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Kater Lisa

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25.03.26 13:20
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Kater Lisa

Der Brief lag zwischen den Rechnungen, unscheinbar, fast zu leicht, ein bisschen schmutzig. Ich bemerkte ihn sofort. Kein Absender, nur mein Name und meine Adresse in einer Schrift, die ich kannte. Ich nahm ihn mit in die Küche. Es war ruhig, dieses seltsame Nach-der-Arbeit-Ruhig, in dem alles noch ein wenig nachhallt.

Der Umschlag liess sich leicht öffnen. Was herausfiel, war kein Papier.

Zuerst hielt ich es für ein Stück Stoff. Zwei kleine, unregelmässige Formen, leicht gewölbt, als hätten sie zu etwas grösserem gehört. Erst als ich sie in die Hand nahm erkannte ich sie.

Ich musste nicht überlegen, woher sie kamen.

Kater Lisa.

Ich hatte das Bild so genannt, wegen der Augen, die einen beobachten, vielleicht sogar verfolgen, egal wo man sich gerade im Raum befindet. Es hatte ewig gedauert, bis sie stimmten. 

Die Ölfarbe hatte ich immer wieder abgetragen und neu gemalt, bis sie genau richtig waren. Der Rest des Bildes war mir irgendwann egal gewesen.

Er hatte es unbedingt behalten wollen. Ich hatte es ihm gelassen. Vielleicht weil ich froh war, etwas loszuwerden, das mich so genau ansah. 

Ich legte die ausgeschnittenen Augen auf den Tisch. Sie wirkten kleiner als in meiner Erinnerung. Fast harmlos. Ich wusste nicht, wann ich begonnen hatte sie anzustarren. Ich hatte das Bild nicht mehr gesehen seit ich gegangen war. 

Eine Weile blieb ich noch in der Küche stehen. 

Die Augen hätte man zurück in den Umschlag legen können. Oder sie einfach wegwerfen.

Stattdessen blieben sie liegen.

Das Licht viel schräg durch das Fenster, direkt auf den Tisch. Je nachdem, wie ich mich bewegte, änderte sich ihr Ausdruck. Manchmal wirkten sie leer, fast flach, wie Tod. Dann bekamen sie etwas Tieferes, als würde sich hinter der Oberfläche noch etwas verbergen.

Ich setzte mich.

Mit dem Finger schob ich sie ein wenig näher zusammen. Dann wieder auseinander. Der Abstand war nie richtig. Ich wusste genau, wie sie aussehen mussten und trotzdem bekam ich es nicht mehr hin. Irgendwann hörte ich auf sie zu bewegen. Ich liess sie einfach liegen. So, wie sie waren. 

Ich erinnere mich an das Bild.

Kein richtiges Tier, kein Mensch. Nur dieses Grinsen, zu breit, zu gleichmässig.

Und die Augen.

Er hatte damals hinter mir gestanden.

Ich hatte ihn nicht gehört, nur gespürt.

Als ich mich umdrehte, lächelte er.

„Die schauen einen an“, hatte er gesagt.

Ich hatte nichts darauf geantwortet.

Später bestand er darauf, es zu behalten, ich wollte nicht diskutieren, also lies ich es ihm. Ich hatte nicht daran gedacht das es mich wieder finden könnte. Die Augen lagen immer noch vor mir auf den Tisch. Ich schob sie ein stück auseinander. Der Abstand war falsch. So hatten sie nicht ausgesehen. Ich rückte sie wieder ein stück zusammen und da für einen Moment hatte ich das Gefühl, sie würden mich ansehen. Ich zog die Hand zurück, ohne sie zu berühren.

Ich überlegte lange, wie ich drauf reagieren sollte und entschied mich dann für gar keine Reaktion. Denn eine Reaktion währe genau das, was er will.

Ein paar Wochen später meldete sich ein alter Freund und schickte mir ein Foto von meinem Gemälde. Es lehnte an der Wand vor seiner Haustür. 

Ohne Augen.

Ich sah mir das Foto länger an, als nötig gewesen wäre.

Das grinsen war noch da.

Aber ohne die Augen wirkte es anders. 

Leerer. 

Fast, als würde etwas fehlen, das nie ganz dazugehört hatte und trotzdem alles zusammengehalten hatte.

Ich vergrösserte das Bild.

An den stellen an denen die Augen gewesen waren, waren nun zwei grosse Löcher.

Ich zog das Bild wieder kleiner. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass es mich trotzdem ansah.

Ich schrieb ihm: „Woher hast du das?“, obwohl ich genau wusste, woher es kam.

Es lag vor seiner Haustür, einfach so. In der Nacht zuvor hatte jemand bei ihm Sturm geklingelt und am nächsten Morgen fand er das Bild. Er fragte mich, was er damit machen sollte. 

Ich wusste es nicht.

Eine Weile dachte ich darüber nach, nicht wer das Bild vor seine Tür gestellt hatte. Sondern darüber, warum. 

Damals hatte ich ständig das Gefühl hatte, unter Beobachtung zu stehen. Jeder Handgriff, jeder Schritt, jeder Satz konnte falsch sein. 

Vielleicht hatte ich mir das nur eingebildet. Vielleicht auch nicht.

Ich denke, man malt immer das, was man sieht. Oder sich selbst. 

Das Bild hatte ich gemalt, ohne zu wissen, warum, ich wusste nur, dass es perfekt sein musste. Die Augen mussten einen ansehen. 

Egal, von wo.

Vermutlich waren es nie die meinen.

Hatte ich nur gemalt, was auf mich gerichtet war?

Ich hatte geglaubt, ich hätte Abstand genommen, dass ich frei bin.

Dass es reicht, einfach zu gehen. 

Ich sagte meinem alten Freund, er solle das Bild wegwerfen.

Aber ich wusste, dass es nicht einfach verschwindet.

Mit der Zeit wird es leichter.

Aber etwas davon bleibt.

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