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And One

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16.7.2019 12:20
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
In Arbeit

1. Where should I start? Disjointed heart


Michael Kenji Shinoda

Noch eine Nacht. Es ist nur eine von unzähligen, die schon da waren und noch kommen werden. Ich habe nicht mitgezählt, wie lange ich jetzt schon hier bin. Vielleicht sind es vier Wochen, vielleicht auch zwei Monate. Es spielt keine Rolle, denn jeder Tag verläuft im Grunde gleich. Die Stunden werden unterteilt in Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Dazwischen täglich wechselnde Termine, Gespräche und Pflichtveranstaltungen. An den Therapien könnte ich ablesen, welcher Wochentag es ist, denn sie sind genau festgelegt und wiederholen sich Woche für Woche. Aber es ist mir egal. Ich habe es mir nicht gemerkt. Die Pfleger erinnern mich an meine Verpflichtungen, an denen ich regelmäßig teilnehmen muss. Aber sie können nichts daran ändern, dass nur mein Körper anwesend ist. Vielleicht merken sie das nicht einmal. Es interessiert mich eigentlich alles nicht. Nichts ist noch von Interesse für mich. Ich bin nicht sicher, an welchem Punkt in meinem Leben sich alles von mir entfernte. Das ist nicht schlagartig passiert, eher schleichend, ohne dass es mir richtig bewusst geworden wäre. Lange Zeit habe ich noch irgendwie funktioniert. Aber dann ging es irgendwann nicht mehr. Ich habe komplett abgeschaltet. Das war keine bewusste Entscheidung. Alles wurde seltsam gleichgültig. Meine vorherigen Pläne für mein Leben hatten irgendwann keine Bedeutung mehr. Ich habe den Sinn verloren. Selbst Essen oder Schlafen hat keine Bedeutung für mich. Ich existiere einfach nur. Es ist mir egal. Genauso gut könnte ich tot sein. Versucht habe ich das mit dem Sterben, aber nur halbherzig, weil es mir eigentlich egal war. Dummerweise haben ausgerechnet meine Eltern mich früh genug gefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht, bevor ich in der Badewanne verbluten konnte. Und dann haben sie mich einfach hierbehalten. Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, weil es mir völlig gleichgültig war. Ich weiß nicht, wie lange das jetzt her ist. Es interessiert mich nicht. Von mir aus können sie mich für den Rest meines Lebens hier einsperren und mit mir machen, was immer sie wollen. Die Psychologen nennen es eine Depression, die angeblich jeden ereilen kann. Und jetzt forschen sie wohl nach der Ursache oder danach, wie sie mir am wirkungsvollsten helfen können. Sie erreichen mich aber nicht, denn eigentlich bin ich ja gar nicht da. Das alles interessiert mich nicht genug, als würde ich mich mit meiner Situation auseinandersetzen. Denn ich fühle mich seltsam zufrieden hier. Ich bin gleichgültig, total unberührt. Mein derzeitiges Leben ist sehr bequem. Ich muss mir keinerlei Gedanken machen. Andere sorgen und entscheiden für mich. Nichts kommt noch an mich heran. Nacht für Nacht liege ich wach in meinem Bett und starre reglos in die Dunkelheit. Die Zeit hat keine Bedeutung, sie vergeht einfach nur. Meine Gedanken sind ruhig. Die Bilder fließen dahin und halten sich nirgendwo fest. Irgendwann werde ich wie immer einschlafen und dann beginnt ein neuer bedeutungsloser Tag. Sie haben mir ein eigenes Zimmer gegeben, in dem ich völlig ungestört bin. Am liebsten halte ich mich allein in diesem Raum auf. Ich mag die Stille und die Dunkelheit, sie sind mir sehr vertraut. Genauso sieht es in meinem Innern aus. Da ist sonst nichts mehr. Nur noch Stille und Dunkelheit. Ich habe mich gut versteckt. 


Chester Charles Bennington

Ich bin nicht freiwillig hier, und darum bin ich ganz schön genervt. Ich weiß ja, dass ich mich schon heute Morgen hier hätte melden sollen. Diesen scheiß Termin habe ich bestimmt nicht vergessen. Ich habe ihn nur verdrängt. Irgendwie habe ich gehofft, dass sie mich einfach vergessen würden. Haben sie aber nicht. Stattdessen kam tatsächlich die verdammte Polizei in die Kneipe und hat mich einfach mitgenommen. Sie waren zu Viert, deshalb hatte ich keine Chance zur Gegenwehr. Die lange, schweigsame Fahrt hierher war die reinste Tortur. Jetzt ist es Nacht und sie stehen immer noch neben mir. An der Anmeldung der geschlossenen Abteilung behalten sie mich wachsam im Auge. Dabei kann ich gar nicht mehr weglaufen. Es ist zu spät. Die Tür ist zu. Ich bin gefangen und zu weit weg von zu Hause. Der Richter hat es Therapie statt Strafe genannt. Aber darüber kann ich nur lachen, denn es gibt für mich kaum eine schlimmere Strafe, als dass ich irgendwo eingesperrt werde. Mann, ich habe keine Ahnung, wie lange der Unsinn hier dauern soll. Auch der Richter hat sich bei der Urteilsverkündung nicht festgelegt, und das macht mich ziemlich nervös. Zum Glück hatte ich heute Abend in der Kneipe schon genug getrunken, sodass meine Angst sich momentan in Grenzen hält. Ich bin nur tierisch genervt. Das große, fremde Gebäude geht mir auf die Nerven, das helle Neonlicht und die langen Gänge. Die vielen Menschen stressen mich, Polizisten und Krankenpersonal, die mir vorwerfen, mich nicht an Abmachungen zu halten. Dies ist ein abgelegener Ort, an dem sie die Verrückten einsperren, und ich habe keine Ahnung, wie ich hier gelandet bin. Ich will bestimmt nicht hier sein. Der Richter hat damals behauptet, hier würden sie mir helfen, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Dabei habe ich doch momentan mein Leben ganz gut im Griff! Endlich schien alles besser zu werden. Vor einiger Zeit hat Sean mich als Sänger in seine Band aufgenommen. Grey Daze gibt mir zum ersten Mal das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Das könnte wirklich was werden, wenn wir uns richtig reinhängen. Im Laufe meines verkorksten Lebens habe ich schon jede Menge Songs geschrieben, auf die ich wirklich stolz bin. Und mit Grey Daze nehmen sie endlich hörbare Gestalt an. Zu Hause haben wir mittlerweile schon einige Konzerte gegeben, bei denen ich gemerkt habe, dass ich mich auf einer Bühne richtig wohlfühlen kann. Ich kann mit dem Publikum interagieren. Ich kann so laut singen, dass die Dämonen in mir tatsächlich leiser werden. Es fühlt sich befreiend an, sich in einem Song die Seele aus dem Leib zu schreien. Das Publikum reagierte unterschiedlich auf unsere Musik, aber überwiegend gab es Applaus. Ich bin sicher, dass wir die Leute mit der Musik erreichen können. Grey Daze kommt jedenfalls gerade richtig in Fahrt. Und ausgerechnet jetzt müssen sie mich total aus dem Verkehr ziehen, mich rigoros auf Eis legen und mir diesen Scheiß hier aufzwingen. Das ist einfach nur großer Mist! „Sie hätten sich heute Morgen um 8 Uhr freiwillig hier bei uns melden sollen, Herr Bennington!” sagt diese Krankenschwester schon wieder zu mir und guckt mich vorwurfsvoll an. Die Frau ist auch genervt, denn sie hatte sich ihren Nachtdienst bestimmt ruhiger vorgestellt. Meine Ankunft gefällt ihr nicht, denn sie fürchtet, dass dadurch zusätzliche Arbeit auf sie zukommt. Ich schenke ihr ein freundliches Grinsen. Zum Glück bin ich ziemlich betrunken, sodass ich eine selbstbewusste Gleichgültigkeit ausstrahlen kann, die ich tief drinnen gar nicht empfinde. Ich kann an der Situation nichts ändern. Mir ist klar, dass ich hier vorerst nicht mehr herauskomme, und das macht mir zunehmend zu schaffen. „Tut mir leid”, lalle ich leise. Die Polizisten lachen spöttisch und füllen dann irgendwelche Papiere für mich aus. Sie erledigen lästige Formalitäten an der Anmeldung oder so was. Jedenfalls sind sie auf einmal alle abgelenkt, und ich werde plötzlich tierisch nervös. Ich fühle mich hier total falsch und fremd, denn ich gehöre hier nicht hin. Das miese Gefühl des Eingesperrtseins zehrt schon jetzt an meinen Nerven. Die Falle wird enger um mich. Ich bekomme das starke Bedürfnis, mich unverzüglich bewegen zu müssen. Aus einem inneren Impuls heraus laufe ich spontan los. Ich kenne mich in diesem Haus und dieser Abteilung nicht aus, denn ich war vorher noch nie auch nur in der Nähe dieses seltsamen Ortes. Darum laufe ich einfach den erstbesten Gang entlang. Ich laufe so schnell ich es in meinem betrunkenen Zustand kann. „Hey! Bleiben Sie hier!” ruft der eine Polizist mir verärgert nach. „Machen Sie doch keinen Quatsch, Herr Bennington!” ruft die Krankenschwester wütend. Die Menschen geben genervte und spöttische Geräusche von sich. Aber ich höre sie gar nicht. Ich will sie nicht hören. Ich möchte gar nichts mehr hören. Stattdessen hole ich tief Luft und fange an zu singen. Ich habe das Verlangen, die Nervosität in mir weg zu singen, die Bedrohung zu bekämpfen. Das Singen hilft gegen die Angst, die stärker zu werden scheint. Es fühlt sich gut an. Die vertrauten Texte beruhigen mich. Es tut gut, meine eigene Stimme zu hören. Das hat mich schon immer beruhigt. Schon als Kind hat lautes Singen mich oft glücklich gemacht. Ich laufe schnell durch die menschenleeren, scheinbar endlosen Gänge. Sie sehen alle gleich aus. Überall sind geschlossene Türen. Das Neonlicht blendet mich. Es ist mitten in der Nacht. Ich nehme an, dass die anderen Patienten um diese Uhrzeit wohl schlafen. Mein Krach wird sie vielleicht aufwecken, aber das ist mir egal. Ich bin besoffen und die Umgebung schwankt ein bisschen. Sie sollen mich einfach nur in Ruhe lassen.

2. I've got no commitment to my own flesh and blood


Michael Kenji Shinoda

Normalerweise bleibt es die Nacht über ziemlich still in der Abteilung. Die Patienten schlafen und das Personal verhält sich ruhig. Ich genieße die Ruhe sehr, bis ich irgendwann von selbst einschlafe. Wenn ich aus irgendeinem Grund mal nicht einschlafen kann, was nicht allzu oft vorkommt, dann kann ich die Nachtschwester jederzeit um eine Schlaftablette bitten. Sie gibt mir immer eine. Und spätestens mit der Pille bin ich bisher noch jedes Mal problemlos eingepennt. In dieser Nacht werde ich allerdings keine Tablette brauchen, denn ich bin müde und schon fast weggedöst. Plötzlich geht draußen auf dem Flur irgendein Krach los. Jemand macht da draußen unwillkommenen Lärm. Sofort bin ich wieder hellwach und tierisch genervt. Es kommt manchmal vor, dass ein Patient ohne ersichtlichen Grund durchdreht und anfängt zu schreien. Das stresst mich dann jedes Mal enorm, weil es meine innere Ruhe sehr unangenehm stört. Ich verstehe solche Aussetzer auch nicht, weil sie nicht den geringsten Sinn ergeben. Bisweilen verhalten sich die Menschen hier total krank. Mir ist zwar klar, dass gerade das wohl der Grund ist, warum die meisten hier sind, aber ich hasse solche Ausbrüche. Ich wünsche mir, die Idioten würden sich einfach nur zusammenreißen. Jetzt wird der Lärm draußen lauter, scheint sich ausgerechnet in Richtung meines Zimmers zu bewegen. Offenbar läuft jemand den Gang entlang. Ich erkenne langsam, dass er wahrhaftig dabei schreit. Das Geräusch hört sich jedoch merkwürdig an, als würde diese verrückte Person eigentlich singen. Die Wörter kann ich aber nicht verstehen. Mein Herz fängt an, unruhig zu schlagen, weil mich die Störung meiner Nachtruhe ärgert. Ich mag keine Störungen. Ich möchte nicht gestört werden. Knurrend halte ich mir die Ohren zu. Aber das Geschreie auf dem Gang wird nur lauter, weil die dreiste Person offenbar unaufhaltsam näher kommt. Einzelne Wörter werden erkennbar, dann ganz Sätze. „What's in the eye, can you tell me. Watching the time pass me by. There's so much locked up inside”, singt, nein brüllt dieser bekloppte Mensch. Inzwischen scheint er sich direkt vor meinem Zimmer aufzuhalten. 

Plötzlich sitze ich kerzengerade in meinem Bett, weil mich irgendwas aufschreckt. Die Stimme berührt mich eigenartig. Irgendwas hat abrupt meinen sorgfältig errichteten Schutzpanzer durchdrungen, und ich bin absolut schockiert darüber. Schon seit Ewigkeiten habe ich nichts mehr gefühlt, weil mir ja alles herrlich egal war. Da war einfach nur gar nichts in mir. Damit hatte ich mich längst abgefunden. Aber jetzt fühle ich plötzlich irgendwas. Etwas berührt mich. Sind es die Worte? Ist es diese fremde Stimme, die eine heftige, komplett unerwartete Reaktion in mir auslöst? Es ist eine wohlklingende Stimme, die trotz der unglaublichen Lautstärke ihre Harmonik nicht verliert. Unbestreitbar kann dieser total verrückte Mensch da draußen gut singen. „Don't go too fast, my friend. Or you'll loose controll”, schreit er jetzt und wiederholt es gleich nochmal. Wie ferngelenkt springe ich aus meinem Bett und lande mit nackten Füßen auf dem kalten Linoleum. Eigentlich will ich gar nicht hinausgehen. Von jeglichen Ärgernissen halte ich mich grundsätzlich fern. Nachts gehe ich niemals hinaus, höchstens, um aufs Klo zu gehen oder mir eine Schlaftablette zu holen. Jetzt will ich aber Nichts von beidem tun, und das beunruhigt mich enorm. Ich sollte lieber in meinem Zimmer bleiben. Aber ich möchte wahrhaftig dieser Stimme auf den Grund gehen, und das kapiere ich überhaupt nicht. Diese unerwartete Stimme interessiert mich. Das fühlt sich so dermaßen fremd und ungewohnt an, dass es mich fast erschlägt. Weil mich nämlich seit Ewigkeiten nichts mehr interessiert hat. Meine Füße laufen von selbst durch die Dunkelheit, geradewegs zur Tür hin. Ich kenne die Proportionen meines Zimmers im Schlaf und brauche kein Licht mehr, um mich hier drin problemlos zurechtzufinden. Mein Kopf ist seltsam leer, als ich die Tür langsam öffne. Mein Herz schlägt unruhig, meine Finger zittern. So lebendig, wie in diesem Augenblick, habe ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt. Darum kann ich kaum glauben, was gerade mit mir passiert. Eigentlich habe ich gar nicht mehr damit gerechnet, in meinem Leben nochmal irgendwas zu empfinden. Meine unwillkürliche Reaktion auf diese fremde Stimme überrascht, beunruhigt und verwirrt mich dermaßen, dass ich jetzt dringend den Menschen zu der Stimme sehen will. Mein eigener Mut wundert mich, denn normalerweise halte ich mich von den anderen Patienten so fern wie möglich. Schließlich kann ich nie wissen, wie verrückt sie in Wahrheit sind. Womöglich sind sie durchgeknallt genug, um gewalttätig auf mich loszugehen. Aber diesmal überwinde ich meine Angst, weil meine Neugier wahrhaftig stärker ist. 

Ich öffne die Tür weit genug, um hinaus auf den Gang treten zu können. Sicherheitshalber bleibe ich vor der offenen Tür stehen, um mich im Notfall schnell wieder zurückziehen zu können. Wie in jeder Nacht, ist das Neonlicht auf den Fluren viel zu hell, sodass ich für einen Moment geblendet die Augen schließen muss. Als ich meine Augen vorsichtig wieder öffne, steht der lautstarke Sänger plötzlich direkt vor mir. Verblüfft schaut er mich an und verstummt. Das bedauere ich irgendwie, weil seine Stimme mir offenbar gefallen hat, auch wenn ich nicht weiß warum. Mein plötzliches Auftauchen hat ihn überrascht. Reglos starren wir uns gegenseitig an. Innerhalb von Sekunden erfasse ich seine ganze Gestalt. Es ist ein junger, dünner Typ, ungefähr in meinem Alter. Er trägt ziemlich merkwürdige Klamotten. Ein blaues Hemd mit einem seltsamen Schmetterlingskragen. Eine hellgraue Chinohose. Seine Chucks passen farblich genau zum Hemd. Sein Gesicht wird halb von seinen Haaren verdeckt, ein wilder, brauner Wuschelkopf. Erst auf den zweiten Blick kapiere ich, dass es Dreadlocks sind, die ihm bis auf die Schultern reichen. Auf seiner schmalen Nase sitzt eine Brille mit schwarzem Gestell, hinter der ich seine Augen kaum erkennen kann. Ich glaube aber, dass sie dunkel sind, wahrscheinlich braun. Jetzt schwankt er ein bisschen. Er lehnt sich gegen die Wand gegenüber meiner Tür, um seinen schmächtigen Körper zu stabilisieren. Mir geht auf, dass der Typ wahrscheinlich betrunken ist. Auch das verhaltene Lächeln, was jetzt in seinen Mundwinkeln erscheint, passt dazu. Er checkt mich genauso neugierig ab, wie ich es unbewusst bei ihm gemacht habe. Sein dunkler Blick fühlt sich irgendwie wie Feuer an. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Meine Brust wird eng, ich muss nach Luft ringen. Der Typ lässt mich nicht aus den Augen. Plötzlich holt er tief Luft und fängt wieder an, aus voller Kehle zu singen: „What's in the eye that I can not catch. Is me I want to know why it's so hard to let go.” Seine Stimme hat eine unglaubliche Intensität. Die einzelnen Wörter scheinen bis in mein Innerstes vorzudringen. Als würde er meine persönliche Situation beschreiben, was ich nicht begreifen kann. Ich kann mich nicht bewegen, fühle mich wie erstarrt. „Don't go too fast, my friend. Or you'll loose control”, schreit er und wiederholt es immer wieder eindringlich. „Don't go, don't go! Don't you go! No, no!” Plötzlich gehen rechts und links vom Flur nach und nach noch mehr Türen auf. Andere Patienten, die in den Zimmern geschlafen haben und bestimmt von dem Lärm geweckt worden sind, treten mehr oder weniger neugierig oder verärgert hinaus auf den Gang. Einige beschweren sich über die Störung ihrer Nachtruhe. Der Typ ignoriert den Aufruhr, den er verursacht. Er schaut mich nur unentwegt an und singt dabei. Er sieht müde aus, irgendwie verzweifelt, obwohl er zu lächeln scheint. Sein Blick durch die Brillengläser fesselt mich auf eine Art, die ich so noch nie erlebt habe. 

Trotzdem registriere ich es sofort, als am Ende des Ganges vier uniformierte Polizisten auftauchen, die sich uns schnell nähern. „Was soll denn der Unsinn, Chester? Halt die Klappe! Was willst du denn hier? Komm jetzt wieder mit zurück! Deine Aufnahme ist noch nicht abgeschlossen! Der Arzt will dich sehen!” reden sie ärgerlich auf ihn ein, während sie mit festem Schritt näherkommen. Der Typ wirft einen schnellen Blick auf seine Verfolger, und sein schüchternes Lächeln stirbt augenblicklich. Seine Stimme wird noch lauter, jetzt schreit er nahezu zornig. „What's in the eeyeee? What's in the eeyeee?” Er wendet sich von mir ab, löst sich von der Wand und macht eine hektische Bewegung Richtung Gang, als wollte er davonlaufen. Er macht einige Schritte in die entgegengesetzte Richtung, um den Polizisten zu entkommen. Aber er ist beduselt und bei Weitem nicht schnell genug. Die Männer haben ihn schon eingeholt und greifen nach ihm. Er wehrt sich mit einem halbherzigen Schlag gegen eine breite Uniformiertenbrust. Diese Gewalttätigkeit wird ihm sofort so übelgenommen, dass die Männer ihn wütend herumreißen und kinderleicht auf den Boden werfen. Sein lautstarker Gesang erstirbt röchelnd, als sie ihm ihre Knie ins Kreuz drücken und ihm mit ihren Handschellen brutal die Hände auf den Rücken fesseln. Bei seinem Sturz verliert er seine Brille, die herunterfällt, über den glatten Boden rutscht und genau vor meinen Füßen liegenbleibt. Es berührt mich viel zu stark, das mitanzusehen, wie sie ihn überwältigen und fesseln. Ich möchte die Polizisten dringend bitten, damit aufzuhören. Ich will, dass sie ihn in Ruhe lassen, damit er weitersingen kann. Das beunruhigt mich. Ich kapiere es nicht. Ich kenne diesen seltsamen Typen ja nicht einmal. Den komischen Kerl mit den Dreadlocks habe ich zuvor noch nie in meinem Leben gesehen. Aber irgendwas an ihm geht mir trotzdem verdammt nahe. Das gefällt mir nicht. Dieses unerwartete Gefühl wühlt mich auf. Es bedroht eindeutig meine gleichgültige Zufriedenheit, mit der ich mich hier bislang hervorragend arrangiert hatte. 

Schnell wende ich den Blick ab, bücke mich automatisch und hebe die Brille auf. Zum Glück ist sie beim Sturz nicht kaputtgegangen. Ich möchte sie ihm zurückgeben. Vielleicht kann er ohne Brille nichts sehen. Aber die Polizisten haben ihn schon wieder aufgerichtet und schleifen ihn rigoros mit sich fort. Offensichtlich haben sie den Verlust seiner Brille gar nicht bemerkt oder es interessiert sie nicht. Zumindest sagt keiner was, auch der Typ nicht. Sie ignorieren mich alle, als sie ihn an mir vorbei zerren. Er wehrt sich nicht, hängt jetzt hilflos in ihren starken Armen, den Kopf kapitulierend gesenkt. Sie haben ihn fest gepackt. Er singt nicht mehr. Verwundert spüre ich, dass ich seine Stimme vermisse. Noch einmal schaue ich ihn an. Er fixiert den Fußboden. Sein Gesicht wird nun vollständig von seinen wilden Haaren verdeckt. Schon sind die Männer an mir vorbeigelaufen und entfernen sich schnell. Am Ende des Ganges taucht Schwester Karin auf, die vor einer Woche auf der Station den Nachtdienst übernommen hat. Sie schickt die aufgebrachten Patienten zurück in ihre Betten und versucht, sie mit beschwichtigenden Worten zu beruhigen. Hastig drehe ich mich um und gehe zurück in mein Zimmer, lange bevor sie mich bemerkt hat. Ich schließe die Tür hinter mir und schalte das Licht an. Eine Weile stehe ich dort und atme tief durch. Mein Herz hämmert immer noch zu schnell. Ich habe seine Brille in der Hand und schaue sie mir an. Das Gestell ist aus Plastik und schlicht schwarz. Zögernd halte ich die Gläser vor meine Augen und schaue hindurch. Mann, dieser Typ hat wirklich schlechte Augen. Ohne seine Brille ist er offenbar halbblind. Das muss der doch gemerkt haben. Warum hat er nicht protestiert, als er seine Sehhilfe verlor? Warum wollte er sie nicht sofort zurückhaben? Ich blinzele und bewege mich zögend auf mein Bett zu. Draußen auf dem Gang wird es zunehmend stiller. Die Leute gehen folgsam zurück in ihre Zimmer, denn Schwester Karin kann sehr überzeugend sein. Ich höre sie vor meiner Tür mit den Patienten reden. Kaum jemand protestiert noch. Es dauert nicht sehr lange, bis die Nachtruhe schließlich wiederhergestellt ist. 

Ich begrüße die Stille jetzt. Nur in mir drin ist es plötzlich nicht mehr ruhig, und das gefällt mir ganz und gar nicht. Meine Gedanken sind so laut, wie seit ewigen Zeiten nicht mehr. Das irritiert mich und macht mich nervös. Ich lege mich aufs Bett, während meine Finger gedankenversunken mit der fremden Brille herumspielen. Das Licht ist noch an. Meine Augen wandern ruhelos durch meinen Raum, ohne ein Ziel zu finden. In meinen Ohren tönt noch immer die unbekannte Stimme des Sängers. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn noch auf dem Gang stehen. Ich frage mich, wo der merkwürdige Typ wohl herkommt und aus welchem Grund er hier ist. Ich erinnere mich, dass der eine Polizist ihn Chester genannt hat. Was für ein komischer Name! Diesen Namen habe ich vorher noch nie gehört. Zweifellos haben sie Chester gegen seinen Willen hier eingeliefert. Sonst wäre er nicht mitten in der Nacht angekommen. Und auch die Polizei hätte sich wohl kaum für ihn interessiert, wenn er freiwillig hier wäre. Ich möchte wissen, was dieser schmächtige Kerl Schlimmes verbrochen hat, um zwangsweise in der geschlossenen Psychiatrie eingesperrt zu werden. Das macht mir Sorgen, weil der Typ eventuell aggressiv, unberechenbar und gefährlich sein könnte. Chester ist nun ein Patient auf meiner Station und mir ist klar, dass ich ihm ab jetzt wohl häufiger begegnen werde. Das wird zwangsläufig passieren, ob ich will oder nicht. Ich fürchte mich vor einer erneuten Begegnung mit dem seltsamen Sänger. Dann wird mir plötzlich klar, dass ich seine Anwesenheit aber auch irgendwie herbeisehne. Weil unbestreitbar etwas an ihm ist, das mich merkwürdig interessiert. Ich möchte ihn gerne nochmal singen hören, auch wenn ich nicht verstehen kann warum. Vorhin auf dem Gang, in seiner Nähe habe ich mich einen kurzen Moment lang enorm lebendig gefühlt. Ich konnte tatsächlich meinen hämmernden Herzschlag fühlen. So etwas Außergewöhnliches ist mir schon so lange nicht mehr passiert, dass ich schon gar nicht mehr wusste, wie es sich anfühlen kann. Es ärgert mich enorm, dass mir dieser Fremde nicht völlig gleichgültig ist. Zweifellos war mein Leben viel einfacher und bequemer, als mir noch alles total egal war. Mit ganzer Seele wünsche ich mich in diesen teilnahmslosen Zustand zurück. Ich möchte mir keine Gedanken um den unbekannten Kerl machen. Aber mein eigener Kopf scheint mir nicht mehr richtig zu gehorchen. Frustriert werfe ich die Brille auf den Sessel in meinem Zimmer, weil ich das Teil plötzlich dringend loswerden will. Ich springe auf und schalte das Licht aus. Im Dunkeln bewege ich mich zurück auf mein Bett. Seufzend lasse ich mich nieder und strecke mich der Länge nach aus. Es ist entschieden zu laut in meinem Kopf. Ich kann nicht schlafen, und das passt mir überhaupt nicht.          


Chester Charles Bennington

Ich laufe laut singend diesen langen Flur entlang und fühle mich dabei seltsam wohl. Plötzlich taucht der Typ vor mir auf. Er ist unerwartet aus einem der Zimmer gekommen und steht in der offenen Tür. Wahrscheinlich hat mein Gesang ihn herausgelockt. Sein abruptes Auftauchen bringt mich aus dem Konzept. Prompt vergesse ich den Text und höre deshalb mit dem Singen auf. Wir stehen uns direkt gegenüber und starren und gegenseitig an. Der Typ ist vielleicht in meinem Alter und hat auch ungefähr meine Größe. Er trägt einen merkwürdigen Schlafanzug in einer undefinierbaren Farbe. Es könnte dunkelblau oder grün sein, vielleicht auch schwarz. Die zugeknöpfte Jacke und die dazu passende Hose sind ihm eigentlich zu groß. Zumindest hängt der dünne Stoff ziemlich locker an seinem schlanken Körper. Er trägt keine Schuhe. Der Typ hat irgendwas Exotisches an sich. In seinen Genen steckt etwas eindeutig Asiatisches. Sein Gesicht wird halb von einem kurzen, braunen Vollbart bedeckt. Vielleicht hat er sich zu lange nicht rasiert. Sein kurzes Haar ist schwarz und schon länger nicht geschnitten worden. Es ist ein bisschen verstrubbelt, weil er wohl gerade erst aus seinem Bett gestiegen ist. Seine mandelförmigen, braunen Augen mustern mich neugierig. Irgendwas an mir scheint ihn brennend zu interessieren. Das schmeichelt mir irgendwie und amüsiert mich. Also fange ich nach einer Schreckminute wieder an zu singen. Es ist der erste Song, der mir spontan einfiel, als ich mich ohne zu überlegen und unerlaubt von den Polizisten entfernt habe. Ich habe ihn What's in the eye genannt. Der Text beschreibt zufällig auch so ungefähr meine derzeitige Situation. Weil ich nämlich im Moment nicht mehr so genau weiß, was eigentlich um mich herum vorgeht. Was ist so offensichtlich, dass ich es nicht sehen kann? Die Wörter verlassen meine Kehle in voller Lautstärke, was sich enorm gut anfühlt. Der fremde Typ schaut mich an und hört mir die ganze Zeit gebannt zu. Es freut mich tierisch, dass ich ihn mit meinem Gesang offenbar erreichen kann. Unser ständiger Blickkontakt wird mit der Zeit irgendwie intensiv, sodass mein Herz träge damit anfängt, ein bisschen härter zu schlagen. Ich liebe nichts so sehr wie aufmerksames Publikum. Das spornt mich an und ich möchte noch viel länger für ihn singen.

Aber dann lenkt ihn irgendwas ab. Vier Männer tauchen am Ende des Ganges auf. Genervt registriere ich, dass die scheiß Bullen mich verfolgt haben. Damit hätte ich natürlich rechnen müssen, aber es passt mir trotzdem ganz und gar nicht. Ich fühle mich ätzend überwacht und habe keine Lust auf diese Auseinandersetzung. Sie rufen mir zu, dass ich die Klappe halten und mit ihnen zurückkommen soll. Das will ich aber nicht. Einem Fluchtinstinkt folgend mache ich eine spontane Bewegung von den Polizisten weg in die andere Richtung. Aber die Kerle sind zu schnell und haben mich schon eingeholt. Ohne Vorwarnung greifen sie nach mir. Das erschreckt mich, sodass ich dem einen Mann aus einem Reflex heraus einen Schlag gegen seine breite, harte Brust verpasse. Die Uniformierten sind sofort angepisst deswegen. Sie werfen mich brutal auf den Boden, noch ehe ich kapiere, was eigentlich abgeht. Sie drücken mich auf die harten Steinfliesen und knien sich schwer auf meinen Rücken. Ihr Gewicht presst mir abrupt die Luft aus den Lungen, sodass ich nicht weitersingen kann. Sie verdrehen mir blitzschnell die Arme auf dem Rücken und fesseln mich mit ihren Handschellen. Das kalte Metall habe ich heute schon einmal getragen, als sie mich gewaltsam aus der Kneipe mitgenommen haben. Im Auto haben sie die Handschellen dann abgenommen. Jetzt bin ich schon wieder gefesselt. Ich hasse dieses Gefühl des Ausgeliefertseins. Es erinnert mich an etwas anderes, an das ich nicht denken will. Ich schließe die Augen und wehre mich nicht, weil ich Angst vor dem Schmerz habe, den sie mir eventuell zufügen könnten. Ich wünsche mich sehr weit weg. Verbissen versuche ich, mich an einen erfolgreichen Auftritt mit Grey Daze zu erinnern, an das euphorische Gefühl, auf einer Bühne zu stehen, während sie meinen Körper irgendwie in ihre Mitte nehmen und über den Flur zurück zur Anmeldung schleifen. Sie sagen nichts mehr. Ihr Griff ist hart und mitleidslos. Die vier uniformierten Polizisten wollen diese unangenehme Sache hier jetzt schnell hinter sich bringen. Bestimmt haben sie noch etwas Besseres zu tun und wollen zurück nach Hause zu ihren Familien. 

Viel zu schnell sind wir zurück an der verdammten Anmeldung. „Ich habe schon heute Morgen auf Sie gewartet, Herr Bennington! Warum sind Sie denn nicht freiwillig hergekommen, so wie wir es am Telefon vereinbart hatten?” spricht mich eine dunkle Stimme an. Der Vorwurf in dem Satz ist nicht zu überhören. Ich kann mich nicht daran erinnern, mit dieser Stimme irgendwas abgemacht zu haben. Widerwillig öffne ich meine Augen und hebe den Kopf hoch. Ich blinzele in seine Richtung. Sofort fällt mir auf, dass ich meine Brille verloren habe. Das nervt mich tierisch, weil ich keinerlei Ersatz dabeihabe. Meine anderen Brillen und meine Kontaktlinsen liegen bei mir zu Hause irgendwo. Das macht mich ein bisschen wütend. Ich vermute, dass die Brille mir unbemerkt von der Nase gerutscht ist, als die scheiß Bullen mich vorhin auf den Boden geworfen haben. Angestrengt fixiere ich die Person vor meinen trüben Augen. Ich kann sie nur sehr unscharf erkennen. Wegen der dunklen Stimme tippe ich auf einen Mann. Höchstwahrscheinlich ist es der Arzt, denn er trägt diese weiße Arztkleidung, glaube ich. „Naja, das macht ja auch nichts. Es ist schön, dass Sie jetzt hier sind!” meint der Arzt versöhnlich zu mir. Ich finde es aber überhaupt nicht schön, hier zu sein. Ich finde es sogar ausgesprochen unschön. Trotzdem lächele ich ihn an und ich glaube, er lächelt zurück. Es irritiert mich, dass sie den Arzt anscheinend extra wegen mir nochmal hierher geholt haben. Bestimmt hatte er eigentlich schon längst Feierabend und musste jetzt nur wegen mir nochmal hier antanzen. Das ist mir unangenehm, denn ich will niemandem diese Umstände machen. „Ich bin Professor Paulsen, der diensthabende Oberarzt dieser Station. Hören Sie bitte, ich sage Ihnen genau, was jetzt passiert, Herr Bennington. Wir beide führen gleich ein kurzes Aufnahmegespräch. Und dann haben Sie es für heute Nacht auch schon geschafft. Die Schwester wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Und morgen sehen wir dann weiter.” Der Professor spricht jetzt mit sanfter Stimme, als wollte er mich beruhigen. Ich höre nicht auf zu lächeln und schaue ihn angestrengt an. 

„Wo ist denn Ihr Gepäck?” will er verwundert wissen. Bevor ich darauf reagieren kann, hat einer der Polizisten schon für mich geantwortet. „Chester hat kein Gepäck dabei, weil wir ihn zwangsweise aus einer Kneipe entführen mussten”, lacht er amüsiert. Ich kann nicht genau erkennen, wie der Arzt darauf reagiert. Er sagt nichts mehr, sondern macht eine Handbewegung. Der ganze Trupp setzt sich daraufhin in Bewegung. Ich bin noch immer im festen Griff der Bullen gefangen. Sie schleifen mich in eins dieser Zimmer, die am Ende irgendeines Flures liegen. Es sieht aus wie ein Büro. Dort soll ich mich auf einen Stuhl vor einem Schreibtisch setzen, was ich widerstandslos tue. Endlich nehmen sie mir die verdammten Handschellen ab. Nervös reibe ich meine Handgelenke. Die Polizisten verlassen den Raum, und plötzlich bin ich mit dem Arzt allein. Mir ist schwindelig. Ich fühle mich verstärkt betrunken und möchte am liebsten wieder singen. Ich möchte so laut singen, wie ich kann. Aber mir ist klar, dass das komisch wirken könnte, darum lasse ich es sein. Professor Paulsen tritt so nah an mich heran, bis ich ihn fast schon klar sehen kann. Er ist noch nicht alt, vielleicht Anfang Vierzig. Seine blauen Augen gucken müde, leidlich interessiert, ein wenig besorgt. Er streckt mir seine Hand hin, die ich vorsichtig ergreife. Sein Händedruck ist fest und selbstbewusst. „Hören Sie, Chester, mir ist klar, dass das heute Nacht alles ein bisschen viel für Sie sein muss. Ich darf doch Chester sagen?” „Na klar”, erlaube ich ihm gleichgültig. Er lächelt, geht um den Schreibtisch herum und setzt sich auf seinen großen Bürostuhl. Jetzt sehe ich seine Gestalt nur noch unscharf, darum schaue ich auf meine Hände in meinem Schoß. In der letzten Zeit habe ich kaum noch an den Fingernägeln gekaut, weil ich mit Grey Daze und meinem Tattoo-Studio beschäftigt war. Das hat mich auf produktive Weise abgelenkt, sodass meine Nägel inzwischen ein bisschen wachsen konnten. Aber im Moment möchte ich nichts lieber tun, als sie alle der Reihe nach abzukauen, so lange und tief, bis es blutet. Ich sehne mich nach dem vertrauten Schmerz und halte mich nur mit größter Mühe davon ab. 

„Chester?” ruft der Professor. Er hat irgendwas zu mir gesagt. Aber ich habe nicht zugehört und sofort ein schlechtes Gewissen deswegen. Fragend hebe ich den Kopf und schaue ihn an. Er liest etwas in einer Akte, die auf seinem Schreibtisch liegt. Dann seufzt er und guckt mich mitleidig an. „Hier steht, dass Sie Alkoholiker sind. Nehmen Sie auch noch andere Drogen?” wiederholt der neugierige Mann langsam und deutlich. Ich schüttele den Kopf, obwohl das zweifellos nicht der Wahrheit entspricht. Zu Hause habe ich zeitweise eigentlich alles genommen, was gerade verfügbar war. Professor Paulsen nickt nachdenklich. „Wir werden Ihnen hier mit Medikamenten durch den Entzug helfen, Chester. Aber Sie müssen auch mitarbeiten, okay?” Ich nicke zustimmend, was ihm ein erleichtertes Lächeln entlockt. „Schön. Das wird schon werden, Chester. Sie schaffen das ganz bestimmt”, will er mir Mut machen, was kein bisschen funktioniert. Er macht eine kurze Pause. „Sollen wir vielleicht jemanden aus Ihrer Familie anrufen, damit er Ihnen bald ein paar persönliche Sachen vorbeibringt?” fragt er dann. Offenbar ist er besorgt. Es lässt ihm keine Ruhe, dass ich kein Gepäck dabeihabe, was mich irgendwie rührt. Aber wen könnten sie schon für mich anrufen? Mein Dad hat sich eigentlich noch nie ernsthaft für mich interessiert, obwohl zu Hause für lange Zeit nur er und ich waren. Meine Mom habe ich seit der Scheidung kaum noch gesehen. Als ich sie das letzte Mal getroffen habe, war sie über mein Aussehen absolut schockiert. Ich will meine Eltern nicht mit meinem Scheiß belasten, darum schüttele ich den Kopf und sage: „Nein.” Professor Paulsens Augen weiten sich erstaunt. Er sieht richtig erschrocken aus, soweit ich das unscharfe Bild von ihm richtig deute. Darum setze ich schnell hinzu: „Ist schon gut.” Verlegen wende ich den Blick ab und fixiere nochmal meine Hände in meinem Schoß. Von mir aus können sie mir meine Hände ruhig abhacken, solange nur meine Stimme funktioniert, denke ich ein bisschen wirr. Der Arzt guckt mich noch eine Weile nachdenklich an. Ich kann das genau spüren. Es macht mich nervös, aber ich versuche, es einfach zu ignorieren. Schließlich seufzt er nochmal. „Na gut, dann lassen wir es für heute Nacht gut sein. Haben Sie noch irgendeine Frage an mich?” erkundigt er sich freundlich. Erneut hebe ich den Kopf und schüttele ihn dann. In Wahrheit habe ich jede Menge Fragen, aber in diesem Moment fällt mir keine einzige ein. Der Professor nickt und steht auf. „Dann kommen Sie bitte mit, Chester. Schwester Karin wird Ihnen jetzt Ihr Zimmer zeigen. Dann können Sie sich erst mal ein bisschen ausruhen. Sie sind bestimmt müde”, sagt er und wartet neben meinem Stuhl, bis ich mich erhoben habe. Ich folge ihm hinaus aus dem Zimmer und den Flur entlang. 

Wir gehen zurück zu diesem Anmeldeschalter. Mir ist wieder schwindelig und ich habe Mühe damit, nicht allzu sehr zu torkeln. Meine Umgebung ist total unscharf. Das nervt mich und ich wünschte, ich hätte meine Brille nicht verloren. Zum Abschied reicht der Arzt mir nochmal die Hand. „Kopf hoch, Chester. Sie werden sehen, dass es hier gar nicht so schlecht ist. Wir können Ihnen wirklich helfen. Und morgen ist ein ganz neuer Tag”, bemerkt er augenzwinkernd. Sein Lächeln wirkt erschöpft. Ich nicke und lächele. Er wechselt noch ein paar Wörter mit der Krankenschwester und entfernt sich dann. Ich kapiere nicht, warum er überhaupt mitten in der Nacht nochmal hergekommen ist. Das war doch vollkommen unnötig. Das ganze Gespräch mit ihm war totaler Quatsch. Jedes einzige Wort hätte doch auf jeden Fall noch Zeit bis morgen gehabt. „Na, dann kommen Sie mal mit”, fordert Schwester Karin mich auf. Sie ist noch jung, vielleicht Mitte Dreißig. Ich folge ihr durch die Gänge. Sie geht zu schnell, sodass ich Mühe habe, mit ihr Schritt zu halten. Sie öffnet eine Tür und wartet, bis ich an ihr vorbei eingetreten bin. Sie schaltet das Licht ein und ich erkenne, dass es ein kleiner Untersuchungsraum ist. Das irritiert mich, weil der Professor ja von meinem Zimmer gesprochen hatte. Fragend schaue ich die Frau an. Sie lacht amüsiert. „Keine Angst, Chester. Ich muss Ihnen nur kurz ein bisschen Blut abnehmen. Das geht ganz schnell und tut auch gar nicht weh”, informiert sie mich und dirigiert meinen Körper zu einem Stuhl, auf dem ich mich niederlasse. Sie hantiert eine Weile mit verschiedenen Dingen herum. Später sticht sie mir tatsächlich eine Nadel in den Arm. Ich schaue zu, wie mein dunkelrotes Blut mehrere kleine Plastikröhrchen füllt. Im nächsten Moment ist sie auch schon fertig, zieht die Nadel raus und klebt mir ein weißes Pflaster auf den Einstich in der Armbeuge. Sie beschriftet die gefüllten Röhrchen, legt sie dann auf einem Tisch ab und wendet sich zu mir um. „Kommen Sie mit, Chester. Ich bringe Sie jetzt in Ihr Zimmer”, kündigt sie hilfsbereit an. Ich nicke und stehe auf. Plötzlich wird mir schlecht. Ich schwanke ein wenig, sodass die Krankenschwester mich überstürzt am Arm festhält. „Geht es Ihnen nicht gut?” erkundigt sie sich besorgt. Ich zwinge mich hastig, mich zusammenzureißen. Lächelnd nicke ich ihr zu. „Nein, es ist schon gut. Es ist alles in Ordnung”, behaupte ich leise, obwohl das eine ziemlich dreiste Lüge ist. Sie nickt spürbar erleichtert. Zusammen verlassen wir den kleinen Raum. Dann wandern wir nochmal eine längere Strecke. Das Laufen fällt mir schwer, weil ich ohne Brille nicht gut sehen kann. Weil ich betrunken bin und meine Beine torkeln wollen. Die sterilen Flure und unzähligen Türen sehen alle gleich aus. Mit Sicherheit werde ich mich auf dieser Station niemals zurechtfinden. 

Nach einiger Zeit bleibt die Krankenschwester vor einer Tür stehen. Sie deutet auf das weiß angestrichene Holz und macht mich darauf aufmerksam, dass sich dahinter eine Herrentoilette befindet. Auf diese Tür hat jemand ein schwarzes WC und darunter noch ein Gents gemalt. Und zwar so groß, dass ich es sogar ohne Brille gut lesen kann. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, weil die Bedeutung dieser Buchstaben doch allzu offensichtlich ist. Das hätte die Frau mir nun wirklich nicht erklären müssen. Amüsiert schaue ich sie an und möchte gerne irgendeinen Witz machen. Ich möchte sie unbedingt zum Lachen bringen. Aber mir fällt gerade nichts ein und sie hat sich schon abgewandt und beachtet mich gar nicht. Nur ein paar Schritte weiter sind wir an meinem neuen Zuhause angekommen. Schwester Karin öffnet eine Tür und schiebt mich in das kleine Zimmer hinein. Sie schaltet das Licht an und macht eine weitläufige Handbewegung, die den ganzen Raum umfasst. „So, da sind wir!” erwähnt sie überflüssigerweise. Automatisch gucke ich mich in dem Zimmer um, obwohl vor meinen Augen alles total verschwommen ist. Ich glaube aber zu erkennen, dass es hier drin nichts Aufregendes gibt. Nur ein bezogenes Bett, einen Sessel, einen Tisch und einen Schrank an der Wand. Schwester Karin lächelt irgendwie stolz, als wäre der Raum wer weiß wie schön. Als müsste ich doch eigentlich begeistert sein. „Das hier ist ab jetzt ihr eigenes Zimmer, Chester”, betont sie, „Hier drin werden Sie immer Ruhe finden, wenn Sie sie brauchen. Machen Sie es sich richtig gemütlich. Ruhen Sie sich aus. Wenn Sie etwas brauchen, ich bin die ganze Nacht vorne an der Anmeldung, okay?” Auf einmal tätschelt die Frau beruhigend meinen Rücken. Sofort versteife ich mich widerwillig, weil ich ihre Berührung nicht mag. Aber sie lässt mich schon wieder los. „Gute Nacht, Chester”, haucht sie nahezu, dreht sich um und verschwindet. Sie macht die Tür hinter sich zu. 

Plötzlich bin ich allein. Eine Weile stehe ich unschlüssig da. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt tun soll. Dann gehe ich zögernd zum einzigen Fenster hin, weil ich dringend hinaussehen will. Es ist das erste Fenster, was ich sehe, seit sich die Tür zu dieser Abteilung hinter mir geschlossen hat. Ich schiebe die weiße Gardine zur Seite und gucke hinaus. Draußen ist es dunkel. Ich kann nicht viel sehen, nur ein paar Bäume und vereinzelte Laternen. Anscheinend befindet sich da draußen irgendein Park. Ich überprüfe den Fensterrahmen. Man kann das Fenster nicht öffnen. Plötzlich fühle ich mich enorm eingesperrt und muss tief durchatmen, um nicht in Panik zu geraten. Nervös wende ich mich vom Fenster ab und schaue mir nochmal mein Zimmer an. Es ist hässlich und trostlos. Ich verspüre den überaus heftigen Drang nach einer Zigarette. Aber ich habe keine, denn die Polizisten haben mir schon ganz am Anfang alles weggenommen. Deprimiert bewege ich mich auf das Bett zu und setze mich auf die harte Matratze. Mein Kopf dröhnt. Ich wünschte, ich wäre noch sehr viel betrunkener. Nein, eigentlich will ich nur zurück nach Hause. Ich muss an Samantha denken, ein süßes Mädchen, was bei unserem letzten Gig im Publikum war. Ich hatte sie vorher in der Kneipe zu unserem Auftritt eingeladen, und sie war tatsächlich gekommen. Die ganze Zeit stand sie direkt vor der Bühne. An diesem Abend sang ich nur für sie allein. Unsere Musik und meine Performance hatten ihr offenbar gut gefallen. Nach dem Konzert hatte ich sie Backstage wiedergetroffen, und wir haben uns eine lange Zeit sehr anregend unterhalten. Als ich Sam zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich auf Anhieb genau, dass sie die Frau ist, die ich einmal heiraten werde. Das habe ich auch sofort Sean gesagt, unserem Drummer und meinem Freund, aber der Idiot hat mich nur ausgelacht. Auf einmal wird mir klar, dass Samantha mit Sicherheit nichts mehr mit mir zu tun haben will, wenn sie erfährt, wo ich mich hier aufhalte. Bestimmt wird sie es bald irgendwie erfahren, weil irgendwer seine Klappe nicht halten kann. Meine Niederlage wird sich in meiner Heimatstadt rasend schnell herumsprechen, weil in der Kneipe alle gesehen haben, wie ich in Handschellen von den Polizisten abgeführt wurde. Und sicherlich will das süße Mädchen keinen Mann heiraten, der, so wie ich gerade, in der geschlossenen Psychiatrie gelandet ist. Es ist mehr als höchstwahrscheinlich, dass ich Sam niemals wiedersehen werde. Schlagartig tut mir dieser Gedanke dermaßen weh, dass mir unwillkürlich heiße Tränen in die Augen steigen. Ich fühle mich bedrohlich eingesperrt, komplett besiegt und schaffe es nicht mehr, mich zu kontrollieren. Verzweifelt drücke ich mir beide Hände vors Gesicht und weine hemmungslos.

3. Left all alone


Michael Kenji Shinoda

Etwas ist anders. Als ich aus diesem unruhigen Schlaf erwache, ist mir auf der Stelle klar, dass sich etwas geändert hat. Etwas Grundlegendes. Hellwach liege ich in meinem Bett und denke an die letzte Nacht. Sie war außergewöhnlich. Ein neuer Patient ist laut singend über den Flur gelaufen. Dieser seltsame Typ hat mir direkt in die Augen gesehen. Er hat mir direkt in die Seele gesungen. Und jetzt ist er mein erster Gedanke nach dem Aufwachen. Ich erinnere mich sofort an ihn. Das irritiert mich. So etwas ist mir schon sehr lange nicht mehr passiert. Weil es nämlich nichts mehr gab, an das ich mich erinnern wollte. Alles war sowieso gleich belanglos. Die Zeit rauschte nur an mir vorbei. Nichts schien lohnend genug zu sein, um sich daran zu erinnern. Es war der Mühe einfach nicht wert. Aber das ist jetzt anders. Unwillkürlich habe ich sein Gesicht vor Augen, seine Stimme im Ohr. Sein Name ist Chester, denke ich immerzu. Und ich fühle mich anders dabei. Ich weiß, dass ich mich definitiv noch nie so gefühlt habe, seit ich hier bin. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Nervosität, Verärgerung, Zufriedenheit und – Erwartung? In meinem Inneren tobt es nahezu, als mir einfällt, dass ich Chester vielleicht schon heute wiedersehe. Das kapiere ich nicht, und ich habe keine Ahnung, ob ich das gut oder scheiße finden soll. Die Gedanken an ihn berühren mich zu heftig, scheinen wahrhaftig meine Sinne zu schärfen. Das ist total ungewohnt, und ich wünsche mich eigentlich in meine Teilnahmslosigkeit zurück. Lieber würde ich gar nichts fühlen, als dieses undefinierbare Chaos in mir. Verwirrt werfe ich einen Blick auf meinen Sessel, um zu überprüfen, ob ich die aufwühlende Begegnung mit Chester vielleicht nur geträumt habe. Aber nein, da liegt sie tatsächlich. Seine schwarze Brille. Er hatte sie auf dem Flur verloren, und ich hatte sie aufgehoben und mitgenommen. Später habe ich sie dann dort auf den Sessel geworfen. Seine Brille ist der eindeutige Beweis, dass all das wirklich passiert ist. Das macht mich nervös. Um mich abzulenken, stehe ich auf, hole mein Zeug aus dem Schrank und mache mich auf den Weg über den noch leeren Flur zum Badezimmer. Von Anfang an hat es mich total gestört, dass sich auf dieser Station jeweils vier Zimmer nur ein einziges Bad teilen müssen. Ich hasse es, wenn von draußen jemand plötzlich ungeduldig an die verschlossene Tür klopft. Das stresst mich und regt mich unnötig auf. Darum versuche ich jeden Morgen, möglichst früh aufzustehen, damit ich im Bad genug Zeit für mich alleine habe. Meistens gelingt mir das. 

Jetzt stehe ich im Badezimmer vor dem Spiegel und schaue mich reglos an. Es muss Ewigkeiten her sein, seit ich mich das letzte mal bewusst im Spiegel betrachtet habe. Weil es mir völlig egal war. Es hat mich nicht interessiert, wie ich aussehe, weil es einfach keine Rolle spielte. Außerdem ist dieser Spiegel sowieso verschwommen, weil es irgendein besonderes Teil ist, was man nicht so leicht zerschlagen kann. Wie überall auf der Station, gibt es auch im Badezimmer keine scharfen Kanten. Doch heute schaue ich zum ersten Mal genauer hin. Etwas hat sich geändert, weil ich plötzlich meinen Bart bemerke. Ich sehe mein Haar, das, genau wie der Bart, zu lange nicht geschnitten wurde. Ich weiß nicht, warum mein Anblick mir auf einmal nicht mehr gefällt. Ich finde mich verwahrlost, und das stört mich. Hastig ziehe ich mich aus und nehme eine schnelle Dusche. Danach trockne ich mich mit meinem Handtuch ab, ziehe den Schlafanzug wieder an und putze meine Zähne. Dann schaue ich nochmal in den trüben Spiegel. Mit Daumen und Zeigefinger streiche ich nachdenklich über meinen weichen Bart. Er könnte ein bisschen kürzer sein, und die Ränder müssten dringend rasiert werden. Es gefällt mir nicht, wie ungepflegt er aussieht. Aber daran kann ich jetzt nichts ändern. Der Rasierapparat war nämlich so ziemlich das Erste, was sie mir weggenommen haben, als ich hier ankam und sie meine Sachen durchsuchten. Natürlich haben sie Angst wegen der scharfen Rasierklingen, mit denen ich schon mal versucht habe, mein Leben zu beenden. Ich darf mich nicht ohne Aufsicht rasieren. Doch heute Morgen habe ich weder die Lust dazu noch die Zeit dafür, nach einem Pfleger zu suchen, der mich beim Rasieren beaufsichtigen kann. Verblüfft registriere ich, dass ich mein Stylinggel mit ins Bad genommen habe. Das habe ich unbewusst getan, und ich habe keinen blassen Schimmer, wieso. Mein Bruder Jason hat es mir irgendwann einmal mitgebracht, als er mich in der Anfangszeit noch häufiger besuchte. Seitdem habe ich es noch nie benutzt. Aber jetzt nehme ich die Tube kurzerhand und knete mein nasses Haar so lange damit, bis mein Styling mir gefällt. 

Ich bin damit fertig, bevor jemand an die Tür klopft. Eilig nehme ich mein Zeug, verlasse das Badezimmer und haste über den Flur zurück in mein Zimmer. Dabei beachte ich den anderen Patienten nicht, der blöderweise plötzlich auf dem Flur steht. Es ist ein älterer Mann, der mir irgendetwas zuruft. Ich glaube, er wohnt im Zimmer neben meinem. Aber ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen. Das will ich auch nicht. Der Mann interessiert mich nicht. Andere Menschen sind mir egal. Sie sollen mich nur in Ruhe lassen. Ich kapiere nicht, warum Chester mir nicht genauso egal ist. Irgendwas an dem neuen Patienten hat mich aufgeschreckt. Darauf war ich nicht vorbereitet. Er hat mich unerwartet getroffen, wie ein Schlag. Und jetzt finde ich nicht mehr zurück. Obwohl ich es eigentlich dringend will, weil es ganz schön creepy ist, was mit mir passiert. Die neue Situation ist nervenaufreibend. Das macht mich echt verrückt. Hastig schließe ich hinter mir die Tür und lehne mich von innen dagegen. Zweimal atme ich tief durch. Dann gehe ich zu meinem Schrank. Bisher habe ich jeden Morgen einfach irgendwas angezogen, oft sogar die Sachen vom Vortag. Heute ist das erste Mal, an dem ich mir über meine Garderobe Gedanken mache. Unschlüssig sehe ich mir meine Kleidung an, die ordentlich aufgereiht im Schrank hängt. Meine Mutter hat das für mich getan. Als ich hier ankam, hat sie liebevoll meinen umfangreichen Koffer ausgepackt. Plötzlich erinnere ich mich daran, wie traurig sie dabei aussah, und wie egal mir das war. Ich muss schlucken und greife mir schließlich frische Unterwäsche, eine blaue Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Meinen Schlafanzug deponiere ich akkurat gefaltet unter mein Kopfkissen und mache gewissenhaft mein Bett. Die benutzte Unterwäsche kommt in den Wäschesack im Schrank, der einmal in der Woche zum Waschen abgeholt wird. 

Mit meinem Morgenritual bin ich fertig, noch bevor draußen auf dem Flur das Wecken losgeht. Zwei Pfleger gehen morgens immer pünktlich durch die einzelnen Zimmer und fordern die Patienten zum Aufstehen auf. Wo es nötig ist, leisten sie auch Hilfestellung. In dieser Woche haben Dirk und Roman diese Aufgabe. Ich kann die Pfleger draußen reden hören. Sie nähern sich meinem Zimmer schnell, während ich angespannt mitten im Raum stehe und lausche. Plötzlich klopft Dirk an meine Zimmertür und streckt unaufgefordert seinen Kopf herein. „Guten Morgen, Mike! Es ist Zeit zum Aufstehen!” ruft er routiniert den immer gleichen Spruch. „Herr Shinoda ist natürlich schon bereit fürs Frühstück!” stellt er im nächsten Moment amüsiert fest, dreht sich um und fährt mit seiner Arbeit fort. Meine Tür lässt er weit offen stehen. Das ist die unmissverständliche Aufforderung an mich, mein Zimmer zu verlassen. Das Gleiche passiert jeden Morgen. Und bisher war ich fast jedes Mal schon bereit fürs Frühstück, wenn jemand kam, um mich zu wecken. Aber diesmal ist es anders. Verblüfft stehe ich dort und schaue Dirk hinterher, obwohl er längst weitergegangen ist. Er hat nicht gemerkt, dass heute etwas anders ist, wie anders ich bin, registriere ich verdutzt. Aus irgendeinem Grund war ich davon ausgegangen, dass der Pfleger mir meine völlig neue Nervosität sofort anmerken würde. In mir herrscht doch so ein ungewohntes Chaos, dass einfach jeder das sofort merken muss, dachte ich. Ich bin aufgeregt, kapiere ich plötzlich. Zum ersten Mal, seit ich hier bin, kann ich es nicht erwarten, zum Frühstück zu gehen. Weil ich dort vielleicht Chester wiedersehe. Weil ich ihm dann endlich seine Brille zurückgeben kann. Ich möchte ihm dringend seine Brille zurückgeben. Das beunruhigt mich. Ich verstehe nicht, was mich an diesem fremden Mann so fasziniert. Ich bin ein bisschen enttäuscht, weil Pfleger Dirk noch nicht einmal mein nagelneues, sorgfältiges Styling bemerkt hat. Ach, scheiß drauf, denke ich dann. Ich nehme Chesters Brille vom Sessel und schaue sie mir genau an. Mehrmals klappe ich die Bügel auf und zu. Dann verstecke ich die Brille in meiner Jeans und mache mich kurzentschlossen auf den Weg. 

Zum Speiseraum ist es nicht besonders weit, aber ich muss durch die Flure laufen, und das mag ich nicht besonders. Es können unvorhergesehene Dinge passieren, wenn man anderen Menschen begegnet. Das habe ich erst heute Nacht am eigenen Leib erfahren, als Chester zum ersten Mal für mich gesungen hat. Er hat verdammt schön gesungen. Seine Stimme hat mir gefallen. Seine Worte berührten etwas in mir. Ich möchte unbedingt, dass dieser komische Kerl nochmal für mich singt. Ich sehne mich nach seinem Gesang. Mit diesen verwirrenden Gedanken bewege ich mich durch die Gänge zum Frühstücksraum, ohne meine Umgebung übermäßig zu beachten. Jetzt, direkt nach dem Wecken, ist zu viel los in der Psychiatrie. Viele Patienten laufen herum. Zwei kloppen sich um mehr Zeit im Badezimmer, bis die Pfleger kommen und sie beschwichtigen. Zum Glück habe ich das Problem auch heute vermieden, indem ich früh genug aufgestanden bin. Ich mag keine Auseinandersetzungen. Streitereien stressen mich zu sehr, darum gehe ich ihnen immer aus dem Weg. Ziemlich schnell kommt der große, helle Raum in Sicht, in dem auf dieser Station alle Mahlzeiten verteilt werden. Die fertigen Tabletts stehen auf mehreren Rollwagen, versehen mit Namensschildern. Jeder Patient muss sich sein eigenes Tablett heraussuchen. Wer das nicht selbst auf die Reihe kriegt, bekommt sein Essen an den Tisch gebracht. Fast alle Tische und Stühle sind noch leer, weil ich so früh hier bin. Das gefällt mir. Auf diese Weise kann ich mir mein Frühstück in Ruhe heraussuchen und habe bei den Plätzen die freie Auswahl. Ich wähle einen abgelegenen Tisch am Fenster, von dem man einen schönen Blick auf den grünen Garten hat. Außerdem kann ich von hier aus den Raum und die Eingangstür sehr gut im Auge behalten. Ich bin aufgeregt, erwartungsvoll. Als ich mich auf dem Stuhl niederlasse, scheint mir warm die Sonne ins Gesicht. 


Chester Charles Bennington

Es geht mir nicht gut. Das merke ich sofort, als ich abrupt aus einem wirren Albtraum hochschrecke. Draußen vor dem Fenster ist der neue Tag angebrochen. Sonnenlicht fällt in mein Zimmer. Nach Luft ringend liege ich in meinen Klamotten auf dem Bett und starre an die trostlose Decke. Mein Herz schlägt zu schnell. Unangenehm nasser Schweiß steht auf meiner Stirn. Meine Finger zittern und ich fürchte, dass das daher kommt, weil ich heute Morgen meine obligatorische Flasche Bier noch nicht getrunken habe. Weil mir klar ist, dass ich sie in nächster Zeit auch nicht trinken werde. Das macht mich unglaublich nervös. Ich möchte dringend eine Zigarette rauchen. In den letzten Stunden musste ich schon zwei Mal plötzlich über den Flur rennen, um mich auf der Herrentoilette, die diese Schwester mir in der Nacht gezeigt hatte, zu übergeben. Ich fühle mich entsetzlich krank. Meine Sehnsucht nach meiner Flasche Bier, einer Flasche Whiskey und einer Zigarette ist existenziell. Pausenlos kreisen meine Gedanken darum, bis ich glaube, den Verstand zu verlieren. 

Plötzlich geht die Tür auf und jemand kommt herein. Erschrocken sitze ich kerzengerade im Bett und starre dem Menschen entgegen. Mir ist schwindelig. Ich kann nichts richtig erkennen, weil ich meine Brille verloren habe, was mich unglaublich nervt. „Guten Morgen, Chester!” ruft die Person mir zu, „Es ist Zeit zum Aufstehen! Dein Frühstück wartet auf dich!” Es ist ein junger Mann, höchstwahrscheinlich ein Pfleger, der nun direkt vor mir steht und mich prüfend mustert. Hastig schwinge ich meine Beine über die Bettkante und ziehe meine Chucks an, die vor dem Bett stehen. Die Schuhe sind das einzige, was ich ausgezogen hatte, als ich mich zum Schlafen hinlegte. Ich spüre, dass mir jeder Knochen einzeln wehtut und unterdrücke ein unbehagliches Stöhnen. „Ich bin Pfleger Ulrich. Aber du kannst mich ruhig Ulli nennen”, stellt der Kerl sich fröhlich vor. Ich nicke, während ich Mühe habe, mit meinen zitternden Fingern meine Chucks zu schnüren. Er steht noch eine Weile dort und guckt mich abschätzend an, was mir tierisch auf den Sack geht. „Hast du schlimme Entzugserscheinungen?” fragt er mich unvermittelt. Mein Kopf schnellt hoch zu ihm. Wütend fixiere ich ihn, obwohl sein Gesicht vor meinen Augen unscharf bleibt. Seine Frage gefällt mir nicht, weil sie mich irgendwie als Junkie abstempelt. Andererseits kann er mir vielleicht helfen, denke ich dann und reiße mich zusammen. „Könnte besser sein”, gebe ich zögernd zu. Er nickt verständig. „Keine Sorge, Chester. Wir sind darauf vorbereitet, dass es dir heute Morgen sehr schlecht geht. Professor Paulsen hat die nötigen Anweisungen gegeben, um dir durch den Entzug zu helfen.” Ich schaue ihn an und nicke. Seine Worte beruhigen mich nicht. Ich möchte nach Hause. Ich will auf der Stelle mindestens eine Flasche Bier trinken, noch lieber eine Flasche Whiskey. Ich möchte mich zuknallen, bis ich nichts mehr spüren muss. Aber das wird nicht passieren, und das macht mich ehrlich verrückt. Ich weiß nicht, ob ich meine derzeitige Situation noch länger hinnehmen kann. Ich hasse es, nicht selbst über mich bestimmen zu können. Ich will diesem Pfleger nicht ausgeliefert sein. 

Aber genau das bin ich jetzt. Und ich kann nichts weiter tun, als ihm zuzusehen, wie er irgendwelche Sachen auf dem Tisch ablegt und Medikamente aus seiner weißen Jacke holt. In der anderen Jackentasche hat er eine kleine Plastikflasche Mineralwasser. In der einen Hand hält er mir die Flasche hin, in der anderen liegen drei Tabletten. „Hier, das wird dir helfen”, behauptet er und lächelt, glaube ich. Schlagartig wird mir so schlecht, dass ich mir die Hand vor den Mund halten muss, um ihm nicht vor die Füße zu kotzen. Hektisch stehe ich auf und stürze an ihm vorbei zur Tür. Diesen Weg kenne ich mittlerweile. Ich renne das kurze Stück über den Gang zur Herrentoilette, die ich hastig betrete. Zum Glück schaffe ich es auch diesmal rechtzeitig vor die Kloschüssel. Ich falle auf die Knie und entleere ein weiteres Mal krampfhaft und unfreiwillig meinen rebellierenden Magen. Obwohl er inzwischen eigentlich schon leer ist. Das fühlt sich widerlich an. Ich hasse es, dass mir alles wehtut. Ich will diese Schmerzen nicht fühlen, nicht die umfassende Verzweiflung in mir aushalten müssen. 

Ich fasse es nicht, dass der penetrante Pfleger mir tatsächlich hinterhergekommen ist. Auf einmal steht er hinter mir und wartet geduldig ab, bis ich mit dem Kotzen fertig bin. Das ist mir so peinlich, dass ich es kaum ertragen kann. Ich möchte auf der Stelle losheulen, reiße mich jedoch zusammen. Er reicht mir einen blauen Waschlappen, mit dem ich mir die feuchte Stirn und den Mund abwische. Mühsam stehe ich auf und drehe mich zu ihm herum. Er lächelt noch immer, glaube ich. „Vielleicht möchtest du dich zuerst ein wenig frischmachen”, schlägt er vor und deutet auf das Waschbecken im Vorraum. Ich nicke folgsam. Er gibt mir ein Stück Seife, eine Zahnbürste, Zahnpasta und ein Handtuch. Also gehe ich zum Waschbecken und wasche mich oberflächlich, obwohl ich keine Lust dazu habe. Es ist mir völlig egal, wie ich derzeit aussehe. Dazu geht es mir definitiv zu schlecht. Widerwillig putze ich auch noch meine Zähne. Der scheiß Pfleger will einfach nicht abhauen, sondern beobachtet mich die ganze Zeit viel zu aufmerksam. Er scheint auf jede Reaktion von mir vorbereitet zu sein. Ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass er ihn vorhin genannt hat. 

Als ich am Waschbecken fertig bin, drehe ich mich wütend zu ihm herum. Jetzt hält er mir wieder die drei Tabletten und die Flasche Wasser hin. Die Tabletten sehen alle anders aus, zwei runde, weiße in verschiedenen Größen und eine rote, längliche. „Nimm das, Chester. Damit wird es dir besser gehen”, betont er nochmal. „Was ist das?” frage ich ihn misstrauisch. „Das hilft dir durch den Alkoholentzug”, behauptet er felsenfest. Ich glaube ihm nicht. Ich habe Angst, dass die Psychiatrie mich irgendwie manipulieren will. Dass sie mich mit den drei Tabletten total ruhigstellen wollen, um verbotene Experimente an mir vorzunehmen. Ich spüre Paranoia in mir hochkommen, die hartnäckig an meinem Verstand kratzt. Das gefällt mir nicht, weil es mich noch zorniger macht. Bleib ganz ruhig, mahne ich mich innerlich nervös. Der junge Mann schaut mich auffordernd an. Mir ist klar, dass er keine Ruhe geben wird, bis ich seine Pillen geschluckt habe. Also tue ich das und trinke danach Mineralwasser aus der kleinen Plastikflasche. Ich bin sauer, weil er mir keine Wahl gelassen hat. Das fühlt sich wie eine Niederlage an. Angenehm kühl und erfrischend läuft das Wasser meine Kehle herunter. Ich hatte zu lange nichts getrunken. Das erinnert mich wieder an meine morgendliche Flasche Bier, die ich schmerzlich vermisse. „Und was ist, wenn ich die gleich wieder auskotze?” frage ich den aufdringlichen Mann herausfordernd, weil langsam eine mächtige Wut in mir brodelt, die ich kaum noch kontrollieren kann. Aggressiv fixiere ich ihn, obwohl ich ihn nur unscharf erkennen kann. Er hört nicht auf zu lächeln. „Dann bekommst du natürlich umgehend Ersatz”, erklärt er mir freundlich. „Aber es wäre trotzdem schön, wenn du das vermeiden könntest”, setzt er gut gelaunt hinzu. Es macht mich rasend, dass er so gute Laune hat, denn meine Stimmung ist definitiv im Keller. 

Mir ist völlig schleierhaft, was ich überhaupt hier soll, welchen Sinn mein Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie für mich haben soll. Zu Hause hätte ich heute jede Menge zu tun, denke ich verärgert. Nach der Arbeit würde ich im Tattoo-Laden vorbeischauen. Und heute Abend würde ich mit den Jungs von Grey Daze im Studio an den Aufnahmen für unsere erste CD basteln. Mein Tag wäre mit überwiegend angenehmen, kreativen Dingen gefüllt. Aber stattdessen sitze ich in diesem schrecklichen Gebäude fest. Ich bin in dieser deprimierenden Abteilung eingesperrt, wo ich kein bisschen hingehöre. Ich vermisse das Singen jetzt schon, mein Mikrophon in meiner Hand, die Musik und die Band. Ich möchte Samantha dringend wiedersehen. Meine Arbeit werde ich wohl verlieren, denke ich erschrocken, das Tattoo-Studio geht vielleicht pleite, und es ist echt fraglich, ob Grey Daze so lange auf ihren Sänger warten werden. Wahrscheinlich suchen die Jungs schon jetzt heimlich nach einem Ersatz für mich. Das deprimiert mich. Zu Hause hätte ich um diese Zeit bereits mindestens zwei Flaschen Bier leergetrunken und würde mich gut dabei fühlen.

Verdammt nochmal! Die Gewissheit, böswillig aus meinem gewohnten Leben gerissen worden zu sein, in dem ich mir in den letzten Monaten so viel Mühe gegeben hatte, um etwas Sinnvolles aufzubauen, macht mich noch zorniger. Mein Herz schlägt schnell. Ich möchte losschreien, aber ich halte mich zurück, denn ich will nicht unangenehm auffallen. Der Pfleger klopft mir beruhigend auf die Schulter. Sofort verkrampfe ich mich, denn ich will auf keinen Fall von ihm angefasst werden. Vielleicht merkt er das, denn er lässt mich schnell wieder los. „Okay, Chester, hab noch ein wenig Geduld. Bald wird es dir viel besser gehen. Die Medikamente werden deine Entzugserscheinungen lindern. Jetzt komm bitte mit. Du kannst diese Sachen behalten. Sie gehören jetzt dir. Wir bringen sie in dein Zimmer. Und dann zeige ich dir, wo du dein Frühstück bekommst”, informiert er mich leise. Seine Stimme ist ganz ruhig, freundlich, besänftigend. Ich nicke und gehe hinter ihm her, aus der Toilette über den Flur in mein Zimmer. Dort lege ich die Zahnbürste, die Zahnpasta, die Seife, den Waschlappen und das Handtuch auf den kleinen Tisch. 

„Hier habe ich noch etwas für dich, Chester”, meint der Pfleger auf einmal lächelnd zu mir und präsentiert mir in seiner Hand ein kleines, quadratisches, weißes Stück Stoff oder so was. Ich kann es nicht identifizieren, weil ich es nur unscharf sehe. Ich glotze wohl ziemlich bescheuert auf seine Hand, denn er lacht amüsiert und erklärt mir: „Das ist ein hoch dosiertes Nikotinpflaster. Du kannst es dir auf den Oberarm kleben. Damit wird sich deine Nervosität schon bald legen.” „Ich würde aber viel lieber jetzt eine rauchen!” rutscht mir angepisst heraus, woraufhin er noch lauter lacht. Natürlich ist das Rauchen in der gesamten Station streng verboten, was er mir auch gleich nochmal eintrichtern muss. Mit meinen böse zitternden Fingern schaffe ich es kaum, mein Hemd aufzuknöpfen. Dabei hilft es mir auch nicht unbedingt, dass der verdammte Mann mich pausenlos aufmerksam beobachtet. Endlich kann ich meinen Ärmel runter schieben und klebe mir das Pflaster folgsam auf den tätowierten Trizeps. Danach verlassen wir gemeinsam mein Zimmer. Ich bin froh, dass ich hier endlich rauskomme. Ich mag diese hässliche, deprimierende Kammer nicht. Die vergangene Nacht war schrecklich, weil ich kaum geschlafen habe. In diesem scheiß Bett habe ich kein Auge zugetan, habe mich nur blöd herumgewälzt oder Albträume gehabt. 

Es geht mir noch immer nicht gut, als ich neben dem Pfleger über den Flur laufe. Die Gänge sind jetzt voller Menschen, die alle mit Waschzeug und Handtüchern unter dem Arm herumrennen. Der Lärmpegel auf der Station ist ziemlich hoch. Das geht mir auf die Nerven. Es ist tatsächlich Zeit zum Aufstehen. Offenbar hat dieser Kerl mich ziemlich früh geweckt, obwohl ich ja schon längst wach war. Ich kann niemanden richtig erkennen, und das kotzt mich langsam total an. Ich wünsche mir, ich hätte meine Brille nicht verloren und grübele darüber nach, wo sie jetzt wohl sein könnte. Dann überlege ich, wen ich bitten könnte, mir meine Ersatzbrillen und die Kontaktlinsen zu bringen. Aber ich bin viel zu weit weg von zu Hause, und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dazu bereit sein könnte, für mich den langen Weg auf sich zu nehmen. Ich glaube noch nicht mal daran, dass zu Hause jemand ein Paket für mich packen würde. Frustriert laufe ich neben dem Pfleger her. Er geht ganz langsam, damit ich es mit meinen Entzugserscheinungen auch schaffen kann, mit ihm Schritt zu halten. In der Abteilung sieht noch immer alles gleich aus, alles ist weiß oder hellgrau. Nur wenige Pastelltöne lockern die langweilige, sterile Atmosphäre ein wenig auf. 

Plötzlich öffnet der Pfleger eine Flügeltür. Wir treten in einen Saal, der von Sonnenlicht förmlich überflutet wird. Die eine Seite des Raumes ziert eine riesige Fensterfront, durch die das helle Licht des neuen Tages hereinscheint. Mit zusammengekniffenen Augen blinzele ich verblüfft in den Saal. Hier stehen unzählige Tische und Stühle. Die meisten davon sind noch leer, nur sehr wenige Patienten haben sich schon zum Frühstück hier eingefunden. Der Pfleger geht zu einigen Rollwagen, die an der Wand aufgereiht wurden. Er erklärt mir, dass jedem Patienten ein Tablett gehört, welches auf dem Wagen bereitsteht und mit einem Namensschild versehen ist. Man muss sich sein Tablett selbst heraussuchen und kann sich dann zum Essen an einen frei wählbaren Tisch setzen. So funktioniert das bei jedem Essen, meint er. Freundlicherweise sucht der Mann heute mein braunes Tablett für mich heraus, nimmt es und dirigiert mich dann zu einem freien Tisch in der Saalmitte. Widerstandslos lasse ich mich auf einem der vier harten Holzstühle nieder, die um den weißen Holztisch herumstehen. Von der relativ kurzen Strecke hierher fühle ich mich tatsächlich erschöpft. Der Pfleger setzt sich auf den Stuhl direkt neben mir, was mir gar nicht gefällt. Eigentlich warte ich nur darauf, dass er mich endlich in Ruhe lässt. Es geht mir nämlich noch immer hundsmiserabel. Mein Magen rebelliert, und ich habe ganz bestimmt keinen Hunger. Einen Moment lang fürchte ich, dass er mich womöglich zum Essen zwingen will. Aber zum Glück hat er das nicht vor. „Hör zu, Chester. Du hast jetzt eine knappe Stunde Zeit, um in aller Ruhe dein Frühstück zu dir zu nehmen. Danach hole ich dich wieder ab und bringe dich zu deiner ersten Gruppentherapiesitzung, okay?” flüstert er mir diskret zu. Ich nicke und versuche ein Lächeln, was mir aber nicht so recht gelingen will. Ich bin nach wie vor ziemlich wütend, fühle mich absolut beschissen und wäre lieber überall anders, als ausgerechnet an diesem Ort. Schon wieder klopft er mir beruhigend auf die Schulter und ich werde stocksteif, als er auch schon aufsteht und den Saal verlässt. 

Endlich ist er weg. Ein paarmal atme ich tief durch. Mir ist schlecht und ich fürchte, dass ich bald wieder kotzen muss. Aber das will ich nicht. Außerdem weiß ich nicht, wo das nächste Klo ist. Das macht mich echt nervös. Unschlüssig schaue ich auf mein Tablett, das vor mir auf dem Tisch steht. Ich sehe zwei Brötchen und zwei Scheiben Brot auf einem Teller. Die Brötchen sind schon aufgeschnitten worden. Daneben steht ein Schälchen mit Marmelade und ein kleinerer Teller mit jeweils zwei Sorten Wurst und Käse und einem Stückchen Butter. Ein sichtbar stumpfes Messer aus Plastik liegt neben dem größeren Teller. Beide Teller und die Schale sind aus farbigem Plastik, auch das Tablett. Am Rand gibt es ein Tetrapack mit Orangensaft und einen Strohhalm. Außerdem steht noch eine Plastikflasche Mineralwasser auf dem Tablett. Verzweifelt muss ich lachen bei dem Gedanken, dass zu Hause mein Frühstück schon seit längerer Zeit lediglich aus einer Flasche Bier, einer Tasse Kaffee und einer Zigarette bestanden hat. Nichts davon sehe ich hier, noch nicht mal die verdammte Tasse Kaffee. Schon allein der Anblick der Speisen dreht mir den Magen herum. Meine verfluchten Finger zittern noch immer. Besiegt schließe ich die Augen, rutsche auf dem Stuhl ganz nach hinten und lege meine Stirn müde auf die Tischkante. Ich fühle mich erschöpft, und alles tut mir weh. Ich möchte auf der Stelle mindestens die scheiß Flasche Bier trinken. Dringend muss ich jetzt sofort eine rauchen. Genervt frage ich mich, wann die ganzen Medikamente, die mir doch angeblich durch den Entzug helfen sollen, endlich anfangen zu wirken. Ich kann hören, wie der Speisesaal sich langsam füllt. Andere Patienten kommen nach und nach zum Frühstück herein. Ich kann es spüren, wie sie an mir vorbeigehen. Bestimmt setzen sie sich mit ihren blöden Tabletts an die Tische. Zu viele von ihnen reden dabei, denn der Lärm wird immer lauter. Das geht mir auf die Nerven. Ich möchte mir die Ohren zuhalten. Ich hoffe, dass sich niemand an meinen Tisch setzen oder mich ansprechen wird, denn mir ist nicht nach Reden zumute. Ich will jetzt keine Gesellschaft. Am liebsten wäre ich total unsichtbar. Vielleicht möchte ich sogar tot sein. Aber das bin ich nicht, das spüre ich nur allzu deutlich. Ich spüre jeden einzelnen Knochen in mir, jede verdammte Faser schmerzt. Lange Zeit sitze ich so da, die Stirn auf den Tisch gelegt, die Augen geschlossen. Es gefällt mir, wie die Dreadlocks mein Gesicht verstecken. Meine beiden Hände, die ich mir in den Bauch gepresst habe, reiben nervös die zitternden Finger aneinander. Ungeduldig warte ich darauf, dass die scheiß Tabletten endlich wirken. Aber es tut sich nichts. Mein Unbehagen scheint sich nur zu verstärken, meine Gier nach dem Alkohol und dem Nikotin bringt mich um. Hilflos sitze ich dort und bewege mich nicht. 

Meine gequälte Position wird mit der Zeit immer unbequemer. Meine Stirn auf dem harten Holztisch beginnt zu schmerzen. Als ich nach einiger Zeit widerstrebend meinen Kopf hebe und die Augen öffne, sitzt plötzlich ein Typ an meinem Tisch. Erschrocken fahre ich zusammen und starre ihn entsetzt an. Der Arsch hat sich einfach dreist auf den Stuhl mir direkt gegenüber hingesetzt. Ich sehe ihn nur unscharf, aber anscheinend guckt er mich interessiert an. Eine Weile mustern wir uns schweigend. Irgendwie kommt er mir vage bekannt vor, was ich echt nicht einordnen kann, denn ich kenne hier mit Sicherheit niemanden. Ich habe keine Ahnung, was dieser Typ von mir will, warum er sich ausgerechnet an meinen Tisch gesetzt hat. Ich fühle mich von diesem Fremden gestört, denn ich will eigentlich lieber noch weiter still von mich hin leiden. Verwirrt registriere ich, dass er noch nicht mal sein Tablett mitgebracht hat. Scheinbar hat er gar nicht vor zu frühstücken. Also ist er wohl aus einem anderen Grund zu mir gekommen. Das passt mir überhaupt nicht. Ich will mich jetzt nicht mit irgendwelchen anderen Patienten beschäftigen müssen. Viel lieber möchte ich in Ruhe gelassen werden. Mindestens noch so lange, bis die verdammten Tabletten wirken. Fragend gucke in ihm ins offenbar bärtige Gesicht. Angestrengt versuche ich, ihn richtig zu erkennen, damit ich seine Absicht erfassen kann. Aber er bleibt nervig unscharf vor meinen Augen. Das ständige, halbblinde Blinzeln verursacht mir langsam rasende Kopfschmerzen. 

„Ich habe deine Brille gefunden”, sagt er auf einmal leise. Schlagartig bin ich so aufgeregt, dass mein Herz spontan losspurtet. Ich fasse es nicht, was er da eben von sich gegeben hat. Ich befürchte, ihn vielleicht nicht richtig verstanden zu haben. „Was?” entfährt es mir verblüfft. Angespannt beobachte ich ihn. Er greift lächelnd in seine hintere Hosentasche und holt etwas heraus. Dann streckt er seinen Arm über den Tisch und hält es mir hin. Automatisch fokussiere ich mich auf den Gegenstand in seiner Hand, um ihn richtig identifizieren zu können. Maßlos erfreut erkenne ich, dass es sich tatsächlich um meine schwarze Brille handelt, die ich letzte Nacht irgendwo verloren hatte. Hastig greife ich zu, und der Typ lächelt breiter und zieht seinen Arm langsam wieder ein. Ich schaue mein Eigentum kurz prüfend an, klappe die schwarzen Bügel auf und setze sie unendlich erleichtert auf meine Nase. Ein schneller Rundumblick offenbart mir, wie schlecht meine Sicht ist. Die Gläser sind übersät mit fettigen Fingerabdrücken. Offenbar hat dieser dumme Kerl meine Brille immerzu genau auf den Gläsern angefasst. Aber ich kann ihm deswegen nicht böse sein, sondern lächle ihn dankbar an. „Wo hast du sie gefunden?” frage ich ihn, während ich die Brille nochmal absetze und die Gläser sorgsam mit dem unteren Saum meines Hemdes sauber reibe. Dabei fällt mir auf, dass ich nach dem Aufkleben des Nikotinpflasters vergessen habe, mein Hemd wieder zuzuknöpfen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das mit meinen bebenden Fingern derzeit hinkriege, deshalb lasse ich es lieber offen. Mein neuer Tischgefährte druckst ein wenig herum, was mich irritiert, weil ich es nicht verstehe. 

Als ich meine Brille wieder aufsetze, kann ich mir den fremden Typen endlich ganz genau anschauen. Unsere Blicke treffen sich. Er lächelt zurückhaltend, während er mit seiner Antwort zögert. Im nächsten Moment fällt mir ein, warum er mir bekannt vorkommt. Es könnte sich vielleicht um den jungen Mann handeln, den ich heute Nacht bei meiner Ankunft gesehen hatte. Ich erinnere mich, dass ein Fremder plötzlich direkt vor mir gestanden und mir erstaunlich aufmerksam zugehört hatte, während ich What's in the eye gesungen hatte. Das hatte mir auf Anhieb gefallen. Sein Interesse hatte mich dazu motiviert, auf diesem verdammten Flur noch länger und lauter zu singen. Aber jetzt kann ich nicht hundertprozentig sagen, ob er wirklich mein nächtlicher Zuhörer ist, weil da noch viele andere Menschen waren und ich in der letzten Nacht sehr angespannt und ein bisschen betrunken war. Trotzdem ist der Typ an meinem Tisch mir sympathisch. Interessiertes Publikum mag ich sehr. Außerdem ist er derjenige, der mir meine Brille zurückgegeben hat, die ich dringend brauche und zu lange total vermisst habe. 

„Sie lag auf dem Boden”, verrät er mir endlich, „Du hast sie heute Nacht im Flur verloren, als...” Er bricht ab und weicht verlegen meinem Blick aus. Aber ich weiß trotzdem, wovon er spricht. Weil ich selbst schon vermutet hatte, die Brille wahrscheinlich verloren zu haben, als diese verfluchten Polizisten mich plötzlich gepackt und zu Boden gerissen hatten. Mein Verdacht, dass der unbekannte Kerl mir gegenüber mein nächtlicher Zuhörer sein könnte, bekräftigt sich durch seine Aussage. Es ist mir ein bisschen peinlich, dass er mich nicht nur singen gehört hat, sondern auch den Angriff auf mich durch die Polizei mitangesehen hat. Dabei habe ich bestimmt keine gute Figur gemacht. Diese Episode möchte ich am liebsten sofort vergessen. „Danke schön!” bedanke ich mich hastig, um zu verhindern, dass er womöglich noch die Polizei oder meine Niederlage erwähnt. Hilflos überwältigt und gefesselt zu werden, ist nämlich extrem demütigend. Mein Lächeln ist ein bisschen nervös. Er erwidert es verhalten und schaut dann gehemmt in eine andere Richtung. Ich bin froh, dass ich endlich wieder klar sehen kann. Zufrieden lasse ich meinen Blick durch den großen, sonnendurchfluteten Saal schweifen. Inzwischen sind die meisten Stühle mit Menschen besetzt. Es sind Männer und Frauen jeden Alters, von denen ich annehme, dass es Patienten sind. Alle haben Tabletts vor sich auf ihrem Tisch und stopfen sich das Frühstück rein. Zu viele reden dabei, darum ist es hier zu laut geworden. Ich entdecke auch einige weiß gekleidete Personen, bei denen es sich wohl um das Personal handelt. Niemand scheint uns zu beachten, daher wende ich meine Aufmerksamkeit zurück auf meinen unerwarteten Besucher. 

Es freut mich, dass ich mir den freundlichen, hilfsbereiten Typen endlich richtig angucken kann, obwohl er unverändert ein Stückchen von mir entfernt, mir direkt gegenüber am Tisch sitzt. Er zuckt die Schultern und schaut mich wieder an. „Kein Ding...”, winkt er bescheiden ab. Seine Stimme hat einen angenehmen Klang, irgendwie beruhigend. Er ist noch jung, vielleicht in meinem Alter. Er trägt tatsächlich einen dunklen Bart, der ein bisschen struppig aussieht. Ich spüre ein warmes Gefühl im Bauch, als ich ihn eingehend betrachte. Mein Herz schlägt schneller. Er hätte meine Brille einfach behalten können. Das hätte niemand gemerkt. Aber er hat sie mir zurückgegeben. Dafür möchte ich ihn gerne dankbar auf die Wange küssen. Aber er sitzt zu weit weg. Der verdammte Tisch ist wie eine Barriere zwischen uns. Der Kerl sieht interessant aus, stelle ich fest. Sein Gesicht hat etwas ganz Besonderes, etwas irgendwie Asiatisches. Mir fällt ein, dass mir das schon in der letzten Nacht an ihm aufgefallen war, dieser exotische Touch. Seine braunen Augen liegen fasziniert auf mir und wirken in ihrer Traurigkeit erstaunlich sanft. Ich frage mich, warum er trotz seines offensichtlich großen Interesses an mir so traurig aussieht. Während ich ihn anschaue, überlege ich, was an ihm nicht zu meiner vagen Erinnerung von ihm passt. Sein dichtes, schwarzes Haar steht nach oben ab. Ich glaube mich zu erinnern, dass seine Haare noch strubbelig herunterhingen, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Er hat sein Haar frisch gestylt, fällt mir amüsiert auf. Der Typ hat seine Haare mit viel Gel richtig stachelig gekriegt. Ich muss zugeben, dass ihm das verdammt gut steht. Belustigt frage ich mich, ob er sich wohl jeden Morgen so viel Mühe mit seiner Frisur gibt. An diesem Ort ist das total außergewöhnlich. Denn schließlich befinden wir uns beide in einer geschlossenen Psychiatrie, wo die allermeisten Patienten sichtbar wenig bis gar keinen Wert auf ihr Äußeres legen. 

„Du kannst gut singen”, flüstert er plötzlich. Seine Augen weiten sich nervös. Als hätte er Angst davor, wie ich auf dieses Kompliment reagiere. Sofort fühle ich mich geschmeichelt, obwohl mir absolut klar ist, dass ich, als er mir zuhörte, mit Sicherheit nicht gut gesungen habe. Die letzte Nacht war niederschmetternd für mich. Gegen meinen Willen wurde ich aus meiner heimatlichen Lieblingskneipe entführt und zwangsweise in einem Polizeiauto hierher gebracht. Auf diesem doofen Flur habe ich mir meinen umfassenden Frust aus der Seele gesungen. Weil ich das einfach in diesem Moment dringend tun musste, um nicht komplett durchzudrehen. Dabei habe ich nicht die Bohne darauf geachtet, mir Mühe zu geben oder die Töne richtig zu halten. Ich weiß genau, dass ich letzte Nacht gar nicht gut war. Aber diesem Typen hier hat mein höchst verzweifelter Gesang anscheinend trotzdem gefallen. „Danke schön!” wiederhole ich ratlos. Er lächelt erleichtert, also erwidere ich sein Lächeln verblüfft. Es ist schön, ihn anzugucken, stelle ich verwirrt fest. Sein Anblick beruhigt mich auf eine Art, die ich mir nicht erklären kann und die ich auch noch nie erlebt habe. In seiner Nähe fühle ich mich erstaunlich wohl, irgendwie besänftigt. Seine Anwesenheit wird angenehmer für mich, je länger er an meinem Tisch sitzt. Oder vielleicht sind es auch nur die Tabletten, die endlich anfangen zu wirken. Jedenfalls fühle ich mich langsam ein wenig besser. Die Schmerzen in meinem Körper lassen nach. Die Gier nach den Drogen wird spürbar erträglicher, und das erleichtert mich unendlich. 

Dankbar schaue ich ihn an. Er trägt ein gut sitzendes T-Shirt. Seine Hände hat er jetzt unter dem Tisch versteckt, genau wie ich. Sein T-Shirt ist schlicht schwarz und ohne Aufdruck. Den Rest seiner Kleidung kann ich nicht sehen. Ich frage mich, ob seine Schuhe wohl zu seinem Outfit passen. Auf so etwas lege ich nämlich echt wert. Aber der Tisch versperrt mir die Sicht. Ich müsste mich schon bücken und unter den Tisch gucken, um seine Hose und seine Schuhe sehen zu können. Aber das würde wohl ziemlich merkwürdig wirken. „Deine Frisur ist toll”, sage ich spontan zu ihm, um ihm auch ein Kompliment zu machen. Ich kann sehen, wie verlegen er wird. Er freut sich so sehr, dass er beinahe rot wird. Das amüsiert mich. Irgendwie ist er süß. „Das ist dir aufgefallen?” fragt er erstaunt und fasst sich nervös in die Haare. Ich nicke lächelnd. „Heute Nacht warst du noch nicht so stachelig”, necke ich ihn ein bisschen. Er lacht verunsichert, wodurch er sofort viel schöner aussieht. Es verdutzt mich, wie das Lachen ihn förmlich erstrahlen lässt und seine Traurigkeit verdrängt. „Deine Frisur ist auch nicht schlecht”, behauptet er. Automatisch streiche ich mir die Dreadlocks aus dem Gesicht. Ich liebe es, auf der Bühne den Kopf zu der Musik herumzuwirbeln und die Locks richtig fliegen zu lassen. Mein Dad war allerdings alles andere als begeistert, als ich zum ersten Mal damit nach Hause kam. Er bezeichnete mich prompt als drogensüchtigen Penner. Damit hatte er aber nur teilweise recht. 

„Willst du denn gar nichts essen?” fragt der seltsame Typ an meinem Tisch mich besorgt und deutet anklagend auf mein Tablett. Mein Frühstück steht völlig unberührt vor mir auf der Tischplatte. Angewidert schüttele ich den Kopf. Ich habe keinen Hunger. Im Gegenteil, mein Magen reagiert offenbar sensibel auf die Tabletten, denn mir wird schon wieder schlecht, als ich die Speisen ansehe. „Und was ist mit dir?” erwidere ich ein bisschen genervt. Ich mache eine Handbewegung, um zu demonstrieren, dass er schließlich gar kein Tablett mitgebracht hat. Er lächelt belustigt. „Doch, ich habe schon gegessen”, behauptet er. Das kann ich nicht nachprüfen, weil dieser fremde Kerl mir nicht eher aufgefallen ist, bis er plötzlich mir gegenüber am Tisch saß. Er scheint ein Faible dafür zu haben, unerwartet vor mir aufzutauchen. „Ich habe keinen Hunger”, erkläre ich abwehrend. Er seufzt unzufrieden. „Vielleicht solltest du es trotzdem mal versuchen. Das Essen hier ist meistens gar nicht so schlecht”, will er mich überreden. Er deutet auf mein Tablett, fordert mich stumm auf, ein Brötchen in die Hand zu nehmen. Das nervt mich, denn ich kriege wirklich nichts runter. Stattdessen greife ich demonstrativ nach der Flasche Mineralwasser und schraube sie mit unverändert zitternden Fingern mühsam auf. Ich nehme einen kräftigen Schluck, in der Hoffnung, dass die Kohlensäure eventuell meinen Magen beruhigen wird. Danach schraube ich die kleine Flasche wieder zu und stelle sie neben das Tablett auf den Tisch. 

Der komische Kerl beobachtet mich mit seltsam besorgter Miene. Ich erwidere seinen Blick leicht angespannt. Irgendwie fühle ich mich auf einmal von ihm belästigt. Es gefällt mir nicht, dass er mich zum Essen überreden will. Dieses Anliegen scheint ihm unerklärlich wichtig zu sein. Kurzerhand beugt er sich über den Tisch und nimmt sich eine meiner Brötchenhälften und das Messer von meinem Tablett. Dreist bestreicht er das Brötchen mit Butter. Ich kann es nicht fassen, dass er sich einfach meine Sachen genommen hat, auch wenn ich sie selbst gar nicht haben will. Ärgerlich schaue ich zu, wie er das Brötchen auch noch mit Marmelade bestreicht. „Du solltest es wirklich versuchen, Chester”, fordert er mich leise auf. Schüchtern lächelnd hält er mir die fertige Brötchenhälfte hin und schaut mich auffordernd an. Seine Stimme klingt bittend, fast flehend. Für ihn scheint es von rätselhaft großer Wichtigkeit zu sein, dass ich sein verdammtes Brötchen esse. Das kapiere ich nicht. Ich mag es nicht, wie er mich zum Essen überreden will. Stocksteif sitze ich auf meinem Stuhl und taxiere ihn vorwurfsvoll. Mein Herz fängt verstärkt an zu hämmern. Neue Wut kommt in mir hoch, weil ich seine freche Einmischung in meine Angelegenheiten nicht leiden kann. Außerdem irritiert es mich enorm, dass er meinen Namen kennt. Ich bin mir ziemlich sicher, dem aufdringlichen Typen meinen Namen nicht genannt zu haben. Sein unwillkommenes Wissen macht mich misstrauisch. Ich fühle mich ihm gegenüber im Nachteil, weil ich keine Ahnung habe, wie er heißt. Die Atmosphäre zwischen uns lädt sich spürbar auf, während wir uns noch eine Weile ansehen. Unermüdlich hält er mir das scheiß Brötchen hin, was ich demonstrativ ignoriere. Es gefällt ihm nicht, dass ich seiner drängenden Aufforderung nicht nachkomme. „Bitte, beiß doch wenigstens mal ab. Du siehst aus, als könntest du etwas zu essen sehr gut vertragen”, meint er schließlich seufzend. 

In diesem Moment habe ich schlagartig die Schnauze voll. „Bedien dich ruhig!” lade ich den Fremden wütend ein, „Nimm dir einfach, was du willst!” Gleichzeitig gebe ich meinem Tablett einen kräftigen Schubs in seine Richtung. In meinem Zorn stoße ich das Teil zu aggressiv, sodass es über den Rand des Tisches rutscht und scheppernd auf seinem Schoß landet, bevor er reagieren kann. Erschrocken springt er auf und starrt mich entsetzt an. Mein ganzes Frühstück fällt lautstark zu Boden. Der Krach geht in dem allgemeinen Stimmengewirr allerdings fast unter. Und weil die Teile ohnehin alle aus Plastik sind, geht dabei mit Sicherheit auch nichts kaputt. Darum mache ich mir darüber keine Sorgen, sondern schaue mir lieber interessiert diesen Typen an. Irgendwas an ihm fasziniert mich. Ich möchte unbedingt seine Kleidung sehen. Ich will wissen, ob er Stil hat. Er steht jetzt neben dem Tisch und mustert mich fassungslos. Endlich kann ich erkennen, dass er eine dunkelblaue Jeans trägt. Sie steht ihm gut. Seine schlanken Beine kommen darin vorteilhaft zur Geltung. An seinen Füßen sind schwarze Pantoffeln. Zufrieden registriere ich, dass die Farbe zu seinem T-Shirt passt. „Spinnst du? Was soll das denn?” blafft er mich an. Wütend hat er die Augenbrauen zusammengezogen, was eindeutig süß aussieht. Bevor ich etwas erwidern kann, taucht plötzlich ein Pfleger an unserem Tisch auf. Ich habe keine Ahnung, wo der auf einmal hergekommen ist. Der Blick des ganz in weiß gekleideten Mannes huscht aufgescheucht von dem Typen zu mir. „Was ist hier los? Was ist passiert?” fragt er uns hörbar alarmiert, während er missbilligend die Sachen auf dem Boden betrachtet. Der Pfleger interessiert mich nicht. Ich wende meinen Blick nicht von dem merkwürdigen Typen ab. Verwirrt spüre ich, dass sein Anblick mich noch immer seltsam beruhigt. Obwohl er mich gerade mit seiner überflüssigen Brötchenaktion ziemlich geärgert hat. Ich finde es schleierhaft, warum ihm dieser Essensscheiß so extrem wichtig war. 

„Ist schon gut. Das war nur ein Versehen”, behauptet der fremde Kerl hastig. Zu meinem grenzenlosen Erstaunen bückt er sich eilig und sammelt wahrhaftig mein auf dem Boden verstreutes Frühstück ein, wobei er sich sehr geschickt anstellt. Er legt alle Sachen rasend schnell auf das Tablett. Dann steht er wieder auf und stellt das Tablett zurück auf unseren Tisch. Entschuldigend lächelt er den misstrauisch guckenden Pfleger an. „Das tut mir leid. Ich war ziemlich ungeschickt”, nimmt der Fremde die ganze Schuld an dem Malheur auf sich, was mir wirklich zu hoch ist. Total verblüfft fixiere ich ihn, aber er schaut nicht zu mir hin. Seine Aufmerksamkeit liegt nun auf dem Pfleger. Ich kann nicht verstehen, was er hier macht, dass er mich vor dem Pfleger in Schutz nimmt. Das habe ich ganz bestimmt nicht erwartet. Eigentlich habe ich damit gerechnet, vom Personal zur Strafe in eine Gummizelle gesperrt zu werden oder so was. Ich weiß nicht, ob das wirklich passiert wäre. Ob diese Art von Bestrafung hier üblich ist. Auf jeden Fall aber gelingt es dem hilfsbereiten Fremden, diesen nervigen Pfleger, der zum Glück nichts von meinem Wutanfall mitgekriegt hat, von seinem angeblichen Missgeschick zu überzeugen. Nach ein paar weiteren Worten, die ich akustisch nicht verstehe, dreht der Pfleger sich schließlich um und verlässt uns. Er geht an einen anderen Tisch, der weiter weg von uns steht. Irgendwer braucht wahrscheinlich seine Hilfe. 

Amüsiert grinsend betrachte ich den süßen Typen, der unverändert neben dem Tisch steht. Sein unerwartetes Verhalten beeindruckt mich. Auch wenn ich seine rätselhafte Hilfsbereitschaft nicht verstehe, so bin ich ihm dennoch dankbar. Er hat mir meine verloren geglaubte Brille zurückgegeben. Allein dafür hat er schon einen Orden verdient. Und er sieht erstaunlich gut aus. Unbestreitbar hat er ein interessantes Gesicht. Zusätzlich hat er auch noch eine geile Figur, wie ich wohlwollend feststelle, als ich fasziniert seine ganze Gestalt anschaue. Der junge Mann verwirrt mich auf eine Art, die ich nicht kenne. Jetzt wirft er mir noch einen unglücklichen Blick zu. Ich möchte mich bei ihm bedanken, weil er gerade etwas eindeutig Nettes für mich getan hat. Schon wieder. Aber bevor mir die richtigen Worte einfallen, dreht er sich wortlos um und verlässt schnellen Schrittes den Speiseraum. Das wirkt auf mich so, als würde er plötzlich vor mir weglaufen. Misstrauisch blicke ich ihm nach. Ich kann sein Interesse an meiner Gesundheit nicht einordnen. Ich kann noch nicht mal sein Interesse an mir einordnen. Mir will nicht einleuchten, warum er mir auf so eine Art geholfen hat. Warum er den Aufpasser für mich angelogen hat. Womöglich ist er ein getarnter Pfleger, der mich überwachen soll, kommt mir ein beunruhigender Gedanke. Er soll sich vielleicht mein Vertrauen erschleichen. Deshalb auch die Aktion mit meiner Brille. Ich spüre, wie meine Paranoia Nahrung erhält. Hilflos schaue ich mich im Raum um. Plötzlich habe ich das Bedürfnis, auf der Stelle aufzuspringen und zu flüchten. Aber ich weiß, dass es hier keinen Ausgang für mich gibt. Mit einem Mal fühle ich mich erneut entsetzlich eingesperrt. Ich will nicht überwacht werden, von Niemandem. Und schon gar nicht will ich von irgendwem verarscht werden. Diesen seltsamen Typen kenne ich nicht, überlege ich verärgert. Wer weiß schon, was er in Wahrheit im Schilde führt.

4. Far from my home


Michael Kenji Shinoda

Gedankenversunken sitze ich allein am Fenstertisch vor meinem Tablett und mache mir mein Frühstück zurecht. So, wie ich es jeden Morgen um die gleiche Zeit tue, seit ich hier bin. Mit dem stumpfen Plastikmesser verteile ich Butter auf die Brötchen. Dann lege ich Wurst und Käse auf die Hälften. Danach nehme ich mir das Brot vor. Dabei behalte ich unentwegt die Eingangstür im Auge. Das ist eine Premiere für mich. Bisher habe ich beim Essen immer nur angespannt auf mein Tablett gestarrt und krampfhaft meine Umgebung ignoriert. In der drängenden Hoffnung, dass die anderen Menschen mich bloß in Ruhe lassen. Meistens haben sie das zum Glück auch getan. Aber jetzt schaue ich zum ersten Mal quer durch den Frühstückssaal zur Tür hin. Mein Herz ist aufgeregt, erwartungsfroh, seltsam lebendig. Es schlägt spürbar. Das fühlt sich sehr ungewohnt, aber nicht schlecht an, wie ich insgeheim zugeben muss. Ich denke darüber nach, was genau ich gleich am besten tun und sagen soll, wenn Chester hereinkommt. Wenn Chester sich an einen der Tische setzt, um zu frühstücken. Die Vorstellung macht mich nervös. Sie bringt meinen Herzschlag in Aufruhr. Ich beschließe, dann einfach zu ihm hinüberzugehen und ihm seine Brille zurückzugeben. Ich frage mich, wie dieser Fremde wohl darauf reagieren wird. Ich hoffe, dass er sich über seine Brille freut. Ich stelle mir vor, dass er mich vielleicht dankbar anlächelt. Ich wünsche mir, dass Chester nochmal lächelt. Zu gut erinnere ich mich an sein erstes Lächeln für mich. Das war in der letzten Nacht auf dem Flur. Als er gemerkt hat, wie aufmerksam ich seinem Gesang lauschte. Und jetzt bin ich ganz wild darauf, ihn nochmal lächeln zu sehen. 

Verdammt, ich habe ehrlich keine Ahnung, warum ich das so dringend will. Warum dieser fremde Typ mir nicht einfach am Arsch vorbeigeht. Es verwirrt mich. Ich verstehe das nicht. Und es macht mich ganz schön nervös. Allein der Gedanke, ihn gleich wiederzusehen, treibt meinen Puls in die Höhe. Mein Blick bewegt sich nicht von der Tür weg. Jedes Mal bin ich enttäuscht, wenn ein anderer Mensch als Chester den Saal betritt. Andauernd kommen andere Leute herein. Das gefällt mir nicht. Nachdenklich beiße ich in die fertige Brötchenhälfte. Ich kaue ganz langsam. Verblüfft stelle ich fest, wie gut dieses Brötchen schmeckt. Es ist knusprig und so frisch, dass es fast noch warm ist. Es sind Körner und schwarze Punkte in dem Teig. Vielleicht Chia oder so was. Schon sehr lange habe ich beim Essen nichts mehr empfunden. Ich habe einfach nur gegessen. Weil es von mir verlangt wurde. Nahrungsaufnahme war mir so egal wie alles andere. Aber heute Morgen kann ich plötzlich etwas schmecken. Meine Zähne mahlen sehr langsam. Bewusst zerkleinere ich die Speisen in meinem Mund. Ich schmecke die sahnige Butter. Registriere den Geschmack der Fleischwurst. Verdutzt steche ich den Strohhalm in das Tetrapack und nehme einen Schluck Orangensaft. Prompt fällt mir auf, wie lecker der Saft ist. Er schmeckt echt fruchtig und leicht säuerlich. Der Geschmack tanzt auf meiner Zunge. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten esse und trinke ich fast schon genüsslich. Seit ich hier bin, habe ich das noch nie getan. Die unverhofften, scheinbar lang vermissten Empfindungen stürzen förmlich auf mich ein. Diese unerwartete Sache verwirrt mich. Ich kann nicht begreifen, warum ich dieses Frühstück sogar irgendwie genieße. Schon tausendmal habe ich auf diesem Platz gesessen. Mir will nicht recht einleuchten, was genau sich so grundlegend geändert hat. 

Erneut schwingt eine der beiden Flügeltüren auf. Zwei Männer betreten den großen, von der Sonne hell erleuchteten Speisesaal. Einer der beiden trägt die weiße Kleidung des Pflegepersonals. Der andere Mann hat brünette Dreadlocks, die ihm bis auf die schmalen Schultern reichen. Schlagartig bin ich alarmiert. Stocksteif sitze ich dort und fixiere angestrengt die beiden Personen. Als ich Chester zweifelsfrei erkenne, zucke ich erschrocken zusammen. Mein Herz stolpert. Erleichtert blase ich Luft aus. Es freut mich mehr, als ich mir selbst eingestehen will, dass der neue Patient, auf den ich schon so lange warte, tatsächlich hierhergekommen ist. Unwillkürlich heften meine Augen sich an die vertraute Gestalt. Chester steht neben Pfleger Ulrich an der Tür und blinzelt erstaunt in den Saal hinein. Er kneift die Augen zusammen, weil er ohne seine Brille nicht gut sehen kann, wie ich schmunzelnd bemerke. Deshalb kann er mich auf diese Entfernung auch nicht erkennen. Automatisch tastet meine Hand sich zu meiner hinteren Hosentasche, wo ich seine Brille versteckt habe. Ich kann es nicht erwarten, sie ihm endlich zurückzugeben. Er wird sich darüber freuen, hoffe ich schon wieder. Chester wird mich sicher dankbar anlächeln. Spontan beschließe ich, lieber zu warten, bis der neue Typ allein ist, bevor ich zu ihm gehe. Obwohl mir das Warten schwerfällt. Aber ich weiß, dass Pfleger Ulrich sich womöglich über Chester oder mich lustig machen würde. Ich kenne Ulli ziemlich gut. Vielleicht würde er irgendwelche spöttischen Kommentare abgeben, wenn ich jetzt mit der Brille da auftauche. Das könnte ich nicht ertragen. Weil die verdammten Pfleger das nämlich nichts angeht, was zwischen Chester und mir passiert. Am besten sollen die gar nichts davon mitkriegen. Sonst würden die das doch nur sofort analysieren wollen. So wie sie ständig alles und jeden hier analysieren. 

Ich werfe Ulrich einen grimmigen Blick zu. Dann richte ich meine Aufmerksamkeit zurück auf den anderen Mann. Aufgeregt beobachte ich den Kerl, auf den ich schon so lange gewartet habe. Mit einem widersinnig warmen Gefühl im Bauch stelle ich fest, dass Chester noch genauso aussieht, wie in meiner Erinnerung. Der höchst begabte Sänger trägt wahrhaftig die gleichen Klamotten wie in der letzten Nacht, als ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. Das blaue Hemd mit dem komischen Schmetterlingskragen. Die farblich zum Hemd passenden Chucks und die hellgraue Chinohose. Inzwischen sehen seine Sachen allerdings zerknittert aus. Als hätte er darin geschlafen. Offensichtlich hat er sich seit gestern nicht umgezogen. Ich frage mich, ob Chester keine andere Kleidung hat, oder ob es ihm nur egal ist. Vielleicht interessiert es ihn nicht, wie er hier herumläuft. Das könnte ich gut verstehen. Bis heute Morgen ist es auch mir immer gleichgültig gewesen. An diesem deprimierenden Ort spielt es einfach keine Rolle. Plötzlich fällt mir auf, dass Chester sein Hemd nicht zugeknöpft hat. Der Typ trägt es wahrhaftig offen. Darunter lugt ein weißes Unterhemd hervor. Aus irgendeinem unsinnigen Grund finde ich das sofort ziemlich aufregend. Neben dem breiten, großen Pfleger wirkt Chester ziemlich schmächtig, obwohl er gar nicht so viel kleiner als Ulli ist. Pfleger Ulrich hat den neuen Patienten zum Frühstücksraum begleitet. Zweifellos hat er die Aufgabe, dem Neuankömmling alles zu zeigen. Jetzt gehen die beiden zu den Rollwagen. Ulrich spricht leise auf Chester ein. Ich kann mir denken, dass er ihm die Sache mit den Tabletts und den Namensschildern erklärt. 

Hastig schlinge ich den Rest meines Frühstücks hinunter. Unentwegt behalte ich dabei den Sänger im Auge. Ich bin zu nervös, um die Speisen jetzt noch zu genießen. Weil ich schnell fertig werden will. Ich muss bereit sein, sobald Chester alleingelassen wird. Dann werde ich nämlich unverzüglich zu ihm hingehen. Gleich werde ich dem fremden, putzig halbblinden Kerl seine Brille zurückgeben. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Als mir das bewusst wird, macht mein Herz einen freudig erregten Hüpfer. Ulrich hat Chesters Tablett herausgesucht und dirigiert seinen Schützling zu einem leeren Tisch in der Raummitte. Der fremde Typ setzt sich auf einen der vier Holzstühle. Pfleger Ulli stellt das Tablett vor den Schmächtigen auf den Tisch. Dann nimmt er direkt neben ihm Platz. Das gefällt mir nicht. Ungeduldig warte ich darauf, dass der Überflüssige endlich abhaut. Aber noch immer spricht der Pfleger leise mit dem Patienten. Chester wirkt allerdings uninteressiert. Fast sieht er genervt aus. Als würde er Ulli nur widerwillig zuhören. Scheinbar will Chester genau wie ich, dass der Pfleger endlich geht. Das gefällt mir so gut, dass mir richtig warm wird und sich unbemerkt ein breites Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet. Als ich es bemerke, bin ich total verblüfft. Es fühlt sich fremd an. Schon seit Ewigkeiten habe ich nicht mehr gelächelt. Hier in der geschlossenen Psychiatrie habe ich definitiv noch niemals gelächelt. Nicht mal ansatzweise. Genaugenommen wusste ich schon gar nicht mehr, wie sich so etwas überhaupt anfühlt. Aber jetzt scheint es ziemlich angenehm zu sein. 

Plötzlich steht Ulrich auf. Er klopft Chester beruhigend auf die Schulter. Dann verlässt der Pfleger gemächlichen Schrittes den Speisesaal. Im ersten Moment kann ich es nicht fassen, dass der fremde Kerl wahrhaftig allein am Tisch sitzt. Entgeistert starre ich ihn an. Mein Herz bompert plötzlich wie verrückt los. Ich bin extrem aufgeregt. Total von der Rolle. Weil ich es nicht erwarten kann, diesem dünnen Typen sein Eigentum zurückzugeben. Langsam wird mir klar, dass ich mich wie irre auf sein dankbares Lächeln freue. Ich freue mich darauf, endlich seine Stimme zu hören. Ich möchte dringend hören, wie seine Stimme klingt, wenn er nicht singt. Weil nämlich letzte Nacht auf dem Flur sein Gesang ohne Frage etwas absolut Faszinierendes hatte. Da war ein besonderer Klang in Chesters Stimme. So eine unglaubliche Intensität, die ich vorher noch nie gehört habe. Und ganz bestimmt werde ich sie nie wieder vergessen. 

Etwas stimmt nicht mit mir, denke ich auf einmal verstört. Diese Sache geht mir entschieden zu nahe. So wie jetzt habe ich mich noch nie gefühlt. Schließlich ist es doch nichts Besonderes, jemandem seine Brille zurückzugeben. Nur bei Chester scheint das völlig anders zu sein. Dabei ist mir noch nicht mal klar, was genau an diesem unbekannten Kerl so dermaßen aufregend sein soll. Pausenlos liegt mein Blick auf ihm. Er starrt sein Tablett an und lacht irgendwie verzweifelt. Dann rutscht er plötzlich auf dem Stuhl nach hinten und legt seine Stirn auf die Tischkante. Mit gesenktem Kopf sitzt er völlig reglos dort. Die Dreadlocks verdecken vollständig sein Gesicht. Er ist müde, vermute ich voller Mitgefühl. Bestimmt hat er in der letzten Nacht nicht gut geschlafen. Schließlich war es doch seine erste Nacht an diesem frustrierenden Ort. Und er ist zwangsweise hier eingeliefert worden. Das hat ihm sicher nicht gefallen. Ich versuche mich zu erinnern, wie meine erste Nacht hier gewesen ist. Aber ich weiß es nicht mehr. Ich erinnere mich nicht. Das ist alles viel zu schnell gegangen. Ich habe das gar nicht richtig mitgekriegt. Und nun scheint es schon Jahre her zu sein, seit ich in der Psychiatrie eingesperrt wurde. Damals ist mir alles egal gewesen. Jetzt nicht mehr. 

Kurzentschlossen stehe ich auf, nehme mein Tablett und bringe es folgsam zurück zu den Rollwagen. Ich stelle das Tablett zurück in eine der Schienen, genau wie es verlangt wird. Dann drehe ich mich herum und werfe einen nervösen Blick auf Chester. Zum Glück ist er noch immer allein an diesem Tisch in der Raummitte. Unverändert hat er seine Stirn auf der Tischkante abgelegt. Seine Hände hat er beide in den Bauch gepresst, als hätte er große Schmerzen. Aber er bewegt sich gar nicht. Der seltsame Typ sitzt vollkommen bewegungslos dort. Als wäre er tot. Oder zumindest eingeschlafen. Behutsam gehe ich auf ihn zu. Ich mache einen langsamen Schritt nach dem anderen. Dabei beobachte ich ihn aufmerksam. Fieberhaft grübele ich darüber nach, wo ich mich jetzt am besten hinsetzen soll. Sich einfach auf den Stuhl ziemlich dicht neben ihm zu setzen, erscheint mir irgendwie zu aufdringlich zu sein. Also entscheide ich mich für den Platz ihm gegenüber. 

Es fühlt sich an, als würde mein Herz aus meiner Brust springen, als ich mich kurzerhand zu Chester an den Tisch setze. Lautlos schiebe ich den leeren Holzstuhl zurück und nehme Platz. Dann sitze ich dort und schaue ihn an. Die Umgebung verstummt in meiner Wahrnehmung. Obwohl es in diesem Speisesaal mittlerweile ziemlich voll und daher auch viel zu laut geworden ist, kann ich davon so gut wie nichts mehr hören. Ich sehe nur noch Chester. Ich kann es nicht fassen, dass er mir gegenüber am selben Tisch sitzt. Verdammt, ich habe mich nach ihm gesehnt, wird mir höchst irritiert klar. Ich habe mich wahrhaftig nach einem Typen gesehnt. Das ist dermaßen absurd, dass es gar nicht wahr sein kann. Aber meine Gefühle sind recht eindeutig. Auch wenn ich sie in keinster Weise verstehen kann. Das passiert mir zum ersten Mal in meinem Leben. Noch niemals vorher habe ich einen anderen Mann auf diese Art angesehen. Mit diesem warmen Gefühl im Bauch. Mit so einer Zuneigung. Ich verstehe nicht, was genau mich an Chester so anzieht. Schließlich kenne ich ihn gar nicht. Auf dem Flur bin ich ihm zum ersten Mal begegnet. Das ist gerade mal ein paar Stunden her. Es kann doch nicht nur seine einzigartige Stimme sein. Obwohl die mich in der letzten Nacht zweifelsfrei schlagartig aus meiner Lethargie gerissen hat. Aber nein, da ist noch etwas anderes an diesem fremden Kerl, was mich magnetisch anzuziehen scheint. Allerdings habe ich keine Ahnung, was genau das sein könnte. 

Reglos sitze ich dort, gucke ihn an und fühle mich eigenartig zufrieden damit. Erst mit Verzögerung wird mir bewusst, dass ich mich in diesem Moment wohlfühle. Und das scheint tatsächlich nur daran zu liegen, weil Chester mir nahe ist. Interessiert betrachte ich ihn. Er hat die Stirn auf den Tisch gelegt, sodass ich nur seinen dunklen Scheitel und die Dreadlocks sehe. Ich kann es nicht erwarten, sein Gesicht wiederzusehen. Ich möchte seine braunen Augen sehen. Ich will seinen dunklen Blick auf mir spüren, der in meiner Erinnerung wie Feuer war. Geduldig warte ich darauf, dass der seltsame Typ sich endlich wieder aufrichtet. Seine komische Sitzposition muss doch mit der Zeit total unbequem sein. Die kann er sicher nicht ewig so beibehalten. Mit klopfendem Herzen denke ich darüber nach, ihn jetzt einfach anzusprechen. Aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich habe keine Ahnung, wie er darauf reagieren würde. Und eigentlich möchte ich ihn lieber nicht stören. 

Plötzlich bewegt er sich ein bisschen. Sofort bin ich alarmiert. Er rutscht kaum merklich, aber unruhig auf seinem Stuhl herum. Chester stöhnt leise und presst seine Hände in den Bauch. Anscheinend reibt er die Finger nervös aneinander. Obwohl ich das von meinem Platz aus nicht genau sehen kann, weil es unter dem Tisch passiert. Seine spürbare Unruhe gefällt mir nicht. Ich glaube ihm anzumerken, dass er sich unwohl fühlt. Anscheinend geht es ihm nicht gut. Womöglich hat er tatsächlich Schmerzen, fürchte ich voller Mitgefühl. Abrupt hebt Chester den Kopf, richtet sich auf und öffnet die Augen. Ich kann meinen Blick nicht von ihm nehmen. Mein Herz bleibt nochmal stehen. Erschrocken zuckt er zusammen und starrt mich entsetzt an. Es ist offensichtlich, dass er nicht damit gerechnet hat, dass zwischenzeitlich jemand an seinem Tisch sitzt. Ich habe ihn überrascht. Das scheint ihm nicht zu gefallen. Sein Gesicht ist abweisend. Er ist genervt. Aber etwas anderes schockiert mich viel mehr. Chester sieht krank aus. Um seine Augen sind dunkle Schatten. Als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Seine Pupillen sind so groß, dass seine dunkelbraunen Augen pechschwarz wirken. Schwarze Höhlen in einem schmalen, blassen Gesicht. Sie sind gerötet. Als hätte er stundenlang geweint. Schweiß steht auf seiner hohen Stirn, auf der sich die Tischkante als schmaler, roter Balken abgedrückt hat. Er blinzelt mich kurzsichtig an. Anscheinend sieht er mich nur unscharf. Eine Weile mustern wir uns schweigend. Es betrübt mich, dass Chester so krank aussieht. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich möchte wissen, was mit ihm los ist. Sofort will ich etwas für ihn tun, damit es ihm besser geht. Das verstehe ich nicht. In meiner Wahrnehmung sind wir plötzlich ganz allein in diesem großen Speisesaal. Nur Chester und ich. Zwischen uns steht der weiße Holztisch. Sein Tablett steht auf der Tischplatte. Er hat es nicht angerührt. Meine Brust wird eng. Ich muss nach Luft ringen. Das Schweigen wird blöd. Langsam muss ich etwas sagen. Aber mein Kopf ist total leer. Mir fallen die Worte nicht mehr ein, die ich mir so ausführlich zurechtgelegt hatte. Chesters kranker Zustand erschreckt mich. Ich will nicht, dass es ihm so schlecht geht. Das kann ich kaum ertragen. 

„Ich habe deine Brille gefunden”, teile ich ihm leise mit. Meine Hoffnung, dass er sich darüber freut, ist jetzt noch viel größer geworden. Chester soll sich über seine Brille freuen. Es scheint mir extrem wichtig zu sein, dass er einen Grund zur Freude hat. Der arme Kerl sieht furchtbar gequält aus. Das halte ich nicht länger aus. Dringend möchte ich ihn lächeln sehen. „Was?” entfährt es ihm verblüfft. Schlagartig habe ich seine ganze Aufmerksamkeit. Das amüsiert mich. Es freut mich, dass ich etwas für ihn tun kann, was ihm gefallen wird. Das fühlt sich gut an. Lächelnd greife ich in meine hintere Hosentasche und hole die Brille mit den schwarzen Plastikbügeln heraus. Langsam strecke ich meinen Arm über den Tisch und zeige ihm sein Eigentum. Sofort richtet sich seine Konzentration auf den Gegenstand in meiner Hand. Er hat wirklich keine Ahnung, dass ich seine Brille aufgehoben habe, registriere ich verdutzt. Scheinbar hat er letzte Nacht auf dem Flur davon nichts mitgekriegt. Vielleicht weiß er nicht einmal, wo er seine Sehhilfe verloren hat. Gerührt betrachte ich mein Gegenüber. Schlagartig ist Chester glücklich. Sein Gesicht erstrahlt nahezu blitzartig, als er seine Brille erkennt. Eilig schnappt er sich das Teil und begutachtet es von allen Seiten. Zweifellos freut Chester sich riesig. Und das macht mich wiederum glücklich. Es verblüfft mich, wie groß, wie umfassend mein Glücksgefühl ist. Das angenehm warme Gefühl in meinem Bauch kehrt zurück, während ich ihn selig beobachte. Er klappt die schwarzen Bügel auf und setzt sich die Brille unverzüglich auf seine schmale Nase. Sie steht ihm verdammt gut. 

„Wo hast du sie gefunden?” fragt er mich, während er das Gestell nochmal abnimmt und die fettigen Gläser mit dem unteren Rand seines blauen Hemdes sauber reibt. Dadurch öffnet sich sein Hemd noch ein bisschen mehr. Irritiert schaue ich auf sein schneeweißes Unterhemd. Auf einmal regt sich irgendwas in mir. Mein Herz schlägt härter. Ich frage mich, warum Chester sein Hemd nicht zugeknöpft hat. Ich verstehe nicht, warum mich der Anblick seines Unterhemdes so nervös macht. Für einen Moment wünsche ich mir, er würde sich beide Hemden auf der Stelle ausziehen. Hastig schaue ich in sein Gesicht. Er hat die Brille wieder aufgesetzt und begutachtet mich interessiert. In seinem Kopf scheint es zu arbeiten. Chester überlegt. Ich frage mich, ob er mich vielleicht erkennt. Ob er sich daran erinnert, dass wir uns in der Nacht schon einmal begegnet sind. Auf dem Flur. Als er für mich gesungen hat. Und ich ihm gebannt zugehört habe. Aber vielleicht war er auch zu betrunken und erinnert sich deshalb nicht an mich. Ich weiß es nicht. Mein Kopf ist schon wieder seltsam leer. Ich möchte unbedingt, dass Chester sein blaues Hemd auszieht. Er soll auch sein Unterhemd ausziehen. Ich möchte seine nackte Brust sehen. Dieser Gedanke schockiert mich.

„Sie lag auf dem Boden. Du hast sie heute Nacht im Flur verloren, als...”, erkläre ich eilig und breche verwirrt ab. Konzentriert studiere ich den fremden Typen. Ich muss herausfinden, ob er mich erkennt. Ob er sich an mich erinnert. Ich kapiere nicht, warum ich das so dringend will. Warum mir das so wichtig ist. Er grinst mich amüsiert an. Verlegen weiche ich seinem glühenden Blick aus. Plötzlich bin ich total verwirrt. Mein Herz klopft zu schnell. Ich weiß gar nicht mehr, was ich jetzt tun oder sagen soll. Chesters Nähe wühlt mich auf eine Art auf, die ich mir nicht erklären kann. „Danke schön!” höre ich Chester und möchte am liebsten vor Glück weinen. Weil er mir tatsächlich dankbar ist. Weil ich ihm etwas Gutes tun konnte. Weil er sich freut und jetzt nicht mehr so schrecklich gequält aussieht. Weil ich zusammen mit ihm an einem Tisch sitze und mit ihm reden kann. Seine ungewohnte Stimme ist sehr angenehm. Außergewöhnlich glasklar, nicht zu dunkel, mit einem sanften Klang. Sein Sprechen hört sich harmonisch an, genau wie sein fantastischer Gesang. Ich will unbedingt, dass Chester nochmal für mich singt. „Kein Ding...”, winke ich ab und schaue ihn wieder an. Plötzlich fällt mir auf, wie verdammt gut er aussieht. Sein Gesicht ist fein geschnitten, mit gerader Nase und leicht geschwungenen Augenbrauen. Seine Lippen sind rot und ziemlich schmal. Die Unterlippe ist ein wenig breiter. Er hat dunkle Bartstoppeln über der Oberlippe, am Kinn und an den Wangen. Offensichtlich hat er sich länger nicht rasiert. Seine tiefgründigen, dunkelbraunen Augen leuchten mich durch die Brillengläser auf eine dermaßen besondere Art interessiert an, dass ich unwillkürlich davon gefesselt werde. Chester lächelt. Gott im Himmel! Er lächelt mich wahrhaftig an! Darauf habe ich doch schon die ganze Zeit gewartet. Gehofft und gewartet. Wie ein Idiot. Denn Chesters warmes Lächeln ist einfach nur wunderschön. Es kann sein, dass mein Herz diesmal komplett stehenbleibt. Zumindest für ein paar Sekunden. 

„Du kannst gut singen”, stehlen sich die Worte leise aus mir heraus, ohne das ich sie vorher auch nur bemerkt hätte. Sofort bin ich erschrocken. Ich hatte wirklich nicht vor, ihm ausgerechnet das mitzuteilen. Diese Aussage ist von Mann zu Mann total seltsam. Womöglich hält er mich jetzt deswegen für völlig durchgeknallt. Aber Chester lächelt noch breiter. Das fasziniert mich dermaßen, dass ich ihn nur noch gebannt betrachten kann. „Danke schön!” wiederholt er spürbar geschmeichelt. Es freut mich, dass mein unbeholfenes Lob ihm gefällt. Obwohl es mir nur ungewollt herausgerutscht ist. Trotzdem habe ich es ehrlich gemeint. Und ich habe bestimmt nicht übertrieben, im Gegenteil. Chester kann nicht nur gut singen. Er singt einfach ganz fantastisch. Letzte Nacht hat sein Gesang sich blitzartig bis in meine Seele gemogelt. Zu diesem Zeitpunkt konnte mich schon sehr lange nichts anderes mehr erreichen. Nur Chester hat das geschafft. Und zwar so leicht und schnell, dass ich davon noch immer vollkommen überwältigt bin. Fast bin ich versucht, ihn zu bitten, jetzt sofort etwas für mich zu singen. Aber das wäre wohl ziemlich merkwürdig. Bestimmt hat er heute Morgen auch gar keine Lust dazu. Das bedauere ich sehr. Ich kann es nicht erwarten, ihn nochmal singen zu hören. Ich möchte so bald wie möglich nochmal spüren, wie sein faszinierender Gesang sich tief in meine Seele gräbt. Wie seine sanfte, glasklare Stimme sich ein weiteres Mal wie ein warmer, tröstender Hauch um meine innere Traurigkeit legt. Ich will die berührenden Wörter hören, die aus meinem eigenen Inneren emporgestiegen scheinen. Und ich möchte diese unglaubliche Energie in seiner Stimme hören, die mir eine magische Kraft zu verleihen scheint. Ganz genau so war es letzte Nacht auf dem Flur. Als Chester mich angelächelt und für mich gesungen hat. Daran erinnere ich mich deutlich. Diese unerwartete Begegnung werde ich nie wieder vergessen. Allein die Erinnerung daran macht mich total zappelig. 

„Deine Frisur ist toll”, sagt Chester unvermittelt zu mir. Der Typ lächelt belustigt. Sein blasses, schmales, verschwitztes Gesicht strahlt vor Heiterkeit. Seine braunen Augen leuchten zufrieden. Es macht ihm Spaß, mit mir zu reden. Das kann ich kaum verarbeiten. Es trifft mich wie ein Schlag, dass Chester meine sorgfältig hergestellte Frisur aufgefallen ist. Er ist der erste Mensch seit langer Zeit, der mich aufmerksam genug angesehen hat, um mein neues Styling zu bemerken. Niemanden sonst hat es auch nur interessiert, dass ich heute Morgen zum ersten Mal, seit ich hier bin, das Gel benutzt habe. Dass ich mir vor dem Spiegel echte Mühe gegeben habe, um eine geile Frisur zu basteln. Nur dieser völlig fremde Mann hat das gemerkt. Chester hat meine Veränderung registriert. Und das bringt mich vor Erstaunen und Glück beinahe um. „Das ist dir aufgefallen?” krächze ich baff und fasse mir nervös in die Haare. Das Gel fühlt sich klebrig an. Mein dichtes, schwarzes Haar steht schön nach oben ab. Eigentlich ist es mittlerweile schon zu lang dafür geworden. Darum war das Styling nicht leicht. Aber trotzdem habe ich es genauso hingekriegt, wie ich es haben wollte. Früher bin ich oft so herumgelaufen. Zu Hause hat es gut zu meinen Hip Hop Allüren gepasst. Zusammen mit den richtigen Klamotten natürlich. „Heute Nacht warst du noch nicht so stachelig”, neckt Chester mich derart liebenswürdig, dass mir ganz heiß wird. Meine Brust wird eng. Aufgeregt schnappe ich nach Luft. Weil die Erkenntnis mich blitzartig trifft, dass Chester unsere nächtliche Begegnung vor ein paar Stunden keineswegs vergessen hat. Der Typ mit dem seltenen Namen erinnert sich an mich. Chester weiß noch, dass er auf dem viel zu hellerleuchteten Flur allein für mich gesungen hat. Ihm ist völlig klar, dass ich es war, der ihm dabei paralysiert zugehört hat. Chester erinnert sich an mich, obwohl er zu diesem Zeitpunkt meiner Meinung nach ziemlich betrunken war. 

Auf einmal möchte ich den fremden Kerl dringend berühren. Dieses Begehren überschwemmt mich förmlich schlagartig, wie aus dem Nichts. Meine Augen heften sich gierig auf den Menschen, der mir direkt gegenüber am Tisch sitzt. Ich möchte sein hübsches, irgendwie zartes Gesicht erfühlen. Ihm dankbar über die Wange streicheln. Die hohen Wangenknochen ertasten. Mit den Fingern den Schwung seiner Ohrmuscheln nachmalen, die auf bezaubernde Weise ein wenig abstehen. Weil er sich an mich erinnert. Weil er mich nicht vergessen hat. Vielleicht hat er mich sofort wiedererkannt, weil es ihm etwas bedeutet hat, dass ich ihm zugehört habe. Genauso, wie es mir jede Menge bedeutet hat. Sogar viel mehr, als ich jemals erklären könnte. Plötzlich sehne ich mich wie verrückt nach Chesters unmittelbarer Nähe. Ich verfluche den weißen Holztisch zwischen uns, der verhindert, dass ich ihn einfach in meine Arme schließen kann. Sehr dringend möchte ich diesen neuen Patienten umarmen. Ich möchte ihm zeigen, wie glücklich er mich macht. Chester macht mich glücklich. Mein Dank dafür, dass er mich aus meiner grauen Teilnahmslosigkeit gerissen hat, ist viel größer, als ich selbst begreifen kann. Größer, als ich jemals ausdrücken könnte. Seit ich ihn zum ersten Mal auf dem Flur gehört habe, fühle ich plötzlich so viel. Ich nehme so viele Dinge völlig neu wahr, dass ich davon total überflutet werde. Obwohl es mir Angst macht, es ungewohnt, anstrengend und nervenaufreibend ist. Obwohl ich mir noch längst nicht sicher bin, ob mir diese Kehrtwendung meines Empfindens überhaupt gefällt, so bin ich tief drinnen trotzdem dankbar dafür. Allerdings checke ich nicht, dass ich diesen seltsamen Typen wahrhaftig anfassen will. Der heftige Drang erschreckt mich enorm. So etwas ist mir noch nie passiert. Noch niemals wollte ich einen anderen Menschen so dringend berühren. Ich kapiere nicht, was genau an Chesters einnehmend freundlichem Wesen mich dermaßen mächtig anzieht. In diesem Moment will ich nichts auf der Welt lieber tun, als selbst zu erfahren, wie sich seine blasse Haut anfühlt. 

„Deine Frisur ist auch nicht schlecht!” teile ich dem Brünetten hastig mit, um mich von diesen bestürzenden Gedanken abzulenken. Chester lächelt zum Niederknien. Mit einer überraschend grazilen Bewegung streicht er sich seine Dreadlocks aus dem Gesicht. Das erregt mich irgendwie. Verblüfft schaue ich dabei zu, wie seine dünnen Finger langsam durch die dunklen Locks streichen. Mein Herz schlägt härter. Ich habe keine Ahnung, was mit mir passiert. Chesters Anwesenheit macht mich zunehmend nervös. Mein Bedürfnis, diesem Patienten noch sehr viel näher zu kommen, scheint kontinuierlich anzuwachsen. Das kann ich wirklich nicht verstehen. Meine Nervosität gefällt mir nicht. Das hier nimmt eine aufwühlende Intensität an, die ich nicht vorhergesehen und auch bestimmt nicht erwartet habe. Eigentlich wollte ich dem fremden Kerl doch lediglich seine verlorene Brille zurückgeben. Aber jetzt möchte ich wahrhaftig aufstehen, zu ihm hingehen und ihn küssen. Irgendwas an Chester zieht mich magnetisch an. Absolut fasziniert betrachte ich ihn. Sein Gesicht ist trotz dem roten Tischabdruck auf der Stirn, der langsam verblasst, einfach nur wunderschön. Seine Schultern sind nicht allzu breit. Die Arme lang und dünn. Sein Körper ist sehr wohlproportioniert, aber zu schmächtig. Er ist blass und sieht noch immer krank aus. Meine Gesellschaft muntert ihn scheinbar auf, was mich ungeheuer freut. Unwillkürlich stelle ich mir vor, meine Lippen auf seine hübsch geschwungenen zu drücken. Ich möchte an seiner roten Unterlippe knabbern. Mit meiner Zunge sanft seinen verlockenden Mund erforschen. Ich will mit meinen Fingern zärtlich durch seine wilden Dreadlocks fahren. 

Schockiert von diesen absolut hirnrissigen Wünschen atme ich scharf ein. Verdammt, das kann doch nicht wahr sein! Noch nie in meinem Leben hatte ich derartige Gedanken bei einem anderen Mann. Das ist der größte Schwachsinn, den ich mir je vorgestellt habe. Du verwechselst da was, Mike Shinoda, schimpfe ich innerlich mit mir. Du bist dem Fremden dankbar, weil er es irgendwie geschafft hat, dich aus dem grauen Nichts zu retten. Aber deswegen willst du doch diesen Kerl nicht anfassen oder sogar auf den Mund küssen! Du kennst den doch gar nicht und hast keine Ahnung, warum er hier ist. Das hier ist die geschlossene Psychiatrie, vergiss das nicht. Du bist ausgehungert, Mike, versuche ich panisch, eine Erklärung für meine eigenen Begierden zu finden. Verärgert rede ich mir ein, dass ich einfach nur zu lange keine Frau mehr gefickt habe. Vielleicht muss ich mir lediglich mal einen runterholen, überlege ich verwirrt. Dieser Gedanke macht mich irgendwie ganz kribbelig. Mir wird klar, dass ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr angefasst habe. Ich hatte keinerlei Interesse daran. Mein Körper oder irgendwelche Gefühle waren mir vollkommen gleichgültig. Das alles spielte in meinem Leben überhaupt keine Rolle mehr. Mike Shinoda hatte sich für eine lange Zeit aus der Welt zurückgezogen. In meinem dunklen Desinteresse war ich sicher. Nichts hat mich berührt. Ich musste mir keine Gedanken machen. Aber letzte Nacht hat dieser fremde Kerl, der mir direkt gegenüber am Tisch sitzt, mir diesen Schutzwall plötzlich weggerissen. Darauf war ich in keinster Weise vorbereitet. Auf einmal bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich das überhaupt so haben will. Meine Gedanken wirbeln zu wild in meinem Kopf. Sie überschlagen sich, sodass ich für einen Moment komplett den Faden verliere. Dringend muss ich mich von diesem verwirrenden Scheiß ablenken. 

„Willst du denn gar nichts essen?” frage ich Chester spontan verzweifelt und deute auf sein unberührtes Tablett. Der neue Patient hat genau die gleichen Speisen bekommen, die ich vorhin gegessen habe. Wenn man auf dieser Station etwas anderes frühstücken will, kann man auch Cornflakes, Müsli, Milch, Joghurt oder so was kriegen. Es gibt so ziemlich alles, außer Kaffee. Allerdings muss man das vorher anmelden. Man muss eine konkrete Bestellung aufgeben. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, das zu tun. Weil es mir völlig egal war, was man mir zum Essen vorsetzte. Hat mich nie interessiert. Aber jetzt macht es mir plötzlich Sorgen, dass Chester offenbar nicht vorhat, sein Frühstück auch nur anzurühren. Das kann nicht gut sein. Der arme Kerl sieht doch sowieso viel zu dünn aus. Als hätte er schon lange zu wenig gegessen. An diesem Morgen wirkt Chester sogar auf mich, als würde er jeden Moment vor Schwäche zusammenklappen. Das beunruhigt mich zunehmend. Ich möchte nicht, dass es ihm schlecht geht. Nicht nur, weil er unbedingt für mich singen soll. Aber auch zum Singen braucht man Kraft, denke ich traurig. 

Chester blickt kurz auf sein Tablett und schüttelt angewidert den Kopf. „Und was ist mit dir?” fragt er und zeigt mir mit einer aggressiven Handbewegung, dass kein Tablett vor mir steht. Belustigt erwidere ich: „Doch, ich habe schon gegessen.” Das stimmt. Tatsächlich fühle ich mich satt und deshalb irgendwie zufrieden. Ich denke daran, dass dieses Frühstück überraschend wohlschmeckend für mich war. Heute habe ich zum ersten Mal bewusst etwas zu mir genommen, seit ich hier bin. Chester dagegen reagiert ein wenig genervt auf meinen Hinweis, was ich nicht einordnen kann. „Ich habe keinen Hunger”, erklärt er mir abwehrend. Aus irgendeinem Grund kann ich das nicht so einfach hinnehmen. „Vielleicht solltest du es trotzdem mal versuchen. Das Essen hier ist meistens gar nicht so schlecht”, will ich ihn überreden. Einladend deute ich auf sein Tablett. In Wahrheit kann gar nicht beurteilen, wie in der Psychiatrie die Qualität der Speisen ist. Schließlich habe ich bis heute Morgen einfach nur jedes Mal das Zeug in mich reingesteckt. Weil es so von mir verlangt wurde. Ohne irgendwas dabei zu schmecken. Es war mir egal. Ich habe keine Ahnung, ob man das Essen hier als gut bezeichnen kann. Aber jetzt möchte ich unbedingt erreichen, dass Chester von seinem Brötchen abbeißt. Es irritiert mich, wie dringend ich will, dass der fremde, dünne Kerl etwas zu sich nimmt. Eigentlich könnte mir das vollkommen egal sein. Aber zweifellos hat der fremde Patient etwas an sich, was mich eigenartig tief berührt. Das ist längst nicht nur seine ungewöhnlich wohlklingende Stimme. Langsam verstehe ich, dass Chester jemand ist, um den ich mich gerne kümmern würde. Ich habe sogar das Gefühl, das ich mich dringend um diesen Menschen kümmern muss. Es geht ihm nicht gut, und ich kann das vielleicht ändern. Ich möchte das beileibe ändern. Verwirrt wird mir klar, dass ich für Chester da sein möchte. Auch wenn ich ehrlich keine Ahnung habe, warum ich ausgerechnet so etwas bei seinem Anblick empfinde. 

Chester greift demonstrativ nach der kleinen Flasche Mineralwasser auf seinem Tablett und schraubt sie auf. Dann nimmt er einen großen Schluck. Betrübt fällt mir auf, dass seine Hände zittern. Außerdem registriere ich erschrocken seine Fingernägel. Sie sind so entsetzlich kurz. Seine Nägel sehen aus, als hätte er sie alle der Reihe nach bis aufs Blut abgekaut. Das macht mich traurig, als ich es sehe. Unwillkürlich stelle ich mir Chester vor. Wie er allein im Dunkeln in seinem Zimmer auf dem Bett liegt und nervös seine Fingernägel abkaut. Bestimmt hat er dabei fürchterlich geweint. Darum sind seine schönen Augen so gerötet. Der einsame Mann war letzte Nacht in seinem Zimmer total verzweifelt, weil es ihm nicht gefällt, dass er hier ist. Dieses Bild bricht mir das Herz. Chester schraubt die Flasche zu und stellt sie auf den Tisch. Seine Hände zittern sogar ziemlich schlimm. Das kann ich kaum ertragen. Er muss sich dringend stärken, denke ich besorgt, sonst bricht er womöglich vor Schwäche gleich zusammen. 

Spontan beuge ich mich vor und nehme eine von Chesters Brötchenhälften und das Messer von seinem Tablett. Sorgfältig bestreiche ich das Brötchen mit Butter. Weil ich nicht weiß, welche Wurst oder Käse er mag, greife ich kurzerhand zu der Marmelade. Ich nehme einfach mal an, dass er die Marmelade bestimmt mag. Der Typ beobachtet mich aufmerksam bei meiner Tätigkeit. Sein Blick ist seltsam starr. Unergründlich. Das macht mich ein wenig nervös. „Du solltest es wirklich versuchen, Chester!” bitte ich meinen Tischgefährten vorsichtig. Über die Tischplatte hinweg halte ich ihm die fertige Brötchenhälfte hin. Auffordernd lächele ich ihn an und warte darauf, dass er das ihm angebotene Essen annimmt. Schließlich meine ich es gut mit ihm. Bei der Zubereitung habe ich mir richtig Mühe gegeben. Hoffentlich habe ich für seinen Geschmack nicht zu viel Butter oder Marmelade genommen, befürchte ich verunsichert. 

Eine Weile schauen wir uns schweigend an. Zu meiner Bestürzung verändert sich Chesters Gesichtsausdruck. Der Mann mir gegenüber sieht zunehmend unzufrieden aus. Beinahe schon wütend. Seine dunklen Augen funkeln mich durch die Brillengläser vorwurfsvoll an. Offenbar gefällt es ihm nicht, dass ich das Brötchen für ihn zurechtgemacht habe. Meine Eigeninitiative scheint ihn sogar richtig sauer zu machen. Das verstehe ich nicht. Ich finde, dass ich gerade richtig doll nett zu ihm bin. Unaufgefordert habe ich ihm Arbeit abgenommen und sorge mich um seine Gesundheit. Abgesehen davon sollte dieser schmächtige, viel zu blasse Kerl mit den dunklen Augenrändern wirklich dringend etwas essen. Es macht mich verrückt, dass er das angebotene Brötchen nicht nimmt. Langsam komme ich mir blöd vor. „Bitte, beiß doch wenigstens mal ab. Du siehst aus, als könntest du etwas zu essen sehr gut vertragen”, fordere ich ihn schließlich seufzend auf. Mir ist nicht klar, warum er zögert. Warum er mein freundliches Angebot so demonstrativ ignoriert. Das wirkt auf mich, als würde er mein sorgsam zubereitetes Brötchen nur aus Trotz ablehnen. Als wäre er ein kleiner Trotzkopf. Einmal abbeißen ist doch nun wirklich nicht zu viel verlangt, denke ich leicht verstimmt. Das gebietet ja wohl schon die Höflichkeit. Er muss es doch zu würdigen wissen, dass ich dieses Brötchen extra für ihn gemacht habe. 

Tut Chester aber nicht. Stattdessen macht er plötzlich etwas, mit dem ich niemals gerechnet habe. Nie im Leben. Seine dunklen Augen weiten sich in einem abrupten Wutanfall. „Bedien dich ruhig!” lädt der unberechenbare Typ mich eindeutig zornig ein, „Nimm dir einfach, was du willst!” Gleichzeitig gibt er seinem Tablett einen kräftigen Schubs in meine Richtung. In seinem aggressiven Zorn stößt er das Tablett viel zu heftig. Es rutscht über den Rand des Tisches und landet scheppernd auf meinem Schoß, bevor ich reagieren kann. Vor Schreck fällt mir sein Brötchen aus der Hand. Erschrocken springe ich auf und starre den Trotzkopf entsetzt an. Weil ich aufstehe, fällt sein Frühstück von meinen Oberschenkeln lautstark zu Boden. Bestürzt schaue ich an mir herunter. Sofort muss ich überprüfen, ob meine Jeans oder mein T-Shirt, die ich beide erst heute Morgen frisch angezogen habe, womöglich jetzt voller Marmelade und Butter sind. Das könnte ich wirklich nicht ertragen. Wenn der Arsch meine Klamotten versaut hat, dann bringe ich ihn um! Aber zum Glück kann ich keine hässlichen Flecken auf der dunklen Baumwolle erkennen. Mein Blick schnellt zurück zu Chester. Was um Himmels Willen stimmt nicht mit diesem bekloppten Typen? Was ist sein scheiß Problem? Es entsetzt mich, wie aggressiv Chester mich angrinst. Wie sehr es ihn amüsiert, dass er mich mit seinem kindischen Angriff dermaßen schockieren konnte. Vor Enttäuschung zieht sich alles in mir zusammen. Er ist ein verdammter Psychopath, stelle ich geringschätzig fest. Bestimmt haben sie ihn hier eingesperrt, weil er seine sinnlosen Aggressionen nicht im Griff hat. So etwas kann ich auf den Tod nicht leiden. Ich mag keine Menschen, die andere zu ihrem Vergnügen angreifen. Damit will ich auf gar keinen Fall konfrontiert werden. 

„Spinnst du? Was soll das denn?” entfährt es mir entrüstet. Seine plötzliche und gewalttätige Aggressivität schüchtert mich mehr ein, als mir lieb sein kann. Strafend mustere ich den komischen Kerl. Er antwortet nicht, obwohl ich stumm nach einer Erklärung verlange. Es verwirrt mich total, wie zufrieden er plötzlich aussieht. Chester schaut mich völlig unverhohlen an. Nahezu genüsslich checkt er mich ab. Sein höchst interessierter Blick wandert langsam, wohlwollend über meinen ganzen Körper. Das kapiere ich nicht. Chester sieht aus, als hätte er schon vergessen, was er gerade erst vor einer Minute getan hat. Für ihn scheint es völlig unerheblich zu sein, dass er mir überaus zornig sein verfluchtes Tablett entgegengeschleudert hat. Der neue Patient hat seinen eigenen Wutanfall längst abgehakt. Jetzt mustert er mich nur noch freundlich. Chester sieht richtig friedlich aus, wie er mich ausführlich betrachtet. Womöglich ist er total verrückt, vermute ich verstört. Vielleicht wurde er deswegen gegen seinen Willen hier eingesperrt. Dieser Gedanke gefällt mir ganz und gar nicht. Ich fühle mich gekränkt und ungerechtfertigt angegriffen. So etwas hasse ich aus tiefstem Herzen. Das ist genau der Grund, warum ich mich bisher von allen Menschen hier so fern wie möglich gehalten habe. Es war ein Fehler, dem bekloppten Psycho seine Brille zurückzugeben, wird mir verbittert klar. Ich hätte seine blöde Brille lieber wegwerfen sollen. Er hat es gar nicht verdient, dass ich so freundlich zu ihm bin. Er weiß das nicht mal zu schätzen. Verärgert beschließe ich, dass Chester zweifellos vollkommen verrückt ist. Aber fuck, denke ich erschlagen, er sieht immer noch verdammt gut aus. Sein Lächeln kann Berge versetzen. 

„Was ist hier los? Was ist passiert?” mischt sich plötzlich Pfleger Patrick ein, der unerwartet neben mir auftaucht. Damit erschreckt er mich. Ich habe ihn nicht kommen sehen. Mit Chester am Tisch konnte ich die Umgebung fast vollständig ausblenden. Das war sehr angenehm. Aber nun hat sich alles geändert. Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich von dem fremden Kerl halten soll. Ohne Frage ist er unberechenbar. Das gefällt mir nicht. Ich mag es nicht, wenn ich Menschen so wenig einschätzen kann. Wenn ich mich nicht auf sie verlassen kann. Wenn sie ohne ersichtlichen Grund dermaßen aggressiv wie Chester werden können. Das ist mir viel zu anstrengend. Damit will ich mich nicht beschäftigen müssen. Ich habe Angst, dass Chester nochmal wütend auf mich wird, wenn ich dem Pfleger jetzt die Wahrheit sage. „Ist schon gut. Das war nur ein Versehen”, behaupte ich schneller, als ich denken kann. Auf gar keinen Fall möchte ich den Wahnsinnigen gegen mich aufbringen. Ich fürchte, dass er sonst womöglich immer wieder auf mich losgehen wird. Abgesehen davon ist es nicht meine Art, andere beim Personal anzuschwärzen. Pfleger Patrick guckt mich misstrauisch an. Es ist klar, dass er mir nicht glaubt. Höchstwahrscheinlich hat er sogar gesehen, was wirklich passiert ist. Aber ich hoffe, dass er jetzt einfach die Klappe hält. Panisch signalisiere ich ihm das mit meinen Augen. 

Dann bücke ich mich hastig und hebe Chesters verstreutes Frühstück vom Boden auf. Ich möchte nur noch aus dieser ungewollten und nicht selbst verschuldeten Lage heraus. Es behagt mir überhaupt nicht, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. So etwas habe ich bisher immer erfolgreich vermieden. In wilder Eile häufe ich Plastikgeschirr und Essen zurück auf das Tablett. Dann stehe ich auf und stelle das Tablett auf dem Tisch ab. Dafür brauche ich nicht mal eine Minute. Mein Herz klopft nervös. Diese Situation ist mir absolut zuwider. Ich mag es nicht, auf so eine Art im Mittelpunkt zu stehen. Sicherlich sind in diesem Saal inzwischen alle Augen auf mich gerichtet. Das muss doch einfach jeder mitgekriegt haben, was der verrückte Chester gerade getan hat. Als sein Frühstück zu Boden fiel, hat es total laut gescheppert. 

„Das tut mir leid. Ich war ziemlich ungeschickt”, versichere ich dem Pfleger. Stumm flehe ich ihn an, mir das jetzt einfach zu glauben. Solche Szenen hasse ich wie die Pest. Ich will nicht in so eine peinliche Verlegenheit gebracht werden. Dem fremden Kerl nehme ich es total übel, dass er mir das angetan hat. Chester war richtig fies zu mir. Obwohl ich ihm seine scheiß Brille zurückgegeben habe. „Du weißt, dass das nicht stimmt, Mike”, sagt Patrick zu meinem Entsetzen zu mir, „Du weißt genauso gut wie ich, dass es Chester war, der das Tablett heruntergestoßen hat.” Die Stimme des Pflegers ist sehr leise und behutsam. Sein Blick forschend. Jetzt soll ich ihm erklären, warum ich für Chester gelogen habe. Warum ich Chesters Untat auf mich nehme. Am liebsten möchte ich mich auf der Stelle unsichtbar machen. Ich fasse es nicht, dass der neue Patient mich in diese Situation gebracht hat. Es passt mir ganz und gar nicht, wie Pfleger Patrick mich in die Enge treibt. Ich möchte ihn anschreien, dass nichts davon meine Schuld gewesen ist. Klarstellen, dass ich Chester in keiner Form zu dieser zornigen Aktion provoziert habe. Aber jetzt ist mein Kopf total leer. Ratlos schaue ich Patrick an, der mich aufmerksam studiert. „Ich weiß auch nicht. Tut mir leid”, stammle ich richtig bescheuert. Der Pfleger lächelt beruhigend. „Darüber müsst ihr gleich dringend in der Therapiestunde sprechen, Mike. Das muss unbedingt geklärt werden. Das ist dir bewusst, oder?” knallt er mir mit sanfter Stimme um die Ohren. Folgsam nicke ich. Obwohl ich ihn viel lieber anbrüllen möchte, dass er mich gefälligst in Ruhe lassen soll. Ich bin es ja schließlich nicht, der hier gerade komplett ausgeklinkt ist. Noch niemals habe ich wutentbrannt ein volles Tablett auf den Boden gepfeffert. So ein hirnrissiger und sinnloser Kontrollverlust würde mir nicht passieren. Dazu habe ich mich viel zu gut im Griff. Seit ich hier bin, bin ich noch nie unangenehm aufgefallen. Ich bin überhaupt nicht aufgefallen. Eigentlich bin ich ja nicht mal hier gewesen. Und jetzt stecke ich urplötzlich in dieser unangenehmen Situation fest, in der ich mich wahrhaftig verteidigen muss. Allein Chester ist daran schuld. Das ist total ätzend. Der ganze Mist gefällt mir kein bisschen. „Sprich das bitte gleich in der Gruppentherapie an, Mike. Du musst in einer viertel Stunde dort sein, okay?” erinnert Pfleger Patrick mich und lächelt freundlich. Ich nicke nochmal. Erleichtert schaue ich zu, wie der Pfleger sich umdreht und davongeht. Ich bin wirklich froh, dass er endlich abhaut. Er läuft geradewegs zu einem anderen Tisch. Vielleicht hat jemand nach ihm gerufen. Oder ihm ist irgendwas aufgefallen. Mir war gar nicht bewusst, dass Pfleger Patrick heute die Aufsicht über das Frühstück hat. 

Unschlüssig stehe ich dort und schaue in den großen, hellen Saal. In mir brodelt es gewaltig. Ich bin stinksauer. Der Speiseraum ist voller Menschen. Es ist viel zu laut. Das ertrage ich nicht länger. Irgendwie ist alles schiefgegangen. Ich bereue es, dass ich mich diesem fremden Kerl genähert habe. Ich hätte seine doofe Brille gar nicht aufheben dürfen. Sie ihm zurückzugeben, war total falsch. Das war ein großer Fehler. Ich hätte den Sänger einfach ignorieren sollen. Nicht ohne Grund habe ich bisher alle Leute hier tunlichst ignoriert. Es ist totale Scheiße, wenn man sich auf jemanden einlässt. Gefühle in einen anderen Menschen zu investieren, bringt nichts als Ärger ein. Definitiv war es das allerletzte Mal, dass ich so etwas überhaupt versucht habe. Leider habe ich den verhängnisvollen Fehler gemacht, mich zu diesem unberechenbaren Typen an den Tisch zu setzen. Und jetzt bin ich der Blöde. Jetzt soll es meine Schuld sein, dass er total ausgerastet ist. Dieser Chester ist ein aggressiver Arsch. Der hat mich gar nicht verdient. Auch seine Brille hat er nicht verdient. Ich wünschte, ich hätte sein Gestell einfach kaputtgemacht und weggeschmissen. Der soll mir den Buckel runterrutschen, der durchgeknallte Psycho. Nur wegen dem Fremden muss ich jetzt in der scheiß Therapiestunde etwas sagen. Das passt mir überhaupt nicht. Daran will ich nicht einmal denken. Weil ich es schon seit Ewigkeiten möglichst vermieden habe, meinen Mund zu öffnen. Ich will nicht mit fremden Menschen sprechen. Schon gar nicht über mich selbst. Und bestimmt nicht über das, was hier gerade passiert ist. Ich will überhaupt nicht reden. Diese missglückte und deprimierende Begegnung mit Chester möchte ich nur noch so schnell wie möglich vergessen. Ich will in Ruhe gelassen werden, verdammt nochmal! Nie wieder werde ich aus meinem sicheren Versteck auftauchen. Meine Gedanken wirbeln wild in meinem Kopf herum. 

Tief unglücklich werfe ich dem neuen Patienten einen letzten Blick zu. Chester sitzt noch immer am Tisch und lächelt mich zufrieden an. Ich habe keine Ahnung, warum der Kerl noch lächeln kann, obwohl doch gerade die ganze Welt um mich herum zusammengestürzt ist. Alles ist krachend kaputtgegangen, als Chester mich grundlos angegriffen hat. Ich bin mir sicher, dass ich ihm das nicht verzeihen kann. Ich kann diesem Mann nie wieder vertrauen, das weiß ich genau. Er ist ein Verrückter, mit dem ich nichts zu tun haben will. Nur einer von unzähligen anderen hier in der Psychiatrie. Aber mein Herz schlägt hart, als ich ihn ansehe. Noch immer finde ich sein Lächeln wundervoll. Es berührt mich auf eine Art, die ich nicht begreifen kann. Das geht mir verflucht tief rein. Chester sorgt dafür, dass ich zu ihm hingehen und ihn schützend in den Arm nehmen will. Ich will für diesen Menschen da sein. Ich möchte ihm seinen rätselhaften, inneren Zorn wegnehmen. Irgendwie. Der Kerl sieht so unfassbar gut aus, denke ich völlig verwirrt. Aber das macht es nur noch schwerer. Hastig drehe ich mich von dem Mann am Tisch weg und steuere geradewegs die Tür an. So schnell wie möglich muss ich jetzt hier verschwinden. Keine Sekunde länger kann ich es in diesem überfüllten Speiseraum aushalten. Ich ertrage Chester nicht mehr. Nie wieder möchte ich diesem fremden Typen so nahe sein. Und ganz bestimmt werde ich ihn nie wieder ansprechen. Ich wünschte, er wäre nicht ein neuer Patient auf meiner Station. Auf keinen Fall möchte ich ihm ständig über den Weg laufen. Ich will, dass er einfach nur verschwindet. So weit weg von mir wie möglich. 

Während ich die Flügeltür aufreiße, hinausgehe und eilig über den Flur laufe, grübele ich darüber nach, wie ich mich am besten vor dieser Gruppentherapie drücken kann. Ich hasse die Pflichtsitzungen. Da werde ich in einen verfluchten Stuhlkreis gesetzt, in dem ich die anderen Menschen ständig ansehen muss. Und alle sehen pausenlos mich an. Das ist total unangenehm. Bisher saß ich einfach nur dort und habe meine Klappe gehalten. Während die anderen von ihren tödlich langweiligen Problemen gequatscht haben. Es ist doch sowieso immer das Gleiche. Ausnahmslos jeder hier denkt, dass sein Leben das schwerste von allen gewesen ist. Jeder Patient wurde in seiner Vergangenheit schlecht behandelt. Die böse Umwelt hat die armen Menschen kaputtgemacht. Immer sind die Anderen schuld. Aber das interessiert mich nicht. Ich möchte nicht damit belastet werden. Noch nie habe ich mich über irgendwas beschwert. Schon gar nicht über mein Leben. Denn eigentlich ist mein Leben bisher okay gewesen. Zweifellos habe ich es gut gehabt. Meine Kindheit war wunderbar. Keine Ahnung, warum ich jetzt hier bin. Ich weiß nicht, was ich in der Psychiatrie soll. Das ist mir doch gar nicht bewusst geworden, als sich alles seltsam von mir entfernt hat. Als ich das Gefühl bekam, nichts würde noch irgendeine Rolle spielen. Ich habe noch niemals darüber nachgedacht. Ich will auch nicht darüber nachdenken. Passiert ist eben passiert. In diesem Moment möchte ich nichts lieber, als zurück in meine schützende Teilnahmslosigkeit zu finden. Ich sehne mich nach meinem unantastbaren Kokon. Verzweifelt suche ich den Zustand, in dem mir alles egal gewesen ist. Verbissen will ich die Schutzmauer um mich herum neu aufbauen. Damit niemand an mich herankommen kann. Mich soll nichts mehr aufwühlen. Ich sehne mich nach Sicherheit. Nach der herrlich vertrauten, ruhigen Dunkelheit in mir. Wenn ich nichts mehr fühle, dann kann ich auch nicht mehr enttäuscht werden. Denn momentan bin ich so entsetzlich enttäuscht, dass ich es kaum verarbeiten kann. Ich bin so erschüttert, dass ich es kaum noch verpacken kann, kaum damit zurechtkomme. 

Verdammt, Chester hat mich aufgewühlt! Der verfluchte Mistkerl hat mir wahrhaftig alles weggenommen, was mir das Leben hier halbwegs erträglich gemacht hat. Innerhalb von ein paar Sekunden hat er das geschafft. Das ging so schnell, dass ich es gar nicht richtig mitkriegen konnte. Ich ertrage das nicht. Ich kann die vielen fremden Menschen um mich herum nicht mehr aushalten. Völlig von der Rolle laufe ich den langen Flur entlang. Ich befinde mich auf der Flucht vor meinen eigenen Ängsten. Mein Blick richtet sich nach links, auf die Tür der Herrentoilette, an der ich gerade zufällig vorbeikomme. Spontan betrete ich den weiß gekachelten Raum. Zum Glück ist niemand hier. Mit schnellem Schritt laufe ich an den Waschbecken vorbei nach hinten. Hastig flüchte ich in eine der Kabinen und schließe überstürzt die Tür hinter mir ab. Endlich bin ich allein. Eine schwere Last fällt von mir ab. Dies ist der einzige Ort, an dem ich mich relativ sicher fühle. Die Anspannung lockert sich. Es fühlt sich an, als könnte ich nach sehr langer Zeit endlich wieder richtig durchatmen. Tief ringe ich nach Luft. 

Mein wirrer Kopf ist entschieden zu voll. Es ist viel zu laut da drin. Deutliche Szenen stürmen auf mich ein und drehen sich immerzu im Kreis. Es sind Erinnerungen. Diese Bilder schmerzen mich so extrem, dass ich es nicht fassen kann. Ich verstehe das nicht. Nur langsam wird mir klar, dass sich meine Gedanken wahrhaftig an scheiß Chester festgekrallt haben. Obwohl ich das gar nicht will, sehe ich pausenlos den neuen Patienten vor mir. Dieses fein gezeichnete Gesicht. Seine wilden Dreadlocks. Die auffallend dunklen Augen. Sein faszinierendes Lächeln, das Eisberge schmelzen kann. Seine einzigartige Stimme, die bis in den hintersten Winkel meiner Seele vordringt. Wie er auf dem Flur allein für mich gesungen hat. Wie er mir gegenüber am Tisch saß und mich erkannt hat. Chester, der es als einziger gemerkt hat, dass ich heute Morgen mein Haar gestylt habe. Der attraktive Mann Chester, den ich so dringend küssen und streicheln will, dass ich am liebsten lauthals schreien möchte. Aber stattdessen schlage ich meinen verrückt gewordenen Kopf spontan gegen die harte Wand der engen Kabine.      


Chester Charles Bennington

„Hast du denn gar nichts gegessen, Chester?” spricht mich jemand so unerwartet an, dass ich erschrocken zusammenfahre. Mein Kopf schnellt instinktiv in seine Richtung. Sofort erkenne ich den Kerl von heute Morgen. Es ist dieser aufdringliche Pfleger, der mich geweckt und später hierher gebracht hat. Plötzlich steht er direkt neben mir. Er hatte angekündigt, dass er nach dem Frühstück wiederkommt. Trotzdem habe ich nicht mit ihm gerechnet. Seine Frage ist vollkommen sinnlos, denn jeder kann sehen, dass mein Essen nicht angerührt wurde. „Nein... ich... habe keinen Hunger...”, erkläre ich abwehrend. Es gefällt mir nicht, dass ich mich dem Pfleger erklären muss. Das geht den gar nichts an, ob ich was esse oder nicht. Aber er wiegt unzufrieden den Kopf und schaut missbilligend auf mein Tablett. Es steht noch immer so auf dem Tisch, wie der andere Kerl es vorhin abgestellt hat. Der Typ, der mir meine Brille zurückgegeben hat, hat alles sorgsam zurück auf das Tablett gestellt. Bis auf das Brötchen mit der Marmelade sieht es aus wie vorher. Als hätten die Sachen nicht vorhin verstreut auf dem Boden gelegen. Ich bin froh, dass der Pfleger mich nicht auf diesen Vorfall anspricht. Vielleicht hat er nichts davon mitgekriegt. Hoffe ich. 

„Sag mal, wo hast du denn die Brille her?” wechselt er verdutzt das Thema. Misstrauisch begutachtet er mich. „Das ist meine”, fühle ich mich genötigt klarzustellen. Dieser Mann hat mich noch nie mit Brille gesehen. Bestimmt ist er erst heute Morgen zum Dienst gekommen. Als er vor einer Stunde zu mir ins Zimmer kam, war meine Brille noch verschollen. Ein freudiges Lächeln huscht über mein Gesicht, als ich an den attraktiven Typen denke, dem ich dieses Geschenk zu verdanken habe. Beim nächsten Mal muss ich ihn dringend nach seinem Namen fragen, beschließe ich. Es ärgert mich, dass ich daran nicht schon vorhin gedacht habe. Dann fällt mir ein, dass dieser Fremde meinen Namen schon kannte, und ich werde wieder ein bisschen paranoid. „Jemand hat sie mir gerade beim Frühstück gebracht”, erzähle ich dem Pfleger, obwohl dem das egal sein kann. Er nickt nachdenklich, als würde er an meinen Worten zweifeln. „Wie geht es dir denn jetzt, Chester?” will er wissen und beäugt mich abschätzend. „Schon viel besser”, muss ich verblüfft zugeben. Tatsächlich scheinen die Medikamente, die der Typ mir heute Morgen angedreht hat, endlich ganz gut zu wirken. Sogar meine unbeschreibliche Gier nach einer Flasche Bier und einer Zigarette hält sich mittlerweile in Grenzen. Die Krämpfe und Schmerzen haben spürbar nachgelassen. Zufrieden lächle ich den Mann an. Er nickt zustimmend. „Das ist schön”, meint er erleichtert. Als wäre er es, dem es jetzt besser geht. „Nimm jetzt bitte das Tablett und stelle es zurück auf den Rollwagen. Dann zeige ich dir den Weg zur Gruppentherapie”, kündigt er diensteifrig an. Seufzend stehe ich auf. Ich habe keine Lust auf diese komische Therapiestunde. Gespräche mit Fremden über mein Leben sind mir zuwider. Mein Blick fällt auf den Tisch. Kurzentschlossen greife ich mir die Flasche Mineralwasser, die noch fast voll ist. Schnell drehe ich sie auf und trinke das Wasser auf Ex. Wer weiß, wann ich das nächste Mal was zu trinken kriege, denke ich verunsichert. Der Pfleger beobachtet mich aufmerksam. „Chester, du kannst jederzeit Wasser bekommen. Dazu musst du einfach nur in den Vorratsraum gehen, okay? Nachher zeige ich dir, wo der ist”, informiert er mich lächelnd. Als hätte er meine Befürchtung gespürt. Ich nicke und drehe die leere Flasche zu. Dann stelle ich sie auf das Tablett. 

Das halbe Brötchen mit der Marmelade sieht traurig aus. Als wäre es vergessen worden. Prompt denke ich wieder an diesen Kerl an meinem Tisch, der es aus einem rätselhaften Grund für mich zubereitet hat. Ich verstehe noch immer nicht, warum es ihm so wichtig war, dass ich etwas esse. Seine Besorgnis um meine Gesundheit rührt mich irgendwie. Noch einmal frage ich mich alarmiert, woher er meinen Namen kannte. Für einen getarnten Pfleger ist er eigentlich ein bisschen zu jung, überlege ich ratlos. Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass der anhängliche Mann vielleicht ein Fan von Grey Daze sein könnte. Augenblicklich fängt mein Herz an zu klopfen. Mir wird ganz warm, weil diese Möglichkeit mir so enorm gut gefällt. Liebend gerne stelle ich mir vor, dass der Fremde mich auf der Bühne gesehen hat. Dass er mich singen gehört hat. Dass ihm unsere Musik so richtig gut gefallen hat. Deshalb hat er mir letzte Nacht auf dem Flur so aufmerksam zugehört, ziehe ich in Erwägung. Womöglich kommt der süße Kerl auch aus Phoenix, grübele ich nachdenklich. Das verblüfft mich total. Weil das wirklich ein komischer Zufall wäre. Es wäre sogar total creepy, ausgerechnet hier jemanden aus Phoenix zu treffen. Denn dies hier ist die verdammte geschlossene Psychiatrie. Und ich befinde mich verflucht weit weg von zu Hause. Angespannt versuche ich mich zu erinnern, ob ich diesen bärtigen Mann schon mal gesehen habe. Womöglich war er in einer der Kneipen in Phoenix. Oder in einer der Städte im Umkreis von Phoenix, in denen wir gespielt haben. Vielleicht stand er irgendwo direkt vor der Bühne im Publikum. Im Mason Jar, im Electric Ballroom in Tempe, oder in Scottsdale. Aber so sehr ich mir auch das Gehirn zermartere, ich erinnere mich nicht an ihn. Das ist echt zum Verrücktwerden. 

Aus den Augenwinkeln registriere ich, dass der Pfleger zu den Rollwagen geht. Hastig greife ich mir das braune Plastikteil mit all dem Zeugs, das ich nicht angerührt habe. Ich folge ihm. Er deutet auf einen der Rollwagen, auf dem noch Platz ist. Ich schiebe das volle Tablett vorsichtig in eine freie Schiene. Dabei stelle ich fest, dass meine Finger gar nicht mehr zittern. Das ist sehr angenehm. Der Gedanke an diese Veranstaltung, an der ich gleich teilnehmen muss, gefällt mir weniger. Noch nie habe ich eine Therapie mitgemacht. Von aufgezwungenen Gruppengesprächen halte ich nicht viel. Der Sinn solcher merkwürdigen Aktionen ist mir vollkommen unklar. „Wie lange dauert die Gruppentherapie?” frage ich den Pfleger ungehalten, als ich neben ihm in Richtung Ausgang gehe. Sein Lächeln ist besänftigend. „Mindestens eine Stunde. Aber es kommt immer darauf an, was genau besprochen wird. Es kann auch durchaus mal länger dauern”, antwortet er und beobachtet aufmerksam meine Reaktion. „Muss ich da hin?” rutscht mir genervt heraus, bevor ich mich bremsen kann. Im nächsten Moment ärgere ich mich darüber. Mir ist völlig klar, dass diese Frage überflüssig war. Prompt stößt der Pfleger ein belustigtes Lachen aus. „Ja, Chester, du musst daran teilnehmen. Du musst bei deiner Therapie mitarbeiten. Sonst können wir dir doch gar nicht helfen”, behauptet er allen Ernstes. Mir liegt auf der Zunge, dass ich niemanden um seine Hilfe gebeten habe. Aber ich halte mich zurück. Weil ich weiß, dass sinnlose Diskussionen sowieso nichts einbringen. Neben dem Pfleger laufe ich eine Weile über den langen Flur. Mein Blick fällt auf eine der vielen Türen. Klärende Buchstaben sind darauf gemalt worden. Plötzlich will ich die unangenehme Sache noch ein bisschen hinauszögern.

Kurzentschlossen bleibe ich stehen. „Darf ich bitte vorher noch kurz aufs Klo?” frage ich den nervigen Mann höflich. Er bleibt ebenfalls stehen und betrachtet mich sehr interessiert. Mit einer Kopfbewegung deute ich fragend auf die Tür der Herrentoilette. „Aber natürlich”, entscheidet er sich nach einem sehr irritierenden Zögern. Der Mann folgt mir die paar Schritte bis direkt vor die Tür. Offensichtlich will er mich aufs Klo begleiten. Demonstrativ bleibe ich stehen und schaue ihn vielsagend an. Das geht mir echt zu weit. „Ähm... darf ich bitte allein da rein?” erkundige ich mich fassungslos. Amüsiert grinst er mich an. „Ich guck dir schon nichts weg, Chester”, bemerkt er spöttisch. Seine blauen Augen funkeln angriffslustig. Seine Dreistigkeit ist für mich schwer zu ertragen. Anscheinend will der Pfleger mich sogar auf dem Klo im Auge behalten. Diskretion und Privatsphäre scheinen Fremdwörter für ihn zu sein. Spätestens jetzt will ich den Typ unbedingt loswerden. Dabei geht es mir gar nicht um das Pinkeln. Das wäre mir egal. Kerle stehen ständig irgendwo nebeneinander und pinkeln. Da denk ich doch nicht mal drüber nach. Aber dieser Mann will eindeutig Spielchen mit mir spielen. Er fordert mich heraus. Der Typ macht sich über mich lustig. Und das gefällt mir nicht. Nach der langen Zeit in dem überfüllten, lauten Frühstückssaal brauche ich dringend Ruhe. Ich muss ein paar Minuten allein sein. Nicht mit neugierigen Adleraugen überwacht werden. Wenn auch nur für kurze Zeit. Ich kann ja verstehen, das dieser Mensch auch nur seinen Job macht, indem er meinen persönlichen Aufpasser spielt. Aber ein paar Minuten allein auf dem Klo muss er mir zugestehen, finde ich. 

Plötzlich dreht der Mann sich um und öffnet die Tür zur Herrentoilette. Mit drei Schritten hat er den scheinbar hell gekachelten Raum betreten. Erschrocken beeile ich mich, ihm zu folgen. Ich ärgere mich, dass ich nicht schnell genug reagiert habe. Dass ich den penetranten Kerl nicht daran hindern konnte. Ein schneller Rundumblick offenbart mir, dass diese Toilette viel größer ist, als die in der Nähe meines Zimmers. Hier gibt es nicht nur ein Waschbecken, sondern sechs. Es gibt ungefähr acht Pissoirs und im hinteren Teil des Raumes mindestens zehn einzeln abschließbare Kabinen. Durch ziemlich große, mit blickdichter Folie beklebte Fenster fällt von draußen genügend Licht herein. Dieser bekloppte Pfleger deutet tatsächlich einladend auf die Pissoirs und grinst belustigt. „Tu dir keinen Zwang an, Chester!” fordert er mich auf, loszulegen. Fassungslos taxiere ich ihn. Der übereifrige Mann will mir beim Pinkeln zusehen. Mit dem stimmt doch was nicht. Aber der weiß Gekleidete war ja schon von Anfang an so nervig aufdringlich. Beim Kotzen musste er mir ja auch unbedingt zugucken, erinnere ich mich mit einem Grausen. 

Fieberhaft suche ich nach einem einleuchtenden Grund, um ihn hinausschicken zu können. Ich brauche sofort eine Ausrede, die er nicht widerlegen kann. Langsam schüttele ich den Kopf und streiche mir mit den Fingern verlegen durch die Dreadlocks. „Nein... das... dauert etwas länger... Können Sie nicht bitte draußen warten?” Meine Stimme zittert. Die Situation ist total unangenehm. Seine Augen weiten sich verstehend. Er nickt langsam. „Nur keine Scheu, Chester!” meint er achselzuckend und zeigt auf die Kabinen im hinteren Teil des Raumes. Ich bin echt bestürzt. Am liebsten möchte ich ihn an seiner weißen Jacke packen und eigenhändig aus der Toilette zerren. Ich möchte ihn anschreien. Weil er mich in diese Verlegenheit bringt. Weil der Arsch mich tatsächlich betteln lässt. „Bitte warten Sie draußen. Wenn Sie hier drin sind und zuhören, dann kann ich das nicht”, behaupte ich mit einem schüchternen Augenaufschlag. Der Typ geht mir total auf die Nüsse. Er ist aufdringlich. Ich will doch nichts weiter, als ein paar Minuten Ruhe. Mal nicht gestört werden. Nach dem Krach beim Frühstück hab ich eine Pause dringend nötig. Aber der Pfleger braucht noch Zeit, um zu entscheiden, wie er auf meine Bitte reagieren soll. Der Mann ist sichtbar alarmiert. Ich habe keine Ahnung, was er von mir denkt. Argwöhnisch läuft er in der Toilette herum und schaut sich überall um. Scheinbar denkt der Idiot, dass ich hier heimlich irgendwas Verbotenes tun will. Vorwurfsvoll guckt er mich an. Als ob ich hier illegale Drogen versteckt hätte oder so was. Schön wär's ja, denke ich spöttisch. 

Schließlich fällt er sichtbar widerwillig eine Entscheidung. Mit Sicherheit hat er den gewichtigen Auftrag erhalten, mich beharrlich zu überwachen und auf keinen Fall alleinzulassen. „Okay, Chester. Du sollst deine Privatsphäre haben. Ich warte dann auf dem Flur. Ich stehe direkt vor der Tür, falls irgendwas ist, ja?” „Ja, ist gut. Danke.” Erleichtert nicke ich ihm zu. Insgeheim frage ich mich kopfschüttelnd, was denn in der kurzen Zeit bitteschön passieren soll. Denkt er, ich falle ins Klo, oder was? „In einer viertel Stunde fängt die Therapie an. Bitte denk daran!” muss der Kerl mich auch noch zur Eile antreiben. Ich nicke nochmal. Unzufrieden schaut er mich an und holt tief Luft. „Und hör mal, Chester. Du musst mich nicht siezen. Mein Name ist Ulrich. Du kannst mich ruhig duzen, okay? Du kannst gerne Ulli zu mir sagen”, betont er, als wollte er das unbedingt. Er kriegt ein drittes Nicken von mir. Der Pfleger lacht und schlägt mich kumpelhaft auf die Schulter, bevor ich ihm ausweichen kann. Als wären wir die besten Freunde. Dann verlässt er endlich den Raum und macht die Tür leise hinter sich zu. Spontan schicke ich ihm eine sehr unfreundliche Geste hinterher. Weil er mich geschlagen hat. Und weil er zweifellos einen Knall hat. Keine Ahnung, warum die hier der Ansicht sind, dass ich einen derartigen Aufpasser nötig hätte. Ich komme ganz gut alleine klar. Schließlich bin ich die meiste Zeit meines Lebens allein gewesen. 

Zweimal atme ich tief durch. Die Stille tut gut. Ich hoffe, dass niemand hereinkommt. Offensichtlich sind die Menschen hier alle verrückt. Unschlüssig schaue ich mich in dem großen Raum um. Er ist ganz mit weißen Fliesen ausgekleidet worden. Auch die Keramikbecken und die Türen und Trennwände im hinteren Teil sind weiß. Die Armaturen sind aus Stahl. Kurzerhand gehe ich zu den Pissoirs und stelle mich vor eins der Becken. Ich öffne meine Hose und leere seufzend meine volle Blase. Dann ziehe ich ab und wasche mir am Waschbecken die Hände. Aus dem Spender hole ich mir ein paar Papierhandtücher. 

In diesem Moment höre ich aus der hintersten Ecke des Raumes ein lautes Geräusch. Als hätte jemand in den Einzelkabinen gegen die Wand geschlagen. Aufgeschreckt fahre ich herum und lausche. Nichts. Ich werfe das nasse Papier in einen Papierkorb. Während ich langsam in Richtung des unerwarteten Lärms gehe, knöpfe ich sorgsam mein Hemd zu. „Hallo?” rufe ich ziemlich bescheuert. Niemand antwortet. Aber ich bin mir sicher, dass sich da in den Kabinen jemand versteckt. Neugierig überprüfe ich die einzelnen Türen. Die meisten stehen offen. Manche sind auch angelehnt. Aber nur eine Tür ist abgeschlossen. Wie ein Spanner bücke ich mich und schaue unten durch den Spalt zwischen Boden und unterer Türkante. Schwarze Pantoffeln bestätigen mir, dass sich tatsächlich jemand in dieser Toilette aufhält. Mehr kann ich allerdings nicht von dem Menschen sehen. Ich vermute, dass es ein Mann ist. Denn wir sind ja in der Herrentoilette. Plötzlich schlägt der Typ nochmal gegen die hölzerne Trennwand. Das ganze Gebilde aus Kabinen erzittert donnernd. So feste haut er dagegen. Der laute Lärm tut meinen Ohren weh. „Geht's noch?” entfährt es mir erschrocken. Hastig richte ich mich auf. Keine Ahnung, was für ein Spinner sich da eingeschlossen hat. Aber offensichtlich hat er irgendein Problem. Unsicher stehe ich dort und sehe die geschlossene Tür an. Wie alle Kabinentüren, hat sie ein auffälliges Spezialschloss. Mit einem besonderen Schlüssel kann das Personal der Psychiatrie sie ganz leicht von außen öffnen. Falls irgendein Irrer da drinnen Blödsinn veranstaltet. Oder nicht mehr herauskommen will. Der unbekannte Typ verhält sich jetzt ruhig. Ich bin mir nicht sicher, was ich nun machen soll. „Alles okay? Brauchst du Hilfe?” frage ich schließlich ratlos. 

Abrupt wird die Tür von innen aufgeschlossen. Zwei Sekunden später schwingt sie nach innen auf. „Sag mal, verfolgst du mich?” fährt der Mann mich wütend an, der sich hier versteckt hatte. Ich bin überrascht, als ich erkenne, dass es der hilfsbereite Kerl vom Frühstückstisch ist. Damit habe ich nicht gerechnet. Dass ich ihn so schnell wiedersehe. Der Bärtige steht vor mir und mustert mich offen feindselig. Ich freue mich sehr viel mehr, ihn zu sehen, als ich erwartet hatte. Das verwirrt mich extrem. „Das Gleiche könnte ich dich fragen”, erwidere ich grinsend. Aufgebracht schnappt er nach Luft. Seine dichten, dunklen Augenbrauen sind wieder zornig zusammengezogen. Dazwischen haben sich auf seiner Stirn zwei steile Falten gebildet. Seine braunen Augen durchbohren mich förmlich. Genau so hat er vorhin auch ausgesehen. Nach dieser Sache mit meinem Tablett. Als er mit seinem schwarzen T-Shirt und den Jeans neben dem Tisch stand. Bevor er vor mir geflüchtet ist. Ich muss zugeben, dass er unglaublich schnuckelig aussieht. Es gefällt mir sehr, ihn anzusehen. Seine Nähe beruhigt mich auf eine Art, die ich nicht erklären kann. Der Mann hat richtig schönes, dichtes, schwarzes Haar. Seine gestylte, gewollt stachelige Frisur steht ihm verdammt gut. Ich mag seine süße Stupsnase. Und die hübsch geschwungenen, vollen Lippen. Auch sein brauner Vollbart gefällt mir. Obwohl der ein bisschen zu lang und struppig ist. Ich möchte wissen, warum der unbekannte Typ sich in der Kabine verkrochen hat. Und warum er so wütend ist. Bestimmt hat er aus Wut gegen die Wand geschlagen. So was kenne ich. Am liebsten würde ich ihn danach fragen. Aber vielleicht will er nicht darüber reden. Das könnte ich verstehen. Manche Dinge müssen einfach geheim bleiben. 

Freundlich lächle ich ihn an. Er funkelt angepisst zurück. Beim Frühstück war dieser Fremde sehr nett zu mir. Nur wegen ihm kann ich endlich wieder alles deutlich erkennen. Das werde ich nie vergessen. Auf einmal will ich dringend seinen Namen erfahren. „Wie heißt du, Sweetie?” frage ich ihn übermütig. Ich muss diesen zornigen Mann ein bisschen aufmuntern. Er soll nicht länger so wütend sein. Fasziniert beobachte ich, wie meine neckende Frage ihn sichtbar in Verlegenheit bringt. Nervös fährt er sich durch die abstehenden Haare. Seine Füße in den schwarzen Pantoffeln treten unruhig auf der Stelle. Der arme Kerl sieht aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. Offenbar hat er keine Ahnung, wie er reagieren soll. Sein rätselhaftes Verhalten interessiert mich. Ich glaube zu spüren, dass da noch etwas anderes mit ihm ist. In Wahrheit ist mein Lebensretter gar nicht wütend auf mich. Unsere plötzliche Begegnung überfordert ihn nur irgendwie. Der Mann scheint wahrhaftig ein bisschen eingeschüchtert zu sein. Aber er überspielt es recht erfolgreich mit seinen Aggressionen. So etwas amüsiert mich total. Aufmerksam betrachte ich ihn. Ich lächle aufmunternd, während ich geduldig auf seine Antwort warte. Ratlos atmet er tief ein. Dann gibt er sich einen Ruck. „Das geht dich gar nichts an!” krächzt er abwehrend mit zugeschnürter Kehle. 

Im nächsten Moment macht er plötzlich einen Schritt nach vorn. Noch bevor ich ihn aufhalten kann, stürmt er schon an mir vorbei in den Vorraum der Herrentoilette. Schon wieder hat er das Bedürfnis, vor mir wegzulaufen. Das ist so lustig, dass ich lachen muss. Dieser fremde Typ ist wirklich amüsant. Schnell folge ich ihm bis zu den Waschbecken. Er steuert geradewegs auf den Ausgang zu. Überstürzt will er die Toilette verlassen. Aber ich möchte nicht, dass er schon geht. Es ist erstaunlich, wie wenig ich das will. „Du, hör mal! Du kennst doch auch meinen Namen! Warum darf ich denn deinen nicht wissen?” rufe ich ihm hinterher. Ich verstehe wirklich nicht, warum er so ein Geheimnis daraus macht. Zu meiner Freude bleibt er zögernd stehen. Langsam dreht er sich zu mir um. Eine Weile guckt er mich schweigend an. Dabei sieht er seltsam unglücklich aus. Das kann ich überhaupt nicht einordnen. „Ich bin Chester”, teile ich ihm sicherheitshalber mit. Falls er das in der Zwischenzeit vergessen hat. Auf seinem Gesicht erscheint ein gerührtes Lächeln. Seine dunklen Augen strahlen, was mich sofort paralysiert. Er seufzt so tief, als hätte er eine schwere Last zu tragen. Hilflos schüttelt er den Kopf. „Nein... das...”, setzt er ratlos an. Konfus bricht er nochmal ab. Gespannt warte ich darauf, wie er sich entscheiden wird. Seine Augen sind wirklich wundervoll. Dieses glitzernde Braun. „Bitte... lass mich einfach in Ruhe... Chester...”, murmelt mein Retter schüchtern in seinen Bart hinein. Seine erstaunlich angenehme Stimme klingt resigniert. Als wollte er das, was er gerade von mir verlangt hat, gar nicht wirklich. Das verwirrt mich echt. 

Drei Sekunden später will der seltsame Typ auch schon durch die Tür verschwinden. Allerdings kommt genau in diesem Moment der Pfleger herein. Mein penetranter Aufpasser. Der wahrhaftig die ganze Zeit vor der Toilette auf mich gewartet hat. Und jetzt hat er keine Ruhe mehr. Er muss nachsehen, ob ich ins Klo gefallen bin. Oder heimlich Drogen nehme. Oder mir gerade verstohlen einen abwichse. Der Name des Pflegers ist Ulrich. Aber ich soll ihn Ulli nennen. Die beiden Männer stoßen ziemlich heftig zusammen. Weil der eine rein und der andere viel zu eilig raus will. Genau im selben Augenblick. Das amüsiert mich so sehr, dass ich lauthals lache. Beide Typen gehen erschrocken einen Schritt zurück. Genervt gucken sie sich an. Ulli braucht nur einen Blick, um den Bärtigen zu identifizieren. Seine Augen weiten sich überrascht. „Mike! Wo kommst du denn her? Bist du vorhin auch schon hier drin gewesen? Ich habe dich ja gar nicht gesehen!” meint er verblüfft. Meine Ohren werden ganz groß. Unwillkürlich fängt mein Herz zu hämmern an. Weil ich gerade völlig unverhofft doch noch erfahren habe, wie der komische Patient heißt, dem ich erst zum dritten Mal begegne. Sein Name ist also Mike, denke ich selig. In Gedanken stürze ich mich förmlich auf den Namen. Er ist kurz und prägnant. Diese vier Buchstaben lasse ich mir ausführlich durch den Kopf gehen. Mike. M-i-k-e. Der Name gefällt mir. Der ganze Kerl gefällt mir viel besser, als ich begreifen kann. Ich mag es, wie seine Nähe mich besänftigen kann. In Mikes Gegenwart fühle ich mich merkwürdig wohl. Auch wenn ich nicht verstehe, wie der fremde Mann das eigentlich macht. 

Jetzt gerät Mike sichtbar in Erklärungsnot. Er muss sich schnell etwas ausdenken. Warum er sich auf dem Klo versteckt hatte. Neugierig gehe ich einen Schritt näher. Bevor dem armen Kerl was einfällt, redet der Pfleger weiter: „Hör mal, Mike, du bist schon vermisst worden. Dirk wollte dich zur Gruppentherapie abholen. Aber du warst nicht mehr beim Frühstück. Er konnte dich gar nicht finden.” Vorwurfsvoll studiert Pfleger Ulrich den unartigen Patienten. Noch einmal kann Mike nicht wirklich erklären, warum er seine Zeit lieber in der Herrentoilette verbracht hat. Bevor es für ihn zu peinlich wird, eile ich ihm zu Hilfe. „Müssen wir nicht langsam mal los, Ulli?” schalte ich mich ungeduldig ein. Mike wirft mir einen dankbaren Blick zu. Verschwörerisch lächle ich ihn an. Ulrich guckt misstrauisch von einem zum anderen. Vielleicht fragt er sich, was Mike und ich hier gemeinsam auf dem Klo getrieben haben. Schließlich nickt er. „Ja, du hast recht, Chester”, stimmt er mir zu. Dann wendet er sich wieder an Mike. „Und du kannst dich uns anschließen. Ich will Chester gerade zur Therapiestunde bringen. Er ist ein neuer Patient, der heute auch an deiner Sitzung teilnimmt”, erklärt der Pfleger sichtbar zufrieden. 

Mike stößt ein komisches Ächzen aus und dreht sich hastig von mir weg. Demonstrativ kehrt er mir den Rücken zu. Kichernd stelle ich fest, dass der lustige Typ eine attraktive Rückseite hat. Mindestens so attraktiv wie seine Vorderseite. Interessiert beobachte ich seine unerwartete Reaktion. Dieser junge Mann ist überraschend amüsant. Es macht mir immer mehr Spaß, in seiner Nähe zu sein. Er tut ständig seltsame Dinge, registriere ich mit einem warmen Gefühl im Bauch. Ich bin echt belustigt. Ulrich dreht sich auch um und öffnet die Tür. „Na, dann kommt mal beide mit mir mit, Jungs!” fordert er uns auf und geht schon mal vor. In einem Anfall von Übermut kneife ich Mike spontan in sein wohlgeformtes Hinterteil. Zur Belohnung bekomme ich ein schockiertes Quietschen zu hören. Er quietscht wahrhaftig wie ein Mädchen! „Du hast es gehört, Mikey! Wir sollen mit Ulli mitgehen!” flüstere ich meinem Wohltäter lüstern ins Ohr. Besitzergreifend schlinge ich meinen Arm von hinten um seine Taille, um ihn dicht neben mir aus dem Raum zu schieben. Aber Mike entwindet sich meinem Arm in einer abwehrenden, heftigen Bewegung. Böse funkelt er mich an. „Hör auf, Chester! Lass mich in Ruhe!” verlangt er noch einmal. Im nächsten Moment lässt er mich stehen und eilt dem Pfleger nach. Ulrich ist schon ein paar Schritte den Flur runter. Also gehe ich den beiden Männern hinterher. 

Wir laufen schier endlose Gänge entlang. Dabei bleibt mein Blick auf Mikes Rückseite kleben. In den engen Jeans wiegt sich sein knackiger Hintern beim Laufen. Das erregt mich irgendwie. Keine Ahnung warum, aber dieser Mann zieht mich plötzlich ganz enorm an. Definitiv hat Mike mein Interesse geweckt. Verblüfft frage ich mich, warum er mir seinen Namen nicht verraten wollte. Und warum ich ihn in Ruhe lassen soll. Immerhin war er es doch, der als erster zu mir kam. Mitten in der Nacht ist er freiwillig aus seinem Zimmer gekommen, um mich singen zu hören. Und beim Frühstück tauchte er schon wieder ungefragt auf. Vordergründig nur, weil er mir meine Brille zurückgeben wollte. Aber dann ist er ja im Endeffekt viel länger an meinem Tisch sitzengeblieben. Nachdenklich schiebe ich die Brille zurecht und nehme mir vor, diesen Mikey ein bisschen im Auge zu behalten. Es ist lustig, wie hilflos er auf mich reagiert. Wie seltsam nervös er zu werden scheint, sobald ich mich ihm nähere. Ich glaube, er ist doch kein getarnter Pfleger, überlege ich verunsichert. Mike verhält sich wirklich nicht so, als wollte er sich hinterrücks mein Vertrauen erschleichen. Oder die führen hier alle ein hinterhältiges Theaterstück für mich auf, denke ich dann spöttisch. Ich frage mich, ob das Personal in dieser Psychiatrie sich eine derartige Mühe geben würde. Ob die Psychiater wirklich so einen Aufwand treiben würden, um mich zu täuschen. Und welchen Sinn das eigentlich haben könnte. 

Plötzlich bleibt Ulrich stehen und öffnet eine Tür zu seiner Linken. Mike geht sofort wortlos an ihm vorbei in diesen Raum hinein. Der Pfleger sieht mich an. Er wartet, bis ich auch an der Tür angekommen bin. „So, hier findet die Gruppentherapie statt, Chester. Nach der Sitzung hole ich dich wieder ab. Dann machen wir zusammen einen Rundgang durch die Station. Ich werde dir alles zeigen. Und später will Professor Paulsen mit dir sprechen”, informiert er mich sicherlich ordnungsgemäß. „Okay”, erwidere ich mit einem Achselzucken. Weil mir sowieso nichts anderes übrig bleibt. Obwohl es mir auf die Nerven geht, dass meine Zeit hier anscheinend komplett fremdbestimmt wird. Ulli schickt mich mit einer Handbewegung zur Therapie. „Dann mal rein mit dir. Bis nachher, Chester!” Über den Flur wandert er mit schnellen Schritten davon. Leicht verärgert sehe ich ihm nach. Mir kommt in den Sinn, jetzt einfach schnell abzuhauen. Ich möchte mich irgendwo verstecken. So wie Mike es gemacht hat. Ich will eigentlich nicht an dieser Gruppentherapie teilnehmen. Aber dann betrete ich doch nur folgsam das angewiesene Zimmer. 

Der Raum ist nicht besonders groß. Vormittags liegt er auf der sonnenabgewandten Seite des Gebäudes. Aber durch die großen Fenster kommt trotzdem genug Licht herein. Die Wände sind in hellem Gelb angestrichen. In der Mitte stehen lediglich Holzstühle, die zu einem Kreis angeordnet wurden. Sechs Personen sitzen dort. Alle drehen sich zu mir hin. Sie gucken mich neugierig an, als ich langsam auf sie zugehe. Nur Mike tut so, als würde er mich nicht bemerken. Der Bärtige sieht sich interessiert den grauen Fußboden an. „Machst du bitte die Tür zu?” fordert eine Frau mich auf, die älter als die anderen ist. Vermutlich handelt es sich um die Therapeutin. „Aber klar!” antworte ich gelassen. Ich laufe nochmal zurück und schließe die Tür. Dann bewege ich mich wieder auf den Stuhlkreis zu. Unverändert sind alle Augen auf mich gerichtet. Bis auf die braunen von Mike. Diese Situation mag ich nicht besonders. Sie erinnert mich an die scheiß High School. Weil alle mich anstarren. In der Schule bin ich früher von meinen Mitschülern oft nicht gut behandelt worden. Wie eine Puppe haben sie mich hin und her geschubst. Die Lehrer haben mich ehrlich gehasst. Weil ich dünn und schmächtig war. Und weil ich anders aussah. 

Am allerliebsten möchte ich mich sofort neben Mike hinsetzen. Aber leider ist da kein Platz mehr frei. Der Casanova sitzt zwischen zwei hübschen Mädchen. Er hat noch immer seinen Kopf gesenkt. Nur neben der Therapeutin steht ein leerer Stuhl. Die Frau deutet einladend darauf. „Komm hierher, Chester! Setz dich bitte hier hin. Du bist doch Chester, nicht wahr?” begrüßt sie mich freundlich lächelnd. „Ja, ich bin Chester”, bestätige ich. Blöderweise muss ich mich durch zwei Stühle und zwei darauf sitzende Menschen zwängen, um zu dem angewiesenen Platz zu kommen. Ich bemühe mich, den beiden Fremden dabei möglichst nicht zu nahe zu kommen. Dann setze ich mich zwischen die Therapeutin und das dritte Mädchen im Zimmer. Außer Mike und mir gibt es in dieser Runde nur noch einen Typen. Das fällt mir sofort auf. Und auch, dass wir immer abwechselnd platziert wurden. Ich frage mich, ob die das mit Absicht gemacht haben. Dass wir drei Mädchen und drei Jungs sind. Und jeweils nebeneinander sitzen. Ob da vielleicht irgendeine rätselhafte Strategie dahintersteckt. 

Noch immer gucken mich alle an. Nur Mike nicht. Mir fällt ein, dass mein Outfit zur Zeit nicht das beste ist. Meine Kleidung ist zerknittert, weil ich sie schon seit gestern trage. Das mag ich gar nicht. Es stört mich, wenn ich ungepflegt aussehe. Nervös rutsche ich auf dem harten Stuhl herum. Hilfesuchend schaue ich Mike an. Von hier aus kann ich ihn zum Glück ganz gut im Auge behalten. Unbeirrt betrachtet er den Fußboden. Mein Blick huscht flüchtig über die anderen Gesichter. Diese Patienten sind wohl alle ungefähr in meinem Alter. Das ist bestimmt auch mit Absicht so. Die Therapeutin holt hörbar Luft und verkündet: „Heute haben wir jemand Neues in unserer Mitte. Chester ist erst gestern hier angekommen. Es ist also alles noch sehr ungewohnt für ihn. Wir wollen Chester herzlich in unserer kleinen Runde begrüßen!” Auffordernd blickt sie ihre Schützlinge an. „Hallo Chester”, murmeln daraufhin alle mehr oder weniger begeistert. Nur Mike hält sich raus. „Hi Leute! Ich bin Chester!” stelle ich mich grinsend vor. Ich könnte mich ausschütten vor Lachen. Weil jetzt bestimmt auch noch der Dümmste in diesem Zimmer langsam kapiert haben müsste, wie mein Vorname lautet. Die Therapeutin wendet sich an mich. „Wo kommst du her, Chester?” horcht sie mich gut gelaunt aus. Ihr Lächeln wirkt irgendwie professionell. Vielleicht hat sie das eingeübt. Interessiert betrachtet sie mich. „Ich bin aus Phoenix, Arizona”, antworte ich leise. Prompt geht ein überraschtes Raunen durch die Runde. „Was? Von so weit her?” „Ist das dein Ernst?” „Wie kommt es dann, dass du hier bist?” „Hast du dich verlaufen?" „Gibt es in Phoenix keine Psychiater?” „Habt ihr in der Wüste keine Psychiatrie?” „In Arizona ist es wohl zu heiß und trocken dafür, was?" prasseln die spöttischen Fragen auf mich ein. Schon wieder werde ich aus vielen fassungslos aufgerissenen Augen angestarrt. Das ist ganz schön unangenehm. Die vorlaute Neugierde nervt mich. Weil es die Menschen hier gar nichts angeht, wo ich herkomme. Außerdem mag ich diese scheiß Wüsten-Witze nicht. Angestrengt schaue ich Mike an. Endlich hat er mal den Kopf gehoben. Das freut mich total. Sichtbar überrascht guckt er mich an. Seine braunen Augen fesseln mich auf der Stelle. Mike hat nicht gewusst, woher ich komme, folgere ich aus seiner erstaunten Miene. Also ist Mikey wohl doch noch nicht auf einem Konzert von Grey Daze gewesen, überlege ich verwirrt. Wahrscheinlich kennt der Fremde meine Band nicht einmal. Das Rätsel, woher der Bärtige meinen Namen wusste, ist wieder vollkommen ungeklärt. 

„Möchtest du die Fragen deiner Mitpatienten beantworten, Chester?” erkundigt sich die Therapeutin behutsam bei mir. Sie ist vorsichtig, weil ich so lange nichts gesagt habe. Bedeutsam schaue ich sie an. „Aber gerne beantworte ich die Fragen meiner Mitpatienten”, kündige ich an und atme tief ein. Dann quatsche ich einfach drauflos. „Also, das war so. Ich hab mir gedacht, wenn schon in die Psychiatrie, dann auch in die schönste des Landes. Geld spielt dabei keine Rolle. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ich wollte nicht gerne in irgendeiner drittklassigen Absteige landen”, erzähle ich mit einem freundlichen Lächeln, „Also habe ich mich vorher wochenlang erkundigt und intensiv im Internet recherchiert. Und das Haus hier hat ja nun mal die besten Referenzen. Das kann man nicht abstreiten. Ich habe nirgendwo einen besseren Ort als diesen gefunden. In allen wichtigen Punkten hat er die meisten Sternchen. Die Verpflegung soll hervorragend sein. Die Zimmer sind nach den bequemsten Standards eingerichtet. Es gibt die umfangreichsten Freizeitangebote. Und das Fachpersonal ist nur hier so allumfassend ausgebildet. Außerdem gibt es ausschließlich in dieser Psychiatrie die modernsten Therapien und Behandlungsansätze.” Tief hole ich Luft und lächle einmal begeistert in die Runde. „Das ist der Grund, warum ich liebend gerne den weiten Weg auf mich genommen habe. Die Psychiatrien in Phoenix können da einfach nicht mithalten.” Nachdem ich geendet habe, gibt es eine verblüffte Pause von mindestens zwei Minuten, in der absolute Stille herrscht. 

Schließlich ernte ich ein zögerndes, verdutzt amüsiertes Lachen von den anderen. Genau das habe ich beabsichtigt. Mein Blick bewegt sich zur Therapeutin. Natürlich weiß sie, dass ich den totalen Scheiß erzählt habe. Ich bin mir sicher, dass sie sich schon längst genau darüber informiert hat, wer ich bin und warum ich hier bin. Immerhin gibt es ja diese Akte über mich, wo alles drinsteht. Jetzt bin ich gespannt, wie die Studierte auf meine Provokation reagiert. Die Frau guckt mich eine Weile nachdenklich an. Dann nickt sie seufzend. Ihre Augen verändern sich besorgt. Sie glaubt zu verstehen, dass ich ein schwieriger Patient bin. Dabei bin ich das gar nicht. Ich möchte nur die angespannte Stimmung ein bisschen auflockern. Außerdem finde ich nicht, dass es die fremden Leute etwas angeht, dass ich nicht freiwillig hergekommen bin. Die Therapeutin wirkt nicht überrascht. Sie ist offenbar erfahren und weiß mit solchen Situationen umzugehen. „Okay, Chester”, lenkt sie sofort ein. Auffordernd wirft sie einen Blick in die Runde. „Dann werden wir uns dir jetzt mal kurz vorstellen. Wer möchte anfangen?” Fragend mustert sie ihre Klienten. Augenblicklich herrscht betretenes Schweigen in der Gruppentherapie. Niemand meldet sich freiwillig. Alle weichen angestrengt dem Blick der Therapeutin aus. Mike studiert abermals verspannt den Fußboden. Und ich möchte laut loslachen. Meine Augen heften sich erneut auf den attraktiven Mikey. Der schüchterne Kerl scheint auf seinem Stuhl zusammenzusinken. Es ist mehr als offensichtlich, dass er sich auf gar keinen Fall vorstellen will. Ich glaube, er möchte hier überhaupt nichts sagen. Er scheint sich in dem Stuhlkreis extrem unwohl zu fühlen, der Arme.

„Also gut. Dann fange eben ich mal an”, seufzt die Therapeutin, nachdem geklärt ist, dass niemand sonst den Anfang machen will. „Mein Name ist Evelyn”, stellt sie sich mir vor, „Ich bin fünfunddreißig Jahre alt und Psychotherapeutin von Beruf. Hier in der Psychiatrie arbeite ich seit drei Jahren.” „Hallo Evelyn”, erwidere ich freundlich und lächle sie an, „Mein Name ist Chester.” Die Mädchen prusten belustigt los. Sogar der Typ muss grinsen. Nur Mike rührt sich nicht. Das wird eine echte Herausforderung für mich. Ich möchte Mike dringend zum Lachen bringen. Er soll sich nicht länger so unbehaglich fühlen. Die Therapeutin ist von meiner Albernheit kein bisschen irritiert. Gelassen grinst sie mich an. „Wie alt bist du, Chester?” will sie wissen. „Ich bin gar nicht so viel jünger als du”, antworte ich neckend und streiche mir herausfordernd durch die Dreadlocks. Ich schenke der Frau mein schönstes Lächeln. Sie mustert mich interessiert. Dann nickt sie. Und ich glaube, sie ist auch ein wenig amüsiert. 

„So, jetzt seid ihr an der Reihe!” fordert sie die anderen auf. Ihre Aufmerksamkeit wandert zurück in den Stuhlkreis. Evelyn braucht nur ein paar Minuten, um jemanden auszuwählen, während sie die Jungs und Mädchen der Reihe nach abschätzend ansieht. Dann ist ihre Wahl auch schon gefallen. „Mike! Erzähl du Chester doch bitte etwas von dir”, spricht sie ausgerechnet ihn direkt an. Mir ist augenblicklich klar, dass Mike das nicht gefällt. Tatsächlich zuckt er erschrocken zusammen. Sein Blick schnellt ungläubig hoch. Er hat die Brauen zusammengezogen. Seine schönen Augen töten die Therapeutin. „Nein, das muss er nicht!” will ich ihm spontan helfen, ohne darüber nachzudenken, „Mike muss mir nichts über sich erzählen!” Evelyn guckt mich erstaunt an. Alle Augen wandern aufhorchend zwischen Mike und mir hin und her. Ihr schlüpfriges Interesse ist geweckt. Die kleinen Gehirne fangen fast hörbar an zu arbeiten. Sie wittern einen Skandal. Die neugierigen Menschen hier fragen sich, warum ich das eben gesagt habe. Sofort wollen sie wissen, ob Mike und ich uns vielleicht schon kennen. Ob da eventuell sogar was zwischen uns beiden läuft. Das habe ich gar nicht beabsichtigt. Verunsichert schaue ich den Bärtigen an. Sein tödlicher Blick ist jetzt auf mich gerichtet. Er sieht wütend aus. „Danke, Chester. Aber ich brauche deine Hilfe nicht!” betont er distanziert. „Du musst gar nichts sagen, wenn du nicht willst”, versuche ich klarzustellen. Mikes dunkle Augen fesseln mich schon wieder. Sie sind tiefgründig. Da stecken jede Menge verborgener Emotionen in dem Fremden. Das interessiert mich. 

Plötzlich steht Mike abrupt auf. „Ich sagte, ich brauche deine Hilfe nicht! Lass mich in Ruhe, Chester!” schreit er mich zornig an. Ich verstehe nicht, warum er so wütend auf mich ist. Ich wollte ihm doch nur helfen. „Setz dich bitte wieder hin, Mike!” fordert Evelyn ihn auf und hebt beschwichtigend die Hände. Aber Mike macht stattdessen einen Schritt nach vorne. „Es geht mir nicht gut”, behauptet er und wirft der Therapeutin einen flehenden Blick zu, „Ich möchte bitte in mein Zimmer gehen.” Alarmiert studiert sie seine Reaktion. „Ja, das ist okay, Mike”, entscheidet sie dann, „Wenn du Hilfe brauchst...” Abwehrend schüttelt der Bärtige den Kopf. „Nein, geht schon...”, murmelt er. Eilig zwängt er sich zwischen die Stühle. So schnell wie möglich will er aus dem Kreis abhauen. Ich habe das Gefühl, dass der Mann schon wieder vor mir davonläuft. Das kapiere ich nicht. Mir ist völlig schleierhaft, was ich falsch gemacht habe. Das seltsame Verhalten des Fremden macht mich echt nervös. Ich will nicht, dass Mike mich hier alleinlässt. Seine Nähe besänftigt mich. Es fühlt sich gut an, wenn er bei mir ist. Ich will nicht, dass der Mann ständig vor mir wegläuft. Am liebsten würde ich ihn festhalten. Ihn bitten, zu bleiben. Oder ihm hinterherlaufen. Extrem unruhig rutsche ich auf meinem harten Stuhl herum. Manchmal ist das so. Dann kann ich einfach nicht mehr stillsitzen. Als Kind galt ich als hyperaktiv. Dabei wollte ich doch nur immer alles genau mitkriegen. Ich war wirklich total scharf auf das Leben. Jetzt beobachte ich hilflos, wie mein Wohltäter überstürzt das Zimmer verlässt. „Mike!” rufe ich verzweifelt. Aber er ignoriert mich. Mikey beachtet niemanden mehr. Steuert einfach stur die Tür an. Der rätselhafte Kerl ist heilfroh, dass er von mir wegkommt. Schwungvoll reißt er die Tür auf. Im nächsten Augenblick ist er verschwunden.

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Autor

Tonmonds Profilbild Tonmond

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Kapitel:4
Sätze:3.055
Wörter:31.650
Zeichen:183.585

Kurzbeschreibung

Mit seinem Leben in der geschlossenen Psychiatrie hat Mike sich mittlerweile recht gut arrangiert, indem er einfach gar nichts an sich heranlässt. Eines Nachts taucht plötzlich Chester vor ihm auf und wirbelt sein isoliertes Leben vollständig durcheinander. Von da an ist für Mike nichts mehr, wie es einmal war...

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Liebesbeziehung (problematisch) getaggt.