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The Heart of Everything - Eine Drabblegeschichte

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23.2.2018 13:57
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit
The Howling: We’ve been seeing what you wanted, got us cornered right now

Wahrscheinlich war es eine sehr dumme Idee gewesen, das Tor zur Hölle aus nächster Nähe inspizieren zu wollen. Anfänglich war es ihnen natürlich als das Schlaueste der Welt erschienen, mit einigen anderen Dunkelelfen ihres Clans hierher zu gehen, um den Feind aus nächster Nähe zu sehen. Judas hatte vorgeschlagen, die Teufelsbrut an der Wurzel auszubrennen, danach hätten sie endlich Ruhe vor ihr.

Dumme Idee, ganz dumme Idee … Judas und Gabriel waren Dämonen- und Kopfgeldjäger ihres Clans der Dunkelelfen, die die etwas speziellere Herausforderung liebten und keine Gefahren scheuten. Doch jetzt sahen sie sich von ihrer Beute in die Enge getrieben.

The Howling: Fallen asleep from our vanity, might cost us our lives

Sie hatten sich stark gefühlt, so stark und unbesiegbar. Gabriel und Judas waren eine Einheit, unzertrennliche Weggefährten und so erfolgreich wie kein zweiter auf der Jagd nach Dämonen und anderem Gesindel. War es da nicht nachvollziehbar, dass sie diesen Coup landen wollten? Den Ursprung dieser Plage anzugreifen?

Nur mit wenigen anderen Jägern waren sie ausgezogen, um allen zu beweisen, wie talentiert sie tatsächlich waren. Der Reiz der Gefahr erregte sie ungemein und entflammte immer wieder die Leidenschaft der Jagd. Ja, sie hätten das Höllentor angreifen müssen.

Doch nun mussten sie erkennen, dass ihre Eitelkeit sie wohl das Leben kosten könnte.

The Howling: I hear they’re getting closer

Gabriel und Judas, die großen Jäger, hatten sich verspielt wie noch nie zuvor. Hatten sie wirklich geglaubt, gegen die Höllenmacht bestehen zu können? Und dann waren sie auch noch mit so geringer Verstärkung losgezogen!

Das Höllentor war zu stark bewacht. Aufgrund ihrer geringen Zahl hatten sie die Umgebung nicht genügend beobachten können. Die Kreaturen hatten sie rasch ausgemacht und die Jagd eröffnet. Die Jäger waren zu Gejagten geworden.

Dicht gedrängt wartete die Gruppe in der Nacht, die Waffen bereit. Gabriel sah seine Feinde nicht, doch er konnte ihr Heulen hören. Sie waren da, im Dunkeln, ganz nah.

Konnten sie bestehen?

The Howling: Their howls are sending chills down my spine

Es lief Gabriel eiskalt den Rücken hinab. Dieses Heulen, es war grässlich, ein Kreischen und Knirschen ohnegleichen. Er konnte nicht bestreiten, dass er Angst hatte, doch weniger um ihn selbst als um Judas. Noch nie hatte er seinem Gefährten etwas abschlagen können, zu sehr war er ihm verbunden. Nicht einmal diese verrückte Idee hier.

Gabriel musste seinen Gefährten schützen, die anderen waren egal. Nur Judas musste davon kommen, sein Herz, sein geliebter Judas.

Er stellte sich an seine Seite und ergriff seine Hand. Judas drückte die seine beruhigend, doch Gabriel war in keinster Weise beruhigt.

Ein erneutes Heulen, näher nun …

The Howling: And time is running out now

Wo war der Ausweg aus dieser Situation? Wie sah dieser Weg aus? Es musste doch einen geben!

„Judas“, wisperte Gabriel, damit die anderen Jäger ihn nicht hörten. „Wir müssen fliehen!“

„Nein!“ Das Jagdfieber schien Judas aus seinen dunklen, violetten Augen. „Schon lange hatten wir keine solche Jagd mehr.“

„Es wird noch unsere letzte …“

Judas ging nicht darauf ein. Er leckte sich über die Lippen. Gabriel folgte der Bewegung seiner  Zunge. Diese Lippen nicht mehr küssen zu können … Sein Herz schmerzte bei diesem Gedanken.

„Uns läuft die Zeit davon!“, drängte er.

„Ich will diesen Kampf!“ Tiefe Begierde sprach aus Judas‘ Stimme.

The Howling: They’re comming down the hills from behind

„Sie kommen!“, rief einer der anderen Jäger aus.

Schweflige Augen leuchteten in der Nacht.

„Dort, die Hügel dort drüben hinab!“

„Gebt Acht, zeigt keine Blöße, sie nutzen jede Schwäche sofort aus!“

Gabriel sah mit Sorge zu seinem Geliebten. Sie beide waren kampferprobt wie niemand sonst, doch nun machte er sich Sorgen, ob sie sich nicht vielleicht übernommen hatten.

Judas … Gabriel kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht mehr immer rational zu denken vermochte, hatte ihn das Jagdfieber erst einmal gepackt. Er musste auf ihn Acht geben! Entschlossen packte er seinen Scimitar fester.

„Kommt nur, ihr elenden Bestien!“

The Howling: When we start killing

Dieser Kampf würde der herausforderndste seines Lebens werden, das erkannte Gabriel schon sehr bald. Unzählige gelbe Punkte glommen in der Nacht auf, Flammen loderten hoch hinauf in den Himmel. Wie viele mochten es sein? Zehn, zwanzig? Fünfzig? Gar hundert? Auf jeden Fall waren es weitaus mehr Dämonen als Jäger der kleinen Gemeinschaft.

Rasch waren die Jäger umkreist, ein Ausweg nicht mehr gegeben. Gabriel suchte nach ihm, wollte das Offensichtliche noch nicht sehen, doch er musste es sehen. Nun denn, dann würde das Töten eben beginnen müssen. Sie würden schon Wergeld zahlen müssen, wenn sie ihn stellten.

Sollten sie nur kommen!

The Howling: It’s all coming down right now

Doch wer würde tatsächlich Wergeld zahlen müssen? Die Dämonen oder ihre eigentlichen Jäger? Wer würde sich als stärker erweisen? Überzahl und rohe Gewalt oder List und Waffengeschick?

Es würde sich zeigen.

Mit Gebrüll stürzte sich Gabriel auf die Dämonen. Angriff war schon immer die beste Verteidigung, immer wieder auf’s Neue konnte man diese scheußlichen Bestien damit erschrecken; sie rechneten nie damit, dass ein vermeintlich schwacher Bewohner der mittleren Welt ihnen die Stirn bot, und immer wieder konnte man sie damit verwirren.

Dumme Kreaturen! Elend und hirnlos.

Einen Urschrei ausstoßend schwang Gabriel seinen Scimitar. Mit brutaler Wucht traf er sein Ziel.

The Howling: From the nightmare we’ve created

Die anderen Jäger waren Gabriels Beispiel gefolgt. Ein wildes Handgemenge entbrannte. Von überall stürzten die Dämonen ohne Sinn und Verstand auf ihre Beute, selbst aus der Luft griffen sie an.

Gabriel sah sich allen möglichen Scheußlichkeiten und Fratzen gegenüber, doch sie schrecken ihn nicht mehr. Erstaunlich, an was man sich alles gewöhnen konnte …

Jeder der Verteidiger sah sich gleich mehreren Angreifern gegenüber, nur wenige waren so geschickt wie Gabriel oder Judas, um sich dem zu erwehren.

Dieser Kampf war mehr ein blutiges Gemetzel denn ein wirklicher Kampf. Die wenigsten hielten lange durch und überlebten die ersten Angriffe.

Doch dann …

Judas!

The Howling: I want to be awakened somehow

„JUDAS!“, schrie Gabriel panisch. Gerade war Judas doch noch an seiner Seite gewesen. Wo war er hin? Gabriel sah sich hektisch um. Alles war so durcheinander, er konnte ja gar nichts erkennen! Es machte ihn rasend, wie wild schlug er um sich.

Er wusste: Er sollte sich nicht so gehen lassen, und doch konnte er nicht anders. Noch nie war er in einem Kampf so außer sich geraten, doch dieser hier war anders. Stets hatte er sich sicher sein können, dass weder ihm noch Judas etwas Ernstes zustoßen würde, zu groß war ihr Können.

Doch dieses Mal war alles anders.

The Howling: When we start killing it all will be falling down

Er konnte sich nichts gewiss sein. Gabriel und Judas würden ihr Bestes geben müssen, sie würden wachsam wie nie sein müssen. Doch Gabriel wusste zu gut, wie gern sich Judas im Kampf gehen ließ, wie sehr er sich vom Gefühl des unter seiner Klinge reißenden Fleisches berauschen ließ, vom sein Gesicht hinabrinnenden warmen Blut, vom metallischen Geschmack auf seiner Zunge.

Nicht, dass es Gabriel nicht auch so ginge, doch Judas steigerte sich allzu rasch in seinen Rausch hinein.

Vielleicht mochten sie entartet sein, doch so waren sie.

Nun jedoch könnte alles allzu rasch vorbei sein, wenn sie nicht Acht gaben.

The Howling: From the hell that we’re in

Da hatten sie all die Jahre die Höllenbrut bekämpft und nun doch den Zorn der Hölle auf sich herabbeschworen. Beinahe konnte Gabriel darüber lachen, doch nur beinahe.

Judas! Da! Inmitten einer Gruppe gehörnter Ungeheuer stand er. Mit seinem mächtigen Bastardschwert schlug er beidhändig um sich. Das Blut spritzte von der Klinge.

Gabriel musste einen Moment innehalten und weidete sich an diesem Anblick. Kaum etwas erregte ihn mehr, als Judas im Kampf zu sehen. So elegant, so geschmeidig, so aufreizend.

Doch dann riss er sich zusammen. Er musste kämpfen, er musste seinem Geliebten zur Seite stehen! Ihm durfte einfach nichts geschehen!

The Howling: All we are is fading away

Die Erregung des Kampfes glitzerte in Judas‘ Augen, Gabriel konnte es von weitem sehen. Doch gleichzeitig konnte er erkennen, wie sein Geliebter bereits aus zahlreichen Wunden blutete. Nicht, dass es Gabriel in irgendeiner Weise besser ergangen wäre, doch im Angesicht des Blutes seines Gefährten waren sein Schmerz und seine Schwäche vergessen.

Es machte ihn rasend, Judas verwundet zu sehen. All seine Vorsätze, mit Verstand in den Kampf zu gehen, waren wie weggefegt. Brüllend stürzte er sich auf die Peiniger. Bluten würden sie, büßen!

„Du hattest Recht!“, hörte er Judas durch seinen Kampfrausch rufen. „Es sind zu viele. Komm, wir fliehen!“

The Howling: We’ve been searching all night long but there’s no trace to be found

Gabriel und Judas kämpften wie wild geworden, um ihren Feinden zu entkommen. Hinter ihnen schrien ihre Gefährten in Pein und Todesschmerz, doch es kümmerte sie nicht, ob jemand von ihnen überlebte.

„Verräter!“

Ihr Fluchtversuch war bemerkt worden.

„Ihr führtest uns in den Tod!“

Der Dunkelelf endete mit Judas‘ Messer zwischen den Augen.

Sie entkamen irgendwie, den Dämonen entgingen sie jedoch nicht. Eine lange Hatz durch die Nacht entbrannte, die Hügel hinauf und hinab. Das Heulen saß ihnen stets im Nacken. Doch plötzlich war Ruhe. Sie suchten lange, doch mit einem Male schienen alle Spuren wie weggefegt.

Waren sie doch entkommen?

The Howling: It’s like they all have just vanished but I know they’re around

Es war, als seien die Dämonen wie vom Erdboden verschluckt. Aber das konnte doch nicht sein, oder? Gabriel konnte einfach nicht glauben, dass dem so sein sollte. Doch das war vorerst nicht wichtig.

„Wie geht es dir?“, fragte er besorgt.

Judas lächelte amüsiert. „Kaum besser als dir, wie’s scheint.“ Er zog ihn zu sich heran. „Was für ein Abenteuer! Das können wir öfters machen, oder?“ Überschwänglich küsste er seinen Gefährten.

Dann konnte es Judas nicht allzu schlecht gehen. Gabriel war erleichtert und erwiderte den Kuss mit leidenschaftlichem Feuer. Sein Judas, sein Geliebter!

Ein Heulen in der Nacht riss sie auseinander.

The Howling: I feel they’re around

„Sie sind noch da.“

„Wir hätten es wissen müssen“, wisperte Judas. „So leicht hat man es uns noch nie gemacht.“

Sie waren da, das fühlte Gabriel, irgendwo. Wachsam spähte er in die Nacht, die Waffe fest im Griff, jede Nervenfaser, jeder Muskel seines Körpers zum Zerreißen gespannt. Doch er spürte, wie seine Kräfte schwanden. Der Kampf war kurz, doch heftig gewesen. Gabriel war bei weitem nicht ungeschoren davongekommen. Aus zahlreichen Wunden floss das Blut, sein ganzer Körper brannte vor Schmerz, jetzt, wo die Euphorie des Kampfes abgeflaut war.

Ein Schnüffeln und Knurren war ringsumher in der Nacht.

„Sie sind nah.“

The Howling: The sun is rising

Ein letztes Mal entbrannte der Kampf. Doch ein letztes Mal für wen? Viele Dämonen schienen im Handgemenge erschlagen worden zu sein, doch hatten sie schließlich die verbliebenen Jäger abgeschlachtet und die Verfolgung Gabriels und Judas‘ aufgenommen.

Da waren sie, immer noch ein Dutzend dieser Ausgeburten der Hölle. Allmählich ging die Sonne auf, der Tag brach an. Wie erstaunlich, dass die Bestien nicht flohen. Aber vielleicht würde das Sonnenlicht sie schwächen …

Einer der Dämonen stürzte sich auf Gabriel. Er schlug mit seinem Scimitar zu und zerschmetterte den Schädel des Untieres.

Eine Welle von Zorn und Heulen brach über die Dunkelelfen herein.

The Howling: The screams have gone

Der Kampf war kurz und heftig. Von allen Seiten stürmten die Unholde auf Gabriel und Judas ein, wild und unkontrolliert und mit brachialer Gewalt. Selbst den beiden Jägern, die doch so talentiert auf ihrem Fachgebiet waren, fiel es schwer, der Lage Herr zu werden.

Doch sie wären nicht sie selbst, wenn sie nicht auch im geschwächten Zustand obsiegen würden. Und schließlich, als die Sonne über den Horizont gestiegen war, war alles vorbei. Gabriel hatte ein Stück seines Ohres eingebüßt, Judas einen Finger, doch sie lebten.

Mit einem Male kehrte Stille ein und das unentwegte Heulen der letzten Stunden verstummte.

Endgültig.

The Howling: Too many have fallen

Nur ihr Keuchen und Stöhnen zerriss die Stille.

„Das war vielleicht doch nicht ganz ohne“, räumte Judas ein. Er hielt sich den Bauch. Sein zerschrammtes Gesicht war schmerzverzerrt und doch grinste er verwegen, wie so oft. Gabriel konnte nicht anders, als dieses Grinsen zu erwidern, während er auf die Knie sank und schwer atmend nach Luft schnappte.

„Die anderen, die uns begleitet haben, sind alle tot, oder?“, sagte er. Es war keine Frage.

Judas zuckte mitleidlos mit den Schultern. „Die Dämonen aber auch.“

„Meinst du nicht, dass der Preis vielleicht nicht doch zu hoch dafür gewesen wäre?“

„Wieso sollte er?“

The Howling: Few still stand tall

„Mit zehn weiteren zogen wir aus, nur wir kommen zurück“, gab Gabriel zu bedenken. „Man wird reden, man wird fragen.“

Judas winkte ab. „Du solltest mich kennen, mein Lieber“, sagte er, sein Blick war mahnend. „Seit wann interessiert mich, was man redet? Wir machen allein unser Ding.“ Er richtete sich auf und trat zu Gabriel. „Und jetzt lass uns von etwas Anderem reden und uns um deine Wunden kümmern. Ich kann ja nicht zulassen, dass so ein hübsches Gesicht wie deines geschunden wird.“

Er drückte Gabriel einen Kuss auf die Lippen und machte sich dann daran, seine Wunden zu versorgen.

The Howling: Is this the end of what we’ve begun?

Sie pflegten gegenseitig ihre Wunden, denn es war nötig, dass sie es sogleich taten, an Ort und Stelle. Die Dämonen lagen tot um sie herum, nur noch wenige zuckten schwach, doch verendeten auch sie bald. Stille kehrte in der kahlen Landschaft um sie herum ein.

„Glaubst du, dass das alles war?“, fragte Gabriel.

Judas schüttelte den Kopf. „Nein, bei weitem nicht. Ich glaube, dass die Jagd nun erst begonnen hat.“

„Das schlimmste kann uns also noch bevorstehen …“

„Womöglich. Die Hölle wird es wohl kaum auf sich beruhen lassen, dass wir sie so direkt angriffen.“

Der Jäger war zum Gejagten geworden …

The Howling: Will we remember what we’ve done wrong?

„Wir sollten davon ausgehen, dass unsere Aktion hier ein übles Nachspiel haben könnte“, schloss Gabriel.

„Denkbar wäre es“, bestätigte Judas. „Wir sollten uns auf alles gefasst machen.“

„Und zusehen, dass wir so schnell wie möglich von hier verschwinden.“

„Doch nicht sofort. Du brauchst Ruhe, ich ebenso. Dummerweise hatte dieser kleine Tanz hier doch einige unangenehme Spuren hinterlassen.“

Stille. Schweigend ihre Wunden leckend saßen sie da und sahen in die Morgendämmerung. Judas holte aus seinem Packen etwas zu Essen heraus.

„Meinst du, wir haben einen Fehler begangen, als wir diesen Schritt wagten?“, fragte Gabriel.

„Nein. Wir machen niemals Fehler.“ Mehr nicht.

Kleine Randnotiz: In der Kurzgeschichte Twilight of the Gods wird angedeutet, dass die Aktion mit dem Höllentor hier bedeutend weitreichendere Folgen hat als das persönliche Drama Gabriels und Judas', mit welchem sich dieser Text hier befasst.
What have you done: Would you mind if I hurt you?

Seit ihrem waghalsigen Unternehmen, das Höllentor höchstselbst anzugreifen, hatte sich etwas zwischen Judas und Gabriel verändert. Gabriel konnte es nicht genau benennen, was es war, doch es fühlte sich nicht gut an. Vielleicht war es sogar nicht einmal etwas zwischen ihnen, sondern allein etwas, das Judas betraf – oder ihn.

Was er wahrnahm, war definitiv, dass sich Judas anders benahm: skrupelloser und kaltherziger als jener Judas, den Gabriel so liebte. Eingehüllt in seinen Egoismus, so erschien er Gabriel.

Zerfraß es Judas so sehr, was beim Höllentor geschehen war? Nahm er da Gabriel überhaupt noch wahr oder war er nur noch Luft?

What have you done: Understand that I need to / Wish that I had other choices / Than to harm the one I love

Doch eines war Gabriel klar: So konnte es nicht weiter gehen. Judas musste aufwachen und sich seinen Geistern stellen. Er konnte nicht ewig davon rennen und sich die vergangenen Ereignisse schön reden.

Und er konnte nicht mehr jeden umbringen, der seiner Realität wiedersprach.

Ja, Gabriel hatte tatenlos zugesehen, als Judas losgezogen war, um einige Dunkelelfen umzubringen, die sie in einer Taverne offen des Verrats angeklagt hatten. Doch damit war  Schluss. Er musste Judas stoppen, auch wenn ihm dabei das Herz blutete. Er bedauerte, dass es so weit gekommen war, das stand außer Frage. Doch hatte er eine andere Wahl?

Nein.

What have you done: What have you done (now)!

„Warum hast du das getan?!“

Gabriel erinnerte sich an diesen Moment sehr lebhaft, als er die Leichen zu Judas‘ Füßen gesehen hatte.

„Warum hast du sie umgebracht?“

„Sie nannten uns Lügner.“ Judas‘ Stimme war eiskalt.

„Bist du dir da wirklich sicher? Es steht fest: Wir haben uns dabei übernommen, und das Ergebnis ist eine Katastrophe.“

Ohne Vorwarnung hatte Judas ausgeholt und zugeschlagen. Schweigend hatte sich Gabriel an die schmerzende Wange gefasst und seinen Gefährten entgeistert angesehen.

Was ging nur im Kopf seines Geliebten vor sich? Gabriel fürchtete um ihn. Doch wie konnte er ihn retten, wenn sein Feind Wahnsinn hieß?

What have you done: I know I’d better stop trying

Diese Situation bereitete Gabriel schlaflose Nächte. Während Judas friedlich und ahnungslos in seinen Armen entschlummerte, starrte sein Gefährte oft noch stundenlang an die Decke und grübelte.

Doch je mehr er versuchte, sich selbst von diesem Vorhaben abzubringen, desto mehr verhärtete sich dieser Gedanke in ihm. Es war nicht gut, das wusste er selbst, denn er begann an Judas und ihrer Beziehung zueinander zu zweifeln. Doch er konnte nicht anders.

Er musste aufhören! Und doch konnte er es gleichzeitig auch wieder nicht. Er wollte Judas nicht verlieren, nie und nimmer! Und doch würde er es auf die eine oder andere Weise.

What have you done: You know that there’s no denying

Wie er es drehte und wendete: Entweder war Judas nicht mehr jener Dunkelelf, den er liebte, oder er würde Gabriel in seinem Wahn womöglich auch als Feind seiner Imaginärwelt betrachten. Gab es da überhaupt noch einen Weg zu Judas‘ Rettung?

Und doch konnte nicht verziehen werden, was sein Geliebter getan hatte. Wenn nicht um ihrer beider Willen so doch für all die anderen Dunkelelfen ihres Clans: Judas musste aufwachen.

Ob Judas das auch wusste? War ihm überhaupt noch bewusst, dass er mit diesem Mord eine Grenze überschritten hatte, die er nicht hätte überschreiten dürfen?

Gabriel war sich nicht mehr sicher.

What have you done: I won’t stop mercy on you now

Auch etwas in ihm hatte sich verändert, das wurde Gabriel nun klar. Aber was? Waren am Ende gar seine Gefühle für Judas erkaltet? Ihm schauderte bei diesem Gedanken. Schnell schob er ihn wieder zur Seite. Dieser Gedanke war so schauderhaft, dass er ihn gar nicht erst in Erwägung ziehen wollte.

Oder tat er damit vielleicht doch Unrecht?

Nur eines war er sich sicher: Er konnte Judas nicht mehr nachsehen, was er tat, wie er ihre Clanmitglieder behandelte – und am allerschlimmsten: ihn. Er musste handeln, auch wenn es schwer war, auch wenn er sich ins eigene Fleisch schnitt.

Er musste reden.

What have you done: I know, should stop believing

Realismus war schwer zu ertragen. Sie war ein böses Ding, das keinen Platz für angenehmes Wunschdenken ließ. Liebliche Unwissenheit! Hin und wieder war der Realismus ihr tödlichster Feind.

Gabriel sah sich in der Wahl zwischen Idealismus und Realismus. Konnte er weiter so leben und die Augen verschließen? Konnte er Judas noch immer so lieben, wie er wollte? Er wollte es, er wollte es mit aller Macht glauben.

Doch er sollte damit lieber aufhören und die Realität sehen. Die Vergangenheit war vorbei und würde nie wiederkehren, so sehr er es auch wünschte.

Der Hölle Rache. War es dies? Es schien so.

What have you done: I know, there’s no retrieving

Eine Gewissheit hatte er also: Alles, was gewesen war, war vorbei und konnte nicht mehr wiederhergestellt werden. Da blieb nur die Frage, ob Judas geholfen werden konnte.

Gabriel schien es klar zu sein: Sein Liebster konnte die Geschehnisse am Höllentor nicht verarbeiten. Bis jetzt hatten sie nur selten Niederlagen ertragen müssen, doch keine war so katastrophal gewesen wie diese. Judas war in eine Scheinwelt geflohen. Sie war sein Schild gegen seine Gedanken, alles war eine Bedrohung, was diese Welt zum Wanken brachte.

Und Bedrohungen mussten ausgelöscht werden. Deswegen hatte Judas die Dunkelelfen getötet.

Doch das musste aufhören, Judas musste erwachen.

What have you done: I, I’ve been waiting for someone like you

„Judas …“, wisperte Gabriel in der Schwärze der Nacht.

Judas, bis jetzt an Gabriel geschmiegt schlafend, regte sich leicht und blinzelte verschlafen. Lächelnd kuschelte er sich noch etwas fester an seinen Geliebten.

„Was will mein Liebling von mir?“, raunte er.

Gabriel zwang sich, diese kleinen Verführungsversuche nicht zu beachten. Es war schwer, doch es gelang ihm.

„Du weißt, du bist mein ein und alles“, begann er.

„Ich weiß.“ Judas drückte sich noch etwas fester an ihn.

„Nur mit dir bin ich eins“, setzte Gabriel fort.

Judas ging in die Offensive und setzte sich rittlings auf ihn.

Ah, wie er ihn begehrte!

What have you done: But now you are slipping away… oh

Pure Lust flutete durch Gabriel. Rasch fügte er an: „Aber etwas steht nun zwischen uns.“

Judas hielt inne. Sein Gesicht war ernst, doch dann lächelte er verlegen. „Ich nenne es deine Hose.“

„Nicht das. Es ist etwas in dir, das sich verändert hat. Etwas, das meine Gefühle … veränderte.“

Judas runzelte die Stirn. „Veränderte? Dein Schwanz spricht eine andere Sprache.“

„Es ist verwirrend“, sprach Gabriel. Es war hart, doch es musste sein. „Was empfindest du noch für mich? Oder bin ich nur Luft?“

Judas packte ihn bei den Schultern. „Das stimmt doch nicht!“

Gabriel schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht.“

What have you done: Why, why does fate make us suffer?

Judas küsste Gabriel leidenschaftlich. Und Gabriel konnte nicht anders, als den Kuss ebenso zu erwidern und hasste sich dafür.

„Siehst du, ich liebe dich wie eh und je.“ Judas nahm Gabriels Hand und legte sie sich in den Schritt und an sein erregtes Glied. „Fass mich an. Ich will dich noch immer.“

Gabriel zog die Hand weg. „Ist das vielleicht nicht nur noch fleischliches Verlangen anstelle von seelischem, wie es einst zwischen uns war?“

Hatte es vielleicht so weit kommen müssen? Sie beide waren impulsiv, leidenschaftlich und extrovertiert.

War es vielleicht ihr Schicksal, dass es zu diesem Punkt gekommen war?

What have you done: There’s a curse between us, between me and you

„Seit das mit dem Höllentor passiert ist, veränderst du dich“, packte Gabriel aus. „Ich glaube, du ziehst dich immer mehr in deine Scheinwelt zurück, um die Realität nicht sehen zu müssen.

Judas stieg von seinem Geliebten herab und setzte sich neben ihn auf ihr Bett. „So ist das“, sagte er ernst. „Nun wurdest auch du korrumpiert, mein eigener Weggefährte.“

Gabriel setzte sich hastig auf und nahm Judas‘ Gesicht zwischen seine Hände. „Nein, nein! So ist das nicht. Allein deine Wahrnehmung hat sich geändert“, sagte er eindringlich. „Ich kann es nicht ertragen, dass das zwischen uns steht. Ich liebe dich doch.“

What have you done: Would you mind if I killed you? / Would you mind if I tried to?

Judas wand sich aus Gabriels Griff und packte ihn fest bei den Schultern. „Wer hat dir das gesagt? Welches Schwein will sich zwischen uns stellen?“ Er schüttelte ihn. „Ich werde ihn töten!“

Schmerz lag in Gabriels Augen. „Früher warst du nie so schnell mit deinen Waffen“, sagte er nur.

Hatte er Judas längst verloren? Er schien die Realität nicht mehr sehen zu können, seine eigene kleine Welt reduzierte sich auf wenige Dinge: Sie hatten beim Höllentor nicht versagt und Gabriel begehrte er nur noch der fleischlichen Lust wegen. Seine Küsse waren hohl und leer geworden.

Sein Judas war nicht mehr.

What have you done: Cause you have turned into my worst enemy

„War ich das?“, hielt Judas dagegen. Etwas in seiner Stimme ließ Gabriel schaudern. „Griff ich nicht so schnell zu meinen Waffen? Vielleicht ist es jetzt nötig. Vielleicht müssen wir beide umdenken. Ich jedenfalls habe es getan.“

Er lehnte sich zurück und wirkte seltsam ruhig. Zu ruhig.

„Wir hatten es noch nie leicht“, fuhr er fort. „Schon allein, weil wir nun einmal wir sind. Und weil du mein bist, mein allein.“

Und das machte Gabriel Angst. „Wie du es früher gesagt hast, klang es nicht so bedrängend. Judas, öffne die Augen! Unsere Beziehung geht zugrunde!“

„An was denn? An mir?“

„Ja.“

What have you done: You carry hate that I don’t feel

Unvermittelt schlug Judas mit der flachen Hand zu. Doch dieses Mal schlug Gabriel zurück.

„Du schlägst mich wie ein Weib?“, konterte er herausfordernd.

„Denn du benimmst dich wie eines.“ Judas‘ Stimme klang zornig. „Was fällt dir ein, zu behaupten, ich würde unsere Beziehung ruinieren. Mit was denn?!“

„Mit dem, was du geworden bist: realitätsfern!“, rief Gabriel aus. „Du siehst nicht, was um dich herum geschieht, du bist dir selbst Zentrum deiner Welt. Du willst nicht einmal sehen. Du mordest.“

Judas wollte wieder zuschlagen, doch dieses Mal war Gabriel schneller. Rasch machte er ihn bewegungsunfähig und drückte ihn auf die Bettmatratze.

What have you done: It’s over now

Judas wand sich, doch sein Gegenüber hielt ihn fest.

„Du hörst mir zu und du hörst gut zu“, sagte Gabriel eindringlich. „Du musst aufhören damit. Stell dich deinen eigenen, inneren Dämonen und bekämpfe sie. Du kannst das, ich glaube an dich.“

Judas schwieg, doch dann begann er zu lachen. „Weißt du, wie du klingst? Gabriel, mein süßer, kleiner Junge, der alles für mich tun würde. Nun ist er zu einem Weltverbesserer geworden!“

Gabriel konnte gar nicht beschreiben, wie er ihn diese Worte verletzten. Atemlos ließ er von Judas ab und sah ihn nur entsetzt an.

„Soll es also so enden?“

What have you done: I will not fall, won’t let it go

„Wer hat denn von einem Ende geredet?“, hielt Judas dagegen. „Nur du. Und allein du musst die Realität sehen: Man missgönnt uns unseren Erfolg und will uns in Verruf bringen. Schon immer wollte man nicht akzeptieren, dass wir das Lager miteinander teilen, und jetzt scheint man etwas gefunden zu haben, das man gegen uns verwenden kann.“

„Ja, unsere Liebe gefiel noch nie“, sagte Gabriel. „Aber das andere … Solche Dinge haben immer einen wahren Kern. Vielleicht bist du ja derjenige, der falsch liegt.“

Judas wirkte regelrecht entsetzt. „Ich liege niemals falsch.“

„Dann öffne deine Augen! Denn ich will dich nicht verlieren.“

What have you done: We will be free when it ends

„Warum arbeitest du dann gegen mich?“

„Das tu ich doch nicht. Niemals!“

„Du lügst, denn du widersprichst mir.“

„Kann ich nicht einmal offen reden? Ich verspreche dir: Wenn du nur aufwachst, dann wird sicher alles wieder wie früher. Ich werde meinen Judas wieder haben und wieder allein dein sein.“

„Dann geh …“

„Was?“

„Geh, du hast mich richtig gehört. Du willst nicht hören, also will ich dich so lange nicht mehr sehen, bis du verstehst. Also los, verschwinde von hier!“

„Judas, das meinst du nicht ernst  …“

„Oh doch. Und jetzt verschwinde, bevor ich mich noch vergesse! Los, hau schon ab!“

Frozen: I can’t feel my senses

Wie paralysiert packte Gabriel seine Sachen. Konnte Judas das wirklich gesagt haben? Oh, er hatte. Da saß er auf dem Bett, nackt, wie er geboren wurde, mit seinem Adoniskörper.

Gabriel weinte um dieses Ende, doch sein einstiger Geliebter zeigte keinerlei Regung. Wie konnte er nur so kalt und grausam sein?

Der Schock saß so tief, dass Gabriel meinte, all seine Gefühle seien abgetötet worden. Wie leer war er, leer und hohl. Ein letztes Mal sah er zu Judas, der den Blick mit violetten Eisaugen erwiderte.

„Soll ich wirklich gehen?“

„Bis du wieder zur Vernunft kommst.“

Schluchzend wandte er sich ab.

Frozen: I just feel the cold

Gabriel schulterte seinen Packen und trat mit gramgebeugten Schultern in die regenschwere Nacht hinaus. Kalter Regen fiel ihm ins Gesicht und lief ihm den Nacken hinab und in die Kleidung. Innerhalb kürzester Zeit war er bis auf die Knochen durchnässt.

Er erschauderte, doch nicht wegen der Kälte. Innerlich war alles kalt, alles tot, sein Schutz gegen das, was soeben geschehen war. Es war unbegreiflich. So lange er sich erinnern konnte, hatte er sein Leben Seite an Seite mit Judas verbracht. Und nun hatte er ihn vor die Tür gesetzt.

Bis du wieder zur Vernunft kommst …

Wie grausam diese Worte waren!

Frozen: All colors seem to fade away

Mit hängendem Kopf und gebeugten Schultern stapfte Gabriel durch die verregnete Nacht. Das Wasser tropfte von seinen schwarzen Haaren und rann sein Gesicht herab, doch er konnte nicht sagen, ob die Nässe auf seinen Wangen allein vom Regen stammte. Wahrscheinlich nicht.

Judas war nicht mehr. Ihre Liebe war nicht mehr. Sein Lebensinhalt. Sein Geliebter hatte Recht, wenn er alles für ihn machen würde. Nie war jemand Judas zu nahe getreten ohne mit ihm rechnen zu müssen. Nie hatte er Judas im Stich gelassen. Aber was sollte er jetzt noch machen? Was sollte er mit einem Leben ohne Sinn und Inhalt?

Frozen: I can’t reach my soul

Was fühlte man, wenn einem wie aus dem Nichts alles genommen wurde, was einem wichtig im Leben war? Was machte das mit einem, wenn man erkannte, dass schlagartig alles anders war und es keinen Weg zurückgab?

Denn den gab es nicht für Gabriel. Das, was einst zwischen ihnen war, war nicht mehr, konnte nie wiederkehren.

Müde setzte er einen Fuß vor den anderen, den Blick stur geradeaus gerichtet. Wenn er stolperte, dann sei es so. Wenn er fiel, dann sei’s drum. Gleichgültigkeit gegen alles erfüllte ihn, eine Gleichgültigkeit, die ihn vor seinen eigenen Emotionen schütze.

Sie würden ihn noch zerreißen.

Frozen: I would stop running, if knew there was a chance

Zu dieser Erkenntnis, dass es nun vorbei war, kam nun auch die Gewissheit hinzu, dass wohl keine Hoffnung darauf bestand, dass sich etwas an dieser Situation ändern würde.

Wie erschlagen von dieser Erkenntnis hielt Gabriel inne, fasste sich an die Brust, als habe er Schmerzen, und sank wie betäubt gegen einen Baumstamm. Er schluchzte.

Nein. Nein! Das konnte nicht sein! Er konnte Judas nicht so einfach aufgeben!

Wider besseres Wissen konnte er nicht von seiner Liebe ablassen. Er konnte es nicht und er wollte es auch gar nicht. Wie hätte er es jemals gekonnt? Judas war sein Lebensgefährte, sein einziger.

Frozen: It tears me apart to sacrifice it all but I‘m forced to let go

Schluchzend hockte Gabriel an den Baumstamm gelehnt. Der Schlamm des Waldbodens besudelte ihn, doch ihm war es egal.

Alles zog ihn zu Judas zurück, doch diesen Weg konnte er nicht gehen. Jetzt noch nicht. Vielleicht nie mehr. Es zerriss ihn, es machte sein Herz blutend, dass er alles opfern musste, was ihm von Bedeutung war.

Er bemerkte nicht, wie jemand neben ihn trat.

„Gabriel … Was machst du hier? Was ist geschehen?“

Er sah auf. Raphael, ein langjähriger Freund der einstigen Liebenden, vielleicht ihr einziger.

„Mein Judas …“

Der Dunkelelf kniete sich neben ihn und schloss ihn in die Arme. „O Gabriel!“

Frozen: Tell me I’m frozen but what can I do?

„Was ist geschehen?“, fragte Raphael besorgt.

„Wir hatten einen Streit, solch einen dummen.“ Man verstand Gabriel durch sein Weinen kaum. „Alles war so falsch geworden in letzter Zeit. Ich wollte ihm das sagen …“ Er konnte es nicht aussprechen.

„Und dann hat er dich vor die Tür gesetzt“, schloss Raphael und drückte Gabriel fester an sich.

Dankbar für den Halt schmiegte sich Gabriel in die Umarmung des Freundes. „Sag mir, dass ich falsch liege, dass wirklich alle anderen Lügen über uns verbreiten und Judas sie zu Recht umbringt. Aber was hätte ich auch tun sollen?“

„Du tatest das Richtige“, versicherte Raphael.

Frozen: Can’t tell the reasons I did it for you

„Komm erst einmal mit.“ Raphael erhob sich und reichte seinem Freund die Hand. „Jetzt bringen wir dich ins Warme und Trockene, das mag ich nicht mehr mit ansehen.“

Dankend nahm Gabriel das Angebot an. Raphael hüllte ihn in seinen Mantel und führte ihn zu seiner Hütter ein gutes Stück entfernt in einem Wald. Dort konnte Gabriel sich wieder aufwärmen. Dann setzte er sich ihm gegenüber.

„Warum bliebst du nur so lange bei Judas?“

Gabriel sah ihn verwirrt an. Dann senkte er den Blick. „Liebe ist irrational. Und wenn ich könnte, würde ich wieder zu ihm zurück.“

„Trotz alle dem?“

„Ja.“

Frozen: When lies turn into truth I sacrificed for you

Dieser einen Sache war sich Gabriel sicher, so sonderbar sie auch sein mochte: Er würde alles dafür geben, um wieder zurück zu Judas zu können. Doch was wäre alles? Was musste er tun, um dieses Ziel zu erreichen? Er wusste nur: Er würde es tun, egal wie hoch der Preis war.

Raphael rückte näher zu ihm auf und nahm sein Gesicht zwischen beide Hände. Tiefe Verwirrung sprach aus seinen dunkelelfisch violetten Augen. „Warum würdest du das nur tun?“, fragte er irritiert. „Ich verstehe es nicht. Er hat dich so tief verletzt. Er hat dich sogar geschlagen, Gabriel! Mein lieber Gabriel …“

Frozen: You say that I’m frozen but what can I do?

Eine Weile ließ Gabriel seinen Freund gewähren und erwiderte seinen Blick mit dunklen, traurigen Augen, aus denen die Verletzungen sprachen, die man ihm zugefügt hatte. Dann jedoch löste er sich ruckartig von ihm und senkte den Blick.

„Sieh mich bitte nicht so an“, sagte er leise.

„Wie denn?“

„Wie Judas einst.“

Raphael hielt erstaunt inne.

„Gabriel …“, begann er vorsichtig. „Ich glaube nicht, dass Judas dich noch verdient hat. Nicht nach dem, was er dir antat. Das hätte er nicht tun dürfen. Nicht, wenn er dich wirklich liebt.“

„Vielleicht. Aber was hätte ich tun sollen?“, erwiderte Gabriel matt.

„Komm zu mir.“

Frozen: I can feel your sorrow

Erstaunt und verwundert hob Gabriel wieder den Blick. Er runzelte die Stirn. Was meinte Raphael?

„Du leidest, jeder würde es dir ansehen, wenn er nur sehen wollte“, sagte Raphael. „Mein armer, armer Gabriel …“ Er strich ihm sanft über die Wange. „Du hast das nicht verdient, nicht du. Du am allerwenigsten. Judas ist ein Schuft, wenn er dir das antut, und ein Tor obendrein, denn er weiß nicht, was er an dir hat.“

Raphael schwieg für einen Moment.

„Aber ich weiß es …“

Gabriel wusste nicht, was er darauf sagen sollte, denn er wusste nicht, wie er mit dieser Erkenntnis umgehen sollte.

Frozen: You won’t forgive me

„Judas würde dir niemals mehr verzeihen, egal, was du unternehmen wirst“, drang Raphael weiter in seinen Freund ein. „Nicht nach dem, was du mir erzählt hast. Ihm kann man nicht mehr helfen, er hat sich zu sehr in seine eigene Welt verkrochen. Vielleicht leidet er, vielleicht auch nicht und vielleicht weiß er selbst nicht, dass er leidet. Ich würde es an seiner Stelle. Mein Gabriel …“ Das war gehaucht.

Schon jetzt war er sehr nahe. Gabriel wurde nur immer verwirrter. Was sollte er denken? Das, was er tatsächlich vermutete? Das, was er wollte und auch wieder nicht?

Er wusste es nicht.

Frozen: But I know you’ll be all right

„Vielleicht nimmt nun alles seinen geordneten Lauf?“, sagte Gabriel leise und wusste selbst nicht, was er da sagte.

„Vielleicht ist nun jeder dort, wo er hin gehört“, erwiderte Raphael ebenso leise. „Ich jedenfalls bin da, wo ich immer sein wollte.“

Nichts war richtig und doch wieder alles. Für einen Moment glaubte sich Gabriel wieder in jene Jahre zurückversetzt, in denen er und Judas sich gerade erst gefunden hatten. Wie ähnlich Raphael seinem Geliebten doch war.

War es Raphael, der vor ihm kniete, oder doch Judas? Er wusste es nicht zu sagen.

Als Raphael ihn sanft küsste, war es ihm egal.

Frozen: It tears me apart that you will never know but I have to let go

Ihm war alles egal. In diesem Moment ließ der Kuss ihn all seinen Kummer vergessen. Erleichtert und auch sehnsüchtig schluchzend sank er in Raphaels Arme und erwiderte den Kuss heiß.

Ihm war egal, dass er nicht Judas küsste, aber er wollte es so sehr, dass er gewillt war es zu glauben.

Begierig vertiefte Raphael den Kuss. „Mein Gabriel …“, stöhnte er. „All die Jahre, so nah und doch so fern.“

Mit einem Ruck löste sich Gabriel. „Das ist nicht richtig“, kam er wieder zur Besinnung. „Nicht jetzt jedenfalls. Vielleicht nie. Du bist nicht Judas. Ich muss ihn loslassen … Ich kann nicht …“

Frozen: Everything will slip away

Sehnsüchtig streckte Raphael eine Hand nach ihm aus. „Mein Gabriel …“ Seine Stimme klang fragend. „Habe ich dich verletzt?“

„Nein …“ Langsam schüttelte Gabriel den Kopf. „Nein, hast du nicht. Es ist nur …“

Er fand keine Worte dafür.

„Es ist einfach nicht richtig.“

Ihm war, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggerissen, als würde er in ein bodenloses Loch fallen und immer weiter fallen, ohne Ende. Er wollte Judas, aber er konnte ihn nicht mehr haben, er durfte es nicht. Aber nun Raphael zu küssen, war ebenso falsch. Er war nicht Judas, würde es nie sein.

Es zerriss ihn förmlich.

Frozen: Shattered pieces will remain

Mit einem Schluchzen stolperte Gabriel zurück, rollte sich auf der Holzbank zusammen, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte bittere Tränen.

Egal, was er machte, es war nicht richtig. Egal, wonach er sich sehnte, er durfte es nicht haben, denn es war falsch.

Zögernd näherte sich Raphael und streckte eine Hand nach seinem Freund aus. Er hielt inne und wagte es nicht, ihn tröstend an der Schulter zu berühren, so sehr er es auch gern wollte.

Vielleicht hätte er es nicht tun sollen. Er hatte Gabriel nur noch mehr Probleme bereitet statt ihm zu helfen.

„Es tut mir Leid …“

Frozen: When memories fade into emptiness

Leere … kalte, grausame Leere in ihm. Vielleicht wäre das ja seine Rettung. Das Schwinden aller Erinnerungen, der Tod all seiner ihn quälenden Emotionen. Eine Hülle, leblos und ebenso kalt, mehr wäre er dann nicht mehr.

Aber alles wäre so viel einfacher dann, sinnierte Gabriel. Er würde nicht mehr an seinen eigenen, verwirrenden Gefühlen zu leiden haben. Er wäre nicht mehr so vollkommen orientierungslos, wüsste wieder, was richtig war und was falsch.

Aber wann war Liebe schon einfach? Und besonders er hatte es mit seinen etwas anderen Neigungen noch nie leicht gehabt.

Was war schon normal in einer Welt der Gegensätze?

Frozen: Only time will tell its tale

Etwas hilflos saß Raphael neben seinem Freund und wusste nicht genau, was er tun sollte.

„Vielleicht … war ich etwas zu … vorschnell“, begann er zögernd. „Das hätte ich nicht tun sollen. So etwas braucht Zeit. Du brauchst Zeit.“

„Zeit wofür?“

„Um dich von Judas zu lösen …“

„Und wenn ich das gar nicht will?“

„Du musst vielleicht. Er hat dich nicht verdient, wenn er dir solche Dinge antut.“

„Und wenn ich dennoch niemand andren will?“

Gabriel wusste, es würde Raphael verletzten können, sagte er so etwas, aber er war einfach zu durcheinander.

Raphael schwieg einen Moment. „Gib dir Zeit. Vielleicht auch uns …“

Frozen: If it all has been in vain

„Und wenn das alles vergebens sein wird?“, fragte Gabriel zweifelnd. „Wenn sich nie etwas ändern wird, weil ich mich nicht ändern kann? Vielleicht auch, weil ich mich nicht ändern will?“

Raphael strich ihm sanft über die Wange und wischte die Tränen fort. „Du hast ein viel hübscheres Gesicht, wenn du lächelst.“

Gabriel lächelte schwach.

„Versuch es einfach“, riet Raphael ihm. „Ich will dir ja nur helfen, wir sind schließlich Freunde, oder? Und vielleicht eines Tages ja auch mehr …“

Gabriel war noch immer skeptisch, ob er all das wirklich wollte.

„Versuch es einfach“, riet Raphael ihm. „Auch wenn es umsonst ist …“

Our Solemn Hour: Sanctus Espiritus, redeem us from our solemn hour

Gabriel betete, etwas, das er seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Sein Glaube war nie stark gewesen, er hatte allein an seine eigenen irdischen Kräfte und Fähigkeiten geglaubt, nie aber an eine höhere, unerreichbare Macht.

Doch nun sah er keinen anderen Ausweg mehr als diesen, jetzt, wo er selbst am Ende war und nicht mehr weiter wusste.

Seine Knie schmerzten, schon seit Stunden kniete er auf den harten Steinen vor dem Altar mit gefalteten Händen. Lautlos bewegten sich seine Lippen, seine Augen waren in tiefer Konzentration geschlossen.

Stets murmelte er dieselbe Litanei: „Sanctus Espiritus, erlöse mich von dieser Bürde.“

Our Solemn Hour: Sanctus Espiritus, insanity is all around us

Es war kalt im kleinen Gotteshaus, doch er spürte es schon nicht mehr, so sehr war er im Gebet vertieft. Er betete, als gäbe es keinen Morgen mehr, ununterbrochen und ohne auch nur an eine Pause zu denken.

Er wusste, er hatte gesündigt. In seinem Leben hatte er viele Fehler begangen und falsche Wege eingeschlagen. Vielleicht würde der Heilige Geist ihn aber dennoch erhören, wenn er jetzt nur beichtete und ihm ergeben huldigte.

Wahnsinn war um ihn herum und in ihm. Alles, was er jemals verbrochen hatte, kam ihm wieder in den Sinn. Aber vielleicht konnte er noch Erlösung finden.

Our Solemn Hour: In my darkest hours I could not forsee/That the tide could turn so fast to this degree

Er hätte nie geglaubt, dass er einmal diesen Weg wählen würde als seine letzte Hoffnung auf Hilfe und Erlösung von seinen Leiden und Ungewissheiten. Es war nicht richtig, wie er liebte, das wusste er. Doch erst jetzt wurde er mit den Folgen konfrontiert. Er wusste sich nicht mehr anders zu helfen als um Hilfe zu flehen, von dieser Art der Liebe erlöst zu werden.

Nicht einmal in seinen dunkelsten Träumen hätte er sich das Ausmaß all seiner Taten ausmalen können. Wie konnte Liebe so falsch sein? Wieso hatte das niemand sehen wollen? Er wollte nicht wegen etwas so Gutem leiden!

Our Solemn Hour: Can’t believe my eyes

Würde man Gabriel hier nicht knien sehen, niemand würde es ihm wohl glauben, dass er am Ende doch besiegt wurde von den Normen und Werten der Gesellschaft, in der er lebte. Judas mochte einen eisernen Willen besitzen, dass er sich so extrem über andere hinweg setzte, aber nicht er, nicht Gabriel.

Leiste raschelten Roben hinter ihm.

„Mein Sohn …“, sagte eine sanfte Stimme leise.

Gabriel schreckte aus seinen Gebeten auf und wandte sich dem Priester zu. „Vater, ich möchte die Beichte ablegen“, zwang er sich zu sagen. Er musste diese Worte sprechen, er war ein Sünder und musste seine Vergehen beichten.

Our Solemn Hour: How can you be so blind?

„Deiner Bitte soll stattgegeben werden“, sagte der Priester und ging voran zum Beichtstuhl. Zögernd und schwerfällig vom langen Knien folgte Gabriel.

„Nenne deine Sünden, sie sollen dir vergeben werden“, drang die Stimme des Priesters durch das kleine Gitter zwischen den Kabinen zu ihm.

„Ich liebe. Das ist meine Süde. Ich liebe den Falschen, Judas, der einst nicht mehr als mein Geschäftspartner war.“

„Und nun straft dich der Herr. Du leidest unter den Folgen deiner schändlichen Sünde und suchst nun Erlösung.“

„Ja, Vater. Und ich weiß nicht, was ich will: davon loskommen oder nicht?“

„Du musst, es gibt keinen anderen Weg!“

Our Solemn Hour: Is the heart of stone, no empathy inside?

Gabriel wusste nicht, was sein Herz sprach. Es sagte ihm, zu Judas zurückzukehren, und doch sprach es gleichzeitig, er solle diesen Weg weiter verfolgen. Aber würde es denn Sinn machen zu Judas zurückzukehren? War denn nicht sein Herz schon aus Stein, ohne Empathie für die, die ihm etwas bedeuteten?

„Wie kann ich diesen Weg gehen?“, fragte er verzweifelt. „Ich bin mit Verwirrung gestraft, mit Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit.“

Wo, wenn nicht hier, konnte er Hilfe finden? Er hoffte es so sehr, denn er fürchtete sich, einen falschen Weg einzuschlagen. Wäre er gar am Ende ewig verdammt in den Feuern der Hölle?

Our Solemn Hour: Time keeps on slipping away and we haven’t learned

„Am Anfang …“, beichtete er zögernd, „da habe ich versucht gegen diese Gefühle für Judas anzukommen. Ich wusste, dass sie nicht richtig waren, und ich wusste, dass sie fatale Folgen haben würden. Aber ich konnte es einfach nicht. Vielleicht wollte ich es auch nicht.“

Er hielt inne.

„Rede nur frei, mein Sohn“, ermutigte ihn der Priester. „Nichts wird diesen Raum verlassen.“

„Danke … Über all die Jahre habe ich diese Beziehung zugelassen. Ich wollte sie sogar so sehr. Es ist schändlich, aber … Keiner von uns wollte die Wahrheit lernen. Bis jetzt.“

„Du tatest gut daran, hierher zu kommen. Du wirst Erlösung finden.“

Our Solemn Hour: So in the end what have we gained?

Leere Worte. Dies kam Gabriel plötzlich in den Sinn und er schämte sich dessen. Der Priester wollte ihm helfen. Aber er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass er hier zu keinem Ergebnis kommen würde, mit dem er leben konnte.

„Kann solche Sünde vergeben werden?“, fragte er leise und unsicher. Die Angst nagte tief an seinen Eingeweiden.

„Du kamst mit der Beichte zu mir, dies ist der erste Schritt auf deinem Weg der Besserung“, versicherte der Priester. „Du verstießest gegen die Gesetze und Normen unseres Clans, doch du zeigst den Willen zur Besserung. Du wirst Heilung finden von dieser Krankheit.“

Our Solemn Hour: Sanctus Espiritus, is this what we deserve,

Gabriel zuckte innerlich zusammen. Dies schmerzte, weitaus mehr, als er zugeben wollte. War er also krank? War seine Liebe eine Krankheit? Wurde er so für die Taten bestraft, die er begangen hatte, bevor er Judas kennen gelernt hatte? Denn er war schon lange ein Kopfgeldjäger mit besonderen Jagdvorlieben gewesen.

Vielleicht. Vielleicht hatte der Priester Recht, vielleicht auch nicht. Gabriel hoffte so sehr, dass er sich irrte, denn es fühlte sich von Grund auf falsch an.

Also war dieses Herzeleid wohl das, was er verdiente. Der Heilige Geist hatte es ihm auferlegt, um ihn zu prüfen.

Zumindest sagte der Priester dies.

Our Solemn Hour: Can we break free from chains of never-ending agony?

„Was ich auch mache, mache ich falsch“, seufzte er resigniert. „Ich lebe vom Leid anderer, was ich begehre, darf ich nicht haben, denn es ist verwerflich. Doch ich war schon immer so. So ist dies also die Strafe für meine bloße Existenz? Warum also wurde ich so geschaffen, wie ich bin, um doch nur ewig zu leiden. Kann ich mich da überhaupt von den Ketten niemals endenden Leides befreien?“

„Diese Fragen kann dir nur der Heilige Geist beantworten“, sagte der Priester. „Bete, mein Sohn, und gehe in langes und stilles Zwiegespräch mit unserem Herrn, dann wird er dir Antworten gewähren.“

Our Solemn Hour: Are they themselves to blame, the misery, the pain?/Didn’t we let go, allowed it, let it grow?

Dies war nicht die Antwort, die Gabriel sich erhofft hatte. Aber was hatte er schon erwartet?

Gabriel war sich mittlerweile nicht mehr so sicher, ob es wirklich gut gewesen war, dass er diesen Weg eingeschlagen hatte. Immer mehr und mehr fühlte er, dass er hier nie zu einer Lösung kommen würde. Er hatte nicht ohne Grund der Religion nie etwas abgewinnen können.

Vielleicht sollte er doch bei sich selbst Antworten suchen? War er nicht vielleicht selbst an seinem Leiden schuld? Hatte er nicht seine Liebe in seinem tiefsten Inneren doch gewollt? Hatte er nicht da dem Elend einen Nährboden gegeben?

Our Solemn Hour: If we can’t restrain the beast wich dwells inside/It will find it’s way somehow, somewhere in time

Je mehr er über die Worte des Priesters nachdachte, desto deutlicher wurde es Gabriel, dass er mit ihnen nicht leben konnte und wollte.

„Ich danke dir, Vater“, sagte er daher. „Ich … werde darüber nachdenken.“

Mit diesen Worten verließ er diesen heiligen Ort.

Er hätte seine Liebe zu Judas noch so sehr mit aller Gewalt unterdrücken wollen, am Ende hätte sie doch ihren Weg gefunden. Es gab nichts, was er hätte tun können, um diesen Weg zu verhindern. Er liebte sein eigenes Geschlecht, dies war bei weitem nicht gottgegeben, es war viel mehr naturgegeben. Und vielleicht war es auch gut so.

Our Solemn Hour: Will we remember all of the suffering/Cause if we fall it will be in vain

Wenn Gabriel auf sein Leben zurückblickte, sah er, dass er viel Leid hatte durchmachen müssen, doch selten hatte es ihn so am Boden zerstört zurückgelassen wie nun. Er hätte es wissen müssen, all das würde nur im Elend enden können, einem Elend wie diesem, das er nun erfuhr.

Er hatte hier also keinen Ausweg gefunden. Was blieb ihm nun also? Er kam nicht von seinen Gefühlen und Neigungen los, das wusste er nun, egal, was er versuchte. Doch leben konnte er mit ihnen auch nicht.

Vielleicht wäre es das beste Raphaels Rat zu befolgen und der Situation Zeit zu geben.

The Heart of Everything: For the pain and the sorrow caused by my mistakes / Won’t repent to a mortal whom is all to blame

Nach diesem Fiasko mit dem Priester war Gabriel lange still und in sich zurückgezogen und schwieg sich über die Geschehnisse aus. Raphael erfuhr nur mit Mühe, was vorgefallen war, und er rügte Gabriel dafür, dass er sich so schnell hatte unterkriegen lassen.

Mittlerweile kam Gabriel immer mehr zu der Erkenntnis, dass er masochistisch seinen ihm bestimmten Weg weiter und immer weiter würde verfolgen müssen. Egal, was er tat, er kam nicht von seinen Gefühlen los, er kam nicht einmal von seinen Neigungen überhaupt los. Er würde mit ihnen leben müssen und er wollte es auch.

So war er nun einmal.

The Heart of Everything: Now I know I won’t make it

Und dann war da ja noch Raphael. Es tat weh, seine Gefühle erkennen zu müssen, denn sie erinnerten ihn schmerzlich an die erste Zeit mit Judas. Er war genauso gewesen, ebenso forsch und feinfühlig, ebenso liebenswürdig. Ebenso begehrenswert.

Noch immer war alles so verwirrend für Gabriel. Er sehnte sich nach Judas und würde dies wohl auch nicht hinter sich lassen können. Doch gleichzeitig spürte er, wie es ihn auch immer mehr zu Raphael hinzog. Ob es nun war, weil er einen Ersatz für Judas suchte oder nicht, wusste er nicht.

Nur, dass er nie wieder verkennen würde, was er war.

The Heart of Everything: There will be a time we’ll get back our freedom

Er lebte in der Hoffnung, dass er eines Tages mehr Zuspruch in der Gesellschaft erhielt. Noch erntete er nur Verachtung, besonders jetzt, in der Zeit nach ihrem Versagen am Höllentor. Niemand wollte mehr, dass er für sie die Arbeit erledigte, jeder spottete nur noch über ihn.

Sein Geld, so profan es ihm im Angesicht all seiner anderen Probleme erschien, wurde allmählich knapp und er lebte gänzlich auf Kosten Raphaels. Sein Freund tat dies bereitwillig für ihn, doch Gabriel wusste, dass er bald wieder auf eigenen Beinen stehen musste.

Doch er hatte Zeit, als Dunkelelf war ihm ein langes Leben beschienen.

The Heart of Everything: They can’t break what’s inside

Nach dem tiefen Fall kam er nun langsam und mit Raphaels Hilfe wieder auf die Beine und erlangte sein früheres Selbstbewusstsein wieder. Er war er und nichts würde das ändern.

Noch immer war da der Schmerz um den Verlust Judas‘ und noch immer wusste Gabriel nicht, ob jemals wieder alles so werden konnte wie einst und ob er es überhaupt wollte. Denn hin und wieder ließ er sich doch dazu verleiten, mit Raphael das Bett zu teilen, auch wenn sein Freund wohl wusste, dass er seine Gefühle nicht wirklich erwiderte.

Es tat gut, keine Frage, aber war es auch gut?

The Heart of Everything: I’ll face it ‘cause it’s the heart of everything

Aber er würde sich dem stellen müssen. Denn so war das Herz von alledem: Nichts war leicht und erst recht bekam niemand etwas umsonst. Er musste kämpfen für das, was ihm wichtig war, und er würde kämpfen, denn das war seine Natur. Noch war vielleicht nicht alles verloren.

Noch war Judas vielleicht zu retten.

Es bereitete ihm ein schlechtes Gewissen, noch immer stets an Judas zu denken, sich vorzustellen, er würde mit seinem Geliebten schlafen statt mit Raphael.

Aber vielleicht war ja auch dies eine der Wahrheiten, die er einsehen musste: dass er wider besseren Wissens nicht von Judas loskam.

The Heart of Everything: Open up your eyes

Er erinnerte sich äußerst lebhaft des Abends, als er vom Gotteshaus wiedergekehrt war zu Raphaels kleinem Heim, in dem er zurzeit lebte. Raphael hatte sich Sorgen gemacht, wo er war, denn er war noch in der Morgendämmerung spurlos verschwunden und auch nach seiner Rückkehr hatte er zunächst nicht sagen wollen, was vorgefallen war. Raphael hatte es schließlich doch herausgefunden.

„Öffne deine Augen!“, hatte er ihn angeschrien und ihn kräftig durchgeschüttelt. „Das bist doch nicht du, das ist nicht mein Gabriel! Warum hast du das getan? Bist du so tief gesunken, dich selbst so zu erniedrigen?“

„Ich sah keinen Ausweg mehr …“

The Heart of Everything: Save yourself from fading away now, don’t let it go

Der Schmerz hatte Raphael deutlich in den tiefvioletten Augen gestanden und er hatte Gabriel heftig und bestimmt in seine Arme gezogen.

„Mach das nie wieder mit mir“, hatte er gewispert und ihm sanft über die Haare gestrichen. „Ich hatte solche Angst, was mit dir hätte passiert sein können.“

Er hatte sich gesetzt und Gabriel mit sich gezogen. Gabriel hatte sich wie ein Ertrinkender an ihn geklammert, dankbar für den Halt, den er ihm gab.

„Lass dich doch nicht so gehen“, hatte Raphael ihm ins Ohr geflüstert. „Du schwindest dahin und tust nichts, um es zu verhindern. Du hast doch mich …“

The Heart of Everything: See what you’ve become, don’t sacrifice

„Bin ich dir denn nichts wert?“

Das hatte ihn sehr getroffen, mehr als er wollte, denn Raphael bedeutete ihm sehr wohl etwas – wenn auch bei weitem nicht so viel wie Judas. Doch er war ein guter Freund und er wollte ihn nicht verlieren.

„Du jedenfalls bedeutest mir alles. Ich will, dass du das weißt, Gabriel. Ich würde alles für dich tun, damit du wieder so wirst wie früher. Aber nicht das hier, diese Kälte und Hoffnungslosigkeit.“

Vielleicht war dies der Moment, in dem er langsam wieder auf den rechten Weg kam. Und vielleicht war es da schon zu spät gewesen.

The Heart of Everything: Stay with me now I’m facing my last solemn hour

Vielleicht hätte er es wissen müssen, dass sein Clan irgendwann einmal nicht mehr dulden würde, was er tat. Vielleicht hätte er wissen müssen, dass sie auch vor Raphael nicht halt machen würden, wenn sie schon ihn und Judas für ihre Kampfkünste fürchteten. Denn Raphael war ein Krämer und kein Kämpfer.

Er war auf der Jagd gewesen und hatte bei seiner Rückkehr ein verwüstetes Heim vorgefunden. Und inmitten der Trümmer eine deutliche Warnung für ihn: „Wir werden dich zerstören.“

Erschüttert stürzte er zu Raphael. Sogleich erkannte er, dass er nicht mehr zu retten war.

„Bleib bitte bei mir“, röchelte der Sterbende.

The Heart of Everything: Very soon I’ll embrace you on the other side

„Nein …“, hauchte er entsetzt. Noch nie war irgendwer ihm gegenüber so weit gegangen. Noch nie war man ernsthaft handgreiflich geworden. Meist hatte stets die Androhung seiner Waffen gereicht, um sein Gegenüber einzuschüchtern. Doch das hier war ihm noch nie unter gekommen.

„Ich sterbe …“, flüsterte Raphael. Blut lief ihm aus dem Mundwinkel und eine Träne rann ihm aus dem Auge, als er zu Gabriel hochblickte, der neben ihm kniete. „Aber ich verlasse dich nicht …“

„Sie werden büßen!“, weinte Gabriel. Sein Freund, sein einziger Freund!

„Nein … nicht so“, widersprach Raphael leise. Zitternd hob er eine Hand und strich Gabriel über sein Gesicht.

The Heart of Everything: Hear the crowd in the distance, screaming out my faith

„Das möchte ich nicht“, sagte Raphael mit schwacher Stimme. „Ich hätte es wissen müssen. Du bist mein Schicksal, du warst es immer gewesen.“

Gabriel starrte atemlos auf seinen Freund herab, dessen Kopf in seinem Schoß lag. Sanft und beruhigend strich er ihm über das Haar. Das musste ein Traum sein, ein böser Traum …

„Doch ich bereue nichts“, flüsterte Raphael. Ein schwaches und zittriges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich erfuhr, was euch, dir und Judas, widerfahren war, der Unwille unseres Clans, ja gar sein Hass. Aber es war eine schöne Zeit mit dir und ich danke dir dafür.“

The Heart of Everything: Now their voices are fading, I can feel no more pain

Gabriel war verzweifelt. Es gab nichts, was er tun konnte außer seinem Freund bei seinem Todeskampf zuzusehen.

„Ich sterbe, Gabriel“, wisperte Raphael erneut. „Alles ist kalt, doch auch der Schmerz geht. Bitte weine nicht um mich, ja? Nicht allzu sehr. Dann siehst du nicht mehr so hübsch aus.“

„Ich werde dich nie vergessen“, versprach Gabriel mit brechender Stimme. „Du hast so viel für mich getan und ich habe dich so schlecht behandelt.“

„Nicht doch, nicht …“ Raphael schwieg für einen Moment. „Küsst du mich ein letztes Mal?“

Gabriel beugte sich zu ihm herab, doch der Kuss wurde schon nicht mehr erwidert.

Autorennotiz

Die Texte dieser Geschichte basieren auf einem Projekt, bei dem man zu jeder Liedzeile eines Liedes ein Drabble schreibt. Ich musste es natürlich übertreiben und gleich ein ganzes Album nehmen ...
Die Überschriften sämtlicher Kapitel sind demnach copyrighted von Within Temptation. Ich entnahm sie des Booklets zum Album The Hearth of Everything.

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Kapitel:84
Sätze:702
Wörter:9.892
Zeichen:56.111

Kurzbeschreibung

Die Dunkelelfen Gabriel und Judas sind Kopfgeldjäger. Doch ihre Beute sind nicht nur Kriminelle. Sie machen auf größere Beute Jagd: Dämonen. Als sie mit einer Gruppe anderer Kopfgeldjäger das Tor zur Hölle selbst angreifen, haben sie sich in ihrer Selbstüberschätzung übernommen. Und es hat furchtbare Folgen für sie. [The Heart of Everything - Within Temptation]

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy, Liebe, Drama und Tragödie gelistet.

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