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Hangover

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02.04.24 12:13
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Mein Sozialkamikaze kam für mich etwas überraschend. Nach dem Erwachen funktionierte noch alles auf Autopilot: Zähne putzen, duschen, anziehen ...
Der jähe Absturz meines Betriebssystems übermannte mich erst am Frühstückstisch. Beim ersten schleppenden Gedankengang meines Brummschädels umwehte mich der Hauch einer Ahnung, dass es mir am Vortag gelungen sein könnte, einige Fehler apokalyptischen Ausmaßes begangen zu haben. In einer Art trotziger Restwürde rief ich meinen Arbeitskollegen an.
Also …“, begann ich meine Verteidigung, „ich hatte gestern einfach nur mal Lust auf eine kleine Tragödie überschaubaren Ausmaßes ...“
Er meinte nur:“ Lass dich besser `ne Zeitlang krank schreiben, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Ein Jahr lang oder zwei.“
Ich brauchte dringend ein Attest, eine Absolution. Noch besser: Ein anderes Leben. In einer anderen Stadt. Auf einem anderen Kontinent.
Was sollte ich meinem Hausarzt erzählen? Dass ich innerhalb kürzester Zeit meine Ehe, meine verhängnisvolle Affäre und meinen Job geschreddert habe? Dass die emotionale Klimaanlage, die bisher alle bei Laune hielt, plötzlich ein Leck bekommen hat? Dass ich zugunsten meines falsch verstandenen Harmoniebedürfnisses zu lange ausgehalten, Stillschweigen gewahrt und Unmut eingelagert hatte? Dass ich gestern an akuter Affektinkontinenz gelitten, tabula rasa gemacht und meinen nervenaufreibenden Job fristlos gekündigt hatte, weil ich „mit der Gesamtsituation“ nicht mehr klargekommen bin?
Beispielsweise damit, die Geliebte eines verheirateten Mannes zu sein. Dem ich „Ausgewogenheit“ verschaffte - wie er das nannte, was für mich seit Jahren eine emotionale Achterbahnfahrt bedeutete. Weil ich die Arschkarte gezogen habe: Ich liebte einen Betrüger. Der mich vermutlich in seinem Filofax als fuck-to-go abgespeichert hatte, unter all den anderen Egofuck-Terminen seines erfolgreichen Businesslebens …

Ich rief in der Praxis meines Hausarztes an und sagte, es sei dringend.
Im Wartezimmer wurde ich unruhig und mit zunehmender Panik überschlug ich sämtliche Krankheitssymptome, die ich vortäuschen könnte, damit es für eine längere Krankschreibung reichte: Magen-Darm, grippaler Infekt … die Diagnose Burnout war vor der Jahrtausendwende noch nicht erfunden. Wenn ich Pech hatte, würde mein Arzt mich für Hysterisch halten und mir eine Packung Psychopharmaka in die Hand drücken.
Nach einer Stunde bekam ich Herzrasen und schweißnasse Hände. Mein Pech: Lügen gehörte nicht zu meinen Kernkompetenzen. Deswegen arbeitete ich auch in einem unterbezahlten, sozial-medizinischen Bereich der Psychiatrie und nicht bei der Bank. Oder in der Politik.
Als ich aufgerufen wurde, war ich so nervös und fahrig wie ein Kind vor seiner ersten Schulaufführung.
Zu meinem Erstaunen saß mir im Sprechzimmer mein Arzt mit kahlem Schädel und tiefschwarzen Augenschatten gegenüber. Ich war lange nicht mehr krank gewesen nun sah ich, dass er wohl gerade eine Chemo hinter sich hatte. Kranke Ärzte sieht man schließlich nicht jeden Tag und er wirkte so erschöpft, dass ich bei seinem Anblick sofort weinen musste. Währenddessen studierte er meine Krankenunterlagen. Wir hofften beide, dass ich mich irgendwann beruhigte und versuchten, professionell geschulte Coolness vorzutäuschen. Erfolglos.
Unter hemmungslosem Schluchzen brachte ich nur noch Worthülsen heraus: „... meine Scheidung … die Arbeit … kann einfach nicht mehr ...“
Er nickte stumm. Dafür hätte ich ihn küssen können. Gut, dass er meinen Arbeitgeber kannte, die Arbeitsbedingungen und einige meiner Patienten, alle chronisch psychisch krank.
Chronisches Erschöpfungssyndrom“, sagte mein kranker Doktor und ich brauchte eine Zeit, bis ich realisierte, dass er mich meinte. Ich war so verdutzt, dass ich abrupt aufhörte zu schluchzen: „Wer, ich?“
Ich klang wie eine Diva, der man gerade gesagt hat, dass sie fürs Liebhaberinnen-Fach zu alt war.
Was sie jetzt dringend brauchen, ist Ruhe“, sagte mein Gegenüber im Hausarzt-Modus. Ich nickte und dachte: Du aber auch.
Als ich die Praxis verließ, hatte ich eine Krankschreibung, die Erlaubnis zum Ausruhen und einen Antrag für eine Reha in der Tasche.
Ich glaube, ich hätte mich besser in meinen Hausarzt verlieben sollen. Der verstand mich - ohne zu wissen, wie es zu all dem gekommen war:

Gestern war so ein Scheißtag. Eigentlich war mir nicht mehr danach, auch noch einen enthusiasmierten Empfang in Strapsen, High Heels und roter Rose zwischen den Zähnen für meinen Liebhaber hinzulegen. Stattdessen hatte ich sogar ernsthaft in Erwägung gezogen, ihm einen Geschenkgutschein für den Puff unter der Tür durchzuschieben.
Natürlich tat ich nichts von alledem - sondern habe erfolgreich versucht, meinen Groll in Prosecco zu ertränken, während ich auf ihn wartete. Als er endlich klingelte, war ich in einer Stimmung, die nichts Gutes verhieß und meldete mich an der Gegensprechanlage mit zitternder Greisinnen-Stimme: „Ist da mein Schnackseln auf Rädern? Kommen sie schnell rauf, junger Mann!“
Er fand das überhaupt nicht lustig. Schon deshalb nicht, weil meine Nachbarin, eine Kampfseniorin, neben ihm stand und sichtlich angesäuert alles mit angehört hatte.
Seit wir uns Morgens im Flur begegnet waren, mochte sie mich nicht mehr. Kaum hatte ich das Treppenhaus betreten, kam sie auch schon aus ihrer Wohnung geschossen und keifte: „Sie haben schon wieder nicht den Flur gewischt! Hier! Da sind die Tapsen von meinem Bruno!“
Ich habe es mit freundlichem Zynismus versucht und geantwortet: „Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Und habe jetzt keine Zeit für Belanglosigkeiten.“
Bevor ich endgültig die Treppe runter ging, habe ich mich noch einmal umgedreht:“Und außerdem bin ich dafür, dass alte, dicke Frauen keine kleinen Hunde anschaffen dürfen, die zwischen ein Brötchen passen. Ihnen auch einen schönen Tag!“

Als ich endlich in meinem Büro saß, wartete dort die nächste Zumutung auf mich: Der Azubi mit einer Liebesbotschaft unseres Müllbeauftragten, Hausmeister Krause, der eigenhändig auf die Tasten seiner Schreibmaschine gehackt hatte: hAuSmÜLL WieDeR NiCHt oRdNUNgSGEMÄS GEtReNNT!
Die scharfen Krallen der Banalität legten sich erneut um meinen Hals. Wie eine Alleinerziehende habe ich geseufzt:„ Was haste wieder angestellt, Junge: Deine gebrauchten Kondome in der Biotonne verklappt?“
Was weiß denn ich, wie man Müll trennt?“, hat er nur desinteressiert mit den Achseln gezuckt.
Solltest du aber wissen: MÜ - HÜLL. Comprende?“
Mein sonst chronisch missgestimmter Kollege initiierte so etwas wie ein Lächeln: „Könntest du dich bitte woanders hinsetzen und Scheiße drauf sein, Darling?“
Schmallippig habe ich geantwortet: „Schön, wie gut du heute drauf bist – das kommt davon, wenn man so viele Lieblingsmedikamente hat.“

In der Mittagspause bin ich dann schnell bei meiner Mutter vorbei, die sich beschwert hatte, dass ich nie Zeit für sie habe. Zwischen uns herrschte irgendwie so eine ungesunde Energie. Kaum öffnete sich die Tür, hatte sie gleich was an mir auszusetzen: Wie siehst du denn am Kopf aus, soll das `ne Frisur sein? Und der Rock tut übrigens auch nichts für dich!“
Ermattet habe ich gefragt: “Gibt es eigentlich irgendetwas an mir, das deine Zustimmung findet, Mama?“
Daraufhin hat sie geseufzt - wie eine, die es im Leben schwer hat - und geantwortet: „Ich bin deine Mutter. Ich muss dich liebhaben.“
Dann hielt sie einen ihrer larmoyante Monologe über die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und ihre undankbaren Kinder im Besonderen und ist mir damit so dermaßen auf den Keks gegangen, dass ich eine diskrete Sterbehilfe mit einem ihrer handbestickten Sofakissen in Erwägung gezogen habe.
Doch bevor ich sie meucheln würde, verabschiedete ich mich schnellstens: Ich müsse mich beeilen, um Iris noch im Cafe zu treffen.
Wenn dir deine Freundin wichtiger ist als deine Mutter“, hat sie geantwortet und war froh, wieder einen neuen Grund zu haben, beleidigt zu sein.

Gott sei dank hat man ja Freunde. Im Café war ich gerade mittendrin, mit Lieblingsmensch Iris ein Kübelchen Misslaunigkeit auszutauschen und ihr den ganzen Mist zu erzählen, als mir auffiel, dass sie fortwährend mit ihrem Handy beschäftigt war. Während ich redete, checkte sie ungeniert ihre Mails und beantwortete sie. Sie hätte auch sagen können: „Laber ruhig weiter, Liebelein – hier kommt gerade was wirklich Interessantes!“
Dass ich ihr das Teil kurzerhand aus der Hand geschlagen habe, tat mir hinterher auch leid. Die halten aber auch echt nichts aus, diese Dinger!

Abgehetzt bin ich wieder zurück an meinen Arbeitsplatz, diesem Schandasialand der Eintracht und konnte gerade noch die Nachricht in meinem Profil bei ELUTE – PARTNER lesen: „Dönermitalles will dich kennenlernen!“
Oha. Was macht man bei einem Date mit einer Cyber-Bekanntschaft? Legen wir beide unsere Notebooks oder Handys auf die Theke, setzen uns nebeneinander und tippen drauflos?
Ich habe geantwortet: „Kein Interesse“ und dabei gedacht: Was soll ich mit einem Bak (Besser als keiner)? Was ich brauche, ist ein BeP (beziehungsfähiger Partner) – doch wo gibt es so was heute noch?
Dann war es höchste Zeit, mich für die Dienstbesprechung vorzubereiten, doch mein Handy vibrierte: Ein weiteres Mitglied meiner dysfunktionalen Familie buhlte um Aufmerksamkeit: Das erste Kind meiner Mutter. Meine ältere Schwester war vor einigen Jahren in einen ziemlichen Schlamassel hineingeraten: Meinen Schwager. Nun hatte sie mit den Folgen zu kämpfen: Er vögelte alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Ich versuchte, zu trösten. Alles wie immer. Nur sagte ich am Ende: „Gib ihn mir mal!“
Das Gespräch mit meinem Schwager war kurz. Ich hatte nicht vor, mit diesem Blödmann zu kämpfen: Kämpfe nie mit einem Schwein. Dabei werden beide schmutzig – doch nur dem Schwein gefällt das. Ich winkte nur mit der Aussicht, ihm bei unserem nächsten Zusammentreffen heiter ins Gemächt zu treten und beendete unsere kleine Konversation mit den freundlichen Worten:“ … und entschuldige dich gefälligst bei meiner Schwester, sonst trete ich dir ins Gemächt und enteiere dich!“

Eine Stunde später, im heiteren Strudel meines Arbeitstages: Dienstbesprechung. Dieses nette Plauderstündchen meines Vorgesetzten mit sich selbst konnte man wieder mal echt knicken. Er war es gewohnt, seine Untertanen via Dienstvorschriften zu regieren. Sein Ersprochenes entbehrte jeder Grundlage. Was die realen Probleme unseres Dienstalltags betraf, lebte er auf jenem fernen Planeten, der zu recht den Namen „Planet der Ahnungslosen“ trug.
Während er wie gewohnt in den üblichen Parametern männlicher Dominanz daher laberte, schrieb meine Sehnsucht mit Leuchtschrift an die Wände meiner Seele: HALT EINFACH MAL DIE KLAPPE, DU SPACKEN!
Und dann habe ich mir den Spaß gemacht, ihm vor versammelter Mannschaft zu widersprechen. Am Ende war ich so damit beschäftigt, Recht zu haben, dass ich nur noch keifen konnte: „... und ich habe schon lange keine Lust mehr, mir ihre dienstlichen Zumutungen als „Herausforderungen“ schönreden zu lassen!“
Von meinen Kollegen hatte ich nicht gerade eine Solidaritäts-Polonaise erwartet – aber dass alle so dermaßen penetrant geschwiegen haben … auch dann noch, als mein Chef mir geraten hat, ich solle doch mal meine „Anspruchs- und Erwartungshaltung“ genauer überprüfen.

Diesem Vorschlag bin ich dann, spät Abends, gefolgt: Man nehme schwelende Konflikte und tunke sie in Alkohol. Ein Fläschchen Prosecco am frühen Abend, bevor mein Galan kam, ein Fläschchen Schabau, während er mir beiwohnte und viel später noch der ein oder andere Schlummertrunk …
Bezüglich meiner Anspruchs- und Erwartungshaltung war mir - auch ohne viel Grübeln – nun sonnenklar, wie meine Mitmenschen diesen, von vorne bis hinten versauten Tag beurteilen würden: Selber Schuld: Wie zickig, nicht mehr in Duldungsstarre und ohne den Sonnenschein der Ermutigung im Hamsterrad seines Chefs strampeln zu wollen. Wie prüde, keinen Bock auf Gefälligkeitssex mit verheirateten Männern zu haben.Widerlich unsensibel, es nicht ertragen zu können, dass Freundinnen ihre Smartphones als Seelentröster betrachten und nicht mich. Ignorant, die großen Probleme der Nation: Flurwoche und Mülltrennung, so schnöde abzutun. Kaltherzig und undankbar, der besten aller Mütter nicht zuzuhören, wie sie sich zum hundertsten Mal über dieselben Lappalien beklagt.
Beherzt griff ich zur Flasche, um einen weiteren, großen Schluck zu nehmen und mir Mut anzutrinken. Dann atmete ich tief ein und aus. Und sprach endlich mal Klartext: „Das finnichnichgut, sowasss!“
Ich war endlich bereit, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Also erst mal für mich.
Diesen Erkenntnisgewinn musste ich nach Mitternacht unbedingt schriftlich fixieren. In Form diverser Mails an die nähere und entferntere Verwandtschaft, meinen ehemaligen Geliebten und last but not least, an meinen Vorgesetzten:
„… zudem halte ich mich schon zu lange im Dunstkreis patriarchalen Deppentums auf, dass ich es vorziehe, meine Trennungskompetenzen dahingehend zu erweitern, dass Sie mich mal kreuzweise können: ICH finde JEDERZEIT und ÜBERALL einen besseren Job!“
Und dann habe ich, trunken vor Wonne, auf "senden" gedrückt …

 

 

 

 

 

 

 

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Diese Story wird neben Katastrophe auch in den Genres Ironie und Humor gelistet.