hörte Capricornus das Wüten der sich nähernden Krieger, es verkündete deren baldige Ankunft. Sie würden zerstören was noch ganz und plündern was noch übrig war. Am Ende würden sie das Häuschen dem Feuer überlassen. Durch die Dürre würden sich die Flammen rasend schnell verbreiten bis sie letztlich an der Rinde der alten Eiche lecken könnten. Generationenaltes Wissen – ausgelöscht – innerhalb weniger Minuten. Doch dem wäre noch lange nicht genug, denn der Appetit von wütendem Feuer ist unbegrenzt und gnadenlos.

Mit unbewegter Miene glitten seine Iriden zu der älteren Dame Samira. Vor wenigen Stunden noch hatte sie hysterisch geschrien und mit allem was für sie greifbar gewesen war nach ihrem Angreifer geworfen. Nun aber wirkte sie unnatürlich friedlich, reglos, wie sie am Boden lag. Ihre zum Teil ergrauten Haare standen in alle Richtungen von ihrem Kopf ab und wirkten dabei wie ein graubrauner Fächer. Sämtliche Spannung war aus ihrem Gesicht gewichen und Capricornus musste zugeben, dass sie dadurch jünger wirkte als sie war.  Beinahe könnte man behaupten, durch den Tod hätte ein Teil ihres früheren Glanzes zu ihr zurückgefunden. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie vor einiger Zeit eine von vielen Männern umworbene Frau gewesen war. Zu einem bestimmten Augenblick war ihre Lebensfreude jedoch erloschen und trotz ihrer eigentlich jungen Jahre war sie alt und verbittert geworden. Die Falten an ihrer Stirn hätten ebenso gut einer fünfundsechzig Jährigen gehören können und das obwohl Samira erst Mitte vierzig war.

Ihr Mann Nathal, der in seinem Holzstuhl ruhte, hatte ein kantiges Gesicht. Selbst jetzt noch wirkten seine Gesichtszüge verhärtet, wodurch seinen leeren Iriden einen anzustarren schienen. Täuschend fest stachen sie Capricornus in die Augen. Schon zu Lebzeiten hatte Nathal mit Sicherheit wenig gelacht und war wohl ein harscher und unzugänglicher Zeitgenosse gewesen. Capricornus überlegte, ob nicht sogar er der Grund für Samiras Verbitterung wäre. Als Außenstehender aber fiel es ihm schwer darüber zu urteilen.

 

Erst das Knarren der Seitentüre ließ Capricornus aufblicken. Instinktiv huschten seine Finger in Richtung seines Schwertes, aber er stoppte als er den hellblonden Haarschopf zu seiner Rechten erblickte. Sich innerlich beruhigend stöhnte er auf: „Sagittarius. Wäre ich so ein Heißläufer wie du, wärst du nun tot.“ Der Kopf seines Kameraden bewegte sich ein paar Mal hin und her, so als würde er ihn erst suchen müssen, ehe er antworten könnte. Dann aber öffnete Sagittarius die Türe komplett und trat er in den Raum. Bevor seine lichtblauen Iriden auf die von Capricornus trafen, murmelte er: „Wow. War das wirklich nötig?“ Capricornus wusste, dass Sagittarius von dem toten Ehepaar sprach und so verschränkte er bestimmt die Arme vor der Brust und hob eine Augenbraue in die Höhe: „Wieso fragst du mich das?“  Sagittarius Blick glitt nun demonstrativ abwertend über die Leichen: „Naja wir wissen beide wie viel Sympathie du für die Menschheit hegst.“ Einen Moment lang fragte Capricornus sich ob er sich überhaupt die Mühe machen sollte zu antworten, dann seufzte er theatralisch: „Was ist mit dem Teufel? Hast du ihn entdeckt und wo ist Aries überhaupt?“

Von außen war es schwer erkennbar, dass Sagittarius das Schicksal der beiden Menschen bedauerte, doch das kurze Zögern vor seiner Antwort, war Capricornus Zeichen genug. Er kannte ihn einfach viel zu lange.

„Nun. Ich hab nicht einmal ein Anzeichen für einen Teufel entdeckt. Weder im Haus, noch im Wald und auch im Dorf nicht. Ehrlich gesagt wirken die beiden hier auch nicht wie Opfer eines Teufels. Aries aber hat eine Scheune westlich von hier, am Rande des Waldes entdeckt. Sieh es dir am besten selbst an.“

Capricornus schnaubte leise: „Klar, dass Aries die Ergebnisse liefert, du warst in Latina wohl anderweitig beschäftigt. Vermutlich hast du wieder einmal herumgelungert und das Weibsvolk der Menschen bespitzelt!“

Verständlicherweise blinzelte Sagittarius ihn entrüstet an. Er öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder und blinzelte ein weiteres Mal. Dieses Mal ungläubig: „Wie bitte?! Was soll denn das heißen? Ich bin nicht derjenige, der immer und überall Chaos hinterlässt! Im Gegensatz zu dir arbeite ich gezielt, konzentriert und ergonomisch! Und so wie ich das sehe hast du ebenso wenig Ergebnisse geliefert wie ich. Abgesehen davon, wenn ich wirklich einmal Frauen oder Menschen generell beobachten sollte, dann nur, weil mein Auftrag es befiehlt!“

So wie Sagittarius sich aufbäumte und protestierte, wirkte er auf Capricornus wie eine aufgeblasene Henne. Unweigerlich musste er über seinen eigenen Vergleich innerlich schmunzeln, äußerlich aber blieb seine Mimik unbewegt und er zuckte desinteressiert mit den Schultern. „Ach tatsächlich? Wo sind denn die Ergebnisse deiner gezielten, konzentrierten und ergonomischen Arbeit?“

Sagittarius verdrehte die Augen und wandte sich ab: „Das muss ich mir nicht bieten lassen.“ Nach wenigen Sekunden stummer Ignoranz schien er sich zu fangen und murmelte grummelnd: „Wie gesagt, Aries ist in der Scheune.“ Damit schritt er wieder durch die Tür hinaus und wäre Capricornus ihm nicht gleich hinterher gelaufen, so hätte Sagittarius ihm die Tür noch vor der Nase zugeschlagen.

Als sie das Bauernhaus verließen fiel Capricornus auf, das die Sonne fast gänzlich hinter dem Horizont verschwunden war. Langsam ging die Dämmerung zur Nacht über. Kurz blickte er über seine Schulter, zurück auf das Haus, in Gedanken bei dem alten Bauernpaar und ihrem bedauerlichen Tod. Vor allem aber hielt er an der anmutigen Eiche fest, die heute Nacht noch brennen würde.

Die letzten Wochen hatte es so gut wie gar nicht geregnet, wenn überhaupt hatte es ab und an genieselt. Trotzdem glaubte er den modrig-nassen Geruch des Waldes zu riechen, als er an dessen Rand vorbei schritt. Sein Blick glitt vor zu Sagittarius und er fragte sich ob dessen Gedanken ebenso düster waren wie die seinen. Ehe er aber dazu kam seinen Freund zu fragen, blieb dieser stehen. Erst einen Moment später realisierte Capricornus, dass sie vor der besagten Scheune standen. Ruine wäre wohl das bessere Wort gewesen, denn von einem Bauwerk konnte man hierbei wirklich nicht mehr sprechen. Überall waren Löcher in den Wänden. Das Holz war so alt und morsch, dass er Angst hatte, die Hütte könnte einstürzen, noch während er sich darin befand. Den nächsten Sturm würde dieses Gerüst nicht mehr überstehen.

Er trat vor um die Türe zu öffnen – nicht dass dies nötig gewesen wäre – auf der ein oder anderen Seite des Stalles hätte er sicher noch ein mannsgroßes Loch gefunden. Sagittarius jedoch trat die Tür des halbzerfallenen Stalles mit dem Fuß auf. Seine Arme hatte er über Nase und Mund gelegt, das Gesicht merkwürdig verzogen. So als würde er das Schlimmste erwarten. Kaum stand die Tür offen, erkannte Capricornus den Grund dafür mit all seinen Sinnen. Scharf sog er die Luft ein. Der beißende Gestank der Verwesung trat ihm so stechend in die Nase, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb. Es war so fürchterlich, dass er seine Lider schließen musste. Eine ganze Zeit lang kämpfte er mit sich selbst, ehe er mit krächzender Stimme gedrückt feststellte: „Das Vieh!“

Sagittarius nickte knapp, den Arm noch immer vor Nase und Mund. Seinem Blick nach half ihm diese provisorische Abschirmung des Gestanks jedoch nicht wirklich. Capricornus folgte Sagittarius nur zögernd, als dieser in den Stall trat. Die Balken die das Dach der Scheune fixierten waren ebenso morsch wie die Wände und an manchen Stellen fehlten mehr Ziegel als noch vorhanden waren. Jedoch musste Capricornus eingestehen, dass es kein mannsgroßes Loch gegeben hätte und er wohl oder übel immer die Türe hätte nehmen müssen.

Der Boden war notdürftig mit Stroh bedeckt worden, obwohl genug davon an der linken Wand, neben dem Eingang gestapelt worden war. Am Ende des Stalles befand sich knapp über der Decke eine Ablage, die einst als Heulager gedient haben musste. Heute jedoch war sie nicht mehr nutzbar, wegen zahlreicher fehlender Bretter.

Inmitten des Raumes kniete ein Mann, umgeben von sechs toten Pferden, deren Körper bereits teilweise von Maden zerfressen worden waren. Seine violetten Haare leuchteten so unnatürlich, dass sie es vermochten den halben Raum zu erhellen. Bei näherem Hinsehen aber erkannte man, dass nicht nur seine Haare auf diese Weise glänzten, sondern dass sein gesamter Körper von diesem Schein umhüllt war. Sein Gesicht wurde von seinen Haaren bedeckt und er wirkte so konzentriert, dass Capricornus einen Moment lang tatsächlich glaubte, er hätte ihn nicht bemerkt. Doch die nüchterne Stimme, welche zu Aries gehörte, wie die Wolken zum Regen, belehrte ihn eines Besseren:

„Es gibt keinen Grund mehr diese armen Geschöpfe zu untersuchen. Das hier ist ohne Zweifel das Werk eines Teufels gewesen.“ Sanft fuhr Aries mit der Hand über den Kopf eines der Tiere und strich ihm durch die prachtvolle Mähne. Ihn schienen weder der Gestank zu kümmern, noch das Blut an seinen Händen oder die Insekten, die sich dadurch auch auf seiner Haut tummelten. Capricornus wurde übel bei diesem Anblick, doch er ließ es sich nicht anmerken und beobachtete tonlos wie Aries Hand über den Augen des Pferdes zur Ruhe kam und diese schloss. So wie Menschen es bei ihres gleichen taten.

„Diese Tiere müssen schon lange tot sein, woher willst du also wissen, dass es Teufel waren?“, warf Capricornus Aries entgegen.

„Das ist es ja gerade.“ Aries erhob sich schließlich mit einem Seufzen, es war deutlich wie sehr es ihn schmerzte: „Vor einer Stunde waren diese Pferde noch quick lebendig.“

„Das ist unmöglich.“, widersprach Capricornus: „Sinnlos. Ich sehe keinen Grund für einen Teufel etwas Derartiges zu tun.“

Aries blickte Capricornus ernst entgegen und Capricornus wurde bewusst, dass er noch nie so viel Sorge im Blick seines Freundes gesehen hatte: „Nun, ich würde es selbst nicht glauben, hätte ich es nicht gesehen. Aber diese Pferde haben noch gelebt, ebenso wie diese bedauernswerten Menschen. Samira und Nathal-…“

Nun war es Sagittarius der Aries unterbrach und an Capricornus gewandt sprach: „Hierbei handelt es sich um ein Ritual. Die Pferde sind ein Blutopfer! Ein Blutopfer für das Ritual!“

Capricornus wandte den Blick erst von Aries ab, als Sagittarius von dem Ritual sprach und er schnaubte: „Lächerlich. Niemals würde ein Teufel von sich aus auf diese Idee kommen! Es ist schlimm und bedauerlich was hier passiert ist, aber ein Teufel? Ich bitte euch. Der Teufel hätte wohl eher die beiden Menschen getötet, nicht aber das Vieh!“

„Capricornus, ich verstehe gut, was in dir vorgeht. Du leugnest was ich dir sage gesehen zu haben, weil du nicht wahr haben willst was wahr ist.“, Aries suchte seinen Blick und nur widerwillig schaute Capricornus ihn an. Aries aber fuhr erst mit dem Sprechen  fort, als er sich sicher war, dass Capricornus ihm seine volle Aufmerksamkeit zollte. „Es sind sechs Pferde und als ich ankam, da leuchtete jeweils eines ihrer Augen in dunklem Rot und das andere strahlte weiß und rein wie die Unschuld. Doch am Ende des Raumes stand kein Teufel. Nein. Dort standen Belphegor und Mammon und sie lächelten wissend und sicher.“

Capricornus spürte wie sich seine Kehle zuschnürte. Sein Kiefer begann zu mahlen und nur mit einem Ohr vernahm er Sagittarius‘ Frage: „Belphegor und Mammon? Gleich zwei Gefallene, hier? Das spricht noch deutlicher für das Ritual!“ Capricornus fasste sich an den Kopf. Seine Gedanken drehten und wälzten sich rastlos.

Resigniert stellte Sagittarius nach einigen Minuten fest: „Das ist eine Kriegserklärung. Sie erklären uns den Krieg.“ Leise lachte Aries, doch in seinem Lachen lag weder Freude noch Belustigung. Er klang verbittert: „Eine Kriegserklärung? Nein! Wenn sie erfolgreich sind geht das hier weit über einen Krieg hinaus.“

Capricornus aber schwieg eisern. Mit dem Blick folgte er gedankenlos einer Fliege, die sich auf das offene Auge eines Pferdes setzte und sich an dem letzten Rest Flüssigkeit darin labte. Genüsslich saugte sie mit dem Rüssel an dem Augapfel und zersetzte mit ihren zahlreichen Geschwistern das Pferd, welches sie alle zu Lebzeiten hätte zerquetschen können.

Kurz noch ließ er diesen Gedanken auf sich wirken, ehe er stoisch sprach: „Die Menschheit wird als erster fallen, wenn Mammon und Belphegor erfolgreich sind. Die Menschheit wird so oder so fallen und die Zeit ist beinahe um. Bedenkt, dass wir verhindern können was naht, wenn wir endlich an ihnen aufgeben! Die Menschen waren einer Rettung niemals wert. Seht euch an, wozu sie uns alle gemacht haben! Sie sind hochmütig und egoistisch. Sie bezeichnen sich selbst als Krone der Schöpfung und übersehen dabei, dass die Schöpfung die Krone ist. Sie spielen mit Mächten die sie nicht beherrschen können und vernichten dabei nicht nur sich selbst. Denn das reicht ihnen nicht! Nein, sie müssen auch ihr gesamtes Umfeld zerstören bis nichts mehr bleibt. Und wenn sie nicht in ihrer Freizeit mit den Teufeln spielen, dann besteht ihr Alltag darin sich gegenseitig zu bekriegen. Sie sind eine verkrüppelte und abartige Rasse. Zu blind für Liebe und zu dumm für Mitgefühl. Wenn wir die Menschen nicht fallen lassen, dann werden sie die Welt fallen lassen. Sie werden mit der Verwüstung fortfahren solange bis nichts mehr übrig bleibt und alles Sein im Nichts vergeht!“

Eine Weile war es still im Raum. Nichts außer dem Summen und Surren der Fliegen und Maden war zu vernehmen. Capricornus war der Geruch der Verwesung nicht mehr gewahr. Er sorgte sich nicht um die Menschheit, er sorgte sich um die Welt. Er sorgte sich um seine alte Eiche, dieses wunderbare Geschöpf der Natur, welches so friedlich und harmonisch da zu stehen und alle Zeit zu überdauern vermochte, wenn man es nur ließe. Wie konnte ein so junges und dummes Geschöpf wie der Mensch es wagen ein solch prachtvolles und vollkommenes Wesen zu bedrohen? Wieso durfte er nicht handeln, warum war es ihm nicht erlaubt seine Eiche zu retten? Wie grausam die Welt doch war.

Er sah auf als Aries’ Gesicht direkt in seinem Blickfeld erschien. Er hatte nicht mitbekommen, dass dieser auf ihn zugetreten war. Fast schien es so, als würden dessen smaragdgrüne Augen direkt in seine Seele blicken und sie von innen heraus erwärmen. „Es ist niemals zu spät, Capricornus. Merk dir das. Merkt euch das, ihr  beide. Es ist nicht zu spät solange wir noch hier sind und versuchen können etwas zu ändern. Die Menschen sind jung und unbeholfen wie kleine Kinder. Sie verstehen so wenig von dem Zusammenspiel ihrer Umwelt. Wir haben die Aufgabe sie zu lehren und ihnen den rechten Weg zu weisen, nicht sie aufzugeben.“  

Capricornus schloss die Augen. Er erkannte die Wahrheit in den Worten seines Freundes, doch leider waren seine Worte nicht mehr als eine Idee. Natürlich hatte Aries Recht, doch dieses Recht wirkte sich nicht auf die Tatsache, nicht auf die Praxis der Dinge aus. Capricornus wünschte sich nichts sehnlicher, als das es keinen Unterschied geben würde zwischen dieser einfachen Idee und der komplexen Wirklichkeit. Er wollte etwas erwidern, als er aber die Augen öffnete, sah er wie sowohl Sagittarius als auch Aries sich anspannten.

Sagittarius war es schließlich, der leise knurrend fragte: „Habt ihr das gehört?“ Seine Stimme war nicht mehr als ein bedrohliches Grollen. Capricornus war so in Gedanken gewesen, dass er nicht hätte sagen können, ob es ein Geräusch gegeben hatte oder nicht. Sagittarius hingegen war überzeugt und er zog vorfreudig sein Schwert: „Oh, ich hoffe der Teufel ist hier!“

Aries schüttelte den Kopf: „Nein. Das ist unwahrscheinlich. Wir hätten einen Teufel längst bemerkt. Seine Aura ist unrein und giftig.“

Capricornus glaubte generell nicht daran, dass jemand es schaffen würde, sich so lange vor ihnen zu verstecken. Doch als er selbst das leise Rascheln aus einem Heubuschel vernahm, ahnte er schon worum es sich hier handeln könnte. Sein Blick wurde düster. Wenn seine Kameraden tatsächlich Recht behielten und es sich hierbei um das Ritual  handelte, konnte es nur ein Kind sein. Sagittarius schien sich keine Gedanken darüber zu machen, was versteckt im Heu lauerte, denn ohne jegliches Zögern stürmte er nach vorne, zog einen kleinen Körper aus dem Büschel und schleuderte ihn von sich. Capricornus hörte in seinem Kopf schon das grässliche Knacken brechender Knochen und er sah Sagittarius, der auf das Kind zustürmte. Er spürte am eigenen Leib wie die scharfe Klinge seines Freundes wie Butter durch den Körper des Kindes glitt und dessen Blut die Wände in ein dunkles Rot tunkten.

Doch nichts dergleichen geschah. Capricornus erkannte Aries, der mit dem Rücken zu Sagittarius stand. Das Kind hielt er schützend in seinen Armen. Seine violetten Schwingen umschlossen es und ihn selbst wie ein leuchtender Schleier. Sagittarius‘ Schwert war an den Flügeln abgeprallt so als wäre es auf Metall getroffen. Beinahe wie zwei Schwerter die aneinander prallten hatte es geklungen und dennoch melodisch, fast rein. Aries musste einen ähnlichen Gedanken wie Capricornus gehabt haben, doch im Gegensatz zu ihm hatte er schnell gehandelt. Noch bevor das Kind verletzt werden konnte, hatte er es mit seinen Armen umschlungen.

Was Capricornus nun jedoch wirklich Furcht einjagte, war der wutverzerrte Blick mit welchem Aries Sagittarius fixierte: „Unreifer, unbeherrschter Narr! Seit wann stürmen wir mit gezogenen Waffen blindlings voraus?! Willst du das Blut eines Kindes an deinen Händen kleben haben, dann kannst du gleich dem Ersten in den Abgrund folgen!“

Sagittarius versank förmlich im Boden. Wie ein räudiger Köter, der den Schwanz einzog und sich winselnd auf den Rücken drehte. Aries ließ von ihm ab und wandte sich dem Menschenkind zu, doch kurz bevor seine Finger das Gesicht des Kindes  berührten, zog er sie zurück. Noch nie hatte Capricornus Aries zugleich so unbeholfen und bedrohlich erlebt.

 Capricornus überließ noch einige Minuten der Stille, ehe er sich räusperte: „Das Kind ist verdorben. Wir haben keine Wahl, Aries.“

Aries aber dachte gar nicht daran ihm zu antworten und Einsicht schien ihm in diesem Moment ein nie gehörtes Fremdwort zu sein. Der Ausdruck in diesen smaragdgrünen Augen erinnerte an den eines Wolfes, umzingelt von Flammen, wohlwissend um das eigene Schicksal. Gleichzeitig aber spiegelte sich noch eine andere Emotion in seinem Blick. Capricornus glaubte kurz es handle sich um Mitgefühl, aber dieses Gefühl war anders. Er stutzte und es vergingen gefühlte Minuten, dann leuchtete es ihm endlich ein.

In Aries Augen lag Liebe geschmiedet aus Hoffnung auf etwas, das Capricornus nicht verstehen konnte. Reine Liebe für dieses verdorbene Kind geboren aus grenzenloser Hoffnung. Aries selbst schien sich dessen nicht vollständig bewusst zu sein. Sein Kiefer mahlte nervös und Capricornus sah seinen Gewissenskonflikt.

Sagittarius trat an Aries heran und legte seine Hand freundschaftlich an dessen Schulter. Seine Worte aber trugen kein Stück von dieser Geste, sie waren noch nicht einmal aufmuntert. Erbarmungslos kalt war eine solche Berührung gepaart mit einer derartigen Aussage: „Es ist unsere Pflicht das Kind zu töten. Er ist offensichtlich Teil des Rituals und damit-…“

Doch Sagittarius kam gar nicht dazu fertig zu sprechen, denn Aries fuhr zu ihm herum. Einen Arm noch immer Locker um den zerbrechlichen Körper gelegt. Mit dem anderen hatte er Sagittarius grob von sich gestoßen, so als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen. „Wir sind hier fertig! Wer versuchen sollte das Kind anzurühren, den werde ich eigenhändig aufhalten!“, knurrte Aries noch um einiges bedrohlicher und wirkte dabei wie ein Löwe kurz vor dem Sprung.

Innerlich ermahnte Capricornus Sagittarius dafür, dass er so hart gesprochen hatte. So unbeherrscht hatte er Aries schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Schweren Herzens überwand er sich selbst zu einer Äußerung: „Aries. Du weißt, dass es falsch wäre das Kind leben zu lassen.“ Er zog nun seinerseits sein Schwert und richtete es auf ihn: „Ich will meine Klinge nicht gegen dich erheben, mein Freund und Bruder. Bitte lass mich beenden was du nicht beenden kannst. Lass es mich beenden, bevor es anfängt.“

Sicher trat Capricornus auf Aries zu, in der einen Hand sein Schwert, die andere nach Aries ausgestreckt. Der aber fing an zu lachen. Zuerst war es lediglich ein Schmunzeln, dann ein kichern und irgendwann lachte er so schrill, dass seine Stimme unerträglich laut in der ganzen Scheune widerhallte. Verdutzt blieb Capricornus stehen, er verstand nicht was das sollte. Lachte Aries ihn tatsächlich aus?

„Soll das etwa heißen, dass du, Capricornus, ein kleines Kind fürchtest?“ Kurz trafen seine Iriden direkt auf die von Aries, dieses Mal aber sprach purer Hohn aus ihnen. Capricornus versuchte ruhig zu bleiben, sich jetzt in einem Streit zu verlieren würde absolut nichts bringen. Aries aber ließ ihm ohnehin keine Zeit etwas zu erwidern. Denn seine Aufmerksamkeit lag schon längst auf dem Kind, das die Augen geöffnet hatte.

Capricornus sah direkt in das Mal, welches das Ritual hinterlassen hatte und erschauderte: „Wie kannst du trotz dieser Sichtbarkeit nicht handeln?!“ Wut durchströmte ihn.

Doch Aries antworte nicht, sondern beobachtete schweigsam wie die Augen des Kindes sich schlossen, sobald es merkte, dass die Blicke auf ihm lagen. Schmerzlich schnell hob sich die Brust des kleinen Körpers. Jede Faser des Leibes schien bis zum Zerreißen angespannt zu sein. Die Kälte war vollständig aus Aries Blick gewichen, stattdessen war Wärme in ihm und er versprach mit beruhigender Stimme: „Hab keine Angst, niemand wird dir weh tun. Dafür sorge ich!“ Erneut streckte Aries die Hand nach dem Kind aus, dieses Mal aber ließ er sich nicht beirren. Er legte die Finger auf die kleine Stirn und augenblicklich entspannte sich der Körper des Kindes.

Hilfesuchend warf Capricornus Sagittarius einen Blick zu, dieser hatte sich aber klammheimlich aus der Affäre gezogen und zuckte unwissend mit den Schultern. Eigentlich hätte er es wissen müssen. Sagittarius würde sich Aries niemals in den Weg stellen, wenn es hart auf hart kam. Nur Leo würde dies wagen, denn sie hatte ein fast noch größeres Temperament als Aries. Dumm war, dass Aries und Leo meist einer Meinung waren.

Capricornus schüttelte schließlich verzweifelt den Kopf: „Ich fürchte die Menschheit nicht, Aries. Ebenso wenig hasse ich sie. Nicht wirklich. Aber ich liebe die Welt und ich will den schlimmsten Fall nicht eintreffen sehen. Doch wenn dir wirklich so viel daran liegt dieses Kind zu retten, dann mach es richtig. Achte darauf, dass es nicht auf falsche Bahnen gerät, kümmere dich um es.“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und trat aus der Scheune. Sofort spürte er die ungewöhnliche Wärme die ihn umgab. Der Himmel war in rot-oranges Licht getunkt. Doch es war nicht jenes der aufgehenden Sonne, sondern dass der lodernden Flammen. Trotz seines Trübsinnes folgte er dem Licht bis hin zum Bauerhaus, um der alten Eiche die letzte Ehre zu erweisen. Ein weiteres Opfer der Menschheit.

 


[1] Johann Nepomuk Nestroy

Latina

 

Die das Dunkel nicht fühlen, werden sich nie nach dem Licht umsehen
(Henry Thomas Buckle)

 

Fraglich ist die Familie. Fraglich sind Beziehungen.
Man wird hinein geboren in einen Kreis von Personen, die einem fremd sind und dennoch ist man gezwungen ihnen nahe zu sein. Ist es merkwürdig sich von denen abzuwenden, die einem nahe stehen sollten? Ist es falsch denen den Rücken zu kehren, die einen erzogen haben?
Fraglich ist was richtig ist. Fraglich ist, was falsch ist.

 

Schwarze Nebelschwaden bedeckten den dunklen Himmel. Wie ein Vorhang hatten sie sich vor den Mond gezogen und ließen nicht zu, dass dessen Schein Licht in die Trostlosigkeit des Forstes brachte. Der kalte Neben ließ den kränklichen Wald noch ärmer und grauer wirken als er es ohnehin schon war. Die kahlen Äste der Bäume ragten aus dem Boden wie Klauen aus anderen Welten, die haltlos nach dem Himmel griffen, ohne die Chance diesen jemals zu erreichen. Es war ein Irrgarten des Schreckens, der den Unterschied zwischen Bedrohung und Imagination nicht erahnen ließ. Inmitten des Waldes, versteckt unter einem Haufen Geäst lag Viraseth. Sie war ein Mädchen mit unnatürlich leuchtenden, blauen Augen und einer Gestalt so zierlich, dass sie einer Puppe glich. Der Ausdruck in ihrem Gesicht aber, zeigte nichts von jener Zerbrechlichkeit, die ihren Körper schwächte. Ihre feuerroten Haare waren zerzaust, voller Gestrüpp und glanzlos. Ihre Kleidung war an vielen Stellen zerrissen und ihr Leib war bedeckt von Schlamm und Dreck. Aber kein Kratzer zierte ihre makellose Haut, die reinem Porzellan glich. Viraseth wartete im Unterholz ohne Sicht auf die Verfolger die sie erwartete, deren Existenz sie jedoch nicht bezeugen konnte. Eng schlang sie sich ihren einst lieblich wirkenden, goldenen Umhang um den Körper, den sie früher auf dieselbe Weise verabscheut hatte, wie das Geschlecht aus welchem sie kam. Nun aber bot er ihr notdürftigen Schutz vor der grausamen Kälte, welche ihre Glieder versteifte. Oder war es doch die Angst, die sie zittern ließ. Wenn dem so war, so wollte sie es sich nicht eingestehen.

Es gab zu vieles das sie sich nicht eingestehen wollte. Es war so vieles, das sie zu lange nicht verstanden hatte. Wie lange hatte sie tatsächlich gebraucht um zu begreifen? Wie viele Male hatte Beleth eigentlich über ihre Dummheit gelacht? Sie war so blind und hilflos gewesen, unfähig alleine zu überleben. Vergleichbar mit einem Säugling, abhängig von der Mutter. Und so oft hatte sie gedacht sie könne mehr sehen als da gewesen war und ignoriert hatte sie die Beweise, die ihr geliefert worden waren. Wäre er der Ozean, so wäre sie nicht mehr als ein Sandkorn, vergraben in seinen Tiefen, hin und her geschleudert von seinem Willen, unfähig das Schicksal selbst zu bestimmen. Doch das war Vergangenheit. Sie hatte sich aus den Fängen ihres Vaters befreit, sie hatte sich aus dem Käfig ihrer Familie gelöst, denn das schuldete sie ihrem Volk.

Ein Geräusch zu ihrer Rechten ließ ihre Gedankengänge erstarren und auch sie hielt den Atem an. Viraseth wusste nicht was heller leuchtete. Ihre Iriden, die den Glanz fremder Welten trugen oder ihre Wangen, die rot wie Feuer brannten. In einem schwachen Moment glaubte sie, beides könnte sie verraten. Ihr Herz schlug so fest an ihre Brust, dass es beinahe schmerzte. Panisch versuchte sie mit ihrem Blick die Dunkelheit zu durchleuchten, aber ihre Augen erkannten nichts. Instinktiv duckte sie sich, griff an ihre Seite und fühlte nach einer potentiellen Waffe, dann tauchte sie in die Tiefen des Dickichts. Ein Verhängnisvoller Fehler. Ihre Augen sahen nichts, ihre Hände fanden nichts, in den Tiefen aber lauerte der Jäger.

Viraseth sah die Bewegung aus den Schatten nicht kommen und so packte sie ein gewaltiger Kiefer am Oberarm und zerrte sie aus dem Buschwerk in das ungeschützte Freie. Ehe Viraseth es verhindern konnte, schrie sie auf, unwissend ob aus Furcht oder Pein. Blaue Augen trafen auf teuflisch gelbe und ihr Herzschlag setzte aus.

Ihr Geist spielte mit ihr, denn die Bestie trug nicht das Gesicht eines Wolfes, sondern das ihres Bruders Lew. Diese verfluchten, gelben Augen katapultierten sie regelrecht in eine falsche Vergangenheit und so meldete sich dieser gemeine, feige Part ihrer selbst, denn sie stets zu verdrängen suchte. Es war als wolle ihr Geist sie ein letztes Mal verhöhnen. Feixend hörte sie die Stimme Lews in ihrem Kopf, so als stünde er wahrhaftig vor ihr, als säße er nicht in Aszynik, neben Beleth, ihrem Vater. Spottend sprach er mit selbstgefälligem Grinsen:

Dachtest du wirklich du könntest uns entkommen? Glaubtest du wirklich du wärst dazu fähig uns aufzuhalten? Ein Unglück deiner Art bist du, nicht mehr als ein fehlgeleitetes Geschöpf der Natur. Dein eigenes Wesen willst nu nicht verstehen, nein, du kannst es nicht erfassen! Oh liebe Schwester, oh geliebtes Schwester! Ich wünschte wir könnten vermeiden was kommst, doch nun sitzt du verloren wie eh und je in deiner eigenen Dunkelheit und schaufelst dir dein Grab!“

Natürlich war es nicht Lew, der diese Worte sagte und doch erkannte sie die Wahrheit, die in ihren Gedanken lag. Denn niemals hatte sie zu diesen Wesen gehört, die sich ihre Familie schimpften. Niemals hatte sie ein Heim gekannt, welches ihr Seelenort war. Ihr Vater sah sie als Perversion ihrer Art. Ihre Mutter sah die Verdorbenheit ihrer Sprösslinge nicht. Und ihre Schwestern? Mila und Mira würden über ihre Torheit lachen. Das sollte sie nicht belasten, denn sie hatte es schon vor ihrer Flucht gewusst. Aber ihr Bruder  Lew. Ihr geliebter Bruder… dass ihr gerade seine Stimme in Verbindung mit diesen Gedanken in den Sinn kam, das gab ihr den Rest. Ergeben schloss Viraseth die Augen. Widerstandslos erduldete sie den kommenden Krieg, ausbrechend aufgrund ihres Versagens. Gelassen nahm sie hin, dass die Menschen Aszyniks, ihr Volk, schreiend zugrunde gehen würden. Was konnte sie denn auch tun? Jeden Moment wäre es vorbei. Der Wolf hielt sie so aussichtslos gefangen zwischen seinen Fängen wie einst ihre Familie es getan hatte. Dann aber sackte das mächtige Tier vor ihr zusammen, die gelben Iriden leer ins Nichts gerichtet.

 

Aus der Ferne hörte Viraseth die Stimme eines Mannes, doch sie war verloren, so erfasste sie die Bedeutung seiner Worte nicht und ebenso wenig erkannten ihre Sinne ihn.

Das restliche Wolfsrudel fuhr auseinander, dann ging ein weiterer von ihnen zu Boden. Unbeholfen fasste sie sich an die Bisswunde an ihrer Schulter, die bereits begann sich zu schließen. Viraseth hatte Glück gehabt, hätte der Wolf ihr den Arm abgerissen, so wäre sie verblutet, ehe der Heilungsprozess begonnen hätte.

Knapp neben ihr Schlug ein Schwert in den staubigen Boden, erst Sekunden später realisierte sie es. Viele der Wölfe sprangen ins Dickicht, als ein Mann mit kurzen, dunklen Haaren die Klinge erneut erhob. Einer der Wölfe aber, der größte von allen, wandte seine goldenen Iriden ihr zu und sie vernahm dessen dunkle Stimme in ihrem Kopf, realer, anders als die ihres Bruders: „Es scheint so als hättest du Glück, Mischling. Nächstes Mal lasse ich dich meine Klauen spüren.

Viraseth erschauderte, aber in dem kurzen Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, lag keine Angst in ihrer Mimik. Der Wolf hatte die Lefzen nach oben verzogen, so als würde er grinsen, dann wandte er sich ab und folgte dem Rest seines Rudels in die Tiefen des Waldes Malesilva. Der verfluchte Wald, in dem einst Schlachten wüteten, die irdisches Verstehen bei Weitem übertrafen. Selbst wenn man die Geschichten kannte, war man nicht in der Lage sich das Ausmaß derer Bedeutung vorzustellen.

Der Mann mit dem Schwert verfolgte die Wölfe nicht, obgleich er ein Jäger war. Viraseth erkannte dies sofort  an seiner Kleidung, seinem Auftreten und an seinem Verhalten. Erst nachdem er sich sicher war, dass die Tiere sich verzogen hatten, wandte er sich ihr zu.

Das was an dem Jäger am seltsamsten war, war nicht die klauenartige Narbe, die sich über seine linke Gesichtshälfte zog, sondern die Verschiedenheit seiner Augen. Das rechte war schwarz wie Ebenholz, das linke blau wie der Himmel. Vier eiserne, kleine Ringe durchstachen sein linkes Ohr und sein Schwert trug er ohne Scheide, lose an seinem Gürtel. Seine Kleidung war schwarz und aus altem Leder, die Stiefel waren zerlumpt und von Moder und Schlamm bedeckt. Die schwarze Hose, die er trug, war schmutzig und nass vom Blut der Wölfe. Am schlimmsten aber sah seine Jacke aus, sie war abgetragen und schäbig. An manchen Stellen war sie so löchrig, dass sie die Kälte unmöglich vom Körper fern halten konnte.

Generell wirkte der Mann vor ihr nicht wie jemand, der Wert auf sein Äußeres legte. Das dunkelbraune Haar des Mannes stand in alle Richtungen struppig ab und erinnerte an die Borsten eines alten Besens. Ernst waren seine Mundwinkel nach unten gezogen, was ihn streng und unnahbar wirken ließ. Kurz überlegte Viraseth ob sie es wagen sollte in sein Innerstes einzudringen, aber im Moment besaß sie weder die Kraft noch die Konzentrationsfähigkeit um ihn zu durchleuchten.

Als der Mann vor ihr stand, fragte er schroff: „Was hast du hier verloren?“ Seine kalte und abweisende Stimme machte es ihr nicht einfacher und so sah sie skeptisch zu ihrem scheinbaren Retter auf. Erst nach einem misslungen Versuch sich aufzurichten erkannte sie, dass ihr Körper ihr nicht gehorchte. Noch während sie also überlegte, wie sie ihren Leib dazu überreden sollte sich zu bewegen, zischte der Mann ungeduldig: „Na wird´s bald?!“

Beinahe wäre Viraseth bei diesem scharfen Ton zusammengezuckt, aber der Stolz lag zu tief in ihren Knochen und so funkelte sie ihn unnachgiebig an. Ihrer Stimme traute sie nicht.

Der Jäger tat es ihr gleich und Viraseth war sich sicher, dass, wenn sich nicht eine zweite Gestalt auf sie zubewegt hätte, sie Jahre später noch unbewegt einander angestarrt hätten. Die Silhouette begann zu sprechen noch während sie von der Dunkelheit umfangen war: „Su, bleib locker. Du musst der jungen Dame doch nicht gleich deine ungehobelte Seite zeigen.“ Viraseth spähte in die Richtung aus der die Stimme gekommen war und erblickte eine hochgewachsene Gestalt mit vollem, blondem langem Haar, die langsam auf sie und den Jäger, dessen Name anscheinend Su war, zu trottete. Su machte sich nicht einmal die Mühe sich zu dem zweiten Mann umzudrehen, ein klares Indiz dafür, dass er ihn kannte.

Viraseth spürte, wie langsam die Ruhe in ihren Körper zurückkehrte und so wagte sie es einen kurzen Blick in das Innerste der beiden Jäger zu werfen. Der blonde Jäger schien dort offen und freundlich zu sein, wo Su kühl und distanziert war. Er wirkte ordentlich und gepflegt und wenn sie es richtig sah, dann war er das auch. Offensichtlich waren seine Waffe Pfeil und Bogen. Sein Köcher war mit einem einfachen schwarzen Band an seiner weiten, dunkelgrünen Lederjacke befestigt, den Bogen aber hatte er nach wie vor in seiner Hand. Das volle blonde Haar hing über seine Brust und war nur an den Spitzen zu einem lockeren Zopf zusammengebunden. Auch seine Kleidung trug die Zeichen einer langen, anstrengenden Reise an sich, doch im Gegensatz zu Su hatte er sein Äußeres gut gepflegt. Das Lächeln des blonden Jägers  war ehrlich und es reichte hinauf bis in die Tiefen seiner dunkelblauen Augen hinein. In ihnen lag keine Böswilligkeit. Mit seinem offenherzigen Lächeln streckte er ihr seine Hand entgegen und Viraseth spürte die Wärme die in ihm brannte, wie sanftes Feuer.

Sie zögerte keine Sekunde lang, nahm seine Hand entgegen und ließ sich von ihm aufziehen. Der gutmütige Mann lächelte ein so kindliches Lächeln, dass es ihr warm ums Herz wurde. Dann sprach er in beruhigendem Ton zu ihr, so als wollte er sie nicht verschrecken: „Es ist alles in Ordnung. Mein Name ist Malek Oddmarr und das hier ist mein Cousin,  Su Antun. Du kannst dich entspannen, niemand wird dir wehtun.“

Viraseth weitete die Augen, als ihr klar wurde, wer diese Männer vor ihr tatsächlich waren. Von einem Moment auf den anderen hatte sich der Wind gedreht. Gerade noch wurde sie vom Unglück verfolgt und im nächsten Moment stand sie nicht nur vor Jägern, sondern sogar vor dem Geschlecht der Jäger die sie suchte.

„Oddmarr?! Ist nicht wahr?!“, keuchte sie, räusperte sich aber gleich, entsetzt darüber, wie schnell sie ihrer Erziehung entfallen war: „Mein Name ist Viraseth Duric und ich habe nach Euch gesucht, Erbe Latinas. Ich bin hier um euch Jäger um Hilfe zu ersuchen.“

Die beiden Männer tauschten fragwürdige Blicke miteinander aus und Viraseth hätte ihr Misstrauen auch dann erspüren können, wenn sie nicht in ihr Innerstes blicken würde. Vor allem Sus Argwohn war greifbar. Er war es auch, der sie letztlich fragte:

„Duric ist doch der Name des Kaiserhauses. Du willst also die Kaiserin sein? So weit außerhalb von Aszynik? Mitten im Wald? Beinahe zerrissen von einem Wolfsrudel?!“ Seine Augenbraue wanderte nach oben und er fragte spöttisch: „Wo ist Euer Geleitschutz, meine Kaiserin?!“ Mit unübersehbaren Hohn deutete er vor ihr einen Hofknicks an, den Blick weiterhin kühl in ihre Iriden gerichtet.

Seine nüchterne Fassade hielt aber nicht lange an, denn er zuckte zusammen, als Malek ihn ermahnend in die Seite stieß. Natürlich war Viraseth klar, dass auch er ihr nicht glaubte, aber die Art wie er sie musterte zeigte ihr, dass er scheinbar etwas gefunden hatte, was sein Interesse weckte – und sie musste hoffen, dass es nicht nur ihre Augen waren, die ihn fesselten. Viraseth war nicht naiv, sie wusste wie sie auf andere wirkte und selbst jetzt, in ihrer zerlumpten Kleidung unter all dem Schmutz und Dreck, musste er die Adelige erkennen, die in ihr steckte. Ihr Gang, ihre Art zu sprechen, vor allem aber ihre weiche Haut mussten ihm Zeichen genug dafür sein, dass sie nicht aus irgendeinem Stall kam. Ihre Hände waren so weich und rein wie der Rest ihrer Haut, ein Indiz dafür, dass sie nie das Feld gesehen hatten. Erschrecken dürften ihn lediglich ihre Augen, welche in einem so unnatürlichen blau leuchteten, dass Viraseth bezweifelte ein Jäger könnte ihnen jemals trauen.

Verspätet wandte sie sich an Su und ohne bewusst darauf zu achten, legte sich mehr Missgunst in ihre Stimme, als angebracht gewesen wäre:

„Nein, ich bin nicht die Kaiserin, sondern ihre jüngste Tochter. Selbst einer wie du sollte eine erwachsene Frau von einem Mädchen unterscheiden können!“ Entgegen ihrer Erwartungen schmunzelte Su einfach nur.

Sie wandte sich an Malek, denn er war offensichtlich ein weitaus zugänglicher Mensch als sein Cousin und sie wusste, dass ihr Anliegen bei den meisten auf taube Ohren stoßen würde:

„Ich flehe Euch an, Ihr müsst mir helfen. Meine Familie, das Kaiserhaus will Krieg und Latina ist Aszynik verpflichtet, durch den Eid. Aber der Eid ist veraltet, es wird Zeit für einen Vertrag, der den Frieden wahrlich fördert. Meine Familie aber hat kein Interesse am Frieden. Sie sind mir gleich in Sachen Herkunft, aber im Geiste sind sie anders. Sie wollen mit Feuer die Welt verbrennen, ich aber will sie löschen.“

Maleks Blick verfinsterte sich einen kurzen Moment und es war nicht die Welt die sie löschte, sondern das Lächeln auf seinem Gesicht. Für einen kurzen Moment lag ein Zorn im Inneren dieses besonnenen Mannes, der sie frösteln ließ. Viraseth wusste nicht was es war, doch etwas das sie gesagt hatte, gefiel ihm nicht. Sie war so besessen von diesem rasanten Wandel, dass sie beinahe die Zustimmung Sus verpasste.

Gerade dieser düstere, unnahbare Jäger seufzte ergeben, zuckte mit den Schultern und erwiderte mit furchterregender Gelassenheit: „Schön. Dann komm mit nach Latina und versuch dein Glück. Im Dorf ist es sicherlich ungefährlicher als hier über derartige Dinge zu sprechen.“

Es war kein großer Schritt, aber Viraseth war mehr als erleichtert darüber, dass die Männer zustimmten sie mit in ihr Dorf zu nehmen. Ihr Anliegen hatte Eile und je schneller sie ihre Bitten vor den Rat bringen konnte, desto wahrscheinlicher war es, dass sie etwas ändern könnten. Sie alle. Denn alleine, das wusste Viraseth zu gut, war sie machtlos. Su schien aufzufallen, wie ihre Körperhaltung sich entspannte und so fügte er ermahnend, fast schon gehässig hinzu:

„Sei dir nicht zu sicher, Mädchen. Wenn deine Geschichte nicht überzeugt oder du ein Spion sein solltest, wird das Dorf über dich richten! Ist Euer Ziel dieses Risiko wert, Kaiserin?“

Viraseth lächelte und sie erwiderte mit einer Ruhe, die sie selbst überraschte: Nun, der Rückweg ist zu weit, es wäre nicht lohnenswert zu zögern.“

„Wo du schon davon sprichst“, warf nun Malek ein, seine Stimmlage war neutral, doch sie spürte noch immer diese seltsame Unruhe in ihm: „Wie konntest du es überhaupt schaffen durch diesen Wald zu kommen und soweit ich weiß liegt vor Aszynik ein großes Nichts. Ödland, es gibt keine Nahrung, kein Wasser und du scheinst nicht sonderlich gut vorbereitet auf eine solche Reise zu sein.“

Viraseth hatte erahnt, dass eine solche Frage kommen würde, denn wahrlich, es war nicht unberechtigt diese Zweifel anzusprechen. Die beiden Jäger hatten Bedenken und an ihrer Stelle würde es ihr nicht anders gehen. Leider wusste sie nicht, wie sie ihnen antworten sollte.

Aszynik war eine große Stadt, mit vielen Einwohnern, die das Freiheitsideal sehr hoch schrieb und so war niemand gezwungen in ihr zu leben. Zumindest in der Theorie. Als Adelige hatte man Verpflichtungen und als Tochter der Kaiserin die Stadt zu verlassen war eine ganz andere Geschichte. Ihr war es nicht erlaubt zu gehen wann es ihr beliebte.

Zusätzlich spürte Viraseth die zweite, unausgesprochene Frage, die in Maleks Blick lag, als er sie aufmerksam musterte: Wieso bist du unverletzt, wieso bist du nicht erschöpft?

Viraseth war kein Mensch, das war ihr klar, das war ihrer Familie klar und es war für sie und für ihre Familie natürlich. Ja selbst die Menschen Aszyniks würden verstehen, dass sie anders waren. Adeliges Blut unterschiede sich eben von dem des einfachen Volkes. Die Jäger Latinas aber sahen das anders, das wusste sie, das wusste jeder. Die Jäger hatten eine sehr altertümliche Vorstellung, sie kannten schwarz und weiß, keine Graustufen, keine Kompromisse. Würde sie vor ihnen zugeben, dass nur weniges in ihr war, das den Menschen ähnelte, so würden sie sie an Ort und Stelle hinrichten, davon war sie überzeugt.

Viraseth war nicht übermächtig, sie hatte keine kriegerischen Fähigkeiten, sie konnte niemanden manipulieren oder Feuerspucken. Viraseth war in der Lage sich selbst zu heilen. Ihr Körper verfügte über enorme Regenerationskräfte, welche es ihr möglich machten lange ohne Nahrung auszukommen, selbst Verletzungen konnten binnen weniger Minuten verheilen. Bedauerlicherweise konnte sie jene Selbstheilungskräfte nicht auf andere anwenden, sie waren Teil ihrer Struktur, ein unwillentlich gegebenes Geschenk ihres Vaters.

Es war eine einfache Antwort auf die unausgesprochene Frage Maleks: Warum bist du nicht erschöpft? Wieso lebst du noch? Aber es war unmöglich sie in Worte zu fassen, nicht für diese Personen, die nun vor ihr standen.

Kurz tauchte ein Bild vor ihrem Geiste auf. Ein Mann, seine Haut war weiß wie Schnee, seine Iriden aus so reinem Gold, dass sie die Krone der Kaiserin schäbig wirken ließen. Er war nicht mehr als eine vergangene Halluzination aus dem Ödland, aber die Worte, welche sie durchfluteten, schienen real.

 

 Will man vertrauen erlangen, so muss man vertrauen. Anders geht es nicht.

 

Viraseth schüttelte den Kopf. „Hab Geduld“, bat sie Malek: „Meine Reise war anstrengend und ich weiß, dass es viel verlangt ist, aber mir fehlt die Kraft und mir fehlt der Mut euch zu offenbaren was mir widerfahren ist.“

Einen qualvollen Moment lang durchdrangen die neutralen, tiefblauen Augen des blonden Jägers sie, dann wandte er sich ab, machte eine auffordernde Geste mit seiner Hand und setzte sich in Bewegung.  Erst jetzt fiel ihr auf wie schwer ihr Atem ging und wie angespannt ihr Körper war. Zum zweiten Mal an diesem Tag, musste sie ihren Körper aus jener Trance ziehen. „Danke!“, würgte sie letztlich hervor. Nicht weil sie nicht danken konnte, sondern weil die Last, welche auf ihrem Körper gelegen hatte, noch nicht gänzlich verschwunden war.

Als Su sie schließlich mit einem fordernden Stoß vorantrieb, folgte sie Malek, der schon einige Meter vorausgegangen war. Su schritt ihr nach. Ob er damit bezweckte sie zu schützen, aus Angst sie könnte verloren gehen oder ob er ihr unterstellte, sie würde fliehen, wusste sie nicht.

Weil sie dachte es wäre notwendig, sagte sie schließlich: „Es ist etwas in meinen Genen, es führt dazu, dass meine Wunden sich schnell schließen und es erlaubt mir Dinge zu sehen, die andere nicht sehen.“

„Hört sich für mich eher nach Hexerei an“, erwiderte Su abfällig. Viraseth erkannte den Sturm, der in den Männern tobte und sie fürchtete, dass er jeden Moment ausbrechen würde. Dann aber sagte Malek zusammenhangslos: „Calen ist sicher zurück ins Dorf gegangen, oder nicht?“ „Vermutlich“, erwiderte Su, den Blick von ihr abwendend.

Viraseth fragte sich nur beiläufig wer Calen war, denn zuallererst war sie froh darüber, dass die beiden Männer nicht länger nachbohrten. Sie gaben ihr die Zeit, die sie brauchte. Gedankenverloren fuhr sie sich durch ihr zerzaustes Haar und strich sich halbherzig einzelne Blätter und Ästchen aus diesem. Wie armselig sie wohl auf die beiden Jäger wirken musste. Vermutlich nahmen sie sie vielmehr aus Mitleid mit und weniger aus Überzeugung. Viraseth konnte es ihnen nicht verübeln.

Unweigerlich dachte sie an Latina, an den Rat und an den Ablauf des Gespräches. Sie wusste nicht wie sie ihre Anliegen am besten vortragen könnte, so dass sie diese unliebsamen Fragen umschiffen würde. Sollte das Gespräch mit dem Rat sich in eben diese Richtung entwickeln, so würde ihre Unnatürlichkeit ihre Zurechnungsfähigkeit schneller schwinden lassen als die Nacht den Tag.

Zweifelsohne war sie keine Bedrohung für die Jäger, aber das würde keine Rolle spielen. Im Grunde hatte sie nur einen Vorteil, eine Gabe, welche die Jäger nicht kannten und das war ihr Blick ins Innere. Sie würde die Empfindungen der Menschen erkennen, während sie sprach und so könnte sie ihre Worte mit mehr Bedacht und Vorsicht wählen.

Ein leises Seufzen verließ ihre Lippen, die beiden Männer aber blieben ruhig. Die Wolken verdeckten noch immer die Sterne und das Dach des Waldes schirmte das karge Licht des Mondes ab. Dennoch wusste Viraseth, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis die Sonne sich am Horizont blicken ließe.

Noch während sie sich fragte wie viele Stunden vergehen würden, ehe die Sonne die Finsternis verdrängte, stoppte Malek vor ihr. Beinahe wäre sie in den Jäger hinein gerannt. Unbeholfen griff sie nach einem Halt, als sie taumelte und schaffte es gerade noch so ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Wenn es ihm aufgefallen war, so ignorierte er es gekonnt, ebenso wie Su, der ihre Unachtsamkeit unkommentiert ließ, was sie verwunderte. Mehr aber verwunderte sie, dass es sie verwunderte. Denn sie kannte diese Männer nicht lange und nicht gut genug um sie einschätzen zu können.

„Was haltet ihr von einer Pause“, erklärte Malek schließlich sein unvorhergesehenes Verhalten und deutete auf eine kleine Lichtung: „Hier scheint es mir gut. Es ist übersichtlich. Wir könnten ein Feuer machen und das restliche Fleisch anbraten.“

Su nickte: „Ist gut, ich werde Feuerholz sammeln.“ Als Malek zum Widerspruch ansetzte hob Su die Hand und fügte bestimmt hinzu: „Ich werde alleine gehen, pass du auf unsere ehrenwerte Kaiserin auf, mir scheint als sehe der Wald sie als eine Art Fremdkörper.“

Viraseth fühlte sich fehl am Platz und die Art und Weise wie Malek Su ansah verriet ihr, dass dieser Wald wohl auch für Jäger nicht ungefährlich war. Sie wollte etwas sagen, doch in ihrem Inneren wusste sie, dass sie in diesem Moment nicht erwünscht war. Sie wurde Zeuge einer tiefen Verbundenheit, einer Vertrautheit, die ihr selbst fremd war. Diese beiden Männer würden ihr Leben füreinander geben, wenn es notwendig wäre.

„Sei vorsichtig, Su, und beeil dich. Die Morgendämmerung ist die schlimmste Zeit.“ Su grinste, machte eine wegwerfende Handbewegung und verschwand Sekunden später schon aus Viraseths Blickfeld. Abwartend wandte sie ihren Blick zu Malek, der wortlos einen Ast von einem Baum abbrach und einen beinahe perfekten Kreis damit zog. Er befreite die Stelle um jenen von dem dürren Laub und nach kurzem Überlegen half sie ihm. Der beinahe überraschte Blick Maleks rief unberechtigten Ärger in ihr hervor und so fragte sie schroff: „Was ist?“

Malek lachte leise: „Nun, ich hätte nur nicht gedacht, dass jemand wie du sich zu solch niederen Tätigkeiten herablassen würde.“ Viraseth glaubte sich zu verhören, entrüstet schüttelte sie den Kopf: „Für wen hältst du mich? Wir kennen uns noch nicht lange genug, als dass es dir zustünde ein solches Urteil über mich zu fällen.“ Der Jäger lachte erneut: „Das war kein Urteil, es war eine einfache Feststellung. Man sieht halt nicht jeden Tag eine Adelsfrau die einem ungefragt zur Hand geht.“

Viraseth sah ihm unbewegt entgegen, dann fuhr sie in ihrer Tätigkeit fort und meinte mit ungewollter Mystik in den Worten: „Ich bin mehr als mein Blut.“

Als sie damit fertig waren den Platz notdürftig zu befreien um somit die Chance auf einen Waldbrand zu verringern, ließen sie sich auf dem Boden nieder und warteten auf die Rückkehr Sus. Malek musterte sie erneut mit diesem tiefen Blick,  welcher ihr so viel Unwohlsein bereitete. Er war nicht aufdringlich, nicht aufreizend. Das Problem war vielmehr die Offenheit, welche in seinen Iriden lag und die scheinbare Erkenntnis die sie in seinen Augen sah. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass dieser Mann ein Jäger war, ein Mann der töten würde, wenn es angebracht war.

Als sie dieser ehrlichen  Musterung nicht länger standhalten konnte, brummte sie patzig: „Gibt es ein Problem?!“ Malek schien erst jetzt aufzufallen wie unverhohlen er sie angestarrt hatte und so wandte er sich erneut der Feuerstelle zu, würde sie es nicht besser wissen, so würde sie denken, es lege Verlegenheit in seiner Mimik.

„Ich weiß nicht“, antwortete er verzögert: „Es fällt mir einerseits einfach schwer zu glauben, dass du bist wer du vorgibst zu sein, andererseits aber ist es offensichtlich, dass du eine Hochgeborene bist.“

Viraseth wusste nicht ob dies eine einfache Feststellung oder eine dreiste Beleidigung war. Wenn sie aber nach dem ersten Eindruck ging, den sie von ihm hatte, und nach jener sanften Ruhe, die wieder in ihm lag, dann war es ersteres. Sie seufzte ergeben und ließ sich zurückfallen, so dass sie sich mit ihren Händen hinter dem Rücken auf dem Boden abstützen musste um noch einigermaßen aufrecht zu sitzen: „Wie stellst du dir das Kaiserhaus vor? Denkst du all jene, die adeliges Blut in sich tragen, sind eigensinnige, bösartige Menschen, die niemals gearbeitet haben und unfähig zur Empathie sind?“

Malek musterte sie erneut, dieses Mal aber war es ihr nicht unangenehm, denn sie erkannte, dass es ihre Worte waren, die sein Interesse geweckt hatten. Als er sich etwas nach vorne beugte um seinen folgenden Worten mehr Bedeutung zu verleihen, sah Viraseth seine silberne Halskette, an der ein einfaches schwarzes Kreuz hing.

Augenblicklich war sie wo anders. Sie erinnerte sich dieses Symbol einst gesehen zu haben, bei einem der Ratsmitglieder Aszyniks. Irina Krahl, eine sehr merkwürdige Frau, die in enger Verbindung mit den alten Klöstern des Shudhana Gebirges stand. Viraseth hatte nie verstanden, was genau ihre Beweggründe waren, warum sie im Rat saß. Aber sie wusste, dass diese merkwürdige Frau Aszynik verabscheute für jene Doppelschneidigkeit, welche in der Politik der Stadt herrschte.

„Warum bist du von zuhause weggelaufen, Vira?“

Viraseth erstarrte aus zwei Gründen. Einerseits wurde ihr bewusst wo sie war und andererseits war da dieser vertraute Name. Vira. Der Name, den ihr Onkel Killian ihr gegeben hatte. Sie spürte wie ihre Augen feucht wurden und reflexartig schloss sie jene. Vor diesem Fremden, egal wie nett und verständnisvoll er wirkte, würde sie keine Tränen zeigen. Sie antwortete reflexartig:  „Ich sagte bereits, du kennst mich nicht. Also urteile nicht.“ Ihre Stimme klang so abweisend und frostig, dass ihr selbst kalt wurde.  

Malek aber ließ sich davon nicht beirren und seine Worte waren weich, seine Stimme einfühlend: „Ich verurteile dich nicht, ich versuche zu verstehen. Ich sagte bereits, dass du keine Angst haben musst, niemand wird dir etwas tun. Aber wenn du wirklich Hilfe willst, wirst du dich öffnen müssen.“

Viraseth wusste dass er Recht hatte und in jenem Moment fühlte sie sich dumm. Sie konnte nicht verletzt sein, sie durfte nicht schwach sein. Malek gab ihr jede Chance ihm zu  vertrauen, sie fühlte seine Aufrichtigkeit und sein Wohlwollen. Viraseth schluckte hart, ehe sie nüchtern offenbarte:

„Ich will, dass mein Vater verschwindet. Denn er ist kein Mensch, sondern ein Monster. Er manipuliert, er verdirbt und er zerstört. Er bringt nichts als den Tod über diese Welt.“

„Was macht dich so sicher, dass du die Politik deines Vaters verstehst? Du bist doch nicht mehr als ein kleines Mädchen.“

Sowohl Viraseth als auch Malek blickten auf, als sie die höhnischen Worte Sus hörten und Viraseth sah wie Malek ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Natürlich. Malek hatte geglaubt sie hätte sich ihm voll geöffnet und Su ruinierte dieses neugewonnene Vertrauen in seinen Augen. Tatsächlich aber war sie weit davon entfernt ihm zu vertrauen, wenn sie es aber täte, so könnte eine solche Lappalie nichts daran ändern.

Su reagierte nicht großartig auf den tadelnden Blick Maleks, zuckte nur mit den Schultern, warf die wenigen Äste in den provisorischen Feuerkreis und ließ sich neben Viraseth auf den Boden fallen: „Wie dem auch sei. Mir ist es gleich was du oder dein Vater oder irgendjemand anders macht und du kannst froh sein, dass es mir nicht zusteht den Wahrheitsgehalt deiner Geschichte zu durchleuchten.“

„Su -…“, fing Malek an, doch Viraseth unterbrach ihn. Sie sprach ihrerseits an Su gewandt: „Das ist eine sehr weltfremde Einstellung. Dir kann nicht egal sein, was irgendjemand auf der Welt macht. Unsere Geschichten sind verbunden, alles was ein anderer macht kann früher oder später auf dich zurückfallen.“

Su schnaubte, machte sich aber nicht mehr die Mühe ihr zu antworten, sondern kramte in den großen Taschen seines Mantels. Er zog drei Stücke Fleisch heraus, die so erbärmlich stanken, dass sie sich sicher war, kein Stück davon zu essen. Su aber ließ sich davon nicht beirren, er durchbohrte alle mit einem Stecken und reichte dann einen davon Malek. Malek war gerade damit beschäftigt mit zwei weißen Steinen aneinander zu schlagen, weswegen Su den Ast senkrecht in den Boden rammte. Denn zweiten reichte er ihr, sie aber lehnte dankend ab.

„Du musst wohl wirklich nichts essen, hm?“, er beäugte sie misstrauisch und obwohl er natürlich im Recht war, schüttelte sie den Kopf. „Nein“, sie griff sich peinlich berührt an die Schulter: „Es ist nur-…“ Su lachte: „Ach so ist das, es tut mir leid, Kaiserin. Ich habe nicht daran gedacht, dass ein solch minderwertiges Essen Euren Magen verderben könnte.“

Malek lachte, was Viraseth verärgerte, auch wenn ihr klar war, dass er nicht über sie lachte, sondern über die Situation. Er hatte es mittlerweile geschafft ein Feuer zu entfachen und griff nach dem Ast, welchen Su neben ihm deponiert hatte, um ihn über das Feuer zu halten. Als er sich beruhigt hatte, sprach er entschuldigend: „Tut mir leid, wenn man ein Reisender ist, gewöhnt man sich früh oder spät daran alles zu essen und man wird resistenter.“

Das restliche Mahl verbrachten sie schweigend und Viraseth war froh, dass ihr weder Su noch Malek erneut anboten ein Stück Fleisch zu essen. Erst als Su sich daran machte die Glut, welches das Feuer hinterlassen hatte zu dämpfen, sagte Malek zu ihr: Entspann dich, versuch ein wenig zu schlafen.“

Viraseth glaubte nicht, dass sie genug Ruhe finden würde um diesem sanften Befehl Folge zu leisten. Als sie sich aber hinlegte und zur Seite drehte, spürte sie wie ihre Glieder schwer wurden und die Müdigkeit übernahm überhand. Da waren keine Gedanken mehr als sie in einen traumlosen Schlaf glitt.

 

Als Su sie am späten Nachmittag weckte, war sie weit davon entfernt ausgeruht zu sein. Ihr Rücken schmerzte und ihr Kopf pochte unentwegt. Schwerfällig rappelte sie sich hoch, während Su sich daran machte Malek zu wecken. Malek aber saß aufrecht da, sobald Su sich ihm auch nur näherte, was beide grinsen ließ. Für Viraseth war diese Freude irrational, denn sie zeugte nur von einem schweren Leben. Es konnte kein angenehmes Gefühl sein, sich stets hüten zu müssen.

„Bist du soweit, Prinzessin?“, hörte sie auf einmal Su, der sie fordernd zu sich winkte. Viraseth schnaubte: „Bin ich degradiert worden? Jetzt bin ich nicht mehr die Kaiserin, sondern die Prinzessin?“

Zu ihrer Überraschung grinste Su, er schien besser gelaunt zu sein als am Vortag: „Nein, aber ich denke du hattest recht mit deinem Einwand. Du bist einfach noch viel zu jung um eine Kaiserin zu sein.“

„Genug geredet, dafür haben wir noch Zeit, wenn wir im Dorf sind.“, warf nun Malek ein: „Es ist nicht mehr weit.“

Mit diesen Worten machten sie sich schon auf den Weg, dieses Mal aber gingen Su und Malek nebeneinander her und Viraseth folgte ihnen mit einigem Abstand schweigend. Es war mitten am Tag und wohlmöglich war es das, was die Jäger entspannte. Mit einem Mal verstand sie, das Su sie am Abend zuvor wohl tatsächlich schützen hatte wollen und ihr nicht misstraut hatte. Als ihr die Bedeutung dieses einfachen Gedanken klar wurde, spürte sie eine unerwartete Wärme in sich aufsteigen, ein unberechtigtes Gefühl der Erleichterung.

Sie sah nach vorne, wo die beiden Jäger über einen Auftrag sprachen, hörte aber nur Wortfetzen und verstand nicht worum es ging. Jedoch fühlte sie sich ihnen nicht nahe genug, um zu ihnen aufzuschließen. Ein Teil in ihr flüsterte, dass sie wohlmöglich bewusst Abstand von ihr genommen hatten um Dinge zu bereden, die sie nichts angingen.

Sie begnügte sich also damit dem stapfenden Geräusch ihrer Stiefel zu lauschen und dem leisen knistern und knarren des Waldes. Doch da war etwas anderes. Es war ein beruhigendes Geräusch, eines, welches sie schon Tage nicht mehr gehört hatte. Neben dem stapfenden Geräusch ihrer Stiefel, fiel ihr das leise Plätschern auf. Sie näherten sich fließendem Wasser, dem Fluss Rakaza. Ihr Weg konnte also nicht mehr weit sein. Es gab innerhalb des Waldes Malesilva drei Flüsse. Ziansini, der dem Norden entsprang und am südlichen Ende des Kontinents Lyphinea ins Meer mündete. Rakazacho, die größte Abzweigung Ziansinis, welche sie vor einigen Tagen passiert hatte und letzten Endes Rakaza, der Fluss an welchem Latina vor vielen Jahrhunderten erbaut worden war. Sie müssten nur noch den Fluss überqueren und dann wären sie da!

Unbewusst beschleunigte sie ihre Schritte, es war ihr nicht klar gewesen, dass sie alleine schon so weit gekommen war. Sie war so dankbar für das greifbare Ende ihrer Reise, dass ihr die amüsierten Blicke der beiden Jäger gar nicht auffielen, als sie letztlich doch zu ihnen aufholte und sogar noch vor ihnen die Brücke überquerte, welche ins Dorf führte. Nur dumpf hörte sie die belustigten  Worte Sus an Malek: „Fast so als wäre sie von einer langen Reise endlich nach Hause gekommen und nicht wir.“

Das Dorf der Jäger hatte die Größe einer kleinen Stadt, aber es war so viel schöner als Aszynik. Überall erblicke Viraseth die grünen Wiesen, die nur unterbrochen wurden von schmalen Wegen und kleinen Häusern, die sich harmonisch in das natürliche Bild einbanden. Sie störten nicht. Es gab nur eine breite, große, gepflasterte Straße, die die scheinbar wichtigsten Gebäude miteinander verband und einen großen Kreis inmitten Latinas bildete. Die Häuser Latinas waren alt, aber sie waren nicht zerfallen, sondern sie hatten ihre eigene Scham. Das alles konnte Viraseth sehen, da sie von einem steilen Berg hinabsah auf dieses wundervolle Dorf, welches all ihre Hoffnungen beherbergte. Sie hatte es tatsächlich geschafft, für Aszynik – nein – für das Volk von Aszynik hatte sie diese gefährliche Reise überstanden.

Nomaden

 

Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele.
(Maxim Gorkij)

 

Nichts erwärmt ein Herz so sehr wie die Kunst. Sie vermittelt Gefühle ohne Worte. Sie hat keine Grenzen. Sie ist unschuldig und ehrlich. Seit Anbeginn der Zeit beherrscht sie den Menschen. Unwiderruflich zieht sie in ihren Bann und lässt erstarren. Wäre der Mensch doch nur so rein und tiefgründig, wie seine Kunst es ist.

 

Die untergehende Sonne tunkte den Horizont in orangerotes Licht, welches sanfte Linien zog, die das Blau des Himmels zu verdrängen suchten. Weich trafen die Strahlen des mächtigen Sternes seine braungebrannte Haut und er dankte ihm für seine Gnade. Nach außen hin war die Sonne nicht viel mehr als ein großer, gelber Ball, der thronend im Himmel stand. Aber sie hatte unsagbare Kräfte, die alles Leben auszulöschen vermochten, wenn sie es wollte. Kaum vorzustellen welch Hitze ihn treffen würde, sollte er sich diesem Giganten stellen. Erbarmungslos verbrennen würde sie ihn, sollte er seine Demut vergessen, denn sie war das Feuer.

Eine angenehme Brise zog sich über die weite Landschaft. Voll Euphorie fuhr der Wind durch die Steppe und säuselte ihm mit leisen Stimmen Worte zu die er nicht verstand, denn er säuselte in Sprachen, die ihm fremd waren. Liebevoll spielte er mit den Ästen und Blättern der Bäume und erinnerte an ein munteres Kind, das seine Freiheit genoss. Unaufhaltsam groß würde seine Wut denjenigen treffen, der versuchte ihn zu zähmen, denn er war die Luft.

Sanft schlug die Oberfläche des Flusses Wellen, als seine Geschwister mit ihren Füßen darin plantschten. Wie erfrischend kühl der Fluss wohl sein musste und wie herrlich er sich an seine Haut schmiegen würde, wenn er dem Beispiel der Kinder folgte. Liebevoll, ruhig und geduldig wie eine Mutter und doch unberechenbar und kühl in seinem ungezügeltem Zorn, beinahe wie ein Kind. In einem einzigen Wutausbruch könnte er alles hin fortreißen, denn er war das Wasser.

Seine Finger glitten über den staubigen Boden und für einen kurzen Moment schloss er würdigend die Augen. Ruhig, unbewegt und neutral war der Grund, denn er ertrug anspruchslos, dass man auf ihm ging. Geduldig tolerierte er, die Ignoranz der Menschen, die das Fundament, welches er ihnen bot, einfach nicht zu schätzen wussten. Wie leicht der Boden seinen Schlund doch öffnen könnte um alles Leben in sich zu vergraben, denn er war die Erde.

 

Eine angenehme Brise zog sich über die weite Landschaft und liebkoste sein dunkelbraunes Haar. Die untergehende Sonne, spendete Lebenskraft und tunkte den Horizont in orangerotes Licht. Ein Stern als unscheinbarer, gelber Ball, im Himmel thronend, Erde und Wasser erwärmend. Doch die Sonne war nicht der schönste aller Sterne. Sein Großvater hatte ihm oft die Geschichten über jenen Morgenstern erzählt, der einst vom Himmelzelt verschwunden war. Verirrt hatte er sich, in einem Meer aus falschen Träumen verlor er sich. Verzweifelt und hasserfüllt, verging er in seinem eigenen Zorn. Als er aber wieder nach Hause fand, war er so glücklich und dankbar gewesen, dass er von da an beschlossen hatte, jede verirrte Seele zu leiten. Unweigerlich fragte Dajan sich, ob er auch seinem Großvater den Weg zum Baum der Ahnen gezeigt hatte.

An genau diesem lehnte Dajan. Es war ein starker Baum, der mit jedem Tod stärker wuchs, denn es handelte sich um einen Seelenbaum. Von außen mochte er unscheinbar wirken, denn seine Rinde war nicht bunt oder weiß, sondern in einem normalen, schlichten braun. Sein Stamm war merkwürdig gekrümmt und recht schmal verglichen mit seiner Höhe.  Ein großer Teil des Stammes beugte sich über den Fluss, krumm und hässlich. Lediglich ein kleiner Teil wuchs zum Himmel hinauf. Aber der Seelenbaum nahm die Geister seiner verstorbenen Ahnen in sich auf und wahrte sie. Dafür machten die Geister ihn stabil. Man konnte sogar abzählen wie viele Seelen er in sich trug, denn der Stamm hatte die Form einer Spirale, die sich erst an der Krone in zahlreiche Äste spaltete. Jeder Ast, jede Faser des Stammes, war ein Ahne. Zusammen machten die Geister den Baum stark und stabil, so dass er trotz seiner gekrümmten, hässlichen Form, nicht brechen würde. Dajan fragte sich, welche Faser, welcher Ast, wohl sein Großvater war.

Dajans Schwester, Ayana, lag in der größten Krümmung des Stammes, so befand sich ihr Oberkörper direkt über dem Fluss, gehalten von dem starken Stamm, von ihren Ahnen. Sie hatte die Lider geschlossen bis sie das Rufen ihrer jüngeren Geschwister Batuuli und Belay vernahm, die vom Flussufer direkt auf sie zuliefen.

Batuuli jedoch machte im letzten Moment eine Kurve, sodass sie nicht in den Baum, aber in Dajan hinein gelaufen wäre, hätte dieser nicht instinktiv reagiert. Lachend hatte er sie in seinen Armen gefangen. Das kleine Mädchen schmiegte sich nun zufrieden an ihn und legte die schmalen Ärmchen um seinen kräftigen Nacken. Sie war die jüngste seiner Geschwister, gerade einmal zehn Jahre alt und noch immer so zierlich und zerbrechlich wie am Tag ihrer Geburt. Zumindest fühlte es sich für Dajan so an und so hatte er das starke Bedürfnis sie vor allem Übel in der Welt zu schützen. Ihr langes schwarzes Haar war von seiner Mutter zu zwei Zöpfchen geflochten worden, wodurch sie noch niedlicher wurde, als sie es ohnehin schon war.

Belay, der langsamer gerannt war als Batuuli, konnte gerade noch bremsen, aber auch er lachte als Batuuli beinahe in Dajan hineinrannte. Er war zwölf Jahre alt, hatte nackenlanges, dunkelbraunes Haar und war ein richtiger Rotzbengel. Überall wo er war, verursachte er Chaos. Doch Belay hatte ein gutes Herz, das sah man vor allem an seiner Liebe zur Natur und an seiner Zuneigung zu den Tieren.

Ein innerer Frieden kehrte in Dajan ein und er genoss die Harmonie. Es gab nichts Schöneres als nach einem Arbeitstag beim Baum seiner Ahnen zu sitzen und seinen kleinen Geschwistern dabei zuzusehen, wie sie am Fluss spielten. Oft vergaß er seine inneren Konflikte und die Probleme seiner Familie, wenn er sich auf diese Ruhe einließ. Heute aber, ließen ihn nicht alle Gedanken los.

Kurz blickte er zu Ayana, die die Probleme ihres Stammes ebenso kannte wie er und er fragte sich ob sie gleich fühlte. Nachdem die beiden Kinder sich beruhigt hatten, setzte Ayana sich auf, strich sich ihre langen, dunkelbraunen Haare hinter die Ohren und zog die Knie an ihren Körper. Kurz glaubte Dajan sie würde vor den Kindern über die zahlreichen Überfälle sprechen, aber stattdessen sagte sie grüblerisch: „Mich beschäftigt schon seit längerem eine Frage.“

„Oh nein!“, fiel Belay ihr sofort ins Wort: „Du fragst immer Sachen, die mich ewig lang beschäftigen!“ Sein kleiner Bruder grummelte und verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust. Dajan fand diese ernste Pose drollig. Kurz besah er sich den kleinen Jungen, ehe sein Blick Ayana traf. Sie war gerade mal vierzehn, aber sie dachte über alle möglichen Dinge nach. Dajan wusste, dass sie sehr reif für ihr Alter war, doch hier, als Nomade, hatte man nicht allzu viel Zeit erwachsen zu werden. Vor allem in ihren tiefen, braunen Augen, die die Welt bis ins kleinste Detail ergründen wollten, sah man ihr wirkliches Alter. Ayana war Dajan in vielen Punkten recht ähnlich, aber vor allem die Fragen, die sie beschäftigten, deckten sich oft mit seinen.

Kurz wartete sie noch darauf, dass ein wenig mehr Ruhe einkehrte, dann hob sie beschwichtigend die Hände und sprach ruhig zu Belay: „Wer weiß Brüderchen, vielleicht ist es ja dieses Mal eine Frage, die du mit Leichtigkeit beantworten kannst!“

Ergeben seufzte Belay und stemmte dann eine seiner Hände an die Hüfte: „Na gut. Aber wehe du lügst mich an.“

Ayana schüttelte den Kopf und sparte sich ihre Antwort, stattdessen fuhr sie fort: „Also, wie ich schon gesagt habe -….“ Sichtlich unruhig hüpfte Belay von einem Fuß auf den anderen und so stoppte Ayana, gebannt von dem Übereifer ihres Bruders.

Dajan lachte amüsiert und schüttelte den Kopf: „Sei doch nicht so ungeduldig! Vorhin wolltest du die Frage nicht einmal hören!“

Belay machte einen Schmollmund und brummte beleidigt: „Ja und? Da dachte ich auch noch, dass es eine blöde Frage ist. Jetzt will ich sie aber hören! Also sag schon, Ayana!“

Dajan belächelte seinen Bruder, wurde dann aber abgelenkt, als Batuuli versuchte über seinen Nacken hinaus auf den Baumstamm zu ihrer großen Schwester zu klettern. Er setzte sie auf dem Stamm ab, wo Ayana sie schon mit offenen Armen empfing. Dajan merkte, dass auch sie besorgt um Batuuli war, denn sie nahm ihre Schwester sehr vorsichtig und fürsorglich in die Arme.

Erst als sie sich sicher war, dass Batuuli nicht fallen würde, sagte sie: „Schon gut! Mich beschäftigt Kunst. Ich will wissen, welche Bedeutung die Kunst hat, was Kunst ist und wieso sie uns Menschen so sehr fasziniert?“

Augenblicklich zeigte Batuuli anklagend mit dem Finger auf ihre große Schwester und stieß sich ein wenig von ihr ab: „Hey! Das sind drei Fragen!“

Ayana zog das Mädchen wieder fest an ihre Brust und gestand dann schmunzelnd ein: „Ja, da hast du recht, Li. Aber ich hab versucht sie als eine Frage zu stellen, zählt das nicht?“

„Nein!“, hart schüttelte Batuuli den Kopf und der Ausdruck in ihrem Gesicht war ernst: „Weil es nämlich trotzdem drei Fragen sind!“

Dajan lachte laut auf, der anklagende Ausdruck in den kastanienbraunen Augen seiner kleinen Schwester war einfach entzückend. Wie viel Unschuld doch in ihrem Blick lag. Um alles in der Welt, wollte er ihre kindliche Art bewahren, niemals sollte sie dazu gezwungen werden erwachsen zu sein – nicht ehe sie dazu bereit war.

Dajan wurde aus seinen düsteren Gedanken gerissen, als Belay sich wieder in das Gespräch einbrachte: „Wieso willst du das wissen?“ Seiner Mimik nach hatte er schon damit begonnen sich die ersten Gedanken zu machen.

Ayana seufzte deprimiert: „Wenn ich das nur wüsste.“ Sie runzelte die Stirn: „Nun, ich denke, wenn ich es wüsste, könnte ich mir einen Teil der Frage selbst beantworten.“

Batuuli blickte verständnislos zu ihrer Schwester auf und schüttelte den Kopf erneut: „Das verstehe ich nicht.“

Ayana wandte sich ihr zu: „Du magst doch schöne Dinge oder?“ Vorsichtig nickte Batuuli, was Ayana erneut ein Lächeln entlockte. „Na siehst du. So geht es sehr vielen Menschen. Kunst ist etwas Schönes, das uns Menschen glücklich macht“, sanft fuhr sie mit ihren Fingern an die Brust ihrer Schwester: „Genau da. Ganz tief in unseren Herzen.“ Dann stupste sie an ihre Nase, worauf Batuuli lachte und sich eng an Ayana schmiegte.

Dajan aber schweifte ab. Er fragte sich, was ihn glücklich machte. Schönheit war es nicht, die bekümmerte ihn eher. Glücklich machte ihn das Lachen anderer Menschen und wenn Menschen tatsächlich dann lachten, wenn sie etwas Schönes sahen, dann müsste sein Ziel die Verschönerung der Welt sein. Aber was war Schönheit? War es wirklich Kunst? Lag die Antwort auf seine Frage in der Kunst?

„Du willst wissen warum Kunst den Menschen bewegt und darum musst du erst einmal wissen was Kunst ist?“, fragte Belay und traf damit ins Schwarze, was Dajan überrascht aus seinen Gedanken fahren ließ. Selbst Ayana sah ihren kleinen Bruder bewundernd an.

Zustimmend nickte sie: „Ja genau. Ich will wissen was an der Kunst ist, dass uns Menschen glücklich macht und dafür muss ich wissen, was Kunst ist.“

Belay legte sich eine Hand an den Mund und überlegte angestrengt: „Vielleicht kommt es ja darauf an, wann man die Kunst sieht. Ich gehe oft vorbei an Dingen die mir nicht auffallen, bis sie mir dann plötzlich doch auffallen.“

Ayana schmunzelte zuerst über die Worte ihres Bruders, ehe sie begriff: „Ja, wahrscheinlich liegt es am Augenblick in dem man sie sieht und es hat etwas mit der Erfahrung, also mit der Vergangenheit der Menschen zu tun. Und scheinbar auch mit der Situation. Das macht es sehr schwer der Kunst Grenzen zu setzen. Vielleicht gibt es ja gar keine…“

Begeistert von dieser Aussage hüpfte Belay nun hin und her und rief: „Oh ja! Ja! Alles ist Kunst! Nicht nur Musik, nicht nur Bilder! Alles! Tiere, Menschen, Häuser! Alles!“

Ayana lachte enthusiastisch auf: „Ja genau! Dann kommt man nämlich darauf, dass Kunst für jeden Menschen etwas anderes ist und dadurch kann man ihr gar keine Grenzen setzten. Kunst ist vielfältig und bunt, so wie die Träume der Menschen!“

Entrückt saßen Belay und Ayana nun da und ließen das Ergebnis ihrer Gedanken auf sich wirken. Selbst Batuuli war ruhig geworden und hatte die Augen geschlossen. Dajan aber glaubte nicht, dass seine Geschwister ihm gerade die Antwort auf die Frage nach der Schönheit geliefert hatten. Vielmehr hatten sie ihm gezeigt, dass  er seine Hoffnung nicht in die Kunst legen dürfte. Nach einer längeren Pause nickte er zustimmend:

„Ja, ihr habt Recht. Also lasst mich zusammenfügen. Kunst hat keine Grenzen, ob sie berührt kommt aber auf den Menschen und auf die Situation an. Die Kunst ist wie ein Traum, irgendwie subjektiv. Aber was wenn ich euch sage, dass die Kunst nicht nur wie ein Traum ist, sondern, dass sie der Traum eines Menschen ist?“

Ayana schien einen Moment lang über seine Worte nachzudenken, dann aber schüttelte sie den Kopf: „Wie soll das gehen? Die Kunst als Traum eines Menschen? Wieso bewegt ein Traum so viele Menschen? Und was ist mit den Träumen, die man nicht als Kunst sehen kann?“

Dajan entgegnete augenblicklich: „Welchen Traum kann man denn nicht als Kunst sehen? Außerdem bewegen Träume doch ständig mehrere Menschen. Ein Künstler muss von seiner Kunst bewegt sein um diese verwirklichen zu können, ebenso sieht es mit Träumen aus. Ein Künstler identifiziert sich über seine Kunst, ebenso wie man sich über seinen Traum identifiziert.“

Belay rauchte mittlerweile der Kopf, das sah man ihm an. Verzweifelt versuchte er zu verstehen: „Warte mal, Dajan. Kunst soll also gleichzeitig Traum des Künstlers und Traum von den Menschen sein, die die Kunst mögen?“

„Nein“, Dajan schüttelte den Kopf: „Kunst ist der Traum eines Künstlers und dieser Traum kann andere Menschen dazu bewegen ähnliches zu empfinden wie der Künstler selbst. Damit will ich nur sagen, dass, wenn Träume Kunst sind, tatsächlich alles Kunst ist!“

Zufrieden mit sich selbst lehnte er sich wieder zurück an den Baum seiner Ahnen und fügte grinsend hinzu: „Habt ihr doch vorhin gesagt. Ich habe nur eure Gedanken zusammengefasst.“

Ayana runzelte die Stirn und beäugte Dajan verständnislos: „Ja schon. Aber wir haben eher von schönen Dingen gesprochen. Also nicht wortwörtlich von allem. Wenn ich dich aber beim Wort nehme, dann sprichst du tatsächlich von allem! Vom Ergebnis jeder Tat.“ Sie schluckte schwer und schüttelte dann bestimmt den Kopf: „Nein! Das kann ich nicht glauben. Denn damit würde auch alles Hässliche Kunst werden.“

Dajan merkte gar nicht wie er zu lächeln begann, erst als Ayana mit deutlichem Unwohlsein in der Stimme sprach kam er zur Besinnung.

„Selbst ein Mord wäre Kunst.“

Dajan sah wie es sie bei diesen Worten schüttelte und er sah wie ängstlich Belay ihn betrachtete. Nach kurzem Zögern lenkte er daher ein. Er mochte diese verstörten Blicke auf ihren Gesichtern nicht und so schloss er die Augen um sich einen Moment zu fangen. Nachdem er seine Ruhe wiedergefunden hatte, stieß er sich vom Seelenbaum ab und sprach beherrscht: „Ein Mord kann in den Augen eines Mörders Kunst sein. Somit wäre der Mord der verwirklichte Traum des Mörders. Aber das heißt nicht, dass jeder Mensch den Mord als Kunst sehen würde. Wie die Schönheit an sich, liegt auch die Kunst im Auge des Betrachters. Daher stimmt eure Aussage, dass alles Kunst sein kann, es kommt lediglich auf den Blick an mit dem man sie betrachtet.“

Belay schüttelte den Kopf, die Euphorie war verschwunden: „Nein! Das glaube ich nicht! Das gefällt mir nicht!“

Batuuli hielt sich ihre Hände vor das Gesicht und nickte: „Ja, das ist keine Kunst, Dajan. Das macht mir nur Angst!“ Ihre Stimme piepste in der Tat und so wurde Dajans Blick weich.

Ruhig wandte er sich an Batuuli und sprach sanft: „Es tut mir leid, Li. Ich wollte dich nicht verschrecken. Vergiss einfach, was ich gesagt habe!“ Er streckte seine Arme nach seiner Schwester aus, worauf sie sich von Ayana löste und sich hochheben ließ. Dajan hob sie vom Stamm hinunter und umschloss sie behütend mit seinen Armen. Sein Blick aber schwankte zum Himmel, an dem schon die ersten Sterne standen.

Die letzten Sonnenstrahlen waren verschwunden und das rötliche Licht war zu einem blassen blauviolett geworden. Aber das alles ging an Dajan vorbei, denn es gab nur einen Stern am Himmelszelt, welcher ihn in seinen Bann zog. Geradezu zwanghaft fixierte er seinen Morgenstern, der für die nächsten drei Monate noch den Platz des Abendsterns einnehmen würde. Dajan konnte den Blick nicht von ihm lösen und er bat ihn um antworten, wohlwissend, dass er sie niemals erhalten würde.

Erst als Ayana ihn flüchtig an der Schulter berührte, schaffte er es sich von dem Stern zu lösen und wandte sich ihr zu. „Du kommst alleine runter, oder?“, fragte er und versuchte sich seinen Schwermut nicht anmerken zu lassen.

Ayana sagte nichts, lächelte nur und sprang ohne sichtliche Anstrengung vom Stamm des Baumes. Dann griff sie nach Batuuli, die sich widerstandslos von Ayana tragen ließ. Seine kleine Schwester war müde, kurz hatte sie gegähnt und dann waren ihre Lider auch schon zugefallen. Ja selbst Belay rieb an seinen Augen, so als könnte er damit den Schlaf vertreiben.

„Ich denke wir sollten zurück nach Hause, es wird schon dunkel“, meinte Ayana, die die beiden Kinder ebenfalls im Auge hatte. Dajan nickte abwesend. Seine Gedanken lagen in der trostlosen Zukunft, die Melancholie hatte von ihm Besitz ergriffen und er wusste nicht wie er sie abschütteln sollte.

„Geht schon mal vor, ich komme später nach“, erwiderte er zeitversetzt, grinste Ayana aber zuversichtlich an. Er wollte nicht, dass sie sich sorgte. Aber sie kannte ihn zu gut, der kurze Moment indem sie ihn zweifelnd musterte, reichte aus um ihm das zu bestätigen. Jedoch nickte sie einsichtig.

„Okay, lass dir aber nicht zu viel Zeit. Du weißt ja wie Mutter ist.“ Dann winkte sie Belay zu sich, der noch kurz zu Dajan blickte und dann seinen beiden Schwestern folgte.

 

Dajan sah seinen Geschwistern noch eine Weile nach. Selbst dann noch, als er sie nicht mehr sehen konnte, blickte er in die Richtung in der sie verschwunden waren. Er seufzte und wandte seinen Blick wieder gen Himmel, fixierte den Abendstern, seinen Morgenstern. Leise murmelte er zu sich selbst: „Wenn du mir doch mehr zeigen könntest, als nur den Weg nach Hause.“

 

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Kapitel: 4
Sätze: 891
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Kurzbeschreibung

„Die Menschheit wird als erster fallen, wenn Mammon und Belphegor erfolgreich sind. Die Menschheit wird so oder so fallen und die Zeit ist beinahe um. Bedenkt, dass wir verhindern können was naht, wenn wir endlich an ihnen aufgeben! Die Menschen waren einer Rettung niemals wert. Seht euch an, wozu sie uns alle gemacht haben! Sie sind hochmütig und egoistisch. Sie bezeichnen sich selbst als Krone der Schöpfung und übersehen dabei, dass die Schöpfung die Krone ist. Sie spielen mit Mächten die sie nicht beherrschen können und vernichten dabei nicht nur sich selbst. Denn das reicht ihnen nicht! Sie werden mit der Verwüstung fortfahren solange bis nichts mehr übrig bleibt und alles das, was ist im Nichts vergeht!“

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch im Genre Philosophie gelistet.