Storys > Kurzgeschichten > Abenteuer > Kivanis Opfergabe

Kivanis Opfergabe

1
10.04.26 12:05
12 Ab 12 Jahren
Workaholic

“Die werden nicht weißer, selbst wenn ich einen Mahi-mahi hochklettere und die Kleider dort in die Sonne halte.”
Der Rhythmus ihrer Tante blieb gleich. Sie schaute nicht einmal von ihrer Arbeit auf, aber Kivani konnte ebenso stur sein.
  “Warum sollten ausgerechnet Geister, die in Erdlöchern hausen, auf strahlend weiße Kleider bestehen?”
  Die Vorsteherin ließ sie abblitzen. “Nimm deinen Korb Kivani, leg die Stoffe wieder ein und hilf dann deiner Großmutter mit den Tucum-Ringen. Wir haben noch einige Tage Zeit bis zum Fest.”
  Manche der Frauen grinsten sie mit gespielter Freundlichkeit an, dabei wusste Kivani, dass sie sie damit verspotteten und ihrer Tante eigentlich beipflichteten.
  “Das ist alles reine Zeitverschwendung! Die Maniokernte könnten wir selber gut gebrauchen, statt sie in den Wald zu schütten, damit sich die Tiere darüber hermachen.”
  Chavari hob die Holzreibe an und legte die übrige Knolle in den Bottich zwischen ihren Füßen. Durch die tägliche Arbeit vertraut miteinander, ahnten ihre Helferinnen was sie wollte und stimmten einen monotonen Sprechgesang an, der die Hilfe der Geister pries. Sorgsam stellte sie ihr Werkzeug zur Seite und erhob sich. Kivani verstand ebenso. Ungefragt neigte sie den Kopf zur Seite. Wie bei allen Mitgliedern ihres Dorfes teilten zwei saubere Linien ihre Haarpracht, schnitten ein großes Dreieck hinein, um das Ohr freizulegen. Seit ihrer frühesten Kinderheit waren darin Öffnungen mit immer größeren Tucum-Scheiben gedehnt worden. Vor wenigen Jahren war sie endlich groß genug gewesen, um die Finger durchstecken zu können, womit Kivani nicht länger als Kind, sondern als Tochter der char-khiri galt.
  Ohne sich den Maniokbrei von den Fingern zu wischen, fädelte ihr Chavari die Finger durch die Öffnungen. “Sowie die cha-khiri von uns genährt werden, wurdest du als Kind deines Stammes genährt. Und wie uns die Geister als Dank schützen, stehst du unter unserem Schutz.”
  “Ja, Arimani.”
  Keiner wusste mehr, was der Ausdruck genau bedeutete, aber das änderte nichts daran, dass ihre Tante die Arimani war und das Kivani sich ihr fügen musste, wenn sie im Dorf leben wollte..
  “Deine harschen Worte beleidigen unsere Gastgeber, vergiften unsere Gaben für sie.”
  “Aber ich wollte nur,...”
  Ein leichter Ruck mit den Fingern brachte Kivani zum Schweigen.
  “Diese Scheiben sollen dich allezeit erinnern, dass unsichtbare Mächte unsere Mitte formen und uns begleiten, wenn wir in dieses Leben eintreten und zu den Ahnen zurückkehren. Ich hoffe der Gesang deiner Schwestern besänftigt die cha-khiri, ihr Zorn ist…  Denk nur daran, was deiner Mutter, ...”
  Chavari brach ihre Erklärung ab, sodass die Folgen offen blieben. Doch die junge Frau verstand.
  “Es tut mir Leid, Arimani.”
​ Ihre Tante schloss die Augen und atmete schwer. Dann bogen sich die strammgezogenen Falten wieder zur Erde, als sie die Finger aus den Ohrscheiben nahm und Kivani sanft zu ihrem Korb schob.
  “Geh nun, wasch die Kleider und hilf deiner Großmutter.”
Die Tränen waren unvermeidlich, umso mehr da nun manche Frauen des Rates sich an ihrer Zurechtweisung ergötzten und unverhohlen angrinsten. So gut es der schwere Bastkorb zuließ, stürmte sie davon.

Anders als die gerodeten Felder mit ihren verstreuten Bauminseln, jede unter der Schutzherrschaft eines Baumriesen, verlief der Übergang des Dorfes flussaufwärts in das verwucherte Dickicht keineswegs sanft. Die Ranken und Zweige zupften an Kivanis Haar, griffen nach ihren Armen und Beinen, während sie den schmalen Pfade entlang stolperte.
  Der Bastkorb zierte mittlerweile die Plattform ihres Gedenksteins, nachdem er ihr auf dem Holzsteg über einen Seitenarm des Chakhiruni das Gleichgewicht geraubt und mit sich in den Dreck gerissen hatte.
  “Das auch noch! Verflucht! Schau nicht so dämlich”, herrschte sie das Reliefgesicht des Steins an, das ihr Dorf als Dank den cha-khiri errichtet hatten.
  Wasserfälle brachen aus ihrem Inneren über ihre Wangen in die Tiefe. Egal wohin sie sich drehte, die Fratze ihrer Tante schien sie von jeder scheußlichen Hütte anzustarren. Obwohl sie alleine war, fehlte ihr der Platz zum Atmen.
  Sollen eure Gebote die Teufel holen, erklärte sie ihrem Zuhause den Krieg und verschwand im nördlichen Dschungel, wohlwissend, dass der Weg ins Refugium der Geister nur zu den Festtagen unter dem Gebet der Arimani betreten werden durfte.
  Die engen Bambuswälder am Rand wurden bald von einer Unzahl parasitärer Gewächse erwürgt, die selbst unter der Last deformierter Bäume litten. Die heilige Wohnstätte der char-khiri war krank und abstoßend, anders als die Wildnis, die sie zu allen Seiten umgab. Bei aller Unbarmherzigkeit war dem Dschungel ein Reichtum zu eigen, der diesem Wald völlig fehlte. Der einzige aufrecht stehende Baum schien der Jabillo zu sein, mit seiner garstigen Dornenrinde, dem Gift, den platzenden Früchten. Selbst das Atmen brannte in der Lunge, da Sporen die Luft verseuchten.
  Was habt ihr euch dabei gedacht, Geister zu verehren, die sich in diesem Alptraum wohlfühlen?, klagte sie ihre Vorfahrinnen an. Vermutlich nur, dass ihr für eure Hirngespinster keinen fruchtbaren Flecken Erde verschwenden wolltet. Die Char-Khiri grunzte zufrieden mit sich.
  Ob es daran lag, dass Kivani bei den zeremoniellen Feiern immer erst im hinteren Teil des Gefolges den Pfad beschritt, wo die Schneise bereits aufgedehnt worden war? Jedenfalls zerrte das klebrige Blattwerk mit zunehmender Boshaftigkeit an ihr, rupfte an den Zöpfen, in die Muscheln und bunte Palmensamen sorgsam von ihrer Großmutter eingeflochten waren.
  “Bescheuertes Höllenkraut!”
  Es war mehr als ein verwachsener Weg, nicht bloß das ungebändigte Königreich der Pflanzen, das sie hinderte. Die verdorbenen Ranken witterten den Eindringling, grapschten mit ihren hölzernen Tentakeln nach dem Mädchen. Kivani kämpfte sich geschickt wie ein Aguti durch das Gestrüpp, trotzdem zogen die Dornen eine blutige Furche in den saftigen Acker ihrer Oberschenkel. In all den Stunden, die sie seit ihrer Kindheit mit den Erwachsenen auf der Jagd oder beim Sammeln von Zutaten in dem Dschungelparadies verbracht hatte, war ihr so etwas noch nie passiert. Als führte das Gehölz ein merkwürdiges Eigenleben.
  Langsam dämmerte ihr etwas: Hilferufe waren dazu verdammt im Rauschen der unzähligen Flüsse ihrer Heimat, und dem endlosen Gesang der Insekten, unterzugehen. Und niemand würde ausgerechnet im Hain der char-khiri nach ihr suchen. Keiner spazierte hier durch oder kam zufällig vorbei. Zumindest nicht bevor die Prozession abgehalten wurde.
  “Das Glück des Jägers”, nuschelte sie. So nannten es die Einwohner Char-Khirs, wenn ihnen ein Wildtier unterkam, das sich selbst im Unterholz derart verstrickt hatte, das es nur mehr geschlachtet werden musste.
  Leichte Beute, das bist du.
 
Je mehr sie gegen die heimtückischen Ranken kämpfte, desto misslicher wurde ihre Lage.
  War das die Rache der char-khiri? War das ihr Werk? Kivanis Gedanken rasten.
  Dumme Göre! Was lässt du dir Angst einjagen?
 
Beinahe auf die Ammenmärchen der engstirnigen Tratschweiber hereingefallen zu sein, spornte sie an, den Mut nicht zu verlieren.
  Plötzlich schnitt ein lauter Pfiff durch die schwüle Dschungelluft.
  Wieso hast du nicht früher daran gedacht?
  Auf das kleine Steinmesser zum Knacken der Palmnüsse hätte sie fast vergessen. Entschlossen zückte sie die scharfe Klinge und metzelte sich unbarmherzig durch das Pflanzenheer, bis sie sich mit einem Ruck losreißen konnte.
  “Hah”, stieß Kivani triumphal aus und hechtete nach vorne. Vor ihrem Auge zogen stramm hochstehenden Blütenstäbe vorbei, die sie im Dorf grinsend Ständerstaude nannten. Ein unnützer Gedanke und dennoch war es ihr letzter, als sie kopfüber in ein Erdloch stürzte, das unter den breiten Blättern der Pflanze verborgen lag.

“Hör auf Nanori, das kitzelt. Komm, lass das du Nichtsnutz, zweimal am selben Tag wird wohl auch dir reichen.”
Träge schlug Kivani nach der Hand ihres Verehrers, als sie zu sich kam. Statt den sanften Fingern ihrer Flamme einen Klaps zu verpassen, stieß sie auf unzählige Beine. Mit einem Schrei fuhr die Char-Khiri hoch, die Pupillen geweitet, bis die bernsteinfarbene Iris nur mehr wie der Feuerkranz einer Sonnenfinsternis strahlte. Instinktiv fasste sie nach dem Messer, während sie von dem sich windenden Etwas aus Beinen und Chitinplatten weg strampelte, doch die steinerne Klinge steckte seit ihrem Absturz im Schlamm. Keine Zeit danach zu suchen. Schon schmiegten sich klebrige Tücher vom Rücken bis zum Scheitel an sie, hüpften mit jeder Bewegung und informierten ihre Weberin über die Ankunft frischer Beute.
Am liebsten wäre Kivani in beide Richtungen gleichzeitig geflüchtet. Die Impulse löschten sich gegenseitig aus, wichen jener Wildheit, die sich alle Angehörigen ihres Dorfes zu eigen machten, um in einem Paradies zu überleben, indem hinter jedem Baum eine andere tödliche Gefahr lauerte.
Ihre Hände flogen über den Boden. Ohne zu wissen woher, fand ein großer Knochensplitter den Weg in ihre Finger.
“Kaijajaii!” kreischte die Char-Khiri und ging auf den zischenden Tornado los. Mit einem lauten Knacken spießte sie den Chilopoden an die erdige Wand. Obwohl sich alles blitzschnell abspielte, schaffte es Kivani an eine Lektion ihrer Großmutter zu denken: “Der Gefahr ins Auge zu blicken ist der sicherste Weg ihre Zähne zu zählen.”
Für uneingeweihte Ohren mochte das nach einer Aufforderung klingen, sich der Angst zu stellen, doch das Mädchen wusste es besser. Sie hetzte voran und betete inständig, nicht das nächste Unglück aufzustören. Eine flinke Hechtrolle erlaubte ihr einen Blick nach hinten ohne Tempo einzubüßen, aber die unbeirrbaren Lichtstrahlen, die es von den Baumwipfeln hinab an den Blättern der Staude vorbei bis ins Loch schafften, reichten schwerlich, um die Finsternis zu vertreiben. Zu Kivanis Glück oder Unglück war ihre achtbeinige Verfolgerin so monströs, dass nicht einmal die dämmrige Dunkelheit ihre Ausmaße verbergen konnte. Sie wagte keinen weitern Blick nach hinten, sondern rannte um ihr Leben.
Brüllen, Fauchen, Zischen - Kivani wusste wie sie auf die Drohungen der Tierwelt reagieren musste. Für den stummen Tod in ihrem Nacken, dessen Schritte wie Regentropfen klangen, dessen Umarmung weich wie Seide war, hatte sie keine passende Antwort parat.
Der feuchte Film auf ihrer Haut, der ihr wie ihr Schatten vom ersten Tag an im Dschungel gefolgt war, verwandelte sich in Ströme riechenden Schweißes. Tropfen für Tropfen sprenkelte sie damit das Erdreich wie die Arimani den Altar. Das erdige Wurzelwerk, das von der Decke durch den Gang bis in den Boden reichte, malte auf ihre Haut Muster, die Schrecken und Schönheit der Natur einfingen und das Mädchen als heiliges Opfer an die Seele Sanktuarios bereit machten - jenem wunderbar verworrenem Ding, indem die Liebe zwischen der Dämonin Lilith und dem Engel Inarius auf ewig in Vergänglichkeit zerfloss.
Arschlecken!, fluchte sie, als ein Felsbrocken den Weg versperrte und sie zwang darüber zu klettern. Ihr Vorsprung war dahin. Schon fasste eines der Spinnenbeine nach ihr.
“Ffh-”, sog sie die Luft scharf ein, denn die Krallen rissen ihr mühelos die Haut auf. In all den Jahren hatte sie noch nie von menschengroßen Spinnen gehört, die ihre Beute jagten wie Jaguare. Ungläubig schüttelte Kivani den Kopf. Alles hier schien unwirklich, als träumte sie.
Lügt dein Bein etwa?
Das warme Blut sprach eine unmissverständliche Sprache. Hatte sie tatsächlich den Eingang zur Unterkunft eines char-khir gefunden - und seine Bewacherin?
Geschickt sprang sie zwischen zwei Wurzelsträngen hindurch. Die Adern der Bäume erschwerten dem Biest die Verfolgung, aber Kivani verstand, dass einmal Stolpern reichte und  sie würde mit Gift vollgepumpt erstarren, um lebendig zersetzt und wie eine Kokosnuss ausgesaut zu werden.
Ihr Körper bewegte sich wie von Zauberhand, spürte die Hindernisse, bevor ihre Augen die Schemen erfassen konnten, als würde sie sich zum Spiel der Flöten, zu den Trommeln des Bore-oke-Festes bewegen. Kivani tanzte um ihr Leben. Ihre Hände betasteten die feuchten Erdwände, ohne sich von den Wurzeln fangen zu lassen, ihre Zehen vergruben sich in die weiche Erde oder balancierten auf Knochenresten.
Wieso hat die Arimani… wieso hat der Rat der Schwestern nie ein Lied angestimmt über die grauslichen Wächter der char-khir, die gleich außerhalb des Dorfes leben?
Ihre Instinkte hatten die Kontrolle übernommen und schickten ihren Geist auf Wanderschaft.
War das der Grund, weshalb niemand den Wald betreten durfte?
Teko-Teno… Teko-Tenaga? Teko-Teko… Wie hieß der verschwundene Reisende? Hat er die Warnung ebenso in den Wind geschlagen wie du? Und war er…
Die Char-Khiri warf sie sich nach hinten und grub die Finger in die Erde. Aus dem Nichts war der Boden derart abschüssig geworden, dass ihre Reflexe es für ein Loch gehalten hatten.
“Spf–-Spf-Spf–Spf…”, machten die Krallen in der weichen Erde. Die Arachnide schenkte ihr keine Zeit zum Nachdenken.
Also ließ sie los.

Autorennotiz

Diablo (Spielereihe) Fan-Fiction im Dschungel Nahantus, im Zeitalter der Magie (um -1000)

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

OrigamiWeisheits Profilbild OrigamiWeisheit

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Kapitel: 3
Sätze: 123
Wörter: 2.124
Zeichen: 12.932

Kurzbeschreibung

Das aufmüpfige Waisenkind Kivani lädt den Fluch der char-khiri aufsich, als sie den Pakt des Dorfes mit den Waldgeistern verletzt.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy und Horror gelistet.