Storys > Interviews > Kultur, Kunst, Literatur > Sag mir, wie war es in der DDR

Sag mir, wie war es in der DDR

20
1
05.01.23 20:04
6 Ab 6 Jahren
In Arbeit
Wenn ich die Augen schließe, dann bist du mir ganz nah, dann kann ich dich berühren, dich streicheln, in die Arme nehmen und mein Gesicht in deinem Haar vergraben. Ich kann dich auf die Wange küssen, dich stupsen und in die Seite zwicken, um dir ein volltönendes Glucksen zu entlocken. Am liebsten aber nehme ich dein Gesicht in meine Hände und sehe dir in die Augen. Glaub’s mir oder nicht, flüstere ich, aber ich könnte in deinem Blick versinken, denn ich spüre, dass du mir so viel zu erzählen hast. Wieder gluckst du leise, sagst: Dann lass uns beginnen.

Du hältst den Kopf schräg, grinst verschmitzt und antwortest auf die Frage, wie es dir ginge, mit leicht ironischem Unterton: Vor wenigen Wochen habe ich mein Haus renovieren lassen, mir einen Porsche Cabrio gekauft und habe seit ein paar Tagen auch einen Swimmingpool im Garten – was will ich mehr?

Wir sitzen auf der Terrasse hinter deinem Haus. Du zupfst beim Sprechen Grashalme ab, drehst sie zwischen den Fingern, sinnierst. Ich sehe dir zu, muss schmunzeln, auch über die Art wie du sprichst. Du senkst die Stimme am Ende des Satzes nicht, scheinst dadurch ein wenig abgehoben, sogar etwas pathetisch, wie ein Lehrer, der um die Macht seiner Worte weiß.

Doch gleich darauf gerätst du ins Stocken, mühst dich, den richtigen Begriff zu finden, verziehst das Gesicht und lächelst dabei lausbubenhaft. Mich beschleicht das Gefühl, dass du dich selbst ein wenig auf deinen Worten treiben lassen möchtest. Wohin? Deinem Blick entnehme ich einen Hauch von Melancholie und Sehnsucht. Und ich frage mich, wovon du träumst – auch für dich persönlich? Du wirkst so, wollest du über den Horizont hinausschauen, um etwas zu erspüren, das kaum begreifbar ist. Du hast schon immer weitergedacht, als es den Oberen lieb war. Hast mit deinen Filmen dort Wahrheiten ans Licht geholt, wo sich Dogmen im Rausch des Allbeglückungswahns in mottenzerfressene Vorhänge hüllten als wären sie Festgewänder. Dein Publikum liebte dich dafür.

Du schmunzelst, erhebst dich und tippst dir an die Nasenspitze. Mottenzerfressen. Schönes Bild. Ich zucke mit den Schultern, muss ebenfalls grinsen. So sehen wir uns einen Moment lang an, ehe ich dich frage, ob du in der neuen Zeit angekommen seist. Was heißt angekommen sein?, erwiderst du, ich lebe einfach weiter, jetzt nach der Wende. Und wie lebst du weiter? Wie sieht das genau aus?, möchte ich wissen. Du lächelst, aber statt etwas zu sagen, klopfst du plötzlich mit dem Fingernagel ans Gehäuse der vor mir auf dem Tisch liegenden Kamera. Mich durchfährt ein heißer Schreck. Mein Gott, die habe ich ja vollkommen vergessen! Können wir noch einmal von vorne beginnen?, frage ich dich. Du aber schüttelst den Kopf. Also drücke ich erst jetzt den Knopf. Augenblicklich erscheinst du auf dem Display: ein Mann von knapp 1,65. Du trägst ein weißes Sommerhemd und Jeans, bist schmal, jedoch mit leichtem Bauchansatz, hast große braune Augen hinter runden Brillengläsern und dunkle Haare, die nur an den Schläfen zu ergrauen beginnen. Doch trotz deiner Jungenhaftigkeit wirkst du älter als 67, gerade um die Augen herum. Müde. Verbraucht. Das Wort kommt mir in den Sinn, aber ich nehme mich sofort zurück, denn es klingt so, als wärst du ein alter, abgenutzter Gegenstand, den man getrost entsorgen kann. Ich versuche zu lächeln und bitte dich, etwas über dich zu sagen, dich vorzustellen.
 
 

Also soll ich mich vorstellen?, fragst du.

Ja, erwidere ich, deswegen habe ich die Kamera angemacht. Also sag etwas zu deiner Person.

Nun ja, beginnst du und zuckst mit den Schultern. Wir kennen uns doch, du weißt, dass ich 1929 in Rostock geboren wurde und seit 1939 und bis zum Ende des Krieges in der Hitlerjugend war – auch überzeugt davon, setzt du nach, dann hältst du inne und ich ahne, was in dir vorgeht. Ich war überzeugt davon, glühender Anhänger, wiederholst du in leicht schleppendem Tonfall. Ich war sogar stolz darauf, mein Vaterland in den letzten Stunden verteidigen zu dürfen.

Ich weiß, flüstere ich und räuspere mich: Aber dann kamen die Russen.

Du nickst: Ja, dann kamen die Russen und ich verstand und ich schwor mir, mich nie wieder so sehr verführen zu lassen, sondern immer zu prüfen, wem oder was ich folgen möchte. Wieder hältst du inne, schüttelst den Kopf. Ich spüre, dass es dich selbst nach all der Zeit noch immer Kraft kostet, darüber zu sprechen, dass du dich für den Jugendlichen, der du einst warst, schämst.

Bei Kriegsende warst du 16, bist wieder in die Schule gegangen, hast dein Abitur gemacht. Du siehst mich an, sagst jedoch nichts. Und mit 21 Jahren hast du dich an der Filmhochschule in Babelsberg für das Regiestudium beworben.

Ja, stimmst du mir nun zu und dann drängt es so schnell aus dir heraus, dass ich leicht zusammenzucke: Ich war Regisseur bei der DEFA, über 40 Jahre, zunächst im Studio für Dokumentarfilm, dann im Spielfilm und heute, heute da bin ich Handwerker.

Handwerker? Wie? Du meinst ... Und ich deute auf dein Haus, denn ich halte es für einen deiner Witze. Du aber schüttelst den Kopf. Nein, nein, das nicht. Ich meine damit, dass ich heutzutage nicht mehr Regisseur, sondern Handwerker bin.

Wie? Ich verstehe noch immer nicht. Na ja, sagst du, heute drehe ich nur noch Vorabendserien. Und bei dieser Arbeit ist eben nicht mehr der Regisseur gefragt, der seine eigenen Themen hat und sich überlegt, wie er sie inszeniert, sondern nur noch der Handwerker, der ein vorgegebenes Drehbuch abarbeitet.

Planwirtschaft also, versuche ich mich an einem Witz und du zwinkerst mir zu: Doch auch das will gelernt sein. Ja, aber wie gehst du damit um? Wie fühlst du dich dabei, dass du nicht mehr kreativ sein kannst?, möchte ich wissen.

Wie soll ich mich fühlen? Immerhin habe ich Arbeit, was nicht selbstverständlich ist. Noch dazu in dem Bereich, in dem ich gelernt habe. Und von dem Geld, das ich verdiene, kann ich mir doch einen gewissen Lebensstandard leisten.

Aber …, begehre ich auf. Es ist in jedem Fall besser, als daheim hinterm Fenster zu sitzen und auf die Straße zu starren, hältst du mir entgegen und wirst dabei ein wenig lauter: Ich möchte nicht darauf warten müssen, dass ein Produzent vorbeikommt, der bereit ist, meinen nächsten Film zu finanzieren. Denn das verbittert. Viel lieber bin ich unter Menschen. Und ich habe ein unheimlich freundliches und engagiertes Team um mich. Du machst eine kurze Pause: Aber lass uns über die Nachwendezeit später sprechen.

Ich nicke. Gut. Möchtest du mir stattdessen etwas über deine Art des Filmemachens erzählen? Welchen Themen hast du dich in der DDR zugewandt und wie hast du sie auf die Leinwand gebracht?

Du schmunzelst, dann schaust du kurz zur Seite, holst tief Luft. Meine Lehrer waren Gerhard Klein und Słatan Dudow. Orientiert habe ich mich auch an Bergman, Pasolini und Tarkowski. Ebenso wie sie interessierte ich mich schon immer für die Menschen um mich herum: für deren Wünsche, Sehnsüchte, Lüste, Leidenschaften, Sorgen, Ängste – für ihr Leben. Und dieses Leben wollte ich auf die Leinwand bringen. Mit reinstem Herzen, wenn ich das so sagen darf.

Gerade dadurch wurdest du zu einem der provokantesten Regisseure in der DDR, werfe ich ein.

Du zuckst mit den Schultern. Als Regisseur muss man wissen, was die Leute bewegt, was sie umtreibt. Denn das ist die Voraussetzung, um gute Geschichten erzählen zu können. Und gute Geschichten sind Geschichten, die alle angehen. Natürlich provozierte das dann, wenn du da beispielsweise eine junge Frau hast, die von der Liebe träumt und eben nicht vom Aufbau der Sozialistischen Gesellschaft.

Du spielst auf deinen Film Die Legende von Paul und Paula an. Da frage ich mich, inwieweit sich Menschen wie Paula von der Sozialistischen Gesellschaft getragen wissen. Wird ihnen überhaupt das Recht zugestanden, so zu sein, wie sie sind?

Ja, so, sagst du. Wir haben hier die von der Politik propagierte Allbeglückung – und die traf in gewisser Weise ja auch zu. Du warst in der DDR abgesichert. Dir fehlte zum Leben erst einmal nichts. Du hattest eine Wohnung und eine Arbeit. In deinem Viertel gab es ein Ambulatorium, eine Kaufhalle, eine Leihbücherei. Kinos und Theater waren nicht weit. Vor allem Kinos gab es ja an jeder Ecke, Ladenkinos, Wohnzimmerkinos, Kinokisten.

Ein hohes Gut, werfe ich ein, von unschätzbarem Wert ist das.

Ja, gibst du mir recht. Es kamen zwar nicht immer Filme, die sehenswert waren. Aber immerhin gab es Kinos. Und für deine Kinder gab es Krippen- und Kindergartenplätze. Dann die Schule und am Nachmittag der Hort oder Arbeitsgemeinschaften und Sportvereine. Die Kinder waren untergebracht und bis zum Abend versorgt. Das Leben war durchstrukturiert und, mehr noch, sinnvoll genutzt. Aber bei all dem, was uns Sicherheit gab, wurde doch der einzelne Mensch vergessen – und eben auch das, was ihn erst zum Menschen macht.

Die Liebe in all ihren Facetten.

Natürlich kannst du das an der Liebe festmachen, stimmst du mir zu. Aber es ist mehr noch das, was die Menschen glücklich macht. Gerade um diesen Widerspruch ging es mir: hier ist das Ideal, der Sozialistische Humanismus, der vorgibt, die Bedürfnisse der Menschen befriedigen zu können. In der Realität aber sahen sich die Menschen in ihrem Bedürfnis nach Glück oftmals gar nicht ernstgenommen.

Die Individualität und der Drang, sich selbst auch anders zu erfahren, als es die Gesellschaft vorgibt, war nicht erwünscht und wurde unterdrückt, sage ich. Wie auch der Film Solo Sunny von Konrad Wolf zeigt.

Ja natürlich! Und das war auch einer der größten Fehler, die die DDR gemacht hat. Sie schrieb den Menschen vor, wie sie zu sein hatten, ohne darauf zu achten, dass der Mensch auch zutiefst menschliche Bedürfnisse hat. Dass wir alle Individuen sind, die sich, wie in Paulas Situation nicht nur nach staatlicher Sicherheit, sondern eben auch nach leidenschaftlicher Liebe sehnen, die ihr dann eben auch wichtiger ist als all der sozialistische Aufbau.

Ach, ja, unterbreche ich dich, zur leidenschaftlichen Liebe fällt mir noch etwas ein. Ich halte inne und wundere mich darüber, wie ich das tun kann, dich einfach so zu unterbrechen. Du aber siehst mich nur an, scheinst geradezu gelassen zu sein. Ich meine, setze ich daher etwas ruhiger nach, mich hat die Kompromisslosigkeit, mit der Paula ihre Liebe auslebte so sehr berührt. Und mehr noch, dass diese Kompromisslosigkeit aus ihr herauskam, einfach so, ohne, dass sie überlegen musste.

Du schmunzelst, nickst, sagst dann: Ja, wir wollten zeigen, dass die Liebe kompromisslos ist.

Aber auch anarchisch, füge ich hinzu, schnappe nach Luft: Bist du der Ansicht, dass Veränderungen, egal, welcher Art sie sind, einer gewissen Kompromisslosigkeit bedürfen und eben auch einer Anarchie?

Du schweigst, schweigst lange und siehst mich derweil an. Und wieder meine ich in deinem Blick jene, von Melancholie getragene Sehnsucht zu erkennen. Ich halte still, versuche zu begreifen. Da nickst du plötzlich und sagst ungewöhnlich leise: Ja, jeder Veränderung – egal, ob im Zwischenmenschlichen oder im Großen, Gesellschaftlichen und Politischen – wohnt wohl Anarchie inne.

Unmittelbar nach der Wende hast du – wie so viele deiner Kollegen auch – die Kündigung erhalten. Da warst du gerade erst 60 Jahre alt.

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

0
Schriftstellerins Profilbild
Schriftstellerin Am 04.01.2023 um 14:21 Uhr
Hallo Klatschkopie,
mich macht Dein Text neugierig auf die Fortsetzung. Du wolltest doch noch ein paar Zeitzeugenberichte. Hier ein paar Links zu Texten von mir auf anderen Websits:
kulturring.berlin/hundert-jahre-gross-berlin/artikel?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=1315&cHash=6f0704b12c4f13dd745e701c720f1558

wortkrieger.de/threads/kennt-einer-nancy.68053

wandel.kulturring.berlin/geschichten/ueber-uns-der-himmel-ueber-berlin

Daraus geht hervor: so absichert waren wir gar nicht.

Ein Frohes neues Jahr wünscht Schriftstellerin
Mehr anzeigen

Autor

Klatschkopies Profilbild Klatschkopie

Bewertung

Die Bewertungsfunktion wurde vom Autor deaktiviert

Statistik

Kapitel:2
Sätze:112
Wörter:1.930
Zeichen:11.135

Kurzbeschreibung

Wie war es eigentlich, in der DDR zu leben? Diese Frage wird zwar häufig gestellt, doch oftmals mit dem Hintergedanken, die geltenden Klischees wie etwa Stasi, Diktatur, Hinterwäldlertum und Kulturwüste bestätigt zu finden. Wenn das ausbleibt, wird häufig mit Befremdung und dem Vorwurf der Schönfärberei reagiert. Eine Kommunikation auf Augenhöhe unterbleibt dadurch. Dieser Text versucht sich an einer Antwort. Er ist ein fiktives, jedoch auf Tatsachen und Fakten beruhendes Gespräch zwischen zwei Menschen, die aus der DDR stammen. Der eine war noch ein Kind, als die Mauer fiel, der andere ist einer der bedeutendsten Regisseure der DEFA.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Kultur, Kunst, Literatur auch in den Genres Vermischtes, Bildung, Schule und Geschichte, Evolution gelistet.

Ähnliche Storys