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Unsere Welt der Ameisen

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28.5.2019 19:49
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Der kleine Junge ist gebräunter als im letzten Monat. Auf dem Dach des Wohngebäudes an diesem sonnigen Tag in Aleppo sitzt er in der Hocke und schaut ohne sich zu rühren auf den Boden. Wie ein Gott von oben beobachtet er die Ameisen in ihrer Welt wie sie fleißig arbeiten. Nach einer Weile hebt er sich und sein Schatten hebt sich weg von der Ameisenwelt. Er schiebt mit einem Fuß ein bisschen Sand in ihre Richtung und nun laufen die Ameisen wie verrückt durcheinander. Dann strukturieren sie sich neu und es geht wieder fleißig weiter in ihrer Welt. Er beobachtet sie nun im Stehen weiter und dann schaut er zur seiner Seite auf einem Sandhaufen in der Ecke neben Ziegeln mit denen die Familie die Dachmauer erhöhen will. Er ist schnell neugierig was denn wohl passiert wenn er mehr Sand auf die Ameisen kippt, aber dieser Gedanke ist schnell verdrängt durch ein Mitgefühl für diese Lebewesen.

Er schaut nach Hinten, und dann nach oben zum Himmel wo gerade vielen Geräusche herkommen. Nach einer Weile, ist die Welt der Ameisen nicht mehr. Das Dach, das Wohngebäude und der kleine Junge sind auch nicht mehr.

Die älteste Schwester schaut in dieser Nacht mit weinenden Augen auf die Trümmer die sich mit ihrer Familie vermischen.

Sie hatte keinen jüngeren Bruder bis sie sieben Jahre alt war, dann kam er wie aus dem nichts in ihr Leben, und sie liebte ihn und achtete auf ihn. Ihr kleiner Bruder wird tot geborgen. Ein weiteres Licht in ihrem Leben ist ausgelöscht. Wieder in ihrem Leben ist sie sieben Jahre alt und ohne Bruder, sie fragt sich wofür diese letzten neun Jahre in ihrem Leben waren. Ihre gesamte Welt ist nicht mehr. Übrig ist nur der Trümmerstaub einer Vergangenheit auf ihren Klamotten.

Fünf Jahre ist es her seitdem sie aus Aleppo in Menschenherden nach Deutschland ging, in eine neue Welt. 

Der vierzig jährige Mann an der Kasse im Lidl ist Alkoholiker. Nüchtern zu sein bei der Arbeit fällt ihm schwer. Er kann die Pausen kaum abwarten um sich heimlich was runterzuschütteln. Seine Kollegen kennen seine Probleme. Obwohl er gerade aus einer langen Pause kommt nach dem plötzlichen Tod seiner geliebten Frau, wirkt er nicht mal halbwegs arbeitsfähig, oder Lebensfähig.

Als er an diesem sonnigen Tag ohne Begrüßung die Ware einer Kundin einscannt und dann plötzlich in Tränen ausbricht, wird er gebeten eine Pause zu machen an der frischen Luft. Der Chef wird informiert.

Draußen heult der Mann wie ein Schlosshund und kann nicht mehr aufhören. Er geht langsam Richtung Boden und stützt sich mit einem Arm bevor er sich langsam zusammenrollend hinlegt wie ein kleiner Junge. Er heult weiter. Es sind kaum Leute da. Nach einer Weile liegt er nur noch da und heult nicht mehr, und rührt sich nicht. Er schaut nur nach vorn, da vorne ist eine Ameisenwelt.

Irgendwann stützt er sich sitzend auf den Boden und will nie wieder trinken, er schaut ruhig nach oben zum Himmel.  Das neue Kassenmädchen aus Aleppo kommt aus der Tür um Pause zu machen. Sie kennt seine Geschichte, und er ihre. Sie schauen sich gegenseitig an. Fünf Jahre ist es her als sie sich den Trümmerstaub vom Körper wegklopfte und weiter zog. Der Mann steht auf und geht nach Hause. Zuhause bemerkt er den Staub auf seien Klamotten vom Boden und klopft ihn weg.

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