Storys > Biografien > Trauriges > Wir kommen allein, und wir gehen allein

Wir kommen allein, und wir gehen allein

44
2
21.08.23 09:04
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Wir kommen allein, und wir gehen allein.

Egal wie du lange du einen Menschen kennst. Egal, wie nahe du ihm stehst. Du wirst niemals wissen, wie es ist, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Du wirst niemals fühlen, wie dieser Mensch fühlt. Du wirst nie denken, wie er oder sie denkt.

Wir kommen allein, und wir gehen allein.

Läuft bei anderen der gleiche Film ab, wie in einem Kopf? Sind wir die Regisseure oder nur die Kameraleute? Funktioniert das Denken bei allen gleich? Fühlen sich Emotionen genauso an? Ist nicht jeder von uns ein Gefangener? Jeder von uns schleppt ein Gefängnis mit sich herum und das rund um die Uhr. Wir werden es nie los, können es niemals verlassen. Bis wir nicht mehr sind.

Wir kommen allein, und wir gehen allein.

Warum kann ich die Welt nicht mal mit anderen Augen sehen? Woher weiß ich, dass meine Familie, meine Freunde und all die anderen Menschen nicht nur eine Erfindung meines Gehirns sind, um keine Einsamkeit ertragen zu müssen?

Wir kommen allein, und wir gehen allein.

Wenn ich gehe - gehst du auch. Die Welt ist meiner Vorstellung. Ohne mich, gibt es keine Vorstellung – dann ist die Welt tot. Ohne mich gibt es keine Farben, keine Emotionen, kein Licht, keine Geistesblitze, keinen Humor und keine dummen Einfälle. Dann gibt es nur noch Dunkelheit.

Wir kommen allein, und wir gehen allein.

Du warst gerade noch hier – plötzlich bist du weg. Das Einzige, was bleibt, ist eine leere Hülle ohne einen Funken Leben. Keine Hoffnung. Nur noch leblose Materie. Eine Frechheit der Natur, dass sie den Menschen mit Emotionen ausgestattet hat. Trauer, Wut, Nostalgie, Liebe - wozu? All diese Dinge können das Leben zwar schön, aber auch unerträglich machen.

Wir kommen allein, und wir gehen allein.

Warum sollte Endlichkeit etwas Schönes sein? Warum sollte unendliches Leben, unendliche Schönheit, endlose Liebe und Zuneigung weniger wert sein? Endlichkeit hat keinen Wert an sich. Es ist nur der verzweifelte Versuch des Menschen, sich eine grausame Natur oder einen grausamen Gott schönzureden.

Eingesperrt zu sein in einem endlichen Körper und einem beschränkten Geist. Ist das Leben? Gibt es da noch mehr – ich hoffe es sehr.

Ich hoffe es…….

 

Nicolas

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

1
Sillys Profilbild
Silly Am 27.08.2023 um 21:39 Uhr
Puuuhh....schwere "Kost" - dennoch lesenswert, und es lässt denken...
LG Silly
1
BerndMooseckers Profilbild
BerndMoosecker Am 22.08.2023 um 22:44 Uhr
Hallo Nicolas,
mit Deinen sehr emotionalen und eindringlichen Gedanken zu Leben, Tod und Vergänglichkeit entwirfst Du ein pessimistisches Weltbild. Die gleichen Gedankengänge versuche ich positiv zu verarbeiten.
Als ich nach einer furchtbaren und hoffnungslosen Nacht neben der leeren Hülle der Frau saß, mit der ich fast sechs Jahrzehnte in leidenschaftlicher Liebe verbunden war, ging mir all das, was Du schreibst, durch den Kopf, aber mir wurde umgehend klar, in jedem Ende ist auch ein neuer Anfang verborgen.
So sehe ich die Endlichkeit, obwohl sie an sich keinen Wert hat, als gegeben an. Wir werden geboren, um zu sterben. Durch Geburt und Tod sind allen Lebewesen natürliche Grenzen gesetzt. So schwer es mir fällt, mit dem Verlust umzugehen, es öffnen sich täglich neue Türen - Türen, durch die ich bereit bin zu gehen und sei es, nur um zu sehen, was sich dahinter verbirgt.
Über meinen eigenen Tod mache ich mir keine Gedanken. Er wird kommen, eher morgen, als in zehn Jahren. Ich bin eben ein alter Mann.
Liebe Grüße
Bernd
Mehr anzeigen

Autor

Nicolass Profilbild Nicolas

Bewertung

Eine Bewertung

Statistik

Sätze: 28
Wörter: 381
Zeichen: 2.170

Kurzbeschreibung

Ein Tagebucheintrag über Einsamkeit und den Umgang mit Tod und Endlichkeit.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Trauriges auch in den Genres Nachdenkliches und Schmerz & Trost gelistet.