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| Sätze: | 61 | |
| Wörter: | 1.207 | |
| Zeichen: | 7.339 |
Leser meiner biografischen Geschichten und Erzählungen wissen es: Fast mein ganzes Leben lang habe ich in einem eng begrenzten Kreis meiner Heimatstadt verbracht. Ich habe dort seit meinem zehnten Lebensjahr viel Zeit verbracht. Dort bin ich zur Schule gegangen, habe mich dort (mehrmals) verliebt, habe dort geheiratet, bin in all den Jahrzehnten zweimal ganz und einmal temporär von dort weggezogen und bin doch immer wieder in diesem Umfeld gelandet. Woran das liegt, ist mir nicht klar, vielleicht ist es so, dass ich in meiner Heimat tief verwurzelt bin.
Ein langer Sonntagsspaziergang führte mich auf eine nostalgische Zeitreise. Sonntagsspaziergang ist die Umschreibung für einen eher flotten Marsch von über zwei Stunden, aber der Nostalgie tat das keinen Abbruch. Wie sehr hat sich meine Umgebung in den vielen Jahren geändert, und doch sind einige Landmarken erhalten geblieben. Davon später.
In meiner 2014 veröffentlichten Erzählung Veränderung oder der Verlust von Heimat habe ich beschrieben, wie groß für mich die Umstellung war, als ich aus dem Kernbereich einer vom Krieg zerstörten Großstadt, in einen der damals noch ländlich geprägten Vororte umgesiedelt wurde. Ländlich ist Vergangenheit, aber ich trage diese Erinnerungen in mir.
Zurück zum Sonntagsspaziergang. Ich ging also von meinem jetzigen Zuhause zur Wohnstraße meiner Kindheit und Jugend. Für diesen Weg benötige ich nur wenig mehr als eine Viertelstunde und das auch nur, weil mir die Schnellzugstrecke von Düsseldorf nach Köln den direkten Weg versperrt. Haus und Obstgarten sind dort seit Jahrzehnten verschwunden. Heute befinden sich an gleicher Stelle ein Autohof mit Tankstelle und die Filiale einer weltweit agierenden Fastfoodrestaurantkette. Das kleine Sumpfgebiet gleich nebenan, das meine Schulfreunde und ich als Abenteuerspielplatz nutzten, wurde von einem schwedischen Möbelhaus überbaut. Von dort zog es mich weiter in Richtung Straßenbahnhaltestelle. Dieser Weg gehörte im zarten Alter von 14 Jahren zu meinem allerersten Arbeitsweg. Ich kann mir das heute gar nicht mehr vorstellen. Beim heutigen Spaziergang bin ich über dreißig Minuten vom Autohof bis zur Haltestelle gegangen. Das war kein Problem und damals wahrscheinlich auch nicht. Aber ich musste morgens um sieben Uhr auf der Arbeitsstelle ankommen, die Straßenbahnfahrt dauerte über eine halbe Stunde und nach dieser Fahrt waren es immer noch einige Minuten, bis ich durch das Fabriktor ging. Wie früh mag ich da wohl aufgestanden sein? Es ist mir entfallen, schließlich liegt das in diesem April 70 Jahre zurück.
Was sich nicht verändert hat, sind die Landmarken. Eisenbahn und Autobahn verlaufen immer noch auf den bekannten Strecken, wenn auch die Autobahn heute über viel mehr Fahrspuren verfügt; und es war zu keiner Kinder- und Jugendzeit noch gar keine richtige Autobahn. Die Straße nannte sich Südlicher Autobahnzubringer. Nicht verändert haben sich die Bachläufe, obwohl der Hoxbach renaturiert wurde. Der Hoxbach wurde von den Menschen, die wie ich am Unterlauf wohnten, Oerschbach genannt. Wenige Meter von meinem alten Zuhause entfernt mündet dieser Bach in den Eselsbach. Dieser wurde, genau wie der Oerschbach, in der Zeit zwischen den beiden großen Kriegen in einem Betonbett eingepfercht, und in diesem Zustand befindet sich der Eselsbach noch heute. Nur wenig weiter mündet dann der Eselsbach in die südliche Düssel. In diesem Umfeld aufgewachsen zu sein, ist heute eine schöne Erinnerung, wenn sich auch vieles verändert hat. Im Viereck Oerschbach, Eselsbach, Eisen- und Autobahn geht es sogar noch ländlich zu. Die Viehweide, das Getreidefeld und der Rübenacker sind zwar weg, wurden aber durch eine Schrebergartenkolonie ersetzt.
Noch einmal zurück zum Weg zur Straßenbahn. Am Verlauf des Weges hat sich, geografisch gesehen, kaum etwas geändert. Kaum aus der Haustür, landete ich damals auf einem oft matschigen Feldweg, der im Sommer quer durch wogende Getreidefelder führte, im Winter noch matschiger als im Sommer war, wenn nicht gerade Frost herrschte oder Schnee lag. Die Felder rechts und links des Weges sind verschwunden, auch hier hat sich ein Kleingartengelände breitgemacht, und matschig ist der Weg auch nicht mehr. Früher endete der Weg direkt hinter einem Zweifamilienhaus, einem Neubau aus der Zeit der frühen Nachkriegsjahre, und lief unmittelbar auf eine, der damals häufigen Bierkneipen zu. Heute, durch die leichte Verschiebung des Weges, endet er in einer leichten Kurve, etwas entfernt von der Kneipe. Zwischen Haus und Kneipe haben sich im Lauf der Jahrzehnte einige weitere Häuser breitgemacht. Die Kneipe ist inzwischen einer Pizzeria gewichen. Ob sich das lohnt? Sehr vertrauenswürdig sieht sie von außen nicht aus. Aber da die Pizzeria heute Nachmittag geschlossen war, kann das ein Vorurteil sein. Vielleicht laufe ich einmal an einem langen, warmen Juniabend dorthin, versuche eine Vorspeise, eine Pizza oder ein Nudelgericht. Sollte das mir schmecken und noch Platz im Magen sein, noch ein Dessert. Dann ist immer noch Zeit, die Güte des Lokals zu beurteilen.
Das Haus und die ehemalige Kneipe gehören zur Werstener Dorfstraße, an deren anderem Ende noch heute die Straßenbahnhaltestelle liegt. Eine schier endlos lange Straße, wenn man sie morgens, zu einer Zeit, in der man sie gerne noch einmal im Bett umdrehen würde, durchquert. Abgemildert wird die Länge der Straße nur dadurch, dass sie nicht stur geradeaus führt, sondern sich durch den Stadtteil windet. Der Straßenverlauf ist der gleiche geblieben, aber sonst hat sich vieles verändert. Es gab reichlich Lebensmittelläden an der Straße, Kneipen natürlich auch. Einer der letzten Bauernhöfe des Stadtteils war an dieser Straße beheimatet, verbunden damit, Weideflächen, die bis an den Bordstein reichten. Rechts und links der Straße reihten sich noch etliche alte Kotten, umgeben von Gemüsegärten, und die damals als katholische Volksschule betriebene ehemalige Dorfschule. Für die Aufrüstung zur Volksschule hatte man am Ende des Schulhofs einen Erweiterungsbau aus rotem Backstein errichtet. Beide Gebäude stehen noch, beherbergen aber jetzt das zu diesem Stadtteil gehörende Bürgerhaus und etwas, auf das ich erst heute gestoßen bin – in der alten Schule ist ein Literaturkreis beheimatet. Vielleicht ist das ein interessanter Kontakt für mich.
Genug vom nostalgischen Rückblick auf eine längst vergangene Zeit, sonst werde ich noch sentimental. Da ich bereits viele Jahre alt bin, könnte ich noch reichlich aus dieser Vergangenheit berichten, aber im Moment sage ich: genug ist genug. Im wahren Leben beschäftigt mich mehr die Zukunft – und sei sie noch so kurz für mich als alten Mann, die Neugier treibt mich voran. Am bemerkenswertesten bei meiner Nostalgie finde ich noch, wie es möglich sein kann, dass man es vor siebzig Jahren für ganz normal hielt, dass ein vierzehnjähriges Kind 45 Stunden in der Woche zur Arbeit ging (da hatte das Kind noch Glück, ab dem 18. Geburtstag wurden aus den 45 Stunden 48 Stunden). Aufgeteilt auf sechs Tage waren die Stunden, von einem freien Samstag war noch keine Rede. Es gab nur eine Ausnahme in der Woche – am Tag der Berufsschule. Der Unterrichtsbeginn war um acht Uhr und die Schule lag deutlich näher als der Arbeits platz. Einmal werktags stand ich somit später auf und konnte den Weg zur Straßenbahn entspannter angehen – wow.
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