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Es gibt Dinge, die man nie vergisst.

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07.11.19 16:56
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Wir schreiben das Jahr 2019 und am 9. November ist der 30. Jahrestag des Mauerfalls. Es gibt Dinge, die man nie vergisst.

Den folgenden Bericht, schrieb ich schon vor 10 Jahren zum 20. Jahrestag des Mauerfalls für meine Freunde in einem englischen Forum.

 

Homework

My dear English friends,

Meinen Beitrag heute schreibe ich heute nur in Deutsch. Bei diesem Thema finde ich vor lauter Emotionen keine englischen Vokabeln in meinem Kopf!!!!!!

Nur mit Tränen in den Augen konnte ich diesen Bericht, wie alles andere, was in den letzten Tagen im TV gezeigt wurde, lesen. Als ich in diesem Bericht von Gavin Hewitt das Wort „Angst“ las, sah ich mich wieder vor 20 Jahren, am 11. September, in der Leipziger Nicolaikirche. Nicht nur Angst, nein, zum ersten Male wurde mir bewusst, wie sehr dieser Staat uns in seiner Hand hatte, und zitternd vor Wut stand ich da und hatte nicht den Mut etwas zu unterschreiben. Was war es? Und warum?

Am 9.September war unser Sohn mit seiner Familie ausgereist. Nach einer achtjährigen Wartezeit. Sie waren glücklich. Am Tag zuvor kamen sie noch einmal zum Essen, für uns damals sicher für eine lange Zeit das letzte Treffen. Am Nachmittag dann der Abschied. Mein Mann und ich saßen auf der Treppe vor dem Haus und sahen, wie der Trabbi langsam von unserem Grundstück rollte. Nach ein paar Minuten standen wir auf, fassten uns schweigend an, die Tränen liefen nur so, und gingen zurück ins Haus.

Am Montag, am 11. Sept. beim Aufstehen überraschte mich mein Mann: „ Ich habe einen Tag Urlaub, wir fahren heute nach Leipzig zum Einkaufen, das machst du doch gerne und anschließend gehen wir zur Nicolaikirche. Im Westfernsehen wird jetzt laufend über Friedensgebete und Montagsdemos berichtet. Nach dem Füttern unserer Tiere fahren wir los.“

Gegen 10:00 Uhr waren wir in Leipzig. Es war ein schöner warmer Septembertag. Außer der „Blechbüchse“, so im Volksmund ein riesiges Warenhaus, gab es noch viele kleinere private Geschäfte, die wir besuchten. Ich hatte wieder Freude am Leben!

Nach dem Essen gingen wir in Richtung Nikolaikirche. Je näher wir kamen, um so unruhiger wurde ich, kann heute noch nicht sagen, wieso. Vor der Kirche eine Menschenmenge. An zwei Fenstern neben dem Eingang waren Blumen und Zettel mit Namen. Die Menge drängte, so dass ich gar nicht alles weiter lesen konnte. In der Kirche waren zu meinem Erstaunen alle Bänke besetzt, obwohl das Friedensgebet erst am Abend war. Wer waren „sie“?? Vor dem Altar stand ein Gebetspult, darauf lag ein großes Buch. Dichtgedrängt standen die Leute und lasen. Auch ich. Es waren Hilferufe, Anklagen gegen den Staat usw. . Ich staunte und freute mich zugleich über den Mut dieser Menschen. Was empfinden die anderen, die mit mir hier lesen? Ich sah nur emotionslose Gesichter, kein Lächeln, keine Bewunderung. Mein Gesicht verriet auch nichts. Dann sah ich links ein kleines Tischchen, darauf stand ein Pappschild. Neugierig ging ich hinüber. Wow, das Neue Forum. Sinngemäß stand darauf: „Wer die Arbeit des Neuen Forums unterstützt, kann es durch seine Unterschrift bekunden“... Na, das mache ich doch sofort. Bleistifte und Zettel lagen vor mir. Doch als ich mich niederbeugte, um einen Bleistift zu nehmen, schoss es mir sofort durch den Kopf: „Marie, wenn du jetzt unterschreibst, bist du genau wie die Mitglieder des Neuen Forums für sie ein Staatsfeind. Nie werde ich eine Besuchserlaubnis bekommen, um meine Kinder drüben zu besuchen. Ich spürte ihre Blicke im Rücken und stand da wie gelähmt. Das Herz schlug mir bis zum Hals vor Angst, vor Wut und der Erkenntnis, wie einfach es für dieses Regime war, seine Menschen „im Griff zu haben“.

Eine Hand tippte vorsichtig auf meine Schultern. Es war mein Mann. „Komm, lass uns wieder nach Hause fahren, die Tiere warten…....“ sagte leise zu mir.

Am Abend dann erfuhren wir in der Tagesschau, rings um Leipzig waren alle Zufahrten seit dem Nachmittag gesperrt, bzw. wurden kontrolliert…...

 

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BerndMooseckers Profilbild
BerndMoosecker Am 08.11.2019 um 19:56 Uhr
Ich bin ein durchaus optimistischer Mensch, der aber im Moment über die Endwicklung tief besorgt ist. Aber Geschichten wie diese, geben mir die Hoffnung, wir können die Finsternis überwinden.

Gruß Bernd

Autor

marie64s Profilbild marie64

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Kapitel:2
Sätze:61
Wörter:663
Zeichen:3.919

Kurzbeschreibung

Im Leben gibt es Dinge, die man nie vergessen kann....