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Kyoukai no Kanjou

20
8.2.2019 7:50
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

Mein erstes Eigenes Werk. Charaktere und Idee gehören mir.
Trigger Warnung: Borderline, SVV

Ich habe lange gebraucht, bis mir die Idee zu diesem Buch kam. Zuerst habe ich über Jahre hinweg nur Fanfictions geschrieben, mir wollte einfach nichts einfallen, das davon unabhängig genug gewesen wäre. Und nun, bei diesem Buch, das zum ersten Mal nicht den Namen eines Anime oder einer Band mit sich trägt, sind auch hier Färbungen enthalten, die ich nicht abstreiten kann und will.

Ich habe, auch wenn Yoshiku, Ryoichi und die wenigen anderen Charaktere dieses Buches meine eigenen Charaktere sind, dennoch starke Inspirationen gehabt, mich Motiven bedient, die ich in meinen Fanfictions zuvor schon ausprobiert und verwendet habe. Das Motiv eines psychisch erkrankten Hauptcharakters, der sich dennoch an einer Liebesbeziehung mit seinem vormals nur besten Freund versucht, ist zu meinem persönlichen ‚Lieblingsbild‘ geworden.

 

Dass Yoshiku ausgerechnet ‚Borderliner‘ ist, hat vor allem einen Grund: Es geht einem doch das am ehesten von der Hand, was man kennt. Und auch wenn er ein fiktiver Charakter ist, so hat er doch auch seine Wurzeln in dieser Welt. Ein gewisser Musiker, Sänger, der mir seit Jahren als Inspiration dient, hat als eine Art von Vorbild für Yoshikus Typ Modell gestanden, in dem Sinne, dass mir diese Art von Mann so schön ‚aus der Feder fließt‘ und ich für meinen ersten Roman ein Motiv wählen wollte, das mir leicht fällt.

Und dann bin da noch ich selbst. Ich mit meinem eigenen Seelenleben, das dem nahe steht und mich dazu bewegt hat, mich aus eigenem Antrieb heraus näher und näher mit Borderline zu befassen und damit zu ‚arbeiten‘.

 

Entsprechend möchte ich, bevor ihr weiter lest, euch unbedingt bitten, dass ihr vorher über Folgendes Bescheid wisst:

Ich schreibe zum Teil sehr direkt, schreibe vieles ziemlich genau aus, unter anderem eben Szenen, in denen Yoshiku schwere Krisen hat, Dummheiten und Fehler macht, und sich auch selbst verletzt.

Und auf der anderen Seite ist das hier auch eine Liebesgeschichte, deren Ausdruck in Form von Küssen und auch Sex ich ebenso ausschreibe.

Wenn ihr damit Probleme habt, es für euch triggernd oder verletzend sein könnte, so etwas zu lesen, ist es vielleicht besser, ihr lasst dieses Buch sein.

Ich möchte nicht, dass jemand dadurch unnötig verletzt wird.

 

Und noch etwas: Borderline ist eine Erkrankung mit unheimlich vielen, sehr verschiedenen Ausprägungen und Gesichtern. Vielleicht wird euch Yoshikus Verhalten manchmal arg seltsam erscheinen, oder ihr werdet möglicherweise das Gefühl haben, dass ich Borderline nicht korrekt darstelle oder die Erkrankten in ein ‚schlechtes Licht‘ rücke, weil meine Ausdrucksform hier mit Yoshi nicht dem entspricht, was ihr selbst kennt und erlebt.

Oder, wenn ihr euch mit der Thematik noch nicht so gut auskennt, werdet ihr denken, dass alle ‚Borderliner‘ so sind.

Yoshi ist Yoshi, ich bin ich, und schon ich bin nicht komplett wie er, obwohl er aus meiner Feder stammt und wir beide diese Diagnose haben. Und genauso wirst du auch nicht alles von dem, was jemand anderes hat, bei dir selbst finden.

 

Und nun genug des Vorwortes.

Ich wünsche allen, die jetzt immer noch dieses Buch lesen möchten, trotz des Themas auch Freude an meinem Buch, denn auch im Leben von jemandem, dem es oft gar nicht gut geht, gibt es fröhliche, glückliche, schöne Augenblicke, die ich ebenso wenig aussparen werde wie die traurigen Zeiten.

„Yosh! Mach die Tür auf, verdammt!“ Ich klopfte laut gegen die Wohnungstür, schrie dagegen, mein Herz raste. „Hör zu, wenn du nicht sofort aufmachst, dann rufe ich die Rettung, hast du verstanden?“

Oben, im Stockwerk drüber, rief jemand genervt „Ruhe da unten!“, denn mein lautes Klopfen und Schreien war im ganzen Treppenhaus zu hören, aber das war mir so was von egal! Ich machte mir wahnsinnige Sorgen um Yoshiku, meinen besten Freund, er hatte mich vor einer knappen Stunde weinend angerufen und jetzt machte er die Tür nicht auf.

Und meine Sorge war begründet, denn ich kannte ihn und wusste, es war gefährlich, wenn er so war. Gefährlich vor allem für ihn selbst.

Ich lauschte wieder einen Moment, zuerst war es still, dann hörte ich ihn hinter der verschlossenen Tür leise weinen.

„Yosh, bitte … Jetzt mach auf, damit ich sehen kann, dass du okay bist! Bitte!“, bat ich, nun ein wenig leiser, und versuchte verzweifelt, das schreckliche Kopfkino zu unterdrücken, das mir unzählige schlimme Bilder und Szenen vorspielte, an denen besonders furchtbar war, dass ich genau wusste, er tat solche Dinge wirklich … Er tat sich selbst weh.

Doch dann hörte ich seine Stimme, nur ganz leise und zitternd, aber er sprach mit mir. „Ryoichi … ich hab Angst …“

„Lass mich rein“, sagte ich, halb flüsternd, und verzweifelt versuchend, dabei ruhig und stark zu klingen. „Wir können reden oder irgendwas machen, oder was weiß ich, aber bitte lass mich rein. Und wenn es nur ist, damit ich sehen kann, dass du dir nichts getan hast …“

Als ich das Klappern des Schlüssels hörte und wie er langsam im Schloss herumgedreht wurde, atmete ich erleichtert aus. Die Tür ging einen Spalt breit auf und ich sah Yoshikus Gesicht, seine rotgeweinten Augen und blutig aufgesprungenen Lippen.

„Hab ich aber …“, antwortete er mit tonloser Stimme.

Ich hatte sofort meinen Fuß in der Tür, doch er machte zum Glück keine Anstalten, sie wieder zuzuschlagen, sondern öffnete sie ein wenig weiter und ließ mich in seine Wohnung.

Drinnen empfing mich heilloses Chaos. Im Halbdunkel des winzigen Flures bahnte ich mir vorsichtig einen Weg, stieg über herumliegende Kissen, Klamotten und Schuhe und wäre dabei beinahe in die Glasscherben einer zerbrochenen Vase getreten, winzige Splitter knirschten unter meinem Schuh. Ich fand den Weg ins Wohnzimmer, dort waren die Jalousien fast komplett unten, und das erste, was ich tat, war, nach dem Lichtschalter zu tasten, von dem ich zum Glück wusste, wo genau sich dieser an der in kräftigem, dunklen Rot gestrichenen Wand befand.

Auf dem Tischchen vor dem grau flimmernden Fernseher standen leere Pizzakartons und Plastikschüsseln mit Instant-Raamen-Resten darin, Teller mit Brotkrümeln und zwei Sandwiches, die aussahen, als lägen sie schon länger als einen Tag dort herum. Dazu kamen Unmengen an Klamotten, an getragenen T-Shirts, Jeans, benutzten Schlafklamotten, die überall herumlagen, auf dem Boden und dem Sofa, das unter der Mischung aus unordentlich herumliegendem Bettzeug, zwei Wolldecken und der vielen getragenen Kleidung kaum noch zu sehen war.

Ich konnte mir bei diesem ganzen Bild, das sich mir hier bot, leider nur allzu genau vorstellen, wie sich das grausame Chaos in Yoshikus Seele wieder und wieder in seiner Wohnung spiegelte und wie er hier geradezu hauste und vegetierte, wenn es ihm nicht gut ging …

„Tut mir leid … es sieht furchtbar aus bei mir …“, sagte er leise, er stand neben mir und bei Licht schien ihm erst so richtig klar zu werden, wie schlimm es hier aussah, er schien darüber fast ebenso entsetzt wie ich.

„Hey, mach dir keinen Kopf“, sprach ich und sah ihn an, lächelte ein wenig. „Wir kriegen deine Bude schon wieder hin, und dann geht’s dir vielleicht ja auch bisschen besser, hm?“

Er antwortete nichts darauf, aber auch das kannte ich schon von ihm. Es fiel ihm oft unheimlich schwer, lieb gemeinte Hilfe wirklich anzunehmen, wenn er so tief in seinem Selbsthass steckte, dass er glaubte, keine Hilfe zu verdienen.

Er war nicht immer so, es gab auch viele Momente, in denen er glücklich war, sich wirklich gut fühlte und für kurze Zeit auch selbst davon überzeugt war, dass er ein liebenswerter Mensch war. Aber er schien dieses Wissen immer wieder einfach so zu verlieren, es rann ihm, wie er es selbst ausdrückte, wieder und wieder wie loser Sand durch die Finger, dann verlor er sich selbst und die Sicherheit, okay oder sogar toll zu sein, und fiel unglaublich tief in seinen furchtbaren Selbsthass hinein, der ihn augenblicklich einnahm und oft vollkommen lähmte. Selbsthass, der zu Selbstzerstörung führte, und der ihn diese entsetzlichen Dinge denken, sagen und tun ließ …

Ich mochte das, was er dann von sich gab, kaum wiederholen, zu sehr tat es mir selbst weh, weil ich ihn lieb hatte und einfach nicht wollte, dass er so etwas über sich und mich sagte …! Manchmal schien es so, als ob er in diesen Momenten gar nicht mehr wirklich in dieser Welt war, sondern irgendwo tief in einer blutigen, schwarzen Hölle, dem allertiefsten Dunkel, und es schien auch so, als könnte er die Dinge um sich herum und die anderen Menschen kaum mehr sehen, war dann nahezu blind für alles Schöne, sah nur noch Schmerz und Hass.

Aber mit einem Mal riss er mich jetzt aus diesen dunklen Gedanken, er sprach mich an, ich sah ihn an und er lächelte ein wenig.

„Irgendwie schreibe ich immer irgendwann dich an, wenn ich … so bin“, sagte er, und ich verstand nicht so ganz, warum er das so locker und mit diesem kleinen Lächeln sagte. „Ich sollte dann eigentlich meinen Psychiater anrufen, aber stattdessen komme ich zu dir.“

„Hast du ihm denn mitgeteilt, dass es dir nicht gut geht?“, fragte ich.

Yoshiku schüttelte den Kopf. „Nein … Der würde mir nur noch mehr Tabletten verschreiben. Oder er sagt wieder nur so was wie ‚Skills, Kurohane-san, Sie müssen an die Skills denken‘ oder so …“ Er lachte kurz, wieder verstand ich nicht ganz, warum, aber auch das kannte ich von ihm.

Manchmal verstand man ihn nicht, konnte ihm nicht folgen, und er merkte das auch selbst, sagte dazu oft, dass die Geschwindigkeit, mit der er dachte und fühlte und mit der entsprechend seine Gefühle schwankten, sehr, sehr hoch war, so schnell, dass er oft selbst den roten Faden in diesem rasenden Gewirr verlor und andere Menschen seinen Gedankengängen erst recht nicht folgen konnten, wie denn auch, wenn er doch selbst kaum hinterher kam.

„Na ja, ein bisschen ist das doch selbst ein ‚Skill‘, oder?“, fragte ich. „Ich meine, du schreibst mir, bittest mich um Hilfe, das bedeutet doch, dass du irgendwo weißt, dass es dir gut tut, wenn du Kontakt zu mir hast. Und dass du es dann auch tust, obwohl du in solchen Momenten zugleich solche Angst vor mir hast … na ja, das ist doch schon mal was.“

„… nur Selbsterhaltungstrieb …“, sagte er leise, es klang abwertend.

„Du hast noch einen, das ist gut so!“, widersprach ich. „Schau mal, du bist jetzt fünfundzwanzig, und seit du sechzehn bist, geht das schon so, dass es dir immer wieder so furchtbar schlecht geht, dass du dann am liebsten sterben willst. Aber du lebst noch, weil in dir doch noch etwas ist, das unbedingt leben will. Das ist sehr gut, weißt du, weil ich dich nämlich sehr gern habe und ganz entsetzlich traurig wäre, wenn du das nicht überleben würdest …“ Es kam selten vor, dass ich ihm das so direkt sagte, oft traute ich mich das nicht. Aber in diesem Moment kamen die Worte einfach aus mir heraus.

Yoshiku sah mich an, sein Blick sprach von Verwunderung und Überraschung, und da war noch etwas in seinem Ausdruck, etwas, das ich nicht recht deuten konnte. Ich blickte zurück und er wich mir sofort aus, schaute irgendwo in den Raum, an die Wand.

Bevor die Situation zu unangenehm wurde, machte ich mich einfach daran, das Sofa frei zu räumen, und Yosh schien froh über die Ablenkung zu sein und half mir, er räumte das Essgeschirr in die Küche und entsorgte die Reste und die Einweg-Verpackungen.

Wir verbrachten die folgenden zwei Stunden einfach damit, seine Wohnung wieder in Ordnung zu bringen, räumten Wohnzimmer, Flur und die winzige Küche auf, die alle drei in einem Zustand waren, dessen Beseitigung einige Zeit in Anspruch nahm. Aufräumen, putzen, und zwischendurch ein klein wenig über alltägliche Dinge reden, und mit der Zeit kam es mir so vor, als ob es Yoshi auch langsam besser ging. Aber als ich dann beim Badezimmer weiter machen wollte, ging er mir dazwischen.

„Ryo, lass mich das bitte allein machen …“, sagte er, und sein Blick und Tonfall sprachen Bände darüber, was ich im Bad vorgefunden hätte, wenn ich dort hinein gegangen wäre. Das Bad war immer wieder der Ort, wo er sich selbst verletzte, und die Vorstellung, dass der Boden dort übersät war mit seinem heruntergetropften Blut und benutzten Rasierklingen, war leider nicht bloß eine Horrorvorstellung, sondern viel zu realistisch, so sehr wahrscheinlich … 

Er trug heute ein langärmliges, dunkles Shirt und ich blickte auf seinen linken Unterarm, seinen ‚Ritzarm‘, wie er ihn tatsächlich selbst nannte, weil seine Haut dort so vernarbt war, dass es kaum mehr möglich war, die zahlreichen alten und neuen Schnitte dort mit Tätowierungen zu überdecken. Bis auf diese Zone waren seine Arme über und über mit größeren und kleineren Tattoos bedeckt, nur diese Stelle hielt er frei, weil er wusste, dass dort kein Tattoo lange heil bleiben würde, und auch, weil die Haut dort die Tinte eben nicht mehr so gut annahm.

„Zeig mal“, sagte ich leise. „Na komm, zeig mir mal deinen Arm her.“

Er zog den linken Ärmel hoch, und ich sog erschrocken die Luft ein. Der ganze Unterarm war wieder voller frischer, blutig-verkrusteter Schnitte, einige sahen ganz neu aus, waren vielleicht drei, vier Stunden alt. Ich hatte ihn vorhin nicht gleich damit überfallen wollen, dass er mir seine neuen Wunden zeigte, und jetzt erst fielen mir die dunklen Flecken auf seinem Shirt auf, die durchgesickerten Blutstropfen …  

„Tut mir leid …“, entschuldigte er sich wieder. „Ich kann’s einfach nicht anders … es passiert fast schon wie von selbst … Ich kann nicht mal mehr auf Stellen ausweichen, wo es weniger sichtbar wäre … es geht immer so schnell …“

„Ich weiß …“, sagte ich. „Aber … wenn du jetzt das Bad aufräumst und sauber machst … tut dir das dann nicht zu sehr weh, das alles noch mal zu sehen, was du getan hast?“

„Geht schon“, antwortete er. „Ich will nur nicht, dass du das sehen musst und dich darum auch noch kümmerst, das soll meine Sache sein.“

„Ist gut“, sagte ich nur und dachte an Verantwortung. Yoshiku fiel es oft schwer, die Verantwortung für sein paradoxes Handeln zu übernehmen, doch in diesem Moment zeigte er, dass er es gerade doch konnte, er kümmerte sich selbst darum, das Bad wieder in Ordnung zu bringen,  lief nicht davor weg, sondern sagte, dass er es selbst tun musste.

Ich ging derweil in die Küche, wo sich der Verbandskasten befand, und kam mit diesem auf den Flur zurück, aber da war Yoshiku schon im Bad verschwunden und hatte die Tür hinter sich zugemacht.

„Yosh?“, fragte ich, sicherheitshalber.

„Ja?“, kam die Antwort aus dem Bad, er klang okay.

„Ich warte im Wohnzimmer auf dich, dann verbinden wir deinen Arm, okay?“

„Mhm …“

Während Yoshiku also das Bad wieder in Ordnung brachte, wartete ich im Wohnzimmer auf ihn. Ich nutzte die Zeit, um den Verbandskasten zu überprüfen, und tatsächlich war er fast leer, es fehlten eine Menge Pflaster, sterile Wundstrips und auch Mullbinden. Als ich den Kasten zuletzt vor Wochen geöffnet hatte, war noch mehr darin gewesen. Es machte mich traurig.

Yoshiku war mein bester Freund, ich hatte ihn sehr, sehr gern, vielleicht sogar irgendwo auf eine beinahe romantische Art. Er war ein so besonderer Mensch, konnte wahnsinnig mitfühlend und lieb sein, und wenn er glücklich war, fühlte man sich in seiner Nähe einfach total wohl.

Die andere Seite dessen war aber leider, dass er so wahnsinnig verletzlich war, er hatte eine sehr dünne emotionale Haut, manchmal schien ihm jeder Reiz, jede Berührung furchtbaren Schmerz zu bereiten. Manch einer hielt ihn dann oft für hinterhältig, arrogant, oder gar für aggressiv und gefährlich, aber wenn man ihn näher kannte, so wie ich, dann wusste man, er hatte einfach wahnsinnig viel Angst. Ich hatte im Laufe unserer Freundschaft schon ein wenig gelernt, mit ihm richtig umzugehen, doch trotzdem gewöhnte ich mich nicht daran, ihn so wie heute entsetzlich leiden zu sehen. War es denn überhaupt möglich, sich daran zu gewöhnen?

Yoshiku hatte die offizielle Diagnosestellung bekommen, als ich ihn schon ein wenig gekannt hatte, und zwischen uns war damals schon genug Nähe und Vertrauen gewesen, dass er mir dann fast sofort davon erzählt hatte.

„Ryoichi … ich muss dir was sagen … ich bin krank, sehr krank“, hatte er damals gesagt und furchtbar angespannt und verunsichert gewirkt.

„Hast du Krebs oder so was?“, hatte ich besorgt gefragt, und er hatte den Kopf geschüttelt.

„Meine Psyche ist nicht in Ordnung … Ich muss dir das sagen, obwohl es mir Angst macht, ich hab echt Panik, dass du mich dann nicht mehr magst … Und das ist genau der Punkt, verstehst du?“

Ich hatte genickt und meine Hand auf die seine auf dem Tisch gelegt. „Verstehe ich.“

„Ich hab Borderline.“ Er hatte dann schwer ausgeatmet, und ich hatte die Tränen in seinen Augen gesehen.

Borderline … Ich hatte zuerst damals gar nicht so viel darüber gewusst. Nur das, was man so hörte, dass das eine schwere seelische Krankheit war, bei der sich manche der Erkrankten selbst verletzten. Erst danach, langsam, Stück für Stück, hatte ich dann verstanden, worum genau es sich dabei handelte. Yoshiku hatte es mir selbst erklärt, nach und nach, immer gerade den Teil dieser Krankheit, der in dem Moment bei ihm vornean und präsent gewesen war. So vieles daran war so widersprüchlich und verwirrend, aber ich gab mir alle Mühe, es zu verstehen. Ihn zu verstehen.

Inzwischen wusste ich fast so viel darüber wie er selbst. Er sagte oft, er wollte unbedingt, dass ich ihn verstand, weil es ihm immer sehr wehtat, wenn er nicht verstanden wurde. Und ich wollte ihn auch von mir aus so weit wie es ging verstehen, weil ich ihn einfach sehr gern hatte.

In diesem Moment riss er mich aus meinen Erinnerungen, kam nämlich gerade aus dem Bad zurück und setzte sich zu mir aufs Sofa.

„Soll ich dir neue Pflaster und Verbände mitbringen, oder gehst du die selbst kaufen?“, fragte ich ihn mit Blick auf den fast leeren Kasten.

Yosh zuckte nur mit den Schultern.

„Oder wir gehen nachher zusammen los?“, fragte ich die dritte Option.

Der Vorschlag schien ihm dann doch zu gefallen, denn ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen und er nickte.

„Okay, machen wir’s so“, sagte ich.

Ich nahm die Salbe, die letzten Wundstrips und eine Mullbinde aus dem Kasten und begann, Yoshikus Wunden erst einzucremen und dann abzudecken. Manche Schnitte waren nur oberflächlich, andere gingen etwas tiefer, aber ich konnte schon aus Erfahrung sagen, genäht werden mussten sie noch nicht, wir mussten also heute damit nicht zu einem Arzt. Beinahe war es, bei allem Entsetzen darüber, schon auch eine Routine zwischen uns geworden, dass ich Yoshikus Selbstverletzungswunden versorgte, und ich kannte mich inzwischen soweit mit solchen Wunden aus.

Irgendwas schien dieses Mal aber anders als sonst zu sein.

Normalerweise, seit ich vor langer Zeit damit begonnen hatte, für ihn nach fast jedem erneuten Anfall den Sanitäter zu spielen, ließ er es mit kaum einer Regung einfach über sich ergehen. Manchmal bedankte er sich auch, aber meistens saß er nur ganz ruhig da und sah zu, wie ich seine Verletzungen versorgte. Meistens verzog er nicht mal das Gesicht, obwohl es sicher wehtat, geschweige denn, dass er irgendeinen dahingehenden Laut von sich gab.

Aber dieses Mal reagierte er anders. Seine Hände zitterten, als ich seinen verletzten Unterarm berührte, und er presste die Lippen fest zusammen, in seinen Augen war etwas, das beinahe wie Angst aussah. Es schien fast so, als machte es ihm Angst, von mir berührt zu werden. Und ich wusste nicht, ob ich ihn darauf ansprechen sollte oder besser nicht.

Doch mein Herz, mein stetig um ihn besorgtes Herz, hatte eine andere Idee: Ganz leicht, vorsichtig und unauffällig, strich ich mit meinem Finger kurz über Yoshikus linken Handrücken, streichelte ein ganz klein wenig. Er starrte zu Boden, seine Hand zitterte stärker, und jetzt spürte ich sie deutlicher, seine Angst. Ich zog meine Hand zurück, lächelte ihn nur ein wenig an.

„Hey, deine Hand zittert ja total …“, sagte ich leise. „Du brauchst doch keine Angst zu haben, Yosh, ich bin’s doch nur.“

Er wich meinem Blick aus und irgendwas an seinem Ausdruck in diesem Moment ließ mir die Frage durch den Kopf gehen, was genau dieses Mal eigentlich der Auslöser gewesen war, für seinen Zustand und den seiner Wohnung. Irgendeinen Auslöser gab es immer, nur manchmal war der so verschwindend gering oder so gut getarnt, dass Yoshiku ihn selbst nicht erkennen konnte.

„Ich weiß nicht …“, antwortete er leise, diese Worte sagte er oft. Ob er wirklich nicht wusste oder nur nicht erkennen konnte, oder ob etwas in ihm manchmal auch nicht wissen wollte, das war immer unterschiedlich. „Ryo, ich … ich hab Angst. Vor allem und jedem und am meisten vor mir selbst. Ich hab Angst vor meinem eigenen Tun, meinem Denken und Fühlen, und manchmal weiß ich einfach nicht, ob ich mir selbst überhaupt glauben kann.“

„Kannst du denn mir glauben?“, wollte ich wissen.

Er zuckte nur mit den Schultern, sagte nichts dazu und einen Moment herrschte Schweigen. Ich sah, wie es hinter Yoshikus Stirn arbeitete, und seine nächsten Worte kamen wieder so ohne Zusammenhang zu dem, was ich ihn gefragt hatte.

„Manchmal … ist es so, als ob ich für einen Moment aus der Welt bin“, sagte er dann, seine Stimme klang eigenartig, beinahe irgendwie versunken. „So, als ob ich einfach … wegrutsche oder so, aber nicht so, wie ich mich manchmal sehne, sondern … na ja, ich … verstehst du, wenn ich weg will, tot sein, dann ja, um den Schmerz zu beenden. Aber dieses Wegrutschen, dass ich die Welt nicht mehr sehen kann … das verursacht mir wahnsinnige Schmerzen, also ist es was anderes, oder?“

„Ganz sicher ist das was anderes“, sagte ich. „Das glaube ich dir.“

„Tut mir leid, Ryoichi …“, entschuldigte er sich. „Ich weiß, es tut dir weh, wenn ich so was sage … dass ich sterben will und so was … Aber, weißt du, das ist einfach in mir … und irgendwie muss ich es mitteilen. Weil ich Angst habe, wenn ich nicht darüber spreche, dass ich es dann irgendwann tue und keiner weiß, warum.“

„Yosh, es ist mir lieber, du sagst es und versuchst, dich zu retten, als wenn du einfach still wärst und allen vorspielst, dass es dir gut geht, und in dir drin willst du sterben …“ Mir traten Tränen in die Augen, als ich das so aussprach. Das Thema tat mir einfach sehr weh.

Aber mit einem Mal war der traurige Moment ganz plötzlich vorbei. Yoshiku war näher zu mir gerückt und hatte seinen Kopf an meine Schulter gelehnt, schmuste seine Wange an meinen Oberarm und seufzte wohlig.

„Ich bin so froh, dass du bei mir bist, Ryoichi“, flüsterte er. „Du darfst nicht so bald wieder  weg gehen, ich fühl mich so leer ohne dich …“

Ich legte meinen Arm um seine Schultern und hielt ihn fest. „Ich bleibe bis heute Abend. Und morgen komme ich wieder.“

Kurz ging ich in Gedanken meine Agenda für die nächsten Tage durch, morgen stand für den Nachmittag ein kleines Fotoshooting mit einem Solokünstler an, da würde ich als Fotograf natürlich hin müssen, aber sonst hatte ich im Moment keinen allzu engen Zeitplan. Meine Arbeitszeiten waren nun mal leider so unregelmäßig, das war eben der Preis dafür, dass ich meinen absoluten Traumjob als Fotograf bei einer Visual-Rock-Zeitschrift ausüben durfte. Manchmal hatte ich lange frei, dann wieder jagte ein Shooting das nächste.

Yoshikus Sprunghaftigkeit, manch einer nannte ihn impulsiv, war ein zweischneidiges Ding. Einerseits war es manchmal echt nicht einfach, mit seinen plötzlichen Impulsen und Stimmungswechseln umzugehen. Aber manchmal machten ihn gerade diese Spontaneität und Lebhaftigkeit und seine wild sprudelnden Ideen ausgesprochen attraktiv und je nach Thematik konnte er dabei auch richtig süß sein.

Er sprang zwischen „kleiner Junge“ und „erwachsener Mann“ oft ziemlich schnell hin und her, und besonders die Momente, wenn er erst ganz ernst und nachdenklich war und dann mit einem Mal zu einem süßen, lustigen und anschmiegsamen Kind wurde, machten ihn bei allem Leid und aller Dunkelheit, die er in anderen Momenten ausstrahlte, so liebenswert, dass man die dunklen Momente fast vergaß. Etwas in ihm machte das, als wollte es nach jedem Anfall, besonders wenn er jemandem dabei wehgetan hatte, alles wieder gut und vergessen machen.

So war es jetzt auch, er schmiegte sich an mich und machte, dass ich seine Worte von zuvor wieder verdrängen konnte, weil er jetzt, in diesem Augenblick, wieder glücklich war.

„Fühlst du dich jetzt besser?“, fragte ich ihn liebevoll und streichelte über seinen Rücken.

Er schnurrte verspielt wie eine junge Katze, und auf seinen Lippen lag ein süßes Lächeln.

„Ach, Yoshilein … du bist so süß, wenn’s dir wieder besser geht …“

„Weil du bei mir bist …“

Ich sah ihn an, er trug immer noch das langärmlige Shirt und eine Jogginghose, und ich fragte ihn einfach: „Willst du dich vielleicht richtig anziehen? Dann können wir losgehen, neuen Inhalt für den Verbandskasten kaufen und vielleicht noch ein bisschen spazieren gehen?“

„M-hm …“, machte er, löste sich von mir und stand auf, um in Richtung seines Schlafzimmers zu gehen und sich dort umzuziehen. Wieder hatte ich ein bisschen Wartezeit, die ich damit füllte, dass ich die Jalousien ganz hoch zog und den noch im Standby befindlichen Fernseher ganz ausschaltete.

Yoshiku war bald zurück, er trug jetzt dunkelgraue Jeans und ein legeres, schwarzes Jackett mit einem hübsch gemusterten Hemd darunter. Kurz verschwand er noch im Bad, ließ aber die Tür offen, sodass ich sehen konnte, dass er nur eben sein etwa schulterlanges, stufig geschnittenes, schwarzes Haar durchkämmte, und seine immer noch ein wenig blutigen Lippen mit einem Pflegestift eincremte. Dann setzte er an der Garderobe eine Sonnenbrille auf und einen schlichten, schwarzen Hut, ich zog meine leichte Jacke wieder an, nahm meine Tasche und es konnte losgehen.

Der Weg durchs Treppenhaus ging schnell, und draußen auf der Straße empfing uns die laute, helle, lebhafte Welt, das ewig ruhelose, frühlingswarme Gewirr der Großstadt. Die Sonne schien und ich kniff die Augen zusammen, verstand, warum Yoshiku kaum jemals ohne Sonnenbrille seine Wohnung verließ. Manchmal hatte er sie nur in der Tasche dabei, aber heute musste er sie auf der Nase tragen, um seine Augen, die an das Dämmerlicht seiner Wohnung gewöhnt waren, vor dem grellen Sonnenlicht zu schützen.

„Ich hasse solches helles Licht“, sagte er leise, als wir dann auf dem Weg zum nächsten Drogeriegeschäft waren.

„Ist dir zu grell, nicht wahr?“

„Es tut weh, brennt in meinen Augen und auf meiner Haut …“, erklärte er und fügte noch hinzu: „Ich komme mir schon vor wie ein Vampir.“

„Vielleicht … na ja, vielleicht musst du öfter rausgehen, damit sich dein Körper wieder langsam an das Licht gewöhnt?“

Yosh zuckte mit den Schultern. „Ich mag nicht … Gerade, wenn ich so bin wie heute und die letzten Tage, ich will dann keine Sonne, eben weil sie mir so wehtut. Und außerdem … mag ich dann auch nicht rausgehen, ich kann dann nicht unter Menschen sein.“

„Aber jetzt geht’s?“, fragte ich.

„Weil du da bist.“ Yoshiku lächelte wieder ein wenig und mit einem Mal war er für einen Moment ganz nah und flüsterte mir etwas zu, das ich erst Sekunden später wirklich verstand: „Ryo … weißt du, ich mag diese dunkle Wärme, einfach Licht aus und bei jemandem im Arm liegen, unter Decken und Kissen, ohne Licht, aber dafür warm …“

Ich sah ihn einen Moment lang nur verwirrt an, verstand nicht recht, wie er das gerade gemeint hatte. „Mit mir oder mit wem?“, fragte ich.

Yosh war ein paar Schritte schneller als ich, und nun blieb er stehen und drehte sich zu mir um, und ich sah Röte auf seinen Wangen.

„Möchtest du das?“, fragte ich leise. „Willst du, dass wir nur jetzt eben einkaufen, und dann gehen wir zurück zu dir und kuscheln uns im Dunkeln hin und schauen zusammen nen Film an oder so?“

Mir war die Vorstellung nicht unangenehm oder so, ich verstand, was er daran mochte, aber seine Reaktion in diesem Moment sprach wieder einmal davon, wie ständig zerrissen er in sich war: Er sah erst irgendwie traurig aus, dann schien sein Gesicht in einem Ausdruck von Angst geradezu zu gefrieren, und auf einmal lief er los, noch schneller als eben, einfach in den Laden hinein, der ein paar Meter vor uns war.

„Yosh, warte!“, rief ich und rannte ihm nach.

Ich fand ihn wenig später im Laden bei den Pflastern, er hatte eine Plastikdose voller bunter Gummibänder in der Hand, die er schon irgendwo gefunden hatte, und eine kleine Packung dieser breiten, roten Gummiringe für Einlege-Gläser, und weil ich ihn und seine Krankheit kannte, wusste ich, wozu er die brauchte.

Manchmal schaffte er es rechtzeitig, zu so einem Gummiband zu greifen, bevor ihn die Klinge zu sehr lockte, dann band er sich ein solches Gummi ans Hand- oder Fußgelenk und ließ es schmerzhaft gegen die Haut zwiebeln, als Ersatz, der nur rote Striemen hinterließ und eben nicht die Gefahr barg, dass er zu tief schnitt und verblutete. Ein wenig verstand ich inzwischen sogar, warum er solchen selbst zugefügten körperlichen Schmerz geradezu zu lieben schien, ich hatte es ein einziges Mal selbst mit so einem Gummi probiert und die spannungslösende Wirkung erlebt.

Gummibänder waren gut, denn sie waren besser als Klingen, und wie Yoshiku jetzt da stand und mit den Gummibänder-Packungen in der Hand, im nächsten Regal Verbände und Pflasterstrips aussuchte, hatte das zwar für wissende Augen etwas von ‚krank‘ an sich, aber zugleich den Versuch einer Besserung, wenn auch keiner Heilung für immer.

„Da bist du“, sagte ich und sah mir mit ihm zusammen das Regal an. „Ich denke, wir kaufen einmal alles neu, es war ja echt nicht mehr so viel da.“

Yosh nickte, bejahte und begann, die verschiedenen Sachen in den von mir mitgebrachten Einkaufskorb zu packen. Derweil war ich schon ein Regal weiter unterwegs, bei den Salben und Cremes, und ich suchte eine Wundsalbe und eine Creme mit stark wärmender Wirkung aus.

Yoshiku sah, dass ich diese Wärmecreme aussuchte, und lächelte. „Ja, die ist gut, da hab ich auch nicht mehr viel von.“

„Die benutzt du auch als Skill, oder?“, fragte ich.

„Ja. Ist ein guter Reiz, schön heiß, tut halt fast weh. Ich hab‘s auch mal mit scharfem Essen versucht, aber … na ja, Essen, weißt du ja …“

Ja, das mit ihm und dem Essen wusste ich nur zu gut. Er hatte kein gutes Verhältnis dazu, man konnte es der Ehrlichkeit und Einfachheit halber auch eine Essstörung nennen. Manchmal aß er tagelang kaum etwas, dann wieder erzählte er mir, er habe nachts den Kühlschrank geplündert und sich danach erbrochen, ab und zu aß er auch beinahe normal, aber er bekam da einfach keine Ordnung hinein. Mal bezeichnete er sich vom Selbsthass erfüllt als „fett“, dann wieder erkannte er sein deutliches Untergewicht und wollte mehr essen, und oft genug war die Bulimie auch einfach nur eine Form von Selbstbestrafung.

Ich hatte es längst aufgegeben, ihn in Restaurants zum Essen einzuladen, es kam nur noch ganz selten vor, dass wir zusammen essen gingen, meistens aßen wir in seiner oder in meiner Wohnung und auch dann aß ich meistens mehr als er.

Ich sah Yoshiku an, wie er vor mir her zur Kasse des Geschäftes ging und seine Geldbörse rauskramte, und irgendwie sah er heute wieder ganz besonders zerbrechlich aus. Er trug eine dieser tief sitzenden, figurbetonten, dunklen Jeans, die seine Beine noch dünner wirken ließ, und als er sich halb zu mir umwandte und lächelte, betonten die kleinen Lachfältchen um seinen Mund das eingefallene Profil seiner Wangen. Eigentlich war er ein schöner Mensch, ein wirklich attraktiver Mann (so was musste ich als Schwuler ja wohl wissen), aber in Momenten, wenn seine körperliche und seelische Zerbrechlichkeit so deutlich wurde, machte sein Anblick mich eher traurig.

„Lass mal, Yosh, ich bezahle das“, sagte ich, als wir schon an der Kasse standen. „Ich hab ‘nen Job, du hast keinen.“

Er nahm das so hin, es war nicht das erste Mal, und ich bezahlte unseren Einkauf, dann verließen wir das Geschäft und machten uns auf den Rückweg. Yoshiku ging schnell, er war sichtlich nicht in der Stimmung, noch länger draußen herum zu laufen, wollte so schnell wie möglich wieder in seine heimischen vier Wände zurück.

Dort wieder angekommen, füllte ich den Verbandskasten auf und räumte ihn dann an seinen Platz zurück. Yoshiku ließ sich aufs Sofa fallen, er schien schon von diesem kleinen Ausflug ziemlich erschöpft zu sein. Seine Angst vor der Welt und den Menschen verlief phasenweise, mal war er so wie jetzt komplett mit der Welt überfordert, dann wieder hielt ihn nichts mehr in seiner Wohnung und er stürzte sich ins Tag- und Nachtleben der Stadt, das wechselte sich immer mal ab und meistens ziemlich krass.

„Ryoichi?“, hörte ich ihn fragen, ich war gerade in der Küche und er saß ja im Wohnzimmer.

„Ja?“

„Kannst du … vielleicht heute Nacht bei mir bleiben?“

Ich ging zu ihm ins Wohnzimmer und setzte mich neben ihn aufs Sofa. „Geht’s dir wieder nicht gut?“, fragte ich besorgt.

„Im Moment geht’s. Aber … weißt du, ich hab Angst, dass ich wieder falle … weil ich weiß, wozu mein Innenleben imstande ist, wenn ich nachts allein bin …“

„Ich hab jetzt nichts von meinen Sachen hier, nur meine Tasche“, sagte ich. „Was meinst du, wir schauen erst mal nen schönen Film zusammen an und dann sehen wir weiter?“

Yoshiku stand auf, ging zu seinem Media-Regal voller CDs und DVDs und suchte darin nach einem Film, und als er etwas gefunden hatte und zu mir kam, um mir seine Auswahl vorzulegen, staunte ich ein wenig:

„Mein Nachbar Totoro?“, fragte ich verwundert. Ein Kinderfilm war dann doch ein bisschen ungewöhnlich. Ich kannte Yoshs Vorliebe für düstere Actionfilme und Horrorstreifen, aber dass er daneben auch solche anderen, wesentlich leichteren Filme mochte, war mir relativ neu.

Er nickte auf meine Frage hin. „Manchmal mag ich so was.“

„Okay!“, sagte ich, griff eine der dünnen Decken, breitete sie über ihn und mich aus und lehnte mich zurück. „Dann gucken wir halt Totoro, muss auch mal sein.“

Ich kannte den Film von früher, aus meiner Kindheit, und bei Yoshiku war es wahrscheinlich ebenso, denn ‚Mein Nachbar Totoro‘ war ja ein ganz früher Ghibli-Film, irgendwann in den Achtzigern gemacht und entsprechend längst ein echter Klassiker unter den Anime-Filmen. Und immer noch strahlte dieser Film eine so schöne Stimmung aus, ein bisschen heile Welt, aber auch so viel Ehrlichkeit, dass man mitging und mitfühlte, auch wenn man die Handlung auswendig kannte.

Irgendwann, mitten während des Films, spürte ich auf einmal Gewicht auf meinen Beinen und sah, dass Yosh sich hingelegt hatte und seinen Kopf auf meine Oberschenkel bettete.

Ohne darüber nachzudenken, strich ich einfach mit der Hand durch sein Haar, fand darunter seinen Nacken und kraulte ihn ein wenig. Er schnurrte wieder leise, wie eine kleine Katze, und es war offensichtlich, dass er sich gerade richtig gut fühlte. Bei mir zu sein, ein bisschen zu kuscheln und dabei im Halbdunkel einen Film anzuschauen, das schien ihm sehr gut zu tun.

„Magst du das?“, fragte ich nach einer Weile leise und kraulte ihn weiter.

„M-hm …“, machte er. „… Ist schön …“

Eine Weile ging das auch gut, Yoshi hatte weiter seinen Kopf auf meinen Beinen liegen und schien richtig zu genießen, dass ich ihn ein wenig streichelte.

Aber dann, mit einem Mal, spürte ich ihn wieder zittern, und er gab einen leisen, leidenden Laut von sich, es klang so, als täte ihm meine Berührung weh. Sofort stoppte ich, sah ihn an, in seinen braunen Augen stand wieder die Angst.

„Yoshi?“, fragte ich leise und besorgt. „Hey, was ist los, was hast du?“

„Ryo …“ Er klang fast schon nach Weinen. „Hör auf … bitte …!“

„Wird’s dir zu viel?“

Er nickte nur, setzte sich auf, stellte Abstand zwischen uns her. Eben war es noch so schön gewesen, und jetzt auf einmal schien ihm Nähe wirklich Schmerzen und Angst zu bereiten … Für solche Momente, wenn er sich so plötzlich verängstigt zurückzog und litt, während das Wort ‚Borderline‘ geradezu in der Luft klebte, für genau diese Situationen hasste ich diese verdammte Krankheit! Nicht ihn, sondern dieses Ungeheuer in seiner Seele, das ihm so furchtbar wehtat.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sollte ich überhaupt etwas sagen, oder lieber schweigen? Doch die Stille war schmerzhaft, für mich ebenso wie für Yoshiku, und dann sah er auch schon so aus, als ob er gleich anfing zu weinen.

„Yosh, hey, was ist denn los? Was ist das, was tut dir gerade so weh?“, fragte ich und hätte ihn am liebsten berührt, seine Schulter gestreichelt, aber ich ließ es, wollte ihm ja nicht wehtun.

„Nichts … ich …“, begann er, und auf einmal weinte er richtig, hielt sich die Hände vors Gesicht, seine Schultern zitterten.

Ich nahm die Fernbedienung vom Tisch und stellte den Film aus, dann wandte ich mich Yoshiku ganz zu, streckte langsam die Hand aus und legte sie ganz vorsichtig auf seine viel zu zarte Schulter. Meine Finger ertasteten die Knochen unter der Haut und er kam mir so furchtbar zerbrechlich vor! Schon die kleinste Berührung konnte ihm entsetzliche Schmerzen verursachen und ihn zerbrechen lassen …

„Was hast du denn, jetzt sag mal“, bat ich mit ruhiger Stimme. Ich wusste, ruhig bleiben, stark wirken, ebenso viel Gelassenheit wie auch Zuneigung ausstrahlen, das war das Wichtigste, wenn man jemanden wie Yosh vor sich hatte, der so verletzlich war und sich so sehr nach Halt sehnte.

Er schüttelte den Kopf, weinte weiter.

„Weißt du’s nicht, oder magst du es nicht sagen?“, fragte ich weiter, fühlte mich innerlich zunehmend hilflos. Ich traute mich jetzt nicht, ihn in den Arm zu nehmen, da ihm Berührung gerade offenbar wehtat, also blieb mir doch nichts anderes, als zu fragen und zu reden …

„Kannst du bitte gehen …?“

„Yosh, ich mag dich so nicht alleine lassen, und das weißt du. Wenn ich jetzt gehen würde, hätte ich dann die ganze Zeit Angst um dich, und du würdest dich, sobald ich weg bin, so verlassen fühlen, dass du dich wieder verletzt, oder?“

Er zuckte mit den Schultern, so als sei es egal. Vielleicht war es ihm in diesem Moment auch egal. Vielleicht war der Schmerz in ihm gerade so groß und vornean, dass er wieder diese Gedanken hatte, dass ihm sein Leben an sich egal war … Und gerade deshalb durfte ich jetzt nicht gehen, ihn nicht allein lassen!

„Komm, jetzt sag mir, was ist los?!“, forderte ich, war ein bisschen grob mit ihm in meiner Angst. Immer abzuwägen, wann ich vorsichtig und lieb zu ihm sein musste und wann er klare Ansagen brauchte, war weiß Gott auch nicht immer einfach.

Yoshiku schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht …“, sagte er mit verweinter Stimme. „Ich … ich hab solche Angst …“

„Yosh, ich hab auch Angst“, entwischte es mir, und ich verlor für einen Moment meine sorgsam gewahrte Kontrolle, die Worte kamen einfach raus: „Ich hab Angst um dich, dass du dir irgendwann ernsthaft was antust! Ich hab Angst, dass dann niemand da ist, um dich zu retten! Jedes Mal, wenn du irgendwas so in dich reinfrisst und nichts sagst, kriege ich Angst, verstehst du?!“

Er sah mich erschrocken an, obwohl er es eigentlich wissen musste. Mein Geschrei im Treppenhaus vorhin, als er nicht aufgemacht hatte, das war ja auch nicht das erste Mal gewesen.

„Yoshiku, bitte … Sag mir, was ist los, was hat dich wieder dich verletzen lassen, warum hast du mir erst nicht aufgemacht, und warum tat es dir eben weh, dass ich dich gestreichelt habe?“

Die Angst stand nur allzu deutlich in seinen dunklen Augen, er hatte große, furchtbare Angst. Irgendwas in ihm verursachte ihm diese wahnsinnige Mischung aus Panik und Schmerz, und irgendwo sah ich auf einmal, als ich den Tag so anschaute, auch einen Zusammenhang. Fast glaubte ich, es in meinem Kopf leise klicken zu hören, als auf einmal alles Sinn ergab, und dieser Sinn aber mir ebensolche Angst machte wie ihm …

„Du, sag mal …“, begann ich leise und meine Hand war versucht, die seine zu greifen, hielt sich nur knapp davon ab. „Kann es sein, dass du … dass du vor mir … Angst hast? Dass du mich so gern hast, dass du dich zugleich davor fürchtest? Tut es dir deshalb weh, wenn ich dich berühre?“

Der Blick, mit dem er mich ansah, kaum dass ich es ausgesprochen hatte, sagte so sehr „Ja“, dass ich ein wenig erschauderte.

Eigentlich … nun ja, ich hatte mich selbst in dieser Gefahr gesehen, nicht ihn. Hatte mehr auf mich und meine eigene Homosexualität geschaut, weil der Gedanke, dass ich als schwuler Mann einen anderen Mann zum besten Freund hatte, der zudem optisch wie charakterlich voll und ganz meinem bevorzugten Typ entsprach, in meiner Gedankenwelt mehr Platz beansprucht hatte als die Möglichkeit, dass Yoshiku seinerseits Gefühle für mich entwickeln könnte. Ich hatte auf meine eigene Vorsicht geachtet, aufgepasst, mich nicht in ihn zu verlieben, weil ich davon ausgegangen war, dass er kein so geartetes Interesse an mir haben würde.

Und jetzt, wo ich selber so sehr aufgepasst hatte, mich nicht in meinen besten Freund zu verlieben, der zudem ja auch nicht gerade gut in Beziehungen zuwege war, da sah ich auf einmal, er hatte offensichtlich Gefühle für mich!

„Yoshiku …“, sagte ich und meine Stimme zitterte ein wenig, als ich fragte: „Du … du hast Gefühle für mich, stimmt‘s?“

Ich sah, wie sein Körper verspannte, die ruckartigen Bewegungen seiner Brust unter dem Hemd, als täte ihm das Atmen weh. Die Tränen liefen unaufhaltsam über sein Gesicht, er zitterte, weinte, konnte vor Schluchzen erst kein Wort herausbringen. Und so bekam ich kein gesprochenes „Ja“ auf diese wichtige Frage, nur ein zitterndes, verweintes Nicken.

„Deshalb ging es dir die letzten Tage so mies?“

Wieder nickte er, schluchzte auf, seine rechte Hand krallte in seinen linken Unterarm.

„Ryo … weißt du … seit ich das … ich hab’s einfach … auf einmal gedacht … und … es fühlt sich so schrecklich wahr an … und es tut weh … so weh, da … da kann ich nicht … nicht anders …“

„Als dir selbst weh zu tun?“

„Ich … will das nicht … ich hab dich gern … ich brauche dich … ich will dich nicht lieben … Lieben tut weh … und zerbricht … und dann verlier‘ ich dich am Ende … aber dann … ohne dich … Ich glaube … ich glaube, dann sterbe ich wirklich …“

Sein Weinen weckte in mir den Wunsch, ihn ganz fest in meine Arme zu nehmen, aber ich wusste, er hatte Angst davor, würde das jetzt nicht wollen.

Kurz ging mir das Wort ‚Liebeserklärung‘ durch den Kopf, vielleicht war das hier eine, aber wenn, dann die traurigste, die ich mir vorstellen konnte. Yoshiku gestand mir gerade seine Liebe, doch dieses Gefühl schien ihm so viel mehr Schmerz zu bereiten, als dass es ihn glücklich gemacht hätte …

„Yoshilein“, sprach ich ihn an und legte wieder meine Hand auf seine Schulter, er ließ es zu, weinte aber weiter, während ich sprach: „Wir müssen ja nicht gleich ein Paar werden. Wir müssen uns nicht mal gleich küssen, wenn du das nicht willst. Ich kann dein bester Freund bleiben, ich hab dich so oder so lieb, es muss sich nichts ändern.“

„Aber … verstehst du, Ryoichi, wenn ich das dann doch mal will … und danach auf einmal wieder bereue … wenn wir uns küssen und miteinander ins Bett gehen und erst will ich das auch, will es wirklich, und danach will ich nur noch weg und dass es nie passiert ist?“ Er atmete zitternd ein und aus und sah mich dann verzweifelt bittend an: „Kannst du mich vor dem beschützen, was ich selbst will?“

Ich konnte ihn nicht anlügen, brachte es nicht übers Herz, ihm etwas vorzumachen und den starken, ihn beschützenden besten Freund spielen, und vermutlich wäre es mir auch gar nicht gelungen … Ich konnte nur ehrlich sein: „Ich weiß es nicht, Yoshiku. Ich kann dir ja nicht hinter die Stirn schauen, ich werde in dem Moment auch nicht wissen, ob das dann gut ist …. küssen und so was … Ich kann dich nicht vor etwas schützen, was du selber dann willst …“

In seinem Kopf arbeitete es auf Hochtouren, die ungeheure Geschwindigkeit und Intensität seiner Gedanken war ihm nur allzu deutlich anzusehen. Und auf einmal war da eine solche Angst in seinem Blick, so viel Schmerz und Angst und Weinen, dass ich ihn kurzentschlossen doch umarmte, einfach weil er aussah, als würde er gleich zerbrechen. Er zitterte, weinte stärker, brachte haltlose Worte heraus, gegen meine Schulter, wo ich seinen Kopf sanft mit meiner Hand an mich drückte. „Ryo … lass mich nicht allein …! Bitte, ich … ich kann nicht ohne dich!“

„Ich lass dich nicht allein, Yoshi, ganz bestimmt nicht“, sprach ich und streichelte durch sein schwarzes Haar. „Egal, ob wir Freunde sind oder ein Paar, ich werde bei dir sein, hörst du? Du darfst, ob als mein bester Freund oder als Geliebter, in meinen Armen liegen, ich halte dich, damit du schlafen kannst. Und ich werde nicht aufhören, dich zu berühren oder so.“

Es dauerte dann noch eine ganze Weile, bis er sich wieder soweit beruhigt hatte, dass ich es wagte, ihn los zu lassen. Seine Hände und Schultern zitterten noch, er sah völlig aufgelöst und verheult aus und wir wussten wohl beide nicht, wie es jetzt weitergehen sollte.

Diese Situation, die Stille zwischen uns, hatte etwas so verzweifelt Aussichtsloses an sich, sie war mit diesem Nicht-Wissen, was wir jetzt tun sollten, so unerträglich, machte uns beiden Angst.

Doch dann, zwar ohne mich anzusehen, aber dennoch mir ein wenig Hoffnung gebend, brach Yoshiku die schmerzhafte Stille, sprach mich leise an: „Ryoichi?“

„Mh?“, machte ich und sah ihn an.

Yoshiku blickte immer noch zu Boden, als er weiter sprach: „Kannst du vielleicht …“, er stockte, seine Wangen färbten sich in einem ganz zarten Rosa, „… bitte trotzdem heute Nacht hier bleiben? Ich hab so furchtbare Angst, allein zu sein …!“

„Ja, klar“, antwortete ich, ohne nachzudenken. Yoshis Angst vor dem Alleinsein hatte ihre Wirkung auf mich, weil ich eben nur zu gut wusste, in welche Verzweiflung ihn die Einsamkeit stürzen konnte. Er hatte sich heute schon genug wehgetan, ich konnte doch nicht riskieren, dass er sich heute Abend noch mal verletzte!

Er sah mich einen Moment lang etwas ungläubig an, hatte sicher mit einem ‚Nein‘ meinerseits gerechnet, doch dann lächelte er. „Danke, Ryo, du bist der Beste!“

Dieses Lächeln sah zusammen mit seinen noch vom Weinen geröteten Augen nach so viel Gefühlen aus, und ich spürte, wie Yoshi gerade wirklich, so todtraurig und verängstigt er eben auch gewesen war, wieder glücklich war. Dieses Hin und Her, es machte ihn ebenso kompliziert wie süß, ich liebte ihn dafür und zugleich war es so schwer, damit umzugehen.

„Das haut gerade alles ziemlich rein bei dir, oder?“, fragte ich. „Also … Borderline und das alles, nicht wahr?“

Yoshiku nickte nur.

Wir saßen dann noch lange zusammen auf dem Sofa, irgendwann stellte Yosh den Fernseher wieder an und wir sahen uns ein paar Folgen einer Serie an, die gerade lief. Ich dachte daran, dass ich die kommende Nacht auf diesem Sofa verbringen würde, und hoffte, dass wir dann beide gut schliefen.

Als es draußen schon dunkel war, stand Yoshiku auf. „Ich kann dir Schlafsachen von mir leihen, und Waschzeug kannst du auch von mir haben“, sagte er.

„Gehst du oft früh schlafen?“, fragte ich.

„Ja. Wenn ich den Tag nicht mehr aushalte, manchmal gehe ich dann einfach ins Bett. Aber manchmal kann ich dann auch gar nicht schlafen …“ Er machte den Fernseher aus und sagte wie beiläufig, als sei es ganz normal: „Ich hab fast immer irgendwelche Albträume …“

Wir bauten gemeinsam mein Schlaflager auf der Couch auf und ich checkte dann noch kurz mein Handy, da war eine neue Nachricht von meinem Boss bei der Zeitschrift: „Niiyama, können Sie morgen Vormittag schon? Wir haben kurzfristig ein zweites Shooting angesetzt.“

Morgen Vormittag? Ich wusste nicht recht. Erst mal wollte ich mich ordentlich um Yoshiku kümmern, ich würde keine Ruhe haben, bis er wieder halbwegs sicher war.

„Ich habe einen familiären Notfall, ich weiß noch nicht, ob ich da sein kann“, schrieb ich zurück, das war zwar eine halbe Notlüge, aber ein ‚Mein bester Freund ist so instabil, ich mag ihn nicht allein lassen‘ war mir als Information an meinen Boss entschieden zu privat.

Später, nachdem ich noch ein wenig gegessen hatte, während Yoshiku sich, wie er sagte, nicht traute, selbst auch etwas zu essen, gingen wir dann schlafen, er in sein Schlafzimmer, dass seine Tür zum Wohnzimmer hin hatte, und ich auf die Couch.

„Gute Nacht, Yoshi“, sagte ich, ehe er die Schlafzimmertür hinter sich zumachte, „Ich wünsche dir, dass du heute Nacht keine Albträume hast.“

Er lächelte nur leicht, sagte nichts.

Zuerst verlief die Nacht ruhig. Ich lag noch bis etwa neun Uhr wach, blickte hoch an die dunkle Zimmerdecke und dachte nach, über Yoshiku und mich, und über seine Krankheit. Ich suchte nach guten Ideen, möglichen Lösungen für alle erdenklichen Situationen, mir kamen auch Dinge in den Sinn, die mir gut erschienen, aber um zu wissen, ob diese Ideen für Yoshi und mich funktionieren konnten, hätte ich ihn wecken und danach fragen müssen.

Irgendwann war ich über diesen Gedanken eingeschlafen, doch ich erwachte wieder, mitten in der Nacht, ein Geräusch oder Laut hatte mich geweckt. Ich brauchte einen Moment, bis ich den Laut als heftiges Schluchzen aus dem Schlafzimmer identifiziert hatte, und war dann sofort hellwach.

„Gut, dass ich hier geblieben bin“, dachte ich und flüsterte es in die Dunkelheit, während ich aufstand und mich in Richtung Schlafzimmer vortastete. Die Tür war zu, und ich klopfte leise an.

„Yoshi?“, fragte ich flüsternd, „Bist du okay?“

Er weinte heftig, das war deutlich zu hören, irgendwas hatte ihn in tiefe Verzweiflung stürzen lassen. Es klang so todtraurig und schmerzerfüllt, dass mir ein kleiner Schauer über die Haut lief, und ich hoffte sehr, dass er in seinem Schlafzimmer nicht irgendwo Klingen oder ähnliches versteckt hatte.

„Kann ich irgendwas für dich tun?“, fragte ich weiter, als er nicht antwortete.

„Geh weg!!“, kam es laut von drinnen. „Lass mich in Ruhe!!“

„Okay …“, sagte ich nur und zog meine Hand von der Türklinke zurück. Ich ging zur Couch zurück, setzte mich und wartete, ohne recht zu wissen, worauf genau.

Yoshiku hatte mir mal erzählt, dass er oft aus panischer Angst heraus so wütend und abweisend reagierte, und das versuchte ich mir jetzt selbst zu sagen, dass er mich nicht wegstieß, weil er es böse meinte, sondern weil er schreckliche Angst hatte. Er hatte viel Angst, manchmal vor so gut wie allem, vor Menschen, Licht, Situationen, leeren Zeiträumen, und oft wohl auch vor sich selbst, seinen eigenen Gefühlen. Auf den ersten Blick wirkte er manchmal so laut und lebhaft, dass man sich dann kaum vorstellen konnte, was für ein tief verängstigter Mensch er im Grunde war …

Irgendwann jetzt, ich hatte vielleicht zwanzig Minuten gewartet, da stand er auf einmal in der Schlafzimmertür, total verheult, und sah mich unsicher an.

„Tut mir leid, Ryo …“, sagte er leise und fuhr sich mit dem Handrücken schniefend über die Nase, es sah aus wie bei einem Kind.

„Na, komm schon her“, sagte ich und breitete lieb lächelnd die Arme für ihn aus. Er kam auf mich zu, setzte sich neben mich und ich nahm ihn in meine Arme, streichelte über seinen Rücken. „Mein armes Yoshilein, dir hat wieder was sehr wehgetan, hm?“

Er nickte, schniefte wieder, sah mich ein bisschen von unten her an, machte große Augen.

„Wo hat es denn wehgetan?“, fragte ich.

Er hielt sich die Hand ans Herz. „Da, ganz furchtbar doll …“ Diese kindliche Art, mit der er manchmal sprach, irgendwie fand ich das eher süß, als krank.

„Soll ich pusten?“, fragte ich, wie bei einem Kind, das sich das Knie aufgeschlagen hatte.

Yoshi nickte, und ich beugte mich ein wenig runter, pustete sachte gegen sein Shirt, dort wo darunter sein Herz schlug. Er lächelte mich an.

„Ist besser?“, fragte ich.

Er nickte. „Dankeschön, Ryo … Ich hab dich lieb …“

Wir blieben noch ein wenig so, er saß bei mir und ab und zu umarmte und streichelte ich ihn ein wenig. Ihm tat das sichtlich gut, süßer Kind-Modus und liebe Streicheleinheiten, das schien genau das zu sein, was er gerade brauchte. Ich fand es auch nicht schlimm, wenn er manchmal mehr der kleine Junge, als der Mann von fünfundzwanzig Jahren war. Ab und zu wollte das doch jeder, mal wieder Kind sein und gehalten werden, und vielleicht brauchte Yoshiku das nur ein wenig öfter als andere.

„Magst du langsam wieder schlafen gehen, Yoshilein?“, fragte ich schließlich, weil ich ehrlich gesagt doch ziemlich müde war.

„Ich … ich mag nicht alleine schlafen.“

„Komm, das schaffst du schon. Ich bin ja hier nebenan, und wenn dir wieder was wehtut, kannst du zu mir kommen, okay?“

„M-hm …“

Ich spürte, eigentlich wollte er, dass ich mich mit ihm zusammen hinlegte, in sein Bett. Aber gleichzeitig wussten wir beide, dass das jetzt keine so gute Idee war.

„Gute Nacht, Ryo …“, sagte Yoshi leise, dann drehte er sich um und ging in sein Zimmer zurück, lehnte die Tür hinter sich nur an.

Der Rest der Nacht verlief ruhig. Einmal wachte ich noch auf, aber es war still und ich schaute nur einmal zu Yoshiku ins Schlafzimmer, sah ihn aber mit dem Gesicht zur Tür hin ruhig im Bett liegen und hörte ihn tief schlafend atmen. Ansonsten passierte zum Glück nichts mehr, und am nächsten Morgen war ich der erste, der wach wurde.

Ich erhob mich, streckte mich ausgiebig und ging dann zu Yoshis Schlafzimmertür, öffnete sie leise und sah ihn noch schlafend im Bett liegen. Er hatte sich richtig zusammen gerollt und klammerte sich im Schlaf an seine Bettdecke, was ehrlich gesagt ziemlich süß aussah. Andere hätten das vielleicht seltsam gefunden, ein erwachsener Mann von fünfundzwanzig Jahren, der da so lag wie ein kleines Kind, aber ich fand es eben süß, und es weckte in mir auch den Wunsch, dieses so sichtbare innere Kind in meinem besten Freund zu beschützen.

Auf leisen Sohlen schlich ich zu seinem Bett, streckte die Hand aus und berührte ihn, ganz leicht und vorsichtig, an der Schulter.

„Guten Morgen, Yoshilein“, flüsterte ich, und tatsächlich wachte er auf, zog die Nase kraus und blinzelte.

„Hast du noch gut geschlafen?“, fragte ich.

„Mh … ja, schon …“, antwortete er, noch sichtlich verschlafen.

„Ich mache uns mal Frühstück, wenn du magst?“

„Mach, wie du willst …“, brummte er und kuschelte sich dabei an seine Decke.

Ich ging wieder hinaus, damit er in Ruhe aufstehen und sich anziehen konnte, und mein Weg führte mich in die Küche, wo ich den Kühlschrank aufmachte und nachsah, was es denn so darin an Zutaten für ein schönes Frühstück gab. Eine Schüssel Reis fand ich, dazu ein bisschen Gemüse, drei Eier und eine noch verschlossene Packung mit geräuchertem Fisch waren auch noch da.

Als erstes setzte ich die Kaffeemaschine in Gang, und während die sich um den Kaffee kümmerte, machte ich Rührei mit Gemüse und wärmte den Reis dazu auf.

Pünktlich zum fertigen Frühstück kam Yoshi in die Küche und setzte sich an den Tisch.

„Mach doch nicht so ‘nen Aufwand“, sagte er. „Ich esse morgens eh kaum was …“

„Aber ich, und ich hab Hunger“, antwortete ich.

Zuerst aß dann tatsächlich nur ich etwas, auch wenn Yoshiku mit am Tisch saß. Er sagte, er bekam morgens immer schon kaum etwas runter, aber ich schaffte es dann doch, ihn zu überreden, dass er wenigstens ein bisschen Kaffee trank.

Erst als ich schon fertig war und die Reste in den Kühlschrank stellen wollte, griff Yoshi auf einmal doch zu und füllte seinen Teller zumindest zur Hälfte. Ich blieb bei ihm sitzen und sah zu, wie er ganz langsam und zögerlich aß, und passte auf, dass er es nicht auf der anderen Seite übertrieb, was durchaus auch vorkommen konnte, dass er auf einmal doch zu viel zu sich nahm.

Nach dem Frühstück bekam ich eine Nachricht von meinem Job, ich sollte unbedingt kommen, wurde angeblich dringend gebraucht. Der Fotograf, der mich vertreten sollte, war nicht aufgetaucht, und jetzt musste ich doch ran.

Yoshi nahm meine Frage, ob ich ihn allein lassen konnte, recht gelassen hin, er sagte, er wollte jetzt sowieso ein wenig allein sein. Ich nahm ihm das Versprechen ab, dass er keine Dummheiten machte, und machte mich dann auf den Weg zurück in meine Wohnung, um von dort meine für ein Shooting notwendige Ausrüstung zu holen.

Als ich in der Bahn saß, rief ich Yoshiku noch einmal kurz an, fragte ihn, ob alles okay war, und er klang ganz entspannt, als er mir erzählte, dass er im Fernsehen einen schönen Film gefunden hatte und den jetzt anschaute.

Zu Hause huschte ich nur einmal kurz durch meine Wohnung, suchte mein Zeug zusammen und machte mich dann wieder auf zur Arbeit. Das Studio lag in Chiba und ich musste eine ganze Weile mit der Bahn fahren, bis ich dort ankam und dann natürlich spät dran war.

„Entschuldigt die Verspätung“, keuchte ich und verbeugte mich schnell, stellte meine Tasche ab und blieb als Erklärung bei meiner Notlüge vom familiären Notfall: „Bei mir in der Familie ist das Chaos ausgebrochen, da musste ich helfen, war sehr wichtig …“

Zum Glück fragte keiner der Kollegen danach, was genau für Probleme ich angeblich in der Familie hatte, und ich begann einfach mit meiner Arbeit. Die Visual-Band, die heute ein Shooting hatte, war schon vollzählig anwesend und kam gerade aus der Garderobe, fertig angezogen und geschminkt wie die schönsten Models.

Die fünf Member waren allesamt ziemliche Profis, beherrschten die Kunst von Pose und Haltung so gut, dass ich nur noch den Auslöser meiner Kamera richtig betätigen musste. Es machte mir richtig Spaß, diese schönen Männer abzulichten, wenn auch drei von den fünfen auf den ersten Blick mehr wie Frauen aussahen. Aber genau das mochte ich, Androgynität bei Männern, die dann zumindest in meinen Augen einfach viel schöner waren, als eine Frau es je sein könnte …

Wenn Yoshiku danach gestimmt war, sich richtig schick zu machen, mit Schminke, schicken Visual-Kei-Klamotten und einer ordentlichen Portion Sexappeal, ab und zu fotografierte ich ihn dann auch, und innerlich schmachtete ich ihn schon ein wenig an, er sah geschminkt und in schwarzen Lacksachen einfach so verflucht gut aus …!

Bisher hatte ich das immer sorgsam vor ihm verborgen, ihm nur im scheinbaren Scherz gezeigt, wie anziehend ich ihn fand, doch jetzt, wo es tatsächlich so schien, als ob er für mich ähnlich empfand, gestattete ich mir in einer kurzen Pause jetzt, die Bilder, die ich von unserem letzten Just-fot-fun-Shooting noch auf meinem Handy hatte, still und leise anzuschmachten, und mir zumindest ein klein wenig vorzustellen, wie es sein würde, ihn so zu berühren, auf eine neue Weise, die deutlich zärtlicher und, ja, erotischer war, als das unter besten Freunden üblich war.

Nach dem Shooting schrieb ich ihm eine Nachricht, fragte, wie es ihm ging, und er schrieb zurück, dass alles okay war und was er gerade machte. Es wurde ein relativ belangloser, alltäglicher Chat, wir unterhielten uns noch ein wenig über ein neues Videospiel, das Yoshi haben wollte, und er wirkte, sofern man das beim Schreiben erkennen konnte, ganz entspannt.

Als ich in meiner Wohnung angekommen war, legte ich mich sehr bald hin, ich war total erledigt, wobei mir aber nicht ganz klar war, was genau mich so geschafft hatte. Egal warum, jedenfalls schlief ich mitten am Tag auf dem Sofa ein.

Gegen halb vier weckte mich mein Handy, ein Kollege vom Staff dieses einen Solokünstlers war dran und fragte, wo ich denn blieb.

Ich fuhr mit einem Satz hoch. Verdammt, das zweite Shooting hatte ich ja total vergessen! In Windeseile machte ich mich zum Losfahren fertig, schnappte mir meine Ausrüstung, die zum Glück noch so in meiner Fotokammer herumstand, wie ich sie nach dem ersten Shooting abgestellt hatte, und hetzte los, nahm mir auf der Straße ein Taxi.

Ich kam natürlich viel zu spät, entschuldigte mich ausgiebig, und das Team ließ meine Erklärung, dass ich eingeschlafen war, sogar gelten. Ich kam mir vor wie einer dieser Firmenangestellten, die während ihrer extremen Arbeitszeiten irgendwann am Schreibtisch einschliefen, und fragte mich, warum ich bitte so müde gewesen war. Hatten mich die intensive Zeit mit Yoshi und das Kümmern um ihn so sehr angestrengt?

Ich brachte das Shooting dann doch ganz professionell hinter mich, der Solokünstler schien zufrieden und die Leute von der Zeitschrift ebenso, und ich sah zu, dass ich wieder nach Hause kam, um mich hinzulegen und auszuruhen.

Zwei, drei Tage lang herrschte wieder Stille zwischen Ryoichi und mir. Wir sahen uns nicht und ich schrieb ihm auch nicht, schaffte es einfach nicht, obwohl ich mich einsam fühlte und nach seinen Worten sehnte. Denn gegenüber der Sehnsucht stand bei mir immer die Angst, dass er mich zurückwies, weil ich ihn nervte. Eigentlich unsinnig, kannten wir uns doch schon so lange und er war nie genervt von mir gewesen, aber dennoch, diese Angst war da und sorgte dafür, dass ich nicht wagte, ihn so anzuschreiben, wie es meiner Einsamkeit entsprochen hätte.

Am vierten Tag bekam ich dann eine Nachricht von Ryo: „Hey Yoshi, alles okay? Melde dich mal, wie geht’s dir?“

Ich brauchte den ganzen Tag, bis ich so weit war, ihm zurück zu schreiben. Während ich den mir angewöhnten Beschäftigungen nachging, die da wären Filme schauen, stundenlang Games zocken und Musik hören, weil ich ja wieder mal seit Monaten ohne Job da stand, kreisten meine Gedanken im Hintergrund so lange um diese kurze Nachricht meines besten Freundes, dass ich schließlich doch ans Handy ging und ihm antwortete: „Hey Ryo … Mir geht’s okay, ich zocke nur den ganzen Tag.“

Es dauerte eine Weile, bis er zurück schrieb: „Echt okay oder Nicht-wirklich-okay?“

Er kannte mich einfach zu gut! Die Frage traf ins Schwarze und ich spürte schon meine Tränen. Nein, ich war nicht wirklich okay. Saß hier in meiner Wohnung herum, sah den halben Tag fern und spielte den Rest der Zeit an der Konsole oder drehte die Musik laut auf, um die Leere und Einsamkeit zu ersticken, die mich immerzu zu verschlingen drohte.

„Irgendwo dazwischen“, schrieb ich zurück und spürte an meinen nun fließenden Tränen, dass das gelogen war. Aber ich brachte es nicht über mich, ihm die Wahrheit zu schreiben, zu groß war meine Angst, dass er mich dafür in irgendeiner Form ablehnte. Diese Angst flüsterte mir furchtbare Dinge zu: Heul nicht rum, das erträgt bald keiner mehr! Und ich hörte hin, in mich hinein, und weinte.

Auf Ryoichis nächste Nachricht konnte ich dann nicht antworten, war viel zu durcheinander. Doch am nächsten Tag schrieb er mir wieder, fragte, ob wir uns sehen wollten.

Ich wusste nicht, ob ich wollte. Und mein Gefühl beantwortete die Frage dann mit „Nein“. Ihn zu sehen, ihm nah zu sein, bedeutete jetzt, nachdem ich ihm gesagt hatte, dass meine Gefühle für ihn über Freundschaft hinausgingen, die Gefahr, dass ich ihm zu nahe kam. Ich wollte ihn nicht küssen oder gar noch mehr, romantische Liebe machte mir Angst. Ich hatte es so oft damit versucht und nie verlässlich hinbekommen.

„Ich kann nicht“, schrieb ich zurück, auf die Frage, ob wir uns sehen wollten.

„Kannst nicht oder hast Angst?“, fragte er kurz darauf, immer noch schriftlich.  

„Angst“, schrieb ich nur, und legte dann das Handy weg.

So ging das dann ein paar Tage lang. Wir hatten nur diese kurzen Chats, die immer von ihm ausgingen und von denen  ich jeden bald wieder abreißen ließ. Ich fühlte mich schlecht dabei, ihn so auf Abstand zu halten, und zugleich war es mein einziger Schutz vor den drängenden Gefühlen, die ich für ihn hatte.

Abends lag ich im Bett und weinte, weil ich mir ihn verzweifelt an meiner Seite wünschte, mich wahnsinnig danach sehnte, in seinen Armen zu liegen, und dabei zugleich wusste, dass es nicht gut war, mich so zu sehnen. Ich wusste, ich war einfach nicht gut in solchen Dingen, romantischen Beziehungen …

Und an diesem einen Abend, Ryo und ich hatten uns vor über einer Woche zuletzt gesehen, da hielt ich es nicht mehr aus, das Sehnen und die Einsamkeit und Leere. Ich stand wieder auf, zog mich wieder an und fing an, mich richtig hübsch zu machen, um auszugehen. Es war kurz nach zehn Uhr abends und die meisten Clubs machten gerade erst auf, ich würde einfach irgendwo hingehen und ein bisschen trinken und feiern können.

Ich schminkte mich, machte meine Haare schön und zog mich interessant an, schön schwarz und mit viel Lack und Nieten, so, wie ich es zum Ausgehen gern hatte. Es gab mir einen ganz schönen Selbstbewusstseins-Kick, ich hatte mich lange nicht mehr so richtig aufgestylt, und auf einmal ging es mir richtig gut.

Mit einem abgefahrenen Look wie ein Visual-Kei-Rockstar verließ ich meine Wohnung und machte mich auf den Weg in eine Gegend, die ich nur aus Ryoichis Erzählungen halbwegs kannte, nämlich die lokale Homo-Zone, die hier zwar nur aus zwei, drei Bars bestand, aber immerhin gab es eine. Ich selbst war vor einigen Jahren schon mal dort gewesen, aber seitdem war dort viel umgebaut worden und so orientierte ich mich vor allem an dem, was Ryo mir von der Gegend erzählt hatte. Er, der Glückliche, wusste, dass er einfach schwul war, während ich mich seit meiner Teenager-Zeit mit der ständigen Ungewissheit herumplagte, dass ich keine Ahnung hatte, worauf ich eigentlich stand.

Ich hatte Phasen gehabt, in denen ich mich schon auch zu Männern hingezogen gefühlt hatte, aber ich hatte es nie zu einer echten Beziehung mit einem gebracht, da war immer nur Knutschen, Petting und unverbindlicher Sex drin gewesen, aber insbesondere solchen Sex empfand ich nicht mal als gut, wenn ich mein Gegenüber nicht zumindest ein klein wenig liebte. Manchmal hatte ich trotzdem welchen, schlief mit Fremden, irgendwas Dummes in mir trieb mich dazu, aber gut war das nicht, ganz und gar nicht.

Beziehungen hatte ich bisher immer nur zu Frauen gehabt, und sie waren allesamt, sechs an der Zahl, mehr oder weniger dramatisch gescheitert.

Unter diesen Gedanken war ich aus der Bahn ausgestiegen und befand mich jetzt auf einer Straße zwischen leuchtenden Werbetafeln und Neon-Eingangsschildern, und fast wäre ich, gedankenverloren wie ich war, mit einem Männerpärchen zusammen gestoßen, die sich an den Händen hielten und im Gehen Küsschen gaben, in einer Weise, wie es anderswo in unserem Land gar nicht gern gesehen wurde. Aber hier, in dieser besonderen Gegend, trauten sie es sich, hier sagte niemand etwas.

Warum ich gerade an diesem Abend ausgerechnet hierher kam? So richtig wusste ich es nicht. Vielleicht, weil ich durch meine Gefühle für Ryo wieder näher an der Homo-Schiene stand, und sehen wollte, ob es nicht vielleicht doch für mich passte … Vielleicht war ich ja wirklich schwul und bekam das Ding mit den Frauen deshalb so schlecht hin? Und vielleicht würde eine Beziehung mit einem Mann so anders sein, dass meine miesen Probleme in romantischen Beziehungen ein klein wenig mehr außen vor blieben? Ich hoffte es, wünschte es mir so sehr, und zugleich flüsterte es in meinem Kopf: Du bist Borderliner, Yosh, sonst nichts.  

Ich sah mich kurz um, und die Bar, vor der ich gerade stand, schien mehr von lesbischen Frauen besucht zu werden, also ging ich weiter, dorthin, wo ich mehr Männer hineingehen sah. Manche sahen ähnlich aus wie ich, androgynes Aussehen war dort vielleicht gern gesehen, und so reihte ich mich dort ein, betrat den Club, aus dem gerade lauter Elektro-Rock auf die Straße schallte.

Drinnen war es noch lauter, dunkel und voller blitzender, bunter Lichter, und es wurde ganz deutlich, dieser Club war zum Tanzen und Trinken da, nicht zum Herumsitzen oder gar Reden. Es gab eine große Bar, eine riesige, mehrstöckige Tanzfläche und eine im Vergleich dazu kleinere Bühne, die aber im Moment leer war. Um die Tanzfläche herum standen hohe Tische mit Metallstangen für Poledance und tatsächlich räkelten sich dort tanzend zwei, drei junge Kerle, die ebenfalls ähnlich angezogen waren wie ich.

Auf einmal musste ich an Ryo denken, daran, wie gern ich ihn jetzt bei mir gehabt hätte. Mit ihm zusammen hier tanzen zu gehen, die Vorstellung hatte etwas wortwörtlich Traumhaftes. Ich wusste nicht, ob wir das jemals tun würden. Im Moment fürchtete ich ja sogar seine ganz normale Nähe, weil ich Angst hatte, ihn in einem unbeherrschten Moment zu küssen.

Ich ging zur Bar und bestellte mir durch Zeigen auf der Karte ein Suntory-Bier, bekam es und blieb erst einmal an der Bar stehen. Doch lange hielt ich das nicht durch, in meinem Kopf drohte sich das Gefühl von Ausgeschlossensein und Einsamkeit breit zu machen, so wie ich hier allein stand und den vielen Männern hier zusah, wie sie feierten und tanzten, zu zweit oder auch allein, wie sie Spaß hatten, und sicher auch die Aussicht auf eine heiße Nacht nach dem Clubbesuch.

„Ryoichi …“, kam es mir tonlos über die Lippen, es war sowieso viel zu laut hier.

Ich konnte ihn nicht haben, weil er mein bester Freund war und ich Angst hatte, ihn durch das Gefühl von Liebe zu verlieren, also wollte ich irgendwen, wenigstens heute Nacht nicht allein sein, nachdem ich in den vergangenen Nächten fast gestorben wäre vor lauter Angst, mich in mir selbst und meinem eigenen Nichts zu verlieren.

Die Einsamkeit fraß schon längst tief in mir, doch noch zögerte ich, mich auf die Tanzfläche zu begeben und meine körperlichen Reize, derer ich mir gerade durchaus bewusst war, zu präsentieren. Es gab doch eine ganze Menge schwule Männer, die auf Tattoos und Piercings standen, und von beidem hatte ich mehr als genug an mir.

Und dann stand auf einmal jemand vor mir, ein Fremder mit langen, dunklen Haaren und bekleidet mit Sachen aus Lack und Netz, die seinen Körper an genau den richtigen Stellen anziehend betonten. Er war vielleicht etwas älter als ich, etwa um die dreißig, zumindest wirkte er so, und muskulöser als ich war er außerdem, wenn auch keineswegs übertrieben. Kurzum, er sah ziemlich heiß aus.

Er kam näher, grinste und sprach mich an: „Hey, wer bist du denn?“

Ich setzte ein cooles und zugleich verführerisches Gesicht auf, spielte den, der zugleich Interesse hatte und sich rar machte, und antwortete: „Nenn mich Yosh.“

„Yosh, ah. Dann bin ich für dich Miya.“

Praktisch wie immer, dachte ich, diese Pseudonym-Kultur in der Visual Kei Szene …

Kurzentschlossen stellte ich mein Bier ab, wandte mich der Tanzfläche zu und sah den Fremden namens Miya herausfordernd an. Mir war nach einer schnellen Sache, ganz einfach, schnelle Nummer …

„Na dann zeig mal, was du kannst“, sagte ich, laut genug, damit er es trotz der dröhnenden Musik verstand.  

„Du zuerst“, entgegnete er, und zeitgleich fiel mir einer der noch freien Poledance-Tische auf. Da oben zu tanzen und diesen Miya damit richtig heiß zu machen, und dann vielleicht einfach zu gehen, oder auch … noch mehr zu tun, diese Idee schoss mir durch den Kopf, und ich ging sofort zu dem Tisch hin, packte die Stange in der Mitte und zog mich daran hoch auf die Platte.

Von hier oben grinste ich triumphierend zu ihm runter, und er nahm auf einem der Stühle Platz, die zwischen Tanzfläche und Bar in kleinen Gruppen aufgestellt waren. Die Art, wie er sich hinsetzte, breitbeinig und mit dem Blick hoch zu mir, hatte schon etwas an sich.

Die Musik war gut, mit genug Bass und Techno-Rhythmus, so dass es mir ganz leicht fiel, mich zu bewegen. Ich hatte vor Ewigkeiten mal, in einer beinahe schon ‚manischen‘ Phase, an einem völlig verrückten Tanzkurs teilgenommen, bei dem es auch Poledance gegeben hatte, von daher konnte ich ein bisschen was, auch wenn mir für die ganz akrobatischen Aktionen das Können und derzeit auch die körperliche Kraft fehlten.

Aber das bisschen, was ich konnte, und die Reize meines Körpers, das reichte aus, damit dieser Miya ziemlich schmachtend zu mir hochschaute. Bald schon erhob er sich und begann, mit meinen Bewegungen mitzugehen, zuerst noch mit Abstand, dann streckte er die Hände hoch und begann, mich anzufassen.

Die erste Berührung erschreckte mich noch, doch dann war es mir sehr bald egal, denn in mir teilte sich etwas. Meine äußere Hülle tanzte wie eine gekonnte Schlampe auf diesem Tisch, räkelte sich lasziv an der Stange, während mein Innenleben sich ganz tief in mein Inneres zurückzog, bis die Verbindung zwischen diesen beiden Teilen meiner Selbst beinahe riss. Nur eben und geradeso hielten sie zusammen, aber ich spürte kaum mehr, was ich tat. Die Leere war so weg und so stark zugleich, völlig irre und paradox, und nichts passte mehr zusammen.

In einem verzweifelten Versuch, mich irgendwie wieder zu einer Person zusammen zu fügen, schaute ich in die metallisch spiegelnde Tischplatte unter mir, sah mich selbst und wie meine Hüfte verführerisch für diesen mir völlig fremden Mann kreiste, dessen Hände nach meinen Beinen griffen, um mich zu …

Mein Versuch des Zusammenfügens scheiterte, ich tauchte ein paar Momente lang innerlich völlig ab und fand mich kurz darauf auf dem Gang vor den Toiletten wieder, schlagartig kehrte mein Körpergefühl zurück und ich spürte die leicht rauen Hände dieses Kerls namens Miya auf meiner Haut, unter meinem Oberteil. Er war ziemlich erregt, ich hatte ihn offenbar mit meiner Show richtig geil gemacht, und jetzt machte er sich über mich her und ging wahrscheinlich auch noch davon aus, dass ich es ebenso wollte.

Aber dann fanden seine Hände eine der heftigen Narben an meiner Hüfte, zwar wurden sie optisch verdeckt von meinem Schmetterlingsschwarm-Tattoo, welches sich wie ein Gürtel um meine Hüfte herum zog, aber ohne Hinsehen waren die Narben darunter deutlich spürbar. Narben aus einer Zeit vor einigen Jahren, als ich mich noch meist dort verletzt hatte, wo es sich mit Hose und Shirt verstecken ließ. Meinen Ritzarm hatte ich heute mit einer langen, opulenten Armstulpe verdeckt, die mir auszuziehen jemandem, der nur an sexuellen Dingen interessiert war, wohl weniger in den Sinn kam. Aber an der Hüfte war es etwas anderes, die Hose kam ja immer mit als erstes runter.

„Was hast du denn da?“, fragte er, viel zu nah an meinem Ohr. „Sind das Narben?“

„Bin mal … operiert worden“, log ich. „Motorradunfall.“ Meine Standartausrede. Ich hatte meinen Motorrad-Führerschein zwar längst nicht mehr, hatte ihn wegen meiner Medikamente abgeben müssen, aber die Ausrede zog fast immer. Jedenfalls ganz eindeutig besser als die Wahrheit.

Ich hatte jedoch keine Zeit mehr, mir noch mehr Lügen auszudenken, denn mit einem Mal war diese Hand hinten in meiner Hose und mein Körper erzitterte im Schock. Ich war ja alles andere als jungfräulich, aber in diesem Moment wurde mir einfach so sehr klar, dass ich gerade drauf und dran war, Ryoichi zu hintergehen … und das schockierte mich.

Miya kam jetzt nicht mehr umhin, zu bemerken, dass ich nicht ganz bei mir und keineswegs mit seinem Tun einverstanden war, und er zog seine Hand zurück, sah mich irritiert an.

„Ziemlich unfair von dir, ‚Yosh‘ oder wie du auch heißt“, sagte er und schien sichtlich enttäuscht von meiner Ablehnung. „Machst mich erst geil und trägst dann die Konsequenzen nicht!“

„Lass mich!“, fauchte ich und stieß ihn mit all meiner Kraft weg.

„Kann mir ja egal sein, Mann, ich hab mich ja nur auf ‘ne geile Nacht gefreut …!“, zischte er zurück und rief mir noch irgendwas nach, was ich nicht mehr verstand, weil ich mich umdrehte und schnellstmöglich aus dem Club nach draußen lief.

Fuck!! Fuck, Mist, Scheiße, verdammte! Ich kickte wütend ein Schild vor dem Club um, fluchte laut, sodass sich jemand vor mir verwirrt umdrehte und mich dann verärgert ansah, und dann lief ich, so schnell ich mit meinen nietengespickten Stiefeln konnte, einfach weg, sah mich dabei immer wieder um, hatte Angst, dass mir jemand, vielleicht dieser Miya, folgen könnte.

In einer leeren Gasse blieb ich keuchend stehen. Mein ganzer Körper zitterte, mir war total schlecht und ich erreichte nur eben und geradeso den Mülleimer ein paar Meter weiter, ehe mir alles hochkam und ich mich dort hinein erbrach. Dann sank ich an der Mauer zu Boden, meine Beine trugen mich nicht mehr, und ich spürte, dass ich weinte.

Erst langsam wurde mir wirklich klar, was ich da in dem Club getan hatte. ‚Promiskuität‘, dieses Wort schoss mir immer wieder durch den Kopf. Ich wusste nicht, was das genau bedeutete, aber ich hatte es schon einige Male in Büchern gelesen im Zusammenhang mit solchem Verhalten, ständigem Flirten mit Fremden, Sex mit irgendwem, so was alles …

„Schlampe“, dachte ich. Wahrscheinlich war ich das. Eine männliche Schlampe. Das Wort tat mir weh. Ich wollte keine Schlampe sein, ich hatte diesen Mann doch weggestoßen, ich wollte das doch gar nicht, es war einfach so passiert, ich hatte mich doch nur so entsetzlich, fürchterlich einsam gefühlt!!

Ich fuhr mir mit der Hand über die Augen, wischte die vielen Tränen weg und zerstörte dabei natürlich mein Make-up, aber das war mir egal. Ganz langsam und zitternd versuchte ich, aufzustehen, sank wieder zu Boden, versuchte es erneut, weinte immer noch.

Am Eingang der schmalen Gasse, in der ich mich befand, liefen immer wieder Leute vorbei, Partyvolk, von denen mich jedoch keiner bemerkte. Niemand sah mich, niemand wusste, dass ich hier war. Und niemand sah, dass ich mich wieder über den Mülleimer beugte und erneut erbrach. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt gesehen werden wollte. Eigentlich nicht.

Wenn Ryoichi zufällig hier vorbeigekommen wäre, mich gefunden hätte …

Wobei, vielleicht hätte ich seine Hilfe gar nicht annehmen können? Ich hatte zugleich mit meiner Sehnsucht auch Angst vor ihm, Angst, dass ihm irgendwann alles mit mir zu viel wurde, dass er mich allein ließ …

„Ich hasse mich“, kam es mir über die Lippen, ich hörte meine eigene, tränenerstickte Stimme, wie sie die Worte in die leere Dunkelheit sprach, doch sie klang entfernt, kaum wie die meine.  

Ich hatte nicht viel dabei, nur mein Handy in der Innentasche meiner schwarzen Lackweste, und das hatte kaum noch Ladung im Akku. In meiner Hosentasche steckte noch der 1000-Yen-Schein, mit dem ich das Bier hätte bezahlen müssen, was ich aber tatsächlich nicht getan hatte, so schnell wie alles dann gegangen war.

Ich versuchte wiederum, aufzustehen, ging schwankend zum Eingang der Gasse und hielt nach einem Taxi Ausschau. 1000 Yen müssten reichen, um damit wieder nach Hause zu kommen.

Dass dann recht bald ein Taxi hielt und mich mitnahm, war für mich der einzige Moment dieses verfluchten Abends, wo ich halbwegs dachte, Glück zu haben, und während der Fahrt war ich sehr froh darüber, dass sich der Fahrer nicht für mich interessierte. Ich sah mich selbst in der spiegelnden Fensterscheibe, und war doch einigermaßen erschrocken, wie furchtbar ich aussah: Verheult, verschmiert und genau so müde, wie ich mich fühlte.

Vor dem Haus mit meiner Wohnung angekommen, bezahlte ich die Fahrt, bekam sogar noch 100 Yen zurück und beeilte mich dann, nach oben zu kommen, in meine Wohnung, wo ich die Tür hinter mir zuschlug und sich die Spannung, die sich über die Taxifahrt in mir aufgebaut hatte, augenblicklich entlud:

Ich sank an der Wand zu Boden, zerrte mir im Sitzen weinend die Armstulpen von den Armen, grub meine Fingernägel fest in meine Haut, kratzte haltlos wieder und wieder über meinen ohnehin vernarbten Arm. Die Schnitte von meiner letzten Selbstverletzung hatten noch Krusten, die kratzte ich erbarmungslos ab, bis alles wieder blutete. Das Blut tropfte zu Boden, doch ich wischte es nicht weg, denn ich wollte bluten …

Und gerade, als ich aufstehen und meine Klingen holen wollte, um noch mehr zu bluten, summte das fast leere Handy in meiner Tasche, ich zog es raus und sah, es war Ryoichi, der mir jetzt, mitten in der Nacht, eine Nachricht geschrieben hatte: „Yoshi, hey … Ich hab gerade ein ganz mieses Gefühl, so als ob es dir gar nicht gut geht. Bist du okay?“

Schwankend stand ich auf, ging ins Wohnzimmer, irgendwo dort musste das Ladekabel meines Handys liegen. Ich fand es, und als ich mit zitternden Händen das Handy anschloss und den Kabelstecker einsteckte, hinterließen meine Finger tatsächlich blutige Spuren auf Gerät und Kabel.

Irgendwie erschreckte mich das. Ich lief sofort ins Bad und holte die Taschentücher-Box, riss Tücher heraus und wischte das Blut ab, lief in den Flur, machte Licht an und wischte auch dort das Blut vom Boden auf.

Wieder setzte mein Kopf für ein paar Momente aus, einfach so, und ich fand mich in der Küche wieder, mit dem Verbandskasten vor mir, klebte Pflaster auf die Wunden an meinem Arm. Über die Pflaster wickelte ich dann noch den Verband und dachte: „So kann ich jetzt wieder paar Tage nur noch mit Jacke rausgehen …“

Welchen Monat hatten wir? April, oder? Jedenfalls Frühling. Und ich trug immer noch lange Ärmel, konnte meine schönen Tattoos nicht zeigen, weil mein linker Unterarm derzeit quasi durchgehend in einem absolut nicht herzeigbaren Zustand war. Ich hatte schon überlegt, einfach asymmetrische Shirts zu tragen, den rechten Ärmel kurz, damit man mein buntes Fullsleeve-Tattoo sah, und den linken lang, um die Narben zu verstecken, und Asymmetrie war ja im Visual Kei durchaus denkbar. Aber bisher hatte ich das noch nicht umgesetzt.

Ich ging ins Bad, schminkte mich schnell und gründlich ab und zog mich bis auf die Unterhose aus, ging dann ins Wohnzimmer und nahm mein Handy samt Kabel mit ins Bett, wo ich es an der Steckdose neben meinem Nachttisch anschloss und mich dann hinlegte, um Ryo endlich zu antworten. Ich beschloss, ehrlich zu ihm zu sein, zumindest was den Punkt betraf, dass es mir nicht gut ging. Ryoichi kannte mich gut genug, um zu merken, wenn ich log.

„Da liegst du richtig …“, schrieb ich. „Mir geht’s … gar nicht gut …“

„Hast du … dich wieder verletzt?“, schrieb er beinahe sofort zurück.

Ich schrieb nur: „Ja.“ Meine Hand strich nachdenklich über den Verband an meinem anderen Arm.

Ryoichi schickte einen besorgt aussehenden Smiley und fragte: „Schlimm?“

„Geht schon“, tippte ich und dachte an das eine Mal vor ein, zwei Jahren, als ich mich so stark verletzt hatte, dass ich sogar aus eigenem Antrieb einen Krankenwagen gerufen hatte.

„Gab es denn … einen Auslöser?“, schrieb Ryoichi dann, nichtsahnend. Wie sollte er auch wissen, dass ich ihn heute mit einem Fremden sozusagen betrogen hatte? Angst kam in mir hoch, wahnsinnige Angst davor, ihm das zu gestehen, und noch größere Angst, dass er es herausfinden und mich … ich wagte kaum, daran zu denken … verlassen könnte …

Etwas in mir wollte, dass Ryo zu mir kam, es kam mir falsch und mies vor, ihm meine Untreue am Handy zu beichten, und ich wollte ihn bei mir haben, ihn vielleicht festhalten können …

Aber da war eben auch die Angst. Diese wahnsinnige, gewaltige Angst.

„Weiß nicht …“, schrieb ich auf Ryos Frage hin.

„Ach Yoshi …“, antwortete er und schickte einen Umarmungs-Smiley. Und dann: „Würde es dir helfen, wenn ich morgen wieder zu dir komme?“

Ich hatte schneller „Ja“ geschrieben und abgeschickt, als ich überhaupt nachdenken konnte.

Und Ryo schien sich darüber zu freuen. „Okay, dann komme ich morgen zur Frühstückszeit zu dir. Dann geht’s dir sicher wieder besser.“

Trotz meiner Ängste: Ich freute mich darauf. Ihn zu sehen, ihn bei mir zu haben, nicht wieder so allein zu sein … Und so ging ich zwar mit einem neu verletzten und verbundenen Arm wieder ins Bett, aber auch mit einem irgendwie guten Gefühl.

Ich fuhr früh am Morgen los und als ich auf dem Weg zu Yoshikus Wohnung an einer Bäckerei vorbei kam, holte ich dort noch ein, zwei Brötchen und ein kleines Glas Marmelade. Ich wusste, dass Yoshi, wenn er denn mal aß, lieber süß statt salzig frühstückte, und so brachte ich ihm noch ein Croissant mit Schokocreme-Füllung mit.

Als ich dann mit der Brötchentüte und meiner großen Handtasche vor seiner Tür stand und klingelte, machte mir kurz darauf ein recht entspannt und gut gelaunt aussehender Yoshiku auf, der mich anlächelte und sofort in die Wohnung ließ, um die Tür hinter mir zu schließen und mich dann sofort zu umarmen.

„Ich bin so froh, dass du da bist“, flüsterte er in mein Ohr.

Ich lächelte, drückte ihn ein wenig an mich und antwortete: „Ich hab dir was mitgebracht.“

„Brötchen?“

„Und ein Croissant mit Schokolade.“

Yoshiku strahlte mich an wie ein kleiner Junge, riss mir die Tüte aus der Hand und schnupperte hinein. „Du bist so lieb, Ryo!“

„Ich weiß. Ich bin immer gern lieb zu dir.“ Ich grinste und folgte Yoshi in die Küche, wo er begann, den Tisch für uns zu decken.

Er schien heute so richtig gut drauf zu sein, und ich konnte mir denken, dass es vor allem wegen mir so war. Auch wenn wir uns noch nicht als Paar empfanden, und er sicher auch noch Angst davor hatte, zeigte ein Teil von ihm deutliche Anzeichen, wie verliebt er in mich war, und dieser Teil war gerade vornean.

Ich freute mich darüber, genoss es selbst, dass es ihm so gut ging, freute mich für ihn. Denn das war für uns beide sehr wichtig, dass wir uns zusammen über seine guten Momente freuten und sie genossen, schließlich konnten sie immer jederzeit wieder vorbei sein. Als bester Freund von jemandem, der so mit sich zu kämpfen hatte, musste ich mich mit aller Kraft auf seine guten Zeiten konzentrieren, alles dafür tun, damit er sich so gut wie möglich fühlte …

„Dir geht’s heute wieder gut, ne?“, fragte ich, als wir zusammen am Tisch saßen.

Yoshiku lächelte leicht. „Ja“, sagte er. „Weil du wieder bei mir bist.“

Es war schön, wenn er mir das so ehrlich sagen konnte, das sprach auch davon, dass er im Moment gerade weniger Angst hatte. Wenn er Angst hatte, fiel es ihm sichtlich schwerer, so offen zu sein. Ebenso, wie er dann deutlich größere Probleme mit dem Essen hatte. Davon war jetzt kaum etwas zu sehen, er schmierte sich ganz einfach ein Marmeladenbrötchen und aß es ganz auf, trank dazu seinen Kaffee und wirkte richtig entspannt und glücklich.

Das Schokocroissant hob er sich bis zum Schluss auf und sah mich dann, während er es langsam aß, mit einem beinahe verträumten Blick an. Täuschte ich mich, oder blickte er dabei wirklich besonders auf meine Lippen?

Nach dem Frühstück fragte ich ihn, was wir denn heute zusammen machen wollten, und er antwortete, dass er gerne mit mir ein wenig nach draußen gehen wollte, in die Stadt.

„Es ist wieder ziemlich sonnig“, erinnerte ich ihn.

Aber er erwiderte nur: „Ist okay, heute bin ich mal kein Vampir.“

Zuerst räumten wir die Küche wieder auf, dann verschwand Yoshiku für eine Weile im Bad, während ich im Wohnzimmer den Fernseher anschaltete und den Wetterbericht sah.

Als Yosh dann wieder aus dem Bad kam, konnte ich ihn erst mal nur verwundert anschauen:

Er hatte sich geschminkt, seine Haare schön gemacht, und trug ein asymmetrisches, halb bauchfreies, weiß bedrucktes Shirt mit einem kurzen rechten und einem langen linken Ärmel, dazu eine schwarze Hose mit Nieten und Schnallen dran, die so tief saß, dass man den gürtelförmigen Schmetterlingsschwarm an seiner Hüfte schön sehen konnte. Der kurze, nach selbst abgeschnitten aussehende, rechte Ärmel des Shirts setzte sein wildes, buntes Fullsleeve-Tattoo in Szene, der andere, lange, verdeckte geschickt seinen verbundenen Unterarm, und als er sich vor mir umdrehte, konnte ich die unteren Spitzen der beiden großen, tätowierten Flügel auf seinem Rücken unter dem Saum des Shirts herausschauen sehen. Sein Haar hatte er leicht toupiert und mit Haarspray zu dieser ganz typischen Visual-Kei-Frisur frisiert, so, dass die unteren, langen Strähnen locker über die beiden Tattoos an seinem Hals fielen, und das kleine Semikolon-Tattoo hinter seinem rechten Ohr war so auch zu sehen, ebenso wie seine vielen Ohrpiercings.  

„Schön siehst du aus“, sagte ich und lächelte.

Yoshi lächelte zurück, ich sah ihn noch mal von oben bis unten an, und mir fiel auf, dass er einen neuen Stecker in seinem Bauchnabelpiercing hatte, einen süßen Anhänger mit einem kleinen weißen Kreuz mit vier glitzernden Steinchen. Seine übrigen Piercings waren meist nur einfache silberne Ringe oder Stecker, aber für das am Bauchnabel gab es einfach so viel hübsche Schmuckteile zu kaufen, die tauschte er gerne mal aus.

Ich machte mich dann auch noch ein klein wenig hübsch, und dann gingen wir zusammen raus, in Richtung Stadt. Yoshiku wohnte in einer ziemlich belebten Vorort-Gegend, kein irgendwie schickes Viertel, aber eines, in dem dennoch viele Menschen unterwegs waren. Es war warm draußen und die Straße verursachte ganz schön viel Lärm, aber im Gegensatz zu neulich, als Yoshi schon sehr bald genug von der Außenwelt gehabt hatte, schien ihm das heute nichts auszumachen, im Gegenteil, er schien die Lebhaftigkeit der Stadt sogar zu genießen.

Von außen gesehen war es vielleicht schwer zu verstehen, dass einer, der sich an einem Tag wie ein Vampir in seiner abgedunkelten Wohnung verkroch, am anderen Tag so lebhaft war und es liebte, sich ins Getümmel der Stadt zu stürzen. Aber ich war so nah an Yoshiku dran, dass ich diese Widersprüche in ihm inzwischen einigermaßen verstand. Es war seine Gefühlswelt, die alles steuerte, was er tat und wie er lebte, und die war nun mal so schwankend, widersprüchlich und extrem, also spiegelte sich das natürlich auch in seinem Handeln wider.

Wir gingen erst einmal zu einem kleinen Park, wo sich an den Bäumen schon die ersten Blüten zeigten, Kirschblüten, natürlich. Die Sakura stand kurz bevor, es war schon eindeutig warm genug, und alles, was Zeit und Lust hatte, strömte in die Parks, um die rosafarbenen und weißen Blütenknospen zu feiern.

Yoshi ging ein paar Schritte vor mir, drehte sich dabei immer wieder nach mir um, lächelte, schaute hier und dort in Schaufenster und einmal hob er die Arme, streckte sich in der Frühlingswärme, wirkte energiegeladen und ausgelassen. Am liebsten hätte ich jetzt eine kleine, spontane Fotostrecke mit ihm gemacht, sein lachendes, glückliches Gesicht eingefangen und festgehalten, weil er so wunderschön war, wenn es ihm so gut ging.

Und jetzt, wo es so schön mit ihm war, fühlte ich noch mal ganz deutlich, dass ich längst mehr für ihn empfand als bloße Freundschaft. Ich liebte ihn, diesen sensiblen, süßen, wunderschönen Mann, der so voller Gefühl war und den ich unbedingt glücklich machen wollte.

Der Gedanke ließ mich lächeln, Yoshi drehte sich zu mir um, sah es und lächelte zurück, und ich hätte ihn auf der Stelle küssen können. Ich holte zu ihm auf, legte einfach meinen Arm um seine Schultern und flüsterte in sein Ohr: „Ich hab dich lieb, Yoshilein, weißt du das?“

Und vielleicht wusste er es jetzt gerade, wo er so glücklich war, wirklich, denn er sagte ganz einfach: „Ich hab dich auch lieb, Ryo.“

Wir betraten den Park und setzten uns auf eine der Bänke, die es dort gab. Die meisten Leute hier saßen auf Picknickdecken, hatten einen kleinen Grill oder ein großes Bento dabei, und einige Flaschen Sake waren auch schon zu sehen. Es war sozusagen das Vorglühen zum Kirschblütenfest, und zuerst feierten Yoshiku und ich einfach mit.

An einem kleinen Kiosk in der Nähe gab es Bento und Getränke, und Yoshi lief los, um für uns welche zu holen, ich sah ihm nach, wie er zwischen den vielen Menschen entlang ging und dabei zugleich mit der Menge eins wurde und sich ebenso von ihr abhob. Er brachte zwei Flaschen Limo, eine Packung Manju und ein kleines Sushi-Bento mit, strahlte mich an und packte das Essen mit einem Ausdruck von Hunger aus, den ich selten bei ihm sah.

Während wir aßen, schien es ihm erst noch weiter gut zu gehen, doch mit einem Mal, wie so oft, verdunkelte sich sein Ausdruck und er sagte, dass es ihm auf einmal zu viel wurde, das Essen und die vielen Menschen …

„Dann gehen wir woanders hin“, sagte ich einfach. Mir war es gleich, was wir taten, ob Kirschblütenfest oder Einkaufen oder irgendwas anderes, Hauptsache war, dass Yoshi damit gut klar kam. Gegenüber, auf der anderen Seite des Parks, gab es ein kleines Kino, und ich fragte einfach: „Magst du vielleicht mit mir ins Kino gehen? Da ist mehr Ruhe als hier.“

„M-hm … wenn du einen Film weißt …?“

„Wir finden schon einen guten.“

Wir gingen nicht mitten durch den vollen Park, sondern außen herum, und auf dem Weg berührte ich ganz kurz Yoshis Arm, nahm den frischen Verband unter dem Ärmel wahr, ergriff kurz seine Hand. Er sah mich an, lächelte ganz leicht, nur ein wenig, und ich streichelte mit meinem Daumen über seinen Handrücken.

Wir betraten das Kino, es war dunkel und still, man hörte nur ganz leise die Klänge eines Films aus einem der beiden Säle. An der Kasse stand ein junges Mädchen, sicher eine Oberschülerin, die hier ihren Ferienjob hatte. Ich nahm mir ein auf dem Tisch liegendes Programmheft und sah es kurz durch, hielt es Yoshiku hin und fragte: „Romantik oder Action?“

Er sah sich die Beschreibungen der Filme an, die als nächstes liefen, und sagte schließlich: „Ich hab Lust auf was Ruhiges.“

„Also nen süßen Romantik-Streifen mit schön viel Kitsch?“

Er nickte.

Ich bestellte und bezahlte den Film, und wir mussten nur etwa eine Viertelstunde warten, dann wies das Mädchen am Tresen auf den zweiten Saal und fragte, ob wir etwas zu Essen zu dem Film haben wollten. Yoshiku verneinte das, und ich brauchte auch nichts, wir hatten ja gerade erst etwas gehabt.

Der Film war nichts Besonderes, ein einfacher, südkoreanischer Liebesfilm, das ideale Mittel, um einfach in dem dunklen Saal zu sitzen und die Ruhe zu genießen. Es kamen noch ein paar andere Leute dazu, doch wie das in einem Kino eben war, wir beachteten sie nicht und sie uns auch nicht. Yosh und ich saßen in der letzten Reihe, und während er dann tatsächlich die Handlung des Films verfolgte, beobachtete ich ihn ein wenig dabei.

Als das Filmpärchen dann endlich beim ersten Kuss angelangt war, reagierte Yoshiku für mich ein wenig überraschend: Er blickte geradezu sehnsüchtig auf die große Leinwand, und ich sah im Halbdunkel tatsächlich Tränen auf seinen Wangen.

„Yoshi, hey, was los?“, fragte ich flüsternd.

Er schniefte, sah mich an, blickte dann zu Boden. „Ich hasse es, wenn ich Pärchen beim Küssen zusehen muss …“

„Aber du wolltest den Film doch auch sehen, oder?“

„Ja  … aber trotzdem ...“

„Und warum? Ich meine, was daran macht dich so traurig?“, flüsterte ich vorsichtig.

„Ich … ich will auch …“, antwortete er. „Aber ich bin nun mal alleine … Und alleine kann man nicht küssen …“

So, wie er das sagte, wurde mir deutlich, er glaubte nicht, dass wir jetzt irgendwie zusammen waren. Er sah sich selbst immer noch als alleinstehend an. Na klar, hatte ich doch, als er mir seine Liebe gestanden hatte, zu ihm gesagt, wir mussten nicht gleich ein Paar werden. Ich hatte das gesagt, weil er in dem Moment eine solche Angst vor dem Status Beziehung deutlich gemacht hatte, doch jetzt schienen die Dinge wieder anders zu liegen.

„Du hast Recht, man kann alleine nicht küssen“, sagte ich und sah Yoshiku direkt an. „Aber du bist nicht mehr alleine, du hast mich, Yoshilein. Und ich, weißt du, ich würde dich sehr gerne küssen.“

Er sah mich ungläubig an. „… Wirklich?“

„Ja. Wenn du dich so danach sehnst, warum nicht? Ich meine … wir können ja alles ganz langsam angehen, wir müssen da wirklich nichts überstürzen, nicht gleich ins Bett oder so.“

„Ich … ich hab einfach diese Angst … dass ich es nicht hinbekomme, verstehst du?“

„Yoshihiro …“, sprach ich ihn mit seinem vollen Vornamen an, zum Zeichen, dass er mir jetzt ganz genau zuhören sollte: „Hast du jemals aus so einer Beste-Freunde-Freundschaft wie unserer eine Liebesbeziehung gemacht?“

Er schüttelte den Kopf.

„Weißt du, das ist anders, als wenn man ‚normal‘ eine Beziehung anfängt. Ich kenne dich jetzt schon so lange, wir haben etwas zusammen, was sich für uns beide bei all deiner Angst dennoch meistens sicher anfühlt, oder? Zumindest ein Teil von dir vertraut mir und kennt mich und glaubt mir, wenn ich sage, dass alles schon irgendwie gut werden wird. Ich glaube, wenn wir beide so eine Art Paar werden, dann wird das anders sein als die Beziehungen, die du früher hattest. Einfach, weil wir beide schon längst eine Beziehung miteinander haben, wenn auch bisher eine freundschaftliche. Ich weiß, wie ich mit dir umzugehen habe, ich weiß, dass du Probleme hast, krank bist, und ich habe längst meinen Umgang damit gefunden. Und ich glaube, du hast in der Zeit, seit wir uns kennen, auch dazu gelernt. Ich glaube, das mit uns beiden, das wird nicht schief gehen, und wenn wir merken, dass das Romantische so nicht funktioniert, dann finden wir einen anderen Weg, ich werde dich, egal was dann ist, auf keinen Fall verlassen!“

Ich sprach ganz leise, und hoffte, dass es niemanden von den anderen störte, anscheinend nicht, denn keiner sah sich nach uns um.

„Ryo … meinst du das ganz ernst? Kannst du das?“, fragte Yoshiku, ihm liefen die Tränen über die Wangen.

„Ja“, sagte ich. „Ich kann das.“

Im nächsten Augenblick fand ich mich in einer engen, warmen, zitternden Umarmung wieder, hörte Yoshis Atmen nah an meinem Ohr und spürte sein Herz wild in seiner Brust klopfen. Ich keuchte leise, überrascht, er sah mich an, und ich nahm sein tränennasses Gesicht in meine Hände und legte, ganz sachte und vorsichtig, meine Lippen auf die seinen. Sie schmeckten salzig und waren nass von seinen Tränen, aber der Kuss fühlte sich dennoch so süß an, süß und warm und weich. Yoshikus Mund entkam ein leises Seufzen, und dann presste er seine Lippen mit einem Mal so fest auf meine, seine Arme um mich klammerten, und ich spürte, dass er immer noch weinte.

„Ich … ich hab dich so lieb, Ryoichi!“, flüsterte er gegen meine Lippen. „So, so, so lieb!“

„Ich weiß“, sagte ich und streichelte über seinen Rücken. „Ich dich auch.“

Der Film war uns egal, wir saßen nur noch eng zusammen da, umarmt und uns immer wieder küssend, in der letzten Reihe im Dunkel, wo es niemand sah. Yoshiku weinte nicht mehr, schmiegte sich nur noch an mich, und ich hatte die ganze Zeit meine Hände auf seinem Körper, auf seinem Shirt, nicht darunter, obwohl ich spürte, dass es uns beide, ihn und mich, danach verlangte. Aber ich wusste eben, es würde nicht gut sein, wenn wir jetzt irgendwas zu schnell taten. Yoshiku war jemand, der Zeit brauchte, und als der, der ihn liebte, gab ich ihm diese Zeit.

Als der Film vorbei war, lösten wir uns langsam voneinander, und als wir aus dem Saal gingen, hielt ich erst noch seine Hand, ließ sie dann aber los. So war es eben in unserem Land, in Japan zeigte man seine Liebe nicht so öffentlich, erst Recht nicht als Männerpaar. Es gefiel mir ganz und gar nicht, wie verklemmt unser Heimatland in dem Punkt war, aber wir mussten uns dem fügen, auch weil ich mir sicher war, dass Yoshiku mit der Ablehnung, die uns begegnen würde, falls wir unsere neue Zweisamkeit öffentlich machten, nicht würde umgehen können. Es würde ihm sehr wehtun, und das musste ich verhindern.

Wir verließen das Kino und als wir wieder draußen auf der lauten Straße standen, sagte Yoshiku, dass er gern nach Hause wollte. Weit war es ja nicht, und so waren wir wenig später wieder in seiner Wohnung.

„Ryo …“, sprach Yoshi mich an, als wir zusammen wieder in seinem Wohnzimmer saßen und nicht so recht wussten, was wir jetzt tun sollten. „Wie weißt du das eigentlich, also, dass du auf Männer stehst?“

Ich hatte das entfernte Gefühl, dass er mir diese Frage schon einmal gestellt hatte, doch vermutlich erinnerte er sich dessen nicht mehr … Und so antwortete ich: „Na ja, ich merke das eben, schon immer. Daran, wem ich auf der Straße hinterher schaue, von wem ich träume und auch an den Dingen, die andere vielleicht erregen, aber mich nicht. Die meisten Männer kriegen wohl auf eine schöne Frau einen hoch, auf ihre Brüste oder sonst was an ihr, und ich reagiere so eben nur auf einen anderen Mann. Und du? Merkst du das nicht an dir selbst, an deinem eigenen Fühlen?“

„Schon …“, sagte Yoshiku und blickte nachdenklich auf seine Hände. „Aber ich bin mir einfach nie sicher. Ich kann nicht sagen, ‚Ich bin schwul‘, ich kann nicht mal sagen, dass ich bi wäre. Weil ich mir einfach niemals sicher bin, ob es auch stimmt, verstehst du? Wenn ich zum Beispiel halt ein Bild von einem nackten Mann sehe und ihm auf den Schwanz starre, dann bleibt das nicht in meinem Selbstbild hängen als Vorliebe und Teil von mir, sondern es zieht irgendwie an mir vorbei. Und so ist das bei fast allem. Ich weiß einfach nie sicher, wer und wie ich bin …“

„Hm …“, machte ich nur und fragte mich innerlich, warum das wohl so war, dass es Yosh so schwer fiel, sich selbst zu erkennen. Nie sicher sein zu können, wer und wie er selbst war, musste furchtbar für ihn sein!

„Vielleicht gelingt es dir ja irgendwann“, sagte ich schließlich und sah ihn an. „Vielleicht, wenn wir beide zusammen sind, siehst du irgendwann selbst, wie du an diesem Punkt bist und tickst. Ich möchte dich jedenfalls gern dabei begleiten, wie du das herausfindest, Yosh.“

„Bist du dir da sicher?“, fragte er und sah wieder so traurig aus.

Ich griff seine Hand, drückte sie und sagte: „Ja, ganz sicher.“

Yoshiku sah mich an, und ich konnte richtig beobachten, wie sein Ausdruck sich wandelte. Zuerst sah er noch traurig aus, dann lächelte er ein wenig, und schließlich strahlte er mich glücklich an, streckte die Hand aus, berührte meine Wange, kam näher und küsste mich, noch ein wenig scheu, aber ich spürte darin, dass er es mochte, mich zu küssen. In diesem Moment schien ihm die Liebe keine Angst zu machen, und das freute mich sehr.

Ich schaltete den Fernseher ein und wir kuschelten uns auf dem Sofa zusammen, sahen uns irgendeine Sendung an, die sehr bald unwichtig wurde, weil ich nur noch Yoshi spürte, seinen Körper nah an meinem, die Bewegungen seiner Brust beim Atmen … Was interessierte mich eine alberne Spielshow im Fernsehen, wenn ich hier einen wundervollen, lieben, süßen Menschen bei mir hatte, der sich an mich kuschelte? Trotzdem ließen wir den Fernseher an, sicherheitshalber, als Ablenkung für Yosh, damit ihm meine Nähe nicht allzu sehr zu viel wurde.

So verging ein wenig Zeit, so lange, bis Yoshiku aus dem scheinbaren Nichts heraus eine Frage stellte, die mit einem Schlag wieder alles Schwere und Schmerzliche wieder hoch zu holen vermochte: „Ryoichi …? Sag mal … was sind wir jetzt? Und wie lange schon?“

„Was meinst du?“, fragte ich und sah ihn an.

Yoshiku richtete sich wieder ganz auf, und ich sah, dass er schon wieder beinahe weinte.

„Hey, was ist denn los?“, fragte ich.

„Ich … ich hab dich betrogen …“, antwortete er, ganz leise und zitternd.

„Wie, betrogen?“, entkam es mir, ich verstand nicht gleich, worum es ging …  

„Gestern Abend …“, begann er und ich sah wieder diese Angst in seinen braunen Augen.

„Als es dir so mies ging? Was meinst du mit ‚betrogen‘?“

„Ich … bin ausgegangen … in so nen Club …“ Jetzt weinte er richtig, und ich legte meine Hand auf seinen zitternden Rücken, streichelte ihn ein wenig. „Ryo … da war so ein Kerl … und ich hab mich so furchtbar einsam gefühlt …“

„Du hast …?“ Ich zog unwillkürlich meine Hand weg.

„Ich bin … vorher abgehauen … bevor … noch mehr passiert wäre … Der hat mich angefasst, weil ich ihn … geil gemacht habe … aber eigentlich … wollte ich das nicht. Ich wollte dich nicht … betrügen, echt nicht, es ist … einfach so passiert …“

Was sollte ich sagen? Natürlich war es nicht gut, was er gemacht hatte, es war nicht mal ‚okay‘ und ich spürte, es verletzte mich. Betrogen werden verletzte ganz einfach, das war so. Mit meinem Verstand wusste ich, dass Yoshiku solche Dinge eben manchmal tat, und dass er das nicht in voller Absicht getan hatte, es war ihm deutlich anzusehen, dass es ihm leid tat … Aber ich war dennoch in diesem Moment einfach verletzt.

Nur … durfte ich jetzt wütend werden, verletzt sein, gehen und mir die Zeit nehmen, allein  darüber nachzudenken? Würde es Yoshi nicht ganz furchtbar wehtun, wenn ich jetzt ging? Er hatte doch immer solche Angst davor, allein gelassen zu werden, und für sein schwarz-weißes Fühlen musste es dann doch so aussehen, als ob ich ihn ganz verließ …

Er war so zerbrechlich, so verletzlich und voller Angst, dass ich nicht wagte, ihm das anzutun. Es war schwer, und ich wusste in diesem Moment nicht, ob es wirklich richtig war, aber ich blieb bei ihm. Was war denn wichtiger? Dass ich verletzt war und wütend wurde, oder dass er sich nicht wieder ritzte in seiner Verzweiflung?

„Yoshiku …“, begann ich leise, meine Stimme klang alles andere als sicher. „Das … ist ein ganz schöner Hammer, was du gemacht hast, und das weißt du, oder? Ich bin ehrlich gesagt verletzt, so wie wohl jeder Partner, der betrogen wurde.“

Er sah mich an, und in seinem Blick war so viel Angst und Reue!

„Ryo, es tut mir leid … wirklich … und ich wünschte, ich könnte dir versprechen, dass ich so etwas nie wieder tun werde … Aber ich weiß nicht, ob ich überhaupt irgendwas versprechen kann … in so einem Moment, wenn mir alles egal ist … verstehst du? Wahrscheinlich nicht, das versteht doch niemand …!“

„Es geht nicht darum, was ich verstehe. Ich will nur, dass du das nie wieder tust. Wenn du in mir von nun an deinen Partner siehst, dann, da bin ich jetzt ganz ehrlich, dann will ich das auch wirklich sein. Dann darfst du so etwas nicht mehr tun, das geht dann einfach nicht mehr. Wenn du einsam bist oder so, dann musst du … müssen wir … einen anderen Weg finden, wie du damit umgehst.“ Ich ergriff seine Hände, hielt sie fest und sah ihn dabei an, er wich meinem Blick aus, hatte immer noch sichtlich Angst. „Yosh, wir wissen beide, wie du bist, und dass es nicht einfach ist und sein wird. Aber ich möchte dennoch mit dir zusammen sein, hörst du? Und weil es mit dir so ist, du hast Borderline und das ist dir ja sehr klar, müssen wir eben öfter und mehr nach Wegen und Lösungen suchen als andere Paare. Verstehst du, wie ich das meine?“

Endlich sah er mich an, und es sah auch so aus, als hätte er verstanden. So, wie ich mir sein Denken und Fühlen ungefähr vorstellte, musste ein wirkliches Verstehen abseits von Schwarz und Weiß schwer für ihn sein, aber ich spürte, dass er sich Mühe gab. Und sich Mühe zu geben, und es immer wieder zu versuchen, das war doch schon die halbe Miete.

„Dann … willst du mich auch?“, fragte er und klang dabei noch nach Angst und Weinen.

„Ja, das habe ich doch gerade gesagt“, antwortete ich. „Und jetzt komm mal her …“ Ich öffnete meine Arme für ihn, er kam näher und ich umarmte ihn, drückte seinen Kopf sachte an meine Schulter, streichelte über seinen Rücken.

„Ich … mach so was Dummes nie wieder …“, flüsterte er an meiner Schulter, „Echt nicht, nie mehr! Aber dafür musst du bei mir bleiben …!“

„Das werde ich“, sagte ich und drückte ihn an mich. Ich wusste, ich musste verzeihen können, ebenso wie Yoshi den Willen aufbringen musste, manches an seinem Verhalten zu ändern. Beides war zu gleichen Teilen wichtig, und ich hatte das Gefühl, dass es auf diese Weise mit uns auch auf einer neuen, romantischeren Ebene funktionieren konnte.

Als ich spürte, wie Yoshi in meinen Armen unruhig wurde, ließ ich ihn wieder los, und er richtete sich auf, streckte seinen Rücken ein wenig und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. Es war gerade mal Nachmittag und wir waren beide schon wieder ziemlich geschafft von all dem, was im Moment zwischen uns passierte.

„Wollen wir nicht ein bisschen was essen?“, fragte ich. „Also, ich für meinen Teil habe Hunger.“

„Ich mag nichts …“, sagte Yoshiku.

„Wie wär’s, wenn ich mir was hole und du nimmst einfach ein bisschen was davon ab?“

Yoshi sah mich einen Moment lang nachdenkend an, dann nickte er.

Ich hatte Lust auf Essen gehen, und hier in der Nähe gab es einen Nudelladen, der die so ziemlich besten Udon der ganzen Gegend machte, dort wollte ich hin. Zuerst dachte ich, ich würde einfach alleine losgehen, etwas dort kaufen und es mit hierher nehmen, aber dann hatte Yoshi sich anscheinend anders besonnen, er sagte, dass er mitkommen wollte.

Ich freute mich darüber, wir waren schon so lange nicht mehr zusammen richtig Essen gegangen, und es war ein deutliches Zeichen, dass er sich wieder gut fühlte.

Den Laden dann zu finden, dauerte eine Weile, und als wir dort waren, war es ziemlich voll, sodass wir uns doch entschieden, das Essen mit nach Hause zu nehmen. Wir bestellten uns zwei Udon-Gerichte, die der Laden jetzt, bei Frühlingsanfang, noch auf der Karte hatte, obwohl es sich eigentlich um Wintergerichte handelte.

Während wir warteten, holte Yoshiku sein Handy raus und fing an, darauf irgendein Spiel zu spielen, und ich merkte, es belastete ihn schon, dass es hier so voll war. Der Laden war recht klein und alle Plätze besetzt, es herrschte ein Stimmengewirr und Stäbchenklappern, bei dem Yoshi sich sicher ganz schnell in seine ruhige Wohnung zurück wünschte.

Mit den Udon in zwei Einweg-Thermo-Behältern gingen wir schließlich zurück, auf dem Weg entspannte Yoshi sich wieder ein wenig, und als wir wieder in seiner Wohnung waren und er uns Schälchen für die Suppe aus seinem Küchenschrank aussuchte, sagte er: „Ich hab jetzt richtig Hunger.“

„Dann wünsche ich dir Guten Appetit“, erwiderte ich lächelnd und nahm mir die Essstäbchen und die Schüssel, die er mir reichte.

Tatsächlich aß Yoshiku dieses Mal gut. Er füllte sich genug auf, auch nicht zu viel, und aß langsam, aber mit sichtbarem Appetit. Zwischen Nudeln schlürfen und Suppe trinken unterhielten wir uns ganz belanglos über das Essen selbst, Yoshi sagte, dass es ihm schmeckte, und ich antwortete, dass mich das sehr freute.

Später, als ich mich langsam auf den Weg nach Hause machte, fragte Yoshi, ob er mich jederzeit, auch nachts, anrufen konnte.

„Klar kannst du“, sagte ich, wissend, dass die Möglichkeit, dass er davon Gebrauch machte, recht wahrscheinlich war. Ich wusste ja ungefähr, was für Ängste er hatte, wenn er nachts wach im Bett lag und sich furchtbar einsam fühlte.

„Wirklich?“, fragte er noch einmal nach.

„Ja“, sagte ich. „Ruf mich an, wenn es dir nicht gut geht, okay?“ Für mich hatte dieses Angebot meinerseits auch seinen Sinn. So konnte ich einigermaßen sicher gehen, dass er sich melden würde und keine (oder nur geringfügige) Dummheiten machte.

Zum Abschied umarmte ich ihn, und er küsste mich von sich aus, wenn auch nur auf die Wange.

„Pass auf dich auf, Yoshilein“, sagte ich, dann ging ich.

In dieser Nacht, als ich zu Hause in meinem Bett lag und mein Handy griffbereit auf meinem Nachtschrank, dachte ich noch eine ganze Weile über Yoshiku und mich nach. Darüber, was das mit uns jetzt war, und wie es werden würde. Und so langsam, während ich mich an diesen ersten Kuss heute im Kino erinnerte, keimte ein warmes, süßes Begehren in mir auf. Ich spürte, dass ich Lust bekam auf Yoshi, auch wenn ich ihm Zeit lassen wollte. Irgendwann würde er in meinen Armen liegen, ich mit ihm schlafen, irgendwann …

Gerade, als ich schon mit dem Gedanken spielte, mir auf ihn einen runter zu holen, klingelte mein Handy, ich kam unter der Decke raus und ging ran.

„Ryoichi?“, hörte ich Yoshis Stimme.

„Was los? Geht’s dir nicht gut?“

„Doch. Mir geht’s gut“, antwortete er. „Ich wollte nur … na ja, ich muss die ganze Zeit an dich denken … und du sollst dir keine Sorgen um mich machen, deshalb wollte ich dir sagen, mir geht’s gut, ich bin okay.“

„Das ist aber lieb von dir, dass du da Bescheid sagst“, sagte ich.

„Und … mh, also, ich … na ja … mir ist warm.“

„Warm?“

„… Na ja, du weißt schon. Warm eben …“

Ich brauchte tatsächlich einen Moment, bis ich verstand. „Du bist … geil?“, fragte ich.

„M-hm“, machte er und ich sah ihn in meiner Vorstellung erröten und nicken.

„Ich kann jetzt leider nicht noch zu dir kommen und dir einen runter holen“, sagte ich und lachte ein wenig. „Hey, alles gut, Yoshilein, das ist normal.“

„Ich muss die ganze Zeit an dich denken, Ryo …“

„Und das macht dich geil?“

„Ja …“

Ich war mir sicher, dass er am anderen Ende der Leitung gerade knallrot im Gesicht war.

„Darfst du aber gerne“, sagte ich. „Du darfst an mich denken und es dir dabei selbst machen, ich hab da kein Problem mit.“

„Echt?“

„Ja. Wo wir doch schon beim Küssen angekommen sind, warum nicht auch das?“

„Du … du bist so lieb, Ryo …“

Ich lachte wieder leise. „Schmeichelt mir doch, wenn du als jemand, den ich sehr mag, dir auf mich einen runter holst. Mach ruhig, wenn’s dir dabei gut geht.“ Ich ahnte, dass Yoshi darauf keine Antwort wusste, und tatsächlich sagte er dann „Gute Nacht“ und legte auf.

Ich dachte an ihn, stellte mir auch irgendwie vor, wie er da in seinem Bett lag, an mich dachte und sich dabei selbst umarmte und streichelte, und diese Vorstellung machte mich irgendwie ziemlich glücklich. Yoshi hatte ja kein gutes Verhältnis zu seinem Körper, und ich hatte in diesem Moment die Hoffnung, dass ihm die Beziehung zu mir dann, wenn wir intim miteinander wurden, helfen würde, sich in seinem Körper ein wenig wohler zu fühlen.

Und außerdem … ich war auch ganz schön verliebt in ihn. Ohne zu wissen, was genau er im Bett mit einem Mann überhaupt mochte, stellte ich es mir ein wenig vor, ihn nackt zu umarmen, in meinen Armen zu halten, intim zu berühren, ihm einfach auf dieser Ebene etwas Gutes zu tun. Und diese Vorstellung machte mich so heiß, dass ich diesen Abend tatsächlich damit ausklingen ließ, dass ich mir zum ersten Mal auf Yoshiku einen runter holte, auf ihn und nur ihn allein.

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HaruMaedas Profilbild HaruMaeda

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Kapitel:4
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Kurzbeschreibung

Kyoukai no Kanjou - Grenzgefühle. Ryoichi und Yoshiku sind beste Freunde, kennen sich seit mehreren Jahren und haben ein enges Vertrauensverhältnis. Doch während Ryoichi sein Leben gut im Griff hat, gleicht das von Yoshiku einer wilden, emotionalen Achterbahnfahrt. Ryoichi ist ständig in Sorge um seinen besten Freund und muss, da er selbst homosexuell ist, auch aufpassen, sich nicht in Yoshiku zu verlieben, da dieser große Angst vor Beziehungen hat. Doch mit einem Mal scheint Yoshiku doch intensivere Gefühle für ihn entwickelt zu haben, und die sind so drängend, dass ihnen kaum eine Wahl bleibt …

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