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Bewertung
Statistik
| Kapitel: | 2 | |
| Sätze: | 79 | |
| Wörter: | 1.388 | |
| Zeichen: | 9.807 |
Jonathan Guggenberger, Opferkunst, Edition Tiamat, 252 Seiten, 20 €
Goethe definierte die Novelle 1827 im Gespräch mit Eckermann als „eine sich ereignete unerhörte Begebenheit“. In Jonathan Guggenbergers Novelle Opferkunst entspricht die unerhörte Begebenheit solch einem Ereignis. Als sich Aaron Bushnell im Februar 2024 vor der israelischen Botschaft in Washington verbrannte, verschlang der digitale Mahlstrom den Schock, bevor das Feuer erloschen war. Die Ereignisüberschrift „Free Palestine“ erschien als kuratiertes Fanal.
Guggenberger legt den Finger in die Wunde der totalen Verwertung. Der Autor verschärft die Vorlage, indem er einen Künstler namens Aaron Geldof die Selbstverbrennung mit einer Kreuzigung auf der Biennale di Venezia kombinieren lässt. Das ist nicht nur ein zynischer Plot-Twist aus der Überbietungskiste, sondern auch die Konsequenz einer Entwicklung, in der politische Relevanz eine Sichtbarkeitswährung ist. Sichtbarkeit beginnt mit einem Image, das in Algorithmen-Raster passt. In diesem Feld erscheint selbst die radikalste Tat bestenfalls als paradigmatische Form eines Aktivismus im Modus der Aufführung.
Y. Michal Bodemann prägte den Begriff „Gedächtnistheater“. Im Gedächtnistheater 2.0 wird Schuld in Schauräumen der Kunstwelt externalisiert. „Nie wieder“ fungiert als Kampagnenslogan und ästhetische Chiffre. In Guggenbergers Novelle erscheint die Berliner Szene als Radical-chic-Resistance – antikolonial, solidarisch, jedoch blind für antisemitische Muster, die sich lange vor dem Massaker der Hamas an Juden am 7. Oktober 2023 abzeichneten. Aufgeblähter Aktivismus verwischt die Wahrnehmung von Antisemitismus. Israelkritik (als eigenes Genre) transferiert antisemitische Zuschreibungen.
Guggenberger rechnet mit einem Kulturbetrieb ab, der alles – sogar die Selbstauslöschung – in ein Format verwandelt. Sein Held, ein Journalist, verschanzt sich hinter dem feuilletonistischen nom de guerre Enzo Bamberger. Er navigiert durch einen Milieudschungel, in dem Überzeugungen nur dann einen Wert haben, wenn sie sich inszenieren lassen. Den Ereignishorizont illuminiert die Beobachtung, dass sich politische Aushandlungen und ihre journalistische Beackerung aus den klassischen Arenen zurückziehen. Was früher verhandelt wurde, wird heute vorgeführt. Politik erscheint als Ereignis. Journalismus kontrolliert nicht mehr nur, sondern begleitet, rahmt und verstärkt – Stichwort Haltungsjournalismus.
In der DDR übernahm das Theater Funktionen der Presse. Ästhetische und aktivistische Kriterien bestimmen auch in der Berliner Republik die Settings. In einem Briefwechsel mit Thomas Mann beschreibt Adorno die Verflüchtigung von Schuld im Nachkriegsdeutschland. „Eigentümlich amorph“ seien die Darstellungen der in Nürnberg vor Gericht gestellten Täter. Die Schuld rinne „ins Wesenlose“. Der Vorgang wiederhole sich bis zu dem Stadium des Unscheinbaren. Der Irrsinn fände da seinen „drastischsten Ausdruck: Ich habe, außer ein paar rührend marionettenhaften Schurken von altem Schrot und Korn, noch keinen Nazi gesehen; nicht nur nicht in einem ironischen Sinn, sondern in dem weit unheimlicheren, dass sie glauben, es nicht gewesen zu sein“.
Adorno konstatiert ohne Apostrophierung die Vollkommenheit der Verdrängung. Guggenberger zeigt, wie Moral zur administrierten Größe wird. Die an Claudia Roth erinnernde Kulturstaatsministerin in seiner Novelle verkörpert eine fatale Ambivalenz. Metaphorisch gesprochen beschwört sie die deutsche Schuld und ihre Konsequenzen mit einer Kufiya am Hals. In der Heimlichkeit ihres Seelenkabinetts erscheint ihr Arafat als arabischer Che Guevara. Das politisch Opportune nach den Vorschriften des Gedächtnistheaters fühlt sich an wie ein Abend auf der falschen Party. Entsprechend fadenscheinig fielen die Reaktionen zu den strategisch platzierten antisemitischen Beiträgen auf der „documenta fifteen“ aus.
Dirk von Petersdorff, „Wir Kinder der Leichtigkeit“, C.H. Beck, 173 Seiten, 23,-
In Wir Kinder der Leichtigkeit unternimmt Dirk von Petersdorff eine kulturhistorische Tiefenbohrung. Er drillt das Lebensgefühl der Babyboomer, deren Prägung von den post-historischen Begriffen der späten 1970er- und 1980er-Jahre bestimmt wurde.
Zwischen Kundera und Eisernem Vorhang
Der Titel evoziert eine nostalgische Stimmung. Er ist eine Hommage an Milan Kunderas Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Bei Kundera ist Leichtigkeit ein existenzielles Paradoxon zwischen Freiheit und Verantwortung. Petersdorff deutet diese Leichtigkeit als Signatur des Aggregatzustands einer Epoche, deren Auguren glaubten, die blutige Monumentalität der martialischen Geschichtsschreibung hinter sich gelassen zu haben. Eine Kindheit im Schatten der Mauer liefert der phänomenologischen Studie Details.
1979
Petersdorff erwähnt Frank Bösch, der das Jahr 1979 als Kipppunkt datiert. In Zeitenwende 1979 beschreibt Bösch den Sturz des Schahs im Geiste der islamischen Revolution als Beginn der „Welt von heute“ – zehn Jahre vor dem Mauerfall. Während im Westen die Ära der Leichtigkeit ihren Zenit erreichte, vollzog sich im Iran ein Umbruch, der die Rückkehr des Sakralen in die Politik markierte. Michel Foucault, der für den Corriere della Sera berichtete, sah darin die „erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme“. Während die Lehrer der Boomer die Auflösung der großen Erzählungen feierte, formierte sich am Horizont bereits eine neue, barbarische Ernsthaftigkeit.
Petersdorff skizziert das Spannungsverhältnis von westlicher Nabelschau und geopolitischer Kränkung. Der Witz – im Sinne einer historischen Pointe – ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichen: Während der Westen sich den Bären vom „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) aufbinden ließ und es sich in der postmodernen Beliebigkeit gemütlich machte, übernahm der globale Süden die Initiative nicht zuletzt mit spektakulären Hinrichtungen.
Enzensberger und die Aporie der Avantgarde
Petersdorffs berichtet von einer Begegnung mit Hans Magnus Enzensberger. Die Zurückhaltung des Altmeisters markiert den Moment, in dem die europäische Intelligenz ihre Deutungshoheit verliert. Man muss Enzensbergers Aufsatz Die Aporien der Avantgarde mitlesen. Der Autor hatte die Erstarrung der westlichen Moderne in einer historischen Sackgasse antizipierend diagnostiziert. Während die Kinder der Leichtigkeit vom Leichtsinn aufgebläht und ausgehöhlt wurden, dekretierte Deng Xiaoping die neue Weltordnung in der chinesischen Spielart. Die westliche Arroganz der 1980er Jahre, kondensiert in einer ignoranten Beschwörung der Irrelevanz rund um den „Sack Reis, der in China umfällt“ , trifft auf die eiskalte strategische Weitsicht eines Mannes, der die Welt gerade irreversibel umbaute. Wer die ökonomischen Scharniere der Welt neu justiert, macht die Geschichte unumkehrbar.
„Einige Kommentatoren im Ausland sagen, dass Chinas gegenwärtige Politik unumkehrbar sei. Ich denke, sie haben recht.“ Deng Xiaoping
Petersdorff legt eine schwache biografische Spur. Er lässt ein paar Wohlstandsmarken transzendieren. Seine Brillanz entfaltet sich in der Reibung zwischen persönlichen Erlebnissen, etwa als Bauherr in Jena, und der globalen Großwetterlage.
Die Erosion der großen Erzählungen
In der Tradition von Jean-François Lyotard analysiert Petersdorff den „Kollaps der Metanarrative“. Szenische Dichte trifft auf hochfrequente Analyse.
Ein intellektuelles Vademecum
Wir Kinder der Leichtigkeit ist eine präzise Diagnose des aktuellen Orientierungsdesasters. Petersdorff – Professor für Literatur, Romancier und Lyriker – schreibt mit einer stilistischen Eleganz, die vergessen macht, wie viel breit publizierte Diagnostik den Text unterfüttert.
Ich komme noch einmal auf Böschs „Jahr Null unserer Zeit“ zurück.
Erst stützte ihn die Bundesrepublik, dann unterstützte sie jene, die Schah Reza Pahlavi vom Pfauenthron stürzten. Den historischen Dreh- und Angelpunkt beschreibt Frank Bösch als weltgeschichtliche Wendemarke – und Initialzündung für das akute Jetzt. Nichts von dem, was im Februar 1979 in Teheran geschah, war vorhergesehen worden. Innerhalb von drei Tagen waren die etablierten Machtstrukturen abgeräumt und weggefegt.
Viele werden den Menetekelcharakter von Foucaults Nachrichten aus Teheran überlesen haben. Plötzlich fluteten verschleierte Frauen das Vorfeld der Reporterarmee und erklärten ihre „Abkehr von der westlichen Moderne“ zum Ausblick auf das politische Design der Zukunft. Die Botschaft verhallte im Nichts der Verständnislosigkeit. Zukunft war nach allgemeinem Verständnis ein westliches Projekt. Wahrgenommen wurde „eine Rückkehr ins Mittelalter“ unter der Ägide des Ajatollah Khomeini.
Frank Bösch, „Zeitenwende 1979 - Als die Welt von heute begann“, C.H.Beck, 512 Seiten, 28,-
Am 16. Oktober 1978 wurde der Pole Karol Wojtyla zum Papst (Johannes Paul II.) gewählt. Ein Jahr später löste sein Besuch in der kommunistischen Heimat ein Erdbeben der katholischen Begeisterung aus, in dem viele Brocken der Systemkritik durch die Luft fliegen. Frank Bösch bemerkt: „In diesem Jahr häuften sich globale Ereignisse, die Türen zu unserer Gegenwart aufstießen. In zahlreichen Ländern kam es zu Revolutionen, Umbrüchen und Krisen, die viele Herausforderungen unserer heutigen Welt ankündigten.“
Ein Jahr später sorgte eine Versorgungskrise in Polen für Massenproteste. Werftarbeiter bildeten den Kern einer revolutionären Zelle, deren Metastasen den kommunistischen Ostblock bis zur Selbstaufgabe schwächten.
Während Khomeini in Teheran triumphierte, besuchte zum ersten Mal ein hochrangiges Mitglied der chinesischen KP die Vereinigten Staaten. Deng Xiaoping war für Time der Mann des Jahres 1979. Mit seiner Erscheinung auf dem politischen Parkett verband sich die ökonomische und kulturelle Öffnung Chinas. Noch erkannte niemand die globalen Folgen des staatskapitalistischen Coups.
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