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| Kapitel: | 10 | |
| Sätze: | 897 | |
| Wörter: | 13.842 | |
| Zeichen: | 83.159 |
“Die werden nicht weißer, selbst wenn ich einen Mahi-mahi hochklettere und die Kleider dort in die Sonne halte.”
Der Rhythmus ihrer Tante blieb gleich. Sie schaute nicht einmal von ihrer Arbeit auf, aber Kivani konnte ebenso stur sein.
“Warum sollten ausgerechnet Geister, die in Erdlöchern hausen, auf strahlend weiße Kleider bestehen?”
Die Vorsteherin ließ sie abblitzen. “Nimm deinen Korb Kivani, leg die Stoffe wieder ein und hilf dann deiner Großmutter mit den Tucum-Ringen. Wir haben noch einige Tage Zeit bis zum Fest.”
Manche der Frauen grinsten sie mit gespielter Freundlichkeit an, dabei wusste Kivani, dass sie sie damit verspotteten und ihrer Tante eigentlich beipflichteten.
“Das ist alles reine Zeitverschwendung! Die Maniokernte könnten wir selber gut gebrauchen, statt sie in den Wald zu schütten, damit sich die Tiere darüber hermachen.”
Chavari hob die Holzreibe an und legte die übrige Knolle in den Bottich zwischen ihren Füßen. Durch die tägliche Arbeit vertraut miteinander, ahnten ihre Helferinnen was sie wollte und stimmten einen monotonen Sprechgesang an, der die Hilfe der Geister pries. Sorgsam stellte sie ihr Werkzeug zur Seite und erhob sich. Kivani verstand ebenso. Ungefragt neigte sie den Kopf zur Seite. Wie bei allen Mitgliedern ihres Dorfes teilten zwei saubere Linien ihre Haarpracht, schnitten ein großes Dreieck hinein, um das Ohr freizulegen. Seit ihrer frühesten Kinderheit waren darin Öffnungen mit immer größeren Tucum-Scheiben gedehnt worden. Vor wenigen Jahren war sie endlich groß genug gewesen, um die Finger durchstecken zu können, womit Kivani nicht länger als Kind, sondern als Tochter der char-khiri galt.
Ohne sich den Maniokbrei von den Fingern zu wischen, fädelte ihr Chavari die Finger durch die Öffnungen. “Sowie die cha-khiri von uns genährt werden, wurdest du als Kind deines Stammes genährt. Und wie uns die Geister als Dank schützen, stehst du unter unserem Schutz.”
“Ja, Arimani.”
Keiner wusste mehr, was der Ausdruck genau bedeutete, aber das änderte nichts daran, dass ihre Tante die Arimani war und das Kivani sich ihr fügen musste, wenn sie im Dorf leben wollte..
“Deine harschen Worte beleidigen unsere Gastgeber, vergiften unsere Gaben für sie.”
“Aber ich wollte nur,...”
Ein leichter Ruck mit den Fingern brachte Kivani zum Schweigen.
“Diese Scheiben sollen dich allezeit erinnern, dass unsichtbare Mächte unsere Mitte formen und uns begleiten, wenn wir in dieses Leben eintreten und zu den Ahnen zurückkehren. Ich hoffe der Gesang deiner Schwestern besänftigt die cha-khiri, ihr Zorn ist… Denk nur daran, was deiner Mutter, ...”
Chavari brach ihre Erklärung ab, sodass die Folgen offen blieben. Doch die junge Frau verstand.
“Es tut mir Leid, Arimani.”
Ihre Tante schloss die Augen und atmete schwer. Dann bogen sich die strammgezogenen Falten wieder zur Erde, als sie die Finger aus den Ohrscheiben nahm und Kivani sanft zu ihrem Korb schob.
“Geh nun, wasch die Kleider und hilf deiner Großmutter.”
Die Tränen waren unvermeidlich, umso mehr da nun manche Frauen des Rates sich an ihrer Zurechtweisung ergötzten und unverhohlen angrinsten. So gut es der schwere Bastkorb zuließ, stürmte sie davon.
Anders als die gerodeten Felder mit ihren verstreuten Bauminseln, jede unter der Schutzherrschaft eines Baumriesen, verlief der Übergang des Dorfes flussaufwärts in das verwucherte Dickicht keineswegs sanft. Die Ranken und Zweige zupften an Kivanis Haar, griffen nach ihren Armen und Beinen, während sie den schmalen Pfade entlang stolperte.
Der Bastkorb zierte mittlerweile die Plattform ihres Gedenksteins, nachdem er ihr auf dem Holzsteg über einen Seitenarm des Chakhiruni das Gleichgewicht geraubt und mit sich in den Dreck gerissen hatte.
“Das auch noch! Verflucht! Schau nicht so dämlich”, herrschte sie das Reliefgesicht des Steins an, das ihr Dorf als Dank den cha-khiri errichtet hatten.
Wasserfälle brachen aus ihrem Inneren über ihre Wangen in die Tiefe. Egal wohin sie sich drehte, die Fratze ihrer Tante schien sie von jeder scheußlichen Hütte anzustarren. Obwohl sie alleine war, fehlte ihr der Platz zum Atmen.
Sollen eure Gebote die Teufel holen, erklärte sie ihrem Zuhause den Krieg und verschwand im nördlichen Dschungel, wohlwissend, dass der Weg ins Refugium der Geister nur zu den Festtagen unter dem Gebet der Arimani betreten werden durfte.
Die engen Bambuswälder am Rand wurden bald von einer Unzahl parasitärer Gewächse erwürgt, die selbst unter der Last deformierter Bäume litten. Die heilige Wohnstätte der char-khiri war krank und abstoßend, anders als die Wildnis, die sie zu allen Seiten umgab. Bei aller Unbarmherzigkeit war dem Dschungel ein Reichtum zu eigen, der diesem Wald völlig fehlte. Der einzige aufrecht stehende Baum schien der Jabillo zu sein, mit seiner garstigen Dornenrinde, dem Gift, den platzenden Früchten. Selbst das Atmen brannte in der Lunge, da Sporen die Luft verseuchten.
Was habt ihr euch dabei gedacht, Geister zu verehren, die sich in diesem Alptraum wohlfühlen?, klagte sie ihre Vorfahrinnen an. Vermutlich nur, dass ihr für eure Hirngespinster keinen fruchtbaren Flecken Erde verschwenden wolltet. Die Char-Khiri grunzte zufrieden mit sich.
Ob es daran lag, dass Kivani bei den zeremoniellen Feiern immer erst im hinteren Teil des Gefolges den Pfad beschritt, wo die Schneise bereits aufgedehnt worden war? Jedenfalls zerrte das klebrige Blattwerk mit zunehmender Boshaftigkeit an ihr, rupfte an den Zöpfen, in die Muscheln und bunte Palmensamen sorgsam von ihrer Großmutter eingeflochten waren.
“Bescheuertes Höllenkraut!”
Es war mehr als ein verwachsener Weg, nicht bloß das ungebändigte Königreich der Pflanzen, das sie hinderte. Die verdorbenen Ranken witterten den Eindringling, grapschten mit ihren hölzernen Tentakeln nach dem Mädchen. Kivani kämpfte sich geschickt wie ein Aguti durch das Gestrüpp, trotzdem zogen die Dornen eine blutige Furche in den saftigen Acker ihrer Oberschenkel. In all den Stunden, die sie seit ihrer Kindheit mit den Erwachsenen auf der Jagd oder beim Sammeln von Zutaten in dem Dschungelparadies verbracht hatte, war ihr so etwas noch nie passiert. Als führte das Gehölz ein merkwürdiges Eigenleben.
Langsam dämmerte ihr etwas: Hilferufe waren dazu verdammt im Rauschen der unzähligen Flüsse ihrer Heimat, und dem endlosen Gesang der Insekten, unterzugehen. Und niemand würde ausgerechnet im Hain der char-khiri nach ihr suchen. Keiner spazierte hier durch oder kam zufällig vorbei. Zumindest nicht bevor die Prozession abgehalten wurde.
“Das Glück des Jägers”, nuschelte sie. So nannten es die Einwohner Char-Khirs, wenn ihnen ein Wildtier unterkam, das sich selbst im Unterholz derart verstrickt hatte, das es nur mehr geschlachtet werden musste.
Leichte Beute, das bist du.
Je mehr sie gegen die heimtückischen Ranken kämpfte, desto misslicher wurde ihre Lage.
War das die Rache der char-khiri? War das ihr Werk? Kivanis Gedanken rasten.
Dumme Göre! Was lässt du dir Angst einjagen?
Beinahe auf die Ammenmärchen der engstirnigen Tratschweiber hereingefallen zu sein, spornte sie an, den Mut nicht zu verlieren.
Plötzlich schnitt ein lauter Pfiff durch die schwüle Dschungelluft.
Wieso hast du nicht früher daran gedacht?
Auf das kleine Steinmesser zum Knacken der Palmnüsse hätte sie fast vergessen. Entschlossen zückte sie die scharfe Klinge und metzelte sich unbarmherzig durch das Pflanzenheer, bis sie sich mit einem Ruck losreißen konnte.
“Hah”, stieß Kivani triumphal aus und hechtete nach vorne. Vor ihrem Auge zogen stramm hochstehenden Blütenstäbe vorbei, die sie im Dorf grinsend Ständerstaude nannten. Ein unnützer Gedanke und dennoch war es ihr letzter, als sie kopfüber in ein Erdloch stürzte, das unter den breiten Blättern der Pflanze verborgen lag.
“Hör auf Nanori, das kitzelt. Komm, lass das du Nichtsnutz, zweimal am selben Tag wird wohl auch dir reichen.”
Träge schlug Kivani nach der Hand ihres Verehrers, als sie zu sich kam. Statt den sanften Fingern ihrer Flamme einen Klaps zu verpassen, stieß sie auf unzählige Beine. Mit einem Schrei fuhr die Char-Khiri hoch, die Pupillen geweitet, bis die bernsteinfarbene Iris nur mehr wie der Feuerkranz einer Sonnenfinsternis strahlte. Instinktiv fasste sie nach dem Messer, während sie von dem sich windenden Etwas aus Beinen und Chitinplatten weg strampelte, doch die steinerne Klinge steckte seit ihrem Absturz im Schlamm. Keine Zeit danach zu suchen. Schon schmiegten sich klebrige Tücher vom Rücken bis zum Scheitel an sie, hüpften mit jeder Bewegung und informierten ihre Weberin über die Ankunft frischer Beute.
Am liebsten wäre Kivani in beide Richtungen gleichzeitig geflüchtet. Die Impulse löschten sich gegenseitig aus, wichen jener Wildheit, die sich alle Angehörigen ihres Dorfes zu eigen machten, um in einem Paradies zu überleben, indem hinter jedem Baum eine andere tödliche Gefahr lauerte.
Ihre Hände flogen über den Boden. Ohne zu wissen woher, fand ein großer Knochensplitter den Weg in ihre Finger.
“Kaijajaii!” kreischte die Char-Khiri und ging auf den zischenden Tornado los. Mit einem lauten Knacken spießte sie den Chilopoden an die erdige Wand. Obwohl sich alles blitzschnell abspielte, schaffte es Kivani an eine Lektion ihrer Großmutter zu denken: “Der Gefahr ins Auge zu blicken ist der sicherste Weg ihre Zähne zu zählen.”
Für uneingeweihte Ohren mochte das nach einer Aufforderung klingen, sich der Angst zu stellen, doch das Mädchen wusste es besser. Sie hetzte voran und betete inständig, nicht das nächste Unglück aufzustören. Eine flinke Hechtrolle erlaubte ihr einen Blick nach hinten ohne Tempo einzubüßen, aber die unbeirrbaren Lichtstrahlen, die es von den Baumwipfeln hinab an den Blättern der Staude vorbei bis ins Loch schafften, reichten schwerlich, um die Finsternis zu vertreiben. Zu Kivanis Glück oder Unglück war ihre achtbeinige Verfolgerin so monströs, dass nicht einmal die dämmrige Dunkelheit ihre Ausmaße verbergen konnte. Sie wagte keinen weitern Blick nach hinten, sondern rannte um ihr Leben.
Brüllen, Fauchen, Zischen - Kivani wusste wie sie auf die Drohungen der Tierwelt reagieren musste. Für den stummen Tod in ihrem Nacken, dessen Schritte wie Regentropfen klangen, dessen Umarmung weich wie Seide war, hatte sie keine passende Antwort parat.
Der feuchte Film auf ihrer Haut, der ihr wie ihr Schatten vom ersten Tag an im Dschungel gefolgt war, verwandelte sich in Ströme riechenden Schweißes. Tropfen für Tropfen sprenkelte sie damit das Erdreich wie die Arimani den Altar. Das erdige Wurzelwerk, das von der Decke durch den Gang bis in den Boden reichte, malte auf ihre Haut Muster, die Schrecken und Schönheit der Natur einfingen und das Mädchen als heiliges Opfer an die Seele Sanktuarios bereit machten - jenem wunderbar verworrenem Ding, indem die Liebe zwischen der Dämonin Lilith und dem Engel Inarius auf ewig in Vergänglichkeit zerfloss.
Arschlecken!, fluchte sie, als ein Felsbrocken den Weg versperrte und sie zwang darüber zu klettern. Ihr Vorsprung war dahin. Schon fasste eines der Spinnenbeine nach ihr.
“Ffh-”, sog sie die Luft scharf ein, denn die Krallen rissen ihr mühelos die Haut auf. In all den Jahren hatte sie noch nie von menschengroßen Spinnen gehört, die ihre Beute jagten wie Jaguare. Ungläubig schüttelte Kivani den Kopf. Alles hier schien unwirklich, als träumte sie.
Lügt dein Bein etwa?
Das warme Blut sprach eine unmissverständliche Sprache. Hatte sie tatsächlich den Eingang zur Unterkunft eines char-khir gefunden - und seine Bewacherin?
Geschickt sprang sie zwischen zwei Wurzelsträngen hindurch. Die Adern der Bäume erschwerten dem Biest die Verfolgung, aber Kivani verstand, dass einmal Stolpern reichte und sie würde mit Gift vollgepumpt erstarren, um lebendig zersetzt und wie eine Kokosnuss ausgesaut zu werden.
Ihr Körper bewegte sich wie von Zauberhand, spürte die Hindernisse, bevor ihre Augen die Schemen erfassen konnten, als würde sie sich zum Spiel der Flöten, zu den Trommeln des Bore-oke-Festes bewegen. Kivani tanzte um ihr Leben. Ihre Hände betasteten die feuchten Erdwände, ohne sich von den Wurzeln fangen zu lassen, ihre Zehen vergruben sich in die weiche Erde oder balancierten auf Knochenresten.
Wieso hat die Arimani… wieso hat der Rat der Schwestern nie ein Lied angestimmt über die grauslichen Wächter der char-khir, die gleich außerhalb des Dorfes leben?
Ihre Instinkte hatten die Kontrolle übernommen und schickten ihren Geist auf Wanderschaft.
War das der Grund, weshalb niemand den Wald betreten durfte?
Teko-Teno… Teko-Tenaga? Teko-Teko… Wie hieß der verschwundene Reisende? Hat er die Warnung ebenso in den Wind geschlagen wie du? Und war er…
Die Char-Khiri warf sie sich nach hinten und grub die Finger in die Erde. Aus dem Nichts war der Boden derart abschüssig geworden, dass ihre Reflexe es für ein Loch gehalten hatten.
“Spf–-Spf-Spf–Spf…”, machten die Krallen in der weichen Erde. Die Arachnide schenkte ihr keine Zeit zum Nachdenken.
Also ließ sie los.
Ihre Füße strampelten durch die Luft auf der Suche nach dem verschwundenen Boden. Statt sich alle Knochen gebrochen zu haben, baumelte sie in Spinnenseide gewickelt über dem Abgrund, der am Ende des Schachts auf sie gewartet hatte.
Als sie die fremden Schwingungen des Netzes spürte, erfasste sie eine Gänsehaut, die ihren Ursprung in den Tiefen ihrer Seele zu haben schien. Mit jedem neuen Zupfer glaubte die Char-Khiri, es würde sie vor Aufregung zerreißen. Nie hatte sie etwas Widerlicheres gefühlt als die Nähe der Arachniden.
Ohne ihr Zutun, formten sich in ihrer Kehle Urlaute, die sie in letzter Verzweiflung der Riesenspinne entgegenschmetterte. Die Höhle peitschte sie zu einem Orkan auf, doch Kivani war sich nicht einmal sicher, ob die Biester hören konnten. Zuletzt hörte sie auf zu zappeln und spannte alle Muskeln, um sich auf den Todeskuss des Scheusals vorzubereiten. Aber nichts geschah.
Bevor das Mädchen sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen musste, ob es an ihrem Schrei lag, spürte sie dieselbe Veränderung, die auch die Arachnide aufgehalten hatte. Aus den dunkelsten Ritzen der Felswand kroch eine unnatürliche Kälte, die den Schweiß auf ihrer Haut in dampfende Schwaden verwandelte. Wieder hüpften die Fäden des Netzes. Diesmal entfernte sich die mordgierige Jägerin von ihrer Beute.
“Kraeth-ak vel? Zhur vel-esh... krivak-lun?”
Im ersten Augenblick war sich Kivani nicht sicher, was sie hörte. Es klang wie der Atem eines sterbenden Tieres, wie das Gurgeln, wenn sie am eigenen Blut erstickten. Aber dazwischen war eine Art Knurren, das den verstörenden Lauten eine Melodie gab.
“Ohoh-zhur… ekra-za venul thrak. Bestra ul-nem zhagul; maneth-ra krezh vel-ial.”
Wenn das die Sprache der char-khiri sein soll–
Kivani wollte weinen, wollte um Gnade winseln, aber sie war zur Salzsäule erstarrt. Selbst als schleimige Ranken sich langsam um ihre blutende Wade wickelten, schaffte sie es nicht mal zu zwinkern. Die Greifarme zogen sich plötzlich mit einer Kraft zusammen, dass die Char-Khiri für einen Moment glaubte, ihr Bein für immer verloren zu haben. Dann aber ließ das Ding los.
“Mhmm… velkor-ial… agh! Narak-za! Thruul-ek krezh-ta, sippra-za! Pacth-ul… ekra-za vel-thin… jaa, jaa-zhur.”
Was zunächst wie wütendes Röcheln klang, wurde zu einem Glucksen. Die unerträgliche Aura zog sich zurück, doch der immense Schmerz in ihrem Bein blieb. Kivani wollte gerade Atem schöpfen, als die scheußliche Stimme anhob.
“Velkor! Krezh velkor! Belial-za shrath vel-esh. Grauma-za threnul gar.”
Kaum waren die Worte verhallt, ging das Spinnennetz in Flammen auf. Mehr als Felsen, Glitzern und viel zu viel Platz nach unten konnte sie nicht erkennen - schon rauschte sie hinab.
“Vel… maneth ul-vekra, nar”, flüsterte der Dämon sich selbst zu und lachte.
Holz zersplitterte unter ihrem Gewicht und rächte sich an ihren Rippen. Dennoch rettete es zunächst ihr Leben. Aber die Wucht des Sturzes konnte die Kiste nicht vollends abfangen. Zerfetztes Rindenpapier und einzelne Pergamente flogen durch die Gegend, während Kivani über die kleine Plattform geschleudert wurde.
Bitter. Der Geschmack blieb in der Kakophonie aus Schmerzen der einzige Eindruck, der hervorstach.
In ihrem Mund sammelte sich schnell Blut. Der Kopf dröhnte wie verrückt. Die linke Hand war unter ihrem Rücken. Verdreht, unbrauchbar.
Sterbe ich hier?
Kivanis Lebensgeister wollten davon noch nichts wissen.
Die Dunkelheit gab nicht preis, was über ihr war, aber neben sich spürte die rechte Hand aufgerolltes Leder. So unnütz es in ihrer Situation schien, warf es weitere Fragen auf.
Sind die char-khiri unter die Schreiber gegangen? Im ganzen Dorf gab es nur eine Handvoll Leute, die in Frage kamen und–
Erneut fanden die Überlegungen des Mädchens ein jähes Ende. Auf dem harten Sandstein klackten die feinen Krallen ihrer Verfolgerin, als sie sich anpirschte. Natürlich konnte ein Schacht das Biest nicht aufhalten und nachdem der char-khir verschwunden war, ging die Jagd von vorne los.
Wie dumm von dir, tadelte sie sich.
Fußbreit für Fußbreit tastete Kivani mit dem guten Bein über den Boden auf der Suche nach etwas Brauchbaren. Als ihre Zehen in einen nassen Strom tauchten, erstarrte sie einen Augenblick vor Schreck.
Ist ertrinken besser als ausgesaugt zu werden?
Während ihr Geist noch mit sich stritt, packte ihre Hand die Lederrolle und mit aller verbliebenen Kraft wälzte sie ihren verletzten Körper über die Kante.
Keine Sekunde zu früh. Zwar zog der schwarze Strom sie augenblicklich fort, aber die Riesenspinne schoss die Beine wie Speere hinter her und verhakte sich in ihrem Fleisch. Trotz ihrer unnatürlichen Stärke musste die Arachnide sich der Gewalt der Wassermassen fügen. Widerwillig überließ sie Kivani dem unterirdischen Fluss.
“Halte auf die Bucht dort zu.”
“Skythria, wir werden auf der Sandbank auflaufen!”
“Tu was dir befohlen wurde, Kind!”
Die junge Askari warf einen Blick zu ihrer anderen Begleiterin, der darum bettelte, sie möge ihrer unerbittlichen Anführerin Vernunft einflößen. Doch die schüttelte den Kopf.
“Vertrau ihrer Erfahrung, Schwester.”
Ein langgezogener Seufzer brachte Xantheia einen Peitschenschlag gegen ihr Ohr ein.
Unglaublich, als wären ihre Finger aus Stahl. Wie macht sie das?
Sie biss sich auf die Zunge, um nicht unnötig eine gröbere Abreibung auszufassen und steuerte den Kahn aus der Flussmitte in Richtung Abzweigung. Am Ufer stolzierte eine Herde Tapire über einen breiten Sandstreifen, hinter dem sich das üppige Grün des Urwalds auftürmte. Die Ankunft der drei Askari beeindruckte die Tiere wenig.
“Wahrhaftig unberührte Gefilde, wenn das Wild bei unserem Anblick nicht die Flucht ergreift”, stellte Thaleia erfreut fest. Obwohl sie wie alle Amazonen in den Kampfkünsten geübt war, hatte ihr Naturell sie schon bald auf einen sanfteren Pfad geführt als die meisten ihrer Schwestern.
“Das muss an unserem Goldlöckchen liegen. Der Anblick ihres lieblichen Antlitzes verzaubert selbst die Tiere”, gab Skythria von sich, ohne eine Miene zu verziehen.
Wenn ich es mir recht überlege,... Warte, habe ich sie…überhaupt schon mal Lachen gesehen?, überlegte Xantheia, auf deren Kosten der Scherz - falls es denn einer gewesen war - aufgrund ihrer auffälligen Haarpracht ging. Dabei war sie standesgemäß in einem straffen Pferdeschwanz zurückgespannt.
Ihre Überlegungen wurden jäh von einem kräftigen Ruck zurück in das glorifizierte Boot geholt.
“Sehnenbruch und …”, fluchte die blonde Schönheit. “Ich hab es doch gewusst. Und nun soll ich wohl raushüpfen und den Kahn aus dem Sand ziehen ...”
“Schweig!”
Zu ihrer Überraschung war der Befehl nicht von ihrer strengen Anführerin gekommen. Die Heilerin deutete auf ihre Augen und vollzog einen Kreis: ein klarer Hinweis die Umgebung zu beobachten. Also suchte Xantheia das Ufer ab, um zu entdecken, was die übernatürlich erweiterten Sinne ihrer Gefährtinnen längst bemerkt hatten.
Wie sie es hasste, immer die Letzte zu sein. Aber das würde sich mit viel Übung ändern - einer der Gründe, weshalb die Königin das Expeditionsschiff dieses Mal zu den Dschungeln des Festlandes entsandt hatte.
Die Askari konnte weder unter, noch über dem Gezirpe, Gesumme und Gekreische der Urwaldbewohner etwas von den Hilferufen hören, die Skythria bewogen hatten, von ihrem Kurs in einen der Nebenarme des Flusses abzuweichen. Und abgesehen von ein paar Affen, die in den Bäumen ringsum ihr Unwesen trieben, fiel ihr nichts auf.
Zuerst musste sie ihre Atmung unter Kontrolle bringen. Der gehämmerte Kürass, den sie bei ihrer Abreise noch freudig gegen ihren alten ledernen eingetauscht hatte, bestrafte jeden falschen Atemzug.
Erweise dich deiner Ausbildung würdig!
Ihre Schultern hörten auf zu hüpfen, als ihre Lungen sich tief in die Eingeweide entfalteten. Xantheia spürte die Energie, die sie selbst und alles Lebendige beheimatete. Nicht länger war sie dem Diktat ihrer Sinne unterworfen. Die meisten Farben verloren an Kraft und der ständige Lärm des Urwalds drang nur mehr gedämpft an ihr Ohr. Nur was unmittelbar mit Änderungen dieser Urkraft zu tun hatte, drang noch durch.
Blut. Kalt, aber nicht alt. Verwirbelt im Sand.
Ihr goldener Zopf legte sich in den Nacken, als sie der Spur folgte. Ihre Lippen kräuselten sich zufrieden. Im Dickicht vor ihr kauerte eine schwer verwundete Person.
Vertrau deiner Abstammung! Du bist eine Askari, seit Jahrhunderten gezüchtet für den Tag, an dem die Hölle über Sanktuario hereinbricht!, sprach sie sich selbst Mut zu.
“Hah, ich habe jemanden gefunden! Von ihr geht keine Gefahr mehr aus!”, verkündete Xantheia selbstbewusst und sprang aus dem Boot, um ihr Können unter Beweis zu stellen.
In der Sekunde, als ihre Sandalen den Boden berührten, verfinsterte sich die Sonne. Eine Welle aus Sand brach über sie herein, dicht gefolgt von einem schlammgrünen, mit Zähnen gespickten Berg. Die junge Kriegerin rollte instinktiv zur Seite - ein Manöver, das sie in der Palästra ohne Unterlass geübt hatten. Es brauchte mehr Knüppelschläge als man vermuten würde, um den Reflex für immer in die blutjungen Anwärterinnen einzugravieren, aber in diesem Augenblick war Xantheia dankbar für diese harte Schule.
Es war leichtsinnig gewesen ohne Bewaffnung von Bord zu springen, denn nun konnte sie nicht zur Gegenattacke übergehen. Zu ihrer Erleichterung brauste Skythrias Kampfschrei über das Ufer als sie ihren Speer mit einem gezielten Stoß durch den Schädel des Krokodils rammte. Der aufkeimende Ärger über ihre eigenen Dummheit blockierte den Fluss der archaischen Energien in ihr, machte sie anfällig für die Vielzahl an Eindrücken des Kampfes, die auf sie einprasselten. Unter der Gewalt dieses Ansturms geriet sie ins Wanken. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt um Schwäche zu zeigen, denn im trüben Wasser des Flusses schossen mehrere Zackenkämme auf sie zu.
Eine Fontäne aus Wasser ging den urzeitlichen Räubern voraus. Erneut setzten Xantheias Muskeln zum Ausweichmanöver an, fanden aber in den weichen Knien keinen Halt, sodass sie stürzte und zu ihrer Schande wie ein Muttersöhnchen die Hände zur Abwehr vors Gesicht hob.
Plonggh - dröhnte das große Bronzeschild ihrer Anführerin. Dem folgte das zischende Geräusch ihres Wurfspeers, ehe er sich in die weiche Unterseite des sich überschlagenden Kolosses bohrte. Dann wirbelte Skythria schneller herum, als die meisten Menschen überhaupt mit bloßem Auge wahrnehmen konnten, um sich zwischen den zweiten Angreifer und ihren Schützling zu werfen. Allerdings war sie zu langsam.
Mehrere weiße Pfeile durchbohrten den harten Panzer des Reptils, noch ehe es aus dem Wasser schießen konnte.
“Athulua leitet meine Hand”, dankte Thaleia der obersten Göttin für die magischen Pfeile. Es war keine Zeit geblieben, sie aus dem Köcher zu ziehen.
Noch immer brodelte es unter der Wasseroberfläche, als weitere Biester sich näherten.
Ihr kommt mir gerade recht, schwor sich Xantheia ihre verlorene Ehre wiederherzustellen, sprang auf und griff sich ihre Waffe aus dem Kahn, um sich dem Kampf anzuschließen.
Nur kam es nie dazu. Skythria hatte genug von dem Spuk. Die Kriegerin griff sich ihren Speer und sprang den klaffenden Mäulern mit Todesverachtung entgegen. Für einen Moment setzte der Herzschlag ihrer jungen Begleiterin aus, als sie in einer Vorahnung sah, wie die Kämpferin in blutige Stücke zerrissen wurde. Stattdessen wurde sie Zeugin jener furchterregenden Kräfte, die nur die Heldinnen ihres Volkes entfesseln konnten.
Die Spitze des Speeres bohrte sich in das schreckliche Maul des Viehs und gleißendes Licht erfüllte die Amazone. Mit göttlicher Wut fuhren unzählige Blitze aus ihr und rafften mit einem Schlag alle Feinde dahin, noch ehe Skythrias Zehenspitzen das Wasser berührten. Alles daran war so atemberaubend schön, dass Xantheia ehrfürchtig vor ihr auf ein Knie fiel. Aber ihre stoische Retterin zeigte keinerlei Reaktion auf die Geste.
“Solche Mordlust ist unnatürlich”, bemerkte Thaleia angewidert: “Was hat es damit auf sich?”
Skythria pflichtete ihr wohl bei, indem sie nichts sagte und nur in Richtung des Dickichts nickte. Die Heilerin sprang behende über die Bootswand und begleitete ihre Anführerin.
Als auch Xantheia ihrem Beispiel folgen wollte, erhielt sie Befehl das Boot zu bewachen. Ein Zeichen der Ächtung ihres Versagens.
Da alle Feinde tot den Fluss hinuntertrieben, versuchte die Askari gleich an ihrer Läuterung zu arbeiten, wofür es nur einen Weg gab: Übung und Schinderei. Außerdem war sie froh, die Scham fürs Erste zu vertreiben, also probierte sie sich erneut darin, ihre Sinne zu schulen.
Obwohl Thaleia gut einen Speerwurf entfernt war - wenn man als Maßstab gewöhnliche Soldaten heranzog und keine Askari - hörte Xantheia ihre angenehme Stimme, als stünde sie neben ihr.
“Armes Ding! Lycander wache über sie!”
“Wird sie leben?”, kam kratzig zurück.
Die Antwort ließ auf sich warten.
“Wenn das Mädchen leben will”, blieb die Heilerin vage: “Aber nicht ohne Athuluas Hilfe!”
“Wie viele Tage?”, kam Skythria ohne Umschweife zum Punkt.
“Wofür? Bis du deine Informationen hast oder bis sie geheilt ist?”
“Wir haben die Pflicht…”
“Ordnung und Harmonie in diese Welt zu bringen.”
“Und wie wird das gehen, wenn unsere eigenen Leute sich zerreißen? Wenn sie zweifeln an ihrer Kraft und Bestimmung?”
Thaleia wollte die leidige Diskussion nicht schon wieder führen, nicht wenn das Mädchen zu ihren Füßen mit jeder Sekunde schwächer wurde. “Wie lange also?”
Diesmal war es die Kriegerin, die zögerte, und schließlich mit ungewohnt leiser Stimme fragte, ob sechs Tage reichen würden.
“Sie werden es müssen.”
Xantheia löste sich aus dem Zustand. Wieso für diese Fremde, deren Leben am seidenen Faden hing, ihre Mission gefährden? Skythria musste sich etwas von der Unbekannten erhoffen, aber was? Lange konnte die Askari nicht darüber grübeln, denn Thaleia brauchte ihre Hilfe.
Die dünnen Holzbretter der Hütten hielten wohl Regen, Wind und ein paar ungebetene Besucher der krabbelnden Art draußen, gönnten den Einwohnern von Char-Khir jedoch keinen Ort zum Rückzug. Wer ungestört sein wollte, musste entweder heftige Regenfälle abwarten oder im Wald spazieren. Man hatte sich im Dorf darauf geeinigt, dass es die Aufgabe aller Passanten war, zu entscheiden, ob sie lauschen wollten oder lieber die Ohren verstopften. Gerade jetzt tummelte sich eine verdächtige große Menge rund um das Zelt der ehrwürdigen Arimani.
Xantheia amüsierte sich darüber wie sich die Wurzelhocker darin übertrafen, gewichtige Gründe vorzutäuschen, vor der Hütte der Vorsteherin herumzulungern. Am besten gefiel ihr ein kleiner Bub mit rotzfrechem Gesicht, der die schwere Aufgabe gewählt hatte, Steine für einen Turm zusammen zu suchen. Minutenlang krabbelte er unter der erhöhten Plattform zwischen den Pfählen umher, um mit stets winzigeren Exemplaren zurückzukehren und der warteten Schar aus Kindern von dem Gespräch zu berichten.
Dabei konnte man die angeheizte Diskussion selbst von dem Baum aus hören, an dem die Askari lehnte - ganz ohne magische Mittel, denn Skythria machte keinen Hehl aus ihrem Ärger.
“Unser Volk lebt für die Jagd auf das Böse! Wir spüren seine Präsenz und was das Mädchen berichtet hat…”
“Kivani ringt mit dem Tod. Ihr unverständliches Gestammel bedeutet gar nichts”, schmetterte Chavari das Gesuch der Askari erneut ab. “Ich werde nicht den Zorn der Geister auf uns bringen, weil ein paar Fremde diesen Fieberträumen Glauben schenken!”
“Immerhin haben diese Fremden eine der Euren gerettet”, gab Thaleia zu bedenken.
“Und damit vielleicht das Dorf verdammt! Wenn es der Wille der char-khiri war, sie für ihren Übertritt zu bestrafen,...”
“...so war es doch der Wille Athuluas sie am Leben zu halten. Ist euer Herz wirklich so leer?”
Ein Japsen ging von der versammelten Dorfgemeinschaft aus, als sie die Respektlosigkeit gegenüber der Arimani hörten.
Wir sollten den Bogen nicht überspannen. Wer weiß, was diese unzivilisierte Horde sonst anstellt?
Doch die aufkeimende Unruhe legte sich, als eine betagte, rundliche Frau mit leuchtendem Blütenschmuck und Muschelketten an den Handgelenken zur Hütte schritt. In ihren runzligen Händen trug sie ein Körbchen, das mit allerlei Köstlichkeiten gefüllt zu sein schien. Zumindest, wenn man den lechzenden Rufen der Kinder glauben durfte. Doch eine sanfte Geste mit der Hand reichte, um die Schar zu vertreiben.
Bevor die Matrone die wenigen Stufen erklomm, winkte sie eine der umstehenden Frauen herbei und flüsterte ihr zu, woraufhin diese ein fröhliches Lied anstimmte, in welches die anderen Frauen einfielen und damit die Menge anleiteten.
Wenigstens ist das Dorf weise genug, unserem Vorbild hierin zu folgen. Die meisten Völker Sanktuarios machen den Fehler, die Herrschaft Männern zu übertragen, gestand ihnen Xantheia zu. Es war auf Skovos allgemein bekannt, dass nur jene zur Führung taugten, die die Schrecken und Wunder der Geburt erleben konnten.
Was die Alte unter dem Palmendach auch sagen mochte, verbarg der Gesang vor der Askari. Falls sie weiterlauschen wollte, blieb ihr nichts übrig, als erneut in die Urkräfte einzutauchen, die allem Sein zu eigen waren. Und da die Matrone ihre Neugier geweckt hatte - tja, wozu hatte man diese Gaben, wenn sie einem ab und an nicht das Leben leichter machten.
“Bitte, pro-hh-biert diese -hhier noch.”
Aber Skythria war nicht nach Schlemmen zu Mute. Es gab eine Zeit für Orgien und eine Zeit für die Pflicht. Und wer das nicht zu unterscheiden vermochte, war bereits auf halbem Weg in ein ruhmloses Grab.
“Verschont mich mit…”
“Nicht dochhh-,...Schwester Askahh-ri”, unterbrachen lange Atemzüge ihre Rede immer wieder: “Lehhrt ihr auf euhh-ren Inseln nicht mehh-, dass…der Ord-nung Genüg-hhee getan werden muss?”
Die Alte hustete verhalten.
“Und ist es nicht ühhb-lich Gastfreund-hh-lichkeit walten zu lassen, auf das freund-hh-liche Herzen sie annehh-men?”
Dagegen war nichts zu sagen.
“Nun, diese feine Paste ihh-st mühselig aus den Kernen -hh- der Awarapalme gewonnen.”
“Mutter, wie kannst du nur? Diese Speise ist den Geistern vorbehalten! Wie-”, zischte Chavari durch die Zähne.
“Du-hh- warst scho-hhon immer zu streng”, gab die Alte den Tadel zurück. “Die Geihh-ster kennen einander -hh-. Diese Gaben, berei-hhtet für das Fest der char-hh-khiri, empfangt ihh- an Stelle eurer Götter, als Dank -hh-.”
“Das ist nicht nötig. Athuluas Wille war es…”, begann die Heilerin zu erklären, doch die Alte wollte davon nichts hören. Nach endlosem hin und her, aus dem sich die Vorsteherin des Dorfes und Skythria großteils heraushielten, wurde die freundschaftliche Haltung zwischen den Menschen Char-Khirs und den Nachfahren Askarras bestätigt und die Achtung vor den jeweiligen Gebräuchen festgehalten.
“Ihr sehht: Auf euren -hh-Inseln gelten eu-hhre Gebote. Hhier die unseren.”
Und damit war das Treffen beendet. Xantheia glaubte ihren Ohren nicht recht. Die mächtige Skythria und die weise Thaleia - überwältigt von einer alten Frau, die kaum einen Satz sprechen konnte.
Unmöglich.
Schnell schloss sie zu ihren Schwestern auf.
“Herrin?”, brannte es ihr unter den Nägeln zu erfahren, was der geheime Plan war.
“Hast du nicht ohnehin gelauscht?”
“Sollte ich nicht?”
“Dann weißt du, dass wir weiterziehen.”
Die Nachricht kam so überraschend, dass Xantheia für einen Moment aus dem Schritt geriet. Aber sie wusste es besser, als dass sie ein zweites Mal gefragt hätte.
Thaleia legte ihr die Hand auf die Schulter. “Begleite mich für einen letzten Besuch zu unserem Schreihals.”
“Erst, wenn sie unsere Vorräte von der Arimani auffüllen lassen hat”, ordnete Skythria an und betonte die meisten Worte viel zu heftig. “Das sollte auch ein Teil dieser Gastfreundschaft sein, von der geredet wurde.”
Die Heilerin deutete Xantheia den Befehl ihrer kampferprobten Anführerin eilig zu erfüllen und sie dann bei Kivanis Hütte zu treffen.
Schweißperlen liefen ihre Stirn hinab, Schweiß klebte ihre Pobacken an die Palmblätter ihres Lagers, Schweiß durchnässte die Verbände der Askari. Trotzdem ließ Kivani nicht locker.
“Hahrhrr”, knurrte sie, doch der Arm rührte sich kaum. Der Laut wurde tiefer, verwandelte sich ein kehliges Röhren. Elfenbeinfarbene Zähne blitzten unter der hochgezogenen Lippe hervor. Wer draußen vorbeiging, musste glauben, die verlorene Tochter Char-Khirs würde in der Hütte ein Kind gebären. Aber die ergraute Amazone, die nachdenklich auf die Hütte zuging, wusste es natürlich besser.
Die wenigen Stunden zwischen Sonnenaufgang und dem Gespräch mit der Vorsteherin des Dorfes waren der erste Schlaf in den letzten Tagen gewesen. Ihre Patientin wäre ihr beinahe mehrmals entglitten und das, obwohl Thaleias Heilkünste rascher als erwartet Wirkung zeigten. Kivanis ungebrochener Lebenswille spielte keine geringe Rolle dabei. Umso seltsamer waren die unerwarteten Rückschläge. Es wirkte fast so, als ob jemand oder etwas gegen ihre Genesung arbeiten würde. Schließlich war die Heilerin ans Äußerste gegangen und hatte Lycander um die Reinigung von allem Bösen gebeten. Ein durchaus riskanter Entschluss, da die Läuterung einiges abverlangte. Aber Kivani war stark geblieben.
Nun fing sie sich einen tadelnden Blick ein, nachdem die Heilerin lautlos wie ein Jaguar die Leiter hinaufgestiegen war.
“Kind, du forderst das Schicksal heraus mit deiner Ungeduld.”
“Im Gegenteil, ich erfülle es. Ich werde dabei sein, wenn ihr alles Übel in dieser Höhle ausmerzt. Ich werde herausfinden, was mit meiner Mutter wirklich geschah. Ich…”
Bei den letzten Sätzen überwand Thaleia die paar Schritte zum notdürftigen Krankenbett. Die Dorfbewohner schliefen üblicherweise in herabhängenden Tüchern, wie sie die Matrosinnen der Skovosischen Flotte nutzten. Aber die Verletzungen hatten das nicht zugelassen. Die dünne Schicht aus Palmblättern nahm dem Boden darunter kaum die Härte, doch Kivani hatte sich kein einziges Mal beklagt. Zumindest nicht über ihre Schmerzen oder Unannehmlichkeiten und auch nicht über die Tatsache, dass sie ihr Geschäft in eine Holzschüssel verrichten musste.
Dafür hatte sie, sobald ihr Geist nicht mehr in Albträumen gefangen war, darauf gepocht, die Lederrolle zu untersuchen - die einzige Beute ihrer Expedition. Thaleia wies diesen Wunsch zunächst aus Sorge um ihre Genesung zurück. Die Char-Khiri ließ nicht locker.
Nach Stunden Gemeuter und Gezeter forderte Xantheia, dass sie dem verfluchten Mädchen entweder die Lederrolle geben dürfte oder “beim Namen Zeraes” den Gnadenstoß. Zu ihrer Überraschung stimmten ihre beiden älteren Schwestern zu, wenn auch aus anderen Gründen, als ihr klar war.
Nun kam die Heilerin mit leeren Händen zu ihr. “Schlechte Neuigkeiten, Kivanístria.” Die Art wie Thaleia sie unter den grau-weißen Stirnfransen anschaute, erübrigte jede Erklärung. Nur mit Müh und Not verbiss sich Kivani bittere Tränen. Daran konnte auch der Kosename nichts ändern, den die Heilerin einwebte, in einem schwachen Versuch die Wucht der Botschaft abzufedern. Jenem Wortspiel, auf das sie nach Lycanders Läuterung getauft worden war.
An der Schwelle des Todes hatten Kivani Visionen heimgesucht, die sie schreien ließen, bis ihre Stimme versagte. Dennoch stellte sie sich Skythrias peniblen Verhör - bestand darauf nichts auszulassen. Der Spitzname, der in Skovosi an “Schreihals” anklang, war ein Zeichen dafür, wie sehr den Askari die eigenwillige Patientin ans Herz wuchs.
“Habt ihr meiner Tante von dem Schrein erzählt?” Noch ehe Thaleia nicken konnte, fragte Kivani weiter: “Den Visionen? Den… den…”
Die bloße Erinnerung an die Finsternis, die versucht hatte sich in ihr einzunisten, beschwor das Böse für einen Augenblick herauf. Die Bannkreise ihrer Pupillen unterlagen der Dunkelheit. Schwärze infizierte die hellen Augäpfel und drohte, alles Weiß darin auszulöschen. Kivani dünstete den Gestank der char-khiri aus, deren süße Fäulnis die kleine Hütte verpestete.
Selbst Thaleia hielt den Atem an, obwohl sie keinen Zweifel an Lycanders Schutz hatte, und wie zuvor blieb Kivani standhaft, schlug zurück. Ihre Willenskraft war beachtlich.
Das Mädchen fuhr fort: “Erzählt von den Höllenwesen, dem Dämon, der unser Volk bedroht?”
“Die Arimani schenkt dir keinen Glauben.”
Kivani wandte sich ab, um ihre Trauer zu verbergen. Leider ergab alles Sinn. Trotzdem hatte sie bislang gehofft sich zu irren, etwas falsch verstanden zu haben. Denn so gefühllos und unnahbar ihre Tante sich ihr gegenüber auch verhielt, wollte sie nicht wahrhaben, dass Chavari solchen Mächten verfallen war. Der Gedanke schien selbst dann noch zu schrecklich, als das geborgene Pergament die Vorsteherin lautstark anklagte.
Die Flucht im Fluss hatte das Schriftstück stark in Mitleidenschaft gezogen, aber was übrig war, bezeugte die Verderbtheit der Arimani. Nach den ersten Zeilen hatte Thaleia das Schriftstück als zeremonielle Anleitung missverstanden und beiseitegelegt. Erst als Müdigkeit ihre Krankenwache gefährdete, untersuchte sie die Rolle erneut.
Schnell schmolzen die Zweifel über die Ursache über Kivanis Rückfälle dahin, denn zu Kivanis Glück oder Fluch hatten die schlimmsten Passagen dem Wasser getrotzt. Mehr geritzt als geschrieben, blieben sie der Heilerin nicht verborgen.
Thaleia strich aufmerksam über die Oberfläche. Als sich aus feinen Rillen Buchstaben und Sätze bildeten, lief sie vor die Hütte und formte mit ihrer Spucke eine Paste aus Erde. Die dunkle Masse verteilte sie mit viel Feingefühl auf dem Pergament, bis es seine Geheimnisse erneut offenbarte.
“Mensch oder Vieh, jung oder alt - wer den Hain char-khirs betritt, ohne den Schutz der Arimani, ist char-khir als Opfer geweiht, ihr Leid zu ihrer Belustigung, das Flehen ihrer Seele zu ihrer Erquickung! Zur Opfergabe der Arimani zählen sie nicht! Nur Blut, heimtückisch vergossen, erhält den Pakt der Ahninnen. Blut besiegelt den Bund zwischen char-khir und ihren Kindern, lässt sie erblühen, während die umliegenden Völker vergehen.”
In Skythria zog ein Sturm auf, als ihre Gefährtin es ihr berichtete. In Verbindung mit Kivanis Träumen gab es für die Kriegerin keinen Zweifel an der dämonischen Verderbnis und ebenso wenig an ihrer Aufgabe. Als Askari wurden sie geboren für den Kampf mit der Hölle und ihren Dienern.
Doch die Char-Khiri wollte die Abscheulichkeiten nicht glauben ohne einen direkten Beweis - wie die Ablehnung des Gesuchs der Askari. Vielleicht lag es am glasigen Blick ihrer Großmutter, ihrer einzigen Besucherin, außer den Amazonen. Die alte Frau zeigte keine Angst vor dem Fluch der char-khiri, aber wann immer ihre Enkelin vage Andeutungen über den versteckten Schrein oder das Bündnis des Dorfes machte, schien sie vor ihren Augen zu vergehen.
Letzten Endes hatten die Schwestern der Vorsteherin auf Kiwanis Wunsch hin eine Chance eingeräumt und nun waren ihnen die Hände gebunden.
“Was ist euer Plan? Sie wird den Hain sicherlich bewachen lassen, zumindest von der Seite des Dorfes her. Wenn wir uns Richtung Fluss halten und dort nach…”
“Kivanístria, wir haben einen heiligen Schwur geleistet, die Kinder Char-Khirs den Gesetzen Char-Khirs zu überlassen.”
Die Augenbrauen des Mädchens legten sich in Falten, die für ihr junges Gesicht viel zu tief waren. “Ihr überlasst uns dem Dämon? Ein ganzes Dorf?”
“Versteh doch! Unser Königreich, unsere Expeditionen - wir sind im Moment auf freundschaftliche Beziehungen mit Torajans Stämmen angewiesen, um die seltenen…”
“Sind Kräuter und Relikte wichtiger als eure Heilige Mission? Waren die Geschichten alles nur leeres Gerede?” Kivani schniefte kräftig.
Die Askari versuchte, sie mit ihrem weichen Blick zu besänftigen, doch das Mädchen wich ihm erbost aus. In der kurzen Zeit war ihre Bewunderung für die Skovosi stetig gewachsen. Xantheias überschwängliche Schilderungen der uralten Kultur und ihrer Bestimmung trugen das ihre dazu bei, sodass Kivani trotz allem Hoffnung für sich und ihr Volk gefasst hatte. Diese Hoffnung wurde ihr nun brutal aus dem Herzen gerissen.
Leichtes Tapsen kündigte die jüngste der Amazonen an.
“Schwester?”, fragte sie mit gedämpfter Stimme beim Eintreten. Die Enttäuschung hing wie Rauch in der Luft, erstickte die schwache Zuversicht, mit der sie gekommen war.
“Reich mir dein Medaillon.”
Xantheia zögerte kurz. Immerhin hatte sie es am Beginn ihrer Reise feierlich erhalten. Schließlich streifte sie es ab und legte es in die ausgestreckte Hand.
“Trage es immer bei dir, Kivanístria. Athuluas Segen ruht darauf.”
Mehr sagte die Heilerin nicht. Sie spürte, dass es zwecklos war. Die Char-Khiri verweigerte ihrer Lebensretterin ordentlich Abschied zu nehmen, doch ihr tiefes Schluchzen war bei der Abreise der Amazonen über das Gequake und Geträller der Urwaldtiere hinaus zu hören.
An den verbleibenden Tagen bis zum Fest bekam Kivani weiterhin keinen Besuch außer von ihrer Großmutter. Die Matrone schien immun gegen Geschwätz und Flüche gleichermaßen.
“Denk nichhht schlecht von ih-hh-nen. Du bist stark-hh und mutig - Eihh-genschaften, die fü-hhr die meisten Leute -hh- tödlich enden.”
So sehr sie ihre Ari-Ari liebte und auf sie hören wollte, begann das Mädchen die Feiglinge im Dorf zu verabscheuen - allen voran den Rat der Schwestern. Die einflussreichen Frauen schienen Kivani schon von klein auf auf dem Kieker gehabt zu haben. Selbst Nanori, mit dem sie seit Kurzem ein unbedeutendes, aber unterhaltsames Techtelmechtel angefangen hatte, brachte nicht genug Mumm auf in ihre Hütte zu kommen, sondern raunte unter ihrem Fenster nach ihr.
“Kivani, geht es dir schon besser? Alle reden über dich.” Er zögerte. “Dich und deinen … als du im Hain warst… Ich… Sobald du wieder ganz heil bist,... Kivani?”
Sie ignorierte den erbärmlichen Versuch, sie gnädig zu stimmen. Was ihre Heilung anging - die Char-Khiri machte sich keine zu großen Hoffnungen. Was sie auch ihrer Großmutter offenlegte, als die ihr Awara-Püree mit camu-camu Beeren brachte. Die violetten Früchte galten als genauso gesund wie widerwärtig, weshalb sie unter das süße Püree gemischt waren.
“Ver-hh-zieh dein glattes Münd-hhchen nicht so, sonst sie-hhst du lange vo-hhr deiner Zeit wie dieses zer-hh-knüllte Palmblatt aus”, wobei sie auf sich selbst zeigte.
“Da habe ich keine falschen Erwartungen. Mit den Askari fort wird mich das Böse bald holen, das von mir gekostet hat.”
Sie sah die Ohrfeige kommen, ließ es aber geschehen. Die brennende Wange hauchte ihrem erkalteten Herzen etwas Wärme ein, zeigte ihr, dass es zumindest eine Person gab, die sie lieb hatte.
“-hh-...bete…-hhrh- zu den char-khiri, mein Mäd-hhchen. So eifersüchtig und -hh- launisch sie sind, lau-hh-schen sie doch am liebsten dem -hh- Gesang der Menschentö-hhchter.”
Kivani brachte es nicht übers Herz der runzligen Matrone mehr von der verstörenden Schriftrolle zu berichten, obwohl ihre Großmutter vielleicht etwas Licht in die Angelegenheit hätte bringen können. Noch weniger wagte sie es, von den Verstrickungen ihrer Tante zu reden.
War meine Mutter dir damals schon auf der Spur? Was für ein Ungeheuer muss man sein, um die eigene Schwester verschwinden zu lassen?
Das Herz der Alten würde noch früh genug gebrochen werden, falls Kivanis nebulöser Plan aufging. Solange wollte sie für ihre Ari-Ari mitspielen. Also willigte sie ein, die Geister um Vergebung zu bitten.
“Das ihh-st weise von dir, mein Mädchh-en. In dir wohhn-te schon immer so viel Weis-hheit. Lass michh- ein paar Küch-hh-lein vorbereiten und -hh- ein wenig Räu-chhh-erwerk.”
Die Alte wäre beinahe aufgesprungen, wenn es ihr Körper erlaubt hätte. Trotzdem erfasste sie eine solche Quirligkeit, dass ihre Enkelin sich Sorgen machte, ob die müden Knochen das mitmachen würden.
“Gewürze, Frü-chh-te, … Lieder -hh- … wie ging das alte Lied noch? La-na-hh-lala-naaa…”, summte sie am Weg hinaus. Als sie die geschmückten Fäden am Eingang zur Seite schob, fiel ihr ein: “Kannst du schon -hh-... Geht es dir gut -hh- genug…”
Ihre Enkelin stand langsam auf und lächelte. “Die Heilkünste der Askari haben den Legenden alle Ehre gemacht. Ich kümmere mich um die Dekorationen.”
Keuchend und prustend bahnte sich die angesehene Alte einen Weg über die vielen schmalen und breiten Flussarme, die Char-Khir seinen einzigartigen Charme spendeten. Mit der Matrone als ihrer Fürsprecherin mochte es wahrhaftig einen Weg geben die Dorfbewohner zum Umdenken zu bewegen, ja, - wer konnte das schon mit Sicherheit sagen -, gar die char-khiri zu besänftigen. Eine Aussicht, die Kivani mit jeder Faser ihres Körpers ablehnte. In ihrem Innersten hatte sich ein viel finsterer Entschluss festgefressen.
Die Aufregung im Dorf war nicht zu überhören. Flinke Augen und noch flinkere Zungen beobachten das Treiben der Alten und zogen die richtigen Schlüsse daraus.
Während die Schwestern zunächst unter vorgehaltener Hand diskutierten, ob die Zeremonie überhaupt abgehalten werden sollte, war man sich bald einig, das Unterfangen zu unterstützen. Die Gruppe derer, die in der Anrufung der Geister eine Provokation befürchteten, da diese bereits ein Urteil gefällt hatten, unterlag letztlich jenem Lager, das keinen Zweifel hatte den bitteren Groll der Matrone auf sich zu ziehen, falls sie nicht halfen.
Statt weiter von der Verfluchten zu reden, drehten sich die Gespräche um die wundersame Bewahrung ihres Lebens. Das geschäftige Treiben zur Rettung der verlorenen Tochter Char-Khirs wärmte allen das Herz. Allen außer Kivani.
Jedes angebrachte Palmblatt, jede Blumengirlande, die ihr die Kinder hinaufwarfen, jeder Teil des errichteten Altars verkörperte ihren wachsenden Hass auf die char-khiri und die verlogenen Bräuche ihrer Sippe.
Nur eine kleine Weile, dann findest du einen Weg, eine Gelegenheit…
Als ihre Großmutter schließlich in den weißen Feiergewändern die Stufen der Hütte erklomm, gluckste sie zufrieden. Das Körbchen prall gefüllt mit Gaben der Dorfgemeinschaft, Räucherwerk und geheimnisvollen Krimskrams, machte sie sich ans Werk.
Zum Summen des Dschungels mischte sich der Gesang der Schwestern Char-Khirs, die die Bitte der Matrone zu den Geistern trugen. Die letzte Silbe schwang noch in der Luft, als Chavari durch die Menge schnitt. Wie ein Schreckgespenst schien sie aus dem Nichts aufzutauchen.
“...Arimani.” Betretene Blicke begleiteten die halblauten Grüße. Sie reichten als Schuldeingeständnis. Niemand hatte die Vorsteherin direkt nach ihrem Rat gefragt. Genau genommen vollführte nur eine einzelne Tochter Char-Khirs ein simples Ritual. Aber natürlich wussten es alle besser.
Kivani erhob sich von ihrem Krankenlager noch ehe ihre Tante im Eingang zu sehen war. Eine unheimliche Stille war ihr vorausgeeilt, die sogar das immerwährende Gelärm des Urwalds erfasst zu haben schien.
“-HH-...”, hob die Alte an.
Die Arimani türmte ihre Augenbrauen bedrohlich auf. Sie würde keinen Widerspruch dulden. Nicht einmal von ihrer Mutter - die das erkannte. Also tätschelte sie Kivani die Hand und schickte sich an zu gehen.
“Es ihh-st getan”, flüsterte sie ihrer Tochter beim Vorbeigehen zu und spiegelte deren finsteren Blick einen Wimpernschlag lang.
Kivani wartete nicht was ihre Tante zu sagen hatte, sondern legte gehorsam den Kopf schief, womit die Arimani sie durch ihre Ohrscheiben packen konnte, um sie zu züchtigen. Doch die hagere Frau ließ ihre Nichte stehen und Schritt zum Fenster rechts neben dem Eingang, durch das ein angenehmer Luftzug wehte. Wie dieser war es eingekleidet in Palmblätter. Über die ganze Breite hingen Schnüre, geschmückt mit bunten Samen oder Federn.
Die untypische Unterwürfigkeit ihrer Nichte war zu durchschaubar. Mit einer langen Verbeugung vor dem Altar zollte die Vorsteherin den angerufenen Geistern Respekt. Die schmalen Schultern hingen dabei ebenso schlapp wie der Kopf herab, als könnte sie jeden Moment zusammenklappen.
Das Schweigen begann Kivani unangenehm zu werden. Vielleicht lag es an ihrer Jugend oder ihrer streitlustigen Natur - jedenfalls verunsicherte sie Chavaris offen zur Schau gestellte Kraftlosigkeit.
Will sie Mitleid schinden?
Kann es sein, dass sie dir Raum gibt dich zu erklären?
Schwachsinn! Hör auf sie wie einen Menschen zu behandeln. Sie ist ein Ungeheuer!
Du darfst nicht auf sie hereinfallen!, bekräftigte Kivani ihre frisch gewonnene Überzeugung.
Es fiel ihr nach wie vor schwer, nicht ihre Tante in dem strengen Gesicht zu erkennen. Aber wenigstens tat die Arimani dem Mädchen den Gefallen, ihr den Rücken zu zeigen. Just als es ihr zu blöd wurde und sie das Wort ergreifen wollte, seufzte Chavari unverhohlen. Laut. Erbarmungswürdig. Wo immer ihr Geist gewesen war, er kehrte nicht freiwillig zurück.
“Die alten Toraja, du kennst die Geschichten, hüteten einst den Tempel der Triune. Ich habe die überwachsenen Ruinen besucht. Ruhelose Geister streifen zwischen den verbrannten Mauern umher. Kaum jemand außer den verrückten Hexendoktoren wagt sich dorthin. Sie eignen sich verbotenes Wissen an und stacheln damit die Stämme der Umbaru zu Raubzügen und Blutvergießen an. Zu gerne würden sie auch unser Fleisch kosten. Kehjistan und seine Magier scheren sich einen Dreck um unser Schicksal. Und was deine selbstlosen Retterinnen betrifft: Die Inseln der Skovosi versinken in Streit und Intrigen.”
Chavari hielt inne, um ihrer Nichte Gelegenheit zu geben, etwas zu fragen. Üblicherweise würde das Mädchen schon aus Prinzip dagegen halten. Doch sie schaffte es sich zu beherrschen. Die Arimani zuckte mit den Schultern und machte sich keine Mühe mehr mit langatmigen Erklärungen.
Wenn sie nicht verstehen will,...
“Für deinen Übertritt werden die Geister Sühne verlangen.”
“Großmutter hat ihnen Gaben überbracht.”
Wie ein versteckter Dolch schoss ein schmutziges Lachen aus der Arimani. “Und wenn es ihnen gefällt, werden sie ihre Bitte akzeptieren.”
“Was soll dann…”
Aber Chavari war noch nicht fertig: “Doch das Dorf wird den Preis dafür bezahlen.”
Kivani lehnte sich rüber, um ihr Gesicht beobachten zu können. “Den DU festlegen wirst, nicht wahr? DU wirst das Dorf zahlen lassen!”, mischte sich Zorn in ihre Stimme.
Ihre Tante antwortete nicht, sondern wandte sich zum Ausgang.
Nicht so schnell!
Kivani sprang auf, um sie an der Schulter zu fassen. Ein zu gewagtes Manöver in ihrem geschwächten Zustand. Die Beine versagten und sie taumelte auf Chavari zu. Doch die Arimani machte keine Anstalten sie aufzufangen, sondern behielt ihren Schritt bei, selbst als ihre Nichte auf den Boden krachte.
“Auch wenn die Geister euer Gebet akzeptieren, wirst du der Zeremonie dieses Jahr fernbleiben.” Und mit diesen Worten verließ sie die Hütte endgültig.
Mit zusammengebissenen Zähnen rappelte sich die Char-Khiri wieder auf und lächelte zufrieden, obwohl das Urteil einer Verbannung innerhalb ihres eigenen Volkes gleichkam. Aber Kivani hatte was sie wollte. Die Zeremonie dauerte Stunden - Stunden, in denen niemand sie beobachten oder aufhalten konnte.
“Au!”
Kivani zog ihre Hand schnell weg und lutschte die Blutstropfen ab. Die Brust des knuffigen Fellknäuels hüfte wie verrückt, während es sich von einer Käfigseite zur nächsten wegduckte. Es half nichts: Der Nager blieb seiner Kerkermeisterin hilflos ausgeliefert. Die Panik des Tierchens ließ ihr das Wasser in die Augen aufsteigen. Einen Moment lang überwältigte sie der Wunsch, den Aguti frei zu lassen. Dann schluckte sie den Kloß im Hals hinunter und tat was notwendig war.
“Tut mir Leid, Kleiner, aber keiner von uns wird davonkommen.”
Diesmal griff sie ohne Mitleid durch aufgeklappte Öffnung. Der Aguti fiepte und kratze um sein Leben, aber Kivani presste ihn unbarmherzig in die Erde. Mit der anderen Hand legte sie ihm ein dünnes Seil an, dann holte sie ihn zwischen den gebogenen Ästen heraus.
Am Weg nach unten zappelte der Aguti, als wüsste er, was dort wartete. Und vielleicht spürten die feinen Sinne des Tierchens die Gefahr tatsächlich. Inzwischen befestigte Kivani die Schnur an einem verkrüppelten Baum, wofür sie trotzig die Staude umtrat, die den Eingang markierte. Sobald ihr Köder den Boden erreichte, griff sie nach dem gewaltigen Erdstampfer zu ihren Füßen.
Falls das nicht klappt,...
“Das ist deine große Reise. Keiner hat dich soweit in den Dschungel geschleppt wie ich. Enttäusch mich nicht!”, redete sie dem kolossalen Hammer an ihrer Stelle gut zu und verscheuchte die aufkeimenden Zweifel.
In der Tiefe huschte ein Schatten. Kivani zögerte keinen Moment, sondern erlaubte dem Stampfer seine Bestimmung zu erfüllen.
Krck, verkündete lautes Knacken ihren Erfolg. Für die Char-Khiri änderte es nichts. Sie hatte nicht gewartet, sondern war mit einem Speer bewaffnet in das Erdloch gesprungen. Ihr Plan, den Fall mit ihrer Waffe abzufedern, ging gehörig schief. Statt elegant den Stab hinab zu gleiten, katapultierte sie sich kopfüber in ihre Feindin.
Die Arachnide konnte allerdings keinen Gewinn daraus schlagen. Wären es nur die zwei Beine gewesen, hätten sich ihre Kieferklauen schon in den weichen Leib des Mädchens geschlagen. Doch der Riesenhammer hatte ihre linke Seite zertrümmert und den Panzer in die Eingeweide gedrückt.
Kivani nutzte die Schwäche, wirbelte herum und zückte ein Steinmesser. Wild fuchtelnd hackte sie auf die Spinnenbeine ein, denn das Biest ging trotz der Verletzungen auf sie loß.
“Ki-Jaijaja-iih!”, brüllte sie wie am Spieß und parierte mehrere Beinhiebe.
In ihrer Fantasie hatte die Klinge der Arachniden die Gliedmaßen geradewegs abgetrennt. Ein wahnwitziger Irrglaube, wie sich jetzt herausstellte.
Du musst die saftigen Stellen erwischen, wurde ihr klar - doch mit dem Messer war das unmöglich. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als alle Vorsicht in den Wind zu schlagen. Schon preschte sie vor.
Die Spinne verlor keine Zeit, sondern schnappte mit ihren giftigen Klauen nach ihr. Um Haaresbreite hechtete Kivani darunter hindurch und griff sich ihren Speer.
“Huah!”, rief sie triumphal aus, nur um den Preis für ihre Leichtsinnigkeit zu bezahlen, als eine der Klauen eine lange Wunde an ihrem Rücken öffnete.
Die Jägerin witterte Blut und setzte hinterher, überschätzte aber ihre Fähigkeiten, denn die verletzte Seite sackte plötzlich ein und legte die gigantische Spinne der Char-Khiri zu Füßen. Kivani stach zu, trieb die Spitze soweit in eines der Augen, wie sie konnte. Tief genug, dass ihre Gegnerin sich aufbäumte und rückwärts über die eigenen, nutzlosen Beine stürzte. Ganz beiläufig stieß sie das Mädchen mit ihrem Gezappel gegen die Wand.
Der Schleier vor ihren Augen lichtete sich, so schnell er gekommen war. Mit einem grimmigen Lachen wischte sie sich das Blut der aufgebissenen Lippe weg und beobachtete den besiegten Feind mit Genugtuung. Bei dem Versuch zu fliehen, hatte sich die Arachnide in ihre eigenen Netze verheddert.
Lass sie leiden! Lass sie bluten!, ging ihr durch den Kopf.
Dann erblickte sie das Nagetier, das ihr als Köder gedient hatte. In den aufgerissenen Augen schien der Anblick ihrer grausamen Henkerin eingebrannt zu sein.
Kivani erschauderte.
Nicht über das tote Tier, dessen Herz aus Angst stehen geblieben war, sondern über die Erregung, die sie beim Anblick des Leids der Spinne verspürte und die weit über Rache hinausging.
Ihre Finger schlossen sich um den Griff des Stampfers. Mit einem weiteren 'Huah' schulterte sie ihn und nahm alle Kraft zusammen, bevor ihr geschwächter Körper auf die Idee kam eine Pause zu fordern.
“Ka-uh–WHAA!"
Der beschädigte Panzer hatte der Wucht des Steinblocks nichts entgegen zu setzen. Gedärme barsten wie reife Früchte. Trotzdem traute die Char-Khiri dem heimtückischen Wesen nicht und setzte nach, bis ihre Zehen in übelriechendem Brei versanken.
Am liebsten wäre sie erschöpft zusammengesackt, aber die Wächterin zu überwinden war nur der Auftakt gewesen. Ohne sich die Mühe zu machen den Kadaver des Nagetiers vom Seil zu lösen, kämpfte sie sich durch den Schacht nach oben, um die restliche Ausrüstung zu holen.
Allem voran die Elixiere aus dem Hort ihrer Großmutter. Mehr als einmal hatten die wundersamen Tinkturen ihren Leuten das Leben gerettet, nachdem das Unglück sie überfallen hatte - ob nun Krankheit oder Liebeskummer. Natürlich priesen später alle die char-khiri für ihre Heilung, dennoch wollte niemand auf die Hilfe der Matrone verzichten.
Zurück im Spinnennest öffnete sie die Knoten des Tuchs, in das Kivani die Beute ihres Diebeszugs hastig eingewickelt hatte, und bereitete sich vor. Die Char-Khiri wusste aus Erfahrung, dass die Wirkung der Tränke Zeit zur Entfaltung brauchte. Bei der Menge, die sie eingenommen hatte, waren Vorhersagen allerdings schwierig.
Trotzdem gestand sie sich eine kleine Verschnaufpause zu. An die kalte Wand gelehnt, ließ das Brennen ihrer Wunde schnell nach, bis ihr die Augen zufielen.
“Zhur-ial ekra-thin, maneth-ra. Char-khir vel-za… Thruul-za ekra, Kivani!”
Die Char-Khiri schreckte hoch und riss den Steindolch hoch, durchbohrte aber lediglich die wehrlose Luft.
“Nur ein Traum?”, nuschelte sie.
Nein, sie erwartet mich.
Statt wieder in Angst zu erstarren, wurde sie von Wut gepackt. Die Elixiere befeuerten Kivani, ließen sie Müdigkeit und Schmerzen vergessen, trieben sie in den Kampf. In der Finsternis vor ihr wartete nicht nur die Dämonin, sondern das Erbe ihrer Mutter. Kivani spürte ihren Geist ganz nahe.
In Windeseile wickelte sie das Tuch um den Speer und tränkte es mit einer der Tinkturen. Es brauchte ein paar Versuche, aber mit Hilfe der Feuersteine entzündete sich das Ganze und brannte langsam dahin. Derart gerüstet, bahnte sie sich einen Weg in char-khirs Unterschlupf.
Eine Augenbraue ihrer Mutter wanderte weit nach oben, aber die sich kräuselnden Lippen verrieten, dass sie nur herumalberte.
“Wenn du nicht still hälst, musst du einen Mahi-mahi hochklettern und dir von einem Stinkvogel die Haare schneiden lassen!”
Die strenge Miene zerbröselte augenblicklich und beide lachten lauthals los, bis Kivani über den Boden kullerte. Die Erwähnung ihres gefiederten Lieblingstiers, dessen Name tatsächlich von seinen miefigen Ausdünstungen herrührte, war zu viel gewesen.
Ihre Mutter wartete kurz und winkte sie zu sich, aber Kivani rollte immer noch fröhlich in der Hütte rum.
“Setz dich nun!”
Der heitere Gesichtsausdruck war verschwunden.
Die Kleine hielt inne. Das stimmt so nicht!
“Du sollst auf deine Ari hören, Mädchen!”
Sie schüttelte den Kopf. Kivani kannte die Erinnerung in- und auswendig - es war die einzige an ihre Mutter, die ihr geblieben war.
Mit jedem Wort klang die weiche Stimme scheußlicher: “Wer beim Fauchen nicht springt, wird die Zähne spüren!”
Das ist nicht meine Ari. In ihrer Haut wohnt ein anderer Geist!
“Wo ist meine Mutter?”, fragte sie und wich ein kleines Stück zurück.
Statt zu antworten schnippte die Fremde mit den Fingern. Draußen verschwand alles Licht, gemeinsam mit dem Vogelgezwitscher und den fröhlichen Stimmen der Dorfbewohner. Auch ihre Haut verlor den nussigen Ton, wurde fahl und dünn, bis die Adern sich wie Schlingpflanzen über das Fleisch wanden.
Kivani wiederholte die Frage.
Als die Fremde den Mund aufmachte, untermalte ein ersticktes Gurgeln jeden Laut: “Deine Mutter? Kind, ich bin deine wahre Mutter.”
Aus ihrem Rücken wuchsen Greifer, die in kurzen Tentakeln endeten. Die blasse Haut platzte wie ein zu kleiner Kokon an mehreren Stellen auf. In den Rissen wühlten Maden.
“Du lügst!”
“Was den Verstand übersteigt, muss als Lüge geboren werden. Ich bin char-khir und char-khir ist Mutter.” Die letzten Worte hauchte die groteske Gestalt.
Blitzschnell schnappte sich die Kleine eine Kokosnuss und donnerte sie der Dämonin mitten ins Gesicht!”
Der Spuk war vorbei. Kivani war zurück in der Höhle. Ihre Fackel leuchtete gerade hell genug, um ihr vor Augen zu führen, dass ein erneuter Sturz ihren Tod bedeuten würde. Ein Umstand, der noch nützlich werden könnte, falls ihr Vorhaben scheiterte. Fürs Erste hatte sie die Dämonin vertrieben, wie es schien.
“Mutter”, murmelte sie und spuckte verächtlich aus.
Es muss einen Weg hinab geben. Chavari kann unmöglich mit den Materialien am Rücken und einer Fackel im Mund die feuchten Steine hinabgeklettert sein.
Aber da war nichts. Keine halsbrecherische Felskante, keine rutschigen Vorsprünge. Nicht mal ein Seil führte hinab. Sie war sich sicher gewesen, den Abgang übersehen zu haben, als sie den Schacht hinabgeschlittert und im Spinnennetz gelandet war.
Unmöglich.
Kivani suchte erneut alles ab - mit demselben Ergebnis. Langsam dämmerte es ihr.
Verdammt, es gibt einen anderen Zugang!
Wieso hatte sie nicht gleich daran gedacht? Wie konnten sie so blind sein? Am liebsten hätte sie sich selbst geohrfeigt, aber dafür fehlte die Zeit. Der Schein ihrer Fackel begann bereits abzunehmen.
Während sie nachdachte, stiegen kleine Nebelschwaden um sie herum auf. Zuerst bemerkte die Char-Khiri sie nicht, doch als ihr langgezogenes Seufzen sich in eine kleine Wolke verwandelte, wusste sie, was das zu bedeuten hatte.
“Zeig dich!”, forderte sie.
char-khir kicherte, was für Menschenohren auch nicht anders klang als eine Drohung. “Vel-ak thra-zel kraeth… Zhur velkor.”
“Wozu die Mühe, wenn du doch nur in Höllenzungen sprichst? Du willst doch etwas von mir, nicht wahr? Spuck es aus!”
Am äußersten Saum des Lichts erschien ein verschwommener Umriss, der sie vage an die tote Spinne erinnerte, in dessen Zentrum aber eine menschenähnliche Gestalt war.
“Sie spielt die Mutige, aber ihre Knie schlottern. Herzig!”
Jedes Wort fühlte sich an, als würden Käfer in ihre Ohren kriechen.
“Komm ruhig näher und überzeug dich von meiner Schwäche, dann wird mein Speer gleich zwei Ungeheuer an einem Tag aufspießen.”
Zu ihrer Überraschung folgte die Dämonin ihrer Aufforderung. Als das Licht ihr Aussehen weiter enthüllte, verstand Kivani, was sie damit bezweckte. Trotzdem konnte sie dem Köder nicht widerstehen.
“Scheusal! Leg die Gestalt sofort ab!”
Ihre Hände glitten in den Nacken, während sie sich räkelte. “Gefalle ich dir nicht?”
“Widerwärtiges Monster…”
Pfeilschnell schoss die Dämonin vor und schnappte wie eine Schlange nach Kivani, die zusammenzuckte und nicht mehr tun konnte, als dem Ding die Speerspitze entgegen zu strecken. Aber char-khir gab sich damit zufrieden, ihr einen Schreck einzujagen und kicherte vor sich hin.
“Habe Respekt vor deiner Mutter!”
Kivani schnaubte hörbar.
“Was für eine Mutter frisst ihre eigenen Kinder?”
“Eine Starke, die keine Furcht hat, in die Zukunft zu blicken. Irre dich nicht, Menschentochter. Die Herrscher der Hölle verzehren sich nach Sanktuario und sie wissen nichts von der Liebe einer Mutter.”
Es war so absurd, dass die Char-Khiri schmunzeln musste, obwohl es zum Weinen war.
“Aber du tust es? Ist das der Grund, weshalb Nanori sterben musste?”
Am Morgen nach dem Ritual ihrer Großmutter war Nanori verschwunden. Zuerst glaubte das Dorf, er wolle sich vor den letzten Arbeiten für das Fest drücken. Es wäre nicht das erste Mal gewesen. Kivani wusste es besser. Es war die Rache ihrer Tante. Die ganze Nacht konnte sie kein Auge zutun, aber wenn der Schlaf sie für ein paar Minuten überfiel, kam er in Begleitung von Albträumen. Sie wusste, dass der Dämon um ihre Hütte schlich, fühlte sich aber zu schwach zu fliehen. Wohin auch? Umso erstaunter war das Mädchen bei Sonnenaufgang noch am Leben zu sein. Als Nanori verschwunden war, verstand sie, wer den Preis dafür gezahlt hatte.
Fischer fanden ihn schließlich an der Küste zur Zwillingssee ans Ufer gespült. Sein Einbaum wimmelte nur so von Blutegeln, die genüsslich die letzten Reste aus seiner ausgetrockneten Leiche holten. Nachdem die Arimani den grausigen Fund begutachtete, fand man die Schatulle mit den wenigen Schätzen des Dorfes, die zum Handeln mit umliegenden Völkern gebraucht wurden. Chavari verkündete, dass die char-khiri die Gemeinschaft vor der Schlange in ihrer Mitte bewahrt hatten. Dem Verräter wurden die Tucum-Ringe aus den Ohren gerissen und statt feierlich verbrannt zu werden, überließ man die Leiche den Tieren zum Fraß.
Trotz der Hexereien der Dämonin war in den milchigen Augen ihres Wirtskörpers keine Farbe mehr zu erkennen. Sie musterte das Mädchen, als würde sie nach etwas suchen. Schließlich nickte sie zufrieden.
“Du bist der Grund, warum Nanori sterben musste. Aber char-khir trauert nicht um die Schwachen. Ganz wie du birgt meine Umarmung Tod und Leben.”
Kivani wusste keine Antwort darauf. Es stimmte. Ohne die Nähe zu ihr wäre Nanori am Leben. Schlimmer. Trotz ihrer Trauer hatte sie keine Reue gespürt, sondern seinen Tod als notwendiges Opfer akzeptiert, um das Dorf zu befreien.
Hat sie recht? Bin ich nicht anders als sie?
Um der Verwirrung zu entkommen, schlug sie eine andere Richtung ein.
“Woher hast du die Leiche meiner Mutter?”
Die Antwort lag auf der Hand.
“Ein Geschenk”, schnurrte char-khir zufrieden.
“Wie Nanori?”
Die Dämonin fletschte die vergilbten Zähne und nickte.
“Und nun, worauf wartest du? Willst du mich nicht foltern und quälen? Ist es nicht das, was deiner Art Freude bereitet?.
Die langen Greifarme hüpften amüsiert auf und ab.
“Was weißt du über diese Welt, Menschentochter? Nichts. Sanktuario wurde gezeugt aus Verzweiflung, heimlich geboren aus Furcht - das ist die wahre Essenz dieser Welt. Ihre Hoffnung ist eine Illusion. Schmerz und Grab sind das Schicksal all ihrer Bewohner. Dennoch geben sich die Menschen unbeirrbar der Täuschung hin, um die Lüste des Seins zu genießen. Ich bewundere diese Ignoranz.”
“Ach, und darum raubst du sie uns gemeinsam mit unserem Leben?”, hielt die Char-Khiri dagegen.
“Rauben? Nein, ich schenke meinen Kindern die Gaben des Leids und der Angst, denn sie beflügeln ihre Fantasie, damit sie der stumpfen Gewalt der Engel und der Hölle trotzen können. Sanktuario ist eine Illusion! Ich bringe die süßesten Blumen der Lüge in euch zur Blüte, auf das ihr Leben in Fülle habt.”
Die elende Kreatur ist ganz anders, als du sie dir vorgestellt hast. Weniger Raubtier, char-khir wirkt… Sie suchte nach einem passenden Wort. …menschlicher? Nein, das– … Nein?
Verunsichert wiederholte Kivani die Frage, die sie seit Nanoris Tod beschäftigte: “Was willst du von mir?”
“Dein Dorf versteinert in seinen Traditionen. Es wird verfallen.”
“Weil du es verschlingst?”
“Ich bin nur die unausweichliche Wirklichkeit dieser Welt. Aber gemeinsam könnten wir eine neue Geschichte erzählen, ein anderes Char-Khir erstehen lassen.”
Die junge Frau tat einen Schritt auf den Abgrund zu. Wie oft hatte sie davon geträumt, alles umzukrempeln.
“Was ist mit all deinen sinnlosen Geboten?”
“Meine?”, fauchte char-khir: “Die primitiven Ideen deiner Ahninnen bedeuten mir nichts.”
“Aber die Arimani wird nicht einfach…”
“Sie ist alt und ohne Kraft. In dir schwelt ein Feuer die Welt zu erforschen, das Gewebe des Seins zu ergründen. Befreie Toraja aus seinem Aberglauben und lass sie wahrhaft träumen.”
“Wie?”
“Indem du sie dasselbe Leid lehrst, das dir widerfahren ist.”
char-khir kam ein Stück näher - sicher, dass ihre Beute sich bereits in ihrem Netz verfangen hatte. “Sei char-khirs Priesterin.”
Kivani schwirrte der Kopf. Vor ihrem inneren Auge sah sie sich an Chavari Rache nehmen, die selbstgerechten Schwestern durch den Dschungel peitschen. Mit der Macht der Dämonin würde sie die Stämme vereinen und die Umbaru unterwerfen. Und wenn sie ablehnte, würden nicht genauso viele Menschen sterben - aber sinnlos?
Mit ihrer freien Hand nestelte sie an Verbänden herum, die seit Tagen nicht gewechselt worden waren, strich über die frischen Narben.
Die unausweichliche Wirklichkeit dies…
Ihre Finger stießen auf etwas Hartes.
Xantheias Medaillon.
Damit es sie im Kampf mit der Riesenspinne nicht behinderte, hatte sie es zwischen zwei Schichten geschoben. Jetzt, wo sie sich darauf konzentrierte, spürte Kivani Wärme davon ausgehen, die selbst der dämonischen Aura trotzte.
Sie schaute auf den brennenden Speer. Ihr Abenteuer neigte sich dem Ende zu, denn die Flammen waren beinah erloschen. Die Char-Khiri seufzte und warf ihn in die Schlucht. Dann blickte sie in das entstellte Gesicht des Körpers, der einst ihre Ari beheimatet hatte.
“Welches Geschenk verlangst du, Mutter?”
Die Augen der Dämonin leuchteten in der Dunkelheit und forderten das Mädchen auf ein Angebot zu unterbreiten.
“Das Dorf wird nicht auf mich hören, solange meine Tante die Fäden in der Hand hält.”
Der groteske Körper schüttelte sich vergnügt. Kivani verstand zwar nicht wieso, nutzte aber die Ablenkung, um einen Blick nach unten zu riskieren. Der Speer hatte die Plattform gefunden. Sein Schein reichte gerade noch, um den Verlauf des Flusses erahnen zu können.
“Sie mag dir treu dienen, aber ich werde sie nicht als Priesterin neben mir akzeptieren!”, versuchte sie char-khir in ein Wortgefecht zu verwickeln, bewirkte aber genau das Gegenteil.
Was ist so verdammt lustig?, wunderte sie sich.
Endlich fasste sich die Dämonin.
“Diese Arimani hat keine Fantasie. Sie ist nicht mehr als eine Puppe. Begreifst du nicht?” char-khir beugte sich vor und flüsterte ihr ins Ohr, um den süßen Schmerz des Mädchens voll auskosten zu können: “Nicht Chavari - deine Großmutter ist char-khirs Priesterin.”
Zum Glück hatte Kivani die Worte noch nicht erfasst, als sie der Dämonin den Steindolch in die Magengrube stach und in die Tiefe sprang. Mehrere Greifarme schossen ihr hinterher, doch als sie ihre Beute packten, hüllte der Schutzzauber des Medaillons seine Trägerin in gleißendes Licht und trieb char-khir für einige Momente in die finsteren Ritzen der Höhle zurück.
Der Schmerz in ihrer Seele überstrahlte selbst die Kraft des Zaubers. Dagegen verblasste der Schlag der Wasseroberfläche und die Elixiere in ihrem Blut taten den Rest. Die Strömung trieb sie zwar ein Stück die Plattform hinab, aber die Char-Khiri bekam den Rand zu fassen und zog sich hinaus.
Es hatte einmal funktioniert, warum nicht wieder?
Sie lügt, sie lügt, sie lügt!, war alles, was Kivani denken konnte, während sie sich die erstbesten Rollen griff, die sie erspähte. Schon setzte sie zum Sprung an, um mit ihren Beweisen vom unterirdischen Fluss in die Freiheit gespült zu werden. Aber die Wirkung des Schutzzaubers war abgeklungen.
“Wohin so eilig?”, zischte die Dämonin.
So starr char-khirs Gliedmaßen auch aussahen, huschte sie unfassbar flink durch das Halbdunkel. Wie eine Fliege klatschte sie Kivani im Sprung auf den Boden und bekam sie am Fuß zu fassen.
“Belial zharkun! Krel’va shen!”
Die Dämonin schleuderte Kivani über den Boden, als wäre sie ein nasses Tuch. Dann zerrte sie das rebellische Mädchen kopfüber nach oben.
“Ich biete dir meine Freundschaft an und als Dank rammst du mir dein Messerchen in den Bauch?” Plötzlich kicherte sie wieder vor sich hin. “Deine Verlogenheit gefällt char-khir, Menschentochter. Aber mich mit deinem Stöckchen aus Sanktuario zu verjagen? Lachhaft.”
“Das muss ich gar nicht.”
“Ach nein? Dachtest du, mit ein paar bekritzelten Fetzen mein Volk gegen mich aufbringen zu können?”
Aber die Char-Khiri sagte kein Wort.
“Du willst du mir also nicht verraten, was du dir gedacht hast? Dann vielleicht, wer dir das widerliche Amulett gegeben hat? Warte, lass mich dir beim Nachdenken helfen”, gluckste die Dämonin heiter.
Eines der Tentakel schälte sich zurück, bis ein spitzer Knochen darunter zum Vorschein kam. Kivani schluckte bei dem Anblick, aber noch bevor die Spucke unten war, hatte die Dämonin ihre linke Handfläche durchstochen.
“Na, lockert das deine Zunge? Nicht? Na gut.”
Die schleimigen Hautlappen warfen sich gierig auf die blutende Stelle und saugten sich fest. Alle Versuche sie mit der freien Hand zu lösen, waren zum Scheitern verurteilt.
“Mhhmmm, nicht nur euer Blut schmeckt gleich, deine Mutter hat dir auch ihre Halsstarrigkeit vererbt.”
Je länger sie kopfüber in der Luft baumelte, desto schwindeliger wurde ihr. Lediglich der pulsierende Schmerz in ihrer Hüfte, an der ihr gesamtes Gewicht zerrte, vertrieb den Nebel in ihrem Kopf.
“Versteh doch, ich bewundere diese Hingabe. Mit welcher Verblendung du deinem Untergang siegessicher entgegen marschierst. Entzückend.”
Ihre Gefangene schnaubte verächtlich.
“Ist es nicht so?”
Kivani hatte sich vorgenommen, nicht weiter auf die Spielchen der Dämonin einzugehen, aber wenn sie ihr damit eins auswischen konnte…
“Ich wusste, dass du mein Tod sein wirst, seit deine madenzerfressene Visage aus den Löchern dieser stinkenden Kloake gerotzt ist, du durchgeknalltes Höllenvieh!”
Kivani zappelte, bis die Dämonin sie genervt gegen den Fels knallte, aber es reichte nicht, um die Char-Khiri zum Schweigen zu bringen.
“Vor Abschaum wie dir kauern? Niemals! Ich sterbe im Kampf um die Seele des Dorfes. Ob ich Erfolg habe oder nicht.”
So gut es ihre Lage zuließ, starrte sie char-khir giftig an, die ein betretenes Gesicht machte.
Dumme Schafe - mehr sind sie nicht. Schafe auf der Schlachtbank. Der Gedanke half ihren Groll auf die Dämonin zu lenken.
“Tztztz”, schimpfte char-khirs Zeigefinger: “Hast du dabei nur einmal an deine arme Großmutter gedacht? Mit Bitten und Flehen hat sie dein Leben gegen Nanoris eingetauscht und du trittst beider Opfer mit Füßen!”
“Sie hätte das nie getan!”
“Oh, du irrst dich! Sie hat eine Tochter geopfert, um meinen Segen zu erhalten. Dich auch noch zu verlieren, hätte sie nicht ertragen.”
“Mehr von deinen Lügen!”
“Du wirst sie schon bald selber fragen können. Ohh, welche Geschichte wird sie sich erzählen, wenn sie vor der Wahl steht, das Dorf oder dich zu opfern?”
char-khir gluckste fröhlich, was klang wie ein Tapir, dem die Kehle herausgerissen wird.
“Vielleicht wirst du deine Meinung bis dahin noch ändern. Wir haben Zeit. Ich werde dich Schmerz und Leid lehren, bis du die Wirklichkeit begreifst. Und mach dir ruhig Illusionen darüber, ob du stirbst oder meine untote Sklavin wirst, nichts bereitet mir mehr Vergnügen, Menschentochter.”
Ihr boshaftes Lachen wurde von einem Pfiff unterbrochen, dann brannte die Luft und Kivani fiel. Doch Xantheia war zur Stelle und purzelte mit dem benommenen Mädchen über die Plattform. Statt einem aufgeplatzten Schädel, zog sie sich nur ein paar Prellungen zu.
char-khir hatte keine Gelegenheit den beiden nachzusetzen. Unter ihr hackte und stach eine wütende Kriegsmatrone nach ihren Gliedmaßen und aus dem Schutz der Dunkelheit prasselte ein unaufhörlicher Strom aus Pfeilen auf sie ein.
“Ich werde eure Knochen zu Flöten schnitzen und meine Brut wird zu euren Schreien darauf spielen!”, drohte die Dämonin und spie Skythria eine zähe Flüssigkeit entgegen. Die Heldin war gezwungen, ihren Ansturm zu unterbrechen und auszuweichen. Genug Zeit für ihre Widersacherin trotz der Pfeile Abstand zwischen sich und die Amazone zu bringen, indem sie den Schacht hoch kletterte.
“Es ist schlimmer als befürchtet. Nimm das Mädchen und lauft”, rief sie Xantheia zu.
Schon schossen Felsbrocken von oben herab, als char-khir wie verrückt auf den Sandstein einstach. Wie ein Meteor landete einer inmitten der stinkenden Lache und spritzte das Zeug in alle Richtungen. Die Zischlaute der Tropfen waren Warnung genug, damit nicht in Berührung zu kommen.
Natürlich wollte Xantheia kämpfen, aber nach Tagen in der Wildnis um das Dorf - ohne ein Wort zu reden - hatte sie verstanden, dass Askari nicht blindlings drauflosschlugen, sondern ihre Kämpfe mit Bedacht wählten. Sie hatte die Anspannung ihrer älteren Schwestern gefühlt, als die Dämonin in jener Nacht durch das Dorf schlich, aber dennoch hielten sie sich bedeckt, um ihren Vorteil nicht leichtfertig zu verspielen.
Skythrias Beinschienen leuchteten auf. Mit mächtigen Sprüngen von Wand zu Wand katapultierte sie sich hinauf und überraschte char-khir, die sich dort oben in Sicherheit gewähnt hatte. Magische Blitze schossen durch ihren Speer in die Dämonin und erleuchteten die Höhle.
“Sind das Eier?”, flüsterte Kivani, die ihre Stimme wiedergefunden hatte.
Xantheia zuckte mit den Schultern, tat aber endlich wie ihr geheißen wurde und half ihr auf.
Zu spät. Die beiden Kontrahentinnen stürzten in einander verhakt herab. Im Fallen packte Skythria ein Greifarm und schmetterte sie in den Fluss.
“Esh—vornak zul!”
Als char-khirs verdrehter Körper sich wieder erhob, fiel ihr Blick auf Kivani.
“Duuuu”, brüllte sie: “hast sie hierhergeführt!”
Geistesgegenwärtig riss Xantheia das Schild hoch, was aber nichts genützt hätte ohne die eisigen Pfeile im Rücken der Dämonin. Ihr Zauber verlangsamte alle Bewegungen des Ungeheuers und erlaubte den Beiden, unter ihrem Torso abzutauchen, ohne aufgespießt zu werden.
Die Dämonin richtete ihre Greifer auf den schmalen Durchgang, über den die Askari sich eingeschlichen hatten, und schoss ihnen eine Salve spitzer Knochen hinterher.
Ein unterdrückter Schrei verriet ihr einen Treffer gelandet zu haben.
“Lauft zum Kahn!”, ordnete die Heilerin an und versuchte einen neuen Pfeil aufzulegen, doch die Verletzung verhinderte es. Stattdessen feuerte sie magische Geschosse ab.
“Gib Acht Schwester!”
Xantheia hatte ihre Sinne auf jede Regung der Dämonin gerichtet und sprang mit ihrem Schild vor, sodass der neuerliche Säureschwall abprallte. Allerdings musste sie es danach fallen lassen, wenn sie ihren Arm behalten wollte.
“Skrel’ash ven–”, baute sich char-khir düster vor ihnen auf und fing sich einen Stein von Kivani ein.
Plopp-klack-klack, prallte er von ihrem übernatürlichen Körper ab.
“Du lernst es nicht!”, gurgelte die Dämonin zähnefletschend, aber das Mädchen sagte nichts und warf den nächsten Stein.
Plopp.
Grelles Licht schoss wie ein Wasserfall von der Decke. Für einen Moment glaubte Xantheia ein Wunder Athuluas zu bezeugen, nur um im nächsten Moment von Skythrias wütendem Kampfschrei durchgerüttelt zu werden. Auch char-khir verstand, wer die eigentliche Bedrohung war und lieferte sich ein Gefecht mit der Kriegsmatrone.
“Lauft, ich werde dieses Höhle von allem Bösen reinigen!”, war das Letzte, das Kivani von ihr hörte, ehe sie Xantheia mitschleifte.
“Versteh doch, wir sind den Beiden nur im Weg!”
Auf den letzten Metern torkelte die Char-Khiri, als hätte sie überreifes Obst gegessen. Das konnte eine Vielzahl an Gründen haben, am wahrscheinlichsten war aber, dass die Elixiere schließlich ihre Schattenseite zeigten. Der Zugang zum Reich der Dämonin lag im hinteren Bereich der Grotte, die der Wasserfall ebenso wie die geheime Schlucht geformt haben musste, ehe ein Erdbeben seinen Lauf um einige Meter versetzt hatte.
Zu Kivanis Erleichterung war die Zeremonie vorüber. Außer den dargebrachten Speisen und dem Palmenschmuck war nichts mehr von den Feierlichkeiten zu sehen. Zwar wollte sie ihrer Sippe gerne von den Erlebnissen berichten, aber aus dem Heiligtum zu platzen und ihr wichtigstes Fest zu stören, hätte nur Aufruhr verursacht, der ihnen wenig genützt hätte.
Nachdem sie ein paar Augenblicke Atem schöpften, wandte Kivani sich an die Askari: “Und nun?”
“Wir haben unseren Kahn in einem der Seitenarme versteckt. Wir machen alles bereit und wenn sie … falls sie kommen, legen wir ab.”
“So einfach stellt ihr euch das vor?”, ertönte Chavaris Stimme hinter einem der großen Gedenksteine vor der Grotte.
Die junge Askari hob ihren Speer. “Du wirst uns nicht aufhalten.”
“Ach, noch mehr Gewalt und Blutvergießen? Habt ihr dafür euer Wort gebrochen? Und du!”, deutete sie auf Kivani: “du bist genauso hitzköpfig wie deine Mutter. Wie viele müssen noch sterben, bis eure Gier nach Aufmerksamkeit gestillt ist?”
Alle drei warfen plötzlich die Hände über den Kopf, als über sie ein böser Schatten hinwegzog, begleitet von einem gespenstischen Heulen.
“Was habt ihr getan? Was habt ihr angerichtet?”, machte sich dieselbe Hilflosigkeit im Gesicht der Arimani breit, die sie schon bei ihrem Krankenbesuch an den Tag gelegt hatte und die so gar nicht zu ihrer Rolle passen wollte. Kivani musste es wissen.
“Großmutter…”
“Wo?” - Die bloße Erwähnung ließ ihre Tante sich nervös nach allen Seiten umschauen.
All die Lügen. Warum muss das Biest ausgerechnet darin die Wahrheit sagen?
Es dauerte nicht lange, bis Skythria und Thaleia zu ihnen aufschlossen. Beide hatten schon bessere Tage gesehen, aber immerhin waren sie am Leben. Beim Anblick der älteren Askari warf die Vorsteherin mit der Drohung um sich, den Eidbruch der Skovosi allen Völkern Torajas bekannt zu machen. Statt durch das grüne Labyrinth geleitet zu werden, würde man sie jagen.
“Kivani hat sich der Königin durch die Annahme des Medaillons verpflichtet. Sie hätte uns folgen müssen, sobald es ihre Gesundheit erlaubte. Durch diesen Ungehorsam sind wir unwissend in den Kampf gezogen worden - wofür eine passende Strafe auf Skovos festgelegt wird”, brachte Thaleia ihre dünne Verteidigung vor.
Natürlich wären die Amazonen bereit alle Vorkommnisse und Entdeckungen vor dem Dorfrat zu besprechen, sollte die Arimani darauf bestehen. Ein durchschaubarer Zug, der für den Rest ihrer Reise die Gefahr barg, mit einem Überfall rechnen zu müssen - selbst wenn er aufging.
“-hh-”, kündigte Keuchen das Erscheinen von Kivanis Großmutter an.
Ihre Enkelin starrte sie mit glasigen Augen an, schaute aber nicht weg, blinzelte nicht einmal.
“Seihh- weise, Arih-mani! Wozu noch mehh- Streit?”
Chavari rieb sich die Schläfe. “Ist es…”
Die Alte nickte und ihre Tochter verstand. Man einigte sich darauf, dass die Askari ohne Aufschub das Dorf verlassen mussten und von dieser Stunde an als Feinde Char-Khirs galten, aber jeder die Geschehnisse für sich behalten würde. Dann reisten die vier Schwestern ab.
Den ganzen Weg zurück ins Dorf schwieg Chavari. Die Fähigkeiten der Amazonen hatten sich als problematisch erwiesen. Erst am Abend traute sie sich, ihre Mutter am Weg zu ihrer Hütte abzufangen: “Sie lebt also noch?”
Die Alte nickte und wollte weitergehen, doch ihre Tochter packte sie am Handgelenk.
Grauen hatte sie erfasst. Grauen darüber, was ihnen nun bevorstand.
“Was wird uns… Was wird sie? Sprich!”, dabei presste sie ihre hageren Finger in die weiche, runzlige Haut, dass sich schon jetzt blaue Flecken abzeichneten.
“Mutter braucht mich jetzt. Sie ist… angreifbar. Wir sind angreifbar. Wir brauchen Krieger, wie die umliegenden Dörfer.”
“Ist das dein Ernst? Du weißt, was in Völkern passiert, die den Männern Waffen in die Hand geben? Es wird nicht lange dauern bis…”
Die Matrone legte ihr einen Finger in ihre Tucum-Ringe und zupfte daran.
“Du weißt, was mit uns passiert, wenn der Hunger der char-khiri überhand nimmt. Das ist alles, worum du dich sorgen musst.” Und damit war das Gespräch beendet.
War es weise nachts die Wasser Torajas zu bereisen? Für gewöhnlich nicht, aber auf die Sinne der Amazonen war verlass und Kivani war froh über jeden Meter, den sie zwischen sich und ihr altes Leben brachte.
Xantheia bemerkte, dass die Char-Khiri in Grübeleien versank.
“Kivanístria, willst du wissen, wie wir es trotz der Feierlichkeiten ungesehen in die Grotte geschafft haben?”
Ihre Augen leuchteten auf und die goldgelockte Schönheit begann eine Geschichte über die Errungenschaften der Askari zu spinnen, die Jahrhunderte vor ihrer Zeit begann - was Kivani nur recht sein konnte.
Fast beiläufig griff sie sich ans Ohr und nahm die schwarzen Ringe heraus. Einen Moment lang wurde ihr schwer ums Herz, dann plumpsten sie ins Wasser.
Nie wieder weiße Kleider, schwor sie sich und lauschte ihrer neuen Schwester.
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| Kapitel: | 10 | |
| Sätze: | 897 | |
| Wörter: | 13.842 | |
| Zeichen: | 83.159 |