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Tricolor, der Gast auf dem Regal

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07.06.26 18:55
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

In einem vornehmen Landhaus lebt die fünfzehnjährige Melanie. Sie ist eine grosse Sammlerin von Plüschtieren, die sie in verschiedenen Regalen der Wohnung hält. Eine bestimmte Sammlung bedeutet ihr mehr als andere. Sie ist in ihrem Schlafzimmer direkt über dem Bett: Giraffen, Löwen, Katzen und eine Schildkröte. Darunter ist auch ein kleiner bunter Clown, den Melanie zu ihrem sechsten Geburtstag geschenkt bekommen hat. Sie nennt ihn Tricolor, weil die Farben rot, blau und gelb auf seinem Kleid dominieren. Er bekam niemals einen anderen Namen.

Heute, beim Aufstehen, bemerkt Melanie, dass die Schildkröte Maula wieder am Boden liegt. Es ist nicht das erste Mal, und interessanterweise ist es das einzige Tier, das ausreisst. Merkwürdig. Zu ihrem Schreck ist auch der Platz von Tricolor leer, am Boden liegt er nicht, es fehlt von ihm jede Spur. Verzweifelt sucht sie nach ihm.

«Melanie, dein Frühstück ist bereit, beeil dich ein bisschen, damit du nicht zu spät zur Schule kommst!», ruft ihre Mutter.

«Ja Mama, ich komme sofort.»

Aber Melanie erscheint nicht zum Frühstück, sie sucht noch immer die Clownpuppe. Die Mutter öffnet genervt ihre Zimmertür, schaut ihre Tochter besorgt an und fragt: «Suchst du etwa deinen kleinen Tricolor? Ich habe ihn sitzend auf der WC Schüssel gefunden. Kind, werde endlich erwachsen und nimm nicht andauernd deine Plüschtiere in meine Nähe.» Melanie ignoriert, was ihre Mutter sagt, sie packt den Clown und eilt aus der Wohnung. Ausnahmsweise radelt sie mit dem Fahrrad zur Schule, damit sie nicht zu spät zum Unterricht kommt. Ihren bunten kleinen Clown setzt sie in den Korb und bindet ihn an, damit er nicht hinausfällt. «Pass doch auf wo du hinfährst, und bitte nicht so schnell, ich bin nicht schwindelfrei», sagt auf einmal eine hohe Stimme. Melanie erschrickt, die Stimme muss von Tricolor sein! Sie stürzt beinahe von ihrem Fahrrad. Ausser sich und ganz verwirrt sagt sie sich: «Das kann nicht sein, ich muss träumen. So etwas ist vollkommen unmöglich, er ist doch nur eine Puppe.»

Atemlos kommt sie in der Schule an, ihr braunes, langes Haar ist zerzaust und ihr Herz pocht vor lauter Aufregung. Sie eilt ins Gebäude, öffnet ihr Schliessfach und wechselt ihr T-Shirt, das schweissnass ist. Tricolor setzt sie in ihre Mappe. «Also mein kleiner Clown, wenn du tatsächlich sprechen kannst, dann halt deine Klappe, solange ich im Unterricht sitze, die Lehrerin hält mich sonst für irre und meine Mitschüler würden mich auslachen.»

Der Unterricht dauert heute etwas länger wegen eines wichtigen Schulprojekts. Clown Tricolor wird das zu langweilig, er steigt heimlich aus der Mappe und versucht davonzuschleichen. Als die Lehrerin Schulmaterial von Tisch zu Tisch verteilt, entdeckt sie die Puppe am Boden neben Melanies Schulbank. «Ist das etwa deine Puppe?», fragt sie genervt. Alle Schüler schauen nun zu Melanie und beginnen zu lachen. Da der kleine Clown aber nur für Melanie lebend ist, sieht nur sie, dass er anfängt zu weinen. Sie hebt Tricolor hoch und bettet ihn in ihre Mappe. Streichelnd tröstet sie ihn und flüstert: «Es ist alles in Ordnung, Tricolor, ich kümmere mich nach dem Unterricht um dich.» Dave hört seine Mitschülerin flüstern und fängt an, laut zu grinsen: «15 Jahre und noch immer mit Plüschtieren unterwegs!» Im Schulzimmer bricht ein Kichern aus. Die Lehrerin macht der Unruhe ein Ende und beschlagnahmt Tricolor. Sie schliesst ihn draussen im Flur in eine Vitrine ein. Nach dem Unterricht spricht sie mit Melanie: «Du machst mir Sorgen. Das war jetzt das vierte Mal, dass du zu dieser Puppe gesprochen hast. Geht es dir nicht gut? Warum verhältst du dich wie Kleinkind?»

Melanie verrät der Lehrerin, dass ihr kleiner Clown-Freund letzte Nacht zum Leben erwacht sei. Sie schwärmt voller Begeisterung von Tricolor und bittet darum, dass sie ihn wieder haben möchte. «Also, ich habe genug von deinem Märchen. Ausserdem scheint die Puppe auf Joel einen schlechten Einfluss zu haben. Oft ist er in Gedanken abwesend und konzentriert sich nicht auf den Unterricht. Ich gebe dir noch eine zweite Chance. Sollten sich deine und Joels Noten verschlechtern, muss ich euch leider von der Klasse fernhalten.»

Auf einmal ertönt ein lautes Klirren, als hätte jemand ein Fenster zerschlagen. Melanie ist besorgt, geht hinaus in den Flur und will wissen, was passiert ist. «Oh nein, wo ist Tricolor? Jemand muss ihn aus der Vitrine geholt haben, hier sind überall Scherben am Boden», schreit sie hysterisch. Die Lehrerin tröstet ihre Schülerin und verspricht ihr, sich um den Vorfall zu kümmern, damit ihr kleiner Liebling wieder gefunden wird.

Als Melanie nach Hause gehen will, hört sie eine tiefe, männliche Stimme: «Ich bin hier, komm, wir fahren nach Hause, bevor es anfängt zu dämmern.» Ein grosser Mann mit rotblonden, halblangen Haaren steht vor ihr. Er trägt dieselbe Kleidung wie Tricolor: rot, gelb, blau, und auch die Mütze stimmt. Das ist ohne Zweifel Clown Tricolor in Menschengestalt! Melanie kneift sich in den Arm, sie denkt, dass sie wohl träumt: «Das kann nicht sein, so etwas ist vollkommen unmöglich.» Ganz benommen setzt sie sich in ihrer Verwirrung auf den Gepäckträger des Fahrrades. Gemeinsam geht es nach Hause, der Clown vorne am Lenker, Melanie hinten.

Zu Hause angekommen, sind die beiden etwas hilflos. «Wie komme ich in die Wohnung, ohne dass deine Mutter mich bemerkt?», flüstert Tricolor. Melanie muss sich nun etwas einfallen lassen. Sie schaut durchs Fenster ins Wohnzimmer und prüft, ob ihre Mutter zu Hause ist. Sie hat Glück, es brennt nirgendwo Licht. Vorsichtig schleichen die beiden ins Haus und gehen ins Schlafzimmer. Der Clown verrät ihr, dass er nur am Tag ein Mensch sein kann. Sobald es Nacht wird, verwandle er sich wieder in eine Puppe. Kaum gesagt, ist er wieder der kleine Tricolor. Melanie ist erstaunt, dass sie einen Zauberclown hat. Sie möchte ihm natürlich Fragen stellen, doch er klettert aufs Regalbrett, weil er schlafen will, verspricht aber, morgen sein Geheimnis zu verraten.

Tags darauf, als sich Melanie streckt und langsam aufsteht, bemerkt sie, dass Tricolor verschwunden ist. Sie ist verärgert, weil sie vermutet, dass sich ihr kleiner Clown bestimmt wieder in der Wohnung versteckt hat oder auf der Toilette sitzt. Melanie hat aber keine Zeit, ihn zu suchen, weil sie zum Unterricht aufbrechen muss. Ein ungutes Gefühl quält sie, als sie noch verschlafen das Frühstück zubereitet. Sie nimmt die Milch aus dem Kühlschrank und holt aus der Vitrine einen Teller für ihr Marmeladenbrot. Als sie sich mit noch verschlafenen Augen an den Esstisch setzt, lässt sie vor Schreck den Teller zu Boden fallen. «Guten Morgen Melanie, hast du gut geschlafen?» fragt die Clownpuppe, die oben am Tisch vor einem Teller mit Rührei sitzt. Melanie atmet auf, ihr Tricolor ist wieder da, quietschlebendig und gesprächig. «Pst, du musst leise sein, sonst erwacht meine Mutter», raunt Melanie. Tricolor verrät, dass er arbeiten gehen müsse, er könne sie diesmal nicht zur Schule begleiten. Sie ist ein wenig enttäuscht und fragt sich, woran ihr Clown wohl arbeitet. Doch bevor sie ihn zur Rede stellen kann, ist er verschwunden.

Melanies Mutter hat nichts von diesem Gespräch mitbekommen, sie schläft tief und fest auf dem bequemen Bettsofa im Wohnzimmer. Der Fernseher läuft noch, sie ist beim Filme schauen eingeschlafen. Vorsichtig schaltet Melanie das Gerät aus und lässt ihre schnarchende Mutter ausschlafen. Sie setzt sich aufs Fahrrad und eilt zur Schule. All ihre Gedanken kreisen um Tricolor, den sie heute nicht mitnehmen kann.

«Melanie, beeile dich, der Unterricht beginnt bald», ruft ihr Joel durch den Gang zu. Nachdem sich die Schüler im Klassenzimmer gesetzt haben, beginnt Melanie zu gähnen. Und schon bald findet sie die Lehrerin schlafend in der Schulbank, die 24 Mitschüler haben Melanies Panne nicht einmal bemerkt, sie sind mit sich selbst beschäftigt. Der einzige, der alles beobachtet hat, ist ihr Schulfreund Joel.

Da die Mitschüler Melanies und Joels Verhalten seltsam finden, wollen sie nichts mit ihnen zu tun haben und machen sich nach dem Unterricht davon. Die Lehrerin, die sich mit dem Vorfall bei Vitrine beschäftigt hat, ist unzufrieden und möchte mit Melanies Mutter sprechen. Doch diese ist telefonisch nie erreichbar, da sie nachts oft im Krankenhaus arbeitet und dann tagsüber vor Erschöpfung schläft.

«Melanie, so kann das nicht weitergehen. Ich erwische deine Mutter telefonisch nie, und du und Joel werdet immer fauler im Unterricht.» Die Förderschülerin lässt den Kopf hängen. Die Lehrerin schlägt vor, ihr und Joel eine längere Dispens vom Unterricht zu geben, sie möchte, dass die beiden darüber nachdenken, was sie mit ihrer Schulbildung erreichen wollen. Melanie ist damit einverstanden, irgendwie auch erleichtert, dass sie eine Auszeit bekommt, denn im Unterricht wird es immer strenger, und sie hält es kaum aus, wenn ihre Mitschüler in der Pause über sie lachen.


 

Auf dem Heimweg hofft Melanie, den menschlichen Tricolor im Haus zu finden. Sie fragt sich, was er wohl tagsüber macht, einen Beruf hat er jedenfalls nicht verraten. Sie geht in ihr Schlafzimmer und zieht sich die Hauskleidung an. «Melanie, weshalb bist du so müde und nachdenklich?», fragt die tiefe Stimme Tricolors. Freudig springt sie in seine Arme und erzählt, dass sie vor lauter Erschöpfung in der Schule eingeschlafen sei. «Oh Tricolor, ich bin so froh, dass du wieder nach Hause gekommen bist. Ich weiss nicht einmal, wo du arbeitest.» Er verrät ihr schliesslich, dass er in einem Zirkus auftrete, aber nicht täglich.

«Aber warum nicht? Du kannst dich verwandeln und siehst toll aus als Artist.» Tricolor wird verlegen und gibt Melanie ein Küsschen auf die Wange. Er erklärt ihr, dass er das nicht schaffe, weil er eine schwierige Vergangenheit gehabt habe. Seine Mutter habe er nie gekannt, da sie nach seiner Geburt gestorben sei. Der Vater habe sich um ihn kümmern wollen, doch als Alkoholiker sei er dazu nicht fähig gewesen. Schliesslich habe ihn sein Cousin zu sich genommen. Bei ihm habe er gemerkt, dass er Zauberkräfte habe. «Wow, und wie ist das passiert?», fragt Melanie. Tricolor weicht ihrer Frage aus: «Nur so viel: Als der Cousin mit meiner Erziehung überfordert war, musste ich mich in eine Puppe verwandeln, damit er mich in einem Brockenhaus unterbringen konnte.»

«Aha, dann hat dich meine Mutter aus dem Secondhand-Laden mitgenommen. Sie hat dich also adoptiert, nur weiss sie natürlich nicht, dass du dich verwandeln kannst», schwärmt Melanie.

Noch am selben Tag klingelt es bei Melanie an der Haustür. Joel, ihr Schulfreund steht vor der Tür. Er schlägt ihr vor, einen gemeinsamen Filmabend zu geniessen, schliesslich müssen sie vorübergehend nicht zur Schule gehen. Melanie runzelt die Stirn und denkt darüber nach. Naja, ein Problem sollte es nicht geben, Mutter kennt ja Joel. Und überhaupt ist es nicht sicher, dass sie vor Mitternacht nach Hause kommt und nicht bei der Nachbarin einen Kaffee trinkt.

Es gibt aber noch ein grösseres Problem. Tricolor möchte für Melanie den ganzen Abend ein Artist bleiben. «Joel, ich weiss nicht, ob wir heute den DVD-Abend machen können», sagt Melanie. «Aber warum nicht?», fragt Joel enttäuscht. Melanie hat ein ungutes Gefühl, sie muss ihrem Schulfreund sagen, was hier abgeht. Sie erzählt ihm vom Clown Tricolor und hofft, dass er ihr glaubt. Joel bleibt für ein paar Minuten schweigsam, dann fängt er an zu lächeln und sagt: «Melanie, mach dir keinen Kopf, ich kenne das Geheimnis von deinem Tricolor. Darf ich trotzdem bei dir bleiben? Tricolor hat bestimmt nichts dagegen.» Sie lässt sich überreden.

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Die beiden setzen sich im Wohnzimmer auf das Sofa, währendem Tricolor im Schlafzimmer auf Melanie wartet. «Melanie, wo steckst du? Ich warte auf dich!», ruft er, weil er sich alleine langweilt. Sie konzentriert sich aber auf Joel und ignoriert Tricolor. «Wer war das? Ist jemand bei dir zu Besuch?», fragt ihr Schulfreund neugierig. «Das ist Tricolor, der nach mir ruft. Wir sollen nach oben gehen in mein Schlafzimmer, weil er dort auf mich wartet», sagt Melanie. Joel schaut Melanie verwundert an, nein er möchte nicht in die Nähe von Tricolor kommen.

Er erzählt: «Mein Opa, war Verkäufer im Brockenhaus. Es gab dort viele schöne Puppen, Autos, Spielzeuge und andere Secondhand-Artikel. Ich durfte meinen Opa oft am Arbeitsplatz besuchen. Einmal geschah etwas Seltsames: In einem Puppenregal sass ein kleiner Clown, und als ich hinsah, zwinkerte er mir zu.» Melanie ist überrascht und platzt vor Neugier. «Ich war noch ein kleiner Junge als das geschah. Ich rannte zu Opa und erzählte ihm, dass dieser Clown mir zugezwinkert hat. Natürlich habe ich mich gefürchtet und weinte. Ich war ja erst sechs Jahre alt.» Dann stockt Joel und schaut zu Boden.

«Und dann? Was ist geschehen, bitte erzähle mir mehr davon», fordert ihn Melanie auf. Joel gibt nach und erzählt weiter: «Mein Opa wollte die Clownpuppe in ein anderes Brockenhaus bringen, damit sich niemand mehr vor ihr ängstigen musste. Ich habe mich aber dagegen gewehrt und ihn gebeten, den bunten Clown nicht aus dem Regal zu nehmen, weil er doch so schön aussah in seiner Kleidung.» Joel zittert beim Erzählen, Melanie beruhigt ihn und fasst ihn an der Hand. «Joel, komm zur Sache und sag mir, worin das Problem liegt», raunt seine Schulfreundin. «Nun ja, mein Opa hat mir ein Geheimnis verschwiegen, das er mir erst verraten hat, als ich im Schulalter war. Er erzählte mir, dass ein älterer Mann den Clown ins Brockenhaus gebracht habe. Dieser Mann habe unheimlich und grässlich ausgesehen, sein Gesicht sei gerötet gewesen, als hätte er sich geprügelt, und eine Alkoholfahne habe er auch gehabt. Seine linke Hand habe eine Whiskyflasche gehalten, mit der rechten habe er Opa die Puppe gereicht, dann sei er umgefallen.» Joel schweigt wieder. Verlegen fährt er mit der Hand durch seine Haare.

«Und dann? Erzähl weiter was ist passiert?», drängt Melanie. «Also, es klingt zwar unglaubhaft, ist aber wahr: Diese Clownpuppe erwachte noch am selben Tag zum Leben und stand plötzlich als menschlicher Clown vor meinem Opa. Es hat sich später herausgestellt, dass der besoffene Mann den Clown aufgezogen hat.» Joel ist erschöpft, und Melanie versteht nur zu gut, dass er nach Hause gehen will.

Als ihr Schulfreund das Haus verlassen hat, schwirren Melanie verschiedene Gedanken durch den Kopf: Was steckt hinter dieser Geschichte? Hat ihr Joel alles erzählt? Warum wollte er Tricolor nicht treffen? Fürchtet er sich vor ihm? Und warum hat er nicht Tricolors Cousin erwähnt?

«Melanie wo steckst du? Komm endlich ins Schlafzimmer!», ruft Tricolor erneut. Es ist schon spät abends und Melanie ist müde geworden. Als sie ihr Schlafzimmer betritt, liegt Tricolor vor dem Fernseher in ihrem Bett. Er ist enttäuscht, dass er so lange warten musste und sie sich mit jemand anderem unterhalten hat. Er möchte wissen, wer es war. Schliesslich verrät Melanie, dass Joel bei ihr gewesen sei. «Nein, nein, nein, was hast du getan? Musstest du diesen dummen Jungen in deine Wohnung lassen?», ruft Tricolor genervt. Er schaut Melanie tief in die Augen. Sie sieht zum ersten Mal, dass sich diese von blau zu gelb ändern. Sie ist überrascht und ihre Wangen färben sich rot. Sie hat sich ein bisschen in Tricolor verliebt.

«Melanie, ich muss dir etwas sagen. Ich habe dich angelogen, und es tut mir so leid. Ich habe keinen Cousin und habe immer bei meinem alkoholsüchtigen Vater gelebt, der mich ins Brockenhaus gebracht hat. Kurz darauf ist er gestorben», erzählt Tricolor. Melanie ist enttäuscht, hat aber vermutet, dass an seiner Geschichte etwas faul war. Wortlos steht sie auf, geht ins Wohnzimmer, wo sie auf dem Sofa übernachten will. «Hey, warte auf mich, ich kann dir alles erklären. Bitte sei nicht wütend, es tut mir leid», ruft ihr Tricolor nach.


 

Doch Melanie bleibt im Wohnzimmer und geht nicht mehr zu Tricolor zurück. Einschlafen kann sie jedoch nicht, sie wälzt sich auf dem Sofa hin und her und muss immer an Tricolor denken. Sie hat ein ungutes Gefühl, ihr Zauberclown lügt und verheimlicht ihr etwas. «Welchen Beruf übt er wirklich aus, und weshalb kann er sich verwandeln?», fragt sie sich. Sie bekommt starke Kopfschmerzen und heult in ihr Sofakissen. Nach langer Zeit fällt sie in einen unruhigen Schlaf und träumt.

Aus dem Radio hört sie Stimmen, es sind nur Wetterberichte und Nachrichten zu hören. Plötzlich kommt eine Eilmeldung: Im Dorf würden Kinder und Teenager vermisst. Die Polizei sei auf der Suche nach den Vermissten, doch bisher sei noch niemand gefunden worden. Nach einer längeren Pause kommt eine weitere Durchsage. Die Vermissten werden nun namentlich aufgezählt. Zu Melanies grossem Schreck ist darunter auch Joel Hesse. Sie schreit laut auf und weint. «Wäre ich doch in Joels Nähe geblieben, jetzt wird er meinetwegen vermisst, weil ich nicht für ihn da war», schluchzt sie mit Schuldgefühlen.

Die Mutter tröstet ihre Tochter: «Ach mein Kind, es ist nicht deine Schuld. Die Polizei tut ihr Bestes und versucht den Entführer zu finden.» Doch Melanie ist ganz ausser sich, sie eilt aus dem Haus und geht Tricolor und Joel suchen. Sie ruft die beiden Namen verzweifelt durch alle Gassen. Auf einem Trottoir fällt sie aus lauter Erschöpfung hin und reibt den verletzten Knöchel.

Hinter ihr reisst ein heftiger Wind die Vermisstenanzeigen von den Hausmauern und wirbelt eine davon direkt in Melanies Gesicht. Darauf steht der Name ihrer Lehrerin. Sie ist geschockt, bemüht sich aber aufzustehen.

Weil ihre Suche erfolglos ist, entscheidet sie sich, wieder nach Hause zu gehen. Unterwegs muss sie immer wieder an Tricolor denken, sie hofft ihn zu Hause anzutreffen. Humpelnd nimmt sie eine Abkürzung durch den Wald und dann dem Fluss entlang. Schon fängt es an zu dämmern, und Melanie stolpert über den eisernen Deckel, der neben einem offenen Schacht liegt. «Aber weshalb ist dieser blöde Schacht überhaupt geöffnet?», fragt sich Melanie. Plötzlich fällt ein heller Lichtstrahl auf ihr Gesicht, er kommt aus dem Raum eines alten Militärbunkers. Neugierig beugt sie sich über den Schacht und ruft: «Hallo, ist hier irgend jemand?» Niemand gibt ihr Antwort, nur das Echo kommt zurück. Ihre Neugier wächst, sie möchte herausfinden, weshalb ein Licht dort unten brennt.

Sie streckt ihren Kopf in das Loch hinunter, verliert dabei das Gleichgewicht und stürzt in die Tiefe. Doch oh Wunder, sie fällt nicht hart, sie spürt zwei Hände, die sie auffangen. «Was machst du hier unten?», fragt eine tiefe, ihr bekannte Stimme. Es ist Tricolor. Melanie umarmt ihn vor Freude und flüstert in sein Ohr: «Ich habe dich gesucht, weil mich mein gestriges Verhalten beschäftigt hat.» «Alles gut meine Liebe. Ich bin dir schon längst nicht mehr böse. Aber ich bitte dich, für das, was ich dir jetzt gestehen muss, auch nicht böse zu sein. Mein Arbeitsplatz ist nicht im Zirkus, sondern hier in diesem Bunker. Der Bunker ist jetzt auch mein Zuhause, ich werde nicht mehr als Puppe auf dein Regal zurückkommen, dann kann mich Maula auch nicht mehr nerven.»

Melanie ist geschockt und entgegnet: «Nein, Tricolor, das darfst du mir nicht antun, du musst bei mir bleiben!»

«Nein, das geht nicht, aber ich teile dieses Zuhause gerne mit dir.»

Melanie ist erleichtert, dass sie ihren Freund nicht verliert, doch dieses Zuhause mit Tricolor teilen? Sein Gesicht nimmt schelmische Züge an. «Ich hoffe, du magst mich trotzdem noch, jetzt, da du mich besser kennst», sagt der Clown. Staunend läuft sie rings um ihn herum und mustert ihn. «Und seit wann weisst du, dass du magische Kräfte hast?», fragt sie. Er antwortet ihr, dass er sie schon immer gehabt habe, er könne sich auch in Tiere verwandeln. Sein Ziehvater, der ihn von der Strasse mitgenommen habe, habe davon gewusst. Einen biologischen Vater habe er nie gehabt.

Melanie schaut sich um und sieht überall Knochen liegen. Sie fühlt sich nicht mehr wohl und möchte den Bunker verlassen, aber der Clown versperrt ihr den Weg. Sie wehrt sich: «Lass mich los, ich muss hier wieder hinaus. Wenn ich nicht bald nach Hause komme, ist meine Mutter besorgt und alarmiert die Polizei.»

«Halt, bleib stehen! Du stolperst noch über den Knochenhaufen, wenn du hier so nervös herumrennst», sagt ihr der Clown.

Melanie fängt an, Fragen zu stellen, bekommt jedoch nicht immer eine Antwort. Sie möchte wissen, weshalb es in diesem Bunker aussieht wie auf einem Friedhof. Der Clown erzählt ihr, dass er zwischendurch auf die Jagd gehe und diese Knochen von Wildtieren stammen. Natürlich seien diese Gebeine kein schöner Anblick. Er bietet Melanie deshalb einen Job als Putzfrau an. Sie könne den Boden säubern während er arbeite.

Melanie bricht nicht in Begeisterung aus und lehnt den Job dankend ab. Sie zittert ein wenig, es ist kalt und der Boden feucht. Der Clown fixiert sie mit seinen gelben Augen und sagt eindringlich: «Melanie, wenn du mich wirklich so liebst, dann hilf mir doch dabei. Ausserdem komme ich nie zum Putzen, die Zeit dazu fehlt mir, ich wäre deshalb echt froh um deine Hilfe.» Melanie schaut ihn belämmert, fast hypnotisiert an. Schliesslich ist sie einverstanden und vergisst dabei die Mutter mit ihren Sorgen.

Der Clown springt auf, verwandelt sich in einen Adler und fliegt durch den Schacht davon.

Melanie räumt die Knochen beiseite, schrubbt den Boden und schläft dann vor Erschöpfung ein.

Unterdessen wird Melanie in ihrem Dorf gesucht. Überall hängen Anzeigen von ihr. Ihre Mutter versucht mit Joels Mutter Kontakt aufzunehmen. Doch ihre Telefonanrufe werden nicht beantwortet. Ob sie wohl auch unter den vermissten Dorfbewohnern ist?

Melanies Mutter beschliesst, sich in dieser Situation an die Polizei zu wenden. Die Beamten überprüfen die Sache und finden Frau Hesse in ihrer Wohnung weinend am Boden liegen. Sie hat aus lauter Verzweiflung alles auf den Kopf gestellt, weil sie von ihrem Sohn noch immer kein Zeichen hat. Er wird schon seit fast einer Woche vermisst, und er ist unter den Dorfbewohnern ein Top-Thema, da er ein guter Junge ist.

Als Joels Mutter wieder alleine ist, hört sie ihren Telefonbeantworter ab. Einige der aufgezeichneten Anrufe stammen von Melanies Mutter. Frau Hesse, nimmt ihren ganzen Mut zusammen und klingelt an deren Haustür. Melanies Mutter öffnet und sagt besorgt: «Oh, das ist gut, dich zu sehen. Ich wollte dich telefonisch erreichen, aber du hast nicht darauf reagiert.» «Es ist wie verhext, da werden Kinder vermisst und niemand weiss etwas darüber. Wie geht es ihnen wohl?», fragt Joels Mutter schluchzend. Die beiden Frauen gehen ins Haus und versuchen einander zu trösten. Sie haben keine Ahnung, was passiert ist, seit Joel in jener Nacht Melanie verlassen hat.

Unterdessen ist auch Melanies Vater, der sich vor lauter Geschäftsreisen kaum um Tochter und Frau kümmern konnte, wieder aufgetaucht. Er hat durchs Radio mitbekommen, dass im Dorf viele Kinder und auch Melanie vermisst werden. Nach seiner Rückkehr hat er seinen Job als Reiseleiter gekündigt und hilft jetzt der Polizei.

Die Nächte im Dorf werden unheimlicher, weil es immer mehr Vermisste gibt. Draussen jaulen die Katzen, und auch andere Tiere fühlen, dass etwas nicht stimmt. Vom Wald her hört man Wölfe heulen. Die Leute sind ratlos und verzweifelt.

Eines Tages gibt es im Dorf einen grossen Aufruhr. Eine Frau liegt zerstückelt in einem Garten, und auf dem Weg dorthin ist alles mit Blut verschmiert. Melanies Mutter, die zufälligerweise dort vorbeigeht, schreit laut auf. Die zerstückelte Person ist Melanies Lehrerin. DNA Spuren von einem Täter werden nicht gefunden.

Als der Clown von seiner Arbeit zurückkehrt, findet er Melanie erschöpft auf dem Boden sitzend. Er nimmt einen Pullover und deckt sie damit zu. Dann verwandelt er sich in eine mächtige Hyäne und nimmt seine Freundin auf den Rücken. Sie ruht sich lange aus, doch plötzlich reisst sie die Augen erschrocken auf: «Wo bin ich, was läuft hier bloss? Und dieser Pullover, gehört er nicht Joel?» Sie klettert von der Hyäne hinunter, schaut sich um und blickt ins grinsende Gesicht des Tieres. «Melanie, mach dir keine Sorgen. Ich habe dich auf dem kalten Boden vorgefunden, zugedeckt und auf einen sicheren Platz gelegt», erwidert der Clown. Über den Pullover verliert er kein Wort.

Melanie ist aber besorgt, weil das doch Joels Pullover ist. Sie möchte natürlich wissen, wo ihn der Clown gefunden hat. Doch dieser weicht wieder aus: «Melanie, es tut mir leid, aber dein Schulfreund wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden. Als Polizist getarnt habe ich ihn dort gefunden», lügt er. «Nein, nein, das darf nicht sein, nicht Joel, er war mein bester Freund», schluchzt Melanie. Ihr kommt alles ein bisschen seltsam vor, denn sie weiss nicht, ob der Clown schon wieder lügt und was er in der Zwischenzeit gemacht hat.

Melanie stellt den Clown zur Rede: «Ich vermute, dass du schon wieder lügst und viel mehr über die vermissten Kinder weisst. Und überhaupt, woran ist Joel gestorben?» Der Clown knurrt sie wütend an und verdreht seine gelben Augen. Melanie schaut auf den Knochenhaufen, dann wird ihr schwindelig.

Weinend wacht Melanie aus dem Albtraum auf und spürt, wie eine Hand durch ihr Haar fährt. Sie öffnet vorsichtig ihre verklebten Augen und bemerkt, dass sie in ihrem Bett liegt. Neben ihr liegt Tricolor. Sie erschrickt und sagt noch halb verschlafen: «Nein, nein, hau ab, lass mich in Ruhe. Bitte tu mir nichts zuleide.» Tricolors vertraute Stimme entgegnet: «Melanie, beruhige dich, du hattest wahrscheinlich einen schlimmen Albtraum. Ich habe mir Sorgen gemacht, weil du im Wohnzimmer geblieben bist. Als ich gehört habe, wie du im Schlaf verzweifelt geschrien hast, habe ich dich in dein Bett getragen.»

Melanie umarmt Tricolor und will sich für ihr gestriges Verhalten entschuldigen. Doch noch bevor sie etwas sagen kann, entschuldigt sich Tricolor: «Es tut mir leid wegen gestern, ich wollte dich nicht verletzen. Ich hatte Angst, dass du nichts mehr von mir wissen willst, wenn ich dir die Wahrheit erzähle. Hör zu Melanie, ich kann dich nicht lieben, ich bin ja nicht echt sondern bloss eine Zauberpuppe.»

Melanie ist enttäuscht, umarmt Tricolor aber von Neuem. Sie schaut ihm nachdenklich und tief in seine wunderschönen blauen Augen. «Aber warum nicht? Du könntest doch für immer der menschliche Clown bleiben ohne dich in eine Puppe zurück zu verwandeln. Du warst immer für mich da, ich schätze dein Lächeln und wie du mich mit dem Fahrrad von der Schule nach Hause gefahren hast», sagt Melanie. Tricolor gibt darauf keine Antwort, er steigt aus dem Bett und geht ins Badezimmer. Er zieht sich aus, wäscht sich überall und schrubbt sich mit einem fein duftenden Duschmittel, danach sprüht er sich mit einem Deodorant ein und wickelt ein Badetuch um sich. Melanie schaut durchs Schlüsselloch, beobachtet Tricolors muskulösen Körper und wird dabei ganz rot. Vorsichtig schleicht sie sich wieder in ihr Zimmer und legt sich ins Bett.

Als sich Tricolor fertig gemacht hat und wirklich sauber ist, öffnet er vorsichtig die Tür. Er denkt, dass Melanie wieder eingeschlafen ist und ihn deshalb nicht bemerkt. Er ist oben ohne und sucht seine Kleidung. «Mist, wo sind meine Hosen und mein Hemd? Ach ja, da liegen sie unter dem Bett», murmelt er. Melanie, die schon längst nicht mehr schläft und nur so tut als ob, schielt mit einem Auge Richtung Tricolor, und ihr Herz fängt an zu klopfen. Aber sie ist immer noch enttäuscht, weil er ihr einen Korb gegeben hat. «Hey Melanie, schläfst du noch? Ich muss los zur Arbeit, denn ich bin im Zirkus als Hilfskraft eingestellt. Ich komme bald zurück», flüstert er.

Melanie stellt sich immer noch schlafend, doch Tricolor durchschaut sie. Er vermutet, dass sie absichtlich simuliert, um ihre Enttäuschung zu verbergen.

Unterwegs zur Arbeit beschäftigt ihn immer wieder der gleiche Gedanke: «Was habe ich bloss getan? Sie liebt mich - ich sie eigentlich auch, aber als magische Clownpuppe darf ich mich nicht verlieben.» Unterdessen ist Melanie längst aufgestanden, ist auf den Aussensitzplatz gegangen und hat es sich auf einem Schaukelstuhl gemütlich gemacht. Sie hört die Vögel zwitschern, atmet tief durch und geniesst die Frühlingssonne. Sie hat aber ein schlechtes Gewissen, weil sie Tricolor durchs Schlüsselloch ausspioniert hat, und so getan hat, als hätte sie geschlafen. Im Haus klingelt das Telefon, und Melanie schreckt auf, weil ihre Mutter den Ton so laut eingestellt hat, dass man beinahe das Gehör verliert. «Hm, wer mag das wohl sein, mitten unter der Woche?»

Melanie staunt nicht schlecht, als den Hörer abnimmt. Ihre Mitschülerin Tiffany ist am anderen Ende des Drahtes.

«Tiffany, wow, schön von dir zu hören, du rufst mich mitten unter der Woche an? Weshalb bist du nicht in der Schule?» Melanie ist erstaunt, dass ausgerechnet die Schülerin anruft, von der sie immer gemobbt wurde.

«Können wir zusammen sprechen? Es tut mir leid, dass ich dich immer ausgelacht habe», entschuldigt sich Tiffany. - Eine Entschuldigung von Tiffany, Melanie kommt noch mehr ins Staunen.

«Ja, natürlich können wir sprechen. Wir können zusammen picknicken gehen», antwortet Melanie. Sie freut sich auf diesen Moment und schaut in den Kühlschrank, ob es genug Essbares gibt. Sie nimmt Fisch, ein paar Eier, Butter und Essiggurken heraus und legt alles in ihre Kühlbox. In den Rucksack packt sie ein langes Brot und ihr Lieblingsgetränk, frischen klaren Apfelsaft. Bevor sie sich mit Tiffany trifft, schreibt sie für Tricolor einen Zettel und legt diesen auf den Küchentisch. «Ich bin mit einer Kollegin unterwegs und komme ungefähr um 16 Uhr wieder nach Hause.»

 

Melanie geht gemütlich zum Treffpunkt im Nachbardorf. Dort legt sie eine Decke unter den Nussbaum, um darauf sitzen zu können ohne einen dreckigen Popo zu bekommen. In der Nähe ist ein Spielplatz, und sie sieht wie Eltern ihre Kinder dorthin begleiten. Nach nicht so langer Zeit kommt Tiffany. Sie umarmt Melanie und dann essen beide gemütlich das Picknick. Tiffany erzählt, dass sie die Schule wechseln wird, weil ihre Eltern wollen, dass sie in einer Privatschule den Schulabschluss bekommt. Melanie staunt, da das ja eine teure Sache ist, aber der Vater von Tiffany verdient sehr gut, und deshalb sind die Kosten wohl kein Hindernis. Und dann platzt es aus Tiffany heraus: «Melanie, ich muss dir noch etwas Besonderes erzählen. Ich habe einen Clown auf dem Weg zum Zirkus Drumpf gesehen. Er sieht attraktiv aus und farblich ähnelt er deiner Puppe. Ich habe mich sofort ein bisschen in ihn verliebt, wahrscheinlich hat er aber schon eine Freundin», schwärmt Tiffany. Melanie muss ihre Eifersucht unterdrücken, die gute Stimmung ist dahin. Sie gibt als Ausrede an, dass sie nach Hause gehen müsse, weil ihre Mutter bestimmt schon auf sie warte, da sie heute früher von der Arbeit zurückkomme. Natürlich hat Melanie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Kollegin anlügt, aber sie hat keine andere Wahl als diese Notlüge. Dann steht sie auf, verabschiedet sich von Tiffyny und geht im Eiltempo nach Hause.

Melanie kommt ausser Atem zu Hause an, sie setzt sich auf das Sofa im Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein. Den Zettel, den sie für Tricolor geschrieben hat, liegt immer noch auf dem Tisch. Sie langweilt sich und hofft, dass Tricolor bald nach Hause kommt und nicht mit einer anderen Frau flirtet. Melanie schaut sich ihren Lieblingsfilm an, der fast drei Stunden dauert. «Melanie, Melanie, öffne mir bitte die Haustür, lass mich rein!», hört sie plötzlich jemanden rufen und verzweifelt an die Tür hämmern. «Ach scheisse, ich habe ja den Schlüssel stecken lassen», reagiert Melanie. Sie nimmt schnell den Schlüssel aus dem Schloss, damit Tricolor aufmachen kann. Als er hereinkommt und hinauf ins Badezimmer gehen will, sieht er, dass Melanie den Kopf hängen lässt. «Melanie, komm, wir setzen uns aufs Sofa. Wir müssen miteinander sprechen, so kann das nicht weitergehen», sagt Tricolor ein bisschen gestresst. Er beichtet ihr, dass er sich auch in sie verliebt habe. Er habe deshalb seinen Chef gebeten, einen besonderen Zaubertrank zu mischen, damit er sich nie wieder in eine Puppe zurückverwandeln müsse. Melanie wird ganz verlegen und rot im Gesicht, weil Tricolor ihre Hände hält. Sie denkt, so etwas müsse ein Traum sein, da er sie tatsächlich liebt.

Tricolor nimmt aus seinem Gewand eine Flasche, die violett glitzert und schluckt den Zaubertrank hinunter. Dann fängt er an zu zittern, wischt sich die Schminke vom Gesicht und strahlt Melanie an.

Noch am selben Tag schenkt Tricolor Melanie einen Ring, und drei Jahre später geben sich die beiden ein Eheversprechen.

 

Autorennotiz

Manche Puppen sind nicht leblos.
Manche warten nur darauf, dass jemand hinsieht.

Die fünfzehnjährige Melanie verbringt mehr Zeit mit ihren Plüschtieren als mit Menschen. Über ihrem Bett stehen ihre liebsten Figuren: Giraffen, Löwen, Katzen, eine Schildkröte – und Tricolor, ein kleiner Clown, den sie seit ihrer Kindheit besitzt.

Doch eines Morgens ist Tricolor verschwunden. Bald stellt sich heraus, dass er sich auf wundersame Weise verwandelt hat.
Was zuerst wie ein Traum wirkt, wird schnell zu etwas viel Dunklerem. Tagsüber erscheint Tricolor als geheimnisvoller junger Mann, nachts sitzt er wieder reglos auf dem Regalbrett, als wäre nie etwas geschehen. Niemand ausser Melanie scheint sein Geheimnis zu bemerken.

Während Mitschüler über sie lachen, Lehrer sich Sorgen machen und ihr einziger Freund Joel sich immer seltsamer verhält, fühlt sich Melanie mehr und mehr zu dem geheimnisvollen Wesen hingezogen. Doch Joel kennt Tricolor länger, als er zugibt – und er fürchtet ihn.

Denn hinter dem freundlichen Lächeln des Clowns verbirgt sich etwas Fremdartiges, etwas, das nicht ganz menschlich ist.
Zur selben Zeit verschwinden im Dorf Menschen spurlos. Nachts wirken die Strassen stiller als sonst, seltsame Gerüchte breiten sich aus. Melanie versucht die Wahrheit herauszufinden – doch je näher sie Tricolor kommt, desto stärker verliert sie sich zwischen Traum und Wirklichkeit.

Manche Geheimnisse verstecken sich hinter bunten Farben und einem freundlichen Lächeln.
Und vielleicht ist Liebe manchmal nur eine andere Form von Blindheit.

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Simon Vor einer Stunde und 36 Minuten
Anders geschreibenals die letzte die ich von dir las. Anders - nicht schlechter auch.

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MiriamChloes Profilbild MiriamChloe

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Kapitel: 6
Sätze: 412
Wörter: 5.581
Zeichen: 32.464

Kategorisierung

Diese Story wird neben Nachdenkliches auch in den Genres Fantasy, Vermischtes, Freundschaft gelistet.