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Katlyn Forbes

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11.12.2018 13:45
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Katlyn Forbes
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„Wir werden so unfassbar viel Spaß zusammen haben", ertönte die aufgedrehte Stimme meiner Kindheitsfreundin aus dem Nachbarzimmer, während ich versuchte meine Hygiene- und Kosmetikartikel irgendwo in diesem bereits vollgestellten Badezimmer unterzubringen.

„Ja, ganz bestimmt", pflichtete ich meiner zukünftigen Mitbewohnerin bei und zog aus einem der Schränke bereits die dritte leere Shampooflasche hervor. Olivia konnte man durchaus als Messie bezeichnen. Fluchend stellte ich meine Kosmetiktasche auf den Badewannenrand und gab mich vorerst geschlagen. Wenigstens besaß ich ein eigenes Schlafzimmer und musste dort nicht ebenfalls um eine Ablagefläche für meine Sachen kämpfen.

Ein schrilles Klingeln durchflutete die Wohnung, als ich aus dem Badezimmer in den Wohnbereich trat und meine Freundin eilte an mir vorbei zum nächsten Spiegel. Skeptisch runzelte ich die Stirn, verschränkte meine Arme vor der Brust und konnte mir mein amüsiertes Schmunzeln kaum verkneifen „Wir erwarten den Pizzalieferanten und du überprüfst dein Make-up?"

Meine hochgewachsene Mitbewohnerin wendete ihren Blick vom Spiegel ab und zuckte mit einem verschmitzten lächelnd die Schultern „Du weißt doch, ich warte immer noch auf meinen Popeye."
Offensichtlich zufrieden mit ihrer eigenen Aussage tänzelte Olivia zur Tür und ließ mich kopfschüttelnd zurück. Manchmal fragte ich mich insgeheim, wie ich an dieses aufgeweckte Ding geraten konnte. Bereits an Olivias Stimme ließ sich erahnen, dass sie den Lieferboten nicht zu ihrem zukünftigen Ehemann auserkoren hatte. Mit einem erneuten Kopfschütteln machte ich mich daran Besteck und einen Pizzaschneider zu besorgen - einen Vorteil besaß die Großstadt durchaus, es gab in näherer Umgebung mindestens zwanzig brauchbare Lieferanten, somit musste ich mich nicht mehr Abmühen irgendwelche essbaren Gerichte zu zaubern.

„Einmal Brokkoli für mich und Salami für die holde Maid", gluckste Olivia und stellte die Pizzakartons auf dem Küchentresen ab, „Gibst du mir die Schere?" Verwirrt blickte ich auf und legte das Besteck zu den Kartons „Schere?"

„Ja, Schere. Dieses Ding, mit dem du auch Papier und andere Materialien zerkleinern kannst", antwortete Olivia und rutschte auf den Barhocker. Lachend wedelte sie mit ihrer Hand in meine Richtung „Nun mach schon, ich bin am Verhungern!"

Noch immer leicht verwirrt öffnete ich die Schublade unter der Spüle und kramte die Schere hervor „Du willst die Pizza allen Ernstes mit einer Schere zerschneiden?" Skeptisch runzelte ich die Stirn und tauschte die Schere gegen meine Pizza ein, welche mir Olivia hinschob.

„Das ist unheimlich praktisch, glaub mir", hauchte meine Mitbewohnerin mir entgegen. Sie öffnete den Pizzakarton und warf dem bestellten Essen einen beinah verliebten Blick zu. Tatsächlich griff sie kurz darauf nach der Schere und schnitt ihre Pizza ohne großen Kraftaufwand in kleine Teile. Sollte ich sie nun als Genie oder lieber als Verrückte abstempeln?

„Soll ich?", fragte sie mich und hob die Schere, „Glaube mir einfach Katlyn, wir verkürzen das Leiden der Pizza damit. Zumindest mehr, als wenn du sie jetzt mit dem fast stumpfen Pizzaschneider peinigst." Verrückt, eindeutig.

Da ich bereits in unserer Kindheit herausfand, dass es nicht viel brachte, mit Olivia zu diskutieren, schob ich ihr meinen Karton wortlos hin.

„Sag mal", begann Olivia, als sie ihr tun beendete und wir anfingen zu essen. Ihr herumdrucksen ließ mich bereits unangenehme Gesprächsthemen erahnen und ihre folgende Frage bestätigte mein Verdacht: „Wie geht es eigentlich deinen Eltern und Robin. Du hast noch kein Wort über sie verloren, seitdem du hier bist." Mit gespieltem Desinteresse zuckte ich mit den Schultern „Da gibt es nicht viel zu sagen. Robin ist nach wie vor ein Eigenbrötler ohne Freunde, der Laden meiner Mutter läuft gut und Joseph ist fortwährend auf unzähligen Geschäftsreisen." Der kritische Blick seitens meiner Mitbewohnerin entging mir nicht und dennoch entschied ich mich es dabei zu belassen. Mir fiel Besseres ein als beim Abendessen über meine Familie zu debattieren.

„Aber wenn du unbedingt über unsere Familien plaudern möchtest, wie geht es denn deiner Familie?" lenkte ich das Gespräch auf Olivias Verwandtschaft, was meine Mitbewohnerin zum Schnaufen brachte. „Du lenkst vom Thema ab", warf sie ein, doch ich ignorierte es und stellte rasch meine nächste Frage „Hat Betty schon entbunden oder lassen die Zwillinge noch auf sich warten?" Olivia kräuselte ihre Lippen, offensichtlich traf ich ihren wunden Punkt, denn sie freute sich auf kaum etwas mehr als ihre zukünftigen Neffen.

„In zwei Wochen ist es soweit", erläuterte mir Olivia und biss von ihrer Pizza ab, „Zumindest laut den Ärzten - aber unsere Tante deutete beim letzten Telefon an, dass die Sterne ungünstig stünden und die beiden daher vermutlich erst eine Woche später das Licht der Welt erblicken." Mir entfleuchte ein amüsiertes Schnauben: "Die Sterne stehen schlecht? Wirklich?" Olivia hob tadelnd ihren Zeigefinger „Na. Na. Na. Stelle nicht die Einflüsse der jeweiligen Sternenkonstellation infrage, sonst lädt dich meine Mutter beim nächsten Thanksgiving aus. Willst du tatsächlich auf den Truthahn mit Cranberrysoße verzichten, meine Liebste?"

Kopfschüttelnd schob ich den zur Hälfte geleerten Pizzakarton von mir, man konnte mich nun definitiv als gesättigt bezeichnen.
„Als würde ich jemals auf euer Thanksgiving verzichten. Aber gut, lass uns morgen weiter in Erinnerungen schwelgen. Denn ich sehne mich für heute nur noch nach meinem Bett."

Die Fahrt hierher hatte an meinen Kräften gezerrt, ganz zu schweigen von dem Kraftakt meine ersten Sachen in Olivias Wohnung zu schleppen. Auf dem ersten Blick wirkte es beinahe wie eine göttliche Fügung, dass der Mitbewohner meiner besten Freundin gerade dann auszog, als ich mich auf Wohnungssuche begab.

„Lass stehen, ich räume es später weg" warf Olivia ein, als ich das unbenutzte Besteck zurück räumen wollte. Dankend lief ich um die Küchentheke herum und gab meiner besten Freundin einen Kuss auf die Wange „Dankeschön Olivia, für alles." Wie sollte ich nur ihre Großzügigkeit wiedergutmachen? Immerhin ließ sie mich hier mietfrei wohnen, solange ich noch nach einem Job suchte - eine Geste für die ich ihr gegenüber unendliche Dankbarkeit empfand. Zumal unser Kontakt in den letzten zwei Jahren, als sie unsere Kleinstadt verließ, doch eher sporadisch war. Dennoch schien sich nichts zwischen und verändert zu haben, eine Tatsache, die in mir ein Gefühl der Glückseligkeit hervorrief.

Gerade als ich den Wohnbereich verlassen wollte, hielt mich Olivias Stimme zurück: „Katlyn?" Fragend wendete ich mich um, Olivia hatte sich auf dem Barhocker in meine Richtung gedreht und ein nahezu zärtliches Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Ich bin froh, dass wir wieder zusammen sind. Es war fürchterlich einsam ohne meine beste Freundin und wenn du etwas brauchst, dann gräme dich nicht davor mich zu fragen, in Ordnung?" ihre Worte machten mir eines erneut bewusst, Olivia Soris war für mich so viel mehr als nur eine beste Freundin, Olivia war Familie. Glücklich erwiderte ich ihr Lächeln und schüttelte wie schon so oft sachte meinen Kopf „Ich bin ebenfalls unheimlich glücklich hier bei dir zu sein. Schlaf schön, Olivia."

„Du auch."

Eine gefühlte Ewigkeit lag ich noch wach und in meinem Kopf kreisten die Gedanken. Als ich Porga Heaven verließ, kapselte ich mich bewusst von vielen Dingen ab. Ich erhielt die Zusage von Olivia und kündigte noch am selben Tag meine Wohnung, eine Woche später meinen Job im Diner. Somit verbaute ich mir die Möglichkeit zurückzukehren und die Feigheit über meinen neu gewonnenen Mut siegen zulassen. Meinem Bruder erklärte ich meine Pläne, während wir die nötigen Dinge für sein herannahendes Schuljahr besorgten, für meine Eltern gab ich Robin lediglich einen Brief mit und mein Freund erhielt von mir nicht mehr als eine SMS, kurz darauf blockierte ich seine Rufnummer in meinem Telefon. Manchen schien mein Verhalten äußerst radikal zu erscheinen, doch für mich kristallisierte es sich eher als die ideale Methode heraus, um nicht wieder umzukehren.

Mein Neustart sollte sauber ablaufen, ohne Komplikationen oder Menschen, die mich aufhielten. So sehr ich Porga Heaven liebte, so fürchtete ich mich vor dieser Kleinstadt und den Gedanken an eine mögliche Rückkehr. Ich hatte meine Arbeit satt, fühlte mich von meinem Freund eingeengt und meine Eltern setzten mich täglich unter Druck, indem sie mich wiederholt, darum baten doch noch dem Familienunternehmen beizutreten. Ich sehnte mich nach Freiheit, danach eigene Entscheidungen zu treffen und mein Leben so zu genießen, wie es einer jungen Frau in meinem Alter zustand. Möglicherweise konnte man mich aufgrund meines Verhaltens als Egoistin bezeichnen, doch dieses angenehme Gefühl in meiner Brust ließ mich ohne schlechten Gewissens und mit einem Lächeln auf den Lippen doch noch ein wenig Schlaf finden.

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Autor

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Sätze:74
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Kurzbeschreibung

1354 Wörtern über Freundschaft, Neuanfang und Pizza.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Freundschaft auch im Genre Familie gelistet.