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Kapitel Abschied aus "Die Wolke"

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30.06.26 15:14
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Abschied aus der Erzählung "Die Wolke"

Ich fühle mich schwach, das Fieber der letzten Tage ist nicht ganz verschwunden. Wie auch sollte sich der Körper erholen, wenn die Gedanken trübsinnig und voller Trauer sind. Einmal noch nachdenken, was ich anziehe, wegen dir. Einmal noch abwägen, ob das, was ich trage, dem Ereignis gerecht wird, zu dem ich dich begleite. Bei dem du einmal noch die Hauptrolle spielst, ohne etwas davon zu sehen. Dabei hast du so gerne gesehen, was ich getragen habe. Du hast dann oft gesagt, du würdest lieber gar nicht weggehen sondern da bleiben um mit mir allein zu sein. Lachend habe ich abgewehrt, jetzt seien wir doch schon so gut wie auf dem Wege – irgendwohin, wo es nichts gab außer Trubel und Lärm. Zeit, die wir verschenkt haben, die nicht mehr wiederkommt. Doch die Zeit zu verschenken, vergeuden, gering zu schätzen war leicht geworden. Sie gemeinsam zu verbringen, das hatten wir schon fast verlernt.

Die Sonne, sie wärmt, ich gehe an blühenden Rabatten vorbei. Die Häuser scheinen leer, so leer wie ich mich fühle. In der einen Hand die Blumen, die andere hält das dünne Jäckchen zusammen. Das ist jetzt nicht wirklich, das ist nur ein Traum. Am Himmel Wolkentürme, schwül die Luft, golden das Licht. Eichenholz umschließt, was wir nicht mehr sehen sollen. Tränen in den Augen, und wieder einmal ein aufsteigendes Gewitter. Blitze zucken, zerreißen den Himmel in zwei Teile, als zürne Gott diesem Tage, der eine Handvoll Menschen an seiner Gnade zweifeln lässt.

Abends nehme ich ein Kleid aus dem Kasten, welches wie kein anderes mit Erinnerungen behaftet ist, ich schlüpfe hinein, spüre jede Faser auf meiner Haut, den kühlen Leinenstoff, das enge Mieder. Barfuß laufe ich hinaus, über die Stufen muss ich es nach oben raffen, sonst trete ich auf den langen Rockteil, der eigentlich nach hochhakigen Schuhen verlangt.

In die Stille hinein klingt ein Lied, keiner hört es, es steigt gegen den Himmel, hinein in das schwarze Blau der Nacht.

Tränen sieht hier niemand, nur die graue Katze streift um meine Beine, schmiegt sich an. Finsternis hüllt mich ein, oben am Himmel die Sterne, ich glaube, den Großen Wagen zu erkennen, den mein Großvater mir einst gezeigt hat. Wo seid ihr alle, wohin seid ihr gegangen, warum lässt ihr mich allein zurück?

Ich suche einen Ofen für den nordseitig gelegenen Raum im alten Nebentrakt. Er erinnert mich an eine kleine Kapelle, die schmalen Sprossenfenster, das Rautenpflaster in Ziegelrot und marmoriertem Beige, die Mosaikfliesen am Rande, all das lässt glauben, dass hier die Zeit still gestanden hat. Die grüne, schmale Türe mit den Glaselementen, die Bögen des Gewölbes – ich habe bei der Gestaltung mein Herz hineingelegt, weil es sonst nirgends ein Zuhause hat. Da also wohne ich jetzt, da können meine Gedanken in die Vergangenheit und Zukunft schweifen. Ich baue mir meinen Ort der Ruhe, der Stille, dann stelle ich Pfingstrosen und Jasmin hinein, der Duft wird sich ausbreiten und ich werde mich erinnern an Tage, wo die Linden zu treiben begonnen haben und ich am Fenster gestanden bin bis Lichter in jenem warmen Gelb näher gekommen sind, das anders gewesen ist als bei den Scheinwerfern von dutzenden anderen Autos.

Wie viele Küsse habe ich abgewaschen von meinem Gesicht, Zärtlichkeiten von Männern, die mir fremd geblieben sind. Du hast danach gefragt, ich möchte es wissen, hast du gesagt. Alles, wie es war, wie es begonnen hat, wie rasch ich jemanden in mein Leben gelassen habe und in mein Bett. Ich habe dich davor gewarnt, alles wissen zu wollen, alles zu bereden und zu zerreden, den Zauber zu zerstören, der sich nur halten lässt, wenn ein Rest an Geheimnissen bleibt.

Wenn du einen Menschen liebst, so, wie er eben ist, dann musst du verstehen, dass seine Vergangenheit ihn geformt und zu dem gemacht hat, was du jetzt vor dir siehst.

Nicht immer sind Gefühle einfach und klar. Wenn wir uns aber selbstvergessen verschenken, mit all unserer Begeisterung, dann spüren wir einen Funken Ewigkeit in uns, die Fähigkeit, über die Beengtheit unserer Welt hinauszuwachsen.

Du bist jemand gewesen, der diese Begeisterung wecken konnte. Am Beginn ist mir alles fremd, unwirklich vorgekommen. Nach und nach ist deutlich geworden, dass wir verbunden sind, in diesem Leben Abschnitte gemeinsam gehen können; und in der Zeit davor, dazwischen, danach die Sehnsucht, die Verlorenheit und die Trauer hartnäckige Lehrmeister sein würden, die mir beibringen sollten, Versagen und Vergänglichkeit als zum Leben dazugehörig zu betrachten und die Überzeugung über Bord zu werfen, dass es nur Gut und Böse, Weiß und Schwarz gibt.

Die zahllosen Zwischentöne, tausende Farbschattierungen, der langsame Übergang vom Licht zum Dunkel, ich hätte wissen können, wie vielfältig der Abdruck des Lebens und die Art unseres Fühlens sind. Mit Farben auf Papier hab ich umzugehen gewusst, mit den Farbspielen des Schicksals musste ich es erst nach und nach lernen.

Wir sind mitten im Leben gestanden, noch jung genug, um neu zu beginnen, Pläne zu haben, Bäume zu pflanzen, nicht mehr jung genug, um die Augen zu verschließen vor der Tatsache, dass wir nicht alles erreichen würden, was wir erreichen wollten.

Ein unbeabsichtigtes Streifen an dem Geländer, und ein Stromschlag durchfährt die Brust. Ich habe mich sicher getäuscht, Hormone spielen manchmal verrückt. Doch es wiederholt sich. Immer wieder. Ich werde allein damit sein, niemand wird zu mir stehen, meine Eltern werden mich hinauswerfen und du wirst mich nicht aufnehmen. Es hat nicht lange gedauert, dann habe ich meinen Koffer gepackt und bin weggefahren, ohne zu sagen wohin. Als ich zurückgekehrt bin, bin ich nicht mehr schwanger gewesen.

In dieser Zeit hatte sich tiefer Riss gebildet, es gab keine heile Welt mehr, nie würde es wieder so sein wie vorher. Das Vertrauen, dass ich mich auf jemanden verlassen kann der zu mir steht, es war verloren gegangen.

Ein Abbruch war nicht nötig gewesen. Schmerz, Enttäuschung, Achtlosigkeit gegenüber meinen Kraftreserven, sie haben genügt, dass nicht heranwuchs, was nicht willkommen war.

Jetzt, viel später, da hättest du dir gewünscht, ich wäre noch dazu bereit. Ich hingegen hatte mich in harten Zeiten längst darauf eingestellt, ein anderes Leben zu leben. Abhängig zu sein, es war zu etwas geworden, das ich auf keinen Fall mehr wollte. Jahre, in denen ich nicht frei sein würde von Verpflichtungen, von Sorgen und von einer Verflechtung, die ich nicht so leicht mehr lösen würde können. Diesmal bin ich das Risiko nicht mehr eingegangen, du hast die alten Schatten nie ganz vertreiben können.

Auf dem hellblauen Teppich sitzt die getigerte Katze, Pfote neben Pfote, die gelben Augen mit den schlanken Pupillen sehen mir angespannt entgegen. Sie lebt noch nicht lange bei mir, an einem Dezemberabend vor zwei Jahren ist sie plötzlich da gewesen, ausgehungert, mit alten Verletzungen, ab dem ersten Moment unserer Begegnung hat sie auf meinen Zuspruch geantwortet. Sie kennt mich genau, wartet geduldig auf ein Wort, eine Geste, die sie auffordert, auf mich zuzukommen. Sie fühlt die Veränderung, die im Raum schwebt, meine Traurigkeit, mein Zögern. Mir ist im Augenblick nicht danach, sie zu streicheln. Ungewiss ist, was kommt, vorbei ist, was war und Abschied an Abschied reiht sich aneinander, unabwendbar, und wühlt mein Innerstes auf.

Ich schließe die Augen und sehe an der Innenseite meiner Augenlieder unzählige winzige, helle Punkte, sie tanzen wie kleine Sterne in einem Universum, ziehen fröhlich ihre Bahnen, gleich einem Zeitraffer-Film, der abgespult wird. In die Ewigkeit, in den Himmel schauen, so nenne ich es, und dann erinnere ich mich daran, dass Materie und Energie ihre Form tauschen können und ich fühle mich als Teil eines geheimnisvollen Großen, dem wir angehören, als ein kleines Rädchen im Getriebe, dessen Wichtigkeit ich nicht einzuschätzen weiß.

Unser Tun hat Folgen, aber nicht weil Gott uns straft. Sein Wesen, seine Regeln, seine Gebote, wir tragen sie ganz selbstverständlich in uns, das Gesetz von Ursache und Wirkung ist älter als die Menschheit selbst, tief verwurzelt und verankert, es ist Teil unserer Energie, und wenn wir darauf vergessen, strafen wir uns selbst und die, die wir lieben.

 

 

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chatniriss Profilbild
chatniris Vor einer Stunde und 12 Minuten
So ähnlich stelle ich mir einen Abschied von geliebten Menschen vor. Sehr stark, danke.
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Leara (Autor)Vor 34 Minuten
Schön, wenn Gefühle rüberkommen, das gelingt nicht immer. Schönen (Hitze-)Abend!
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Rusty Vor 2 Stunden und 12 Minuten
Wundervoll geschrieben! Geniale Zwischentöne und Gefühle. Danke dafür. Die Bewertung kann ich erst morgen abgeben. Habe nur vier pro Tag. LG
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Leara (Autor)Vor 35 Minuten
Ach, das mit den Bewertungen sehe ich vorerst sehr locker, wir werden irgendwann einen Weg finden, das zu händeln. Vielen Dank!
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derLeowitschs Profilbild
derLeowitsch Vor 2 Stunden und 42 Minuten
Traurig aber schön geschrieben, da bleibt etwas zurück.
Meine Ribiseln werde ich Nachmittags erbeten. Ein Strauch aber heuer extrem viele! Lg Leo
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Leara (Autor)Vor 36 Minuten
Danke dir, die Ribiseln sind im Keller, ich habe beinahe einen Sonnenbrand.
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Leara (Autor)Vor 3 Stunden und 4 Minuten
Diese Hitze zwingt mich ins Haus, deshalb eine weitere Geschichte, ebenfalls ein alter Text aus einer längeren Erzählung. So, und jetzt schau ich nach den Ribiseln, die die Nachbarin gerne hätte und ich leider ernten werde müssen . . .

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