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Ich brauche nur noch

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21.05.20 16:53
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Da steht sie. Gerade noch wurde sie in den 4. Stock gewuchtet und über die Schwelle gehievt. Jetzt steht sie dort, wo sie hingehört. Und da stehe ich, mit der Gebrauchsanleitung in der Hand. Die neue Waschmaschine ist da.

Ich schlendere in den Baumarkt, finde einen freundlichen Berater und erkläre ihm mein Problem; da Waschmaschine, dort Wasseranschluss, das dazwischen will ich haben. Er klopft mir auf die Schulter und meint, „wohl das erste Mal hier?“. Meine innere Stimme sagt, ich solle es nicht tun, aber ich verneine inbrünstig. Er führt mich zu einem Regal. „Was für einen Wasseranschluss haben Sie denn?“, er lächelt milde und zeigt mir eine Tafel von drei Dutzend Varianten. Ich setze mein Pokergesicht auf und deute spontan auf den erstbesten, „den da – ganz sicher!“. Er empfiehlt mir einen entsprechenden Adapter und ich stolziere zur Kasse.

Zu Hause fast ein Glücksgefühl. Der Adapter passt, aber nur auf der Seite der Waschmaschine. Ich weiß, was zu tun ist. Ich fotografiere den Wasseranschluss, fertige eine kleine Zeichnung an und trage die Maße ein, zur Sicherheit inklusive der Anzahl der Windungen und des Abstands zwischen ihnen. So bewaffnet gehe ich in den Baumarkt. Kurz darauf stürme ich wieder hinaus. Der Berater steht genau neben dem Regal. Ich möchte mir keine Blöße geben und entscheide, es irgendwo anders zu probieren. Dort finde ich ein ähnliches Regal und kurz darauf einen ähnlichen Berater. Er kommt gut gelaunt auf mich zu und fragt mich, ob er helfen könne. Ich zeige ihm das Foto und die Zeichnung mit den Massen. Er lächelt milde und fragt, ob ich denn auch den Steigungswinkel der Windungen gemessen habe. Ich verneine und sage, dass ich gerne nochmal nach Hause fahren könne, um dies nachzuholen. „Keine Sorge, war nur ein Scherz“, sagt er, klopft mir auf die Schulter und gibt mir einen Adapter. Etwas niedergeschlagen gehe ich zur Kasse.

Daheim Ernüchterung. Der Adapter passt, aber diesmal nur auf der Seite des Wasseranschlusses. Er passt leider auch nicht zum anderen Adapter. Da beide eine 5-Jahres-Garantie haben, beschließe ich, beide zu behalten. Jetzt fehlt mir nur noch das Mittelstück.

Zur Sicherheit schaue ich kurz in einer Buchhandlung vorbei. Zufällig haben sie noch ein Restexemplar „Die Waschmaschine und ich – 99 Tipps zum Überleben“. Die Verkäuferin empfiehlt mir zusätzlich das zwei-bändige „Kompendium der Steck- und Schraubverbindungen“. Nach gründlicher Lektüre und einer ausführlichen Internet-Recherche fühle ich mich gewappnet für meinen nächsten Versuch. Ich nehme die Umverpackungen der zwei Adapter mit, schlucke zwei Aspirin, bitte meine Nachbarin, ob sie die Blumen gießen könne, falls es länger dauern sollte und marschiere zum Baumarkt.

Diesmal kein Berater weit und breit. Ich warte eine Weile und schlage mich dann auf eigene Faust durch bis ich erschöpft und mit einsetzenden Wadenkrämpfen letztendlich das richtige Regal finde. Die nächste Zeit bin ich damit beschäftigt, mir einen Überblick zu verschaffen. Ich arbeite das Regal systematisch ab und da ich kein Papier dabei habe, notiere ich alle Adapter auf meinem Handrücken – zunächst auf dem Handrücken, dann auf dem Unterarm, schließlich kremple ich das Hemd noch weiter nach oben bis auch der Oberarm voll gekritzelt ist. Bis jetzt ist der richtige noch nicht dabei, aber wenn... ich beginne, meine Notizen genauer zu untersuchen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es funktioniert. Ich kaufe ein und gehe zur Kasse.

In der einsetzenden Dämmerung ergänze ich meine Sammlung um die neu gekauften sieben Adapter und setze alle zu einer Adapter-Schlange zusammen. Wahnsinn! Es passt alles zusammen. Bis auf zwei kleinere Probleme. Zum einen bildet die Adapter-Schlange ein starres Gebilde von etwa einem Meter Länge, welches um einen halben Millimeter nicht mehr unter den Wasserhahn passt. Zum anderen fehlen mir ein paar Werkzeuge, um die diversen Schrauben und Schellen fest genug anzuziehen, um den längsseitigen Wasseraustritt auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Wenigstens kann ich in Zukunft dank der diversen Adapter meinen Wasserverbrauch per Handy abrufen, über den Fernseher können ich und vermutlich auch meine Nachbarn dem aktuellen Waschprogramm folgen und die letzte Einstellung wird automatisch als Wasch-Profil auf CD gebrannt. Außerdem wird bei laufendem Wasser Strom für eine kleine Leselampe erzeugt.

Ich beschließe, sorgfältiger vorzugehen. Zunächst erhöhe ich die Versicherungssumme meiner Hausratsversicherung und lasse sie um Wasserschäden erweitern. Dann nehme ich mir eine Woche Urlaub.

Im Urlaub besorge ich mir eine Perücke und einen künstlichen Schnurrbart. Ich schleiche mich in verschiedene Baumärkte, observiere die Kunden, zeichne heimlich die zurückgelegten Wege auf, notiere die Zeiten. Zu Hause folgt die Auswertung. Wer geht wie schnell wo hin? Mit der Zeit erkenne ich ein Muster. Darüber versuche ich eine Klassifizierung der Kunden in Novize, Normalo und Nicht-von-dieser-Welt. In der letzteren Gruppe fällt mir besonders ein Kunde auf. Er kommt häufig und steuert schnurstracks und mit hoher Durchschnittsgeschwindigkeit jeweils unterschiedliche Orte im Baumarkt an, ohne Pausen, ohne Umweg – wow! Ein Genie!

Am Wochenende sehe ich ihn erneut. Er kauft einen Bohrhammer. Beim Parkplatz versuche ich, ihn anzusprechen, „Entschuldigung, haben Sie...“. Ich komme nicht weit, denn er schaut mich entsetzt an, stolpert fast über die Bordsteinkante, dann dreht er sich wieder um und beschleunigt seine Schritte. Ich folge ihm. Er beschleunigt weiter, schließlich läuft er keuchend den Gehweg entlang. Der Bohrhammer-Koffer verleiht seinem Laufstil eine behäbige Unwucht frei von Eleganz. Ich hole auf. Fast habe ich ihn, als er unvermittelt stehenbleibt. Der Bohrhammer-Koffer schwenkt nach vorne, der Mann reißt am Koffer. Wie ein Hammerwerfer stemmt er sich gegen die Fliehkraft und wirbelt den Bohrhammer herum. Ich bin erstaunt ob seiner Geschicklichkeit. Ich bin auch erstaunt, dass ich das Ganze wie in Zeitlupe sehe und dennoch nicht ausweiche. Er rammt mir den Bohrhammer in die Magengegend.

Als ich wieder aufwache, fühlt sich mein Magen an wie ein in Brand geratener Halloween Kürbis. Der Mann ist weg. Der Bohrhammer auch, nur die quadratische Erinnerung an ihn steckt noch in meinen Eingeweiden fest. Neben mir liegt ein Zettel mit einer Telefonnummer.

Am späten Nachmittag liege ich im Bett mit ihr, einer kalten Kompresse. Ich wähle die Telefonnummer. Eine leise Frauenstimme meldet sich, „anonyme Selbsthilfegruppe für Baumarkt-Kunden, was ist Dein Problem?“. Ich stutze, fange erst stockend, dann fließender an, von mir zu erzählen. Sie hört mir zu. Endlich versteht mich jemand. Wir telefonieren lange und schließlich lädt sie mich ein zum regulären Treffen am Mittwoch Abend.

Mein Leben ändert sich. In den nächsten Wochen und Monaten erfahre ich Dinge, von denen ich zuvor keinerlei Vorstellung hatte. Neue Welten öffnen sich. Ich lerne neue Worte kennen, Begriffswelten, die ich zuvor nie gehört und nie vermisst hatte. Zusammenhänge werden mir offenbart, die sonst nur von alten Handwerksmeistern auf dem Sterbebett ihren erst-geborenen Söhnen zugeflüstert werden.

Eines Tages bin ich soweit. Im Baumarkt gehe ich schnurstracks zum Info-Stand. Nach ein paar Minuten beendet der Berater sein privates Telefongespräch und wendet sich mir zu. Ich nenne ihm mein Zauberwort: „Ich brauche einen freirundigen Kreuzschlauch mit quergeriffelter Längsfräsung und 2mm Delta-Korpus mit Imbus-Ausdüsblase“. Er schlägt einen dicken Katalog auf. Er macht sich ein paar Notizen, blättert vor und zurück, schreibt ein paar Seitennummern auf. Seine Stirn legt sich in Falten. Je länger er blättert und je länger seine Notizen werden, desto blasser wird er. Schließlich starrt er mich an. Ich lächle mild. Er lässt mich nicht aus den Augen und bewegt sich vorsichtig rückwärts zur anderen Seite seiner Info-Theke, langsam zieht er seinen Arm zurück und mit einer plötzlichen Bewegung haut er auf einen halb versteckten, roten Knopf.

Eine Sirene heult. Eine anonyme Stimme fordert die Besucher auf, den Baumarkt umgehend zu verlassen. Rollläden rattern nach unten. Eine Gruppe von Sicherheitsleuten fällt im Gleichschritt ein, sie verteilen sich unter den Besuchern und komplementieren diese hinaus. Brandschutz-Türen rollen zu. „Sie sind von der Zentrale, oder?“, fragt er mich mit leicht nach hinten gebeugtem Oberkörper, seine Hände klammern sich an der rückwärtigen Theken-Leiste fest. Ich verneine. Er winkt vage in eine Richtung und verspricht, nachzukommen. Ich gehe entschlossen zum Ziel-Regal.

Inzwischen bin ich der einzige Kunde. Die Berater haben sich bei den Kassen gesammelt und stehen flüsternd zusammen. Manche beobachten mich, andere bewaffnen sich mit Katalogen und telefonieren hektisch. Jetzt rücken sie nach, den Abstand zwischen ihnen und mir konstant haltend. Flüssig schreite ich am Regal entlang, streife locker mit dem Handrücken über die Umverpackungen. Mit einem gezielten Griff nehme ich das Gesuchte. Ein Raunen geht durch den Berater-Pulk. Ich mache kehrt, gehe zur Kasse. Die Berater machen eine Gasse frei, ein paar applaudieren.

Zu Hause ein Glücksgefühl. Ich setze die Waschmaschine in Gang.

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