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In einem anderen Leben in diesem Leben

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17.5.2019 16:04
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Ich bin im August nach Zürich gezogen. Die Stadt wirkt wie ein großes Dorf, und der Sommer ist traumhaft da.

In meiner dritten Woche in Zürich bin ich in die Alpen wandern gegangen mit einer kleinen Gruppe. Ich stand im Tal vor eins dieser mächtigen stolzen Berge der Alpenkette und konnte den Schnee auf der Bergspitze mitten im Sommer sehen. Ich war fasziniert von der Macht und Schönheit der Natur. Nach sechs Stunden Wandern waren wir endlich an der Bergspitze angekommen. Ohne der Gruppe und ihrer Anfeuerung hätte ich es nicht schaffen können. Es war ein Rendez-Vous mit meinem Körper und wir sind uns an diesem Tag näher gekommen. Für diese Erfahrung war ich dankbar.

Eine Woche später verpasste ich in der Firma eine Treppenstufe und riss mir zwei Fußbänder.

Zwei Wochen lang durfte ich nicht laufen und sollte meinen Fuß immer hoch heben. Vor mir lagen nun viele Wochen bis mein Fuß wieder heilen würde.

Meine wenigen Ausflüge in dieser Zeit galten dem Supermarkt, der Apotheke oder dem Arzt. Ich trug eine Woche einen weichen Gips, und bekam Krücken, über die ich mich sehr gefreut habe, denn nun konnte ich endlich wieder schnell laufen. Am Ende dieser Woche haben meine Arme durch die Krücken nur noch geschmerzt und ich war froh sie abzugeben.

Bei einem meiner Schildkröten-Märsche habe ich meine alte Nachbarin kennengelernt. Eine elegante fünfundachtzig jährige Dame, die die Straße gern Meter neben dem Zebrastreifen überquerte, mit ihrem Walker. Ich denke mir dass sie irgendwann mal eine abenteuerlustige Frau gewesen sein muss, irgendwann mal in einem anderen Leben, denn wenn man so alt wird dann hat man schon viele andere Leben mal gelebt in seinem Leben.

Wir reden nicht viel, wir bemerken uns wenn wir auf der Straße gehen und es scheint als würden wir uns gegenseitig geistig unterstützen, oder wir fordern uns auf wer wohl die Straße schneller überquert um die Straßenbahn zu schaffen die gerade kommt, aber die schaffen wir sowieso nicht, und schneller laufen können wir nun wirklich nicht. Das Konzept schnell mal die Bahn schaffen gehört nicht in unsere Welt, wir brauchen mehr Zeit, für alles. Die fitten Menschen rasen an uns vorbei in die Straßenbahn, die dann ebenfalls an uns vorbeirast. Die nächste Bahn kommt in sieben Minuten und wie immer setzen wir uns auf die Bank in der Haltestelle und schauen einfach nur nach vorne, sieben Minuten lang.

Fünf Monate später bin ich wieder in den Bergen wandern. Ich merke dass mein Fuß noch nicht der alte ist, aber das ist mir egal, ich heiße diese neue Version meines Fußes willkommen und habe problemlos Geduld, denn so ein Fuß habe ich mir seit Monate gewünscht.

Ich bin heute spät und rase schnell zur Straßenbahn die gerade kommt. In der Bahn sehe ich aus dem Fenster meine alte Nachbarin in ihrem Walker die Straße queren, langsam und ruhig neben dem Zebrastreifen. Die Autos stoppen und dürfen zuschauen. Ich bin nicht mehr in dieser langsamen Welt und ich spüre gerade dass ich sie vermisse.

Paar Tage später laufe ich langsam über die Straße und lasse die Leute an mir vorbei rasen, die Straßenbahn ebenfalls. Ich setze mich auf die Bank in der Haltestelle und schaue nach vorne, sieben Minuten lang. Ich liebe diesen großen schönen alten Baum da vorne mit seinem breiten Stamm fest im Leben und die vielen Äste die in unterschiedlichen Richtungen den Himmel näher kommen wollen. Elegant und stolz ist er, warm und hütend schaut er auf mich und die Lebewesen drum rum sowie schon die tanzenden, traurigen, hoffnungsvollen und losen von damals. Jetzt im Winter wie schon im Sommer bin ich gefesselt von diesem Anblick. Ich sitze heute alleine auf der Bank, meine alte Nachbarin ist gestern verstorben.

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Diese Story wird neben Alltag auch im Genre Nachdenkliches gelistet.