Storys > Kurzgeschichten > Alltag > Klamm´sche Weihnachten und die Tante aus Amerika

Klamm´sche Weihnachten und die Tante aus Amerika

9
6.1.2019 20:14
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Klamm´sche Weihnachten und die Tante aus Amerika


Es war eine Woche vor Heiligabend. Alle Leute freuten sich auf das besinnliche Fest, das Fest der Liebe. Alle waren freundlich zueinander und konnten es kaum erwarten mit ihrer Familie vereint zu sein.
Bis auf eine Familie die Weihnachten und das ganze Drum herum eh nicht interessierte.  Aber so wie es der Zufall will, kamen sie dieses Jahr nicht daran vorbei Weihnachten zu feiern.

Die besagte Familie nennt sich mit Nachnamen Klamm, wohnhaft in einem Mietshaus in Dillingen, welches schon  bessere Zeiten gesehen hatte. Jeder  ging seinen  Tätigkeiten nach. Der Vater Ernst ballerte das Sixpack Bier innerhalb von einer halben Stunde. Die Mutter Marion hing vor dem Fernseher und sah sich wie immer jeden Scheiß, den die Glotze so zu bieten hatte, an. Der 15 jährige Paul spielte ununterbrochen mit seiner Spielekonsole und die 16 jährige Lisa hing wie immer am Computer rum. Der Samstag lief immer so ab, bis heute, als plötzlich das Telefon klingelte.
Die sichtlich genervte Marion erhob sich von der Couch und ging zum nervtötenden Ding.
“Ja hallo Marion ich bin es die Hildegard! Ich wollte fragen ob ich an Weihnachten zu euch kommen kann, dann können wir ein bisschen feiern , die anderen in der Verwandtschaft haben alle schon etwas anderes vor! Ich hoffe, dass es euch recht ist, ist ja immerhin  nur noch eine Woche!  Ich werde so gegen Abend am Flughafen ankommen und gleich mit dem Taxi zu euch kommen.  Also dann man sieht sich”, ratterte die Tante  während Marion fieberhaft überlegte wer Hildegard  überhaupt sei.
Die Fluppe, welche sie immer im Mund hatte fiel ihr auf die Plastiktischdecke und hinterließ ein schönes Loch, ehe Marion sie schnell erlöschte.
“Marion, also tschüss dann!”, verabschiedete sich die Tante und legte auf.
Marion knirschte mit den Zähnen und steckte das Telefon in die Ladestation zurück. “Wer ist denn diese Hildegard?  Ich konnte ihr ja jetzt nicht zu- oder absagen, die hat sich einfach selbst eingeladen, die dumme Kuh!”, dachte Marion.
“Kinder! Kommt mal her aber plötzlich!”, schrie Marion und stand nun vor ihren Mann, ehe die Kinder herkamen  und sich ebenfalls dazustellten.
“Irgendeine Hildegard kommt uns an Heiligabend besuchen, wahrscheinlich irgendeine Verwandte. Also will ich das alles Tip- Top ist wenn sie kommt!“
Gedanklich fragten sich die anderen, was Marion unter Tip- Top verstand.
“Ich weiß  zwar im Moment  nicht, wer diese Hildegard ist, aber die bringt viele Geldgeschenke, wer soll uns sonst schon  freiwillig besuchen”, erklärte Mutter Marion.

In der Woche waren alle mit den Vorbereitungen beschäftigt.
Das Loch in der Plastiktischdecke wurde fest getackert und darauf eine schrill, grüne Vase   mit Tannenzweig gestellt die bedrohlich wackelte.
Die Kinder verstauten ihre Spielsachen und die dreckige Wäsche in die Schränke und unters Bett, so konnte diese Frau sie nicht sehen.
Ernst schmiss seine ganzen leeren Bierfalschen achtlos in den Wohnzimmerschrank, weil er zu faul war um sie wegzubringen  mit der innigen Hoffnung diese Hildegard würde ihn nicht aufmachen.
Zum  Heiligabendessen sollte es Dosensuppe geben.
Ernst kaufte zu einem Spottpreis eine nicht  gerade schöne Tanne.
Es war ein Sonderangebot in einen Billigramschladen namens MCGeiz.
Die Tanne hatte nur auf einer Seite Nadeln, welche auch dort nur spärlich vorhanden waren.
Die Tanne schwankte bedrohlich. Die Familie hatte natürlich keinen Baumständer.
Die Kinder schmückten den Baum mit den leeren Zigarettenschachteln, die ihre Mutter eh nie wegwarf und sich unter dem Küchentisch und dem Sofa türmten.
Nun fehlte nur noch  ein sogenannter Stern, der Stern am Firmament sozusagen.
Paul musste den Müll raus tragen, der sich in den vergangenen Wochen so ansammelte.
Als er schließlich zurückkam, hatte er etwas in den Händen, es sah komisch aus.
“Das hat noch gefehlt am  Weihnachtsbaum”, grinste Paul und setzte das komische Ding, was er irgendwo im Müll ausgrub,  auf die Spitze des schiefen Baumes.
“So sieht er schon viel besser aus”, lobte ihn Lisa, die sich zu ihrer Mutter gesellte welche soeben in der Küche hantierte und Plätzchen  backte aus einer Fertigpackung von Penny.
Ernst beteiligte sich ebenfalls, indem er das dreckige Geschirr, das schon so lange auf der Spüle stand, dass er all seine Kraft aufwenden musste um den Dreck herunterzuschrubben.
“Jetzt hab ich´s!”
Erstaunte Augenpaare richteten sich auf Marion, der die Kippe in den Teig, den sie am ausrollen war, fiel.
Den Teig rollte sie einfach munter weiter.
“Diese Hildegard”, fuhr sie fort, “ist diese saureiche Tante aus Amerika. Die hat soviel Geld, da fallen bestimmt ein paar 1 000 € für uns  als Weihnachtsgeschenk ab!”
“Das wäre ja mal voll fett”, freute sich Paul.
Es sollte alles ganz anders kommen, wie die Familie es erwartete…

Endlich war der heißersehnte Heiligabend da.
Die Familie zog ihre besten Sachen an, die sie so zu bieten hatte.
Alle Kleidungsstücke wurden nur so von Löchern gezeichnet.
“Mit Nadeln und Faden hast du es ja nicht so. Wenn du es könntest müssten wir nicht so rumlaufen!”, stichelte Ernst.
“Ja stimmt schon, aber wenn wir erstmal Geldgeschenke von Hildegard bekommen, dann gehen wir nach Saarlouis shoppen”, erwiderte Marion.
Die 4 köpfige Familie wartete rausgeputzt und  gestiefelt auf den Besuch.
Als  es klingelte öffnete Lisa die Tür und sah ihre Tante mit großen Augen an. Sie war total gestylt mit  teueren Klimperohrringen und dem ganzen Kram.
“Ach sieht das alles schön aus!”, fand die Tante, die ziemlich dicke Brillengläser trug, sonst hätte sie diesen Ausruf bestimmt nicht getätigt. Überschwänglich umarmte sie alle Familienmitglieder und freute sich endlich mal wieder in Deutschland zu sein.
Nach einiger Zeit rief Marion alle  zu Tisch und servierte ihre selbstgeöffnete Dosensuppe, die gar nicht mal so schlecht schmeckte.
Nach dem Essen gingen sie mit Hildegard zu dem Super- Weihnachtsbaum, in der Hoffnung dass es bald Geschenke in Hülle und Fülle regnete. Keiner machte sich Gedanken darüber, dass das Tantchen nur eine Handtasche und ein kleines Köfferchen dabei hatte. Nun stimmten alle in das ihnen einzige bekannte Weihnachtslied “Oh Tannenbaum” ein.
Es wurde gekrächzt was das Zeug hielt, als sich plötzlich der Tannenbaum ohne Ständer , welcher ja nur an der Wand lehnte, aus seiner Starre löste und geradewegs auf Hildegard drauf fiel.
Diese schrie fürchterlich und hielt sich ihren Arm fest.
Jetzt gab es nur eins, ab in den Bus und  in die Notaufnahme, weil der Arm bedrohlich anschwoll.
Hildegard jammerte die ganze Zeit und beim rausstürmen aus der Wohnung, blieb Ernst mit seinen Pulli am Türgriff des Wohnzimmerschrankes hängen. Und siehe da: die leeren Bierflaschen, die er schon völlig verdrängt hatte, purzelten alle heraus. “Das gibt bestimmt viel Pfandgeld”, sagte Tante Hildegard und die anderen sahen sie verwundert an. “Warum ist die Olle auf Pfandgeld angewiesen?”, fragte sich Lisa.

Nach  3 Stunden Notaufnahme und einer Tante Hildegard mit  Verband um den verletzten Arm waren sie wieder in der “schönen” Wohnung angekommen.
“Man ey! Das ganze Theater mit dem scheiß Bus. Hildegard hätte uns doch ein Taxi bezahlen können mit ihrer Mordskohle! Apropos Kohle: Wo sind den die Geschenke und  vor allem die mit dem Zaster? ”, fragte Lisa etwas ungehalten. Die Tante schluckte schwer. “Nun ja ich bin leider völlig abgebrannt und hoffte hier ein paar Wochen unterzukommen. Ich bin einen Betrüger auf den Leim gegangen und habe kein Geld mehr für einen Rückflug”
Marion kippte aus den Latschen. Ernst setzte sich mit einer Pulle Bier auf den Wohnzimmertisch, welcher unter dem nicht gerade leichten Ernst ächzend zusammenbrach. Dieser saß nun leicht verwirrt auf dem Boden und verstand die Welt nicht mehr.
Hildegard schluchzte. Marion fand als erste ihre Sprache wieder und meinte: “Schlafen wir erstmal eine Nacht darüber.”

Später im Schlafzimmer meinte Marion zu Ernst: “Das war das schönste Weihnachtsfest seit Jahren, obwohl wir keine Kohle bekommen haben.”
“Ja”, stimmte  Ernst zu.  “Nächste Woche gehen wir mit Hildegard zum Sozialamt, mal sehen ob wir Geld  bekommen, wenn wir sie hier aufnehmen.”
“Supi Idee!”, lachte Marion und schnarchte nach kurzer Zeit mit ihren Göttergatten um die Wette.

Am nächsten Morgen sagte das Tantchen: “Und sorry noch mal, dass ich keine Geldgeschenke  und auch sonst nix mitgebracht habe.”
“Macht doch nix. Geschenke sind doch nicht das Wichtigste an Weihnachten”, meinte Lisa und wunderte sich über sich selbst, dass sie das sogar ernst meinte.
Auch die anderen schienen das Gleiche zu denken.
“Ernst und ich haben beschlossen, dass wir dich bei uns aufnehmen”, erklärte Marion und Hildegard fiel ihr vor Freude um den Hals.
“Das war wirklich ein schönes Weihnachtsfest”, meinte Paul später zu Lisa.
“Ja, fand ich auch. Vielleicht können wir das nächste Weihnachten ja toppen!”, lachte Lisa, ehe sich zum ersten Mal ehrlich und gewissenhaft an die Hausaufgaben setzte. Auch richtig Lernen wollte sie. Sie schrieb nämlich immer bei Arbeiten von ihrer Banknachbarin Laura ab, was meistens mit einer 4 ausging.
Sie und Paul wollten sich nämlich ändern, wollten endlich mal Liebe zeigen und den ganzen Kram.
Vielleicht würde diese Veränderungen auch auf Marion und Ernst übergehen.
Nun ja, dies blieb abzuwarten.

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

pseudor4M0ss Profilbild pseudor4M0s

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Sätze:73
Wörter:1.545
Zeichen:9.234

Kurzbeschreibung

Eine Familie wird was den wahren Sinn von Weihnachten angeht etwas Besseren belehrt. Mit vielversprechenden Erfolg? (Diese Geschichte entstand 2014.)

Kategorisierung

Diese Story wird neben Alltag auch im Genre Familie gelistet.