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| Sätze: | 55 | |
| Wörter: | 687 | |
| Zeichen: | 4.074 |
Der Brei, den Ulrich rührte, war zäh. Ständig wiederholte es sich: rühren und warten. Warten auf den nächsten Zug. In Ermangelung eines Kontrahenten spielte Ulrich Schach mit sich selbst. Und er hatte sich ein Limit gesetzt: immer fünf Minuten warten zwischen den Zügen.
Die Sanduhr lief noch, während er rührte. Es war eine Mischung aus Haferflocken und Wasser. Er würde sie so lange rühren, bis sie sich in Honig verwandelte. Metaphorischer Honig. Real waren es ja nur Haferflocken, die eine schillernde Farbe wie zum Beispiel das Goldene des Honigs nicht erreichten.
Um die sich ständig wiederholenden Handgriffe etwas aufzulockern, sprach er in Zungen. Rollenverteilung. Acting in character. Er ließ Jung und Alt gegeneinander antreten und gestaltete sie auf dem gleichen intellektuellen und lebenserfahrenen Niveau. Das musste reichen. Weitere Details oder gar Feinheiten lenkten ihn zu sehr vom eigentlichen Akt ab: dem Schach.
Zug, Uhr, Brei, Zug. Im Hintergrund lief das Album Early Man von Steve Roach.
Seine ihm abhanden gekommenen Freunde kritisierten Ulrich als „dominant“ und „kontrollierend“ oder auch „zwanghaft“. Ein ganz vorlauter Bekannter hatte sogar diagnostiziert: „Er spricht die Sprache der Tiere, nicht die der Menschen.“ – Im Schach hätte Ulrich den bestimmt geschlagen. Aber wer spielte schon noch Schach? Sie waren ja alle in diesen anspruchslosen Online-Spielen unterwegs.
Der beste Freund des Menschen blieb immer noch der Hund. Er lag in seinem Korb und langweilte sich.
„Was meinst du, Tarzan“, fragte Ulrich, „wollen wir Gassi gehen?“
Tarzan verstand nicht. Erst als Ulrich die Leine in die Hand nahm, richtete er sich gehorchend und etwas verschlafen auf. Draußen schneite es, und sie waren gerade erst vor zwei Stunden vor der Tür gewesen.
„Schau nicht so, es wird dir gut tun. Deine Vorfahren waren Wölfe, die kannten den Schnee noch.“
Tarzan winselte. Ulrich legte ihm das Halsband an. Er nahm es ihm immer ab nach dem Nachhausekommen, um es ihm wieder anlegen zu können.
Sie wählten den stets gleichen Weg durch den Park. Ulrich hatte das Halsband mit den grünen LEDs ausgesucht – es war schon stockdunkel draußen, und der Park war nur sporadisch mit Laternen untermalt.
Sie zogen ihre Spuren durch den knöchelhohen Schnee und strebten auf die Bank zu, die nach Ulrichs Dafürhalten die am besten aufgestellte in der gesamten Anlage repräsentierte. Wenn es warm war und die Sonne schien, nahm er dort besonders gerne Platz. Jetzt ging das nicht. Jemand saß darauf.
Das gelbe Licht, das die nahegelegene Laterne warf, erinnerte an eine erkaltende Fritteuse aus abgestandenem Fett. Ulrich blieb mit seinem Gefährten neben der Bank stehen und entdeckte etwas in den Bäumen:
„Schau, Tarzan, eine Eule. Sie steht für Klugheit und Weisheit.“
„Das ist so nicht ganz richtig“, mischte sich der fremde Mann auf der Bank ein und fuhr fort:
„Die Eule symbolisiert Präzision und Ausdauer. Sie wacht lange, lauscht in die Nacht hinein – und wenn sie ihre Beute ausgemacht hat, dann packt sie diese so sicher wie ein Habicht, der weit oben kreist, seine Flügel anlegt und sich todesmutig auf sein Ziel am Boden stürzt. Der Unterschied zwischen der Eule und dem Habicht liegt in ihrer Ruhe und der weniger halsbrecherischen Eleganz.“
„Oh“, reagierte Ulrich.
„Als Krafttier steht die Eule für die Fähigkeit, im Verborgenen zu sehen. Sie ist eine Reisende zwischen den Welten: Tag und Nacht, Leben und Tod, Bewusstsein und Traum.“
„Wird das so auf der YouTube-Universität gelehrt? Oder haben Sie das einem esoterischen Roman entnommen?“
„Medizinrad. Die Lehre meiner Vorfahren.“
„Fass, Tarzan!“, befahl Ulrich.
In seiner Eigenschaft als Schäferhund spurte Tarzan. Er stemmte seine Hinterläufe in den Boden, fletschte die Zähne und zog an der Leine.
„Na? Was sagen Ihre Vorfahren zu Wölfen?“
„Dass sie die Freunde der Menschen sind. Sie dagegen scheinen kein Freund Ihres Hundes zu sein.“
Ulrich hätte jetzt nur allzu gerne die Leine gelöst. Doch das durfte er nicht. Dann würden sie kommen und ihn holen. Nicht Tarzan, sondern Ulrich.
They’re Coming To Take Me Away (Neuroticfish)
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