Storys > Kurzgeschichten > Alltag > Weltkatzentag

Weltkatzentag

15
15.12.21 12:40
Fertiggestellt

Sie sahen aus wie mutige, schlanke Segler, die eben aus dem Hafen auf das weite Meer des Lebens hinausfahren. ...“

 D.H. Lawrence „Der Zigeuner und die Jungfrau“

Eigentlich war Doreen früher immer die Verrücktere von uns beiden, wobei ich aber mit den Jahren aufgeholt habe. Ich werde nie vergessen, wie wir an einem knallheißen Hochsommertag mit dem stickigen 30 ziger Bus, der vor unserem Wohnheim in der Storkower Straße abfuhr, durch ganz Berlin gondeln mussten, weil meine Freundin unbedingt eine Schar Meerschweinchen und Kaninchen für unser Zimmer im Studentenwohnheim erwerben wollte. Die Idee gefiel mir gar nicht. Sie ließ sich aber nicht davon abbringen. Zum Glück für mich fanden wir keine offene Tierhandlung. 

Vielleicht sind wir auch Freundinnen gewesen, weil wir alle beide zu Leichtsinn, Vertrauen und spontanen Entschlüssen neigen, was uns beiden oft ziemlich auf die Füße gefallen ist

Vor einigen Jahren lief ich ihr hier am Ostkreuz mal zufällig in die Arme. Doreen freute sich sehr, ich glaube, wenn sie mich trifft, wird sie wieder 19, und ich wurde prompt zu ihrem Geburtstag am selben Abend in die Lichtenberger Parkaue eingeladen. Was sie wohl wirklich über mich denkt?  

Heute ist Weltkatzentag.“, sagt der Sprecher, als ich zu Hause das Radio anmache. Von so einem Tag habe ich noch nie was gehört.

Ich brauchte an dem Abend in dem großen Park nicht lange zu suchen, da sah ich die gar nicht mal so kleine Gesellschaft, so zirka 15 Leute, die auf einem der gepflasterten Grillplätze, etwas oberhalb von dem Teich, um einen Tisch herumsaßen.

Ich sitze zusammen mit dem sozialen Netzwerk von Doreen, das sich in den Jahren in Berlin so angesammelt hatte. Doreens Söhne wundern sich, dass sie mich nicht kennen und fragen ihre Mutter nach mir. Doreen und ich drucksen beide verlegen herum. Wir haben uns wohl irgendwann verloren. Aber wenigstens schicke ich nicht noch jedes Jahr eine Weihnachtskarte.

 Jemand spielt im nächtlichen Park auf der Gitarre und eine Stimme singt  

...This summer I hear the drumming, Four dead in Ohio,.Gotta get down to it, Soldiers are cutting us down...“  Die Melodie kommt mir bekannt vor. Das ist „Ohio“* von Crosby, Stills, Nash and Young.

So rein vom Gefühl her hatte ich diesen Song immer für ein Liebeslied gehalten, denn mit Englisch sah es bei mir bescheiden aus wie bei vielen DDR Bürgern, bis ich vor einigen Jahren mal einen Film über die Geschichte dahinter gesehen habe. Auch der Student, der im Rollstuhl sitzt, seit er bei den Studentenprotesten damals angeschossen wurde, war mit dabei.

Ein Freund von mir wühlte bei sich zu Hause zu meiner Verwunderung mal solange in einem Haufen Kassetten herum, bis er endlich seine Neil Young Kassette gefunden hatte. Hier sollten Protestsongs als Schmusesongs zweckentfremdet werden und haben diesen Zweck wohl auch schon oft erfüllt. Das geht ja nun gar nicht. Wenn der „Meister himself“ das wüßte? 

Ich kenne die Gitarristin sehr gut. Doreen und ich haben einige Jahre zusammen im Studentenwohnheim in der Storkower Straße gewohnt. Ich sehe sie noch, wie sie mit Wandergitarre und Metronom dasitzt und stundenlang angestrengt Griffe übt. Nur mit Hilfe einer Schallplatte hat sie sich selbst mit eisernem Willen das Gitarrenspiel beigebracht. Da hatte eine Krise ja auch mal was Positives bewirkt.

In dem Jahr, in dem wir beide angefangen haben zu studieren, sahen Doreen und ich im Kino Babylon am Rosenthaler Platz den Film „The Rose“, der an das Leben von Janis Joplin angelehnt ist. lm Kino International in der Karl Marx Allee lief gerade der Antikriegsfilm „Coming home“ vom Regisseur Hal Ashby, der sich nach der Hippiestraße Haight Ashbury in San Francisco benannt hatte, was ich übrigens aus dem „Filmspiegel“ erfuhr. In den Liebesszenen, besonders in der einen, ich glaube alle wissen, welche ich meine, spielten meine Lieblingsschauspielerin Jane Fonda und Jon Voigth, der in dem Film einen Soldaten aus dem Vietnamkrieg heimgekehrten Soldaten verkörpert,  der seitdem im Rollstuhl sitzt, so, als wären sie wirklich zusammen, und wir erlebten die echte Liebe wenigstens mal im Kino, auch wenn wir beide schon Erfahrungen hatten oder wie man das nennt.

Jane Fonda kannte ich aus "Nur Pferden gibt man einen Gnadenschuss", den ich als Teenie im Fernsehen gesehen hatte. Das illusionslose Mädchen Gloria, das sie verkörpert, war so ganz anders war als all die Frauen, die ich bisher kannte. Mir imponierte, wie sie sich am Schluß des Films ohne Wenn und Aber die Pistole an die Schläfe setzt.

Oder der Film "Klute", wo sie die Prostituierte Bree spielt, eine unabhängige Frau, die ohne Zuhälter arbeitet und die zu ihrem Job steht. Sie wird von einem Perversen verfolgt, und ein Kommissar rettet sie. Und aus ist es mit der unabhängigen Frau. Sie bekommt Angst vor der eigenen Courage. Jetzt sieht sie ein, dass es ohne einen Mann nicht geht in dieser Welt, denn die "Guten Männer" müssen einen vor den "Bösen Männern" beschützen.

Mir ist aufgefallen, dass die interessanteren Frauen in Filmen immer schlecht enden.

Zu Teeniezeiten musste ich entsetzt vor dem Fernseher miterleben wie Simone Signoret, sich in "Der Weg nach oben" vor ein Auto stürzte, wie Brigit Bardot sich in die "Die Wahrheit" die Pulsadern durchschnitt und wie Elisabeth Taylor in "Telefon Butterfield 8" mit dem Auto von der Klippe fiel. Was wollen uns die Filmemacher mit diesem ganzen Totentanz sagen? 

Auch der Musikfilm „The Last Waltz“ über ein Konzert mit „The Band“ kam in dieser Zeit in die Berliner Kinos. Eigentlich war mir alles zu brav und die amerikanische Folkmusik war auch nicht völlig mein Ding. Wir sahen, wie die Musiker sich selber feierten. Vorher war mir noch gar nicht so aufgefallen, dass die Musikszene eine reine Männergesellschaft ist. Eine Alibifrau war wohl auch mit auf der Bühne. Irgendwie hatte man das mulmige Gefühl, dass die selbstzufriedenen Männer da oben auf der Bühne kein Interesse haben, die Befreiung der Frauen entscheidend voranzubringen. Ein Kumpel von mir hat mal gesagt: „Woodstock war eine sexuelle Revolution, aber die haben die Männer gewonnen.“ Ich weiß aber nicht, ob es der Punk da anders gemacht hat, der 1976, in dem Jahr als das Konzert war, schon heftig an die Tür geklopft hat.

Der Tag als Cony Cramer starb“, entpuppte sich im Orginal als ein Song von „The Band“. Gerade mit ihm verbinden sich für mich eigenartige Erinnerungen. Als ich mit 16 während meiner Lehrzeit Fahrschule in Stralsund machen musste, gingen wir mit unserem Fahrlehrer immer in eine abgerockte Kneipe zum Mittagessen. Das Essen schmeckte genauso abgerockt. Es gab die fadesten Kohlrouladen von der Welt. Das Personal lief mit einem Gesicht rum, als hätte man ihnen gerade ihr Todesurteil verlesen. Sie kriegten da absolut gar nichts hin, nicht mal eine Boulette konnten sie braten. Als wenn das nicht reicht, lief dazu noch jeden Mittag eine schreckliche Musik. Jedesmal die gleiche Kassette. Wenn sie zuende war, wurde sie zurückgespult, und das Elend fing von vorne an. Ich fragte mich damals, wie ein ätzend sentimentaler Song wie „Cony Kramer“ zu seiner genialen Melodie gekommen ist. Wenn man sich den Text wegdachte, konnte man ihn direkt akzeptieren. Da wußte ich noch nicht, das das nur ein Cover war und das Orginal ein Song über den Südstaatengeneral Robert E. Lee von der amerikanischen Folkgruppe „The Band“.

Der Meister“, der gerade in einer schöpferischen Krise steckte und der eine Weile in den 70 zigern mit seiner brüchigen Stimme Songs von einer so genialen Einfachheit sang, dass man damit Steine schmelzen konnte, war auch mit dabei bei bei diesem Konzert. Er konnte das Leben, das Sterben und den Geruch von grünen Wiesen in Klänge fassen. Damals hatte er wohl noch gedacht, er kann die Welt mit Musik besser machen. Mister Neil Young, denn ihn meine ich, dessen windschiefe Körperhaltung von einer Kinderlähmung herrühren soll, mit seiner zerzausten Mähne und dem Shellparka, den die Vietnamkriegssoldaten und auch die Langhaarigen im Osten anhatten, sah aus wie ein verzauberter Lumpenprinz, wie ich auf meinem Kinosessel sehnsüchtig registrierte.

Ein hübscher Junge, mit langen blonden Haaren, der im Rollstuhl sitzt, rollt sich den Gang entlang nah an die Leinwand ran. Wie er da so steht, umgibt ihn eine stolze Einsamkeit. Er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Als ich einige Wochen später mal vom Balkon im 11. Stock des Studentenwohnheims auf die Storkower Straße herabblicke, sehe ich ihn wieder. Er ist gerade an einer Bordsteinkante mit seinem Rollstuhl umgekippt und liegt auf dem Bürgersteig und der Rollstuhl liegt neben ihm. Ich laufe die 11 Stockwerke herunter und renne um das Gebäude herum nach vorne zur Storkower Straße. Als ich an die Stelle komme, wo er hingefallen ist, ist er schon wieder weg.

Ich gewöhnte es mir an, mich stundenlang zu Fuß durch Berlin treiben zu lassen und wurde oft ganz überwältigt vom Zauber dieser Stadt. Einmal nachts läuft hier in Lichtenberg ein dicker Junge vor mir, der wie besessen auf der Mundharmonika spielt. Ich vermute Liebeskummer. Ich gehe noch eine ganze Weile in einigem Abstand hinter ihm her durch die Lichtenberger Straßen, die wie ausgestorben daliegen und höre ihm zu. Er spielt nicht untalentiert. Mensch, das ist ja die Messe hier in Berlin, hier spielten die Leute nachts auf der Straße Blues. Da, wo ich herkomme, gab es sowas nicht.

Die Studentenbewegungszeiten waren lange vorbei, und die gab es wohl auch nur im Westteil Berlins. Bei zwei Mädchen wie uns, die beide in kleinbürgerlichen Verhältnissen in der ostdeutschen Provinz aufgewachsen waren, ging es eher darum unauffällig und bescheiden zu sein, fleißig zu sein, sich anzupassen und einen Ehemann zu erobern. Wir zwei lebten leider nicht in einer Hippiekommune in der Haight Ashbury sondern ziemlich isoliert im Studentenwohnheim in der Storkower Straße, mitten in Lichtenberg, wo wir eigentlich keinen Kontakt zu Berlinern hatten sondern nur zu unseren Kommilitonen.

Wir hatten den Eindruck, dass das Leben an uns vorüberzog und hatten Angst, dass das so bleibt.

Die Tatsache, dass man erst zwei Lebensjahrzehnte auf dem Buckel hatte und angeblich alles noch vor einem lag, musste etwas zu oft als Trostpflaster herhalten.

 „Unsere Jugend ist Wasserfarben.“ Thomas Brussig aus „Wasserfarben“

Noch heute denke ich mit Grausen an das langweilige Herumgestehe auf den Berliner Diskos, wo wir beide die Berliner dabei beobachteten, wie sie miteinander Balzrituale vollführten, während im Hintergrund zum zehnten Mal am Abend „99 Luftballons“ gespielt wurde.

In der langsamen Runde, für die meist auch Neil Young herhalten musste, tanzten die Pärchen mit verklärten Augen Wange an Wange und schoben in Gedanken wohl schon Kinderwagen. Aber wenigstens war er musikalisch noch das einzige Erträgliche an dem Abend.

Wir beide gingen frustriert in unser Studentenwohnheim zurück. 

 „Wir wären viel lieber mit einem anderen Gefühl nach Hause gegangen, wahnsinnig glücklich oder so.“ Thomas Brussig aus „Wasserfarben“

Doreen und ich haben uns gleich am allerersten Tag im Studentenwohnheim spontan angefreundet und sind zusammen in ein Zimmer gezogen. Das offene, fröhliche Mädchen mit dem Lockenkopf, dass wie ich auch aus Norddeutschland stammte, nahm mich sofort in Beschlag. Da hatte ich also eine Freundin gefunden. 

Merkwürdigerweise liegt unser Studentenwohnheim nur ein paar Gehminuten vom Lichtenberger Stadtpark entfernt. Wir haben hier früher immer für Prüfungen gelernt.

Ich frage Doreen nach einem aus unserer Seminargruppe. Sie sagt, sie hat ihn immer für einen von der Stasi gehalten. Vielleicht hat sie recht. Ich kenne ihn als lustigen, witzigen Typ, der zu allem eine freche Bemerkung hatte. Ich hielt mich immer in seiner Nähe, weil es bei ihm immer was zu lachen gab, bloß manchmal stutzte ich mich, wenn ich mitbekam, wie ein strenger Blick von ihm mich streifte. Damals beschlich mich schon die leise Ahnung, dass er nicht der war, als der er sich gab.

Für diese Leute war die Wende bestimmt ein Horror. Eine paar Jahre mussten sie zittern. Nach dem ersten Schrecken sitzen sie jetzt bestimmt schon lange wieder beruflich fest im Sattel und bereuen nichts. So ein Menschentyp, wie sie, findet doch in jedem System seinen Platz.

Nach einer Krise hat Doreen sich allein das Gitarrenspiel beigebracht und spielte schon nach kurzer Zeit phantastisch, viel besser als andere, die jahrelang Unterricht hatten. Ihre einzige Voraussetzung, die sie mitbrachte, war, dass die Pastorin, aus ihrem norddeutschen Heimatstädtchen, ihr das Notenlesen beigebracht hatte. Merkwürdigerweise war meine Freundin über Nacht zur Gitarrenvirtuosin geworden.

Ihr Talent war wohl auch zum Ausbruch gekommen durch die relative Freiheit, die uns unser Studentendasein gab, auch wenn wir beide fast kein Geld hatten. Damals habe ich gelernt, aus Zwiebeln, die in unserer Studentenküche Allgemeingut waren, Zwiebelsuppe zu bereiten. Diese Suppe stößt heute noch bei Vielen auf Begeisterung. 

Die äußere Freiheit führte wohl auch zu einer inneren Freiheit. Im Lehrlingswohnheim waren wir rund um die Uhr unter Überwachung gewesen. Meine Freundin war übrigens Schweinezüchterin mit Abitur und ich Rinderzüchterin.

Unsere Lehrlingszeit auf dem Dorf war extrem streng und kontrolliert und sehr stressig.

Über Doreen hatte einmal sogar die Gefahr geschwebt, aus der Lehre geworfen zu werden. Am Wochenende war sie bei einer Freundin in Thüringen gewesen und verpasste ihren Zug. Die einzige Möglichkeit, im Guten aus der Situation wieder raus zu kommen, war eine Krankschreibung. Am Montag ging Doreen mit weichen Knien und den bösesten Gewissensbissen zum Arzt. Es wurde Fieber gemessen. Und ein Wunder geschah. Obwohl sie sich gut fühlte, hatte sie Gottseihdank wirklich Fieber. Sie hatte den Kopf noch einmal aus der Schlinge gezogen. Hätte das mit der Krankschreibung nicht geklappt, wäre sie wohl von der Schule geflogen. Dann hätte es sich erledigt mit dem Abitur. Probte da jemand Rebellion?

Genau wie meine Freundin, deren Plattenspieler mit ihrem Gitarrenkurs ständig lief, hörte die ehrgeizige Janis Joplin ununterbrochen Bluesplatten und verbog sich die Stimmbänder, bis sie die Phrasierungen der schwarzen Sängerinnen wie Odetta, Pearl Bailey oder Bessie Smith draufhatte. Janis, die wußte, was sie konnte, hatte nicht vor, für immer das unscheinbare, mollige Mädchen zu bleiben. Das sie singen konnte, stellte sich auch erst während ihrer Studentenzeit raus. Das war die Zeit in den 60zigern als langhaarige Studenten dem spießigen Country und Folk neues Leben einhauchten, auch wenn das in manchem Truckstop nicht so gut ankam, siehe die Szene in „The Rose“, wo Lynchstimmung in der Luft lag und die Trucker die Musiker verprügeln wollten.

Wenn ich sie beim Spielen beobachtete, staunte ich, was in meiner Freundin, die mir vorher als ganz normales Mädchen erschienen war, so Verborgenes steckte. Hier war Jemand begabt. Ich glaube im Grunde kannten wir uns beide gar nicht richtig, und jede hatte wohl eine falsche Vorstellung von der Anderen.

Das Gitarrenspiel war für sie wohl auch so eine Art Ausbruch, nachdem bürgerliche Lebensentwürfe ins Wasser gefallen waren. Eigentlich schwebte mir für Doreen immer ein uriger, gutmütiger Typ vor, der alle Fünfe gerade sein läßt und offen und tolerant ist wie sie selber auch.

 „Woman is the nigger of the world.“ von John Lennon war damals ihr Song.

Schlich sich da etwa klammheimlich feministisches Gedankengut ein? Solche Töne hörte ich das erste Mal von ihr.

Ich werde nie vergessen, wie sehr mich ein Vorfall in meiner Lehrlingszeit verwundert hat. Ich wollte unbedingt eine Fernsehdokumentation sehen, in der lange verschollene und gerade wieder aufgefundene Originalaufnahmen von der Gerichtsverhandlung gegen die Beteiligten des Aufstands gegen Hitler vom 20. Juli gezeigt wurden. Man sah Leuten ins Gesicht, die wußten, dass sie bald sterben würden.

Langsam begannen die anderen Mädchen im Fernsehraum vom Lehrlingswohnheim auch Interesse zu zeigen.

Mitten im Film kam einer rein, der schon im dritten Lehrjahr war und schaltete einfach am Fernseher den anderen Sender ein, auf dem Fußball lief.

Verblüfft musste ich erleben, dass die anderen Mädchen nicht den leisesten Versuch unternahmen zu protestieren, sondern nur resigniert den Raum verließen.

Ich glaube, der aus dem Dritten hat sich selber gewundert, dass die Mädchen sich so widerspruchslos seiner männlichen Autorität unterwarfen, aber schließlich wollten sie so Jemanden wie ihn ja später mal heiraten.

Aus dem selben Holz wie meine Mitschülerinnen war Doreen auch geschnitzt, die, wenn ihre Familie auch nicht gerade harmonisch war, doch noch mit dem bürgerlichen Rollenmodell aufgewachsen war. Ich jedenfalls, deren Vater sich nie blicken gelassen hatte und deren Mutter immer selbst klarkommen musste, sah keinerlei Grund für die übermäßige Verehrung des Mannes.

Leider stand der musikalisch begabten Doreen der Weg in eine Band oder so etwas nicht offen. Dafür kannten wir viel zu wenig Leute. Um Musiker zu werden, braucht man eine Kumpelbase von musikverrückten Freaks.

Obwohl, einmal hatte Doreen einen Musiker getroffen. Es war noch in ihrer Lehrlingszeit. Mit ihrer besten Freundin saß sie spätabends in der Broilerbar in Rostock, und die beiden langweilten sich. Ein Trupp Musiker aus Berlin trudelte ein. Sie hatten gerade ein Konzert in Rostock gegeben. Ein Gitarrist interessierte sich für Doreen und lud sie zu einer Fete ins Hotel ein. Er, der auch erst 18 war und als großes Talent galt, spielte ihr Blues auf seiner Gitarre vor. Später hat sie mir mal sein Bild in einer Zeitung gezeigt. Er war ein offen wirkender, langhaariger Bursche.

Zum Glück hat wenigstens Janis für uns die Kartoffeln aus dem Feuer geholt und ist nicht bloß nur wieder eine von den Frauen geworden ist, die vor der Bühne stehen und die Musiker anhimmeln. Meine Lieblingsszene aus dem Film „The Rose“, der an ihr Leben angelehnt ist, ist die Stelle, wo sie dem bekannten Musiker begegnen soll und der sie einfach rauswirft: so nach dem Motto „Was willst Du überkandidelte Schlampe hier?“. Er hatte sich gemütlich eingerichtet in seiner Männerdomäne Musik. Es soll sich dabei um eine wahre Begebenheit handeln.

Wenn ich mir den Film aus meiner heutigen Sicht so ansehe, fällt mir auf, dass die Filmemacher mal eine von den wenigen Frauen gezeigt haben, die in der Musikszene was gerissen gekriegt haben, und sie lassen sie scheitern. Ich weiß, dass Janis Joplin mit 27 Jahren an einer Überdosis verstorben ist, aber vorher hat sie Musik gemacht, die für viele Menschen, auch welche, die damals noch gar nicht geboren waren, sehr wichtig ist. Soll das etwa eine Warnung an begabte Mädchen sein, es gar nicht erst zu versuchen?

Was soll´n die Leute denken?“, der ständige Spruch der Eltern von Doreen und mir, war in ihrer Heimat Port Arthur in den Südstaaten, genauso ein Thema wie in meinem Mecklenburger Dorf oder in dem kleinen norddeutschen Städtchen, aus dem Doreen kam.

In einer Doku über Janis Joplin hörte ich verwundert, wie ihre Schwester erzählte, dass ihre älteste Tochter für ihre Eltern eine gesellschaftliche Belastung darstellte. Und das, obwohl Janis eine der größten musikalischen Begabungen ihrer Generation war. Ihren Eltern, die lieber eine nette Lehrerin gehabt hätten, war gar nicht bewußt, wieviel die Musik ihrer Tochter vielen Menschen bedeutete.

Ein junger Mann, der zusammen mit seiner Freundin und seinem Bruder neben mir in der Parkaue sitzt, erzählt, dass er endlich mal seinen Vater kennenzulernen möchte. 

Eigentlich ist das mit der Vatersuche ja so ein ätzendes Betroffenheitsding, wo im Fernsehstudio einer irgendwas Rührendes erzählt und die anderen in der Runde so tun, als wenn sie das interessiert.

Mein Nachbar hat bescheidene Ansprüche an das Treffen mit seinem Vater. Es würde ihm schon reichen, ihn mal kennenzulernen und mit ihm ein Bier zu trinken.

Sein Bruder äußert Bedenken. Er möchte seinem Bruder die Enttäuschung ersparen und vermutet hellsichtig, dass der Vater seines Bruders sich eingerichtet hat und keine Überraschungen mehr will.

Aber ähnlich wie er dachte ich auch mal. Ich sehe noch, wie eine Tür aufgeht und ein Mann, in dessen Gesicht ich mich wiedergespiegelt sehe und von dem ich das Gefühl habe, dass er alles über mich wußte, fragt mich, was ich will und will mir die Tür gleich wieder vor der Nase zumachen. Obwohl ich ihm sehr ähnlich sehe, entspricht die zerzauste junge Frau, die er vor sich sieht, absolut nicht seinem Typ Frau. Er überlegt, ob sie ihn nicht eher an die Mädchen im Jugendwerkhof erinnert, wo er als Erzieher gearbeitet hat.

Trotzdem ich alles so vorausgesehen hatte, war ich doch geschockt, als er und seine Frau mich nach 10 Minuten hinauskomplementierten. Ist eine Paarbeziehung ein Egoismuspakt zum gegenseitigen Nutzen? Also stiefelte ich wieder los mitsamt meinen ungelösten Fragen. Irgendwie fand ich den alten Knaben ja auch cool, der sich nicht von überflüssigen Sentimentalitäten leiten ließ und mich ohne wenn und aber rausschmiß und dazu stand, zu gar nichts zu stehen. Das hatte was. Das er mich irgendwie zur Rebellin wieder Willen gemacht hat, war wohl ein unerwünschter Nebeneffekt, der von ihm so nicht angestrebt wurde. Jedenfalls hatte er nicht vor, die norddeutsche Antwort auf Simone de Beavoire zu erschaffen, als er meiner Mutter Avancen machte.

Ich glaube, er stand auf den Typ Frau, dem seine Frau und leider auch meine Mutter entsprachen, denn die beiden waren sich ähnlicher, als sie dachten.

Ich glaube, ich habe Glück gehabt.

Vielen Dank dafür, dass Du mich mit Deiner Vaterschaft in Ruhe gelassen hast.“

Genauso wird es meinem Nachbarn ergehen, vermute ich, aber vielleicht muss er das hinter sich bringen.

Sicherlich brauchte er, wie er damals in der ganzen Fülle der Selbstverwirklichung dastand, niemanden, am allerwenigsten diesen Vater aus Fleisch und Blut, den er vergeblich in Mr. Mc Gregor suchte. ...“ Henry Miller, „Wendekreis des Steinbocks“

Mein Vater, der Jahrgang 1920 war, hatte das Unglück, den gesamten Krieg mitmachen zu müssen, was für einen 19 jährigen, der gerade im ersten Studienjahr war, wohl der blanke Horror gewesen sein muss. 

Die Soldaten, die aus dem zweiten Weltkrieg nach Hause kamen, hatten nicht diese Musik und die Parkas und die langen Haare der Vietnamkriegsheimkehrer und auch nicht Filme wie „Hair“ und „Coming home“, die die Welt auf ihr Schicksal aufmerksam machten. Es war ein Tabuthema, dass der Mann einer Freundin meiner Mutter, der aus dem Krieg heimgekehrt war, sein ganzes  weiteres Leben in der Psychiatrie verbringen musste.

Ich wollte meinen Vater immer mal nach seinen Erlebnissen fragen, über die er mit meiner Mutter nie gesprochen hat und wahrscheinlich auch mit niemand anderem.

Vielleicht macht der Vater von dem jungen Mann, der neben mir sitzt, ja einen Fehler, indem er jemand zurückstößt, der sich augenscheinlich sehr für ihn interessiert.

 „Sie waren bestürzt und beraubt und waren sich undeutlich, sehr undeutlich bewußt, dass sich ihnen irgendwie eine große Gelegenheit geboten hatte, die zu ergreifen sie weder Kraft noch Phantasie gehabt hatten.“

Henry Miller, „Wendekreis des Steinbocks“

Als ich Informationen und Bilder von meinen Halbgeschwistern im Internet gefunden hatte, war es schon merkwürdig mal in die Gesichter von Leuten zu sehen, mit denen man so eng verwandt ist. Wenn ich das rundliche, gutmütige Gesicht eines Neffen von mir ansehe, sehe ich in einen Spiegel.

Jetzt kommen auch noch die Großeltern ins Spiel. Laßt sie doch ruhig in ihren Gräbern modern, da können sie wenigstens keinen Schaden mehr anrichten.

Doreens ältester Sohn erzählt, dass er früher immer traurig darüber ws sein Großvater, von dem er gar nicht wußte, dass er nicht sein Großvater ist, immer seinen jüngeren Bruder bevorzugt hat, der „Sein eigen Fleisch und Blut“ war, wie man so schön sagt.

Zum Glück hat das aber keinen Keil zwischen ihn und seinen Bruder zu getrieben.ar, das

Ganz anders war es mit meiner Cousine und mir. Wir beide waren gleichalt und Freundinnen und hielten uns für Cousinen, obwohl wir gar nicht verwandt waren, was wir damals aber nicht wußten. Wenn meine Oma sich mal wieder zu einem ungerechten Ausbruch gegen mich hatte hinreißen lassen, weinten wir alle beide verstört.

Meine Oma, die vielleicht auch ein schlechtes Gewissen deswegen hatte, liebte nur ihre Enkelin, und ihre Enkelin liebte sie auch. Schließlich hatte meine Oma es aber doch geschafft, unsere Kinderfreundschaft auseinanderzubringen.

"Die Peene ist ein Fluss von hier. Träge schiebt sie sich durch schlammige, unbegradigte Ufer, vorbei an Stillgewässern, Mooren und Bruchwäldern, durch beinah unberührte Natur."

Verena Keßler Die Gespenster von Demmin  

Mein Großvater, der zwar mein Originalgroßvater war, sich aber nie für mich interessiert hatte, war ein grimmiger, verschlossener Typ, der mehr in der Vergangenheit lebte. Wahrscheinlich hat er den Einmarsch der Russen in seine mecklenburgische Heimatstadt Malchin, bei dem seine Schwester vergewaltigt wurde und sich zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Vater das Leben nahm, indem sie sich in der Peene ertränkten, niemals verkraftet. Er stapfte tagelang über die Peenewiesen zwischen den ganzen Leichen herum, bis er seinen toten Vater in einem Gebüsch fand und ihn beerdigen konnte. Die anderen beiden hat man nie gefunden.

Die Parkaue Lichtenberg ist mir besonders gut vertraut, weil dort früher jedes Jahr „Rock für Links“ war. Daran beteiligt waren auch jahrelang die Söhne meiner Freundin, die, im Gegensatz zu Biene und mir, waschechte Berliner sind. Ich habe dort sogar noch Aljoscha von Feeling B mit seiner neuen Bandbesetzung spielen hören. Leider ist er 2000 viel zu früh verstorben.

Auf Aljoscha bin ich eigentlich erst seit dem Dokumentarfilm „flüstern & schreien“ aus dem Jahre 1988 aufmerksam geworden, wo er in seinem umgebauten Armeelaster steht und fröhlich in der Suppe rührt. Der freche Aljoscha hat kurzerhand den Film gekapert und zu seinem gemacht, was auch das beste war, was dem Film passieren konnte. Im zweiten Teil von „flüstern & schreien“, der nach der Wende spielt, wirkte er auf mich schon längst nicht mehr so optimistisch. Es kam mir so vor, als wenn er überspielte, dass es ihm tief im Innersten ziemlich schlecht ging.

Doreen erzählt ihrer verblüfften besten Freundin, die aus Berlin stammt, dass sie unsere Studienrichtung nur ausgewählt hat, weil sie unbedingt nach Berlin wollte. Ihre Freundin kann sich das gar nicht vorstellen. Sie kennt unsere Heimatdörfer und Kleinstädte aber nicht.

PS „Miez, Miez, Miez“, wo seit ihr denn hin, wenn man Euch sucht? Sonst läuft mir ständig so ein flauschiges Exemplar vors Fahrrad, aber wenn man sie für ein Foto braucht, verdünnisieren sie sich.

 

* Ohio, Song den Neil Young aus Anlass der Erschießung von vier Studenten bei einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg auf dem Campus der Kent/State/Ohio am 4. Mai 1970 geschrieben hat.

 

 

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

Schriftstellerins Profilbild Schriftstellerin

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Sätze:194
Wörter:4.488
Zeichen:26.828