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Schmetterling und Nachtfalter

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12.8.2017 14:46
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

5 Charaktere

Corinne Lambert

Das ist ein von mir selbst ausgedachter Charakter. Sie stammt aus Frankfurt a. M., ist Kunstpädagoin, und hat noch eine Schwester.

Lucien Lacroix

Lucien Lacroix ist der Meister von Janette du Charme und Nicolas de Brabant (Nick Knight). Die drei machen während mehrerer Jahrhunderte unterschiedliche Erfahrungen. Lacroix kann nicht nachvollziehen, warum Nick wieder sterblich werden will und macht sich über dessen Schuldgefühle lustig. In der Vergangenheit war Lacroix ein hoher, römischer Offizier namens Lucius.

Natalie Lambert

Natalie Lambert ist Gerichtsmedizinerin und arbeitet für die Metro-Police in Toronto. Eines Tages lag Nicolas de Brabant als Toter bei ihr auf dem Tisch und sie wurde Zeugin, wie er durch Blutzufuhr quasi wieder "lebendig" wurde. Da sie immun gegen Hypnose ist, gehört sie zu den wenigen vertrauten Freunden, die um Nicks Vampirnatur wissen. Sie will ihm helfen, wieder ein Mensch zu werden.

Nicolas de Brabant (Nick Knight)

Nicolas de Brabant war ein Ritter aus dem Mittelalter, der sich in Janette du Charme verliebte. Diese überredet ihn dazu, sich von ihrem Meister Lacroix in einen Vampir verwandeln zu lassen. Später bereute Nicolas diese Entscheidung und klärt nun als Polizist namens Knight in Dauernachtschicht zusammen mit seinem Kollegen Don Schanke Kriminalfälle bei der Metro-Police in Toronto auf.

Michael Fernandes

Das ist ein von mir selbst ausgedachter Charakter. Er hat zusammen mit Corinne an derselben Uni studiert und ist nun wissenschaftlicher Assistent bei Prof. Teichert. Sein Problem: Er ist leidenschaftlich in Corinne verliebt.

Dunkelheit. Strömender Regen. Ein junger Mann in langem Mantel schließt gerade eine Tür ab und überquert langsam die Straße, um auf den gegenüberliegenden Bürgersteig zu gelangen. Auf einmal hört man, wie ein Wagen heranzukommen scheint. Der junge Mann schaut sich um. Doch nichts ist zu sehen. Immer noch herrscht Dunkelheit. Dennoch ist das Geräusch eines Fahrzeuges zu hören. Es scheint sich schnell zu nähern... plötzlich blitzt kurz vor dem jungen Mann gleißendes Licht auf... und das Auto fährt ihn an und rollt über ihn hinweg ohne anzuhalten...

„NEIN! NEIN! THOMAS!“ 

Schreiend und schweißgebadet fuhr das schwarzhaarige Mädchen vom Bett auf. Es dauerte einige Minuten, bis ihr klar wurde, dass sie schon wieder einmal von dem Unfall geträumt hatte, in dem ihr langjähriger Lebensgefährte zu Tode kam. Immer wieder suchte dieser Alptraum sie heim. Aber wen wunderte es? Schließlich lag es erst vier Monate zurück, dass sie Zeugin dieses schrecklichen Unglücks geworden war. Zwar hatte sie sofort einen Notarzt über ihr Handy gerufen und versucht, ihrem Freund so gut es ging zu helfen, aber umsonst. Thomas starb auf dem Weg zum Krankenhaus in ihren Armen und sie bekam die Bilder dieser Unglücksnacht nicht aus dem Kopf.

 Die Zeit nach Thomas’  Tod war ihr unwirklich erschienen und sie konnte sich zeitweise nicht mehr auf den Beinen halten. Wenn ihr nicht ihre Familie und die ihres Freundes geholfen hätte, so wäre sie wohl immer noch nicht fähig, wieder am Leben teilzunehmen.

 Das Schlimmste war jedoch die Erkenntnis, dass Thomas wohl vorsätzlich von jemandem umgebracht worden war. Aber sie und die zwei Passanten, die zufälligerweise durch diese Straße gehen mussten, hatten in der Dunkelheit und in dem gleißenden Licht weder den Autotyp noch das Kennzeichen erkennen können, geschweige denn gesehen, wie der Fahrer aussah. Es war alles so rasend schnell gegangen in dieser Nacht...  und weil man keine Anhaltspunkte dafür fand, wer Grund gehabt hätte, Thomas zu töten, legte die Polizei den „Fall Marquardt“ schon sehr bald zu den Akten mit der lapidaren Begründung, dass man nichts machen könne... Derjenige, der Thomas ermordet hatte, wurde also nicht einmal für seine Tat zur Verantwortung gezogen... das war so widerlich...

 In Erinnerung daran schüttelte sich die junge Frau innerlich und knipste die Nachttischlampe an. Dann schaute sie sich erstaunt um. Ach richtig, sie war ja gar nicht zu Hause, sondern im Gästezimmer ihrer Cousine Nathalie. Es war überhaupt ein Wunder, dass sie sich aufgerafft hatte, nach Toronto zu fliegen, aber sie dachte, dass ihr ein wenig Abstand gut tun würde. Doch selbst hier suchte der Alptraum sie heim. Wahrscheinlich würde sie Thomas’  Tod nie überwinden...

 ***

Dr. Nathalie Lambert wirkte unruhig, als Nick und Schanke sie in der Pathologie aufsuchten, um die Informationen über die Tote abzuholen, die man vor wenigen Tagen nachmittags im Park auf einer Bank gefunden hatte.

„Die Frau hatte einen Herzinfarkt“, erklärte Nathalie.

„Ist sie etwa daran gestorben?“ fragte Schanke. Die Pathologin nickte, worauf er leutselig meinte: „Wenn sich nur all unsere Fälle so leicht aufklären würden!“

„Dann können die Angehörigen die alte Dame wohl bald beerdigen“, meinte Nick.

„Aber sicher“, erwiderte Nathalie.

„Hab schon lang nichts mehr gegessen“, sagte Schanke und bewegte sich in Richtung Tür. „Ich hole mir einen Donut. Soll ich euch auch etwas mitbringen?“

„Nein danke!“ antwortete Nathalie, während Nick nur wortlos den Kopf schüttelte. Er wartete, bis sein Kollege den Raum verlassen hatte und wandte sich dann wieder der Pathologin zu. „Was ist los, Nat? Du scheinst heute irgendwie nicht bei der Sache zu sein.“

„Ich mache mir Sorgen um Corinne, meine Cousine. Sie ist heute Nachmittag mit der Maschine aus Frankfurt angekommen und wirkte nicht gerade so, als ob man sie allein lassen könnte. Ich wäre jetzt lieber bei ihr als hier.“

„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas mit deiner Cousine ist? Hat sie vielleicht vor kurzem etwas Schreckliches erlebt?“

Nathalie starrte Nick erschrocken an, dann meinte sie: „Deine Fähigkeiten erstaunen mich immer wieder.“

„Es stimmt also, dass deine Cousine einen Schock erlitten hat?“

„Ja, das kann man so sagen. Ihr Lebensgefährte ist vor vier Monaten von einem Auto überrollt worden und es sieht ganz so aus, als ob das vorsätzlich geschehen wäre“, erzählte Nathalie. „Corinne wollte ihn an diesem Abend vom Geschäft abholen und wartete bereits auf der anderen Straßenseite, als es geschah. Sie hat alles mit angesehen...“

„Das ist wirklich tragisch“, meinte Nick mitfühlend. „Hat man den Mörder erwischt?“

„Nein, der Fall wurde zu den Akten gelegt, da weder Fahrer noch Wagentyp oder Kennzeichen zu erkennen gewesen waren...“

„Das ist ja unglaublich!“

„Das finden wohl alle seine Freunde und Bekannten, denn Thomas Marquardt, so hieß Corinnes Partner, war sehr beliebt und es gibt eigentlich niemanden, der ihm den Tod gewünscht geschweige denn davon profitiert hätte. Wie soll man da denjenigen finden, der den jungen Mann auf dem Gewissen hat?“

„Mir scheint, die Kollegen sind nicht engagiert...“, murmelte Nick. „Vielleicht könnte ich einmal mit Corinne reden? Möglicherweise kann ich in ihren Gedanken sehen, wer es gewesen ist?“

„Bitte, Nick, die Ärmste hat schon genug durchgemacht“, ermahnte ihn Nathalie. „Ihr Vater rief vor einigen Tagen an und meinte, ich solle dieses Thema so weit wie möglich vermeiden. Corinne ist immer noch ein wenig durcheinander...“

„Warum lässt er seine Tochter dann nach Toronto fliegen?“

„Hm... ihren Eltern war es gar nicht recht, dass sie mich besucht. Am liebsten würden sie sie bei sich im Hause in ihrem alten Kinderzimmer einsperren, um sie zu beschützen“, sagte Nathalie. Ein leichtes Lächeln glitt über ihre Züge. „Weißt du, Nick, meine Cousine ist sehr eigenwillig und macht, was sie für richtig hält. Ihren Eltern erklärte sie, sie wolle in Toronto ein wenig Abstand gewinnen, zumal hier eine Fachtagung stattfindet, die sie interessiert. Corinne glaubt, sie könne sich am besten ablenken, wenn sie sich in die Berufstätigkeit stürzt.“

„Na ja, ich wünsche ihr viel Erfolg dabei“, erwiderte der Vampir. In ebendiesem Augenblick kam Schanke zurück, hörte den letzten Satz und fragte: „Wem wünscht du viel Erfolg, Nick?“

„Nathalies Cousine...“

„Du hast eine Cousine?“ wandte sich Schanke erstaunt an die Pathologin. „Davon wusste ich ja gar nichts.“

„Du brauchst auch nicht alles über mich zu wissen“, erwiderte Nathalie.

„Natürlich nicht... ich wollte dir auch keineswegs zu nahe treten“, meinte Schanke in entschuldigendem Ton. „Ich interessiere mich nunmal für meine Kollegen. – Hat deine Cousine etwa irgendwas zu verbergen, muss man sie verstecken oder so?“

Nathalie brach in Lachen aus. Sie konnte dem gutmütigen Detective nicht böse sein.

„Aber nein“, erklärte die Pathologin dann. „Ich bin überzeugt, dass viele Männer Corinne sehr attraktiv finden. Ich denke, sie wäre dein Fall.“

„Oh, ich bin glücklich mit meiner Myra verheiratet“, wehrte Schanke ab. „Verrätst du mir vielleicht auch, was deine Cousine nach Toronto führt?“

„Sie will an einer Fachtagung über den Sinn und Unsinn der optischen Kunst teilnehmen. Ich glaube, sie hält sogar einen kleinen Vortrag.“

„Deine Cousine ist also schön und klug“, meinte Schanke beeindruckt. „Ich muss gestehen, ich bin neugierig auf sie geworden. Meinst du, Nick und ich könnten sie einmal sehen?“

„Bitte!“ rief der Vampir seinen Kollegen zur Ordnung. „Die junge Dame ist doch kein Ausstellungsstück!“

„Lass gut sein, Nick“, meinte Nathalie. Sie hatte sich gerade gefragt, ob es Corinne nicht wirklich gut tun würde, Don Schanke kennenzulernen. Mit Sicherheit fand sie ihn amüsant. Es wurde allmählich Zeit, dass Corinne wieder unter Menschen kam. Sie hatte sich schließlich lange genug in ihrem Schmerz vergraben. Ihre Reise hierher bedeutete doch wohl, dass sie selbst den Wunsch hegte, aus ihrer Isolation herauszukommen...

 

 

Immer noch aufgewühlt von dem Alptraum war Corinne aufgestanden und hatte gerade in der Küche heißes Wasser für einen Tee aufgesetzt. Vielleicht half ihr das ja, wieder einzuschlafen.

Die junge Frau schaute sich in dem Raum um. Er war zwar klein, aber gemütlich eingerichtet mit den hellen Möbeln und der kleinen Eckbank. Corinne ließ sich darauf nieder, stützte ihren Kopf auf die Arme und ließ ihren Gedanken wieder freien Lauf. Sie konnte Thomas nicht vergessen. Er fehlte ihr... sie fühlte sich ohne ihn so leer... Ach, wenn Nat doch keine Nachtschicht hätte... Eine menschliche Stimme zu hören würde ihr jetzt so gut tun...

Corinnes Blick fiel auf das Radio, das auf der Ecke der Sitzbank stand. Kurzentschlossen schaltete sie es ein und hörte, wie eine Frau davon sang, dass sie glücklich mit ihrem Liebsten vereint war und immer mit ihm zusammenbleiben würde. Der Text des Liedes bereitete Corinne Schmerzen und sie begann, einen anderen Sender zu suchen. Wenig später erklang ein ruhiges Klavierstück und sie beließ es bei dieser Frequenz. Mittlerweile pfiff auch der kleine Kessel auf dem Herd, so dass die junge Frau sich erhob, um sich den „Schlaftrunk“, eine Mischung aus verschiedenen Teesorten mit beruhigender Wirkung, aufzugießen. Dann setzte sie sich wieder zurück auf die Eckbank und lehnte sich mit dem Kopf gegen die Wand. Ihr Blick fiel auf den Nachtfalter, der um die Deckenlampe herumflog und immer wieder verzweifelt versuchte, in ihr Inneres zu gelangen.

„Armes Ding“, dachte Corinne und empfand Mitleid mit dem Insekt. „Du sehnst dich nach dem Licht und suchst seine Nähe, obwohl es dich verbrennen wird.“

In diesem Augenblick begann es heftig im Radio zu rauschen und die Musik, die vor kurzem noch den kleinen Raum erfüllt hatte, war verschwunden. Corinne wandte sich dem Gerät zu und versuchte, den Sender wieder reinzukriegen.

„Hallo“, klang ihr plötzlich eine sonore, tiefe Stimme entgegen. „Hier ist der Nachtfalter. Ich begrüße alle, die jetzt wach sind und mir zuhören...“

Corinne lauschte fasziniert dieser dunklen Männerstimme, die fortfuhr: „Ihr Freunde der Nacht, sicher wisst ihr, was Dunkelheit und Einsamkeit bedeuten? Sie begleiten uns ständig. Aber ist das ein Grund zur Klage? Was meint ihr? Ist der Tod besser als die dunkle Einsamkeit unserer Existenz?“

„Eine interessante Frage“, schoss es Corinne durch den Kopf.

„Wenn ihr mit mir darüber sprechen wollt, so habt ihr heute zum ersten Mal die Gelegenheit, in der Sendung anzurufen“, sagte der Radiosprecher. „Allerdings müsst ihr erst ein kleines Rätsel lösen, um die Telefonnummer zu erfahren. Ich werde es euch gleich mitteilen. Aber zuvor noch ein wenig Musik...“

Corinne nutzte die Gelegenheit, um in das Gästezimmer zu eilen und sich etwas zum Schreiben zu holen. Als sie wieder in die Küche zurückkehrte, erklangen gerade die letzten Töne eines melancholischen Geigenspiels. Kaum hatte sie sich auf die Eckbank gesetzt, hörte sie wieder den ‚Nachtfalter’: „So, liebe Freunde der Nacht, heute kann einer von euch mit mir persönlich in der Sendung sprechen, sofern er das Rätsel löst und die Nummer herausfindet, die er anrufen muss...“

„Nun sag schon!“ murmelte Corinne ungeduldig.

„Am Anfang ist das Nichts – bevor die Zahl des Tiers ihm folgt und die Unendlichkeit zweifach auftritt, um dann wieder im Nichts zu verschwinden“, ertönte es aus dem Radio.

Eilig hatte die junge Frau dieses Rätsel auf ihren Block geschrieben.

„Nun, ihr Freunde der Nacht, kommt dem einen oder anderen von euch schon eine Idee, welche Zahlen sich hinter meinen Worten verbergen könnten?“ fragte der ‚Nachtfalter’. „Ich wiederhole gerne noch einmal das Rätsel: Am Anfang ist das Nichts – bevor die Zahl des Tiers ihm folgt und die Unendlichkeit zweifach auftritt, um dann wieder im Nichts zu verschwinden. - Denkt in Ruhe darüber nach, während ihr den Klängen einiger Nocturnes von Chopin lauscht...“

„Eine merkwürdige Art, die Zuhörer zum Anrufen zu animieren“, dachte Corinne und starrte nachdenklich auf ihr Blatt. „Mal sehen... Am Anfang ist das Nichts? Das kann nur eine Null sein.“

Sie notierte diese Zahl unter ihr Geschriebenes. Dann überlegte sie weiter.

„Bevor die Zahl des Tiers ihm folgt? Aber welches Tier könnte gemeint sein?“

Diese Aussage bereitete ihr einige Minuten Kopfzerbrechen. Dann plötzlich dämmerte es ihr: Das Rätsel war in mythischer Weise formuliert. Was, wenn mit dem Tier das ‚Tier’ gemeint war, von dem in der Apokalypse des Johannes die Rede war? Das könnte doch sein.

Rasch notierte Corinne hinter der 0 die Zahl 666, bevor sie sich der nächsten Aussage zuwandte: „Die Unendlichkeit verdoppelt sich? Nun, die Zahl der Unendlichkeit ist sicherlich die Acht. Und diese tritt zweimal auf?“

Den bereits notierten Zahlen folgte 88 und nach kurzem Überlegen eine 0. So lautete die notierte Nummer: 0 666 88 0.

Wie gebannt blickte Corinne auf diese Zahlen, dann stand sie mit ihrem Block auf und ging ins Wohnzimmer, wo Nathalies Telefon stand. Mit zitternden Händen wählte sie die erratene Nummer und spürte, wie stark ihr Herz klopfte, während sie gespannt darauf wartete, wer das Gespräch entgegennehmen würde. Sie hörte, wie jemand abnahm und gleich darauf eine nunmehr bekannte Stimme sagte: „Ich gratuliere dir! Du hast das Rätsel gelöst. Willkommen in meiner Sendung.“

„Spreche ich wirklich mit dem Nachtfalter?“ fragte die junge Frau ein wenig fassungslos.

„Aber ja!“ erklang es vom anderen Ende der Leitung in amüsiertem Ton. „Und welches holde weibliche Wesen darf ich hier begrüßen?“

„Mein Name ist Corinne.“

„Nun, Corinne, was hast du uns zu sagen? Ist der Tod besser als die dunkle Einsamkeit unserer Existenz?“

„Ich denke, dass diese Frage unmöglich zu beantworten ist!“

„Oh...?“ der Gesprächspartner schien überrascht. „Und warum?“

„Wir wissen nichts über den Tod...“, erklärte Corinne.

„So? Wissen wir nicht?“ kam es mit gedehnter Stimme aus dem anderen Ende der Leitung.

„Nein. Der Tod erscheint uns schrecklich, aber im Grunde genommen weiß niemand, was geschieht, wenn man gestorben ist.“

„Nun, meine Liebe, einige unserer Zuhörer sind da bestimmt anderer Ansicht. Der eine oder andere von ihnen wird dir versichern, dass er genau weiß, was Sterben bedeutet.“

„Mag sein, dass es Situationen im Leben gibt, in denen man sich so fühlt“, räumte Corinne ein. „Aber allein die Tatsache, dass es sich um Zuhörer der Sendung handelt, bedeutet doch schon, dass sie nicht wirklich tot sind.“

Verhaltenes Lachen am anderen Ende der Leitung antwortete ihr.

„Ja, du hast recht“, gab ihr Gesprächspartner dann zu. „Die meisten von ihnen sind  nicht wirklich tot... Ich kenne sogar einen, der... hm... der diese Existenz außerordentlich verabscheut... Ich hoffe, dass mein  Sohn  Nicholas diese Sendung mitverfolgt, denn sein Dasein quält ihn zutiefst. Sicherlich fühlt er sich einsam in seiner ewigen Dunkelheit, da er nicht akzeptieren kann, was er ist.“

„Das tut mir wirklich leid“, erwiderte Corinne. „Aber ich weiß selbst, wie es ist, einsam zu sein, denn ich habe jemanden verloren, den ich sehr liebte. Seitdem habe ich auch das Gefühl, dass sich mein Leben verdunkelt hat... es ist sehr schwer zu akzeptieren, dass der geliebte Mensch für immer verschwunden ist...“

„Und? Verabscheust du deine Existenz, Corinne?“

„Ich... ich weiß noch nicht... Ich bin wirklich durcheinander...“

„Mag sein, dass es jetzt etwas herzlos klingt, aber glaube mir, du wirst diesen Verlust überwinden“, meinte der ‚Nachtfalter’ in sachlichem Ton. Dann hörte sie plötzlich ein Klicken und wenig später wieder ihren Gesprächspartner: „So, Corinne, ich habe unser Gespräch gerade eben aus der Sendung weggeschaltet. Die Zuhörer müssen sich jetzt mit Musik begnügen, denn ich glaube, wenn wir uns weiter unterhielten, wird es allzu persönlich und ich möchte dich schützen. – Du scheinst mir ein kluges Mädchen zu sein. Hast du Lust, dich privat mit mir zu treffen?“

„Nun, ich...“, stotterte Corinne. „Geht das nicht ein bisschen schnell?“

„Was spricht dagegen?“

„Na ja, ich bin gerade erst in Toronto angekommen...“

„Herzlich willkommen!“ unterbrach der ‚Nachtfalter’ sie. „Das ist ein weiterer Grund, sich zu treffen. Es wäre mir ein Vergnügen, dir die Stadt zu zeigen.“

„Ach, ich weiß nicht...“

„Hast du etwa Angst?“

„Nein, natürlich nicht!“ widersprach Corinne heftig. „Aber es ist nun Mal nicht meine Art, mir von fremden Männern die Stadt zeigen zu lassen!“

„Wir müssen uns nicht fremd bleiben“, erwiderte er in ruhigem Ton. „Ich würde dich sehr gerne kennenlernen. Morgen Abend bin ich gegen 21.00 Uhr im ‚Raven’. Du kannst dir überlegen, ob du mich treffen willst. Ich werde jedenfalls bis Mitternacht dort auf dich warten.“

„Aha! Und wie erkenne ich dich?“

„Frag einfach nach Lucien. – Und nun wünsche ich dir noch eine Gute Nacht, Corinne.“

 

 

Corinne legte verwundert den Hörer auf die Gabel zurück und schüttelte den Kopf. Was war das nur für eine merkwürdige Art und Weise, Verabredungen zu treffen? Dieser Lucien hatte Nerven! Er kannte sie doch gar nicht!

Nachdenklich ging sie in die Küche zurück, setzte sich in die Eckbank und nippte an ihrer Tasse, während sie sich das Gespräch mit dem ‚Nachtfalter’ noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Wieder schüttelte sie verwundert den Kopf, konnte jedoch ein Lächeln nicht unterdrücken, als sie sich eingestand, dass sie von dieser tiefen Stimme sehr angetan war. Bestimmt verbarg sich hinter dem Pseudonym ‚Nachtfalter’ ein interessanter Mann. Vielleicht sollte sie sich doch mit ihm treffen...?

Corinnes Blick fiel auf die Uhr. Himmel! Es war bereits zwei Uhr! Und morgen wollte sie doch früh aufstehen, um sich im Tagungsbüro zu melden. Es war wirklich Zeit, sich wieder ins Bett zu legen. Aber ob sie schlafen konnte...?

Nachdem die junge Frau jedoch wieder im Gästezimmer lag, tat der Tee seine Wirkung und sie schlief innerhalb weniger Minuten tief und fest. Allerdings träumte sie von einem dunklen Raum, in dem – kaum erkennbar - in der Mitte lediglich ein Tisch mit einem Mikrophon darauf stand. Dahinter saß ein großer, schwarzgekleideter Mann mit blonder Kurzhaarfrisur, der sie intensiv musterte und dann mit sonorer, tiefer Stimme in das Mikrophon hauchte: „Hallo! Ich bin der Nachtfalter, mein schöner Schmetterling.“  Danach hellte sich der Raum ein wenig auf, so dass eine schummrige Atmosphäre herrschte, die unwirklich wirkte. Wie aus weiter Ferne erklang die Melodie eines Walzers. Corinne konnte nicht anders, als sich zu der leisen Musik zu bewegen. Plötzlich stand der große, blonde Mann vor ihr und fragte: „Wollen wir zusammen tanzen, mein schönes Kind?“  Wie selbstverständlich umfing er sie dabei und drehte sich gleich darauf mit ihr mitten im Raum. Sie hatte bald das Gefühl, den Boden unter ihren Füßen nicht mehr zu spüren.

„Schweben wir etwa, Lucien?“ fragte Corinne ihren Tanzpartner. Dieser lächelte und nickte. Dann näherte er sich mit seinem Mund ihren Lippen...

 Das schrille Klingeln des Weckers riss die junge Frau aus diesem schönen Traumbild. Sie schlug mit ihrer Hand automatisch auf den Ausschaltknopf und setzte sich dann langsam im Bett auf. Wieder brauchte sie eine Weile, bis sie sich erinnerte, dass sie bei Nathalie zu Besuch war. Ein Blick auf die Uhr verriet dem Mädchen, dass diese sicherlich bald von ihrer Nachtschicht nach Hause kommen würde. Seufzend stand Corinne auf, denn sie musste heute Vormittag auch noch weg. Doch vorher wollte sie in Ruhe mit Nathalie frühstücken und ein wenig plaudern. Gestern kamen sie ja kaum dazu, da ihre Cousine bald darauf zur Arbeit musste. Sie selbst hätte allerdings keine Lust, immer nur Nachtschichten zu machen. Na ja, aber Nats Beruf wäre auch wirklich nicht ihr Fall...

 Corinne erhob sich, um Kaffe aufzusetzen und den Tisch zu decken, bevor sie sich duschte. Dabei ließ sie sich ihren Traum noch einmal durch den Kopf gehen. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass sie ein schönes Nachtgesicht gehabt hatte. Ob Lucien wirklich so eine beeindruckende Erscheinung war wie der Mann in ihrem Traum? Es lag an ihr, dies herauszufinden. Sie musste ja nur heute Abend an dem genannten Treffpunkt erscheinen.

Dieser Lucien schien wirklich ungewöhnlich zu sein. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals einen Mann erlebt zu haben, der ihr die Entscheidung überließ, ob sie ihn kennenlernen wollte oder nicht – und diese Art der Freiheit, die Lucien ihr damit gab, empfand sie als überaus angenehm. Dennoch schien er nicht gleichgültig zu sein, denn immerhin hatte er ihr Gespräch aus der Sendung genommen, bevor es zu persönlich oder schmerzlich für sie werden würde. Das sprach für einen fürsorglichen Charakter, für jemanden, der andere zu schützen verstand... und sie sehnte sich danach, von jemandem beschützt zu werden...

Als Corinne der letzte Gedanke bewusst wurde, erschrak sie. Sie hatte sich bisher noch niemals eingestanden, wie verloren sie sich ohne Thomas fühlte... Thomas! Himmel, dieser Lucien hatte es tatsächlich geschafft, ihren geliebten Partner bis jetzt aus ihren Gedanken zu verscheuchen. Er musste wirklich ein ungewöhnlicher Mann sein! Dennoch... sie kannte ihn nicht und sicherlich wäre es sehr leichtsinnig von ihr, sich allein mit einem fremden Mann in dieser ihr noch so fremden Stadt zu treffen... allerdings: Bei diesem Raven musste es sich um ein bekanntes Lokal oder so etwas in der Richtung handeln. Was könnte also schon passieren, wenn sie sich an einem öffentlichen Ort mit ihm traf?

 ***

 Als Nathalie nach Hause kam, war sie erstaunt, einen gedeckten Küchentisch und frisch gekochten Kaffee vorzufinden. Sie hatte erwartet, dass Corinne noch schlief. Doch diese kam ihr nun im Morgenmantel und mit frisch gewaschenem Haar entgegen.

„Guten Morgen, Nat“, begrüßte das Mädchen seine Cousine. „Komm, setz dich! Frühstück ist fertig.“

Nathalie kam dieser Aufforderung gern nach, schaute Corinne dabei jedoch besorgt an. Ihr Onkel hatte ihr nämlich berichtet, dass diese seit dem Tod ihres Freundes von schrecklichen Alpträumen geplagt wurde und zu wenig Schlaf fand. Vielleicht war es ihr hier auch so ergangen, obwohl sie gestern sehr müde von der Reise gewesen zu sein schien. Doch Corinne hatte ein wenig Farbe im Gesicht und lächelte sogar. Es schien ihr einigermaßen gut zu gehen. Nathalie beschloss darum, erst einmal abzuwarten. Sie konnte ja nicht ahnen, dass sich ihre jüngere Cousine heute Nacht mit LaCroix unterhalten hatte und ernsthaft erwog, sich mit diesem zu treffen, sonst wäre sie mehr als beunruhigt gewesen.

„Hast du gut geschlafen, Corinne?“

„Ja, sehr gut. Danke, Nat. Und wie war deine Schicht?“

„Es ist nichts Ungewöhnliches vorgefallen“, sagte Nathalie und goss sich Kaffee in die Tasse. „Allerdings hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, dass ich dich gestern allein lassen musste, nachdem du gerade erst angekommen warst.“

„Kein Problem. Schließlich konntest du ja nicht ahnen, dass ich vorgestern einfach beschlossen habe, dich zu besuchen.“

„Spontan?“ wunderte sich Nathalie. „Ich dachte, du bist vor allem wegen dieser Fachtagung da?  Ich war lediglich überrascht, erst einen Tag vorher davon zu erfahren, dass du dies mit einem Besuch bei mir verbinden wolltest.“

„Ach, die Fachtagung“, wehrte Corinne ab. „Die Teilnahme daran hätte ich leicht absagen können. Ich wollte einfach nur aus Frankfurt raus.“

„Das klingt wie eine Flucht“, sinnierte ihre Cousine. „Ist die Erinnerung an Thomas der Grund dafür?“

„Ja“, gab Corinne zu und seufzte tief. „Ich habe das Gefühl, wenn ich in Frankfurt geblieben wäre, würde ich niemals genügend Abstand zu seinem Tod gewinnen – und das muss ich doch, um weiterleben zu können, nicht wahr?“

„Und was ist mit der Galerie? Dein Vater erzählte mir, dass Thomas sie dir vermacht hat.“

„Oh, Nat, es ist mir unmöglich, die Galerie zu betreten! Alles darin würde mich zu sehr an ihn erinnern.“

„Aber dein Freund hätte sicher nicht gewollt, dass du dich selbst so fertig machst. Er wünschte sich, dass du die Galerie weiterführst, sonst hätte er sie dir nicht vermacht.“

„Es ist mir unmöglich, sie weiterzuführen! Deshalb habe ich Thomas’ Bruder Philipp gebeten, die Galerie zu verkaufen.“

„Und was sagen seine und deine Eltern dazu?“

„Thomas’ Familie versteht mich und Philipp wird sicher einen guten Preis erzielen...“, begann Corinne zögerlich und schaute dann ihre Cousine mit ernstem Ausdruck an. „Meinen Eltern habe ich es allerdings noch nicht erzählt – und ich bitte dich, ihnen kein Wort davon zu sagen! Papa würde sich nur wieder aufregen!“

„Natürlich verrate ich nichts, wenn du das wünscht“, versprach Nathalie. „Schließlich ist es deine Sache, was du mit der Galerie machst, und ich kann deine Handlungsweise sehr gut verstehen.“

„Danke“, erwiderte Corinne und schien erleichtert. „Ich weiß, dass meine Eltern es gut meinen, aber manchmal ist mir das einfach zu viel! Seit Thomas’ Tod behandeln sie mich wieder wie ein kleines Kind. Deshalb möchte ich auch längere Zeit in Toronto bleiben, wenn es dir recht ist, und mich hier ein wenig umsehen.“

„Du kannst gerne bleiben, solange du willst“, bot Nathalie an. „Wenn du hier zur Ruhe kommst, würde mich das sehr freuen. Allerdings kann ich mich nicht so viel um dich kümmern, wie es vielleicht nötig wäre.“

„Das ist ja gerade das Gute“, meinte Corinne und lächelte. „Es ist mir nur recht, wenn ich mich um mich selbst kümmern muss; und wenn ich länger fort bin, wird meinen Eltern dann hoffentlich auch wieder klar, dass ich bereits 25 bin und ein eigenes Leben habe. Vielleicht bleibe ich auch ganz hier, wenn es mir gefällt.“

„Wie... wie meinst du das?“ fragte Nathalie erschrocken.

„Nun, wenn es mir in Toronto gefällt, werde ich mir einen Job und eine Wohnung suchen“, klärte Corinne sie in ruhigem Ton auf. „Ich trage mich seit einiger Zeit mit dem Gedanken, aus Deutschland fortzugehen.“

„Wissen deine Eltern von diesen Plänen?“

„Nein!“ Corinne schüttelte den Kopf und meinte dann mit fester Stimme: „Ich bin eine erwachsene Frau und treffe meine eigenen Entscheidungen. Damit müssen sich Mama und Papa abfinden!“

„Es wird sicherlich ein Schock für sie sein, wenn du für immer hier bleibst“, murmelte Nathalie.

„Langsam, Nat! Erst einmal nehme ich an der Fachtagung teil und dann sehen wir weiter...“

Corinne kam gerade aus dem Büro der Tagungsleitung, das sich in der Kongresshalle befand, als ihr ein großer, schlanker Jüngling mit dunkelbraunem Haar in Begleitung einer zierlichen, blonden Frau entgegenkam. Diese beiden waren Corinne wohlbekannt, schließlich hatten sie mit ihr zusammen an der gleichen Uni studiert.

„Inge! Michael!“ rief sie daher aus und erwiderte deren erfreutes Lächeln. „Was für eine Überraschung, euch hier zu sehen!“

„Das Gleiche könnten wir von dir sagen“, erwiderte der junge Mann, dessen Augen bei Corinnes Anblick zu glänzen begonnen hatten. „Was führt dich her?“

„Ich halte einen kurzen Vortrag auf der Tagung“, erwiderte diese. „Und ihr?“

„Wir begleiten Professor Teichert“, erwiderte nun die zierliche Frau, die neben Michael stand.

„Professor Teichert?“ fragte Corinne verständnislos und runzelte die Stirn.

„Ja, wir sind jetzt wissenschaftliche Mitarbeiter bei ihm“, erklärte Inge mit zufriedenem Gesichtsausdruck. „Er hat uns gebeten, ihn auf den Kongress zu begleiten. Wir wollten gerade ins Tagungsbüro, um unsere Ankunft mitzuteilen.“

Corinne musterte Inge nachdenklich. Sie wusste, dass ihre Bekannte schon lange in Wernher Teichert, den Professor für Medienpädagogik, verliebt war und bereits während des Studiums mehrfach erfolgreich versuchte hatte, seine Aufmerksamkeit zu erringen. Sie schien jetzt überaus glücklich zu sein, mit ihm zusammenarbeiten zu können. Corinne gönnte ihr das, obwohl sie sicher war, dass Inge eine baldige Enttäuschung über den Professor bevorstand, den sie für den ehrenwertesten Mann der Welt hielt. Dabei wusste Corinne aus eigener Erfahrung, was für einen miesen Charakter Teichert hatte. Obwohl er Familienvater war, ließ er sich oft mit Studentinnen ein – ein offenes Geheimnis an der Universität. Doch Inge wollte dies nicht wahrhaben und nannte die Gerüchte, die über Teichert kursierten „infame Lügen“.  Nun ja, schließlich hatte der Professor Inges Leistungen oft genug über den grünen Klee gelobt und ihr Honig ums Maul geschmiert, worüber diese sehr glücklich gewesen war. Wenn Inge damals allerdings geahnt hätte, dass Teichert genau zu dieser Zeit mehrfach Corinne bedrängt hatte, „entgegenkommender“ zu ihm zu sein, wäre wohl ihr Weltbild eingestürzt. Aber Inge sollte ruhig ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Fiesling machen...

 „Wann hält Professor Teichert eigentlich seinen Vortrag?“ fragte Corinne, der die Aussicht, ihren ehemaligen Prüfer wiederzusehen, alles andere als angenehm war, weshalb sie eine Begegnung mit ihm unter allen Umständen vermeiden wollte.

„Am ersten Tag um 16.30 Uhr“, antwortete Michael.

„Was?“ meinte Corinne entsetzt. Sie würde um 13.30 Uhr referieren, anschließend war eine Podiumsdiskussion angesagt und danach eine Pause bis 16.30 Uhr. Ein Zusammentreffen mit Teichert wäre demnach unvermeidbar. Allein bei der Vorstellung, sein fieses Lächeln zu sehen, wurde ihr schon schlecht. „Er ist also nach meinem Vortrag dran?“

„Was, du hältst auch einen?“ fragte Inge verwundert.

„Nun ja, deswegen habe ich mich doch gerade im Tagungsbüro gemeldet“, erwiderte Corinne, die sich allmählich wieder fing.

„Aber ich dachte, der Tod deines Freundes...“, begann Inge, schlug sich jedoch sofort auf den Mund und starrte ihre ehemalige Studienkollegin erschrocken an. „Nun... entschuldige, aber ich... ich dachte...“

„Wir haben gehört, dass es dir nicht besonders gut geht“, mischte sich nun Michael erklärend ein.

„Ich gebe zu, dass ich den Tod von Thomas nur schwer verkrafte“, räumte Corinne ein, die sehr blass geworden war, nachdem Inge dieses Thema angesprochen hatte. „Aber einmal muss ich mich ja wieder meiner beruflichen Tätigkeit widmen, nicht wahr? Und außerdem lenkt es mich davon ab, dauernd an diesen schrecklichen Unglücksfall zu denken...“

„Es tut mir wirklich sehr leid“, entschuldigte sich Inge in mitfühlendem Ton. „Ich wollte dich nicht daran erinnern.“

„Schon gut“, wehrte Corinne ab.

„Was hältst du davon, wenn wir uns heute Abend treffen und einfach Mal über die alten Zeiten quatschen, bevor der ganze Tagungsbetrieb losgeht?“ fragte Michael. „Schließlich haben wir uns schon ewig nicht gesehen und wer weiß, wann wir uns danach wieder begegnen werden?“

„Eine gute Idee“, meinte Corinne und zwang sich zu einem Lächeln. „Wo wollen wir uns treffen?“

„Am besten hier“, schlug Michael vor. „Ganz in der Nähe gibt es ein kleines, gemütliches Restaurant.“

„Gut, dann also bis heute Abend um acht“, sagte Corinne und verließ die Kongresshalle, während ihre beiden ehemaligen Kommilitonen das Tagungsbüro betraten.

 ***

 Nachdem sie ihrer Cousine erzählt hatte, dass sie mit einigen Bekannten den Abend verbringen wolle, fuhr Nathalie Corinne gegen 20.00 Uhr zur Kongresshalle. Michael wartete bereits vor dem Gebäude und wurde sofort mit Nathalie bekannt gemacht, die daraufhin den beiden einen schönen Abend wünschte und ihren Weg zur Arbeit in dem Glauben fortsetzte, Corinne sei in guter Obhut. Kaum war der Wagen verschwunden, erschien auch schon Inge ein wenig atemlos.

„Entschuldigt, aber ich musste noch rasch einen Artikel für Teichert fertig tippen“, sagte sie.

„Das hätte doch sicher bis morgen warten können“, meinte Michael, doch seine Kollegin schüttelte den Kopf.

„Professor Teichert hat mich heute Nachmittag noch extra ermahnt, den Text bis 20.00 Uhr fertig zu haben“, widersprach Inge. Dann wandte sie sich Corinne zu. „Jetzt lasst uns endlich essen gehen, ja?“

*

Das Essen in dem kleinen Restaurant war sehr gut und der Abend verlief auch recht unterhaltsam, dennoch musste Corinne immer wieder an Lucien denken. Als der Zeiger der Uhr schließlich halb zehn zeigte, konnte sie es nicht mehr aushalten und warf mitten in einem Satz von Michael ein: „Hättet ihr nicht Lust, mich ins Raven zu begleiten?“

„Ins Raven?“ fragte Inge neugierig. „Was ist das?“

„Ach, ein hiesiges Lokal. Es ist mir empfohlen worden“, erwiderte Corinne ausweichend.

„Was ist denn das Besondere daran?“ fragte Michael, der keinerlei Lust verspürte, den Ort zu wechseln.

„Oh, ich weiß nicht genau“, gab Corinne zu und zuckte lächelnd die Schultern. „Aber es scheint recht angesagt zu sein.“

„Wenn das so ist...“, Michael hob die Hand und einen Augenblick später war ein Kellner an ihrem Tisch. „Sagen Sie, kennen Sie das Raven ?“

„Aber ja, es ist ein exklusiver Nachtclub“, erwiderte der Gefragte.

„Dann kommt vermutlich auch nicht jeder rein?“ meinte Michael.

„Soviel ich weiß, verhält es sich so“, gab der Kellner zu. „Ohne Einladung... keine Chance!“

„Da hörst du es, Corinne“, wandte sich der junge Mann an seine ehemalige Kommilitonin. „Bleiben wir doch lieber hier und trinken noch ein schönes Glas Wein.“

„Das können wir auch im Raven trinken“, erwiderte das Mädchen und erhob sich.

„Aber du hast doch eben gehört, dass...“, protestierte Michael, wurde jedoch von Corinne unterbrochen: „Ich bin eingeladen worden. Also gehen wir hin!“

Überrascht schaute der junge Mann erst sie, dann Inge und dann den Kellner an. Dieser meinte daraufhin: „Wenn Ihre Bekannte eine Einladung hat, würde ich an Ihrer Stelle unbedingt den Club besuchen.“

„Na schön“, murmelte Michael missmutig, bezahlte (denn er hatte die beiden Mädchen eingeladen) und folgte Corinne und Inge, die bereits draußen auf ihn warteten. Wenig später saßen sie zu dritt im Taxi, das sie geradewegs ins Raven fuhr...

 ***

 „Dahinter also soll sich dieser exclusive Club befinden?“ fragte Inge beklommen, als sie vor dem Eingang des Raven standen, der an beiden Seiten von zwei dunkelgekleideten, blassen Männern flankiert wurde, die die drei Neuankömmlinge misstrauisch musterten.

„Ich würde eigentlich lieber woanders hingehen“, meldete Inge sich wieder leise und Michael gab ihr im Stillen Recht. Auch er fühlte sich äußerst unwohl, wenn er die beiden finsteren Gestalten vor dem Eingang betrachtete.

„Ach was! Jetzt, wo wir schon einmal hier sind, möchte ich auch rein“, meinte Corinne und ging unbekümmert auf den Eingang des Clubs zu. Inge und Michael folgten ihr mit mulmigem Gefühl.

„Habt ihr eine Einladung?“ wandte sich plötzlich einer der Türsteher an Corinne.

„Lucien hat mich hierher bestellt“, erwiderte diese und schaute dem blassen Mann furchtlos in die Augen. Ein Lächeln glitt nun über dessen Gesicht und er fragte: „Du bist Corinne?“

Sie nickte.

„In Ordnung, du darfst rein“, meinte er dann und öffnete die schwere, schwarze Tür. Das Mädchen trat ein und wollte gerade die Treppe hinuntergehen, als sie hörte, wie ihren Begleitern der Eintritt verwehrt wurde.

„Ihr habt hier nichts zu suchen!“

Sofort wandte sie sich wieder dem Türsteher zu und sagte mit energischer Stimme: „Die beiden gehören zu mir!“

„Niemand hat sie eingeladen!“ widersprach der blasse Mann. „Also dürfen sie nicht rein. Der Club ist nur für Mitglieder und geladene Gäste zugänglich.“

„Ich bin eingeladen und niemand hat mir verboten, Begleitung mitzubringen!“ sagte Corinne ärgerlich.

„Tut mir leid, wir haben unsere Vorschriften“, erwiderte der Türsteher.

„Gut! Wenn man meine Freunde nicht empfangen will, habe ich hier auch nichts zu suchen!“

Mit diesen Worten schritt die junge Dame aus der Tür, wandte sich an ihre Begleiter und sagte: „Kommt, lasst uns gehen!“

Inge und Michael freuten sich schon, von diesem unheimlichen Ort fortzukommen, als der Türsteher rief: „Moment! Warte doch mal, Corinne!“

Abrupt blieb die Angesprochene stehen und drehte sich langsam um.

„Ja?“

„Lucien wartet auf dich!“ meinte der Türsteher und warf seinem Kollegen einen fragenden Blick zu, worauf dieser nickte. „Also gut. Deine Freunde dürfen dich ausnahmsweise begleiten.“

„Vielen Dank!“ sagte Corinne und schenkte den beiden finsteren Gestalten vor dem Eingang ihr freundlichstes Lächeln, bevor sie sich an ihre Begleiter wandte. „Kommt, gehen wir rein!“

 

Mit mulmigem Gefühl folgten Inge und Michael Corinne nun in das Raven hinein und die Treppe hinunter, die in eine geräumige, in schummriges Licht getauchte Bar führte, die gut besucht war. Alle Anwesenden schienen dunkle Kleidung zu bevorzugen. Durch die dämmrige Beleuchtung konnte man jedoch die Gesichter der Gäste kaum erkennen.

„Mir gefällt es hier ganz und gar nicht“, flüsterte Inge Michael zu.

„Ich bin völlig deiner Meinung“, gab ihr der junge Mann recht. „Aber Corinne scheint wie besessen davon zu sein, hierher kommen zu müssen. Wir können sie doch nicht allein lassen.“

„Warum eigentlich nicht?“ murmelte Inge und bedachte Corinne mit ärgerlichem Blick, während sie sich wohl zum hundertsten Mal fragte, was so viele Menschen bloß an diesem Mädchen fanden, dass sich alles um sie drehte. Das war schon in der Uni so gewesen, wo selbst Teichert sie eine Zeitlang allen anderen vorzuziehen schien, und wiederholte sich nun an diesem fremden Ort. Denn wie sonst wäre es zu erklären, dass Corinne zu der Einladung eines Nobelclubs kam, von dem sie offenbar nichts weiter wusste, als dass er bekannt war?

Inge jedenfalls hatte keine Lust, durch den Leichtsinn dieser kleinen Lambert in Gefahr zu geraten. Und wenn sie die Personen betrachtete, die sich in diesem merkwürdigen Club aufhielten, schien diese Befürchtung nicht unberechtigt zu sein. Deshalb fuhr sie leise fort: „Corinne passt mit ihrem schwarzen Outfit perfekt hierher. Sie kommt sicher gut ohne uns zurecht.“

„Rede keinen Unsinn!“ fuhr Michael sie leise an, während Corinne, die er unaufhörlich mit den Augen verfolgte, längst unten angekommen war und sich an einen freien Tisch gesetzt hatte. Sie schien sich weder über die seltsame Umgebung zu wundern noch Angst zu haben, sondern ließ ihre Blicke neugierig durch den Raum schweifen. Vermutlich hatte Inge mit ihrer Behauptung, dass Corinne sie nicht brauchte, sogar recht. Trotzdem fühlte er sich bei dem Gedanken, sie allein in diesem Club zu lassen, unbehaglich. So ergriff er die zögerliche Inge am Handgelenk und zog sie mit an den Tisch, an dem es sich Corinne mittlerweile gemütlich gemacht hatte. Einen Augenblick später war eine Bedienung bei ihnen und Michael bestellte für alle drei einen Rotwein. Dann wandte er sich an Nathalies Cousine: „Ein merkwürdiger Ort, an den du uns geschleppt hast.“

Corinne warf ihm einen verwunderten Blick zu und entgegnete: „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„So? Dann schau dich Mal um“, giftete Inge leise. „Diese Typen hier sind doch alle irgendwie unheimlich. Bist du sicher, dass sie normal sind?“

„Aber ja!“ meinte Corinne in beruhigendem Ton und lächelte. „Es gibt viele verschiedene Szenen außerhalb des universitären Lebens. Wahrscheinlich handelt es sich hier um einen Club für Leute, die ein Faible für schwarze Romantik haben.“

„Schwarze Romantik?“ fragte Inge fassungslos. „Was soll das heißen?“

„Na ja, sie fühlen sich zu allem Düsteren und Geheimnisvollen hingezogen. Alles Unerklärliche ist für sie interessant“, erklärte Corinne geduldig, als hätte sie ein kleines Kind vor sich. „Wenn du dich außer für Medienpädagogik und Mathematik noch für etwas anderes interessieren würdest, wäre das alles hier für dich nicht so erschreckend.“

Inge schwieg beleidigt. Michael schüttelte nur den Kopf über die beiden Mädchen. Weshalb fingen sie gerade jetzt an, sich anzugiften? Bevor er etwas sagen konnte, brachte die Bedienung den bestellten Rotwein, dem sich die gekränkte Inge sofort widmete, während Corinne nun wieder ihren Blick durch den Raum schweifen ließ, als ob sie jemanden suchen würde. Schließlich blieben ihre Augen an einem großen Mann haften, der am Tresen bei einer hochgewachsenen, schwarzhaarigen Frau in einem dunkelroten Kleid saß und sich mit dieser unterhielt. Sie konnte zwar nur seinen Rücken sehen, aber dieser Körper erinnerte sie an den Mann aus ihrem Traum... ob das Lucien war? In ebendiesem Moment drehte sich der Beobachtete zu ihr um, als hätte er ihren Blick gespürt, und sie begegnete zwei eiskalten, blauen Augen in dem Gesicht, das sie aus ihrem Traumbild kannte... es war einfach unglaublich...!

Corinne wandte ihren Blick errötend ab und schaute versunken in das Rotweinglas. So bekam sie auch nicht mit, dass sich der Mann am Tresen wieder der Frau in dem roten Kleid zuwandte.

„Das muss sie sein, Janette“, murmelte LaCroix und warf wieder einen Blick auf die hübsche, mädchenhaft wirkende Frau in dem eleganten, schwarzen Kostüm. Ihre leicht schrägstehenden, tiefgrünen Katzenaugen waren faszinierend. Er konnte die starke Anziehungskraft, die zwischen ihnen bestand, deutlich spüren. Zweifellos handelte es sich bei der jungen Dame um seine interessante Gesprächspartnerin von gestern Nacht. Sie schien tief in ihrem Inneren etwas zu verbergen, das sie selbst nicht wahrhaben wollte, obwohl es sie quälte... und vermutlich war sie sich dessen gar nicht bewusst. Er war begierig darauf, dieses Geheimnis zu ergründen.

„Die Kleine dort drüben soll es sein, Lucien?“ fragte Janette in seine Gedanken hinein. „Bist du wirklich sicher? Sie ist eine Sterbliche!“

„Ja, ich bin auch etwas erstaunt“, meinte LaCroix. „Ich dachte, Corinne wäre eine von uns... hm... scheint so, als hätte ich mich geirrt. Aber was soll’s? Die Kleine sieht sehr appetitlich aus... sie muss keine Sterbliche bleiben.“

Der alte Vampir warf Janette einen amüsierten Blick zu, bevor er sich erhob und langsam auf den Tisch zuging, an dem Corinne und ihre beiden Begleiter saßen. Mit ängstlichem Blick bemerkte Inge ihn und griff unwillkürlich unter dem Tisch nach Michaels Hand, denn von dem blonden Mann schien eine eisige Kälte auszugehen.

„Bitte, lass uns gehen! Sofort!“ flüsterte sie.

Corinne, die dies gehört hatte, schaute erstaunt zu Inge auf und folgte dann deren Blick. Im selben Augenblick stand LaCroix vor ihr.

„Guten Abend!“ sagte er.

Corinne erkannte diese Stimme sofort und rief spontan aus: „Lucien?!“

Der Vampir deutete eine Verneigung an, bevor er ihre Hand ergriff, zum Mund führte und einen leichten Kuss darauf hauchte, was Inge mit furchtsamem Blick und zitternden Knien verfolgte.

„Ich freue mich, dass du meiner Einladung doch noch gefolgt bist, Corinne“, fuhr er dann fort und warf einen kurzen Blick auf Inge und Michael. „Wie ich sehe, bist du nicht allein gekommen.“

„Oh, entschuldige“, sagte Nathalies Cousine, die von dem Anblick des ‚Nachtfalters’ ebenso fasziniert war wie von seiner Stimme, und stellte dann vor: „Dies hier sind Inge Riedel und Michael Fernandez.“

„Sehr erfreut“, meinte der Vampir höflich. „Mein Name ist Lucien LaCroix.“

Corinnes Begleiter nickten und zwangen sich zu einem Lächeln. Dann meinte Inge: „Verzeihen Sie, mein Herr, aber ich bin furchtbar müde und würde gerne gehen. – Könntest du mir bitte ein Taxi rufen, Michael?“

„Nicht nötig“, sagte LaCroix und schnippte mit den Fingern. Sofort erschien ein Bediensteter, dem er die Order gab, ein Taxi zu bestellen. Dann wandte er sich wieder Inge zu: „In fünf Minuten wird ein Wagen für Sie bereitstehen.“

„Danke!“ hauchte die blonde Frau und starrte den Vampir an. Dieser nickte ihr lächelnd zu. Er konnte die Angst dieser zierlichen Sterblichen fühlen und genoss es. Auch bei dem jungen Mann spürte er ein Unbehagen, das ihn äußerst zufrieden stellte.

Mit sichtlichem Vergnügen wandte er sich nun wieder verstärkt der Person zu, die ihn am meisten interessierte, aber auch ein wenig irritierte. Corinne schien ohne Furcht vor ihm zu sein, was ein äußerst seltsames Phänomen darstellte. Sterbliche hatten gewöhnlich Angst vor seiner Spezies, selbst wenn sie nicht wussten, was er war. Ihr Instinkt warnte sie vor der Nähe eines Vampirs. Irgendetwas stimmte mit der schwarzen Schönheit nicht und er wollte herausfinden, was es war.

„Ich hatte schon befürchtet, dass du nicht kommst“, sagte er zu Corinne.

„Nun, ich... wir... wir kennen uns in Toronto nicht aus“, erwiderte sie ein wenig verlegen. „Tut mir leid, dass du warten musstest.“

„Auf eine schöne Frau warte ich immer gern“, murmelte LaCroix, der erfreut registrierte, dass dieses Kompliment seinem weiblichen Gegenüber gefiel. „Verrätst du mir, was dich in diese Stadt führt?“

Michael, der das Verhalten zwischen Corinne und dem Unbekannten eifersüchtig beobachtete, hielt es für an der Zeit einzugreifen, und ehe die junge Frau etwas sagen konnte, antwortete er an ihrer Stelle: „Sie ist wegen einer Tagung hier – genau wie wir!“

„Ich bin durchaus in der Lage, selbst zu sprechen!“ wies Corinne ihn ärgerlich zurecht. Wie konnte Michael es wagen, sie wie ein kleines Kind zu behandeln? Zum Glück schien Lucien ihren Bekannten kaum zu beachten, denn sein Blick ruhte immer noch auf ihr, weshalb sie sich wieder ihm zuwandte: „Eigentlich besuche ich meine Cousine. Dass ein Kongress in Toronto stattfindet, der mich interessiert, ist eher ein Zufall.“

„Um was geht es bei dieser Tagung?“ fragte LaCroix interessiert.

„Um Kunst!“ warf Michael, den diese Nichtbeachtung seiner Person sowie das gute Einvernehmen zwischen Corinne und dem Fremden erheblich störte, heftig ein. „Aber davon verstehen Sie sicherlich nichts!“

„Michael, bitte!“ riefen Corinne und Inge gleichzeitig. Die Erstere peinlich berührt, die Letztere voller Angst, denn sie sah den durchdringenden, kalten Blick, den LaCroix nun ihrem Kollegen zuwarf.

„Junger Mann, Sie ahnen gar nicht, wie viel ich weiß“, sagte der Vampir mit kühler Stimme, während seine Augen Michael zu erstechen schienen. Dieser hatte plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Dennoch hielt er dem Blick des älteren Mannes stand.

„Er hat es sicher nicht so gemeint“, wandte sich Corinne in entschuldigendem Ton an LaCroix.

„Doch, das hat er!“ widersprach Lucien, der seinen Blick immer noch intensiv auf Michael gerichtet hielt. Dann meinte er mit gedehnter Stimme: „Das Taxi ist bestimmt schon da. Bitte, verlassen Sie jetzt den Club, Mr. Fernandez!“

„Komm, Michael“, meinte Inge schüchtern, fasste ihn am Arm und wollte hinausgehen, aber ihr Kollege blieb stehen und erwiderte mit festem Blick auf LaCroix: „Ich lasse Corinne nicht allein hier zurück!“

„Ah, Sie möchten sie beschützen“, murmelte der Vampir, starrte Michael – wie diesem schien – noch durchdringender an und wandte sich nach einer Weile lächelnd an Corinne. „Das kann ich natürlich verstehen. – Was meinst du, soll ich ihm verzeihen?“

Die junge Frau war sichtlich irritiert. Warum hatte sich Michael, den sie bisher nur als ruhigen, sachlichen Menschen kannte, so unverschämt gegenüber dem älteren Mann verhalten? Aber viel rätselhafter war, dass Lucien, der doch eben noch gekränkt zu sein schien, ihrem Bekannten plötzlich verzeihen wollte. Was für ein Spiel spielten die beiden Männer da nur?

„Ich mag keinen Streit“, hörte sie sich selbst sagen. „Dennoch, Michael, ich bin erwachsen und kann durchaus allein auf mich aufpassen!“

„Außerdem wird ihr unter meiner Obhut nichts geschehen, das versichere ich Ihnen, Mr. Fernandez“, erklärte LaCroix mit ruhiger Stimme, während sein Blick dabei mit leicht ironischem Lächeln auf dem jungen Mann ruhte.

„Ich fühle mich für Corinne verantwortlich“, erwiderte Michael, sichtlich verärgert über die Verhaltensweise des Fremden. „Daher verstehen Sie es doch sicher, wenn ich nicht von ihrer Seite weiche, bis ich sie wieder wohlbehalten bei ihrer Cousine abgeliefert habe.“

„Also wirklich, Michael, ich bin kein kleines Kind mehr!“ empörte sich Corinne, aber LaCroix lenkte ein.

„Natürlich verstehe ich Sie, Mr. Fernandez. Und da ich nicht nachtragend bin, dürfen Sie gerne weiterhin hier bleiben.“

„Sehr freundlich von Ihnen“, bedankte sich Michael in einem unfreundlichen Ton, der sein männliches Gegenüber – zu seinem großen Ärger – nur zu amüsieren schien.

„Du kommst also nicht mit zurück ins Hotel?“ meldete sich nun wieder Inge zu Wort, die aufbruchsbereit und abwartend am Tisch stand.

„Nein“, erwiderte ihr Kollege und schien durch ihre Worte allmählich wieder ruhiger zu werden. „Du findest sicher allein ins Hotel, oder?“

„Aber ja!“ antwortete Inge schnippisch und ging ohne ein Wort des Abschieds eilig in Richtung Treppe, die in den Ausgang hinaufführte. Dies ernüchterte Michael mit einem Schlag und er lief ihr bis nach oben nach, um sie zu beruhigen. Seine Kollegin als Feindin zu haben war wirklich das Letzte, was er wollte. Er erreichte sie, als sie gerade in das bereitstehende Taxi einsteigen wollte.

„Inge, warte doch mal!“ rief er und sie drehte sich überrascht um. „Es tut mir leid, ich wollte dich nicht kränken. Aber du siehst doch sicher ein, dass ich Corinne nicht mit diesem zwielichtigen Kerl allein lassen kann.“

„Ja, mach dich nur weiter zum Affen!“ höhnte Inge. „Meinst du, ich weiß nicht, dass du auf diese verwöhnte Lambert-Göre stehst? Aber gib dich keinen Illusionen hin: Du hast nicht die geringste Chance bei ihr.“

„Abwarten. In den nächsten Tagen können wir uns auf dem Kongress näher kommen und vielleicht...“

Inge lachte laut auf.

„Glaubst du das wirklich? Oh, Michael, gerade eben hast du dich so was von daneben benommen, dass keine halbwegs vernünftige Frau etwas von dir wollen würde. Wie kannst du da nur annehmen, dass Corinne sich für dich interessieren könnte? Schlag dir dieses Mädchen lieber aus dem Kopf!“

„Das kann ich nicht“, erwiderte der junge Mann und meinte dann grinsend: „Ebenso wenig, wie du dir unseren Professor aus dem Kopf schlagen kannst.“

Die zierliche Blondine starrte ihn aus erschrockenen Augen an, was Michael noch mehr zum Lachen reizte.

„Nichts für ungut, Inge. Ich werde niemandem verraten, was du für Teichert empfindest. Und nun eine Gute Nacht. Wir sehen uns dann morgen.“

 

 

 

Corinne starrte dem davoneilenden Michael nach, dann wandte sie sich wieder LaCroix zu.

„Es tut mir wirklich leid, dass er sich so unmöglich aufgeführt hat“, entschuldigte sie sich nochmals. „Wenn ich gewusst hätte, dass...“

„Scht!“ Lucien legte ihr einen Finger auf die Lippen. „Kein Wort mehr über diesen uninteressanten Menschen! Ich würde lieber unser Gespräch von gestern fortsetzen. Doch lass uns dazu einen ruhigeren Ort aufsuchen.“

Er reichte ihr seinen Arm, in den Corinne sich einhängte, und führte sie dann in einen kleinen, mit gedämpftem Licht beleuchteten Nebenraum, der überwiegend von einer Eckcouch aus schwarzem Leder ausgefüllt wurde, vor dem sich ein niedriger Holztisch mit kunstvollen Schnitzereien an den Beinen befand. Auf diesem standen bereits zwei edle Weingläser und eine geöffnete Flasche.

„Bitte, setz dich doch!“ forderte LaCroix sie freundlich auf.

Das ließ sich Corinne nicht zweimal sagen und setzte sich auf die eine Ecke der Ledergarnitur. Dabei glitt ihr Blick bewundernd über den Holztisch.

„Ohne Zweifel eine Antiquität“, meinte sie. „Und diese Schnitzereien sind wirklich ein Meisterwerk! Wie schade, dass sie in diesem Club ein verborgenes Dasein führen müssen.“

„Nun, es gibt noch manch anderes, dass sich hier verborgen hält“, murmelte Lucien, der sich auf der anderen Sitzecke, direkt neben seinem Gast, niedergelassen hatte und die beiden leeren Gläser mit Rotwein füllte. „Du scheinst etwas von Kunst zu verstehen, Corinne. Darf ich erfahren, was du beruflich machst?“

„Im Moment tue ich gar nichts“, gab die junge Frau seufzend zu. „Aber ich habe Pädagogik und Kunstgeschichte studiert und immer mal wieder in diesen Bereichen gejobbt. Zuerst natürlich während eines Schulpraktikums im Kindergarten, später dann in Galerien und Auktionshäusern. Nach meinem Examen habe ich in einem Kunstmuseum Führungen für Kinder veranstaltet und auch mal den einen oder anderen Einführungsvortrag für neue Ausstellungen gehalten.“

„Und warum hast du damit aufgehört?“

„Mein Freund ist gestorben“, erwiderte Corinne und die Erinnerung an jene Unglücksnacht überfiel sie wieder. Lucien konnte die Bilder in ihrem Kopf deutlich vor seinem inneren Auge wahrnehmen und er spürte, wie sie versuchte, den dabei aufkommenden Schmerz zu unterdrücken.

„Du solltest deinem Kummer freien Lauf lassen“, meinte er leise und legte behutsam seine Hand auf ihren Arm, was dazu führte, dass die ersten Tränen über Corinnes Wangen rollten. Wenig später wurde ihr Körper von heftigem Weinen geschüttelt. Der Vampir beobachtete sie und konnte nun neben einer gewissen Erleichterung ihrerseits noch etwas anderes fühlen, dass sich im Inneren dieser jungen Frau verbarg... ein starkes Gefühl, fast quälend, das förmlich danach schrie, endlich ausbrechen zu dürfen, aber es durfte nicht... noch nicht...

Lucien konzentrierte sich stärker auf dieses machtvolle, gefangene Gefühl und erkannte eine Sekunde später, dass es blanker Hass war... Hass, der nach Rache schrie... nach Rache für den Mord an dem geliebten Mann...

 ***

 Als Michael in den Club zurückkehrte, schaute er sich vergeblich nach Corinne und LaCroix um. Zornig ging er an die Bar, wo Janette gerade hinter dem Tresen stand und gelassen die Gäste beobachtete.

„Wo ist sie?“ zischte er die Vampirin an.

„Wer?“ fragte diese erstaunt und musterte den jungen Mann mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Corinne! Ich suche Corinne!“

Janette lachte trocken auf und meinte: „Bei all den vielen Gästen hier erwarten Sie doch nicht im Ernst, dass ich weiß, wer von ihnen Ihre Corinne ist oder gar, wo diese sich aufhält.“

„Als ich sie verlasse habe, war sie mit LaCroix zusammen“, erklärte Michael aufgebracht. „Und jetzt kann ich keinen von beiden hier entdecken.“

„Vielleicht sind sie schon gegangen“, erwiderte Janette gleichgültig, zündete sich langsam eine Zigarette an und nahm dann genüsslich einen Zug. Den Rauch blies sie Michael einfach ins Gesicht, während sie ihn unverwandt anstarrte.

„Reden Sie keinen Unsinn!“ fuhr der junge Mann sie wütend an. „Ich komme von draußen und hätte den beiden doch begegnen müssen, wenn sie wirklich gegangen wären.“

„Es gibt mehr als einen Ausgang im Raven“, klärte Janette ihn auf.

„Was?! Das darf doch einfach nicht wahr sein!“ Michael schüttelte verzweifelt den Kopf. „Und was soll ich jetzt machen? Ich fühle mich für Corinne verantwortlich!“

„Wenn Ihre Freundin bei Lucien ist, können Sie unbesorgt sein“, behauptete die Vampirin mit kühlem Lächeln.

Michael horchte auf.

„Demnach kennen Sie ihn also gut, Madam?“

Janette nickte lächelnd, beugte sich dann zu ihm vor und säuselte: „Es gibt auch noch andere Frauen...“

Der junge Mann tat, als hätte er dies nicht gehört und ließ erneut seinen Blick durch den Raum schweifen, wobei er sagte: „Ich glaube einfach nicht, dass Corinne mit LaCroix gegangen ist. Sie muss hier noch irgendwo sein...“

„Sie sind wohl sehr verliebt in sie?“ fragte Janette, statt ihm zu antworten. Daraufhin wandte Michael sich wieder ihr zu, starrte sie böse an und murmelte: „Allerdings! Und wenn Sie mir nicht auf der Stelle verraten, wo ich Corinne finde, rufe ich die Polizei!“

„Tun Sie sich keinen Zwang an“, meinte die Vampirin, lehnte sich zurück und lächelte kalt. „In meinem Club geschieht nichts, wofür man mich bestrafen kann... und ich bin auch keineswegs verpflichtet, meine Gäste zu überwachen. Dies hier ist ein freies Land und Ihre Freundin ist ein erwachsener Mensch. Meinen Sie, es gefällt ihr, wenn Sie jeden ihrer Schritte kontrollieren?“

„Ich mache, was ich für richtig halte!“ zischte Michael.

„Bei einem Verhalten wie dem Ihren wundert es mich nicht, dass Ihre Freundin mit Lucien verschwunden ist“, fuhr Janette ungerührt fort. „Auf diese Weise werden Sie das Herz der jungen Dame nie erobern.“

„Mir scheint, es hat keinen Sinn, weiterhin mit Ihnen zu reden“, erwiderte der junge Mann und verließ mit entschlossenen Schritten den Club, während ihm die Vampirin mit kaltem Lächeln nachblickte.

 ***

 Als Inge an die Rezeption trat, um ihren Zimmerschlüssel abzuholen, sagte ihr der Portier, dass sie sich sofort bei Professor Teichert melden solle.

„Worum handelt es sich?“ fragte sie erstaunt.

„Nun, das weiß ich auch nicht“, antwortete der Portier. „Aber Professor Teichert hat bereits mehrfach nachgefragt, ob Sie zurück sind. Er erwartet Sie oben.“

„Danke!“

Unruhig eilte Inge in den Fahrstuhl und fuhr hinauf in den zehnten Stock, in dem ihr Chef ein großes Zimmer bewohnte, während man Michael und sie selbst auf Wunsch des Professors in der Nähe des Dienstbotentraktes untergebracht hatte, weil diese Räume preiswerter waren. Nervös ging sie auf Teicherts Tür zu und klopfte zaghaft an.

„Ja?!“ hörte sie seine ärgerliche Stimme.

Ängstlich öffnete Inge die Tür, trat gleich darauf ein und piepste: „Entschuldige, Wernher, aber der Portier sagte mir, du erwartest mich...“

„Na endlich!“ fuhr Teichert die zierliche Frau an, die kaum merklich zusammenzuckte. „Wo hast du die ganze Zeit gesteckt!? Warst du etwa allein weg?“

„Nein, mit Michael“, erwiderte sie. „Ich dachte, du bräuchtest mich heute nicht mehr!“

„Kannst du mir nicht Bescheid sagen, wenn du mit Fernandez unterwegs bist?“

„Hast du dir etwa Sorgen um mich gemacht?“ fragte Inge mit hoffnungsvoll glänzenden Augen.

„Natürlich! Ich brauche dich doch!“ erwiderte Teichert vorwurfsvoll, aber mit ruhigerer Stimme, und ließ sich nun in einem Sessel nieder. „Komm, setz dich!“

Nachdem die junge Frau dieser Aufforderung nachgekommen war, fragte er: „Was war denn so interessant, dass du mit Fernandez das Hotel verlassen hast?“

„Nun ja, wir haben heute Morgen Corinne Lambert getroffen und uns für den Abend mit ihr verabredet“, erklärte Inge.

„Corinne? Corinne Lambert?“ fragte Teichert erstaunt. „Sie ist hier?“

„Ja, wir haben uns auch gewundert.“

„Wie geht es ihr? Was macht sie für einen Eindruck?“

„Sie wirkt immer noch ein wenig mitgenommen. Du weißt doch, dass ihr Freund vor wenigen Monaten ums Leben gekommen ist.“

„Eben!“ bestätigte Teichert. „Deshalb wundert es mich ja, dass sie in Toronto ist.“

„Sie ist genau wie wir wegen des Fachkongresses hier“, erwiderte Inge, die verärgert feststellte, wie interessiert ihr Chef an Corinne war.

„So, so... deswegen... sieh mal einer an“, murmelte der Professor, mehr zu sich selbst als zu seiner Mitarbeiterin. Dann wandte er sich wieder an diese: „Wohnt sie etwa auch hier im Hotel?“

„Nein, tut sie nicht! Soviel ich weiß, hat sie Verwandte in Toronto“, sagte Inge, die sich bemühte, trotz ihrer Eifersucht sachlich zu bleiben. Um das Thema Corinne nicht weiter vertiefen zu müssen, fragte sie dann: „Warum wolltest du mich eigentlich so dringend sprechen?“

Teichert warf ihr einen lüsternen Blick zu.

„Was glaubst du? Meinst du, ich habe dich hierher mitgenommen, um meine Nächte in Einsamkeit zu verbringen?“

„Aber ich dachte, ich wäre in meiner Eigenschaft als wissenschaftliche Mitarbeiterin hier...“

„Dann hätte mir die Begleitung von Fernandez genügt. Du bist eigentlich überflüssig, es sei denn...“

„Was?“ fragte Inge, die die Beleidigung, die seine Erklärung enthielt, nicht wahrgenommen hatte, und warf ihm einen zärtlichen Blick zu.

„Kannst du das wirklich nicht erraten, Mäuschen?“ Teichert näherte sich ihr und zog sie plötzlich an sich, während er flüsterte: „Du bist hier, um mir meine Nächte zu versüßen. Das hast du doch sicherlich geahnt, nicht wahr?“

„Ich habe es kaum noch zu hoffen gewagt, Wernher“, hauchte Inge. „Aber ich habe immer davon geträumt... ich habe mich sofort in dich verliebt, als ich dich das erste Mal sah...“ 

Statt einer Antwort lächelte Teichert selbstzufrieden, dann küsste er die junge Frau in seinen Armen, die sich ihm widerstandslos hingab und einige Augenblick später neben ihm auf seinem Hotelbett lag...

 ***

 Langsam beruhigte sich Corinne wieder. Nachdem sie sich eine letzte Träne von der Wange gewischt hatte, warf sie Lucien einen dankbaren Blick zu. Er hatte die ganze Zeit, während der sie der Schmerz übermannte, schweigend ihre Hand gehalten und lächelte nun. Ihr tief verborgener Hass, von dem sie selbst kaum etwas ahnte, faszinierte ihn sehr. Kein Wunder, dass er letzte Nacht geglaubt hatte, mit einem Wesen seiner eigenen Art zu telefonieren. Dieses Mädchen wäre sicherlich eine interessante Gefährtin. Ihr Schrei nach Vergeltung für den Tod ihres Partners bot die passende Grundlage, sie auf die dunkle Seite zu holen; und es wäre ihm ein Genuss, sie dann bei dem Vollzug ihrer Rache zu beobachten, sobald sie herausfand, wer ihren Freund auf dem Gewissen hatte. Oh, er konnte sie gut verstehen... sie waren ohne Zweifel verwandte Seelen...

Immer noch lächelnd näherte Lucien sich ihr in der Absicht, sie zu küssen.

„Nein!“ schrie Corinne plötzlich, als erwache sie aus einer Trance und rückte unwillkürlich ein Stück von ihm weg.

„Was ist?!“ fragte der Vampir verwundert.

„Entschuldige, Lucien, aber ich bin noch nicht so weit“, erklärte sie und blickte ihn mit traurigen Augen an. „Weißt du, ich kann Thomas einfach nicht so schnell vergessen. Er war der Mann meines Lebens.“

„Das verstehe ich gut“, erwiderte LaCroix. „Auch ich habe vor langer Zeit meine Familie verloren... meine Frau, meine Tochter...“

Ein wenig wehmütig dachte er daran zurück. Dass dieser Verlust über tausend Jahre her war, verschwieg er allerdings. Schließlich wollte er seinen Gast nicht erschrecken.

„Tut mir aufrichtig leid“, sagte Corinne und beugte sich vor, um seine Hand zu ergreifen. Dabei blinkte aus ihrem Ausschnitt kurz etwas auf. Interessiert wandte sich der Vampir dieser Erscheinung zu und erkannte, dass wohl das Licht den Anhänger ihrer Kette, der bisher unter dem Stoff verborgen war, reflektiert haben musste.

„Dürfte ich mir dieses Schmuckstück näher betrachten?“ fragte er.

Corinne zog sich die silberne Kette über den Kopf und reichte sie ihm. Der Anhänger war in Form eines Schmetterlings gearbeitet. In seinen Flügeln waren winzig kleine Diamanten fest eingefasst.

„Ein schönes und sicherlich sehr wertvolles Kleinod“, meinte LaCroix und reichte der jungen Frau ihre Kette zurück. „Ein Geschenk deines verstorbenen Liebsten?“

„Nein, mein Großvater hat dieses Schmuckstück für mich angefertigt, als ich geboren wurde“, erklärte Corinne. „Er wünschte mir, dass mein Leben leicht und voller Schönheit sein sollte... so wie das eines Schmetterlings.“

„Dieses schöne Geschöpf ist aber auch überaus zerbrechlich“, sagte Lucien und betrachtete sie nachdenklich, während er sich fragte, ob ihr Großvater das ebenfalls bedacht hatte. Allerdings wirkte Corinne eher wie eine Kämpferin, auch wenn sie im Augenblick nicht besonders belastbar schien. Doch das gab sich sicher, sobald sie ihr persönliches Leid überwunden hatte.

Er lächelte. Ihm kam wieder in den Sinn, wie sehr etwas in ihrem Inneren nach Rache drängte. Ob es ihr gefiele, wenn sie die Macht dazu hätte?

„Was meinst du, Corinne? Könnte der Schmetterling, ein Geschöpf der Sonne, es in der Dunkelheit aushalten?“

„Ich weiß nicht“, entgegnete sie zögerlich und überlegte einen Moment, bevor sie fortfuhr: „Es leben ja nicht alle Schmetterlinge am Tag. Du vergisst, dass es auch noch die Nachtfalter gibt. Beide gehören der gleichen Spezies an.“

„Und zu welcher Art würdest du dich selbst zählen?“ fragte Lucien. „Fühlst du dich mehr vom Licht oder von der Dunkelheit angezogen?“

„Eigentlich mag ich beides.“

„Aber wenn du dich für eine Seite entscheiden müsstest, welche würdest du wählen?“

„Das ist eine schwierige Frage. Worauf willst du eigentlich hinaus, Lucien?“

„Du bist so ein kluges Mädchen. Überleg selbst, wovon ich spreche! Für welches Prinzip könnten Tag und Nacht beziehungsweise Licht und Dunkelheit stehen?“

Corinne blickte LaCroix einen Moment verwirrt an, dann jedoch schien Klarheit in ihre Gedanken zu kommen.

„Du meinst die Einteilung der Welt in Gut und Böse, nicht wahr?“ fragte sie im Ton der Selbstgewissheit. Der Vampir nickte lächelnd.

„Demnach stünde für dich der Tagfalter für das Gute und der Nachtfalter für das Böse?“

„Ja, Corinne. Sie sind grundverschiedene Geschöpfe.“

„Ach was, so verschieden sind sie auch nicht!“ widersprach die junge Frau. „Sie sind beide nur die Hälfte einer Ganzheit.“

Nun war es Lucien, der irritiert schien. Corinne sah seinen Blick und musste ein wenig lachen. Der Vampir schüttelte nur den Kopf und meinte: „Ich verstehe nicht, was du meinst.“

„Nun ja, Gut und Böse sind zunächst einmal Wertungen, die die Menschen selbst gemacht haben“, erklärte das Mädchen. „Viele Philosophen lieferten dann Theorien, die genau definierten, was das Gute und was das Böse ist. In einigen dieser Weisheitslehren jedoch werden diese beiden Prinzipien als zwei Seiten einer Einheit genannt, die untrennbar zusammengehören. Demnach braucht das Gute das Böse wie der Tag die Nacht, um überhaupt erkennbar zu sein als das Gute und der Tag... und umgekehrt verhält es sich genauso. Also bedingen sich die beiden Prinzipien gegenseitig. Ohne das eine existiert das andere nicht! Wenn wir das in Betracht ziehen, können wir erkennen, dass der Nachtfalter auch ein Schmetterling ist. Allerdings ist er meist nachts aktiv. Aber er sehnt sich nach dem Licht, selbst wenn es ihn verbrennt...“

Corinne fiel wieder der Nachtfalter ein, den sie gestern in der Wohnung ihrer Cousine beobachtet hatte. Sie wusste nicht, was mit dem armen Geschöpf passiert war und ob es überhaupt noch lebte.

„Eine interessante Sichtweise“, murmelte Lucien, der ihr aufmerksam zugehört hatte, in ihre Gedanken hinein, während ihm augenblicklich in den Sinn kam, dass er nach Corinnes Theorie dann wohl ein nächtlicher Schmetterling sei. Dieser Gedanke brachte ihn zum Lächeln, denn er selbst nannte sich schließlich Nachtfalter. „Demnach wären Gut und Böse also notwendig?“

Corinne nickte.

Lucien beugte sich nun mit mildem Lächeln zu ihr vor und flüsterte: „Auch Leben und Tod gehören zusammen, und ich finde, dass es an der Zeit ist, dass du nach dem Tod deines Freundes, als ein Teil deiner Seele mit ihm gestorben ist, wieder ins Leben zurückkehrst.“

„Das versuche ich gerade, aber es fällt mir schwer“, seufzte sie.

„Lass mich dir helfen“, bat er leise. „Komm, Corinne, öffne dich für etwas Neues.“

Dabei näherte Lucien sich ihrem Mund, wobei er flüsterte: „Wehr dich nicht!“

Die junge Frau wich nun nicht mehr zurück und ließ es zu, dass er seine Lippen auf ihre drückte. Sie waren weich... es war so lange her, dass sie mit einem Mann Zärtlichkeiten ausgetauscht hatte... und Lucien ließ nun seinen Mund langsam in Richtung Hals wandern... es erregte sie, seine Lippen auf ihrer Haut zu spüren...

Ein lautes Klopfen brachte die beiden in die Wirklichkeit zurück.

„LaCroix! Mach sofort die Tür auf!“ rief eine energische Männerstimme. „Wenn du es nicht tust, trete ich sie ein!“

„Wer ist das?“ fragte Corinne und schaute Lucien erschrocken an. Dieser antwortete mit unverkennbarem Zorn in der Stimme: „Nicholas!“

 

Erneut klopfte es heftig an die Tür und Lucien öffnete sie. Wutentbrannt starrte er Nick an, der daraufhin gleich in das Zimmer eindrang und sich an die junge Frau wandte.

„Sind Sie Corinne Lambert?“ fragte er und betrachtete sie besorgt.

„Ja, und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“ entgegnete die Angesprochene in kühlem Ton. „Und warum stören Sie mich und Mr. LaCroix? Wir wollten allein sein!“

„Entschuldigen Sie, aber Nathalie schickt mich“, erklärte Nicholas. „Sie erhielt den Anruf von einem Ihrer Freunde, dass Sie in diesem Nachtclub hier verschwunden wären. Bestimmt können Sie sich vorstellen, dass Nathalie daraufhin keine ruhige Minute mehr hatte und mich um Hilfe bat. – Ich bin übrigens Nick Knight, ein Kollege Ihrer Cousine.“

„Schön!“ Corinne nickte ihm knapp und ohne ein Lächeln zu. „Natürlich wollte ich Nathalie keine Sorgen bereiten, Mr. Knight, aber ich bin erwachsen und in netter Gesellschaft. Wären Sie jetzt also so freundlich, uns wieder allein zu lassen?“

„Tut mir leid, aber ich musste Ihrer Cousine versprechen, Sie wohlbehalten zu ihr zu bringen. Deshalb bitte ich Sie, mich ins Revier zu begleiten.“

„Nicht zu fassen!“ Corinne schüttelte den Kopf. Dann wandte sie sich wieder mit ernstem Gesicht an Nick und fragte: „Wer hat Nathalie angerufen?“

„Das klären Sie besser mit ihr“, wich dieser aus.

Corinne sah ein, dass sie von Nats Kollegen nichts erfahren würde. Sie seufzte, warf LaCroix  einen bedauernden Blick zu und erhob sich.

„Tut mir leid, Lucien“, meinte sie. „Aber ich muss jetzt meine Cousine beruhigen.“

„Das verstehe ich“, erwiderte der Vampir, ergriff ihre Hand und hauchte einen leichten Kuss darauf. „Du bist hier jederzeit willkommen, Corinne. Ich hoffe doch, dass wir uns wiedersehen?“

„Bestimmt!“ versprach sie und lächelte Lucien an. Nick beobachtete die beiden voller Sorge. Er musste Nathalie warnen. Sein Meister schien deren jüngerer Cousine bereits den Kopf verdreht zu haben. Wenn man die Kleine vor LaCroix schützen wollte, wäre es besser, sie aus der Stadt zu bringen. Hoffentlich ließ dieses Mädchen mit sich reden. Sie schien genauso eigenwillig zu sein, wie Nathalie ihm angedeutet hatte.

 

Als Nick Corinne zu seinem Wagen führte, der auf der gegenüberliegenden Seite des Raven stand, tauchte unvermutet Michael neben ihr auf, der im Schatten eines Gebäudes verborgen gewesen war.

„Corinne! Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist!“ sagte er und seinem Ton war die Erleichterung anzumerken. Die Angesprochene jedoch drehte sich abrupt um und ihre Katzenaugen schienen in dem schwachen Licht der Straßenbeleuchtung aufzublitzen.

„Michael!“ stieß sie zwischen ihren Zähnen hervor. „Das hätte ich mir ja denken können!“

Sie trat auf ihn zu und fragte mit mühsam unterdrückter Wut: „Warum hast du Nathalie angerufen?!“

„Na hör mal, schließlich hast du dich einfach heimlich mit diesem LaCroix in irgendeinem Raum verborgen. Da hielt ich es für meine Pflicht...“, weiter kam Michael nicht, denn Corinne hatte unvermutet ihre Hände zu Fäusten geballt und prügelte nun damit auf den jungen Mann ein. Nick hatte Mühe, das aufgebrachte Mädchen von Michael loszureißen.

„Bitte, beruhigen Sie sich, Corinne! Bitte!“

„Warum?! Warum mischt er sich in meine Angelegenheiten?!“ rief sie aufgebracht. „Wie kommt er dazu, sich das herauszunehmen?!“

 

LaCroix, der sie hinaufgeleitet hatte und vor der Tür des Raven stand, beobachtete ebenso wie die beiden Wächter mit sichtlichem Vergnügen, wie diese kleine Wildkatze, die ihm gerade mal bis zur Brust reichte, auf seinen Rivalen losging. Dies sprach dafür, dass Corinne genauso leidenschaftlich war, wie er sie eingeschätzt hatte, und seine ohnehin schon vorhandene Sympathie für sie nahm deutlich zu. Im Gegensatz dazu verloren sowohl Nicholas als auch Fernandez in seinen Augen an Achtung, da sie beide nicht in der Lage waren, diese junge Frau zu beruhigen. Er spürte genau, wie erbittert sie über die Einmischung ihres Bekannten war, und ging deshalb geradewegs auf sie zu, ohne Nicholas oder Michael zu beachten.

„Mr. Fernandez hat es bestimmt nur gut gemeint “, wandte sich Lucien in sanftem Ton an das Mädchen. „Du solltest ihm verzeihen, Corinne. Sicherlich hat er sich sehr um dich gesorgt.“

Kaum vernahm die junge Frau die ruhige Stimme LaCroix’, hörte sie auf zu zappeln, so dass Nicholas es endlich wagte, sie aus der Umklammerung seiner Arme zu lassen.

„Geht es wieder?“ fragte er.

Corinne nickte ihm kurz zu, bevor sie erneut einen grimmigen Blick auf Michael warf.

„Glaub mir, ich habe es nur zu deinem Besten getan!“ beteuerte der junge Mann. „Ich dachte doch, dass du in Gefahr bist.“

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann schrie Corinne plötzlich auf: „Wie kommst du nur auf einen solch absurden Einfall! Du wusstest doch, mit wem ich zusammen war.“

„Ja, mit einem Fremden! Einem Mann, den weder du noch ich genügend kennen, um ihm vertrauen zu können!“

Ehe die junge Dame etwas auf diesen Vorwurf erwidern konnte, mischte sich LaCroix ein.

„Es ist bereits sehr spät! Ich halte es für das Beste, wenn du nun mit Nicholas zu deiner Cousine fährst, die sich bestimmt immer noch große Sorgen macht“, meinte er an Corinne gewandt. Dann beugte er sich zu ihr hinunter und flüsterte ihr ins Ohr: „Mr. Fernandez ist so besorgt um dich, weil er dich sehr gern hat. Das ist doch ein Grund, ihm zu verzeihen, nicht wahr?“

Corinne blickte den Vampir überrascht an.

„Ja... ja, ich glaube, du hast recht“, murmelte sie dann und merkte auf einmal, wie müde sie war. „Gute Nacht, Lucien!“

„Gute Nacht, meine Liebe, und angenehme Träume... mein süßer Schmetterling“, hauchte er leise in ihr Ohr, was ihm ein scheues Lächeln seiner neuen Bekannten einbrachte. Er küsste ihr erneut die Hand und ging in Richtung Raven zurück, während Corinne in Nicks Auto einstieg. Michael, der hoffnungsvoll auf ein Wort von ihr wartete, bedachte sie nur mit einem knappen Kopfnicken.

Betrübt starrte der junge Mann dem Wagen hinterher, der sie ihm entführte. Dabei achtete er nicht auf den Schatten der Gestalt, die lautlos hinter ihn trat.

„Sie ist wirklich eine überaus attraktive, junge Dame mit einer faszinierenden Ausstrahlung“, murmelte LaCroix und blickte den Sterblichen, der erschrocken herumfuhr, spöttisch an. „Ich kann durchaus verstehen, dass Sie verrückt nach ihr sind. Sie ist sicherlich eine wundervolle Gefährtin für den Mann, den  s i e  liebt. Aber  s i e  muss diesen Mann lieben. Ich glaube nicht, dass man Corinnes Liebe erzwingen kann.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen!“ gab Michael patzig zurück und kehrte dem Vampir den Rücken.

„Bemühen Sie sich nicht, mir etwas vorzumachen, Mr. Fernandez! Ich weiß, dass Sie Corinne lieben. Der Tod ihres Lebensgefährten kam Ihnen doch sehr gelegen, nicht wahr?“

Michael schien zu erstarren, während LaCroix langsam und mit spöttischem Lächeln um ihn herumging. Schließlich blieb er vor ihm stehen und fuhr fort: „Glauben Sie wirklich, Sie können eine Frau wie Corinne gewinnen?“

„Warum denn nicht?! Ich liebe sie! Und eines Tages wird sie erkennen, dass ich der richtige Mann für sie bin!“

LaCroix lachte laut auf.

„Verzeihen Sie, Mr. Fernandez, aber an Ihrer Stelle würde ich nicht darauf warten, dass meine Angebetete eines Tages meine Liebe erkennt.“

Der Vampir schwieg einen Moment und starrte Michael an. Dann murmelte er: „Wissen Sie, Mr. Fernandez, nicht jedes Mittel ist geeignet, die geliebte Frau zu gewinnen... und ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken, wenn Corinne eines Tages herausbekommt, was Sie getan haben.“

„Ich weiß nicht, was Sie eigentlich von mir wollen, LaCroix! Und ich will auch gar nicht wissen, welch krankhafte Phantasien Sie sich über mich zusammenspinnen. Doch ich verspreche Ihnen eins: Sie werden Corinne niemals kriegen... niemals!“

„Da seien Sie sich mal nicht so sicher, Fernandez! Sie mag mich!“

„Mich mag sie auch!“

„Darauf würde ich im Augenblick nicht meine Seele verwetten, junger Mann!“ widersprach Lucien. „Und nun rate ich Ihnen, schnellstens aus dieser Gegend zu verschwinden. Nachts könnte es nämlich gefährlich werden!“

„Ich habe keine Angst!“

„Das sollten Sie aber, junger Mann!“

In diesem Moment hielt ein Taxi genau vor Michael und LaCroix öffnete ihm die Wagentür.

„Leben Sie wohl, Fernandez!“

 ***

 Im Revier angekommen, platzierte Nicholas Corinne an seinen Schreibtisch, direkt gegenüber Schanke, der das junge Mädchen anstarrte, als sei es von einem anderen Stern.

„Bitte, warten Sie hier einen Augenblick. Ich hole Nathalie.“

Nick verschwand. Corinne blickte ihm missmutig nach. Sie ärgerte sich noch immer, dass Michael ihre Cousine angerufen und somit dafür gesorgt hatte, dass sie – eine erwachsene Frau – von einem Polizisten aufs Revier gebracht worden war, als hätte sie irgendetwas verbrochen.

„Sind Sie Nathalies Cousine?“ unterbrach Schanke, der seine Augen nicht von ihr lassen konnte, ihre Gedanken. Sie wandte ihm ihr Antlitz zu und nickte.

„Freut mich sehr“, fuhr der Polizist fort und schenkte ihr ein Lächeln. Corinne erwiderte es schwach. „Mein Name ist Don Schanke. Ich arbeite mit Nick zusammen und kenne Ihre Cousine recht gut.“

„Angenehm. Ich bin Corinne Lambert; und ich frage mich, was ich hier eigentlich zu suchen habe.“

„Soviel ich mitbekam, ist Nathalie überaus besorgt um Sie gewesen.“

„Völlig unnötig“ murmelte die junge Frau und schloss für einen Augenblick die Augen.

„Möchten Sie einen Kaffee, Miss Lambert?“

Erneut nickte das Mädchen und meinte, nachdem Schanke ihr das heiße Getränk gebracht hatte: „Nennen Sie mich ruhig Corinne.“

Ein Strahlen ging über das Gesicht des Polizisten, bevor er erwiderte: „Ich bin Don.“

Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und ließ seinen Blick einen Moment über seine Akten schweifen. Dann fragte er: „Sind Sie Fotomodell?“

Corinne lachte.

„Aber nein, wie kommen Sie darauf?“

„Nun ja, bei Ihrem Aussehen...“

„Vielen Dank, Mr. Schanke...“

„Don!“

„Vielen Dank, Don, das ist sehr schmeichelhaft. Aber ich glaube, um Fotomodell zu werden, muss man größer als 1,65 m sein.“

„Jammerschade...“

„Da es nie mein Wunsch war, Modell zu werden, ist das doch egal, Don. Ich bin Kunstpädagogin und liebe meinen Beruf.“

„Und was führt Sie nach Toronto? Besuchen Sie nur Ihre Cousine?“

„In erster Linie schon, aber ich halte auch einen Vortrag auf dem demnächst stattfindenden Kongress über Kunst. Kommen Sie doch auch!“

„Also, ich weiß nicht...“

„Nathalie kommt auf alle Fälle“, erklärte Corinne, deren Müdigkeit verflog, da sie nun Gelegenheit hatte, über ihr Fachgebiet zu sprechen. „Die Tagung wird bestimmt sehr gut. Sie beginnt mit einer Vernissage im Vorraum des großen Saals, in dem anschließend die Vorträge gehalten werden. Sie soll die Teilnehmer auf das Thema einstimmen.“

„Wie lautet denn das Thema dieser Tagung?“

„Sinn und Unsinn der optischen Kunst. Was bedeutet sie im Zeitalter der neuen Medien?“

„Das klingt recht hochtrabend“, meinte Schanke. „Glauben Sie wirklich, dass das etwas für mich ist? Von Kunst verstehe ich nichts.“

„Ach was! Wir sind täglich von optischer Kunst umgeben: Werbeanzeigen, Fotos und Filmen in diversen Medien wie Zeitschriften, Fernsehen und Internet kann kaum jemand entgehen“, führte Corinne aus. „Ich würde mich jedenfalls freuen, Sie auf der Tagung zu sehen.“

In diesem Augenblick tauchte Nathalie im Büro auf und schloss ihre Cousine sofort in die Arme.

„Oh, Corinne, ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist“, meinte sie. „Nachdem dein Freund hier angerufen und erzählt hat, dass du verschwunden seiest, bin ich fast durchgedreht.“

„Tut mir leid, dass dieser Idiot dich mit seinem unnötigen Anruf in Angst versetzt hat“, erwiderte Corinne. „Wahrscheinlich wollte er sich nur wichtig machen!“

„Nein! Nein, den Eindruck hatte ich nicht“, sagte Nathalie. „Dein Freund wirkte überaus besorgt um dich.“

„Michael ist nicht mein Freund!“ stellte Corinne in sachlichem Ton klar. „Das Einzige, was uns verbindet, ist das frühere, gemeinsame Studium. Wir sind gute Bekannte, sonst nichts.“

„So?“ Nathalie blickte ihre Cousine erstaunt an. „Ich hatte vorhin aber einen ganz anderen Eindruck. Du hast dich doch so gefreut, mit ihm auszugehen.“

„Mit ihm und Inge, einer anderen früheren Kommilitonin“, erklärte Corinne. „Wenn du den Eindruck gehabt hattest, Michael und ich wären Freunde, dann hast du dich geirrt. Natürlich freute ich mich, in dieser fremden Stadt bekannte Gesichter zu treffen, aber mehr steckte auch nicht dahinter. Wenn ich allerdings geahnt hätte, dass Michael dermaßen übertreibt...“

„Er hat nicht übertrieben. Das Raven liegt in einer sehr gefährlichen Gegend. Eine Frau sollte da nicht alleine hingehen“, nahm Nathalie den jungen Mann in Schutz. Als Corinne darauf nichts erwiderte, fuhr sie fort: „Es ist wirklich bedauerlich, dass ich mich nicht so um dich kümmern kann, wie es vielleicht angebracht wäre. Möchtest du nicht lieber wieder nach Frankfurt zurückfliegen und in ein paar Wochen wiederkommen, wenn ich Urlaub habe?“

„Nein, will ich nicht!“

Nathalie erschrak über diese heftige Antwort ihrer Cousine und warf Nick einen hilflosen Blick zu. Nachdem sie von diesem erfuhr, mit wem Corinne sich getroffen hatte, hielt sie es ebenso wie er für das Beste, eine Wiederbegegnung zwischen ihr und LaCroix zu verhindern. Beide wussten, wie gefährlich der alte Vampirmeister war.

„Überleg es dir, Corinne“, bat Nathalie erneut und schaute sie besorgt an. „Ich habe keine ruhige Minute, da du oft allein bist; und dein Vater hat mir ans Herz gelegt, dass...“

„Papa übertreibt!“ schnitt die junge Dame ihrer Cousine das Wort ab. „Ich will nicht zurück nach Frankfurt – und ich kann es auch nicht! Schließlich halte ich in ein paar Tagen einen Vortrag auf einem Kongress.“

„Bist du sicher, dass du dazu schon in der Lage bist?“ fragte Nathalie zweifelnd. Sie merkte, wie gereizt Corinne war und führte das auf den Verlust ihres langjährigen Freundes zurück, dessen Tod sie immer noch nicht verwunden zu haben schien.

„Natürlich bin ich dazu in der Lage“, erwiderte Corinne ungehalten und schaute ihre Cousine einen Augenblick später angriffslustig an. „Oder ist es dir etwa nicht recht, dass ich bei dir wohne, Nat? Ich kann mir gerne ein Hotelzimmer nehmen.“

„Nein, so war das nicht gemeint!“ sagte Nathalie schnell. „Ich mache mir nur Sorgen um dich – genau wie dein Freund Michael.“

„Wie ich schon einmal sagte, ist Michael    n i c h t    mein Freund!“ zischte Corinne. Einen Augenblick später brach sie in Tränen aus und sagte unter Schluchzen: „Tut mir leid, Nat! Aber Michael ist nicht mein Freund! Er war es nie! – Mein  Freund  ist tot... tot...“

 ***

 LaCroix, der vor einigen Augenblicken das Revier betreten und diese Szene von weitem beobachtet hatte, schüttelte den Kopf. Er wunderte sich, dass eine so sensible Frau wie Dr. Lambert nicht merkte, wie verletzend die Vorgehensweise, ihre Cousine durch einen Polizisten ins Revier bringen zu lassen, war. Und das gerade eben stattgefundene Gespräch, das durchblicken ließ, für wie unzurechnungsfähig sie die junge Dame hielt, vertiefte diese Verletzung noch. Merkte Dr. Lambert denn nicht, dass sie durch dieses Verhalten eine Kluft zwischen sich und Corinne aufbaute?

Einerseits freute sich Lucien, denn dadurch trieb Nathalie ihre junge Cousine direkt in seine Arme. Andererseits tat es ihm leid, dass Corinne durch die dummen Verhaltensweisen von unsensiblen Sterblichen verletzt wurde. Sein Mitgefühl mit diesem Mädchen verwirrte Lucien, denn seit Ewigkeiten hatte er nicht mehr solche Empfindungen verspürt. Zwischen ihm und Corinne musste eine Art geheimnisvolle Bindung entstanden sein, die er sich nicht erklären konnte, die ihn aber desto neugieriger auf sie machten. Er würde sie nicht mehr aus seinen Fängen lassen...

 

Autorennotiz

Ich bin ein Fan der kanadischen Serie „Nick Knight, der Vampircop“ (im Original: Forever Knight). Für alle, die sie nicht kennen sollten, eine kleine Kurzbeschreibung:
Nicholas von Brabant, ein französischer junger Ritter aus dem Mittelalter, verliebte sich in eine gewisse Janette und war deshalb bereit, sich von deren Meister Lucien LaCroix zu einem Vampir verwandeln zu lassen. Viele Jahrhunderte lang hatte Nicholas keine Probleme mit dieser Existenzweise. Eine Sinnkrise setzte etwa in der Neuzeit ein, in der er begann, sein Leben als Vampir, der Menschen ohne Gewissensbisse tötet, zu hinterfragen.
Die Serie spielt Ende des 20. Jahrhunderts (90er Jahre), in der Nicholas (der sich jetzt Nicholas Knight nennt) als Cop in der Nachtschicht („Sonnenallergie“) der Torontoer Polizei arbeitet. Für ihn ist das eine Art Sühne für all seine Verbrechen (Tötung von Menschen aufgrund seines Verlangens nach deren Blut). Er lehnt seine Vampirnatur ab und hofft, u. a. mit Hilfe der Pathologin Nathalie Lambert (die als einzige weiß, was er ist) ein Mittel zu finden, um wieder ein Mensch zu werden.
Natürlich gefällt Nicks Entscheidung weder seiner langjährigen Partnerin Janette, von der er sich mittlerweile getrennt hat, noch seinem Meister LaCroix.

Über eure Meinung zu der Story würde ich mich freuen.

Disclaimer: Die Personen aus „Nick Knight, der Vampircop“ gehören natürlich den Machern dieser Serie.

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Autor

Hermias Profilbild Hermia

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Kapitel:7
Sätze:1.269
Wörter:13.682
Zeichen:81.369

Kurzbeschreibung

Corinne Lambert besucht ihre Cousine Nathalie in Toronto. Eines Nachts hört sie die Sendung des "Nachtfalter" und ruft prompt dort an.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Liebe, Mystery und Krimi getaggt.

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