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Ein Herz aus Glas

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17.9.2019 13:44
12 Ab 12 Jahren
Workaholic

7 Charaktere

Asahi Azumane

Er ist Drittklässler an der Karasuno. Er ist Flügelspieler und das Ass des Volleyballteams. Auch wenn er ein eher furchteinflößendes Aussehen hat und andere verschreckt, ist er doch ziemlich zahm und sanftmütig. Sein Selbstvertrauen wurde nach einer Niederlage in einem vorherigen Turnier heftig angekratzt, weswegen er mit Volleyball aufgehört hatte.

Daichi Sawamura

Er ist einer der Drittklässler an der Karasuno und außerdem Kapitän des Volleyballteams. Hat eine Weile nach dem Rücktritt des alten Ukais zusätzlich als Trainer agiert. Spielt als Außenspieler und denkt immer zuerst an das Team.

Koshi Sugawara

Er ist ein Drittklässler an der Karasuno und der Vize-Kapitän des Volleyballteams. Er ist der Stammzuspieler bis Kageyama ins Team kommt. Er wirkt zwar meist freundlich, weiß aber auch sich durchzusetzen, wenn es sein muss.

Ryunosuke Tanaka

Er ist Zweitklässler an der Karasuno. Er ist einer der Außenspieler und in der Zeit, als Asahi den Club verlassen hat, sozusagen das Ass des Volleyballteams. Er lässt sich häufig provozieren oder provoziert jemanden aus dem gegnerischen Team.

Shoyo Hinata

Shoyo Hinata ist ein Erstklässler an der Karasuno Oberschule in Miyagi. Er ist Mittelblocker des Volleyballteams und hat, seit er ein Spiel von dem früheren Team von Karasuno gesehen hat, den Traum genauso zu werden, wie das damalige Ass des Teams. Er hatte sich eigentlich vorgenommen, Kageyama zu besiegen, muss schließlich aber mit diesem zusammenarbeiten.

Tobio Kageyama

Tobio Kageyama ist ein Erstklässler an der Karasuno Oberschule in Miyagi. Er ist der aktuelle Setter des Volleyballteams und bekam an der Mittelschule von seinem Team den Spitznamen „König des Feldes“, weswegen er es hasst, wenn ihn jemand so nennt.

Yu Nishinoya

Er ist Zweitklässler an der Karasuno. Er ist der Libero des Teams und wird als „Karasuno's Guardian Deity“ bezeichnet. Er wurde nach einem heftigen Streit und Unannehmlichkeiten in der Schule für einen Monat vom Clubtraining suspendiert, ist aber eigentlich eine Frohnatur und ist von Hinatas Traum das Ass zu werden begeistert.

Kapitel 1

 

„Vielen Dank für das gute Spiel!“

Tief verbeugten sie sich, spiegelten die Bewegung der anderen Oberstufenschüler von der anderen Seite des Netzes her.

„Das war wirklich ein gelungener Tag“, lobte Trainer Ukai von der Seitenlinie und klatschte breit grinsend in die Hände. „Bedankt euch besser beim Team der Ohgi Minami Hochschule, dass sie extra vorbei gekommen sind für dieses Trainingsspiel und das auch noch unter der Woche.“

„Danke!“

Einstimmig verbeugten sie sich erneut vor dem anderen Team ehe sie nach vorne gingen und die Hände unterm Netz hindurch schüttelten.

„Ach, wir haben zu danken“, entgegnete Coach Ninomiya und klopfte Ukai freundschaftlich auf die Schulter, „da unser Mädchenteam heute auch ein Trainingsspiel bei uns hat, hätten wir sonst gar keine Möglichkeit gehabt heute zu trainieren.“

„Na, wenn das so ist...“ Beide Trainer schüttelten ebenfalls die Hände. „Wie dem auch sei, das nächste Mal besuchen wir euch.“

„Nur zu gerne, aber dann bitte am Wochenende damit wir danach noch einen Sake heben können.“

In ausgelassener Stimmung verabschiedeten sie das andere Team und besprachen danach den vergangenen Nachmittag, dabei wurde viel gelacht und trotz einiger Kritikpunkte überwogen die lobenden Worte doch bei weitem.

Sie hatten auch gutes Recht bestens gelaunt zu sein.

Ohgi Minami war kein herausragendes Team, bereits in der Vorrunde des Frühlingsturniers im August hatte Karasuno sie in zwei Sätzen durchgehend dominiert und gnadenlos geschlagen.

Das lag nun jedoch schon über drei Monate zurück und Karasuno bereitete sich auf das Frühlingsturnier in Tokio vor. Ohgi Minami auf der anderen Seite hatte die turnierfreie Zeit wohl genutzt, um sich komplett neu aufzustellen und das schien sich offensichtlich auszuzahlen.

Trotzdem hatte Karasuno fast alle Sätze für sich entscheiden können.

„Das war ja so cool! Hast du gesehen Kageyama, der letzte Ball hat so richtig schön swoosh gemacht und er ist genau auf der Linie gelandet. Das nenne ich mal Können.“

„Ich fand es klang eher so nach puff“, brachte sich Tanaka lachend ein und zog den kleinen Mittelblocker auf.

„Das lag daran, dass Hinata den Ball nur mit dem Handballen getroffen hat und nicht mit der ganzen Hand“, erklärte Kageyama herablassend. „Es war ein reiner Glückstreffer, mehr nicht.“

„WAS?!“ Hinata sprang den anderen direkt an. „Das war ein Swoosh und voll mit Absicht so gezielt! Wenn ich die nicht richtig treffe, fühlen die sich sonst eher so blop an.“

„Ist das schon wieder ein Gespräch auf Grundschulniveau?“

Feixend kam Tsukishima an den dreien vorbei und warf die übrigen Bälle in den Korb.

„Hey ihr da“, unterbrach Daichi sie ernst, „macht mit dem Aufräumen weiter, es ist schon spät und wir haben morgen alle Schule.“

„Die von euch, die länger nach Hause brauchen, sollten sich schon mal umziehen gehen“, stimmte Sugawara zu, „wir anderen erledigen den Rest. Damit meine ich vor allem dich Hinata! Es ist schon dunkel und du hast noch einen langen Weg vor dir.“

Schnell zog der Vizekapitän Hinata hinter sich her, welcher gerade versuchte sich mit Tsukishima anzulegen.

„Hey, kann ich mich auch umziehen gehen?“, fragte Tanaka während Yamaguchi und Ennoshita Hinata zwischen sich eingeklemmt mitnahmen, gefolgt von Kinoshita, Narita und Tsukishima – der gar nicht so weit entfernt wohnte. „Meine Schwester ist heute zu Besuch und ich...“

„Ja geh nur, wir sind ja eh fast fertig“, genehmigte der Kapitän des Teams mit einem Augenzwinkern.

„Oh Daichi, du bist ja heute richtig gutmütig gelaunt.“ Asahi nahm Daichi das zusammengefaltete Netz ab und legte es sich über den Unterarm.

„Ach weißt du, ich habe mir gedacht, da du ja heute einen so guten Tag hattest, kannst du ja allein den Rest aufräumen.“

Lachend klopfte der Kapitän des Volleyball-Teams seinem Ass kräftig auf die Schulter, der sichtlich entsetzt über diese Aussage war.

„Nimm doch nicht immer alles so ernst, du halbe Portion. Du verstehst noch nicht mal einen Scherz, oder?“

„Ach, Daichi. Mach es dem armen Kerl doch nicht noch schwerer, dabei hatte er heute endlich mal einen guten Tag.“ Von hinten kam Sugawara zu ihnen und schob den Ballkorb vor sich her.

„Danke Suga… denke ich.“

Sich gegenseitig aufziehend – wobei das Ass des Teams am meisten einstecken musste – arbeiteten die Drittklässler zügig weiter. Bis auf Kageyama und Nishinoya waren die anderen sich umziehen gegangen oder bereits aufgebrochen.

Sowohl Herr Takeda als auch Trainer Ukai hatten direkt nach der kurzen Besprechung die Kurve gekratzt, um einer Versammlung der verschiedenen Trainer der Schule beizuwohnen. Vielleicht würden sie zum neuen Jahr hin ein etwas höheres Budget für den Volleyballclub erhalten.

Shimizu und Yachi hatten es nicht geschafft ihre Termine zu verschieben um dem kurzfristig organisierten Trainingsspiel beizuwohnen. Erst am vergangenen Freitag hatte Herr Takeda die Anfrage erhalten.

Doch keinen der Verbliebenen störte, dass sie nur so wenige waren; das Auf- und Abbauen nach dem Training gehört zu ihrer täglichen Routine und hatte beinahe etwas Meditatives, etwas Entspannendes.

Gerade heute, wo die Flitzebogen des Teams bereits fort waren, hatte es etwas angenehm Ruhiges.

„Ist es dir auch aufgefallen?“, murmelte Sugawara nun leise seinem Kapitän zu während er aus dem Augenwinkel die restlichen Anwesenden beobachtete. „Nishinoya ist ungewöhnlich ruhig.“

Daichi nickte nur und begann die noch verstreuten Handtücher einzusammeln.

„Lass ihn einfach, du wirst sehen morgen ist er wieder der Alte.“

Mit einem Nicken, wenn auch nicht ganz überzeugt, sah Sugawara sich um. Sie waren fertig.

„Ich mach mich dann jetzt auch auf. Bis morgen“, winkte Kageyama ihnen zu und ging, ohne auch nur auf eine Antwort zu warten. Er hatte sich noch nicht mal umgezogen und keiner von den beiden Drittklässlern wusste, wann er die Zeit gehabt hatte seine Tasche zu holen.

„Kageyama auf der anderen Seite scheint ganz zufrieden mit heute zu sein“, meinte Sugawara schulterzuckend.

„Findest du, Suga? Auf mich wirkte er eigentlich wie immer.“ Nun gingen sie sich schlussendlich auch umziehen. „Unser Asahi allerdings war heute wirklich in Topform, wenn du mich fragst.“

Der Vizekapitän lachte leise: „Ja, man hätte fast schon meinen können, dass er das Ass ist, was?“

„Zu gütig Suga.“ Genanntes Ass kam nun ebenfalls in die Umkleide, ein gefrorenes Lächeln auf den Lippen und eine kleine Sorgenfalte zwischen den Augen.

„Ach, Asahi, nimm dir doch nicht immer alles so zu Herzen. Ich war einfach nur sehr beeindruckt davon wie beständig du heute warst und so selbstsicher.“

Asahi schien nicht ganz überzeugt von Sugawaras Worten, während er sein verschwitztes Shirt auszog.

„Wieso klingt das aus deinem Mund eher wie eine Beleidigung?“

Erneut lachten die anderen beiden Drittklässler, doch verstummten als hinter dem Ass die Türe aufging und ihr Libero hineinkam.

Wieder tauschten Sugawara und Daichi einen ernsten Blick aus und verpassten beinahe wie Asahi den Zweitklässler für einen Moment ernst ansah ehe er sich selbst bestätigend zunickte.

„Hey Nishi...“

„Daichi, Suga. Warum geht ihr nicht schon mal vor? Ihr seid doch fertig umgezogen und ich kann gerne abschließen, hab‘s ja nicht weit nach Hause. Wir sehen uns dann morgen, ja?“

Überrascht starrten die beiden Angesprochenen ihr Ass mit großen Augen und offenem Mund an. Sie wussten nicht, was ungewöhnlicher war. Dass Asahi wirklich Daichi unterbrochen hatte oder dass er ihnen bedeutete die Umkleide zu verlassen.

Geschockt diskutierten sie gedanklich was sie tun sollten, kamen jedoch zu dem Schluss, dass wenn Asahi schon der Meinung war sich selbst um Nishinoya zu kümmern, dann würden sie das auch ihm überlassen und sein Momentum an Selbstbewusstsein nicht unnötig anzweifeln.

„Na gut, meinetwegen, hier ist der Schlüssel zum Abschließen, Asahi. Bis morgen.“

„Bis morgen, Asahi, Nishinoya.“

Libero und Ass winkten zum Abschied. Der Jüngere, ohne überhaupt aufzusehen während er sich die Shorts herunterriss. Der Ältere mit einem fast schon selbstsicheren Lächeln.

„Weiß wirklich nicht wer von den beiden mich mehr beunruhigt“, murmelte Sugawara als sie die Sporthalle hinter sich ließen.

„Ach, mach dir nicht so einen Kopf, Suga. Nishinoya war heute einfach mal nicht in seiner üblichen Topform, kann vorkommen, morgen ist er bestimmt wieder in Ordnung. Was Asahi angeht gebe ich dir allerdings Recht. Wir müssen aufpassen, dass Mister Arrogant hier uns nicht bald abhebt. Neben Kageyama brauchen wir nicht auch noch einen Oikawa2.0.“

Nun lachten sie beide.

„Oh, glücklicherweise hat Asahi mit Oikawa wirklich wenig gemein, was das angeht brauchen wir uns keine Sorgen machen. Aber manchmal würde ich mir schon wünschen, dass er sich zumindest eine Scheibe von Oikawas Selbstbewusstsein abschneiden würde“, gestand Sugawara nachdenklich ein. „Es ist gut, dass er Nishinoya hat.“

„Ich denke, deswegen ist er auch gerade geblieben.“

Sie bogen um eine Kurve.

„Da Asahi so ein Sensibelchen ist bemerkt er halt auch schnell, wenn andere im Team mit sich zu kämpfen haben...“

„...Und wenn es unseren Nishinoya trifft, beschäftigt ihn das natürlich noch umso mehr“, führte Sugawara Daichis Satz seufzend fort. „Gerade weil Nishinoya immer so stark und selbstbewusst drauf ist und immer weiß was zu sagen ist wenn Asahi es wieder schwer mit sich hat, glaube ich, dass es für Asahi fast noch schlimmer ist, wenn es Nishinoya beschissen geht.“

Daichi nickte zustimmend und wurde langsamer als vor ihnen die Kreuzung auftauchte, an der sie getrennte Wege gehen würden.

„Ich frage mich nur, ob es wirklich nötig ist Noya einen Vortrag zu halten. Er ist keine Maschine, er macht auch mal Fehler, das weiß er am besten. Ich bin mir sicher, dass wir uns keine Sorgen machen brauchen.“

Sugawara verschränkte die Arme und blieb stehen.

„Du siehst das anders?“, fragte Daichi nach.

„Was? Oh nein, nein. Aber ich frage mich, ob Asahi etwas bemerkt hat was uns entgangen ist. Warum sonst sollte er mit Nishinoya reden wollen? Er weiß doch auch wie unser Libero tickt.““

Schulterzuckend blieb Daichi ebenfalls stehen, doch dann zeigte sein Vizekapitän wieder dieses breite Grinsen.

„Ach was, ich mache mir völlig umsonst Sorgen. Vielleicht wird unser halbes Hemd von einem Ass nun endlich erwachsen und ein echter Mann.“

Auflachend setzte sich Daichi wieder in Bewegung und winkte Sugawara zum Abschied zu.

„Erwarte nicht das Unmögliche, Suga. Ich wette mit dir morgen ist auch Asahi wieder der alte Hasenfuß.“

„Man wird doch wohl noch träumen dürfen.“

 


Etwas unwohl zog Asahi seine Sportschuhe aus und verstaute sie bei seinen Sachen.

Vor wenigen Sekunden hatte er noch großspurig geglaubt genau zu wissen was er tun konnte. Aber nun, da er Daichi und Sugawara weggeschickt hatte und nur noch die schwarze Gewitterwolke namens Nishinoya hinter seinem Rücken vor sich hin brodelte war er sich gar nicht mehr so sicher.

„Also das nenn ich mal ein erfolgreiches Trainingsspiel“, meinte er mit einem halben Lachen, „und so wenige Strafrunden hatten wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr.“

Nishinoya hinter ihm grummelte etwas zustimmendes in seinen nicht vorhandenen Bart.

Asahi bekam ganz schwitzige Hände; er wollte das hier richtig machen, wollte nicht, dass Nishinoya mit so einem unzufriedenen Nachgeschmack nach Hause gehen musste. Wenn er ehrlich war, war Asahi nicht gut darin anderen Mut zuzureden - meistens, weil er derjenige war, der den Zuspruch am besten gebrauchen konnte - aber deshalb wusste er auch wie wichtig es war einem Teamkameraden beizustehen.

Insbesondere, wenn es sich um den Mitspieler handelte, der das Rückgrat des Teams war; insbesondere, wenn es sich um denjenigen handelte, der so gut wie nie seinen eigenen Zweifeln erlag.

„Wobei Towada sich wirklich verbessert hat, muss ich sagen. Er scheint in seiner Rolle als neuer Kapitän wirklich aufzugehen. An Daichi kommt er allerdings noch lange nicht ran.“

Wieder grummelte der andere mehr oder weniger zustimmend. Langsam lief das Ass des Teams warm, während er sein Hemd anzog.

„Nur weil Ohgi Minami mittlerweile als Team so gut funktioniert konnten wir viele verschiedene Dinge ausprobieren.“

Vorsichtig knöpfte er jeden einzelnen Knopf zu und dachte über den vergangenen Nachmittag nach.

„Ich finde mein Sprungaufschlag wird auch schon immer besser, aber der verspätete Angriff bereitet mir echt noch richtige Probleme; bin sogar einmal ins Netz gefallen, sah fast so dämlich aus wie Hinata.“

Dieses Mal erhielt er keine Reaktion und als er sich umdrehte sah er wie Nishinoya seine Uniform festhielt, den Kopf gesenkt.

Das tat weh.

Es war in Ordnung, wenn Nishinoya mal unzufrieden war, sollte er laut werden, sich ärgern, mal aus der Haut fahren. Das war in Ordnung, er sollte seinem Ärger Luft machen.

Aber dieses ruhige vor sich Hinbrüten mit gesenktem Kopf, das passte nicht zu ihrem Libero, das passte nicht zu seiner Nummer vier. Aber Asahi kam dieses Verhalten trotzdem zu gut bekannt vor und deshalb musste er handeln.

„Hey Nishinoya, es ist...“

„Sag‘s nicht.“

Der andere hatte sich nicht bewegt.

„Ich will es nicht hören.“

Es war in Ordnung, er war verletzt, unzufrieden mit sich selbst, da sagte man schon mal solche Dinge.

Tief durchatmend nickte Asahi sich selbst bestätigend zu und legte eine Hand auf die Schulter seines Freundes.

„Ach komm schon, Yū, jeder von uns hat schon mal einen…“

„Halt die Klappe, ja?“

Hart schlug der andere seine Hand weg.

„Du hast doch keine Ahnung was los ist!“

Nishinoya wirbelte zu ihm herum und sah ihn direkt an, das Trikot in seinen Händen zusammengeknüllt.

„Ach, so schlimm war es doch...“

„Fünf Mal!“

Der Libero drückte ihm seine ausgestreckte Hand nahezu ins Gesicht.

„Fünf Mal hast du heute Angriffe abwehren müssen, die mir galten, die ich hätte verteidigen müssen.“

Es tat weh, wenn der andere ihn so ansah.

„Nishinoya, es war ein Trainingsspiel, mehr nicht und was ist daran so schlimm, wenn ich in der Defensive etwas mehr Übung...?“

„Nein!“

Asahi machte einen Schritt zurück.

„Ich kann nicht angreifen oder blocken, ich darf noch nicht mal einen Aufschlag machen. Meine einzige verdammte Aufgabe ist es die Bälle zu kriegen mit denen ihr Punkte machen könnt. Das ist mein scheiß Job! Das ist der einzige beschissene Grund warum ich eine Berechtigung habe auf dem Spielfeld zu stehen!“

Dieses Mal blieb Asahi stehen als der andere noch einen Schritt auf ihn zu machte.

„Wenn du einen Angriff abwehren musst, weil ich’s verbockt hab, weil ich ihn nicht halten konnte, dann beraube ich dich in diesem Moment der Chance einen Punkt zu machen. Dann bin ich in diesem Moment nicht mehr als, eine Last, ein Klotz am Bei. Wenn ich so beschissen spiele wie heute, dann habe ich kein Recht darauf mich Libero zu...“

„Moment mal!“

Jetzt machte Asahi einen Schritt nach vorne und sah direkt zu Nishinoya hinab. Sein Herz raste und er hatte riesige Angst. Angst vor diesem wilden Blick, vor diesen wütenden Worten, vor diesen zitternden Fäusten.

Aber dieses Mal würde er nicht rennen, dieses Mal würde er Nishinoya gegenüberstehen, ein Gegenüber sein, so wie Nishinoya es immer für ihn war.

„Das will ich nie wieder von dir hören, verstanden?! Nie wieder!“

Die Tiefe seiner Stimme überraschte Asahi fast selbst, aber mehr noch schien er den anderen zu beeindrucken.

„Nur um das klarzustellen, du bist der Libero, ein Spezialist in der Verteidigung und du bist der Beste, den ich kenne.“

Nishinoya versuchte ihn zu unterbrechen, aber Asahi nahm gerade Fahrt auf.

„Aber auch du machst Fehler und auch du hast schlechte Tage und um ehrlich zu sein beruhigt mich das ungemein. Ich hatte zwar nie vor es laut auszusprechen, aber du und Kageyama, ihr seid so gut, das baut schon ganz schön viel Druck auf uns Normalsterbliche auf.“

Nun sah Nishinoya ihn nicht einmal mehr an, sondern hatte den Kopf gesenkt. Zum ersten Mal versuchte der andere nicht ihm das Wort zu nehmen. Vielleicht konnte Asahi ja jetzt endlich zu ihm durchdringen.

„Außerdem ist mir egal wie viele Fehler du machst, Hauptsache du stehst mit mir auf dem Spielfeld bis zum Ende jedes einzelnen Spieles. Für jeden deiner Fehler werde ich doppelt so viele Punkte holen, denn das ist meine Aufgabe als Ass. Ich weiß, du denkst da deine wichtigste Aufgabe die Verteidigung ist, müsstest du sie allein meistern, aber es kann immer nur einer einen Punkt mit dem Ball schlagen und wir sind zu sechst auf dem Feld. Also bin ich gerne bereit, einen der anderen den Punkt holen zu lassen, wenn ich dafür deinen Rücken decken kann. Schließlich ist das Wichtigste im Spiel nicht wer den stärksten Angriff hat, sondern wer den Ball in der Luft hält.“

Schwer atmete er als hätte er gerade erst ein Wettrennen gegen Hinata verloren, doch Asahi fühlte sich gut, er hatte die richtigen Worte gefunden – zumindest die meiste Zeit – und er meinte es genauso wie er es gesagt hatte. Sie waren ein Team und wenn einer von ihnen schwächelte, würde der Rest für ihn einstehen. Es war egal ob er den Punkt holte oder ein anderer; das Wichtigste war, dass der Ball im Spiel blieb.

Für eine gefühlte Ewigkeit waren sie beide ruhig und Asahi überlegte fahrig was er nun sagen sollte, um diese seltsame Stille zu überbrücken.

„Du verstehst es einfach nicht.“

Nishinoya hatte den Blick immer noch gesenkt und schüttelte nur leicht den Kopf.

„Du willst es einfach nicht kapieren.“

„Wovon redest du, Nishi...“

„Ich will nicht, dass du für mich abwehrst!“

Der Kopf des Jüngeren schnellte nach oben und Asahi stolperte fast zurück.

„Ich brauche deine Hilfe nicht! Ich bin der Libero und die Abwehr ist meine Aufgabe. Ich bin derjenige, der euch den Rücken freihält, nicht anders herum. Dafür brauche ich dich nicht! Ich brauche dich nicht!“

Es tat weh.

„Du bist Angreifer, ich bin Verteidiger und es ist nicht dein verdammter Job auf mich aufzupassen! Ich will nicht, dass du meinen Rücken deckst! Verstanden?!“

Nishinoya packte seine Tasche und jagte zur Tür hinaus.

Zurück blieb Asahi, eine Hand hilflos nach dem anderen ausgestreckt, der schon längst fort war.

Sein Körper bebte, sein Kiefer zitterte.

Er musste sich beruhigen, es war in Ordnung, Nishinoya war nur wütend auf sich selbst, weil er heute einen schlechten Tag gehabt hatte. Er hatte diese Worte mit Sicherheit nicht so gemeint. Asahi war nicht gut darin andere Leute aufzumuntern und daher musste er etwas Falsches gesagt haben und Nishinoya nur noch mehr aufgeregt haben.

Langsam zog er seine Hand zurück, die Hand, die der andere eben weggeschlagen hatte.

„Er hat es nicht so gemeint“, flüsterte er in den leeren Raum hinein, doch er konnte die Tränen nicht aufhalten, als sie seine Wangen hinabglitten.

„Er hat es bestimmt nicht so gemeint.“

 


Den kompletten Weg nach Hause war er gerannt - nicht, dass es ein besonders weiter Weg gewesen war. Er hatte vielleicht fünf Minuten gebraucht, maximal.

Heute war ein verdammt beschissener Tag gewesen.

Irgendwie hatten seine Beine nicht arbeiten wollen, seine Füße waren schwer wie Blei gewesen und seine Hände so klobig als hätte er Gewichte umgeschnallt gehabt.

Es war wirklich kein guter Tag gewesen.

Im ersten Satz hatte er ganze vier Punkte einfach verschenkt. Punkte, die er sicher problemlos hätte verteidigen können, wenn sein Körper ihm nur gehorcht hätte.

Danach war es nur noch schlimmer geworden und er war immer fahriger geworden; die Ruhe, die in seinem Spiel von absoluter Notwendigkeit war, hatte sich nicht mehr eingestellt. Im vorletzten Satz hätte er Coach Ukai am liebsten darum gebeten ihn nicht wieder aufs Spielfeld zu schicken. Er hatte Angst gehabt, er hatte nicht versagen und immer weiter versagen wollen, er hatte nicht Löcher für seine Teammitglieder zum Stopfen hinterlassen wollen, sobald er wieder das Feld verließ.

Aber er hatte nicht die Worte gefunden, selbst dafür hatte er nicht den Mut aufbringen können.

Er wusste, dass Daichi es sofort gemerkt hatte; der Kapitän mit der soliden Defensive, der sogar einen versagenden Libero wie ihn ausgleichen konnte. Im Laufe des Spieles hatte Daichi ganz subtil seinen zu schützenden Bereich ausgeweitet, hatte Nishinoya die schwierigeren Bälle abgenommen, hatte ihm nur noch die einfachen überlassen, doch selbst da hatte er gepatzt.

Und es war nicht nur Daichi gewesen, selbst Hinata - der jede zweite Annahme mit dem Kopf oder der Brust regelte - hatte sich heute beinahe besser angestellt als Nishinoya und das lag mit Sicherheit nicht an den Annahmefähigkeiten des Erstklässlers.

Er wusste nicht was los war, warum er heute nicht einfach funktionieren konnte.

Wütend jagte Nishinoya ins Bad und stellte sich noch komplett angezogen unter den eiskalten Wasserstrahl.

Er war der Libero, der Schutzgott der Defensive, das Rückgrat des Teams; er konnte weder angreifen, noch blocken, noch aufschlagen. Die schwächlichen Versuche seiner Zuspiele hatte er heute nur zwei Mal ausprobiert und beide Male waren sie katastrophal gescheitert.

Langsam fragte er sich warum Kageyama nichts gesagt hatte, ihn nicht mit diesem vernichtenden Blick angeschaut hatte, den er Hinata oder Tsukishima immer zuwarf.

Asahi lag falsch, der einzige Übermenschliche in diesem Team war eindeutig Kageyama. Obwohl sie dieses Trainingsspiel genutzt hatten, um neue Taktiken und Kniffe auszuprobieren, hatte ihr jüngstes Teammitglied kaum unsicher gewirkt. Nishinoya auf der anderen Seite - wütend schlug er gegen die Duschwand – er hatte so viele Fehler gemacht, dass er sie schon nicht mal mehr hatte zählen können.

Für jeden deiner Fehler werde ich doppelt so viele Punkte holen, denn das ist meine Aufgabe als Ass.

Überraschenderweise hatten sie trotzdem kaum Sätze verloren, trotz all seiner Fehler, trotz all der Testversuche und niemand, weder der Coach, noch Daichi oder Kageyama, auch nicht Sugawara oder Tanaka, erst recht nicht Hinata oder Tsukishima, niemand von ihnen hatte ihm auch nur ein einziges Mal einen Vorwurf gemacht, ihn böse oder enttäuscht angeguckt.

Er hatte schon großartige Teamkameraden.

Und Asahi...

Den nächsten, Nishinoya!

Gute Annahme, Nishinoya!

Ich hab den, keine Sorge!

Beim nächsten Mal, Nishinoya!

Nishinoya!

Keine Sorge, ich bin da! Ich bin hinter dir!

Außerdem ist mir egal wie viele Fehler du machst, Hauptsache du stehst mit mir auf dem Spielfeld.

Kopfschüttelnd drehte er das Wasser ab.

Wann war Asahi so cool geworden?

Erst jetzt wurde es ihm bewusst. In den letzten beiden Sätzen, als er am liebsten vom Spielfeld gerannt wäre, da war sein Ass immer in seiner Nähe gewesen.

Jetzt wo Nishinoya die letzten Szenen Revue passieren ließ, konnte er es ganz deutlich sehen; er dachte Asahi hätte ihn fünf Mal gedeckt, aber nun wurde ihm bewusst, dass er ihn viel, viel häufiger gerettet hatte. Bereits im letzten Satz waren es mehr als fünf Mal gewesen.

Es war nicht Asahis Aufgabe, er war Angreifer, er war das verdammte Ass!

Um ehrlich zu sein war Asahi nicht der Beste, wenn es um die Verteidigung ging, konnte Daichi bei Weitem nicht das Wasser reichen und trotzdem war er da gewesen, insbesondere wann immer der Kapitän es nicht gekonnt hatte. Asahi hatte sich selbst übertroffen, unter anderem, weil Nishinoya heute einfach scheiße gespielt hatte.

Das will ich nie wieder von dir hören, verstanden?! Nie wieder!

Langsam nickte Nishinoya, Asahi hatte doch Recht!

Er war der Libero und auch wenn er Fehler machte und auch wenn der heutige Tag so schlecht war, dass er am liebsten tausend Strafrunden machen würde, so war er doch ein guter Verteidiger und er war vor allem nicht allein, sie standen zu sechst auf dem Spielfeld.

Also auch wenn er es nicht mochte, auch wenn es seine Aufgabe war den anderen den Rücken zu stärken, so gestand er sich doch leise ein, dass es etwas unglaublich Beruhigendes hatte zu wissen, dass er diese Last nicht allein tragen musste.

Das ist meine Aufgabe als Ass.

Wann war Asahi bitte so cool geworden?

Kapitel 2

 

„Guten Morgen, was macht ihr denn alle hier draußen?“

Es war gerade einmal fünf nach sieben als Sugawara an der Sporthalle eintraf. Er hatte sich verspätet da er noch bis spät in die Nacht hinein versucht hatte den Lernstoff nachzuholen und dann am Morgen noch seine Schultasche hatte packen müssen.

Wie zu erwarten waren sowohl ihre beiden schrägen Vögel als auch Tanaka und Nishinoya bereits anwesend. Daichi und Kinoshita winkten ihm ebenfalls zu.

„Was wartet ihr denn alle noch hier?“, fragte er nach als er näherkam.

„Ach, ich hab doch meinen Schlüssel gestern Asahi gegeben und der ist noch nicht da“, meinte Daichi lachend und rieb sich den Hinterkopf, zu seiner Rechten tauchten gerade auch Yamaguchi und Tsukishima auf, beide synchron am Gähnen.

Noch beim Aufschließen beobachtete Sugawara ihren Libero, aber seine Sorge war unbegründet. Breit grinsend erklärte dieser gerade dem viel zu begeisterten Hinata was er sich für ein neues, unbarmherziges, hartes Spezialtraining auferlegt hatte um seine Mängel vom vergangenen Tag auszugleichen.

Kaum hatte Sugawara die Tür offen, stürmten die anderen an ihm vorbei und begannen die Halle vorzubereiten.

„Was auch immer Asahi gestern getan hat, es scheint das Richtige gewesen zu sein“, murmelte er als Daichi ebenfalls hineinkam.

Dieser nickte nachdenklich.

„Ich weiß immer noch nicht, ob so ein Gespräch wirklich notwendig war. Nishinoya lässt sich ja nicht so schnell unterkriegen, auf der anderen Seite hätte er allein vielleicht länger gebraucht, daher war es wohl richtig so.“

Dann begannen sie mit dem üblichen Morgentraining. Bis viertel nach sieben waren sämtliche Clubmitglieder anwesend, bis auf ihr Ass.

Allerdings gab es so viel vom letzten Tag zu diskutieren und auszuprobieren, dass es wohl nur dem ein oder anderen aufmerksamen Spieler auffiel.

„Sawamura, weißt du warum Azumane nicht da ist? Er wollte heute einen neuen Angriff mit mir üben.“

Einer dieser Spieler war Kageyama. Der Zuspieler hatte am vergangenen Tag noch während des Spieles mit Asahi einige Dinge besprochen, die sie im kommenden Training testen wollten.

Der Kapitän wusste, dass Kageyama am Vorabend mitbekommen haben musste was los war, deshalb war er wohl zügig gegangen. Er war viel umsichtiger als er es wohl selbst wahrhaben wollte oder aber er hatte einfach keinen Nerv auf Drama gehabt, beides war bei ihrem mürrischen Wunderknaben gut vorstellbar.

„Ach, mach dir keine Sorgen. Wahrscheinlich hat der Gute nur verschlafen.“

Ohne etwas zu erwidern – aber mit dieser seltsam hochgezogenen Augenbraue die Daichi immer wieder doch leicht nervte – wandte sich der Erstklässler um und begann Hinata anzubrüllen, der genau diesen Moment ausgesucht hatte, um Kageyama vor Tanaka und Nishinoya nachzuäffen.

Hinata bemerkte zu spät, dass Kageyama auf ihn zu jagte und war kaum in der Lage dessen eiserner Faust zu entkommen.

Etwas unzufrieden beobachtete Daichi die Eingangstür; das Morgentraining war fast vorbei und Asahi tauchte einfach nicht auf. Es war ungewöhnlich für ihr zaghaftes Ass auch nur ein Training zu verpassen, dafür hatte er einfach viel zu viel Angst vor Daichi und davor, dass Tanaka oder Hinata ihm seinen Rang streitig machen würden.

Seufzend schüttelte er den Kopf. Sinnloses Kopfzerbrechen würde ihm nicht viel bringen.

„Okay Leute, wir sollten langsam aufräumen, sonst kommen wir zu spät zum Unterricht. Kageyama, Hinata, Nishinoya! Habt ihr mich nicht gehört? Aufräumen!“

Die zustimmenden Antworten wurden von Hinatas und Nishinoyas Quengeln unterbrochen, die nur noch einen Ball haben wollten, einen einzigen!

„Mach dir nicht so einen Kopf.“

Zu seiner Überraschung stand Kiyoko plötzlich neben ihm.

„Äh, was? Wie bitte?“

Nun sah sie von ihrem Klemmbrett auf und begegnete seinem Blick gewohnt ernsthaft.

„Du machst dir Sorgen, weil Asahi heute nicht zum Training gekommen ist, oder?“

Er nickte, erstaunt über ihre unglaubliche Beobachtungsgabe.

„Wie du weißt konnte ich gestern Nachmittag nicht, da ich Berufsberatung hatte. Heute ist Klasse 3 dran und morgen ihr. Ich bin mir sicher Asahi hat einfach nur einen der frühen Termine und hat über das unerwartete Trainingsspiel vergessen Bescheid zu geben.“

„Ja, du hast sicherlich Recht“, lachte Daichi halbherzig und beobachtete wie Sugawara mit der Eleganz eines Balletttänzers den Ball regelrecht aus der Luft fing und dann Nishinoya und Hinata zusammenfaltete.

 


Doch auch nach dem Unterricht kam Asahi nicht zum Training.

Er war krank, wie Herr Takeda ihnen mitteilte, anscheinend überhaupt nicht in der Schule gewesen.

Die restlichen von ihnen trainierten wie üblich.

„Was ist denn mit dir los, Daichi? Du hast ja fast schon fröhlich ausgesehen als Herr Takeda uns gesagt hat, dass Asahi krank ist“, zog ihn Sugawara auf, während sie das Zuspiel übten.

„Ach das stimmt doch gar nicht“, entgegnete Daichi, während er den Ball seinem Zuspieler zuwarf, ehe er losrannte und so hoch sprang wie er nur konnte.

Wie zu erwarten kam der Ball in einem perfekten Bogen zu seiner Hand.

„Ich bin nur etwas erleichtert, dass es nur das ist“, gestand er dann leise ein als er wieder mit beiden Füßen auf dem Boden stand und sah seinen Klassenkameraden ernst an. „Ehrlich gesagt habe ich mir doch etwas Sorgen gemacht, aber solange Asahi nur krank ist, kommt er mit Sicherheit morgen wieder.“

„Azumane ist nicht krank.“ Gleichzeitig drehten Sugawara und Daichi sich zu Kageyama um, der ebenfalls am Netz stand und gerade einen ebenfalls perfekten Ball Tanaka zugespielt hatte.

„Gestern war er in einem Topzustand, sowohl körperlich als auch psychisch. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er heute so krank ist, dass er noch nicht Mal zum Unterricht gehen kann.“

Der Protegé ihres Teams stellte das so sachlich fest, dass Daichi über die subtile Anschuldigung noch nicht einmal wütend werden konnte. Ganz anders Tanaka, der das Gespräch mitbekommen hatte.

„Willst du etwa behaupten, dass unser Asahi nicht nur die Schule, sondern vor allem das Training schwänzt?!“, brüllte er Kageyama an und packte ihn am Kragen.

„Du musst wirklich deine Prioritäten neu überdenken“, kam es von Tsukishima von der anderen Seite des Netzes, der dort zusammen mit Hinata die Bälle annahm.

„Aber, aber“, ging Sugawara sofort dazwischen, „wir wissen doch alle das Asahi ein viel zu großer Angsthase ist, um einfach den Unterricht zu schwänzen. Wenn er krank ist, ist er krank.“

Tanaka nickte großzügig, doch Kageyama wirkte alles andere als überzeugt.

Er wollte wohl etwas erwidern, aber dann brüllte Herr Ukai zu ihnen herüber und erinnerte sie daran, dass sie gerade mitten im Training waren, sowohl Yamaguchi als auch Ennoshita standen schon bereit, beide mit einem leicht genervten Gesichtsausdruck. Narita hinter ihnen auf der anderen Seite schüttelte nur den Kopf und grinste fast schon schelmisch.

 

Als das Training langsam aufs Ende zukam fanden sich die beiden Drittklässler etwas Abseits an der Trainerbank ein, um mit Shimizu ein paar organisatorische Dinge zu klären. Herr Takeda hatte sich gerade verabschiedet, um einer Lehrerkonferenz beizuwohnen.

„Ihr denkt immer noch über Asahi nach, nicht wahr?“, bemerkte Kiyoko so selbstverständlich, dass die beiden anderen einen besorgten Blick austauschten. Manchmal wunderten sie sich, ob ihre Managerin Gedanken lesen konnte.

„Ach, was redest du da?“, winkte Sugawara mit einem falschen Lächeln ab und auch Daichi rieb sich kopfschüttelnd den Nacken.

„Ich muss gestehen, dass es mich auch überrascht hat“, sprach sie unbehelligt weiter und sah zum Spielfeld hinüber. „In den letzten drei Jahren ist Asahi nicht einen Tag krank gewesen. Ja nach dem Spiel gegen Datekou hat er aufgehört zu trainieren, aber trotzdem ist er zum Unterricht gekommen, er war ja nicht gesundheitlich angeschlagen.“

„Wie gesagt, ich glaube nicht, dass Azumane krank ist.“

Erschrocken sprang Sugawara herum, Daichi und Shimizu schauten nur verwundert auf.

Am Ende der Bank stand Kageyama und stellte gerade seine Trinkflasche ab. Schweiß rann sein Gesicht hinunter, doch sein Blick war so messerscharf wie eh und je.

„Warum behauptest du das die ganze Zeit?“, fragte Sugawara äußerst unzufrieden. Er wusste, dass der Erstklässler es nicht böse meinte. Kageyama analysierte Situationen meist objektiv und gab das Ergebnis direkt und ungeschönt wieder.

„Das habe ich doch schon gesagt“, entgegnete der jüngere Zuspieler leicht genervt, „er war gestern in einer so guten Verfassung, dass er heute auf keinen Fall so krank sein kann, dass er noch nicht mal zur Schule kommt. Er müsste schon einen Unfall gehabt haben.“

„Hey, beschwöre nichts herauf, ja?“ Schnell winkte Daichi ab.

„Kageyama hat Recht!“ Wieder wirbelten die Drittklässler herum als Hinata am anderen Ende der Bank ein Handtuch von Yachi entgegennahm. Im Verhältnis zu Kageyama wirkte er so als wäre er durch einen Regenschauer gelaufen, trotzdem schien er nicht im Mindesten erschöpft. „Asahi war gestern richtig cool. Jeder seiner Aufschläge hat so whuff gemacht und dann so BAM. Ich wünschte ich könnte so Aufschläge machen.“

„Nicht in einer Millionen Jahren“, kommentierte Kageyama schroff nur um von Hinata angegriffen zu werden.

„Naja, Unrecht haben die beiden nicht“, murmelte Kiyoko gelassen während die beiden Erstklässler sich im Hintergrund in der Wolle hatten und eine verzweifelte Yachi erfolglos versuchte zu schlichten. „Mir ist auch aufgefallen, dass Asahi viel lauter auf dem Spielfeld war als sonst.“

Daichi und Sugawara tauschten erneut einen Blick aus.

Das stimmte. Asahi war nie so laut wie Tanaka oder Hinata, aber auch er lobte gute Annahmen und rief so oft er konnte nach dem Ball.

Gestern jedoch war da mehr gewesen, nicht nur eine bessere Kommunikation, nicht nur flüssigere Bewegungen. Seine pure Anwesenheit war auf dem ganzen Spielfeld zu spüren gewesen und dabei hatte es sich nur um ein Trainingsspiel gehandelt bei dem sie verschiedene Dinge hatten ausprobieren wollen.

„Er hatte fast die Präsenz eines echten Asses“, flüsterte Sugawara, aber er meinte es nicht als kleinen Seitenhieb, er machte sich gerade gar nicht über den anderen lustig, sondern verstand langsam warum er selbst gestern so ruhig gewesen war.

Daichi nickte langsam und hielt sich nachdenklich das Kinn.

„Jetzt wo du‘s sagst. Normalerweise ist Asahi immer einer, der ein Momentum schnell spürt aber noch schneller wahrnimmt, wenn es kippt, aber gestern war er derjenige, der die Stimmung aufgebaut hat.“

„Stimmt.“ Herr Ukai kam zu ihnen herüber, offensichtlich hatte er mitbekommen worüber sie sprachen. „Ich bin überrascht, dass euch das erst jetzt auffällt, dabei war Azumane gestern eindeutig nicht mehr der Azumane, den wir bisher kannten.“

Die Angesprochenen schauten überrascht auf.

Mittlerweile hatten sich auch Tsukishima, Yamaguchi und die Zweitklässler zu ihnen gesellt, während Tanaka dabei war den verhedderten Hinata aus dem Netz zu entwirren, in das Kageyama ihn geworfen hatte.

„Am Anfang war ich noch davon ausgegangen, dass er einfach einen sehr guten Tag hatte oder aber nicht so nervös und unsicher wie sonst war, da es bei diesem Spiel um nichts ging und ihr euren Gegner schon einmal besiegt hattet.“

Zustimmendes Gemurmel kam vom Team.

„Aber wenn ich ehrlich bin glaube ich, dass es mehr ist als das“, erläuterte ihr Trainer. „Vielleicht ist es ganz gut, dass Azumane heute nicht da ist; jetzt kann ich ganz offen mit euch reden, ohne Druck auf ihn aufzubauen, denn gestern hat unser Ass gezeigt, dass er seine Grenzen noch lange nicht erreicht hat.“

Tanaka und Hinata konnten ein lautes „Oh!“ nicht verhindern, während Nishinoya laut lachend erklärte, dass ihm das immer schon bewusst gewesen wäre, schließlich ginge es hier ja um Asahi, ihr Ass.

„Aber warum dieses Aufsehen darum?“, fragte Tsukishima nach und schob seine Brille nach oben, um sich den Schweiß von der Nase zu reiben. „Wir trainieren doch alle, um besser zu werden. Was ist jetzt das Besondere daran, dass unser Ass ausnahmsweise mal das tut, was man von einem Ass erwartet?“

„Tsukishima!!“ Schnell brachte sich der große Blonde vor dem Kleinsten des Teams in Sicherheit.

Ukai kratzte sich am Hinterkopf.

„Du hast natürlich Recht, aber was ich sagen will ist, dass...“

„Gestern hat Azumane zum ersten Mal sein wahres Potential als Ass gezeigt.“

Es war Kageyama der den Coach unterbrochen hatte und für einen kurzen Moment herrschte Totenstille.

„Hey!“, schollt Daichi ihn jedoch dann sofort. „Du kannst nicht einfach reden wann und wie es dir passt!“

„Schon okay Sawamura“, winkte Ukai ab. „Kageyama liegt völlig richtig und Tsukishima dementsprechend auch.“

Überheblich grinste der Mittelblocker zum Libero hinab während ihr Trainer weitersprach.

„Azumane ist gut, er hat eine beeindruckende Kraft für sein Alter und wenn man mal von seinem fragilen Selbstbewusstsein absieht eigentlich keinerlei große Schwächen, deshalb ist er Karasunos Ass. Aber bei einem Ass geht es um mehr, als nur darum Blöcke einzureißen und Punkte zu holen. Wenn ihr euch die anderen Asse der Teams, die wir näher kennen mal etwas genauer anguckt, bemerkt ihr schnell, dass die richtig guten unter ihnen meist ziemlich eigen sind, die meisten von ihnen sind deutlich mehr als einfach nur gute Spieler. Dieses Mehr hat Azumane bisher nie ausfüllen können, bisher...“

Er nickte Kageyama zu, der die Arme verschränkt hatte und konzentriert den Boden begutachtete.

„Azumane kam gestern schon im Laufe des ersten Satzes zu mir und bat mich darum ihm die Bälle absichtlich ungenau zuzuspielen. Ich fand das ziemlich besch…eiden um ehrlich zu sein und ich wollte es auch zunächst nicht, aber er meinte, dass Trainingsspiele schließlich dafür da seien, solche Dinge auszutesten.“

„Ach so!“ Tanaka schlug sich auf die offene Handfläche als hätte er gerade ein kompliziertes Rätsel gelöst. „Ich hab doch gedacht, dass deine Vorlagen irgendwie komisch aussahen, aber da meine Bälle alle so gut waren wie sonst auch, dachte ich du hättest einfach einen schlechten Tag gehabt.“

„Ich habe keine schlechten Tage“, knurrte Kageyama.

Halb lachend verschränkte Sugawara ebenfalls die Arme. „Das ist eine dreiste Frage, so etwas von einem Zuspieler zu verlangen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie anstrengend es sein muss einen Ball absichtlich schlecht zuzuspielen, gerade für dich.“

Der Erstklässler winkte ab. „Zunächst ja, aber dann habe ich mich gefragt wie Hinata wohl zuspielen würde und danach war es eigentlich ganz...“

„Was?! Warum ausgerechnet ich?!“

„Weil dein Zuspiel scheiße ist.“

Ihr Trainer räusperte sich, um einen erneut aufkeimenden Streit zu unterbrechen.

„Genau, für Azumane ist eine solch selbstbewusste, aber auch egoistische, Forderung nicht selbstverständlich, da er sich immer um alles und jeden viele Gedanken macht.“

„Anders als andere“, flüsterte Tsukishima dazwischen und beäugte einige Teamkameraden kühl.

„Er hat gestern in allen Bereichen Bestleistungen abgegeben“, wiederholte Ukai und ignorierte gemurmelte Zwischenrufe, „doch um ehrlich zu sein bezweifle ich, dass es für Azumane förderlich wäre zu wissen, wie viel er noch aus sich herausholen kann. Aber es ist so, wenn er diese Leistung regelmäßig abrufen kann und lernt sein wahres Potential als Ass auszuschöpfen, dann...“

Er beendete den Satz nicht, sondern sah sie alle ruhig an.

Erneut war es Kageyama, der den Gedanken seines Trainers beendete: „Dann könnte er bald zu den besten 5 Assen ganz Japans gehören.“

Stille!

Selbst die Teammitglieder, die nie den Mund halten konnten, wussten nichts zu sagen was Ukai nutzte und langsam nickte.

„So ist es. Bisher war uns allen bewusst, dass wir mit Kageyama und Nishinoya zwei herausragende Naturtalente in unserem Team haben, die ein Potential verkörpern was für uns Normalos kaum nachzuahmen ist. Unser Hinata auf der anderen Seite steckt immer voller Überraschungen und vielleicht kann er seinen Namen eines Tages auch unter die Liste der Überflieger setzten. Aber ich muss gestehen, dass ich bis gestern Azumane nicht auf diese Liste gesetzt hätte und ich bin mir ziemlich sicher, dass er - anders als Hinata oder Nishinoya - von einem solchen Lob nicht angespornt werden würde, sondern nur den Druck wahrnehmen würde, diesen Worten gerecht zu werden.“

Zustimmend nickte Sugawara, nun noch ernster dreinblickend als zuvor. Er wollte etwas sagen, doch Ukai sprach bereits weiter.

„Deswegen bin ich froh heute mit euch, ohne ihn darüber reden zu können, damit er sich nicht unter Druck gesetzt fühlt“, erklärte ihr Trainer und sah einen jeden von ihnen ernst an. „Wir alle wissen, dass in unserem Team einige Positionen untypisch besetzt sind und ich glaube, dass Azumane keine Ausnahme darstellt. Zurzeit mögen sich manche noch fragen, warum jemand wie er unser Ass sein kann, aber wenn er sein Potential endlich erkennt und beginnt es auszuschöpfen, könnte er die Voraussetzungen eines Asses ganz neu definieren.“

„Boah das ist ja so cool!“

Hinatas Einwurf zerbrach die erhabene Spannung, die durch die Turnhalle gegeistert war. „Und wenn ich dann das nächste Ass von Karasuno werde bedeutet das ja, dass ich sogar Asahi dann übertroffen habe!“

„Idiot! Dafür müsstest du erst Mal einen vernünftigen Aufschlag hinkriegen.“

Während sich Kageyama und Hinata stritten ermahnte Trainer Ukai sie erneut, dieses Thema mit Vorsicht anzugehen, ehe er noch einige andere Themen des vergangenen Spieles ansprach und verschieden Aspekte betonte.

Aber auch dieses Mal wurde Nishinoyas fehlende überragende Leistung kaum erwähnt. Selbst der Trainer hielt es für unnötig dem Libero zu erklären, was dieser längst wusste. Außerdem war es ja nicht so, als ob der vergangene Tag noch wie eine dunkle Wolke über dem Zweitklässler waberte. Er hatte schon längst selbst kapiert, dass sogar er keine Maschine war und somit Fehler machte. Deswegen stand er ja nicht allein auf dem Spielfeld.

Als die Sonne bereits untergegangen war begannen sie aufzuräumen und alles war wie immer. Nun ja, fast alles.

Nishinoya, der sonst laut lachend mit Hinata und Tanaka durch die Halle tobte, erledigte ungewöhnlich ruhig und beflissen seine Aufgaben, doch dieses unnatürlich breite Grinsen verließ nicht eine Sekunde sein Gesicht.

„Du scheinst heute ja ganz besonders gute Laune zu haben“, bemerkte Sugawara mit einem Lachen während sie zusammen das Netz falteten.

„Ja natürlich. Du hast doch gehört, was Ukai über Asahi gesagt hat. Ich hab natürlich schon immer gewusst, dass er gut ist, und ich meine richtig scheiße gut, aber jetzt die Bestätigung zu kriegen, dass er wirklich ganz oben mitmischen kann… Ukai hat nicht nur gesagt, dass er zu den Besten gehören könnte, sondern zu den Besten der Asse, also den Besten der Besten, das ist doch total...“

„Aber du hast auch mitbekommen, dass wir Asahi nichts erzählen sollen, oder? Er würde sich zu sehr unter Druck setzten und dann die Nerven verlieren“, lachte der Zuspieler, bevor er nachdenklich das Netz in seinen Händen betrachtete.

„Schon klar, trotzdem ist es cool, oder? Und irgendwie bin ich froh, dass das Spiel von gestern auch noch diese Seite hat. Weil ganz ehrlich, gestern war ziemlich scheiße, aber heute ist wieder alles in Ordnung. Nur wegen Asahi.“

„Nishinoya…“, murmelte Sugawara besorgt.

„Alles okay, Suga.“ Breit grinsend strahlte Nishinoya ihn an. „Weißt du, gestern Abend war ich echt angepisst über das alles, aber dann hat Asahi mit mir gesprochen und mir ist aufgefallen, dass es in Ordnung ist, wenn ich mal nicht bei 110% bin, schließlich stehe ich ja nicht allein auf dem Feld und ihr deckt mir ja alle den Rücken.“

Überrascht sah Sugawara den anderen an, diese Erwartung an sich selbst war aber auch schwer zu erfüllen.

„Natürlich bin ich der Libero und somit ist die Defensive meine Spezialität, aber das bedeutet nicht, dass meine Mitspieler mir nicht helfen dürfen. Ich weiß, dass ihr euch wohler fühlt, weil ihr wisst, dass ich hinter euch stehe. Aber ganz ehrlich seit gestern ist mir erst so richtig bewusst, dass ein jeder von euch auch hinter mir steht und das fühlt sich echt gut an.“

Sugawara konnte kaum die Tränen zurückhalten über so viel Vertrauen und Teamgeist.

„Ich bin froh, dass dir das Gespräch mit Asahi etwas gebracht hat“, sagte er dann ruhig, anstatt sich dem Libero in die Arme zu werfen und seinen Tränen freien Lauf zu lassen.

Gemächlich brachten sie das Netz weg.

„Das hat es wirklich“, murmelte Nishinoya bedächtig, „Asahi war gestern einfach unglaublich. Ich meine nicht nur mit seinen Angriffen oder Aufschlägen. Die Defensive ist eigentlich nicht so seine Stärke und doch hat er mich öfters gedeckt als mir lieb war.“

Kopfschüttelnd seufzte er auf.

„Und als ich meine wichtigste Aufgabe vernachlässigt habe, hat er es einfach übernommen euren Kampfgeist zu entfachen. Ausgerechnet Asahi, hätte ich ihm um ehrlich zu sein nicht zugetraut.“

Dem konnte der Zuspieler nur zustimmen. Asahi war ein Hasenfuß und einer der ersten, der unter Anspannung und Fehlern einknicken konnte. Außerdem merkte er schnell, wenn ein Mitspieler am straucheln war und ließ sich dann meist viel zu leicht mit zu Boden reißen.

Aber gestern nicht, gestern hatte er wahrscheinlich als einer der Ersten gemerkt, dass Nishinoya nicht in seiner üblichen Verfassung war und war dann selbst aufs Spielfeld getreten. Gestern war Asahi ihr Rückgrat gewesen.

„Du hast Recht“, meinte Suga lächelnd, „ich hätte auch nie gedacht, dass unsere halbe Portion von einem Ass mal dir den Rang in Sachen Selbstvertrauen und Souveränität streitig machen würde.“

„Ach, so weit ist der Gute doch noch lange nicht“, lachte Nishinoya als sie zurück aus dem Geräteraum kamen und Richtung Umkleiden schlenderten. Sie hatten sich Zeit gelassen, Sugawara fand dieses Gespräch äußerst wichtig und so war es kaum verwunderlich, dass die übrigen Arbeiten längst erledigt waren.

„Aber weißt du, gestern hab ich echt noch mal darüber nachgedacht wie cool Asahi geworden ist.“

„Ach wirklich?“, fragte der Zuspieler zweifelnd nach, doch Nishinoya meinte es absolut ernst.

„Du hättest ihn sehen sollen. Er hat mich sogar unterbrochen mit seiner tiefen, männlichen Stimme, er ist richtig laut geworden und hat so coole Sprüche abgelassen wie  ‚für jeden deiner Fehler werde ich doppelt so viele Punkte holen, denn das ist meine Aufgabe als Ass‘ oder irgendwas in die Richtung von ‚Solange du mit mir auf dem Spielfeld stehst bin ich jederzeit bereit deinen Rücken zu decken‘ oder so in der Art hat er es gesagt. Ich war wirklich beeindruckt von so viel Standfestigkeit.“

Auch dem konnte Sugawara nur zustimmen. Gestern hatte er noch daran gezweifelt, dass es eine kluge Idee war, den Zuspruch ihrem unsichersten Mitspieler zu überlassen, doch anscheinend hatte Asahi alles richtig gemacht, war auch in diesem Bereich über sich hinausgewachsen.

Grinsend zog Sugawara sein Hemd über, er durfte Asahi vielleicht nicht erzählen, dass er das Potential zum Top-Ass hatte, aber er konnte ihn wohl morgen dafür loben was für einen guten Job er bei Nishinoya geleistet hatte. Er konnte wohl dafür sorgen, dass Asahi noch ein kleines bisschen selbstbewusster wurde, vielleicht genug um den Knoten endgültig platzen zu lassen.

Ja, darauf freute er sich jetzt schon; eine neue Strategie die er auch abseits vom Spielfeld verfolgen konnte um seinen Mitspielern und diesem Team zu helfen und morgen würde er damit anfangen.

Doch auch am nächsten Morgen kam Asahi nicht zum Training.

 

 

Kapitel 3

 

„Kageyama, hey Kageyama, warte doch mal!“

„Schrei hier nicht so rum, du Vollidiot. Was willst du? Das Training ist vorbei und ich muss nach Hause Hausaufgaben machen.“

„Als würdest du Hausaufgaben machen.“

Im letzten Moment konnte Hinata der Sporttasche ausweichen, die der Zuspieler nach ihm warf.

Es war ein Tag wie jeder andere gewesen, Morgentraining, langweiliger Unterricht, das Training am Nachmittag, alles war wie immer.

Fast wie immer.

Selbst dem aufgedrehten Hinata war aufgefallen, dass etwas anders war.

„Es ist wie damals“, murmelte er und reichte Kageyama dessen Sporttasche, „findest du nicht auch?“

„Was meinst du?“, entgegnete der andere unbeeindruckt und ging weiter.

Bis auf Sugawara und Daichi, die noch mit Trainer Ukai, Herr Takeda, Kiyoko und Hitoka einige organisatorische Dinge zu besprechen hatten, waren alle anderen schon gegangen.

„Na wie Suga und Daichi drein geguckt haben, wann immer jemand Asahi erwähnt hat. Es war wieder genauso wie am Anfang.“

„Findest du?“, murmelte Kageyama und blieb stehen, den Blick durch die leere Sporthalle streifend. „Ich hatte eigentlich das Gefühl, dass alle ganz gut gelaunt waren. Insbesondere Nishinoya scheint das Trainingsspiel gut verkraftet zu haben. Daichi und Sugawara machen sich bestimmt nur Sorgen, weil Azumane jetzt schon zwei Tage krank ist.“

Hinata antwortete nicht, sondern verschränkte die Arme, dann jedoch nickte er als hätte er eine schwerwiegende Entscheidung getroffen.

„Okay, Kageyama, lass uns Asahi besuchen gehen.“

„Was?“

Verdutzt über den plötzlichen Vorschlag sah der Zuspieler auf.

„Wieso sollten wir das tun? Wir kennen ihn doch außerhalb vom Volleyballclub gar nicht, da können wir nicht einfach bei ihm Zuhause auftauchen.“

„Warum nicht?“, widersprach Hinata. „Du bist doch derjenige der überhaupt daran zweifelt, dass Asahi krank ist. Wir könnten vorbeigehen und ihm das erzählen was Herr Ukai gestern gesagt hat, dann ist er mit Sicherheit wieder schnell auf den Beinen und kommt morgen wieder zum Training.“

„Du Vollidiot“, murrte Kageyama nun und rieb sich durchs Gesicht. „Hast du nicht mitbekommen, dass wir Azumane das eben nicht erzählen sollen, um ihn nicht unnötig unter Druck zu setzen? Er ist nicht so selbstbewusst wie du Hohlbirne, kapiert? Wenn wir ihm sagen, dass er viel besser sein kann als er es bisher gezeigt hat, wird er jedes Mal, wenn er das eben nicht hinkriegt total von sich enttäuscht sein und am Ende vielleicht wirklich den Spaß am Volleyball verlieren. Das willst du doch nicht, oder?“

„Nein, natürlich nicht“, murmelte Hinata niedergeschlagen.

„Eben, ich muss außerdem noch Hausaufgaben machen und wir wissen noch nicht mal wo Azumane wohnt. Es macht also gar keinen Sinn Asahi zu besuchen.“

„Ihr wollt zu Asahi?“

Beide Erstklässler drehten sich herum.

Im Gespräch waren sie allmählich Richtung Ausgang gewandert und hatten nicht bemerkt, dass Shimizu hinter ihnen aufgetaucht war.

„Das trifft sich ja sehr gut“, meinte sie und begann in ihrer Tasche zu kramen, „könnt ihr ihm dann die hier geben?“

Sie zog eine dunkelblaue Mappe hervor und hielt sie Kageyama hin.

„Ich habe seine Klassenkameraden nach den Unterlagen von gestern und heute gefragt, da ich mir sicher bin, dass Asahi sie durcharbeiten möchte sobald es ihm besser geht. Aber er wird sich mit Sicherheit viel mehr darüber freuen, wenn ihr ihn besucht als wenn ich das tue.“

„Glaube ich kaum“, widersprach Hinata hinter vorgehaltener Hand sodass Kiyoko ihn nicht hören konnte.

„Also ich...“, versuchte Kageyama abzulehnen, nahm jedoch gleichzeitig die Mappe entgegen während ihre Managerin weitersprach.

„Ihr würdet mir damit wirklich einen großen Gefallen tun. Ich mache mir um ehrlich zu sein wirklich etwas Sorgen um unser Ass und würde am liebsten selbst bei ihm vorbeischauen, aber ich habe jetzt gleich noch meine Lerngruppe und würde sonst wahrscheinlich zu spät kommen.“

Nun war es so gut wie unmöglich ihre Bitte auszuschlagen.

Wenige Minuten später gingen die beiden Erstklässler den Weg entlang, den Kiyoko ihnen erklärt hatte. Hinata schob sein Fahrrad und betrachtete die handgemalte Karte während Kageyama im Laufen versuchte Englischvokabeln zu wiederholen.

„Ich wusste gar nicht, dass du das Lernen mittlerweile so ernst nimmst“, bemerkte der Mittelblocker leichtfertig und verglich die Skizze der Managerin mit der Straßenkreuzung vor ihnen.

„Na und? Meinst du ich will wieder einen Tag Trainingscamp verpassen nur weil ich in irgendeiner Klausur durchgefallen bin?“

„Oh, deswegen also.“

Schweigend gingen sie weiter.

„Warum glaubst du eigentlich, dass Asahi nicht krank ist?“, fragte Hinata dann unschuldig nach.

„Ganz einfach, es ist physisch sehr unwahrscheinlich, dass er an einem Tag topfit ist und dann am nächsten so krank, dass er noch nicht mal zum Unterricht kommen kann und niemandem Bescheid gibt, das ist es auch schon“, antwortete Kageyama ebenso sachlich.

„Aber warum sollte er dann einfach nicht zum Training kommen, oh und zum Unterricht?“

Der Zuspieler zuckte mit den Achseln.

„Keine Ahnung. Sugawara hat schon Recht, es passt nicht zu ihm einfach zu schwänzen. Aber...“ Er verstummte.

„Aber was?“, hakte Hinata nach als sie in die Zielstraße abbogen. Tatsächlich war der Umweg für Kageyama nicht annähernd so groß wie er erwartet hatte.

„Ach nichts. Ich hab nur daran gedacht, was Sugawara uns damals gesagt hat.“

„Hmm?“

„Dass Azumane sich alles immer sehr schnell zu Herzen nimmt.“

„Ach ja“, erinnerte sich auch Hinata dran. „Stimmt ja, Daichi und Nishinoya sagen ja auch immer, dass er ein Herz aus Glas hat.“

Kageyama brummte etwas Zustimmendes und blieb vor dem Haus der Familie Azumane stehen. Hinata rannte bereits vor während der Zuspieler das Haus noch einen Moment betrachtete.

„Aber was passiert wohl wenn dieses Glasherz bricht?“, fragte er sich selbst ehe er auch weiterging. Hinata klingelte bereits.

„Warte doch, du Blödmann“, murrte er und eilte nach vorne. Gerade noch rechtzeitig schaffte er es zur Haustüre als diese bereits aufgemacht wurde.

Halb in der Verbeugung erstarrten beide Schüler.

„Asahi?“, murmelte Hinata verwirrt.

Es musste Asahi, wenn Asahi kurze Haare und einen Vollbart tragen würde.

„Wie bitte?“

Schnell packte Kageyama Hinatas Hinterkopf und zerrte ihn mit sich in eine tiefe Verbeugung.

„Guten Abend, ich bin Tobio Kageyama und das hier ist Shoyo Hinata von der Karasuno Oberschule. Es tut uns leid, dass wir so spät noch stören. Wir sind mit Asahi zusammen im Volleyballclub und wollten ihm die Unterrichtsmaterialien der letzten zwei Tage vorbeibringen, die uns seine Klassenkameraden gegeben haben.“

„Oh, ihr seid Asahis Freunde? Kommt doch rein.“

Ähnlich wie Asahi schien auch dieser Mann deutlich warmherziger zu sein als er auf den ersten Blick wirkte. Er hatte die gleichen warmen braunen Augen, ebenso braun wie seine gescheitelten Haare. Das Hemd mit blauer Krawatte zusammen mit dem Vollbart und der kleinen Sorgenfalte auf der Stirn machte jedoch deutlich, dass er älter als Asahi sein musste, auch wenn sie sich glichen wie ein Ei dem anderen.

„Jaja, Kageyama und Hinata, Asahi hat viel von euch erzählt, die beiden Erstklässler mit dem wahnwitzigen Schnellangriff“, lachte der Fremde und ließ sie herein. „Nicht, dass ich wüsste was das bedeutet. Meine Volleyballkentnisse sind bestenfalls rudimentär.“

Schnell tauschten die beiden Angesprochenen einen Blick.

Im Eingang zogen sie eilig ihre Schuhe aus und folgten dem Mann, der ihrem Ass so ähnlich war. Im offenen Esszimmer blieben sie stehen, links ging es in eine kleine Kochnische und rechts führte ein dunkler Flur in die Tiefen des Hauses hinein.

„Ich wusste gar nicht, dass Asahi einen großen Bruder hat, du etwa?“, murmelte Hinata so leise, dass nur Kageyama ihn hören konnte, doch bevor der andere antworten konnte sprach Asahi2.0 bereits weiter: „Möchtet ihr was trinken? Euch setzen? Ich habe leider noch nicht gekocht, da meine Frau erst später nach Hause kommt und ich auch erst seit knapp einer halben Stunde wieder da bin, aber wenn ihr solange bleiben wollt...“

„Seine Frau? Er ist der Vater?!“, flüsterte Hinata lautlos, sein Blick gefangen zwischen Bewunderung und Panik. Auch Kageyama war überrascht, aber konnte es deutlich besser verbergen.

Diese herzliche Gastfreundschaft war wirklich ungewöhnlich und verstörte ihn beinahe noch mehr. Er wusste einfach nicht, wie er damit umgehen sollte.

„Vielen Dank, aber so lange wollen wir Sie wirklich nicht belästigen“, entschuldigte er sich rasch.

„Ach natürlich, ich vergaß; ihr habt morgen mit Sicherheit Training obwohl Samstag ist, nicht wahr? Ihr seid wirklich alle sehr fleißig und ehrgeizig. Asahi hat großes Glück ein Team wie eures zu haben.“

Beide Erstklässler konnten nicht verhindern unter dem Lob von Asahis Vater zu erröten und bedankten sich mit einer tiefen Verbeugung.

Eilig kramte Kageyama die dunkelblaue Mappe heraus, die Kiyoko ihm gegeben hatte.

„Hier sind die Unterlagen für Asahi. Wissen Sie wie es ihm geht? Kann er morgen wieder zum Training kommen?“

„Das kann ich euch leider nicht sagen. Es geht ihm wirklich nicht gut.“

Mit einem vielsagenden ‚Na siehst du, Asahi ist doch krank‘-Blick beäugte Hinata seinen Mitspieler ehe er sich erneut Asahis Vater zuwandte.

„Was hat er denn? Die Grippe? Einen Magen-Darm-Virus? Meine Mutter sagt es würde zurzeit was in der Grundschule rumgehen, vielleicht...“

„Hinata!“, unterbrach Kageyama ihn über seine unangebrachte Neugierde.

„Ach, ist schon in Ordnung“, winkte Herr Azumane ab, doch sein bedrückter Gesichtsausdruck blieb.

„Es ist - nun ja wie soll ich sagen - es geht Asahi wirklich nicht gut, aber es ist nicht so, dass er...“

„Hey Papa, Asahi hat wieder nichts… oh, wir haben Besuch?“

Überrascht wandten sich die drei Männer zum Flur um.

Dort stand ein junges Mädchen, in etwa so groß wie Hinata, mit einem Tuch um den Kopf gebunden und einem Tablett in den Händen. Im Gegensatz zu den Männern aus der Familie wirkte sie schmal, beinahe bleich, doch ihr Blick war messerscharf und sie konnte mit Leichtigkeit mit Nishinoyas selbstbewussten Auftreten mithalten.

Auf dem Tablett in ihren Händen stand ein ganz offensichtlich unberührtes Frühstück.

„Akemi, meine Liebe, du bist auf? Solltest du dich nicht noch ein bisschen ausruhen?“, fragte ihr Vater offensichtlich besorgt.

Doch sie winkte nur mit einer Hand ab, während sie das Tablett gegen ihre Hüfte stützte, und verbeugte sich knapp. Die beiden Erstklässler taten es ihr gleich, während Herr Azumane sie einander vorstellte: „Das ist meine Tochter Akemi und diese jungen Herren hier sind Tobio Kageyama und Shoyo Hinata. Sie sind Teamkameraden aus Asahis Volleyballmannschaft.“

Ganz anders als ihr Vater, der sie so freundlich begrüßt hatte, wurde ihr Gesichtsausdruck abweisend.

„Aha“, meinte sie nur kühl und ging dann an ihnen vorbei in die Küche.

„Bitte entschuldigt sie, meiner Tochter geht es derzeit nicht so...“

„Mir geht es gut, Papa“, unterbrach sie ihn aus der Küche und kam zurück, nun ohne Tablett und dafür mit verschränkten Armen. Ablehnend begutachtete sie Kageyama und Hinata. „Du solltest dir eher Sorgen um Asahi machen; er hat schon wieder nichts gegessen.“

Die beiden Erstklässler sahen einander hilflos an, während Herr Azumane sich für einen Moment entschuldigte als sein Handy klingelte.

Zurück blieb nur die kleine Schwester, die sie immer noch so abwertend ansah.

„Ihr spielt also mit meinem Bruder Volleyball?“, fragte sie unbeeindruckt.

Sie nickten synchron.

„Lasst mich raten. Groß, schwarze Haare, teilnahmsloser Gesichtsausdruck, du bist dieser seltsame Wunderzuspieler der Sugi seinen Stammplatz weggenommen hat.“

„Also so war das nicht“, stammelte Kageyama recht überfordert von der direkten Anklage des Mädchens, Hinata konnte sich gerade ein Kichern verkneifen, wobei er selbst nicht wusste worüber er sich mehr amüsierte, ihren Spitznamen für Sugawara oder wie sie Kageyama anging.

„Und du, klein, zerzauste Frisur und ein bisschen wie ein Kind mit Zuckerschock, du bist dieser durchgedrehte Lockvogel, der nicht in ganzen Sätzen reden kann.“

„Waaas?“

Kageyama hinter Hinata nickte halb zustimmend, so Unrecht hatte sie mit ihrer Beschreibung nicht.

„Was wollt ihr hier?“ Obwohl sie bleich und zierlich war jagte sie zumindest einem der beiden Erstklässler eine Heidenangst ein.

„Wir wollten nach Asahi sehen und ihm seine Schulaufgaben bringen“, antwortete Kageyama ehrlich und hob die blaue Mappe hoch, die er immer noch festhielt.

Sie zog nur eine Augenbraue hoch und kratzte sich am Nacken.

„Ja, die könnt ihr mir geben und dann gehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Asahi euch nicht sehen will“, behauptete sie schroff.

„Wieso sollte Asahi uns nicht sehen wollen?“, fragte Hinata eine Spur zu laut. „Wir sind doch schließlich Freunde!“

„Sicher“, schnaubte sie auf.

„Du hast ein Problem mit uns“, stellte Kageyama sachlich fest, was ihn einen verwunderten Blick sowohl von Asahis kleiner Schwester als auch von Hinata einbrachte.

Einen Moment überlegte sie, ehe sie schließlich nickte und sich nun am Kopf kratzte.

„Also, ja klar. Schließlich geht es meinem Bruder nur wegen euch so beschissen.“

„Was redest du denn da? Als hätten wir Asahi irgendwas getan!“

Hinata machte zwei Schritte nach vorne, wurde jedoch von Kageyama aufgehalten.

„Tze!“ Erneut verschränkte sie die Arme.

„Ihr könnt sagen was ihr wollt, aber wenn es Asahi schlecht geht, dann hat es immer etwas mit diesem verdammten Volleyballclub zu tun. Ich war echt froh als er im März aufgehört hatte und dann taucht ihr zwei schrägen Vögel auf und zieht ihn da wieder mit hinein. Er wäre besser nie zurückgekehrt.“

„Hey, was redest du denn da?!“

„Nicht so laut, Hinata!“

„Warum sollte Asahi mit dem Volleyball aufhören? Er liebt es! Es macht ihm Spaß und er ist verdammt gut darin, darum ist er ja auch unser Ass!“

Vernichtend sah sie Hinata an und trat auf ihn zu bis ihre Nasenspitzen nur noch wenige Zentimeter Abstand voneinander hatten, ein seltsamer undefinierbarer Geruch schlich dem Angreifer in die Nase, den er nicht zuordnen konnte.

„Ja, ich weiß, dass er es liebt“, flüsterte sie heiser, „aber das Problem bei meinem Bruderherz ist, dass er mehr fühlt als der durchschnittliche Mensch und tiefer und vereinnahmender. Und genau aus diesem Grund nimmt er sich Dinge auch so sehr zu Herzen und jedes Mal, wenn er so am Ende ist wie jetzt, dann liegt es jedes Mal an diesem verdammten scheiß Volley...“

„Akemi!“

Herr Azumane war wiederaufgetaucht, das Handy noch in seiner Hand.

„Bitte rede nicht so unhöflich mit unseren Gästen, die extra vorbeigekommen sind, nur um nach ihrem Teamkameraden zu sehen.“

Wütend plusterte sie ihre Wangen auf und drückte sich an ihrem Vater vorbei. Ihre stampfenden Schritte verhallten im Haus.

„Ich muss mich sehr für meine Tochter entschuldigen. Sie hat es derzeit nicht leicht und wenn es ihrem großen Bruder dann auch noch schlecht geht, leidet sie sehr. Ich bitte euch über ihr schlechtes Benehmen hinwegzusehen.“

Kageyama und Hinata nuschelten etwas Höfliches als Antwort und hatten ihr Augen fest auf den Boden gerichtet.

„Wenn ihr wollt könnt ihr gerne zu Asahi gehen, allerdings kann ich euch nicht versprechen, dass er aufmacht. Wenn es ihm nicht gut geht schließt er sich meist in seinem Zimmer ein und will uns nicht stören. Aber probiert es ruhig, es ist die dritte Tür auf der linken Seite.“

Der Mann, der seinem Sohn so unheimlich ähnlich sah, deutete den Flur hinunter in dem seine Tochter erst vor wenigen Sekunden verschwunden war.

Die beiden Erstklässler bedankten und verbeugten sich schnell, ehe Hinata Kageyama vor sich her den Flur hinunter schob.

„Was hast du denn?“, murrte der Zuspieler als sie die dritte Tür erreicht hatten.

„Ich hab Angst, dass das Mädchen von eben wieder auftaucht. Die war ja wahnsinnig.“

„Zumindest ist sie deutlich streitlustiger als ihr großer Bruder“, stimmte Kageyama zu und sah die Tür an, auf der ein kindlich gemaltes Bild einer auf- oder untergehenden Sonne klebte.

„Vielleicht sollten wir...“

„Hey Asahi! Wir sind‘s Hinata und Kageyama, wir wollten mal sehen wie‘s dir geht und wir haben...“

„Nicht. So. Laut!“, knurrte Kageyama und klatschte Hinata auf den Hinterkopf, der wie ein wildgewordener Berserker gegen die Zimmertür hämmerte.

Von der anderen Seite der Türe konnten sie nichts hören und als nach mehreren Sekunden immer noch nichts passiert war nickte Kageyama seinem Mitspieler seufzend zu, hob aber bedächtig einen Zeigefinger.

Erneut klopfte Hinata gegen die Türe, diesmal jedoch wie ein normaler Mensch.

„Hey Asahi. Wir sind‘s, wir haben Unterlagen von deinen Klassenkameraden dabei. Wir wollen dich wirklich nicht stören, aber wir machen uns etwas Sorgen um dich. Bist du krank oder so?“

Wieder tat sich absolut gar nichts und Hinata wollte schon wieder anklopfen als Kageyama ihn leicht zur Seite drückte.

„Ich will nicht aufdringlich sein, aber ich musste Shimizu versprechen nicht zu gehen ehe ich dir diese Mappe persönlich überreicht habe und ich muss wirklich dringend nach Hause und Hausaufgaben machen, also könntest du bitte die Türe öffnen damit wir sehen, dass du zumindest noch am Leben bist?“

Seine Stimme war wie so oft relativ gleichgültig, wofür Hinata ihn auch sofort anzischte.

„Du kannst ihm doch nicht so etwas gemeines an die Zimmertür werfen, wenn es ihm eh schon so schlecht geht“, flüsterte Hinata.

„Was hab ich denn geworfen?“, entgegnete Kageyama nur verwirrt. Er hatte nur die Wahrheit gesagt und hatte keine Ahnung wo das Problem lag.

Erneut war es für circa zehn Sekunden mucksmäuschenstill, doch dann konnten sie schwere, schlurfende Schritte hören, die immer näher kamen.

Genau vor der Türe verstummten sie.

„Irgendwie fühle ich mich gerade wie in einem Horrorfilm“, murmelte Hinata und versteckte sich hinter dem ähnlich bleichen Zuspieler.

Mit einem Klicken wurde die Türe aufgeschlossen und Hinata schluckte ängstlich, auch Kageyama wappnete sich vor dem was da kommen mochte.

Schwerfällig öffnete die Türe sich einen Spalt und beide Erstklässler erstarrten.

„Asahi?“, flüsterte Hinata ungläubig und wollte seinen Augen nicht trauen.

Der breitschultrige, muskulöse junge Mann wirkte dürr und ausgelaugt. Seine sonst so sanften Augen waren eingefallen und stumpf, gleichzeitig waren sie geschwollen und im linken Auge war ein Äderchen aufgeplatzt. In wilden Zotteln hing sein Haar herunter und verdeckte mehr schlecht als recht sein fahles, ausgemergeltes Gesicht. Im Dämmerlicht des dunklen Zimmers hinter ihm schien seine Haut gräulich und seine Lippen aufgerissen.

Er hatte den Blick zu Boden gerichtet und den Kopf halb abgewandt.

„Du siehst ja furchtbar aus“, stellte Hinata vorlaut fest, woraufhin der andere zusammenzuckte. „Das heißt, du kommst morgen nicht zum Training?“

Diese unschuldige Frage ließ Kageyama mit den Augen rollen.

„Natürlich nicht, du siehst doch wie beschissen er aussieht.“

Immer noch sagte Asahi nicht ein Wort.

„Aber immerhin bist du am Leben“, murrte Kageyama – während Hinata ihn ungläubig anstarrte - und hielt dem Drittklässler die Mappe hin.

Nach einem Moment streckte Asahi seine Hand aus und nahm sie entgegen.

„Danke.“

Seine Stimme klang genauso gebrochen und heiser wie er aussah.

„Hey Asahi“, murmelte Hinata nun mit einem aufmunternden Grinsen, „guck, dass du dich übers Wochenende gut erholst und dann trainieren wir nächste Woche weiter, ja?“

Zum ersten Mal sah der Drittklässler auf, für eine Sekunde leuchteten seine dumpfen, zugeschwollenen Augen auf, doch dann verdunkelten sie sich rasch und seine Unterlippe begann zu zittern.

„Hinata, setz ihn nicht so unter Druck.“ Kageyama drängte den anderen zur Seite und sah Asahi ernst an. „Ich hoffe, dass es dir bald wieder besser geht, Azumane.“

Dann verbeugte er sich knapp und nickte Hinata zu.

„Komm schon, ich muss noch Hausaufgaben machen.“

Aufstöhnend rollte der andere mit den Augen, ehe er breit lächelnd Asahi zuwinkte.

„Okay, dann mach‘s mal gut und werd' schnell wieder gesund, ja?“

Hinata eilte immer noch winkend den Flur hinunter und Kageyama folgte ihm, blieb dann jedoch stehen, als Asahi sich anschickte die Türe zu schließen.

„Azumane, was glaubst du ist deine größte Schwäche?“

Verwirrt blieb Hinata stehen und beobachtete verwundert wie der reguläre Zuspieler ihres Teams den Drittklässler direkt ansah.

„Glaubst du es ist deine Technik oder deine Geschwindigkeit oder vielleicht deine Annahme?“ Kageyama klang kühl, beinahe herablassend, auf jeden Fall viel zu dreist, um so mit einem älteren Schüler in dessen Haus zu sprechen. „Mag sein, dass das alles noch nicht perfekt ist, aber es nicht deine Schwäche. Im Gegenteil, du hast all die körperlichen Voraussetzungen und das Talent was es braucht um ein herausragender Spieler zu werden. Herr Ukai sagte gestern sogar, dass du das Potential hast die Voraussetzungen eines Asses neu zu definieren. Aber...“

„Kageyama!“, rief Hinata dazwischen, doch Kageyama sprach ungehindert weiter und zeigte nun direkt auf Asahi: „Aber du stehst dir selbst im Weg. Du bist deine eigene größte Schwäche. Herr Ukai hat uns gesagt, wir sollen dir nicht die Wahrheit sagen, um dich nicht unter Druck zu setzen, aber ich sehe das anders.“

Immer noch starrte Kageyama den Drittklässler direkt an und ließ sich auch nicht von dem aufgebrachten Hinata aus der Ruhe bringen.

„Auch wenn es von mir als Erstklässler anmaßend klingen mag: Es ist mir egal, ob du Volleyball spielen willst oder nicht, ob du bereit bist dein Bestes zu geben oder nicht. Aber nachdem ich am Mittwoch gesehen habe wozu du in der Lage sein kannst, werde ich nicht dabei mitmachen dir eine Ausrede zu bieten, damit du es noch nicht einmal zu versuchen brauchst. Damit du dich noch nicht einmal mit deinen Möglichkeiten auseinandersetzen zu brauchst.“

Nun klang er noch härter, noch erbarmungsloser, versuchte noch nicht mal seine Worte zu entschärfen.

„Ich will es in die Nationalmannschaft schaffen und ich habe das Talent und den Ehrgeiz, um das auch zu erreichen. Mir ist egal, was du mit deinem Talent machst, aber mich würde es immens ankotzen so viel Potential einfach wegzuwerfen. Nicht jeder hat die körperlichen Vorteile, die wir haben.“ Nun nickte er zu Hinata hinüber. „Und trotzdem geben die anderen alles was sie können, um es zu den Besten zu schaffen während du dich hier versteckst. Das pisst mich wirklich an.“

„Kageyama“, murmelte Hinata erneut, aber dieses Mal viel schwächer, während Asahi den Zuspieler immer noch fassungslos anstarrte, nicht in der Lage irgendetwas zu tun oder zu sagen.

„Ich weiß nicht was du gerade durchmachst“, erklärte Kageyama nun und verschränkte die Arme, „aber jetzt, wo du weißt was für ein Potential in dir schlummert, bist du wirklich zufrieden mit dem Wissen, dass deine Volleyballkarriere mit diesem Schuljahr enden wird?“

Kageyama drehte sich um und schritt weg. Als er den ebenfalls entsetzten Hinata erreichte, blieb er noch einmal stehen.

„Ich zumindest weiß, dass das mir nicht reichen würde, aber ich bin nicht du und kann diese Entscheidung nicht für dich treffen.“

Für einen Moment war es totenstill.

„Allerdings würde ich dir jederzeit den Ball zuspielen solange du nur nach ihm rufst, vielleicht eines Tages sogar im Nationalmannschaftstrikot.“

Dann packte er Hinata am Kragen und schliff ihn mit sich mit, verabschiedete sich noch nicht einmal bei Herrn Azumane, der in der Küche am Kochen war, und ließ Asahi hinter sich zurück. Erst auf der Straße ließ er von dem sich windenden Lockvogel ab.

„Was sollte das Kageyama?!“, brüllte dieser und baute sich mit seinen 164,2 Zentimetern vor dem Zuspieler auf. „Hast du eben nicht noch gesagt, dass wir es Asahi auf keinen Fall sagen sollen?! Herr Ukai hat uns verboten ihn so unter Druck zu setzen und dann noch dein Tonfall. Wenn Asahi jetzt nicht mehr spielen will ist das deine Schuld.“

„Nein“, widersprach der Größere kühl und schritt davon.

„Was meinst du mit Nein?!“

Hinata packte sein Fahrrad und verfolgte den anderen.

„Ich meine damit, dass es keinen Unterschied mehr gemacht hat, ob ich es ihm gesagt hätte oder nicht. Aber nun weiß er zumindest alle Fakten und kann damit eine ernsthafte Entscheidung treffen.“

Verwirrt hielt Hinata mit dem anderen Schritt.

„Wovon redest du? Warum hat es keinen Unterschied mehr gemacht? Was für eine Entscheidung?“

Doch Kageyama ging einfach weiter, den Blick stur geradeaus gerichtet.

„Zerbrochen ist zerbrochen“, murmelte er schließlich und bemerkte noch nicht einmal wie Hinata ihn mit großen Augen anstarrte.

„Was? Wovon redest du?“

Erneut schwieg der Jüngere, nun wusste er die Antwort auf seine Frage, nun wusste er was passierte, wenn das Herz aus Glas zerbrach. Nichts blieb übrig, nichts außer Scherben.
 

 

 

Kapitel 4

 

Gähnend rieb sich Sugawara durchs Gesicht. Er mochte das Training am Samstag, es war nicht so früh wie sonst und dadurch, dass Trainer Ukai erst später hinzukam, war der Morgen meist nicht so ernst und etwas lebhafter – was vor allem an den Spaßvögeln in ihrem Team lag – aber da sich sein Lernpensum und die Treffen seiner Lerngruppen extrem gesteigert hatten, kam er nun kaum noch mit allem hinterher.

Er wusste nicht ob er sich darauf freuen sollte, dass diese Belastung irgendwann wieder weniger wurde, schließlich wäre dann… Nein! Darüber würde er jetzt nicht nachdenken.

Kopfschüttelnd kam er um die Ecke zur Sporthalle. Es überraschte ihn wenig der Erste zu sein, schließlich war er ganze zehn Minuten zu früh.

Noch während er aufschloss hörte er die vertrauten Schritte seines Kapitäns, der ebenfalls lautstark gähnte.

„Hast du‘s mitbekommen?“, fragte ebenjener nach einer kurzen Begrüßung. „Shimizu hat wohl gestern noch Hinata und Kageyama bei Asahi vorbeigeschickt.“

Mit hochgezogener Augenbraue wandte er sich Daichi zu, bevor er jedoch etwas fragen konnte hörten sie schon das vertraute Brüllen Hinatas und Kageyamas, die wie fast jeden Morgen ein Wettrennen zur Sporthalle machten.

Im nächsten Moment erklärte ein lautes „Brüllt doch nicht so laut rum am frühen Morgen, da bekommt man ja Kopfschmerzen!“, dass auch Tanaka nicht mehr fern war.

Schulterzuckend begaben sich die beiden Drittklässler nach drinnen; es war immer gut etwas Sicherheitsabstand zur Eingangstür zu haben, wenn die beiden Erstklässler versuchten sie vor dem jeweils anderen zu erreichen.

„Armer Asahi, er hätte sich mit Sicherheit mehr über Shimizu gefreut als über unsere schrägen Vögel“, lachte Sugawara, obwohl ihm wirklich nicht nach Scherzen zu Mute war.

„Ja, genau das habe ich auch gesagt“, ertönte es von der Tür. Hinata und Kageyama kamen hinter ihnen herein; wer von beiden gewonnen hatte konnten die Drittklässler nicht sagen, nicht dass es sie wirklich interessieren würde.

Von draußen konnten sie hören wie Tanaka Nishinoya und Narita begrüßte.

„Wie war‘s denn?“, fragte Daichi ernst nach. „Geht es Asahi bald wieder besser? Kommt er heute wieder, oder Montag?“

Zu aller Überraschung schien der sonst so vorlaute Hinata Schwierigkeiten zu haben die richtigen Worte zu finden.

„Also“, murmelte er und knetete seine Hände während er immer wieder unsichere Seitenblicke sowohl Daichi als auch Kageyama zuwarf, „was das angeht...“

„Ich hatte Recht. Asahi ist nicht krank.“

Ganz offensichtlich lag Kageyamas Hauptaugenmerk an dieser Aussage darauf, dass er Recht behalten hatte.

„Was?“, fragte Hinata entsetzt. „Hast du gestern einen anderen Asahi gesehen als ich? So schrecklich wie der aussah war ich schon kurz davor einen Krankenwagen zu rufen und du sa...“

„Ich sage nicht, dass es ihm nicht dreckig geht, nur dass er nicht krank ist. Er hat sich keinen Virus, keine Infektion, keine Grippe, noch nicht mal einen Schnupfen eingefangen. Was auch immer mit ihm los ist, es ist nichts körperliches.“

Immer noch klang der junge Zuspieler so sachlich, dass er die Geduld seiner Mitspieler herausforderte.

„Und du bist jetzt plötzlich Arzt, oder was?“, murrte Hinata leise, schrumpfte aber augenblicklich unter den harten Augen seines Mitschülers zusammen.

„Ihr wart bei Asahi?“ Die Zweitklässler waren mittlerweile auch hereingekommen und Ennoshita hatte direkt erfasst worüber sie sich unterhielten.

„Wie meinst du das, Kageyama?“, fragte nun Sugawara deutlich besorgter nach, während Hinata dem Ersatzspieler zunickte. „Wenn er nicht krank ist, warum geht es ihm dann nicht gut? Hat er etwas gesagt? Hat er gesagt wann er wieder kommt?“

Kageyama schüttelte den Kopf.

„Nein, hat er nicht, aber so wie er gestern auf mich gewirkt hat glaube ich nicht, dass er überhaupt zum Club zurückkommen wird.“

Es war wie ein Schlag ins Gesicht.

Sugawara und Nishinoya keuchten leise auf, als hätte jemand ihnen tatsächlich in die Magengrube geschlagen. Tanaka wollte bereits auf Kageyama losgehen und konnte nur mühsam von Kinoshita und Narita zurückgehalten werden.

Hinata hatte kraftlos den Kopf gesenkt und biss sich auf die Unterlippe; bereits am Vortag hatte er diese Diskussion mit Kageyama geführt und auch wenn er nicht wirklich verstand warum der andere zu diesem Ergebnis kam, so konnte er nicht abstreiten, dass die Worte von Asahis kleiner Schwester ihn ziemlich verunsichert hatten.

Er wäre besser nie zurückgekehrt.

Aber mehr noch verfolgte ihn dieser leblose Blick des Mannes den er so bewunderte.

Die Anwesenden bemerkten kaum, dass nach und nach noch die letzten Mitspieler zum Training kamen und das Gespräch verfolgten.

„Kageyama.“ Daichi klang ebenfalls so als würde er nach Luft ringen, oder nach Geduld. „Wie kommst du zu dieser Behauptung? Wieso sollte Asahi nicht zurückkommen?“

Der Angesprochene zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß nicht wirklich was der Grund dafür ist, aber er war anders drauf als beim Schuljahresbeginn. Es geht jetzt wohl nicht mehr darum einfach vor den eigenen Ängsten wegzulaufen oder um schlicht fehlendes Selbstvertrauen.“

„Sag das nicht so herablassend“, murrte Sugawara, der mit zitterten Fäusten ganz offensichtlich den Tränen nahe stand.

„Ich meine es nicht herablassend, sondern versuche nur die richtigen Worte zu finden“, erklärte Kageyama entschuldigend. „Damals waren es Probleme, die jedem hier bewusst waren, an denen man arbeiten konnte, die wir als Team bewältigen konnten.“

„Und du glaubst, dass es dieses Mal nicht der Fall ist?“, fragte Daichi, der fast schon sachlich über das Thema sprach, wenn da nicht sein kurzer Atem wäre.

Erneut schüttelte Kageyama den Kopf.

„Was auch immer der Auslöser war, Asahi ist zerbrochen und ich hab keine Ahnung ob oder wie man einen gebrochenen Geist wieder kitten kann.“

Niemand sagte ein Wort als die Bedeutung hinter Kageyamas Aussage sie alle erreichte, manche schüttelten den Kopf in Verleumdung, andere sahen dem Schauspiel eher als Außenstehende zu und wieder andere flüsterten tonlos Dinge vor sich hin.

„Aber wartet mal“, versuchte Tanaka mit einem schwächlichen Versuch die Stimmung aufzubauen, „wir wissen doch gar nicht ob das stimmt, oder? Asahi hat dazu doch noch gar nichts gesagt, alles was wir haben sind Kageyamas Vermu...“

„Daichi!!!“

Wie ein Donnergrollen unterbrach Nishinoyas Zwischenruf den anderen Zweitklässler. Mit wutverzerrtem Gesicht stapfte er nach vorne und drängte mühelos Hinata und Kageyama zur Seite.

„Wenn dieser Feigling nicht zurückkommt, dann werde ich das Team verlassen, ist das klar?!“

„Noya...“, flüsterte Tanaka kleinlaut.

„Hey“, versuchte sich Sugawara dazwischen zu stellen nachdem für einen Atemzug niemand etwas sagte, „jetzt ist nicht der Zeitpunkt für so etwas, Nishinoya. Warten wir doch erst einmal ab, ehe wir voreilige Entscheidungen treffen. Wenn du jetzt auch noch...“

„Nein Suga! Dieser Arsch hat nicht das Recht nachdem was am Mittwoch passiert ist wieder einen auf halbes Hemd zu machen!“

Ihr Libero zitterte vor purem Zorn am ganzen Körper.

„Damals gegen Datekou konnte ich es ja noch irgendwie verstehen, aber warum zur Hölle jetzt? Asahi hat keinen Grund zu – wie sagtest du Kageyama? - zu zerbrechen! Er hatte ein scheiß großartiges Spiel am Mittwoch, war in Topform und hat es sogar geschafft mich aufzubauen nachdem ich einen Scheißtag hatte und am liebsten alles hingeschmissen hätte. Ich war es, der überlegt hatte aufzuhören!“

Über Nishinoyas Wut und seine zu ehrlichen Worte wurden alle anderen noch betretener.

„Und jetzt ist er es, der nicht weiterspielen will?! Der sich gebrochen in seinem Zimmer versteckt und vor sich hinleidet?! Entweder er will Volleyball spielen oder aber nicht, aber wenn er das macht, dann kann ich nicht… dann will ich nicht… Ich will nicht, dass...“

„Aber jetzt warte doch mal!“ Sugawara war es erneut der Nishinoya unterbrach, obwohl dieser schon längst nicht mehr in Worte fassen konnte, was in ihm vorging.

Dann wandte sich der Drittklässler dem anderen Zuspieler zu.

„Kageyama, du sagtest, dass du keine Ahnung hast warum es Asahi so schlecht geht, woher willst du wissen, dass es überhaupt irgendetwas mit Volleyball zu tun hat? Vielleicht hat er ja noch andere Probleme im Leben. Die Welt dreht sich ja nicht nur um unser Team, es gibt mit Sicherheit noch andere Dinge, die ihn beschäftigen. Außerdem warum sollte er nach einem so guten Spiel nicht mehr Volleyball spielen wollen?“

Wenn es Asahi schlecht geht, dann hat es immer etwas mit diesem verdammten Volleyballclub zu tun.“

Alle Anwesenden starrten Hinata an, der diese Worte dem Boden zugemurmelt hatte.

„Das hat seine kleine Schwester gestern gemeint. Sie hat gesagt, sie würde sich wünschen, dass Asahi nie wieder zum Club zurückkehren würde.“

„Das soll Akemi gesagt haben?“ Fassungslos drehte sich Nishinoya zu dem Angreifer um. „Warum sollte sie so etwas sagen? Sie weiß doch wie sehr Asahi es liebt Volleyball zu spielen.“

Hinata zuckte kraftlos mit den Schultern, er wollte das hier alles nicht. Er wollte nicht, dass ihr tolles Team zerbrach; er wollte nicht, dass es Asahi schlecht ging, dass Nishinoya damit drohte den Club zu verlassen, dass Sugawara mit den Tränen kämpfte und dass Daichi so zermürbt dreinschaute. Er wollte nicht, dass sie sich stritten, anstatt gemeinsam stärker zu werden.

„Ich hab keine Ahnung“, murmelte er und rieb sich die Augen, „aber sie war der festen Überzeugung, dass es Asahi nur wegen uns so bescheiden geht.“

Er schluckte schwer.

„Ich will auch nicht daran glauben, dass Asahi nicht mehr zurückkommen will, aber als ich ihn gestern so gesehen habe... egal was wir gesagt haben, er hat nicht einmal gelächelt oder auch nur hochgeguckt. Wenn Kageyama mir sagen würde, dass er mir in der Nationalmannschaft den Ball zuspielen will, ich würde bis zur Hallendecke springen, aber noch nicht mal da hat er...“

„Was hast du ihm gesagt?!“

Daichi unterbrach Hinata und machte einen Schritt auf Kageyama zu. Es war wahrlich beeindruckend wie unschuldig der Jüngste im Team zum Kapitän aufschauen konnte, denn gerade bekamen sogar die Mutigsten der Anwesenden Angst vor Daichis Blick.

„Ich habe nur wiederholt was der Trainer uns gesagt hat. Ich wollte, dass er weiß was er für ein Potential aufs Spiel setzt.“

„Warum zur Hölle hast du das getan?!“

Daichi packte Kageyama am Kragen.

Sugawara schlug sich fassungslos eine Hand auf den Mund.

Die restlichen Mitspieler zuckten zurück als der Kapitän des Teams Kageyama mit voller Wucht gegen die nächstbeste Wand stieß.

„Ist das der Grund warum du glaubst, dass er nicht zurückkommen wird?! Warum hast du es ihm dann überhaupt gesagt?! Wir alle wissen, dass Asahi unter Druck schnell zusammenbricht und wenn du ihm so etwas ins Gesicht wirfst, wenn es ihm bereits eh beschissen...“

„Es hat keinen Unterschied mehr gemacht.“

Daichi blieben seine Worte regelrecht im Hals stecken, als der andere ihn so naiv abwürgte und noch nicht mal versuchte sich zu wehren.

„Was meinst du damit?“, fragte er atemlos.

„Trainer Ukai wollte nicht, dass wir Azumane unnötig unter Druck setzen, damit er seine Freude am Spiel behält und nicht noch ängstlicher wird als sonst schon. Aber von dem was ich gestern gesehen habe, war da eh nichts mehr an Spiel- oder an genereller Lebensfreude, was man hätte beschützen müssen. Was auch immer passiert ist, es hat ihn zerbrochen und daher war es irrelevant ob ich ihm die Wahrheit vorenthalten würde oder nicht.“

Tief durchatmend machte Daichi einen Schritt zurück, während Kageyama mit den Achseln zuckte.

„Da so oder so nichts mehr da ist, was von der Wahrheit gefährdet werden könnte bin ich das Risiko eingegangen in der Hoffnung, dass es ihn vielleicht doch etwas Mut zusprechen würde. Aber ich habe mich geirrt. Wenn ein Herz aus Glas zerbricht, bleibt wohl einfach nichts mehr übrig außer Scherben.“

Eine betretene Leere blieb zurück als sämtliche Clubmitglieder zu Boden starrten.

Nichts konnte den Teamgeist mehr zerstören als wenn das Ass des Teams zerbrach und sie alle konnten es fühlen, ihr Team stand auf Messerschneide. Nishinoya hatte bereits angekündigt den Club zu verlassen sollte Asahi nicht zurückkehren und daran glaubte nach Kageyamas Ausführungen keiner von ihnen mehr so richtig.

Auch auf den anderen lastete die Schwere dieses Verlustes, insbesondere Daichi und Sugawara wussten nicht mehr weiter während Hinata einzelne Tränen nicht aufhalten konnte.
Selbst diejenigen von ihnen, die Asahi nicht so nah gestanden hatten, konnten den Schmerz fühlen als ihr Kampfeswille brach.

Wenn ihr Ass nicht mehr da war wie sollten sie es dann je die Nationalmeisterschaften bestehen? Wie sollten sie diese klaffende Lücke je schließen?

Waren all die Mühen, all die Anstrengungen, die schönen und die harten Stunden der letzten Monate plötzlich unwichtig geworden?

Konnte es sein, dass der Verlust eines einzelnen Teammitgliedes alles zerstören konnte?

„Nur wegen einem Herz aus Glas“, flüsterte Daichi und spürte wie ihm die Augen brannten.

In diesem Moment öffnete sich die Türe der Sporthalle.

„Hallo alle miteinander. Schön, dass ihr schon da seid. Ich habe mir heute mal früher freigenommen um mit euch… Was ist denn los?“

Coach Ukai stand im Türrahmen und konnte regelrecht riechen wie der Luft der Sporthalle durch Schwermut und Hoffnungslosigkeit der Sauerstoff entzogen wurde.

Kaum einer reagierte als er die Tür hinter sich zuschlug, der ein oder andere zuckte nur leicht zusammen.

„Sawamura, was ist…?“

Er konnte nicht weitersprechen als der Kapitän des Teams sich ihm zuwandte und er die glasigen Augen sah, die bebenden Lippen.

Ukai ließ den Blick durch den Raum gleiten, bemerkte dass nicht nur der Drittklässler den Tränen nahe stand. Der Kapitän befand sich mehrere Schritte entfernt von den anderen, direkt an der Wand zur Rechten der Türe, bei ihm nur Kageyama, der ebenfalls niedergeschlagen aussah.

„Natürlich!“

Plötzlich teilte ein Lichtstrahl das Meer aus Elend als Sugawara sich aufrichtete und fahrig umsah. Auch er hatte ganz offensichtlich geweint.

„Ein Herz aus Glas!“, rief er seinen Mitspielern zu als wäre es die ganz offensichtliche Lösung, doch niemand reagierte und Ukai verstand immer weniger was hier vor sich ging. Manchmal hatte er wirklich keine Ahnung in was für ein Drama Herr Takeda ihn da mit reingezogen hatte.

„Du!“ Der Zuspieler packte den ebenfalls niedergeschmetterten Libero am Arm. „Du kommst jetzt mal mit mir!“

Nun sah der ein oder andere verwirrt auf, Sugawaras plötzliche Energie schien sie zutiefst zu verstören.

Sugawara zog Nishinoya mit sich zu den Umkleiden.

„Daichi!“, brüllte er seinem Kapitän im Laufen noch zu. „Er hat ein Herz aus Glas, verstehst du?!“

Dann knallte er die Türe hinter sich und Nishinoya zu.

Mit großen Augen sah der verbliebene Drittklässler zur Umkleide, doch langsam lichtete sich seine Mutlosigkeit und ein leiser Hoffnungsschimmer glitt über sein Gesicht.

„Dann ist noch nicht alles verloren?“, flüsterte er.

„Okay!“ Ukai klatschte einmal hart in die Hände. „Ich habe keine Ahnung was hier vor sich geht, aber ich habe mir nicht extra frei genommen damit ihr alle dreinschaut als wäre jemand gestorben. Es ist doch niemand gestorben, oder?“, murmelte er dann Sawamura entgegen, der kurz den Kopf schüttelte.

„Gut, also was auch immer los ist, wir kriegen das schon hin. Ihr habt ja gesehen, dass Sugawara noch nicht den Mut verloren hat, also lasst ihr euch auch nicht hängen.“

Seine Worte erzielten noch nicht die gewünschte Wirkung.

„In Ordnung. Ich will, dass ihr jetzt alle Laufen geht, um den Kopf frei zu kriegen. Die übliche Strecke, den Berg hoch. Diejenigen von euch, die es unter einer halben Stunde schaffen, dürfen sich heute nach dem Training bei mir im Laden eine beliebig gefüllte Teigtasche aussuchen.“

Zumindest Tanaka erwachte unter der Möglichkeit auf kostenlose Nahrung wieder zum Leben.

„Unter einer halben Stunde?“, brüllte er entgeistert. „Das hab ich erst zwei Mal geschafft und ich renne die Strecke fast täglich!“

„Ja dann ist doch heute der perfekte Tag, um es ein drittes Mal zu schaffen. Kommt, geht euch den Kopf freilaufen und wenn ihr zurückkommt werde ich mich um euer Problem gekümmert haben.“

Noch immer sahen die meisten nicht wirklich überzeugt aus, aber zumindest war die Stimmung nicht mehr so gedrückt wie vorher als die Oberschüler zum Ausgang trotteten.

„Sawamura“, rief er den Drittklässler zu sich, „und du wirst mir jetzt mal erklären was hier vor sich geht.

*****


„Setzen“, orderte Sugawara an, nachdem er die Tür zugeknallt hatte.

„Aber Suga, was soll...“

„Ich habe gesagt du sollst dich setzten.“

Der Libero gehorchte und ließ sich auf einen der Klappstühle nieder.

Es war nicht so, als ob Nishinoya Bock hatte sich hinzusetzen, aber gerade in diesem Moment machte Sugawara ihm beinahe Angst. Der Drittklässler hatte nicht Asahi’s taffes Auftreten oder Daichis einschüchternde Präsenz, aber Nishinoya konnte nicht anders als beeindruckt zu sein.

Trotzdem, Sugawara konnte so furchteinflößend gucken wie er lustig war, Nishinoya hatte überhaupt kein Interesse daran ihm auch nur eine Sekunde zuzuhören. Er wollte irgendwas schlagen, irgendwen anschreien, er war wütend. Doch der Zuspieler schwieg und verschränkte seine Arme als hätte er gerade eine überaus gefährliche Taktik zusammengestellt, um seinen Gegner zu zerstören.

„Suga, was wird das hier?“, murmelte Nishinoya. Er hatte keinen Bock hier drauf, er war wütend. Asahi war das Ass dieser Mannschaft - sein Ass – und Nishinoya würde es ihm nicht verzeihen, wenn er diesen Titel einfach aufgab, wenn er das was er liebte einfach aufgab, wenn er noch nicht einmal dafür kämpfte.

Er wusste, dass er selbstsüchtig war, aber ohne Asahi aufs Spielfeld zu gehen… ohne Asahi diese Nationalmeisterschaft zu gewinnen, das kam für ihn nicht in Frage. Das wollte er einfach nicht, das konnte er nicht, nicht mehr.

Das tiefe Seufzen des Drittklässlers ließ ihn aufhorchen als Sugawara sich ebenfalls auf einen Stuhl fallen ließ.

„Weißt du“, murmelte der Zuspieler, ohne ihn anzusehen, „auch wenn ich‘s nicht zugeben wollte, ich habe von Anfang an wie Kageyama nicht daran geglaubt, dass Asahi krank ist. Ich hatte die ganze Zeit dieses ungute Gefühl, dass wieder etwas mit ihm nicht stimmt, aber ich wusste nicht was.“

Erneut seufzte Sugawara und diesmal sah er deutlich älter aus als zuvor.

„Am Anfang dachte ich, dass es wieder etwas mit unserem Volleyballspiel zu tun hat, aber selbst damals als er seinen kompletten Kampfgeist verloren hatte, selbst damals ist Asahi weiterhin zur Schule gekommen und war freundlich und ganz okay gelaunt. Daran konnte es dieses Mal also nicht liegen, also habe ich gedacht, dass ihm was anderes zu schaffen macht, vielleicht ist irgendetwas bei ihm Zuhause los von dem wir noch nichts wissen.“

Nun verschränkte er erneut die Arme und sah Nishinoya ernst an.

„Doch dann habe ich mich daran erinnert was Kageyama gesagt hat und was Hinata über Akemi erzählt hat und mir wurde bewusst, dass es doch irgendetwas mit uns zu tun haben muss. Aber ich wusste die ganze Zeit nicht was für unser Ass noch schlimmer sein könnte als während eines offiziellen Spiels unablässig geblockt zu werden. Was kann so furchtbar sein, dass er es nicht mal mehr zum Unterricht schafft? Dass seine Eltern ihn krankmelden müssen, weil es ihm so dreckig geht, dass er nicht mal mehr das Haus verlassen kann?“

Für eine Sekunde schwieg Sugawara. Nishinoya verstand nicht worauf der andere hinauswollte. Er hatte auch keinen Plan was hier vor sich ging, aber wenn er ganz ehrlich war, war ihm Sugawaras Gedankengang auch ziemlich egal.

„Mir ist zunächst wirklich nichts eingefallen, denn Asahi ist unglaublich pflichtbewusst und würde seine Noten nie nur deshalb gefährden, weil es im Club Probleme gibt und niemand aus seiner Familie würde zulassen, dass er wegen eines Hobbys die Schule vernachlässigt. Aber dann musste ich an Kageyama denken, der König des Spielfelds. Erinnerst du dich? Seine größte Angst war, dass die Mitspieler ihm wieder den Dienst verweigern würden, nicht nach seinem Ball springen würden. Als er zu uns kam hatte Kageyama Angst davor von anderen Mitspielern ausgeschlossen zu werden oder dass sie ihm misstrauen würden. Trotzdem wollte Kageyama weiterspielen, es hat ihm zugesetzt, aber es konnte ihn nicht vom Spielen abhalten.“

Dann sah Sugawara Nishinoya direkt an. Doch dieser konnte ihm immer noch nicht wirklich folgen. Ja er hatte davon gehört, auch wenn er erst später zum Team wieder dazugestoßen war da er suspendiert gewesen war. Aber was hatte der König des Spielfeldes mit ihrem Hasenfuß von einem Ass zu tun?

„Aber dann wurde mir klar, dass Asahi nicht wie Kageyama ist; würde er in einer solchen Situation weiterspielen und sich dem Team sozusagen aufbürden? Ganz ehrlich, nein, ich glaube sogar, dass Assahi anders als Kageyama unter einer solchen Vorstellung komplett zerbrechen würde. Was könnte schlimmer für ein Ass sein als seine Mitspieler zu enttäuschen? Ganz klar, nichts ist schlimmer als von den eigenen Mitspielern zurückgelassen zu werden. Sei es ob ein Zuspieler einem Angreifer nicht zuspielt oder ein Angreifer nicht nach dem Ball des Zuspielers läuft. Nichts ist schlimmer, als dieses furchtbare Gefühl den anderen nicht von Nutzen sein zu können, ihnen nur eine Last zu sein, nicht wahr Nishinoya? Dieses Gefühl, dass die anderen doch sehen müssen, dass man so nicht mehr von Wert für das Team ist.“

Der Libero schluckte schwer, genau das war sein Gefühl am Mittwoch gewesen, dass er für die anderen nur ein Klotz am Bein gewesen war, weil er nicht gut verteidigt hatte.

„Also Nishinoya“, murmelte Sugawara nun und lehnte sich vor, „als ich Asahi das letzte Mal gesehen habe, strotzte er nur so vor Selbstvertrauen und Siegeswille und wir wissen alle wie ungewöhnlich das für ihn ist. Dann hat er mit dir gesprochen und seitdem kommt er noch nicht mal mehr zur Schule. Also, was hast du ihm gesagt?“

Nishinoya stockte der Atem, ablehnend schüttelte er den Kopf und riss beide Hände in die Höhe.

„Was soll der Scheiß, Suga?! Du glaubst ich bin der Grund warum sich dieser Feigling nicht mehr aus seinem Zimmer traut? Ich hab es dir doch schon gesagt, es war ein gutes Gespräch, Asahi hat mich richtig beeindruckt und...“

„Stimmt, du hast mir gesagt, dass Asahi gute Worte gefunden hat, dass Asahi dir gut zugeredet hat. Aber ich frage dich gerade was hast du in diesem Gespräch zu Asahi gesagt? Denn du bist der Letzte von uns allen, der ihn am Mittwoch wo er seinen Höhenflug hatte gesehen hat.“

Ja es war berechtigt vor Daichi Angst zu haben, wenn er wütend wurde, aber gegen diesen Sugawara kam selbst er nicht an.

Nishinoya bemerkte erst, dass er sich von dem anderen zurückgelehnt hatte, als sein Rücken gegen die Lehne stieß.

„Was redest du denn da?“, murrte er abwehrend und verschränkte seine Arme. „Als würde ich irgendetwas sagen, weswegen Asahi...“

„Was hast du gesagt, Nishinoya?“

Er konnte diesem direkten Blick nicht mehr standhalten und senkte den Kopf.

„Also ich… ich hab keine Ahnung wovon du redest, Suga. Klar, ich war etwas wütend wegen des Trainingsspiels und war vielleicht etwas grob in meiner Wortwahl, aber ich hätte doch nicht...“

„Nishinoya, sag mir einfach was du Asahi gesagt hast.“

„Keine Ahnung. Es ging alles so schnell und so viel hab ich ja auch gar nicht gesagt, daher...“

Der Libero zuckte mit den Achseln und versuchte Sugawaras Blick zu entgehen. Als dieser nach mehreren Sekunden immer noch schwieg rieb sich Nishinoya den Nacken und sah hin und her.

„Also eigentlich hab ich ihm nur das gesagt was ich auch dir erzählt habe. Ich war unglücklich darüber, dass gerade ich als Libero in der Abwehr so scheiße war und von Angreifern unterstützt werden musste. Ich will nicht, dass ein Angreifer für mich abwehren muss und dann die Möglichkeit verpasst einen Punkt zu machen nur weil ich zu schlecht war, um meine Aufgabe als Libero zu erfüllen.“

Verständnisvoll nickte Sugawara.

„Kann ich nachvollziehen“, murmelte er. Er selbst wollte auch in jedem Fall verhindern, dass ein Angreifer geblockt wurde nur weil er schlechte Vorlagen machte.

Vielleicht hatte er sich geirrt, vielleicht hatte Asahis derzeitiger Zustand nichts mit…

„Aber es kann sein, dass die Art wie ich es ihm gesagt habe ein Problem war.“

Ganz vorsichtig hob Nishinoya den Kopf und sah Sugawara zweifelnd an.

„An die genaue Wortwahl erinnere ich mich beim besten Willen nicht, aber es kann sein, dass ich etwas in die Richtung gesagt habe, dass ich nicht will, dass er für mich abwehrt und dass ich seine Hilfe nicht brauche.“

„Oh.“

„Ich glaube ich hab ihm vielleicht auch gesagt, dass ich ihn nicht brauche.“

Der Libero wirkte über seine Worte fast geschockter als der Zuspieler. Sein rechter Mundwinkel zuckte und er biss sich auf die Unterlippe.

„Glaubst du… glaubst du Sugawara, dass er das ernst genommen hat? Glaubst du, dass Asahi wirklich denkt, dass ich ihn nicht brauche würde? Dass ich ihn nicht bei mir auf dem Spielfeld haben will?“

Er begann zu zittern.

„Glaubst du Asahi denkt jetzt, dass ich ihn hassen würde? Glaubst du, dass er wegen mir zerbrochen ist?“

Für einen Moment betrachtete Sugawara den Jüngeren wortlos. Er war wütend, stocksauer sogar, aber irgendwie tat es ihm auch leid, tat es ihm beinahe weh. Er verstand was Nishinoya getan hatte, vielleicht sogar warum und er konnte sich nur zu gut vorstellen was der Libero gerade fühlen musste.

Seufzend nickte er.

„Also wenn mir ein Mitspieler voller Ernsthaftigkeit sagen würde, dass er mich nicht auf dem Spielfeld gebrauchen kann, puh, das würde mir schon echt zu schaffen machen, gerade wenn es Daichi oder Asahi zu mir sagen würden.“

Der andere biss sich auf die Unterlippe und krallte dann regelrecht die Hand in seinen Kiefer.

„Ich glaube, dass einen jeden von uns solche Worte eines Mitspielers treffen würden und wir alle damit unterschiedlich umgehen würden. Ich denke, wenn du am Mittwoch so etwas Daichi oder mir gesagt hättest wäre uns beiden schnell bewusst gewesen, dass du es bestimmt nicht so gemeint hast und noch angefressen vom Spiel warst.“

Der Zuspieler kratzte sich an der Wange.

„Wenn jemand anderes Asahi so etwas an den Kopf geworfen hätten, hätte es ihn wohl sehr verletzt, aber er wäre vielleicht trotzdem weiter zum Training gekommen. Aber ich glaube...“

Sugawara unterbrach sich und sah den Libero ernst an, der so aussah als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen.

„Asahi hält große Stücke auf dich, du kannst ihn erreichen, wenn all unsere Worte fruchtlos sind. Du bist ihm echt wichtig. Ich glaube, auch wenn du deine Worte mit Sicherheit nur aus Frust und Wut gesagt hast, dass Asahi sie sich sehr zu Herzen genommen hat. Ja, ich glaube Asahi denkt wirklich, dass du jedes Wort genauso gemeint hast wie du es gesagt hast.“

Nishinoya schluckte schwer.

„Wir vergessen alle manchmal, dass unser Ass selbst scherzhafte Neckereien ernst nimmt und davon nach und nach zermürbt wird. Gerade die von uns, die ihm wichtig sind, müssen daher immer äußerst behutsam auf unsere Wortwahl achten, auch wenn uns das manchmal schwerfällt. Es ist nicht immer einfach, wenn ein Freund ein so zerbrechliches Herz hat.“

„Aber was mache ich denn jetzt?!“

Nishinoya war aufgesprungen und sah Sugawara verzweifelt an.

„Ich will nicht, dass Asahi aufhört zu spielen! Ich will nicht, dass er mich hasst oder nur wegen mir nicht mehr zum Training kommt! Ich will, dass er weiterhin mit mir auf dem Spielfeld steht. Ich kann nicht in einem Team spielen, das er aufgegeben hat, ich brauche ihn doch auch. Jedes Mal, wenn Asahi nach dem Ball ruft oder meinen Rücken deckt weiß ich wieder wie stark wir sind. Nur dank euch kann ich Fehler machen und das hat er mir beigebracht! Wie könnte ich ihn da je hassen?! Wie soll ich dann zurück aufs Spielfeld gehen, von dem ich ihn vertrieben habe?“

Die ersten Tränen schwappten über, Nishinoya konnte sie offensichtliche nicht mehr aufhalten.

„Ich will nicht, dass Asahi wegen mir unglücklich ist. Was soll ich denn jetzt tun? Wie soll ich mir je verzeihen, wenn ich ihn zerbrochen habe?“

„Aber Nishinoya.“ Sugawara lächelte sanft obwohl tausend Nadeln seine Augenwinkel stachen. „Ich kenne die Antwort darauf nicht. Dafür musst du zu ihm. Du musst Asahi all diese Dinge sagen, nicht mir.“

Überrascht machte der Libero einen Schritt zurück.

„Weißt du, wir wissen alle, dass Asahi ein Herz aus Glas hat und Kageyama hat eben behauptet, dass es zerbrochen ist und wahrscheinlich hat er sogar Recht; Scherben lassen sich nicht wirklich wieder zusammenfügen. Aber weißt du, ich frage mich was im Inneren dieses Glasherzen gefangen war. Vielleicht musste dieses Glasherz ja brechen, damit er weiterwachsen kann, damit sein wahrer Diamant zum Vorschein kommen kann.“

Mit großen Augen sah Nishinoya den Drittklässler an während seine Tränen versiegten, dann – ganz langsam – nickte er und im nächsten Moment rannte er los, stürmte aus der Umkleide, durch die Sporthalle und zur Türe hinaus.

Breit lächelnd verließ Sugawara ebenfalls den kleinen Raum.

„Was ist denn passiert?“

An der Seitenlinie standen Herr Ukai und Daichi, die bis gerade wohl ernst miteinander gesprochen hatten.

„Wo ist Nishinoya denn so schnell hin?“, fragte der Trainer nach. „Und wieso siehst du so gut gelaunt aus? Ich dachte wir hätten gerade unser Ass verloren.“

„Noch nicht“, sprach Sugawara inbrünstig. „Asahi haben wir noch nicht verloren, nur sein Glasherz ist zerbrochen.“

 

Kapitel 5

 

Er rannte als würde jede Sekunde zählen, fast als ginge es um Leben oder Tod. Er hatte dieses furchtbare Gefühl, als würde die Welt kurz vor dem Abgrund stehen.

Du verstehst es einfach nicht.

Nein, er war der Idiot gewesen, der nichts verstanden hatte. Nishinoya war der Idiot gewesen, der die warmen Worte seines Asses nicht hatte verstehen wollen. Er war der Idiot gewesen, der lieber laut um sich geschlagen hatte als eine Sekunde innezuhalten und dem anderen zuzuhören.

Ich will nicht, dass du für mich abwehrst!

Er war verletzt gewesen, deshalb hatte er es gesagt, nur weil sein Stolz gekränkt gewesen war. Für einen Moment - für einen kurzen Moment - hatte Nishinoya missachtet wie sensibel Asahi sein konnte, hatte einfach nur seinen Frust komme was wolle an dem anderen auslassen wollen und hatte völlig ignoriert was das für Folgen haben konnte.

Ich will nicht, dass du meinen Rücken deckst!

Das stimmte nicht, es war nicht die Wahrheit, sondern nur verletzter Stolz, der da aus ihm gesprochen hatte. Natürlich wollte er, dass Asahi hinter ihm stand. Niemandem wollte er lieber hinter sich wissen und keinen Rücken würde er lieber vor sich haben.

Wie hatte Asahi auch nur eine Sekunde seine Worte glauben können?

Ich brauche deine Hilfe nicht!

Was war er nur für ein Vollidiot gewesen?!

Sugawara hatte absolut Recht. Für jemanden wie Asahi mussten sich solche Worte anhören wie ein Schlag ins Gesicht.

Eine Sekunde lang fragte Nishinoya sich was er wohl fühlen würde, wenn Asahi derjenige gewesen wäre, der diese Worte ihm ins Gesicht gebrüllt hätte. Aber darüber wollte er, nein, konnte er nicht nachdenken.

Langsam verstand er warum Asahi nicht mehr zur Schule kam.

Wegen ihm.

Er ging ihm aus dem Weg.

Ich brauche dich nicht!

Nishinoya blieb stehen.

Was konnte er schon sagen?

Er hatte Angst.

Wie sollte er Asahi gegenübertreten nachdem er ihm so etwas an den Kopf geworfen hatte?

Und selbst wenn er den Mut und die richtigen Worte fand, würde er dann Asahis Antwort aushalten können?

Sugawara hatte ihm gesagt, dass er einfach nur mit Asahi reden musste.

Aber was war, wenn das nicht reichen würde? Was wenn weder Worte noch Taten das Geschehene wiedergutmachen konnten? Was wenn er etwas zerstört hatte was man nicht mehr reparieren konnte?

Was ist, wenn Asahi mich jetzt hasst?

„Yui? Was machst du denn hier?“

Er wirbelte herum. Asahis kleine Schwester Akemi, eingepackt in Schal, Kopftuch und einen dicken Wintermantel, eine Einkaufstüte in jeder Hand, kam auf ihn zu.

Ihm fehlten die Worte ihr zu antworten, während seine letzte Frage ihm durchs Gehirn waberte wie ein todbringendes Omen.

Als sie genau vor ihm stand bemerkte er erst, dass sie mit ihren vierzehn Jahren schon größer war als er. Wann war sie denn nur so groß geworden?

Verdammte Azumane-Gene!

Sie lächelte ihn herzlich an und trotz ihrer blassen Züge strahlte sie eine Schönheit und Stärke aus, die Nishinota erröten ließ, doch dann wurde ihr Blick direkt wieder ernst.

„Bist du auf dem Weg meinen Bruder zu besuchen?“

Er schluckte schwer und nickte schließlich.

Den Kopf leicht neigend zog sie eine Augenbraue hoch.

„Na dann komm mit.“

Wortlos ging er neben ihr her, wusste nicht was er sagen sollte bis ihm etwas auffiel.

„Sag mal, Akemi, warum bist du überhaupt hier? Ich dachte samstags müsstest du immer...“

„Ach, ich war vorgestern schon, weil Papa heute auf eine Fortbildung musste und Mama ihn so begleiten kann“, unterbrach sie ihn mit einer Leichtigkeit in ihrer Stimme, die auch seine Geister wieder weckte, „und du weißt ja, samstags kocht Asahi nach dem Training normalerweise aber weil es ihm so schlecht geht, hab ich mir gedacht, dass ich das heute mal machen könnte.“

„Du bist eindeutig die große Schwester in der Familie, nicht wahr?“ Er schaffte es sich ein Lächeln abzuringen.

„Da kannst du aber Gift drauf nehmen. Möchtest du vielleicht gleich mitessen? Ich hab genug gekauft um das ganze Volleyballteam durchzufüttern.“

Oh, da traf sie gerade einen wunden Punkt. Ob ihr das wohl aufgefallen war? Ob sie es vielleicht ganz bewusst so gesagt hatte?

„Darf ich dir etwas abnehmen?“, fragte er, anstatt zu antworten.

Lächelnd reichte sie ihm eine der Tüten und dann setzten sie gemeinsam ihren Weg fort.

Sie unterhielten sich über dies und das. Wie es Nishinoyas Großvater ging, was ihre Eltern so machten, wie es in der Schule lief. Aber gezielt vermied Nishinoya Themen, die unangenehm werden könnten.

„Sag mal“, murmelte Akemi dann als sie das Haus erreicht hatten, „warum sind gestern eigentlich diese zwei schrägen Vögel bei uns aufgetaucht? Ich glaube Asahi hätte sich viel mehr gefreut, wenn du gekommen wärest.“

Er entgegnete nichts und sie hakte auch nicht weiter nach, sondern trat sich ihre Schuhe aus und eilte herein während Nishinoya sich noch die Gästehausschuhe anzog.

„Bruderherz, komm mal aus deinem Loch gekrochen, Yui ist zu Besuch.“

Der Libero kam ins offene Esszimmer herein. Es war nicht sein erstes Mal hier. Nachdem er als Erstklässler die ersten Klausuren total verhauen hatte, war Asahi so freundlich gewesen ihm beim Lernen zu helfen, beziehungsweise hatte Nishinoya sich ihm regelrecht aufgedrängt und Asahi war zu gutmütig gewesen, um ihn abblitzen zu lassen. Zu der Zeit war Nishinoyas Großvater auch nicht so gut dran gewesen und hatte manche Nacht im Krankenhaus verbracht. Dank Asahi war Nishinoya diese düsteren Stunden über nicht allein gewesen.

„Er wird nicht kommen, erst recht nicht, wenn er weiß, dass ich da bin“, murmelte er schuldbewusst und half Akemi die Einkäufe wegzuräumen.

Sie sah ihn mit diesem Blick von oben herab an, den ihre Mutter bereits in Perfektion beherrschte.

„Also du warst es.“ Es war keine Frage, eine kalte Feststellung.

Er biss sich auf die Unterlippe und nickte, ohne ihren Augen standhalten zu können.

Plötzlich rutschte ihre schmale Hand in sein Blickfeld, sie hielt ihm einen Zimmerschlüssel hin.

„Dann bring es wieder in Ordnung.“

Überrascht sah er auf und fand sich ihrem vernichtenden Urteil ausgesetzt.

„Wenn du es verbockt hast, dann stell es wieder richtig. Wegen dir geht es meinem Bruderherz schlecht und wenn du das nicht wieder hinbiegst, werde ich dir das nie verzeihen.“

Nishinoya konnte ihrem Blick kaum standhalten.

„Ich lasse nicht zu, dass mein Bruder wegen dir an etwas zerbricht das er so sehr liebt. Also bring es wieder in Ordnung, verstanden?“

Zögernd nahm er den Zimmerschlüssel entgegen und nickte.

Er hatte keine Ahnung, wie er es wieder in Ordnung bringen sollte.

Aber das würde er Asahis kleiner Schwester nicht sagen. Anders als ihr zartbesaitetes Ass konnte Akemi sehr leicht sehr laut werden und obwohl Nishinoya es liebte sich mit ihrem Willen zu messen, gerade wollte er sich auf keinen Fall mit ihr anlegen.

Also nickte er akzeptierend und wandte sich dann seiner selbst eingebrockten Herausforderung zu.

Warum auch immer kam ihm der Flur länger vor als sonst.

Mit pochendem Herzen blieb er vor Asahis Zimmertüre stehen.

Doch es war egal was er gerade dachte oder fühlte, er konnte nicht davonrennen.

Tief atmete er ein und dann klopfte er.

Doch nichts passierte.

Natürlich nicht. Asahi wollte ihn nicht sehen; nicht nachdem was er gesagt hatte, nicht nachdem er nicht nur dessen Glücksmoment einfach zerstört hatte, sondern ihm auch noch so wehgetan hatte.

Erneut klopfte er.

„Asahi“, murmelte er so leise, dass der andere ihn wahrscheinlich gar nicht hören konnte während er seine Stirn gegen die Tür drückte. „Mach doch einfach auf. Deine Schwester hat mir den Zimmerschlüssel gegeben. Ich komm also so oder so rein, also mach mir bitte auf.“

Die anhaltende Stille nervte ihn, regte ihn auf.

Ja er war derjenige, der es versaut hatte; ja er war derjenige, der sich entschuldigen wollte, aber verdammt nochmal, der andere konnte ihm doch wenigstens ein Zeichen geben, dass er ihn hörte.

„Okay, du hast es ja nicht anders gewollt“, murrte er und steckte den Schlüssel ins Schloss. Aber die Türe war nicht verschlossen, also nickte er entschieden und öffnete sie.

 

Einmal tief einatmend trat Nishinoya ein.

Ein dunkles Zimmer begrüßte ihn, es sah genauso aus wie er es kannte. Bis aufs unordentliche Bett war alles fein säuberlich aufgeräumt, aber kein Asahi war da.

„Nishi...noya?“

Er schnellte herum.

Aus der Badezimmertüre schräg gegenüber von Asahis Raum kam eben genanntes Ass heraus.

Aber Nishinoya hätte ihn kaum erkannt.

Er hatte ihn schon in schlechten Momenten erlebt, hatte ihn schon in richtig beschissenen Momenten erlebt, aber gerade fehlten ihm die Worte, um zu beschreiben was er sah.

Weder Kageyamas noch Hinatas Warnungen hätten ihn auch nur ansatzweise auf das vorbereiten können und plötzlich musste er sich eingestehen, dass der Begriff zerbrochen wohl am treffendsten war.

„Hey“, murmelte er atemlos und schollt sich innerlich direkt für eine so schwache Begrüßung.

Wer war er denn, dass er zu kneifen drohte?

Nein, er war bereits einiges von Asahi zu lernen, aber auf keinen Fall wie man weglief.

Fast unbemerkt glitt Asahi zurück und war schon drauf und dran wieder hinter der Tür zu verschwinden.

„Halt!“, brüllte Nishinoya und griff mit beiden Händen nach dem Türblatt und brauchte auch recht viel Kraft, um den Größeren davon abhalten zu können sie zuzuziehen. „Warte Asahi!“

Der Drittklässler ließ die Türklinke los – Nishinoya flog fast ans andere Ende des Flurs als die Tür ihm mit vollem Schwung entgegen kam – und huschte zurück ins fensterlose Bad. Doch das war sein Fehler gewesen, denn nun hatte er keine Fluchtmöglichkeit mehr.

„Lauf doch nicht einfach so vor mir weg!“, herrschte Nishinoya den anderen an, der gerade wirklich so aussah als überlegte er sich in der Badewanne vor dem Libero zu verstecken.

„Wenn du vor mir wegrennst kann ich mich doch gar nicht bei dir entschuldigen!“

Nishinoyas Herz schlug immer noch schnell aber seine Angst von vorher war wie weggeblasen. Er wusste, dass er sich bei seinem Ass entschuldigen musste. Wenn seine Worte ausreichten, um Asahi in das hier zu verwandeln, dann hatte er ja wohl auch die Macht, um ihn wieder aufzubauen. Er musste es schaffen. Nein viel mehr noch, er durfte einfach nicht scheitern.

Außerdem wusste Nishinoya ganz genau, dass er nicht ändern konnte wie Asahi reagieren würde, aber er hatte die Wahl – das verdammte Recht - zumindest zu sagen was er dachte und fühlte und Asahi würde es hören müssen, ob er wollte oder nicht!

„Was fällt dir ein einfach nicht zum Training zu kommen?“, wütete er und machte einen Schritt auf Asahi zu. „Was fällt dir ein die Schule zu schwänzen nur weil du so… nur wegen dem was ich… nur wegen mir?!“

Das hier war gar nicht so einfach wie Nishinoya zunächst gedacht hatte.

Es war nicht sein erster Streit mit dem Drittklässler, schon öfters hatte er seinen Kopf gegen den des anderen geknallt. Aber das hier war anders.

Er war nicht nur wütend auf Asahi, er war auch wütend auf sich selbst und er musste sich irgendwie entschuldigen, aber wieso reichten nur ein paar seiner von Wut getragenen Worte aus damit der andere direkt einbrach? Wieso nur konnte Asahi nicht…

„Sag doch mal was!“, verlangte er als seine eigenen Gedanken ihn übermannten.

Doch Asahi schwieg. Nishinoya konnte sehen, dass der ganze Körper des anderen bebte, auch wenn sein Gesicht im Schatten seiner Haare verborgen war. Trotz seiner Größe wirkte Asahi gerade unglaublich jung und schwach. Vermutlich hatte er sogar Angst, Angst vor Nishinoyas nächsten Worten.

Ach, Nishinoya war wirklich nicht gut in so etwas.

Er biss sich auf die Unterlippe und machte einen Schritt zurück.

„Nein, was ich sagen will… was ich wirklich meine ist… Es tut mir leid, Asahi.“

Erneut spürte er wie seine eigenen Augen brannten, als er sich so sehr nach vorne beugte, dass er drohte aus den Hausschuhen zu rutschen.

„Was ich am Mittwoch zu dir gesagt habe war falsch. Ich war wütend, ich war so unglaublich enttäuscht von mir und das habe ich an dir ausgelassen. Ich habe Worte gesagt, von denen ich wusste, dass sie dich verletzen würden, weil es mir in diesem Moment egal war.“

Langsam wurde er fahriger.

„Bitte glaub mir, dass ich diese Worte nicht so meinte! Es gibt für mich kein besseres Gefühl als mit dir aufs Spielfeld zu gehen. Ich kann nur so mutig sein, weil ich weiß, dass mein Team da ist, dass du da bist. Ohne dich will und kann ich nicht mehr spielen. Denn ich brauche, dass du an mich glaubst, Asahi. Ich brauche, dass du mir Kraft gibst, wenn ich zweifle und ich brauche, dass du mich auf den Boden der Tatsachen holst, wenn ich wieder abhebe. Ich brauche dich, Asahi!“

Er konnte die Tränen nicht aufhalten.

„Ich hab Dinge gesagt, die ich nie so meinte, Asahi, und ich weiß nicht ob du mir je verzeihen kannst. Aber ich bitte dich, bitte komm wieder zur Schule, bitte komm wieder zum Training; ich will nicht, dass du wegen mir aufhörst das zu tun was du liebst. Ich will nicht, dass du hier allein in deinem Zimmer unglücklich bist. Wenn es an mir liegt...“ Er atmete tief ein und sah seinen verschwommenen Tränen dabei zu wie sie auf die kalten Fliesen tropften. „Wenn du das wegen mir nicht kannst, dann… dann verschwinde ich, dann tauche ich nie wieder in den Fluren der Drittklässler auf. Ich verlasse den Club, wenn es sein muss. Lieber schwöre ich dem Volleyball hier und jetzt auf ewig ab als dass du aufhörst zu spielen.“

Seine Stimme brach.

„Bitte Asahi, es tut mir leid, also bitte hör nicht auf die Dinge zu tun die du liebst, bitte hör nicht auf Volleyball zu spielen, nicht wegen meiner unbedachten Worte, nicht wegen mir. Ich mache alles was du willst, aber bitte sei wieder glücklich, bitte komm wieder zum Training, das Team braucht dich.“

Ich brauche dich!

Er weinte. Seine Tränen rannen ganz ungehindert und erst jetzt begriff Nishinoya wie sehr er den anderen vermisst hatte. Seitdem Asahi am Anfang des Schuljahres zurück zum Club gekommen war, hatte er ihn fast jeden Tag gesehen. Selbst sonntags hatten sie gemeinsam trainiert oder waren zusammen unterwegs gewesen – Nishinoya hatte Wochen gebraucht, um Asahi zu überreden den neuen Hollywood Action Blockbuster anschauen zu gehen, aber es hatte sich so gelohnt.

Erst jetzt wurde ihm bewusst wie viele Sorgen er sich die letzten zwei Tage gemacht hatte. Bemerkte erst jetzt, dass seine Gedanken immer wieder zu Asahi gewandert waren und er willentlich verdrängt hatte darüber nachzudenken, warum der andere nicht zur Schule kam.

Nishinoya hatte von Anfang an gewusst, dass er der Grund gewesen war, hatte sich von Anfang an schuldig gefühlt, ansonsten – das wusste er – wäre er wohl noch am Donnerstag, vielleicht sogar noch während des Unterrichts, hierhin gerannt und hätte Asahi eine Standpauke darüber gehalten, dass er das Training sausen ließ.

Aber das hatte er nicht getan, weil er ganz genau gewusst hatte, warum Asahi nicht gekommen war.

Es war einfacher gewesen nicht darüber nachzudenken, nicht darüber nachzudenken warum er solche Worte gesagt hatte, warum er vor Asahi nicht hatte schwach wirken wollen, warum er sich so geziert hatte vor Asahi zu versagen.

Aber jetzt tat es verdammt weh.

Denn jetzt verstand er, dass er genau das gewollt und gebraucht hatte was Asahi an dem Abend ihm hatte geben wollen. Ein offenes Ohr, aufbauende Worte, ehrlicher Zuspruch und rückenstärkende Ermutigung, ein fester Schultergriff, vielleicht sogar eine kurze Umarmung und danach das herzliche Lachen Asahis, welches er leider nur zu selten zeigte.

Aber Nishinoya war zu stolz dafür gewesen sich das einzugestehen, zu stolz dafür gewesen um Hilfe anzunehmen. Er hatte Asahi abgeblockt, immer und immer wieder, bis Asahi sich nicht mehr getraut hatte anzugreifen, bis er einfach vom Spielfeld gegangen und nicht mehr wiedergekommen war.

„Bitte sag doch etwas“, flüsterte Nishinoya, der nicht wusste ob die erdrückende Stille nun schon Minuten oder erst Sekunden anhielt. „Irgendetwas.“

Immer noch starrte er stur auf den Boden vor sich und wusste daher nicht, ob der andere überhaupt noch atmete. Zum Glück blockierte er die Türe sonst hätte es sein können, dass er sein Herz gerade dem Waschbecken ausgeschüttet hätte.

Doch dann hörte er den zittrigen Atem des Älteren, der offensichtlich versuchte genug Kraft aufzubauen, um überhaupt einen Laut rauszubringen und möglicherweise bis gerade den Atem angehalten hatte.

Mehrmals holte Asahi Luft und mehrmals verspannte Nishinoya sich.  Er hatte sich das Recht herausgenommen zu sagen was er zu sagen hatte, aber genauso gut hatte Asahi jetzt das Recht zu sagen was er wollte, oder aber auch gar nichts zu sagen und sich einfach an ihm vorbei zu drücken.

Jetzt hatte Nishinoya so viel Angst wie schon sehr, sehr lange nicht mehr, vielleicht noch nie in seinem Leben. Er wusste gar nicht was ihm mehr Angst machte, dass Asahi nicht antworten würde oder dass er reden würde.

Was war, wenn Asahi ihm sagen würde, dass…

„Ich...“ Der Drittklässler räusperte sich als seine Stimme brach. Es war offensichtlich, dass er die letzten Tage kaum gesprochen hatte.

„Ich will nicht...“ Wieder zögerte Asahi und neue Tränen schossen in Nishinoyas Augen als der andere endlich mit ihm sprach, aber er traute sich nicht aufzusehen. „Ich will nicht, dass du aufhörst… Volleyball zu spielen.“

Nishinoya konnte die Tränen nicht aufhalten als er sich langsam wagte aufzusehen. Asahi sah ihn immer noch nicht an, hatte sich halb abgewandt als würde er mit dem Duschkopf reden.

„Dann komm zurück“, flüsterte Nishinoya viel leiser als er beabsichtigt hatte, „dann bitte komm zurück. Ich kann in diesem Team nicht spielen, wenn du es aufgibst, wenn du den Volleyball aufgibst, wegen mir.“

Ganz allmählich, als würde die Zeit langsamer laufen als bisher, hob der andere seinen Kopf und ein sanftes Lächeln umspielte seine aufgeplatzten Lippen, doch es war so traurig.

„Nein“, murmelte er ruhig und sah Nishinoya zum ersten Mal an. „Ich glaube nicht, dass ich das kann.“

„Was?“

Immer noch sah Asahi ihn fast schon warm an und dann schüttelte er den Kopf.

„Ich danke dir für deine Worte, Nishinoya. Es...es zeugt wirklich von Mut und Reife was du gerade getan hast, aber es tut mir leid, ich denke nicht, dass ich...“

„Wovon redest du?!“, brüllte Nishinoya und machte einen Satz nach vorne. „Was zur Hölle redest du da?!“

Überrascht oder auch verängstigt trat Asahi zurück.

„Du bedankst dich für meine Worte? Verdammte Scheiße noch eins, wenn ich von Anfang an ehrlich zu mir und vor allem zu dir gewesen wäre, dann hätte ich dir das gleich gesagt! Dann würden wir uns jetzt nicht in dem verdammten Badezimmer bei dir Zuhause streiten!“

Er biss sich auf die Unterlippe.

„Du redest von Mut und Reife? Ich hab das Dümmste und Gemeinste in meinem ganzen Leben getan und als Strafe könnte ich dich jetzt für immer verlieren und was machst du? Du entschuldigst dich? Bei mir?! Hast du sie noch alle?!“

Fast schon beruhigend hob der andere seine Hände.

„Nishi...“

„Nein!“ Er packte Asahi am Ärmel seines Shirts. „Bitte sein wütend auf mich, bitte brülle mich an, aber entschuldige dich nicht bei mir. Nicht du, nicht nach alledem was du für mich getan hast. Ich bitte dich, bitte spiel weiter, verlange von mir das Team zu verlassen, ich werde es sofort tun, aber bitte...“

„Yū.“

Die Stimme des Liberos brach als der andere so warm seinen Namen nannte. Nishinoya hatte seinen Vornamen nie gemocht, aber wenn Asahi ihn so nannte...

„Ich würde so etwas nie von dir verlangen. Ich will nicht, dass du aufhörst Volleyball zu spielen; du bist der beste Libero, den ich kenne.“

„Dann komm zurück, bitte, ohne dich kann ich nicht spielen.“

Verwirrt sahen ihn diese tiefen, braunen Augen zwischen Haarsträhnen hindurch an, dann schüttelte der Ältere den Kopf.

„Es tut mir leid, aber ich kann nicht.“ Beinahe bedächtig betrachtete Asahi seine rechte Hand. „Ich bin nicht stark genug, ich halte das nicht mehr aus. Ich kann so was nicht nochmal durchmachen, ich weiß nicht wie ich...“

„Asahi!“ Nishinoya packte die Hand die Asahi begutachtete und sah wie die Augen des Drittklässlers eine Spur größer wurden, konnte ganz deutlich sehen, wie sich das Rot eines geplatzten Äderchens vom Weiß in Asahis linken Auge abhob.

„Es tut mir leid! Du hattest am Mittwoch einen so guten Tag und ich habe alles zerstört. Ich weiß, dass es dir jetzt nur wegen mir so geht, Asahi und wenn ich könnte würde ich die Zeit zurückdrehen. Wenn ich nur wüsste was ich tun kann...“

Er schwang Asahis Hand kraftlos durch die Luft und versuchte die Worte zu finden, die er brauchte.

„Ich habe dich verletzt, ich war gemein und du hast jedes Recht dich zu entscheiden wie du willst, aber ich bitte dich. Ich brauche dich, also bitte lass mich nicht allein!“

„Wie bitte?“

Verwundert sah er, dass Asahi ihn nur noch verwirrter ansah und seine Hand aus Nishinoyas Fingern befreite. Erst jetzt wurde dem Libero bewusst, was er gerade gesagt und getan hatte.

„Was?“, murmelte Asahi tonlos. „Wie meinst du das?“

Nun sahen sie sich zum ersten Mal wirklich an und endlich wusste Nishinoya was er sagen wollte.

„Dieses Mal“, antwortete er glasklar und stellte sich genau vor sein Ass, „dieses Mal meine ich es genauso, wie ich es gesagt habe. Ich bin nicht wie du, wenige Dinge machen mir heute noch Angst und Worte anderer beeindrucken mich nicht wirklich. Aber als ich eben hier ankam, hatte ich ganz große Angst. Ich hatte Angst davor was du mir sagen würdest und ich habe Angst davor nicht mehr Teil deines Lebens sein zu dürfen.“

Nishinoya musste schlucken.

„Ich will dich nicht verlieren, Asahi. Nicht auf dem Spielfeld und nicht abseits davon. Ich hab nicht vor vielen Dingen Angst, aber ich weiß nicht was ich tun würde, wenn du...“

Ihm versagte die Stimme.

Lange sah Asahi ihn an, es war unmöglich zu sagen was er wohl dachte.

„Also das am Mittwoch“, murmelte der Ältere schließlich, „das war nicht die Wahrheit? Du hast einfach nur...“

„Natürlich war es nicht die Wahrheit!“ Er verstand nicht wie Asahi tickte, musste er es ihm buchstabieren? Wie oft sollte er es noch sagen?  „Ich war wütend auf mich selbst und unzufrieden mit mir und dann kamst du um die Ecke und meintest es nur gut, aber ich war so aufgewühlt, dass ich nur das gesagt habe was ich sagen konnte um dich zu verletzten, weil ich wusste wie ich dich verletzen kann. Ich hab nicht gesagt was ich wirklich gefühlt habe, weil ich vor dir nicht schwach wirken wollte. Ich hab mich geschämt vor deinen Augen zu versagen, also schlug ich lieber um mich. Es tut mir leid.“

Immer noch sah Asahi ihn an, den Kopf leicht schräg gelegt.

„In Ordnung“, sagte er.

„Was?“ Nishinoya wusste nicht, was das bedeuten sollte.

Wer war hier in Ordnung? Nichts war hier in Ordnung. Nishinoya war nicht in Ordnung!

„In Ordnung“, wiederholte Asahi und sah ihn immer noch so ernst an.

Dann atmete der Drittklässler tief durch.  Als er sprach, klang es eher so als würde er mit sich selbst reden und nicht mit Nishinoya.

„Das mit Mittwoch war nicht so gemeint, wirklich nicht so gemeint. Du hattest einen schlechten Tag und hast es an mir ausgelassen.“

Nishinoya nickte.

„Okay.“ Asahi nickte ebenfalls und klang absolut ruhig: „Okay, wenn das so ist, bitte mach es nicht nochmal, ich weiß nicht, ob ich das nochmal überstehen kann. Denn ich weiß nicht wann du Worte ernst meinst und wann du sie nur sagst, um dir Luft zu machen. Ich glaube dir was du sagst und zwar insbesondere dann, wenn es negativ ist, okay?“

Erneut nickte der Libero. Selten redete Asahi so offen über das was er dachte und fühlte und es hörte sich für Nishinoya wirklich kompliziert an, aber er wollte sein Möglichstes versuchen um den anderen zu verstehen.

Tief atmete der Drittklässler ein und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht, strich seine Haare zurück und sah zur Badezimmerdecke hinauf.

Aber für Nishinoya war noch nichts okay.

„Es tut mir leid, Asahi“, wiederholte er ehrlich und tieftraurig. „Bitte glaube mir, ich will und brauche dich und ich werde dir das so oft sagen wie du willst, bis du es mir glauben kannst.“

Nun sah Asahi wieder zu ihm hinab und sein Blick wirkte anders als zuvor.

„Ich weiß und ich verstehe wie du dich fühlst“, meinte er schlicht, „schließlich fühle ich genauso. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde.“

Etwas brach in Nishinoya, etwas lang versiegeltes, zugesperrtes, verstecktes, riss auf; die Tränen nahmen erneut ihren Lauf und erneut konnte er sie nicht aufhalten. Wie ein kleines Kind stand er da, die Hände zu Fäusten geballt und der ganze Körper am Beben, während die Tränen ihren Lauf nahmen.

Er wusste nicht was gerade passierte, was gerade mit ihm los war oder warum er überhaupt weinte, aber dann spürte er den Arm an seinem Rücken, die Hand an seinem Hinterkopf, die Brust an seiner Schläfe.

„Schon okay, Nishinoya. Ich bin ja da. Ich bin doch hier.“

Asahi weinte auch, das konnte er ihm anhören während er sich in dessen Shirt krallte.

„Bitte lauf nicht mehr weg“, flüsterte der Libero, „bitte lass mich nicht mehr allein.“

„Okay“, antwortete der andere sanft, „ich werde nicht mehr weglaufen, nicht solange du mich bei dir haben willst.“

Nun lachte Nishinoya leise.

„Ich bin so erbärmlich. Ich sollte mich bei dir entschuldigen und dir gut zureden, nicht andersherum.“ Trotzdem rannen die Tränen weiter seine Wange hinunter.

„Das hier ist noch für Mittwoch“, entgegnete Asahi leise und grub sein Kinn in Nishinoyas Haare. „Nächstes Mal können wir das Anschreien ja überspringen, okay?“

„Mhm!“, nickte Nishinoya und rieb sich die Augen mit dem Handrücken.

Dann löste er sich von dem anderen und sah zu ihm auf.

„Also ist jetzt alles okay?“, fragte er unsicher. „Zwischen uns? Und was ist mit dem Club?“

Asahi lächelte schwach.

„Zwischen uns ist alles in Ordnung. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich nicht rückfällig werde, ich bin nicht immer Herr meiner Gedanken und was den Club angeht...“ Er zögerte. „Ich liebe Volleyball immer noch und ich will immer noch mit dir und den anderen auf dem Spielfeld stehen, aber…“

„Dann komm doch einfach zurück.“

Jetzt lachte Asahi leise auf und fuhr sich erneut durchs Haar.

„Ja, dann komm ich wohl einfach zurück.“

Für einen Moment sahen sie sich einfach nur an während Asahi leicht verlegen lächelte und Nishinoya ein breites Grinsen nicht verhindern konnte, doch dann erschreckte sie ein lautes Poltern und der Drittklässler krümmte sich als ob ihm jemand in den Magen getreten hätte.

„Asahi? Asahi was ist denn los?“

Der Ältere wollte antworten, doch erneut rumorte es so laut, dass es ein Erdbeben hätte sein können.

„Ist das… dein Magen?“

Mit schmerzverzerrtem Gesicht nickte der andere.

„Sag bloß du hast seit Mittwoch nichts mehr gegessen? Und das nach einem Trainingsspiel? Das fällt dir jetzt erst auf? Bist du denn wahnsinnig? Willst du etwa draufgehen, oder was?“

Asahi wollte etwas antworteten, aber Nishinoya packte seine beiden Schultern.

„Du muss mir jetzt was versprechen, Asahi.“

„Hmm?“ Verwirrt guckte der sich immer noch krümmende Außenangreifer zu ihm auf.

„Egal was ich sage oder tue, du darfst wütend sein, du darfst verletzt sein aber nie - ich betone nie - darfst du dich wegen mir oder irgendwem sonst vernachlässigen, verstanden? Versprich mir, dass du auf dich Acht gibst, und wenn du es nur tust, weil du es mir versprochen hast, okay?“

Anstatt zu antworteten zitterte der Mund des anderen gefährlich und seine Augen wurden glasig. Plötzlich gaben Asahis Beine nach, Nishinoya versuchte noch den Älteren aufzuhalten, konnte jedoch diesen Giganten kaum stemmen, also hockten sie nun auf dem Boden im Badezimmer und dieses Mal war es Asahi, der in sein Oberteil weinte.

Der Libero breitete die Arme um sein Ass aus und hielt ihn fest, bettete sein Kinn auf die weichen Haare und kämpfte mit den eigenen Tränen.

„Schon okay, Asahi, ich bin ja da. Ich lasse dich nicht zurück, nie mehr.“

Kapitel 6

 

„Oh, Akemi das schmeckt ja so gut! Ich wusste gar nicht das du kochen kannst.“

„Danke Yui, braucht es nicht noch was mehr Ingwer? Irgendwie schmecke ich zurzeit gar… warte mal, was machst du hier?!“

Gerade sprang Nishinoya von Topf zu Topf und probierte die verschiedenen Speisen.

„Hmm, das hier ist auch gut, könnte was mehr Curry vertragen und was Salz. Was ist das...“

„Yui!“

Im letzten Moment konnte er dem Kochlöffel ausweichen.

„Probier doch nicht einfach an allem rum! Ich bin noch nicht fertig und warum bist du nicht bei meinem Bruder?!“

Verwirrt sah er auf, einen Topfdeckel noch in der Hand.

„Ich hab Asahi unter die Dusche geschickt, der hat total nach altem Schweiß und Krankenbett gerochen. Außerdem waren seine Haare mega verfilzt und hast du dir mal sein Gesicht angesehen, mit diesem Abklatsch von einem Bart sieht der ja aus wie ein Obdachloser.“

Sie nahm ihm den Deckel ab und stülpte ihn wieder über den Topf.

„Das heißt es geht ihm wieder gut?“, fragte sie und konzentrierte sich etwas zu sehr auf die köchelnden Speisen.

Breit grinsend streckte ihr Nishinoya zwei Daumenhoch entgegen. Man konnte ganz deutlich sehen, dass er geweint hatte, seine Augen waren leicht gerötet und geschwollen. Trotzdem wirkte er so fröhlich wie sie ihn kannte. Was für ein Glück, dass ihr Bruder einen solchen Freund hatte.

„Aber klar doch!“

Mit einem leisen Lächeln wandte sie sich ab, konnte nicht verhindern, dass sie das fast schon unmenschliche breite Grinsen des Liberos zum Erröten brachte.

„Das ist gut“, murmelte sie und salzte das Fleisch nach, „und du scheinst auch wieder der Alte zu sein.“

Nishinoya lachte als Antwort nur und begann den Tisch zu decken.

Zurück in der Küche lehnte Akemi sich gegen den Kühlschrank und verkniff sich eine Träne.

Endlich ging es ihrem großen Bruder wieder besser, sie hatte sich schon große Sorgen gemacht. Am vergangenen Abend hatte sie noch gehört, dass ihre Eltern leise miteinander gestritten hatten wegen Asahi, da sie sich auch nicht mehr zu helfen wussten. Sie hatte gehört wie ihre starke Mutter geweint und ihr sanfter Vater leise vor sich hingeflucht hatte.

Was hasste sie es so hilflos zu sein, aber sie konnte nichts tun, wenn es ihrem Bruder so ging. Niemand konnte ihm dann wirklich helfen, wenn er sich so zurückzog und mit niemandem mehr reden wollte.

Als die beiden schrägen Vögel am vergangenen Tag aufgetaucht waren hatte sie Hoffnung geschöpft, der Große mit dem düsteren Blick hatte ihrem Bruder ein paar interessante Dinge an den Kopf geworfen. Da ihr Zimmer direkt neben Asahis lag, hatte sie das ganze Gespräch verfolgen können.

Aber als sie sich dann abends bei Asahi hineingeschlichen hatte, war alles beim Alten gewesen. Ihr Bruder hatte auf dem Bett gehockt und noch nicht mal reagiert als sie mit ihm geredet hatte. Geantwortet hatte er erst recht nicht, sie wusste nicht mal ober er ihr überhaupt zugehört hatte.

Aber nun war Nishinoya da; der quirlige Libero war der Einzige den Asahi an sich dran ließ, wenn es ihm so schlecht ging, oder eher rannte Nishinoya ihm so lange hinterher bis er ihn eingeholt hatte.

Leise lächelnd begab sie sich wieder an den Herd.

Wenn sie ganz ehrlich war hatte sie daran gezweifelt, dass Nishinoya es dieses Mal schaffen würde. Sie konnte sich nicht daran erinnern ihren Bruder jemals so am Ende gesehen zu haben. Obwohl Asahi die Unsicherheit in Person war, war er immer ihr großer Bruder gewesen, hatte ihr immer beigestanden und sie konnte es kaum ertragen ihn so leiden zu sehen.

Anscheinend hatte sie sich verschätzt, hatte verschätzt wie viel Nishinoya ihrem Bruder bedeutete. Der Wirbelwind war zu Asahi durchgedrungen als sie bereits die Hoffnung verloren hatte.

„Wo habt ihr denn die Schüsseln?“

Überrascht schaute sie auf und bemerkte, dass der Libero sich auf allen Vieren durch ihre Schränke arbeitete.

„Ah, hab sie.“

„Yū.“ Sie stellte sich hinter ihn und stemmte entschieden die Hände in die Hüften.

Verwirrt mit drei Schüssel in der Hand sah er zu ihr auf.

„Wehe du brichst meinem Bruder noch mal das Herz, kapiert?“

Für eine Sekunde sah Nishinoya mit großen Augen zu ihr auf, doch dann grinste er dieses breite Grinsen, welches sie so mochte.

„Keine Sorge, das passiert mir nicht noch einmal.“

Sie nickte nur während er aufsprang und mit den Schüsseln davonjagte.

„Und Yui!“

Auf der Stelle am Weiterlaufen sah er zu ihr.

„Ich danke dir.“

Grinsend streckte er ihr einen Daumenhoch entgegen und rannte weiter.

Als sie mit den Vorbereitungen in den letzten Zügen waren tauchte auch Asahi auf.  Er trug den Pullover den Akemi ihm zu seinem Geburtstag geschenkt hatte, vorne abgebildet war ein Grizzlybär und darunter stand hug me, please; ein Handtuch um die Schultern verhinderte, dass seine nassen Haare alles voll tropften. Er sah immer noch ziemlich ausgelaugt und müde aus, aber immerhin lächelte er schwach und rieb sich verlegen den Hinterkopf als er hereinkam.

Es schien ihm wirklich besser zu gehen.

„Komm Bruderherz, steh nicht rum wie angewachsen, sondern hilf mir das Essen auf den Tisch zu stellen“, befahl sie als er einen Moment nach Worten suchte und verloren am Küchentisch stand.

Nishinoya jagte währenddessen zwischen Küche und Tisch hin und her als wollte er einen Rekord im Tischdecken aufstellen.

Wenig später saßen sie dann alle am gedeckten Tisch. Der Libero schlug wie gewohnt zu und auch Asahi aß für seine Verhältnisse großzügige Portionen, aber er hatte ja auch ein paar Tage aufzuholen. Vor allem trank er viel, was wohl auch daran liegen konnte, dass Akemi extra seinen Lieblingssportdrink gekauft hatte.

Sie selbst sah den beiden Volleyballspielern lieber beim vollschaufeln zu und aß nur wenig. Vor allem beobachtete sie wie der Libero zum Alleinunterhalter mutierte und sowohl sie als auch ihren zaghaften Bruder immer wieder zum Lachen brachte. Nur dank des munter gelaunten Wildfangs war die Laune beim Essen ganz ausgelassen, während sie über dies und jenes sprachen und immer wieder miteinander und übereinander lachten.

Irgendwann verabschiedete sich die kleine große Schwester, um sich etwas hinzulegen und um den Jungs etwas Raum zu geben.
 

 

 

Die beiden Freunde aßen noch bis sie kugelrund und vollkommen gesättigt waren ehe sie schließlich aufstanden und mit dem Abräumen begannen.

Immer noch unterhielten sie sich dabei ausgelassen, allerdings war das Gespräch hauptsächlich ein Monolog Nishinoyas, Asahi war seitdem sie unter sich waren noch ruhiger geworden als eh schon.

Er war so oder so nicht der große Redner, das wusste der Libero, und natürlich brauchte er immer länger, um sich zu akklimatisieren, um sich wieder zu fangen. Nishinoya hatte schon oft mitbekommen, dass Asahi Wochen später noch über Dinge nachdachte, die er noch nicht einmal im Kurzzeitgedächtnis gespeichert hatte.

Da waren sie halt einfach unterschiedlich.

Trotzdem beunruhigtes es ihn zutiefst. Er versuchte mit lustigen Sprüchen die Stimmung zu lockern, er erzählte Asahi was er die letzten zwei Tage an wichtigen Dingen in der Schule verpasst hatte – also zum Beispiel, dass Tanaka am vergangenen Tag gegen einen anderen Zweitklässler aus dem Basketballclub im Armdrücken verloren hatte und Ryu ihm nun zwei Wochen sein Mittagessen abgeben musste, sollte Daichi nicht die Ehre des Volleyballteams wiederherstellen und am Montag den Kapitän des Basketballteams im Armdrücken schlagen, woran niemand von ihnen auch nur den leisesten Zweifle hatte – und wie das Training so gelaufen war.

Doch Asahi schwieg die meiste Zeit und sah Nishinoya auch nicht öfters an als unbedingt nötig während er abspülte und der Libero abtrocknete.

Laut aufstöhnend rieb der Jüngere sich eine Hand durchs Gesicht.

„Mann, du bist ja so anstrengend.“

„Was? Wie bitte?“

Erschrocken sah Asahi nun zu ihm hinab und es war mehr als offensichtlich, dass der Drittklässler es direkt mit der Angst zu tun bekam. Kopfschüttelnd stemmte Nishinoya beide Hände gegen die Hüfte.

„Ich würde ja wirklich zu gerne wissen was in deinem haarigen Kopf so vor sich geht. Ich dachte wir hätten alles geklärt, warum guckst du dann immer noch so belämmert vor dich hin als hätte ich dir die Haare abgeschnitten?“

Asahi sah ihn einen Moment mit riesigen Augen an, ehe er sich wieder dem Spülbecken zuwandte.

„Das mach ich doch gar nicht“, murrte er verlegen.

„Machst du wohl!“ widersprach Nishinoya deutlich lauter und schlug ihm leicht mit dem Ellenbogen gegen die Hüfte.

„Wenn etwas ist, musst du mir das sagen“, murmelte er dann viel leiser. „Ich kann doch nicht deine Gedanken lesen und weiß dann nicht was ich tun soll.“

Nun sah Asahi ihn wieder an.

„Du weißt nicht was du tun sollst?“, fragte er beinahe ungläubig. „Du weißt doch immer was zu sagen ist. Selbst wenn Daichi oder Sugawara nervös sind hast du einen coolen Spruch auf Lager. Du bemerkst manchmal, dass ich Schiss kriege bevor es mir überhaupt selbst auffällt.“

„Na und?!“ Nishinoya konnte nicht verhindern, dass er errötete. „Das ist etwas anderes. Ich weiß dann ganz genau was in dir oder den anderen abgeht. Ich merke, dass es dann nur Angst ist und damit weiß ich umzugehen, aber wenn du so komisch bist wie gerade, so ruhig und ernsthaft, dann weiß ich nicht was in dir vorgeht und dann weiß ich erst Recht nicht was ich sagen soll und das kotzt mich an weil ich nicht will, dass du dir über irgendetwas unnötige Gedanken machst, wenn wir das zusammen lösen könnten.“

Und auf einmal war es da, dieses kleine Lächeln das Asahi so selten zeigte, bevor er dann ebenfalls die Hände auf die Hüften legte und leicht den Kopf schüttelte. Nishinoyas Herz begann schneller zu schlagen. Er kannte diese Bewegung zu gut und musste sofort grinsen, obwohl er noch nicht einmal wusste was der andere nun sagen würde.

Asahi so lächeln zu sehen, ein Lächeln das Nishinoya so liebgewonnen hatte, dann konnte er gar nicht anders als grundlos glücklich zu sein.

„Aber du weißt doch genau was zu sagen ist“, meinte der Ältere dann und sah ihn warm an, „mir geht‘s direkt viel besser.“

„Sehr gut!“, lachte Nishinoya ehe ihm etwas Wichtiges auffiel. „Aber du hast mir immer noch nicht gesagt worüber du jetzt die ganze Zeit gegrübelt hast.“

„Ach, das war doch nur...“ Asahi kratzte sich verlegen an seinem bärtigen Kinn, nun wieder den Blick überall hinschweifen lassend solange er Nishinoya nur nicht ansehen musste, der das natürlich sofort bemerkte.

„Jaha?!“, fragte er direkt nach und ließ den anderen nicht aus den Augen.

„Ach, weißt du… eigentlich war es nur… also nicht, dass es wirklich...“

„Jetzt druck‘s hier nicht so rum, sondern sag was los ist! Hat es was mit dem Team zu tun? Also da kann ich dich beruhigen. Natürlich machen wir uns alle Sorgen, aber wegen drei Tagen Schwänzen wird Daichi dich doch nicht direkt köpfen, selbst nach einem Monat durftest du zurückkommen, da glaube ich nicht, dass das hier jetzt...“

„Nishinoya“, Asahi hob beide Hände und versuchte ihn ruhig zu unterbrechen, was gar nicht so leicht war, wenn der Libero mal in Fahrt kam. „Ich weiß doch, dass ich zurückkommen darf.“

Das war so untypisch selbstsicher von seinem Ass, dass Nishinoya wirklich für einen Moment vergaß wo er dran war und den anderen nur mit offenem Mund anstarrte.

„Darum ging es nicht.“

„Worum ging es dann?“, fragte Nishinoya missmutig, aber auch leicht beeindruckt nach. Da war er wieder, den Asahi den er schon immer hinter dem ängstlichen Ass gesehen hatte, schon wieder war er hervorgeblitzt. Selbst jetzt, nach fast drei Tagen, in denen sich der andere in sein Schneckenhaus zurückgezogen hatte und Nishinoya Angst gehabt hatte ihn für immer verloren zu haben, selbst jetzt war er noch da, unter den unsicher dreinblickenden Rehaugen verborgen.

Aber dann errötete Asahi und fuhr sich durch sein halbtrockenes Haar.

„Ach nein, das ist mir zu peinlich, darüber will ich nicht...“

„Jetzt spuck‘s schon aus!“

Tief seufzte Asahi auf und wandte sich wieder dem Spülbecken zu, Nishinoya wollte schon nachhaken als der Ältere nach dem nächsten Teller griff und zu sprechen begann: „Weißt du, dass Hinata und Kageyama gestern hier waren?“

„Klar“, entgegnete Nishinoya und nahm den Teller an, neugierig wohin dieses Gespräch jetzt führen würde.

Für einen Moment schwieg Asahi und sie spülten in Stille ab.

„Kageyama hat ein paar Sachen gesagt, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.“

„Mhm.“

Nishinoya wusste, dass Kageyama geplaudert hatte. Deswegen war er schließlich hierhin gekommen, weil der Erstklässler ihnen gesagt hatte, dass Asahi nicht zurückkommen würde. Was genau der Zuspieler ihrem Ass zugesteckt hatte wusste er allerdings nicht, aber auch er hatte nicht vorgehabt der Anordnung ihres Trainers Folge zu leisten, daher war es ihm nur Recht, dass Kageyama sich auch dagegen entschieden hatte.

Trotzdem war Nishinoya sich ganz bewusst – vielleicht sogar mehr als jedem anderem im Volleyballclub – wie dieses Wissen Asahi belasten konnte. Er wollte den Drittklässler ermutigen sein volles Potential auszuschöpfen, ohne ihn dabei unter Druck zu setzen, dass er das auch tun musste.

„Weißt du, dass Daichi und Suga sich an einen Vorbereitungskurs für die Uni eingeschrieben haben?“

„Hä?“ Verwirrt schaute Nishinoya von seiner Schüssel auf.

Woher kam denn der plötzliche Themenwechsel? Was hatte das damit zu tun was Kageyama ihm gestern gesagt hatte?

„Suga meinte ich sollte das auch, aber ich hatte ja nie vor auf die Uni zu gehen und bin deswegen ja auch nicht in deren Klasse.“

Asahi konzentrierte sich auf den Schwamm in seiner Hand.

„Meine Noten sind gar nicht so schlecht und ich bin mir sicher, dass ich, wenn ich genug lerne auch irgendwie diesen Eignungstest bestehen könnte, aber noch bevor ich auf die Oberschule kam war mir klar, dass ich nach der Schule etwas machen wollte, um Geld zu verdienen. Daher wusste ich von Anfang an, dass die drei Jahre auf Karasuno meine letzten drei Jahre sein würden, um Volleyball so zu spielen wie ich es will.“

Nishinoya schwieg. Er hatte immer vermieden darüber nachzudenken was nach der Nationalmeisterschaft sein würde; hatte vermieden darüber nachzudenken, dass die Drittklässler irgendwann ihre Clubaktivitäten beenden würden, aber natürlich dachten die Älteren darüber nach.

Schon das ein oder andere Mal hatte er die Drittklässler darüber reden hören, auch dass Sugawara Asahi hatte überreden wollen sich doch für einen Vorbereitungskurs anzumelden, aber dieser hatte abgelehnt.

„Es ist nicht so als ob ich wirklich lernmüde wäre“, murmelte Asahi nun mehr zu sich selbst als zu Nishinoya, „eigentlich würde ich sogar gerne noch mehr lernen, aber die Uni kostet nun mal Geld und das haben wir einfach nicht.“

Der Libero schluckte leise, auch über so etwas hatte er sich nie wirklich Gedanken gemacht. Er selbst kam vielleicht nicht aus reichem Hause, aber er hatte sich nie darum sorgen müssen, dass seine Ziele durch so etwas Triviales wie Geld aufgehalten werden würden.

Es war nichts Ungewöhnliches in der heutigen Zeit, dass beide Eltern arbeiten gingen und soweit er wusste, waren Herr und Frau Azumane beide auch Recht erfolgreich in ihrem Berufsleben, aber manchmal spielte das Leben halt nicht so mit wie man wollte.

„Natürlich sage ich meinen Eltern das so nicht. Als mein Vater damals mit mir über meine Zukunft reden wollte habe ich selbst entschieden nicht studieren gehen zu wollen, er hat mich nicht dazu überredet oder so, doch ich konnte ihm ganz genau ansehen wie erleichtert er war, dass ich bald mein eigenes Geld verdienen würde. Aber...“

Wenn Nishinoya ganz ehrlich war hatte er nie darüber nachgedacht was er nach der Schule vorhatte, er wollte sein Leben lang Volleyball spielen und plötzlich merkte er, dass es ihm wirklich schwer fiel sich, ohne sein Ass auf dem Feld zu sehen.

Gleichzeitig konnte er sich Asahi in unglaublich vielen Berufen vorstellen. Außer Dinge die mit kleinen Kindern zu tun hatten – obwohl Asahi gut mit Kindern konnte, hatten diese meist unglaubliche Angst vor ihm – oder viel Mut erforderten; naja, wenn er ehrlich war vielen ihm da plötzlich nicht mehr so viele coole Berufe ein, vor allem wenn der andere kein langweiliger Schreibtischhengst werden sollte.

Nun bebte die Stimme des Älteren.

„Aber wenn ich die Chance hätte noch ein bisschen länger Volleyball zu spielen, noch ein bisschen weiter zu kommen, dann...“

Asahi brach ab und drückte sich den Handrücken auf den Mund als wäre er wieder kurz davor in Tränen auszubrechen.

„Hey“, lachte Nishinoya leicht überfordert. Den schnellen Gedankengängen des anderen konnte er nur schwer folgen.

„Ich wollte nie drüber nachdenken“, murmelte Asahi nun und stützte sich mit einer Hand an der Küchentheke ab, „keine falschen Hoffnungen machen, realistisch bleiben. Nur die richtig Guten haben überhaupt die Chance auf ein Stipendium, nur die Besten der Besten können ihr Leben lang Volleyball auf hohem Niveau spielen, vielleicht sogar als Profi, und mir war immer ganz klar, dass ich nie dazu gehören würde, schließlich bin ich einer dieser Normalos und selbst für Naturtalente wie dich und Kageyama sind solche Träume schon unglaublich schwer zu erreichen. Aber jetzt frage ich mich, wenn Kageyama und Herr Ukai Recht haben...“ Die nächsten Worte flüsterte er als hätte er Angst Unheil heraufzubeschwören. „...könnte ich es vielleicht doch schaffen?“

Auf einmal sah er Nishinoya an als wüsste dieser die Antwort.

„Du hast mir schon tausendmal gesagt, dass du mich für echt gut hältst aber um ehrlich zu sein habe ich nie so ganz kapiert, warum du das denkst.“

Nishinoya wollte schon laut werden, aber Asahi sprach weiter. „Ich dachte immer, wenn du so was zu mir sagst, dass du einfach nur nett sein willst, mir Mut zusprechen willst. Aber Kageyama würde so etwas nicht machen. Der weiß ja noch nicht einmal was aufmuntern bedeutet, er war sogar wütend darauf, dass ich mein Potential vergeuden würde.“

Ja, das passte wirklich eher zu ihrem speziellen Zuspieler als irgendwelche netten Worte.

„Aber wenn selbst Kageyama und Herr Ukai so denken; denken, dass ich wirklich Potential habe, glaubst du – sei ehrlich – glaubst du, dass ich es weit genug bringen kann? Glaubst du, ich könnte gut genug werden, um ein Sportstipendium zu kriegen? Damit ich noch etwas länger spielen…?“

„Natürlich!“

Er brauchte keine Sekunde zu überlegen, unterbrach den anderen während er mit voller Wucht das Küchentuch auf den Boden schmiss.

„Als ich das erste Mal gesehen habe wie du einen Block durchbrochen hast, ab da wusste ich, dass du besser bist als die anderen, dass du zu den Besten gehören wirst. Du hast die Kraft, die Ausdauer und den Blick zu sehen wo der Ball herkommt und wo er hin muss.“

Er atmete tief ein.

„Ich hab von Anfang an gewusst, dass du alles hast was es braucht. Nur eine Sache fehlt dir. Der Wille, den hab ich immer versucht in dir zu wecken, aber...“ Nun war er es der wegsah. „Aber es ist egal was ich von dir denke. Die wahre Frage ist doch, glaubst du daran, dass du dafür gut genug bist?“

Asahi antwortete nicht und als Nishinoya aufschaute konnte er beobachten, wie sein Ass den Schwamm in seiner rechten Hand betrachtete als wäre er sein ganzes Leben.

„Ich weiß nicht“, antwortete der Ältere nach einem Moment, „ich weiß wirklich nicht, ob ich dafür gut genug bin.“

„Asa…!“

„Aber ich weiß“, flüsterte er dann und sah Nishinoya direkt an, „ich weiß genau, dass ich das will. Ich will weiter auf dem Feld stehen, weiter Volleyball spielen. Nicht nur bis zu den Nationalmeisterschaften, nicht nur bis dieses Schuljahr vorbeigeht. Ich will ein Stipendium erhalten, um auf die Uni zu gehen und dort weiterspielen zu können! Ich will...“ Dann stockte er und sah Nishinoya beinahe panisch an. „Ich will nach ganz oben, bis in die Nationalmannschaft.“

„Asahi!“

Heulend sprang Nishinoya seinem Ass in die Arme. Sich selbst etwas unterschätzend sprang er zu hoch, schlang seine Beine um die Schultern und vergrub Hände und Kopf in den Haaren des anderen.

Er hatte von Anfang an gewusst, dass Asahi das Talent in sich trug, aber lange Zeit war er der Einzige gewesen. In den ersten Monaten ihres gemeinsamen Trainings hatte Nishinoya bemerkt, dass manche im Team Asahis Fähigkeiten aufgrund seines ängstlichen Verhaltens nicht für voll genommen hatten, aber durch seine Statur war er trotzdem immer wieder aufgestellt worden.

Irgendwann hatten dann auch die ehemaligen Drittklässler Asahis Können gesehen und Daichi und Sugawara hatten eh nie an ihrem Ass gezweifelt.

Der einzige, der sein Potential wahrscheinlich noch nicht einmal bemerkt hatte, geschweige denn ernst genommen hätte, war wohl Asahi selbst gewesen. Manchmal fragte der Libero sich was wohl der alte Trainer Ukai von seinem Ass gedacht hatte.

Als die neuen Erstklässler dazu gekommen waren, hatte Nishinoya mit großer Freude festgestellt, dass ihr Hunger auch Asahi angesteckt hatte und doch war Asahi immer wieder untergetaucht.

Am Mittwoch war er dann endlich ausgebrochen aus seinem selbstgemachten Käfig und Nishinoya hoffte, dass er sich nie wieder verstecken würde.

„Hey“, murmelte sein Ass und stolperte mehrere Schritte zurück, um sein Gleichgewicht zu sichern. „Könntest du bitte…. Nishinoya...“

„Ich bin so stolz auf dich“, nuschelte er in das Jesushaar des Älteren, „und du wirst das auf jeden Fall schaffen. Ich werde dich so gut unterstützen wie ich nur kann. Verlass dich auf mich.“

„Okay“, kam es von Asahi viel gestammelter als es dem Libero lieb war, „könntest du dann bitte von mir runter gehen, ehe ich ersticke.“

Energiegeladen sprang Nishinoya wieder zurück auf seine eigenen Beine und strahlte den anderen an.

Mit rosigen Wangen lächelte der Ältere auch, kratzte sich verlegen den Nacken.

„Tu mir einen Gefallen und behalte das erst Mal für dich, ja? Das ist alles ganz schön...“

„Natürlich nicht, Asahi!“, schüttelte Nishinoya den Kopf. „Glaubst du wirklich ich würde das länger als zwei Minuten für mich behalten können?“

„Nein, nicht wirk...“

„Siehst du! Außerdem ist es doch total…“

„Nishinoya.“

Er verstummte als Asahi ihn so ernst ansah.

„Bitte, ich muss zuerst mit meinen Eltern darüber reden und dann mit Herrn Ukai und Herrn Takeda besprechen ob ich überhaupt für ein Stipendium in Frage käme und wie wahrscheinlich es ist, dass ich es erreichen kann. Verstehst du?“

Missmutig nickte Nishinoya halbwegs.

„Also bitte, polter es zumindest nicht Montag durch die ganze Schule, okay? Ich möchte erst gucken ob es überhaupt funktionieren könnte, ehe ich mir und dir Hoffnungen mache, verstanden?“

Seufzend hob er ergebend die Hände.

„Na meinetwegen. Ich warte ab bis du alles geklärt hast.“

Nun lächelte der andere wieder etwas fröhlicher.

„Danke dir.“

„Aber!“ Nun wedelte Nishinoya mit erhobenem Zeigefinger. „Dafür übernachte ich heute hier.“

„Was? Wieso?!“

„Ist doch ganz klar. Meine Sachen sind noch in der Sporthalle aber das Training ist längst vorbei und Opa bringt mich um, wenn er erfährt, dass ich die schon wieder vergessen habe...“

Schon wieder?“, wiederholte Asahi mit hoch gezogener Augenbraue.

„Aber wenn ich bei dir übernachte, dann bekommt er es nicht mit und alle sind glücklich.“

Der Libero grinste breit, doch der Drittklässler sah ihn fragend an.

„Du willst also nicht nur heute hier übernachten, sondern auch morgen?“

Breit grinsend nickte der Jüngere als wäre das das Logischste auf der ganzen Welt.

„Deine Eltern sind doch eh nichts da und haben mit Sicherheit nichts dagegen. Ich hab doch schon so oft bei euch gepennt, zwei Mal sogar unter der Woche.“

Noch immer wirkte der Ältere alles andere als überzeugt.

„Aber ich muss doch lernen, Nishinoya, ich muss zwei ganze Tage an Hausaufgaben und Lernstoff aufholen.“

„Ja, aber ich muss doch auch lernen“, bemerkte der Libero und nun blitzten seine Augen gefährlich auf, „und da meine Sachen ja in der Sporthalle sind könnte ich mir ja dann deine Unterlagen von letztem Jahr leihen.“

„Darum geht‘s also.“

„Ach, jetzt stell dich nicht so an. Die Hälfte deiner Notizen sind doch eh von Suga abgeschrieben.“

„Das stimmt überhaupt nicht und außer...“

„Ach bitte, Asahi! Wer weiß wann wir dazu noch mal die Chance haben. Wenn das Turnier näher kommt und die Klausuren anstehen haben wir vielleicht keine Zeit mehr um uns außerschulisch mal zu treffen und wenn du auf irgendeine Uni am anderen Ende Japans gehst, werde ich dich vielleicht für ein ganzes Jahr überhaupt nicht sehen und wer weiß schon was...“

„Okay, okay, okay.“

Sich ergebend hob das Ass des Teams beide Hände. „Meinetwegen, ruf Zuhause an und gib Bescheid. Ich hol die Unterlagen.“

Da auch Nishinoyas Handy noch in der Sporthalle gefangen war – und dort wahrscheinlich derzeit leise vor sich hinpiepste da sein Akku leer ging – benutzte er das Festnetztelefon.

Noch während er telefonierte kam Asahi wieder und breitete mehrere Bücher, Ordner und Schnellhefter auf dem Küchentisch aus.

„Sag mal“, murmelte er errötend, „mir ist gerade aufgefallen, dass du gar keine Wechselklamotten da hast, was machen wir denn da?“

„Ach keine Sorge, zum Schlafen nehme ich einfach eins deiner alten Shirts.“

Nun strich der andere sich verlegen über den Nacken.

„Soll mir egal sein, aber ich meinte eigentlich...“

„Ja und was Unterhosen angeht. Ich war vorausschauend und hab während des letzten Tanabata Fests schon mal ein paar von meinen in deiner Sockenschublade deponiert, nur für den Fall der Fälle, natürlich.“

Mit offenem Mund starrte der andere ihn an.

„Was denn? Wir wussten doch beide, dass es doch nur eine Frage der Zeit war, bis es soweit kommen würde, nicht wahr?“

Kapitel 7

In tiefer Stille saßen sie am Tisch.

Nicht, dass Nishinoya nicht schon mal versucht hatte ein Gespräch aufzubauen, aber mit einem ernsten Blick hatte Asahi ihn schnell zum Schweigen gebracht. Es war wirklich einschüchternd, wenn der sanfte, stets höfliche und freundlich gestimmte Asahi einen so ansah. Das musste er sich von Daichi und Sugawara abgeguckt haben.

Leise seufzend senkte der Libero wieder den Blick. Das lief alles nicht so wie geplant. Also nein, eigentlich lief es alles so wie es geplant war, aber das bedeutete noch lange nicht, dass es gut war.

Erneut sah er auf und beobachtete den anderen.

Asahi hatte sich tief über den Tisch gebeugt, die Stirn in konzentrierte Falten gelegt, sein offenes Haar fiel ihm über die Schulter und immer wieder strich er es hinters Ohr, wobei sein Stift sich manchmal in den einzelnen Strähnen verhedderte.

Er sah deutlich besser aus als noch am Vortag, seine Haut hatte wieder an Farbe gewonnen und seine Gesichtszüge waren nicht mehr so eingefallen. Bis auf die Augenringe sah er eigentlich wieder aus wie immer. Doch diese hatten auch ihren Grund. Sie hatten früh schlafen gehen wollen – nun ja, eigentlich war es der Drittklässler gewesen, der ab halb acht fast am laufenden Band gegähnt hatte, da er so müde gewesen war – aber als sie dann auf den Matten in Asahis Zimmer gelegen hatte, da hatten sie nicht aufhören können zu reden.

Nishinoya konnte sich gut an das Profil des anderen erinnern, einen Arm unterm Hinterkopf, den Blick zur dunklen Decke gerichtet, nur vom Licht des Mondes erhellt.

Stunden hatten sie miteinander geredet, über lustige Dinge, über aufregende Dinge, über Dinge aus der Vergangenheit und Dinge aus der Zukunft. Sie hatten gelacht und sie waren sehr ruhig geworden, manchmal nur für Sekunden, manchmal für einige Minuten und doch war keiner von Ihnen eingeschlafen – und das obwohl Asahi doch so müde gewesen war – und irgendwann hatte einer von ihnen wieder gesprochen, über Dinge geredet, die sonst schon mal leicht in Vergessenheit gerieten, schon mal zwischen den Zeilen verloren gingen, schon mal unter dem Trubel des Tages untergingen.

In diesen Stunden hatte Nishinoya den anderen beobachtet, hatte ihn so gut wie nie aus den Augen gelassen, sich sein Profil im Mondlicht ganz genau eingeprägt. Schließlich wusste er nicht, wann sie noch einmal die Zeit finden würden, so miteinander zu reden.

Schließlich wusste er nicht, ob sie je wieder solche Gespräche führen würden, wenn… wenn Asahi die Schule verlassen würde.

Bisher hatte Nishinoya immer vermieden über das danach nachzudenken; hatte vermieden darüber nachzudenken, dass Asahi irgendwann auf eine Uni gehen würde und auch wenn Nishinoya ihm nur ein Jahr später folgen würde, wer wusste schon was in so einem Jahr alles passieren konnte?

„Was ist denn?“ Der Drittklässler sah auf, einen fragenden Ausdruck in den Augen, ehe er entschuldigend lächelte. „Also nur weil ich dir gesagt habe, dass ich mich konzentrieren muss, heißt das nicht, dass du mir keine Fragen stellen darfst, wenn du etwas nicht verstehst.“

Immer noch mit diesem warmen Lächeln kratzte Asahi sich mit dem Ende des Stiftes am Nacken. „Tut mir leid, wenn ich eben etwas barsch rüber kam. Aber du lässt dich halt immer so schnell ablenken, Nishinoya.“

Der Libero reagierte nicht als der andere sich zu ihm herüber beugte und das Heft etwas zu sich herüberzog.

„Wo bist du denn dran? Ach, past perfect progressive, ja damit hatte ich auch immer meine Probleme. Aber eigentlich ist es ganz einfach, du musst einfach nur…“

Nishinoya wollte ihm zuhören, wollte ihm wirklich zuhören. Schließlich nahm Asahi sich gerade extra die Zeit ihm etwas zu erklären und das, obwohl er zwei Tage Schule aufholen musste und sich am gestrigen Tage entschieden hatte zur Uni zu gehen.

Aber er konnte nicht aufhören den anderen anzusehen, den Asahi gerade mit dem Asahi von gestern Nacht und den Asahi von gestern Mittag zu vergleichen und Nishinoya fragte sich langsam was er hier eigentlich tat.

Immer und immer wieder drängte er sich dem anderen einfach auf. Woher wusste er, dass Asahi ihn wirklich hier haben wollte? Vielleicht war der andere einfach nur zu freundlich gewesen ihm zum Pfeffer zu schicken?

Nein, was dachte er denn da?

Asahi war zwar ziemlich gutmütig und verpasste es des Öfteren seiner Meinung Gehör zu verschaffen, aber das bedeutete nicht, dass er nicht in der Lage war auf sich selbst aufzupassen.

Nein, nein, nein, Nishinoya sollte nicht so unhöflich sein und Asahi unterschätzen. Er war lieb und höflich, war nicht annähernd so spontan oder direkt wie Nishinoya oder Tanaka, aber trotzdem war sich Nishinoya sicher, dass Asahi nichts dagegen hatte, dass er gerade hier war.

„Was ist denn mit dir los?“

Überrascht schaute er auf. Asahi sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

„Wo bist du denn wieder mit deinen Gedanken?“

„Ach“, winkte Nishinoya ab, „ich hab nur darüber nachgedacht, welche Uni am besten wäre.“

„Nishinoya“, seufzte Asahi und rollte mit den Augen, während er sich durchs Haar fuhr. „Wir haben darüber doch gesprochen. Erst rede ich mit meinen Eltern, dann den Lehrern und dann, aber auch nur dann, können wir uns darüber Gedanken machen, okay?“

Der Libero nickte, versuchte erst gar nicht eine Diskussion über eine Ausrede anzuzetteln.

„Gut, dann ab mit der Nase ins Heft und wie gesagt, wenn du Fragen hast – bezüglich des Lernstoffs – kannst du mich ruhig fragen.“

Mit einem gemurmelten Danke befolgte Nishinoya die Anordnung, ohne die Worte vor seinen Augen wirklich zu lesen.

Nun schwiegen sie wieder und die einvernehmliche Stille wurde nur durch das Blättern von Seiten und dem Kratzen von Asahis Stift gestört. Bald würden seine Eltern eintreffen und dann würde es mit der Ruhe vorbei sein. Nicht, dass Nishinoya das schlimm finden würde.

Er mochte Asahis Eltern. Sein Vater war wie sein erwachsener Zwilling und ein hervorragender Koch, ein Talent, welches sein Sohn von ihm geerbt hatte. Seine Mutter auf der anderen Seite schaffte es sogar Tiefkühlpizza anbrennen zu lassen und konnte sich dabei auch herrlich darüber aufregen. Aber sie war eine kluge Frau, die immer einen Rat parat hatte und außerdem war sie ganz hervorragend im Pokern, worin auf der anderen Seite sowohl ihr Mann als auch Asahi absolute Versager waren.

Gemeinsam mit der energiegeladenen Akemi, die das Kochtalent ihres Vaters und das Selbstbewusstsein ihrer Mutter geerbt hatte, war diese kleine Familie seit über einem Jahr Nishinoyas Zufluchtsort geworden.

Asahis Eltern hatten nie hinterfragt, wenn er plötzlich in der Tür gestanden hatte oder wenn er hatte über Nacht bleiben wollen. Solange Asahi damit einverstanden gewesen war, hatten sie ihm gegenüber nie auch nur die leisesten Anzeichen gemacht, dass er nicht willkommen wäre.

Würde sich das ändern, wenn Asahi und er nicht mehr zusammen zur Schule gehen würden? Wenn sie nicht mehr Volleyball zusammenspielen würden?

Er hatte nicht übertrieben als er gesagt hatte, dass er Angst davor hatte Asahi aus seinem Leben zu verlieren. Das war eine seiner größten Ängste und auch wenn er es diesmal hatte verhindern können, so hatte er doch jetzt große Angst vor der Zukunft.

Schließlich konnte selbst Asahi nicht versprechen, dass die Dinge sich nicht verändern würden und egal was Nishinoya sagen oder tun würde, er würde dem Älteren immer ein Jahr hinterherhinken, nur ein verdammtes Jahr, aber gerade hatte er das Gefühl als wäre dieses eine Jahr eine Schlucht die sich zwischen ihnen auftun würde und sie für immer trennen würde.

Natürlich würde er ein Jahr später Asahi folgen und dann wären sie wieder zusammen, würden wieder zusammen Volleyball spielen und würden wieder zusammen lernen können. Dann wären sie nicht wieder Oberschüler und Student, sondern wieder zwei Studenten, so wie sie gerade zwei Oberschüler waren.

Aber selbst dann würde irgendwann der Tag kommen, an dem Asahi die Uni verlassen und ins Arbeitsleben eintreten würde und dann würde Nishinoya ihm wieder ein Jahr hinterherhinken.

Er hatte sich nie viele Gedanken über die Zukunft gemacht – wenn er ganz ehrlich war machte er sich generell nie viele Gedanken über irgendetwas – aber seit gestern war das anders.

Obwohl, wenn er ganz ehrlich war, hatte dieses unstete Gefühl schon vor langer Zeit angefangen. Nicht erst bei dem Streit damals als Asahi das Team verlassen hatte.

Schon damals, bei dem Spiel gegen Datekou, schon damals, in den Sekundenbruchteilen als er gesehen hatte, wie Asahi zerbrochen war, das waren die Momente gewesen, die Momente, in denen er gewusst hatte, dass es schon lange nicht mehr nur ums Volleyballspielen ging.

„Y .“

Er sah auf, schon wieder hatte er sich ablenken lassen und nun würde Asahi ihn dafür belehren.

Doch Asahi sah ihn gar nicht an, hatte seinen Blick auf das Textbuch vor sich gerichtet, tippte mit der Spitze seines Stiftes immer wieder auf das leere Blatt vor ihm, mit der anderen Hand fuhr er sich über den Nacken und stützte seinen Ellenbogen auf dem Tisch ab.

Er schien tief in Gedanken und dann schaute er schließlich auf und seine warmen Augen schienen sich geradezu in Nishinoyas Seele zu bohren.

„Kann ich dich was fragen?“, murmelte er, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.

Irgendetwas lag in der Luft und der Libero konnte nichts anderes tun als stumm zu nicken, woraufhin der andere tief Luft holte.

„Kann es sein…“ Asahi unterbrach sich und senkte den Blick wieder auf das Textbuch vor sich. „Ich mache mir Sorgen, weißt du? Ich frage mich, ob das hier… Ich frage mich, ob das hier alles so richtig ist. Manchmal, da habe ich das Gefühl – die Angst -, dass du zu sehr abhängig bist von mir und ich…“ Nun schüttelte Asahi den Kopf während er die Augen zusammenkniff. „Und ich möchte auf keinen Fall, dass du wegen mir irgendwelche Entscheidungen triffst, die du irgendwann einmal bereuen könntest. Vielleicht nicht nächste Woche, vielleicht nicht nächsten Monat, aber was ist in einem Jahr? Was ist in zehn Jahren?“

„Wovon redest du Asahi?“

Verwirrt aber auch leicht besorgt sah Nishinoya den anderen an, konnte kaum verstehen wovon Asahi redete, was er damit meinte. Was wollte Asahi ihm damit sagen?

„Naja.“ Verlegen lächelte Asahi und strich sich erneut durchs Haar, ehe er ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue ansah. „Als du eben gesagt hast, dass du dir über die Uni Gedanken gemacht hast, da hab ich mich gefragt, ob du dir darüber Gedanken machst auf welche Uni ich gehen werde oder du und kam mir der Gedanke, dass das für dich vielleicht gar kein Unterschied machen würde. Ich frage mich, ob du auf eine Uni gehen würdest, nur um mir zu folgen.“

„Würdest du das etwa nicht wollen?“ Nishinoya wusste nicht, was hier vor sich ging, aber konnte es sein, dass Asahi gar nicht wollte, dass er ihm nachjagte?

„Darum geht es doch gar nicht,“ widersprach Asahi und schüttelte den Kopf. „Das hat gar nichts mit mir zu tun, Nishinoya. Ich mache mir Sorgen um dich. Wenn du die ganzen Entscheidungen, die deine Zukunft beeinflussen können, nach mir richtest, dann wirst du das eines Tages bereuen.“

„Wer sagt denn, dass ich das tue?“, meine nun Nishinoya und leichte Verzweiflung stieg in ihm hoch. Er dachte sie hätten am vergangenen Tag alles geklärt, warum also, warum fühlte sich das hier alles gerade so falsch an?

„Du hast es. Du hast es gestern noch gesagt.“ Asahi sprach immer noch ruhig, aber trotzdem war da eine Dringlichkeit in seiner Stimme. „Oder was war das nach Datekou, als du einfach den Club verlassen hast, nur weil ich das getan habe?“

„Aber Asahi, das war…“

„Sei mal ehrlich, Nishinoya, wenn ich nicht zurückgekommen wäre, würdest du dann jetzt im Club sein? Würdest du jetzt Volleyball spielen?“

Nishinoya wurde kalt als Asahi ihn so direkt ansah. Er kannte die Antwort zu dieser Frage, er kannte sie ganz genau. Doch sie machte ihm keine Angst, sie überraschte ihn noch nicht einmal, aber es machte ihm Angst, dass sie für den anderen ein Problem darzustellen schien.

„Dachte ich mir“, fuhr Asahi fort, „und genau davon rede ich, Nishinoya. Du bist so talentiert, du gehörst zu den wenigen, die es bis nach ganz oben schaffen würden und das setzt du alles aufs Spiel, nur wegen mir? Das ist doch lächerlich.“

Nun war es Nishinoya der wegsah.

„Na und“, murmelte er verletzt, „dann ist es eben lächerlich. Aber was ist daran so falsch?“ Er schaute wieder auf. „Was ist falsch daran, wenn ich an meinen Prinzipien festhalte? Was ist falsch daran, dass Volleyball mir nun mal mehr Spaß macht, wenn du auch auf dem Spielfeld stehst? Was ist falsch daran, wenn ich in deiner Nähe sein will?“

Asahi sah ihn für eine gefühlte Ewigkeit einfach nur an, ohne etwas zu sagen und der Libero wusste nicht, was das alles überhaupt zu bedeuten hatte.

Dann seufzte Asahi und schüttelte erneut den Kopf.

„Daran ist nichts falsch, Nishinoya. Ich möchte nur nicht, dass du in der Zukunft etwas bereust. Wenn ich nicht zum Club zurückgekehrt wäre, würdest du heute nicht Volleyball spielen. Aber ich bin nicht so stark wie du Nishinoya, ich kann kaum für mein eigenes Leben die richtigen Entscheidungen treffen, ich möchte nicht auch noch deine Zukunft dadurch gefährden, dass ich Fehlentscheidungen treffen werde.“

Nun faltete Asahi seine Hände und betrachtete Nishinoya beinahe flehend.

„Ich würde meines Lebens nicht mehr froh werden, wenn ich wüsste, dass eine meiner Entscheidungen, wie damals als ich den Club verließ, dir deine Zukunft verbauen würden und die Last dieser Verantwortung ist eine Bürde, vor der ich sehr große Angst habe.“

Langsam verstand Nishinoya und die Panik, die ihn bis gerade durchströmt hatte, legte sich als er endlich begriff, worauf der andere hinaus wollte.

Nickend lehnte er sich vor.

„Du magst mit allem was du sagst recht haben, aber du vergisst aber etwas, Asahi“, meinte er dann mit einem halben Lächeln, „es ist meine Entscheidung.“

Die Augen seines Asses wurden groß.

„Sie mögen nicht die klügsten sein, rein rational betrachtet, vielleicht nicht das, was ein Wunderknabe wie Kageyama oder ein kluger Kopf wie Suga tun würden, aber es ist meine Entscheidung, nicht deine und bisher konnte ich mit meinen Entscheidungen immer ganz gut leben und hab sie noch nie bereut. Wenn du nicht spielen willst, ist das deine Entscheidung, aber wenn ich entscheide, dass ich ohne dich aufs Spielfeld will, dann hab ich genauso das Recht dazu, mich so zu entscheiden und es ist ziemlich unfair von dir, dass du mir dieses Recht nicht zugestehen willst.“

Asahi öffnete den Mund, doch kein Wort kam über seine Lippen, während er Nishinoya fassungslos anstarrte.

„Weißt du, Asahi“, sprach er also weiter, um seinen Standpunkt noch weiter zu untermauern, „Du findest es vielleicht lächerlich, dass ich meine Entscheidungen von dir abhängig mache, aber für mich ist das gar nicht lustig. Weißt du, wie beschissen es für mich ist, dir immer ein Jahr hinterherzuhinken? Nächstes Schuljahr gehst du auf die Uni und ich werde dann nur ein kleiner Oberschüler sein und selbst wenn ich dann auf die Uni komme, dann bist du schon wieder kurz davor sie zu abzuschließen. Ich hänge dir immer ein Jahr hinterher und ich werde dieses Jahr nie einholen können und das macht mich echt wütend.“

Er biss sich auf die Unterlippe.

„Ich will so viel Zeit mit dir verbringen wie möglich, aber es gehört sich nicht für einen Zweitklässler bei den Drittklässlern abzuhängen und es gehört sich nicht für einen Oberschüler an den Unis herumzulungern. Also ja, vielleicht ist es lächerlich, dass ich auf die gleiche Uni wie du gehen will. Aber auf der anderen Seite, habe ich mir vorher noch nie Gedanken darüber gemacht, was ich überhaupt nach der Schule machen will. Also ist es dann das schlechteste, wenn ich studieren gehe, selbst wenn ich das nur machen würde, um dann wieder mit dir in einem Team spielen zu können?“

Asahi entgegnete nichts.

„Ich hab das, was ich gestern gesagt habe, alles ernst gemeint und ich will dich damit weder nerven oder belasten, aber es ist halt die Wahrheit. Also vielleicht bereue ich in zehn Jahren was ich heute entscheide, aber was in zehn Jahren ist, ist mir ziemlich egal. Weißt du was mir nicht egal ist? Mittwochabend, das habe ich bereut und zwar nicht erst zehn Jahre später. Also solange du mir nicht sagst, dass du nicht willst, dass ich dir auf die Uni folge, wirst du mich nicht von meiner Entscheidung abhalten können und ganz ehrlich, selbst wenn du das sagen würdest, weiß ich nicht, ob ich auf dich hören würde.“

Noch einen Moment sah Asahi Nishinoya kopfschüttelnd an, dann vergrub er das Gesicht in den Händen und stützte beide Ellenbogen auf dem Tisch ab. Immer noch kopfschüttelnd ließ er dann die Hände hinabsinken, so dass sie nur noch Nase, Mund und Kiefer bedeckten, und sah zu Nishinoya hinüber.

So saßen sie nun für eine gefühlte Ewigkeit da, ohne dass einer die Stille zerbrach.

„Hast du dazu nichts zu sagen?“, fragte Nishinoya schließlich als es ihm schwerer fiel, diesen klaren Augen Stand zu halten. „Hast du dazu überhaupt nichts zu sagen?“

„Ich bin sprachlos“, gestand Asahi leise ein und nickte dabei sachte, die Hälfte seines Gesichtes immer noch verborgen hinter seinen Händen, „ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Du haust mich immer direkt so um; wenn du dann mal loslegst, komm ich doch gar nicht dagegen an.“

Leise lachte der Drittklässler auf und schüttelte den Kopf, ehe er endlich seine Hände auf den Tisch fallen ließ.

„Auch wenn ich nie vergesse, wie stark du bist, Nishinoya, so vergesse ich manchmal wie weise du auch sein kannst.“

Nun war es der Libero, dem die Worte fehlten.

„Für dich ist dieses eine Jahr eine unüberwindbare Mauer die dich gefühlt auf ewig von mir trennt. Nun für mich ist das aber gar nicht so. Für mich ist dieses eine Jahr, diese paar wenige Wochen, alles was ich dir voraus habe und ich habe das Gefühl, dass der Abstand jeden Tag kleiner wird und dass du mich bald einfach überholen wirst und dann für immer uneinholbar sein wirst. Ich war mir immer ziemlich sicher, dass du mich eines Tages einfach hinter dir lassen wirst und dann will ich nicht, dass mein kleiner Teil in deiner Vergangenheit deine gesamte Zukunft bereits formt.“

Ernst sah der andere ihn an.

„Aber du hast Recht, unabhängig von dem, was ich mir für dich wünsche, es ist und bleibt deine Entscheidung und zwar alles. Ich werde dir also nicht sagen, was du zu tun hast oder nicht – schließlich kann ich kaum meine eigenen Entscheidungen fällen -, aber ich werde dich unterstützen, wie auch immer du dich entscheiden magst. Wenn du dich entscheidest mir auf eine Uni zu folgen, dann würde ich mich darüber sehr freuen, weil ich auch gerne Zeit mit dir verbringe, aber ich will, dass du das tust, weil es das richtige für dich ist und nicht einfach nur, weil ich da bin, okay?“

Langsam nickte Nishinoya.

„Okay.“ Plötzlich klang Asahi wieder etwas gelassener und griff nach seinem Stift. „Dann sollten wir jetzt wirklich lernen, denn um auf die Uni zu kommen brauchen wir gute Noten und da hast gerade du einigen Aufholbedarf, nicht wahr?“

Zustimmend grummelnd beugte der Libero sich wieder über sein Heft, nicht, dass er sich nun noch irgendwie konzentrieren konnte.

Nach einer Weile fiel ihm dann auch noch etwas auf.

„Machst du dir wirklich Sorgen darum, dass ich dich eines Tages hinter mir zurücklassen werde, Asahi?“, murmelte er, ohne aufzusehen.

„Klar“, meinte Asahi dann sanft, „hast du mal mitbekommen, wie gut du bist, wie soll ich mit jemandem wie dir auf Dauer mithalten können, wenn wir ausgewachsen sind? Ob man fünfzehn oder sechzehn Jahre trainiert macht dann auch keinen Unterschied mehr. Irgendwann wird die Zeit den Weizen von der Spreu einfach trennen, egal wie viel man trainiert.“

Nachdenklich betrachtete Nishinoya die seltsamen Schriftzeichen vor sich.

„Ja, aber wie soll ich dich hinter mir zurücklassen, wenn wir im selben Team spielen? Ich meine, wir müssen beide einfach nur hart genug trainieren, damit wir es bis in die Nationalmannschaft schaffen, oder? Danach kommt doch nichts mehr und keiner kann den anderen hinter sich zurücklassen.“

Nun lachte Asahi laut auf.

„Du sagst das so, als wäre das was Leichtes, als könnte man mal eben Nationalspieler werden.“

„Aber wir können es doch nur schaffen, wenn wir es versuchen und ganz fest an uns glauben, oder?“

Für einen Moment sahen sie einander an.

„Du glaubst also, wir können es bis nach ganz oben schaffen? Bis zu den Weltmeisterschaften?“

„Klar!“, lachte Nishinoya. „Wir sind doch das perfekte Team: Ich, der Libero, Schutzgott der Verteidigung, und du, das Ass, Zentrum des Angriffs. Zusammen sind wir unbesiegbar!“

Asahi lachte auch fuhr sich erneut durchs Haar.

„Nun gut, Nishinoya, vom Frühlingsturnier zu den Weltmeisterschaften.“

„Kleiner Fingerschwur?“

„Das war ein Scherz, Nishi…“

Er hielt dem anderen seinen kleinen Finger an und Asahis Augen wurden wieder groß.

„Lass es uns versprechen Asahi! Lass und zusammen in die Zukunft gehen, zusammen zur Meisterschaft des Frühlingsturniers, zusammen zur Nationalmannschaft und keiner lässt den anderen zurück.“

Nach einer kurzen Ewigkeit nickte Asahi und schlang seinen kleinen Finger um Nishinoyas.

„Versprochen“, flüsterten sie einstimmig und eine erhabene Stimmung legte sich über sie, die Bücher waren vergessen, während sie einander anstarrten und Nishinoya wusste, dass da noch etwas war, noch etwas, was bisher nie deutlich wahrgenommen worden war.

„Nishinoya“, setzte Asahi an, während sie sich immer noch am kleinen Finger hielten, „Yū, ich muss dir was sagen… was ich eigentlich sagen will ist, dass…“

„Hallo alle miteinander! Asahi! Akemi! Wir sind wieder da und wir haben Kuchen dabei!“

Herr und Frau Azumane polterten zur Tür hinein und was auch immer Asahi hatte sagen wollen, es ging unter in der freudigen Familienzusammenkunft.

Aber das war in Ordnung, er würde ganz gewiss noch einmal die Zeit finden, das zu sagen, was er sagen wollte. Schließlich hatten sie ja noch die ganze Zukunft vor sich.

Kapitel 8

 

„Guten Morgen!“

Mit weit ausgestreckten, winkenden Armen wartete Hinata am Tor der Sporthalle. Neben ihm stand auch Kageyama - nicht ansatzweise so aufgekratzt jedoch - und nickte Sugawara zu.

Die beiden machten ihn wahnsinnig. Es war Montagmorgen, noch nicht mal zwanzig vor sieben und Sugawara war extra früher gekommen, um die Umkleide noch mal aufzuräumen – mit einem Dutzend mehr oder weniger ordentlicher Kerle ging immer irgendetwas verschütt oder kaputt – und diese beiden schrägen Vögel warteten schon auf ihn, beide einen Volleyball in der Hand.

Der Drittklässler hob eine Hand zum Gruß als er näher kam.

Er war wirklich froh gerade, dass sie zurzeit nicht jeden Tag trainierten, sonst käme er mit seinem Lernstoff gar nicht mehr hinterher. Trainer Ukai war der Ansicht, dass ein Ruhetag mit leichten Aktivitäten – wie Joggen oder Schwimmen gehen – sinnvoller war als sich jeden Tag vollends zu strapazieren, zumindest so lange das nächste Turnier noch nicht anstand. Manchmal zweifelte Sugawara jedoch daran, dass alle Teammitglieder sich daran hielten, aber da wollte er jetzt auch nicht drüber nachdenken.

Während er aufschloss unterhielten sie sich über das Wochenende und kaum ging die Türe auf jagte Hinata an den beiden Zuspielern vorbei und hinein in die Umkleide.

„Sag mal, Sugawara.“ Kageyama war nicht hineingestürmt, sondern hatte die Arme verschränkt und begutachtete ihn ernst. „Hast du irgendetwas von Azumane gehört? Oder Nishinoya?“

Überrascht betrachtete er den anderen.

„Du denkst wirklich viel darüber nach.“

Schulterzuckend folgte der Jüngere ihm hinein.

„Asahi ist ein gutes Ass und unser Team wird es ohne ihn schwer haben. Von Nishinoya will ich gar nicht erst anfangen. Aber falls sie den Club verlassen müssen wir das hinnehmen und uns neu strukturieren. Bei nicht nur einem, sondern zwei Stammspielern, für die es teilweise noch nicht mal Ersatz gibt, könnte jeder Tag zählen.“

Kageyama hatte Recht, trotzdem war es Sugawara unangenehm es in Worte gefasst zu hören. So weit war es allerdings noch lange nicht. Er hatte noch längst nicht aufgegeben.

Nachdem er Samstag vor Trainingsbeginn den Libero zu ihrem Ass geschickt hatte, hatte er nichts mehr von dessen Einsatz gehört.  Danach hatte er jedoch entschieden sich aufs Training zu konzentrieren. Ihm war bewusst gewesen, dass sie an dem Tag keine Antwort auf ihr Problem kriegen würden.

Während die meisten vom Team laufen gegangen waren, hatte er sich mit Daichi, Shimizu und Herrn Ukai zusammengesetzt und ihrem Trainer erklärt was passiert war. Sugawara hatte erklärt, dass sie bis zum Montag warten sollten, bevor sie an nächste Schritte denken sollten und die anderen hatten ihm zugestimmt.

Ihr Trainer war von ihrer Situation alles andere als begeistert gewesen – er hatte mehrfach betont, dass er mit so einem Drama einfach nichts anfangen konnte – aber trotzdem war er ernsthaft und konzentriert geblieben.

Als die anderen zurück gekommen waren hatten sie trainiert wie immer. Die Stimmung war nicht mehr so gedrückt gewesen und Trainer Ukai hatte den Jüngeren erklärt, dass sie sich keine Sorgen mehr um ihr Ass machen brauchten. Manche von den naiveren Geistern hatten sich damit zufrieden gegeben, die etwas klügeren eher nicht.

„Warten wir ab ob Asahi heute zur Schule kommt“, entgegnete Sugawara mit einem halben Lächeln und klopfte Kageyama auf die Schulter. Doch er war nicht annähernd so entspannt über die gesamte Situation wie er vorgab zu sein.

Noch am Samstag hatte Daichi mit ihm gesprochen, dass der Teamgeist gerade am seidenen Faden hing und so schwer es ihnen fiel, wenn sie jetzt vor den anderen einknicken würden, dann wären sie bereits verloren.

Also gab Sugawara sich ruhig und selbstsicher, tat so als ob sich alles regeln ließ. Dabei wusste er gar nicht ob sein Plan überhaupt aufgegangen war und hatte sich schon beinahe damit abgefunden, dass er wohl selbst Asahi mit bloßen Händen aus seinem Zimmer hieven musste.

Es wurmte ihn, dass er noch überhaupt nichts von Nishinoya gehört hatte – oder von Asahi.

Tief seufzte er auf und wollte Kageyama schon zu den Umkleiden folgen, als er lautes Lachen von draußen hörte.

Fassungslos drehte er sich herum und eilte zur Türe.

Im Licht der aufgehenden Sonne kamen zwei Gestalten auf ihn zu.

Einer war klein und hüpfte die Hälfte der Zeit hin und her, in einer Hand eine einfache Einkaufstüte in der sich unverkennbar eine Bentobox abzeichnete.

Nishinoya trug seine Sportkleidung und zeigte sein breites Grinsen während er dem anderen spielerisch in die Seite boxte.

Es war Asahi.

Sugawara spürte wie seine Augen zu brennen begannen.

Asahi hatte seine Tasche wie immer über die Schulter geworfen, die langen Haare zurückgebunden und schollt Nishinoya mit einem sanften Lächeln darüber nicht so laut zu sein.

Doch der Libero ignorierte ihn gekonnt als er Sugawara erblickte und ihm laut rufend zuwinkte.

Für eine Sekunde konnte er sehen wie Asahi sich auf die Unterlippe biss und wegsah, aber dann schaute das Ass auf und grinste Sugawara verschmitzt an, rieb sich mit einer Hand den Nacken.

Im nächsten Moment fegte der Libero Sugawara bereits von den Füßen, der ihn so begrüßte als hätten sie sich mehrere Monate nicht gesehen.

Er stolperte gegen die geschlossene Hälfte der Sporthallentür und flog beinahe zu Boden.

„Hey, du bist ja gut gelaunt, Nishinoya.“

„Ja total, ich will unbedingt trainieren, ich hab ja den ganzen Samstag geschwänzt.“

Sie rappelten sich wieder auf, doch der Libero verschenkte keine weitere Sekunde an den Zuspieler, sondern sprang in die Sporthalle, um Hinata mit einem doppelten Highfive zu begrüßen.

Ein paar Schritte vor Sugawara blieb Asahi stehen und senkte leicht den Kopf, immer noch dieses entschuldigende Schmunzeln im Gesicht.

Der Zuspieler wollte etwas sagen, irgendetwas Herzliches, etwas Warmes, aber auch etwas Lustiges und Aufheiterndes, aber ihm fiel nicht das richtige ein.

Er wollte diesen seltsamen Moment verhindern in dem sich alle schräg gegenüberstanden, er wusste, dass sie Asahi ziemliches Unbehagen bereiteten, aber gerade war er einfach…

„Na ihr zwei!“

Aus dem völligen Nichts tauchte plötzlich der Kapitän ihres Teams auf und schlang einen starken Arm um die Schultern ihres Asses.

„Warum steht ihr denn hier draußen? Hat Tanaka die Sporthalle wieder unter Wasser gesetzt?“

Am liebsten würde er Daichi gerade um den Hals fallen. Während Sugawara gerade mit den Tränen zu kämpfen hatte, weil er sich so Sorgen um Asahi gemacht hatte, benahm sich Daichi so als wäre überhaupt nichts geschehen.

Bis auf ein Funkeln in seinen Augen verriet überhaupt nichts, dass irgendetwas ungewöhnliches vorgefallen war.

„Nein, diesmal nicht“, antwortete Sugawara eine Spur zu hektisch, aber das bemerkte niemand, als Daichi den Drittklässler in seinem Arm kurz musterte.

„Was ist denn mit deinem Auge passiert? Sieht ja furchtbar aus“, kommentierte er in seiner üblichen schroffen Manier, die er seinem Ass gegenüber gerne an den Tag legte.

„Cool, oder?“, brüllte Nishinoya aus dem Halleninneren entgegen während die Drittklässler hinein gingen und Asahi murmelte, dass es nur ein geplatztes Äderchen sei. „Damit sieht Asahi aus wie ein richtiger Bösewicht aus einem Film, oder?“

Erneut begutachtete Daichi den anderen mit einem zweifelnden Blick.

„Der Bösewicht? Wohl eher die Jungfrau in Nöten.“

„Was?“ Asahi sah ihn fassungslos an während Sugawara ein Kichern nicht unterdrücken konnte.

„Oh wie cool!“, kam es von Hinata. „Darf ich dann der Held sein? So mit Superkräften und coolen Sprüchen?“

„Du bist, wenn überhaupt der Dorftrottel“, kommentierte Kageyama und fing den Ball auf den der andere nach ihm warf.

„Besser als der Mond, oder Kageyama?“

Laut räusperte sich Nishinoya und schritt dazwischen.

„Also ich bitte euch, es ist ja wohl ganz offensichtlich, dass ich der Held bin. Nicht wahr, Asahi?“

Diese eher nicht so tiefsinnige Unterhaltung wurde dadurch unterbrochen, dass Tanaka und Kinoshita hereinkamen und der Glatzkopf sich mit einem lauten Angriffsschrei auf Asahi werfen wollte, aber Daichi wehrte ihn mit einem perfekten Block ab.

„Azumane?“

Sofort meldeten sich sämtliche Alarmglocken bei Sugawara als Kageyama den Moment nutzte, um von Hinata abzulassen und mit dem Ball in den Händen zu ihnen kam.

Sie hatten es gerade geschafft, dass die Stimmung nicht schräg wurde, aber ihr jüngstes Mitglied hatte ein Talent darin so etwas schnell wieder zu ändern.

„Äh, Kage...“

„Wir hatten am Mittwoch ja über diese Idee von dir gesprochen.“ Kageyama schien gar nicht mitzubekommen, dass Sugawara ihn unterbrechen wollte. „Und ich hab versucht was du vorgeschlagen hattest mit Tanaka zu üben, aber dein Timing ist einfach anders als seines, daher hat es nicht funktioniert, also könnten wir…?“

„Ja, ich habe da auch noch mal drüber nachgedacht wie wir es umsetzen können, damit es auch wirklich klappt.“

Wie selbstverständlich ging der Außenangreifer an Sugawara vorbei und nahm Kageyama den Ball ab.

„Und da sind noch ein paar andere Dinge, die ich ausprobieren will. Hast du was dagegen, wenn wir direkt loslegen?“

„Nein! Ich meine ja! Wir können…“

„Einen Moment!“

Daichi schritt dazwischen und klaute den Ball aus Asahis Händen.

„Ihr fangt nicht an mit irgendwelchen Sprüngen und Angriffen, bevor ihr euch nicht ordentlich aufgewärmt habt und du Asahi machst erst mal überhaupt nichts, bevor du dich nicht umgezogen hast.“

Unter Daichis einschüchternden Blick eilte das Ass des Teams zügig zu den Umkleiden.

„Alles Kleinkinder hier“, murrte der Kapitän nicht überzeugend ernst und schnaubte leise auf, „und wo sind denn die anderen alle?“

„Daichi, es ist noch nicht mal sieben Uhr.“

Sugawara trat hinter seinen Kapitän, der jetzt zum ersten Mal tief Luft holte.

„Also Asahi ist wieder da?“, murmelte er und wandte sich langsam Sugawara zu. Obwohl Daichi es nicht sagte, immer noch diesen erzieherischen ernsten Blick aufgesetzt hatte, so wusste Sugawara doch genau was er dachte.

„Alles ist gut“, meinte Sugawara mit einem Lächeln und Daichi nickte nur, klopfte seinem Zuspieler etwas zu fest auf die Schulter und eilte dann ebenfalls zur Umkleide.

Der verbliebene Drittklässler nahm sich den Moment, während die verbliebenen Clubmitglieder eintrafen, um sich kurz mit Nishinoya zu unterhalten, der bereits Feuer und Flamme war und sich mit den anderen Erst- und Zweitklässlern dehnte.

„Sag mal“, sprach er leise genug, dass ihn nicht jeder hören würde, „bist du das ganze Wochenende bei Asahi gewesen?“

Viel zu unschuldig sah der Libero ihn an.

„Ja klar. Meine Sachen waren doch hier, so konnte ich nicht nach Hause.“

„Okay, und was habt ihr das ganze Wochenende über gemacht?“

„Gelernt, was sonst?“

Der Rest des Morgentrainings verlief in erschreckender Gewohnheit. Niemand sprach darüber, dass Asahi wieder da war und niemand sprach darüber was Herr Ukai ihnen am Donnerstag gesagt hatte.

Tatsächlich war es eigentlich so wie immer, das übliche Chaos halt und Daichis Stimme hallte immer wieder über sie alle hinweg, damit sie mit dem Aufräumen anfingen.

Nur eine Sache fiel Sugawara auf; Nishinoya war so oder so nie weit, wenn man nach Asahi suchte und nun war es noch deutlicher. Selbst abseits vom Spielfeld verbrachten die beiden viel Zeit miteinander, nun jedoch schien es als wäre der Libero durch eine unsichtbare Schnur mit dem Ass verbunden.

Aber es wirkte nicht wie eine aufgebrachte Glucke, die ein frischgeschlüpftes Küken überwachte. Auch nicht wie ein Fohlen, dass seiner Mutter hinterherjagte.

Sugawara konnte es nicht genau beschreiben, aber er hatte das Gefühl, dass da noch etwas war, das vorher nicht gewesen war.

Hier passierte etwas, vielleicht noch eine chemische Reaktion, ähnlich wie zwischen Hinata und Kageyama? Er wusste es nicht, es war eindeutig nicht so offensichtlich wie bei ihren beiden Erstklässlern, aber er war gespannt was da noch draus werden würde.

Nachdenklich beobachtete er wie Ass und Libero gingen.

„Und heute Nachmittag mach ich die Vorlagen für dich und zwar über hundert Stück.“

„So viele wie du willst, aber ich will auch noch ein paar Aufschläge üben. Ich kann mich doch nicht von einem Erstklässler beim Sprungaufschlag schlagen lassen.“

„Das ist der Kampfgeist, Asahi, genau das will ich von dir hören.“

„Ach so, also eigentlich war das nur ein Scherz...“

 


„Asahi!“ Er riss die Türe auf und eilte in das Klassenzimmer. „Los komm, ab zum Training.“

„Nishinoya! Was machst du denn hier? Es ist noch Unterricht!“

Für einen Moment war es mucksmäuschenstill als der Zweitklässler im Türrahmen stand und ganz langsam zur Uhr hinüber sah.

„Oh, tschuldigung.“

Schnell machte Nishinoya einen Schritt zurück und zog die Türe wieder zu während alle Augen der Drittklässler auf den Volleyballspieler in der letzten Reihe glitten, welcher mit hochrotem Kopf versuchte hinter seinem Pult zu verschwinden.

Der Lehrer beäugte ihn ebenfalls und fuhr dann jedoch damit fort Zahlen an die Tafel zu schreiben, ehe er ihnen ihre Hausaufgaben vorgab.

Pünktlich zur Klingel schlug die Tür wieder auf und Nishinoya kam herein.

„Asahi!“ Er stand genauso breitbeinig da wie vor zwei Minuten. „Los komm, ab zum Training.“

Der Lehrer vorne an der Tafel rieb sich entnervt durchs Gesicht.

„Nishinoya, den Unterricht beende immer noch ich.“

Dann seufzte er.

„Ach egal, okay er ist vorbei. Denkt an die Aufgaben auf Seite 165-167, bis zum nächsten Mal. Azumane, verschwinde zum Training ehe ich dich und Nishinoya für dieses Fehlverhalten belehren muss.“

Unter lautem Lachen seiner Mitschüler eilte Asahi zur Türe.

„Nishinoya, du kannst so etwas doch nicht bringen. Wenn der Konrektor davon Wind bekommt.“

„Ist doch egal, Hauptsache wir kommen pünktlich zum Training.“

„Und wieso warst du eigentlich vor Unterrichtsende da? Hast du etwa...“

„Ach, Asahi, mach dir doch nicht so einen Kopf und jetzt komm schon.“

„Wer macht sich hier einen Kopf“, murmelte der Ältere, folgte seinem Libero dennoch den Flur entlang, „schließlich bist du bei mir im Klassenzimmer aufgetaucht.“

„Azumane!“ Bevor Nishinoya etwas entgegnen konnte wurde ihr Ass gerufen.

Synchron wandten sich die beiden Volleyballspieler um und sahen wie Herr Ukai gefolgt von Herrn Takeda auf sie zueilte. Ihr Trainer beäugte den Schulflur dabei als würde er sich in einem ganz unangenehmen Albtraum befinden.

„Herr Takeda, Herr Ukai?“ Überrascht tauschten die beiden Schüler einen Blick aus. „Was machen Sie denn hier?“

Ihr Clubleiter winkte lächelnd ab während der Trainer Asahi eine Hand auf die Schulter legte und sich Nishinoya zuwandte.

„Wir müssen gerade ein paar Worte mit Azumane besprechen. Geh du doch schon mal vor, Nishinoya. Wir kommen gleich nach.“

Unsicher sah das Ass des Teams zum Libero hinab, der genauso ahnungslos dabei zusah wie Asahi von ihrem Trainer fortgeführt wurde.

„Herr Takeda“, wandte sich Nishinoya dem Lehrer zu, der zwei Schritte hinter den anderen beiden ging, „ist denn etwas nicht in Ordnung?“

Verlegen rieb Herr Takeda sich den Hinterkopf.

„Mach dir keine Sorgen, Nishinoya. Wir müssen nur mit Azumane sprechen, weil er die letzten Tage gefehlt hatte und seine Mutter mich heute Morgen angerufen hat. Es wird mit Sicherheit alles gut werden.“

Dann eilte der Lehrer den anderen beiden hinterher.

Mit Sicherheit?

Das gefiel dem Libero so mal überhaupt nicht.

Missmutig stapfte er zur Sporthalle.

Konnte es sein, dass Asahi Ärger bekam?

„Aber das ist doch total unfair!“

Er schlug mit einer Hand gegen die Außenwand des Schulgebäudes.

Na gut, Asahi hatte sich keinen Virus eingefangen oder so, aber er war doch trotzdem krank gewesen, oder nicht? So wie er ausgesehen hatte, hätte er auf keinen Fall zur Schule gehen können.

Es wäre doch total unfair, wenn er Ärger bekam, nur weil sein Leiden in erster Linie keine körperlichen Ursachen hatte.

„Was ist unfair?“

Er schaute überrascht auf. Vor ihm standen Hinata und Kageyama, jeweils mit einem Volleyball in der Armbeuge.

„Ach nichts“, murrte er und winkte ab.

Nein, Asahi bekam mit Sicherheit keinen Ärger, nicht von Herrn Ukai und Herrn Takeda, die waren mit Sicherheit genauso froh, dass er wieder da war wie der Rest des Teams.

Vielleicht hatte es etwas mit dem Anruf von seiner Mutter zu tun, aber was konnte es schon Ernstes sein?

Langsam folgte er den anderen in die Sporthalle und begann sich umzuziehen.

Gestern waren Asahis Eltern am frühen Abend von ihrer Fortbildung zurückgekehrt, aber nichts hatte beim fröhlichen Abendessen davon gesprochen, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte.

Gemeinsam mit den anderen begann er alles fürs Training vorzubereiten.

„Hey, Nishinoya, weißt du wo Asahi ist?“, fragte Sugawara ihn als er mit Tsukishima das Netz aufhing.

„Oh, er ist im Lehrerzimmer.“ Shimizu kam gerade mit einer vollen Tasche hereinspaziert und wich Tanaka elegant aus. „Ich war dort, um noch die zweite Uniform von Herrn Takeda zu holen. Herr Ukai und Frau Azumane waren auch dort.“

„Was? Was ist denn los?“

„Was ist denn passiert?“

„Hat Asahi was ausgefressen?“

Sämtliche anwesende Clubmitglieder kamen hinzu und stellten Fragen in die Runde, die niemand beantworten konnte.

„Okay, okay, okay!“ Daichi klatschte laut in die Hände und baute sich vor ihnen auf. „Wir haben doch gerade überhaupt keine Ahnung was los ist. Aber wir wissen, dass Asahi wieder da ist und mit uns trainiert, also lasst uns jetzt nicht zu falschen Schlüssen springen, sondern das tun was wir sonst auch machen: Trainieren.“

Lautes und leises Zustimmen begegnete dem Kapitän.

„Gut, dann fangt an euch aufzuwärmen damit wir sofort loslegen können, wenn Herr Ukai kommt.“

Nishinoya fand das alles gar nicht so lustig, aber auch er nickte, klatschte sich einmal feste mit beiden Händen auf die Wangen und lief dann zu Tanaka hinüber, um dem Befehl des Kapitäns Folge zu leisten, ignorierte die noch ausgestreckte Hand Sugawaras.

Irgendwann tauchten dann auch Asahi und die beiden Trainer auf, Ukai hatte wieder einen Arm um die Schultern des Drittklässlers gelegt und redete unablässig auf ihn ein, gestikulierte mit der freien Hand, während das Ass beflissen nickte.

Nishinoya hatte eigentlich das Bedürfnis sofort hinzurennen und zu fragen was los war, aber Asahis ernster Blick hielt ihn davon ab. Den Drittklässler umgab eine seltsame Aura und Nishinoya hatte das seltsame Gefühl sich nicht einmischen zu dürfen.

Als der Neuankömmling in der Umkleide verschwunden war wandte sich Ukai an sie und das Training begann, wenige Minuten später tauchte Asahi wieder auf und begann sich auf Anordnung des Trainers erst einmal warm zu machen.

Seit dem Trainingsspiel gegen Ohgi Minami war es das erste richtige Training was sie vollzählig absolvierten und als wäre die reine Anwesenheit ihres Asses genug, um ihren Kampfgeist wieder anzukurbeln war das Training verdammt gut.

Nishinoya konnte selbst Kageyama überreden ihm noch mal bei den Vorlagen zu helfen und zu seiner großen Freude erklärten sich auch Asahi und Daichi bereit mitzumachen.

Es wäre falsch gewesen zu sagen, dass das Training wie immer war und das obwohl sich kaum etwas verändert hatte. Trotzdem konnte es jeder spüren, eine Kleinigkeit war anders, auch wenn sie nicht wussten was genau es war und doch gab jeder noch mehr als je zuvor.

 


Als die Uhr halb acht anzeigte forderte Herr Ukai sie auf doch endlich aufzuhören – er hatte schon drei Mal angekündigt, dass es Zeit fürs Dehnen wäre, aber bis dahin hatte er sich nicht daran gestört, dass sie alle weiter trainiert hatten – nun jedoch war es ein Befehl.

Asahi stand neben Sugawara und folgte wie alle anderen Daichis Ansagen.

„Sag mal, Suga“, murmelte er als sie ihre Hüfte dehnten, „kann ich dich um etwas bitten?“

Der Zuspieler sah ihn mit großen Augen an und nickte sachte, während Nishinoya und Tanaka laut lachend Daichis Ansagen nachahmten.

„Du hattest mir ja vor ein paar Wochen angeboten in diese Lerngruppe einzusteigen. Meinst du da ist noch ein Platz frei?“

Nun begannen sie sich nach vorne zu lehnen und Asahi konnte den anderen Drittklässler nicht mehr beobachten. Tanaka und Nishinoya lehnten sich besonders weit vor, als würden sie versuchen einem wütenden Blick zu entgehen.

Asahi rechnete schon mit einer Absage als der andere nach mehreren Sekunden immer noch nicht antwortete.

„Asahi.“ Suga flüsterte so leise, dass ihn wohl niemand anderes hören konnte. „Hast du vor dich für ein Sportstipendium zu bewerben?“

Geschockt verlor Asahi für eine Sekunde das Gleichgewicht. Im selben Moment wunderte er sich warum er direkt peinlich berührt errötete. Schließlich brauchte er doch kein Geheimnis draus zu machen, oder?

Es war doch nichts dabei, sich für ein Stipendium zu bewerben, nichts wofür er sich schämen brauchte und in dem Gespräch nach dem Unterricht hatte Herr Takeda seiner Mutter, Herrn Ukai und ihm auch vorgerechnet, dass es sogar nicht unmöglich wäre.

Es würde nicht leicht werden, sie würden im Frühlingsturnier es weit bringen müssen und er würde in jedem Spiel sein Bestes geben müssen, von seinen Noten wollte er gar nicht erst anfangen, aber es war nicht unmöglich, gar nicht unmöglich.

Trotzdem war es ein riesiger Schritt es hier und jetzt offen zuzugeben und er wollte nicht, dass Nishinoya noch Sugawara noch irgendwer sonst daraus eine große Sache machen würde.

Aber wenn er die Vermutung des Zuspielers hier und jetzt bestätigen würde hätte er keinen Einfluss darauf, wie der andere reagieren würde. Natürlich war Sugawara nicht einer ihrer lautstarken Wirbelwinde, aber das hieß nicht, dass er nicht gerne auch mal seinen Emotionen – gerade, wenn es die guten waren – nachgab.

„Tun mir‘n Gefallen und werd jetzt bloß nicht laut“, murmelte Asahi so leise, dass er sich selbst kaum verstehen konnte. Doch er konnte schon hören, wie sich aus Sugawaras Brustkorb ein Schrei anbahnte.

Im letzten Moment unterbrach der Zuspieler sich in dem er mit zusammengekniffenen Lippen sich ungewöhnlich laut räusperte und sich dann verschluckte. Einige der anderen beäugten Sugawara beunruhigt, welcher jedoch immer noch hustend abwinkte ehe er sich wieder zur Seite beugte und weiter dehnte.

„Warn mich doch beim nächsten Mal vor“, belehrte er Asahi mit ernstem Blick und roten Wangen.

„Sorry.“ Asahi wandte den Blick ab. Sugawara wirkte überhaupt nicht glücklich.

Natürlich nicht. Es war ja auch ziemlich anmaßend von Asahi.

Schließlich hatte er immer erzählt, dass er nicht vorhatte studieren zu gehen und daher nicht einer Lerngruppe beitreten müsse. Jetzt einen anderen Drittklässler – der seinen Stammplatz an einen Erstklässler verloren hatte – um Hilfe zu bitten, da er vorhatte sich für ein Sportstipendium zu bewerben, kam schon ziemlich…

„Du bist ja so gemein“, murrte Sugawara von der Seite und bestätigte Asahis schlimmste Befürchtung. „Ich meine, erst lässt du dich hier tagelang nicht blicken und dann lässt du so eine Bombe platzen, mitten im Training und ich soll jetzt hier einfach die Klappe halten als wäre das nichts Besonderes!“

„Wie bitte?“

Verwirrt drehte er sich zum Zuspieler um während sie begannen die Oberarme zu dehnen. Sugawara zwinkerte ihm zu und ein breites Grinsen glitt ihm übers Gesicht.

„Ein Sportstipendium“, flüsterte er als wäre es eine magische Formel, „ich bin ja so stolz auf dich. Hätte dir Angsthase nie zugetraut, dass du es wirklich versuchen würdest.“

„Okay, das war‘s! Ab ans Aufräumen und dann zieht euch um!“ Nun hatte Daichi das Training offiziell beendet und die Clubmitglieder stoben auseinander, um die letzten Zeichen davon zu beseitigen.

Daichi selbst gesellte sich zu Asahi und Sugawara, seinem Blick nach war es deutlich, dass er zumindest den groben Verlauf ihres Gesprächs mitbekommen hatte.

Doch bevor er etwas sagen konnte legte Sugawara bereits eine Hand auf Asahis Schulter.

„Keine Sorge, ich krieg dich schon irgendwie in die Lerngruppe. Meine Mutter kennt da Mittel und Wege und ich helfe dir auch das Verpasste nachzuholen. So viel ist es ja noch gar nicht.“

Nun klopfte auch Daichi ihm kräftig auf den Rücken.

„Hab ich‘s mir doch gedacht“, lachte er erleichtert. „Es kam mir schon sehr komisch vor, dass deine Mutter extra zur Schule gekommen ist, und dass du wegen eines Fehlverhaltens von Herrn Ukai und Herrn Takeda gemaßregelt werden würdest passt ja auch nicht zu einem Feigling wie dir. Auf der anderen Seite dachte ich immer du hättest viel zu viel Schiss, um dich für ein Stipendium zu bewerben.“

Das Ass des Teams wollte etwas zu diesen lobenden Beleidigungen sagen, kam jedoch noch nicht mal zu Wort als Daichi sich dem Zuspieler zuwandte.

„Sag mal, Suga, was hatte Herr Takeda damals gesagt? Wie weit müssen wir bei der Meisterschaft kommen?“

„Ah, lass mal überlegen.“ Der Zuspieler fasste sich mit Daumen und Zeigefinger ans Kinn und rieb sich mit der anderen Hand den Nacken. „Also es hängt natürlich von der individuellen Leistung eines jeden Spielers ab. Ein schlechter Spieler wird nie ein Stipendium kriegen, selbst wenn sein Team die Meisterschaft gewinnt, aber Herr Takeda sagte doch damals, dass es für einen aus unserem Team eigentlich unmöglich ist ein Stipendium zu kriegen, wenn wir noch nicht mal die Qualifikation schaffen.“

Erneut lachte Daichi laut auf: „Aber das haben wir ja schon hinter uns und sogar Shiratori...“

„Die dritte Runde“, murmelte Asahi nun während die zwei anderen das Thema ihm viel zu locker angingen. Er hatte schon fast das Gefühl als würden sie sich über ihn lustig machen. „Herr Takeda hat eben ausgerechnet, dass wir es in die dritte Runde schaffen müssen, damit ich überhaupt eine Chance auf ein Stipendium habe. Er sagte, für ein Stipendium ist es egal, dass ich nicht in einer der Klassen bin, die spezifisch auf die Uni vorbereiten, solange meine Noten gut sind. Aber egal wie gut meine Noten sind, realistisch gesehen müssen wir es mindestens ins Viertelfinale schaffen, wenn wir es bis dahin schaffen würden, dann… dann...“

Allein die Vorstellung jagte ihm wieder Tränen in die Augen, gleichzeitig war der Weg bis dahin noch unglaublich weit und um noch einiges härter.

Noch nie zuvor hatten sie es zu den Meisterschaften geschafft, das hier war ihr erstes Jahr und jetzt sollten sie es direkt bis so weit nach oben schaffen?

Wie wahrscheinlich war so etwas bitte?

Und war es nicht unglaublich unfair von ihm, dass er die Entscheidung über seine Gesamte Zukunft auf die Schultern seiner Teammitglieder…

„Dann werden wir das auch schaffen!“

Überrascht schaute er auf und sah wie Daichi seinem Blick nickend begegnete.

„Wir werden jedes einzelne Spiel gewinnen und so weit gehen wie nur möglich. Das ist unsere letzte Chance mit diesem Team zu gewinnen, also werden wir das so oft wie möglich tun und du wirst dein Sportstipendium erhalten, verstanden?“

Asahi wusste gar nicht was er sagen sollte.

„Aber Daichi“, brachte sich Sugawara mit einem Lächeln ein, „selbst wenn wir Nationalmeister werden...“ Es klang fast so als würde der Zuspieler das gar nicht für so abwegig halten. „...Asahi kriegt nur dann ein Stipendium, wenn er verdammt gute Leistungen auf dem Spielfeld zeigt.“

„Ach ja, stimmt“, nickte der Kapitän dann ernst. Im nächsten Moment boxte er Asahi so kräftig gegen die Schulter, dass er seinen Knochen knacken hören konnte.

„Au!“

„Wir zählen auf dich, Ass! Durchbreche so viele Blocks wie möglich und hol dir die Punkte für unser Team, verstanden?!“

„Genau!“ Sugawara schlug gegen Asahis andere Schulter. „Lass uns alle unser Bestes geben, okay?“

„Okay!“ Er verkniff sich die Tränen und nickte, klatschte mit den anderen beiden ein – holte sich auch noch mehrere Klopfer auf Schulter und Hinterkopf ab – und dann begannen sie den anderen beim Aufräumen zu helfen, wobei nicht mehr wirklich viel zu tun war.

Ob die anderen von ihrem Gespräch etwas mitbekommen hatten konnte Asahi nicht sagen, aber da niemand ihn darauf ansprach hielt er es für unwahrscheinlich und das war auch ganz gut so.

Er musste seine Entscheidung erst einmal selbst verarbeiten und sich bewusst werden was das bedeutete; außerdem wusste er nicht wie er das den anderen mitteilen sollte, ohne dass die anderen etwas Großes draus machen würden.

Vielleicht war es besser so, so würde er die anderen nicht unnötig belasten, gerade die Erstklässler nahmen sich ja so oder so immer viel vor, da brauchten sie nicht auch noch an seine Zukunft denken.

Mit dieser Entscheidung zufrieden trottete er Sugawara hinterher in die Umkleide, die schon zum Bersten gefüllt war mit verschwitzten Oberschülern.

Die Stimmung war gut trotz der späten Stunde und niemand beeilte sich wirklich schnell fertig zu werden. Asahi ließ sich auf einen der paar Klappstühle nieder und begann schwerfällig seine Schuhe auszuziehen. Trotz oder vielleicht gerade wegen des fehlenden Trainings waren die letzten vier Tage unglaublich kräftezehrend gewesen. Aber er wollte sich nichts anmerken lassen, sonst würde Nishinoya ihm wieder vorhalten, dass er einfach das Training geschwänzt hatte.

„Asahi!“ Erschrocken riss er den Kopf hoch, wenn man vom Teufel sprach.

Nishinoya hatte sich, nur noch mit seiner Volleyballshorts bekleidet, vor ihm aufgebaut und hielt ihm verschiedene Flyer hin.

„Also“, erklärte der Libero, dem mittlerweile sämtliche Anwesende zuhörten, „ich hab mich mal umgeguckt und die hier kommen meiner Meinung nach in Frage.“

Es waren Prospekte verschiedener Universitäten.

„Die von Yamagata ist ganz gut, aber mega weit weg, da müssten wir auf dem Campus wohnen und ich weiß nicht, ob Stipendien so etwas übernehmen. Daher dachte ich auch an Tohoku oder Sendai, die haben beide auch Stipendiatenprogramme, aber am besten ist meiner Meinung nach die MYU, die liegt auch mit Abstand am nächsten, man könnte also gut pendeln.“

„Nishi...“

„Außerdem ist deren Volleyballmannschaft verdammt gut – weil der Trainer wohl ein richtiges Monster sein soll – und tatsächlich gibt es einige die von dort aus in den Profisport gehen.“

„Nishinoya.“

„Deswegen sind deren Anforderungen auch extrem hoch. Die haben auch ein eigenes Vollstipendium, aber ich versteh noch nicht mal die Hälfte von den Voraussetzungen, die dafür auf deren Internetseite standen, also keine Ahnung, ob du dafür überhaupt in Frage kommst. Auch mit einem normalen Sportstipendium wird‘s wohl happig werden, da die sich sozusagen aussuchen können wen die ins Team nehmen, aber...“

„Nishinoya!“

Fassungslos stand Asahi auf, vergaß beinahe zu atmen.

Wann hatte der andere Zeit gehabt Nachforschungen über Universitäten anzustellen?

Und warum posaunte der das hier so herum? Was zur Hölle sollte er jetzt tun?

Asahis Herz pochte unglaublich laut als er bemerkte, dass sämtliche Augen auf ihn gerichtet waren.

„So ist das also.“ Tanaka verschränkte die Arme vor seinem ebenfalls nackten Oberkörper und sah Asahi anerkennend nickend an. „Du hast dich für ein Stipendium beworben.“

Dann machte er einen Schritt auf ihn zu und klatschte ihm einmal kräftig gegen die Schulter, genau dahin wo auch Daichi hingeschlagen hatte.

„Find ich ja so was von klasse. Hab ja auch schon überlegt ob ich mich nächstes Jahr bewerben soll, aber...“

„Bei deinen Noten müsstest du schon Weltmeister im Volleyball sein, um überhaupt eine Chance zu haben auf irgendeiner Uni angenommen zu werden“, bemerkte Ennoshita trocken.

„Aber Nishinoya“, brachte sich nun Sugawara mit seiner leicht tadelnden Stimme ein obwohl er breit grinste, „man sucht sich die Uni doch nicht nach dem Club aus, sondern nach den beruflichen Aussichten. Du musst doch das studieren was du später auch als Beruf ausüben möchtest.“

„Sagt der, der überlegt sich in Basel für ein Physikstipendium zu bewerben, nur weil er die Schweizer Schokolade so sehr mag“, murmelte der Kapitän hinter vorgehaltener Hand und zwinkerte seinem Zuspieler zu, der ihm verlegen die Zunge rausstreckte.

„Aber warum denn nicht?“, fragte Kageyama während er den Kopf durch sein T-Shirt steckte und sah zu Sugawara hinüber. „Wenn ich vorhabe Volleyball auf professioneller Ebene zu spielen, sollte ich dann nicht die Universität aussuchen, die mich auf diesen Beruf am besten vorbereitet?“

Es war keine Arroganz oder Eitelkeit in seiner Stimme, er fragte ganz ehrlich, als wollte er sich von dem älteren Zuspieler wichtige Tipps für die Zukunft erfragen.

„Aber Kageyama“, lachte Sugawara ungläubig, „so einfach ist das ganze doch...“

„Boah Asahi“, kam es erstaunt von Hinata, „hast du etwa auch vor Nationalspieler zu werden?“

Auch?“ Tsukishima verschluckte sich an seinem eigenen Kichern.

Erneut spürte Asahi alle Augen auf sich gerichtet.

„Warte mal“, sprach nun Tanaka wieder dazwischen, „wollt ihr mir also weiß machen, erst unsere beiden Erstklässlerfreaks, dann Noya und jetzt willst auch noch du Asahi professionell Volleyball spielen?“

„Natürlich!“, antworteten der Libero und der Zuspieler einstimmig, wobei der Zweitklässler in die Luft sprang.

„A...aber sowas von!“, kam es auch etwas zögerlich von Hinata, der jedoch mit jedem Wort lauter geworden war.

„Und was ist mit dir?“ Alle wurden betreten ruhig als Asahi noch immer nichts gesagt hatte und Daichi ihn ziemlich ernst ansah und irgendetwas an seinem Blick ließ Asahi genau wissen, was er nun sagen sollte.

„Also hört mal.“ Er hob ergebend die Hände. „Das liegt doch noch alles ziemlich weit in der Zukunft, oder? Wer weiß schon was nächstes Jahr ist oder was nach diesem Schuljahr passiert. Ich finde wir sollten nicht zu weit schauen. Trainer Ukai hat es doch gesagt, immer erst auf den nächsten Gegner konzentrieren.“

Nun grinste Daichi breit und Asahi wusste, dass der Kapitän des Teams sich Sorgen gemacht hatte, dass der Teamgeist unter dem Ego einzelner leiden würde.

Mit neuem Selbstbewusstsein sprach das Ass weiter. „Also was haltet ihr davon, wenn wir Diskussionen über die beste Uni auf nächstes Jahr verschieben und uns jetzt darauf konzentrieren die erste Runde des Frühlingsturniers zu bestehen und dann kämpfen wir weiter bis wir die Meisterschaft gewonnen haben!“

Zustimmendes Gegröle antwortete ihm.

„Okay Leute!“ Daichi klatschte in die Hände. „Wenn das nicht mal eine richtige Ansage unseres Asses ist! Kommt mal alle zusammen!“

Das komplette Team kam in einem ungleichmäßigen Kreis zusammen, je eine Faust in die Mitte gestreckt.

„Karasuno…!“

„Kämpft!“

Autorennotiz

Hallo alle miteinander,
dies ist meine erste Haikyuu-Geschichte und ich bin sehr gespannt auf euer Feedback ;-)
Sie setzt nach der dritten Staffel des Animes ein, während der Vorbereitungsphase des Teams, und umfasst ca. 8 Kapitel.
Auch wenn Asahi und Nishinoya die Hauptakteure in dieser Geschichte sind, so kommen die anderen Krähen doch auf keinen Fall zu kurz.

Die Updates erfolgen jeden Sonntag.

Mit diesen Worten wünsche ich euch viel Spaß und hoffe es gefällt euch.

Liebe Grüße

eure Sharry

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Autor

Sharrys Profilbild Sharry

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Kapitel:8
Sätze:2.100
Wörter:35.815
Zeichen:208.231

Kurzbeschreibung

Nach den Vorrunden des Frühlingsturniers bereitet sich das Volleyballteam der Karasuno Oberschule auf die Nationalmeisterschaft in Tokio vor. Doch eines der Trainingsspiele läuft nicht so, wie Nishinoya es sich vorstellt und als ausgerechnet Asahi auch noch versucht ihn aufzumuntern, platzt ihm der Kragen. Es ist nur ein kurzer Streit, nur eine kleine Auseinandersetzung, doch dieses Mal scheint mehr zerbrochen zu sein, als nur ein Besen. // „Ich will nicht, dass du für mich abwehrst!“ Asahi stolperte fast zurück. „Ich brauche deine Hilfe nicht! Ich bin der Libero und die Abwehr ist meine Aufgabe. Ich bin derjenige, der euch den Rücken freihält, nicht anders herum. Dafür brauche ich dich nicht! Ich brauche dich nicht!"

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Depressionen, Freundschaft, canon aware, in character, Schmerz und Trost und Gen getaggt.

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