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| Kapitel: | 5 | |
| Sätze: | 260 | |
| Wörter: | 4.415 | |
| Zeichen: | 26.617 |
“Die werden nicht weißer, selbst wenn ich einen Mahi-mahi hochklettere und die Kleider dort in die Sonne halte.”
Der Rhythmus ihrer Tante blieb gleich. Sie schaute nicht einmal von ihrer Arbeit auf, aber Kivani konnte ebenso stur sein.
“Warum sollten ausgerechnet Geister, die in Erdlöchern hausen, auf strahlend weiße Kleider bestehen?”
Die Vorsteherin ließ sie abblitzen. “Nimm deinen Korb Kivani, leg die Stoffe wieder ein und hilf dann deiner Großmutter mit den Tucum-Ringen. Wir haben noch einige Tage Zeit bis zum Fest.”
Manche der Frauen grinsten sie mit gespielter Freundlichkeit an, dabei wusste Kivani, dass sie sie damit verspotteten und ihrer Tante eigentlich beipflichteten.
“Das ist alles reine Zeitverschwendung! Die Maniokernte könnten wir selber gut gebrauchen, statt sie in den Wald zu schütten, damit sich die Tiere darüber hermachen.”
Chavari hob die Holzreibe an und legte die übrige Knolle in den Bottich zwischen ihren Füßen. Durch die tägliche Arbeit vertraut miteinander, ahnten ihre Helferinnen was sie wollte und stimmten einen monotonen Sprechgesang an, der die Hilfe der Geister pries. Sorgsam stellte sie ihr Werkzeug zur Seite und erhob sich. Kivani verstand ebenso. Ungefragt neigte sie den Kopf zur Seite. Wie bei allen Mitgliedern ihres Dorfes teilten zwei saubere Linien ihre Haarpracht, schnitten ein großes Dreieck hinein, um das Ohr freizulegen. Seit ihrer frühesten Kinderheit waren darin Öffnungen mit immer größeren Tucum-Scheiben gedehnt worden. Vor wenigen Jahren war sie endlich groß genug gewesen, um die Finger durchstecken zu können, womit Kivani nicht länger als Kind, sondern als Tochter der char-khiri galt.
Ohne sich den Maniokbrei von den Fingern zu wischen, fädelte ihr Chavari die Finger durch die Öffnungen. “Sowie die cha-khiri von uns genährt werden, wurdest du als Kind deines Stammes genährt. Und wie uns die Geister als Dank schützen, stehst du unter unserem Schutz.”
“Ja, Arimani.”
Keiner wusste mehr, was der Ausdruck genau bedeutete, aber das änderte nichts daran, dass ihre Tante die Arimani war und das Kivani sich ihr fügen musste, wenn sie im Dorf leben wollte..
“Deine harschen Worte beleidigen unsere Gastgeber, vergiften unsere Gaben für sie.”
“Aber ich wollte nur,...”
Ein leichter Ruck mit den Fingern brachte Kivani zum Schweigen.
“Diese Scheiben sollen dich allezeit erinnern, dass unsichtbare Mächte unsere Mitte formen und uns begleiten, wenn wir in dieses Leben eintreten und zu den Ahnen zurückkehren. Ich hoffe der Gesang deiner Schwestern besänftigt die cha-khiri, ihr Zorn ist… Denk nur daran, was deiner Mutter, ...”
Chavari brach ihre Erklärung ab, sodass die Folgen offen blieben. Doch die junge Frau verstand.
“Es tut mir Leid, Arimani.”
Ihre Tante schloss die Augen und atmete schwer. Dann bogen sich die strammgezogenen Falten wieder zur Erde, als sie die Finger aus den Ohrscheiben nahm und Kivani sanft zu ihrem Korb schob.
“Geh nun, wasch die Kleider und hilf deiner Großmutter.”
Die Tränen waren unvermeidlich, umso mehr da nun manche Frauen des Rates sich an ihrer Zurechtweisung ergötzten und unverhohlen angrinsten. So gut es der schwere Bastkorb zuließ, stürmte sie davon.
Anders als die gerodeten Felder mit ihren verstreuten Bauminseln, jede unter der Schutzherrschaft eines Baumriesen, verlief der Übergang des Dorfes flussaufwärts in das verwucherte Dickicht keineswegs sanft. Die Ranken und Zweige zupften an Kivanis Haar, griffen nach ihren Armen und Beinen, während sie den schmalen Pfade entlang stolperte.
Der Bastkorb zierte mittlerweile die Plattform ihres Gedenksteins, nachdem er ihr auf dem Holzsteg über einen Seitenarm des Chakhiruni das Gleichgewicht geraubt und mit sich in den Dreck gerissen hatte.
“Das auch noch! Verflucht! Schau nicht so dämlich”, herrschte sie das Reliefgesicht des Steins an, das ihr Dorf als Dank den cha-khiri errichtet hatten.
Wasserfälle brachen aus ihrem Inneren über ihre Wangen in die Tiefe. Egal wohin sie sich drehte, die Fratze ihrer Tante schien sie von jeder scheußlichen Hütte anzustarren. Obwohl sie alleine war, fehlte ihr der Platz zum Atmen.
Sollen eure Gebote die Teufel holen, erklärte sie ihrem Zuhause den Krieg und verschwand im nördlichen Dschungel, wohlwissend, dass der Weg ins Refugium der Geister nur zu den Festtagen unter dem Gebet der Arimani betreten werden durfte.
Die engen Bambuswälder am Rand wurden bald von einer Unzahl parasitärer Gewächse erwürgt, die selbst unter der Last deformierter Bäume litten. Die heilige Wohnstätte der char-khiri war krank und abstoßend, anders als die Wildnis, die sie zu allen Seiten umgab. Bei aller Unbarmherzigkeit war dem Dschungel ein Reichtum zu eigen, der diesem Wald völlig fehlte. Der einzige aufrecht stehende Baum schien der Jabillo zu sein, mit seiner garstigen Dornenrinde, dem Gift, den platzenden Früchten. Selbst das Atmen brannte in der Lunge, da Sporen die Luft verseuchten.
Was habt ihr euch dabei gedacht, Geister zu verehren, die sich in diesem Alptraum wohlfühlen?, klagte sie ihre Vorfahrinnen an. Vermutlich nur, dass ihr für eure Hirngespinster keinen fruchtbaren Flecken Erde verschwenden wolltet. Die Char-Khiri grunzte zufrieden mit sich.
Ob es daran lag, dass Kivani bei den zeremoniellen Feiern immer erst im hinteren Teil des Gefolges den Pfad beschritt, wo die Schneise bereits aufgedehnt worden war? Jedenfalls zerrte das klebrige Blattwerk mit zunehmender Boshaftigkeit an ihr, rupfte an den Zöpfen, in die Muscheln und bunte Palmensamen sorgsam von ihrer Großmutter eingeflochten waren.
“Bescheuertes Höllenkraut!”
Es war mehr als ein verwachsener Weg, nicht bloß das ungebändigte Königreich der Pflanzen, das sie hinderte. Die verdorbenen Ranken witterten den Eindringling, grapschten mit ihren hölzernen Tentakeln nach dem Mädchen. Kivani kämpfte sich geschickt wie ein Aguti durch das Gestrüpp, trotzdem zogen die Dornen eine blutige Furche in den saftigen Acker ihrer Oberschenkel. In all den Stunden, die sie seit ihrer Kindheit mit den Erwachsenen auf der Jagd oder beim Sammeln von Zutaten in dem Dschungelparadies verbracht hatte, war ihr so etwas noch nie passiert. Als führte das Gehölz ein merkwürdiges Eigenleben.
Langsam dämmerte ihr etwas: Hilferufe waren dazu verdammt im Rauschen der unzähligen Flüsse ihrer Heimat, und dem endlosen Gesang der Insekten, unterzugehen. Und niemand würde ausgerechnet im Hain der char-khiri nach ihr suchen. Keiner spazierte hier durch oder kam zufällig vorbei. Zumindest nicht bevor die Prozession abgehalten wurde.
“Das Glück des Jägers”, nuschelte sie. So nannten es die Einwohner Char-Khirs, wenn ihnen ein Wildtier unterkam, das sich selbst im Unterholz derart verstrickt hatte, das es nur mehr geschlachtet werden musste.
Leichte Beute, das bist du.
Je mehr sie gegen die heimtückischen Ranken kämpfte, desto misslicher wurde ihre Lage.
War das die Rache der char-khiri? War das ihr Werk? Kivanis Gedanken rasten.
Dumme Göre! Was lässt du dir Angst einjagen?
Beinahe auf die Ammenmärchen der engstirnigen Tratschweiber hereingefallen zu sein, spornte sie an, den Mut nicht zu verlieren.
Plötzlich schnitt ein lauter Pfiff durch die schwüle Dschungelluft.
Wieso hast du nicht früher daran gedacht?
Auf das kleine Steinmesser zum Knacken der Palmnüsse hätte sie fast vergessen. Entschlossen zückte sie die scharfe Klinge und metzelte sich unbarmherzig durch das Pflanzenheer, bis sie sich mit einem Ruck losreißen konnte.
“Hah”, stieß Kivani triumphal aus und hechtete nach vorne. Vor ihrem Auge zogen stramm hochstehenden Blütenstäbe vorbei, die sie im Dorf grinsend Ständerstaude nannten. Ein unnützer Gedanke und dennoch war es ihr letzter, als sie kopfüber in ein Erdloch stürzte, das unter den breiten Blättern der Pflanze verborgen lag.
“Hör auf Nanori, das kitzelt. Komm, lass das du Nichtsnutz, zweimal am selben Tag wird wohl auch dir reichen.”
Träge schlug Kivani nach der Hand ihres Verehrers, als sie zu sich kam. Statt den sanften Fingern ihrer Flamme einen Klaps zu verpassen, stieß sie auf unzählige Beine. Mit einem Schrei fuhr die Char-Khiri hoch, die Pupillen geweitet, bis die bernsteinfarbene Iris nur mehr wie der Feuerkranz einer Sonnenfinsternis strahlte. Instinktiv fasste sie nach dem Messer, während sie von dem sich windenden Etwas aus Beinen und Chitinplatten weg strampelte, doch die steinerne Klinge steckte seit ihrem Absturz im Schlamm. Keine Zeit danach zu suchen. Schon schmiegten sich klebrige Tücher vom Rücken bis zum Scheitel an sie, hüpften mit jeder Bewegung und informierten ihre Weberin über die Ankunft frischer Beute.
Am liebsten wäre Kivani in beide Richtungen gleichzeitig geflüchtet. Die Impulse löschten sich gegenseitig aus, wichen jener Wildheit, die sich alle Angehörigen ihres Dorfes zu eigen machten, um in einem Paradies zu überleben, indem hinter jedem Baum eine andere tödliche Gefahr lauerte.
Ihre Hände flogen über den Boden. Ohne zu wissen woher, fand ein großer Knochensplitter den Weg in ihre Finger.
“Kaijajaii!” kreischte die Char-Khiri und ging auf den zischenden Tornado los. Mit einem lauten Knacken spießte sie den Chilopoden an die erdige Wand. Obwohl sich alles blitzschnell abspielte, schaffte es Kivani an eine Lektion ihrer Großmutter zu denken: “Der Gefahr ins Auge zu blicken ist der sicherste Weg ihre Zähne zu zählen.”
Für uneingeweihte Ohren mochte das nach einer Aufforderung klingen, sich der Angst zu stellen, doch das Mädchen wusste es besser. Sie hetzte voran und betete inständig, nicht das nächste Unglück aufzustören. Eine flinke Hechtrolle erlaubte ihr einen Blick nach hinten ohne Tempo einzubüßen, aber die unbeirrbaren Lichtstrahlen, die es von den Baumwipfeln hinab an den Blättern der Staude vorbei bis ins Loch schafften, reichten schwerlich, um die Finsternis zu vertreiben. Zu Kivanis Glück oder Unglück war ihre achtbeinige Verfolgerin so monströs, dass nicht einmal die dämmrige Dunkelheit ihre Ausmaße verbergen konnte. Sie wagte keinen weitern Blick nach hinten, sondern rannte um ihr Leben.
Brüllen, Fauchen, Zischen - Kivani wusste wie sie auf die Drohungen der Tierwelt reagieren musste. Für den stummen Tod in ihrem Nacken, dessen Schritte wie Regentropfen klangen, dessen Umarmung weich wie Seide war, hatte sie keine passende Antwort parat.
Der feuchte Film auf ihrer Haut, der ihr wie ihr Schatten vom ersten Tag an im Dschungel gefolgt war, verwandelte sich in Ströme riechenden Schweißes. Tropfen für Tropfen sprenkelte sie damit das Erdreich wie die Arimani den Altar. Das erdige Wurzelwerk, das von der Decke durch den Gang bis in den Boden reichte, malte auf ihre Haut Muster, die Schrecken und Schönheit der Natur einfingen und das Mädchen als heiliges Opfer an die Seele Sanktuarios bereit machten - jenem wunderbar verworrenem Ding, indem die Liebe zwischen der Dämonin Lilith und dem Engel Inarius auf ewig in Vergänglichkeit zerfloss.
Arschlecken!, fluchte sie, als ein Felsbrocken den Weg versperrte und sie zwang darüber zu klettern. Ihr Vorsprung war dahin. Schon fasste eines der Spinnenbeine nach ihr.
“Ffh-”, sog sie die Luft scharf ein, denn die Krallen rissen ihr mühelos die Haut auf. In all den Jahren hatte sie noch nie von menschengroßen Spinnen gehört, die ihre Beute jagten wie Jaguare. Ungläubig schüttelte Kivani den Kopf. Alles hier schien unwirklich, als träumte sie.
Lügt dein Bein etwa?
Das warme Blut sprach eine unmissverständliche Sprache. Hatte sie tatsächlich den Eingang zur Unterkunft eines char-khir gefunden - und seine Bewacherin?
Geschickt sprang sie zwischen zwei Wurzelsträngen hindurch. Die Adern der Bäume erschwerten dem Biest die Verfolgung, aber Kivani verstand, dass einmal Stolpern reichte und sie würde mit Gift vollgepumpt erstarren, um lebendig zersetzt und wie eine Kokosnuss ausgesaut zu werden.
Ihr Körper bewegte sich wie von Zauberhand, spürte die Hindernisse, bevor ihre Augen die Schemen erfassen konnten, als würde sie sich zum Spiel der Flöten, zu den Trommeln des Bore-oke-Festes bewegen. Kivani tanzte um ihr Leben. Ihre Hände betasteten die feuchten Erdwände, ohne sich von den Wurzeln fangen zu lassen, ihre Zehen vergruben sich in die weiche Erde oder balancierten auf Knochenresten.
Wieso hat die Arimani… wieso hat der Rat der Schwestern nie ein Lied angestimmt über die grauslichen Wächter der char-khir, die gleich außerhalb des Dorfes leben?
Ihre Instinkte hatten die Kontrolle übernommen und schickten ihren Geist auf Wanderschaft.
War das der Grund, weshalb niemand den Wald betreten durfte?
Teko-Teno… Teko-Tenaga? Teko-Teko… Wie hieß der verschwundene Reisende? Hat er die Warnung ebenso in den Wind geschlagen wie du? Und war er…
Die Char-Khiri warf sie sich nach hinten und grub die Finger in die Erde. Aus dem Nichts war der Boden derart abschüssig geworden, dass ihre Reflexe es für ein Loch gehalten hatten.
“Spf–-Spf-Spf–Spf…”, machten die Krallen in der weichen Erde. Die Arachnide schenkte ihr keine Zeit zum Nachdenken.
Also ließ sie los.
Ihre Füße strampelten durch die Luft auf der Suche nach dem verschwundenen Boden. Statt sich alle Knochen gebrochen zu haben, baumelte sie in Spinnenseide gewickelt über dem Abgrund, der am Ende des Schachts auf sie gewartet hatte.
Als sie die fremden Schwingungen des Netzes spürte, erfasste sie eine Gänsehaut, die ihren Ursprung in den Tiefen ihrer Seele zu haben schien. Mit jedem neuen Zupfer glaubte die Char-Khiri, es würde sie vor Aufregung zerreißen. Nie hatte sie etwas Widerlicheres gefühlt als die Nähe der Arachniden.
Ohne ihr Zutun, formten sich in ihrer Kehle Urlaute, die sie in letzter Verzweiflung der Riesenspinne entgegenschmetterte. Die Höhle peitschte sie zu einem Orkan auf, doch Kivani war sich nicht einmal sicher, ob die Biester hören konnten. Zuletzt hörte sie auf zu zappeln und spannte alle Muskeln, um sich auf den Todeskuss des Scheusals vorzubereiten. Aber nichts geschah.
Bevor das Mädchen sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen musste, ob es an ihrem Schrei lag, spürte sie dieselbe Veränderung, die auch die Arachnide aufgehalten hatte. Aus den dunkelsten Ritzen der Felswand kroch eine unnatürliche Kälte, die den Schweiß auf ihrer Haut in dampfende Schwaden verwandelte. Wieder hüpften die Fäden des Netzes. Diesmal entfernte sich die mordgierige Jägerin von ihrer Beute.
“Kraeth-ak vel? Zhur vel-esh... krivak-lun?”
Im ersten Augenblick war sich Kivani nicht sicher, was sie hörte. Es klang wie der Atem eines sterbenden Tieres, wie das Gurgeln, wenn sie am eigenen Blut erstickten. Aber dazwischen war eine Art Knurren, das den verstörenden Lauten eine Melodie gab.
“Ohoh-zhur… ekra-za venul thrak. Bestra ul-nem zhagul; maneth-ra krezh vel-ial.”
Wenn das die Sprache der char-khiri sein soll–
Kivani wollte weinen, wollte um Gnade winseln, aber sie war zur Salzsäule erstarrt. Selbst als schleimige Ranken sich langsam um ihre blutende Wade wickelten, schaffte sie es nicht mal zu zwinkern. Die Greifarme zogen sich plötzlich mit einer Kraft zusammen, dass die Char-Khiri für einen Moment glaubte, ihr Bein für immer verloren zu haben. Dann aber ließ das Ding los.
“Mhmm… velkor-ial… agh! Narak-za! Thruul-ek krezh-ta, sippra-za! Pacth-ul… ekra-za vel-thin… jaa, jaa-zhur.”
Was zunächst wie wütendes Röcheln klang, wurde zu einem Glucksen. Die unerträgliche Aura zog sich zurück, doch der immense Schmerz in ihrem Bein blieb. Kivani wollte gerade Atem schöpfen, als die scheußliche Stimme anhob.
“Velkor! Krezh velkor! Belial-za shrath vel-esh. Grauma-za threnul gar.”
Kaum waren die Worte verhallt, ging das Spinnennetz in Flammen auf. Mehr als Felsen, Glitzern und viel zu viel Platz nach unten konnte sie nicht erkennen - schon rauschte sie hinab.
“Vel… maneth ul-vekra, nar”, flüsterte der Dämon sich selbst zu und lachte.
Holz zersplitterte unter ihrem Gewicht und rächte sich an ihren Rippen. Dennoch rettete es zunächst ihr Leben. Aber die Wucht des Sturzes konnte die Kiste nicht vollends abfangen. Zerfetztes Rindenpapier und einzelne Pergamente flogen durch die Gegend, während Kivani über die kleine Plattform geschleudert wurde.
Bitter. Der Geschmack blieb in der Kakophonie aus Schmerzen der einzige Eindruck, der hervorstach.
In ihrem Mund sammelte sich schnell Blut. Der Kopf dröhnte wie verrückt. Die linke Hand war unter ihrem Rücken. Verdreht, unbrauchbar.
Sterbe ich hier?
Kivanis Lebensgeister wollten davon noch nichts wissen.
Die Dunkelheit gab nicht preis, was über ihr war, aber neben sich spürte die rechte Hand aufgerolltes Leder. So unnütz es in ihrer Situation schien, warf es weitere Fragen auf.
Sind die char-khiri unter die Schreiber gegangen? Im ganzen Dorf gab es nur eine Handvoll Leute, die in Frage kamen und–
Erneut fanden die Überlegungen des Mädchens ein jähes Ende. Auf dem harten Sandstein klackten die feinen Krallen ihrer Verfolgerin, als sie sich anpirschte. Natürlich konnte ein Schacht das Biest nicht aufhalten und nachdem der char-khir verschwunden war, ging die Jagd von vorne los.
Wie dumm von dir, tadelte sie sich.
Fußbreit für Fußbreit tastete Kivani mit dem guten Bein über den Boden auf der Suche nach etwas Brauchbaren. Als ihre Zehen in einen nassen Strom tauchten, erstarrte sie einen Augenblick vor Schreck.
Ist ertrinken besser als ausgesaugt zu werden?
Während ihr Geist noch mit sich stritt, packte ihre Hand die Lederrolle und mit aller verbliebenen Kraft wälzte sie ihren verletzten Körper über die Kante.
Keine Sekunde zu früh. Zwar zog der schwarze Strom sie augenblicklich fort, aber die Riesenspinne schoss die Beine wie Speere hinter her und verhakte sich in ihrem Fleisch. Trotz ihrer unnatürlichen Stärke musste die Arachnide sich der Gewalt der Wassermassen fügen. Widerwillig überließ sie Kivani dem unterirdischen Fluss.
“Halte auf die Bucht dort zu.”
“Skythria, wir werden auf der Sandbank auflaufen!”
“Tu was dir befohlen wurde, Kind!”
Die junge Askari warf einen Blick zu ihrer anderen Begleiterin, der darum bettelte, sie möge ihrer unerbittlichen Anführerin Vernunft einflößen. Doch die schüttelte den Kopf.
“Vertrau ihrer Erfahrung, Schwester.”
Ein langgezogener Seufzer brachte Xantheia einen Peitschenschlag gegen ihr Ohr ein.
Unglaublich, als wären ihre Finger aus Stahl. Wie macht sie das?
Sie biss sich auf die Zunge, um nicht unnötig eine gröbere Abreibung auszufassen und steuerte den Kahn aus der Flussmitte in Richtung Abzweigung. Am Ufer stolzierte eine Herde Tapire über einen breiten Sandstreifen, hinter dem sich das üppige Grün des Urwalds auftürmte. Die Ankunft der drei Askari beeindruckte die Tiere wenig.
“Wahrhaftig unberührte Gefilde, wenn das Wild bei unserem Anblick nicht die Flucht ergreift”, stellte Thaleia erfreut fest. Obwohl sie wie alle Amazonen in den Kampfkünsten geübt war, hatte ihr Naturell sie schon bald auf einen sanfteren Pfad geführt als die meisten ihrer Schwestern.
“Das muss an unserem Goldlöckchen liegen. Der Anblick ihres lieblichen Antlitzes verzaubert selbst die Tiere”, gab Skythria von sich, ohne eine Miene zu verziehen.
Wenn ich es mir recht überlege,... Warte, habe ich sie…überhaupt schon mal Lachen gesehen?, überlegte Xantheia, auf deren Kosten der Scherz - falls es denn einer gewesen war - aufgrund ihrer auffälligen Haarpracht ging. Dabei war sie standesgemäß in einem straffen Pferdeschwanz zurückgespannt.
Ihre Überlegungen wurden jäh von einem kräftigen Ruck zurück in das glorifizierte Boot geholt.
“Sehnenbruch und …”, fluchte die blonde Schönheit. “Ich hab es doch gewusst. Und nun soll ich wohl raushüpfen und den Kahn aus dem Sand ziehen ...”
“Schweig!”
Zu ihrer Überraschung war der Befehl nicht von ihrer strengen Anführerin gekommen. Die Heilerin deutete auf ihre Augen und vollzog einen Kreis: ein klarer Hinweis die Umgebung zu beobachten. Also suchte Xantheia das Ufer ab, um zu entdecken, was die übernatürlich erweiterten Sinne ihrer Gefährtinnen längst bemerkt hatten.
Wie sie es hasste, immer die Letzte zu sein. Aber das würde sich mit viel Übung ändern - einer der Gründe, weshalb die Königin das Expeditionsschiff dieses Mal zu den Dschungeln des Festlandes entsandt hatte.
Die Askari konnte weder unter, noch über dem Gezirpe, Gesumme und Gekreische der Urwaldbewohner etwas von den Hilferufen hören, die Skythria bewogen hatten, von ihrem Kurs in einen der Nebenarme des Flusses abzuweichen. Und abgesehen von ein paar Affen, die in den Bäumen ringsum ihr Unwesen trieben, fiel ihr nichts auf.
Zuerst musste sie ihre Atmung unter Kontrolle bringen. Der gehämmerte Kürass, den sie bei ihrer Abreise noch freudig gegen ihren alten ledernen eingetauscht hatte, bestrafte jeden falschen Atemzug.
Erweise dich deiner Ausbildung würdig!
Ihre Schultern hörten auf zu hüpfen, als ihre Lungen sich tief in die Eingeweide entfalteten. Xantheia spürte die Energie, die sie selbst und alles Lebendige beheimatete. Nicht länger war sie dem Diktat ihrer Sinne unterworfen. Die meisten Farben verloren an Kraft und der ständige Lärm des Urwalds drang nur mehr gedämpft an ihr Ohr. Nur was unmittelbar mit Änderungen dieser Urkraft zu tun hatte, drang noch durch.
Blut. Kalt, aber nicht alt. Verwirbelt im Sand.
Ihr goldener Zopf legte sich in den Nacken, als sie der Spur folgte. Ihre Lippen kräuselten sich zufrieden. Im Dickicht vor ihr kauerte eine schwer verwundete Person.
Vertrau deiner Abstammung! Du bist eine Askari, seit Jahrhunderten gezüchtet für den Tag, an dem die Hölle über Sanktuario hereinbricht!, sprach sie sich selbst Mut zu.
“Hah, ich habe jemanden gefunden! Von ihr geht keine Gefahr mehr aus!”, verkündete Xantheia selbstbewusst und sprang aus dem Boot, um ihr Können unter Beweis zu stellen.
In der Sekunde, als ihre Sandalen den Boden berührten, verfinsterte sich die Sonne. Eine Welle aus Sand brach über sie herein, dicht gefolgt von einem schlammgrünen, mit Zähnen gespickten Berg. Die junge Kriegerin rollte instinktiv zur Seite - ein Manöver, das sie in der Palästra ohne Unterlass geübt hatten. Es brauchte mehr Knüppelschläge als man vermuten würde, um den Reflex für immer in die blutjungen Anwärterinnen einzugravieren, aber in diesem Augenblick war Xantheia dankbar für diese harte Schule.
Es war leichtsinnig gewesen ohne Bewaffnung von Bord zu springen, denn nun konnte sie nicht zur Gegenattacke übergehen. Zu ihrer Erleichterung brauste Skythrias Kampfschrei über das Ufer als sie ihren Speer mit einem gezielten Stoß durch den Schädel des Krokodils rammte. Der aufkeimende Ärger über ihre eigenen Dummheit blockierte den Fluss der archaischen Energien in ihr, machte sie anfällig für die Vielzahl an Eindrücken des Kampfes, die auf sie einprasselten. Unter der Gewalt dieses Ansturms geriet sie ins Wanken. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt um Schwäche zu zeigen, denn im trüben Wasser des Flusses schossen mehrere Zackenkämme auf sie zu.
Eine Fontäne aus Wasser ging den urzeitlichen Räubern voraus. Erneut setzten Xantheias Muskeln zum Ausweichmanöver an, fanden aber in den weichen Knien keinen Halt, sodass sie stürzte und zu ihrer Schande wie ein Muttersöhnchen die Hände zur Abwehr vors Gesicht hob.
Plonggh - dröhnte das große Bronzeschild ihrer Anführerin. Dem folgte das zischende Geräusch ihres Wurfspeers, ehe er sich in die weiche Unterseite des sich überschlagenden Kolosses bohrte. Dann wirbelte Skythria schneller herum, als die meisten Menschen überhaupt mit bloßem Auge wahrnehmen konnten, um sich zwischen den zweiten Angreifer und ihren Schützling zu werfen. Allerdings war sie zu langsam.
Mehrere weiße Pfeile durchbohrten den harten Panzer des Reptils, noch ehe es aus dem Wasser schießen konnte.
“Athulua leitet meine Hand”, dankte Thaleia der obersten Göttin für die magischen Pfeile. Es war keine Zeit geblieben, sie aus dem Köcher zu ziehen.
Noch immer brodelte es unter der Wasseroberfläche, als weitere Biester sich näherten.
Ihr kommt mir gerade recht, schwor sich Xantheia ihre verlorene Ehre wiederherzustellen, sprang auf und griff sich ihre Waffe aus dem Kahn, um sich dem Kampf anzuschließen.
Nur kam es nie dazu. Skythria hatte genug von dem Spuk. Die Kriegerin griff sich ihren Speer und sprang den klaffenden Mäulern mit Todesverachtung entgegen. Für einen Moment setzte der Herzschlag ihrer jungen Begleiterin aus, als sie in einer Vorahnung sah, wie die Kämpferin in blutige Stücke zerrissen wurde. Stattdessen wurde sie Zeugin jener furchterregenden Kräfte, die nur die Heldinnen ihres Volkes entfesseln konnten.
Die Spitze des Speeres bohrte sich in das schreckliche Maul des Viehs und gleißendes Licht erfüllte die Amazone. Mit göttlicher Wut fuhren unzählige Blitze aus ihr und rafften mit einem Schlag alle Feinde dahin, noch ehe Skythrias Zehenspitzen das Wasser berührten. Alles daran war so atemberaubend schön, dass Xantheia ehrfürchtig vor ihr auf ein Knie fiel. Aber ihre stoische Retterin zeigte keinerlei Reaktion auf die Geste.
“Solche Mordlust ist unnatürlich”, bemerkte Thaleia angewidert: “Was hat es damit auf sich?”
Skythria pflichtete ihr wohl bei, indem sie nichts sagte und nur in Richtung des Dickichts nickte. Die Heilerin sprang behende über die Bootswand und begleitete ihre Anführerin.
Als auch Xantheia ihrem Beispiel folgen wollte, erhielt sie Befehl das Boot zu bewachen. Ein Zeichen der Ächtung ihres Versagens.
Da alle Feinde tot den Fluss hinuntertrieben, versuchte die Askari gleich an ihrer Läuterung zu arbeiten, wofür es nur einen Weg gab: Übung und Schinderei. Außerdem war sie froh, die Scham fürs Erste zu vertreiben, also probierte sie sich erneut darin, ihre Sinne zu schulen.
Obwohl Thaleia gut einen Speerwurf entfernt war - wenn man als Maßstab gewöhnliche Soldaten heranzog und keine Askari - hörte Xantheia ihre angenehme Stimme, als stünde sie neben ihr.
“Armes Ding! Lycander wache über sie!”
“Wird sie leben?”, kam kratzig zurück.
Die Antwort ließ auf sich warten.
“Wenn das Mädchen leben will”, blieb die Heilerin vage: “Aber nicht ohne Athuluas Hilfe!”
“Wie viele Tage?”, kam Skythria ohne Umschweife zum Punkt.
“Wofür? Bis du deine Informationen hast oder bis sie geheilt ist?”
“Wir haben die Pflicht…”
“Ordnung und Harmonie in diese Welt zu bringen.”
“Und wie wird das gehen, wenn unsere eigenen Leute sich zerreißen? Wenn sie zweifeln an ihrer Kraft und Bestimmung?”
Thaleia wollte die leidige Diskussion nicht schon wieder führen, nicht wenn das Mädchen zu ihren Füßen mit jeder Sekunde schwächer wurde. “Wie lange also?”
Diesmal war es die Kriegerin, die zögerte, und schließlich mit ungewohnt leiser Stimme fragte, ob sechs Tage reichen würden.
“Sie werden es müssen.”
Xantheia löste sich aus dem Zustand. Wieso für diese Fremde, deren Leben am seidenen Faden hing, ihre Mission gefährden? Skythria musste sich etwas von der Unbekannten erhoffen, aber was? Lange konnte die Askari nicht darüber grübeln, denn Thaleia brauchte ihre Hilfe.