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Ein Besucher im Schlummer

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28.1.2020 21:32
Fertiggestellt

Der kühle Hauch des Windes streichelt mir den Nacken; der Sonne warmer Kuss erhellt mir das Gemüt; es kitzelt meine Nase der lieblich frische Duft der holden Gräser. Ja, so herrlich war lange kein Tag mehr. Ich sitze auf meinem scharlachroten Tuch inmitten der Wiese, auf welcher ich bereits zahlreiche Nachmittage und Abende verbracht habe. Trotz der starkbefahrenen Straße gleich nebenan ist es hier so still wie in keinem Wald, lediglich ein paar Vögel singen ihre Lieder. Ich genieße diese Stille; lasse sie meinen Geist einnehmen, und sämtliche Gedanken verstummen. Doch, da: Die Sonne steigt bereits zum zweiten Mal herab. Es wird Zeit für mich zurück nachhause zu gehen. 

Ich öffne die Tür und trete in das Zimmer hinein. Es ist kleiner als sonst. Mein Bett ist nur noch eine Krippe, mein Arbeitsplatz ein bloßer hölzerner Hocker, und mein Schrank gleicht einem Nachttisch. Ich ziehe mir Schuhe und Jacke aus, lege sie in der Ecke ab, und setze mich. Der Raum ist dunkel. Ich möchte etwas Licht hereinlassen und stehe wieder auf. Ich schaue mich um, doch auch das Fenster ist verschwunden. Es klopft an der Tür. Es ist mein Vater; dabei dachte ich, er sei verstorben. “Was machst du denn hier?”, frage ich. “Was denn? Darf ein alter Herr seinen Jungspund denn nicht mehr besuchen kommen?”, erwiderte er. “Doch schon. Ich hab’ dich nur nicht erwartet. Das ist alles. Bitte, komm rein.” “Sehr gerne, mein Junge. Oh, hier ist’s ja zappenduster.”, sagt er. “Ja, ich weiß.”, gebe ich zur Antwort. “Ich habe keine Fenster mehr. Aber die Tür steht ja jetzt offen.” “Sag’ mal, Sohn, was hältst du davon, wenn wir zwei ein wenig nach draußen gehen?”, fragt er mich. “Finde ich gut.”, gebe ich zur Antwort. “Also dann. Greif’ nach Mantel und Schuh’ und folge mir.” Ich greife nach Mantel und Schuh’ und folge ihm. 

Wir überqueren die Straße und sind wieder auf der Wiese in dem Tal. Es ist aber anders als zuvor: Die Stille ist nicht mehr. Sie wurde durch allerlei Geräusche ersetzt und auch die goldenen Strahlen tanzen nicht mehr so elegant. “Ich mochte es mehr, als du nicht da warst.”, sage ich zu meinem Vater. “Ach, das meinst du nicht so.”, antwortet er mir. “Schau mal: da vorne liegt auch noch dein Tuch.” Wir laufen hin und setzen uns auf den samtigen Grund. Dabei möchte ich aber nicht hier sitzen; möchte nicht auf dieser Wiese sein – nicht mit ihm. Er hätte so oft mitkommen können, ist es aber nie. Jetzt ist dieser Ort zu meinem Fleck des Alleinseins geworden. Ich möchte hier niemanden haben; auch den lieben Vater nicht. Meine Gedanken bleiben aber unausgesprochen. Ich will ihm nicht die Freude an dieser Wiese vorenthalten, nur weil ich mich unwohl fühle. Also bleiben wir sitzen; auf dem Tuch, auf dem ich sonst immer alleine gesessen bin. Gelegentlich tauschen wir Blicke aus, sprechen aber nicht. Es gibt nichts zu bereden; er weiß alles, was er wissen muss, und ich weiß alles, was ich wissen will. Ob er wohl die gemeinsame Zeit mit mir an diesem tristen Ort genießt? Ein paar Mal möchte er etwas sagen, weiß aber nicht was. Kein Wort verlässt seine Lippen. Irgendetwas liegt ihm auf dem Herzen. Ich kann es fühlen. Ich reiche ihm ein Blatt Papier und einen Stift – wenn er schon nicht sagen kann, was ihn bedrückt, vielleicht kann er es wenigstens aufschreiben. Immer wieder lässt er den Stift über das Papier fahren, bevor er es mir jedoch zurückgibt, löscht er, was er eben geschrieben hatte. Irgendwann legt er den Zettel neben sich, und lässt ihn dort unberührt verbleiben. Es vergeht etwas Zeit, bis er schließlich anfängt zu reden: “Also, Junge, es wird langsam spät. Ich muss dich leider wieder verlassen.” Er steht auf, ich bleibe sitzen. “Es hat mich gefreut, etwas Zeit mit dir zu verbringen. Ich hoffe, wir können das irgendwann mal wiederholen.” Ich gebe ihm keine Antwort; lediglich ein leichtes Kopfnicken. Er beginnt zu gehen. “Ich verstehe.”, sagt er leise, und läuft weiter. Er dreht sich um und lächelt mich mit einem angezogenen Mundwinkel an, doch da verschlingt ihn auch schon das Dunkel, mit dem die erneut untergehende Sonne mich zurücklässt. Es ist wieder still. 

Autorennotiz

Hallo Zusammen. Dieser Text ist in einer Uni-Arbeit entstanden, bei der es um das Thema "Schlaf" ging. Es ist einer von etwa einem Dutzend Texte, die ich hier veröffentlichen werde. Ich hoffe, er gefällt euch.

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Autor

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Sätze:76
Wörter:741
Zeichen:4.107

Kurzbeschreibung

Ein Mann hat einen Traum, in dem er einen Nachmittag zusammen mit seinem Vater verbringt.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Drama auch in den Genres Trauriges, Nachdenkliches und Familie gelistet.

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