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Der beste Freund

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3.7.2018 19:42
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt
Verena, Verena. Sie war alles, an das ich denken konnte. Für mich gab es nichts anderes. Nur sie. Sie war einfach die perfekte Frau. Mein Leben ohne sie wäre ein großer Irrtum. Sie war mehr für mich als nur eine von vielen. Sie war der Diamant in einem Haufen von Kieselsteinen. Sie stach aus der Masse heraus, war etwas besonderes. Niemals könnte ich es ertragen, sie zu verlieren. Sie war meine Welt, mein Ein und Alles, mein Leben!
Verena und ich kannten uns schon seit Ewigkeiten. Damals gingen wir zusammen zur Schule. Von Anfang an haben wir uns ausgezeichnet verstanden. Gemeinsame Interessen wie die Liebe zur Kunst haben uns zusammengeführt. Wir waren gut befreundet, ja, sogar beste Freunde! Doch heimlich war ich schon immer in sie verliebt. Vom Augenblick unserer ertsen Begegnung bekam ich sie nicht mehr aus dem Kopf. Ich liebte einfach alles an ihr, vom Antlitz bis hin zur Güte ihres Herzens, der Stärke ihres Charakters, ihrer Leidenschaft. Verena war wahrlich ein einziges Kunstwerk! Und doch gelang es mir nie, ihr meine wahren Gefühle zu offenbaren. Unzählige Male nahm ich mir dies vor, nie fand ich den Mut dazu. Was mich letztlich zurückhielt, war die Angst, sie zu verlieren, sollte sie meine Gefühle nicht erwidern. Ich fürchtete, sie würde sich von mir distanzieren, sobald sie von meiner unsterblichen Liebe erfuhre. Ich wollte die Freundschaft nicht aufs Spiel setzen. Jeden Tag ärgerte ich mich aufs Neue, ein solcher Feigling, ein minderwertiger Schwächling zu sein. Stark sein war doch alles, was ich wollte. Ich wollte für Verena stark sein. An einem Schwächling wie mir konnte eine solch umwerfende Frau unmöglich Gefallen finden. Doch ich schwieg, ich schwieg, weil ich nicht anders konnte. Eine unsichtbare Kraft hielt mich zurück. Doch noch war es nicht vorbei. Ich hatte noch die Gelegenheit dazu, ihr meine Liebe zu gestehen! Und bald sollte es so weit sein! Nichts würde mich davor abhalten!
Ich bemühte mich, Verena möglichst jeden Tag zu sehen. Da sie eine viel beschäftigte Frau war, war dies nicht immer möglich. Doch, wenn wir keine Zeit miteinander verbringen konnten, spionierte ich ihr nach. Ich verfolgte sie heimlich. Anschließend wurde ich von schrecklichen Schuldgefühlen geplagt. Wenn sie das nur wüsste...Doch ich musste es tun. Ich erlag einem inneren Zwang, der mir ein anderes Handeln nicht ermöglichte und mich der Handlungsfreiheit beraubte. Ich war unfrei, hatte keine Wahl. Konnte ich sie nicht sehen, starb ich innerlich und das nicht nur einmal, sondern mehrmals. Jede Sekunde, die verstrich, in der ich nicht bei ihr war, war vergeudete Zeit.
Jenen Abend verbrachte ich mit Verena. Wir saßen gemeinsam bei ihrem Lieblingsitaliener und genossen das gute Essen. Sobald ich in ihrer Nähe war, ging es mir augenblicklich besser. Die Übelkeit, die Kopfschmerzen, all das war verschwunden und einem wohltuenden Kribbeln gewichen. Mein Herz, das ansonsten unaufhörlich raste, beruhigte sich. Es beschwerte sich einfach nur, wenn es nicht in der Nähe Verenas Herzens sein konnte. Doch in diesem Moment war alles gut.
"...ich habe dich etwas gefragt. Hallo, Sebastian? Ich rede mit dir!"
Verenas Worte rissen mich aus meiner Trance. Erst jetzt realisierte ich, dass ich sie die ganze Zeit über angestarrt haben musste. Ich hatte ihr lange Zeit so verträumt in die Augen geblickt, dass ich gar nicht mitbekam, dass sie mich etwas gefragt hatte.
"Entschuldigung, was ist los?", gab ich verwirrt zurück.
Sie schmunzelte (ich liebte es, wenn sie das tat). "Also wirklich Sebastian. Hast du etwa zu viel getrunken?"
Sie deutete auf mein Weinglas, welches halb leer war.
"Nein, das ist es nicht...es ist nur", begann ich.
"Man könnte meinen, du wärst verliebt", lachte Verena. Sie schien sich selber über diesen Gedanken zu amüsieren. Ihr bester Freund konnte doch nicht in sie verliebt sein. Niemals!
"Was ich? Wie kommst du darauf?"
In meinem Herzen spürte ich einen Stich, als ich diese Worte aussprach. Jetzt sah mich Verena ernst an. Mir wurde in diesem Augenblick endgültig bewusst, von welch atemberaubender Schönheit sie eigentlich war. Ihre vollen Lippen, das wallende schwarze Haar und die tiefblauen Augen, so tief, das ich darin zu ertrinken drohte.
Nach einer kurzen Pause meinte sie schließlich etwas unsicher: "Naja, besonders in letzter Zeit warst du etwas anhänglicher als zuvor. Ehrlich gesagt fühle ich mich etwas bedrängt von dir."
"Von mir? Das tut mir Leid. Dieser Eindruck sollte nicht entstehen."
Zögerlich fragte Verena: "Du bist mein bester Freund. Mit dir kann ich über alles sprechen. Wir bleiben doch Freunde, oder nicht? Nur Freunde meine ich."
Ich wusste zunächst nicht, was ich darauf entgegnen sollte. Wie gerne hätte ich ihr alles erzählt. Ich war mir nicht sicher, wie lange mein Herz dieser enormen Belastung noch standhalten konnte. Doch, ich log erneut, weil ich nicht anders konnte und der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen war: "Ja, da ist nichts weiter. Wir sind und bleiben Freunde."
Ich spürte erneut einen Stich in meinem Herzen, dieser jedoch noch viel schmerzhafter als der vorherige.
Beschämt sah ich auf meinen Teller, doch der Appetit war mir völlig vergangen. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Auch Verena schien dieses Thema unangenehm zu sein, weshalb sie etwas ganz anderes erzählte.
"Was ich dich eben fragen wollte, als du mir anscheinend nicht zugehört hast, ist Folgendes: Der Abend ist noch früh. Hast du heute noch etwas vor?"
Mein Herz machte einen Sprung. Wollte sie etwa die Nacht mit mir verbringen? Die Worte blieben mir fast im Hals stecken. Das einzige was ich erstickt hervorbrachte, war: "Nein und du?"
Meine aufmerksamen Augen, die Verena niemals aus dem Blick ließen, bemerkten sofort, dass sie plötzlich unruhig wurde.
"Nunja, ich treffe mich noch mit jemandem", sagte sie und auf ihrem hübschen Gesicht machte sich ein Lächeln breit. Auf einmal war ich hochgeschnellt, blitzschnell, hellwach.
"Mit wem?", presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
 Verena lief leicht rot an und gab dann zurück: "Ich wollte es dir schon länger sagen. Aber irgendwie war es mir unangenehm. Doch ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht getraut habe, es dir, Sebastian, meinem besten Freund zu erzählen. Dir kann ich alles anvertrauen, also auch das."
"Schieß los", bat ich etwas ungeduldig.
"Ich habe einen Freund."
Diese Worte waren schmerzhafter als jeder Messerstich. Ich durfte mir jedoch nichts anmerken lassen, da sie ohnehin langsam skeptisch wurde. Konnte ich schon nicht mit Verena zusammen sein, so wollte ich doch wenigstens die Freundschaft bewahren, obwohl dies mich alles andere als zufrieden stellte.  Ich rang verzweifelt nach Atem.
"Was ist?", fragte sie besorgt.
"Nichts, alles gut. Das freut mich für dich. Erzähle mir von ihm." Wollte ich das wirklich wissen? Nunja, ich musste.
Also begann Verena zu erzählen, während ich mich angestrengt bemühte, mich zusammenzureißen: "Er heißt Marc. Wir haben uns vor einigen Monaten kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick, weißt du? Nun sind wir ein Paar und unglaublich glücklich zusammen. Er ist der erste Mann, den ich jemals geliebt habe. Er hat einen unglaublich tollen Charakter, ist charmant, elegant und sehr liebevoll. Zudem sieht er einfach nur umwerfend aus. Braungebrannt, schwarzes Haar, dunkle Augen. Einfach unwiderstehlich."
Genau ihr Typ war dieser Marc also. Sofort fühlte ich mich elend, dass meine Haut kreidebleich und nicht braungebrannt war, meine Augen blau und nicht dunkel und meine Haare blond und nicht schwarz waren. Doch glaubte ich nicht auch einen guten Charakter zu haben? Warum liebte Verena also nicht mich. Schließlich kannten wir uns schon viel länger. Doch das war wohl eher ein Nachteil für mich, da ich kein Mysterium mehr für sie war. Sie kannte mich einfach zu gut. Ein unerträglicher Gedanke!
Wackelig auf den Beinen stand ich auf. "Lass dich drücken, Verena", sagte ich mit gespielter Freundlichkeit.
Auch sie stand auf und fiel mir um den Hals. Ich drückte sie ganz fest und hätte sie am liebsten nie wieder losgelassen.
"Danke Sebastian! Ich liebe ihn so sehr! Endlich weißt du es jetzt."
In diesem Moment hätte ich Verena am liebsten geküsst, mehr noch, es war mein größter Wunsch. Doch damit hätte ich nur alles zerstört. Also ließ ich es sein!
Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten wir unsere Umarmung. Mit einem Blick auf die Uhr, meinte sie, dass Marc vor dem Kino auf sie wartete und sie jetzt los müsse. Daraufhin verabschiedeten wir uns. Ich bezahlte und ging dann ebenfalls. Doch nicht nach Hause, noch nicht. Nicht, bevor ich wusste, wer dieser Marc war. Also fragte ich Verena mit ausreichendem Abstand, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, wie ich es so oft tat. Und wie immer schämte und hasste ich mich dafür, doch ich konnte es nicht sein lassen.
In der Dunkelheit konnte Verena mich glücklicherweise nicht sehen. Unauffällig und leisen Schrittes war ich ihr bis zum Kino gefolgt. Ich versteckte mich hinter einem großen Werbeschild, den Blick auf dem Eingang zum Kino gerichtet. Tatsächlich stand dort bereits ein junger Mann, auf den Verenas Beschreibung genau zutraf. Voller Neid musste ich mir eingestehen, dass er wirklich gut aussah. Als Verena ihn von Weitem erblickte, begann sie auf ihn zuzulaufen und er kam ihr entgegen. Sie umarmten und küssten sich und der Schmerz in meinem Herzen loderte erneut auf. Als die beiden im Kino verschwanden und nicht mehr zu sehen waren, machte ich kehrt und rannte nach Hause. Ich rannte durch die Dunkelheit. Ich rannte um mein Leben. Ich wollte nur noch ins Bett und endlich schlafen.
Zuhause angekommen musste ich mich übergeben, da die Übelkeit nahezu unmenschliche Maße angenommen hatte. Anschließend legte ich mich ins Bett und weinte bitterlich bis ich endlich einschlief. Unzählige Male habe ich mich in den Schlaf geweint. Das einzige woran ich denken konnte, bevor ich in die Traumwelt einkehrte, war, wie ich Marc loswerden konnte. Irgendwie musste es möglich sein, Verena doch noch für mich zu gewinnen. Eines stand fest. Marc musste weg! Mein Hass auf ihn war abgrundtief! Und dann schlief ich!
Am nächsten Morgen wachte ich müde auf. Ich hatte unruhig geschlafen. Die Tränen waren zwar getrocknet, doch die Wunde im Herzen war nach wie vor offen. Wie immer, wenn ich aufwachte, war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, wie sehr ich Verena liebte. Der zweite Gedanke an diesem Morgen war, wie sehr ich diesen Marc hasste. Tatsächlich spürte ich zum ersten Mal ein stärkeres Gefühl als die Liebe. Der Hass hatte mein zutiefst verwundetes Herz eingenommen. Dieser richtete sich einzig und allein gegen Marc. Verena traf keine Schuld, davon war ich überzeugt. Dieser Mann hatte sie mit seinen äußerlichen Reizen verführt, auf die falsche Fährte gelockt. Eigentlich liebte Verena nämlich nur mich und sonst niemanden. Alles was ich tun musste war, ihr die Augen zu öffnen. Einfach nur die Augen zu öffnen...
Als ich mich angezogen hatte, läutete auf einmal das Telefon. Ich nahm den Hörer ab. "Hallo?"
"Hallo Sebastian." Es war Verena. Mein Herz schlug augenblicklich höher.
"Was gibt es, Verena?"
"Ich wollte mich nochmal dafür entschuldigen, dass ich dir erst gestern von Marc erzählt habe. Das war falsch. Ich hätte es dir früher sagen sollen."
"Und deswegen rufst du mich zu solch früher Stunde an?"
"Früh? Sebastian, es ist fast zwölf Uhr!"
Ich sah auf die Uhr. Es war tatsächlich nicht so früh, wie ich angenommen hatte. Aufgrund des Schlafmangels dachte ich wohl einfach, dass es noch früh am Morgen sein musste.
"Ich bin dir nicht böse", sagte ich. "Doch würde ich deinen Freund gerne kennenlernen." Ich hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich sagte. Instinktiv sagte ich, dass ich ihn gerne kennenlernen würde.
Mit freudiger Stimme antwortete Verena: "Das passt ausgezeichnet! Ich wollte dich nämlich ohnehin fragen, ob du Lust hast, dich heute Abend mit Marc und mir zu treffen. Das ist der eigentliche Anlass meines Anrufs."
"Natürlich will ich das! Wann und wo?"
"Wir haben uns überlegt, zusammen in der Disco ´Beste Freunde` zu feiern. Wir sind um neun Uhr dort. Bist du dabei?"
"Selbstverständlich bin ich das. Ich freue mich schon sehr darauf, Marc endlich kennenzulernen. Wenn du in ihn verliebt bist, muss er wirklich ein ausgezeichneter Mann sein." Ich hasste mich dafür, diese Worte ausgesprochen zu haben.
Verena meinte nur: "Ja, er ist wirklich unbeschreiblich. Ein starker Mann. Dann bis heute Abend Sebastian. Ich freue mich auch...wir freuen uns."
"Bis heute Abend."
Dann legte sie auf. Ich ließ mich in den Sessel fallen, denn ein Gefühl von Schwäche und Ohnmacht überwältigte mich. Alles um mich herum drehte sich. Worauf hatte ich mich da nur eingelassen?
Ich wusste nicht, ob ich es ertragen könnte, Verena zusammen mit einem anderen Mann zu sehen. Ich kannte Marc nun wirklich überhaupt nicht, doch das brauchte ich auch nicht. Ich wusste über ihn alles, was ich wissen musste. Er war der Freund meiner Geliebten und ich war nur der beste Freund. Eines stand für mich fest:
Ich konnte diese Schmach, diese schmerzhafteste aller Demütigungen nicht auf mir sitzen lassen. Mein Hass auf Marc war so tief, dass es nur eine Möglichkeit gab, mich vom Schmerz zu befreien. Marc stand meinem Glück im Wege. Also musste er sterben. Und nicht irgendwie. Nein, er musste durch meine Hand sterben. Ich musste derjenige sein, der seinem Leben ein Ende bereitete. Doch ich tat das nicht für mich. Nein, ich war kein egoistischer Mensch. Ich würde es einzig und alleine für Verena tun, um sie vor diesem Monster zu schützen. Wie sagte sie zuvor am Telefon? Marc war ein starker Mann! Nun, dann war es an mir, zu zeigen, dass ich stärker war, wenn es das war, was ihr so gefiel. Morden ist nicht unmoralisch, wenn es dem Wohle anderer dient, in diesem Falle dem von Verena. So sah ich das jedenfalls. Und ich war klar bei Verstand! Ich handelte schließlich nie unüberlegt. Niemals! Marc hatte Verena den Kopf verdreht, er hatte sie mir genommen, mein Unglück somit besiegelt. Strafe musste sein! Er hatte den Tod verdient. Und während ich da so saß und überlegte, wie ich ihn am Besten aus dem Spiel ziehen konnte, kam mir eine unglaublich gute Idee...
Obwohl wir uns erst um neun in der Disco treffen wollten, war ich bereits eine halbe Stunde vorher dort. Ich musste noch letzte Vorkehrungen treffen. Mein Plan war genial, gleichzeitig aber auch sehr riskant. Doch was sollte schon schief gehen? Schließlich war alles gut durchdacht, ich handelte eben nach der Vernunft. Ich war ja kein Verrückter!
An diesem Abend war einiges los in der Disco. Wie die Verrückten feierten und tranken diese ganzen Idioten. Ich fragte mich, was jemand so großartiges erreichen konnte, was dieses ganze Feiern rechtfertigen konnte. Aber das war ja nicht mein Problem. Ich war zum Arbeiten da.
Ich stand schweigend und ganz alleine mit düsterer Miene am Rand und beobachtete den Eingang. Neun Uhr war schon vergangen und doch waren Verena und Marc noch nicht eingetroffen. Ich griff in meine Hosentasche und fühlte nach, ob es noch da war. Das war der Fall. Die Tabletten waren noch da.
Der Gedanke daran, bald Verena zu sehen, versetzte mich in eine wohlige Unruhe und endlich traf sie ein. Mit zehnminütiger Verspätung und...natürlich mit Begleitung. Mein Blick fiel nur auf sie. Sie trug ein rotes Kleid, in dem sie unbeschreiblich gut aussah. Mein Herz machte einen Sprung und meine Kinnlade klappte etwas nach unten. Sie sah sich zunächst suchend um und als sie mich erblickte, kam sie lächelnd auf mich zu. Erst jetzt fiel mir Marc auf, der ihr wie ein Hund hinterhereilte. Wie ein Hund...
Marc trug einen schwarzen Anzug, in dem er zugegebenermaßen sehr nobel aussah.
"Hey Sebastian, wie schön, dass du da bist", begrüßte mich Verena als sie bei mir war und schenkte mir eine herzliche Umarmung.
"Hallo Verena", hauchte ich. Mein Herz schlug jetzt so schnell, dass es fast weh tat. Eigentlich war es für Verena unmöglich, das Klopfen zu überhören, so laut war es. Anschließend widmete ich mich ihrem Begleiter. Er lächelte und streckte seine Hand aus.
"Guten Abend. Ich bin Verenas Freund. Mein Name ist Marc, Marc Schuster."
Äußerst widerwillig gab ich ihm die Hand, warf ihm einen eiskalten Blick zu und drückte ganz fest zu.
"Sebastian", war das einzige, was ich zur Begrüßung sagte:
"Sehr erfreut, Sebastian. Da hat aber jemand einen festen Griff", schmunzelte Marc. Ich ließ seine Hand los.
"Marc, Sebastian ist mein bester Freund. Wir kennen uns schon seit Ewigkeiten. Ich freue mich so, dass ihr euch endlich kennenlernt", verkündete Verena mit freudiger Stimme. Sie strahlte. Ich liebte es, sie glücklich zu sehen. Doch nicht unter solchen Umständen. Die Ärmste wusste gar nicht, wie ihr geschah. Dieser gutaussehende Mann hat sie mit seinem Charme manipuliert. Doch ich wusste direkt, mit wem ich es zu tun hatte. Ich hatte diesen Verräter sofort durchschaut. Diese Scheinheiligkeit, diese Arroganz. Wahrlich, ein solcher Mensch hatte nicht das Recht, mir meine Geliebte zu nehmen. Niemand hatte das. Und dass er es wagte, es dennoch zu versuchen, würde er bald bitter bereuen.
"Ja, ich bin...der beste Freund", sagte ich schließlich wehmütig. Und das nur wegen Marc. Ohne ihn wäre alles gut!
"Oh ja, Verena hat mir schon von dir erzählt", sagte Marc.
"Tatsächlich? Hat sie das? Hast du das Verena?"
Verena nickte und sah beschämt zu Boden.
"Wie dem auch sei. Erzähl etwas von dir, Sebastian. Was machst du so beruflich?", fragte mein Feind.
Ohne eine Miene zu verziehen sagte ich: "Hier geht es nicht um mich. Ich möchte etwas von dir wissen. Ich rede nicht gerne über mich selber. Erzähl du mir von dir, Marc."
Dieser zuckte kurz mit den Achseln und ergriff wieder das Wort: "Ich arbeite als Informatiker, weißt du? Schöner Job, sehr erfüllend!"
"Marc leistet hervorragende Arbeit", unterbrach ihn Verena und gab ihm vor meinen Augen einen Kuss. Warum nur konnte sie mich nicht loben, mich nicht küssen? Und wieder spürte ich den Stich in meinem Herzen.
"Ich hatte einfach nur Glück", meinte Marc und küsste Verena seinerseits auf die Stirn. Das wird dir bald vergehen, Marc, das verspreche ich dir, dachte ich.
Ich wechselte schnell das Thema, da mich ihr kleiner Flirt enorm aufregte und ich es mir nicht länger ansehen wollte: "Wir sind aber doch wohl nicht hier, um zu reden. Kommt, lasst uns trinken und etwas Spaß haben!"
Die Stunden vergingen wie im Flug und alles verlief genau nach Plan. Verena und Marc nahmen einen Drink nach dem anderen zu sich, tanzten, lachten, machten Witze und feierten als gäbe es kein Morgen. Um nicht aufzufallen, feierte ich so gut mit, wie es unter den gegebenen Umständen möglich war. Doch ich selber trank nichts. Zwar bestellte ich immer wieder einen neuen Drink, doch ich nahm davon keinen einzigen Schluck zu mir. Sobald Marc sein Glas geleert hatte, kippte ich den Inhalt des meinigen in seines, wenn er gerade nicht aufpasste. Dass sich sein Glas immer wieder wie von Zauberhand neu füllte, schien er nicht zu bemerken, was dazu führte, dass er immer weiter trank und trank und trank.
Lange Zeit sagte niemand von uns ein Wort, bis Verena auf einmal schrie, um die laute Musik zu übertönen: "Ich bin so froh, dass ihr euch so gut versteht. Ihr seid die wichtigsten Menschen in meinem Leben, müsst ihr wissen."
"Klar! Sebastian und ich sind jetzt auch Freunde, stimmt´s Kumpel?", faselte Marc sichtlich angetrunken.
"Natürlich sind wir das", sagte ich wobei ich ein gekünsteltes Lächeln aufsetzte. Der eisige Ton war jedoch nicht aus meiner Stimme gewichen, doch sowohl Verena als auch Marc waren schon zu betrunken, um dies zu bemerken.
"Noch einen Drink, Marc?", fragte ich.
Es war tiefste Nacht. Die Party war gelaufen. Die Disco hatte sich schnell geleert. Innerhalb weniger Minuten verließen die meisten den Ort.
Verena hatte sich einen Taxi bestellt, auf den wir nun warteten. Marc dagegen wollte zu Fuß nach Hause gehen, da sein Anwesen in der Nähe war und er daher keinen weiten Weg zurückzulegen hatte.
"Aber...Marc...du kannst doch nicht alleine...ich meine...du kannst kaum noch gehen...wie willst du es bis nach Hause schaffen?", stammelte Verena.
"Keine Sorge. Ich begleite dich, Marc. Ich bin noch nüchtern", meldete ich mich zu Wort.
"Obwohl du so viel getrunken hast?", fragte Verena skeptisch.
"Ich vertrage Alkohol gut", erklärte ich.
"Dann wäre das geklärt",  meinte sie. "Vielen Dank, dass du dich so gut um ihn kümmerst, Sebastian. Du bist ein wahrer Freund, auf dich ist immer Verlass."
Es wunderte mich, dass Verena auf einmal ganz normal sprach und sich nicht wie eine Betrunkene anhörte. Sie kam näher und küsste mich auf die Wange. Sie schenkte mir ein herzliches Lächeln, küsste dann Marc, der sich schon lange nicht mehr zu Wort gemeldet hatte, da er zu betrunken war, und stieg dann in das Taxi, das soeben angekommen war. Verträumt sah ich dem langsam wegfahrenden Taxi hinterher, bis Verena nicht mehr zu sehen war. Wieder wurde sie mir weggenommen, wieder entfernte sie sich von mir. Es war nicht zum Aushalten! Meine Wange brannte an der Stelle, an der sie mich geküsst hatte und mir wurde abwechselnd heiß und kalt.
"Danke Kumpel. Bist echt ein toller bester Freund", murmelte Marc plötzlich vor sich hin. Seine Worte rissen mich aus meinen Gedanken. Was für einen jämmerlichen Anblick der zuvor so gut aussehende Mann auf einmal bot. Er war vollkommen betrunken, genauso wie es sein sollte.
"Für Freunde tut man doch alles", sagte ich. "Komm, ich begleite dich nach Hause."
Eine halbe Stunde später saßen wir beide in Marcs Wohnzimmer. Ein schönes Haus hatte er, das musste ich zugeben. Sehr modern eingerichtet, das Design sprach mich an.
Auf dem Weg dorthin musste ich den Mistkerl beim Gehen stützen und mir sein sinn-und zusammenhangloses Gerede anhören. Zudem übergab er sich auf der Straße. Er widerte mich einfach nur an.
Marc lehnte sich in seinen Sessel zurück. Ich saß ihm gegenüber und beobachtete ihn aufmerksam.
"Um Gottes willen, ich fühle mich so elend", stammelte er gequält.
"Bald wirst du dich noch elender fühlen", versprach ich, doch Marc hatte nicht mitbekommen, was ich sagte.
"Hast du das gesagt?", fragte er.
"Ich sagte, dass ich mal gehört habe, dass ein Glas Wasser den Kater vorbeugt", sagte ich.
"Ehrlich? Dann brauche ich...ein Glas..."
Marc versuchte sich zu erheben, doch ich kam ihm zuvor. "Bleib nur sitzen, Marc. Ich bringe dir ein Glas. Wo ist die Küche?"
"Danke Kumpel. Zweite Tür von links."
Ich stand also auf und suchte die Küche auf. Ich hatte meinen Feind genau dort, wo ich ihn haben wollte.
Aus dem Schrank nahm ich ein Glas und füllte es mit Wasser aus dem Hahn. Jetzt begann der wichtigste, der entscheidene Teil meines Plans. Alles hatte bisher genau meinen Vorstellungen entsprechend funktioniert.
Aus meiner Hosentasche nahm ich die Packung. Ich öffnete sie und nahm eine Kapsel Zyankali hervor. Giftiges Zeug, sehr gefährlich. Für "Notfälle" bewahrte ich eine Packung von dem Dreck immer zuhause auf. Und heute, in dieser verhängnisvollen Nacht sollten sie endlich zum Einsatz kommen. Sie dienten definitiv einem guten Zweck, einem sehr guten sogar. Es war Zeit, dem Unheil ein Ende zu bereiten und Verena, meine Geliebte, aus den Klauen dieses Unholds zu befreien. Ich tat dies alles nämlich nur für sie und zwar aus grenzenloser Liebe, da ich nur das Beste für sie wollte. Verena, Verena.
Ich nahm eine Kapsel, zerkleinerte sie und löste sie in dem Wasserglas auf. Die Packung versteckte ich wieder in meiner Hosentasche und ging mit dem Glas in der Hand zurück ins Wohnzimmer wo Marc sehnsüchtig auf seine Rettung wartete. "Rettung".
"Vielen Dank, Sebastian", freute sich Marc und riss mir gierig das Glas aus der Hand.
"Gern geschehen, Marc!"
Ich nahm wieder Platz und beobachtete genüsslich wie der Mistkerl das Glas in einem einzigen Zug leerte.
Trink es, trink es, du Mistkerl, dachte ich.
Meine Mundwinkel verzogen sich zu einem teuflischen Grinsen, meine Augen verengten sich. "Zum Wohl, mein Bester", sagte ich mit nicht zu überhörender Ironie in der Stimme.
Doch Marc war zu betrunken, um es zu bemerken. "Schmeckt irgendwie...komisch. So...anders als sonst", stellte er schließlich fest.
"Liegt wohl daran, dass du an andere Getränke gewohnt bist", lachte ich und Marc lachte mit. Lach nur, lach nur, so lange du noch kannst, dachte ich.
Das Gift würde in wenigen Minuten wirken. Ich freute mich schon darauf, ihm beim Sterben zuzusehen. Für ihn gab es jetzt keine Möglichkeit mehr, etwas zu unternehmen.
"Verena ist eine tolle Frau", sagte ich schließlich und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
"Wer? Achso, die!"
"Was soll das denn heißen?"
Marc sah mich mit leerem Blick an. Dann fuhr er fort: "So unter uns, mein Kumpel. Sie ist für mich nur eine von vielen. Dass ich sie ständig betrüge, hintergehe und nur ihre Gutmütigkeit ausnutze, ist ihr noch gar nicht aufgefallen. In ihrer kindlichen Naivität will sie es einfach nicht wahrhaben. Sie kann einfach nicht ohne mich leben und klammert sich daher an mich. Daher verzeiht sie mir auch meine zahlreichen Eskapaden. Sie kommt immer wieder angekrochen und bettelt. Verena bettelt, Sebastian. Sie bettelt wie ein Hund...ein Hund!"
Marc lachte hysterisch auf. Er sprach auf einmal ganz normal und hörte sich ganz und gar nicht an wie ein Betrunkener. Ich konnte nicht fassen, was ich soeben gehört hatte. Es hatte mir die Sprache verschlagen. Doch Marc hatte noch nicht geendigt.
"Weißt du, Frauen sind alle gleich. Sie sind dumm und leicht zu manipulieren. Sie laufen immer demjenigen hinterher, der das meiste Geld hat, Männern wie mir. Es gibt keine Frauen mit gutem Charakter. Wer danach sucht ist törricht und wird niemals fündig. Dir kann ich das ruhig erzählen. Ich weiß ja, dass ich dir vertrauen kann."
Fassungslos starrte ich Marc an.
"Hat dir wohl die Sprache verschlagen, was? Jedem ergeht´s so, wenn er die knallharte Wahrheit hört. Ich bin nur ehrlich."
"Ein Schwein bist du", schrie ich plötzlich. Mein Hass stieg ins Unermessliche. Ich ballte die Fäuste zusammen, bis die Knöchel weiß anliefen.
"Ich liebe Verena! Und es ist wahre Liebe! Und du hast sie mir genommen, du elender Mistkerl. Dabei nutzt du sie nur aus. Schämst du dich eigentlich nicht, du Ehrenloser? Oh Gott, ich wusste es doch die ganze Zeit über!"
Marc kicherte. "Also ist da wohl doch mehr als nur Freundschaft, was? Aber keine Sorge, dein Geheimnis ist bei mir sicher. Beruhige dich Bruder und nimm´s nicht so schwer. Es ist nur ein Mädchen. Ich gebe dir einen Tipp. Was besseres als die findest du an jeder Straßenecke. Und diese Frauen sind vor allem billiger, wenn du verstehst, was ich meine."
Für mich gab es kein Halten mehr. Wutentbrannt sprang ich auf und machte einen Satz nach vorne. Voller Hass schlug ich dem widerlichen Mistkerl die geballte Faust mit aller Kraft ins Gesicht..
Marc schrie lauthals auf und fiel vom Sofa. Da lag er nun auf dem Boden, mir zu Füßen, da wo er hingehörte. Er begann sich vor Schmerzen zu wenden. Doch die Schmerzen wurden nicht durch meinen Schlag ausgelöst. Ich wusste genau, wo sie herkamen. Ich musste grinsen, konnte nicht anders, erfreute mich an seinem Leid.
Marc begann zu würgen, sein braungebranntes Gesicht lief weiß an und die Adern traten deutlich hervor. Er hielt sich den Bauch und wälzte sich auf dem Boden.
"Sebastian. Mir ist schlecht. Mir ist unglaublich schlecht. Helf mir. Bitte. Helf mir, bitte mein Freund."
Jetzt lachte ich auf. "Das Gift wirkt also endlich. Viel Spaß beim Sterben. Gleich wirst du tot sein, Marc. Und nenn mich nicht Freund. Ich habe dich von Anfang an gehasst. Endlich habe ich meine Rache und du deine gerechte Strafe. Das ist für Verena, du Hund!"
Mit dem Fuß trat ich auf den am Boden liegenden Marc. Für einen weiteren Schrei hatte er nicht mehr die Kraft. Nur ein leises Stöhnen war zu hören.
"Ich dachte, ich könnte dir vertrauen", bedauerte Marc mit schwacher Stimme.
"Das dachte Verena auch von dir. So ist das nämlich. Sie gehört mir, denn ich weiß sie wertzuschätzen. Für jemanden wie dich habe ich nichts übrig. Du hast es nicht verdient zu leben. Jetzt habe ich dich aus dem Weg geräumt."
Aus der Hosentasche nahm ich die Packung mit den Zyankali Kapseln hervor und hielt sie Marc provokant direkt vors Gesicht. Ungläubig starrte er abwechseln mich und die Tabletten an, um sich irgendwie zu rühren, war er zu schwach.
"Damit habe ich dich vorhin vergiftet. In dein Wasser habe ich eine dieser wunderschönen Tabletten vermischt und dumm wie du bist hast du alles schön brav zu dir genommen. Du warst die Marionette und ich der Puppenspieler. Danke für dein Vertrauen, Marc. Ich habe es schamlos ausgenutzt, genau wie auch du es tatest. Ich werde meine Spüren verwischen und jeder wird denken, du hättest Selbstmord begangen. Niemand wird mir auf die Fährte kommen. Und dann hole ich mir Verena zurück. Du kannst nichts mehr machen. Du bist raus aus dem Spiel. Auf nimmerwiedersehen!"
"Bastard", stöhnte Marc in letzter Verzweiflung auf. Im Todeskampf zuckte er noch ein letztes Mal. Seine Augen traten aus den Höhlen, verdrehten sich dann und dann rührte er sich nicht mehr. Er war tot. Es war vollbracht. Jetzt folgte der nächste Teil meines genialen Plans. Ich musste Marcs Tod wie Selbstmord aussehen lassen. Also stellte ich das Glas, aus dem er unwissend und nichtsahnend getrunken hatte zurück in den Schrank und legte der Leiche die Packung mit den Zyankali in die tote Hand. Um es glaubhaft erscheinen zu lassen, musste ich einen Abschiedsbrief verfassen. Also durchsuchte ich das ganze Haus nach etwas zum Schreiben und wurde schnell fündig. Ich fand auch einige Notizen von Marc und studierte seine Handschrift, welche zu imitieren mir aufgrund meiner künstlerischen Begabung ein Leichtes war. Ich schrieb:
Keine Lust mehr auf das Leben. Will diese grausame Welt verlassen. Verena Arend? Es tut mir Leid! Ich komme einfach mit allem nicht mehr klar. Es war zu viel. Danke für alles.
Marc Schuster
Diesen Brief legte ich auf den Tisch. Zufrieden räumte ich noch ein bisschen auf um somit auf die allerletzten Spuren zu verwischen und verließ dann das Haus, nachdem ich alles in Ordnung gebracht hatte. Vollkommen befreit und glücklich entschwand ich in die Nacht...
Jetzt hieß es für mich abwarten, einfach abwarten. Mehr konnte ich nicht tun. Ich hatte meine Arbeit erledigt. Marc war tot und alle würden annehmen, es sei Selbstmord gewesen.
Die Tage vergingen und ich hörte nichts von Verena. Generell bekam ich von der Außenwelt überhaupt nichts mit. Ich verließ das Haus nicht und schottete mich vollkommen von der Zivilisation ab. Ich fragte mich, ob sie schon vom Tod ihres Freundes wusste. Ob der Leichnam überhaupt schon gefunden wurde?
Natürlich konnte ich mich nicht bei Verena melden. Es war der falsche Zeitpunkt. Wäre ich derjenige, durch den sie vom Tode Marcs erführe, könnte sie annehmen, dass ich etwas damit zu tun hatte. Wüsste sie bereits davon, müsste ich ihr etwas Zeit zum Trauern lassen, bevor ich ihr endlich meine Liebe gestehen konnte. Schließlich wollte ich sie nicht überfordern. Daher hielt ich Abwarten für die beste Option. Doch nun war sie endlich frei, befreit von den Verführungen Marcs, der ihr ohnehin nicht gut getan hätte. Ich war starker als er und Verena würde das zu schätzen wissen. Doch ich musste ihr noch etwas mehr Zeit lassen. Etwas mehr...
Von Reue war keine Spur. Ich war überzeugt davon, das richtige getan zu haben. Diesen Mord zu begehen, war der einzige Ausweg, die einzige Rettung für Verena. Der Mord war vernünftig, daher bin ich auch kein Mörder. Zumindest nicht in dem Sinne. Ich habe nur lebensunwertes Leben zerstört. Einen solchen Menschen vermisste niemand, brauchte die Welt nicht.
Eine Woche war mittlerweile vergangen und ich wurde des Wartens müde. Es verging keine Sekunde, an der ich nicht an Verena dachte. Ich sah viel fern, um mir die Zeit zu vertreiben, doch das nützte nicht viel. Ich sehnte mich so sehr nach Verena, dass es schmerzte. Mich überkam ein entsetzliches Gefühl, eine grauenhafte Vorstellung. Was wäre, wenn sie in Gefahr war, wenn sie meine Hilfe benötigte? Ich saß untätig zuhause, dabei könnte sie mich vielleicht brauchen. Möglicherweise sehnte sie sich ebenso sehr nach mir wie ich nach ihr. Ein Problem war zwar beseitigt, doch dafür entstand ein Neues. Die quälenden Gedanken ließen mir keine Ruhe.
Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich griff zum Telefon und wählte Verenas Nummer. Ich musste einfach ihre Stimme hören und mich versichern, dass alles gut war. Doch was wäre, wenn nicht? Ich schob diesen Gedanken sofort beiseite. Nein, es wäre mit Sicherheit alles gut, ich machte mir nur unnötige Sorgen. Es musste alles gut sein, denn schließlich war Marc aus dem Weg geräumt.
Es folgte der große Schock. Niemand ging ans Telefon! Panisch legte ich den Hörer zurück und überlegte, wie ich weiter vorgehen sollte. Schnell entschied ich mich dazu, zu ihr zu fahren und selber nachzusehen. Gerade als ich dies beschloss, klingelte es vollkommen unerwartet plötzlich an der Tür. Ich schreckte hoch. Das Läuten der Klingel hörte ich nur äußerst selten, da ich nicht oft Besuch empfing. Erst recht keinen unerwarteten Besuch...
Ich warf einen vorsichtigen Blick aus dem Fenster, um zu sehen, wer es wohl war. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass es Verena war. Ich musste sie sehen...sofort! Und ihr alles erzählen. Es war Zeit ihr nach all den Jahren endlich meine Liebe zu gestehen. Ich hielt den Schmerz, der sich angestaut hatte und die Unwissenheit nicht länger aus. Ich hatte das Gefühl zu platzen, würde ich meine Gedanken nicht bald loswerden. Ich konnte und wollte so nicht weiterleben. Die Wahrheit musste ans Licht. Ich würde Verena jetzt endlich erzählen, wie sehr ich sie liebte. Das Risiko musste ich eingehen.
Tatsächlich war es Verena, die vor meiner Tür stand, die dort draußen sehnsüchtig auf mich wartete, die bereit für mich war. Verträumt sah ich sie einen Moment an. Dann klingelte es erneut und ich wurde aus meinen Tagträumen gerissen und zurück in die Realität katapultiert. Natürlich war es nicht Verena, die vor der Tür stand. Das war nur Einbildung...leider.
Zu meiner großen Enttäuschung waren es nur zwei Polizeibeamte, beide groß und kräftig. Sie klingelten ein drittes Mal und dann öffnete ich die Tür.
"Guten Tag. Thorsten Werner mein Name. Das ist mein Kollege Martin Meyer. Sind Sie Herr Sebastian Freund?", stellte sich der etwas größere der beiden mit dem ungepflegten Dreitagebart vor.
"Guten Tag. Ja, das bin ich."
Sein Kollege meinte: "Dürfen wir eintreten? Es gibt etwas, das wir mit Ihnen besprechen müssen."
Meine Augen weiteten sich. Schweißperlen traten auf meine Stirn. Ohne etwas zu sagen, ließ ich die beiden eintreten und führte sie in die Küche, wo ich sie bat, Platz zu nehmen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. War mein "perfektes" Verbrechen doch aufgeflogen?
Ich bemühte mich sehr, mir nichts anmerken zu lassen und bot höflich Kaffee an, jedoch bebte meine Stimme vor Panik, was den beiden Polizisten unmöglich entgangen sein konnte.
"Nein danke", lehnte der Polizist, der mir als Herr Meyer vorgestellt wurde ab. Auch Herr Werner schüttelte den Kopf. Ich nahm gegenüber der beiden unerwarteten Besucher Platz. Wie versteinert saß ich dort. Die Polizisten setzten eine ernste Miene auf.
"Sie fragen sich sicherlich, warum wir Ihnen einen unangekündigten Besuch abstatten", begann Herr Werner.
Ich nickte erwartungsvoll.
Herr Meyer erzählte: "Es tut uns unglaublich Leid, aber wir haben sehr schlechte Nachrichten für Sie. Vielleicht haben Sie von dem Selbstmord Herr Schusters vor einer Woche gehört."
"Ja", sagte ich. Seine Leiche wurde also mittlerweile doch gefunden. Doch was hatte das mit mir zu tun? Jetzt wurde es erst interessant.
Der Polizist fuhr fort: "Wie soll ich Ihnen das erklären? Also...Sie wussten doch mit Sicherheit, dass er eine Freundin namens Vera Arend hatte, oder?"
Ich wurde skeptisch: "Aus welchem Grund nehmen Sie an, dass ich Verena und Herrn Schuster so gut kannte? Erzählen Sie mir endlich, was das ganze hier soll? Was hat das mit mir zu tun und was ist überhaupt passiert?" Ich wurde nervös und ungeduldig.
"Das geht aus dem Abschiedsbrief hervor", fuhr Herr Werner dazwischen.
"Abschiedsbrief?!", stieß ich verblüfft hervor. In dem Abschiedsbrief, den ich für Marc schrieb, hatte ich mich selber doch gar nicht erwähnt. Woher wussten sie also, dass...oh nein...Ich ahnte ganz Fürcherliches!
"Es tut uns unendlich Leid, Herr Freund. Frau Arend hat sich das Leben genommen. Sie wurde heute tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Sie hat sich erhängt. Unsere Aufgabe ist es, die Angehörigen zu informieren. Aus ihrem besagten Abschiedsbrief geht hervor, dass sie sich sehr gut mit Ihnen verstand, weshalb wir Sie aufsuchten. Wenn Sie den Brief lesen möchten...hier ist er..."
Der Polizist überreichte mir einen Brief. Ich war vollkommen paralysiert, konnte nicht fassen, was ich da soeben gehört hatte. In Schockstarre und wie in Trance nahm ich den Brief zur Hand und las ihn. Es kam mir alles so unwirklich vor.
Nachdem ich von Marcs vollkommen unerwarteten Selbstmord gehört hatte, verlor auch ich sämtlichen Lebenswillen. Mich umzubringen war eine Entscheidung, über die ich nicht lange nachzudenken brauchte. Meine Intuition sagte mir, dass ich es musste. Ohne Marc kann ich einfach nicht leben und ich will wieder bei ihm sein. Warum nur musste er sterben, warum nur ist die Welt so ungerecht? Ich habe mit allem abgeschlossen und sehe keinen anderen Weg. Niemand weiß von meinem Vorhaben, mir das Leben zu nehmen. Man hätte sich nur unnötige  Sorgen gemacht und versucht mich um jeden Preis daran zu hindern, obwohl mein Entschluss feststand. Ich will keinem mehr zur Last fallen, weshalb ich meine Entscheidung als sehr vernünftig betrachte. Sebastian? Sebastian Freund? Ich hoffe, du wirst das hier lesen. Am Ende meines Lebens gilt der letzte Dank dir. Danke, dass du immer für mich da warst. Danke, dass du mein Leben bereichert hast. Du warst mein bester Freund und ich wünsche mir, dass du mich verstehst. Sei nicht traurig, es ist das Beste für mich. Lieber gar nicht leben als mit einem auf ewig gebrochenen Herzen. Wer auch immer diesen Brief entdeckt, der muss ihn zu Sebastian Freund bringen. Das ist mein letzter Wunsch. Es ist vorbei!
Verena Arend
Nachdem ich geendigt hatte fiel mir der Brief aus der Hand, da ich zu stark zitterte. Das Blut in meinen Adern gefror. Sämtliches Leben, all meine Energie wich aus meinem Körper und ich sackte im Stuhl zusammen.
"Wenn es etwas gibt, das wir für Sie tun können...", sagte Herr Werner, doch ich vernahm seine Worte kaum noch. Ich fühlte in diesem Moment weder Trauer, noch Wut, noch sonst irgendetwas. Ich fühlte nichts, einfach nichts. In mir machte sich eine absolute Leere breit...Nichts!
Die beiden Polizisten sahen mich bestürzt an.
"Ich war es...", platzte es plötzlich aus mir heraus.
Die Beamten warfen sich einen verwirrten Blick zu und sahen dann mich ebenso erstaunt an. Einer der beiden, ich wusste nicht mehr wer, da mein Verstand zu vernebelt war, fragte: "Wie meinen Sie das?"
"Ich habe sie umgebracht."
"Ich verstehe nicht!"
"Ich habe sie umgebracht, weil ich ihn umgebracht habe. Dabei hatte er es verdient. Ich wollte ihr doch nur einen Gefallen tun!"
"Sie haben...was?!"
Ich schwieg vorerst, musste mich sammeln. Tausende Gedanken schossen durch meinen Kopf. Plötzlich spürte ich wieder die Stiche im Herzen. Diesmal jedoch konnte man sie kaum noch Stiche nennen. Ich realisierte langsam, was passiert war und mein Herz riss förmlich auseinander, wurde zusammengepresst sodass sämtliches Leben herausquoll. Mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen, über mir stürzte alles zusammen und ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen. Mir wurde klar, was ich getan hatte. Ich brach in Tränen aus, nie zuvor hatte ich derart hysterisch geweint. Es war herzzereissend. Meine Worte überschlugen sich. Ich beichtete alles, musste es loswerden, konnte nicht länger weitermachen...alles!
"Marc Schusters Tod war kein Selbstmord, ihr Idioten! Wie konntet ihr so blöd sein, mich nicht zu durchschauen?! Ich habe ihn umgebracht, ich alleine war es! Ich habe ihn vergiftet, seine Handschrift imitiert und einen Abschiedsbrief verfasst, um es wie einen Selbstmord aussehen zu lassen. Ich tat dies einzig und allein für sie, für meine Geliebte, für Verena. Der Mistkerl hatte sie mir genommen. Dabei benutzte er sie nur, wie er mir im Alkoholrausch offenbarte. Ich war sein Henker! Also bin ich auch für den Selbstmord Verenas verantwortlich. Es ist meine Schuld! So erlöst mich doch! Mein Leben ist fortan bedeutungslos, denn ich habe alles verloren. Mein Glück, meine Hoffnung, mein Leben, mein alles ist tot...tot! Was steht ihr da so dumm vor mir? Nehmt mich doch in Gewahrsam, ihr Verrückten! Bringt mich am besten direkt um, denn mir liegt nichts mehr an meinem Leben."
Meine Sicht war durch die Tränen getrübt. Blind schlug ich wie wild um mich und erwischte dabei einen der beiden Polizisten, der vor Schmerzen aufheulte. Wüsste dieser Mann doch nur, welche Schmerzen ich auszustehen hatte...
Ich sah nur noch den anderen Polizisten, der sich vor mir aufbäumte. Ein harter Faustschlag traf mich voll an der Schläfe und bewusstlos und geschlagen stürzte ich zu Boden. So schnell sollte ich nicht mehr aufwachen...
20 Jahre später. Hier stand ich nun auf dem Friedhof. Damals war eine junge Frau gestorben. Sie hatte sich vor Kummer das Leben genommen. Vor eben ihrem Grab stand ich nun. Jeden Tag besuchte ich sie, jeden Tag seit meiner Rückkehr. Seit meiner Rückkehr von den Toten? Nein, seitdem ich kürzlich aus der Psychatrie entlassen wurde. Für nicht zurechnungsfähig hatte man mich damals befunden. Nun galt ich als geheilt, doch niemand wusste, wie es mir wirklich ging. Innerlich war ich jedenfalls tot. Ich dachte nur an Verena und wie sehr ich sie vermisste. Freude war mir unmöglich zu spüren. Niemals hatte ich ihr meine Liebe gestanden. Dazu hatte ich jetzt nicht mehr die Möglichkeit. Mit Tränen in den Augen blickte ich auf ihren Grabstein. Möge sie Frieden finden!
Hätte ich es nur gewagt. Ich wollte mehr sein als nur der beste Freund, den ich für sie bis zuletzt darstellte. Doch es war vorbei, für immer. Es war alles nicht mehr gut, nicht mehr rückgängig zu machen. Oh, was würde ich nur für eine zweite Chance geben? Alles! Doch das Leben bat mir diese Möglichkeit nicht, also musste ich alleine mit all meinem Kummer und Leid zurechtkommen.
Mein Haar war vollkommen ergraut, die Haut verschrumpelt und eingefallen, ich ging gebückt und die Farbe meiner ehemals blauen Augen war vollständig verblasst. Wie eine wandelnde Leiche sah ich aus. Die Qualen fraßen mich wahrlich von Innen auf. Es gab nur noch mich und den Grabstein. Verena, Verena, warum hast du mich verlassen? Warum ließest du mich damals alleine zurück, anstatt mich mit dir zu nehmen? Ich wünschte mir nichts sehnlicher als mit ihr zusammen zu sterben, dass unsere Herzen gleichzeitig aufhörten zu schlagen. Doch auch das war mir nicht vergönnt. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass sie sich umgebracht hatte wegen eines Mannes, dessen wahre Absichten dieser mir im Alkoholrausch und im Angesicht des drohenden Todes mitteilte. Ich wäre Verena ein guter Ehemann gewesen. Endlos treu, aufopferungsvoll, leidenschaftlich. Warum nur wurde mir diese Möglichkeit verwehrt? Der Schmerz saß unfassbar tief, würde nie wieder verschwinden oder auch nur nachlassen. Auch nach all den Jahren war es mir nicht gelungen, mich daran zu gewöhnen. Niemals würde es das, denn zu leiden ist mein Schicksal, meine Strafe. Am Schlimmsten war, dass ich an ihrem Tod auch noch Schuld hatte. Marc hatte alles angefangen, doch ich hätte es nicht beenden dürfen, wenigstens nicht auf diese Art. Mit meinem Eingreifen machte ich alles nur noch schlimmer und somit zerstörte ich drei Leben. Zwei hatten jetzt wenigstens Ruhe, doch eine rastlose Seele irrte weiterhin durch diese grausame Welt. Einsam, verlassen, heimatlos, verwundet. Mein Herz würde nie wieder heilen. Ich hatte uns alle in den Untergang geführt. In diesem Moment erinnerte ich mich an Verenas Worte: Lieber gar nicht leben als auf ewig mit einem gebrochenen Herzen!
Sie wusste nicht, dass ich es tat, dass ich Marc umgebracht hatte. Für ihn war sie nur ein Objekt der Begierde, doch er bedeutete ihr alles. Ich kannte die Wahrheit und...schwieg. Sie starb in dem Glauben, dass Marc sie liebte und ich ihr bester Freund wäre. Dabei hatte der beste Freund ihr Leben zerstört und ihr den Geliebten genommen, auch wenn die Gefühle nicht erwidert wurden. Sie starb, ohne die Wahrheit zu kennen und das belastete mich noch zusätzlich. Unser aller Unglück hatte ich damit besiegelt. Ich war verliebt und ein Mörder! Die Wahrheit würde mit mir sterben. "Vergib mir Verena", flüsterte ich schluchzend. Meine Beine gaben nach und ich stürzte zu Boden. Die Last wurde einfach so unerträglich. Ich kroch schwach zum Grabstein und umklammerte diesen, laut aufheulend und schreiend. Nie wieder würde ich ihn loslassen. So wollte ich sterben. Bei ihr sein, einfach nur bei ihr sein und endlich Frieden finden. Würde ich jemals wieder glücklich sein? Nicht in diesem Leben, nicht in dieser ungerechten Welt, in der Schurken ihren Willen bekommen, während gute und ehrliche Menschen elendig zugrunde gehen. Nimmermehr!
 

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