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Ein Pfiff und alles ist anders

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14.03.23 17:01
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Jubelnde Rufe von rechts. Empörte Schreie von links. Mitten im Gekreische geht jegliche Vernunft verloren. Flüche werden herausposaunt. Der Lauteste zu sein ist das Ziel. Von allen Seiten wird gedrückt und der Vorderste gibt die Kommandos. Wie eine Welle schwappt der Hass rüber in die andere Ecke. In der Mitte prallen diese Stürme aufeinander. Ein ohrenbetäubender Mix aus Flüchen und Jubel dringt bis an die gegenüberliegenden Wände. Die Füsse kleben am biergetränkten Boden und der nicht ausgeschüttete Alkohol bauscht die Schreihälse auf. Farbige Shirts machen Freund und Feind deutlich erkennbar. Trommelschläge runden den Trubel ab und machen das Dröhnen in den Ohren komplett. Als Gleichgesinnter ein wohliger Abend, jedoch in einem Begleiter, um jemandem eine Freude zu machen, breitet sich das Gefühl aus, fehl am Platz zu sein. Zahlreiche Sicherheitsleute säumen den Weg. An der Pforte ins Gewühl wird ausgiebig nach gefährlichen Objekten gesucht. Die Menschenschlange endet im Regen. Männlich aussehende Besucher scheinen verdächtiger zu sein, als ihre weiblichen Genossen. Endlich drinnen, bleibt der Blick an der Anzeigetafel hängen und das Warten auf den Anstoss wird unerträglich. Ein Pfiff und das Geschrei beginnt.

Unser Leben ist mit dem Sport so stak verwachsen, dass unsere Tage beinahe schon davon abhängen. Das Event ist schon Wochen vorher im Kalender eingetragen. Die Arbeit so geregelt, dass es zeitlich passt. Mit anderen Mitstreitern wird abgemacht wie und wo. Sport füllt unsere Freizeit aus und hat daher einen hohen Stellenwert im Leben. Einen Moment lang nicht an den nächsten Tag mit all den Verpflichtungen zu denken, ist entspannend. Den Abend einfach geniessen und den Stress hinter sich lassen. Gleichgesinnte unter sich, alle, die dazu gehören wollen, die Menschen werden somit vereint. Kritisiert wird im Alltag schon genug, desto schöner ist es, sich in der Masse der Fans sicher zu fühlen und gemeinsam etwas zu erleben. Geht es um Sport, schaukeln sich die Gefühle nicht selten hoch. Hoffnung und Enttäuschung treffen unausweichlich aufeinander. Deshalb sind Berichte von Ausschreitungen in den Medien nicht weit. Die Gruppe reisst einen mit, verbirgt, die Masse erlaubt Handlungen, welche für einen allein undenkbar wären. Problematisch ist es ebenso, wenn der Fankult zum einzigen Lebensinhalt wird. Der Sport ist allgegenwärtig, wird zur Sucht, Gegenmeinungen sind unzulässig. Die Flucht aus dieser Abwärtsspirale ist schier unmöglich.

Werden Kinder nach ihren Idolen gefragt, werden sie sehr wahrscheinlich die Namen von Sportlern nennen. Egal ob Fussballspieler, Olympioniken oder Balletttänzer, beinahe alle eifern einem der grossen Sternchen nach. Dass Sportler die Massen beeinflussen können, haben auch die Leute in der Politik geschnallt. Für einen bestimmten Zweck werden die Athleten in das gerade benötigte Licht gerückt. So wurden beispielsweise die olympischen Spiele während des Zweiten Weltkrieges für Propagandazwecke genutzt. Die Grösse und Stärke Deutschlands sollte demonstriert werden und einen besseren Zusammenhalt generieren. Dafür wurden die Spiele live übertragen und in Fernsehstuben kostenlos angeboten, damit auch Personen ohne TV die Erfolge der deutschen Teilnehmer miterleben konnten. Ist auch irgendwie logisch, lieber wird dem Volk eine reine zelebrierbare Sportwelt vorgegaukelt, als die tatsächliche Krise abzubilden. Wer behauptet, heute sei das aber ganz anders, ist wohl nicht ehrlich mit sich selbst. Wir sind traurig, weil Roger Federer aufhört, und alle Medien berichten darüber, mehrere Tage lang. Die prekäre Lage im Iran oder Armenien bekommt dabei kaum jemand mit.

Sport ist längst nicht mehr einfach Sport, sondern eine Maschinerie des Geldes. Profifussballer verdienen Unsummen für ein Hin- und Herrennen. Um beim Fussball zu bleiben, schaue man sich einmal den WM-Austragungsort Katar an. Weder klimatechnisch noch für die Bevölkerung verantwortbar. Die darf nämlich ein ganzes Stadion errichten für ein einziges Event, und die Arbeiter kommen sogar in den Genuss von einem Sklavenleben. Und dann braucht man das riesige Teil nicht mehr. Ergo wurden einfach so Baumaterialen verschwendet. Aber egal, Hauptsache genug Geld wurde hingeblättert. Die Gebote schnellen in die Höhe und der eigentliche Sport rückt in den Hintergrund. Ein Machtkampf der Nationen entsteht. Mit dem Sport wird ein gewisses Image der eigenen Nation gewahrt oder erst ein entsprechendes Bild geschaffen. Für den Erfolg und somit den Ruhm fürs Land müssen die Athleten bis ans Äussere gehen. Ein enormer staatlicher Druck lastet auf den Sportlern. Die Angst, die Nation zu enttäuschen ist omnipräsent. Also nicht verwunderlich, dass immer wieder über Dopingskandale berichtet wird. Nicht selten beenden Wettkämpfer frühzeitig ihre Karriere, weil sie nicht mehr konnten oder schon in jungen Jahren schwerwiegende Verletzungen erlitten haben.

Wie viel Einfluss Sport hat, wird in den USA sichtbar. Bürger aus der Mittelschicht haben, wegen den ausgesprochen hohen Studiengebühren, oftmals nur den Sport als Möglichkeit auf einen Collegeplatz. Sport zählt demnach mehr als Intelligenz. Ausserdem ist eine rührselige Story über einen Sportler aus armen Verhältnissen, der nun an der Spitze steht, viel beliebter und profitabler als ein intelligenter durchschnittlicher Angestellter.

Sind sportliche Aktivitäten und Events demnach Teufelszeug? Keineswegs (zumindest nicht nur). Gemeinsam zu feiern verbindet Fremde, lässt unsere Herzen höherschlagen und schüttet Endorphine (Glückshormone) aus. Einfach nach einem langen Tag den Kopf abschalten und geniessen ist in einem gewissen Rahmen nötig. Nicht vergessen, Menschen haben hin und wieder den Drang nach sozialen Interaktionen. Beim Sport treffen alle möglichen Personen aufeinander, Jung und Alt, alle Geschlechter, Herzblut-Fans und Begleiter. Ein Gefühl der Zughörigkeit, eine Identität wird kreiert. Aber blind vor Sport zu werden, kann sich niemand leisten. Hinterfragen und Schlüsse zu ziehen gehört nicht nur zum Unterricht in der Schule, sondern ist auch im Alltag notwendig. Mit offenen Augen und Ohren muss die Welt wahrgenommen und den Schönmalereien kritisch gegenübergestanden werden. Selbst der Sport kann sich vor prüfenden Blicken nicht drücken.

Die Augen schwenken rüber zur Anzeigetafel. Das letzte Drittel ist angebrochen, noch wird auf eine Kehrtwende gehofft. Ein letztes Mal schreien sich die Fans die Seelen aus dem Leib. Die Minuten scheinen dahinzurasen, und das Spiel schleppt sich mühselig zum Schluss. Die Reihen leeren sich und der Teppich des Lärms wird löchrig. Ein Pfiff und das Ergebnis ist in Stein gemeisselt. Die Fans der Sieger jubeln, die anderen machen sich kopfhängend auf den Nachhauseweg. Zurück auf der Strasse ist die Vernunft wieder zurück. Freund und Feind gehen friedlich nebeneinander heim, retour in ihr alltägliches Leben. Wartend auf das nächste Spiel.

 

 

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Diese Story wird neben Freizeit, Sport, Lifestyle auch in den Genres Politik, Wirtschaft, Arbeit und Vermischtes gelistet.