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Die Jugendweihefahrt oder Lady Chatterley im Schnee

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14.11.21 11:51
Fertiggestellt

Ich scheiße eine Rose mit Dornen.“

Yahya Hassan

So auf Höhe U-Bahnhof Senefelder sah ich schon von weitem eine Hammelherde von ungehobelten Halbwüchsigen, die sich ständig schubsten und stießen. Der Anblick meiner Landsleute hat mich noch nie so froh gemacht. Ich schöpfte wieder Hoffnung. Dann erblickte ich auch meinen ehemaligen Mathelehrer, der außerdem nur eine Treppe über uns wohnte. Ein Stück weiter war meine Mutter damit beschäftigt, einen Streit zu schlichten. Ein Junge hatte ein Mädchen in den Schneematsch geschubst. Weinend klopfte sie ihre Kleidung ab.

Aber ich will ganz von vorn beginnen. Macht Euch selber einen Reim. Ich habe die Ereignisse nur so wiedergegeben, wie sie passiert sind.

Ismael hat mir erzählt, dass er einmal ein russisches Mädchen von der Türkei bis vor ihre Haustür im Studentenwohnheim „Ferdinand Thomas“ in der Storkower Straße gefahren hat. Sowas zeigt doch, dass die verrückten Frauen nicht aussterben und dass es bei vielen kohlemäßig wohl ähnlich schlecht bestellt ist, wie bei mir etliche Jahre zuvor im selben Studentenwohnheim, genauer gesagt in der Wohnung Q7/30. Damals musste ich um die Karnevalszeit herum drei Wochen Praktikum in Dresden machen und hatte mich mit meinem Geld total verkalkuliert, was bei dem bißchen Stipendium kein Wunder war.

Die fröhlichen Mädchen aus dem Labor, wobei mir schleierhaft war, woher sie ihren naiven Lebensmut nahmen und von denen dreie Katrin hießen, eine davon war so schön wie Shulamit aus dem Hohelied und die ständig Geschichten über ihre Freunde zum Besten gaben, schenkten mir jeden Tag ihre Gratismilch, und ich hoffte damit über die Runden zu kommen. Außerdem liehen sie mir Lady Chatterley. Das schien aber auch das einzige Buch zu sein, dass sie je gelesen hatten. Außerdem würde ich auch nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass sie diesen Meilenstein der Weltliteratur vollständig durchgearbeitet haben.

Überhaupt stehe ich auf dem Standpunkt, dass dieses Buch in der Schule durchgenommen werden muss. Das würde die Geburtenrate eher zum positiven beeinflußen als Faust und Das Leben des Gallilei. Besonders in Faust zeigen sie einem ja, dass man auf dem Scheiterhaufen landet, wenn man sich von einem Mann rumkriegen lässt.In Dresden suchte ich nach einem Klub, von dem ich wußte, dass hier einer immer hinging, der mir im Sommer in Berlin über den Weg gelaufen war. Schon als ich davorstand, spürte ich seine Anwesenheit.

Ein Freund von mir meint, dass solche Fähigkeiten noch ein Überbleibsel aus unserer Zeit als Jäger und Sammler sind und dabei halfen, wenn zwei sich in den germanischen Wäldern verloren hatten. Schon damals in Berlin hat mich umgehauen, dass seine Haare diesen Geruch nach verbranntem Eisen hatten, den die Bahnhöfe morgens im Sommer haben. Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass die Verwandten von meinem Vater alle Eisenbahner waren, aber ich weiß nicht, ob so was geht, dass man sich deshalb in einen verliebt, der wie ein Eisenbahner riecht.

Ein englischer Professor hat im Fernsehen mal die kühne Behauptung aufgestellt: „Egal was zwei sich einbilden, egal welche sozialen, kulturellen Unterschiede bestehen. Es kommt auf den Geruch an.“ Wenn Dein Unterbewußtsein den Geruch des anderen mag, liegt man genetisch ziemlich auseinander, und das ist gut für die Fortpflanzung.

„Als wenn man sich aussuchen kann, in wen man sich verliebt.“Marcel Proust

Da hatte der kleine schwule Jude, der Zauberer auf dem Krankenlager, dem Nagel auf den Kopf getroffen.Eigentlich mag ich ja keine Intellektuellen. Die, die sich früher in meiner Klasse als Intellektuelle fühlten, sahen immer verächtlich durch einen hindurch, wenn sie mit einem redeten. Aber mit Brecht, als er noch ein schräger, dürrer Vogel war, immer pleite, vorurteilsfrei, die personifizierte Fantasie und so witzig, dass er einen sogar auf dem Totenbett zum Lachen gebracht hätte, wäre ich gern mal eine ganze Nacht im Zugabteil gereist.

Da ich mich wohl im vergangenen halben Jahr irgendwie „rausgemacht“ hatte, ein Lieblingsausdruck meiner Mutter, den sie verwendete, wenn sie über das Wiedersehen mit ehemaligen Schülerinnen sprach, wurde mir noch eine zweite Chance eingeräumt.Er brachte mich noch zur Bahn. Wortlos stand er neben mir an der Straßenbahnhaltestelle. Warum sollte er auch großartig sagen, dass er sich freut mich zu sehen. Er stand ohne Jacke neben mir im Schnee, dass reichte ja wohl.

„...Rings um uns war Schweigen nur, Schweigen nur und Schnee, Himmel war, nicht wie Azur, blau jedoch, und voll mit Sternen.....“Lied; Selma Merbaum Eisinger

Ich musste an ein Liebespaar aus meiner Lehrlingszeit denken. Während einer Klassenfahrt, auf der sie endlich zusammenkamen, standen sie die ganze Nacht schweigend nebeneinander auf dem Gang vor dem Zugabteil und starrten durch das Fenster in die Dunkelheit. Die Sprache der Liebe schien wohl Schweigen zu sein. Die Straßenbahn kam und kam nicht, aber er hielt tapfer durch, obwohl ich kühn erklärte, dass ich nicht böse bin, wenn er geht. Das war natürlich glatt gelogen. Wenn er gegangen wäre, hätte mich das umgehauen.

Alle Liebenden haben diesen Moment.Warum muss das immer nachts sein und immer unter widrigen Wetterbedingungen? Eine Freundin flüchtete am ersten Tag mit ihrer zukünftigen großen Liebe durch den dunklen Wald, als die Polizei nachts bei einer Straßenkontrolle das überfüllte Auto anhielt.

Eine andere hat mit demjenigen, der später ihr Mann und der Vater ihrer Tochter wurde, nachts im Regen und ohne Kleidung im Stadtpark getanzt.

Jemand musste in einer Silvesternacht in der Neuen Bahnhofstraße am Ostkreuz tellerweise Tütensuppe essen, obwohl ihr nach allem, nur nicht nach Essen, zumute war. Und immer wenn ihr Teller endlich leer war, hat er unerbittlich nachgefüllt.

Nur Ismael und seine „Füzun“ (Ich weiß nicht wie sie hieß, aber ich nenne sie mal so, wie die junge Türkin im „Museum der Unschuld“) hatten ihren Moment am hellen Tag im Görlitzer Park, wo sie sich ansahen und sich gleich auf den ersten Blick ineinander verliebten. Wenn Füzun einmal nicht zum Treff kommen konnte, zitterte er und stand kurz vor dem Zusammenbruch. Ein paar Wochen später schickte ihre Familie sie nach Istanbul zurück, und sie sahen sich niemals wieder.

Meine Freundin ist schön, als ich aufstand ist sie gegangen...“

dieses Lied von den Puhdys, die ich übrigens für eine Bande von Speichelleckern hielt, aber da hatten sie mal was hingekriegt, ging mir in diesen Tagen nicht mehr aus dem Sinn. Als ich später auf gut Glück einmal eine Bibel aufschlug, sah ich es wieder. Es ist das Hohelied Salomons und alle Verliebten erkennen sich darin.

Als wenn das an Schwierigkeiten noch nicht reicht, wurde ich auch noch von der Grippewelle erfaßt. Eines Morgens fühlte ich mich nicht unwohl aber merkwürdig schwerelos. Der Betriebsarzt schrieb mich krank, und ich lag mit 39 Grad Fieber und knurrendem Magen in dem möblierten Zimmer. Die Zimmerwirtin brachte mir einen Kräutertee, hätte sie mir lieber ein belegtes Brot gebracht. Langsam schwante mir, dass meine einzige Chance, aus dieser Situation rauszukommen, war, dass ich versuchen mußte, meine Mutter zu treffen. Sie war zu dieser Zeit mit ihrer Klasse gerade mal wieder auf Jugendweihefahrt in Berlin. Meine Mutter hatte übrigens vor 30 Jahren in Dresden studiert, und sie und ihre Freundinnen haben auch in möblierten Zimmern gewohnt. Ihr Vater gab ihr keinen Pfennig. Sie waren drei kleinbürgerliche, konservative Mädchen, aber nicht ohne eine geheime Sehnsucht nach Ausbruch, zumindest bei meiner Mutter war das wohl so.

Ich tippe mal Thomas Mann wäre bei ihnen auch sitzengeblieben und J.D. Salinger hätte einen aufsehenerregenden Roman über den Geschlossenen Werkhof in Torgau geschrieben.Und der Junge mit dem ich in der letzten Bankreihe immer Eintagsfliegen gefangen habe und der alles über Käfer wußte und ihre lateinischen Namen kannte und von dem sie sagten, dass sein Vater einen umgebracht hat, wurde ein großer Alkoholiker und kein Insektenforscher. Sie mochte eigentlich immer nur Schülerinnen, die sich perfekt entwickelten.Viele von diesen erfolgreichen, intelligenten Schülerinnen hat sie wohl insgeheim geliebt, was aber nicht erwiedert worden ist. Merkwürdigerweise freuten sich immer nur ihre schlechten Schüler später aufrichtig, sie wiederzusehen.

Die Freundinnen meiner Mutter hatten sich übrigens in eine Weihnachtskarte, eine Osterkarte und eine Geburtstagskarte verwandelt, und ich hatte sie noch nie zu Gesicht bekommen. So schleppte ich mich zum Bahnhof in Dresden und kaufte für mein letztes Geld ein Ticket nach Berlin. Auf meinem zugigen Stehplatz, eingequetscht zwischen den anderen Passagieren, krank und fiebrig, drohte ich fast zu kollabieren.

In the shuffling madness of the lokomotive breath...“Jethro Tull

Jetzt passierte etwas, was einen umhaute, im positiven Sinne. Auf einem Bahnhof unterwegs saß ein Junge mit einem riesengroßen Ghettoblaster und der ganze Bahnsteig war von der tiefen, sympatischen Stimme von einem Mann erfüllt, der bestimmt genauso sexy aussah, wie seine Stimme klang, und der in seinem Leben die Dinge im Griff zu haben schien.Genau zu diesem Zeitpunkt trat wohl die positive Crisis ein, und ich entschied mich, nicht aus den Latschen zu fallen. Die Musik wehte dem Zug noch hinterher, als er schon lange aus dem Bahnhof raus war. Ich frage mich manchmal, ob der Junge mit dem Ghettoblaster die Musik heute noch liebt.

Jedenfalls langte ich wohlbehalten in Berlin im Studentenwohnheim in der Storkower Straße an. Ich musste unbedingt meine Mutter finden, die Unterkunft ihrer Klasse sollte irgendeine Schule an der Schönhauser sein. Und mein Schutzengel war mit mir.Meine Mutter, die sich freute, mich zu sehen, aber mich mitten in der Woche eigentlich in Dresden vermutete, nahm mich beiseite, da sie sich schon dachte, dass ich pleite war. Die Kinder, die ja gar nicht viel jünger waren wie ich, beäugten mich neugierig. Sie waren zur Zeit auf Jugendweihefahrt in Berlin.

Dieselbe Jugendweihefahrt, die die Schule aus unserem Dorf jedes Jahr machte und die auch mich 6 Jahre zuvor in dieses schöne Städtchen geführt hatte und auf der ich damals am Bahnhof schon mit dem Gedanken spielte, auszureißen und einfach in Berlin zu bleiben. Dann hätte das damals noch gar nicht hundertjährige und auch noch gar nicht so große Großberlin eine 13jährige Neubürgerin gehabt. Wer sich für mein Dorf interessiert, dem kann ich empfehlen, sich den Film „Das weiße Band“ anzuschauen, der in mir immer Heimatgefühle aufkommen läßt.

Meine eigenen Klassenkameraden habe ich als herbe, brutale Truppe in Erinnerung. In den unteren Klassen war es noch relativ harmlos mit Zopfziehen und Beinstellen und Schubsen losgegangen, später hatte man die ganze Schulzeit bis zur zehnten Klasse immer überall Hände an Stellen, wo man sie nicht haben wollte, zwischen den Beinen, an den Brüsten, am Hintern. Die Lehrer taten so, als wenn sie davon nichts mitkriegen würden. Von meiner Mutter hatte ich erst Recht keine Hilfe zu erwarten, sie gab mir die Schuld. An das ewige Befummeltwerden, auch wenn ich es eklig fand, hatte ich mich schon so dermaßen gewöhnt, dass ich aus allen Wolken fiel, als ich nach der zehnten Klasse eine Lehre mit Abitur begann und am ersten Schultag, der hinter mir Sitzende keinerlei Anstalten machte, an meinem BH zu ziehen, obwohl ich vorsorglich schon extraweit von ihm abgerückt war und meine Rippen an die Vorderkante von meinem Schultisch gepresst hielt, so wie ich es in der Oberschule jahrelang gemacht hatte.

Die Pubertät machte die Jungs aus meiner Klasse zu unangenehmen Zeitgenossen. Ich konnte nicht verstehen, warum der Spielkamerad mit dem ich früher immer stundenlang Gummitwist gespielt hatte und der kleine verträumte, phantasievolle Junge mit den großen braunen Augen, der früher die ganze Schulstunde immer nur gemalt hatte, und dessen Zeichnungen die ganze Klasse bewunderte, jetzt mit hasserfüllten geröteten Gesichtern an meiner Kleidung zerrten. Nicht alle waren damit einverstanden, aber es traute keiner, sich auszuschließen, aus Angst das es ihn dann selber träfe. Es wurden natürlich nur die gequält, die in der Klassenhierachie ganz unten standen. Die Mädchen, die in der Schule beliebt waren, stammten alle aus glücklichen Familien und ihre Eltern waren sehr gut in die Dorfgemeinschaft integriert. Die Mädchen aus Familien wo Alkoholismus und oder großer Kinderreichtum mit darausfolgender Armut herrschte, wurden auch nicht in die Riege der beliebten Mädchen aufgenommen.

Etwas besser finanziell aufgestellt, langte ich wieder im Studentenwohnheim in der Storkower Straße an und konnte mir auch ein Rückfahrticket nach Dresden leisten. Wenn ich nicht rechtzeitig wieder in meinem Praktikumsbetrieb angelangt wäre, hätte mir die Exmatrikulation gedroht.

Zu der Verabredung mit meinem schweigsamen Unbekannten konnte ich wegen meiner Grippe erst ein paar Tage später gehen. Er ignorierte mich völlig und stand stundenlang bei einem, wie ich zugeben musste, hübschen Mädchen, das offen und natürlich wirkte und redete und tanzte nur mit ihr und sah glücklich aus. Da alle Unglücklichen gerne leiden, lief ich allein die ganze Strecke bis zum Bahnhof zu Fuß durch die eisige Februarnacht. In diesem Moment war ich wieder das von allen verlassene Mädchen, das nach einer Tracht Prügel verheult auf der Badewanne sitzt und fühlte wie ihr die Kälte vom Badewannenrand aus langsam die Wirbelsäule hochkroch. Dieses Gefühl wollte ich eigentlich niemals wieder erleben. Vielleicht rührte das ganze Elend ja daher, dass ich, als Tochter einer alleinerziehenden Mutter, eigentlich gar keine Männer kannte.

„...Und sah´n sich nur noch zuweilen im Traum;“ (Heinrich Heine; Buch der Lieder)

Wenn du jemanden nicht mehr siehst, fängst du an sein Gesicht in den Gesichtern anderer Menschen zu entdecken. Ein Mädchen auf der Straße hat dieselben schwarzen Locken, du drehst dich in der Straßenbahn um, weil du seine Stimme hörst, und jemand anders steht hinter dir. Am letzten Praktikumstag, wartete ich sehnsüchtig und mit knurrendem Magen, dass der Betriebsleiter mich verabschiedete und mir die 50 Mark Prämie gab, die er mir am ersten Tag versprochen hatte.

Der Supergau trat ein. Er wünschte mir in seinem Büro alles Gute für mein weiteres Leben und das wars dann. Wahrscheinlich hat er mir nicht verziehen, dass ich krank geworden war. Da hatte er, als rechtschaffener Werktätiger, es mal jemanden, der sich auf Kosten der Arbeiterklasse nen Lemmy macht, richtig gegeben, und er hat sich bestimmt hinterher richtig gut gefühlt. Ich wollte ihn schon fragen, ob ich nicht vielleicht wenigstens 5 Mark kriegen kann, aber das habe ich mir bei seinem eisigen Gesicht natürlich verkniffen. Also ging ich wieder zu den Mädels ins Labor zurück: „Her mit Eurer Milch“, „ Aber Du hast doch vorher gerade gesagt, Du willst keine Milch mehr“. Was sollte ich machen, in der Not frißt der Teufel Fliegen.

Angeblich erlebte ich gerade die schönste Zeit meines Lebens.“Sylvia Plath Die Glasglocke

Das Geld für das Rückticket hatte ich gerade noch. Auf dem Bahnhof in Dresden traf ich einen vietnamesischen Studenten aus meinem Studienjahr. Wir fuhren zusammen nach Berlin zurück. Ihm als „guten“ Praktikanten hatten sie die 50 Mark gegeben und außerdem hatte man ihm in seinem Fleischbetrieb noch eine lange Wurst geschenkt. Ein böses Mädchen wie ich hatte weder Geld noch Wurst verdient. Im Abteil packte er Messer und Schneidbrett aus, und wir beide ließen es uns schmecken. Nachdem ich meine Lebensgeister wiederkehren spürte, schöpfte ich Mut und traute mich, ihn zu fragen, ob er mir bis Montag 10 Mark leihen konnte. Er hatte angeblich kein Kleingeld und ließ sich deshalb meine Wohnungsnummer geben. Ich wartete am nächsten Tag in Q7/30 auf ihn, aber natürlich vergeblich.

Normale Leute helfen dir nicht.“, die Erfahrung hat ein Jude gemacht, der als sogenanntes U-Boot in Berlin überlebte.

Ich habe es ihm nicht übel genommen. Was natürlich gelogen ist, es war später immer peinlich, wenn wir uns über den Weg gelaufen sind. Die drei total unterschiedlichen Männer waren sich in einem ähnlich. Alle hatten sie mich im Stich gelassen. Nur meine Mutter hatte mir geholfen. Keine Liebe, kein Geld und jetzt wollten sie einen auch noch aushungern. Das durfte ich nicht zulassen.Ich sah mich im Schrank vom Gottseihdank offenen Nebenzimmer nach etwas Eßbarem um und entdeckte eine einsame Tüte Buchstabensuppe, mit der ich von Freitag bis Sonntag über die Runden kam. Sonntagabend konnte ich bei meiner Freundin, die gerade von zu Hause zurückgekehrt war, noch ein belegtes Brot abfassen.

Am Montag stand ich auf etwas wakeligen Beinen, schlank und rank im Lichthof vom Institutsgebäude in der Invalidenstraße vor dem Büro, wo das Stipendium ausgezahlt wurde. Und nehmt mir nicht übel, dass ich hier so mit meiner klassischen Bildung knalle. Ehrlich gesagt, normalerweise packt mich das Grausen, wenn ich ein Gedicht sehe, aber ...`

“The times are they a-changin“(Bob Dylan)

 

 

 

 

 

 

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