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Unser Hass

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23.2.2017 21:09
12 Ab 12 Jahren
Pausiert

Autorennotiz

Ich muss es einfach zugeben. Ich hatte keinen blassen Schimmer in welche Kategorie diese Geschichte gehört. Shame on me! Ausserdem habe ich diese Geschichte nicht alleine geschrieben. Ich hatte Unterstützung von ausserhalb dieser Webseite.
Als nächstes möchte ich mich für die Kreativität der Kurzbeschreibung und einzelner Stellen entschuldigen. Ich habe vor beides noch einmal abzuändern, allerdings wird daraus in nächster Zeit wohl nichts mehr.

Lia

Die Tuer schloss sich. Er war fort. Der Platz, an dem sie immer glaubte, kein Herz zu haben, an dem er fuer Ewigkeiten zu bleiben schien, war leer. Kaelte drang hinein und brachte sie zum froesteln. Er hatte sie verraten und jetzt war er einfach weg. Dabei dachte sie, er waere ihr Freund. Nie wieder wuerde sie jemandem trauen. Nie wieder wollte sie jemandem trauen. Zerstoert vergrub sie ihr Gesicht in ihr Kissen. Stundenlange lag sie auf ihrem Bett, die Beine zu ihrem Koerper gezogen. Eng anliegend. Gegen Abend sass sie auf der Bettkante. Ihr Kopf lag kraftlos in ihren Haenden. Aus ihrem Zimmer drangen Schluchzer, die von einem schwachen, wuetendem Aufstoehnen unterbrochen wurden.

Lia hob ihren Kopf. Sie wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Stirnrunzelnd wischte sie sich die warmen, salzigen Tropfen aus ihrem Gesicht. Ihre Miene verfinsterte sich. Ein breites, diabolisches Grinsen breitete sich in ihrem Gesicht aus. Doch kurz darauf schwand der Moment ihrer Rachegelueste wieder. Sie seufzte und stand auf.

Als sie ihr Zimmer verliess, hatte sie das Gefuehl, dass ihr der Sauerstoff fehlte. In ihrem Wohnzimmer, stand das Fenster noch immer offen, doch ihr kam es so vor, als ob keine Luft hereinstroemte, sondern herausgesogen wurde. Sie schleppte sich in ihre Kueche, wo sie ihren Kuehlschrank oeffnete und eine Dose Energy herauskramte. Ihr kam es so vor, als ob sie auf einmal mehr Kraft darauf verwenden musste, bis sie die Dose aufbekam. Umso mehr fuehlte es sich gut an, als die kalte Fluessigeit mit einer leichten Apfelnote ihren Rachen hinunterrann.

Das Klopfen an ihrer Wohnungstuer nahm sie kaum war. Wer immer das auch war, sollte draussen bleiben. Dieser jemand sollte sich verziehen. "Lia, mach auf.", konnte sie eine ihr bekannte Stimme hoeren. "Lia! Ich mach mir Sorgen! Bitte, mach auf!" Sie ignorierte die Stimme, die ihr sagte, dass sie oeffnen sollte. Sie wusste, wer dort stand. Oder zumindest dachte sie, dass sie es wusste. "Geh weg!" "Lia!" "Verschwinde!" "Ich bins doch nur, -!" "Verpisst euch endlich alle!" Genervt stampfte sie durch den Flur. "Ich will dich nicht verlieren! Es war doch Jeffs Schuld, nicht m-!" "Iwie begreift ihrs nicht, mhm? Haltet euch endlich aus meinem Leben raus! Ich hab genug von euch", schrie sie durch ihre eiserne Tuer hindurch. Sie hoerte nichts mehr. "Wie hast mich ueberhaupt gefunden?!" Mit wuetenden Blicken starrte sie die Tuer an, als ob diese davon in wenigen Augenblicken schmelzen und derjenige dahinter in Flammen aufgehen wuerde. „Wie wohl! Ich hab dich geortet und dann bin ich auf meinem Weg Alex begegnet und er wollte ers-“ „Weisst du was!? Will ‘s gar nicht wissen! Verpiss dich einfach, Daniel!“

Egal wie sehr er sie anflehte ihm die Tuer zu oeffnen und ihn anzuhoeren, sie ignorierte ihn einfach und nippte in unregelmaessigen Abstaenden an ihrem Energy, bis er, viel zu frueh schon, leer war und sie die Dose gekonnt in den Sammeleimer in ihrem Wohnzimmer warf. Lia begab sich genervt in ihr Schlafzimmer und sah sich im Spiegel an. Ihre langen braunen Haare standen etwas ab und bedeckten teils ihr feuchtes Gesicht. Ihre Augen waren geroetet und brannten etwas. Ihre Traenensaecke sahen gereizt aus. Das dezente Make-Up, das sie trug, war verlaufen. Man sah ihr deutlich an, dass sie geweint hat. Sie wollte nicht, dass man es ihr ansah. Sie war nicht der Typ Frau, der wegen so etwas weinte. Maenner! Die konnten sie alle mal! Nach einer halben Stunde hoerte das Klopfen endlich auf. Sie setzte sich auf die Kante ihres Bettes und starrte wahllos in ihrem Zimmer herum. Was koennte sie jetzt tun? Ihr war langweilig und mit Jeff oder Dani wollte sie erst einmal gar nichts am Hut haben. Alles was sie jetzt wollte, war Ruhe, eine anstaendige Beschaeftigung und Rache.

Jeff

Es war zeitweise besonders rau gewesen. Lia und Jeff hatten sich immer mehr gestritten. Je mehr sie sich stritten, umso klarer wurde, dass Jeff recht hatte. Menschen wie sie konnten sich nicht gut verstehen. Auch schien er recht damit gehabt zu haben, dass Lia, wie auch schon mit Jenny, nur mit ihm zu spielen versuchte. Doch er hatte sie durchschaut. Jetzt lachte er sie aus. Sie hielt ihn fuer einen Verraeter, stellte ihn schlecht dar, dabei war sie es selbst. Es steckte immerhin noch etwas Mensch in ihm. Wieso haette er anders reagieren sollen, als den naechstbesten Freund ihrer und ihres Bruders ueber ihr veraendertes Verhalten und ihr darauffolgendes Verschwinden zu informieren? Haette er sich gegen einen Baum lehnen sollen, eine Flasche Whisky in der Hand? Haette er ihr ploetzliches Verschwinden feiern sollen? Jeff wusste, wenn er sich vor dem Ereignis gefragt haette, waere seine Antwort "Nein" gewesen. In diesem einen Jahr wuchs in ihm ein Gefuehl heran, dass dem in einer Freundschaft nahe kam. Es war unglaublich, dass er ueberhaupt etwas fuehlte. Sie waren beide wie Donner und Blitz. Wie Erdbeben und Vulkanausbruch. Gleich waren sie nicht, aber sie ergaenzten sich in vielerlei Hinsicht wie Puzzleteile.

Wenn er sich jetzt diese eine Frage stellte, fing er nur an zu lachen. Sie war nichts mehr fuer ihn. So wie ganz am Anfang. Ihre belanglosen Worte trafen ihn nicht. Er war nicht daran schuld, dass das hier zerbrach. Es war ihre eigene Schuld. Jetzt hatte sie jemanden verloren, der sie doch tatsaechlich bis zum Tod gedeckt, seine eigene Deckung aufgegeben und sich fuer sie sogar vor die Kugeln geworfen haette. Er nahm einen Schluck aus seiner Flasche. Ihm waere es egal gewesen, wo. Trotz, dass er ihr nie zu hundert Prozent traute, wollte er nicht, das seiner kleinen Terroristin etwas zustiess. Es war regelrecht liebevoll wie er sich sorgte. Etwas ungewoehnliches fuer ihn. Doch jetzt war sie ihm egal. Nie zuvor gab es einen anderen Menschen ausserhalb langer Bekanntschaften fuer den er soetwas tun wuerde. Ausser Liu gab es generell kaum jemanden, mit dem er gut zurecht kam. Liu war und blieb sein Ein und Alles. Er war der Letzte seiner Familie. Er war der Letzte, den er mochte. Er war der Letzte, dem er traute. Jeff warf einen Blick auf die kleine Stadt vor ihm. Autos, die von hier oben wie Ameisen wirkten, fuhren mit enormer Geschwindigkeiten die Strassen entlang. Die Blaetter des Baumes unter dem er stand raschelten im Wind, ebenso das hohe Gras, das auf dieser Erhebung wuchs, und die Voegel zwitscherten unschuldig vor sich hin.

Jeff stiess sich von dem Baum ab, an dem er gelehnt hatte. Immer noch lachend machte er sich auf den Weg, den Huegel zu verlassen, darauf bedacht nicht von einem Blitz getroffen zu werden. Seine Sweatshirtjacke schuetzte ihn leider, wie vorrauszusehen war, kein bisschen vor dem wunderbaren Unwetter. Aber das war ihm egal. Der Regen und der Sturm juckten ihn kein bisschen. Das Werkzeug, dass an seinem Guertel befestigt war, erzeugte bei dem steilen Abgang ein metallenes Klicken, als der Inhalt der kleinen Tasche aneinander schlug. Eines seiner Messer trug er auf der anderen Seite des Guertels. Unter seiner Jacke war jedoch nichts von alle dem zu erkennen, trotz dass sie so hell war. Nach kurzer Zeit waren nicht einmal mehr die Regentropfen auf ihr zu sehen, was daran lag, dass er nach diesen wenigen Metern bereits durchnaesst war. Seine dunklen Haare klebten an seinem Kopf und der Wind bliess ihm den Regen regelrecht ins blasse Gesicht, sodass es, als die Tropfen seine wunden Wangen hinunter rannen, den Anschein machte, dass er weinte. Doch er lachte immer noch. Er konnte sich kaum mehr halten, versuchte sich aber zu beherrschen. Sonst stuerz‘ ich noch den beschissenen Berg ‘runter, dachte Jeff waehrend er sich innerlich zu beruhigen versuchte. Das fiel ihm gar nicht so leicht und so konnte er es nicht verhindern ein paar Male zu stolpern. Als er am Fuss der erdigen Erhebung angekommen war und bereits mit einem Fuss auf festem Asphalt stand, hoerte er ein lautes Droehnen hinter sich. In schnellen Schritten steuerte er auf das naechstgelegenste Hotel zu. Jetzt war es erst einmal wichtig eine trockene Bleibe aufzutreiben. Jeff war viel zu weit entfernt, als dass er bei dem Wetter noch mit seinem Motorrad zurueck fahren konnte. Die Fahrt konnte allein schon an seinem Fahrstil scheitern, der schon etlichen anderen Verkehrsteilnehmern Aerger bereitet hat. Eine nasse Strasse konnte er da nicht brauchen.

Er stuerzte ganz ploetzlich zur Tuer herein, sodass die Frau an der Rezeption, die wohl niemanden bei dem Wetter erwartet haette, hochschreckte und ihn begruesste. „Ein Zimmer, eine Nacht“, gab er knapp von sich. Waehrend er noch mit den Formalitaeten beschaefftigt war, hoerte er bereits das Klappern von Porzellantellern und Besteck aus rostfreiem Edelstahl, dass von den anderen Gaesten aufgenommen wurde als sie sich in eine Reihe gliederten. Zu Ende des Gespraechs bedankte er sich kuehl und lief durch den Flur direkt in die geraeumige Halle, aus der das Klirren, Klappern und Scheppern zu kommen schien. Unbeeindruckt nahm er sich einen Teller, Besteck und stellte sich hinten an. Ab und zu drehten sich die zum Teil bereits mit Sosse bekleckerten, vollgefressenen Menschen um, als ob seine Blicke sich in ihr cholesterinhaltiges Fleisch bohren wuerde. Dabei sah er nur geradeaus.

Mit einem vollen Teller setzte er sich an einen freien Tisch, der von einer Seite kaum zu sehen war, da eine Saeule den Blick verhinderte. Jeff beobachtete, wie Kellner bereits benutztes Geschirr einsammelten, als auch einer zu ihm stiess. „Kann ich Ihnen etwas bringen?“

Yup. ‘n Caipiroska.“

Noch etwas?“

Nope.“

Alles klar! Ihr Caipiroska kommt sofort!“

*Ein Caipiroska ist ein Getraenk aus Wodka, Limette und Azúcar Moreno, welches im Normalfall um die 6-7 Euro kostet.

Jenny

Musik droehnte aus den Lautsprechern. Der Regen prasselte fast im passenden Rhythmus gegen die Fensterscheibe. Draussen pfiff ein kuehler Wind, der gelegentlich mit den Gardinen spielte. Sonst war alles ruhig und verlassen und einsam. Jenny lag auf ihrem Bett und las im Schein einer kleinen Lampe einen Roman, der sie gerade sichtlich langweilte. Oder aber es war die kochende Wut, die sie davon abhielt, dieses Stueck Jugendliteratur spannend zu finden. Sie war zur Zeit alleine Zuhause. Alle waren ausser Haus und mit etwas Wichtigerem beschaeftigt. Langsam setzte ihr die Kaelte des Einsamseins zu. Sie kroch von den Fuessen herauf bis ueber die Mitte des Rueckens, bevor Jenny ihre Decke ueber sich zog und die Seite umblaetterte. Kaelte war nicht das einzige, das an ihr nagte. Ein nur allzu bekanntes Gefuehl breitete sich in ihrem Koerper aus. Auch mit Musik konnte sie das blubbernde Geraeusch wahrnehmen, dass ihr Magen herausbrachte. Wenn sie es nicht besser wuesste, wuerde sie sagen, es fuehlte sich an wie ein leerer Topf mit heissem, blubberndem Wasser. Jenny hatte Hunger. Aber sie wollte nicht aufstehen. Hier war es zu gemuetlich.

Einige Minuten spaeter klappte sie das Buch zu, drehte sie die Musik leiser, streifte sich die Decke vom Koerper und stieg von ihrem Bett. Ohne weiter gross mit sich zu argumentieren, lief sie direkt in die Kueche und stoeberte durch den Kuehlschrank. Sie fragte sich, ob sie sich nicht vielleicht erst einen Joghurt goennen und spaeter mit den anderen essen sollte. Immerhin war es schon fast Abend. Dann fiel ihr auf, das sowieso wieder nichts Anständiges da war. Jenny rollte mit ihren Augen. „Ma könnte endlich mal von Hugo runterkommen und richtiges Bier trinken.“

Ploetzlich klopfte es an der Tuer. Jenny zoergerte kurz, bevor sie zur Haustuer schlich und aus dem Spion lugte. Da stand niemand. Sie sah nichts weiter als eine leere Strasse, die von literweise Wasser geschwemmt wurde. Bei dem Wetter wuerde auch keiner da draussen sein wollen. Sie wandte der Tuer gerade den Ruecken zu und lief zurueck in die Kueche, als es noch einmal klopfte. Diesmal kam ihr das Klopfen lauter vor. Doch auch dieses Mal war niemand dort, als sie durch den Spion sah. Anstatt wieder in die Kueche zu gehen, blieb sie beunruhigt an der Tuer stehen und wartete. Es blieb ruhig. Ausser dem Sturm draussen und der Musik, die aus ihrem Zimmer schallte, konnte sie nichts hoeren. Warum mache ich mir so Gedanken, dachte sie. Da ist nichts, versuchte sie sich zu beruhigen und schlenderte zurueck in die Kueche.

Lia

Graue Wolken zogen an der untergehenden Sonne vorbei. Auch der Wind hatte sich mittlererweile gelegt. Es wurde ein angenehmer, ruhiger Abend. Lia lief auf den Parkplatz. Waehrend des Regens war ihr wieder eingefallen, dass sie ihre Energy Drinks aufgebraucht hatte. Sie oeffnete die Beifahrertuer ihres Wagens und zog eine klappernde Tasche vom Sitz, die gegen die Aussenseite der Tuer prahlte, als sie sie schloss. „Verdammt nochmal!“, fluchte sie. Sie schmunzelte. Die Lackschaeden bezahlt mir die Dosenfabrik.

Da der naechste Supermarkt keine 200 Meter entfernt war, entschloss sie sich zu Fuss dorthin zu laufen. Sie wollte ja auch nicht viel einkaufen. Im Aldi Sued angekommen, musste Lia dann feststellen, dass es nur noch Energy Drinks der sonderlichen Geschmacksrichtung Undefinierbare Gummisuessigkeit mit starkem Nachgeschmack von Suessstoff gab. Da es die Letzten waren, hatte sie aber keine andere Wahl als sich damit zu begnuegen, wenn sie nicht bis morgen warten wollte. Und darauf hatte sie einfach keinen Bock. Sie schob die leeren Dosen in die Sammelstelle, warf die pfandfreie Rohstoffverschwendung weg und fuellte ihren Beutel mit den uebrig gebliebenen Energy Drinks. Als sie aber nach der letzten greifen wollte, kam ihr eine Blondine mit tuerkisen Straehnen zuvor. Trotzdem griff sie nach der Dose. „Das ist meine!“

Denkste!“

Du hast doch schon so viel!“

Mir egal, Biatch!“ Sie hatte schon einen Robinson Crueso an der Backe, da wollte sie sich nicht auch noch das von einer Barbie gefallen lassen. „Gib schon her, Tusse!“ Und da kam auch schon Rasierwasserspass-Ken, ihr fester Freund. „Hey! Was soll das?!“ Lia oeffnete die Dose und nahm einen Schluck. Dann gab sie die Dose an Barbie zurueck. „Hier, Kleine!“ Sie klopfte auf die Schulter von Ken und lief hinueber zur Kasse. Es dauerte eine Weile bis Ken und Barbie ihren strahlend weissen Zahnersatz schlossen und einem Aldi-Sued-Mitarbeiter empoert davon erzaehlen konnten. Unterdessen hatte Lia bereits das Geschaeft verlassen und winkte Barbie und Ken Zunge herausstreckend zu.

Die Sonne war bereits untergegangen und die Gebaeude um die Strasse herum warfen dunkle, grosse, breite Schatten, die die wenigen insektenbefallenen Strassenlaternen nur mit Muehe beseitigen konnte. Je naeher Lia dem finsteren Strassenabschnitt kam, desto misstrauischer wurde sie. Eigentlich war sie zwielichtige Menschen gewohnt. Das Hochhaus in dem sie lebte, wimmelte nur von eigenartigen Typen und auch auf der Strasse musste sie schon oft Gesellen begegnen, bei denen sich ihr Magen vor lauter Argwohn zusammen krampfte. Auf einmal blieb sie stehen. Auf der anderen Strassenseite hatte sie eben noch aus den Augenwinkeln eine Person ausmachen koennen, die hinueber zu ihr sah. Jetzt, wo sie ihren Blick direkt dorthin warf, war dort keine Menschenseele. Nicht einmal die Blaetter bewegten sich. Lia wandte ihren Blick wieder auf den Buergersteig vor ihr. Je weiter sie lief, desto dunkler wurde es, so kam es ihr vor, und der einzige Lichtschein, der ihr die Sicht erleichterte, ging von einer kaputte Strassenlaterne auf der anderen Strassenseite aus. Sie lief hier recht oft entlang, allerdings meistens bei helligtem Tag. Das Glas der Lampe war gesprungen und das rostige Metallrohr, durch das alle Kabel der Lampe durchgezogen waren, war verbogen und von dreckigen Stickern uebersaet, die man beim besten Willen nicht mehr erkennen konnte.

Lia spuerte, wie die Wirkung ihres letzten Energys nachliess. Sie wurde immer mueder und die Nachtluft kam ihr immer kaelter vor, sodass sie sich entschied ihre Jacke zu schliessen. Etwas tief in ihr drin hatte das Beduerfnis loszurennen. Doch sie wusste nicht warum, bis sich ein Arm von hinten um ihren Hals schlang und sie jemand in eine duestere, schaebige Seitengasse zog. Sie wollte schreien und versuchte mit all ihrer verfuegbaren Kraft den Arm von ihrem Hals zu trennen, aber der Arm blieb wo er war und schnuerte ihr die Luft ab, sodass ein Schrei hinsichtllich der Situation den verfuegbaren Sauerstoff in ihren Lungen auf einmal aufbrauchen wuerde. „Wehren bringt dir nichts, also hoer auf. Ich lasse dich gleich los, wenn du deinen Mund haelst und mir zuhoerst.“, fluesterte der Fremde in einem ruhigen Ton, der fuer Lia in dieser Situation seltsam erschien. Obwohl sie es hasste, Befehle zu befolgen, hoerte sie auf sich zu wehren und wartete. Sie wartete bis sie den Sauerstoffmangel bereits in den Beinen spuerte. Oder war das ihr Kopf? Dann, endlich, liess er sie los. Der Mann drehte sie um, hielt ihre Haende ueber ihren Kopf und presste sie gegen die Wand. Dann sah er nach rechts auf die Strasse, auf dessen Buergersteig sie gerade eben noch gestanden hatte.

Eigentlich waere das der perfekte Moment gewesen, diesem Widerling zwischen die Beine zu treten und wegzurennen, aber stattdessen musterte sie ihn nur. Er war etwas kleiner als sie. Staemmig. Seine Haare kamen ihr auch in dieser duesteren Ecke heller als ihre eigenen vor. Sie waren kurz, standen ihm in alle Himmelsrichtungen ab und ueberdeckten kaum den Kratzer der schraeg auf der Wange des Fremden froehnte und beinah seinen Nasenruecken kreuzte. Er drehte seinen Kopf leicht zu ihr und starrte sie an. Seine Haut war blass und auf der anderen Wange von kleineren, fast gleichmaessigen Wunden uebersaet, als ob er mit dieser Gesichtshaelfte auf eine Kaesereibe gestuerzt war. Grinsend fragte sie sich, ob es ihm weh tun wuerde, wenn sie ihn dort kratzen koennte. Der Fremde liess ihre Haende los. Als sie mit einer Hand sein Kinn entlang fuhr, spuerte sie die zarten Stoppel eines Dreitagesbartes, der bei diesen Lichtverhaeltnissen kaum zu erkennen war. Sie wollte gerade fragen, wer er war und was er von ihr wollte, als der Mistkerl ihr doch tatsaechlich den Mund zuhielt.

Sei leise oder wir haben beide ein Problem.“, knurrte er kaum hoerbar. Sein Atem war warm und unregelmaessig. Hatte er vielleicht Angst? Oder war er nervoes? Wegen was? Er bedachte sie mit einem leichten Stirnrunzeln bevor er noch einmal die Gasse hinaus starrte. Dann wandte er sich wieder ihr zu. „Du hoerst mir jetzt genau zu! Gleich laeufst du einfach den Buergersteig entlang, als waere nichts vorgefallen. Ich begleite dich bis du im Gebaeude bist. Du gibst keinen Laut von dir und du tust auch nichts Auffaelliges wie etwa nach hinten zu schauen. Du verlaesst deine Wohnung heute nicht mehr und wenn du oben angekommen bist, gehst du einfach ins Bett und schlaefst bis morgen Mittag durch, verstanden?“, befahl er ihr im Fluesterton. Er klang immer noch ruhig, obwohl sein Atem und eine kleine Schweissperle, die gerade seinen Hals hinab rann vom Gegenteil ueberzeugen koennte. Seine Augen fokusierten ihre. Er konzentrierte sich ganz auf ihre Reaktion. „Hast du verstanden, Lia?“ Der Fremde bedachte sie mit einem leicht grimmigen Gesichtsausdruck. Lia nickte kaum merkbar. Sie war so kurz davor, ihm weitere Fragen zu stellen, verkniff sich diese aber. Er wuerde sie wohl eh nicht beantworten.

Gemeinsam verliessen sie die Gasse und mit jedem Meter, den sie gingen, nahmen ihre Schritte an Geschwindigkeit zu. Der Unbekannte schien leicht voraus zu marschieren. Ganz so als ob er den Weg bereits kannte. Im Licht der Strassenlaternen konnte sie seine stahlgrauen Augen erkennen, die sie einen Moment zuvor noch leicht bedrohlich durchbohrt haben. Doch sie hatten auch etwas besorgtes an sich. Ganz so, als würde er etwas Unerwünschtes erwarten. Ohne Worte lief sie neben ihm her und versuchte moeglichst nicht auf ihren Gefaehrten und die Umgebung zu achten. Da er nicht sprach und sich auch sonst nicht bemerkbar machte, war das mehr als einfach. Es fiel ihr beinahe zu leicht. Kurz vor der Haustür des Wohnblicks, in dem sie lebte, wandte sie sich um, um dem mysteriösen Fremden eine Frage zu stellen, bevor sich ihre Wege trennten, aber als sie der Tür den Rücken zuwandte, war der Mann nicht mehr da. Erfolgslos durchsuchten ihre dunkelbraunen Augen die Dunkelheit. Lia schüttelte den Kopf. Das war sicher alles nur eine Einbildung gewesen.

Es kam ihr komisch vor, wie selbstverständlich sie die Tür öffnen und sich ohne Unterbrechungen den Weg zu ihrer Wohnung durchschlagen konnte, der durch den schäbigen alten Fahrstuhl um einiges erleichtert wurde. Sie fühlte sich trotz der bekannten Umgebung bedroht, beobachtet. Als sie im achten Stock angekommen war, suchten ihre Augen bereits den Flur nach etwas Unbekanntem ab. Aber sie konnten nichts finden. Die cremefarbenen Wände sahen genauso langweilig aus wie immer. Seit dem mysteriösen Verschwinden ihrer Nachbarin wurde eben lediglich dafür gesorgt, dass die alten Tapeten wieder zu Farbe kamen.

Lia schob ihren Schlüssel ins Schloss, doch bevor sie ihn umdrehte und in ihr Heim marschierte, drehte sie sich noch einmal um. Ihr lies es keine Ruhe, dass der Mann von vorhin ihr vorzuschreiben meint, sich nicht umzudrehen. Was meinte er damit? Soll das ein verfluchter Scherz gewesen sein? Ein behinderter Scherz? Oder eine vorsorgliche Maßnahme von Daniel? Oder Alex? Oder von ihrem Bruder? Lia wusste es nicht. In der Wohnung angekommen, stellte sie ihre Einkaufstasche in der Küche ab und setzte sich im Wohnzimmer auf ihre Couch. Es kamen ihr wie Stunden vor , in denen sie da saß und ihre Gedanken einem Durcheinander glichen, als sie, mitten in der Nacht, wieder dieses Klopfen wahrnahm. Aus der Gewohnheit heraus, zog sie ein Steakmesser aus der Küchenschublade und lunste durch den Spion. Sie sah niemand. Gerade wollte sie die Tür öffnen, als sie etwas Kaltes an ihrem Nacken spürte. „Ich sagte, du bleibst hier!“

 

 

 

Jeff

Heiss. Auf diesem Bett war es so heiss. In diesem Raum gab es kaum mehr Luft. Steh auf, kommandierte er sich in Gedanken, und öffne das gottverdammte Fenster. Mühsam schwang er seine Beine aus dem Bett und zwang sich aufzustehen. Jeffs Kopf dröhnte etwas und seine Gliedmaßen schmerzten. Immerhin war die Matratze besonders angenehm gewesen und die Bettwäsche roch gut und war geschmeidig.

Durch das Fenster strahlte die warme, morgendliche Sonne und hüllte Jeff in unangenehme Hitze sowie unerträgliches Licht. Ein neuer Tag war angebrochen. Widerwillig zog er die Gardinen nun vollständig weg vom Fenster. Als er es öffnete kam ihm der Geruch von nassem, kaltem Laub entgegen, der schlagartig seine Laune anhob. Der frische Zug machte den Sauerstoff gleich viel wohlschmeckender. Mit jedem Atemzug fühlte er sich wacher. Er konnte immer mehr freigesetzte Energie wahrnehmen, die auf einen Verwendungszweck wartete. Aber heute war noch nicht der Tag gekommen. Jeff lachte. Das Kopfkino war einfach zu herrlich, das ihm gerade durch den Kopf ging.

Auf dem Weg in die Cafeteria grinste er schadenfroh vor sich hin, was für den einen oder anderen Gast sicher etwas Unangenehmes an sich hatte, dass niemand so recht erklären konnte. Er konnte ihre Blicke auf seinem Rücken spüren, als er sich bediente. Jeff konnte einen Familienvater schwitzen sehen. Was der dachte, lag sicher im Bereich des Möglichen, wenn er Jeff weiter anstarren würde. Oder es war die Verantwortung der Hitze, die mit dem Licht die Halle flutete. Zur Bestätigung grinste er den Vater an und begab sich an einen leeren Tisch. Er machte sich erst gar nicht die Mühe, sich die Serviette in sein Shirt zu stopfen oder gedanklich eine Reihenfolge für die kohlenhydratarrme Nahrung auf seinem Tablett auszumachen. Nach einem ausgiebigen Frühstück würfelte Jeff sich ein Lunchpaket zusammen und checkte aus. Draußen stand die Sonne direkt über ihm und verstrahlte ungehindert seinen Hinterkopf als er die Straßen entlang schlenderte, auf dem Weg zu seinem Motorrad. Es stand, von dem gestrigen Sturm scheinbar unbeeindruckt, am Rand der selben Straße, in der er es hatte stehen lassen und hatte kaum einen Kratzer im schwarz-roten Lack, den er nicht schon kannte. Vorsichtig strich er mit einer Hand über das heiße Metall. Er hätte es vielleicht nicht so in der Sonne stehen lassen sollen. Ach was, dachte er, das bissch‘n Temperatur juckt mich nich‘! Schwungvoll stieg er auf und startete den Motor. Je weiter er von dem Hotel entfernt war, desto mehr Gas gab er, so dass die Reihenhaeuser in den Strassen geradzu an ihm vorbei rasten und er nur schaetzen konnte, wie viele Hausnummern er schon hinter sich gelassen hat. Jeff fuhr oestlich aus dem Ort. Als er an einer Kreuzung halten musste, sah er ein Paerchen, dass sich gerade gegenseitig aufzog und lachend ueber die Strasse lief. Beide stiessen sich mit ihren Elleboegen in die Seiten, klauten einander die Nasen oder gaben sich eigenartige Kosenamen. Als es der jungen Frau zu viel wurde schubste sie ihn etwas. Der Mann schien gekuenstelt beleidigt, verschraenkte die Arme und schmollte in die entgegengesetzte Richtung, bis sie ihm kichernd versuchte, durch die Haare zu fahren. Das erinnerte Jeff an die Gespraeche und sinnlosen Diskussionen, die er mit Lia hatte, bevor sie sich wieder streiten mussten. Hatten sie je eine Bedeutung? Hatte das alles ihr ueberhaupt etwas bedeutet? Fuer ihn gab es darauf keine Antwort. Es war ihm egal. Er vermisste es nicht. Nicht eine Sekunde. Es gehoerte nun der Vergangenheit an. Diese Zeit war an ihm vorbeigerast. Jeff musste wieder grinsen. Und ihre ganze Existenz wuerde folgen. Er schnaubte. Dieses verlogene Teufelsweib! Und dann musste sie immer noch einen drauf setzen! Oder zumindest das letzte Wort haben, diese Biatch! Er rollte mit den Augen. Konnte sie es nicht akzeptieren, dass er genug hatte? Nein, es war sie, die es beenden musste. Damit sie herumerzaehlen konnte, wie sehr er doch darunter litt. Ja, ja. Bestimmt hatte sie sich bei einem ihrer guten Freunde namens Alex die Augen ausgeheult und war bereit von dem Dach ihres Wohnblocks zu springen. Es wuerde sich sowieso kaum einer darum kuemmern. Die wuerden sich eher wegen der dreckigen Leichenteile auf dem Boden beschweren, fluesterte er leise waehrend sein kuehles, schadenfrohes Grinsen wieder auftauchte.

Jeff raste auf die Autobahn. Der Wind, der gegen seine Brust peitschte, kuehlte ihn angenehm ab. Selbst durch seine schwarze, schwere Schutzkleidung konnte er das erfrischende Lueftchen spueren, dass durch die Oeffnungen stroemte. Die Baeume stahlen sich an ihm vorbei, als er in die Kurve einlenkte. Im Kontrast zum Gegenwind, strahlte der Asphalt unglaubliche Waerme aus, obwohl er grossflaechig von den Nadelbaeumen vor der hartnaeckigen Sonne geschuetzt wurde. Der Himmel war wolkenlos und die Sonne verteilte angenehme Waerme an alles Leben. Fuer ihn war es trotzdem zu warm. Waerme, Naehe, Zuneigung, Mitleid, - alles Dinge, die er nicht leiden konnte. Unnoetig, dachte er.

Spaet am Nachmittag war er schon soweit gefahren, dass er kaum mehr als zweieinhalb Stunden bis nach Hause gebraucht haette, wenn sein Sprit nicht leer gewesen waere. Er musste also stattdessen absteigen und sein Motorrad eine halbe Stunde zu Fuss zur naechsten Tankstelle schieben. Und als waere der Weg mit einem ausser Kraft gesetzten Motorrad nicht genug, so hatte sich der schnauzbaertige Tankwart gerade entschlossen eine Mittagspause einzulegen und bestand darauf mindestens sein Brot mit Fruehstuecksfleisch essen zu duerfen, bevor er ihn bediente. Jeff hatte ihm drohen muessen, damit der Tankwart sich vom Fleck bewegte. Die erste Reaktion dieses Mannes war es, nach dem Telefon zu greifen und 110 zu waehlen, aber aus Gruenden der eigenen Sicherheit liess er es bleiben. Jeff mochte diesen Menschen nicht und es haette ihm Freude bereitet ihn ganz langsam hinzurichten, allerdings waere das eindeutig zu auffaellig gewesen – besonders am Tag. Und so beliess er es bei seiner Drohung und bekam von dem nervoesen Angestellten einen schwarzen Kaffee to go geschenkt, den der Mann wohl gerne selbst getrunken haette, da er das alles fuer einen eigenartige Alptraum zu halten schien. Mit dem Kaffee in der Hand konnte und wollte er aber nicht gleich weiterfahren und so entschied er sich, etwas in dieser Gegend herumzuschlendern. Eventuell wuerde er etwas in den Laeden der Stadt finden, dass er benoetigen koennte. Aber er bezweifelte es. Dutzende von billigen Kleiderlaeden ohne Visite und Geschmack schwammen am Rande seines Blickfelds. Bettler flehten ihn um eine milde Gabe. Jeff ignorierte auf seinem Rundwewg alles um ihn herum. Nachdem er eine grosse Runde zurueckgelegt, seinen Kaffeebecher geleert und entsorgt hatte und wieder bei seinem Eisenpferd angekommen war, wollte er einfach weiterfahren. Es wuerde noch ein langer Weg werden.

 

 

 

Jenny

Krrck! Krrck! Es knackte noch einmal. Krrck! Und noch ein letztes Mal, dann hoerte alles auf. Dieses unangenehme Gefuehl, das Knacksen und Knirschen von Knochen. Alles hoerte auf. In der letzten Nacht war Jenny ein paar Mal aufgewacht. Sie konnte es sich selbst nicht erklaeren, warum. Einmal, als sie aufgewacht war, hatte sie das Gefuehl, dass etwas nicht stimmte. Aber es war nichts. Jedes Mal schliefen alle seelenruhig in ihren Betten oder schauten noch fern. Auch in ihrer Schule konnte sie es nicht verdraengen. Da war dieser Hintergedanke, der sie stetig beschlich, es koennte sich dabei wirklich um geschicktes Stalking – und dazu um eine ihr bekannte Person – handeln. Aber nein, warum sollte das denn passieren. Jeff hatte ihr gesagt, dass er nichts derartiges vorhatte und zu den anderen beiden hatte sie kaum bis gar keinen Kontakt mehr. Sie liebte es, diese miesen kleinen Drecksluder zu provozieren und wuerde liebend gern auch darueber hinaus gehen, doch ihr war bewusst, welche Risiken dann wohlmoeglich auf sie warten wuerden. Sie wusste nicht, ob sie ihm trauen konnte, aber selbst Jeff hatte sie vor den Konsequenzen gewarnt. Und er musste es doch wissen, oder nicht? Ausser das alles war nur eine dumpfe Show, eine einzige Taeuschung. Aber wozu? Was sollte es ihm bringen, sie zu verarschen? Sie stand von ihrem Stuhl auf und nahm ihr Smartphone in die Hand. Jenny war sowieso groesser als er, dass wusste sie, aber wuerde das einen Unterschied machen? Er weiss sicher nicht einmal, wo ich wohne. Warum sollte ich mir also darueber Gedanken machen, was er mit mir anfangen koennte?, dachte sie. Jenny verliess den Raum ohne weiter darueber nachzudenken. Es koennte sich immerhin auch nur um einen Streich gehandelt haben, behielt sie in Gedanken. „Aber es hat gestuermt“, murmelte sie vor sich hin. Diese ganze Situation stank zum Himmel. Und ihr war langweilig.

 

 

 

Unbekannt

Base, Snare, Base, Base, Snare, Base, dieser Beat. Er ging ihm ins Blut. Sein Blut das unaufhaltsam durch seine Venen schoss und von seinem Herzen unregelmaessig wieder in die Arterien gepumpt wurde. Dieser Beat, der ihm am Leben hielt. Jeder Tritt mit der Base zeichnete sein Leben aus, jeder Schlag auf die Snare koennte ihn von seiner Freiheit trennen. Er wusste es genau. Schweissperlen standen ihm auf der Stirn, als er die Bewegung seiner Beine beschleunigte. Kalt. Es war so kalt. So verflixt kalt, verdammt! Und nass. Schnell bog er um die Ecke. „Wo ist er?“, hoerte er die Cops fragen. „Keine Ahnung! Ich habe ihn verloren.“, kam die Antwort.
Er musste sie verlassen. Aber haette er sein Ziel nicht auch anders erreichen koennen? Ganz sicher war er sich nicht. Wenn er nur gefluechtet waere, haetten sie ihn gesucht oder zumindest die Polente an seine Fersen geheftet. Er durfte nicht gehen. Es hatte einen Grund, dass er an diesem Ort gewesen war, wenn er sich ihm auch nicht erschliessen wollte.
Hinter ihm konnte er immer noch ihre Schritte hoeren. Noch gaben sie nicht auf. Sie suchten ihn, doch er war nicht dort, wo sie suchten. Er rannte weiter. Immer weiter und weiter. So weit, wie ihn seine Fuesse trugen ehe sie anfingen zu schmerzen und dieses Gefuehl weiter hoch in seine Waden, dann in seine Oberschenkel kroch und ihn zum Stillstand zwang.

Diese Erinnerungen durchbohrten ihn. Er hatte sie getoetet. Sie alle. Waren sie nicht seine Freunde geworden? Er hatte sie ohne zu zoegern enthauptet. Er erinnerte sich noch genau daran, wie er die Machete hielt, sie nahe dem Halsansatz in der Luft ansetzte, ausholte und die Klinge schwungvoll in das Fleisch der Gleichaltrigen sowie der Betreuer geschlagen hatte. Er haette sie einfach vergiften koennen. Er haette sie verbrennen koennen. Aber dann haette er ihre leidenden Gesichter noch laenger ertragen muessen. So, war er sich sicher, war es besser.

Belanglos zogen die Gebaeude an ihm vorbei. Immer geringer war die Masse der Betonsaeulen mit eisernen Toren und Fenstern mit sicherem Glas. Der Asphalt sah immer abgenutzter aus und es kamen immer mehr Schlagloecher auf. Die Gehwege wurden einfacher. Schlussendlich verliess er die Stadt. Ein letztes Mal drehte er sich um und betrachtete den Ort, den er einmal Heimat nannte.
Er streckte seine Hand aus, als koennte er damit die Daecher beruehren oder zumindest gegen eine unsichtbare Fensterscheibe schlagen. Dann nahm er sie wieder zurueck und schuettelte seinen Kopf. Das ungepflegte Kopfhaar peitschte durch die Luft. Fort. Sie waren fort. Alle. Er war es auch. Im Anbruch der Dunkelheit erreichte sein kalter Leib den Wald.

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Yuki Am 31.05.2019 um 10:54 Uhr
Was!! Ich verstehe gar nichts, ein wildes durcheinander.
Kommt denn da noch was? Irgendwas das den Schleier hebt und sichtbar macht?
Ich verstehe das es um Lia, Jeff und Jenny geht und dass war es, leider schon.
Soll daa die Vorgeschichte der dreien sein? Wenn ja braucht es mehr Erklärung an manchen stellen, um Licht reinzubringen.

Sei mir nicht böse, das ich es so schreiben musste. Anders konnte ich es nicht ausdrücken.

Gruß Yuki
Lese-Challenge: 25 Titel, Titel 11; zwei Worte
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Autor

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Eine Bewertung

Statistik

Kapitel:2
Sätze:453
Wörter:5.391
Zeichen:33.159

Kurzbeschreibung

Drei unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Gegenden, unterschiedlichen Verhältnissen mit unterschiedlichen Eindrücken voneinander, die sich im Internet kennengelernt haben, begegnen sich.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Vermischtes auch im Genre Alltag gelistet.