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And One

12.5.2019 20:25
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
In Arbeit

1. Where should I start? Disjointed heart


Michael Kenji Shinoda

Noch eine Nacht. Es ist nur eine von unzähligen, die schon da waren und noch kommen werden. Ich habe nicht mitgezählt, wie lange ich jetzt schon hier bin. Vielleicht sind es vier Wochen, vielleicht auch zwei Monate. Es spielt keine Rolle, denn jeder Tag verläuft im Grunde gleich. Die Stunden werden unterteilt in Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Dazwischen täglich wechselnde Termine, Gespräche und Pflichtveranstaltungen. An den Therapien könnte ich ablesen, welcher Wochentag es ist, denn sie sind genau festgelegt und wiederholen sich Woche für Woche. Aber es ist mir egal. Ich habe es mir nicht gemerkt. Die Pfleger erinnern mich an meine Verpflichtungen, an denen ich regelmäßig teilnehmen muss. Aber sie können nichts daran ändern, dass nur mein Körper anwesend ist. Vielleicht merken sie das nicht einmal. Es interessiert mich eigentlich alles nicht. Nichts ist noch von Interesse für mich. Ich bin nicht sicher, an welchem Punkt in meinem Leben sich alles von mir entfernte. Das ist nicht schlagartig passiert, eher schleichend, ohne dass es mir richtig bewusst geworden wäre. Lange Zeit habe ich noch irgendwie funktioniert. Aber dann ging es irgendwann nicht mehr. Ich habe komplett abgeschaltet. Das war keine bewusste Entscheidung. Alles wurde seltsam gleichgültig. Meine vorherigen Pläne für mein Leben hatten irgendwann keine Bedeutung mehr. Ich habe den Sinn verloren. Selbst Essen oder Schlafen hat keine Bedeutung für mich. Ich existiere einfach nur. Es ist mir egal. Genauso gut könnte ich tot sein. Versucht habe ich das mit dem Sterben, aber nur halbherzig, weil es mir eigentlich egal war. Dummerweise haben ausgerechnet meine Eltern mich früh genug gefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht, bevor ich in der Badewanne verbluten konnte. Und dann haben sie mich einfach hierbehalten. Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, weil es mir völlig gleichgültig war. Ich weiß nicht, wie lange das jetzt her ist. Es interessiert mich nicht. Von mir aus können sie mich für den Rest meines Lebens hier einsperren und mit mir machen, was immer sie wollen. Die Psychologen nennen es eine Depression, die angeblich jeden ereilen kann. Und jetzt forschen sie wohl nach der Ursache oder danach, wie sie mir am wirkungsvollsten helfen können. Sie erreichen mich aber nicht, denn eigentlich bin ich ja gar nicht da. Das alles interessiert mich nicht genug, als würde ich mich mit meiner Situation auseinandersetzen. Denn ich fühle mich seltsam zufrieden hier. Ich bin gleichgültig, total unberührt. Mein derzeitiges Leben ist sehr bequem. Ich muss mir keinerlei Gedanken machen. Andere sorgen und entscheiden für mich. Nichts kommt noch an mich heran. Nacht für Nacht liege ich wach in meinem Bett und starre reglos in die Dunkelheit. Die Zeit hat keine Bedeutung, sie vergeht einfach nur. Meine Gedanken sind ruhig. Die Bilder fließen dahin und halten sich nirgendwo fest. Irgendwann werde ich wie immer einschlafen und dann beginnt ein neuer bedeutungsloser Tag. Sie haben mir ein eigenes Zimmer gegeben, in dem ich völlig ungestört bin. Am liebsten halte ich mich allein in diesem Raum auf. Ich mag die Stille und die Dunkelheit, sie sind mir sehr vertraut. Genauso sieht es in meinem Innern aus. Da ist sonst nichts mehr. Nur noch Stille und Dunkelheit. Ich habe mich gut versteckt. 


Chester Charles Bennington

Ich bin nicht freiwillig hier, und darum bin ich ganz schön genervt. Ich weiß ja, dass ich mich schon heute Morgen hier hätte melden sollen. Diesen scheiß Termin habe ich bestimmt nicht vergessen. Ich habe ihn nur verdrängt. Irgendwie habe ich gehofft, dass sie mich einfach vergessen würden. Haben sie aber nicht. Stattdessen kam tatsächlich die verdammte Polizei in die Kneipe und hat mich einfach mitgenommen. Sie waren zu Viert, deshalb hatte ich keine Chance zur Gegenwehr. Die lange, schweigsame Fahrt hierher war die reinste Tortur. Jetzt ist es Nacht und sie stehen immer noch neben mir. An der Anmeldung der geschlossenen Abteilung behalten sie mich wachsam im Auge. Dabei kann ich gar nicht mehr weglaufen. Es ist zu spät. Die Tür ist zu. Ich bin gefangen und zu weit weg von zu Hause. Der Richter hat es Therapie statt Strafe genannt. Aber darüber kann ich nur lachen, denn es gibt für mich kaum eine schlimmere Strafe, als dass ich irgendwo eingesperrt werde. Mann, ich habe keine Ahnung, wie lange der Unsinn hier dauern soll. Auch der Richter hat sich bei der Urteilsverkündung nicht festgelegt, und das macht mich ziemlich nervös. Zum Glück hatte ich heute Abend in der Kneipe schon genug getrunken, sodass meine Angst sich momentan in Grenzen hält. Ich bin nur tierisch genervt. Das große, fremde Gebäude geht mir auf die Nerven, das helle Neonlicht und die langen Gänge. Die vielen Menschen stressen mich, Polizisten und Krankenpersonal, die mir vorwerfen, mich nicht an Abmachungen zu halten. Dies ist ein abgelegener Ort, an dem sie die Verrückten einsperren, und ich habe keine Ahnung, wie ich hier gelandet bin. Ich will bestimmt nicht hier sein. Der Richter hat damals behauptet, hier würden sie mir helfen, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Dabei habe ich doch momentan mein Leben ganz gut im Griff! Endlich schien alles besser zu werden. Vor einiger Zeit hat Sean mich als Sänger in seine Band aufgenommen. Grey Daze gibt mir zum ersten Mal das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Das könnte wirklich was werden, wenn wir uns richtig reinhängen. Im Laufe meines verkorksten Lebens habe ich schon jede Menge Songs geschrieben, auf die ich wirklich stolz bin. Und mit Grey Daze nehmen sie endlich hörbare Gestalt an. Zu Hause haben wir mittlerweile schon einige Konzerte gegeben, bei denen ich gemerkt habe, dass ich mich auf einer Bühne richtig wohlfühlen kann. Ich kann mit dem Publikum interagieren. Ich kann so laut singen, dass die Dämonen in mir tatsächlich leiser werden. Es fühlt sich befreiend an, sich in einem Song die Seele aus dem Leib zu schreien. Das Publikum reagierte unterschiedlich auf unsere Musik, aber überwiegend gab es Applaus. Ich bin sicher, dass wir die Leute mit der Musik erreichen können. Grey Daze kommt jedenfalls gerade richtig in Fahrt. Und ausgerechnet jetzt müssen sie mich total aus dem Verkehr ziehen, mich rigoros auf Eis legen und mir diesen Scheiß hier aufzwingen. Das ist einfach nur großer Mist! „Sie hätten sich heute Morgen um 8 Uhr freiwillig hier bei uns melden sollen, Herr Bennington!” sagt diese Krankenschwester schon wieder zu mir und guckt mich vorwurfsvoll an. Die Frau ist auch genervt, denn sie hatte sich ihren Nachtdienst bestimmt ruhiger vorgestellt. Meine Ankunft gefällt ihr nicht, denn sie fürchtet, dass dadurch zusätzliche Arbeit auf sie zukommt. Ich schenke ihr ein freundliches Grinsen. Zum Glück bin ich ziemlich betrunken, sodass ich eine selbstbewusste Gleichgültigkeit ausstrahlen kann, die ich tief drinnen gar nicht empfinde. Ich kann an der Situation nichts ändern. Mir ist klar, dass ich hier vorerst nicht mehr herauskomme, und das macht mir zunehmend zu schaffen. „Tut mir leid”, lalle ich leise. Die Polizisten lachen spöttisch und füllen dann irgendwelche Papiere für mich aus. Sie erledigen lästige Formalitäten an der Anmeldung oder so was. Jedenfalls sind sie auf einmal alle abgelenkt, und ich werde plötzlich tierisch nervös. Ich fühle mich hier total falsch und fremd, denn ich gehöre hier nicht hin. Das miese Gefühl des Eingesperrtseins zehrt schon jetzt an meinen Nerven. Die Falle wird enger um mich. Ich bekomme das starke Bedürfnis, mich unverzüglich bewegen zu müssen. Aus einem inneren Impuls heraus laufe ich spontan los. Ich kenne mich in diesem Haus und dieser Abteilung nicht aus, denn ich war vorher noch nie auch nur in der Nähe dieses seltsamen Ortes. Darum laufe ich einfach den erstbesten Gang entlang. Ich laufe so schnell ich es in meinem betrunkenen Zustand kann. „Hey! Bleiben Sie hier!” ruft der eine Polizist mir verärgert nach. „Machen Sie doch keinen Quatsch, Herr Bennington!” ruft die Krankenschwester wütend. Die Menschen geben genervte und spöttische Geräusche von sich. Aber ich höre sie gar nicht. Ich will sie nicht hören. Ich möchte gar nichts mehr hören. Stattdessen hole ich tief Luft und fange an zu singen. Ich habe das Verlangen, die Nervosität in mir weg zu singen, die Bedrohung zu bekämpfen. Das Singen hilft gegen die Angst, die stärker zu werden scheint. Es fühlt sich gut an. Die vertrauten Texte beruhigen mich. Es tut gut, meine eigene Stimme zu hören. Das hat mich schon immer beruhigt. Schon als Kind hat lautes Singen mich oft glücklich gemacht. Ich laufe schnell durch die menschenleeren, scheinbar endlosen Gänge. Sie sehen alle gleich aus. Überall sind geschlossene Türen. Das Neonlicht blendet mich. Es ist mitten in der Nacht. Ich nehme an, dass die anderen Patienten um diese Uhrzeit wohl schlafen. Mein Krach wird sie vielleicht aufwecken, aber das ist mir egal. Ich bin besoffen und die Umgebung schwankt ein bisschen. Sie sollen mich einfach nur in Ruhe lassen.

2. I've got no commitment to my own flesh and blood


Michael Kenji Shinoda

Normalerweise bleibt es die Nacht über ziemlich still in der Abteilung. Die Patienten schlafen und das Personal verhält sich ruhig. Ich genieße die Ruhe sehr, bis ich irgendwann von selbst einschlafe. Wenn ich aus irgendeinem Grund mal nicht einschlafen kann, was nicht allzu oft vorkommt, dann kann ich die Nachtschwester jederzeit um eine Schlaftablette bitten. Sie gibt mir immer eine. Und spätestens mit der Pille bin ich bisher noch jedes Mal problemlos eingepennt. In dieser Nacht werde ich allerdings keine Tablette brauchen, denn ich bin müde und schon fast weggedöst. Plötzlich geht draußen auf dem Flur irgendein Krach los. Jemand macht da draußen unwillkommenen Lärm. Sofort bin ich wieder hellwach und tierisch genervt. Es kommt manchmal vor, dass ein Patient ohne ersichtlichen Grund durchdreht und anfängt zu schreien. Das stresst mich dann jedes Mal enorm, weil es meine innere Ruhe sehr unangenehm stört. Ich verstehe solche Aussetzer auch nicht, weil sie nicht den geringsten Sinn ergeben. Bisweilen verhalten sich die Menschen hier total krank. Mir ist zwar klar, dass gerade das wohl der Grund ist, warum die meisten hier sind, aber ich hasse solche Ausbrüche. Ich wünsche mir, die Idioten würden sich einfach nur zusammenreißen. Jetzt wird der Lärm draußen lauter, scheint sich ausgerechnet in Richtung meines Zimmers zu bewegen. Offenbar läuft jemand den Gang entlang. Ich erkenne langsam, dass er wahrhaftig dabei schreit. Das Geräusch hört sich jedoch merkwürdig an, als würde diese verrückte Person eigentlich singen. Die Wörter kann ich aber nicht verstehen. Mein Herz fängt an, unruhig zu schlagen, weil mich die Störung meiner Nachtruhe ärgert. Ich mag keine Störungen. Ich möchte nicht gestört werden. Knurrend halte ich mir die Ohren zu. Aber das Geschreie auf dem Gang wird nur lauter, weil die dreiste Person offenbar unaufhaltsam näher kommt. Einzelne Wörter werden erkennbar, dann ganz Sätze. „What's in the eye, can you tell me. Watching the time pass me by. There's so much locked up inside”, singt, nein brüllt dieser bekloppte Mensch. Inzwischen scheint er sich direkt vor meinem Zimmer aufzuhalten. 

Plötzlich sitze ich kerzengerade in meinem Bett, weil mich irgendwas aufschreckt. Die Stimme berührt mich eigenartig. Irgendwas hat abrupt meinen sorgfältig errichteten Schutzpanzer durchdrungen, und ich bin absolut schockiert darüber. Schon seit Ewigkeiten habe ich nichts mehr gefühlt, weil mir ja alles herrlich egal war. Da war einfach nur gar nichts in mir. Damit hatte ich mich längst abgefunden. Aber jetzt fühle ich plötzlich irgendwas. Etwas berührt mich. Sind es die Worte? Ist es diese fremde Stimme, die eine heftige, komplett unerwartete Reaktion in mir auslöst? Es ist eine wohlklingende Stimme, die trotz der unglaublichen Lautstärke ihre Harmonik nicht verliert. Unbestreitbar kann dieser total verrückte Mensch da draußen gut singen. „Don't go too fast, my friend. Or you'll loose controll”, schreit er jetzt und wiederholt es gleich nochmal. Wie ferngelenkt springe ich aus meinem Bett und lande mit nackten Füßen auf dem kalten Linoleum. Eigentlich will ich gar nicht hinausgehen. Von jeglichen Ärgernissen halte ich mich grundsätzlich fern. Nachts gehe ich niemals hinaus, höchstens, um aufs Klo zu gehen oder mir eine Schlaftablette zu holen. Jetzt will ich aber Nichts von beidem tun, und das beunruhigt mich enorm. Ich sollte lieber in meinem Zimmer bleiben. Aber ich möchte wahrhaftig dieser Stimme auf den Grund gehen, und das kapiere ich überhaupt nicht. Diese unerwartete Stimme interessiert mich. Das fühlt sich so dermaßen fremd und ungewohnt an, dass es mich fast erschlägt. Weil mich nämlich seit Ewigkeiten nichts mehr interessiert hat. Meine Füße laufen von selbst durch die Dunkelheit, geradewegs zur Tür hin. Ich kenne die Proportionen meines Zimmers im Schlaf und brauche kein Licht mehr, um mich hier drin problemlos zurechtzufinden. Mein Kopf ist seltsam leer, als ich die Tür langsam öffne. Mein Herz schlägt unruhig, meine Finger zittern. So lebendig, wie in diesem Augenblick, habe ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt. Darum kann ich kaum glauben, was gerade mit mir passiert. Eigentlich habe ich gar nicht mehr damit gerechnet, in meinem Leben nochmal irgendwas zu empfinden. Meine unwillkürliche Reaktion auf diese fremde Stimme überrascht, beunruhigt und verwirrt mich dermaßen, dass ich jetzt dringend den Menschen zu der Stimme sehen will. Mein eigener Mut wundert mich, denn normalerweise halte ich mich von den anderen Patienten so fern wie möglich. Schließlich kann ich nie wissen, wie verrückt sie in Wahrheit sind. Womöglich sind sie durchgeknallt genug, um gewalttätig auf mich loszugehen. Aber diesmal überwinde ich meine Angst, weil meine Neugier wahrhaftig stärker ist. 

Ich öffne die Tür weit genug, um hinaus auf den Gang treten zu können. Sicherheitshalber bleibe ich vor der offenen Tür stehen, um mich im Notfall schnell wieder zurückziehen zu können. Wie in jeder Nacht, ist das Neonlicht auf den Fluren viel zu hell, sodass ich für einen Moment geblendet die Augen schließen muss. Als ich meine Augen vorsichtig wieder öffne, steht der lautstarke Sänger plötzlich direkt vor mir. Verblüfft schaut er mich an und verstummt. Das bedauere ich irgendwie, weil seine Stimme mir offenbar gefallen hat, auch wenn ich nicht weiß warum. Mein plötzliches Auftauchen hat ihn überrascht. Reglos starren wir uns gegenseitig an. Innerhalb von Sekunden erfasse ich seine ganze Gestalt. Es ist ein junger, dünner Typ, ungefähr in meinem Alter. Er trägt ziemlich merkwürdige Klamotten. Ein blaues Hemd mit einem seltsamen Schmetterlingskragen. Eine hellgraue Chinohose. Seine Chucks passen farblich genau zum Hemd. Sein Gesicht wird halb von seinen Haaren verdeckt, ein wilder, brauner Wuschelkopf. Erst auf den zweiten Blick kapiere ich, dass es Dreadlocks sind, die ihm bis auf die Schultern reichen. Auf seiner schmalen Nase sitzt eine Brille mit schwarzem Gestell, hinter der ich seine Augen kaum erkennen kann. Ich glaube aber, dass sie dunkel sind, wahrscheinlich braun. Jetzt schwankt er ein bisschen. Er lehnt sich gegen die Wand gegenüber meiner Tür, um seinen schmächtigen Körper zu stabilisieren. Mir geht auf, dass der Typ wahrscheinlich betrunken ist. Auch das verhaltene Lächeln, was jetzt in seinen Mundwinkeln erscheint, passt dazu. Er checkt mich genauso neugierig ab, wie ich es unbewusst bei ihm gemacht habe. Sein dunkler Blick fühlt sich irgendwie wie Feuer an. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Meine Brust wird eng, ich muss nach Luft ringen. Der Typ lässt mich nicht aus den Augen. Plötzlich holt er tief Luft und fängt wieder an, aus voller Kehle zu singen: „What's in the eye that I can not catch. Is me I want to know why it's so hard to let go.” Seine Stimme hat eine unglaubliche Intensität. Die einzelnen Wörter scheinen bis in mein Innerstes vorzudringen. Als würde er meine persönliche Situation beschreiben, was ich nicht begreifen kann. Ich kann mich nicht bewegen, fühle mich wie erstarrt. „Don't go too fast, my friend. Or you'll loose control”, schreit er und wiederholt es immer wieder eindringlich. „Don't go, don't go! Don't you go! No, no!” Plötzlich gehen rechts und links vom Flur nach und nach noch mehr Türen auf. Andere Patienten, die in den Zimmern geschlafen haben und bestimmt von dem Lärm geweckt worden sind, treten mehr oder weniger neugierig oder verärgert hinaus auf den Gang. Einige beschweren sich über die Störung ihrer Nachtruhe. Der Typ ignoriert den Aufruhr, den er verursacht. Er schaut mich nur unentwegt an und singt dabei. Er sieht müde aus, irgendwie verzweifelt, obwohl er zu lächeln scheint. Sein Blick durch die Brillengläser fesselt mich auf eine Art, die ich so noch nie erlebt habe. 

Trotzdem registriere ich es sofort, als am Ende des Ganges vier uniformierte Polizisten auftauchen, die sich uns schnell nähern. „Was soll denn der Unsinn, Chester? Halt die Klappe! Was willst du denn hier? Komm jetzt wieder mit zurück! Deine Aufnahme ist noch nicht abgeschlossen! Der Arzt will dich sehen!” reden sie ärgerlich auf ihn ein, während sie mit festem Schritt näherkommen. Der Typ wirft einen schnellen Blick auf seine Verfolger, und sein schüchternes Lächeln stirbt augenblicklich. Seine Stimme wird noch lauter, jetzt schreit er nahezu zornig. „What's in the eeyeee? What's in the eeyeee?” Er wendet sich von mir ab, löst sich von der Wand und macht eine hektische Bewegung Richtung Gang, als wollte er davonlaufen. Er macht einige Schritte in die entgegengesetzte Richtung, um den Polizisten zu entkommen. Aber er ist beduselt und bei Weitem nicht schnell genug. Die Männer haben ihn schon eingeholt und greifen nach ihm. Er wehrt sich mit einem halbherzigen Schlag gegen eine breite Uniformiertenbrust. Diese Gewalttätigkeit wird ihm sofort so übelgenommen, dass die Männer ihn wütend herumreißen und kinderleicht auf den Boden werfen. Sein lautstarker Gesang erstirbt röchelnd, als sie ihm ihre Knie ins Kreuz drücken und ihm mit ihren Handschellen brutal die Hände auf den Rücken fesseln. Bei seinem Sturz verliert er seine Brille, die herunterfällt, über den glatten Boden rutscht und genau vor meinen Füßen liegenbleibt. Es berührt mich viel zu stark, das mitanzusehen, wie sie ihn überwältigen und fesseln. Ich möchte die Polizisten dringend bitten, damit aufzuhören. Ich will, dass sie ihn in Ruhe lassen, damit er weitersingen kann. Das beunruhigt mich. Ich kapiere es nicht. Ich kenne diesen seltsamen Typen ja nicht einmal. Den komischen Kerl mit den Dreadlocks habe ich zuvor noch nie in meinem Leben gesehen. Aber irgendwas an ihm geht mir trotzdem verdammt nahe. Das gefällt mir nicht. Dieses unerwartete Gefühl wühlt mich auf. Es bedroht eindeutig meine gleichgültige Zufriedenheit, mit der ich mich hier bislang hervorragend arrangiert hatte. 

Schnell wende ich den Blick ab, bücke mich automatisch und hebe die Brille auf. Zum Glück ist sie beim Sturz nicht kaputtgegangen. Ich möchte sie ihm zurückgeben. Vielleicht kann er ohne Brille nichts sehen. Aber die Polizisten haben ihn schon wieder aufgerichtet und schleifen ihn rigoros mit sich fort. Offensichtlich haben sie den Verlust seiner Brille gar nicht bemerkt oder es interessiert sie nicht. Zumindest sagt keiner was, auch der Typ nicht. Sie ignorieren mich alle, als sie ihn an mir vorbei zerren. Er wehrt sich nicht, hängt jetzt hilflos in ihren starken Armen, den Kopf kapitulierend gesenkt. Sie haben ihn fest gepackt. Er singt nicht mehr. Verwundert spüre ich, dass ich seine Stimme vermisse. Noch einmal schaue ich ihn an. Er fixiert den Fußboden. Sein Gesicht wird nun vollständig von seinen wilden Haaren verdeckt. Schon sind die Männer an mir vorbeigelaufen und entfernen sich schnell. Am Ende des Ganges taucht Schwester Karin auf, die vor einer Woche auf der Station den Nachtdienst übernommen hat. Sie schickt die aufgebrachten Patienten zurück in ihre Betten und versucht, sie mit beschwichtigenden Worten zu beruhigen. Hastig drehe ich mich um und gehe zurück in mein Zimmer, lange bevor sie mich bemerkt hat. Ich schließe die Tür hinter mir und schalte das Licht an. Eine Weile stehe ich dort und atme tief durch. Mein Herz hämmert immer noch zu schnell. Ich habe seine Brille in der Hand und schaue sie mir an. Das Gestell ist aus Plastik und schlicht schwarz. Zögernd halte ich die Gläser vor meine Augen und schaue hindurch. Mann, dieser Typ hat wirklich schlechte Augen. Ohne seine Brille ist er offenbar halbblind. Das muss der doch gemerkt haben. Warum hat er nicht protestiert, als er seine Sehhilfe verlor? Warum wollte er sie nicht sofort zurückhaben? Ich blinzele und bewege mich zögend auf mein Bett zu. Draußen auf dem Gang wird es zunehmend stiller. Die Leute gehen folgsam zurück in ihre Zimmer, denn Schwester Karin kann sehr überzeugend sein. Ich höre sie vor meiner Tür mit den Patienten reden. Kaum jemand protestiert noch. Es dauert nicht sehr lange, bis die Nachtruhe schließlich wiederhergestellt ist. 

Ich begrüße die Stille jetzt. Nur in mir drin ist es plötzlich nicht mehr ruhig, und das gefällt mir ganz und gar nicht. Meine Gedanken sind so laut, wie seit ewigen Zeiten nicht mehr. Das irritiert mich und macht mich nervös. Ich lege mich aufs Bett, während meine Finger gedankenversunken mit der fremden Brille herumspielen. Das Licht ist noch an. Meine Augen wandern ruhelos durch meinen Raum, ohne ein Ziel zu finden. In meinen Ohren tönt noch immer die unbekannte Stimme des Sängers. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn noch auf dem Gang stehen. Ich frage mich, wo der merkwürdige Typ wohl herkommt und aus welchem Grund er hier ist. Ich erinnere mich, dass der eine Polizist ihn Chester genannt hat. Was für ein komischer Name! Diesen Namen habe ich vorher noch nie gehört. Zweifellos haben sie Chester gegen seinen Willen hier eingeliefert. Sonst wäre er nicht mitten in der Nacht angekommen. Und auch die Polizei hätte sich wohl kaum für ihn interessiert, wenn er freiwillig hier wäre. Ich möchte wissen, was dieser schmächtige Kerl Schlimmes verbrochen hat, um zwangsweise in der geschlossenen Psychiatrie eingesperrt zu werden. Das macht mir Sorgen, weil der Typ eventuell aggressiv, unberechenbar und gefährlich sein könnte. Chester ist nun ein Patient auf meiner Station und mir ist klar, dass ich ihm ab jetzt wohl häufiger begegnen werde. Das wird zwangsläufig passieren, ob ich will oder nicht. Ich fürchte mich vor einer erneuten Begegnung mit dem seltsamen Sänger. Dann wird mir plötzlich klar, dass ich seine Anwesenheit aber auch irgendwie herbeisehne. Weil unbestreitbar etwas an ihm ist, das mich merkwürdig interessiert. Ich möchte ihn gerne nochmal singen hören, auch wenn ich nicht verstehen kann warum. Vorhin auf dem Gang, in seiner Nähe habe ich mich einen kurzen Moment lang enorm lebendig gefühlt. Ich konnte tatsächlich meinen hämmernden Herzschlag fühlen. So etwas Außergewöhnliches ist mir schon so lange nicht mehr passiert, dass ich schon gar nicht mehr wusste, wie es sich anfühlen kann. Es ärgert mich enorm, dass mir dieser Fremde nicht völlig gleichgültig ist. Zweifellos war mein Leben viel einfacher und bequemer, als mir noch alles total egal war. Mit ganzer Seele wünsche ich mich in diesen teilnahmslosen Zustand zurück. Ich möchte mir keine Gedanken um den unbekannten Kerl machen. Aber mein eigener Kopf scheint mir nicht mehr richtig zu gehorchen. Frustriert werfe ich die Brille auf den Sessel in meinem Zimmer, weil ich das Teil plötzlich dringend loswerden will. Ich springe auf und schalte das Licht aus. Im Dunkeln bewege ich mich zurück auf mein Bett. Seufzend lasse ich mich nieder und strecke mich der Länge nach aus. Es ist entschieden zu laut in meinem Kopf. Ich kann nicht schlafen, und das passt mir überhaupt nicht.          


Chester Charles Bennington

Ich laufe laut singend diesen langen Flur entlang und fühle mich dabei seltsam wohl. Plötzlich taucht der Typ vor mir auf. Er ist unerwartet aus einem der Zimmer gekommen und steht in der offenen Tür. Wahrscheinlich hat mein Gesang ihn herausgelockt. Sein abruptes Auftauchen bringt mich aus dem Konzept. Prompt vergesse ich den Text und höre deshalb mit dem Singen auf. Wir stehen uns direkt gegenüber und starren und gegenseitig an. Der Typ ist vielleicht in meinem Alter und hat auch ungefähr meine Größe. Er trägt einen merkwürdigen Schlafanzug in einer undefinierbaren Farbe. Es könnte dunkelblau oder grün sein, vielleicht auch schwarz. Die zugeknöpfte Jacke und die dazu passende Hose sind ihm eigentlich zu groß. Zumindest hängt der dünne Stoff ziemlich locker an seinem schlanken Körper. Er trägt keine Schuhe. Der Typ hat irgendwas Exotisches an sich. In seinen Genen steckt etwas eindeutig Asiatisches. Sein Gesicht wird halb von einem kurzen, braunen Vollbart bedeckt. Vielleicht hat er sich zu lange nicht rasiert. Sein kurzes Haar ist schwarz und schon länger nicht geschnitten worden. Es ist ein bisschen verstrubbelt, weil er wohl gerade erst aus seinem Bett gestiegen ist. Seine mandelförmigen, braunen Augen mustern mich neugierig. Irgendwas an mir scheint ihn brennend zu interessieren. Das schmeichelt mir irgendwie und amüsiert mich. Also fange ich nach einer Schreckminute wieder an zu singen. Es ist der erste Song, der mir spontan einfiel, als ich mich ohne zu überlegen und unerlaubt von den Polizisten entfernt habe. Ich habe ihn What's in the eye genannt. Der Text beschreibt zufällig auch so ungefähr meine derzeitige Situation. Weil ich nämlich im Moment nicht mehr so genau weiß, was eigentlich um mich herum vorgeht. Was ist so offensichtlich, dass ich es nicht sehen kann? Die Wörter verlassen meine Kehle in voller Lautstärke, was sich enorm gut anfühlt. Der fremde Typ schaut mich an und hört mir die ganze Zeit gebannt zu. Es freut mich tierisch, dass ich ihn mit meinem Gesang offenbar erreichen kann. Unser ständiger Blickkontakt wird mit der Zeit irgendwie intensiv, sodass mein Herz träge damit anfängt, ein bisschen härter zu schlagen. Ich liebe nichts so sehr wie aufmerksames Publikum. Das spornt mich an und ich möchte noch viel länger für ihn singen.

Aber dann lenkt ihn irgendwas ab. Vier Männer tauchen am Ende des Ganges auf. Genervt registriere ich, dass die scheiß Bullen mich verfolgt haben. Damit hätte ich natürlich rechnen müssen, aber es passt mir trotzdem ganz und gar nicht. Ich fühle mich ätzend überwacht und habe keine Lust auf diese Auseinandersetzung. Sie rufen mir zu, dass ich die Klappe halten und mit ihnen zurückkommen soll. Das will ich aber nicht. Einem Fluchtinstinkt folgend mache ich eine spontane Bewegung von den Polizisten weg in die andere Richtung. Aber die Kerle sind zu schnell und haben mich schon eingeholt. Ohne Vorwarnung greifen sie nach mir. Das erschreckt mich, sodass ich dem einen Mann aus einem Reflex heraus einen Schlag gegen seine breite, harte Brust verpasse. Die Uniformierten sind sofort angepisst deswegen. Sie werfen mich brutal auf den Boden, noch ehe ich kapiere, was eigentlich abgeht. Sie drücken mich auf die harten Steinfliesen und knien sich schwer auf meinen Rücken. Ihr Gewicht presst mir abrupt die Luft aus den Lungen, sodass ich nicht weitersingen kann. Sie verdrehen mir blitzschnell die Arme auf dem Rücken und fesseln mich mit ihren Handschellen. Das kalte Metall habe ich heute schon einmal getragen, als sie mich gewaltsam aus der Kneipe mitgenommen haben. Im Auto haben sie die Handschellen dann abgenommen. Jetzt bin ich schon wieder gefesselt. Ich hasse dieses Gefühl des Ausgeliefertseins. Es erinnert mich an etwas anderes, an das ich nicht denken will. Ich schließe die Augen und wehre mich nicht, weil ich Angst vor dem Schmerz habe, den sie mir eventuell zufügen könnten. Ich wünsche mich sehr weit weg. Verbissen versuche ich, mich an einen erfolgreichen Auftritt mit Grey Daze zu erinnern, an das euphorische Gefühl, auf einer Bühne zu stehen, während sie meinen Körper irgendwie in ihre Mitte nehmen und über den Flur zurück zur Anmeldung schleifen. Sie sagen nichts mehr. Ihr Griff ist hart und mitleidslos. Die vier uniformierten Polizisten wollen diese unangenehme Sache hier jetzt schnell hinter sich bringen. Bestimmt haben sie noch etwas Besseres zu tun und wollen zurück nach Hause zu ihren Familien. 

Viel zu schnell sind wir zurück an der verdammten Anmeldung. „Ich habe schon heute Morgen auf Sie gewartet, Herr Bennington! Warum sind Sie denn nicht freiwillig hergekommen, so wie wir es am Telefon vereinbart hatten?” spricht mich eine dunkle Stimme an. Der Vorwurf in dem Satz ist nicht zu überhören. Ich kann mich nicht daran erinnern, mit dieser Stimme irgendwas abgemacht zu haben. Widerwillig öffne ich meine Augen und hebe den Kopf hoch. Ich blinzele in seine Richtung. Sofort fällt mir auf, dass ich meine Brille verloren habe. Das nervt mich tierisch, weil ich keinerlei Ersatz dabeihabe. Meine anderen Brillen und meine Kontaktlinsen liegen bei mir zu Hause irgendwo. Das macht mich ein bisschen wütend. Ich vermute, dass die Brille mir unbemerkt von der Nase gerutscht ist, als die scheiß Bullen mich vorhin auf den Boden geworfen haben. Angestrengt fixiere ich die Person vor meinen trüben Augen. Ich kann sie nur sehr unscharf erkennen. Wegen der dunklen Stimme tippe ich auf einen Mann. Höchstwahrscheinlich ist es der Arzt, denn er trägt diese weiße Arztkleidung, glaube ich. „Naja, das macht ja auch nichts. Es ist schön, dass Sie jetzt hier sind!” meint der Arzt versöhnlich zu mir. Ich finde es aber überhaupt nicht schön, hier zu sein. Ich finde es sogar ausgesprochen unschön. Trotzdem lächele ich ihn an und ich glaube, er lächelt zurück. Es irritiert mich, dass sie den Arzt anscheinend extra wegen mir nochmal hierher geholt haben. Bestimmt hatte er eigentlich schon längst Feierabend und musste jetzt nur wegen mir nochmal hier antanzen. Das ist mir unangenehm, denn ich will niemandem diese Umstände machen. „Ich bin Professor Paulsen, der diensthabende Oberarzt dieser Station. Hören Sie bitte, ich sage Ihnen genau, was jetzt passiert, Herr Bennington. Wir beide führen gleich ein kurzes Aufnahmegespräch. Und dann haben Sie es für heute Nacht auch schon geschafft. Die Schwester wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Und morgen sehen wir dann weiter.” Der Professor spricht jetzt mit sanfter Stimme, als wollte er mich beruhigen. Ich höre nicht auf zu lächeln und schaue ihn angestrengt an. 

„Wo ist denn Ihr Gepäck?” will er verwundert wissen. Bevor ich darauf reagieren kann, hat einer der Polizisten schon für mich geantwortet. „Chester hat kein Gepäck dabei, weil wir ihn zwangsweise aus einer Kneipe entführen mussten”, lacht er amüsiert. Ich kann nicht genau erkennen, wie der Arzt darauf reagiert. Er sagt nichts mehr, sondern macht eine Handbewegung. Der ganze Trupp setzt sich daraufhin in Bewegung. Ich bin noch immer im festen Griff der Bullen gefangen. Sie schleifen mich in eins dieser Zimmer, die am Ende irgendeines Flures liegen. Es sieht aus wie ein Büro. Dort soll ich mich auf einen Stuhl vor einem Schreibtisch setzen, was ich widerstandslos tue. Endlich nehmen sie mir die verdammten Handschellen ab. Nervös reibe ich meine Handgelenke. Die Polizisten verlassen den Raum, und plötzlich bin ich mit dem Arzt allein. Mir ist schwindelig. Ich fühle mich verstärkt betrunken und möchte am liebsten wieder singen. Ich möchte so laut singen, wie ich kann. Aber mir ist klar, dass das komisch wirken könnte, darum lasse ich es sein. Professor Paulsen tritt so nah an mich heran, bis ich ihn fast schon klar sehen kann. Er ist noch nicht alt, vielleicht Anfang Vierzig. Seine blauen Augen gucken müde, leidlich interessiert, ein wenig besorgt. Er streckt mir seine Hand hin, die ich vorsichtig ergreife. Sein Händedruck ist fest und selbstbewusst. „Hören Sie, Chester, mir ist klar, dass das heute Nacht alles ein bisschen viel für Sie sein muss. Ich darf doch Chester sagen?” „Na klar”, erlaube ich ihm gleichgültig. Er lächelt, geht um den Schreibtisch herum und setzt sich auf seinen großen Bürostuhl. Jetzt sehe ich seine Gestalt nur noch unscharf, darum schaue ich auf meine Hände in meinem Schoß. In der letzten Zeit habe ich kaum noch an den Fingernägeln gekaut, weil ich mit Grey Daze und meinem Tattoo-Studio beschäftigt war. Das hat mich auf produktive Weise abgelenkt, sodass meine Nägel inzwischen ein bisschen wachsen konnten. Aber im Moment möchte ich nichts lieber tun, als sie alle der Reihe nach abzukauen, so lange und tief, bis es blutet. Ich sehne mich nach dem vertrauten Schmerz und halte mich nur mit größter Mühe davon ab. 

„Chester?” ruft der Professor. Er hat irgendwas zu mir gesagt. Aber ich habe nicht zugehört und sofort ein schlechtes Gewissen deswegen. Fragend hebe ich den Kopf und schaue ihn an. Er liest etwas in einer Akte, die auf seinem Schreibtisch liegt. Dann seufzt er und guckt mich mitleidig an. „Hier steht, dass Sie Alkoholiker sind. Nehmen Sie auch noch andere Drogen?” wiederholt der neugierige Mann langsam und deutlich. Ich schüttele den Kopf, obwohl das zweifellos nicht der Wahrheit entspricht. Zu Hause habe ich zeitweise eigentlich alles genommen, was gerade verfügbar war. Professor Paulsen nickt nachdenklich. „Wir werden Ihnen hier mit Medikamenten durch den Entzug helfen, Chester. Aber Sie müssen auch mitarbeiten, okay?” Ich nicke zustimmend, was ihm ein erleichtertes Lächeln entlockt. „Schön. Das wird schon werden, Chester. Sie schaffen das ganz bestimmt”, will er mir Mut machen, was kein bisschen funktioniert. Er macht eine kurze Pause. „Sollen wir vielleicht jemanden aus Ihrer Familie anrufen, damit er Ihnen bald ein paar persönliche Sachen vorbeibringt?” fragt er dann. Offenbar ist er besorgt. Es lässt ihm keine Ruhe, dass ich kein Gepäck dabeihabe, was mich irgendwie rührt. Aber wen könnten sie schon für mich anrufen? Mein Dad hat sich eigentlich noch nie ernsthaft für mich interessiert, obwohl zu Hause für lange Zeit nur er und ich waren. Meine Mom habe ich seit der Scheidung kaum noch gesehen. Als ich sie das letzte Mal getroffen habe, war sie über mein Aussehen absolut schockiert. Ich will meine Eltern nicht mit meinem Scheiß belasten, darum schüttele ich den Kopf und sage: „Nein.” Professor Paulsens Augen weiten sich erstaunt. Er sieht richtig erschrocken aus, soweit ich das unscharfe Bild von ihm richtig deute. Darum setze ich schnell hinzu: „Ist schon gut.” Verlegen wende ich den Blick ab und fixiere nochmal meine Hände in meinem Schoß. Von mir aus können sie mir meine Hände ruhig abhacken, solange nur meine Stimme funktioniert, denke ich ein bisschen wirr. Der Arzt guckt mich noch eine Weile nachdenklich an. Ich kann das genau spüren. Es macht mich nervös, aber ich versuche, es einfach zu ignorieren. Schließlich seufzt er nochmal. „Na gut, dann lassen wir es für heute Nacht gut sein. Haben Sie noch irgendeine Frage an mich?” erkundigt er sich freundlich. Erneut hebe ich den Kopf und schüttele ihn dann. In Wahrheit habe ich jede Menge Fragen, aber in diesem Moment fällt mir keine einzige ein. Der Professor nickt und steht auf. „Dann kommen Sie bitte mit, Chester. Schwester Karin wird Ihnen jetzt Ihr Zimmer zeigen. Dann können Sie sich erst mal ein bisschen ausruhen. Sie sind bestimmt müde”, sagt er und wartet neben meinem Stuhl, bis ich mich erhoben habe. Ich folge ihm hinaus aus dem Zimmer und den Flur entlang. 

Wir gehen zurück zu diesem Anmeldeschalter. Mir ist wieder schwindelig und ich habe Mühe damit, nicht allzu sehr zu torkeln. Meine Umgebung ist total unscharf. Das nervt mich und ich wünschte, ich hätte meine Brille nicht verloren. Zum Abschied reicht der Arzt mir nochmal die Hand. „Kopf hoch, Chester. Sie werden sehen, dass es hier gar nicht so schlecht ist. Wir können Ihnen wirklich helfen. Und morgen ist ein ganz neuer Tag”, bemerkt er augenzwinkernd. Sein Lächeln wirkt erschöpft. Ich nicke und lächele. Er wechselt noch ein paar Wörter mit der Krankenschwester und entfernt sich dann. Ich kapiere nicht, warum er überhaupt mitten in der Nacht nochmal hergekommen ist. Das war doch vollkommen unnötig. Das ganze Gespräch mit ihm war totaler Quatsch. Jedes einzige Wort hätte doch auf jeden Fall noch Zeit bis morgen gehabt. „Na, dann kommen Sie mal mit”, fordert Schwester Karin mich auf. Sie ist noch jung, vielleicht Mitte Dreißig. Ich folge ihr durch die Gänge. Sie geht zu schnell, sodass ich Mühe habe, mit ihr Schritt zu halten. Sie öffnet eine Tür und wartet, bis ich an ihr vorbei eingetreten bin. Sie schaltet das Licht ein und ich erkenne, dass es ein kleiner Untersuchungsraum ist. Das irritiert mich, weil der Professor ja von meinem Zimmer gesprochen hatte. Fragend schaue ich die Frau an. Sie lacht amüsiert. „Keine Angst, Chester. Ich muss Ihnen nur kurz ein bisschen Blut abnehmen. Das geht ganz schnell und tut auch gar nicht weh”, informiert sie mich und dirigiert meinen Körper zu einem Stuhl, auf dem ich mich niederlasse. Sie hantiert eine Weile mit verschiedenen Dingen herum. Später sticht sie mir tatsächlich eine Nadel in den Arm. Ich schaue zu, wie mein dunkelrotes Blut mehrere kleine Plastikröhrchen füllt. Im nächsten Moment ist sie auch schon fertig, zieht die Nadel raus und klebt mir ein weißes Pflaster auf den Einstich in der Armbeuge. Sie beschriftet die gefüllten Röhrchen, legt sie dann auf einem Tisch ab und wendet sich zu mir um. „Kommen Sie mit, Chester. Ich bringe Sie jetzt in Ihr Zimmer”, kündigt sie hilfsbereit an. Ich nicke und stehe auf. Plötzlich wird mir schlecht. Ich schwanke ein wenig, sodass die Krankenschwester mich überstürzt am Arm festhält. „Geht es Ihnen nicht gut?” erkundigt sie sich besorgt. Ich zwinge mich hastig, mich zusammenzureißen. Lächelnd nicke ich ihr zu. „Nein, es ist schon gut. Es ist alles in Ordnung”, behaupte ich leise, obwohl das eine ziemlich dreiste Lüge ist. Sie nickt spürbar erleichtert. Zusammen verlassen wir den kleinen Raum. Dann wandern wir nochmal eine längere Strecke. Das Laufen fällt mir schwer, weil ich ohne Brille nicht gut sehen kann. Weil ich betrunken bin und meine Beine torkeln wollen. Die sterilen Flure und unzähligen Türen sehen alle gleich aus. Mit Sicherheit werde ich mich auf dieser Station niemals zurechtfinden. 

Nach einiger Zeit bleibt die Krankenschwester vor einer Tür stehen. Sie deutet auf das weiß angestrichene Holz und macht mich darauf aufmerksam, dass sich dahinter eine Herrentoilette befindet. Auf diese Tür hat jemand ein schwarzes WC und darunter noch ein Gents gemalt. Und zwar so groß, dass ich es sogar ohne Brille gut lesen kann. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, weil die Bedeutung dieser Buchstaben doch allzu offensichtlich ist. Das hätte die Frau mir nun wirklich nicht erklären müssen. Amüsiert schaue ich sie an und möchte gerne irgendeinen Witz machen. Ich möchte sie unbedingt zum Lachen bringen. Aber mir fällt gerade nichts ein und sie hat sich schon abgewandt und beachtet mich gar nicht. Nur ein paar Schritte weiter sind wir an meinem neuen Zuhause angekommen. Schwester Karin öffnet eine Tür und schiebt mich in das kleine Zimmer hinein. Sie schaltet das Licht an und macht eine weitläufige Handbewegung, die den ganzen Raum umfasst. „So, da sind wir!” erwähnt sie überflüssigerweise. Automatisch gucke ich mich in dem Zimmer um, obwohl vor meinen Augen alles total verschwommen ist. Ich glaube aber zu erkennen, dass es hier drin nichts Aufregendes gibt. Nur ein bezogenes Bett, einen Sessel, einen Tisch und einen Schrank an der Wand. Schwester Karin lächelt irgendwie stolz, als wäre der Raum wer weiß wie schön. Als müsste ich doch eigentlich begeistert sein. „Das hier ist ab jetzt ihr eigenes Zimmer, Chester”, betont sie, „Hier drin werden Sie immer Ruhe finden, wenn Sie sie brauchen. Machen Sie es sich richtig gemütlich. Ruhen Sie sich aus. Wenn Sie etwas brauchen, ich bin die ganze Nacht vorne an der Anmeldung, okay?” Auf einmal tätschelt die Frau beruhigend meinen Rücken. Sofort versteife ich mich widerwillig, weil ich ihre Berührung nicht mag. Aber sie lässt mich schon wieder los. „Gute Nacht, Chester”, haucht sie nahezu, dreht sich um und verschwindet. Sie macht die Tür hinter sich zu. 

Plötzlich bin ich allein. Eine Weile stehe ich unschlüssig da. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt tun soll. Dann gehe ich zögernd zum einzigen Fenster hin, weil ich dringend hinaussehen will. Es ist das erste Fenster, was ich sehe, seit sich die Tür zu dieser Abteilung hinter mir geschlossen hat. Ich schiebe die weiße Gardine zur Seite und gucke hinaus. Draußen ist es dunkel. Ich kann nicht viel sehen, nur ein paar Bäume und vereinzelte Laternen. Anscheinend befindet sich da draußen irgendein Park. Ich überprüfe den Fensterrahmen. Man kann das Fenster nicht öffnen. Plötzlich fühle ich mich enorm eingesperrt und muss tief durchatmen, um nicht in Panik zu geraten. Nervös wende ich mich vom Fenster ab und schaue mir nochmal mein Zimmer an. Es ist hässlich und trostlos. Ich verspüre den überaus heftigen Drang nach einer Zigarette. Aber ich habe keine, denn die Polizisten haben mir schon ganz am Anfang alles weggenommen. Deprimiert bewege ich mich auf das Bett zu und setze mich auf die harte Matratze. Mein Kopf dröhnt. Ich wünschte, ich wäre noch sehr viel betrunkener. Nein, eigentlich will ich nur zurück nach Hause. Ich muss an Samantha denken, ein süßes Mädchen, was bei unserem letzten Gig im Publikum war. Ich hatte sie vorher in der Kneipe zu unserem Auftritt eingeladen, und sie war tatsächlich gekommen. Die ganze Zeit stand sie direkt vor der Bühne. An diesem Abend sang ich nur für sie allein. Unsere Musik und meine Performance hatten ihr offenbar gut gefallen. Nach dem Konzert hatte ich sie Backstage wiedergetroffen, und wir haben uns eine lange Zeit sehr anregend unterhalten. Als ich Sam zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich auf Anhieb genau, dass sie die Frau ist, die ich einmal heiraten werde. Das habe ich auch sofort Sean gesagt, unserem Drummer und meinem Freund, aber der Idiot hat mich nur ausgelacht. Auf einmal wird mir klar, dass Samantha mit Sicherheit nichts mehr mit mir zu tun haben will, wenn sie erfährt, wo ich mich hier aufhalte. Bestimmt wird sie es bald irgendwie erfahren, weil irgendwer seine Klappe nicht halten kann. Meine Niederlage wird sich in meiner Heimatstadt rasend schnell herumsprechen, weil in der Kneipe alle gesehen haben, wie ich in Handschellen von den Polizisten abgeführt wurde. Und sicherlich will das süße Mädchen keinen Mann heiraten, der, so wie ich gerade, in der geschlossenen Psychiatrie gelandet ist. Es ist mehr als höchstwahrscheinlich, dass ich Sam niemals wiedersehen werde. Schlagartig tut mir dieser Gedanke dermaßen weh, dass mir unwillkürlich heiße Tränen in die Augen steigen. Ich fühle mich bedrohlich eingesperrt, komplett besiegt und schaffe es nicht mehr, mich zu kontrollieren. Verzweifelt drücke ich mir beide Hände vors Gesicht und weine hemmungslos.

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Autor

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Kapitel:2
Sätze:655
Wörter:7.410
Zeichen:42.872

Kurzbeschreibung

Mit seinem Leben in der geschlossenen Psychiatrie hat Mike sich mittlerweile recht gut arrangiert, indem er einfach gar nichts an sich heranlässt. Eines Nachts taucht plötzlich Chester vor ihm auf und wirbelt sein isoliertes Leben vollständig durcheinander. Von da an ist für Mike nichts mehr, wie es einmal war...

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Liebesbeziehung (problematisch) getaggt.