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| Kapitel: | 2 | |
| Sätze: | 334 | |
| Wörter: | 3.794 | |
| Zeichen: | 20.872 |
Kapitel 1
Es war ein kalter Regen über Augsburg. Ein Regen, so grau und dunkel, dass man hätte glauben können, selbst Gott habe diesen Tag verflucht.
Es war 1:39 Uhr.
„Huff… huff… huff… ngh… ich muss hier weg…“
Blut lief an seinem Bein hinunter. Theodor humpelte dem Ausgang entgegen, der von nichts außer dem grellen grünen Notausgangsschild beleuchtet wurde. Die alte Lagerhalle lag irgendwo in Lechhausen, weit weg von jeder Hilfe.
„Halte durch… ich will nicht sterben… ich will nicht sterben… bitte… hilft mir jemand… bitte…“
Mit letzter Kraft erreichte er die Tür, stieß sie auf und trat hinaus.
Doch es war zu spät.
Ein Messer traf ihn im unteren Rücken.
„Ngh—! … ahhhgh…!“
Er fiel auf den nassen Boden. Sein Blut vermischte sich mit dem Regen und sammelte sich dunkel unter ihm. Neben seiner Hand lag eine alte Casio-Uhr. Die Zahlen glühten in demselben grellen Grün wie das Schild über der Tür.
1:39
Genau in diesem Moment starb er.
Doch die Uhr blieb nicht stehen. Sie verhielt sich falsch. Erst stand sie still. Dann lief sie rückwärts.
1:39 … 1:38 … 1:37 …
Dann wurde alles schwarz.
Theodor schreckte hoch.
Schweißgebadet griff er sich sofort an den Rücken, genau an die Stelle, an der ihn das Messer getroffen hatte. Oder an der er zumindest glaubte, es gespürt zu haben.
„Huff… huff… huff… scheiße… schon wieder derselbe Albtraum…“
Neben dem Bett lag sein altes Klapphandy. Er hatte es selbst wieder zusammengeflickt. Das sah man ihm auch an. Auf dem Display stand:
13.09.2005
23:37 Uhr
Augsburg
„Fuck… noch so früh… ich sollte was trinken.“
In der Ecke leuchtete der PC noch. Den hatte er ebenfalls selbst zusammengebaut. Darauf lief ein eigenes Betriebssystem, an dem er ewig herumgebastelt hatte. Zu viele Tabs waren offen. Nicht ordentlich, eher einfach offen gelassen, als wäre irgendwann etwas Wichtigeres dazwischengekommen.
Er klickte sie weg und ging in die Küche.
Im Kühlschrank war fast nichts mehr.
„Hm… nützt wohl alles nichts. Auf zum Späti.“
An der Garderobe hing noch die alte Jacke, die Marie ihm damals gegeben hatte. Er zog sie an, ohne lange darüber nachzudenken.
Marie war seit einem Monat tot.
Geweint hatte er nicht. Nicht richtig. Nicht um sie und auch sonst nicht. Vielleicht konnte er es einfach nicht mehr. Vielleicht redete er sich das nur ein. Was ihm wirklich zusetzte, war nicht einmal ihr Tod selbst. Es war das, was danach übrig geblieben war. Keiner mehr da. Niemand, der fragte, ob er gegessen hatte. Niemand, der ihn brauchte. Niemand, der überhaupt noch zu seinem kleinen Umkreis gehörte.
Draußen war Augsburg so dunkel, wie es schon lange nicht mehr gewesen war. Die alten Laternen warfen ihr orangegelbes Licht auf den nassen Gehweg. Die Stadt hätte diese Dinger längst austauschen sollen, aber sie standen immer noch da, schief und müde, als hätten auch sie keine Lust mehr, weiterzumachen.
Die Haltestelle sah aus, als hätte man sie vor Jahren vergessen. Das Licht darin flackerte schwach. In den Ecken hingen Spinnenweben. Auf der Scheibe klebten Reste alter Aufkleber, die der Regen längst halb abgetragen hatte.
Der Bus kam schließlich doch.
Man hörte ihn schon, bevor man ihn sah. Dieses alte Motorengeräusch, dumpf und schwer, als würde das Ding nur noch aus Gewohnheit fahren. Als er hielt, knirschten die Räder, und beim Öffnen der Tür ließ er ein langes Zischen aus.
Drinnen saß nur der Fahrer.
Ein alter Mann. Man sah ihm an, dass er schon zu viele Nächte so verbracht hatte.
Theodor setzte sich ans Fenster und sah hinaus. Neonlichter zogen vorbei. Der Regen lief in langen Streifen an der Scheibe hinunter. Der Motor vibrierte dumpf durch den ganzen Bus.
Der Späti hatte noch offen.
Drinnen brannte dieses grelle weiße Licht, das nachts alles noch kaputter aussehen ließ. Im Hintergrund lief alte deutsche Popmusik, leise genug, dass man sie fast überhören konnte.
Hinter der Kasse stand ein Mann, den man schwer einschätzen konnte.
Er sah gleichzeitig zu jung und zu alt für den Laden aus. Vielleicht Mitte vierzig. Vielleicht auch jünger. Sein Haar war weiß, aber nicht gefärbt. Es sah natürlich aus. Auf dem Kopf trug er etwas, das wie eine alte Mütze wirkte, nur konnte man nicht genau sagen, aus welchem Jahrzehnt sie übrig geblieben war.
Das Hemd, das er bei der Arbeit trug, war ihm zu groß. Er hatte es so gut es ging passend gemacht, aber richtig saß es trotzdem nicht. Seine Stimme war etwas höher, als man erwartet hätte, ruhig dabei, fast schon beruhigend. Und seine Augen hatten diesen seltsamen Blick, als läge darin ständig eine Frage, die er nie ganz aussprach.
Er beobachtete ihn einen Moment zu lange.
Dann fragte er nur, ob das alles sei.
Theodor zahlte, nahm das Essen und ging wieder hinaus.
An der Haltestelle war es noch leerer als vorher. Der Regen hatte kein bisschen nachgelassen.
Als der Bus wieder kam, saß derselbe Fahrer vorne.
Er blieb kurz stehen.
„Haben Sie auf mich gewartet?“
Der Alte lachte leise.
„Nein. Ist nur nichts los. Da kann man schneller die Haltestellen abfahren und schauen, wer noch mit will.“
Er setzte sich wieder hin.
Dann fiel sein Blick nach vorn.
Auf eine alte Casio-Uhr.
Der Bus fuhr weiter.
Er stieg aus, zog die Jacke enger und lief die Straße hinunter. Nach ein paar Schritten merkte er, dass etwas nicht stimmte.
Eine Haltestelle zu weit.
„Scheiße…“
Er sah sich kurz um. Kein Mensch. Nur Regen, Laternen und das matte Licht aus ein paar Fenstern.
Dann hörte er hinter sich eine Autotür.
Er drehte sich nicht sofort um. Er lief weiter.
Ein paar Schritte später hörte er noch eine.
Und noch eine.
Jetzt drehte er sich doch um.
Drei Männer waren aus einem dunklen Wagen gestiegen. Sie wirkten nicht so, als würden sie zufällig denselben Weg nehmen.
Sein Herz schlug sofort schneller.
Werde ich verfolgt?
Er bog in eine kleine Seitengasse ein, nur um nachzusehen.
Die drei Männer bogen ebenfalls ein.
In dem Moment wusste er es.
Scheiße. Scheiße. Warum verfolgen die mich? Was wollen die von mir?
Er fing an zu rennen.
„Hh… huff… hff…“
Die Schuhe schlugen hart auf den nassen Boden. Der Regen nahm ihm die Sicht. Hinter sich hörte er nur Schritte. Schneller als seine.
Dann packten sie ihn.
Einer riss ihn an der Jacke zurück, ein anderer stieß ihn gegen die Wand.
„Wo ist das Fragment?“
Theodor starrte sie nur an.
„Was…?“
„Das Fragment“, sagte der Mann noch einmal. „Wo ist es?“
„Ich… ich hab keine Ahnung, wovon ihr redet…“
Der Größte von ihnen lachte trocken.
„Kleiner Witzbold.“
„Ich schwör’s, ich weiß nicht, was ihr meint—“
Der Schlag kam schnell. Eine Faust traf ihn an der Schläfe. Dann trat ihm einer mit dem Schuh gegen das Gesicht. Er ging zu Boden, rutschte halb über den nassen Asphalt und versuchte sich sofort wegzudrehen, doch einer packte ihn am Kragen und riss ihn wieder hoch.
„Wenn du uns nicht sofort sagst, wo das Fragment ist, stechen wir dich ab.“
Theodor zitterte.
„Ich weiß es nicht… ich weiß es nicht… bitte…“
Seine Zähne schlugen leicht gegeneinander. Er bekam kaum Luft. Seine Stimme war nur noch ein dünnes, kaputtes Flehen.
„Bitte… ich will nicht sterben… ich will nicht sterben…“
Dann merkte er, was passiert war.
Wärme lief ihm das Bein hinunter.
Er hatte sich eingenässt.
Die Männer sahen es auch.
„Ach du Scheiße, er hat sich eingepisst.“ „Guck ihn dir an.“ „Was für ein Stück Scheiße.“
Theodor bekam kein Wort mehr heraus. Er weinte nicht. Er konnte nicht. Er zitterte nur und versuchte sich klein zu machen, als würde das noch irgendetwas ändern.
„Bitte…“
Das Messer blitzte kurz im Licht der Laterne auf.
Dann bohrte es sich in ihn.
Und noch einmal.
Und noch einmal.
Der Schmerz war heiß, dann plötzlich kalt. Die Stimmen der Männer wurden dumpf. Der Regen schlug weiter auf die Gasse ein, als wäre nichts geschehen.
Dann wurde alles schwarz.
Der Bus hielt.
Mit einem Ruck schreckte er hoch.
Wieder derselbe Platz. Wieder derselbe Regen an der Scheibe. Wieder derselbe Fahrer. Alles war genau wie eben.
Nur sein Herz raste jetzt schon.
„…was…?“
Die Finger krallten sich in den Sitz.
Nein. Nein, nein, nein.
Der Bus hielt.
Die Tür ging mit einem langen Zischen auf.
Und wieder stand da dieselbe Haltestelle.
Kapitel 2
Diesmal blieb er sitzen.
Nur ein paar Sekunden. Dann stand er auf und stieg aus. Allerdings nicht bei sich in der Nähe, sondern eine Haltestelle früher. Er wollte auf keinen Fall riskieren, dass ihm jemand bis vor die Wohnung folgte.
Der Regen war immer noch da. Schwer, kalt, endlos.
Theodor lief schneller als vorher, ohne wirklich zu wissen, wohin. Es war kein Plan. Eher der Versuch, sich überhaupt in Bewegung zu halten.
Dann sah er sie.
Ein Mädchen.
Zuerst nur im Augenwinkel. Dunkle Gestalt, nasses Haar, dieselbe Richtung wie er. Sie lief schnell, aber nicht hektisch. Was ihm sofort auffiel: Sie sah sich kein einziges Mal um.
Komisch.
Die meisten hätten das getan. Immer wieder. Aus Reflex, aus Angst, aus Unsicherheit. Sie nicht. Sie lief einfach weiter, als wäre ihr längst klar, dass da etwas hinter ihr her war.
Theodor drehte den Kopf.
Hinten waren wieder die Männer.
Diesmal brauchte er keinen zweiten Blick. Dieselbe Haltung. Derselbe Abstand. Derselbe dunkle 7er BMW.
Scheiße.
Da war ihm klar, dass nicht nur er verfolgt wurde.
Sie auch.
Er wollte etwas rufen, brachte aber keinen Ton raus. Seine Kehle war eng, sein Atem zu flach, und seine Füße trugen ihn schon weiter in die nächste Gasse.
Das Mädchen bog ebenfalls ein.
Die Männer kamen hinterher.
Am Ende der Gasse hatten sie sie beide. Einer stieß Theodor gegen die Wand, ein anderer hielt das Mädchen an den Armen fest.
„Da haben wir ja gleich zwei Probleme.“
Sie trat sofort zu. Nicht wild, nicht kopflos. Sie erwischte das Schienbein, riss sich halb los und setzte direkt nach. Das sah nicht nach Glück aus. Eher nach Übung.
Trotzdem bekam einer sie wieder zu fassen.
„Lass mich los!“
Zum ersten Mal hörte er ihre Stimme.
Einer der Männer zog Kabelbinder hervor.
„Halt still, du kleine—“
Weiter kam er nicht.
Sie riss sich los, fuhr herum und sprang ihn an. Danach ging alles so schnell, dass Theodors Kopf kaum hinterherkam. Die Klinge, die eben noch in seiner Hand gewesen war, steckte plötzlich in seinem Hals.
Der erste sackte zusammen.
Der zweite wollte zurückweichen, schaffte es aber nicht mehr rechtzeitig. Ein Stich. Noch einer. Dann lag auch er am Boden.
Theodor starrte sie nur an.
Was zum Teufel—
Eben war sie noch das zweite Opfer gewesen. Jetzt lagen zwei Männer in der Gasse, und sie stand immer noch.
Der dritte reagierte als Einziger schnell genug. Er zog seine eigene Klinge, wich ihrem ersten Angriff aus und rammte sie ihr mit voller Wucht in die Seite.
Sie zuckte.
Für einen Moment sah es so aus, als würde sie trotzdem weitermachen.
Dann brach sie zusammen.
„Nein—“
Der dritte Mann drehte sich sofort zu Theodor um.
„Du bist als Nächster dran.“
Theodor wollte weglaufen.
Seine Beine machten nicht mit.
Dann kam das Messer.
Und alles wurde wieder schwarz.
Der Bus hielt.
Diesmal fuhr er mit einem halben Schrei hoch. Die gleiche Scheibe. Der gleiche Regen. Die gleiche Nacht.
Ein paar Sekunden lang konnte er nur atmen.
Dann begriff er.
Das hörte nicht einfach auf.
Wenn er gar nichts tat, starb er wieder. Vielleicht immer wieder.
Sein Blick ging sofort nach vorne.
Die Casio.
Der Busfahrer.
Etwas in ihm wurde kalt.
Es passiert wirklich nochmal.
Polizei konnte er vergessen. Bis die überhaupt irgendwo auftauchte, wären die Männer längst weg. Und wenn der Fahrer mit drinhing oder wenigstens wusste, was lief, war jede falsche Bewegung sowieso erledigt.
Denk nach.
Nicht wieder blind raus. Nicht wieder irgendwo sterben.
Dann fiel ihm das Mädchen ein.
Sie.
Wenn hier überhaupt jemand eine Chance gegen diese Typen hatte, dann vermutlich sie.
Als der Bus hielt, sprang er nicht sofort raus. Er sah erst auf die Straße, die Seitengassen, die Spiegelungen in den Fensterscheiben, als könnte er irgendwo schon vorher erkennen, wie diese Nacht ihn wieder zerlegen wollte. Dann suchte er nach ihr.
Es dauerte länger, als ihm lieb war. Zweimal glaubte er schon, sie verpasst zu haben.
Dann entdeckte er sie unter einem Vordach. Halb im Schatten, die Arme eng am Körper.
Er ging auf sie zu.
„Hey.“
Sie drehte sich sofort um. Wach. Misstrauisch.
Er blieb kurz vor ihr stehen. Für Erklärungen hatte er weder Zeit noch Nerven.
„Wir müssen hier weg. Sofort.“
Sie zog die Stirn kraus.
„Was?“
„Drei Männer verfolgen uns. Wenn wir hierbleiben, sind wir tot.“
Sie sah ihn einen Moment lang an, als müsste sie erst entscheiden, ob er verrückt war oder einfach nur panisch.
Dann sagte sie: „Ich kann nicht gehen.“
„Wie bitte?“
„Ich kann nicht einfach abhauen. Die haben etwas, das ich brauche.“
„Was denn?“
Sie antwortete nicht direkt. Etwas flackerte in ihrem Blick auf, verschwand aber sofort wieder. Stattdessen sah sie kurz die Straße hinunter.
„Wenn du Angst hast, dann geh. Ich bin noch nicht fertig.“
Theodor spürte, wie seine Hände kalt wurden.
Die versteht das überhaupt nicht.
„Die bringen uns um.“
„Kann sein.“
Der Regen lief ihr durchs Haar, über ihr Gesicht, die Jacke, alles. Sie wirkte trotzdem nicht wie jemand, der bluffte.
Dann tauchten die Männer wieder auf.
Zu früh.
Viel zu früh.
„Scheiße…“
„Ich hab’s dir gesagt“, murmelte sie, ohne den Blick von ihnen zu nehmen. „Jetzt ist es zu spät.“
Diesmal lief er nicht sofort.
Genau das war der Fehler.
Ein Teil von ihm wollte sich bewegen. Irgendetwas tun. Zuschlagen, ziehen, treten, brüllen, egal was.
Aber sein Körper stand einfach da.
Das Mädchen war die Erste, die vorging.
Der erste Mann ging direkt zu Boden. Der zweite bekam das Messer ab, taumelte zurück und blieb irgendwie noch auf den Beinen. Der dritte kam seitlich rein.
Theodor sah es.
Er wusste sogar, dass er etwas tun musste. Ein Stein, ein Tritt, irgendein dummer Reflex hätte vielleicht schon gereicht.
Nichts kam.
Sein Körper fühlte sich an, als hätte jemand ihn von innen abgeschaltet.
Der dritte traf sie.
Dann trafen sie ihn.
Und wieder wurde alles schwarz.
Der Bus hielt.
Diesmal fuhr er nicht hoch. Er saß schon aufrecht, als die Tür mit dem langen Zischen aufging.
Seine Hände zitterten trotzdem.
Aber in ihm hatte sich etwas verschoben.
Warten brachte ihn um. So einfach war das.
Als sich die Türen öffneten, war alles wieder da. Der Regen. Das Vordach. Die Straße. Das gleiche nasse Licht auf dem Asphalt.
Nur er war nicht mehr derselbe wie vorhin.
Er stand sofort auf.
Sein Blick streifte den Fahrer. Der alte Mann saß da wie immer, die Hände ruhig am Lenkrad, als ginge ihn diese Nacht überhaupt nichts an.
Irgendetwas an ihm war falsch.
Später.
Wenn es überhaupt ein Später gab.
Draußen ging alles schnell.
Das Mädchen stand wieder unter dem Vordach. Der Regen lief in dünnen Strähnen durch ihr Haar. Sie sah zu ihm rüber, und in ihrem Blick lag etwas, das ihm sagte, dass sie nicht so leicht zu überraschen war wie andere.
„Diesmal hörst du mir zu.“
Sie verzog leicht das Gesicht.
„Was?“
„Drei Männer kommen. Einer direkt, einer von links, der dritte hält sich erst zurück. Der von links zieht als Erster. Wenn wir hierbleiben, sterben wir.“
Sie musterte ihn.
„Woher weißt du das?“
„Frag nicht. Komm einfach.“
Einen Moment lang dachte er, sie würde ihn wieder stehen lassen.
Dann nickte sie.
Sie liefen los. Weg von der Haltestelle, weg von der Straße, vorbei an zwei Müllcontainern und einem alten Zaun, der an einer Stelle halb eingedrückt war. Hinter ihnen kamen Schritte durch den Regen. Noch nicht nah genug, um sie sofort zu packen. Aber nah genug, dass klar war, dass sie nicht entkommen waren.
Der erste Mann tauchte zwischen den Containern auf.
Maya war schneller. Sie riss ihn nach vorne, das Messer blitzte auf, und schon war der Mann auf den Knien.
Der zweite kam von hinten, schrie irgendetwas, und diesmal sah Theodor die Bewegung früh genug.
Nicht nachdenken. Einfach machen.
Er griff nach dem erstbesten Stück Metall, das neben ihm lag, und schlug zu.
Einmal.
Dann noch einmal.
Beim zweiten Schlag sackte der Mann weg.
Der dritte hielt nicht an. Er zog seine Klinge und jagte sie weiter, tiefer ins Gelände hinein. Maya lief vorneweg, Theodor direkt hinter ihr. Sein Atem brannte schon wieder in der Brust.
„Links!“, rief sie.
Sie warfen sich durch eine Tür und stolperten in die Halle.
Drinnen war es dunkel. Weiter hinten flackerte irgendwo ein schwaches Licht. Der Regen trommelte gegen das Blechdach.
Und dann sah er es.
Das Notausgangsschild.
Grün.
Zu grell.
Die Halle.
Die Tür.
Der Regen auf dem Dach.
Etwas daran traf ihn so plötzlich, dass sein Magen schneller reagierte als sein Kopf.
„Warte…“
Sein Blick hing am Schild fest.
„Was ist?“
„Ich kenne das…“
Mehr brachte er nicht heraus.
Da trat der dritte Mann durch die Tür.
„Da seid ihr ja.“
In dem Moment bewegte sich endlich alles in ihm gleichzeitig.
Die Tür. Der Mann. Die Kiste. Das Eisen am Boden. Der Winkel rechts daneben.
Wenn er jetzt wieder nur zurückwich, war es vorbei.
„Nach rechts.“
Maya sah ihn kurz an und tat es.
Der Mann ging zuerst auf sie los. Genau damit hatte Theodor gerechnet. Als die Klinge nach vorne schoss, packte er das Eisenstück neben der Kiste und schlug von der Seite gegen den Arm des Mannes.
Das Messer flog klirrend über den Boden.
Der Mann taumelte, wollte sich wieder fangen, doch Maya war schon da. Sie traf ihn tief in die Seite. Er schrie auf, riss sie mit sich, und für einen Moment waren alle drei nur noch Bewegung, nasser Beton, Atem und Schmerz.
Dann stieß der Mann sie weg und stolperte rückwärts durch die Tür hinaus in den Regen.
Theodor folgte ihm.
Draußen wartete wieder derselbe Ort. Der nasse Boden vor der Halle. Das grüne Licht vom Schild. Der gleiche Winkel. Der gleiche verdammte Anblick.
Der Mann wollte wieder hochkommen.
Theodor war schneller.
Das Messer lag halb im Regen. Nur ein paar Schritte entfernt. Er griff danach, noch bevor der andere es sah, und rammte es ihm in den unteren Rücken.
Genau dort.
Hastig. Mit beiden Händen. Ohne nachzudenken.
Der Mann riss die Augen auf, taumelte zwei Schritte und fiel nach vorne auf den Asphalt.
Blut lief unter ihm auseinander und mischte sich mit dem Regen. Das grüne Licht vom Notausgangsschild lag über seinem Körper.
Da lag er.
Genau so, wie Theodor sich selbst im Albtraum hatte liegen sehen.
Halb im Regen. Halb im grünen Licht.
Nur dass diesmal noch Luft in seinen eigenen Lungen war.
Nur dass diesmal jemand anderes dort lag.
Für einen Augenblick war sich Theodor nicht einmal sicher, ob er gerade den Mann ansah oder sich selbst.
Das Messer glitt ihm aus der Hand.
Sein Blick sank nach unten.
Blut an den Fingern. Blut auf dem Boden. Regenwasser an den Schuhen. Das grüne Licht lag über allem wie krankes Glas.
„Scheiße…“
Mehr kam erst einmal nicht.
Dann drehte sich ihm der Magen um. Er stolperte zur Seite, beugte sich nach vorn und würgte, bis ihm der ganze Körper wehtat.
„Ich hab ihn wirklich umgebracht…“
Maya kam langsam näher.
„Du lebst.“
Mehr sagte sie nicht.
Als wäre das für sie die ganze Rechnung.
Vielleicht war es das.
Theodor hob den Kopf. Das Gesicht nass, die Augen rot, die Stimme kaputt.
„Ich hab ihn umgebracht.“
„Ja.“
Sie sagte es ruhig, fast sachlich.
„Und wenn du es nicht getan hättest, wärst du jetzt tot.“
Er ließ ein kurzes, leeres Lachen hören.
„Ich wollte doch nur nach Hause.“
Maya sah ihn einen Moment lang an.
„Wir müssen hier weg.“
„Zur Polizei“, brachte er heraus. „Ich geh zur Polizei. Ich sag, was passiert ist. Es war Notwehr.“
„Ja“, sagte Maya. „Vor dir, vor mir und vor jeder Kamera, die nicht zufällig genau hier in den Regen schaut, war es das auch. Auf Papier sieht’s trotzdem scheiße aus. Und dann?“
„Dann ist es wenigstens… ich weiß auch nicht. Irgendwas.“
Sie sah kurz auf den Toten im Regen.
„Und was erzählst du denen? Drei Typen haben dich verfolgt, einer liegt jetzt hinter einer Lagerhalle und du stehst zufällig daneben?“
„Es war Notwehr.“
„Ja. War es.“
Kurze Pause.
„Sieht nur trotzdem scheiße aus.“
Theodor wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
„Was soll ich denn sonst machen?“
„Für den Anfang? Weg hier.“
„Und dann?“
„Dann reden wir, wenn wir nicht neben einem Toten stehen.“
Der Regen lief ihm weiter übers Gesicht. Seine Hände zitterten immer noch.
„Wer bist du überhaupt?“
„Maya.“
„Nur Maya?“
„Reicht erstmal.“
Er sah sie einen Moment an.
„Theodor.“
„Okay.“
„Und jetzt?“
„Jetzt gehen wir.“
„Wohin?“
„Hast du eine Wohnung?“
„Ja.“
„Gut.“
Er starrte sie an.
„Gut? Mehr fällt dir dazu nicht ein?“
„Was willst du hören? Dass ich begeistert bin, mit einem fremden Typen nach Hause zu laufen, der vor zehn Minuten noch im Regen gekotzt hat?“
Er sagte nichts.
„War nicht böse gemeint“, murmelte sie. „Ist nur eine beschissene Nacht.“
Er atmete schwer aus.
„Ich wollte nur was essen holen.“
„Ja“, sagte sie. „Ich wollte auch nicht abgestochen werden. Läuft heute beides nicht.“
Trotz allem kam ihm ein kurzer, kaputter Laut über die Lippen. Fast ein Lachen.
„Wir bleiben nicht ewig da“, sagte Maya dann. „Nur heute. Vielleicht morgen noch. Dann schauen wir weiter.“
„Du willst mit zu mir?“
„Glaub mir, das stand heute auch nicht auf meiner Liste.“
Sie ging schon los, ohne zu prüfen, ob er ihr folgte.
Nach zwei Schritten drehte sie den Kopf leicht.
„Kommst du? Oder willst du dem da noch Gute Nacht sagen?“
Theodor sah noch einmal zu dem Mann im Regen.
Dann zog er seine Jacke enger und ging mit.
Er wusste noch nicht, dass in dieser Nacht gerade erst alles angefangen hatte.
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| Kapitel: | 2 | |
| Sätze: | 334 | |
| Wörter: | 3.794 | |
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