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In einem anderen Leben in diesem Leben

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26.01.20 16:11
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Ich bin im August nach Zürich gezogen. Die Stadt wirkt wie ein großes Dorf, und der Sommer ist traumhaft hier.

In meiner dritten Woche in Zürich bin ich mit einer kleinen Gruppe wandern gegangen, in den Alpen. Als wir morgens im Tal ankamen, war ich überwältigt von diesem mächtigen Anblick der Alpen und den Schnee-Spitzen mitten im Sommer. Nach sechs Stunden Wandern waren wir endlich auf dem Gipfel angekommen. Es war für mich ein Rendezvous mit meinem Körper, wir waren uns an diesem Tag sehr nah gekommen und dafür war ich sehr dankbar.

Eine Woche später verpasste ich in der Firma eine Treppenstufe und riss mir zwei Bänder im Fuß.

Die nächsten zwei Wochen durfte ich nicht laufen und musste den Fuß immer hoch legen. Es sollte noch viele Wochen dauern, bis ich wieder normal laufen konnte und noch länger, bis mein Fuß geheilt war.

In der ersten Zeit galten meine wenigen Ausflüge nur dem Supermarkt und dem Arzt. Ich bekam sogar Krücken, um einen geplanten Urlaub doch noch angehen zu dürfen, und hatte mich riesig darüber gefreut, denn mit den Krücken konnte ich in normaler Geschwindigkeit laufen. Ein paar Tagen nachdem ich zurück war aus dem Urlaub, haben meine Arme nur noch geschmerzt und ich war froh, die Krücken wieder abzugeben.

Bei einem meiner Schildkröten-Märsche zum Supermarkt habe ich eine meiner Nachbarinnen kennengelernt. Eine elegante fünfundachtzigjährige Dame, die die Straße gern Meter entfernt vom Zebrastreifen überquert und das mit dem Walker. Ich denke, dass sie irgendwann mal eine abenteuerlustige Frau war, irgendwann in einem anderen Leben, denn wenn man so alt wird, dann hat man schon viele andere Leben gehabt in seinem Leben.

Wir beide reden kaum, wir bemerken uns, wenn wir auf der Straße laufen und es scheint, als würden wir uns gegenseitig geistig unterstützen. An anderen Tage fordern wir uns heraus, wer wohl schneller die Straße überquert, um doch noch die Straßenbahn zu schaffen, die gerade kommt. Aber die schaffen wir sowieso nie und schneller laufen können wir nun wirklich nicht. Das Konzept schnell mal die Bahn schaffen gehört nicht in unsere Welt, wir brauchen mehr Zeit, für alles. Die fitten Menschen rasen an uns vorbei in die Straßenbahn, die dann ebenfalls an uns vorbeirast. Die nächste Straßenbahn kommt in sieben Minuten und wie immer setzen wir uns auf die Bank an der Haltestelle und schauen einfach nur nach vorne, sieben Minuten lang.

Fünf Monate später bin ich wieder in den Bergen. Ich merke, dass mein Fuß noch nicht der alte ist, aber das ist mir egal, ich heiße diese neue Version meines Fußes willkommen und habe problemlos Geduld, denn einen gesunden Fuß hatte ich mir Monate lang gewünscht.

Ich bin heute wiedermal spät zur Arbeit dran und rase schnell zur Straßenbahn, die gerade kommt. Die Straßenbahn fährt los und ich blicke aus dem Fenster: meine Nachbarin mit ihrem Walker, die gerade die Straße überquert, langsam und ruhig einige Meter neben dem Zebrastreifen, so wie sie es mag. Die Fahrer in ihren Autos dürfen geduldig zuschauen. Ich spüre diese langsame Welt plötzlich in mir, wie nah sie mir mal war und wir fern sie jetzt eigentlich ist. Ich vermiss sie.

Ein paar Tage später gehe ich bewusst langsam zur Straßenbahn. Ich lasse die Leute an mir vorbeirasen, und auch die Straßenbahn kann vor mir davon fahren. Ich setze mich auf die Bank an der Haltestelle und warte auf die nächste Bahn. Ich schaue nach vorne, sieben Minuten lang. Der große alte Baum vor mir fesselt mich jetzt im Winter wie damals schon im Sommer. Mit seinem breiten Stamm ist er fest im Leben verwurzelt und seine vielen Äste versuchen in unterschiedlichen Richtungen dem Himmel näher zu kommen. Elegant und stolz steht er da. Warm und behütend schaut er auf mich, wie auch schon auf die vielen anderen Lebewesen, die tanzend, traurig, hoffnungsvoll oder matt  sowohl heute als auch damals auf den Wegen ihres Leben an ihm vorbei liefen. Ich sitze heute alleine auf der Bank, meine alte Nachbarin ist gestern verstorben.

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Jordeu Am 31.01.2020 um 13:42 Uhr
Wie meist bei den Storys von MUNZ sehr berührend.

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Sätze:28
Wörter:719
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Diese Story wird neben Alltag auch im Genre Nachdenkliches gelistet.

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