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| Sätze: | 42 | |
| Wörter: | 1.390 | |
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Die andere Seite
Es war kurz nach fünf, als sie vor ihrer Wohnungstür im dritten Stock eines Mehrpartien-Hauses ankam und die letzten Tropfen von ihrem Regenschirm schüttelte.
Der Regen hatte den ganzen Nachmittag nicht aufgehört, ein gleichmässiges, feines Prasseln, das jetzt noch immer an den Fenstern entlanglief und sich in den Strassen sammelte.
Die Luft war schwer gewesen an diesem Tag, gedrückt, als würde etwas darin hängen bleiben, das nicht weiter wollte.
Schon auf dem Heimweg hatte sie es gespürt, ohne genau sagen zu können was es war. Nichts Konkretes, nur ein leises Unbehagen, das sich nicht vertreiben liess.
Die Strassen waren leerer als sonst. Die Menschen gingen schneller, die Köpfe gesenkt, als wollten sie dem Wetter entkommen.
Auch sie war schneller gegangen.
Jetzt stand sie vor ihrer Tür, den Schlüssel bereits in der Hand und blieb einen Moment lang stehen um dem Regen noch etwas zuzuhören.
Fast beruhigend.
Der Schlüssel lag kühl in ihrer Hand.
Für einen kurzen Moment wusste sie nicht mehr, ob sie gerade erst angekommen war oder schon länger hier stand.
Sie sah auf die Tür, als müsse sie sich vergewissern, dass es wirklich ihre war.
Dann erst steckte sie den Schlüssel ins Schloss.
Als sie rein kam, legte sie ihre Schlüssel in die kleine goldene Schale auf der Kommode neben der Tür. Sie hängte ihren Mantel an den einen Haken und den Regenschirm an den anderen. Ihre Schuhe stellte sie ordentlich parallel zu einander auf die Fussmatte, die wiederum exakt zur Wand und zur Kommode ausgerichtet war.
Es war still in ihrer Wohnung.
Diese Art von Stille, die nicht leer war, sondern dicht, als hätte sie sich über den Tag hinweg gesammelt.
Sie blieb noch einen Moment im Flur stehen und sah sich um.
Alles war an seinem Platz.
Genau so, wie sie es morgens verlassen hatte.
Warum sie trotzdem noch sich umsehend stehen blieb, wusste sie nicht.
Als erstes ging sie ins Wohnzimmer und machte Musik an, Pink Floyd`s Album „The Dark Side of the Moon“. Die ersten Töne füllten den Raum sofort. Vertraut. Kurz bewegte sie sich zur Musik bevor sie in die Küche geht um sich ein Glas Wasser zu nehmen. Sie streckt die rechte Hand aus und griff ins Leere. Das Glas stand auf der linken Seite des Waschbeckens nicht wie gewohnt auf der rechten. Sie sah einen langen Moment darauf.
Für einen Augenblick dachte sie, sie hätte sich einfach geirrt.
Vielleicht hatte sie es am Morgen so hingestellt.
Vielleicht war es ihr nur nicht aufgefallen.
Sie füllte es, trank es in einem Zug aus und stellte es wieder rechts neben das Waschbecken.
Sie blieb noch einen Moment stehen und sah zu, wie noch ein paar letzte Tropfen vom Hahn ins Becken fielen. Dann drehte sie sich um und ging zurück ins Wohnzimmer.
Die Musik lief noch.
Alles war wie immer.
Es war an der Zeit, sich etwas zu essen zu machen.
Nudeln mit Pesto würde sie machen, wie jeden Freitag.
Sie mochte dieses Ritual, es war einfach, verlässlich, jede Woche gleich.
Darüber musste sie nicht nachdenken.
In der Küche stellte sie den Topf auf den Herd und füllte Wasser hinein. Sie wartete, bis es zu sieden begann, ohne den Blick davon abzuwenden.
Das Geräusch war gleichmässig.
Fast beruhigend.
Die Musik lief weiter, irgendwo hinter ihr.
Der Dampf stieg langsam auf und sammelte sich am Rand des Topfes.
Für eine Weile beobachtete sie nur die kleinen Blasen, wie sie aufstiegen und wieder verschwanden.
Sie griff nach der Packung Penne und gab zwei Hand voll Nudeln ins kochende Wasser und sah den Nudeln beim kochen zu und bewegte sich rhythmisch zur Musik, ohne darüber nachzudenken.
Als die Penne aldente waren goss sie das Wasser ab und mischte das Pesto ein, noch Parmesan drauf und fertig. Alles ganz einfach.
Und dann ab auf die Couch, Kuscheldecke und eine Folge ihrer Lieblingsserie.
Ganz automatisch schaltete sie die Musik aus, den Fernseher an, deckte sie sich zu, lehnte sich zurück, schaute in den Bildschirm und genoss ihr Gericht. Als sie aufgegessen hatte und die erste Folge durch war ging sie mit dem leeren Teller in die Küche um aufzuräumen und ein Glas Wasser zu trinken. Sie stellte den Teller ab und griff mit der rechten Hand nach dem Glas, sie griff ins leere. Wieder.
Ein versehen, bestimmt ein versehen…!
Sie schloss die Augen.
Nur kurz.
Als sie sie wieder öffnete, stand sie vor dem Mülleimer und blickte hinein.
Ihr Wasserglas lag zerbrochen darin.
Sie drehte sich um, die Küche war aufgeräumt und sauber.
War sie das gewesen?
Sie wusste es nicht.
Daran müsste sie sich erinnern.
Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war aber draussen war es plötzlich dunkel.
Immer noch starrte sie den Mülleimer an.
Dann schüttelte sie sich und beschloss sich zusammenzureissen.
Sie griff nach dem Beutel, zog ihn heraus und band ihn fest zu.
Etwas zu fest.
Dann stellte sie ihn neben die Eingangstür.
Einen Moment blieb sie noch neben der Tür stehen.
Alles war ruhig.
Nichts bewegte sich.
Sie hörte nur ihren eigenen Atem.
Zu laut in der Stille.
Sie sah zur Kommode.
Der Schlüssel in der Schale.
Er war genau dort, wo sie ihn hingelegt hatte.
Einen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, dass etwas daran nicht stimmte.
Aber was wusste sie nicht.
Sie drehte sich um und ging den Flur entlang.
Zuerst ging sie ins Wohnzimmer, alles war so wie sie es verlassen hatte.
Weiter zur Küche die immer noch seltsam sauber aussah.
Dort blieb sie im Türrahmen stehen und betrat den Raum nicht.
Als müsse sie sich vergewissern dass er wirklich da war.
Im Schlafzimmer blieb sie stehen, auch alles wie immer.
Sie trat näher ans Fenster und blieb einfach stehen, sie spiegelte sich im Glas.
Schnell zog sie die Vorhänge zu.
Etwas zu schnell.
Wieder im Flur angekommen ging sie Richtung Badezimmer. Das Licht war schon an und die Tür einen Spalt weit offen. Sie schob sie mit der Hand ein Stück weiter auf. Nur so weit, dass sie hineinsehen konnte. Sie blieb nicht lange und zog sie die Tür wieder zu.
Als sie ins Wohnzimmer zurück kam, waren da die Vorhänge auch alle noch offen.
Eilig schloss sie einen nach dem anderen, ohne ins Fenster zu schauen.
Sie schaltete die nächste Folge ihrer Serie ein, legte sch auf die Couch und zog die Kuscheldecke ganz fest über sich.
Etwas zu fest.
Das Intro der Folge begann.
Sie hörte es kaum.
Das Flimmern des Bildschirms war das Einzige, was sich noch bewegte.
Sie lag still unter der Decke und konzentrierte sich nur darauf gleichmässig zu atmen.
Dann schloss sie die Augen.
Nur kurz.
Als sie sie wieder öffnete, war es still, der Bildschirm war dunkel, keine Musik und das Licht war seltsam gedämpft. Langsam setzte sie sich von der Couch auf und sah sich um.
Als sie aufstand fiel ihre Decke zu Boden, es war ihr egal.
Auf dem Weg ins Badezimmer störte sie sich auch nicht am Licht das noch brannte.
Sie blieb in der Tür stehen.
Das Licht im Badezimmer war zu hell.
Etwas daran wirkte falsch.
Sie ging zum Waschbecken und putzte sich die Zähne. Danach wusch sie ihr Gesicht, erst dann sah sie in den Spiegel.
Sie betrachtete ihr Gesicht intensiv.
Zu intensiv.
Sie schloss ihre Augen und versuchte sich zu erinnern.
An das Glas.
An die Küche.
Die Bilder waren da, aber sie fühlten sich entfernt an.
Nicht wie eine Erinnerung.
Eher wie etwas, das ihr jemand erzählt hatte.
Sie öffnete die Augen wieder.
Dann griff sie nach einem Kajal und zog eine Linie vom Scheitel über die Nase bis zum Kinn.
Sie liess den Stift fallen und betrachtete ihr Gesicht.
Die Linie teilte ihr Gesicht in zwei Hälften.
Eine wirkte fremd.
Sie sah sich an.
Zu lange.
Die linke Seite bewegte sich.
Ein kaum sichtbares Zucken lief durch ihre linke Seite.
Und dann, ein Zwinkern.
Nicht von ihr.
Von der anderen Seite.
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