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AUFSTEHEN, STOLPERN, UNKRAUT JÄTEN . Anleitung zum Überleben

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28.05.26 11:17
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

 

 

 

Gewidmet allen treuen Freunden, meiner lieben Mutter und natürlich meiner Familie. Der Kampf geht weiter!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

© 2026 Rico Radis
Alle Rechte vorbehalten.

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Herausgeber: Rico Radis
Selbstverlag

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Rico Radis

 

 

...und Freiheit tut mir gut.

Ich tu mir manchmal weh.

Ich fühl' mich stark,

auch wenn ich gerade

nicht so gerade steh'.

Meine Angst vorm Sterben

verwandelt sich in Luft - löst sich langsam auf,weil mich das Leben ruft…

(Gabriele Susanne Kerner)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Notwendiges Vorwort...

Der Name Rico Radis erscheint seit den 1990er-Jahren wiederholt in journalistischen Recherchen, behördlichen Berichten und Szenebeschreibungen zur rechtsextremen Struktur in Berlin und Brandenburg. Er wird dort als Person geführt, die in regionalen Netzwerken aktiv war, zu einer Zeit, in der sich nach der Wiedervereinigung neue politische Milieus bildeten und alte Ideologien an Sichtbarkeit gewannen.
Zeitgenössische Quellen ordnen ihn Kameradschaften zu, die lokal organisiert waren und informell agierten. Diese Gruppen prägten das Umfeld bestimmter Stadtteile, trafen sich in festen Räumen und verstanden sich als verbindliche Gemeinschaften. In diesem Zusammenhang taucht sein Name im Umfeld gewaltsamer Vorfälle auf, darunter ein
Anschlag auf einen Jugendclub Mitte der 1990er-Jahre sowie interne Auseinandersetzungen innerhalb der Szene. Die Berichte dazu bleiben teils widersprüchlich, teils fragmentarisch, zeichnen jedoch ein Bild von Eskalation und zunehmender Radikalisierung jener Jahre. Parallel dazu lassen sich wirtschaftliche Aktivitäten nachvollziehen. Geschäfte und Unternehmen, die der rechten Szene zugerechnet wurden, fungierten als Treffpunkte, Versorgungsorte und Schnittstellen zwischen politischem Anspruch und Alltag. Über längere Zeiträume verschwand die Person aus der öffentlichen Berichterstattung, ohne dass sich daraus ein klarer Bruch oder Rückzug rekonstruieren ließe.
In jüngerer Zeit wurde Radis vereinzelt erneut wahrgenommen, etwa im Umfeld politischer Veranstaltungen in Berlin. Diese Beobachtungen stehen weniger für eine Rückkehr als für Kontinuitäten: Personen und Netzwerke, die sich verändern, aber nicht vollständig auflösen.Der Roman folgt diesen Spuren, ohne sie zu schließen. Er rekonstruiert Wahrnehmungen, ordnet sie ein und lässt Leerstellen bestehen. Erzählt wird nicht die Geschichte eines Einzelnen als Ausnahme, sondern ein Ausschnitt aus einer politischen Realität, in der Biografien, Ideologie und Zeitgeschichte ineinandergreifen — dokumentarisch, unaufgeregt und offen für die Ambivalenzen des Materials.

 

Rico reflektiert über seine Kindheit in der DDR, das Gewicht der eigenen Geschichte, erste Erfahrungen mit Freiheit und Grenzen, Liebe, Fehler und Freundschaft.

Prolog
Mein Name ist Rico Radis. Zumindest lautet er so, wenn jemand fragt und ich beschließe, ehrlich zu sein – oder das, was man gemeinhin dafür hält. Er ist praktisch, wie ein Paar Schuhe, das man täglich trägt, ohne je darüber nachzudenken, wem es ursprünglich gehörte. Rico Radis ist kein Schicksal, sondern eine Lösung. Eine sprachliche Abkürzung, um das Wesentliche nicht erklären zu müssen. Wer jemals versucht hat, seine eigene Herkunft sauber auseinanderzuhalten, weiß: Das ist ein aussichtsloses Unterfangen. Namen helfen dabei, Ordnung vorzutäuschen, wo in Wahrheit Erinnerung, Zufall und ein wenig Improvisation regieren. Ich bin mit diesem Namen unterwegs wie mit einem Reisepass, der nie kontrolliert wird. Er öffnet Türen, ohne Fragen zu stellen, und schließt andere, bevor sie unangenehm werden. Er behauptet eine Klarheit, die es so nie gegeben hat. Und genau darin liegt seine größte Stärke. Ich trage den Namen Rico Radis. Also offiziell. Inoffiziell eher so ungefähr. Genau genommen ist es ein Name wie ein Mantel aus der Garderobe: Er passt, hält warm und fällt nicht weiter auf – aber er gehört nicht mir. Ein Pseudonym, sagt man dazu. Als wäre das eine bewusste Entscheidung gewesen und nicht vielmehr eine Notwendigkeit.
Wer in Berlin groß geworden ist, zumal im östlichen Teil dieser Stadt, weiß: Namen sind Schall und Rauch. Man bekam sie zugeteilt wie eine Betriebsnummer, und wenn sie nicht passten, lernte man eben, sich darin zu bewegen. Wichtig war weniger, wie man hieß, sondern wer einen kannte – und vor allem, wer besser nicht. Namen standen auf Listen, auf Formularen, auf Klingelschildern. Und manchmal auch in Akten, die man nie zu Gesicht bekam, die einen aber trotzdem kannten.
Rico Radis ist also kein Mensch, sondern eine Vereinbarung. Zwischen mir und der Welt. Zwischen Erinnerung und Erzählung. Ein Name, der sich vordrängt, damit andere diskret verschwinden dürfen. In Berlin nannte man so etwas Pragmatismus, in der DDR Überlebenskunst.
Denn wer dort lebte, lernte früh, daß Identität flexibel sein musste. Heute der brave Schüler, morgen der aufmüpfige Gedankenträger, übermorgen jemand, der besser nichts gesagt hat. Man wechselte Rollen wie Straßenbahnen: Hauptsache, man kam irgendwie an. Und wenn der Name dabei half, umso besser.
Sollten Sie also glauben, Rico Radis sei mein richtiger Name, dann liegen Sie nicht völlig falsch. Er ist nur nicht der einzige. Vielleicht nicht einmal der wichtigste. Aber er ist der, der diese Geschichte erzählen darf. Und das ist in einer Stadt wie Berlin – besonders der, die es einmal war – mehr wert als jede amtliche Wahrheit. Was zählt, ist, was man erlebt hat. Und davon habe ich, ehrlich gesagt, mehr als genug. Manche Geschichten trägt man mit sich herum wie ein altes Messer in der Jackentasche – man spürt das Gewicht, und manchmal vergißt man sogar, warum man es eigentlich noch hat.
Ich bin ein Kind der Hauptstadt, geboren ’68 in Berlin, aufgewachsen in Treptow, Baumschulenweg. Ein Ort, an dem man früh lernte, die Ohren offen zu halten. Meine Mutter war streng, aber gerecht – so’n Typ Frau, die mit Blicken mehr regeln konnte als andere mit Worten. Mein Stiefvater dagegen war härter als jeder Betonblock im Plattenbau, unnahbar, aber immerhin konsequent. Jahre später habe ich ihm verziehen. Die Toten kann man nicht mehr anschreien, und irgendwann wird man müde davon, es überhaupt zu versuchen.
Viele sagen, die DDR war grau. Stimmt. Aber sie war auch laut, lebendig, manchmal absurd – und sie hat mich geprägt. Es war ein Leben zwischen Verboten, Bockigkeit und einer ständigen Neugier auf das, was hinter der nächsten Ecke lauert. Und hinter manchen Ecken lauerte tatsächlich mehr, als gut für mich war.
Ich erzähle diese Geschichte nicht, um irgendwas reinzuwaschen. Ich will weder Absolution noch Mitleid. Ich schreibe, wie ich rede: geradeaus. Mit Humor, so schwarz wie Berliner Asphalt im August. Und wenn manche Kapitel meiner Vergangenheit wehtun oder peinlich sind – ja, dann ist das eben so. Ich war jung, wütend, manchmal dumm, manchmal gefährlich. Und ich habe Fehler gemacht, für die ich teuer bezahlt habe.
Aber niemand besteht nur aus seinen schlimmsten Tagen. Es gab Liebe, Freundschaft, Arbeit, Hoffnung. Und Fallgruben, in die man schneller reintappt, als man gucken kann. Von der POS über die ersten Küsse, von Konzerten am Brandenburger Tor bis zu Hausbesetzungen, von neo-nationalsozialistischen Gruppierungen über Haft bis zum Antiquariat und zurück in einen halbwegs normalen Alltag.
Dies ist die Geschichte eines Lebens, das hätte ganz anders laufen können – und das doch genau so passiert ist. Ein Berliner Leben. Ehrlich, ruppig, manchmal dreckig, manchmal komisch. Mein Leben.
 

Bevor ich beginne, eine kleine Vorwarnung: Alles, was ihr hier lest, basiert auf wahren Erlebnissen. Die Menschen, die im Mittelpunkt standen – meine Freunde, meine Familie – sind echt, genauso wie ihre Geschichten. Alle anderen Figuren, die nur am Rande auftauchen, habe ich ausgedacht oder ein wenig verändert. Namen, Eigenheiten, kleine Details – alles, um die Privatsphäre zu wahren und die Geschichte flüssig zu erzählen.
 

 

Und jetzt fangen wir vorne an.

Kindheit und Jugend zwischen grauen Plattenbauten, Spielen im Hof, strenger Elternliebe und kleinen Rebellionen; erste Lektionen über Autorität, Widerstand und Zusammenhalt.

 

Ich bin in Baumschulenweg groß geworden, einem Kiez, der nach Blumen klingt, aber oft genug nach Kohlefeuer roch. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die grauen Fassaden der Plattenbauten, zwischen denen wir Kinder rumflitzten wie Tauben, die keiner füttern wollte. Berlin‑Treptow in den Siebzigern – das war wie eine Mischung aus Abenteuerspielplatz, Kleingartenanlage und leicht heruntergekommenem Kasernenhof.
Meine Mutter war das Herz unseres kleinen Haushalts – nicht im kitschigen Sinne, sondern als pulsierendes Zentrum, das alles zusammenhielt. Sie war eine Frau, die ihren Blick wie einen Schraubenschlüssel einsetzen konnte: Er packte zu, wenn etwas fest saß, löste, wenn sich jemand verrannt hatte, und richtete die Dinge wieder gerade, wenn sie schiefgeraten waren. Dieser Blick war streng, ja, aber nie kalt. Immer lag darin ein Funken Wärme, ein stilles Versprechen, dass Ordnung und Zuneigung bei ihr keine Gegensätze waren.
Wenn sie sagte: „Rico, nu mach keen Scheiß“, dann war das keine bloße Ermahnung. Es war eine Mischung aus Humor und Liebe, aus Berliner Schnauze und mütterlicher Fürsorge. Eine klare Ansage, die man nicht überhören konnte – und auch nicht wollte. Denn selbst im Tadel schwang etwas mit, das einem das Gefühl gab, beschützt zu sein. Als stünde sie hinter einem wie ein Schutzschild, bereit, einen notfalls vor der Welt – und vor sich selbst – zu verteidigen.
Sie war geschieden, und das Leben hatte ihr früh beigebracht, dass man sich auf vieles verlassen kann, aber am sichersten auf die eigene Kraft. Zwei ältere Söhne hatte sie schon großgezogen, als ich auf die Bühne trat: der Nachzügler, der eigentlich gar nicht mehr geplant war. Ein Versehen der Biologie vielleicht, aber kein Versehen des Schicksals. „Ein Glücksfall“, nannte sie mich später oft, und wenn sie das sagte, lächelten ihre Augen auf eine Weise, die jede Frage überflüssig machte.
In meiner Pubertät hat sie das vermutlich ein paarmal anders gesehen. Da war ich laut, bockig, überzeugt davon, die Welt besser zu verstehen als alle anderen – besonders besser als sie. Türen knallten, Worte fielen, die man später gern wieder einsammeln würde, und ihre Geduld wurde mehr als einmal auf eine harte Probe gestellt. Doch selbst dann blieb sie sie selbst: standfest, klar, mit diesem unerschütterlichen moralischen Kompass, der nie ins Wanken geriet. Sie ließ mich laufen, aber nie fallen.
Unser Haushalt war klein, aber dicht. Es gab wenig Platz für Ausflüchte und noch weniger für Selbstmitleid. Probleme wurden nicht zerredet, sondern angepackt. Meine Mutter konnte trösten, ohne zu verhätscheln, und fordern, ohne zu brechen. Sie glaubte an Verantwortung, an Ehrlichkeit und daran, dass Liebe sich nicht nur in Umarmungen zeigt, sondern auch darin, jemandem zuzutrauen, seinen eigenen Weg zu gehen.
Heute, wenn ich zurückblicke, verstehe ich erst, wie viel Kraft es gekostet haben muss, all das zu sein: Mutter, Frau, Fels in der Brandung. Damals habe ich ihre Strenge gespürt, heute erkenne ich ihre Fürsorge darin. Und manchmal höre ich ihre Stimme noch, klar und unverwechselbar: „Rico, nu mach keen Scheiß.“ Dann muss ich lächeln – und weiß, dass sie immer noch ein Stück weit auf mich aufpasst.
Der Stiefvater, der irgendwann Teil unseres Haushalts wurde, war ihr genaues Gegenteil. Ein stiller Mann, ruhig, wortkarg, von einer Präsenz, die man eher spürte als hörte. Wie ein alter Rollladen: laut beim Öffnen, laut beim Schließen, und dazwischen nur ein schmaler Streifen Licht. Seine Worte waren selten und knapp – „Räum uff.“ „Mach schneller.“ „Nich so.“ – mehr Anweisungen als Gespräche, mehr Funktion als Nähe
Für ein Kind konnte das beängstigend sein. Er wirkte wie eine lebendige Wand, schwer zu durchdringen, schwer zu verstehen. Man suchte nach Zeichen, nach Wärme, nach einem Blick, der erklärte, was Worte nicht sagten. Oft blieb nur das Schweigen, und mit ihm die Unsicherheit, ob man gesehen wurde.
Erst viel später begann sich mein Blick zu verändern. Mit der Zeit verstand ich, dass nicht jede Stille Ablehnung bedeutet. Manche Menschen tragen eine Schwere in sich, die sie nicht gewählt haben, und sie leben ihr Leben so gut sie können – unbeholfen vielleicht, aber nicht ohne innere Kämpfe. Seine Zurückhaltung war womöglich kein Mangel an Gefühl, sondern ein Schutz, den er nie abgelegt hatte.
Heute ist er tot, und das Kapitel zwischen uns ist still zu Ende gegangen. Ohne offene Rechnungen, aber auch ohne große Gesten. Es ist wie ein Buch, das man nicht mit Begeisterung gelesen hat, das man jedoch nicht aus dem Regal werfen würde. Eines, dessen Seiten im Nachhinein verständlicher wirken als während des Lesens. Was bleibt, sind Erinnerungen, die milder geworden sind. Nicht nur die harten Kanten, sondern auch die leisen Augenblicke: ein gemeinsames Schweigen, das nicht wehtat, eine Selbstverständlichkeit im Alltag, die vielleicht seine Art war, Nähe zu zeigen. Diese Momente haben geformt, ohne zu verletzen, haben Spuren hinterlassen, die heute nicht mehr schmerzen. So fügt sich alles zusammen – nicht als idealisierte Geschichte, sondern als eine, die Frieden gefunden hat. Und manchmal reicht genau das.
Im September 1975 begann meine Schulzeit. Ich drückte die neue Schultasche fester an die Brust und sah zu, wie die Häuser der Hänselstraße im Morgennebel verschwammen. Vor mir ragte die vierte Polytechnische Oberschule „Marschall Budjonny“ auf, mit ihren grauen Wänden und den hohen Fenstern, durch die man nur schemenhaft die Flure erkennen konnte. Alles war größer, lauter und fremder, als ich es mir vorgestellt hatte.
Die Fahnen an der Fassade flatterten im Wind, und ich fragte mich, wer dieser Budjonny eigentlich war. Ein Held? Ein Soldat? Jemand, den man bewundern sollte? Niemand antwortete. Die Erwachsenen schienen immer zu wissen, wie alles hieß und was richtig war – ich nicht.
Im Eingangsflur roch es nach frischem Linoleum und Kreide. Überall Kinder: manche lachten, andere weinten leise oder hielten die Hand ihrer Eltern ganz fest. Meine Finger krampften sich um die Träger meiner Tasche. Ich wollte mich klein machen, daß mich niemand sieht, aber gleichzeitig wollte ich alles wissen – die Treppen, die Flure, die Tafel, die Lehrerin, die so streng aussah, daß ich mich am liebsten wieder umgedreht hätte.
Die Schule war eine Welt für sich. Graue Flure, große Fenster, muffiger Geruch nach nassen Jacken und Wachsmalern. Die Lehrer wirkten oft, als hätten sie ihr Lächeln an der Garderobe abgegeben. Dafür gab es klare Kanten, klare Regeln und klare Erwartungen. Ich lernte früh, daß Anpassung manchmal leichter ist als Widerstand. Aber ich war nie gut darin, den Mund zu halten. Berlin hat mir die Schnauze beigebracht, bevor ich richtig laufen konnte.
In den Pausen hingen wir Jungs am liebsten am Zaun zur Hänselstraße mit Blick zum einzigen Hochhaus in „Baume“, so hieß der Kiez schon immer. Da fuhr der Verkehr vorbei, die Trabis, die Klaufix-Anhänger. Wir winkten den Leuten zu, manchmal riefen wir was hinterher. Ich erinnere mich an einen FDJler, der uns einmal anpflaumte: „Genossen, so benimmt man sich nicht!“ Ich weiß noch, wie ich ihm antwortete: „Wir sind doch noch keine Genossen, wir sind Kinder.“ Er hat mich strafarbeiten lassen – aber er grinste dabei.
Meine Brüder waren beide älter und damit automatisch cooler. Sie hörten Musik, die ich nur halb verstand, sprachen von Dingen, die ich nicht kannte, und verschwanden abends in irgendwelchen Jugendklubs. Ich kriegte ihre alten Hemden, ihre alten Sprüche und ihre alte Klapplampe, die immer flackerte. Trotzdem war ich stolz auf sie. Als sie sagten: „Kleener, du musst aufpassen, in Berlin frisst dich sonst einer“, nahm ich das ernst. Und übertrug es erst mal auf jeden größeren Jungen, der mir über den Weg lief.
Treptow war ein Ort, der gleichzeitig eng und weit war. Eng, weil jeder jeden kannte – und wenn nicht, dann kannte er jemanden, der dich kannte. Weit, weil die Straßen dir das Gefühl gaben, daß irgendwo da draußen ein riesiges, unsortiertes Leben wartet. Wir spielten im Hof, kletterten auf Garagendächer, jagten uns gegenseitig durch die Parks. Wenn wir Quatsch bauten, rief irgendeine Nachbarin aus dem Fenster: „Nu laßt den Unsinn!“ Und fünf Minuten später bekamen wir trotzdem von ihr Bonbons zugesteckt.
Ich erinnere mich auch daran, wie sich die Erwachsenen heimlich unterhielten. Leise Stimmen, zugezogene Gardinen. Themen, die man nicht für Kinderohren bestimmt hielt. Die DDR war so: offiziell laut und sicher, inoffiziell voller Räume, in die keiner gucken durfte. Ich verstand das damals nicht wirklich, aber ich begriff die Spannung. Irgendwas brodelte immer unter der Oberfläche. Vielleicht war das der Anfang meiner Angewohnheit, Autoritäten zu testen.
Es gab Momente, in denen ich merkte, daß ich anders tickte als manche in meinem Alter. Ich hatte einen Hang zur Direktheit, die nicht immer gut ankam. Ein Lehrer sagte mal zu mir: „Rico, du hast ein Herz, aber deine Zunge ist schneller als dein Kopf.“ Ich nahm das als Kompliment. Heute würde ich ihm wahrscheinlich recht geben.
Wenn ich an Baumschulenweg zurückdenke, denke ich an graue Häuser und bunte Geschichten. An eine Mutter, die alles zusammenhielt. An einen Stiefvater, der aus Prinzip brummte. An Brüder, die mir den Weg durch diese merkwürdige DDR-Kindheit bahnten. Und an mich – einen Jungen, der neugierig genug war, ständig Grenzen zu ertasten, und frech genug, sie auch zu überschreiten.
Der Kiez hat mich großgezogen, im Guten wie im Schlechten. Und wenn man mich heute fragt, wo ich herkomme, sag ich: aus Baumschulenweg, Ecke Realität. Kindheit in Treptow: Schule, Mutter, Brüder, Stiefvater. DDR-Alltag, Mutproben, erste Beobachtungen von Staat & Straße.
Wenn ich an meine Jugend denke, dann war sie eine merkwürdige Mischung aus Langeweile und plötzlichen Explosionen von Leben. Die DDR war ein Land, das uns zwar Grenzen setzte – aber genau diese Grenzen machten jeden kleinen Ausbruch aufregender. Und ich war immer einer, der ausprobieren musste, wie weit man gehen konnte.

In der neunten Klasse passierte etwas, das mich bis heute zum Schmunzeln bringt: die Sache mit den „Green Beans“. Niemand weiß mehr genau, wie der Name zustande kam. Wahrscheinlich war es einfach einer dieser englischen Begriffe, die damals schon durch Westfernsehen und Kassettenrekorder geisterten und allein deshalb verboten genug klangen, um attraktiv zu sein.
Eine komplette 9C-Klasse war kurz zuvor von einer anderen Schule zu uns gewechselt. Schon das machte sie verdächtig. Sie hielten zusammen, saßen immer beisammen und hatten dieses schwer greifbare „Wir gegen den Rest der Welt“-Gefühl, das man mit vierzehn automatisch entwickelt, wenn man neu irgendwo ist. Eines Morgens tauchten sie dann geschlossen auf – in FDJ-Blauhemden, wie es sich gehörte, aber mit einem handgemalten Logo auf der Brust: ein Regenbogen. Nicht besonders ordentlich, eher schief und fleckig, aber unübersehbar.
Ab diesem Moment waren sie die „Green Beans“. Eine Gang, wie sie selbst sagten. Keine Messer, keine Schlägereien, keine illegalen Westjeans – nur ein Name, ein Symbol und eine Menge Haltung. Wir anderen wussten nicht so recht, was wir davon halten sollten. Waren sie Hippies? Friedensapostel? Oder einfach nur kollektiv übergeschnappt? Regenbogen waren damals jedenfalls nichts, was man freiwillig und so demonstrativ mit der FDJ kombinierte – schon gar nicht dort, wo jeder hinsah.
Die Lehrer reagierten erwartungsgemäß nervös. Erst wurde gemurmelt, dann getuschelt, schließlich beratschlagt. In der großen Pause standen plötzlich zwei Aufsichtslehrer auffällig lange am Rand des Schulhofs und taten so, als würden sie die Fahrradständer kontrollieren, während sie in Wahrheit die bemalten Hemden musterten. Der eigentliche Knall kam im Matheunterricht. Unser Lehrer – graue Haare, schmale Lippen, Augen wie Reißzwecken – hatte die Angewohnheit, erst einmal minutenlang schweigend in die Klasse zu schauen, bis selbst das leiseste Rascheln verstummte. Dann räusperte er sich und sagte mit dieser Stimme, die keinerlei Widerspruch duldete: „Genossen, das ist nicht vorgesehen.“ Es war mucksmäuschenstill. Man hörte fast das Ticken der Uhr. Dann meldete sich einer aus der 9C, lehnte sich lässig zurück und sagte trocken: „Wir auch nicht.“ Für einen Sekundenbruchteil wusste niemand, was passieren würde. Dann wurde das Gesicht des Lehrers erst rot, dann grau. Es folgten Einträge ins Klassenbuch, Strafarbeiten über die Bedeutung der FDJ, Belehrungen über Kollektiverziehung und sozialistische Moral. Die Direktorin hielt eine Rede. Irgendjemand drohte mit einem Gespräch „auf Kreisebene“. Die „Green Beans“ mussten die Logos abwaschen – zumindest offiziell.
Aber wie das so war: Nach ein paar Wochen verlor sich die Aufregung. Neue Probleme tauchten auf, andere Verstöße, wichtigere Dinge. Die DDR hatte größere Sorgen als ein paar Jugendliche mit Farbe auf dem Hemd und einem frechen Spruch auf den Lippen. Die „Green Beans“ verschwanden so plötzlich, wie sie aufgetaucht waren, und wurden wieder einfach eine Klasse unter vielen.
Geblieben ist nur diese Erinnerung. Und das leise Gefühl, dass da für einen kurzen Moment etwas aufgeblitzt hat – ein kleiner, bunter Riss im FDJ-Blau, der gezeigt hat, wie viel Mut manchmal schon in einem bemalten Stück Stoff stecken kann.
Ich war damals hin‑ und hergerissen. Auf der einen Seite fand ich ihre Aktion kindisch. Auf der anderen Seite gefiel mir die Idee, daß man Dinge verändern konnte, indem man sie einfach tat. Vielleicht war das der erste Funke von Rebellion in mir, der später so viel größer werden sollte. Ein kleiner Funke – aber Funken können Feuer legen.
 

Als ich 1986 meine Ausbildung zum Fachverkäufer für Obst, Gemüse und Speisekartoffeln bei der HO-WtB begann, roch mein Alltag nach frischem Kohl, Zitrusfrüchten und einer Mischung aus Kälte und Händewärmen, wie sie nur frühmorgens in den Lagerräumen herrschte. Ich begann an einem grauen Morgen im DDR‑Berlin, Anfang der Achtziger. Die Straßen waren noch feucht vom Regen, und in meinem Kopf war alles unruhig. Achtzehn war ich, Rico, Lehrling im staatlichen Handel, Fachrichtung Obst und Gemüse.
Der Betrieb lag an einer Hauptstraße, eine große Kaufhalle. Breite Eingänge, lange Gänge, Neonlicht. Gleich vorne unsere Abteilung mit Obst, Gemüse und Speisekartoffeln. Rechts davon der Fleischstand, immer ein paar Leute davor, links der Käsestand mit dem schweren Geruch nach Salz und Reife. Waren des täglichen Bedarfs. Nicht viel Auswahl, aber genug, um den Tag zu füllen.
„Du musst der Neue sein“, sagte eine Frau hinter mir. Ihre Stimme war ruhig, bestimmt. Frau Mertens, meine Ausbilderin. Weißer Kittel, streng gebundene Haare, ein Blick, der alles erfasste. Sie blieb kurz stehen, ließ mich mustern, dann ging sie los. Ich folgte ihr durch den noch geschlossenen Verkaufsraum.
An unserer Abteilung arbeiteten bereits drei Frauen. Renate nickte mir kurz zu, Ilse sah nur auf die Kisten, Gabi verzog kaum merklich den Mund. Viel gesagt wurde nicht.
„Erst mal Kartoffeln“, sagte Frau Mertens. „Die gehören hier dazu. Wenn du die nicht im Griff hast, hast du gar nichts im Griff.“
So fing es an. Ich sortierte Speisekartoffeln, wog sie ab, stapelte Säcke. Lernte, Druckstellen zu sehen, Fäulnis zu riechen, bevor man sie sah. Meine Hände wurden rau, die Fingernägel blieben dunkel. Fehler machte ich trotzdem. Preisschilder schief geschrieben, Säcke falsch gestellt.
„Ordentlich“, sagte Frau Mertens dann nur. Kein Tadel, kein Lob. Es reichte.
Wenn die Kaufhalle öffnete, füllte sie sich schnell. Einkaufsnetze, Beutel, leises Schieben von Einkaufswagen. Vom Fleischstand klang das Hacken auf dem Block herüber, vom Käsestand das Kratzen des Messers. Dazwischen wir, beim Abwiegen, Abrechnen, Weiterreichen.
Die Tage ähnelten sich. Früh anfangen, Ware prüfen, Fäulnis aussortieren, auf Lieferung warten. Oft kam weniger als angekündigt. Manchmal kam sie gar nicht.
„Ham wa nicht“, sagte ich irgendwann mechanisch, ohne darüber nachzudenken.
Manche Kunden schimpften leise, andere nickten nur. Knappheit war nichts Besonderes. Man gewöhnte sich daran, nicht viel zu erklären.
In der Kaufhalle sprach man wenig. Hinter der Kaufhalle noch weniger. Im Lager roch es nach Erde, Kohl und kaltem Beton. In den Pausen saßen wir auf Kisten. „Lieferung kommt später“, sagte jemand. „Na dann“, sagte jemand anders. Mehr brauchte es nicht.
Ich lernte, ruhig zu bleiben. Freundlich, sachlich. Keine Witze. Frau Mertens beobachtete alles. Manchmal ein kurzer Blick, manchmal ein knappes Nicken. Das war Anerkennung genug.
Nach einigen Monaten war ich nicht mehr der Neue. Ich wusste, wann es schnell gehen musste, wann man besser still blieb. Ich kannte die Wege durch die Kaufhalle, die Geräusche, die Gerüche. Ich gehörte dazu, ohne dass es jemand aussprach.
Wenn ich am späten Nachmittag den Laden verließ, war ich erschöpft, aber seltsam zufrieden. Das Neonlicht erlosch, der Lärm verstummte. Der Geruch von Obst, Kartoffeln, Fleisch und Käse hing an mir, egal wie oft ich mir die Hände wusch.
Draußen glänzte die Berliner Sonne auf dem Pflaster, und die Straßenbahn ratterte wie immer durch die Stadt. Ich wusste, daß morgen wieder ein Tag voller Arbeit auf mich wartete – aber das hier, dachte ich, war mein Stück Alltag, mein Teil der Stadt, in der ich lebte und arbeitete. Es war kein besonderes Leben. Aber es war wirklich. Und es war meines.


Pfingsten 1987 war einer dieser Tage, die sich ins Gedächtnis brennen wie Kerben in weiches Holz – nicht tief geplant, aber für immer da. Eurythmics am Reichstag. Irgendwo hinter der Mauer, auf Westseite, aber nah genug, dass der Sound über den Todesstreifen schwappte wie ein unerlaubter Gruß. Die Bühne stand wie eine offene Geste im Abendlicht, nicht zufällig gedreht, sondern mit Absicht – Lautsprecher, Kabel, Stahlträger: alles zeigte nach Osten. Dorthin, wo die Mauer wie eine graue Narbe durch die Stadt lief. Als die ersten Töne erklangen, schoben sie sich über den Platz der Republik, stiegen an der Betonwand empor und kippten hinüber in ein Land, das offiziell nicht zuhören durfte. Musik als Grenzverletzung. Wir standen da im Grenzbereich des Brandenburger Tores - mit Hunderten, vielleicht Tausenden, eine Menschenmenge, die halb Konzert war, halb politische Willensbekundung. Man spürte es sofort: Das hier war mehr als Pop. Das war ein Test.
Freiheit lag in der Luft – auch wenn dieses Wort im Osten nur in genehmigten Zusammenhängen existierte und garantiert nicht für solche Momente vorgesehen war. Man wusste, dass drüben mitgehört wurde. Dass Mikrofone liefen. Dass Ferngläser auf uns gerichtet waren. Und genau deshalb war diese Energie da: trotzig, aufgeladen, ein bisschen irre.
Plötzlich krächzte aus irgendeinem Recorder: „Die Mauer muss weg“, gesungen von den Gropiuslerchen. Billige Kassette, schiefer Chor, aber die Wirkung war enorm. Die Leute lachten laut auf, manche sangen mit, andere verstummten abrupt und sahen sich um, reflexhaft, wie dressiert. Man konnte richtig sehen, wie die Stasi mit im Kopf stand, selbst hier, auf der vermeintlich freien Seite.
Neben mir ein Skinhead in roter Bomberjacke, geschnitzt wie aus einem Berliner Comic, auf den Schultern eines Kumpels, bewaffnet mit einer quietschgelben Wasserpistole. Er fuchtelte damit herum wie mit einer Waffe aus einer schlechten Satire. „Nur’n Spaß, Mensch!“, brüllte er grinsend in die Menge. Und ja – das war Berlin. Diese absurde Mischung aus Bedrohung und Klamauk, aus Ernstfall und Kindergeburtstag. Man hätte die Szene malen können, mit grauem Himmel und grellen Farbtupfern.
Und dann war da Katrin. Sie glitt wie ein Schatten durch die Menge, drängte sich zwischen uns, immer nah genug, um die Bewegungen der Volkspolizisten und der Männer in Lederjacken zu erkennen, und wirkte, als würde sie alles speichern, jeden Blick, jede Geste, jeden kleinen Hinweis auf Gefahr. Ihre Augen blitzten, als hätte sie den ganzen Plan durchschaut. Ohne sie hätten wir nichts gesehen, wären blind durch das Chaos getrieben worden.
Immer wieder flogen Blicke von Männern in Zivil durch die Menge, nur kurz, flüchtig, kaum wahrnehmbar – die Stasi. Sie bewegten sich leise, beobachteten, tasteten die Stimmung ab, wie kaltes Summen in der Luft, das die Ausgelassenheit der Menge jederzeit zerreißen konnte. Katrin schien diese Blicke zu fangen und weiterzugeben, ein unsichtbarer Kompass inmitten der Unsicherheit.
Dann kippte es. Ohne Vorwarnung. Erst Bewegung am Rand, dann dieses typische Drücken, dieses organisierte Schieben. Volkspolizisten tauchten auf, nicht einzeln, sondern als Block. Dazwischen Männer ohne Uniform, Lederjacken, kurze Haare, kalte Blicke – die Stasi, jetzt deutlich, ohne Maskerade. Die kannten keine Stimmung, nur Lagebilder. Eben noch Gelächter, im nächsten Moment Schreie. Menschen rannten, stolperten, wurden weitergeschoben, Schulter an Schulter, Brust an Rücken. Kein Platz zum Atmen.
Ich war mittendrin. Ellbogen im Rücken, ein Stiefel auf dem Fuß, irgendwo schrie eine Frau. Es tat weh, richtig weh – und trotzdem lachte ich. Vielleicht aus Nervosität, vielleicht aus Trotz, vielleicht weil einem in Berlin manchmal nichts anderes übrig blieb. Diese Stadt machte einen wahnsinnig, aber sie hielt einen auch wach.
Später am Abend standen wir vor dem Palast der Republik, der wie immer aussah: groß, glänzend, abweisend. Ronald oder Norman – wir waren fast immer zu dritt oder viert unterwegs – sagte: „Rico, wenn wir alt sind, erzählen wir den Kram unseren Enkeln. Die glauben uns keenen Ton.“ Ich sagte: „Na hoffentlich ham wir bis dahin mehr erlebt als’n bisschen Stasi-Gekloppe.“
Das Leben sollte mir diesen Wunsch erfüllen. Auf eine Weise, auf die ich später lieber verzichtet hätte.

Ich erinnere mich noch genau an den 13. August 1987, einen Donnerstag. In Ost-Berlin war dieser Tag so grau wie viele zuvor, ein Datum, das mehr erinnerte als versprach. Die Stadt lag unter einer schweren, unbeweglichen Luft. Nicht das Wetter bestimmte die Stimmung, sondern eine jahrelang eingeübte Vorsicht, ein Schweigen, das sich in Treppenhäusern, Büros und Gesprächen festgesetzt hatte. Der 13. August trug hier immer ein Echo in sich – Mauertag, auch wenn niemand ihn so nannte. Die Zeitungen meldeten Normalität, Fortschritt, Beständigkeit. Doch das Leben folgte anderen Rhythmen: denen der Genehmigungen, der Warteschlangen, der unausgesprochenen Sätze. Erinnerung war kein Rückblick, sondern Gegenwart. Dieser Donnerstag unterschied sich kaum von anderen. Und genau darin lag seine politische Wahrheit: In einem System, das Stillstand verwaltete, war selbst das Datum bedeutungsvoll – nicht wegen dessen, was geschah, sondern wegen dessen, was niemals geschehen durfte... In den S-Bahnen, die damals noch von der Deutschen Reichsbahn betrieben wurden und deren Waggons oft nach altem Öl rochen, tauchten seit Tagen dieselben handgeschriebenen Botschaften auf: „Billy Idol am Brandenburger Tor!“
„Haste det ooch schon jesehn?“, murmelte ein Typ neben mir in der Bahn und deutete mit dem Kinn auf den Filzstift-Schriftzug über dem Fenster. Sein Kumpel zuckte mit den Schultern. „Ach komm, dit is doch Quatsch. Aber wär schon wat, wa.“
Es war die Art von Gerücht, die in der DDR schnell die Runde machte – nicht, weil jemand es glaubte, sondern weil man glauben wollte, daß der Westen sich in irgendeiner Form bemerkbar machte.
1987 war ein Jahr voller Spannungen, aber auch voller trügerischer Normalität. Honecker saß fest im Sattel, auch wenn Gorbatschows Perestroika bereits spürbare Unruhe erzeugte. In der DDR aber galt weiterhin: Reformen fanden höchstens in Parteizeitschriften statt, nicht im Alltag. Jugendkulturen wie Punk, Skinheads oder Gothic wurden weiterhin als „negativ-dekadent“ eingestuft. Die Staatssicherheit betrieb unter dem Begriff „Zersetzung“ systematische Einschüchterung, Observation und Einflussnahme. Trotzdem existierten diese Szenen – kleiner, brüchiger, improvisierter als im Westen, aber gerade deshalb so intensiv.
Ich war damals siebzehn. Mein Freund Norman, ein Jahr älter, besaß die pragmatische Gelassenheit vieler Ost-Jugendlicher: Er erwartete von der Welt wenig und wunderte sich dann, wenn sie doch Überraschungen bereithielt. „Ick sach dir, dit wird eh nüscht“, meinte er, als wir uns nach der Arbeit trafen. „Aber kieken könn wa ja.“
Unser dritter Begleiter – der Freund aus der Thomas-Mann-Straße, nahe Greifswalder Straße – fiel schon aus hundert Metern Entfernung durch seinen schachbrettartig rasierten Haarschnitt auf, der streng genommen ein Verstoß gegen das unausgesprochene ästhetische Regelwerk der DDR war. „Wenn se mir heut wieder auf’n Kopp kieken, is mir ooch egal“, sagte er grinsend, zog die Schultern hoch und stopfte sich die Hände in die Jackentaschen. Individuelle Äußerungen waren möglich, aber stets mit dem Risiko verbunden, daß die falschen Augen sie bemerkten.
Wir machten uns an diesem Nachmittag auf den Weg zum Grenzbereich am Brandenburger Tor, also zum östlichen Pendant des Symbols, das im Westen Bühne, Kulisse und internationaler Sehnsuchtsort war, im Osten dagegen sorgfältig abgeschirmt und politisch aufgeladen. Der Platz vor dem Tor war kein offizieller öffentlicher Raum; er war ein überwachter Geländeabschnitt am antifaschistischen Schutzwall, wie die DDR-Führung die Mauer nannte.
„Schon komisch“, sagte Norman leise, als wir näherkamen. „Eigentlich darfste hier nich mal rumstehen.“
„Stehn wa ja ooch nich“, antwortete der Freund aus der Thomas-Mann-Straße trocken. „Wa warten bloß.“
Dennoch zog es uns dorthin. Nicht wegen Billy Idol, sondern weil ein mögliches Konzert – selbst als Gerücht – eine Art Störung der Ordnung bedeutete. Ein Riss in der täglichen Gleichförmigkeit.
Als wir ankamen, standen bereits mehrere Dutzend Jugendliche dort. Punks, Gruftis, unauffällige Schüler und Berufsschüler, manche mit bemalten Armeehemden aus NVA-Beständen, andere mit selbstgenähten Taschen oder West-Turnschuhen, die durch Kontakte, Tauschgeschäfte oder FDGB-Reisen auf unerklärlichen Wegen in die DDR gelangt waren.
Man hörte gedämpfte Musik aus Kassettenrekordern – englische Bands, mehrfach überspielt, mit dumpfen Höhen und schwankender Geschwindigkeit. Ein Lied von Billy Idol war tatsächlich darunter, wenngleich so verzerrt, daß man die Herkunft eher ahnte als erkannte.
„Is dit jetzt der Idol?“, fragte ein Mädchen mit schwarzem Kajal und skeptischem Blick.
„Keine Ahnung“, antwortete jemand. „Klingt westlich. Reicht doch.“
Die Gespräche waren eher verhalten. Niemand rief Parolen; niemand schien nach einer Konfrontation zu suchen. 1987 war nicht 1989. Die meisten von uns wollten nicht protestieren, sondern einfach dabei sein, falls sich die Ahnung von freier Musik an einem symbolisch aufgeladenen Ort doch irgendwie erfüllen sollte.
Die Ruhe hielt nicht lange.
Die Stasi trat nicht mit Lautstärke, sondern mit Präsenz auf. Zivilkräfte mischten sich unter die Menge, einige Uniformierte erschienen am Rand, Fahrzeuge hielten in unauffälligem Abstand. So verliefen Einsätze häufig: kontrolliert, berechenbar, ohne sichtbare Aggression, aber mit klarer Machtdemonstration.
„Nu pass uff“, murmelte Norman. „Dit kippt gleich.“
Einzelne Jugendliche wurden herausgezogen. Niemand schrie, niemand wehrte sich – die Überraschung und Ungewissheit waren stärker als jede spontane Reaktion. Ich sah, wie unser schachbrett-rasierter Freund angesprochen wurde. Es waren zwei Männer in zivil, sachlich, bestimmt. „Kommen Se mal mit“, sagte einer von ihnen. „Warum denn?“, fragte er noch, nicht laut, eher reflexhaft. „Dit klären wa drinnen“, kam die Antwort. Keine Begründung, keine Erklärung. Nur dieser Tonfall, der in der DDR sofort erkennen ließ, daß Widerstand zwecklos war und daß Diskussionen keine Option boten, die nicht in einem schlechteren Ergebnis endete.
Norman und ich beobachteten die Szene kurz. Dann sahen wir uns an, ohne ein Wort zu sagen. Wir wussten, daß es das Klügste war, sich einfach zu entfernen. Nicht fluchtartig, nicht auffällig. Nur ruhig, kontrolliert, als wären wir ohnehin schon auf dem Rückweg gewesen. Dieses Verhalten war in jenen Jahren eine Art Selbstschutzmechanismus, instinktiv, beinahe erlernt.
„Komm“, sagte Norman schließlich leise. Mehr brauchte es nicht.
Wir gingen Richtung Unter den Linden zurück, ohne stehen zu bleiben. Ein Inoffizieller in Zivil sah uns nach. Sein Blick blieb einen Moment zu lang an uns hängen. Dann wandte er sich ab. Vielleicht wirkten wir zu jung; vielleicht zu uninteressant; vielleicht zu unpolitisch.
Oder er hatte bereits andere Ziele.
Am Ende dieses Tages hatte Billy Idol nicht gespielt, und natürlich hatte kaum jemand ernsthaft damit gerechnet. Aber etwas anderes war geschehen: Ein Moment kollektiver Hoffnung – unscheinbar und doch gefährlich in einem Staat, der selbst harmlose Menschenansammlungen misstraute – war entstanden und ebenso schnell wieder eingegrenzt.
Später, als wir in der S-Bahn saßen und die Stadt in ihrem üblichen Abendgrau an uns vorbeizog, sagte Norman plötzlich: „Weeste, dit is det eigentlich. Du machst nüscht – und trotzdem kannste dran sein.“
Ich nickte. Ich dachte nicht an Billy Idol, sondern an den Freund, der abgeführt worden war.
Und an die Frage, die man in der DDR selten laut stellte: Wie schmal ist der Grat zwischen Alltag und Kontrolle?


 

Die späten 80er und frühen 90er: Musik, Szenen, erste Liebe, Mauerfall, Unsicherheit, Mitläufertum, Gewalt, politische Erfahrungen und die Brandnacht, die alles verändert.

Nach zwei Jahren Lehre war ich längst vertraut mit den Abläufen in der Kaufhalle. Ich kannte die Stammkunden, die Lieferzeiten, die kleinen Verschiebungen im Alltag, wenn plötzlich alle Tomaten wollten, als gäbe es dafür einen unausgesprochenen Grund. Die Arbeit war verlässlich, manchmal eintönig, aber sie hielt die Tage zusammen.
1988 bekam mein Leben einen Riss, zunächst kaum sichtbar. Sabrina. Achtzehn. Langes Haar, ein Lächeln, das mehr versprach, als es einlösen wollte. Ich war zwei Jahre älter und fühlte mich doch weit zurück. Für mich war sie ein großer Schwarm, für sie wahrscheinlich nur „der nette Kollege vom Obst“.
Der Kuss im Frühjahr 1989 kam unerwartet, fast nebenbei, irgendwo zwischen Feierabend und einem viel zu kühlen Abend. Nichts daran war elegant. Und doch hatte er etwas geöffnet, das sich nicht wieder schließen ließ. Danach lief alles weiter wie zuvor, und gleichzeitig war nichts mehr ganz beim Alten.
Im Sommer und Herbst 1989 lag etwas in der Luft, das größer war als wir beide. Es war kein offizielles Etwas, nichts mit Stempel oder Aktenzeichen, eher ein Gerücht mit Beinen. Die Gespräche wurden leiser und zugleich dringlicher, als müsste man Worte sparen für etwas Kommendes, von dem niemand genau wusste, ob es ein Versprechen oder eine Vorladung war. Man sprach nicht über die Dinge, man sprach an ihnen vorbei. Der Subtext hatte Hochkonjunktur.
Auf den Straßen wirkten die Gesichter ungewöhnlich wach, als wären alle aus demselben schlechten Traum erwacht. Die Schritte waren zielstrebiger, auch wenn das Ziel selten klar benannt werden konnte. Man ging eben irgendwohin. Wer stehen blieb, tat das demonstrativ: an Bushaltestellen, vor Schaufenstern mit Waren, die seit Jahren dieselben waren, als hätten sie beschlossen, den Sozialismus auszusitzen.
Die DDR im Jahr 1989 war offiziell stabil. Das stand so in der Zeitung, und wenn es in der Zeitung stand, musste es stimmen. Inoffiziell knirschte es an allen Ecken. Die Republik wirkte wie eine Wohnung, in der man zu lange nicht gelüftet hatte: Man hatte sich an den Geruch gewöhnt, aber nun riss jemand die Fenster auf. Und manche schrien: „Zug!“, während andere erleichtert tief einatmeten.
Abends saß man zusammen, trank Filterkaffee oder etwas, das so hieß, und diskutierte mit gedämpfter Stimme, obwohl der Fernseher laut genug war, um mögliche Mithörer abzulenken. Westfernsehen war dabei weniger verboten als peinlich – man tat so, als schaue man es nur wegen des Wetters. Die Tagesschau wurde kommentiert wie eine fremde Sportart: interessant, aber man kannte die Regeln nicht genau.
Die Kirchen füllten sich, was in einem Staat, der den Atheismus organisatorisch bevorzugte, bereits als subversiv galt. Friedensgebete klangen harmlos, waren es aber nicht. „Frieden“ war ein Wort, das alle mochten, nur nicht jeder auf dieselbe Weise. Draußen warteten Volkspolizisten, geschniegelt, geschniegelt nervös, und taten so, als warteten sie auf den Bus.
Ironischerweise funktionierte in diesen Wochen vieles besser als sonst. Die Züge waren voller, aber pünktlicher. Die Menschen höflicher, fast verschwörerisch freundlich. Man half einander, als wüsste man: Bald zählt das hier nicht mehr als Tugend, sondern als Erinnerung. Selbst die Parolen an den Wänden wirkten müde, als hätten sie selbst Zweifel bekommen.
Niemand sagte offen, daß etwas Großes bevorstand. Man sagte stattdessen: „So kann es ja nicht weitergehen.“ Ein Satz von beeindruckender Elastizität. Er passte in jede Küche, in jedes Treppenhaus, in jedes flüchtige Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich kannten oder auch nicht. Und genau darin lag seine Sprengkraft.
Etwas war unterwegs. Es kam ohne Genehmigung, ohne Planvorgabe, ohne Fünfjahrplan. Und wir standen da, mitten in diesem Sommer und Herbst, mit dem Gefühl, Teil von etwas zu sein, das später einmal in Schulbüchern stehen würde – allerdings in Sätzen, die viel ordentlicher klangen, als es sich tatsächlich anfühlte.Auch in der Kaufhalle spürte man es: längere Pausen zwischen den Sätzen, mehr Blicke zur Tür, als erwarte man, daß sich etwas verschob.
Ich stand am Obststand, wog Äpfel ab und dachte an Sabrina, an diesen einen Kuss, der mir gezeigt hatte, daß sich Dinge ändern konnten, selbst dann, wenn man nicht wusste, wohin. Während draußen die Welt begann, ihre Richtung zu wechseln, lernte ich im Kleinen, daß auch mein Leben nicht auf ewig im gleichen Takt bleiben würde.

Am 7. Oktober 1989 wurde Berlin selbst zum Schauplatz eines Romans, den niemand von uns geschrieben hatte und den doch alle miterlebten. Die Stadt erzählte sich plötzlich selbst, in hastigen Szenen, auf offener Straße, zwischen Hoffnung und Angst, und wir waren Figuren darin, ohne zu wissen, welche Rolle man uns zugedacht hatte. Ich war mit dem Sohn einer Arbeitskollegin unterwegs, ein stiller, wacher Typ, der die Lage schon ahnte, bevor ich den Mut hatte, darüber nachzudenken. Am Alexanderplatz formierte sich aus einer losen Menschentraube eine Demonstration wie ein Fluss, der plötzlich aus einer engen Furche hervorbricht. Wir liefen mit, anfangs unsicher, dann immer entschlossener.
„Glaubste, dit bringt wat?“, fragte er neben mir, ohne den Blick von der Menge zu nehmen.
„Wenn wir nich laufen, bringt’s jedenfalls jar nüscht“, antwortete ich.
Die Route führte Richtung Nikolaiviertel. Am Palast der Republik standen die ersten Polizeisperren wie dunkle Tore. Die Menge blieb nicht stehen. Wir bogen über die Grünanlage ab, schoben uns über feuchtes Herbstgras, bis wir die Karl-Liebknecht-Straße erreichten. Die Luft war kühl, aber elektrisch vor Spannung.
In Richtung Prenzlauer Berg wuchs die Masse an Menschen, Stimmen, Transparente, irgendwo rief jemand immer wieder denselben Satz, der auf einmal allen gehörte: „Keine Gewalt!“ Polizeiketten und FDJ-Ordner wurden nicht angegriffen, sondern schlicht zur Seite geschoben wie Hindernisse auf einem Weg, von dem man lange wusste, daß er eigentlich frei sein müsste.
Eine Straßenbahn kam ratternd zum Stehen, mitten in der wogenden Menge. Der Fahrer öffnete die Türen... Die Demonstranten waren überall. Menschen an den Fenstern, die herauskletterten, einer rief nach unten: „Ick steig jetzt aus, sonst komm ick heut nich mehr zur Oma!“ Lachen ging durch die Menge, ein heller Moment in einem dunklen Kapitel. Die Leute halfen ihm herunter, und er reihte sich mit einer Selbstverständlichkeit ein, als hätte er die Demo seit Wochen geplant.
Je weiter wir Richtung Prenzlauer Berg kamen, desto härter wurde die Realität. Dort standen plötzlich Reihen von Polizisten, martialisch, angespannt, mit Blicken, die alles im Voraus verurteilten. Räumpanzer warteten wie unbewegliche Drohungen an der Seite, und die Sirenen schienen den Puls der Straße zu übernehmen.
„Wenn wir hier durchkommen, schreibste darüber mal’n Buch“, sagte der Sohn meiner Kollegin halb scherzhaft.
„Wenn wir hier durchkommen, kauf ick uns erst mal ’ne Bockwurst“, gab ich zurück.
Die Menschenjagd, die folgte, riss Lücken in die Menge. Schreie, Rennen, das Schlagen von Stiefeln auf Asphalt. Wir hatten Glück. Vielleicht war es Instinkt, vielleicht Zufall, aber wir bogen rechtzeitig in eine Seitenstraße ab und fanden uns plötzlich im Dämmerlicht einer fast gespenstisch ruhigen Straße wieder. Niemand folgte uns.
Wir gingen schweigend. Jeder wusste, daß Worte das Erlebte nur verdünnen würden.
Erst an der nächsten Kreuzung sagte er leise: „Ick glaube, dit war erst der Anfang.“
Und er hatte recht. Der Abend blieb ohne Folgen für uns, aber nicht für das Land. Während wir nach Hause liefen, begann etwas zu bröckeln, was Jahrzehnte unerschütterlich gewirkt hatte. Die Stadt vibrierte, als hätte sie begriffen, daß die Zukunft schon vor der Tür stand und nicht länger anklopfen würde.

Damals dachte ich, man könne einfach durch die Jahre stolpern, ohne daß sie Spuren hinterlassen. Berlin war grau, aber vertraut. Die DDR war kein politischer Begriff für mich, sondern schlicht der Rahmen, in dem man sich bewegte. Es gab Regeln, die man kannte, und Grenzen, die man entweder hinnahm oder ignorierte — mehr nicht.
Ich arbeitete in der HO-Kaufhalle als Fachverkäufer, „Fachverkäufer“ – ja, das klang bedeutender, als es war. Regale einräumen, Kisten stemmen, Pausen, die länger sein sollten, und Abende, an denen man sich fragte, ob das alles schon der Anfang des Erwachsenseins war. Ich war unpolitisch, eher unbedarft. Weder überzeugt von irgendwas, noch innerlich rebellisch. Ich trieb einfach mit.
Doch irgendwo im Hintergrund rumorte eine Unruhe, die ich noch nicht benennen konnte. Ein Gefühl, daß sich etwas ankündigte, das größer war als wir alle.

Die Wende kam nicht wie ein Triumphzug, sondern wie ein Stromausfall. Plötzlich war alles anders, und doch fühlte sich vieles fremd an. 1990 war ein Jahr, das nach Orientierungslosigkeit roch – nach Asphalt, nach dem Rauch der alten Fabriken, nach den Stimmen der Menschen, die wir kannten und die plötzlich auf einmal alles hinterfragten. Alles schien möglich, und doch schien nichts wirklich sicher. Die alten Sicherheiten waren weg, und die neuen musste man erst erraten wie Sterne am wolkenverhangenen Himmel.
Ich sah auf die Straßen, die ich seit meiner Kindheit kannte, und erkannte sie kaum wieder. Plakate, die uns Orientierung gaben, waren abgerissen oder überklebt, und in Schaufenstern standen Dinge, die wir vorher nur aus westlichen Filmen kannten: Jeans, bunte Zahnpasten, Limonaden in Glasflaschen. Alles schillerte, alles lockte – aber vieles wirkte leer, als hätte es keine Wurzeln hier.
Und doch spürte ich in mir eine andere Stimme: die Stimme der Heimat, der Stadt, die mich geprägt hatte. Ostberlin war meine Stadt, mit ihren grauen Plattenbauten, den weiten Straßen und den versteckten Grünflächen. Ich spürte Stolz auf das, was wir aufgebaut hatten, auf unsere Nachbarschaften, unsere Schulen, unsere Kinos, unser Theater. Manche redeten vom „Besseren Westen“, aber mir wurde klar, dass unsere Werte, unsere Kultur und unsere Gemeinschaft nicht einfach von außen ersetzt werden konnten.
Die Freiheit, die plötzlich da war, fühlte sich zwiespältig an. Wir durften alles wählen, aber vieles erschien bedeutungslos ohne die Bindung zu dem, was wir kannten. Freunde zogen weg, manche wollten den Westen sehen, andere wollten bleiben – und ich wollte bleiben. Ich wollte nicht, dass unsere Stadt und unsere Geschichte in einer neuen Hektik untergingen, dass das, wofür wir gelebt hatten, verschwindet.
Ich dachte: Wir stehen mitten in der Geschichte, und wir werden sie selbst schreiben müssen. Nicht als Marionetten fremder Mächte, sondern als Ostberliner, die wissen, was ihre Stadt wert ist. Die Welt mag sich verändern, die Geschichte mag uns drängen, aber wir tragen unsere Heimat in uns – und das ist stärker als jeder Stromausfall, der plötzlich über unser Leben hereinbricht.
In dieser Zwischenzeit landete ich in Johannisthal. Ein leerstehendes Haus, unsaniert und zugig, aber offen für alle, die einen Platz suchten – oder glaubten, keinen zu haben.
„Komm rein, hier ist Platz für dich“, sagte Andreas, als er die rostige Tür aufstieß. „Wir kriegen das schon hin.“
Am Anfang war es ein Abenteuer: dunkle Flure, kaputte Fenster, Räume, die nach Farbe und Geschichten schrien. Menschen aus der Gegend, Jugendliche mit Energie, die sonst nirgendwo hinfloss, trafen hier aufeinander. Wir lachten, diskutierten, machten Musik, malten Wände, reparierten Möbel. Jeder brachte etwas ein – Ideen, Tatkraft, Mut.
Wir wurden eine gute Truppe: Organisiert, sicher in ihrem Auftreten, mit eigenen Parolen und Musik, die eine klare Richtung vorgab. Ich war kein überzeugter Anhänger, aber ich merkte schnell: Wer dazugehören wollte, musste sich bewegen, manchmal mitmachen, manchmal schweigen.
„Pass auf, daß du nicht ins Falsche abrutschst“, sagte Andreas einmal leise, während wir Flugblätter betrachteten, die an der Wand hingen. „Aber hey, wir sind hier, um unseren Platz zu finden, nicht um jemand anderem zu dienen.“
Ich nickte, unsicher, aber neugierig. Es war eine Mischung aus Faszination und Vorsicht. Ich redete mir ein, ich sei nur „Teil der Gruppe“, doch in Wahrheit war ich mehr: ein Zahnrad in einem Mechanismus, den ich mit antrieb.
Zwischen August und dem 3. Oktober 1990 war ich fast täglich dort. Das Haus wurde ein Treffpunkt, ein Ort der Zuflucht, aber auch ein Ort, an dem man lernte, Grenzen wahrzunehmen – die eigenen und die der anderen. Ich konnte lachen, mich ausprobieren, Musik machen, diskutieren – und dabei die politische Realität beobachten, die um uns herum wirkte.
„Du bist anders, aber du gehörst trotzdem dazu“, sagte Andreas einmal, als wir gemeinsam ein altes Bett zusammenbauten. „Man kann immer wählen, wie man sich bewegt – auch wenn die Welt um einen herum stürmt.“

Ich spürte es: Ich war Teil von etwas Lebendigem, voller Energie, voller Möglichkeiten. Auch wenn die rechte Szene ein Teil davon war, lag die Entscheidung bei mir, welche Richtung ich wählte. Ich konnte wählen, wie ich mich einbringen wollte – für Gemeinschaft, für meinen Platz in dieser neuen Zeit, für ein Land, das gerade erst lernte, frei zu sein.
Es war ein Gefühl, das ich lange nicht gespürt hatte: Stolz auf das, was wir schaffen konnten, Verantwortung für das, was wir mitgestalteten. Wir reparierten, bauten auf, lachten und stritten, und doch spürte man die Kraft des Zusammenhalts. Ich begriff, daß es nicht nur um mich ging, sondern um das, was wir als Gruppe, als junge Generation in diesem Land, bewegen konnten.
Manchmal stand ich am Fenster, sah die Straßen von Johannisthal, die noch leer und verwirrt wirkten, und dachte: Hier kann etwas Neues wachsen. Ein Platz, der uns gehört, ein Ort, an dem wir zeigen, daß wir gestalten können – nicht nur für uns selbst, sondern für die Gemeinschaft um uns herum.
Und zum ersten Mal seit Langem fühlte sich alles möglich an: spannend, lebendig, richtig. Ein Stolz, leise und tief, wie der Atem eines Landes, das sich neu entdeckte, und das ich auf meine Weise mit aufbauen konnte. Ich war nicht nur Mitläufer – ich war jemand, der sich einbrachte, der entschied, welche Werte er leben wollte, und der begriff, daß Verantwortung und Engagement die Basis waren, auf der man eine Zukunft aufbauen konnte.

 

Fußballträume in der Ex-Mauerstadt… Und was sonst noch passierte...

Es war einer dieser Tage, die man nicht vergisst – auch wenn man es manchmal lieber würde.
Der 26. Mai 1990. Die alte Welt bröckelte längst, die DDR-Oberliga war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Aber für uns, die wir noch im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark standen – ging es immer noch um alles. Um Ehre. Um unseren Verein: BFC Dynamo.
Und dann kam FC Erzgebirge Aue.
Die Stimmung? Roh, trotzig, angespannt. Gerade mal ein paar hundert – aber die, die da waren, waren laut. Und wir wollten sehen, dass die Mannschaft kämpft.
Doch schon in der 22. Minute der Nackenschlag: Harald Mothes trifft zum 0:1. Stille? Kurz. Dann Wut. Gebrüll. „Auf geht’s Dynamo!“
Und tatsächlich: Nur fünf Minuten später zeigt einer, der für uns immer ein Lichtblick war, was möglich ist: Thomas Doll. 27. Minute – Ausgleich! 1:1!
Die Kurve explodiert. Fahnen hoch, Fäuste in der Luft. Dynamo! Für einen Moment war alles wieder da – das alte Gefühl.
Doch nach der Pause… etwas kippte.
Man merkte es. Die Körpersprache. Die Abstimmung. Die Härte fehlte. Vielleicht lag es an dieser verrückten Zeit – keiner wusste, wie es weitergeht. Spieler weg, Zukunft unklar. Aber auf dem Platz darf das keine Rolle spielen – zumindest nicht für uns auf den Rängen.
In der 78. Minute dann das 1:2 durch Steffen Krauß. Und plötzlich war es stiller. Nicht ruhig – sondern dieses brodelnde, gefährliche Schweigen.
Dann kam die 88. und 89. Minute. Ein Doppelpack von John Bemme, eingewechselt – und er zerlegt uns innerhalb von Sekunden: 1:3, 1:4. Das war kein Spiel mehr. Das war ein Zusammenbruch. Wir standen hinter Leuten wie Thomas Doll oder Rainer Ernst – alles keine Namen, die uns egal waren.
Aber an diesem Tag? Hat es nicht gereicht.
Die Wechsel – Strecker zur Halbzeit, Dirk Anders später – brachten auch keine Wende.
Was bleibt, ist schwer zu beschreiben. Es war nicht nur die Niederlage. Wir haben schon Spiele verloren. Aber das hier fühlte sich anders an. Wie ein Ende. Die Liga stirbt. Der Fußball verändert sich. Und unser BFC – einst Serienmeister – wirkt plötzlich wie ein Verein ohne Richtung.
Trotzdem: Niemand ist früher gegangen. Wir sind geblieben. Bis zum Abpfiff. Weil man das so macht. Weil es unser Verein ist.

Gegen Wismut Aue 1:4 verloren. So hat dieser Samstag angefangen – und eigentlich war damit schon alles gesagt. Dieses Ergebnis hat sich eingebrannt, noch bevor wir überhaupt richtig aus dem Stadion raus waren. Frust, Wut, Enttäuschung – genau die Mischung, die sich in der Kurve aufstaut und irgendwann ihren Weg nach draußen findet.
Heimspieltag beim BFC Dynamo. Für viele immer noch dieser „Stasi-Club“, für uns einfach unser Verein. Unsere Farben, unsere Leute, unser Block. Es war Nachmittag, dieses klare, harte Licht, das nichts beschönigt. Schon im Cantianstadion hast du gemerkt, dass es heute anders ist. Die Stimmung war von Anfang an geladen, nicht nur laut, sondern aggressiv, gereizt. Jeder Gegentreffer hat tiefer gesessen, und nach dem vierten war klar: Das wird heute nicht einfach so verpuffen.
Nach dem Abpfiff war da keine Leere, sondern Druck. Als würde sich alles noch weiter aufbauen. Und dann setzt sich das in Bewegung.
Erst einzelne Gruppen, dann immer mehr, bis wir ein richtiger Zug sind. Am Ende rund dreihundert von uns – „negative Anhänger“, wie sie uns nennen. Für uns einfach Leute aus der Kurve. Vom Jahnsportpark geht es Richtung Alexanderplatz, getragen von diesem gemeinsamen Gefühl, das irgendwo zwischen Frust und Zusammenhalt liegt.
Es dauert nicht lange, bis es knallt. Scheiben gehen zu Bruch, ein Kleinbus wird umgestürzt, Autos werden beschädigt. Es passiert schnell, fast automatisch. Keiner gibt groß Anweisungen – es ist einfach da, dieses Ventil, das sich öffnet.
Die Polizei ist vorbereitet. Schon rund ums Stadion standen sie in voller Montur, Schilde, Helme, Schlagstöcke. Auch an den U-Bahnhöfen der Linie A sind sie präsent, überall Blicke, überall Kontrolle. „Zum Schutz der unbeteiligten Bürger“, sagen sie. Für uns wirkt das wie ein Netz, das sie um uns ziehen wollen.
Aber wir gehen weiter.
Ziel ist das Marx-Engels-Forum, dieser offene Raum zwischen dem Palasts der Republik und dem Fernsehturm. Ein Ort, der groß und leer wirkt – perfekt, um sich zu sammeln. Und genau das tun wir.
Was dann passiert, geht schnell. Sehr schnell.
Innerhalb von vielleicht drei Minuten formen rund zweihundert von uns auf etwa 250 Quadratmetern ein lebendes Hakenkreuz, kaum zu glauben aus heutiger Sicht. Keine Unordnung, kein Zufall. Jeder findet seinen Platz. Schulter an Schulter, eng, konzentriert. Für einen Moment ist es ruhig – zumindest im Kopf. Du spürst nur noch die anderen neben dir, dieses Wir, das größer ist als jeder Einzelne.
Ein Sprecher der Polizei soll später gesagt haben, er habe so etwas noch nie gesehen. Dass das durchorganisiert sei, bis ins Detail. Vielleicht stimmt das aus seiner Sicht. Für uns ist es einfach das, was passiert, wenn eine Kurve zusammensteht und jeder weiß, wo er hingehört.
Zwischen all dem Beton, dem Fernsehturm, der Geschichte dieses Ortes wirkt dieses Bild fast surreal: ein Verein aus Ost-Berlin, ein alter Name, ein neuer Ausdruck von Zusammenhalt mitten im Zentrum der Stadt.
Später im Nikolaiviertel greifen sie durch. 21 Festnahmen. Messer, Schlagringe, Reizgasspray werden sichergestellt. Zahlen, die sie später nennen werden. Für uns sind das Leute, die eben noch neben dir standen.
Und trotzdem bleibt etwas.
Dieses Brennen nach dem Spiel, nach der Niederlage, nach allem, was danach kam. Dieses Gefühl, dass es mehr ist als nur Fußball – auch wenn genau da alles seinen Anfang nimmt.
Gegen Wismut Aue 1:4 verloren. Das Ergebnis steht. Aber das, was danach passiert ist, gehört genauso zu diesem Tag.
Nächstes Heimspiel kommt. Und wir auch…

 

Oktober 1990. Bahnhof Lichtenberg.
Die Vorhalle liegt unter einer grauen Glocke aus Beton. Kälte hängt in der Luft, kriecht vom Boden hoch, sammelt sich an den Knöcheln. Es riecht nach nassen Jacken, Rauch und Metall. Schritte hallen, kommen verzerrt zurück, verlieren sich irgendwo über unseren Köpfen. Ich stehe still, die Hände tief in den Taschen, Schultern leicht nach vorn. Warten heißt hier nicht stehenbleiben. Warten heißt angespannt bleiben. Menschen schieben sich an uns vorbei. Taschen, Aktentaschen, müde Gesichter. Sie sehen durch uns hindurch oder sehen weg. Manche wechseln die Seite. Keiner sagt etwas. Ich weiß, wie wir wirken. Kurz geschoren. Stiefel. Jacken zu schwer für die Jahreszeit. Für andere sind wir ein Bild. Für mich sind wir einfach da. Skins, Faschos, Hooligans – die Schubladen, in die man uns damals steckte, waren so eng wie die Wege, die wir durchs Leben suchten.
Neben mir Jens. Er sagt nichts. Atmet flach. Tom lehnt an einer Säule, grinst. Kein offenes Grinsen, eher ein Zug um den Mund, als wüsste er etwas, das gleich passieren wird. Ich sage nichts. Worte bringen hier nichts.
Wir warten auf den richtigen Moment. Nicht auf ein Zeichen. Auf ein Gefühl. Wenn es da ist, geht es los. Die Bahn fährt ein. Metallisches Kreischen. Türen öffnen sich. Warme Luft schlägt uns entgegen. Wir steigen ein, setzen uns nicht. Stehen nah beieinander. Niemand redet. Die Scheiben spiegeln unsere Gesichter. Meines erkenne ich kaum. Es ist flach. Glatt.
Altglienicke. Der Bahnsteig ist fast leer. Die Stadt wirkt hier dünner, löchriger. Zwischen den Häusern liegt Dunkelheit. Wir gehen los. Nicht hastig, nicht langsam. Gleichmäßiger Schritt. Die Straße Am Seegraben zieht sich wie ein Band. Der Asphalt glänzt leicht, speichert noch Wärme. Ich höre meine Stiefel, den Atem der anderen, sonst nichts.
Dann die Wohnwagen. Sie stehen eng zusammen, als hätten sie Schutz gesucht. Metallkästen auf Asphalt. Gardinen in den Fenstern. Licht hinter Stoff. Schatten, die sich bewegen. Jemand ist wach. Jemand lebt hier. Das ist offensichtlich.
Wir bleiben stehen. Kein Kreis, keine Ordnung. Einfach nebeneinander. Ich ziehe die Kapuze tiefer, greife in die Tasche, ziehe die Maske hervor. Setze sie auf. Der Stoff riecht nach Schweiß und Staub. Mein Blickfeld wird enger. Ich mag das.
„Jetzt“, sagt jemand leise.
Ich bücke mich, hebe einen Stein auf. Er liegt gut in der Hand. Rau. Kalt. Ich werfe ihn ohne zu zögern. Das Fenster platzt sofort. Ein scharfer, heller Knall. Splitter fliegen. Der Klang geht mir direkt in den Körper. Ich nehme den nächsten Stein. Wieder Glas. Wieder dieses Geräusch. Es ist klar, eindeutig. Kein Widerstand. Kein Zweifel.
Ich gehe näher heran. Der Boden ist uneben. Ich spüre es kaum. Ich greife nach dem Holzknüppel. Das Gewicht ist vertraut. Ich hole aus und schlage gegen die Seite eines Wohnwagens. Metall gibt nach. Nicht viel, aber genug. Noch ein Schlag. Der Klang ist dumpfer als Glas. Tiefer. Ich schlage wieder. Und wieder.
Ich weiß, dass jemand drin ist. Ich weiß es die ganze Zeit. Ich denke nicht darüber nach. Es ist Teil der Situation, nicht mehr. Neben mir fliegen Steine. Holz trifft Metall. Glas zerspringt. Niemand schreit Befehle. Niemand lacht. Niemand redet. Es ist konzentriert. Fast ruhig.
Zwischen zwei Wohnwagen sehe ich eine Gestalt. Klein. Schnell. Vielleicht ein Kind. Vielleicht nicht. Sie ist sofort wieder weg. Ich halte nicht inne. Ich schlage weiter. Ich merke, dass ich härter schlage, als nötig wäre. Ich höre nicht auf, obwohl der Widerstand geringer wird.
Ich höre nichts anderes mehr. Kein Schreien, keine Stimmen. Nur das, was wir machen. Der Lärm füllt alles aus. Es gibt keinen Raum für etwas anderes.
Dann Schritte. Stimmen in der Ferne. Kurz. Scharf. „Raus hier.“
Ich lasse den Knüppel fallen und renne. Meine Beine reagieren sofort. Ich greife nach der Maske, ziehe sie vom Gesicht, stopfe sie in die Jacke. Mein Atem ist schnell, aber gleichmäßig. Ich stolpere nicht. Die Dunkelheit nimmt uns auf.
Ein paar Straßen weiter Blaulicht. Taschenlampen. Wir bleiben stehen. Tun nichts Unnötiges. Die Polizisten stellen Fragen. Name. Alter. Adresse. Ich antworte. Meine Stimme klingt normal. Als würde ich erklären, wie spät es ist.
Sie sehen uns an. Nicht überrascht. Nicht wütend. Routine.
Skinheads, sagen sie. Sachbeschädigung. Täterbeschreibung.
Sie bringen die Leute aus den Wohnwagen dazu, uns anzusehen. Ich halte den Blick ruhig. Niemand sagt meinen Namen. Niemand zeigt auf mich. Nach einer Weile nicken die Polizisten, schreiben etwas auf, geben uns die Ausweise zurück.
Wir dürfen gehen.
Jemand macht einen Kommentar. Irgendwas Belangloses. Ich höre nicht richtig hin. In meinem Kopf ist nur noch dieses Geräusch. Glas. Immer wieder Glas. Kein Bild. Kein Gesicht. Nur Klang.
Am nächsten Tag lese ich die Zeitung. Maskierte Täter. Mehrere Wohnwagen beschädigt. Keine Verletzten. Sachlich. Kurz. Mein Name steht nicht da. Ich erkenne mich nicht wieder.
Ich falte die Zeitung zusammen und lege sie weg.
Ich weiß, dass ich wieder hingehen würde, wenn sich die Gelegenheit ergibt.
Ich sagte mir, dass wir nur Dinge kaputtgemacht hatten. Menschen? Statisten. Die Wohnwagen, die Familien, die Angst – alles Nebensache. Ich spürte nichts. Und wenn doch, schob ich es weg. Gefühle sind Luxus. Moralisches Nachdenken ein Hindernis. Wer Regeln bricht, muss Chaos erwarten. Wir hatten unser Ding gemacht. Selbstreflexion? Unnötig. Alles andere störte nur.
Die Nacht verging. Spuren verblassten. Ich fühlte mich… unberührt. Wie ein Regisseur, der seinen eigenen Film sah – kalt, abgebrüht, ungestört. Die Welt konnte schreien, leiden, fallen – und ich blieb Zuschauer. So wollte ich es behalten.

 

Berlin riecht nachts anders. Schärfer. Metallischer. Als hätte die Stadt irgendwo tief in ihren Rohren eine Wunde, aus der langsam Rost und Erinnerungen sickern. Wenn ich heute durch Treptow gehe, erkenne ich vieles nicht wieder – und doch alles. Die Straßen sind neu gepflastert, die Fassaden glattgezogen, aber unter dem Asphalt liegen die Jahre wie eine zweite, unsichtbare Schicht. Und wenn ich lange genug laufe, höre ich sie wieder.
Manchmal bleibe ich auf der Brücke am Schlesischen Tor stehen und schaue auf die Spree, wie sie schwarz und träge unter mir vorbeizieht. Das Wasser hat dieselbe Farbe wie damals, dieser tiefdunkle Ton, der nichts verrät. Berlin fließt nicht – es schleppt sich, wie ein Tier, das zu viele Narben trägt. Und ich frage mich, wie viele davon ich hinterlassen habe.
Es gibt Nächte, in denen ich das Gefühl habe, die Stadt beobachtet mich.
Nicht die Menschen – die Mauern.
Die alten Brücken, die Tunnel, die Hinterhöfe, die ich kannte, als meine Schritte noch lauter waren als meine Gedanken.
In Schöneweide, wo die Neonröhren früher flackerten wie kranke Sterne, scheint das Licht jetzt gleichmäßig. Aber ich sehe immer noch die Schatten der S-Bahnsteige, in denen ich stand, bevor ich wusste, daß ein Leben auch anders aussehen kann.
In Gedanken gehe ich bis zur Brücke an der Nalepastraße, wo der Wind so kalt ist, daß er einen reinigen könnte – wenn es dafür nicht längst zu spät wäre.
Ich trage diese Stadt in mir wie eine Urkunde, die nie beglaubigt wurde. Ausgestellt auf einen Jungen, der glaubte, irgendwo dazugehören zu müssen, und dabei Orte suchte, an denen er sich selbst verlor.
Es gibt Dinge, die lassen sich nicht begraben, auch nicht auf den größten Friedhöfen dieser Stadt. Ich habe es versucht – mit Arbeit, mit Wut, mit Betäubung, mit Weglaufen. Doch Berlin ist eine Stadt, die Gräber wieder ausspuckt, wenn die Zeit reif ist.
Ich erzähle meine Geschichte, weil ich nicht mehr fliehen will.
Weil man irgendwann den Schatten anschauen muss, den man wirft. Weil die Straßen, durch die ich damals lief, noch in meinen Knochen sitzen.

Dies ist kein Bekenntnisroman. Kein Entschuldigungsbuch.
Dies ist der Versuch, die Risse zu zeichnen, bevor sie in Vergessenheit geraten.
Die Stadt hat mich geformt, gelockt, verführt, verschluckt – und irgendwann ausgespuckt.
Was blieb, war ich. Und der Weg zurück durch all die Jahre, die unter dem Asphalt liegen.
Dies ist mein Gang durch Berlin. Und durch das, was ich darin geworden bin.

 

Weiter im Text...
 

Es war die Sommersonnenwende 1990. Die Nationalistische Front, eine ultrarechte Kadertruppe hatte geladen, und wir gingen zu Fuß über den Grenzübergang Eisleben. Das Kopfsteinpflaster knirschte unter unseren Schuhen, jeder Schritt hallte wie ein leiser Widerhall durch die leeren Straßen. Die Luft roch nach Staub und Diesel, und die Sonne brannte schon früh auf unsere Rücken. Die DDR-Grenzer standen schweigend da, Blicke kurz und flüchtig, wie prüfende Schatten. Niemand fragte nach Papieren, niemand sagte ein Wort. Wir schritten vorbei, eine seltsame Mischung aus Nervosität und Ehrfurcht im Nacken. Alles wirkte gleichzeitig vertraut und fremd, als hätten wir einen Riss in der Zeit selbst betreten.

Der Bundesgrenzschutz patrouillierte zwischen den Kontrollhäuschen, die Uniformen glänzten matt in der Sonne, die Handschuhe klebrig vom Schweiß. „In eurer Gegend wird sich ein Neonazitreffen zusammenfinden“, informierte uns ein Beamter, während er die Papiere auf dem Metalltisch sortierte. Die Stimme war ruhig, aber wir konnten uns ein leises Grinsen kaum verkneifen. „Wir passen auf“, sagten wir, mehr aus Höflichkeit als aus echter Sorge. Schließlich waren wir selbst volkstreu – die Warnung wirkte eher wie ein absurdes Ritual, das wir freundlich zur Kenntnis nahmen.
Wir gingen weiter, die Augen halb am Himmel, halb auf den Straßen. Die Grenze war nur ein schmaler Streifen Asphalt, aber an diesem heißen Sommertag 1990 schien sie eher ein Ort der Routine und kleinen Absurditäten zu sein – eine Warnung, die keiner wirklich ernst nehmen musste.

Mein Herz klopfte schneller, ein merkwürdiges Kribbeln fuhr durch meinen Körper – alles war aufregend und irgendwie gefährlich.
„Glaubst du, das klappt wirklich?“ flüsterte einer meiner Freunde.
„Klar“, sagte ich, „wir kommen schon durch.“
Wir liefen weiter, die Grenze hinter uns lassend, und spürten die Spannung in der Luft. Es ging nach Rottenbach, zu dem kleinen Lokal Auerhahn, wo die Sonnwendfeier stattfinden sollte. Als wir ankamen, sah ich schon von weitem die Feuer, die im Dunkeln flackerten, hörte das Lachen und Singen, das durch die Nacht hallte. Rauch stieg in die Luft, mischte sich mit dem Geruch von Bier, Holzfeuern und Erde.
Christian S. kam auf uns zu, grinste, und reichte mir die Hand:
„Na, ihr seid also die Neuen. Kommt rein, setzt euch.“
Ich nickte stumm, zu aufgeregt, um zu antworten. Menschen drängten sich ums Feuer, einige tanzten, andere stießen in Biergläser an, während Trommeln im Hintergrund ein seltsames, archaisches Gefühl erzeugten. Ich stand mitten in der Menge, spürte die Hitze des Feuers auf meiner Haut, das Kribbeln der Musik in meinen Händen und Füßen, die Blicke der Leute auf mir.
„Komm, Rico, tanz mit uns!“ rief jemand.
Ich zögerte kurz, dann ließ ich mich von der Energie mitreißen, drehte mich im Kreis, die Stimmen, Lachen, das Knistern der Feuer und das Rufen der Leute verschmolzen zu einem Wirbel, der alles um mich herum überlagerte. Es war, als wäre dieser Tag nur für uns gemacht, als hätte sie uns eingeladen, alles hinter uns zu lassen und nur zu fühlen. Später spielte Frank Rennicke im Lokal, und das Bier floss tatsächlich in Strömen – nicht bildlich, sondern ganz praktisch, über klebrige Holztische, durch hastig gewischte Lappen und in Kehlen, die an diesem Abend nichts anderes mehr vorhatten. Der Raum war niedrig, die Luft dick, und irgendjemand hatte beschlossen, daß Lüften überschätzt werde.
Ich genoß die Stimmung. Und an Stimmung mangelte es nicht. Man lachte laut, klopfte sich gelegentlich auf die Schulter, und selbst Fremde wirkten plötzlich wie alte Kameraden, was teilweise weniger an innerer Verbundenheit lag als an der dritten Halben.
Der Mann auf der kleinen Bühne sang Lieder, die sich tief ins Ohr und ins Herz bohrten. Einfach gebaut, geschickt gereimt, getragen von Melodien, die etwas Ursprüngliches berührten. Seine Lieder klangen ehrlich, irgendwie roh, und doch merkte man, daß da jemand mit viel Herz bei der Sache war. Ich ertappte mich, wie ich zunächst nur zuhörte, dann mitsummte, und irgendwann plötzlich laut mitsang, ohne daß es wirklich jemanden störte, weil viele mittaten. Ich wusste damals schon, daß da mehr mitschwang als nur Musik. Die Texte ergriffen mich im wahrsten Sinne des Wortes.
Ich erinnere mich daran, wie mir später, viel später, dieselben Melodien und Texte wieder einfielen – auch zu unpassenden Momenten, beim Abwasch oder auf Arbeit.
Das ist das Gemeine an Musik: Sie speichert sich nicht zusammen mit Fußnoten.
Manchmal, ja, kommen mir noch heute die Tränen, wenn diese Lieder in meinem Kopf auftauchen… Diese Erinnerung begleitet mich als leise Stimme, die sagt: „Sei was du willst auf dieser Welt, aber das, was du bist, habe den Mut ganz zu sein.“
Und genau das ist ihr Wert.
Später, als wir wieder den Rückweg antraten, gingen wir erneut zu Fuß über den Grenzübergang Eisleben. Die Stille auf dem Kopfsteinpflaster wirkte fast surreal nach diesem Rausch aus Feuer, Musik und Menschen. Ich spürte noch immer das Kribbeln in meinen Händen, den Nachhall der Stimmen in meinen Ohren.

 

Am Ende des Jahres stand ich in einem kleinen Copyshop in der Edisonstr. in Ost-Berlin. Der Raum war eng, stickig und erfüllt vom Geruch heißer Kopierer und frischem Toner. Hinter dem Tresen stapelten sich Papierkartons, daneben klebten vergilbte Preislisten an der Wand. Zwischen Schneidemaschine, Heftklammern und überquellenden Papierkörben lagen unsere Flugblätter der sogenannten Deutschen Offensive – selbsterdachte nationale Opposition, hektisch formulierte Texte gegen alles, was uns damals eng und falsch vorkam.
Der Kopierer ratterte ununterbrochen. Ich faltete, sortierte, druckte Blatt um Blatt, bis meine Finger schwarz von Druckerschwärze waren. Neben mir stand Christian, die Hände in den Jackentaschen.
„Rico, das kann richtig Ärger geben.“ Ich sah kaum auf. „Egal“, sagte ich. „Wir kriegen das fertig.“
Damals klang das größer, entschlossener, als wir eigentlich waren. Zwei Jungs in einem kleinen Laden zwischen Papierstapeln und Neonlicht, die glaubten, ein paar hundert Blätter könnten irgendetwas verändern. Aber genau das machte den Reiz aus. Dieses Gefühl, etwas Verbotenes oder wenigstens Unerwünschtes zu tun. Nicht nur zuzusehen, sondern selbst Spuren zu hinterlassen.
Die Verkäuferin vorne im Laden tat so, als würde sie nichts bemerken. Vielleicht wollte sie es wirklich nicht wissen. Ab und zu kam jemand herein, um Bewerbungen zu kopieren oder ein Fax zu schicken, während wir hinten weiter unsere Stapel produzierten. Jedes Mal wurden wir stiller, bis die Tür wieder zufiel.
Stundenlang arbeiteten wir uns durch das Papier. Der Kopierer wurde heiß, das Licht flackerte leicht, und draußen zog langsam der Abend über die Straße. Als die Stapel endlich fertig waren, packten wir sie in alte Stoffbeutel und Rucksäcke. Vielleicht fünfhundert Exemplare. Vielleicht mehr. Es fühlte sich an wie eine geheime Operation, obwohl wahrscheinlich niemand wirklich auf uns achtete.
In den nächsten Nächten zogen wir durch die Häuserblocks. Wir warfen die Flugblätter in Briefkästen in Schöneweide, Johannisthal, Baumschulenweg, später auch weiter Richtung Treptow und Niederschöneweide. Manche Haustüren klemmten, andere standen offen. Das metallische Klacken der Briefkastenschlitze hallte durch die Treppenhäuser. Einmal hörten wir Schritte und rannten lachend drei Etagen nach unten, als wären wir Schwerverbrecher.
Vor den Plattenbauten standen abgestellte Wartburgs und alte Fahrräder, irgendwo lief leise ein Fernseher hinter Gardinenlicht. Der Wintergeruch aus Kohleöfen hing zwischen den Häusern. Wir zogen Nacht für Nacht weiter, von Eingang zu Eingang, die Taschen langsam leichter werdend.
„Stell dir vor, morgen reden alle darüber“, sagte Christian draußen vor einem Häuserblock in Johannisthal.
Ich nickte nur und zog die Kapuze tiefer ins Gesicht.
Aber am nächsten Morgen redete niemand darüber.
Und am Tag danach auch nicht.
Die Flugblätter verschwanden wahrscheinlich direkt zwischen Werbung, Rechnungen und kostenlosen Wochenzeitungen im Müll. Vielleicht las sie jemand flüchtig beim Frühstück und vergaß sie sofort wieder. Vielleicht schüttelte jemand den Kopf. Vielleicht landeten manche ungelesen im Papiercontainer.
Kaum Resonanz. Keine Bewegung. Kein Echo.
Und trotzdem machten wir weiter.
Denn eigentlich ging es längst nicht mehr nur um den Inhalt der Texte. Es ging um das Gefühl dahinter. Aktivismus war angesagt. Widerstand fühlte sich wichtig an, selbst wenn ihn kaum jemand bemerkte. Wir wollten nicht stillstehen wie all die anderen, wollten nicht einfach funktionieren, arbeiten, schlafen und schweigen.
Dieses nächtliche Verteilen gab uns das Gefühl, wenigstens irgendetwas zu tun. Auch wenn es am Ende vielleicht nur ein paar Blätter Papier waren, die durch Berliner Hausflure wehten.

 

Im Jahr 1991 trat ich in die Dienste des Naturschutz- und Grünflächenamtes Berlin-Treptow und fand mich inmitten von Bäumen, Blumen und stillen Pfaden wieder, die darauf warteten, geformt und bewahrt zu werden. Ich war Friedhofsarbeiter – ein Beruf, der still und unscheinbar wirkte, aber in dem ich zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl hatte, wirklich gebraucht zu werden. Jeden Morgen stieg ich in die kalte, feuchte Luft des frühen Herbstes, zog meine abgewetzten Stiefel an und holte die alte, rostige Schubkarre aus dem Schuppen. Sie quietschte protestierend, als ich sie über den mit nassem Laub bedeckten Weg schob.
Der Geruch von feuchtem Erde, morschem Laub und den immer leicht metallischen Noten der Gräber lag in der Luft und vermischte sich mit dem leisen Rascheln der Bäume. Mein Vorarbeiter, ein stämmiger Mann mit wettergegerbtem Gesicht, stand oft neben mir, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und brummte tief wie ein alter LKW:
„Radis, nich so schnell. Det Moos wächst dir nich weg.“
Ich musste lachen, obwohl ich den Schweiß auf meiner Stirn spürte und die Muskeln meines Rückens protestierten. Er hatte recht, das spürte ich sofort. Alles hatte seine Zeit. Die Arbeit war hart, aber sie hatte einen eigenen Rhythmus, fast meditativ. Wir entfernten Unkraut zwischen den Grabsteinen, schnitten Sträucher, deren Äste wie knorrige Finger in den Himmel ragten, und fegten Blätter auf, die sich wie ein bunter Teppich über die Wege legten.
Zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich verankert, gebraucht – ein Teil der Welt, auch wenn es nur im kleinen, grünen Teil eines Berliner Friedhofs war. Es war ein leiser Ort, in dem man niemandem etwas beweisen musste, außer vielleicht sich selbst. Und in dieser Stille spürte ich, daß ich, so unscheinbar meine Aufgaben auch waren, etwas Sinnvolles tat.
 

Der S-Bahnhof Schöneweide war dunkel und feucht. 1991, mitten in der Wendezeit, roch es nach Diesel, altem Beton und verstaubten Träumen. Ich, Rico Radis, schlenderte die Treppe hinunter, das Butterfly-Messer in der Tasche, die Hände tief vergraben. Nervös? Vielleicht. Aber Nervosität war etwas für Leute, die Angst vor dem Morgen hatten.
Die Auseinandersetzung war schnell eskaliert – ein Schubser, ein lautes Wort, ein Schlag. Sofort spürte ich die Blicke anderer, spürte die schmale Linie zwischen Respekt und Gefahr. Dann das Sirren von Blaulichtern, das Rascheln von Uniformen, und schon stand ich mitten in einer Polizeikontrolle.
„Was haben wir denn hier?“ Einer der Beamten blickte misstrauisch in meine Richtung. Ich zuckte nur mit den Schultern, versuchte Haltung zu bewahren. Meine Hände verkrampften sich um die Taschen meines Pullovers. Das Messer. Die Sturmhaube in der Tasche. Alles, was sie brauchten, um mich für einen Ärgermacher zu halten.
Dann der Hitlergruß. Ich weiß nicht mehr, ob es Trotz war, Provokation oder reine Dummheit. Vielleicht alles zusammen. „Sxxx Heil“, brüllte ich, und sofort spürte ich das Gewicht meiner eigenen Torheit. Der Polizist zog die Augenbrauen hoch, seine Hand griff nach dem Funkgerät.
Dieses Verfahren – Beleidigung, Verwendung verfassungswidriger Symbole – war nicht nur eine Nummer im System. Es war eine Art Weckruf. Ostberlin um mich herum war brüchig, die alten Sicherheiten weg, die neuen noch nicht da. Jeder Schritt konnte nach hinten losgehen, jeder falsche Ton Ärger bringen.
Ich ging weiter, das Herz noch immer schwer, die Hände leer. Aber ich wusste: Das hier war eine kleine Zäsur, ein Moment, in dem die Stadt mir ihre scharfen Kanten zeigte. Und irgendwo in mir die Frage, die ich damals nicht beantworten konnte: War das hier Stärke oder nur jugendlicher Leichtsinn mit Hang zur Selbstzerstörung?

1. Mai 1992.
Die FAP hatte zum Tag der nationalen Arbeit eine Demo angemeldet. Der Morgen war kalt für Anfang Mai. Über Ostberlin lag dieses matte, graue Licht, das die Fassaden der Plattenbauten noch härter wirken ließ. Rund um das Ernst-Thälmann-Denkmal sammelten sich schon früh die ersten Gruppen. Anfangs wirkte alles beinahe geordnet.
Die Nationalen standen geschlossen.
Reihen aus jungen Männern in Bomberjacken, Springerstiefeln und Jeans. Kurzgeschorene Haare, ernste Gesichter. Einige trugen Fahnen zusammengerollt unter dem Arm, andere hielten Transparente fest nach unten gedrückt. Dazwischen bekannte Gesichter aus der Hooligan-Szene, Leute aus Lichtenberg, Hellersdorf, Marzahn. Man begrüßte sich knapp, Schulterklopfen, feste Blicke. Kein wildes Durcheinander — eher das Gefühl, dass viele genau wussten, weshalb sie dort waren.
Am Rand standen Neugierige und Anwohner. Alte Männer mit Einkaufstaschen. Jugendliche, die einfach sehen wollten, was passiert. Manche lehnten schweigend an Betonpfeilern und rauchten. Über allem ragte die dunkle Bronze von Ernst Thälmann, schwer und unbeweglich wie ein Überrest einer verschwundenen Zeit.
Doch die Spannung war von Anfang an spürbar.
Von den Seitenstraßen tauchten nach und nach Gruppen der militanten Ultralinken auf. Schwarze Kleidung. Vermummungen. Motorradhelme. Transparente, hinter denen man sich geschlossen bewegte. Erst Pfiffe, dann Sprechchöre. Sofort Antworten von der anderen Seite. Die Luft wurde enger, aggressiver. Niemand rechnete mehr damit, dass dieser Tag ruhig enden würde.
Die Polizei stand bereits bereit.
Mannschaftswagen blockierten die Straßen rund um den Platz. Beamte mit Schilden und Helmen bildeten Ketten zwischen den Lagern. Auf der Greifswalder Straße warteten Wasserwerfer mit laufenden Motoren. Ihr dumpfes Brummen lag ständig unter dem Lärm der Menge.
Dann begann das Gedränge.
Erst nur Schieben. Einzelne rannten nach vorne. Irgendwo zerplatzte eine Bierflasche auf dem Asphalt. Sofort Geschrei. Die ersten Steine flogen. Vermummte rissen Pflasterbrocken aus dem Straßenrand. Polizeischilde krachten dumpf gegeneinander, als die Beamten vorrückten.
Dann schossen die Wasserwerfer los.
Die Strahlen peitschten über die Straße und rissen Menschen auseinander. Fahnen knickten weg. Leute stürzten gegen parkende Autos oder rutschten auf dem nassen Asphalt aus. Überall rannten Menschen durcheinander, während von hinten weiter Flaschen und Steine flogen.
„Rico, weg da!“
Ich zog mich Richtung S-Bahnhof zurück, mehr Reflex als Entscheidung. Die Treppen nach oben waren voller Menschen, die gleichzeitig hoch oder runter wollten. Gedränge, Geschrei, hektische Bewegungen. Unter dem Dach hallte jeder Schlag doppelt wider.
Dann traf der erste Stein den stehenden S-Bahn-Waggon.
Ein dumpfer Knall gegen Glas.
Noch einer.
Dann mehrere gleichzeitig.
Die Scheiben splitterten nicht sofort. Erst entstanden diese weißen Sprünge im Sicherheitsglas, wie gefrorene Blitze. Dann brachen die Fenster mit trockenem Krachen auseinander. Splitter regneten auf die Sitze und den Bahnsteig. Einige schrien auf und duckten sich weg, andere schlugen weiter gegen die Waggonscheiben, getrieben von dieser völlig enthemmten Energie.
Unten auf der Straße hörte man weiter die Wasserwerfer arbeiten, dumpf und rhythmisch. Sirenen heulten. Menschen rannten die Treppen hoch, manche mit blutenden Händen oder zerrissenen Jacken.
Ich blieb einen Moment einfach stehen.
Vor mir dieser S-Bahn-Waggon mit seinen zertrümmerten Fenstern. Kaltes Neonlicht flackerte über leere Sitzreihen voller Glassplitter. Der Zug stand regungslos am Bahnsteig, während draußen die Straßenschlacht weiterlief.
Und genau dieses Bild blieb hängen.
Nicht die Parolen. Nicht die Schläge. Sondern dieser beschädigte Waggon im flackernden Licht, als hätte sich der ganze Ausnahmezustand der Stadt darin gesammelt.

Meine erste eigene Bude. Alt-Treptow. Eine „spannende“ Mischung aus Möbeln, die hier standen – alte Schränke, zusammengesuchte Stühle, ein bisschen Flohmarktchaos. Alles zusammengepuzzelt aus dem, was man fand oder billig bekam. Eigentlich hätte dieser Raum eine Chance sein können, etwas Eigenes, etwas Echtes. Aber Chancen erkennt man nie, solange man sie hat. Man merkt sie erst, wenn sie vorbei sind.
Das Mobiliar stammte aus der NPD-Landesgeschäftsstelle. Ich war Parteimitglied und nutzte die Gelegenheit. Für mich war es einfach pragmatisch: „Umsonst ist umsonst.“ Ich dachte nicht darüber nach, welche Symbolkraft die Dinge haben könnten. Sie waren da, sie füllten den Raum, sie gehörten jetzt zu meinem Leben.
Berlin 1992 – die Stadt selbst war wie meine Wohnung: unfertig, improvisiert, wild durcheinander. Überall leerstehende Häuser, Menschen, die anfingen, sich etwas Eigenes zusammenzubauen, aus dem, was übrig war. Und ich tat dasselbe in meiner kleinen Bude. Ich arrangierte, nahm hin, baute auf – ohne zu hinterfragen, ohne zu analysieren. Alles war Übergang, alles im Werden.
Und doch spüre ich heute, daß jeder Gegenstand, jede Entscheidung, die ich damals traf, einen Abdruck hinterlassen hat – auch wenn ich ihn damals nicht sah. Es war eine Zeit des Machbaren, des Pragmatismus, in der man oft lebte, bevor man verstand.
Die rechte Szene wurde Alltag.
Nicht plötzlich, nicht wie ein Donnerschlag – eher wie schützender Nebel, der mich von Tag zu Tag dichter umgab. Die Leute waren immer da: dieselben Gesichter, dieselben Blicke, und irgendwann gehörten sie einfach dazu, standen wie feste Punkte in einer Landschaft, durch die ich mich bewegte, ohne auszubrechen. Ihre Leitgedanken sickerten in meinen Tag, dumpf wie ein Bass, der nicht aufhört zu pulsieren – unter meiner Haut, in meinen Wänden, in meinem Atem.


 

Lesespuren eines inneren Weges
Zwischen drei Büchern und der Veränderung eines Blicks
Erste Nähe – Die Welt im Inneren des Panzers
Wenn ich heute auf diese Lektüren zurückblicke, erscheinen sie mir wie Stationen eines inneren Weges.
Den Anfang machte in Kindertagen „Vier Panzerfahrer und ein Hund“ von Janusz Przymanowski.
Der Einstieg in diese Geschichte fiel mir erstaunlich leicht. Alles wirkte unmittelbar und nah, sodass schnell das Gefühl entstand, selbst Teil dieser kleinen Gruppe zu sein. Die Enge im Panzer, das ständige Zusammensein und die Gespräche der Soldaten ließen eine besondere Nähe entstehen.
Die Figuren waren für mich nicht nur Romanfiguren, sondern wirkten wie echte Menschen in einer geschlossenen Gemeinschaft. Der Hund verstärkte diesen Eindruck noch, weil er etwas Ruhiges und Warmes in eine gefährliche Umgebung brachte.
Krieg erschien mir damals nicht als große historische Abstraktion, sondern als Alltag: als Gespräche, als Routine, manchmal sogar als Humor zwischen Menschen, die eng aufeinander angewiesen waren.
Bruchlinien – Gemeinschaft unter Druck
Nach der „Wende“ las ich „Ein sonderlicher Haufen“ von Ingo Petersson.
Der Ton dieser Geschichte war deutlich härter. Alles wirkte weniger vertraut und viel distanzierter. Die Soldaten waren keine Helden, sondern Menschen, die am Rand der militärischen Ordnung standen – oft ausgeschlossen oder zusammengewürfelt.
Ihre Gemeinschaft entstand nicht aus Freundschaft, sondern aus Zwang und äußerem Druck. Sie mussten miteinander auskommen, weil sie keine andere Wahl hatten.
Dabei wurde mir klar, dass Zusammenhalt sehr unterschiedlich entstehen kann. Er kann freiwillig sein, aber auch aus schwierigen Umständen entstehen. Und genau dieser erzwungene Zusammenhalt fühlt sich anders an – er ist weniger schützend und oft belastender.
Mit der Zeit wurde mir bewusster, dass Krieg nicht nur Zerstörung bedeutet, sondern auch Menschen verändert und ihre Beziehungen stark beeinflusst.
Die Frage nach dem Gewissen
Später las ich „Der Befehl des Gewissens“ von Hans Zöberlein.
Schon der Titel wirkte für mich wie ein innerer Konflikt. Beim Lesen entstand zunehmend ein Gefühl von Unruhe, weil nicht nur eine Geschichte erzählt wird, sondern auch eine bestimmte Sichtweise auf Pflicht und Gehorsam vermittelt wird.
Dabei begann ich, vieles genauer zu hinterfragen. Die Grenzen zwischen persönlichem Gewissen und äußerem Gehorsam wurden immer weniger klar. Es war nicht mehr leicht zu unterscheiden, was aus innerer Überzeugung kommt und was von außen bestimmt wird.
Ich begann, nicht nur mitzulesen, sondern auch kritisch zu denken. Ich stellte mir Fragen wie: Was bedeutet Gewissen eigentlich, wenn es im Konflikt mit Befehlen steht? Und was passiert, wenn Gehorsam als höchste Pflicht dargestellt wird?
Zum ersten Mal ging es beim Lesen nicht nur um die Geschichte selbst, sondern auch darum, sie zu prüfen und zu hinterfragen.
Drei Bücher, ein veränderter Blick
Wenn ich diese drei Bücher heute zusammen sehe, wirken sie wie drei unterschiedliche Phasen meines Denkens.
Im ersten Buch stand ich den Figuren sehr nahe und habe ihre Welt fast mitgelebt.
Im zweiten habe ich gesehen, wie schwierige Umstände Menschen verbinden können, auch ohne echte Nähe.
Im dritten habe ich begonnen, nicht nur die Geschichte zu sehen, sondern auch die Sichtweise dahinter zu hinterfragen.
Am Ende bleibt für mich vor allem eines:
Nicht eine einzelne Erkenntnis, sondern ein veränderter Blick auf Geschichten – und die Fähigkeit, genauer hinzusehen und nicht alles einfach zu übernehmen.

Andere Prägungen…

Zwischen Umbruch und Identität – Musik als Weg durch Wende, Zweifel und Zugehörigkeit’
Ich war vierzehn, als die Welt, die ich kannte, nicht mehr dieselbe war. Nicht plötzlich wie ein Knall, sondern eher wie etwas, das langsam seine feste Form verliert. Straßen blieben gleich, Häuser auch – aber die Bedeutungen dahinter verschoben sich. Namen verschwanden, Regeln änderten sich, und plötzlich war vieles, was vorher selbstverständlich war, erklärungsbedürftig. In dieser Zeit begann Musik für mich etwas zu werden, das mich trägt. Nicht Unterhaltung, eher Orientierung.
Die LP Vun drinne noh drusse von BAP lag bei meinem Bruder eine Zeitlang einfach zwischen anderen Platten herum, bevor ich sie wirklich hörte. Ich wusste nur, dass mehrere aus unserem Bekanntenkreis davon sprachen, leiser als sonst, fast so, als müsse man die Musik nicht erklären, wenn man verstand, warum sie wichtig war.
„Zehnter Juni“ erwischte mich nicht sofort beim ersten Durchlaufen. Aber irgendwann blieb ich an diesen ersten Zeilen hängen:
„Plant mich bloß nicht bei euch ein.“
Das war kein Satz, wie ich ihn sonst aus Liedern kannte. Da wollte niemand gefallen. Niemand wollte verstanden werden. Es klang wie eine direkte Absage.
Ich kam aus einer Welt, in der vieles seinen festen Platz hatte. Nicht nur nach außen. Auch im Kopf. Was richtig war, wie man sprach, wann man besser schwieg – all das lernte man früh, ohne dass es ständig ausgesprochen werden musste.
Und dann singt da einer:
„Seit ich euch durchschaut hab.“
Dieses „durchschaut“ arbeitete in mir nach. Weil es bedeutete, dass man die Dinge eben doch anders sehen konnte, als sie einem erklärt wurden.
„Ich hab mit eurer Logik nichts am Hut.“
Das traf mich besonders. Diese ganze Sprache von Vernunft, Ordnung und Notwendigkeit bekam plötzlich Risse. Zum ersten Mal hörte ich jemanden, der nicht nur meckerte, sondern die Grundlagen selbst ablehnte.
Und dann:
„Denn was ihr logisch nennt, das nenn ich pervers.“
Das war hart. Fast schockierend hart. Alles wurde umgedreht: Moral, Normalität, Werte. Dinge, die sonst feststanden, wirkten plötzlich wie Behauptungen von Leuten, die selbst längst nicht mehr daran glaubten.
„Mir bricht der Schweiß bei jedem Wort von euch aus.“
Ich verstand sofort, was gemeint war. Dieses Gefühl, dass Sprache Druck erzeugen kann. Dass manche Sätze nicht beruhigen, sondern einen innerlich eng machen.
Später im Lied wurde daraus offene Wut:
„Ihr Nadelstreifen-Schreibtischtäter.“
Da war keine Ehrfurcht mehr vor Autoritäten. Keine Vorsicht. Die Leute „oben“ wurden nicht mehr ernst genommen, sondern angegriffen.
Und diese Zeile bekam ich nicht mehr aus dem Kopf:
„Eure Schachfiguren haben denken gelernt und springen einfach vom Brett.“
Genau das machte das Lied mit mir. Es brachte einen auf die Idee, dass man nicht ewig mitspielen muss. Dass man sich innerlich lösen kann, selbst wenn äußerlich noch alles gleich aussieht.
Zum ersten Mal hatte ich nicht nur Zweifel. Zum ersten Mal fühlten sich Zweifel richtig an.
Und als am Ende gesungen wurde: „Noch ist es nicht so weit, doch seit einiger Zeit werden wir Tag für Tag mehr“, war das plötzlich kein einsames Gefühl mehr.
Es klang, als würden überall Leute anfangen, dieselben Fragen zu stellen.
Die DDR-Lizenzpressung von 4630 Bochum stand bei Jens im Regal. Zwischen Karat, Silly und ein paar ausgelutschten Amiga-Platten. Ganz normal eigentlich. Und trotzdem war sie etwas anderes. Wir hörten die Platte meistens abends. Fenster zu. Nicht aus Angst. Eher aus Gewohnheit.
Bei Herbert Grönemeyer war sofort mehr Druck drin als bei vielem, was sonst lief. Nicht dieses Saubere. Nicht dieses Geordnete.
„Nächtelang nachgedacht, jahrelang überwacht.“
Der Satz kam rein und war sofort da. Ohne Umweg. Man musste nicht lange überlegen, was gemeint ist. Dieses Gefühl, ständig aufzupassen, kannten wir alle. Nicht dramatisch. Eher dauerhaft. Wie Hintergrundrauschen.
„Tausendmal aufgegeben.“
Das war wohl die ehrlichste Zeile überhaupt. Nicht Held sein. Nicht Widerstandskämpfer. Sondern dieses ständige Nachgeben im Kleinen. Mund halten. Weitermachen. Sich selbst erklären, warum es gerade besser ist, nichts zu sagen.
Und dann plötzlich: „Alles falsch, ich will nur leben.“ Das haute rein. Weil da einer nicht mehr diskutiert. Nicht mehr analysiert. Einfach Schluss.
Überhaupt hatte „Jetzt oder nie“ etwas Atemloses. Das Lied hetzte einen fast.
„Sie werden dich fotografier’n, sie werden dich registrier’n.“
Bei solchen Zeilen wurde sofort still im Zimmer. Nicht weil wir dachten, die Platte sei verboten. Sondern weil jeder dieses Gefühl kannte, irgendwo erfasst zu sein.
Dann wieder dieser Trotz:
„Warum nur du? Es gibt doch so viele andere.“
Genau so redet man sich raus. Sollen doch erstmal die anderen anfangen.
Aber das Lied akzeptiert das nicht.
„Kämpfen für ein Land, wo jeder noch reden kann.“
Das war das Gegenteil von diesem ewigen Funktionieren. Nicht anpassen. Nicht runterschlucken.
„Wer ewig schluckt, stirbt von innen.“
Die Zeile blieb hängen. Wahrscheinlich weil sie stimmte.
Viele bei uns wirkten irgendwann müde. Nicht kaputt. Einfach müde vom Stillsein.
Und Grönemeyer singt nicht dagegen an wie ein Held. Eher wie einer, der selbst kurz vorm Platzen ist. „Du auf die Straße rennst und du zeigst, es geht dir nicht gut.“
Das war neu. Nicht Haltung bewahren. Nicht ordentlich bleiben. Sondern sichtbar werden mit seiner Wut.
Nach BAP verstand ich durch Grönemeyer langsam, dass Zweifel allein nicht reichen. Irgendwann muss daraus Bewegung werden. Vielleicht hörten wir die Platte deshalb so oft. Nicht weil sie Lösungen hatte. Sondern weil sie einem das Gefühl gab, mit diesem Druck im Kopf nicht allein zu sein.

Das dritte Lied – Halt und Zugehörigkeit nach der Wende
Und dann kam dieses dritte Lied.
„Ich bin stolz, dass ich ein Deutscher bin.“ von Frank Rennicke
Ich hörte diesen Satz in einer Zeit, in der vieles neu war und sich noch nicht sortiert hatte. „Deutsch“ war plötzlich nicht mehr etwas Geteiltes oder Abgegrenztes, sondern etwas Ganzes geworden – groß, offen, neu zu denken. Und genau in dieser Offenheit wirkte der Satz nicht scharf, sondern überraschend klar.
„Deutsch ist mein Fühlen, deutsch ist mein Sinn.“
Das klang für mich nicht eng, sondern ordnend. Nicht als Abgrenzung, sondern als Versuch, etwas zu fassen, das gerade erst wieder zusammenwuchs. Nach all den Verschiebungen und Unsicherheiten bekam das etwas Beruhigendes: eine Sprache, die sagt, wo man steht.
Die Zeilen über Geschichte, Erfindungen, Wissenschaft, Kunst und Denken wirkten wie eine lange Linie, die vieles verbindet, was vorher nur lose nebeneinander lag. Nicht als endgültige Wahrheit, sondern als Erzählung von Herkunft und Leistung, die etwas zusammenhält.
„Deutscher Erfindergeist“, „Dichter- und Denkerschar“ – das hörte ich damals eher als Stolz auf Entwicklung und kulturelle Kontinuität, als eine Art Erinnerung daran, was entstanden ist und weiterwirkt.
Zum ersten Mal nach der Wende war da ein Gefühl, das nicht zerfiel, sondern sich fügte. Eine Identität, die nicht gesucht werden musste, sondern da war – und dadurch Halt gab.
„Ich bin stolz, dass ich ein Deutscher bin.“
Dieser Satz wirkte in dieser Phase wie eine Verankerung. Während sich im Alltag vieles neu ordnete – Arbeit, Sprache, Orientierung, Zukunft – bot er etwas, das Bestand versprach. Nicht als Einschränkung, sondern als Möglichkeit, sich wieder irgendwo zuzuordnen.
Und auch die späteren Zeilen über Zweifel an Medien und Politik hörte ich weniger als Bruch, sondern eher als Ausdruck eines eigenständigen Blicks auf die Welt – das Gefühl, selbst zu prüfen, selbst zu denken, nicht alles einfach zu übernehmen.
„Ich bleibe was ich war, ein Deutscher immerdar.“
Das ist für mich kein Stillstand, sondern Kontinuität: die Idee, dass etwas bleibt, auch wenn sich außen alles verändert.
Gerade in der Umbruchszeit hatte dieses Lied deshalb etwas Tragendes. Es gab nicht nur Richtung, sondern auch Ruhe. Ein Gefühl, nicht verloren zu sein, sondern Teil einer Geschichte, die weitergeht – und in die man sich einfügen kann, ohne sich selbst zu verlieren.

Veränderung der Perspektive Erst später begann ich, die drei Lieder zusammenzuhören. BAP war das erste Rütteln: Die Idee, dass man nicht einfach eingeplant werden muss. Grönemeyer war die Bewegung: Der Druck, das eigene Leben nicht aufzuschieben. Und dieses dritte Lied war etwas anderes: ein Gefühl von Halt. Ich glaube, genau das ist wichtig, wenn man aus meiner damaligen Perspektive schaut: Nach Jahren von Umbruch, Unsicherheit und Neuorientierung wirkt ein klarer, großer Identitätsentwurf nicht automatisch eng – er wirkt stabilisierend. Erst mit der Zeit kamen Fragen dazu. Aber am Anfang war es vor allem eines: ein Moment, in dem ich das Gefühl hatte, wieder irgendwo zu stehen, statt nur zwischen Verschiebungen zu leben.

Heute sehe ich diese Phase nicht mehr als einfache Prägung, sondern als Übergang. Die Musik hat mich nicht in eine Richtung gedrückt, sondern durch verschiedene Zustände geführt: aus dem Zweifel heraus (BAP), in politische Aktivitäten (Grönemeyer), und Frank Rennicke in eine geschlossene Erzählung hinein, die nach der Wende Halt versprach. Und vielleicht war genau das entscheidend: Dass ich alle drei Erfahrungen hatte, statt nur eine. Denn erst dadurch habe ich verstanden, dass Zugehörigkeit, Kritik und Orientierung nicht nacheinander kommen müssen – sondern gleichzeitig in einem Menschen existieren können, der versucht, in einer neuen Welt seinen Platz zu finden.

Die volkstreue, die prägende Musik war überall. Sie kroch unter die Haut, vibrierte durch den Boden, schob sich in die Brust, stampfte in die Beine, ließ die Hände zu Fäusten werden, bevor ich wusste, warum. Oft Roh. Wütend. Immer Unaufhaltsam. Ich konnte nicht wegsehen, nicht weggehen, nicht wegdenken. Die Stimmen klangen nach Stolz und innerer Kraft, nach Verbundenheit zur Heimat und klaren Vorstellungen, hallten wider wie ein gleichmäßiger Puls, immer wieder, bis jedes Wort Gewicht bekam.
Die Gitarren rissen, die Trommeln trieben, und der Bass pulsierte direkt in die Venen. Es war kein Lied, kein Melodiefluss, keine Schönheit – es war ein Strom, der alles durchflutete, der alles mitriss. Ich spürte, wie die Wut der Sänger in mir mitschwang, wie die Gefühle, die sie einfingen, zu meinen wurde. Ich konnte nicht stehenbleiben. Meine Füße stampften, mein Herz hämmerte, die Luft vibrierte in mir, als wäre ich selbst Teil des „Schlachtfelds“, das die Musik beschwor. Und die Worte – kurz, scharf, wie Messer. Jeder Reim ein Treffer, jeder Satz ein Aufruf. Sie sprachen von „wir“ und „die anderen“, von Kampf, von Ehre, von Angst und Stolz. Es war so einfach, so klar – und gleichzeitig so überwältigend. Ich fühlte, wie etwas in mir sich bewegte, etwas, das ich nicht benennen konnte, das mich fesselte und gleichzeitig aufschreckte.
Die Musik war kein Hintergrund, sie war Körper, Luft, Feuer. Sie brannte sich in meine Gedanken, meine Muskeln, meine Sinne. Ich war nicht außenstehend, ich war mittendrin, Teil von etwas, das größer war als ich, das laut, brutal und süchtig machend war. Ich konnte nur stehen und spüren, während die Musik weiterkam, wie eine Flut, die keinen Halt kannte. Sie war Wut und Krieg, Heimat und Hass, alles auf einmal, und sie ließ mich nicht los.

Die Treffen der heimatverbundenen Gemeinschaft – ich war mittendrin, fühlte die Nähe der Menschen um mich herum, spürte das Lachen, die Gespräche, das leise Rascheln von Papier und Stoff, das den Raum erfüllte. Die Luft war oft schwer vom Rauch und vom Schweiß, der sich auf die Haut legte, klebte, brannte. Stimmen überschrien sich einander, Gelächter und Rufe hallten gegen die Wände, wie ein eigener Herzschlag, den man nicht ignorieren konnte. Anfangs beobachtete ich nur, still, unsichtbar – doch bald drängte der Takt mich, schob meine Füße mit, ließ meine Hände unwillkürlich im Rhythmus klatschen, als hätte ich es schon immer getan.
Die Härte war greifbar, sie lag wie ein Druck auf den Schultern, ein Ziehen in der Brust, eine Spannung, die sich in den Beinen sammelte. Kameradschaft war hier kein Wort, sondern ein körperlicher Strom, der durch die Menge floss, der mich einsog, der mich formte. Ich spürte das Aneinanderdrängen, das kollektive Atmen, die kurzen Schläge auf den Rücken, das Knirschen der Stiefel auf dem Boden – alles zusammen ein Pulsschlag, der meine eigenen Gedanken ordnete, meine Unsicherheiten auslöschte.

 

Sommer 1992 – Berlin
Der Sommer 1992 lag warm über Berlin. Drei Jahre nach dem Fall der Mauer war die Stadt noch immer im Aufbruch. Überall standen Baugerüste, Kräne bewegten sich langsam über den Dächern, und zwischen alten Fassaden begann etwas Neues zu entstehen. Man spürte, dass hier Geschichte weitergeschrieben wurde.
Viele zog es damals in die Straßen der wiedervereinigten Hauptstadt. Man ging durch Viertel, die lange getrennt gewesen waren, und sah, wie sich Menschen aus Ost und West begegneten. Gespräche entstanden, manchmal vorsichtig, manchmal voller Begeisterung. Für viele junge Menschen fühlte es sich an, als beginne eine neue Zeit für das Land.
An warmen Abenden versammelten sich Gruppen im Tiergarten. Man saß im Gras, hörte Musik aus kleinen Radios und sprach über Zukunft, Freiheit und darüber, wie sich Deutschland verändern würde. Die Wiedervereinigung war noch frisch, und vieles war unsicher – doch gerade darin lag auch Hoffnung.
Später führte der Weg oft zum Brandenburger Tor. Dieses Tor, das so lange Symbol der Teilung gewesen war, stand nun wieder offen im Herzen der Stadt. Menschen blieben stehen, betrachteten es, machten Fotos oder redeten über die vergangenen Jahre. Für einen jungen Nationalisten konnte dieser Ort mehr bedeuten als nur ein Bauwerk – er stand für ein Land, das nach Jahrzehnten der Trennung wieder zusammengefunden hatte.
Die Nächte waren warm, die Straßen voller Stimmen und Schritte. Zwischen Baustellen und alten Pflastersteinen wuchs langsam eine neue Hauptstadt heran. Und wer damals durch Berlin ging, konnte das Gefühl haben, Zeuge eines besonderen Augenblicks der deutschen Geschichte zu sein – eines Sommers, in dem Hoffnung, Stolz und Aufbruch in der Luft lagen.

Fahrt nach Thüringen im August

Die Hinfahrt begann für mich früh am Morgen in Berlin. Treffpunkt war der Bahnhof Grünau. Als ich dort ankam, standen schon zwei Busse bereit. Auf dem Parkplatz und rund um den Bahnhof sammelten sich immer mehr Leute. Viele kannte man zumindest vom Sehen – aus dem BFC-Umfeld, von Spielen oder aus der Szene. Skinheads, Hooligans, einige ältere Leute, andere noch ziemlich jung so wie ich.
„Na, auch auf dem Weg nach Thüringen?“ fragte mich einer, den ich von ein paar Spielen kannte.
„Sieht so aus“, sagte ich und zuckte mit den Schultern.
„Wird schon was los sein heute.“
Die Stimmung war entspannt, fast schon wie vor einer Auswärtsfahrt zum Fußball. Leute begrüßten sich, klopften sich auf die Schulter, Zigaretten gingen herum. Irgendjemand rief: „Alle rein jetzt, wir fahren gleich!“
Im Bus setzte ich mich irgendwo in die Mitte. Die hinteren Reihen waren schnell besetzt, dort saßen die Lautesten. Kaum waren wir unterwegs, begann irgendwo aus den hinteren Reihen jemand zu singen.
Zuerst nur leise, fast beiläufig. Eine raue Stimme, etwas heiser. Dann fiel direkt jemand anderes mit ein. Lunikoff mit seinen Vandalen... Wenige Sekunden später zog sich der Gesang durch den ganzen Bus.
Diese eingängigen, schmissigen Lieder, die damals nahezu jeder kannte. Kaum wurde eine Zeile angestimmt, kam der Refrain schon geschlossen zurück. Niemand musste überlegen, niemand brauchte Texte. Die Lieder liefen auf unzähligen Kassettenkopien, bei Treffen, auf Fahrten, irgendwo hatte sie jeder schon hundertmal gehört.
Im Bus entstand sofort gute Stimmung.
Ein paar saßen locker über die Sitze gelehnt und sangen grinsend mit, andere klopften im Takt gegen die Armlehnen oder trommelten mit den Fingern gegen die Fensterscheiben. Immer wieder wurde gelacht, jemand rief eine Liedzeile quer durch den Mittelgang, worauf direkt mehrere Stimmen antworteten.
Der Fahrer sagte nichts dazu. Vorne brannte nur dieses matte Licht über dem Armaturenbrett, während draußen die Hauptstadt vorbeizog. Berlin lag langsam hinter uns — graue Häuserzeilen, Tankstellen, Brücken, vereinzelte Straßenzüge....
Hinten wurde schon das nächste Lied angestimmt.
Die Stimmung hatte etwas Vertrautes, Kameradschaftliches. Viele kannten sich von früheren Fahrten oder vom Fußball, manche nur vom Sehen. Aber in solchen Momenten spielte das keine Rolle mehr. Der Bus wurde zu einem kleinen eigenen Raum voller Gelächter, Gesang und diesem Gefühl, gemeinsam unterwegs zu sein.
Einer holte eine zerknitterte Bierdose aus seiner Jacke, prostete in die Runde und sang sofort weiter. Mehrere stimmten laut lachend ein. Die Melodien waren einfach, direkt und genau deshalb blieb fast jeder automatisch hängen.
Während der Reisebus gleichmäßig über die Straße rollte, wurde immer wieder derselbe Refrain angestimmt — laut, schief und trotzdem irgendwie harmonisch.
Und irgendwann sang fast der ganze Bus mit.
Zwischen den Sitzreihen wurde gelacht. Flaschen klirrten. Jemand erzählte eine Geschichte aus einer anderen Stadt, von einer Fahrt im letzten Jahr, von Begegnungen und langen Nächten. Gelächter, Gespräche, Bierflaschen klirrten.
„Mach mal das Fenster auf, hier drin wird’s ja wie in ’nem Ofen“, sagte einer neben mir.
„Wart erstmal ab, bis wir wirlich alle singen“, kam die Antwort von hinten.
Die Fahrt selbst verlief ohne Zwischenfälle. Immer wieder wurde darüber gesprochen, wohin genau es gehen sollte. Viele wussten nur, dass man sich am Hermsdorfer Kreuz treffen würde.
„Treffpunkt ist um eins dort“, sagte einer schräg gegenüber. „Stand schon gestern fest.“
„Und dann?“
„Dann sehen wir weiter. Irgendwo in Thüringen.“
Je näher wir dem Hermsdorfer Kreuz kamen, desto mehr Busse und Autos tauchten auf der Autobahn auf, die offensichtlich dasselbe Ziel hatten.
Als wir auf den Parkplatz fuhren, war dort schon einiges los. Busse aus verschiedenen Städten standen herum, dazu viele PKWs. Gruppen von Leuten standen zusammen, manche mit Fahnen oder Transparenten. Es wurde geredet, geraucht, gewartet.
„Ganz schön was los hier“, sagte ich zu dem Typen neben mir - Glatze, schwerstens tättowiert, aber vertraut wie seit Ewigkeiten...
„Wird noch voller“, meinte er. „Wart mal ab.“
Tatsächlich wurden es immer mehr. Später hieß es, es seien über tausend Leute gewesen. Auf dem Parkplatz standen nur wenige Polizeiwagen. In der Nähe unseres Busses sah ich zwei Beamte.
Einer aus unserer Gruppe ging zu ihnen rüber, kam grinsend zurück.
„Und?“ fragte jemand.
„Ich hab den gefragt, wie viele sie heute sind.“
„Und?“
„Sagt er: ‘Zwei hier draußen.’“
Gelächter.
In der Zwischenzeit passierten auf dem Parkplatz verschiedene Dinge. Ein Pressewagen stand etwas abseits, später sah man, dass die Reifen platt waren. Einige riefen Parolen, andere liefen einfach nur herum. Ein paar Fernfahrer hatten ihre LKWs etwas weiter weggefahren.
Irgendwann sah ich einen Polizeibeamten mit einem Mann reden, der offensichtlich aus der Organisation kam.
Der Beamte wirkte etwas angespannt.
„Hören Sie“, sagte er, „ich habe Verstärkung angefordert, aber ich habe noch keine Rückmeldung.“
Der andere nickte nur.
„Wir wollen hier nur kurz stehen“, sagte er ruhig. „Keine Probleme.“
Der Polizist antwortete: „Sorgen Sie einfach dafür, dass das hier nicht aus dem Ruder läuft.“
Gegen halb drei kam schließlich Bewegung in die Sache. Einer rief laut über den Parkplatz:
„Busse bereitmachen! Wir fahren!“
Die Gruppen sammelten sich wieder bei ihren Fahrzeugen. Motoren starteten, Türen schlugen zu.
Unser Bus setzte sich langsam in Bewegung und reihte sich in den Konvoi ein. Vor uns und hinter uns fuhren weitere Busse, dazu viele Autos.
Während der Fahrt aus dem Hermsdorfer Kreuz heraus hingen aus einigen Fenstern Fahnen. Leute lehnten sich hinaus und riefen Parolen. Andere saßen einfach da und schauten aus dem Fenster.
„Weißt du jetzt eigentlich, wohin genau?“ fragte ich.
„Rudolstadt“, sagte jemand hinter mir. „Da soll’s hingehen.“
„War das nicht verboten?“
„Angeblich Formfehler. Keine Ahnung.“
Die Fahrt führte erst durch Saalfeld und dann weiter nach Rudolstadt. Als wir dort ankamen, parkten die Busse in der Nähe des Bahnhofs.
Kaum waren die Türen auf, stiegen alle aus. Innerhalb weniger Minuten begannen sich die Leute zu sammeln und in Reihen aufzustellen.
„Sechserreihen!“, rief jemand.
Vor dem Zug standen Trommler. Sie begannen zu spielen, ein gleichmäßiger Rhythmus, der den Takt vorgab.
„Los, aufrücken!“
Der Zug setzte sich in Bewegung. Vorne liefen einige bekannte Gesichter aus der Szene. Dahinter Fahnen verschiedener Gruppen.
Die Straßen wirkten seltsam leer. Nur vereinzelt standen Menschen am Rand und schauten. Viele Leute guckten neugierig aus den Fenstern.
Polizisten sah man kaum. An einer Kreuzung standen zwei Beamte.
Einer von ihnen wurde von einem Journalisten angesprochen.
„Warum halten Sie den Zug nicht auf?“
Der Polizist schüttelte den Kopf.
„Was soll ich denn machen? 2000 Leute halte ich nicht einfach so auf.“
Der Marsch ging weiter durch die Stadt bis zum Busbahnhof. Dort sammelten sich alle für die Abschlusskundgebung.
Eine kleine Bühne oder zumindest ein improvisierter Rednerplatz wurde genutzt. Mehrere Leute hielten nacheinander Reden.
Ein älterer Mann sprach lange über die Vergangenheit und seine Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus. Danach folgten weitere Redner.
Einer berichtete von politischen Entwicklungen in Europa, ein anderer von seinen Erfahrungen im Ausland.
Ein Mann erzählte von seinem Einsatz im ehemaligen Jugoslawien.
„Der Kommunismus muss in Kroatien besiegt werden“, rief er ins Mikrofon.
Aus der Menge kam Applaus.
Währenddessen trafen schließlich auch größere Polizeieinheiten ein. Zwei Hundertschaften, hieß es später. Zu diesem Zeitpunkt war die Versammlung aber schon fast vorbei.
Langsam löste sich die Menge auf. Leute gingen zurück zu den Bussen, manche standen noch in kleinen Gruppen zusammen.
„War’s das jetzt?“ fragte ich.
„Sieht so aus“, sagte der andere. „Rückfahrt.“
Als wir wieder im Bus saßen, war es deutlich ruhiger als auf der Hinfahrt. Viele waren müde oder redeten nur noch leise.
„Wann sind wir wieder in Berlin?“
„Spät wahrscheinlich.“
Als die Sonne tiefer stand, war Rudolstadt wieder still.
Die Straßen wirkten leer.
Fast so, als hätte der Tag nur eine kurze, ungewöhnliche Unterbrechung im normalen Leben der Stadt hinterlassen.

Es war Routine geworden, unmerklich, fast wie das Ein- und Ausatmen. Ich lief mit, unsichtbar für die anderen, aber fühlbar für mich selbst, ich war jetzt Teil von etwas, das größer war als ich, ein Zahnrad im Mechanismus, geölt von der gleichen rohen Energie, die alle zusammenhielt. Mein Herz schlug im gleichen Takt wie die Trommeln, meine Hände klatschten im gleichen Rhythmus wie die der anderen Kameraden, und ich merkte: Ich wollte nicht entkommen.
Jeder Atemzug, jeder Schlag, jeder Ruf – er gehörte zu mir, wie das Blut in den Adern. Es war Überzeugung geworden, es war Routine, und es war unentrinnbar. Ich war nicht nur Zeuge, ich war Teil der Bewegung, ein Stück des Pulsschlags, der alles zusammenhielt, spürbar, fühlbar, brennend. Kein Nachfragen mehr, kein Innehalten. Nur dieses stetige Weiter, angetrieben von einer Schwere, die sich immer tiefer in meinen Alltag fraß.
Manchmal wartete ich auf etwas, das das alles zerreißt – ein Vogelruf, ein helles Lachen, eine Sekunde Klarheit. Irgendetwas. Aber da war nichts. Die Stadt atmete langsam, müde, und ich atmete mit ihr. Und ich spürte, wie die Gewohnheit in mir wurzelte, still, heimlich, gefährlicher vielleicht als jede Überzeugung, weil ich merkte, wie weit sie schon in mich hineingewachsen war.


1994 verliebte ich mich zum ersten Mal wirklich.
Bettina – achtzehn, lebendig, unbeschwert. Sie hatte diese Art, durch die Welt zu gehen, als schulde sie niemandem eine Erklärung. Wenn sie lachte, fielen alle Geräusche der Stadt für einen Moment in sich zusammen, als hätte jemand Berlin kurz auf stumm geschaltet.
Wir trafen uns oft an der Spree, setzten uns ans Ufer beim Eierhäuschen. Das Wasser roch nach Sommer und Algen, nach Bewegung und Stillstand zugleich. Die Sonne spiegelte sich in ihren Haaren, und ich ertappte mich dabei, wie ich Linien in ihr Gesicht zeichnete, ohne sie zu berühren – die kleine Falte am Mundwinkel, wenn sie nachdachte, den entschlossenen Schwung ihrer Augenbrauen, die weiche Stelle am Hals, wo der Puls sichtbar wurde, wenn sie lachte. „Du guckst immer, als würdest du gleich rüber ans andere Ufer laufen und nie wieder zurückkommen“, sagte sie einmal. Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich wusste nicht, wie man jemandem erklärte, daß man sich selbst nicht mal verstand. Manchmal saßen wir schweigend nebeneinander. Ihre Schulter berührte meine, kaum merklich, aber genug, um mir den Atem zu verändern. Diese Berührungen waren keine Zufälle. Sie waren Fragen. Und jede Frage blieb einen Moment länger in der Luft, als sie müsste. Wenn sie sprach, lehnte sie sich oft vor, als wolle sie prüfen, ob ich noch da war. Ihr Parfum war warm, nicht süß – etwas, das sich nicht aufdrängte, sondern blieb. Ich stellte mir vor, wie es sich anfühlen würde, ihren Rücken entlangzufahren, die Spannung unter der Haut zu spüren, dieses leise Zittern, das nichts mit Kälte zu tun hatte. Einmal nahm sie meine Hand. Einfach so. Keine große Geste. Ihre Finger waren kühl vom Wasser, meine warm vor Nervosität. Sie ließ sie liegen, als wäre es das Natürlichste der Welt. In mir aber verschob sich etwas Grundlegendes. Ich dachte: So fühlt sich Ankommen an. Und im selben Moment wusste ich, wie gefährlich dieser Gedanke war.
Als sie mich später ansah, ganz ruhig, ohne Lächeln, lag darin etwas Offenes, Ungeschütztes. Nähe, die nicht forderte, sondern einlud. Ich hätte sie küssen können. Ich tat es nicht. Auch das war eine Art von Intimität – dieses bewusste Innehalten, das Wissen darum, was möglich gewesen wäre. Die Spree floss weiter, gleichgültig wie immer. Aber für mich hatte sie an diesen Abenden etwas Bewahrendes. Als hielte sie all das fest, was wir uns nicht sagten, all das, was zwischen unseren Körpern stand und doch schon längst da war.

Am 9. Juli 1994 fuhren Bettina und ich nach Rüdersdorf zum Liederabend von Frank Rennicke. Ich wusste nicht genau, warum ich mich so auf diesen Abend freute, aber irgendetwas zog mich dorthin. Rund neunhundert Menschen würden kommen, und ich spürte schon beim Fahren diese seltsame Energie in der Luft. Für viele war es dieses Gemeinschaftsgefühl, für mich war es ein Abend, der einfach passte, in dem alles irgendwie zusammenlief. Ich folgte dem Weg, weil er sich richtig anfühlte.

„Rico… bist du sicher, daß das eine gute Idee ist?“ Bettina schaute mich an, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, ihre Augen funkelten.
„Ja“, sagte ich. „Es wird ein guter Abend. Nur Musik, nur Leute, die das Gleiche fühlen.“
Der schlesische Troubadix Frank Rennicke hatte eingeladen, und Menschen aus ganz Deutschland und dem Ausland kamen. Männer, manche in Uniform, andere mit auffälligen Jacken, füllten nach und nach den Raum. Im Mai war das Ganze harmlos als „Gitarrenkonzert“ angemeldet worden, und nun war es ein Fest voller Musik, Stimmen und Energie.
„Hast du das gesehen?“ Ein Mann neben mir deutete auf die Bücher, Plakate, Flugblätter, CDs. Ich lächelte. „Ja… unglaublich, wie viel Leidenschaft hier steckt.“
Schon Tage vorher hatte der Staatsschutz von Berlin Bescheid gewusst, aber in der Halle spürte ich nur die Leichtigkeit, die Musik, die Stimmen, die miteinander im Einklang waren. Ich fühlte mich mitten in etwas, das größer war als ich selbst, eine Kraft, die alle verband.
„Rico, willst du einen Platz vorne?“ Ein junger Mann winkte mir zu. Ich nickte, und mein Herz schlug schneller vor Vorfreude, als wir uns näher an die Bühne bewegten.
Die Luft war warm, das Summen der Stimmen wie ein Herzschlag. Ich hörte die Lieder von Rennicke, spürte die Energie der Menschen um mich herum. Ich setzte mich, doch ich war nicht unsichtbar — ich war Teil von etwas.
„Ich hätte nicht gedacht, daß es so ein Erlebnis wird“, flüsterte Bettina, während sie mich anlächelte.
„Ich auch nicht“, antwortete ich, und es war kein Ton von Zweifel in meiner Stimme, nur Freude. „Aber es fühlt sich richtig an.“
Über vier Stunden lang hörte ich zu, spürte die Musik, die Begeisterung der Menschen, die Verbundenheit in jedem Blick, in jeder Geste. Als zum Abschluss das Deutschlandlied erklang, hob ich den Kopf, fühlte die Kraft der Stimmen, das Miteinander. Ich lächelte, atmete.
Ich bewegte mich weiter in der gleichen Richtung — aus Überzeugung, aus Gewohnheit.
Es hielt nicht lange mit Bettina. Vielleicht gerade wegen meiner Überzeugung...
Der Sommer begann zu kippen, kaum dass ich begriffen hatte, wie leicht sie mir geworden war. Die Abende wurden kürzer, das Licht dünner, und zwischen unseren Treffen legte sich etwas Unausgesprochenes, wie feiner Staub. Nichts Dramatisches. Keine Szene. Nur dieses leise Auseinanderdriften, das man erst bemerkt, wenn man schon mittendrin ist. Sie kam manchmal zu spät, manchmal gar nicht. Wenn sie da war, lag ihre Aufmerksamkeit nicht mehr ganz bei mir. Ihr Blick schweifte öfter über das Wasser, zu den Menschen, zu Möglichkeiten, die jünger waren als meine Zweifel. Ich spürte es in der Art, wie sie meine Hand losließ – nicht abrupt, sondern ein wenig früher als sonst.
Unsere letzte Nähe war beinahe zärtlicher als alles zuvor. Wir standen am Ufer, der Abend kühl, ihre Jacke zu dünn. Ich legte sie ihr um die Schultern, meine Finger verharrten einen Moment zu lang an ihrem Nacken. Sie schloss kurz die Augen. Kein Kuss. Nur dieses Einverständnis, das bereits Abschied war.
„Du bist manchmal schon weg, bevor du gehst“, sagte sie leise.
Ich nickte. Zum ersten Mal verstand ich, was sie meinte. Als sie sich umdrehte und ging, blieb etwas von ihr bei mir zurück – nicht ihr Geruch, nicht ihre Stimme, sondern das Gefühl, zum ersten Mal wirklich gesehen worden zu sein. Und das Wissen, dass man manche Begegnungen nicht verliert, weil sie enden, sondern weil sie einen verändern. Jahre später denke ich noch an diese Abende an der Spree. Nicht mit Schmerz. Eher mit einer stillen Wärme. Bettina war nicht die Liebe meines Lebens. Aber sie war die erste, die mir zeigte, wie sich Nähe anfühlt, wenn man sie nicht festhält – sondern nur für einen Augenblick zulässt.

Ein Jahr später lernte ich Ute kennen. Zehn Jahre älter, verheiratet, mit einer Ruhe in den Bewegungen, die nichts mit Harmlosigkeit zu tun hatte. Sie betrat den Raum, als hätte sie ihn schon einmal besessen, und sah mich an, als wüsste sie längst, wie diese Geschichte enden würde.
Bettina war ein warmes, helles Licht gewesen. Eines, das den Raum füllte, ohne Schatten zu werfen.
Ute dagegen war ein Feuer. Kein loderndes, sondern eines, das unter der Haut brannte, langsam, geduldig.
„Du schaust immer, als würdest du gleich etwas verlieren“, sagte sie beim ersten Kaffee.
„Vielleicht, weil ich es gewohnt bin“, antwortete ich.
Sie lächelte schief. „Oder weil du es suchst.“
Ihre Nähe war ein Risiko, das sich gut anfühlte. Wenn sie lachte, legte sie den Kopf leicht zur Seite, als wolle sie mir ein Geheimnis anvertrauen. Manchmal berührten sich unsere Hände zufällig – oder zu zufällig, um noch Zufall zu sein. Sie zog sie nie sofort zurück. „Das ist keine gute Idee“, sagte sie eines Abends, als wir zu nah beieinander standen. „Du klingst nicht überzeugt“, erwiderte ich. Sie schloss kurz die Augen. „Überzeugung ist überbewertet.“
Ein anderes Mal, später, leiser: „Du spielst mit Dingen, die größer sind als du.“
Ihre Stimme zitterte dabei. Nicht vor Angst – eher vor Hoffnung. Ich sah sie an, sah die feinen Linien um ihre Augen, das Leben, das sie führte, und das, das sie gerade riskierte. „Und wenn ich verliere?“ „Dann wirst du es wenigstens gespürt haben“, sagte sie.
Ich tat es. Ich spielte. Und wie alles in dieser Zeit entglitt sie mir schließlich. Nicht mit einem Knall, sondern mit dem leisen Geräusch von etwas, das zu Boden fällt und liegen bleibt. Ute verschwand nicht aus der Welt, nur aus meiner. Zurück blieb der Geruch von Rauch und die Gewissheit, daß Feuer wärmt – aber nichts verzeiht.

Während mein beruflicher Alltag auf dem Friedhof von Ruhe, festen Wegen und wiederkehrenden Handgriffen bestimmt war, begann sich mein privates Leben langsam und beinahe unmerklich zu verschieben. Die Arbeit folgte einem verlässlichen Rhythmus: Gräber pflegen, Wege säubern, Gespräche mit Hinterbliebenen, die meist kurz blieben. Es war ein stiller Ort, geprägt von Ordnung und Wiederholung. Vielleicht war es genau diese Ruhe, die abends in einen Kontrast trat zu dem, was mich außerhalb dieser Stunden anzog.
Anfang der 1990er-Jahre war Berlin ein Ort im Übergang. Vieles war offen, manches zerfallen, anderes noch nicht geordnet. Häuser standen leer, Strukturen fehlten, Regeln wirkten vorläufig. Man traf Menschen, die Halt suchten, Orientierung oder schlicht Zugehörigkeit. Nicht alle fanden sie an tragfähigen Orten. Auch ich suchte, ohne es mir klar einzugestehen. Ich spürte ein Unbehagen, ein diffuses Misstrauen gegenüber dem, was als System bezeichnet wurde, ohne es konkret benennen zu können. Es war weniger Wut als Unsicherheit.
Der Einstieg geschah nicht abrupt. Es gab keinen Moment der Entscheidung, kein bewusstes Bekenntnis. Es begann mit Gesprächen, mit Zuhören. Mit dem Gefühl, verstanden zu werden. Die volkstreue Bewegung trat nicht als geschlossene Front auf. Sie war leise, aufmerksam, präsent. Sie stellte keine Forderungen, sondern bot Deutungen an. Sie griff Zweifel auf, formulierte sie aus, bestätigte sie. Ich musste nichts erklären. Vieles schien bereits gesagt.
Was zunächst wie lose Kontakte wirkte, verdichtete sich über die Zeit. Inhalte wiederholten sich, Begriffe wurden vertraut, Zusammenhänge klarer. Die Bewegung wurde umfassender, präsenter, selbstverständlicher. Irgendwann war sie nicht mehr etwas, dem ich begegnete, sondern etwas, das mich begleitete. Überzeugung entstand nicht nur aus Diskussion, sondern aus Wiederholung und Einordnung.
Ende 1994 wurde diese Entwicklung konkret. Ich begann regelmäßig an den Treffen der Kameradschaft Treptow teilzunehmen. Sie fanden wöchentlich statt und wurden schnell zu einem festen Punkt in meinem Kalender. Der Raum, in dem wir uns trafen, veränderte sich kaum. Die Einrichtung blieb gleich, ebenso die Sitzordnung. Man kam an, begrüßte sich knapp, setzte sich. Gespräche vor Beginn waren selten. Man wartete, bis alle da waren. Dann begann der Ablauf.
Flugblätter wurden verteilt, Zeitungen gezählt, Materialien geordnet. Aufgaben wurden vergeben, sachlich, ohne Diskussion. Anschließend folgten Schulungen.Sie waren ruhig vorgetragen, strukturiert, abschließend gabs Diskussionen und Meinungsaustausch. Ich hörte zu, schrieb mit, ordnete das Gehörte ein. Es wurde erwartet, dass man verstand, und und an sich arbeitete, das war klar. Diese Klarheit empfand ich als entlastend. Ich brauchte keine neue Position entwickeln, ich hatte eine, gefestigt und etwas starr, gebe ich heute zu.
Das Verteilen der Materialien gehörte fest dazu. Meist früh am Morgen, zu Zeiten mit wenig Verkehr. Man arbeitete nebeneinander, ohne Absprachen vor Ort. Jeder kannte seinen Bereich. Es wurde nicht gesprochen, höchstens genickt. Nach Abschluss traf man sich wieder, stellte fest, dass alles erledigt war, und ging auseinander. Diese Abläufe wiederholten sich nahezu unverändert. Sie gaben Struktur. Für mich bedeutete das Verlässlichkeit.
Auch die Abende folgten einem ähnlichen Muster. Liederabende, Gespräche, gemeinsames Aufräumen. Niemand drängte sich in den Vordergrund. Man war Teil der Gruppe, nicht Individuum. Die Themen waren bekannt, die Haltung geteilt. Ich fühlte mich eingebunden, ohne etwas von mir preisgeben zu müssen. Selbst bei den Wanderungen zeigte sich diese Form der Gemeinschaft. Man ging gemeinsam, sprach wenig, machte gemeinsam Pause. Nähe entstand nicht durch Worte, sondern durch Gleichschritt.
Mit der Zeit traten auch Spannungen auf. Sie waren nicht geplant und wurden nicht groß thematisiert, gehörten aber dazu. Nach einem Treffen gingen wir gemeinsam Richtung S-Bahn. Es war dunkel, die Straßen ruhig. An einer Kreuzung kam uns eine andere Gruppe entgegen. Man erkannte sich früh, noch bevor jemand etwas sagte. Die Antifa aus dem Kiez, die üblichen Verdächtigen… Die Schritte verlangsamten sich, die Reihen schlossen sich. Einzelne Worte fielen, dann deutlicher. Niemand wich aus.
Die Situation verdichtete sich, ohne laut zu werden. Ein kurzes Drängen, ein Stoßen, Bewegung auf engem Raum. Ich blieb stehen, spürte die anderen dicht bei mir. Mein Handeln war nicht individuell, sondern eingebettet. Es ging nicht um einen Ausbruch, sondern um Standhalten. Nach kurzer Zeit löste sich alles auf. Schritte entfernten sich, Stimmen verklangen. Wir gingen weiter, dichter beieinander, schweigend. Am Bahnsteig warteten wir auf den Zug, als wäre nichts geschehen.
Solche Situationen blieben nicht vereinzelt. Sie fügten sich in den Alltag ein, zwischen Treffen, Verteilungen und Fahrten. Bei Demonstrationen in Städten wie Dresden, Leipzig, Saalfeld oder Potsdam war die Spannung von Beginn an Teil des Rahmens. Die Anreise verlief organisiert, Sammelpunkte waren klar benannt, Vorgaben eindeutig. Polizei, Absperrungen, Marschrouten. Bewegung erfolgte im geschlossenen Zug. Ich ging mit, Schritt für Schritt, eingebunden in die Menge. Rufe entstanden, verstummten wieder. Alles blieb kontrolliert, gerichtet, ohne Auflösung ins Einzelne.
Nach den Veranstaltungen löste sich die Gruppe meist sofort auf. Oft gab es nur kurze Verabschiedungen, Rückfahrten, Müdigkeit. An manchen Abenden jedoch gingen wir gemeinsam noch in eine Kneipe, meist unweit des Bahnhofs, ein Ort ohne Besonderheit. Die Demo lag dann noch spürbar in den Körpern: die Anspannung, das lange Stehen, das Gehen im geschlossenen Zug. Drinnen war es warm, laut, der Ablauf nicht mehr vorgegeben.
Man setzte sich zusammen, bestellte Bier, manchmal auch Schnaps. Die Gespräche wurden lockerer, weniger gerichtet. Es wurde gelacht, durcheinandergeredet, alte Geschichten wurden hervorgeholt. Die Strenge der Veranstaltung wich einer beinahe gemütlichen Stimmung. Gelegentlich artete dieses Beisammensein feuchtfröhlich aus, ohne Planung, ohne Anlass. Es war ein Bruch mit der Disziplin des Tages, aber kein Widerspruch. Beides gehörte zusammen.
Auffällig war, wie selbstverständlich dieser Wechsel vollzogen wurde. Am Nachmittag klare Vorgaben, geschlossener Auftritt, Kontrolle. Am Abend Nähe, Ausgelassenheit, Nachlässigkeit. Am nächsten Tag wurde darüber kaum gesprochen. Beim nächsten Treffen war die Ordnung wiederhergestellt, als hätte es die Lockerheit nicht gegeben. Der Kontrast störte nicht – er stabilisierte. Und so wurde es auch empfunden. Die Gemeinschaft trug nicht nur in ruhigen Momenten, sondern gerade dort, wo es enger wurde. Das Gefühl des Dazugehörens verstärkte sich durch das gemeinsame Durchstehen, ohne es auszubreiten oder zu erklären.
So entstand Mitte der 1990er-Jahre ein zusammenhängender Abschnitt meines Lebens. Kein dauernder Ausnahmezustand, keine ständige Eskalation, sondern ein gleichmäßiger Verlauf mit Verdichtungen. Treffen, Wege, Aufgaben, Spannungen. Ich war Teil davon, eingebettet in die Verlässlichkeit der Gruppe.
Ich stieg nicht aus.
Im Gegenteil.
Ich rückte nicht ab.
Im Gegenteil.
Ich blieb.
Ich blieb, weil man mir etwas gab, das mir fehlte: Ordnung, Zugehörigkeit, ein Wir, das größer war als meine eigene Orientierungslosigkeit. Ich sagte mir, ich sei vorsichtig, nur beobachtend. Doch Beobachten wurde Gewohnheit, Gewohnheit wurde Haltung.
Ich blieb, wie ich war: ein Produkt meiner Zeit, meiner Unsicherheiten, meiner Suche nach Halt. Einer, der glaubte, ihn gefunden zu haben.
Ich trug keine Parolen vor mir her.
Ich trug die Bewegung in mir.

Und dann kam 1995, das Jahr, in dem mein Leben endgültig zerbrach. 1995 ging ich durch ein Deutschland im Aufbruch. Überall spürte ich Stolz und Tatendrang – die Wiedervereinigung noch frisch, die Menschen voller Hoffnung. Als Dortmund die Champions League gewann, jubelte ich mit Freunden auf den Straßen und fühlte: Wir können Großes schaffen.
Politik, Debatten, Wirtschaft – alles wirkte kompliziert, aber ich sah die Kraft eines Landes, das zusammenhält. In unseren Traditionen, in unseren Landschaften, im Lachen auf den Straßen und Plätzen erkannte ich, was Deutschland ausmacht.
Dieses Land, dachte ich, mag seine Fehler haben, aber es ist stark, lebendig und schön – und ich bin stolz, ein Teil davon zu sein. Tja, aber ich sah, wie gesagt, auch die Fehler...

Ich war damals viel mit Mirko unterwegs. Wir redeten uns in Dinge hinein, die wir glaubten zu verstehen. Wir hielten uns für stark, für entschlossen, für Männer, die handeln müssten. In Wahrheit waren wir zwei verlorene Seelen, die sich gegenseitig anfeuerten, bis wir beide über die Klippe kippten.
Der Winter 1994/95 hing über Treptow wie ein grauer Film. Man lief durch die Straßen, und alles fühlte sich an, als hätte jemand die Farben runtergedreht. Mirko und ich standen abends öfter am S-Bahnhof Treptower Park herum, mehr aus Gewohnheit als aus irgendeinem Grund.

„Rico“, sagte er einmal und zog die Schultern hoch gegen den Wind, „in diesem Club da, diesem Gérard Philipe… da feiern die wohl alles mögliche. Linke, Schwule, Lesben, weiß der Teufel was. Drogen verticken die auch in dieser Kifferhöhle.“ Er sagte es nicht aggressiv, eher so, als hätte er irgendwo eine Nachricht aufgeschnappt, die er nicht einordnen konnte. Ich sah ihn an, er mich. „Und?“, fragte ich.‘„Naja“, meinte er, „ist halt unser Kiez. Da sollte man schon zeigen, daß man sowas nicht einfach kommentarlos durchwinken muss.“
Es war kein Befehl, keine Drohung – nur ein Satz, der Raum ließ. Und in diesem Raum breitete sich etwas aus, das wir beide nicht stoppten. Zwei Leute, die einander spiegelten, verstärkten, ohne zu merken, wohin das führen würde. Ein paar Tage später saßen wir bei mir in der Küche. Die Tapete löste sich in den Ecken, es roch nach Zigaretten und Spaghetti mit Salamistücken und Tomatensoße. Mirko legte eine ausgeschnittene Skizze aus dem Stadtteilblatt auf den Tisch. „Hier“, sagte er und tippte auf eine dünne Linie. „Die Rückseite vom Gebäude. Da hängt ’ne Feuerleiter. Kommt man rauf.“ Ich beugte mich über das Papier, auch wenn es kaum mehr als ein Schattenriss war.
„Ja“, murmelte ich. „Sieht nicht kompliziert aus.“ Mirko sah mich eine Sekunde zu lange an. „Wir machen das aber nur, wenn wir beide dahinterstehen.“ „Tun wir“, sagte ich. Und in dem Moment glaubte ich es.
Die Nacht des 17. April 1995 hatte eine unnatürliche Klarheit. Still, als würde die Stadt heimlich zuhören. Wir standen in der schmalen Gasse hinter dem Club, wo nur eine einzelne Laterne schwach glimmte. Die Feuerleiter ragte an der Wand hoch wie ein altes Knochengerüst. „Also?“, fragte Mirko leise. „Los“, sagte ich.
Die Sprossen waren kalt unter meinen Händen, und das Metall gab ein leises Knarren von sich. Mirko folgte mir dicht, wir bewegten uns in einem Rhythmus, den keiner von uns vorgegeben hatte. Oben erreichten wir das Podest. Der Wind pfiff über das Dach, und die Dachluke lag vor uns wie ein verschlossenes Auge. „Soll ich?“, fragte er. „Mach du den Anfang. Ich helf dir.“ Wir setzten gemeinsam das Werkzeug an. Ein kurzes Klicken, ein Rucken – die Luke gab nach. Ein Schwall kalter Innenluft kam uns entgegen. Dann kletterten wir hinein. Im Inneren war es still, als hätte der Raum den Atem angehalten. Sofas, Plakate an den Wänden, ein paar zurückgelassene Gläser – Spuren eines Abends, der nichts mit uns zu tun hatte. Und doch standen wir mitten drin. „Hier“, sagte Mirko leise. „Der alte Kinovorhang, das ist die erste Stelle.“ Ich stellte die Flasche ab. Er zog den Stoff zurecht. Unsere Hände zitterten, aber wir arbeiteten präzise. Dann die Flamme. Ein kleines Aufflackern, das sofort hungrig wurde. Wir gingen zur zweiten Stelle. „Bereit?“, fragte ich.

„Ja.“ Als auch dort die Flamme aufstieg, wussten wir beide, daß es jetzt keinen Weg mehr zurück gab. Wir traten durch die aufgebrochene Hintertür hinaus in die kühle Nacht. Das Feuer hinter uns schlug hoch, fraß sich unaufhaltsam vorwärts, als hätte es nur auf diesen Moment gewartet. Ich blieb einen Augenblick stehen, spürte die Hitze auf meinem Rücken, den Rauch, der in meine Lungen kroch.
Die Straßen um uns waren still, nur das Knistern des Feuers durchbrach die Stille. Ich hörte es, fühlte es in der Brust, als würde jeder Schlag des Herzens von der Glut mitgetragen. Meine Hände zitterten leicht, und ich wusste nicht, ob es von Angst war oder von dem seltsamen, wachen Gefühl, am Rande von etwas zu stehen, das mich völlig überstieg.
Wir gingen langsam weiter – unauffällig – wie Schatten, ein Schritt nach dem anderen, spürten die Nacht um uns herum, die kühle Luft auf der Haut, die entfernten Sterne über uns. Ich wollte mich umdrehen, wollte schauen, wollte die Hitze in mir aufsaugen, doch ein Teil von mir wusste, daß es besser war, vorwärts zu gehen, die Augen nach vorne gerichtet.
Und während wir die Straße entlanggingen, spürte ich etwas, das schwerer wog als Angst oder Rauch: das Bewusstsein, daß wir etwas hinter uns ließen, etwas, das größer war als wir, etwas, das nie zurückkehren würde. Die Nacht war still, aber nicht leer. Ich fühlte jede Bewegung, jeden Atemzug, jede kleine Regung meiner eigenen Unsicherheit, meines eigenen Mutes – und es brannte leise in mir, wie ein Funke, der nicht vergehen wollte.
Zwei Tage später standen wir wieder dort. Niemand hätte uns erkennen müssen, um zu wissen, daß wir nicht einfach neugierige Passanten waren. Die Ruine stank nach nasser Asche. Metallstreben ragten wie verbogene Finger aus dem Boden, Glastassen lagen in Scherben. Nur ein alter Eisenschrank war fast unversehrt geblieben, darin ein paar Schlüssel, als hätte jemand sie für eine Zukunft aufbewahrt, die nie kommen würde.
Eine Jugendarbeiterin stand in der Nähe, die Augen gerötet. „Wir haben uns gestern mit den Jugendlichen getroffen“, sagte sie zu einem Kollegen. „Viele haben einfach nur geweint.“‘
Mirko sah auf den Boden. „Rico… das… das sieht schlimmer aus, als ich’s mir vorgestellt hab.“ Ich antwortete nicht.
Denn mir war plötzlich klar, daß ein Zeichen, das man setzen will, manchmal am Ende nur ein Brand ist, der alles verbrennt – auch das, was man in sich selbst für unzerstörbar gehalten hat.
Manchmal gehe ich heute dort vorbei. Das neue Gebäude steht sauber, modern, fast stolz an seinem Platz. Und jedes Mal habe ich das Gefühl, daß die Luft dort dichter ist, schwerer. Als würde Berlin selbst nicht vergessen – auch wenn die Menschen es tun.
Was danach geschah, hat mein Leben zerstört – und das vieler anderer mit. Mehr als Worte es je wiedergutmachen könnten. Ich erzähle es hier nicht, um es zu glorifizieren, sondern weil es Teil der Wahrheit ist, Teil dessen, was ich nicht rückgängig machen kann.
Ich erinnere mich an den Moment danach, an das Schweigen, an die sirenenlose Leere, an das entsetzliche Wissen, daß ich eine Grenze überschritten hatte, die kein Mensch überschreiten darf.
Ich versuchte später, es mir selbst wegzuerklären, aber das gelang nie. Die Strafe kam, und sie war gerecht.

Nach Haft und Strafe: Friedhofsgärtner-Umschulung, Arbeit mit den Händen, innere Ruhe, Selbstreflexion, Aufbau eines Lebens voller Verantwortung und kleinen Freuden.

Die Jahre 1996 und 1997 öffneten Türen, die vorher nicht existierten, und zugleich zerstörten sie viele Gewissheiten. Berlin wuchs, wurde lauter, unübersichtlicher. Straßen und Plätze, die ich früher kannte, schienen plötzlich fremd, verändert, als hätte die Stadt über Nacht Atem und Rhythmus gewechselt. Jobs kamen und gingen, Löhne flossen selten pünktlich, und die Möglichkeiten wirkten wie dünnes Glas: glänzend und verlockend, aber jederzeit zerbrechlich…

 

März 1997 . Der Brief liegt vor mir, noch warm vom Drucker. Das Papier riecht nach Toner und nach etwas, das ich Überzeugung nenne, weil mir kein besseres Wort einfällt. Kein Absender. In Ordnung. Ich mag Ordnung. Ordnung bedeutet, dass niemand fragt. Ich setze den Namen darunter, den ich mir ausgedacht habe: bürgerlich, glatt, unauffällig. Einer von denen, die nie auffallen, selbst wenn sie es sollten. „Im Interesse Ihrer eigenen Sicherheit und Unversehrtheit.“ Ich lese den Satz lautlos mit. Er ist gut. Sachlich. Kein Ausrufezeichen. Ich drohe nicht, sage ich mir. Ich weise hin. Ich formuliere Verantwortung.
Draußen rumpelt der Verkehr vorbei, Treptow am Vormittag, grauer Himmel, graue Häuser, alles wie immer. „Die Unbunte“ liegt irgendwo herum. In Schulen, in Läden, an Orten, an denen Jugendliche so tun, als hätten sie nichts mit Politik zu tun, und Erwachsene so tun, als ginge sie das alles nichts an. 3.500 Exemplare. Ich kenne die Zahl, weil sie mir im Kopf bleibt wie ein Splitter. Alle zwei Monate. Zwanzig Pfennig. Harmlos, nennen sie das. Taschengeldfreundlich. Ich nenne es Verbreitung.
Ich habe die Schülerzeitung gelesen. Mehrmals. Ich lese das, was mich ärgert, gründlicher als alles andere. „Antifa in Treptow“, dieser wohlige Ton des Selbstverständlichen. Kriegsdienstverweigerung, als sei das eine Frage des guten Geschmacks. Texte, die so tun, als wären sie offen, dabei sind sie geschlossen wie ein Kreis, in den man nur hineinpasst, wenn man vorher schon dazugehört. Ich schreibe: „multikulturelle, deutschenfeindliche Tendenzen in jeder Ausgabe“. Das klingt nach Muster, nach System. Genau das will ich, denn so ist meine Sicht der Dinge - natürlich wird konsequent und systematisch gegen Volk und Heimat gehetzt. Dann: „sexistische, antiautoritäre Grundstimmung unter Kindern und Jugendlichen“. Kinder unterstreiche ich innerlich. Wörter sind Werkzeuge. Manche greifen besser als andere.
Ich falte den Brief. Noch zwei liegen daneben. Drei insgesamt. Einer geht an den Kfz-Sachverständigen, einer an die Fahrschule, einer an einen kleinen Laden, dessen Schaufenster ich kenne. Anzeigenkunden, sagen sie. Unterstützer. Als sei Geld schon Haltung. Ich stelle mir vor, wie sie den Umschlag aus dem Briefkasten ziehen. Wie sie kurz zögern. Wie sie weiterlesen. Das Bild ist klar, fast beruhigend. Ich sage mir, dass es gerecht ist. Wer sich einmischt, mischt mit. Wer wirbt, bekennt sich.
Sie werden empört sein. Verunsichert. Das sagen sie immer. Ein Sprecher ohne Namen wird etwas erklären, von Ernst der Lage, von keinem Spaß. Ich sehe ihn vor mir, wie er vorsichtig formuliert, wie er Distanz wahrt. Feigheit, denke ich. Dann denke ich nicht weiter darüber nach, dass ich selbst keinen Namen benutze. Der Unterschied ist offensichtlich. Für mich jedenfalls.
Das Landeskriminalamt ermittelt, höre ich später. Anzeigen wegen Nötigung. Das Wort gefällt mir nicht. Es ist klebrig, es bleibt haften. Nötigung klingt nach Gewalt. Ich habe nichts getan, sage ich mir. Ich habe geschrieben. Schreiben ist erlaubt. Schreiben ist Meinung. Ich wiederhole das. Mehrmals. Dass niemand diese Gruppe kennt, beruhigt mich. Weder die Polizei noch irgendwelche Archive. Der Name existiert, weil ich ihn geschrieben habe. „Autonomer Freundeskreis Deutsche Kultur.“ Freundeskreis klingt harmlos. Kultur klingt hoch. Beides zusammen klingt nach etwas, das es schon immer gegeben haben könnte.
An den Schulen, heißt es, sei nichts bekannt. Keine rechten Umtriebe, keine Akten. Vereinzelte Vorfälle, nichts Systematisches. Ich weiß, wie schnell aus „Nichts“ etwas wird... Darauf baue ich, ich kenne ja die wahre Stimmung an vielen Schulen. Meine Jungs und ich lesen nicht nur Akten, sondern reden mit Schülern aller Coleur. Auf das Wegsehen, das Abwiegeln, das „Einzelfall“, darauf ist Verlass. Wenn es Rechte gibt, sagen sie, dann sind sie vereinzelt. Vereinzelung ist ein gutes Wort. Es macht unsichtbar.
Manchmal habe ich das Gefühl, die Zeitungsmacher sind näher dran, als mir lieb ist. In einem Satz schreibe ich: „Aufgrund der Zusammensetzung der Redaktion ist diese deutschfeindliche Haltung wenig verwunderlich.“ tatsächlich weiß ich mehr, als ich sollte. Gesichter tauchen auf, Stimmen, Pausenhöfe, Lachen. Zu nah. Ich schiebe den Gedanken weg und erkläre mir, dass Nähe Erkenntnis ist. Dass man hinschauen muss, um zu urteilen. Ich erkläre mir vieles, und es klingt überzeugend, solange ich nicht aufhöre zu reden, mitzudenken und zu agieren.
Die neue Ausgabe ist im Druck. In letzter Minute basteln sie eine Beilage, höre ich. Aufklärung, Transparenz, Solidarität. Sie schreiben an den Innensenator, bitten um Schutz. Auch für sich, nicht nur für die Anzeigenkunden. Schutz. Das Wort kommt mir groß vor. Ich stelle mir vor, wie sie auf Antworten warten, wie sie hoffen, ernst genommen zu werden. Ich lache kurz.
Ich stecke die Briefe in die Umschläge, gehe zum Briefkasten, lasse sie durch den Schlitz gleiten. Er schnappt zu, trocken, endgültig. Auf dem Rückweg denke ich, dass ich etwas getan habe. Etwas, das Wirkung haben wird. Wirkung ist wichtig. Wirkung bedeutet, dass man existiert.
Ich nenne das Ordnung. Ich nenne es Klarheit. Ich nenne es Konsequenz. Ich nenne es vieles, je nachdem, wie es sich gerade anfühlt. Was ich nicht nenne, ist Zweifel. Der bleibt leise, irgendwo zwischen den Sätzen. Und ich weiß, ohne es mir einzugestehen: Worte gehen ihren Weg. Sie kommen an. Und manchmal kommen sie zurück. Meinetwegen. Die Sache war es wert. Längst vergessen bei den damals Beteiligten, in mir noch hintergründig lauernd, deswegen mußte ich es jetzt schreiben.

Ein neuer Weg begann im Sommer 1997.
Einer dieser Wege begann im Sommer 1997. Ich lernte Monique kennen. Es war kein lauter Beginn, kein Feuerwerk – eher ein leises, unerwartetes Sich-Zuordnen. Wir fanden zueinander, zogen zusammen, und langsam wuchs zwischen uns eine kleine Einheit, fragil und zugleich unerschütterlich in ihrer Einfachheit. Abende voller Gespräche, das leise Teilen von Alltag und Zukunftsplänen, das Gefühl, daß jemand endlich versteht, wer man ist – und daß man selbst dafür verantwortlich ist, diesen anderen Teil der Welt zu schützen.
1998 kam unsere Tochter zur Welt. Ein winziges Wesen, das alles auf den Kopf stellte. Plötzlich trug man nicht mehr nur sich selbst durch die Welt, sondern das Leben eines anderen. Jede Entscheidung, jeder Atemzug war doppelt gewichtet, und die Verantwortung lag wie ein warmer, schwerer Mantel auf der Brust – drückend, ja, aber zugleich tröstlich. Man lernte, in Sekunden zu planen, in Berührungen zu kommunizieren, in kleinen Blicken ganze Welten zu erkennen.
Beruflich pendelte ich zwischen verschiedenen Gartenbauprojekten, von einer Firma zur nächsten, zwischen Baustellen, Pflanzen und Plänen, immer unterwegs, immer mittendrin im grünen Chaos der Arbeit. Erdreich, Pflanzen, Steine, Handwerk – ehrliche Arbeit, die oft mehr Schweiß als Geld brachte. Ich grub, pflanzte, hievte schwere Steine, formte Wege, Gärten, Plätze. Jeder Handgriff war sichtbar, spürbar, ein Zeugnis von Mühe und Beständigkeit. Ich roch die Erde nach Regen, den Staub, den Schweiß auf der Haut, fühlte die rauen Oberflächen der Steine, das Nachgeben der Erde unter den Fingern. Es war Arbeit, die verlangte, daß ich im Moment war, daß ich spürte, daß ich existierte. Und gerade in dieser Schwere lag eine seltsame Leichtigkeit: die Gewissheit, daß etwas von mir blieb, selbst wenn ich ging.
Berlin war laut und unruhig, meine Tage gefüllt mit Bewegung, Schweiß, Familie und Verantwortung. Und doch war da immer dieses Gefühl von Verwurzelung: in der Erde unter meinen Händen, im kleinen Zuhause, in der Nähe von Monique und unserer Tochter. Alles war zerbrechlich und kostbar zugleich, und vielleicht war das genau das, was die Jahre so unvergesslich machte.
 

1998 – ein Jahr, das sich anfühlte wie ein langes Aufatmen zwischen zwei Epochen. Die Neunziger räumten langsam die Bühne, aber sie gingen nicht, ohne noch einmal demonstrativ die Schultern zu zucken. Ich stand mittendrin und beobachtete es mit einer Mischung aus Amüsement und leichter Verwirrung.
Helmut Kohl war noch Kanzler. Immer noch. Wie ein alter Wohnzimmer-Schrank, den man seit Jahren umgeht, aber von dem man weiß: Er trägt heute noch die Zimmerpflanze. Ich sah ihn und dachte: Na gut, dann eben noch ein bisschen Routine. Er wirkte staatsmännisch-müde, Deutschland routiniert-regiert – und wir hatten uns alle zu sehr aneinander gewöhnt.
Dann kam der Wahlkampf. Im September sollte alles anders werden. Schröder versprach die Neue Mitte, Lafontaine dachte sie, und wir taten so, als wüssten wir genau, was das heißen sollte. Rot-Grün fühlte sich an wie ein Software-Update: Ich hoffte auf bessere Funktionen, hatte aber Angst vor Abstürzen.
Der Euro stand schon im Flur, noch ohne Bargeld, aber mit viel Gerede. Überall redeten sie von Stabilität, von Vereinfachung, von der Zukunft. Ich nickte, rechnete innerlich trotzdem weiter in D-Mark um und fragte mich, ob ich je genug Umrechnungen im Kopf haben würde.
Die Deutsche Telekom war jetzt Volksaktie. Aktienkultur war plötzlich Volkssport. Menschen, die gestern noch Sparbuch sagten, sprachen nun von „Kursentwicklung“. Ich fühlte mich modern, ein bisschen global, sehr informiert – obwohl ich die meisten Informationen aus der Tagesschau zog. Stolz auf den Fortschritt, aber vorsichtig, nicht zu stolpern.
Berlin war ein Wunder aus Staub, Kränen und Träumen. Die Love Parade zog Hunderttausende durch die Straßen, Techno galt als Zukunftsmusik mit politischem Auftrag, und wir alle – ich eingeschlossen – waren überzeugt, daß elektronische Beats automatisch tolerant machten. Freiheit mit Ablaufplan, könnte man sagen.
Sportlich herrschte kollektives Stirnrunzeln: Die Fußball-WM endete für Deutschland abrupt gegen Kroatien. Ich war weniger wütend als verwirrt. Ein neuer Zustand. Vielleicht ein Zeichen der Zeit.
Und dann kam Eschede. Der ICE, das Unglück. Ich hielt den Atem an, wie das ganze Land. Fortschritt war kein Witz, Sicherheit kein Versprechen. Ich schwieg, dachte nach, wurde ernst. Für einen Augenblick war alles ironische Lächeln über Technik, Politik und Zukunft dahin.
Bis September war 1998 für mich ein Übergangsjahr. Ein Jahr mit Halbglatze und Zukunftsplänen, mit Routine und kleinen Überraschungen, mit Stolz auf Stabilität und Neugier auf Veränderung. Ich wusste, daß wir alles im Griff hatten, eine Zeitlang war das so.
Der September 1998 veränderte alles: das Verfahren zum Brandanschlag, ein Urteil. Ich landete in der JVA Spandau. Im Gefängnis begriff ich zum ersten Mal, wie groß der Schaden war, den ich angerichtet hatte. Ich sah mein Leben wie eine Filmrolle, die rückwärts lief: Bettina am Spreeufer, Utes zitternde Hände, die Friedhofswege, der Moosgeruch, die ersten Schritte in eine Welt, die ich nie verstanden hatte.
Und ich begriff, daß ich mich entscheiden musste: weiter weglaufen oder endlich hinsehen.
Ich sah hin.
Auch wenn es weh tat. Besonders dann.
Zwei Jahre Haft – ein Raum, in dem die Zeit stillstand, während die Gedanken schneller liefen, als man sie fassen konnte.
Im offenen Vollzug begann ich meine Umschulung zum Friedhofsgärtner. Kein Unterrichtsraum, kein Stundenplan aus Papier – mein Klassenzimmer war der Morgennebel zwischen den Gräbern, das Knirschen von Kies unter den Schuhen, der Geruch feuchter Erde an den Händen. Manchmal fühlte ich mich wie ein Außerirdischer, der heimlich Biologie studiert: nur daß die „Probanden“ nicht wegrannten, wenn man ihnen zu nahekam.

Ich lernte, den Boden zu verstehen, bevor ich ihn berührte. Zu spüren, ob er bereit war, etwas aufzunehmen, oder ob er Ruhe brauchte. Ich grub nicht einfach Löcher – ich bereitete Orte vor. Pflanzen setzen bedeutete, Verantwortung zu übernehmen: für Wachstum, für Pflege, für das, was bleiben sollte, wenn ich längst weitergegangen war.
Der Alltag bestand aus wiederkehrenden Handgriffen. Schneiden, harken, gießen, abräumen. Werkzeuge säubern, Wege begradigen, Gräber ordnen. Die Arbeit verlangte Genauigkeit, aber keine Hast. Fehler ließen sich nicht verstecken, und vieles ließ sich nicht korrigieren. Geduld war keine Tugend, sondern Voraussetzung. Und nein, es gab keine Abkürzungen – selbst nicht, wenn man auf die Uhr sah und heimlich hoffte, daß der Spaten plötzlich kleiner wurde.
Zwischen den stillen Alleen begegnete mir auch das, was nicht im Ausbildungsrahmen stand. Angehörige, die schweigend neben mir standen. Blumen, frisch, weil jemand gerade Abschied genommen hatte. Gräber, älter als meine eigenen Erinnerungen. Ich lernte, leise zu arbeiten, den Blick zu senken, Raum zu lassen. Respekt war hier keine Geste, sondern eine Haltung. Und gelegentlich wünschte ich mir nur einen Kaffeeautomaten, der mich nicht anschaute, als würde er mein Leben bewerten.
Mit den Jahreszeiten veränderte sich nicht nur die Arbeit, sondern auch mein Blick. Was im Frühjahr gepflanzt wurde, musste im Herbst losgelassen werden. Nicht alles überdauerte den Winter. Und doch begann alles immer wieder neu. Der Friedhof lehrte mich, daß Ordnung nichts Starres ist, sondern ein fortwährendes Kümmern – und daß Schneeschaufeln im Januar eine unterschätzte Sportart ist.
Inmitten dieser stillen Routine lernte ich Bine kennen. Sie kam eines Morgens, die Haare zu einem unordentlichen Zopf gebunden, das Gesicht offen, aber vorsichtig. Sie war neu, wie ich – neu in diesem Abschnitt ihres Lebens, neu in der Hoffnung, daß etwas wieder gerade werden konnte. Zunächst wechselten wir kaum Worte. Ein Nicken, ein kurzes Lächeln, mehr nicht. Auf einem Friedhof spricht man leiser, auch mit den Lebenden.
Unsere Gespräche begannen zwischen Schubkarren und Gießkannen. Belangloses zuerst: das Wetter, der Boden, der an manchen Stellen zu lehmig war, die Rosen, die dieses Jahr schlecht trieben. Doch unter diesen Worten lag etwas Ungesagtes, ein gemeinsames Wissen um Brüche im Lebenslauf. Niemand fragte hier nach Vergangenheit. Die Erde stellte keine Fragen. Und manchmal musste man sie fragen, wenn man den Rasenmäher wieder verlegt hatte.
Ich mochte ihre Art zu arbeiten. Sorgfältig, aber nicht ängstlich. Wenn sie einen Grabstein reinigte, tat sie es mit Respekt, nicht mit Scheu. Sie erzählte einmal, daß sie früher in einem Büro gesessen hatte, acht Stunden am Bildschirm, bis ihr irgendwann die Luft fehlte. Mehr sagte sie nicht. Ich fragte nicht weiter. Ich vermutete nur, daß die einzige Aufgabe dort wahrscheinlich war, Kaffee in die Tasse zu gießen, ohne daß jemand hinsah.
Mit der Zeit wurden die Pausen länger. Wir setzten uns auf eine Bank unter einer alten Linde, tranken dünnen Kaffee aus Thermobechern und sahen den Vögeln zu. Dort erzählte ich ihr zum ersten Mal, daß ich im offenen Vollzug war. Das Wort lag schwer zwischen uns, doch sie wich nicht zurück. Sie sah mich nur an und sagte: »Dann bist du wenigstens ehrlich.«
Diese Einfachheit traf mich mehr als jedes Urteil. Ehrlichkeit war etwas, das mir lange gefehlt hatte – mir selbst gegenüber, den anderen, dem Leben.
Die Tage bekamen wieder Konturen. Ich zählte sie nicht mehr nur bis zur Entlassung, sondern bis zum nächsten Gespräch, zum nächsten gemeinsamen Arbeitseinsatz. Der Friedhof wurde ein Ort des Übergangs: nicht nur für die Toten, sondern auch für uns Lebende, die versuchten, neu anzufangen.
Manchmal, wenn die Sonne tief stand und die Schatten der Grabsteine lang über die Wege fielen, dachte ich, daß mein Leben vielleicht nicht neu beginnen musste. Vielleicht reichte es, es langsam weiterzuführen – mit anderen Händen, die mit anpackten, und mit jemandem, der blieb, auch wenn er wusste, woher ich kam.
Es war eine Begegnung, die ich nie vergessen werde. Sie saß da, lächelte, und ich spürte sofort: Da ist jemand, der mich versteht, ohne daß wir ein Wort sagen mussten. Die Gespräche waren wie ein Fenster in eine Welt, die mir plötzlich wieder offenstand. Die Treffen waren selten, die Briefe unsere Verbindung. Ich schrieb ihr alles, was ich fühlte, jede Unsicherheit, jede Hoffnung. Bine antwortete mit Worten, die Trost spendeten, die Mut machten. Inmitten der Vorschriften, der strikten Stundenpläne und der täglichen Routine wuchs unsere Liebe still, aber unaufhaltsam.

Erinnerung: Der heißeste Tag des Jahres 2000. Siebenunddreißig Grad.

So begann er, und so blieb er mir. An diesem Morgen stand ich früh auf, früher als nötig. Schlaf hatte ohnehin keinen Sinn mehr gehabt. Die Sonne war schon da, als hätte sie es eilig, mir zuvorkommen zu wollen. Im offenen Vollzug bedeutete Frühsein nicht Freiheit, aber es bedeutete Stille. Und Stille war etwas, das ich brauchte.
Die Abschlussprüfung – Umschulung zum Friedhofsgärtner – war ein Wortungetüm für etwas, das längst Teil meines Körpers geworden war. Ich hatte gelernt, ohne Aufsehen zu arbeiten. Kein falscher Griff, kein unnötiger Schritt. Die Ausbildung hatte mir das Tempo genommen, das ich früher für Stärke gehalten hatte. Hier galt etwas anderes: Maß, Haltung, Genauigkeit – und Respekt vor einem Ort, der keine Fehler verzieh.
Mit dem ersten Spatenstich begann die Hitze zu arbeiten. Sie legte sich auf Nacken, Schultern, Kopf. Der Schweiß kam schnell, fast aggressiv. Ich ließ ihn. Abwischen hätte nur Unruhe gebracht. Ich arbeitete langsam, nicht weil ich musste, sondern weil ich es mir erlaubte. Die Hände kannten die Abläufe. Sie wussten, wann Druck nötig war und wann Nachgeben. Ich arbeitete den Boden Schicht für Schicht, spürte seine Dichte, seine Widerstände, ließ mich von ihm führen, ohne zu kämpfen, las, was er mir zeigte.
Die Prüfer sagten nichts. Ihre Stifte kratzten über Papier. Ich hörte sie kaum. Der Friedhof hatte seine eigene Geräuschkulisse: ein Vogel, der sich irrte, das ferne Rauschen einer Straße, das Atmen der Hitze. Und ein paar Ameisen, die offenbar beschlossen hatten, daß ich ihre Verkehrsführung nicht stören sollte.
Als ich fertig war, stand ich einen Moment still. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Respekt. Dann legte ich das Werkzeug ab. Ordentlich. Wie immer. Später, viel später, sagten sie mir, ich hätte die Prüfung mit Auszeichnung bestanden. Bester der Klasse. Ich nahm es zur Kenntnis, wie man etwas zur Kenntnis nimmt, das stimmt, aber nicht erklärt.
Bestanden hatte ich eigentlich schon vorher – an all den Tagen, an denen niemand zusah, an denen ich trotzdem sorgfältig war, an denen ich lernte, daß Würde leise ist.

Die Knastentlassung rückte näher, und mit ihr die paradoxe Mischung aus Freude und Angst. Draußen wartete Freiheit – und Verantwortung. Drinnen kannte ich jede Regel, jeden Ablauf. Draußen war alles offen.
Bine spürte meine Unruhe. In einem ihrer Briefe schrieb sie: »Du musst nicht alles gleich können. Es reicht, wenn du gehst.« Dieser Satz begleitete mich durch die letzten Wochen. Ich wiederholte ihn mir, wenn ich nachts wach lag, wenn die Vergangenheit sich meldete und die Zukunft zu laut wurde.
Am Morgen der Entlassung war der Himmel grau. Kein symbolischer Sonnenschein, kein feierlicher Moment. Ich packte meine wenigen Sachen, gab die Schlüssel ab, hörte das letzte Klicken hinter mir. Das Tor öffnete sich langsam. Ich trat hinaus und spürte, wie die Luft anders roch – freier, ungeschützter.
Bine wartete draußen. Nicht mit großen Gesten, nur mit einem leisen Lächeln. Wir standen uns gegenüber, unsicher für einen Moment, als müssten wir erst lernen, wie Nähe ohne Schranken funktioniert. Dann nahm sie meine Hand.
Der schwierigste Teil lag noch vor mir. Aber ich war nicht mehr allein. Und vielleicht war genau das der eigentliche Übergang – nicht von drinnen nach draußen, sondern von der Vergangenheit in ein Leben, das vorsichtig, Schritt für Schritt, weiterging.
Das Ankommen draußen war kein einzelner Moment, sondern eine Abfolge kleiner Erschütterungen: Türen, die nicht hinter mir zufielen. Straßen ohne Zählung. Geräusche, die keinen festen Platz hatten. Freiheit war anstrengend, aber auch ein bisschen wie frisch gegossene Erde – schwer, feucht, voller Möglichkeiten.

Die erste Nacht war die schwerste. Das Zimmer war ruhig, zu ruhig, und doch konnte ich nicht schlafen. Kein Schlüsselklirren, kein Ruf über den Flur, keine Schritte zur festen Zeit. Stattdessen Stille, die Entscheidungen verlangte. Und ja, ich stellte fest, daß man nicht nur die Türen, sondern manchmal auch die eigenen Gewohnheiten wiederfinden musste.
Und doch gab es diese Augenblicke: abends erschöpft, aber frei. Tage, die vergangen waren, ohne daß ich sie zählte. Langsam lernte ich, mir selbst zu vertrauen. Freiheit war kein Geschenk. Sie war eine Aufgabe, die man jeden Tag neu annimmt – manchmal mit Humor, meistens mit Geduld, immer aber mit der Hoffnung, daß es reicht, wenn man einfach geht.

2002 kam unsere Tochter zur Welt. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich sie das erste Mal im Arm hielt – so klein, so zerbrechlich, und doch voller Leben. Ihre Finger waren winzig, aber sie umschlossen meine Hand, als wüssten sie schon, daß wir uns gegenseitig brauchen würden. Ich hatte gelesen, daß Neugeborene nicht viel erkennen, aber ich schwöre, sie schaute mir direkt ins Herz.
Die ersten Nächte waren ein Kampf gegen Müdigkeit, gegen die Unruhe, die so klein und doch so mächtig war. Wir wechselten Windeln wie ein eingespieltes Team, nur daß keiner von uns vorher geahnt hatte, daß „Teamwork“ so sehr nach Schlafmangel riechen kann. Und doch – jedes Lachen, jedes kleine Gurgeln war ein Triumph, ein Sonnenstrahl durch die Wolken der Vergangenheit.
Unsere Tochter war unser Licht, unser Anker, der alles Dunkle vertrieb. Plötzlich waren die Jahre der Trennung und Entbehrung nicht mehr nur Last – sie hatten uns zu dem gemacht, was wir jetzt waren: eine Familie. Alles, was wir vorher für selbstverständlich gehalten hatten, wurde zu einem kleinen Wunder: die Straßen, die Sonne, das Lachen unserer Tochter. Selbst der Regen hatte plötzlich etwas Beruhigendes, als würde er sagen: „Ihr schafft das.“
Die Tage waren lang, die Nächte endlos, und doch verging die Zeit schneller, als wir es zulassen wollten. Ich erinnere mich an die ersten Schritte, die ersten Worte, die ersten eigenen Ideen, die unsere Tochter mit stolzer Hartnäckigkeit durchsetzte. Alles war neu und aufregend – und manchmal auch chaotisch. Wie der Tag, an dem sie beschloss, daß Mehl ein passendes Dekor für den Wohnzimmerboden war. Wir lachten, wischten und lachten wieder.
April 2004 – unsere Hochzeit. An diesem Tag schien die Sonne besonders hell, als wollte sie uns segnen. Es war ein Frühlingstag, an dem selbst die Vögel zu jubeln schienen, als hätten sie von unserem Glück erfahren. Wir sagten „Ja“ zueinander, nicht nur als Liebesversprechen, sondern als Zeugnis für die Jahre der Prüfungen, der Sehnsucht, des Wartens.
Die Zeremonie war schlicht, herzlich, mit einem Hauch Humor. Als wir unsere Ringe tauschten, flüsterte Bine: „Jetzt bist du offiziell an mich gekettet.“ Ich konnte nicht anders, als zu lachen – und in diesem Lachen lag so viel Liebe und Erleichterung, daß selbst der Standesbeamte ein Schmunzeln nicht unterdrücken konnte.
Seitdem gehen wir gemeinsam durchs Leben, Tag für Tag, Schritt für Schritt. Wir haben gelernt, daß Familie nicht nur aus großen Momenten besteht, sondern aus all den kleinen, unscheinbaren Dingen: gemeinsame Kaffeemomente am Sonntagmorgen, das Teilen einer Decke auf dem Sofa, das gegenseitige Aufräumen von Spielzeug, das heimliche Lächeln, wenn wir wissen, daß wir uns aufeinander verlassen können.
Unsere Tochter wächst und verändert sich jeden Tag. Sie bringt uns an unsere Grenzen und zeigt uns gleichzeitig, wie weit unsere Liebe reichen kann. Manchmal denke ich, daß sie uns lehrt, geduldig zu sein, nicht nur mit ihr, sondern auch miteinander, mit uns selbst.
Und während wir zusammen durch Straßen spazieren, die Sonne im Gesicht, die Hände ineinander verschränkt, weiß ich: All die Jahre des Wartens, der Unsicherheit, der Angst – sie waren nötig, um diesen Moment zu verstehen. Dieses kleine, chaotische, wunderbare Leben, das wir zusammen erschaffen haben.
Denn Familie, habe ich gelernt, ist nicht perfekt. Sie ist voller Fehler, Lachen, Tränen, kleiner Katastrophen – und genau deshalb unendlich kostbar. Das Leben ist kein Film, es ist das Alltägliche, das uns formt. Ich erinnere mich an Geburtstage unserer Tochter, an die erste selbstgebackene Torte, die beim Auspacken fast auf dem Boden landete. An Spaziergänge im Regen, bei denen wir lachten, bis wir nass und durchgefroren waren. An kleine Streits, aus Missverständnissen, aus Müdigkeit, aus Sorgen – und an die Versöhnung, die immer folgte, still, aber ehrlich. Liebe ist kein Feuerwerk. Sie ist das leise Licht, das bleibt, wenn der Sturm tobt. Sie zeigt sich in den Momenten, in denen wir uns anschauen und wissen: Wir haben alles überstanden. Mauern, Trennung, Zweifel. Wir haben Geduld gelernt, Vertrauen, Hoffnung.‘Und so gehe ich weiter. Mit Bine an meiner Seite, mit unserer Tochter, mit Erinnerungen, die uns stärken, und Träumen, die uns tragen. Wir bauen unser Leben Stein für Stein, Tag für Tag, manchmal langsam, manchmal mit stolpernden Schritten. Aber immer zusammen. Hand in Hand, Herz an Herz – immer zusammen.

 

Ein Einschub, der mir viel bedeutet:

Es gibt Menschen, die einem begegnen, als hätten sie schon immer zu einem gehört, obwohl man sie vorher nie gekannt hat. Für mich ist das Sten. Unser Band begann unter ungewöhnlichen Umständen – er war ein Fremder, der mir während meines Vollzugs Briefe schrieb. Diese Briefe waren kein Zufallsprodukt, keine beiläufigen Kritzeleien. Man spürte, daß er sich wirklich Mühe gab. Jede Zeile war bedacht gewählt, jede Seite durchdacht, als wollte er eine Brücke bauen, die selbst die dicksten Mauern überstand. Gelegentlich schimmerte ein kleiner, feiner Humor durch, der die Schwere der Situation nur ein wenig leichter machte.
In seinen Briefen erzählte er von kleinen Dingen, die die Welt leichter machten: eine kurze Anekdote oder Empfehlungen für Bücher, die er selbst gelesen hatte. Alles wirkte bewusst gewählt, aufeinander abgestimmt, so daß man seine Empathie und Aufmerksamkeit spüren konnte – als wollte er mir zeigen, daß er versteht, wie es mir geht.
Als wir uns schließlich persönlich trafen, zeigte sich, was seine Stärke wirklich ausmacht. Ein Umzug stand an. Früh am Morgen war er schon da, den Transporter halb beladen, und während ich mich an den ersten Karton machte, packte er ruhig mit an – ohne Aufhebens, einfach da, verlässlich wie ein Baum. In dieser Stille spürte man seine innere Ruhe, seinen festen Rückhalt und seine Empathie, die wie ein unsichtbares Netz alles Tragen erleichterte. Später, auf der langen Autofahrt, redeten wir kaum, und doch war seine Präsenz spürbar – beruhigend, beständig, ein stilles Versprechen, daß er da ist, egal wie schwer die Last.
Sten ist aufopfernd auf eine Art, die man selten erlebt. Er fährt Hunderte Kilometer, um zu helfen, packt ohne zu klagen, merkt sich Details, die man selbst längst vergessen hat. Seine Stärke ist nicht nur körperlich spürbar, sondern auch in der Art, wie er Ruhe vermittelt, Rückhalt gibt und aufmerksam wahrnimmt, wenn man selbst erschöpft ist.
Diese Verbindung, entstanden aus bewusst gewählten Worten hinter Gittern, ist stärker als viele andere, die ich kenne. Sten ist mehr als ein Freund; er ist ein Anker, ein Baum, ein Kompass aus Stärke, Empathie und Beständigkeit. Wer ihm begegnet, versteht, daß wahre Freundschaft nicht zufällig entsteht – sie wird gebaut, gepflegt und gehalten, oft an den unwahrscheinlichsten Orten, und überdauert alles.


Nach meiner Umschlung, im Herbst 2000, begann ich auf dem Evangelischen Ostkirchhof in Ahrensfelde zu arbeiten. Ein Ort, der auf den ersten Blick still und friedlich wirkt, aber eine eigene Sprache hat – eine Sprache aus Erde, Jahreszahlen und flüsternden Erinnerungen.
Man tritt zwischen die Gräber, und sofort spürt man die Anwesenheit derer, die längst gegangen sind. Nicht als Geister, sondern als die Summe all dessen, was Leben ausmacht: Liebe, Fehler, Freude, Schmerz. Meine Arbeit war einfach und doch zutiefst lehrreich: Wege säubern, Rasen mähen, Sträucher schneiden, Grabstellen pflegen. Hände in der Erde, die Geräusche der Natur, das Knirschen von Kies unter den Stiefeln.
Es ist erstaunlich, wie sehr ein Ort einen verändert, wenn man jeden Tag dort arbeitet. Ich lernte, daß Geduld nicht nur eine Tugend, sondern eine Notwendigkeit ist. Pflanzen wachsen, wie sie wollen, und Gräber verändern sich im Takt der Jahreszeiten, unabhängig von den Wünschen der Lebenden.
Zwischen den Grabsteinen hatte ich Zeit, über mein eigenes Leben nachzudenken.
Jede Jahreszahl, jede eingravierte Erinnerung wirkte wie ein stiller Spiegel: Wer bin ich, wenn ich sterbe? Was bleibt von mir?
Ich spürte eine Mischung aus Ehrfurcht und Faszination. Die Toten ermahnten mich leise, aber bestimmt: Jeder Tag zählt. Nicht nur die großen Ereignisse, sondern die kleinen Handlungen, die unbemerkt bleiben. Ein Schnitt im Gras, ein gereinigter Stein, ein aufgehobenes Blatt – alles hatte Gewicht. Es war auch eine Zeit der inneren Ruhe. Nach Jahren von Unsicherheit, Haft und Krankheit war dieser Ort wie ein Anker. Die Stille der Alleen war nicht leer, sondern erfüllt von Geschichten, die ich nicht kannte, aber fühlen konnte.
Manchmal stand ich stundenlang zwischen Bäumen, hörte nur den Wind, das Zwitschern der Vögel und das ferne Brummen der Stadt. Und in diesen Momenten erkannte ich: Leben ist das, was man aus den Tagen macht, die einem gegeben werden – und selbst in der Nähe des Todes kann man eine Art Schönheit finden, die man nirgendwo sonst spürt.
Die Arbeit auf dem Friedhof hat mir etwas Wesentliches beigebracht: daß Kontrolle eine Illusion ist, daß Schmerz ein Teil des Lebens ist und daß Würde oft in den kleinsten, stillsten Handlungen liegt. In der Erde zu graben, Gräber zu pflegen, Wege zu ordnen – das war mehr als ein Job. Es war eine Schule des Lebens, in der ich lernte, mich selbst zu spüren, meine Grenzen zu akzeptieren und die Gegenwart bewusst zu erleben.

Im Jahr 2002 begann eine neue Wirklichkeit, zusammengefasst in einem einzigen Wort: Rheuma.
Ein Wort wie ein alter Aktenordner – grau, staubig, scheinbar harmlos. Doch kaum hatte der Arzt es ausgesprochen, begann es in mir zu rumoren. Kein Donnerschlag, eher ein leises Erdbeben, Kategorie „Dauerbaustelle“. Rheuma zog ein wie ein ungebetener Mitbewohner: unsichtbar, schlecht gelaunt und völlig ohne Sinn für Humor.
Es zwickte, wo man nicht zwicken möchte, meldete sich morgens als Erstes und abends als Letztes. Meine Gelenke führten plötzlich Selbstgespräche. Die Knie knirschten wie altes Parkett, die Hände fühlten sich an, als hätte ich nachts mit einem Igel gekuschelt. Erschöpfung wurde mein Schatten – treu, hartnäckig, immer dabei. Und trotzdem: gebrochen hat mich dieser Kerl nicht.
Ich arbeitete weiter bei einer Gartenbaufirma. Grünanlagen pflegen, das klingt romantisch, fast poetisch. In Wahrheit bedeutete es: Rasen mähen bei Wetterlagen, bei denen selbst Regenwürmer den Rückzug antreten. Sträucher schneiden, die sich mit Dornen und widerspenstigen Ästen zur Wehr setzten, als hätten sie eine persönliche Rechnung mit mir offen.
Meine Hände schmerzten, meine Knie protestierten – lautstark, mit Nachdruck, und meist genau dann, wenn niemand zuhören wollte. Aber ich machte weiter. Nicht aus Heldentum, eher aus Trotz. Wenn Rheuma dachte, es könne mich einfach aus dem Spiel nehmen, hatte es meine Sturheit unterschätzt.
Während andere nach Feierabend ihre Füße hochlegten, legte ich meine Gelenke auf Eis – im übertragenen Sinne, versteht sich. Innerlich führte ich Verhandlungen mit meinem Körper:
„Noch ein Beet, dann gibt’s Kaffee.“
„Noch diese Hecke, dann dürfen wir jammern.“
Manchmal lachte ich über mich selbst. Ein Gärtner, der klingt wie eine alte Schranktür, wenn er sich bückt. Ironie als Überlebensstrategie. Wenn schon Schmerzen, dann bitte mit Pointe.
Rheuma blieb. Aber ich auch.
Und irgendwo zwischen Rasenmäher, Strauchschere und schmerzenden Knien lernte ich: Man muss nicht schmerzfrei sein, um standhaft zu bleiben. Manchmal reicht es, weiterzugehen – humpelnd, fluchend, lachend.
Anfang 2003 nahm ich an einer Berufsfindungsmaßnahme beim BFW Brandenburg teil. Tests, Gespräche, Perspektiven – alles Wege, die ich neu erkundete. Frau Berger, meine Ansprechpartnerin, sah mich einmal nach einer Testreihe an und meinte: „Rico, du hast Fähigkeiten, die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Man muss sie nur richtig einsetzen.“ Ich nickte, weil sie recht hatte, auch wenn es schwerfiel, das inmitten von Schmerz und Unsicherheit zu sehen.

Im selben Jahr stellte das LaGeSo meine Behinderung fest: GdB 30. Papier, Stempel, Bürokratie – ein Prozess, der mich frustriert und gleichzeitig erleichtert zurückließ. Ich erinnere mich an den Moment, als die Bescheide in meinen Händen lagen. Ich sah die Zahlen, las die Worte und fühlte eine merkwürdige Mischung aus Schwere und Bestätigung. „Endlich“, murmelte ich leise, „endlich wird anerkannt, daß ich kämpfe.“
Abends stand ich oft auf dem Balkon unserer gemeinsamen Wohnung in Friedrichsfelde. Drinnen lachten Sabine und unsere kleine Tochter, spielten Türme aus Bauklötzen und murmelten ihre ersten Worte durcheinander. Manchmal rief die Kleine durch die Tür: „Papa, komm spielen!“ Dann legte ich den Schmerz für ein paar Momente ab, setzte mich zu ihnen auf den Boden, stapelte Klötze oder las eine Geschichte vor. Sabine sah mich an, lächelte müde, aber liebevoll. „Du machst das gut, auch wenn es nicht immer leicht ist“, sagte sie einmal, und ich nickte, weil sie recht hatte.
An manchen Tagen halfen mir die kleinen Momente mehr als jede Therapie. Die Tochter kicherte, Sabine erzählte von ihrem Tag, und ich spürte, daß ich nicht allein war, daß ich trotz allem ein Leben hatte, das lebenswert war. Selbst die körperliche Arbeit fühlte sich leichter an, weil ich wusste, wofür ich kämpfte.
Manchmal saßen wir abends zusammen auf dem Balkon. Die Lichter Friedrichsfeldes flimmerten unter uns, und ich dachte an all die kleinen Siege: den Rasen, den ich gemäht hatte, die Tests, die ich durchgestanden hatte, die Formulare, die ich nicht zerreißen ließ. Ich war verletzt, aber ich war nicht besiegt. Und solange Sabine und unsere Tochter da waren, hatte jeder Schmerz seinen Platz – und ich auch.

Aufbau der Bücherstube, eigene Projekte, Familie, Ehrenamt, politische Unruhen, Krankheit, kleine Siege im Alltag, Begegnungen, Verantwortung und Lebenssinn.
 

Im Jahr 2004 öffnete sich für mich die Tür zu einem Seminar für Existenzgründer bei der CREA-Management GmbH – ein erster Schritt in ein unbekanntes Terrain, voller Spannung, Hoffnung und der leisen Ahnung, daß sich hier vielleicht ein neuer Weg auftun würde. Schon beim Eintreten durchzog mich ein seltsames Flimmern aus Aufregung und Unsicherheit, als würde die Luft selbst Geschichten flüstern. Der Raum war schlicht: ein paar Tische, ein Whiteboard, der sanfte Schein des Beamers warf Schatten auf die Wände. Doch inmitten dieser Schlichtheit lag etwas Unausgesprochenes – eine stille Erwartung. Menschen saßen da, jeder von ihnen suchend, jeder mit dem leisen Drang nach einem Neuanfang, nach einer Perspektive, die ihre Welt vielleicht still, aber unumkehrbar verändern würde. Ich setzte mich in die hintere Reihe, Sabine hatte mir ein Sandwich eingepackt, das ich in der Pause verschlang.
„Also, wer von Ihnen plant, ein eigenes Unternehmen zu gründen?“ fragte der Seminarleiter, ein Mann Mitte fünfzig mit ruhiger Stimme. Hände gingen nach oben. Ich hielt sie zunächst unten, hörte zu, analysierte die anderen. Ich wusste, daß ich selbst irgendwann die Hand heben würde. Ich wollte die Kontrolle über mein Leben zurückgewinnen – nach Jahren, in denen Rheuma, Arbeit und Behördengänge vieles bestimmt hatten. Wir lernten BWL-Grundlagen, Marketing, Buchhaltung, aber auch Soft Skills wie Selbstpräsentation und Verhandlungsstrategien. Ich machte fleißig Notizen, stellte Fragen, auch wenn die Gelenke in den Händen schmerzten. In der Mittagspause saßen wir draußen auf einer Bank, die Sonne schien mild, und ich unterhielt mich mit einem Teilnehmer, der wie ich aus Berlin kam. „Man glaubt gar nicht, wie viel Papierkram dazugehört, bevor man überhaupt richtig loslegen kann“, sagte er lachend. Ich nickte nur, dachte aber: Ich kenne das schon – und trotzdem werde ich es schaffen.
Abends, nach dem Seminar, stand ich auf dem Balkon unserer Wohnung in Friedrichsfelde. Sabine spielte mit unserer Tochter auf dem Teppich, lachte, und ich fühlte, wie ein Funken Zuversicht in mir aufstieg. „Vielleicht kann ich wirklich etwas Eigenes aufbauen“, dachte ich, „etwas, das nicht von Krankheiten, Formularen oder äußeren Umständen abhängt.“
Die Wochen vergingen, und mit jedem Seminarblock wuchs in mir ein Plan. Ich skizzierte Geschäftsideen auf Schmierpapier, schrieb Listen, kalkulierte kleine Budgets. Rheuma machte sich weiterhin bemerkbar, aber ich spürte etwas, das ich lange nicht gefühlt hatte: Selbstbestimmung. Endlich war ich nicht mehr nur jemand, der reagierte – ich handelte, plante, träumte.

2006 war ein Jahr, in dem die Welt permanent auf Empfang stand – und leider nie auf „stumm“. Die Nachrichtenlage glich einem Dauerfeuer: Irakkrieg, Nahostkonflikt, atomare Drohgebärden aus Nordkorea und zwischendurch die leise, aber hartnäckige Angst vor der Vogelgrippe, die es zwar selten in den Alltag schaffte, aber zuverlässig in jede Nachrichtensendung. Man hatte das Gefühl, die Weltordnung sei ein wackeliger Jenga-Turm, und irgendwer ziehe ständig am falschen Stein.
Gleichzeitig begann etwas Neues zu gären. 2006 war das Jahr, in dem YouTube plötzlich mehr war als eine Spielerei mit Katzenvideos, Twitter gegründet wurde (damals noch ahnungslos, was es einmal anrichten würde) und Handys zwar schon klingelten, aber noch nicht unser ganzes Leben kannten. Nachrichten kamen per SMS, nicht per Push – was sie allerdings nicht weniger nervös machte. Man musste sie nur selbst öffnen, statt von ihnen geweckt zu werden.
Politisch sortierte sich Deutschland unter einer noch relativ neuen Kanzlerin namens Angela Merkel, während sich das Land im Sommer kollektiv eine Auszeit gönnte: Die Fußball-WM verwandelte Straßen, Plätze und Menschen für ein paar Wochen in ein erstaunlich freundliches Paralleluniversum. Fahnen, Umarmungen, Optimismus – als hätte jemand die globale Unruhe kurz auf „Pause“ gedrückt. Rückblickend wirkt dieses „Sommermärchen“ fast verdächtig harmonisch.
Und doch blieb selbst im Alltag eine feine Nervosität spürbar. Skandale wechselten schneller als die Titelbilder der Magazine, die Welt war gefühlt immer „kurz vor etwas“, und man gewöhnte sich daran, Unsicherheit als Grundrauschen zu akzeptieren. 2006 war laut, manchmal absurd, gelegentlich hoffnungsvoll – und ironischerweise genau deshalb ziemlich ehrlich. Ein Jahr, das nicht so tat, als hätte es Antworten, sondern offen zeigte, wie sehr alle noch suchten.
Ich arbeitete in der kleinen Bücherstube in Lichtenberg-Hohenschönhausen, einem stillen, unscheinbaren Ort, der dennoch alles andere als unbedeutend war. Zwischen den staubigen Regalen und den vorsichtigen Schritten der Kunden lernte ich wieder, was es heißt, Teil von etwas zu sein, das Bestand hat. Hier schien die Zeit langsamer zu vergehen; zwischen den Seiten alter Bücher fand ich Geschichten, die trösteten, lehrten und manchmal auch aufrüttelten.
Und während die Welt draußen immer lauter wurde, öffnete mir dieser kleine Laden eine andere Dimension der Beständigkeit. Gespräche über Literatur, das sorgfältige Ordnen der Bücher, das zufriedene Lächeln eines Lesers, der genau das richtige Buch gefunden hatte – all das wirkte wie ein Anker. Mein eigenes Leben hingegen wackelte noch immer, voller Unsicherheiten und Fragen, doch die Bücherstube bot einen sicheren Hafen, in dem ich lernen konnte, die Balance zwischen Chaos und Ordnung zu halten.
Gleichzeitig geriet ich in Strudel, die ich nur zu gut kannte – ein Durcheinander aus lauten Stimmen, erhobenen Armen und improvisierten Barrikaden, das auf den ersten Blick wie blankes Chaos aussah, und auf den zweiten wie ein missglückter Jahrmarkt, bei dem man nie so recht wusste, ob man lachen oder fliehen sollte. Menschenmassen, die sich auf den Straßen drängten, Stimmen wie ein unaufhörlicher Chor, Parolen, die in die Luft geschleudert wurden, als könnte man sie wie Blätter im Wind verscheuchen. Barrikaden aus Holz und Steinen, hastig errichtet, aber mit einer Ernsthaftigkeit, die man fast bewundern musste. Das war ein Szenario, das ich kannte: Straßen voller Energie, voller Emotionen, die meist nur kurz aufflammten. Und doch lag etwas in der Luft, das man nicht ignorieren konnte – eine Art rohes Adrenalin, das jeden Schritt begleitete. So bewegte ich mich weiter, zwischen Parolen und Barrikaden, zwischen ernstem Blick und ironischem Lächeln, in einem Strudel, der mir vertraut war, der mich verstand, und der mich seltsam anzog – wie ein Ort, an dem Ordnung und Aufruhr sich in einem seltsamen Gleichgewicht hielten.
Leipzig 2006 war ein Höhepunkt dieser Erfahrung. Die Erinnerung daran hat sich wie ein unauslöschlicher Schatten eingegraben, jeder Ton, jeder Geruch und jedes Gesicht kristallisierte sich in meinem Gedächtnis, als hätte die Zeit beschlossen, diese Momente einzufrieren: die Hitze, die Spannung, das adrenalingeladene Durcheinander. Kaum hatte ich die Bahn verlassen, schlug mir die Schwere der Luft entgegen, ein drückendes Ziehen in der Brust, das mir unmissverständlich sagte: Heute wird nichts so sein wie sonst. Mit mir versammelte sich eine größere Gruppe junger Kameraden, ihr Lachen und ihre Gespräche mischten sich mit der aufgeladenen Atmosphäre – ein merkwürdiges Spannungsfeld zwischen Vertrautem und Unbekanntem. Die Straßen waren überfüllt, Menschen drängten sich, Rufe hallten wie ein fremder Herzschlag durch die Stadt. Ich spürte jeden Schritt, jede Bewegung um mich herum – die Spannung war greifbar, fast wie eine physische Präsenz.‘
René war an meiner Seite. „Bereit?“ fragte er leise. Ich nickte, nicht, weil ich bereit war, sondern weil ich wusste, daß man in solchen Momenten Haltung zeigen musste. Ich fühlte mich gleichzeitig klein und überwältigt, und doch seltsam lebendig. Schon am Vormittag bemerkte ich die aggressive Stimmung. Die Gegendemonstrierenden waren zahlreich, laut, manche voller Hass, andere einfach aufgeregt. Steine flogen, Barrikaden standen wie kleine Inseln im Chaos, und die Polizei wirkte gehetzt, suchend nach Kontrolle. Ich sah Beamte, die hektisch reagierten, und verstand: Wir alle waren nur Figuren in einem Spiel, dessen Regeln sich ständig änderten.
„Pass auf die Seitenstraßen auf,“ sagte René, während wir uns vorwärts bewegten. Ich folgte ihm, beobachtete, wie Menschen um uns herum panisch oder aggressiv reagierten. Ich merkte, daß ich mich mehr auf meinen eigenen Atem konzentrieren musste als auf die Menge, um klar zu bleiben. Als der Nachmittag kam, spürte ich die Müdigkeit wie Blei in meinen Gliedern, das Adrenalin aber hielt mich aufrecht. Die Berliner und Brandenburger Kameradschaften entschieden, daß wir eigenständig zum Hauptbahnhof zurückgehen. Ich fühlte eine Mischung aus Erleichterung und Angst. „Los, wir müssen zusammenbleiben,“ murmelte René. Ich nickte und drängte mich durch die Menge, jedes Geräusch, jede Bewegung scharf registrierend.
Rufe hallten durch die Straßen, „Leipzig erwache!“ – und ich fühlte das Zittern in meiner eigenen Stimme, das ich kaum kontrollieren konnte. Die Polizei formierte ein Spalier, drängte uns vorwärts. Ich spürte die Schulter eines Polizisten an meinem Arm, hörte das Dröhnen ihrer Funkgeräte und den metallischen Klang von Barrikaden, die umgestoßen wurden. Alles wirkte gleichzeitig vertraut und fremd, wie eine Stadt, die sich plötzlich gegen sich selbst wandte.
Am Hauptbahnhof angekommen, blickte ich auf die Menschenmassen. Ich spürte Angst, aber auch einen merkwürdigen Stolz, daß wir es bis hierher geschafft hatten. René schob sich neben mich, sah mich an und rief: „Bleib bei mir, wir kommen da durch.“ Ich spürte, wie wir uns wie eine Einheit durch das Spalier bewegten. Jede Bewegung, jeder Atemzug war bewusster als sonst. Ich sah die Gesichter um mich herum – einige wütend, einige verängstigt – und fühlte mich zugleich Teil von allem und vollkommen isoliert in meinem eigenen Kopf.
Als der ICE einfuhr, ließ ich mich auf den Sitz fallen. Der Lärm der Stadt blieb hinter mir, draußen rauschte die Landschaft vorbei, und ich spürte, wie mein Herz langsam zur Ruhe kam. Dieser Tag, diese Stunden, brannten sich tief in meine Erinnerung ein. Ich wusste, daß ich etwas erlebt hatte, das nicht einfach zu begreifen war, etwas, das mich geformt hatte, noch bevor ich es wirklich verstand.
Und trotzdem stand ich noch, erschöpft, aber ungebrochen. Ich war mittendrin gewesen – beobachtend, reagierend, fühlend – und doch war ich noch ich, auch wenn die Stadt, die Menge, der Tag etwas an mir verändert hatten.
Es war ein Augenöffner: Laut sein heißt nicht unbedingt recht haben, Wut bedeutet nicht unbedingt Gerechtigkeit, Chaos nicht immer Freiheit.
Und doch hatte alles seine eigene Wahrheit. Die Menschen kämpften um etwas, das größer war als sie selbst, und ich begriff, daß jeder Konflikt, jede Bewegung, auch meine eigene Perspektive verändern konnte.
Zwischen diesem Sturm und meiner Arbeit in der Bücherstube wuchs die Idee eines eigenen Raumes.
Ein Ort, an dem man Geschichten bewahren konnte, an dem Worte wichtiger waren als Parolen. Ich träumte von einem Laden, in dem die Welt draußen zwar weiterlief, in dem drinnen aber alles stillstand und sich nur auf das Wesentliche konzentrierte: Bücher, Wissen, Begegnungen.

2008 war es so weit. Ich wagte den Schritt, den ich jahrelang vorbereitet hatte: das Bücherparadies in Schöneweide.
Die Erfahrungen aus den Jahren der Unsicherheit, der Demos, der persönlichen Rückschläge hatten mich geformt. Ich wusste nun, daß ein Traum Mut verlangt, Ausdauer und die Bereitschaft, sich selbst zu behaupten – auch wenn die Welt manchmal dagegen arbeitet.
Das Leben und Erleben in Berlin, die Wende, der Alltag, meine Taten und die Folgen – die Straßen von Leipzig, die Parolen, die Barrikaden – im Rückblick erscheinen sie mir wie ein Prüfstein. Damals war alles roh, ungeschliffen, ein Chaos, das sich wie ein lebendiger Organismus um mich herum wand. Ich hatte gelernt, daß man es nicht nur erträgt, sondern daß man sich durch es hindurchkämpfen muss, um etwas Eigenes zu schaffen – etwas, das niemand anderem gehört. Rückblickend erkenne ich, wie radikal dieser Lernprozess war: Jede Entscheidung, jeder Schritt zwischen Lärm und Zerstörung, formte nicht nur meine Umgebung, sondern auch mich selbst. Es war keine Übung, keine Probe – es war die ungeschönte Realität, die mich lehrte, daß Eigenständigkeit oft nur im Konflikt mit dem Gewohnten entsteht.
Und so öffnete ich die Türen meines eigenen Reiches: 350 Quadratmeter voller Bücher, Antiquariat, Fundstücke, kleine Schätze aus allen Zeiten. Jeder Winkel ein Universum, jedes Regal eine Einladung, zu entdecken, zu verweilen, sich zu verlieren. Ich stand zwischen den Regalen, spürte die Geschichte in den Seiten, hörte die Stimmen der Autoren, die ich nie persönlich getroffen hatte, und doch schienen sie mir zuzuraunen: „Pass auf sie auf, Rico.“
Der Duft von altem Papier und Leder erfüllte die Luft, eine Mischung aus Staub, Tinte und Erinnerung, die sich wie ein warmer Mantel um mich legte. Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Fenster, spielten auf Buchrücken, glitten über verstaubte Fundstücke, ließen kleine Dinge leuchten, als hätten sie auf diesen Moment gewartet. Ich berührte die Bücher, ließ meine Finger über eingeritzte Initialen, vergilbte Seiten, zarte Notizen gleiten – jedes ein Herzschlag aus einer anderen Zeit, ein stiller Dialog zwischen Vergangenem und Gegenwart.
Und während ich da stand, erfüllt von einer leisen Ehrfurcht und tiefer Freude, wurde mir bewusst: Dieses Reich war nicht nur mein Besitz. Es war ein Versprechen, eine Verantwortung, ein Ort, an dem Geschichten weiterleben, flüstern, atmen – und wo jeder, der eintreten durfte, ein kleines Stück Magie mit nach Hause nehmen konnte.
Es war mehr als ein Laden. Es war mein Refugium, mein Denkraum, mein Schrein für Geschichten. Kunden kamen und verschwanden, aber sie hinterließen Spuren: alte Damen, die von längst vergangenen Sommern erzählten, Sammler, die in Büchern nach Notizen suchten, junge Menschen, die ihre ersten Gedichte laut vorlasen.
Ich war nicht nur Händler – ich war Hüter, Chronist, Kurator. Ich sorgte dafür, daß jeder Band seinen Platz hatte, daß Geschichten nicht untergingen, daß die Regale atmeten und lebten.
Doch kein Traum bleibt ungestört.
Die Welt draußen war nicht still. Politischer Druck baute sich auf, Demos formierten sich vor dem Laden, Stimmen schrien Parolen, die ich nur zu gut kannte. Ein Artikel in einer Lokalzeitung verband mich plötzlich mit politischen Debatten, die ich nie gesucht hatte. Alles zusammen erzeugte eine Spannung, die nicht zu ignorieren war – wie ein Sturm, der langsam über mein Refugium zog.
Es war eine Lektion in Fragilität. Träume können schwer sein. Nicht wegen ihrer Größe, sondern weil die Welt um sie herum sie prüft, zerrt, manchmal zerreißt. Ich lernte, daß man Widerstände ertragen muss, daß Mut allein nicht genügt, daß Ausdauer täglich neu bewiesen werden will.
Trotz aller Schwierigkeiten waren die Tage im Laden erfüllt.
Ich erinnere mich an Stunden, in denen die Welt draußen für mich nicht existierte. Ich sah Kinder staunen, die noch nie ein Buch angefasst hatten, hörte Menschen über Geschichte, Philosophie, Abenteuer diskutieren, und in diesen Momenten fühlte ich, daß alles richtig war – auch wenn die Außenwelt Druck machte.
Aber die Realität war unnachgiebig.

Es ist Ende April 2013, als das Bücherparadies in Schöneweide seine Türen für immer schließt. Ich stehe zwischen den Regalen, die noch nach Papier und Tinte riechen, und sehe, wie der letzte Kunde die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt. „Wir sehen uns ja vielleicht wieder“, sagt Frau Schneider, die immer nach den neuesten Krimis gefragt hat. Ich nicke stumm und denke: „Wahrscheinlich nicht.“ Für mich war das hier mehr als ein Job – es war ein Zuhause, ein Ort voller Geschichten. Abgehakt, aber unvergesslich. Ein bitterer Verlust, ein Echo all der Jahre davor: Haft, Krankheit, Unsicherheit, die ständige Frage, ob Träume jemals Bestand haben. Ich sah die leeren Regale, die stillen Räume, fühlte das Gewicht der Entscheidung auf meinen Schultern.
Und doch, zwischen Trauer und Leere, spürte ich Stolz.
Ich hatte gewagt, etwas Eigenes zu schaffen, hatte Menschen Geschichten nähergebracht, Wissen bewahrt, Begegnungen ermöglicht.
Allein das war ein Triumph. Allein das war eine Bestätigung, daß man in dieser Welt etwas bewegen kann, selbst wenn die Welt selbst dagegen arbeitet.
Ich lernte, daß Scheitern nicht das Gegenteil von Erfolg ist. Es ist ein Teil davon.
Jeder Schritt, den ich gemacht hatte, jede Entscheidung, jeder Kampf, jede Stunde zwischen Büchern – sie alle gehörten zu meinem Leben. Sie formten mich, sie stärkten mich, sie lehrten mich, daß man weitergeht, auch wenn Türen sich schließen.
Und während ich die letzten Bücher in Kartons packte, sah ich die Welt mit anderen Augen.
Ich hatte etwas Eigenes geschaffen, gelebt, geliebt und gelernt. Und das konnte mir niemand nehmen.
 

Im Glanz seiner scheinbaren Ordnung strahlte Deutschland 2014 Stabilität aus – doch hinter den Kulissen schlich sich leiser Zweifel ein. Ich schlenderte durch die Straßen Berlins, vorbei an Cafés, in denen Studenten über Start-ups diskutierten, während alte Backsteinhäuser stumm ihre Geschichten von Krieg, Teilung und Wiederaufbau erzählten. Alles hier war aufgeräumt, sauber, pünktlich – zu sauber vielleicht, zu ordentlich. In den U-Bahnen drängten sich Pendler, jeder vertieft in sein Smartphone, debattierte über die neueste Bildungsreform oder die Energiewende, während die Anzeigen über die nächsten Verspätungen oder Bauarbeiten flimmerten. Effizienz, dachte ich, ist eine schöne Sache – solange man sich nicht fragt, was sie eigentlich kostet. Der Alltag wirkte wie ein Uhrwerk, perfekt durchgeplant, aber das echte Leben schimmerte nur in den kleinen Ritzen durch: das Lachen eines Kindes auf dem Spielplatz, das zufällige Gespräch zwischen Fremden, ein Straßenkünstler, der trotz winterlicher Kälte weiter trommelte.
Angela Merkel regierte, die Wirtschaft wuchs, und die Schlagzeilen sprachen von Stabilität und Fortschritt. Doch ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Perfektion manchmal nur eine Fassade war. Menschen liefen geschäftig durch die Stadt, stolz, effizient, regelbewusst – aber gleichzeitig fragend, suchend, vielleicht sogar skeptisch gegenüber all dem, was sie selbst geschaffen hatten.
Trotz aller Skepsis blieb ein leiser Stolz. Deutschland hatte Substanz: eine Gesellschaft, die reflektierte, die diskutierte, die sich kümmerte – selbst wenn sie nie aufhörte, alles zu hinterfragen. Stark, vorsichtig selbstbewusst, ironisch skeptisch, aber nie gleichgültig. Ein Land, das sich immer wieder neu erfand, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und während ich weiter durch die Straßen ging, fragte ich mich: Ob wir den Balanceakt zwischen Effizienz und Leben wirklich schaffen würden – oder ob wir uns bloß einbildeten, perfekt zu sein.
Anfang 2014 trete ich meine ehrenamtliche Mission in der Bücherstube der AWO – Arbeiterwohlfahrt – an. Kaum bin ich durch die Tür, umfängt mich eine Welt, die anders riecht, klingt und lebt: der Duft von alten Büchern mischt sich mit dem verlockenden Aroma von frisch gebrühtem Kaffee, irgendwo summt leise ein Radio, das vermutlich denkt, es sei ein Entertainer in einem kleinen Café. Hier geht es nicht nur um Bücher – nein, hier geht es um Menschen, um Geschichten, die zwischen den Regalen lebendig werden, um Begegnungen, die mehr wärmen als jede Tasse Kaffee.

Ich räume Bücher ein, sortiere sie und helfe den Besuchern beim Finden von Titeln – eine Tätigkeit, die manchmal einfacher klingt, als sie ist. „Wo ist denn ‚Ich bin dann mal weg‘ von Kerkeling geblieben, gestern stand das Teil doch noch bei der Reiseliteratur?“ fragt jemand, und ich nicke weise, als hätte ich ein geheimer Bibliothekar-Zauberstab in der Tasche, nur um dann festzustellen, daß das Buch sich auf wundersame Weise hinter einem Kochbuch versteckt hat.
Doch die Bücher sind nur die halbe Geschichte. Zwischen den Regalen entstehen Gespräche, manchmal leise, manchmal so lebendig, daß selbst die alten Wände zu lachen scheinen. Es gibt diese gelegentlichen privaten Treffen mit Kolleginnen und Kollegen nach Feierabend, bei denen wir über Bücher, das Leben oder die kuriosen Eigenarten der Stammgäste plaudern – immer mit offenen Ohren, immer mit einem Augenzwinkern. Manchmal entsteht eine kleine Symphonie aus Lachen, Kaffeeduft und raschelnden Seiten, die diesen Ort unverwechselbar macht.
Hier wird Wissen bewahrt, ja, aber noch wichtiger: Hier entstehen kleine Alltagsgeschichten, winzige Wunder und eine Wärme, die selbst das verstaubteste Buch in einem goldenen Licht erscheinen lässt. Und wenn ich zwischen den Regalen stehe, Bücher in den Händen, dann denke ich manchmal, daß dies der einzige Ort ist, an dem man ernsthaft über das Leben philosophieren und gleichzeitig laut über die Eigenarten einer verschrobenen Krimiserie lachen kann – alles unter dem Dach der AWO.
Zwischen den Regalen entstehen kleine Szenen, die mich zum Schmunzeln bringen. Frau Lehmann steht vor dem Regal mit historischen Romanen, zieht ein Buch nach dem anderen heraus und sagt: „Ich nehme keins, ich brauche nur die Ruhe beim Blättern.“ Ich nicke verständnisvoll, obwohl ich mir denke, daß sie wahrscheinlich schon zu Hause fünf weitere Bücher auf Halde hat. Oder Herr Krüger, der lautstark verkündet: „Ein Buch ohne Happy End? Unvorstellbar!“ und dabei das Drama aus einem Krimi betrachtet, als handele es sich um eine Weltkatastrophe. „Haben Sie vielleicht etwas von Grass?“ fragt Herr Müller, wie immer mit seiner Zeitung unter dem Arm. „Natürlich, wir haben gerade eine neue Ausgabe reingelegt“, sage ich. Seine Augen leuchten, und ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht.
2019 übernehme ich zusätzlich die Gartenarbeit im AWO-Objekt. Zwischen Regalen und Blumenrabatten bewege ich mich so vertraut wie ein heimlicher Mitbewohner der Natur. Ich weiß genau, wie man Pflanzen pflegt, damit sie im Fenster in voller Blüte stehen und die Gäste wie stumme, farbenfrohe Willkommensgrüße empfangen – ein Empfangskomitee aus Blütenblättern und grünem Laub. Jede Handbewegung sitzt, jede Pflanze reagiert wie erwartet, als hätte sie geahnt, daß hier jemand kommt, der nicht nur ihr Wachstum versteht, sondern auch ihre kleinen, heimlichen Eigenheiten kennt: die Sonnenanbeter, die Schattenliebhaber, die Langschläfer und die Frühaufsteher unter ihnen. Manchmal flüstere ich ihnen gut gemeinte Tipps zu – und manchmal frage ich mich, ob sie heimlich kichern, weil sie wissen, daß ich mich genauso über ihr erstes Knospenlächeln freue wie über einen gelungenen Kaffeeklatsch der Gäste. „Sie haben ein Händchen dafür“, sagt Frau Krüger, während ich die letzten Herbstblumen einsetze. Ich lächle zurück, obwohl ich innerlich denke: „Wenn Pflanzen so viel Aufmerksamkeit brauchen wie diese Kunden, wäre ich längst überfordert.“ Dennoch ist es erstaunlich, wie kleine grüne Oasen zwischen Buchdeckeln und Geschichten entstehen. Hier zeigt sich die stille Kraft der AWO: ein Ort, der Menschen zusammenbringt, die Gemeinschaft spüren lässt und in dem ein Lächeln oft mehr zählt als jede Statistik.
Die Bücherstube ist nicht nur ein Ort der Bücher, sondern ein Ort der Begegnung. An manchen Nachmittagen setzen sich ältere Herren an den kleinen Tisch in der Ecke und spielen Schach, während Kinder an der Kasse auf ihre Eltern warten und neugierig durch die Regale stöbern. Ich bringe neue Titel und höre zu, wenn jemand von den kleinen Sorgen des Alltags erzählt. „Ach, das Leben ist kompliziert genug“, sagt Frau Lehmann einmal, während sie ein Buch zurückstellt. „Hier kann man wenigstens für eine Stunde die Welt draußen lassen.“ Und genau das ist es, was die AWO so besonders macht – sie gibt Menschen Halt, Orientierung und einen Ort, an dem sie gesehen werden.

Eine Klarstellung:

„AWO und ich – Gegensätze, die sich heimlich lieben“
Die Arbeiterwohlfahrt, kurz AWO, ist mehr als ein Sozialverband. Sie ist ein sozialdemokratisches Gedächtnis, in dem sich die Geschichte der Arbeiterbewegung spiegelt: Die Fürsorge für die Schwachen, das Streben nach Gerechtigkeit, die Vision einer solidarischen Gesellschaft. Wer durch ihre Räume geht, spürt den leisen Pulsschlag einer Bewegung, die seit Jahrzehnten versucht, gesellschaftliche Ungleichheiten auszugleichen, soziale Netze zu knüpfen und die Menschen mitzunehmen – egal, woher sie kommen.
Ich hingegen stehe auf der anderen Seite eines imaginären Spektrums. Heimattreu, patriotisch, der Heimat verbunden wie der Baum seinen Wurzeln – nicht aus politischem Dogma, sondern aus einem tiefen Sinn für Kontinuität. Ich liebe die vertrauten Landschaften, die Bräuche, die lokale Kultur, die kleinen Rituale, die ein Dorf oder eine Stadt ausmachen. Meine Sorge gilt der Heimat als moralischem wie kulturellem Gefüge.
Auf den ersten Blick wirkt der Unterschied frappierend: Die AWO blickt in die Zukunft, ich in die Vergangenheit. Sie strebt nach sozialem Fortschritt, ich nach Bewahrung von Identität. Sie sieht Menschen als Teil eines Kollektivs, ich sehe die Heimat als einen lebendigen Raum, der die Menschen prägt. Gegensätze also? Ja – und doch nicht ganz.
Denn bei genauerem Hinsehen entdeckt man feine Parallelen. Die AWO möchte, daß Menschen nicht fallen, daß sie ein Dach über dem Kopf haben, daß ihr Leben lebenswert bleibt. Ich wiederum möchte, daß die Heimat nicht fällt, daß sie ihre Identität behält, daß ihre Geschichte nicht verschwindet. In beiden Fällen geht es um Schutz, um Verantwortung, um Fürsorge. Der Unterschied liegt nur in der Zielrichtung.
Historisch betrachtet wird die Ironie noch deutlicher: Die AWO entstand aus der Arbeiterbewegung, aus einem Kampf gegen Ungleichheit und Ausgrenzung. Ich hingegen stamme aus einem Erbe, das die Heimatliebe als moralische Verpflichtung versteht. In der Praxis begegnen sich diese beiden Strömungen erstaunlich oft – in Seniorenheimen, auf Stadtfesten, in Bürgerinitiativen. Dort, wo soziale Verantwortung auf Identitätsbewusstsein trifft, entsteht ein überraschendes Zusammenspiel: Die AWO sorgt für die Menschen in der Heimat, ich für die Heimat der Menschen.
Politisch betrachtet könnte man das als Paradox bezeichnen: Sozialdemokratische Solidarität und patriotischer Heimatschutz treffen aufeinander wie zwei Instrumente in einem Orchester, die unterschiedliche Melodien spielen, aber am Ende einen unerwartet harmonischen Akkord erzeugen. Humorvoll gesagt: Während die einen über Mindestlohn, Pflegepolitik oder Integration diskutieren, zähle ich die Eichen an der Allee und sinniere über alte Handwerkskunst. Doch beide Handlungen entspringen demselben Grundmotiv: Sorge um das Gemeinwohl.
Natürlich bleibt die Spannung bestehen – es ist nicht alles Friede, Freude, Sozialwohnung. Es gibt Debatten über Werte, über Richtung und Methode, über Politik und Emotion. Gerade darin liegt aber die literarische Schönheit: Gegensätze, die sich nicht vernichten, sondern ergänzen. Ein politisches Stelldichein, bei dem man manchmal über den eigenen Schatten lachen muss.
Man könnte sagen: Die AWO und ich sind wie zwei Seiten derselben Medaille – nur daß die eine rot glänzt und die andere bronzefarben schimmert. Gegensätze, die sich ergänzen; Rivalität, die in Respekt umschlägt; politische Ironie, die im Alltag ihre schönsten Blüten treibt. Und wer genau hinsieht, erkennt, daß die wahre Heimat nicht nur im Land, sondern auch in der Gesellschaft selbst liegt – in der Balance von Fürsorge und Verwurzelung, von Solidarität und Identität, von sozialer Verantwortung und patriotischem Stolz.
So bleibt es am Ende nicht nur eine Frage von Gegensatz oder Ergänzung – sondern ein leises, humorvolles Eingeständnis: Vielleicht sind wir beide auf unsere Weise die Hüter einer gemeinsamen Sache. Nur mit unterschiedlichen Fahnen, die manchmal komisch aufeinanderprallen, manchmal aber überraschend gut nebeneinander wehen.

 

 

Corona-Mai 2020 . Rico im Scheunenviertel
Die Jacke zog ich enger um mich, die Kapuze tief ins Gesicht, den Rucksack fest auf den Schultern. Die Handschuhe fühlten sich schwer an, die Gelenke starr, doch ich wollte hinaus, die Stadt sehen, hören, wie sie nach so viel Stille wieder pulsierte. Mein buntes Metallica-T-Shirt blitzte unter der Jacke hervor, die Jeans saß eng, die Turnschuhe griffen fest auf dem Asphalt. Ein Spaziergang, dachte ich, mehr nicht. Beobachten, atmen, einfach gehen.
Am Alexanderplatz war die Polizei allgegenwärtig. Uniformierte, Zivilbeamte, Kameras, Fotografen – überall blitzte und summte es. Die Menge bewegte sich, einige trugen Masken, andere nicht. Corona war nur ein schwacher Gedanke, der im Hinterkopf summte. Ich selbst hatte keine Maske auf, spürte den Wind, den Regen, den Geruch von Asphalt und Straßenstaub.
Ich schlenderte durch die Linienstraße, bog in die Weydingerstraße. Überall Beamte, Kameras, das Summen der Überwachung lag wie ein tiefer, gleichmäßiger Rhythmus über der Stadt. Kleine Grüppchen flüsterten, Hände gestikulierten, Blicke suchten die anderen. Zwischen den Bäumen erkannte ich ein vertrautes Gesicht. „Rico! Du hier?“ Mike. Ein alter Bekannter. „Hey, Mike. Lange nicht gesehen.“ Wir lachten kurz, sprachen über vergangene Zeiten, während um uns herum die Spannung wuchs, die Menge unruhig wurde, Polizisten die Straßen räumten, Menschen zurückdrängten.
Dann brach alles zugleich über mich herein. Eine Frau wurde auf der Straße weggeführt, begleitet von Polizisten. Die Menge reagierte. Eine Flasche flog durch die Luft, das Krachen hallte zwischen den Häusern. Ein Beamter rief: „Flaschenwurf!“ Ich blieb unter den Bäumen stehen, weit weg von der Fahrbahn, spürte den Asphalt kalt unter den Schuhen. Ich hatte keine Flasche, ich war nur Beobachter.
Die Polizei begann, die Menschen auseinanderzutreiben. Personalien wurden aufgenommen. Ich folgte den Anweisungen, bewegte mich am Rand, setzte mich schließlich auf eine Bank, die Hände auf dem Rucksack ruhend. Nur Beobachter. Nie Teil des Geschehens. Nur Augenzeuge.
Dann standen sie vor mir. Drei Polizisten, ernst, die Hände auf den Hüften. Mein Herz schlug schneller. „Ich schwöre, ich habe nichts getan!“, rief ich. „Ich hatte keine Flasche in der Hand!“ Sie reagierten kaum, führten mich zum Streifenwagen, durchsuchten meinen Rucksack, nahmen meinen Ausweis. Worte prallten ab wie Steine. Ich fühlte mich klein, ausgeliefert, doch im Inneren wusste ich: Ich war unschuldig.
Im Sicherheitsbereich saß ich stundenlang. Keine Fotos, keine Fingerabdrücke, keine Gegenüberstellung. Nur das Summen der Kameras, das leise Murmeln anderer Festgenommener. Mike kam ebenfalls dorthin, wir tauschten einen kurzen Blick. „Du warst doch nur am Rand, Rico“, flüsterte er. Ich nickte, erleichtert, dass wenigstens er die Wahrheit kannte.
Als ich schließlich den Sicherheitsbereich verließ, spürte ich den Asphalt unter den Schuhen, den Wind auf dem Gesicht. Die Stadt lebte weiter, Menschen gingen ihren Wegen nach, manche vorsichtig, andere unachtsam. Ich war froh, den Tag überstanden zu haben – nur Beobachter, nicht Teil der Aggression, und dennoch mitten im Geschehen.
Später zeigte sich die volle Tragweite: Aufgrund der Aussagen von zwei Polizeibeamten wurde ich wegen genau dieser Ereignisse angeklagt – Werfen einer Glasflasche auf Polizeibeamte, schwerer Landfriedensbruch, Angriff auf Vollstreckungsbeamte. Die Verhandlung endete mit einer Verurteilung, Freiheitsstrafe auf Bewährung, wie es bei Ersttätern üblich war.
Und dennoch spürte ich, tief in mir, ein unerwartetes Gefühl von Erleichterung. Eine leise Resignation blieb – das Leben konnte ungerecht sein, ein Spaziergang hatte unerwartete Folgen – aber zugleich ein fohgemutes Gefühl: Ich hatte den Tag überstanden, mich selbst bewahrt, meine Unschuld war intakt. Ich konnte weitergehen, mit erhobenem Kopf und klarem Blick. Die Stadt gehörte mir wieder ein Stück, und ich wusste: Auch nach Widrigkeiten war es möglich, weiterzugehen.

 

Flohmarkt für alle, sonst gibt’s Krawalle!

Ich hatte irgendwann aufgehört zu glauben, dass große Dinge angekündigt werden. Die meisten Veränderungen in Berlin beginnen nicht mit Pressemitteilungen oder Bürgerdialogen, sondern mit jemandem, der irgendwann keine Lust mehr hat zu warten. Vielleicht war das der eigentliche Grund, warum ich so lange auf diesen Parkplatz starrte. Nicht weil er besonders schön gewesen wäre. Er war eigentlich hässlich. Ein windiger, halb versteckter Asphaltfleck hinter ein paar Gewerbebauten in Friedrichsfelde, eingerahmt von einem Aldi, einem Rossmann, einem Rewe und einem Solarium, dessen violette Leuchtschrift selbst tagsüber müde wirkte. Sonntags lag dort nichts als Stille. Keine Einkaufswagen, keine Lieferungen, keine Bewegung. Nur ein paar Krähen, die über den Asphalt stolzierten, und der Wind, der alte Kassenzettel vor sich herschob.
Ich kam seit Jahren daran vorbei. Erst ohne darüber nachzudenken. Später immer bewusster. Je älter ich wurde, desto mehr begann ich mich für diese ungenutzten Zwischenräume der Stadt zu interessieren. Orte, an denen nichts mehr geschah, obwohl alles möglich gewesen wäre. Vielleicht hing das auch mit meinem eigenen Leben zusammen. Viele Dinge hatte ich aufgeschoben. Ideen, Vorhaben, Träume. Immer gab es vernünftige Gründe zu warten: zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenig Unterstützung, zu viel Bürokratie, zu viele Menschen, die erklärten, warum etwas nicht funktionieren könne. Irgendwann merkt man, wie viele Jahre allein mit vernünftigem Warten vergehen können.
Der Parkplatz wurde zu einem stillen Gedanken, der mich nicht mehr losließ. Jedes Mal, wenn ich sonntags daran vorbeiging und die leeren Stellflächen sah, dachte ich dasselbe: Hier könnten Menschen stehen. Hier könnte Leben sein. Ein Flohmarkt vielleicht. Kein offizieller, kein durchgeplanter Eventmarkt mit Security, Gebührenordnung und Sponsorenbannern. Einfach ein Ort, an dem Leute ihren alten Kram verkaufen, Kaffee trinken, miteinander reden und für ein paar Stunden aus ihren Wohnungen herauskommen.
Natürlich versuchte ich es zuerst ordentlich. Ich schrieb E-Mails. Freundliche Anfragen an Betreiber, Hausverwaltungen und Gewerbe ringsherum. Sehr höflich formuliert, fast unterwürfig. Ich fragte nach Möglichkeiten, nach Kooperationen, nach Genehmigungen. Die meisten antworteten gar nicht. Eine Verwaltung schrieb schließlich zurück, dass eine Nutzung „aus haftungsrechtlichen Gründen“ leider ausgeschlossen sei. Dieser Satz wirkte wie ein offizieller Stempel auf die allgemeine Fantasielosigkeit unserer Zeit.
Danach diskutierte ich im Internet. Das war vermutlich der unerquicklichste Teil der ganzen Geschichte. Kaum erwähnte man die Idee eines offenen Flohmarkts, erschienen sofort die Verhinderer. Menschen, die nichts organisieren wollten, aber genau wussten, warum es unmöglich sei. Brandschutz. Müllkonzept. Versicherungsfragen. Sondernutzungserlaubnis. Fluchtwege. Lärmschutz. Immer dieselben Einwände, vorgetragen mit der Zufriedenheit von Leuten, die ihre wichtigste gesellschaftliche Aufgabe darin sahen, Möglichkeiten zu verwalten, bis sie verschwinden.
Irgendwann begriff ich etwas sehr Einfaches: Wenn ich weiter um Erlaubnis fragte, würde niemals etwas passieren.
Diese Erkenntnis kam spät in meinem Leben, vielleicht zu spät. Aber sie kam.
An einem Abend im April setzte ich mich an meinen Küchentisch und entwarf ein Plakat. Nichts Besonderes. „Flohmarkt für alle“. Datum, Uhrzeit, Ort. Kostenlos. Ohne Anmeldung. Eigene Tische mitbringen. Unten ein paar erfundene Partnerlogos, gerade seriös genug, um offiziell zu wirken.
Ich druckte dreißig Exemplare in einem Copyshop an der Frankfurter Allee. Der Betreiber nahm den Stapel aus dem Drucker, sah kurz auf das Plakat und nickte.
„Ah, Flohmarkt. Cool.“
Mehr sagte er nicht.
Aber dieses „cool“ blieb mir im Kopf. Nicht ironisch, nicht gelangweilt, nicht skeptisch. Einfach ein kurzes, selbstverständliches Berliner „cool“, als hätte ich gerade etwas völlig Normales angekündigt. Vielleicht war genau das der Moment, in dem ich zum ersten Mal dachte, dass es tatsächlich funktionieren könnte.
Abends lief ich durch Friedrichsfelde und pinnte die Plakate an Haustüren, Stromkästen und schwarze Bretter. Aus offenen Fenstern kamen Fernsehlautstärken und Essensgerüche. Irgendwo schrie jemand nach einem Kind. Die Straßenbahnen rumpelten durch die Dämmerung. Später schrieb ich noch eine kurze Nachricht in einen Nachbarschaftschat. Keine große Erklärung, kein Konzeptpapier. Einfach die Information, dass am Sonntag ein Flohmarkt stattfinden würde.
Danach wartete ich.
Die Tage bis dahin fühlten sich merkwürdig an. Ich rechnete jederzeit damit, dass jemand anrufen, drohen oder alles verbieten würde. Doch nichts geschah. Die Plakate blieben hängen. Niemand fragte nach Genehmigungen. Niemand schickte Anwälte. Die Stadt schien für einen Moment einfach wegzusehen.
Am Sonntagmorgen war ich früh dort. Der Parkplatz lag still im ersten Licht. Der Aldi dunkel. Die automatischen Türen vom Rewe verriegelt. Nur das Solarium leuchtete noch mit seinem blassen Neonviolett in den grauen Morgen hinein. Für einen Augenblick dachte ich, niemand würde kommen. Vielleicht war die Idee doch nur in meinem Kopf groß geworden. Vielleicht hatten die anderen längst gelernt, dass man solche Dinge besser nicht versucht.
Dann kam ein älterer Mann mit einem Bollerwagen um die Ecke und fragte: „Hier Flohmarkt?“
Kurz darauf erschien eine Mutter mit zwei Kindern und einem Tapeziertisch. Dann zwei Studentinnen mit alten Kleidern. Dann jemand mit Büchern, jemand mit Werkzeug, jemand mit Spielzeugkisten. Innerhalb einer Stunde standen zwanzig Nachbarn auf diesem verlassenen Parkplatz und handelten mit Dingen, die jahrelang in Kellern, Schränken und Abstellkammern gelegen hatten.
Und plötzlich funktionierte alles.
Ohne Anmeldung. Ohne Kontrolle. Ohne Sicherheitsdienst
Kinder liefen zwischen den Tischen herum. Menschen kamen miteinander ins Gespräch, obwohl sie seit Jahren im selben Viertel lebten, ohne sich je begegnet zu sein. Einer verkaufte alte Schallplatten, eine Frau verschenkte Zimmerpflanzen, jemand brachte Kaffee in einer Thermoskanne vorbei. Aus einem kleinen Lautsprecher lief Musik. Nichts daran war spektakulär, und gerade deshalb wirkte es so vollkommen.
Mehrmals fragte mich jemand, wer das eigentlich organisiert habe. Ich tat jedes Mal ahnungslos. Vielleicht aus Vorsicht. Vielleicht aber auch, weil ich selbst spürte, dass die Idee in dem Moment nicht mehr mir gehörte. Sie war in die Nachbarschaft übergegangen. Der Platz hatte sich für ein paar Stunden verwandelt, einfach weil Menschen beschlossen hatten, ihn zu benutzen.
Am schönsten war der Gesichtsausdruck der Leute. Dieses vorsichtige, fast überraschte Lächeln, das Menschen bekommen, wenn etwas Unerwartetes gelingt. Nicht euphorisch, nicht laut. Eher ein stilles Staunen darüber, dass eine gute Sache tatsächlich einmal nicht zerredet, verboten oder kommerzialisiert worden war.
Am Nachmittag begann sich alles langsam wieder aufzulösen. Die Tische verschwanden, Kartons wurden eingepackt, Kinder eingesammelt. Der Asphalt leerte sich wieder. Doch die Stimmung blieb zurück wie Wärme nach einem langen Tag.
Bevor ich ging, sprach mich eine Frau an, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Sie lächelte und sagte: „Bitte macht das wieder.“
In diesem Moment begriff ich, dass ich wahrscheinlich nichts Größeres mehr zustande bringen würde in meinem Leben. Kein Buch, keine Firma, keine große Karriere, nichts, worüber irgendwann Artikel geschrieben werden. Aber plötzlich erschien mir das unwichtig. Denn dieser eine Sonntag hatte etwas geschafft, das mir jahrelang unmöglich erschienen war: Menschen zusammenzubringen, ohne Geld, ohne Genehmigung, ohne institutionellen Überbau — nur durch eine einfache Idee und den Entschluss, sie endlich umzusetzen.
Vielleicht war genau das mein verspätetes Lebenswerk.
Kein Denkmal. Kein Erfolg im üblichen Sinn.
Nur ein leerer Parkplatz in Friedrichsfelde, auf dem plötzlich Menschen standen und lächelten.

Vielleicht verstand ich deshalb erst so spät, warum mir dieser leere Parkplatz in Friedrichsfelde plötzlich wichtiger wurde als so vieles andere. Warum ich nicht mehr einfach daran vorbeigehen konnte wie all die Jahre zuvor. Denn während ich auf Antworten von Hausverwaltungen wartete, Plakate entwarf und nachts durch den Kiez lief, um sie an Türen und Stromkästen zu heften, hatte sich längst etwas anderes in mein Leben geschoben — leise, unaufhaltsam und endgültig.

Im Jahr 2024 legte sich ein neuer Rhythmus über mein Leben, prüfte den Alltag wie die Seele selbst und ließ mich spüren, wie zerbrechlich und zugleich widerstandsfähig alles ist.
2024 verändert sich mein Leben radikal. Nicht mit einem Knall, nicht mit einem dramatischen Crescendo wie in den schlechten Filmen, die ich früher gern gesehen habe. Sondern in einem kargen Behandlungszimmer, unter grellem, unbarmherzigem Licht, das selbst die Berliner Wintertristesse wie eine lächerliche Postkarte erscheinen lässt. Ich sitze auf dem harten Stuhl, spüre das kalte Plastik unter mir, die glatte Oberfläche, die sich weigert, irgendeinen Trost zu geben.

Die Ärztin steht vor mir, die Hände locker verschränkt, die Stimme sachlich, doch nicht unfreundlich. Ich höre sie, aber die Worte dringen nur schleppend zu mir durch, als liefen sie durch ein dickes, zähflüssiges Medium:
„Darmkrebs.“
Zwei Silben, die mein bisheriges Leben auseinanderreißen.
Ich fühle, wie die Stühle im Raum plötzlich schmaler, die Wände enger werden. Das grelle Licht brennt sich in meine Augen, aber ich sehe nichts mehr – nur die Worte, die sich in meinen Kopf bohren, wie Nadeln, die sich langsam drehen.
Es ist merkwürdig, wie ein Moment auf einmal das ganze Leben umdefinieren kann. Ich erinnere mich an das letzte Lachen mit Freunden, an die Straßen, die ich an einem gewöhnlichen Nachmittag durchstreifte, an die Routine, die ich als selbstverständlich nahm. Alles wirkt jetzt wie eine fragile Konstruktion, die unter dem Gewicht von „Darmkrebs“ zusammenzubrechen droht.
Ich spüre, wie die Zeit sich dehnt. Die Sekunden ziehen sich wie Kaugummi, während mein Herz einen unregelmäßigen Rhythmus schlägt. Mein Atem ist flach, doch die Gedanken rasen: Was bedeutet das für morgen, für übermorgen, für all die kleinen, unscheinbaren Dinge, die ich bisher für selbstverständlich hielt? Kann man sich überhaupt vorbereiten auf ein Wort, das das eigene Leben in zwei Hälften teilt – „vorher“ und „nachher“?
Ich schaue auf den Fußboden, auf das sterile Grau, auf die ordentlichen Linien der Kacheln, und denke daran, daß hier kein Drama inszeniert wird. Kein Licht, keine Musik, kein Moment heroischer Selbsterkenntnis. Nur die nüchterne Realität, die einem direkt in die Augen schaut, als wollte sie sagen: „So ist es. Du bist jetzt Teil von etwas Größerem, von einem Kampf, den du nicht gewählt hast.
Und während ich da sitze, inmitten von grellem Licht und harter Sachlichkeit, begreife ich, daß dieses „Danach“ nicht nur aus Schmerz und Sorge bestehen wird. Es wird aus Fragen bestehen, aus kleinen Mutmomenten, aus der merkwürdigen Schönheit von Entschlossenheit, aus der Erkenntnis, daß Leben, so zerbrechlich es auch sein mag, in jedem Atemzug pulsiert.
Ich atme tief ein. Und wieder aus. Das grelle Licht wird mich nicht brechen. Es beleuchtet nur, was schon immer da war: das Leben selbst, ungeschönt, unbarmherzig – und gleichzeitig kostbar bis zur letzten Zelle.
Berlin zieht draußen vorbei, wie immer laut, unverschämt, eine Stadt, die niemals Pause kennt. Die Nachbarn streiten über die Mülltonnen, ein Hund bellt anhaltend, und irgendwo spielt jemand Gitarre, völlig unbeeindruckt von meiner Diagnose. Alles wirkt absurd normal. Ich spüre, wie sich Hoffnung und Angst zu einem schweren Knoten in meiner Brust verbinden. Ein Gedanke huscht mir durch den Kopf, schief und bitter: Wenn ich wenigstens jetzt arbeiten könnte, mitten in diesem chemo-müden Zustand – das hätte wenigstens Stil.
Dann die zweite Nachricht: Metastasen in Lunge und Leber. Plötzlich wird Berlin zu einer gigantischen Kulisse für meine Verzweiflung. Die Stadt, sonst voller Möglichkeiten, wirkt jetzt wie ein endloses Labyrinth aus grauen Fassaden, Baukränen und rostigen Ampeln, das mich umgibt, während ich jeden Atemzug kämpfen muss. Die Cafés und Spätis, die Clubs und Schrebergärten – alles irrelevant gegenüber diesem neuen Gewicht, das auf meinen Schultern liegt.
Die Chemotherapie beginnt. Infusionen, Nadeln, Müdigkeit, Übelkeit – der Alltag schrumpft auf wenige, harte Stunden. Ich sitze in der Klinik, beobachte die Tropfen im Glas, höre das entfernte Rufen von Straßenmusikern draußen und die sirrenden Motoren von Mopeds, die durch die Schlaglöcher rumpeln. Alles so Berlin, alles so gleichgültig gegenüber meinem Inneren. Ein bitterer Humor bleibt: Nur in Berlin kann man gleichzeitig sterben und einem Typen mit einer kaputten Hupe auf der Schönhauser Allee beim Skaten zusehen.
2025 kommt das Papier, das alles besiegelt: Grad der Behinderung 100. Sachlich, nüchtern, unbarmherzig. Berlin wird für einen Moment zu einem Kommentar auf meinem Schicksal: Diese Stadt, die nie anhält, ignoriert meine Zahlen, meine Schmerzen, meine Diagnosen – und genau darin liegt ein seltsamer Trost. Ich halte das Dokument in der Hand, spüre die Tinte, das Gewicht der Worte.
Und doch lebt in mir etwas, das sich nicht aufgeben will. Zwischen Infusionen, Schmerzen, dem Krankenhausgeräusch und den Berliner Sirenen draußen spüre ich kleine Funken von Widerstand. Ich atme bewusst, sehe genauer hin: Sabines Hand, das Lachen unserer Tochter, das winzige Licht eines Späti-Neons, das durch die Nacht glimmt. Jeder Atemzug wird kostbar, jeder Schritt zu einem Akt der Rebellion gegen alles, was mich kleiner machen will.
Berlin ist noch laut, noch absurd, noch unverschämt. Aber es ist meine Bühne. Ich gehe weiter, Schritt für Schritt, mitten in dieser Stadt, mitten in meinem Leben. Mit Stil, trotz Müdigkeit, trotz Krankheit.

Doch die Bücherstube bleibt mein Rückzugsort. Kunden und Kollegen sind ein Teil davon, ein Stück Normalität.
Jeder Tag in der Bücherstube ist ein kleiner Sieg. Ich wische den Staub von den Regalen, stelle neue Bücher auf, schmunzele über die Eigenheiten der Stammkunden und freue mich an den kleinen Dingen – an der Pflanze, die endlich blüht, an einem Krimi, der wieder einmal für Aufregung sorgt, oder an einem Kind, das ein Bilderbuch in beide Hände nimmt und laut loslacht. Die AWO wirkt hier leise, aber beständig: Sie gibt Struktur und Sinn, gerade in Zeiten, in denen alles andere fragil ist.
Die Bücher erzählen weiterhin ihre Geschichten, und ich erzähle still meine eigene: von Abschieden und Neubeginn, von Pflege und Freundschaft, von Schmerz, Ironie und Hoffnung. Ein Leben zwischen Seiten, Blättern und grünen Pflanzen, das im Jetzt spürbar, lebendig und unvergesslich bleibt.

Wenn ich heute auf mein Leben schaue, dann sehe ich keine einfache Geschichte. Ich sehe ein verschlungenes Geflecht aus Herkunft, Suche, Irrwegen, Schuld, Liebe, Verlusten und hart erkämpfter Veränderung. Nichts davon lässt sich in Schwarz und Weiß einteilen. Alles hat Schatten, alles hat Licht. Und mittendrin stehe ich – ein Mensch, der viele Fehler gemacht hat und trotzdem weiter lernt.
 

Rico blickt zurück auf Herkunft, Fehler, Liebe, Verlust, Veränderung, Behinderung und Krankheit. Er erkennt das Leben als stetigen Tanz zwischen Fall und Aufstehen, Schatten und Licht, Abschied und Neubeginn.

Ich komme aus einer Welt, in der Gefühle oft hinter Pflichten, Erwartungen und Alltag verschwanden.
Meine Mutter war liebevoll und gerecht, aber sie hatte viel zu tragen. Meine zwei älteren Brüder waren immer irgendwie voraus, und mein Stiefvater – streng, unnahbar – hinterließ mehr Schweigen als Nähe. Ich verstand als Kind vieles nicht. Ich spürte nur, daß Härte und Zurückhaltung in unserem Haus selbstverständlich waren.
Trotzdem: Es gab Wärme. Und Struktur. Und das Wissen, daß ich nicht allein bin, auch wenn ich mich manchmal so fühlte. Erst viel später begriff ich, wie sehr diese frühen Spannungen und diese Mischung aus Liebe und Strenge mich geprägt haben – in gutem wie in schlechtem.
In Treptow-Baumschulenweg groß zu werden hieß, in einer Welt aufzuwachsen, in der vieles klar geregelt war: Schule, Betriebe, Nachbarschaft, Grenzen – auch die im Kopf. Aber gerade deshalb war in mir immer etwas Unruhiges. Ein Drang nach Ausdruck, nach Zugehörigkeit, nach Anderssein.
Die 1980er brachten erste kleine Rebellionen: Konzerte, Szenen, Jugendkulturen, Begegnungen mit Punks, Gruftis, Skins, Leuten, die irgendwie versuchten, der Enge des Systems zu entkommen. Und ich ließ mich treiben – suchte meinen Platz zwischen Orientierung und Orientierungslosigkeit. Manchmal mit Neugier, manchmal mit einer Wut, die ich damals nicht begreifen konnte.
Als die DDR fiel, fiel für viele von uns die Welt, die uns geordnet vorkam.
Über Nacht war nichts mehr sicher. Alles wurde auf einmal möglich – und genau das war das Problem.
Ich begegnete Menschen, die mir Gemeinschaft, Stärke und Orientierung vermittelten und mir halfen, eine Identität zu entwickeln. Die Wendezeit war für mich keine Befreiung, sondern ein Strudel. Und in diesem Strudel traf ich Entscheidungen, die nicht immer richtig waren. Entscheidungen, die nicht nur mich, sondern auch andere Menschen geschädigt haben.
Ich beschönige nichts: Diese Zeit gehört zu meiner Geschichte. Sie zeigt, dass Stärke ohne Verantwortung gefährlich werden kann – und dass echte Entwicklung dort beginnt, wo man sich hinterfragt und bereit ist, sich zu verändern. Diese Vergangenheit bleibt ein Teil meiner Geschichte, der mir bis heute zeigt, wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen.
Das Ende der 1990er Jahre in Haft war ein scharfer Einschnitt – hart und unerbittlich.
Plötzlich war da nur noch Stille. Weniger Fluchtmöglichkeiten, weniger Ausreden.
Ich musste mich mir selbst stellen – und der Verantwortung für das, was ich angerichtet hatte.
In dieser Zeit begann ein Prozess, den ich zuvor nie zugelassen hatte: Nachdenken, reflektieren, begreifen. Und ich erkannte, daß ich mich ändern musste. Nicht für andere – sondern für mich selbst, für meine Zukunft, für ein Leben in Würde, Pflichtbewusstsein und Verantwortung. Ein Leben, das nicht zerstört, sondern aufbaut – für mich, für meine Mitmenschen und für das Land, dem ich verpflichtet bin.
Ich machte eine Umschulung, lernte ein neues Handwerk, lernte neue Menschen kennen. Menschen, die mich nicht über meine Vergangenheit definierten, sondern über das, was ich in diesem Moment war. Das war neu. Und heilend.
Mein Leben ist voller Beziehungen, voller Begegnungen, voller Versuch und Irrtum.
Ich habe geliebt, ich habe verletzt, ich habe verloren, ich habe Hoffnungen gebaut und Hoffnungen zerstört.
Einige Frauen haben mich begleitet, manche nur kurz, manche lange. Beziehungen scheiterten, andere brachten Kinder hervor – und damit Verantwortung, die größer ist als jede Vergangenheit. Vater zu sein bedeutet, sich seinen Fehlern zu stellen. Und zu versuchen, jeden Tag ein bisschen besser zu sein als gestern.
Der Gartenbau wurde ein Teil meines Lebens – Arbeit mit den Händen, mit Erde, mit Dingen, die wachsen. Vielleicht war das der Ausgleich zu den Jahren, in denen so viel in mir zerstörerisch war: das Bedürfnis, etwas zu pflegen, statt zu zerstören.
Und dann kamen die Bücher.
Der große Laden, das Antiquariat, die späteren Bücherstube – all das waren Orte, an denen ich atmen konnte. Geschichten anderer Menschen halfen mir, meine eigene Geschichte zu begreifen. Und die ehrenamtliche Arbeit später gab mir das Gefühl, endlich etwas zurückzugeben.
Krankheit, Behinderung und neue Perspektiven
Mein Körper zeigte mir über die Jahre Grenzen: Rheuma, zunehmende Behinderung, zuletzt die Diagnose Darmkrebs.
Es sind Momente, in denen man sich fragt: Was bleibt? Was zählt wirklich?
Und ich habe gemerkt: Nicht nur Stärke. Nicht nur Macht. Nicht nur die alten Parolen.
Sondern auch Menschlichkeit. Nähe. Verantwortung.
Heute – ein Mensch, der gelernt hat, daß Veränderung möglich ist
Ich bin nicht mehr der, der ich einmal war.
Nicht mehr der Junge aus Baumschulenweg.
Nicht mehr der Suchende nach falscher Stärke.
Nicht mehr der Mann, der in der Wendezeit den Halt verlor.
Ich bin jemand, der gefallen ist.
Hart. Tief.
Aber ich bin auch jemand, der wieder aufgestanden ist.
Ich kann meine Vergangenheit nicht auslöschen. Aber ich kann dafür sorgen, daß sie niemandem mehr schadet. Ich kann ehrlich sein, zu mir und zu anderen. Ich kann Verantwortung übernehmen für den Weg, den ich heute gehe. Für ein Leben im Einklang mit den Werten unserer Gemeinschaft, unserer Heimat und des Volkes, dem ich angehöre und aus dem ich Kraft schöpfe, richte ich meinen Blick nach vorn. Meine Vergangenheit kann ich nicht ändern, doch sie definiert nicht, wer ich heute bin. Entscheidend ist, was ich aus ihr mache.

Ich stehe dafür ein, dass aus ihr kein weiterer Schaden entsteht, und nehme meinen Platz in der Gemeinschaft bewusst und verantwortungsvoll ein. Mit Ehrlichkeit gegenüber mir selbst und anderen wachse ich in diese Verantwortung hinein und gehe meinen heutigen Weg mit Hoffnung, Standhaftigkeit und dem Willen, dem Ganzen gerecht zu werden.
Meine Geschichte ist keine Heldengeschichte.
Es ist eine Geschichte des Lernens, der Veränderung – und der Hoffnung.
Und vielleicht ist das genug.

 

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Burgerwahn Vor 3 Stunden und 39 Minuten
Aus dem Leben gegriffen,
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Kapitel: 9
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