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And One

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14.9.2019 10:50
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
In Arbeit

1. Where should I start? Disjointed heart


Michael Kenji Shinoda

Noch eine Nacht. Es ist nur eine von unzähligen, die schon da waren und noch kommen werden. Ich habe nicht mitgezählt, wie lange ich jetzt schon hier bin. Vielleicht sind es vier Wochen, vielleicht auch zwei Monate. Es spielt keine Rolle, denn jeder Tag verläuft im Grunde gleich. Die Stunden werden unterteilt in Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Dazwischen täglich wechselnde Termine, Gespräche und Pflichtveranstaltungen. An den Therapien könnte ich ablesen, welcher Wochentag es ist, denn sie sind genau festgelegt und wiederholen sich Woche für Woche. Aber es ist mir egal. Ich habe es mir nicht gemerkt. Die Pfleger erinnern mich an meine Verpflichtungen, an denen ich regelmäßig teilnehmen muss. Aber sie können nichts daran ändern, dass nur mein Körper anwesend ist. Vielleicht merken sie das nicht einmal. Es interessiert mich eigentlich alles nicht. Nichts ist noch von Interesse für mich. Ich bin nicht sicher, an welchem Punkt in meinem Leben sich alles von mir entfernte. Das ist nicht schlagartig passiert, eher schleichend, ohne dass es mir richtig bewusst geworden wäre. Lange Zeit habe ich noch irgendwie funktioniert. Aber dann ging es irgendwann nicht mehr. Ich habe komplett abgeschaltet. Das war keine bewusste Entscheidung. Alles wurde seltsam gleichgültig. Meine vorherigen Pläne für mein Leben hatten irgendwann keine Bedeutung mehr. Ich habe den Sinn verloren. Selbst Essen oder Schlafen hat keine Bedeutung für mich. Ich existiere einfach nur. Es ist mir egal. Genauso gut könnte ich tot sein. Versucht habe ich das mit dem Sterben, aber nur halbherzig, weil es mir eigentlich egal war. Dummerweise haben ausgerechnet meine Eltern mich früh genug gefunden und sofort ins Krankenhaus gebracht, bevor ich in der Badewanne verbluten konnte. Und dann haben sie mich einfach hierbehalten. Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, weil es mir völlig gleichgültig war. Ich weiß nicht, wie lange das jetzt her ist. Es interessiert mich nicht. Von mir aus können sie mich für den Rest meines Lebens hier einsperren und mit mir machen, was immer sie wollen. Die Psychologen nennen es eine Depression, die angeblich jeden ereilen kann. Und jetzt forschen sie wohl nach der Ursache oder danach, wie sie mir am wirkungsvollsten helfen können. Sie erreichen mich aber nicht, denn eigentlich bin ich ja gar nicht da. Das alles interessiert mich nicht genug, als würde ich mich mit meiner Situation auseinandersetzen. Denn ich fühle mich seltsam zufrieden hier. Ich bin gleichgültig, total unberührt. Mein derzeitiges Leben ist sehr bequem. Ich muss mir keinerlei Gedanken machen. Andere sorgen und entscheiden für mich. Nichts kommt noch an mich heran. Nacht für Nacht liege ich wach in meinem Bett und starre reglos in die Dunkelheit. Die Zeit hat keine Bedeutung, sie vergeht einfach nur. Meine Gedanken sind ruhig. Die Bilder fließen dahin und halten sich nirgendwo fest. Irgendwann werde ich wie immer einschlafen und dann beginnt ein neuer bedeutungsloser Tag. Sie haben mir ein eigenes Zimmer gegeben, in dem ich völlig ungestört bin. Am liebsten halte ich mich allein in diesem Raum auf. Ich mag die Stille und die Dunkelheit, sie sind mir sehr vertraut. Genauso sieht es in meinem Innern aus. Da ist sonst nichts mehr. Nur noch Stille und Dunkelheit. Ich habe mich gut versteckt. 


Chester Charles Bennington

Ich bin nicht freiwillig hier, und darum bin ich ganz schön genervt. Ich weiß ja, dass ich mich schon heute Morgen hier hätte melden sollen. Diesen scheiß Termin habe ich bestimmt nicht vergessen. Ich habe ihn nur verdrängt. Irgendwie habe ich gehofft, dass sie mich einfach vergessen würden. Haben sie aber nicht. Stattdessen kam tatsächlich die verdammte Polizei in die Kneipe und hat mich einfach mitgenommen. Sie waren zu Viert, deshalb hatte ich keine Chance zur Gegenwehr. Die lange, schweigsame Fahrt hierher war die reinste Tortur. Jetzt ist es Nacht und sie stehen immer noch neben mir. An der Anmeldung der geschlossenen Abteilung behalten sie mich wachsam im Auge. Dabei kann ich gar nicht mehr weglaufen. Es ist zu spät. Die Tür ist zu. Ich bin gefangen und zu weit weg von zu Hause. Der Richter hat es Therapie statt Strafe genannt. Aber darüber kann ich nur lachen, denn es gibt für mich kaum eine schlimmere Strafe, als dass ich irgendwo eingesperrt werde. Mann, ich habe keine Ahnung, wie lange der Unsinn hier dauern soll. Auch der Richter hat sich bei der Urteilsverkündung nicht festgelegt, und das macht mich ziemlich nervös. Zum Glück hatte ich heute Abend in der Kneipe schon genug getrunken, sodass meine Angst sich momentan in Grenzen hält. Ich bin nur tierisch genervt. Das große, fremde Gebäude geht mir auf die Nerven, das helle Neonlicht und die langen Gänge. Die vielen Menschen stressen mich, Polizisten und Krankenpersonal, die mir vorwerfen, mich nicht an Abmachungen zu halten. Dies ist ein abgelegener Ort, an dem sie die Verrückten einsperren, und ich habe keine Ahnung, wie ich hier gelandet bin. Ich will bestimmt nicht hier sein. Der Richter hat damals behauptet, hier würden sie mir helfen, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Dabei habe ich doch momentan mein Leben ganz gut im Griff! Endlich schien alles besser zu werden. Vor einiger Zeit hat Sean mich als Sänger in seine Band aufgenommen. Grey Daze gibt mir zum ersten Mal das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Das könnte wirklich was werden, wenn wir uns richtig reinhängen. Im Laufe meines verkorksten Lebens habe ich schon jede Menge Songs geschrieben, auf die ich wirklich stolz bin. Und mit Grey Daze nehmen sie endlich hörbare Gestalt an. Zu Hause haben wir mittlerweile schon einige Konzerte gegeben, bei denen ich gemerkt habe, dass ich mich auf einer Bühne richtig wohlfühlen kann. Ich kann mit dem Publikum interagieren. Ich kann so laut singen, dass die Dämonen in mir tatsächlich leiser werden. Es fühlt sich befreiend an, sich in einem Song die Seele aus dem Leib zu schreien. Das Publikum reagierte unterschiedlich auf unsere Musik, aber überwiegend gab es Applaus. Ich bin sicher, dass wir die Leute mit der Musik erreichen können. Grey Daze kommt jedenfalls gerade richtig in Fahrt. Und ausgerechnet jetzt müssen sie mich total aus dem Verkehr ziehen, mich rigoros auf Eis legen und mir diesen Scheiß hier aufzwingen. Das ist einfach nur großer Mist! „Sie hätten sich heute Morgen um 8 Uhr freiwillig hier bei uns melden sollen, Herr Bennington!” sagt diese Krankenschwester schon wieder zu mir und guckt mich vorwurfsvoll an. Die Frau ist auch genervt, denn sie hatte sich ihren Nachtdienst bestimmt ruhiger vorgestellt. Meine Ankunft gefällt ihr nicht, denn sie fürchtet, dass dadurch zusätzliche Arbeit auf sie zukommt. Ich schenke ihr ein freundliches Grinsen. Zum Glück bin ich ziemlich betrunken, sodass ich eine selbstbewusste Gleichgültigkeit ausstrahlen kann, die ich tief drinnen gar nicht empfinde. Ich kann an der Situation nichts ändern. Mir ist klar, dass ich hier vorerst nicht mehr herauskomme, und das macht mir zunehmend zu schaffen. „Tut mir leid”, lalle ich leise. Die Polizisten lachen spöttisch und füllen dann irgendwelche Papiere für mich aus. Sie erledigen lästige Formalitäten an der Anmeldung oder so was. Jedenfalls sind sie auf einmal alle abgelenkt, und ich werde plötzlich tierisch nervös. Ich fühle mich hier total falsch und fremd, denn ich gehöre hier nicht hin. Das miese Gefühl des Eingesperrtseins zehrt schon jetzt an meinen Nerven. Die Falle wird enger um mich. Ich bekomme das starke Bedürfnis, mich unverzüglich bewegen zu müssen. Aus einem inneren Impuls heraus laufe ich spontan los. Ich kenne mich in diesem Haus und dieser Abteilung nicht aus, denn ich war vorher noch nie auch nur in der Nähe dieses seltsamen Ortes. Darum laufe ich einfach den erstbesten Gang entlang. Ich laufe so schnell ich es in meinem betrunkenen Zustand kann. „Hey! Bleiben Sie hier!” ruft der eine Polizist mir verärgert nach. „Machen Sie doch keinen Quatsch, Herr Bennington!” ruft die Krankenschwester wütend. Die Menschen geben genervte und spöttische Geräusche von sich. Aber ich höre sie gar nicht. Ich will sie nicht hören. Ich möchte gar nichts mehr hören. Stattdessen hole ich tief Luft und fange an zu singen. Ich habe das Verlangen, die Nervosität in mir weg zu singen, die Bedrohung zu bekämpfen. Das Singen hilft gegen die Angst, die stärker zu werden scheint. Es fühlt sich gut an. Die vertrauten Texte beruhigen mich. Es tut gut, meine eigene Stimme zu hören. Das hat mich schon immer beruhigt. Schon als Kind hat lautes Singen mich oft glücklich gemacht. Ich laufe schnell durch die menschenleeren, scheinbar endlosen Gänge. Sie sehen alle gleich aus. Überall sind geschlossene Türen. Das Neonlicht blendet mich. Es ist mitten in der Nacht. Ich nehme an, dass die anderen Patienten um diese Uhrzeit wohl schlafen. Mein Krach wird sie vielleicht aufwecken, aber das ist mir egal. Ich bin besoffen und die Umgebung schwankt ein bisschen. Sie sollen mich einfach nur in Ruhe lassen.

2. I've got no commitment to my own flesh and blood


Michael Kenji Shinoda

Normalerweise bleibt es die Nacht über ziemlich still in der Abteilung. Die Patienten schlafen und das Personal verhält sich ruhig. Ich genieße die Ruhe sehr, bis ich irgendwann von selbst einschlafe. Wenn ich aus irgendeinem Grund mal nicht einschlafen kann, was nicht allzu oft vorkommt, dann kann ich die Nachtschwester jederzeit um eine Schlaftablette bitten. Sie gibt mir immer eine. Und spätestens mit der Pille bin ich bisher noch jedes Mal problemlos eingepennt. In dieser Nacht werde ich allerdings keine Tablette brauchen, denn ich bin müde und schon fast weggedöst. Plötzlich geht draußen auf dem Flur irgendein Krach los. Jemand macht da draußen unwillkommenen Lärm. Sofort bin ich wieder hellwach und tierisch genervt. Es kommt manchmal vor, dass ein Patient ohne ersichtlichen Grund durchdreht und anfängt zu schreien. Das stresst mich dann jedes Mal enorm, weil es meine innere Ruhe sehr unangenehm stört. Ich verstehe solche Aussetzer auch nicht, weil sie nicht den geringsten Sinn ergeben. Bisweilen verhalten sich die Menschen hier total krank. Mir ist zwar klar, dass gerade das wohl der Grund ist, warum die meisten hier sind, aber ich hasse solche Ausbrüche. Ich wünsche mir, die Idioten würden sich einfach nur zusammenreißen. Jetzt wird der Lärm draußen lauter, scheint sich ausgerechnet in Richtung meines Zimmers zu bewegen. Offenbar läuft jemand den Gang entlang. Ich erkenne langsam, dass er wahrhaftig dabei schreit. Das Geräusch hört sich jedoch merkwürdig an, als würde diese verrückte Person eigentlich singen. Die Wörter kann ich aber nicht verstehen. Mein Herz fängt an, unruhig zu schlagen, weil mich die Störung meiner Nachtruhe ärgert. Ich mag keine Störungen. Ich möchte nicht gestört werden. Knurrend halte ich mir die Ohren zu. Aber das Geschreie auf dem Gang wird nur lauter, weil die dreiste Person offenbar unaufhaltsam näher kommt. Einzelne Wörter werden erkennbar, dann ganz Sätze. „What's in the eye, can you tell me. Watching the time pass me by. There's so much locked up inside”, singt, nein brüllt dieser bekloppte Mensch. Inzwischen scheint er sich direkt vor meinem Zimmer aufzuhalten. 

Plötzlich sitze ich kerzengerade in meinem Bett, weil mich irgendwas aufschreckt. Die Stimme berührt mich eigenartig. Irgendwas hat abrupt meinen sorgfältig errichteten Schutzpanzer durchdrungen, und ich bin absolut schockiert darüber. Schon seit Ewigkeiten habe ich nichts mehr gefühlt, weil mir ja alles herrlich egal war. Da war einfach nur gar nichts in mir. Damit hatte ich mich längst abgefunden. Aber jetzt fühle ich plötzlich irgendwas. Etwas berührt mich. Sind es die Worte? Ist es diese fremde Stimme, die eine heftige, komplett unerwartete Reaktion in mir auslöst? Es ist eine wohlklingende Stimme, die trotz der unglaublichen Lautstärke ihre Harmonik nicht verliert. Unbestreitbar kann dieser total verrückte Mensch da draußen gut singen. „Don't go too fast, my friend. Or you'll loose controll”, schreit er jetzt und wiederholt es gleich nochmal. Wie ferngelenkt springe ich aus meinem Bett und lande mit nackten Füßen auf dem kalten Linoleum. Eigentlich will ich gar nicht hinausgehen. Von jeglichen Ärgernissen halte ich mich grundsätzlich fern. Nachts gehe ich niemals hinaus, höchstens, um aufs Klo zu gehen oder mir eine Schlaftablette zu holen. Jetzt will ich aber Nichts von beidem tun, und das beunruhigt mich enorm. Ich sollte lieber in meinem Zimmer bleiben. Aber ich möchte wahrhaftig dieser Stimme auf den Grund gehen, und das kapiere ich überhaupt nicht. Diese unerwartete Stimme interessiert mich. Das fühlt sich so dermaßen fremd und ungewohnt an, dass es mich fast erschlägt. Weil mich nämlich seit Ewigkeiten nichts mehr interessiert hat. Meine Füße laufen von selbst durch die Dunkelheit, geradewegs zur Tür hin. Ich kenne die Proportionen meines Zimmers im Schlaf und brauche kein Licht mehr, um mich hier drin problemlos zurechtzufinden. Mein Kopf ist seltsam leer, als ich die Tür langsam öffne. Mein Herz schlägt unruhig, meine Finger zittern. So lebendig, wie in diesem Augenblick, habe ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt. Darum kann ich kaum glauben, was gerade mit mir passiert. Eigentlich habe ich gar nicht mehr damit gerechnet, in meinem Leben nochmal irgendwas zu empfinden. Meine unwillkürliche Reaktion auf diese fremde Stimme überrascht, beunruhigt und verwirrt mich dermaßen, dass ich jetzt dringend den Menschen zu der Stimme sehen will. Mein eigener Mut wundert mich, denn normalerweise halte ich mich von den anderen Patienten so fern wie möglich. Schließlich kann ich nie wissen, wie verrückt sie in Wahrheit sind. Womöglich sind sie durchgeknallt genug, um gewalttätig auf mich loszugehen. Aber diesmal überwinde ich meine Angst, weil meine Neugier wahrhaftig stärker ist. 

Ich öffne die Tür weit genug, um hinaus auf den Gang treten zu können. Sicherheitshalber bleibe ich vor der offenen Tür stehen, um mich im Notfall schnell wieder zurückziehen zu können. Wie in jeder Nacht, ist das Neonlicht auf den Fluren viel zu hell, sodass ich für einen Moment geblendet die Augen schließen muss. Als ich meine Augen vorsichtig wieder öffne, steht der lautstarke Sänger plötzlich direkt vor mir. Verblüfft schaut er mich an und verstummt. Das bedauere ich irgendwie, weil seine Stimme mir offenbar gefallen hat, auch wenn ich nicht weiß warum. Mein plötzliches Auftauchen hat ihn überrascht. Reglos starren wir uns gegenseitig an. Innerhalb von Sekunden erfasse ich seine ganze Gestalt. Es ist ein junger, dünner Typ, ungefähr in meinem Alter. Er trägt ziemlich merkwürdige Klamotten. Ein blaues Hemd mit einem seltsamen Schmetterlingskragen. Eine hellgraue Chinohose. Seine Chucks passen farblich genau zum Hemd. Sein Gesicht wird halb von seinen Haaren verdeckt, ein wilder, brauner Wuschelkopf. Erst auf den zweiten Blick kapiere ich, dass es Dreadlocks sind, die ihm bis auf die Schultern reichen. Auf seiner schmalen Nase sitzt eine Brille mit schwarzem Gestell, hinter der ich seine Augen kaum erkennen kann. Ich glaube aber, dass sie dunkel sind, wahrscheinlich braun. Jetzt schwankt er ein bisschen. Er lehnt sich gegen die Wand gegenüber meiner Tür, um seinen schmächtigen Körper zu stabilisieren. Mir geht auf, dass der Typ wahrscheinlich betrunken ist. Auch das verhaltene Lächeln, was jetzt in seinen Mundwinkeln erscheint, passt dazu. Er checkt mich genauso neugierig ab, wie ich es unbewusst bei ihm gemacht habe. Sein dunkler Blick fühlt sich irgendwie wie Feuer an. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Meine Brust wird eng, ich muss nach Luft ringen. Der Typ lässt mich nicht aus den Augen. Plötzlich holt er tief Luft und fängt wieder an, aus voller Kehle zu singen: „What's in the eye that I can not catch. Is me I want to know why it's so hard to let go.” Seine Stimme hat eine unglaubliche Intensität. Die einzelnen Wörter scheinen bis in mein Innerstes vorzudringen. Als würde er meine persönliche Situation beschreiben, was ich nicht begreifen kann. Ich kann mich nicht bewegen, fühle mich wie erstarrt. „Don't go too fast, my friend. Or you'll loose control”, schreit er und wiederholt es immer wieder eindringlich. „Don't go, don't go! Don't you go! No, no!” Plötzlich gehen rechts und links vom Flur nach und nach noch mehr Türen auf. Andere Patienten, die in den Zimmern geschlafen haben und bestimmt von dem Lärm geweckt worden sind, treten mehr oder weniger neugierig oder verärgert hinaus auf den Gang. Einige beschweren sich über die Störung ihrer Nachtruhe. Der Typ ignoriert den Aufruhr, den er verursacht. Er schaut mich nur unentwegt an und singt dabei. Er sieht müde aus, irgendwie verzweifelt, obwohl er zu lächeln scheint. Sein Blick durch die Brillengläser fesselt mich auf eine Art, die ich so noch nie erlebt habe. 

Trotzdem registriere ich es sofort, als am Ende des Ganges vier uniformierte Polizisten auftauchen, die sich uns schnell nähern. „Was soll denn der Unsinn, Chester? Halt die Klappe! Was willst du denn hier? Komm jetzt wieder mit zurück! Deine Aufnahme ist noch nicht abgeschlossen! Der Arzt will dich sehen!” reden sie ärgerlich auf ihn ein, während sie mit festem Schritt näherkommen. Der Typ wirft einen schnellen Blick auf seine Verfolger, und sein schüchternes Lächeln stirbt augenblicklich. Seine Stimme wird noch lauter, jetzt schreit er nahezu zornig. „What's in the eeyeee? What's in the eeyeee?” Er wendet sich von mir ab, löst sich von der Wand und macht eine hektische Bewegung Richtung Gang, als wollte er davonlaufen. Er macht einige Schritte in die entgegengesetzte Richtung, um den Polizisten zu entkommen. Aber er ist beduselt und bei Weitem nicht schnell genug. Die Männer haben ihn schon eingeholt und greifen nach ihm. Er wehrt sich mit einem halbherzigen Schlag gegen eine breite Uniformiertenbrust. Diese Gewalttätigkeit wird ihm sofort so übelgenommen, dass die Männer ihn wütend herumreißen und kinderleicht auf den Boden werfen. Sein lautstarker Gesang erstirbt röchelnd, als sie ihm ihre Knie ins Kreuz drücken und ihm mit ihren Handschellen brutal die Hände auf den Rücken fesseln. Bei seinem Sturz verliert er seine Brille, die herunterfällt, über den glatten Boden rutscht und genau vor meinen Füßen liegenbleibt. Es berührt mich viel zu stark, das mitanzusehen, wie sie ihn überwältigen und fesseln. Ich möchte die Polizisten dringend bitten, damit aufzuhören. Ich will, dass sie ihn in Ruhe lassen, damit er weitersingen kann. Das beunruhigt mich. Ich kapiere es nicht. Ich kenne diesen seltsamen Typen ja nicht einmal. Den komischen Kerl mit den Dreadlocks habe ich zuvor noch nie in meinem Leben gesehen. Aber irgendwas an ihm geht mir trotzdem verdammt nahe. Das gefällt mir nicht. Dieses unerwartete Gefühl wühlt mich auf. Es bedroht eindeutig meine gleichgültige Zufriedenheit, mit der ich mich hier bislang hervorragend arrangiert hatte. 

Schnell wende ich den Blick ab, bücke mich automatisch und hebe die Brille auf. Zum Glück ist sie beim Sturz nicht kaputtgegangen. Ich möchte sie ihm zurückgeben. Vielleicht kann er ohne Brille nichts sehen. Aber die Polizisten haben ihn schon wieder aufgerichtet und schleifen ihn rigoros mit sich fort. Offensichtlich haben sie den Verlust seiner Brille gar nicht bemerkt oder es interessiert sie nicht. Zumindest sagt keiner was, auch der Typ nicht. Sie ignorieren mich alle, als sie ihn an mir vorbei zerren. Er wehrt sich nicht, hängt jetzt hilflos in ihren starken Armen, den Kopf kapitulierend gesenkt. Sie haben ihn fest gepackt. Er singt nicht mehr. Verwundert spüre ich, dass ich seine Stimme vermisse. Noch einmal schaue ich ihn an. Er fixiert den Fußboden. Sein Gesicht wird nun vollständig von seinen wilden Haaren verdeckt. Schon sind die Männer an mir vorbeigelaufen und entfernen sich schnell. Am Ende des Ganges taucht Schwester Karin auf, die vor einer Woche auf der Station den Nachtdienst übernommen hat. Sie schickt die aufgebrachten Patienten zurück in ihre Betten und versucht, sie mit beschwichtigenden Worten zu beruhigen. Hastig drehe ich mich um und gehe zurück in mein Zimmer, lange bevor sie mich bemerkt hat. Ich schließe die Tür hinter mir und schalte das Licht an. Eine Weile stehe ich dort und atme tief durch. Mein Herz hämmert immer noch zu schnell. Ich habe seine Brille in der Hand und schaue sie mir an. Das Gestell ist aus Plastik und schlicht schwarz. Zögernd halte ich die Gläser vor meine Augen und schaue hindurch. Mann, dieser Typ hat wirklich schlechte Augen. Ohne seine Brille ist er offenbar halbblind. Das muss der doch gemerkt haben. Warum hat er nicht protestiert, als er seine Sehhilfe verlor? Warum wollte er sie nicht sofort zurückhaben? Ich blinzele und bewege mich zögend auf mein Bett zu. Draußen auf dem Gang wird es zunehmend stiller. Die Leute gehen folgsam zurück in ihre Zimmer, denn Schwester Karin kann sehr überzeugend sein. Ich höre sie vor meiner Tür mit den Patienten reden. Kaum jemand protestiert noch. Es dauert nicht sehr lange, bis die Nachtruhe schließlich wiederhergestellt ist. 

Ich begrüße die Stille jetzt. Nur in mir drin ist es plötzlich nicht mehr ruhig, und das gefällt mir ganz und gar nicht. Meine Gedanken sind so laut, wie seit ewigen Zeiten nicht mehr. Das irritiert mich und macht mich nervös. Ich lege mich aufs Bett, während meine Finger gedankenversunken mit der fremden Brille herumspielen. Das Licht ist noch an. Meine Augen wandern ruhelos durch meinen Raum, ohne ein Ziel zu finden. In meinen Ohren tönt noch immer die unbekannte Stimme des Sängers. Vor meinem inneren Auge sehe ich ihn noch auf dem Gang stehen. Ich frage mich, wo der merkwürdige Typ wohl herkommt und aus welchem Grund er hier ist. Ich erinnere mich, dass der eine Polizist ihn Chester genannt hat. Was für ein komischer Name! Diesen Namen habe ich vorher noch nie gehört. Zweifellos haben sie Chester gegen seinen Willen hier eingeliefert. Sonst wäre er nicht mitten in der Nacht angekommen. Und auch die Polizei hätte sich wohl kaum für ihn interessiert, wenn er freiwillig hier wäre. Ich möchte wissen, was dieser schmächtige Kerl Schlimmes verbrochen hat, um zwangsweise in der geschlossenen Psychiatrie eingesperrt zu werden. Das macht mir Sorgen, weil der Typ eventuell aggressiv, unberechenbar und gefährlich sein könnte. Chester ist nun ein Patient auf meiner Station und mir ist klar, dass ich ihm ab jetzt wohl häufiger begegnen werde. Das wird zwangsläufig passieren, ob ich will oder nicht. Ich fürchte mich vor einer erneuten Begegnung mit dem seltsamen Sänger. Dann wird mir plötzlich klar, dass ich seine Anwesenheit aber auch irgendwie herbeisehne. Weil unbestreitbar etwas an ihm ist, das mich merkwürdig interessiert. Ich möchte ihn gerne nochmal singen hören, auch wenn ich nicht verstehen kann warum. Vorhin auf dem Gang, in seiner Nähe habe ich mich einen kurzen Moment lang enorm lebendig gefühlt. Ich konnte tatsächlich meinen hämmernden Herzschlag fühlen. So etwas Außergewöhnliches ist mir schon so lange nicht mehr passiert, dass ich schon gar nicht mehr wusste, wie es sich anfühlen kann. Es ärgert mich enorm, dass mir dieser Fremde nicht völlig gleichgültig ist. Zweifellos war mein Leben viel einfacher und bequemer, als mir noch alles total egal war. Mit ganzer Seele wünsche ich mich in diesen teilnahmslosen Zustand zurück. Ich möchte mir keine Gedanken um den unbekannten Kerl machen. Aber mein eigener Kopf scheint mir nicht mehr richtig zu gehorchen. Frustriert werfe ich die Brille auf den Sessel in meinem Zimmer, weil ich das Teil plötzlich dringend loswerden will. Ich springe auf und schalte das Licht aus. Im Dunkeln bewege ich mich zurück auf mein Bett. Seufzend lasse ich mich nieder und strecke mich der Länge nach aus. Es ist entschieden zu laut in meinem Kopf. Ich kann nicht schlafen, und das passt mir überhaupt nicht.          


Chester Charles Bennington

Ich laufe laut singend diesen langen Flur entlang und fühle mich dabei seltsam wohl. Plötzlich taucht der Typ vor mir auf. Er ist unerwartet aus einem der Zimmer gekommen und steht in der offenen Tür. Wahrscheinlich hat mein Gesang ihn herausgelockt. Sein abruptes Auftauchen bringt mich aus dem Konzept. Prompt vergesse ich den Text und höre deshalb mit dem Singen auf. Wir stehen uns direkt gegenüber und starren und gegenseitig an. Der Typ ist vielleicht in meinem Alter und hat auch ungefähr meine Größe. Er trägt einen merkwürdigen Schlafanzug in einer undefinierbaren Farbe. Es könnte dunkelblau oder grün sein, vielleicht auch schwarz. Die zugeknöpfte Jacke und die dazu passende Hose sind ihm eigentlich zu groß. Zumindest hängt der dünne Stoff ziemlich locker an seinem schlanken Körper. Er trägt keine Schuhe. Der Typ hat irgendwas Exotisches an sich. In seinen Genen steckt etwas eindeutig Asiatisches. Sein Gesicht wird halb von einem kurzen, braunen Vollbart bedeckt. Vielleicht hat er sich zu lange nicht rasiert. Sein kurzes Haar ist schwarz und schon länger nicht geschnitten worden. Es ist ein bisschen verstrubbelt, weil er wohl gerade erst aus seinem Bett gestiegen ist. Seine mandelförmigen, braunen Augen mustern mich neugierig. Irgendwas an mir scheint ihn brennend zu interessieren. Das schmeichelt mir irgendwie und amüsiert mich. Also fange ich nach einer Schreckminute wieder an zu singen. Es ist der erste Song, der mir spontan einfiel, als ich mich ohne zu überlegen und unerlaubt von den Polizisten entfernt habe. Ich habe ihn What's in the eye genannt. Der Text beschreibt zufällig auch so ungefähr meine derzeitige Situation. Weil ich nämlich im Moment nicht mehr so genau weiß, was eigentlich um mich herum vorgeht. Was ist so offensichtlich, dass ich es nicht sehen kann? Die Wörter verlassen meine Kehle in voller Lautstärke, was sich enorm gut anfühlt. Der fremde Typ schaut mich an und hört mir die ganze Zeit gebannt zu. Es freut mich tierisch, dass ich ihn mit meinem Gesang offenbar erreichen kann. Unser ständiger Blickkontakt wird mit der Zeit irgendwie intensiv, sodass mein Herz träge damit anfängt, ein bisschen härter zu schlagen. Ich liebe nichts so sehr wie aufmerksames Publikum. Das spornt mich an und ich möchte noch viel länger für ihn singen.

Aber dann lenkt ihn irgendwas ab. Vier Männer tauchen am Ende des Ganges auf. Genervt registriere ich, dass die scheiß Bullen mich verfolgt haben. Damit hätte ich natürlich rechnen müssen, aber es passt mir trotzdem ganz und gar nicht. Ich fühle mich ätzend überwacht und habe keine Lust auf diese Auseinandersetzung. Sie rufen mir zu, dass ich die Klappe halten und mit ihnen zurückkommen soll. Das will ich aber nicht. Einem Fluchtinstinkt folgend mache ich eine spontane Bewegung von den Polizisten weg in die andere Richtung. Aber die Kerle sind zu schnell und haben mich schon eingeholt. Ohne Vorwarnung greifen sie nach mir. Das erschreckt mich, sodass ich dem einen Mann aus einem Reflex heraus einen Schlag gegen seine breite, harte Brust verpasse. Die Uniformierten sind sofort angepisst deswegen. Sie werfen mich brutal auf den Boden, noch ehe ich kapiere, was eigentlich abgeht. Sie drücken mich auf die harten Steinfliesen und knien sich schwer auf meinen Rücken. Ihr Gewicht presst mir abrupt die Luft aus den Lungen, sodass ich nicht weitersingen kann. Sie verdrehen mir blitzschnell die Arme auf dem Rücken und fesseln mich mit ihren Handschellen. Das kalte Metall habe ich heute schon einmal getragen, als sie mich gewaltsam aus der Kneipe mitgenommen haben. Im Auto haben sie die Handschellen dann abgenommen. Jetzt bin ich schon wieder gefesselt. Ich hasse dieses Gefühl des Ausgeliefertseins. Es erinnert mich an etwas anderes, an das ich nicht denken will. Ich schließe die Augen und wehre mich nicht, weil ich Angst vor dem Schmerz habe, den sie mir eventuell zufügen könnten. Ich wünsche mich sehr weit weg. Verbissen versuche ich, mich an einen erfolgreichen Auftritt mit Grey Daze zu erinnern, an das euphorische Gefühl, auf einer Bühne zu stehen, während sie meinen Körper irgendwie in ihre Mitte nehmen und über den Flur zurück zur Anmeldung schleifen. Sie sagen nichts mehr. Ihr Griff ist hart und mitleidslos. Die vier uniformierten Polizisten wollen diese unangenehme Sache hier jetzt schnell hinter sich bringen. Bestimmt haben sie noch etwas Besseres zu tun und wollen zurück nach Hause zu ihren Familien. 

Viel zu schnell sind wir zurück an der verdammten Anmeldung. „Ich habe schon heute Morgen auf Sie gewartet, Herr Bennington! Warum sind Sie denn nicht freiwillig hergekommen, so wie wir es am Telefon vereinbart hatten?” spricht mich eine dunkle Stimme an. Der Vorwurf in dem Satz ist nicht zu überhören. Ich kann mich nicht daran erinnern, mit dieser Stimme irgendwas abgemacht zu haben. Widerwillig öffne ich meine Augen und hebe den Kopf hoch. Ich blinzele in seine Richtung. Sofort fällt mir auf, dass ich meine Brille verloren habe. Das nervt mich tierisch, weil ich keinerlei Ersatz dabeihabe. Meine anderen Brillen und meine Kontaktlinsen liegen bei mir zu Hause irgendwo. Das macht mich ein bisschen wütend. Ich vermute, dass die Brille mir unbemerkt von der Nase gerutscht ist, als die scheiß Bullen mich vorhin auf den Boden geworfen haben. Angestrengt fixiere ich die Person vor meinen trüben Augen. Ich kann sie nur sehr unscharf erkennen. Wegen der dunklen Stimme tippe ich auf einen Mann. Höchstwahrscheinlich ist es der Arzt, denn er trägt diese weiße Arztkleidung, glaube ich. „Naja, das macht ja auch nichts. Es ist schön, dass Sie jetzt hier sind!” meint der Arzt versöhnlich zu mir. Ich finde es aber überhaupt nicht schön, hier zu sein. Ich finde es sogar ausgesprochen unschön. Trotzdem lächele ich ihn an und ich glaube, er lächelt zurück. Es irritiert mich, dass sie den Arzt anscheinend extra wegen mir nochmal hierher geholt haben. Bestimmt hatte er eigentlich schon längst Feierabend und musste jetzt nur wegen mir nochmal hier antanzen. Das ist mir unangenehm, denn ich will niemandem diese Umstände machen. „Ich bin Professor Paulsen, der diensthabende Oberarzt dieser Station. Hören Sie bitte, ich sage Ihnen genau, was jetzt passiert, Herr Bennington. Wir beide führen gleich ein kurzes Aufnahmegespräch. Und dann haben Sie es für heute Nacht auch schon geschafft. Die Schwester wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Und morgen sehen wir dann weiter.” Der Professor spricht jetzt mit sanfter Stimme, als wollte er mich beruhigen. Ich höre nicht auf zu lächeln und schaue ihn angestrengt an. 

„Wo ist denn Ihr Gepäck?” will er verwundert wissen. Bevor ich darauf reagieren kann, hat einer der Polizisten schon für mich geantwortet. „Chester hat kein Gepäck dabei, weil wir ihn zwangsweise aus einer Kneipe entführen mussten”, lacht er amüsiert. Ich kann nicht genau erkennen, wie der Arzt darauf reagiert. Er sagt nichts mehr, sondern macht eine Handbewegung. Der ganze Trupp setzt sich daraufhin in Bewegung. Ich bin noch immer im festen Griff der Bullen gefangen. Sie schleifen mich in eins dieser Zimmer, die am Ende irgendeines Flures liegen. Es sieht aus wie ein Büro. Dort soll ich mich auf einen Stuhl vor einem Schreibtisch setzen, was ich widerstandslos tue. Endlich nehmen sie mir die verdammten Handschellen ab. Nervös reibe ich meine Handgelenke. Die Polizisten verlassen den Raum, und plötzlich bin ich mit dem Arzt allein. Mir ist schwindelig. Ich fühle mich verstärkt betrunken und möchte am liebsten wieder singen. Ich möchte so laut singen, wie ich kann. Aber mir ist klar, dass das komisch wirken könnte, darum lasse ich es sein. Professor Paulsen tritt so nah an mich heran, bis ich ihn fast schon klar sehen kann. Er ist noch nicht alt, vielleicht Anfang Vierzig. Seine blauen Augen gucken müde, leidlich interessiert, ein wenig besorgt. Er streckt mir seine Hand hin, die ich vorsichtig ergreife. Sein Händedruck ist fest und selbstbewusst. „Hören Sie, Chester, mir ist klar, dass das heute Nacht alles ein bisschen viel für Sie sein muss. Ich darf doch Chester sagen?” „Na klar”, erlaube ich ihm gleichgültig. Er lächelt, geht um den Schreibtisch herum und setzt sich auf seinen großen Bürostuhl. Jetzt sehe ich seine Gestalt nur noch unscharf, darum schaue ich auf meine Hände in meinem Schoß. In der letzten Zeit habe ich kaum noch an den Fingernägeln gekaut, weil ich mit Grey Daze und meinem Tattoo-Studio beschäftigt war. Das hat mich auf produktive Weise abgelenkt, sodass meine Nägel inzwischen ein bisschen wachsen konnten. Aber im Moment möchte ich nichts lieber tun, als sie alle der Reihe nach abzukauen, so lange und tief, bis es blutet. Ich sehne mich nach dem vertrauten Schmerz und halte mich nur mit größter Mühe davon ab. 

„Chester?” ruft der Professor. Er hat irgendwas zu mir gesagt. Aber ich habe nicht zugehört und sofort ein schlechtes Gewissen deswegen. Fragend hebe ich den Kopf und schaue ihn an. Er liest etwas in einer Akte, die auf seinem Schreibtisch liegt. Dann seufzt er und guckt mich mitleidig an. „Hier steht, dass Sie Alkoholiker sind. Nehmen Sie auch noch andere Drogen?” wiederholt der neugierige Mann langsam und deutlich. Ich schüttele den Kopf, obwohl das zweifellos nicht der Wahrheit entspricht. Zu Hause habe ich zeitweise eigentlich alles genommen, was gerade verfügbar war. Professor Paulsen nickt nachdenklich. „Wir werden Ihnen hier mit Medikamenten durch den Entzug helfen, Chester. Aber Sie müssen auch mitarbeiten, okay?” Ich nicke zustimmend, was ihm ein erleichtertes Lächeln entlockt. „Schön. Das wird schon werden, Chester. Sie schaffen das ganz bestimmt”, will er mir Mut machen, was kein bisschen funktioniert. Er macht eine kurze Pause. „Sollen wir vielleicht jemanden aus Ihrer Familie anrufen, damit er Ihnen bald ein paar persönliche Sachen vorbeibringt?” fragt er dann. Offenbar ist er besorgt. Es lässt ihm keine Ruhe, dass ich kein Gepäck dabeihabe, was mich irgendwie rührt. Aber wen könnten sie schon für mich anrufen? Mein Dad hat sich eigentlich noch nie ernsthaft für mich interessiert, obwohl zu Hause für lange Zeit nur er und ich waren. Meine Mom habe ich seit der Scheidung kaum noch gesehen. Als ich sie das letzte Mal getroffen habe, war sie über mein Aussehen absolut schockiert. Ich will meine Eltern nicht mit meinem Scheiß belasten, darum schüttele ich den Kopf und sage: „Nein.” Professor Paulsens Augen weiten sich erstaunt. Er sieht richtig erschrocken aus, soweit ich das unscharfe Bild von ihm richtig deute. Darum setze ich schnell hinzu: „Ist schon gut.” Verlegen wende ich den Blick ab und fixiere nochmal meine Hände in meinem Schoß. Von mir aus können sie mir meine Hände ruhig abhacken, solange nur meine Stimme funktioniert, denke ich ein bisschen wirr. Der Arzt guckt mich noch eine Weile nachdenklich an. Ich kann das genau spüren. Es macht mich nervös, aber ich versuche, es einfach zu ignorieren. Schließlich seufzt er nochmal. „Na gut, dann lassen wir es für heute Nacht gut sein. Haben Sie noch irgendeine Frage an mich?” erkundigt er sich freundlich. Erneut hebe ich den Kopf und schüttele ihn dann. In Wahrheit habe ich jede Menge Fragen, aber in diesem Moment fällt mir keine einzige ein. Der Professor nickt und steht auf. „Dann kommen Sie bitte mit, Chester. Schwester Karin wird Ihnen jetzt Ihr Zimmer zeigen. Dann können Sie sich erst mal ein bisschen ausruhen. Sie sind bestimmt müde”, sagt er und wartet neben meinem Stuhl, bis ich mich erhoben habe. Ich folge ihm hinaus aus dem Zimmer und den Flur entlang. 

Wir gehen zurück zu diesem Anmeldeschalter. Mir ist wieder schwindelig und ich habe Mühe damit, nicht allzu sehr zu torkeln. Meine Umgebung ist total unscharf. Das nervt mich und ich wünschte, ich hätte meine Brille nicht verloren. Zum Abschied reicht der Arzt mir nochmal die Hand. „Kopf hoch, Chester. Sie werden sehen, dass es hier gar nicht so schlecht ist. Wir können Ihnen wirklich helfen. Und morgen ist ein ganz neuer Tag”, bemerkt er augenzwinkernd. Sein Lächeln wirkt erschöpft. Ich nicke und lächele. Er wechselt noch ein paar Wörter mit der Krankenschwester und entfernt sich dann. Ich kapiere nicht, warum er überhaupt mitten in der Nacht nochmal hergekommen ist. Das war doch vollkommen unnötig. Das ganze Gespräch mit ihm war totaler Quatsch. Jedes einzige Wort hätte doch auf jeden Fall noch Zeit bis morgen gehabt. „Na, dann kommen Sie mal mit”, fordert Schwester Karin mich auf. Sie ist noch jung, vielleicht Mitte Dreißig. Ich folge ihr durch die Gänge. Sie geht zu schnell, sodass ich Mühe habe, mit ihr Schritt zu halten. Sie öffnet eine Tür und wartet, bis ich an ihr vorbei eingetreten bin. Sie schaltet das Licht ein und ich erkenne, dass es ein kleiner Untersuchungsraum ist. Das irritiert mich, weil der Professor ja von meinem Zimmer gesprochen hatte. Fragend schaue ich die Frau an. Sie lacht amüsiert. „Keine Angst, Chester. Ich muss Ihnen nur kurz ein bisschen Blut abnehmen. Das geht ganz schnell und tut auch gar nicht weh”, informiert sie mich und dirigiert meinen Körper zu einem Stuhl, auf dem ich mich niederlasse. Sie hantiert eine Weile mit verschiedenen Dingen herum. Später sticht sie mir tatsächlich eine Nadel in den Arm. Ich schaue zu, wie mein dunkelrotes Blut mehrere kleine Plastikröhrchen füllt. Im nächsten Moment ist sie auch schon fertig, zieht die Nadel raus und klebt mir ein weißes Pflaster auf den Einstich in der Armbeuge. Sie beschriftet die gefüllten Röhrchen, legt sie dann auf einem Tisch ab und wendet sich zu mir um. „Kommen Sie mit, Chester. Ich bringe Sie jetzt in Ihr Zimmer”, kündigt sie hilfsbereit an. Ich nicke und stehe auf. Plötzlich wird mir schlecht. Ich schwanke ein wenig, sodass die Krankenschwester mich überstürzt am Arm festhält. „Geht es Ihnen nicht gut?” erkundigt sie sich besorgt. Ich zwinge mich hastig, mich zusammenzureißen. Lächelnd nicke ich ihr zu. „Nein, es ist schon gut. Es ist alles in Ordnung”, behaupte ich leise, obwohl das eine ziemlich dreiste Lüge ist. Sie nickt spürbar erleichtert. Zusammen verlassen wir den kleinen Raum. Dann wandern wir nochmal eine längere Strecke. Das Laufen fällt mir schwer, weil ich ohne Brille nicht gut sehen kann. Weil ich betrunken bin und meine Beine torkeln wollen. Die sterilen Flure und unzähligen Türen sehen alle gleich aus. Mit Sicherheit werde ich mich auf dieser Station niemals zurechtfinden. 

Nach einiger Zeit bleibt die Krankenschwester vor einer Tür stehen. Sie deutet auf das weiß angestrichene Holz und macht mich darauf aufmerksam, dass sich dahinter eine Herrentoilette befindet. Auf diese Tür hat jemand ein schwarzes WC und darunter noch ein Gents gemalt. Und zwar so groß, dass ich es sogar ohne Brille gut lesen kann. Ich muss mir ein Lachen verkneifen, weil die Bedeutung dieser Buchstaben doch allzu offensichtlich ist. Das hätte die Frau mir nun wirklich nicht erklären müssen. Amüsiert schaue ich sie an und möchte gerne irgendeinen Witz machen. Ich möchte sie unbedingt zum Lachen bringen. Aber mir fällt gerade nichts ein und sie hat sich schon abgewandt und beachtet mich gar nicht. Nur ein paar Schritte weiter sind wir an meinem neuen Zuhause angekommen. Schwester Karin öffnet eine Tür und schiebt mich in das kleine Zimmer hinein. Sie schaltet das Licht an und macht eine weitläufige Handbewegung, die den ganzen Raum umfasst. „So, da sind wir!” erwähnt sie überflüssigerweise. Automatisch gucke ich mich in dem Zimmer um, obwohl vor meinen Augen alles total verschwommen ist. Ich glaube aber zu erkennen, dass es hier drin nichts Aufregendes gibt. Nur ein bezogenes Bett, einen Sessel, einen Tisch und einen Schrank an der Wand. Schwester Karin lächelt irgendwie stolz, als wäre der Raum wer weiß wie schön. Als müsste ich doch eigentlich begeistert sein. „Das hier ist ab jetzt ihr eigenes Zimmer, Chester”, betont sie, „Hier drin werden Sie immer Ruhe finden, wenn Sie sie brauchen. Machen Sie es sich richtig gemütlich. Ruhen Sie sich aus. Wenn Sie etwas brauchen, ich bin die ganze Nacht vorne an der Anmeldung, okay?” Auf einmal tätschelt die Frau beruhigend meinen Rücken. Sofort versteife ich mich widerwillig, weil ich ihre Berührung nicht mag. Aber sie lässt mich schon wieder los. „Gute Nacht, Chester”, haucht sie nahezu, dreht sich um und verschwindet. Sie macht die Tür hinter sich zu. 

Plötzlich bin ich allein. Eine Weile stehe ich unschlüssig da. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt tun soll. Dann gehe ich zögernd zum einzigen Fenster hin, weil ich dringend hinaussehen will. Es ist das erste Fenster, was ich sehe, seit sich die Tür zu dieser Abteilung hinter mir geschlossen hat. Ich schiebe die weiße Gardine zur Seite und gucke hinaus. Draußen ist es dunkel. Ich kann nicht viel sehen, nur ein paar Bäume und vereinzelte Laternen. Anscheinend befindet sich da draußen irgendein Park. Ich überprüfe den Fensterrahmen. Man kann das Fenster nicht öffnen. Plötzlich fühle ich mich enorm eingesperrt und muss tief durchatmen, um nicht in Panik zu geraten. Nervös wende ich mich vom Fenster ab und schaue mir nochmal mein Zimmer an. Es ist hässlich und trostlos. Ich verspüre den überaus heftigen Drang nach einer Zigarette. Aber ich habe keine, denn die Polizisten haben mir schon ganz am Anfang alles weggenommen. Deprimiert bewege ich mich auf das Bett zu und setze mich auf die harte Matratze. Mein Kopf dröhnt. Ich wünschte, ich wäre noch sehr viel betrunkener. Nein, eigentlich will ich nur zurück nach Hause. Ich muss an Samantha denken, ein süßes Mädchen, was bei unserem letzten Gig im Publikum war. Ich hatte sie vorher in der Kneipe zu unserem Auftritt eingeladen, und sie war tatsächlich gekommen. Die ganze Zeit stand sie direkt vor der Bühne. An diesem Abend sang ich nur für sie allein. Unsere Musik und meine Performance hatten ihr offenbar gut gefallen. Nach dem Konzert hatte ich sie Backstage wiedergetroffen, und wir haben uns eine lange Zeit sehr anregend unterhalten. Als ich Sam zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich auf Anhieb genau, dass sie die Frau ist, die ich einmal heiraten werde. Das habe ich auch sofort Sean gesagt, unserem Drummer und meinem Freund, aber der Idiot hat mich nur ausgelacht. Auf einmal wird mir klar, dass Samantha mit Sicherheit nichts mehr mit mir zu tun haben will, wenn sie erfährt, wo ich mich hier aufhalte. Bestimmt wird sie es bald irgendwie erfahren, weil irgendwer seine Klappe nicht halten kann. Meine Niederlage wird sich in meiner Heimatstadt rasend schnell herumsprechen, weil in der Kneipe alle gesehen haben, wie ich in Handschellen von den Polizisten abgeführt wurde. Und sicherlich will das süße Mädchen keinen Mann heiraten, der, so wie ich gerade, in der geschlossenen Psychiatrie gelandet ist. Es ist mehr als höchstwahrscheinlich, dass ich Sam niemals wiedersehen werde. Schlagartig tut mir dieser Gedanke dermaßen weh, dass mir unwillkürlich heiße Tränen in die Augen steigen. Ich fühle mich bedrohlich eingesperrt, komplett besiegt und schaffe es nicht mehr, mich zu kontrollieren. Verzweifelt drücke ich mir beide Hände vors Gesicht und weine hemmungslos.

3. Left all alone


Michael Kenji Shinoda

Etwas ist anders. Als ich aus diesem unruhigen Schlaf erwache, ist mir auf der Stelle klar, dass sich etwas geändert hat. Etwas Grundlegendes. Hellwach liege ich in meinem Bett und denke an die letzte Nacht. Sie war außergewöhnlich. Ein neuer Patient ist laut singend über den Flur gelaufen. Dieser seltsame Typ hat mir direkt in die Augen gesehen. Er hat mir direkt in die Seele gesungen. Und jetzt ist er mein erster Gedanke nach dem Aufwachen. Ich erinnere mich sofort an ihn. Das irritiert mich. So etwas ist mir schon sehr lange nicht mehr passiert. Weil es nämlich nichts mehr gab, an das ich mich erinnern wollte. Alles war sowieso gleich belanglos. Die Zeit rauschte nur an mir vorbei. Nichts schien lohnend genug zu sein, um sich daran zu erinnern. Es war der Mühe einfach nicht wert. Aber das ist jetzt anders. Unwillkürlich habe ich sein Gesicht vor Augen, seine Stimme im Ohr. Sein Name ist Chester, denke ich immerzu. Und ich fühle mich anders dabei. Ich weiß, dass ich mich definitiv noch nie so gefühlt habe, seit ich hier bin. Es ist eine merkwürdige Mischung aus Nervosität, Verärgerung, Zufriedenheit und – Erwartung? In meinem Inneren tobt es nahezu, als mir einfällt, dass ich Chester vielleicht schon heute wiedersehe. Das kapiere ich nicht, und ich habe keine Ahnung, ob ich das gut oder scheiße finden soll. Die Gedanken an ihn berühren mich zu heftig, scheinen wahrhaftig meine Sinne zu schärfen. Das ist total ungewohnt, und ich wünsche mich eigentlich in meine Teilnahmslosigkeit zurück. Lieber würde ich gar nichts fühlen, als dieses undefinierbare Chaos in mir. Verwirrt werfe ich einen Blick auf meinen Sessel, um zu überprüfen, ob ich die aufwühlende Begegnung mit Chester vielleicht nur geträumt habe. Aber nein, da liegt sie tatsächlich. Seine schwarze Brille. Er hatte sie auf dem Flur verloren, und ich hatte sie aufgehoben und mitgenommen. Später habe ich sie dann dort auf den Sessel geworfen. Seine Brille ist der eindeutige Beweis, dass all das wirklich passiert ist. Das macht mich nervös. Um mich abzulenken, stehe ich auf, hole mein Zeug aus dem Schrank und mache mich auf den Weg über den noch leeren Flur zum Badezimmer. Von Anfang an hat es mich total gestört, dass sich auf dieser Station jeweils vier Zimmer nur ein einziges Bad teilen müssen. Ich hasse es, wenn von draußen jemand plötzlich ungeduldig an die verschlossene Tür klopft. Das stresst mich und regt mich unnötig auf. Darum versuche ich jeden Morgen, möglichst früh aufzustehen, damit ich im Bad genug Zeit für mich alleine habe. Meistens gelingt mir das. 

Jetzt stehe ich im Badezimmer vor dem Spiegel und schaue mich reglos an. Es muss Ewigkeiten her sein, seit ich mich das letzte mal bewusst im Spiegel betrachtet habe. Weil es mir völlig egal war. Es hat mich nicht interessiert, wie ich aussehe, weil es einfach keine Rolle spielte. Außerdem ist dieser Spiegel sowieso verschwommen, weil es irgendein besonderes Teil ist, was man nicht so leicht zerschlagen kann. Wie überall auf der Station, gibt es auch im Badezimmer keine scharfen Kanten. Doch heute schaue ich zum ersten Mal genauer hin. Etwas hat sich geändert, weil ich plötzlich meinen Bart bemerke. Ich sehe mein Haar, das, genau wie der Bart, zu lange nicht geschnitten wurde. Ich weiß nicht, warum mein Anblick mir auf einmal nicht mehr gefällt. Ich finde mich verwahrlost, und das stört mich. Hastig ziehe ich mich aus und nehme eine schnelle Dusche. Danach trockne ich mich mit meinem Handtuch ab, ziehe den Schlafanzug wieder an und putze meine Zähne. Dann schaue ich nochmal in den trüben Spiegel. Mit Daumen und Zeigefinger streiche ich nachdenklich über meinen weichen Bart. Er könnte ein bisschen kürzer sein, und die Ränder müssten dringend rasiert werden. Es gefällt mir nicht, wie ungepflegt er aussieht. Aber daran kann ich jetzt nichts ändern. Der Rasierapparat war nämlich so ziemlich das Erste, was sie mir weggenommen haben, als ich hier ankam und sie meine Sachen durchsuchten. Natürlich haben sie Angst wegen der scharfen Rasierklingen, mit denen ich schon mal versucht habe, mein Leben zu beenden. Ich darf mich nicht ohne Aufsicht rasieren. Doch heute Morgen habe ich weder die Lust dazu noch die Zeit dafür, nach einem Pfleger zu suchen, der mich beim Rasieren beaufsichtigen kann. Verblüfft registriere ich, dass ich mein Stylinggel mit ins Bad genommen habe. Das habe ich unbewusst getan, und ich habe keinen blassen Schimmer, wieso. Mein Bruder Jason hat es mir irgendwann einmal mitgebracht, als er mich in der Anfangszeit noch häufiger besuchte. Seitdem habe ich es noch nie benutzt. Aber jetzt nehme ich die Tube kurzerhand und knete mein nasses Haar so lange damit, bis mein Styling mir gefällt. 

Ich bin damit fertig, bevor jemand an die Tür klopft. Eilig nehme ich mein Zeug, verlasse das Badezimmer und haste über den Flur zurück in mein Zimmer. Dabei beachte ich den anderen Patienten nicht, der blöderweise plötzlich auf dem Flur steht. Es ist ein älterer Mann, der mir irgendetwas zuruft. Ich glaube, er wohnt im Zimmer neben meinem. Aber ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen. Das will ich auch nicht. Der Mann interessiert mich nicht. Andere Menschen sind mir egal. Sie sollen mich nur in Ruhe lassen. Ich kapiere nicht, warum Chester mir nicht genauso egal ist. Irgendwas an dem neuen Patienten hat mich aufgeschreckt. Darauf war ich nicht vorbereitet. Er hat mich unerwartet getroffen, wie ein Schlag. Und jetzt finde ich nicht mehr zurück. Obwohl ich es eigentlich dringend will, weil es ganz schön creepy ist, was mit mir passiert. Die neue Situation ist nervenaufreibend. Das macht mich echt verrückt. Hastig schließe ich hinter mir die Tür und lehne mich von innen dagegen. Zweimal atme ich tief durch. Dann gehe ich zu meinem Schrank. Bisher habe ich jeden Morgen einfach irgendwas angezogen, oft sogar die Sachen vom Vortag. Heute ist das erste Mal, an dem ich mir über meine Garderobe Gedanken mache. Unschlüssig sehe ich mir meine Kleidung an, die ordentlich aufgereiht im Schrank hängt. Meine Mutter hat das für mich getan. Als ich hier ankam, hat sie liebevoll meinen umfangreichen Koffer ausgepackt. Plötzlich erinnere ich mich daran, wie traurig sie dabei aussah, und wie egal mir das war. Ich muss schlucken und greife mir schließlich frische Unterwäsche, eine blaue Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Meinen Schlafanzug deponiere ich akkurat gefaltet unter mein Kopfkissen und mache gewissenhaft mein Bett. Die benutzte Unterwäsche kommt in den Wäschesack im Schrank, der einmal in der Woche zum Waschen abgeholt wird. 

Mit meinem Morgenritual bin ich fertig, noch bevor draußen auf dem Flur das Wecken losgeht. Zwei Pfleger gehen morgens immer pünktlich durch die einzelnen Zimmer und fordern die Patienten zum Aufstehen auf. Wo es nötig ist, leisten sie auch Hilfestellung. In dieser Woche haben Dirk und Roman diese Aufgabe. Ich kann die Pfleger draußen reden hören. Sie nähern sich meinem Zimmer schnell, während ich angespannt mitten im Raum stehe und lausche. Plötzlich klopft Dirk an meine Zimmertür und streckt unaufgefordert seinen Kopf herein. „Guten Morgen, Mike! Es ist Zeit zum Aufstehen!” ruft er routiniert den immer gleichen Spruch. „Herr Shinoda ist natürlich schon bereit fürs Frühstück!” stellt er im nächsten Moment amüsiert fest, dreht sich um und fährt mit seiner Arbeit fort. Meine Tür lässt er weit offen stehen. Das ist die unmissverständliche Aufforderung an mich, mein Zimmer zu verlassen. Das Gleiche passiert jeden Morgen. Und bisher war ich fast jedes Mal schon bereit fürs Frühstück, wenn jemand kam, um mich zu wecken. Aber diesmal ist es anders. Verblüfft stehe ich dort und schaue Dirk hinterher, obwohl er längst weitergegangen ist. Er hat nicht gemerkt, dass heute etwas anders ist, wie anders ich bin, registriere ich verdutzt. Aus irgendeinem Grund war ich davon ausgegangen, dass der Pfleger mir meine völlig neue Nervosität sofort anmerken würde. In mir herrscht doch so ein ungewohntes Chaos, dass einfach jeder das sofort merken muss, dachte ich. Ich bin aufgeregt, kapiere ich plötzlich. Zum ersten Mal, seit ich hier bin, kann ich es nicht erwarten, zum Frühstück zu gehen. Weil ich dort vielleicht Chester wiedersehe. Weil ich ihm dann endlich seine Brille zurückgeben kann. Ich möchte ihm dringend seine Brille zurückgeben. Das beunruhigt mich. Ich verstehe nicht, was mich an diesem fremden Mann so fasziniert. Ich bin ein bisschen enttäuscht, weil Pfleger Dirk noch nicht einmal mein nagelneues, sorgfältiges Styling bemerkt hat. Ach, scheiß drauf, denke ich dann. Ich nehme Chesters Brille vom Sessel und schaue sie mir genau an. Mehrmals klappe ich die Bügel auf und zu. Dann verstecke ich die Brille in meiner Jeans und mache mich kurzentschlossen auf den Weg. 

Zum Speiseraum ist es nicht besonders weit, aber ich muss durch die Flure laufen, und das mag ich nicht besonders. Es können unvorhergesehene Dinge passieren, wenn man anderen Menschen begegnet. Das habe ich erst heute Nacht am eigenen Leib erfahren, als Chester zum ersten Mal für mich gesungen hat. Er hat verdammt schön gesungen. Seine Stimme hat mir gefallen. Seine Worte berührten etwas in mir. Ich möchte unbedingt, dass dieser komische Kerl nochmal für mich singt. Ich sehne mich nach seinem Gesang. Mit diesen verwirrenden Gedanken bewege ich mich durch die Gänge zum Frühstücksraum, ohne meine Umgebung übermäßig zu beachten. Jetzt, direkt nach dem Wecken, ist zu viel los in der Psychiatrie. Viele Patienten laufen herum. Zwei kloppen sich um mehr Zeit im Badezimmer, bis die Pfleger kommen und sie beschwichtigen. Zum Glück habe ich das Problem auch heute vermieden, indem ich früh genug aufgestanden bin. Ich mag keine Auseinandersetzungen. Streitereien stressen mich zu sehr, darum gehe ich ihnen immer aus dem Weg. Ziemlich schnell kommt der große, helle Raum in Sicht, in dem auf dieser Station alle Mahlzeiten verteilt werden. Die fertigen Tabletts stehen auf mehreren Rollwagen, versehen mit Namensschildern. Jeder Patient muss sich sein eigenes Tablett heraussuchen. Wer das nicht selbst auf die Reihe kriegt, bekommt sein Essen an den Tisch gebracht. Fast alle Tische und Stühle sind noch leer, weil ich so früh hier bin. Das gefällt mir. Auf diese Weise kann ich mir mein Frühstück in Ruhe heraussuchen und habe bei den Plätzen die freie Auswahl. Ich wähle einen abgelegenen Tisch am Fenster, von dem man einen schönen Blick auf den grünen Garten hat. Außerdem kann ich von hier aus den Raum und die Eingangstür sehr gut im Auge behalten. Ich bin aufgeregt, erwartungsvoll. Als ich mich auf dem Stuhl niederlasse, scheint mir warm die Sonne ins Gesicht. 


Chester Charles Bennington

Es geht mir nicht gut. Das merke ich sofort, als ich abrupt aus einem wirren Albtraum hochschrecke. Draußen vor dem Fenster ist der neue Tag angebrochen. Sonnenlicht fällt in mein Zimmer. Nach Luft ringend liege ich in meinen Klamotten auf dem Bett und starre an die trostlose Decke. Mein Herz schlägt zu schnell. Unangenehm nasser Schweiß steht auf meiner Stirn. Meine Finger zittern und ich fürchte, dass das daher kommt, weil ich heute Morgen meine obligatorische Flasche Bier noch nicht getrunken habe. Weil mir klar ist, dass ich sie in nächster Zeit auch nicht trinken werde. Das macht mich unglaublich nervös. Ich möchte dringend eine Zigarette rauchen. In den letzten Stunden musste ich schon zwei Mal plötzlich über den Flur rennen, um mich auf der Herrentoilette, die diese Schwester mir in der Nacht gezeigt hatte, zu übergeben. Ich fühle mich entsetzlich krank. Meine Sehnsucht nach meiner Flasche Bier, einer Flasche Whiskey und einer Zigarette ist existenziell. Pausenlos kreisen meine Gedanken darum, bis ich glaube, den Verstand zu verlieren. 

Plötzlich geht die Tür auf und jemand kommt herein. Erschrocken sitze ich kerzengerade im Bett und starre dem Menschen entgegen. Mir ist schwindelig. Ich kann nichts richtig erkennen, weil ich meine Brille verloren habe, was mich unglaublich nervt. „Guten Morgen, Chester!” ruft die Person mir zu, „Es ist Zeit zum Aufstehen! Dein Frühstück wartet auf dich!” Es ist ein junger Mann, höchstwahrscheinlich ein Pfleger, der nun direkt vor mir steht und mich prüfend mustert. Hastig schwinge ich meine Beine über die Bettkante und ziehe meine Chucks an, die vor dem Bett stehen. Die Schuhe sind das einzige, was ich ausgezogen hatte, als ich mich zum Schlafen hinlegte. Ich spüre, dass mir jeder Knochen einzeln wehtut und unterdrücke ein unbehagliches Stöhnen. „Ich bin Pfleger Ulrich. Aber du kannst mich ruhig Ulli nennen”, stellt der Kerl sich fröhlich vor. Ich nicke, während ich Mühe habe, mit meinen zitternden Fingern meine Chucks zu schnüren. Er steht noch eine Weile dort und guckt mich abschätzend an, was mir tierisch auf den Sack geht. „Hast du schlimme Entzugserscheinungen?” fragt er mich unvermittelt. Mein Kopf schnellt hoch zu ihm. Wütend fixiere ich ihn, obwohl sein Gesicht vor meinen Augen unscharf bleibt. Seine Frage gefällt mir nicht, weil sie mich irgendwie als Junkie abstempelt. Andererseits kann er mir vielleicht helfen, denke ich dann und reiße mich zusammen. „Könnte besser sein”, gebe ich zögernd zu. Er nickt verständig. „Keine Sorge, Chester. Wir sind darauf vorbereitet, dass es dir heute Morgen sehr schlecht geht. Professor Paulsen hat die nötigen Anweisungen gegeben, um dir durch den Entzug zu helfen.” Ich schaue ihn an und nicke. Seine Worte beruhigen mich nicht. Ich möchte nach Hause. Ich will auf der Stelle mindestens eine Flasche Bier trinken, noch lieber eine Flasche Whiskey. Ich möchte mich zuknallen, bis ich nichts mehr spüren muss. Aber das wird nicht passieren, und das macht mich ehrlich verrückt. Ich weiß nicht, ob ich meine derzeitige Situation noch länger hinnehmen kann. Ich hasse es, nicht selbst über mich bestimmen zu können. Ich will diesem Pfleger nicht ausgeliefert sein. 

Aber genau das bin ich jetzt. Und ich kann nichts weiter tun, als ihm zuzusehen, wie er irgendwelche Sachen auf dem Tisch ablegt und Medikamente aus seiner weißen Jacke holt. In der anderen Jackentasche hat er eine kleine Plastikflasche Mineralwasser. In der einen Hand hält er mir die Flasche hin, in der anderen liegen drei Tabletten. „Hier, das wird dir helfen”, behauptet er und lächelt, glaube ich. Schlagartig wird mir so schlecht, dass ich mir die Hand vor den Mund halten muss, um ihm nicht vor die Füße zu kotzen. Hektisch stehe ich auf und stürze an ihm vorbei zur Tür. Diesen Weg kenne ich mittlerweile. Ich renne das kurze Stück über den Gang zur Herrentoilette, die ich hastig betrete. Zum Glück schaffe ich es auch diesmal rechtzeitig vor die Kloschüssel. Ich falle auf die Knie und entleere ein weiteres Mal krampfhaft und unfreiwillig meinen rebellierenden Magen. Obwohl er inzwischen eigentlich schon leer ist. Das fühlt sich widerlich an. Ich hasse es, dass mir alles wehtut. Ich will diese Schmerzen nicht fühlen, nicht die umfassende Verzweiflung in mir aushalten müssen. 

Ich fasse es nicht, dass der penetrante Pfleger mir tatsächlich hinterhergekommen ist. Auf einmal steht er hinter mir und wartet geduldig ab, bis ich mit dem Kotzen fertig bin. Das ist mir so peinlich, dass ich es kaum ertragen kann. Ich möchte auf der Stelle losheulen, reiße mich jedoch zusammen. Er reicht mir einen blauen Waschlappen, mit dem ich mir die feuchte Stirn und den Mund abwische. Mühsam stehe ich auf und drehe mich zu ihm herum. Er lächelt noch immer, glaube ich. „Vielleicht möchtest du dich zuerst ein wenig frischmachen”, schlägt er vor und deutet auf das Waschbecken im Vorraum. Ich nicke folgsam. Er gibt mir ein Stück Seife, eine Zahnbürste, Zahnpasta und ein Handtuch. Also gehe ich zum Waschbecken und wasche mich oberflächlich, obwohl ich keine Lust dazu habe. Es ist mir völlig egal, wie ich derzeit aussehe. Dazu geht es mir definitiv zu schlecht. Widerwillig putze ich auch noch meine Zähne. Der scheiß Pfleger will einfach nicht abhauen, sondern beobachtet mich die ganze Zeit viel zu aufmerksam. Er scheint auf jede Reaktion von mir vorbereitet zu sein. Ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass er ihn vorhin genannt hat. 

Als ich am Waschbecken fertig bin, drehe ich mich wütend zu ihm herum. Jetzt hält er mir wieder die drei Tabletten und die Flasche Wasser hin. Die Tabletten sehen alle anders aus, zwei runde, weiße in verschiedenen Größen und eine rote, längliche. „Nimm das, Chester. Damit wird es dir besser gehen”, betont er nochmal. „Was ist das?” frage ich ihn misstrauisch. „Das hilft dir durch den Alkoholentzug”, behauptet er felsenfest. Ich glaube ihm nicht. Ich habe Angst, dass die Psychiatrie mich irgendwie manipulieren will. Dass sie mich mit den drei Tabletten total ruhigstellen wollen, um verbotene Experimente an mir vorzunehmen. Ich spüre Paranoia in mir hochkommen, die hartnäckig an meinem Verstand kratzt. Das gefällt mir nicht, weil es mich noch zorniger macht. Bleib ganz ruhig, mahne ich mich innerlich nervös. Der junge Mann schaut mich auffordernd an. Mir ist klar, dass er keine Ruhe geben wird, bis ich seine Pillen geschluckt habe. Also tue ich das und trinke danach Mineralwasser aus der kleinen Plastikflasche. Ich bin sauer, weil er mir keine Wahl gelassen hat. Das fühlt sich wie eine Niederlage an. Angenehm kühl und erfrischend läuft das Wasser meine Kehle herunter. Ich hatte zu lange nichts getrunken. Das erinnert mich wieder an meine morgendliche Flasche Bier, die ich schmerzlich vermisse. „Und was ist, wenn ich die gleich wieder auskotze?” frage ich den aufdringlichen Mann herausfordernd, weil langsam eine mächtige Wut in mir brodelt, die ich kaum noch kontrollieren kann. Aggressiv fixiere ich ihn, obwohl ich ihn nur unscharf erkennen kann. Er hört nicht auf zu lächeln. „Dann bekommst du natürlich umgehend Ersatz”, erklärt er mir freundlich. „Aber es wäre trotzdem schön, wenn du das vermeiden könntest”, setzt er gut gelaunt hinzu. Es macht mich rasend, dass er so gute Laune hat, denn meine Stimmung ist definitiv im Keller. 

Mir ist völlig schleierhaft, was ich überhaupt hier soll, welchen Sinn mein Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie für mich haben soll. Zu Hause hätte ich heute jede Menge zu tun, denke ich verärgert. Nach der Arbeit würde ich im Tattoo-Laden vorbeischauen. Und heute Abend würde ich mit den Jungs von Grey Daze im Studio an den Aufnahmen für unsere erste CD basteln. Mein Tag wäre mit überwiegend angenehmen, kreativen Dingen gefüllt. Aber stattdessen sitze ich in diesem schrecklichen Gebäude fest. Ich bin in dieser deprimierenden Abteilung eingesperrt, wo ich kein bisschen hingehöre. Ich vermisse das Singen jetzt schon, mein Mikrophon in meiner Hand, die Musik und die Band. Ich möchte Samantha dringend wiedersehen. Meine Arbeit werde ich wohl verlieren, denke ich erschrocken, das Tattoo-Studio geht vielleicht pleite, und es ist echt fraglich, ob Grey Daze so lange auf ihren Sänger warten werden. Wahrscheinlich suchen die Jungs schon jetzt heimlich nach einem Ersatz für mich. Das deprimiert mich. Zu Hause hätte ich um diese Zeit bereits mindestens zwei Flaschen Bier leergetrunken und würde mich gut dabei fühlen.

Verdammt nochmal! Die Gewissheit, böswillig aus meinem gewohnten Leben gerissen worden zu sein, in dem ich mir in den letzten Monaten so viel Mühe gegeben hatte, um etwas Sinnvolles aufzubauen, macht mich noch zorniger. Mein Herz schlägt schnell. Ich möchte losschreien, aber ich halte mich zurück, denn ich will nicht unangenehm auffallen. Der Pfleger klopft mir beruhigend auf die Schulter. Sofort verkrampfe ich mich, denn ich will auf keinen Fall von ihm angefasst werden. Vielleicht merkt er das, denn er lässt mich schnell wieder los. „Okay, Chester, hab noch ein wenig Geduld. Bald wird es dir viel besser gehen. Die Medikamente werden deine Entzugserscheinungen lindern. Jetzt komm bitte mit. Du kannst diese Sachen behalten. Sie gehören jetzt dir. Wir bringen sie in dein Zimmer. Und dann zeige ich dir, wo du dein Frühstück bekommst”, informiert er mich leise. Seine Stimme ist ganz ruhig, freundlich, besänftigend. Ich nicke und gehe hinter ihm her, aus der Toilette über den Flur in mein Zimmer. Dort lege ich die Zahnbürste, die Zahnpasta, die Seife, den Waschlappen und das Handtuch auf den kleinen Tisch. 

„Hier habe ich noch etwas für dich, Chester”, meint der Pfleger auf einmal lächelnd zu mir und präsentiert mir in seiner Hand ein kleines, quadratisches, weißes Stück Stoff oder so was. Ich kann es nicht identifizieren, weil ich es nur unscharf sehe. Ich glotze wohl ziemlich bescheuert auf seine Hand, denn er lacht amüsiert und erklärt mir: „Das ist ein hoch dosiertes Nikotinpflaster. Du kannst es dir auf den Oberarm kleben. Damit wird sich deine Nervosität schon bald legen.” „Ich würde aber viel lieber jetzt eine rauchen!” rutscht mir angepisst heraus, woraufhin er noch lauter lacht. Natürlich ist das Rauchen in der gesamten Station streng verboten, was er mir auch gleich nochmal eintrichtern muss. Mit meinen böse zitternden Fingern schaffe ich es kaum, mein Hemd aufzuknöpfen. Dabei hilft es mir auch nicht unbedingt, dass der verdammte Mann mich pausenlos aufmerksam beobachtet. Endlich kann ich meinen Ärmel runter schieben und klebe mir das Pflaster folgsam auf den tätowierten Trizeps. Danach verlassen wir gemeinsam mein Zimmer. Ich bin froh, dass ich hier endlich rauskomme. Ich mag diese hässliche, deprimierende Kammer nicht. Die vergangene Nacht war schrecklich, weil ich kaum geschlafen habe. In diesem scheiß Bett habe ich kein Auge zugetan, habe mich nur blöd herumgewälzt oder Albträume gehabt. 

Es geht mir noch immer nicht gut, als ich neben dem Pfleger über den Flur laufe. Die Gänge sind jetzt voller Menschen, die alle mit Waschzeug und Handtüchern unter dem Arm herumrennen. Der Lärmpegel auf der Station ist ziemlich hoch. Das geht mir auf die Nerven. Es ist tatsächlich Zeit zum Aufstehen. Offenbar hat dieser Kerl mich ziemlich früh geweckt, obwohl ich ja schon längst wach war. Ich kann niemanden richtig erkennen, und das kotzt mich langsam total an. Ich wünsche mir, ich hätte meine Brille nicht verloren und grübele darüber nach, wo sie jetzt wohl sein könnte. Dann überlege ich, wen ich bitten könnte, mir meine Ersatzbrillen und die Kontaktlinsen zu bringen. Aber ich bin viel zu weit weg von zu Hause, und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dazu bereit sein könnte, für mich den langen Weg auf sich zu nehmen. Ich glaube noch nicht mal daran, dass zu Hause jemand ein Paket für mich packen würde. Frustriert laufe ich neben dem Pfleger her. Er geht ganz langsam, damit ich es mit meinen Entzugserscheinungen auch schaffen kann, mit ihm Schritt zu halten. In der Abteilung sieht noch immer alles gleich aus, alles ist weiß oder hellgrau. Nur wenige Pastelltöne lockern die langweilige, sterile Atmosphäre ein wenig auf. 

Plötzlich öffnet der Pfleger eine Flügeltür. Wir treten in einen Saal, der von Sonnenlicht förmlich überflutet wird. Die eine Seite des Raumes ziert eine riesige Fensterfront, durch die das helle Licht des neuen Tages hereinscheint. Mit zusammengekniffenen Augen blinzele ich verblüfft in den Saal. Hier stehen unzählige Tische und Stühle. Die meisten davon sind noch leer, nur sehr wenige Patienten haben sich schon zum Frühstück hier eingefunden. Der Pfleger geht zu einigen Rollwagen, die an der Wand aufgereiht wurden. Er erklärt mir, dass jedem Patienten ein Tablett gehört, welches auf dem Wagen bereitsteht und mit einem Namensschild versehen ist. Man muss sich sein Tablett selbst heraussuchen und kann sich dann zum Essen an einen frei wählbaren Tisch setzen. So funktioniert das bei jedem Essen, meint er. Freundlicherweise sucht der Mann heute mein braunes Tablett für mich heraus, nimmt es und dirigiert mich dann zu einem freien Tisch in der Saalmitte. Widerstandslos lasse ich mich auf einem der vier harten Holzstühle nieder, die um den weißen Holztisch herumstehen. Von der relativ kurzen Strecke hierher fühle ich mich tatsächlich erschöpft. Der Pfleger setzt sich auf den Stuhl direkt neben mir, was mir gar nicht gefällt. Eigentlich warte ich nur darauf, dass er mich endlich in Ruhe lässt. Es geht mir nämlich noch immer hundsmiserabel. Mein Magen rebelliert, und ich habe ganz bestimmt keinen Hunger. Einen Moment lang fürchte ich, dass er mich womöglich zum Essen zwingen will. Aber zum Glück hat er das nicht vor. „Hör zu, Chester. Du hast jetzt eine knappe Stunde Zeit, um in aller Ruhe dein Frühstück zu dir zu nehmen. Danach hole ich dich wieder ab und bringe dich zu deiner ersten Gruppentherapiesitzung, okay?” flüstert er mir diskret zu. Ich nicke und versuche ein Lächeln, was mir aber nicht so recht gelingen will. Ich bin nach wie vor ziemlich wütend, fühle mich absolut beschissen und wäre lieber überall anders, als ausgerechnet an diesem Ort. Schon wieder klopft er mir beruhigend auf die Schulter und ich werde stocksteif, als er auch schon aufsteht und den Saal verlässt. 

Endlich ist er weg. Ein paarmal atme ich tief durch. Mir ist schlecht und ich fürchte, dass ich bald wieder kotzen muss. Aber das will ich nicht. Außerdem weiß ich nicht, wo das nächste Klo ist. Das macht mich echt nervös. Unschlüssig schaue ich auf mein Tablett, das vor mir auf dem Tisch steht. Ich sehe zwei Brötchen und zwei Scheiben Brot auf einem Teller. Die Brötchen sind schon aufgeschnitten worden. Daneben steht ein Schälchen mit Marmelade und ein kleinerer Teller mit jeweils zwei Sorten Wurst und Käse und einem Stückchen Butter. Ein sichtbar stumpfes Messer aus Plastik liegt neben dem größeren Teller. Beide Teller und die Schale sind aus farbigem Plastik, auch das Tablett. Am Rand gibt es ein Tetrapack mit Orangensaft und einen Strohhalm. Außerdem steht noch eine Plastikflasche Mineralwasser auf dem Tablett. Verzweifelt muss ich lachen bei dem Gedanken, dass zu Hause mein Frühstück schon seit längerer Zeit lediglich aus einer Flasche Bier, einer Tasse Kaffee und einer Zigarette bestanden hat. Nichts davon sehe ich hier, noch nicht mal die verdammte Tasse Kaffee. Schon allein der Anblick der Speisen dreht mir den Magen herum. Meine verfluchten Finger zittern noch immer. Besiegt schließe ich die Augen, rutsche auf dem Stuhl ganz nach hinten und lege meine Stirn müde auf die Tischkante. Ich fühle mich erschöpft, und alles tut mir weh. Ich möchte auf der Stelle mindestens die scheiß Flasche Bier trinken. Dringend muss ich jetzt sofort eine rauchen. Genervt frage ich mich, wann die ganzen Medikamente, die mir doch angeblich durch den Entzug helfen sollen, endlich anfangen zu wirken. Ich kann hören, wie der Speisesaal sich langsam füllt. Andere Patienten kommen nach und nach zum Frühstück herein. Ich kann es spüren, wie sie an mir vorbeigehen. Bestimmt setzen sie sich mit ihren blöden Tabletts an die Tische. Zu viele von ihnen reden dabei, denn der Lärm wird immer lauter. Das geht mir auf die Nerven. Ich möchte mir die Ohren zuhalten. Ich hoffe, dass sich niemand an meinen Tisch setzen oder mich ansprechen wird, denn mir ist nicht nach Reden zumute. Ich will jetzt keine Gesellschaft. Am liebsten wäre ich total unsichtbar. Vielleicht möchte ich sogar tot sein. Aber das bin ich nicht, das spüre ich nur allzu deutlich. Ich spüre jeden einzelnen Knochen in mir, jede verdammte Faser schmerzt. Lange Zeit sitze ich so da, die Stirn auf den Tisch gelegt, die Augen geschlossen. Es gefällt mir, wie die Dreadlocks mein Gesicht verstecken. Meine beiden Hände, die ich mir in den Bauch gepresst habe, reiben nervös die zitternden Finger aneinander. Ungeduldig warte ich darauf, dass die scheiß Tabletten endlich wirken. Aber es tut sich nichts. Mein Unbehagen scheint sich nur zu verstärken, meine Gier nach dem Alkohol und dem Nikotin bringt mich um. Hilflos sitze ich dort und bewege mich nicht. 

Meine gequälte Position wird mit der Zeit immer unbequemer. Meine Stirn auf dem harten Holztisch beginnt zu schmerzen. Als ich nach einiger Zeit widerstrebend meinen Kopf hebe und die Augen öffne, sitzt plötzlich ein Typ an meinem Tisch. Erschrocken fahre ich zusammen und starre ihn entsetzt an. Der Arsch hat sich einfach dreist auf den Stuhl mir direkt gegenüber hingesetzt. Ich sehe ihn nur unscharf, aber anscheinend guckt er mich interessiert an. Eine Weile mustern wir uns schweigend. Irgendwie kommt er mir vage bekannt vor, was ich echt nicht einordnen kann, denn ich kenne hier mit Sicherheit niemanden. Ich habe keine Ahnung, was dieser Typ von mir will, warum er sich ausgerechnet an meinen Tisch gesetzt hat. Ich fühle mich von diesem Fremden gestört, denn ich will eigentlich lieber noch weiter still von mich hin leiden. Verwirrt registriere ich, dass er noch nicht mal sein Tablett mitgebracht hat. Scheinbar hat er gar nicht vor zu frühstücken. Also ist er wohl aus einem anderen Grund zu mir gekommen. Das passt mir überhaupt nicht. Ich will mich jetzt nicht mit irgendwelchen anderen Patienten beschäftigen müssen. Viel lieber möchte ich in Ruhe gelassen werden. Mindestens noch so lange, bis die verdammten Tabletten wirken. Fragend gucke in ihm ins offenbar bärtige Gesicht. Angestrengt versuche ich, ihn richtig zu erkennen, damit ich seine Absicht erfassen kann. Aber er bleibt nervig unscharf vor meinen Augen. Das ständige, halbblinde Blinzeln verursacht mir langsam rasende Kopfschmerzen. 

„Ich habe deine Brille gefunden”, sagt er auf einmal leise. Schlagartig bin ich so aufgeregt, dass mein Herz spontan losspurtet. Ich fasse es nicht, was er da eben von sich gegeben hat. Ich befürchte, ihn vielleicht nicht richtig verstanden zu haben. „Was?” entfährt es mir verblüfft. Angespannt beobachte ich ihn. Er greift lächelnd in seine hintere Hosentasche und holt etwas heraus. Dann streckt er seinen Arm über den Tisch und hält es mir hin. Automatisch fokussiere ich mich auf den Gegenstand in seiner Hand, um ihn richtig identifizieren zu können. Maßlos erfreut erkenne ich, dass es sich tatsächlich um meine schwarze Brille handelt, die ich letzte Nacht irgendwo verloren hatte. Hastig greife ich zu, und der Typ lächelt breiter und zieht seinen Arm langsam wieder ein. Ich schaue mein Eigentum kurz prüfend an, klappe die schwarzen Bügel auf und setze sie unendlich erleichtert auf meine Nase. Ein schneller Rundumblick offenbart mir, wie schlecht meine Sicht ist. Die Gläser sind übersät mit fettigen Fingerabdrücken. Offenbar hat dieser dumme Kerl meine Brille immerzu genau auf den Gläsern angefasst. Aber ich kann ihm deswegen nicht böse sein, sondern lächle ihn dankbar an. „Wo hast du sie gefunden?” frage ich ihn, während ich die Brille nochmal absetze und die Gläser sorgsam mit dem unteren Saum meines Hemdes sauber reibe. Dabei fällt mir auf, dass ich nach dem Aufkleben des Nikotinpflasters vergessen habe, mein Hemd wieder zuzuknöpfen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das mit meinen bebenden Fingern derzeit hinkriege, deshalb lasse ich es lieber offen. Mein neuer Tischgefährte druckst ein wenig herum, was mich irritiert, weil ich es nicht verstehe. 

Als ich meine Brille wieder aufsetze, kann ich mir den fremden Typen endlich ganz genau anschauen. Unsere Blicke treffen sich. Er lächelt zurückhaltend, während er mit seiner Antwort zögert. Im nächsten Moment fällt mir ein, warum er mir bekannt vorkommt. Es könnte sich vielleicht um den jungen Mann handeln, den ich heute Nacht bei meiner Ankunft gesehen hatte. Ich erinnere mich, dass ein Fremder plötzlich direkt vor mir gestanden und mir erstaunlich aufmerksam zugehört hatte, während ich What's in the eye gesungen hatte. Das hatte mir auf Anhieb gefallen. Sein Interesse hatte mich dazu motiviert, auf diesem verdammten Flur noch länger und lauter zu singen. Aber jetzt kann ich nicht hundertprozentig sagen, ob er wirklich mein nächtlicher Zuhörer ist, weil da noch viele andere Menschen waren und ich in der letzten Nacht sehr angespannt und ein bisschen betrunken war. Trotzdem ist der Typ an meinem Tisch mir sympathisch. Interessiertes Publikum mag ich sehr. Außerdem ist er derjenige, der mir meine Brille zurückgegeben hat, die ich dringend brauche und zu lange total vermisst habe. 

„Sie lag auf dem Boden”, verrät er mir endlich, „Du hast sie heute Nacht im Flur verloren, als...” Er bricht ab und weicht verlegen meinem Blick aus. Aber ich weiß trotzdem, wovon er spricht. Weil ich selbst schon vermutet hatte, die Brille wahrscheinlich verloren zu haben, als diese verfluchten Polizisten mich plötzlich gepackt und zu Boden gerissen hatten. Mein Verdacht, dass der unbekannte Kerl mir gegenüber mein nächtlicher Zuhörer sein könnte, bekräftigt sich durch seine Aussage. Es ist mir ein bisschen peinlich, dass er mich nicht nur singen gehört hat, sondern auch den Angriff auf mich durch die Polizei mitangesehen hat. Dabei habe ich bestimmt keine gute Figur gemacht. Diese Episode möchte ich am liebsten sofort vergessen. „Danke schön!” bedanke ich mich hastig, um zu verhindern, dass er womöglich noch die Polizei oder meine Niederlage erwähnt. Hilflos überwältigt und gefesselt zu werden, ist nämlich extrem demütigend. Mein Lächeln ist ein bisschen nervös. Er erwidert es verhalten und schaut dann gehemmt in eine andere Richtung. Ich bin froh, dass ich endlich wieder klar sehen kann. Zufrieden lasse ich meinen Blick durch den großen, sonnendurchfluteten Saal schweifen. Inzwischen sind die meisten Stühle mit Menschen besetzt. Es sind Männer und Frauen jeden Alters, von denen ich annehme, dass es Patienten sind. Alle haben Tabletts vor sich auf ihrem Tisch und stopfen sich das Frühstück rein. Zu viele reden dabei, darum ist es hier zu laut geworden. Ich entdecke auch einige weiß gekleidete Personen, bei denen es sich wohl um das Personal handelt. Niemand scheint uns zu beachten, daher wende ich meine Aufmerksamkeit zurück auf meinen unerwarteten Besucher. 

Es freut mich, dass ich mir den freundlichen, hilfsbereiten Typen endlich richtig angucken kann, obwohl er unverändert ein Stückchen von mir entfernt, mir direkt gegenüber am Tisch sitzt. Er zuckt die Schultern und schaut mich wieder an. „Kein Ding...”, winkt er bescheiden ab. Seine Stimme hat einen angenehmen Klang, irgendwie beruhigend. Er ist noch jung, vielleicht in meinem Alter. Er trägt tatsächlich einen dunklen Bart, der ein bisschen struppig aussieht. Ich spüre ein warmes Gefühl im Bauch, als ich ihn eingehend betrachte. Mein Herz schlägt schneller. Er hätte meine Brille einfach behalten können. Das hätte niemand gemerkt. Aber er hat sie mir zurückgegeben. Dafür möchte ich ihn gerne dankbar auf die Wange küssen. Aber er sitzt zu weit weg. Der verdammte Tisch ist wie eine Barriere zwischen uns. Der Kerl sieht interessant aus, stelle ich fest. Sein Gesicht hat etwas ganz Besonderes, etwas irgendwie Asiatisches. Mir fällt ein, dass mir das schon in der letzten Nacht an ihm aufgefallen war, dieser exotische Touch. Seine braunen Augen liegen fasziniert auf mir und wirken in ihrer Traurigkeit erstaunlich sanft. Ich frage mich, warum er trotz seines offensichtlich großen Interesses an mir so traurig aussieht. Während ich ihn anschaue, überlege ich, was an ihm nicht zu meiner vagen Erinnerung von ihm passt. Sein dichtes, schwarzes Haar steht nach oben ab. Ich glaube mich zu erinnern, dass seine Haare noch strubbelig herunterhingen, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Er hat sein Haar frisch gestylt, fällt mir amüsiert auf. Der Typ hat seine Haare mit viel Gel richtig stachelig gekriegt. Ich muss zugeben, dass ihm das verdammt gut steht. Belustigt frage ich mich, ob er sich wohl jeden Morgen so viel Mühe mit seiner Frisur gibt. An diesem Ort ist das total außergewöhnlich. Denn schließlich befinden wir uns beide in einer geschlossenen Psychiatrie, wo die allermeisten Patienten sichtbar wenig bis gar keinen Wert auf ihr Äußeres legen. 

„Du kannst gut singen”, flüstert er plötzlich. Seine Augen weiten sich nervös. Als hätte er Angst davor, wie ich auf dieses Kompliment reagiere. Sofort fühle ich mich geschmeichelt, obwohl mir absolut klar ist, dass ich, als er mir zuhörte, mit Sicherheit nicht gut gesungen habe. Die letzte Nacht war niederschmetternd für mich. Gegen meinen Willen wurde ich aus meiner heimatlichen Lieblingskneipe entführt und zwangsweise in einem Polizeiauto hierher gebracht. Auf diesem doofen Flur habe ich mir meinen umfassenden Frust aus der Seele gesungen. Weil ich das einfach in diesem Moment dringend tun musste, um nicht komplett durchzudrehen. Dabei habe ich nicht die Bohne darauf geachtet, mir Mühe zu geben oder die Töne richtig zu halten. Ich weiß genau, dass ich letzte Nacht gar nicht gut war. Aber diesem Typen hier hat mein höchst verzweifelter Gesang anscheinend trotzdem gefallen. „Danke schön!” wiederhole ich ratlos. Er lächelt erleichtert, also erwidere ich sein Lächeln verblüfft. Es ist schön, ihn anzugucken, stelle ich verwirrt fest. Sein Anblick beruhigt mich auf eine Art, die ich mir nicht erklären kann und die ich auch noch nie erlebt habe. In seiner Nähe fühle ich mich erstaunlich wohl, irgendwie besänftigt. Seine Anwesenheit wird angenehmer für mich, je länger er an meinem Tisch sitzt. Oder vielleicht sind es auch nur die Tabletten, die endlich anfangen zu wirken. Jedenfalls fühle ich mich langsam ein wenig besser. Die Schmerzen in meinem Körper lassen nach. Die Gier nach den Drogen wird spürbar erträglicher, und das erleichtert mich unendlich. 

Dankbar schaue ich ihn an. Er trägt ein gut sitzendes T-Shirt. Seine Hände hat er jetzt unter dem Tisch versteckt, genau wie ich. Sein T-Shirt ist schlicht schwarz und ohne Aufdruck. Den Rest seiner Kleidung kann ich nicht sehen. Ich frage mich, ob seine Schuhe wohl zu seinem Outfit passen. Auf so etwas lege ich nämlich echt wert. Aber der Tisch versperrt mir die Sicht. Ich müsste mich schon bücken und unter den Tisch gucken, um seine Hose und seine Schuhe sehen zu können. Aber das würde wohl ziemlich merkwürdig wirken. „Deine Frisur ist toll”, sage ich spontan zu ihm, um ihm auch ein Kompliment zu machen. Ich kann sehen, wie verlegen er wird. Er freut sich so sehr, dass er beinahe rot wird. Das amüsiert mich. Irgendwie ist er süß. „Das ist dir aufgefallen?” fragt er erstaunt und fasst sich nervös in die Haare. Ich nicke lächelnd. „Heute Nacht warst du noch nicht so stachelig”, necke ich ihn ein bisschen. Er lacht verunsichert, wodurch er sofort viel schöner aussieht. Es verdutzt mich, wie das Lachen ihn förmlich erstrahlen lässt und seine Traurigkeit verdrängt. „Deine Frisur ist auch nicht schlecht”, behauptet er. Automatisch streiche ich mir die Dreadlocks aus dem Gesicht. Ich liebe es, auf der Bühne den Kopf zu der Musik herumzuwirbeln und die Locks richtig fliegen zu lassen. Mein Dad war allerdings alles andere als begeistert, als ich zum ersten Mal damit nach Hause kam. Er bezeichnete mich prompt als drogensüchtigen Penner. Damit hatte er aber nur teilweise recht. 

„Willst du denn gar nichts essen?” fragt der seltsame Typ an meinem Tisch mich besorgt und deutet anklagend auf mein Tablett. Mein Frühstück steht völlig unberührt vor mir auf der Tischplatte. Angewidert schüttele ich den Kopf. Ich habe keinen Hunger. Im Gegenteil, mein Magen reagiert offenbar sensibel auf die Tabletten, denn mir wird schon wieder schlecht, als ich die Speisen ansehe. „Und was ist mit dir?” erwidere ich ein bisschen genervt. Ich mache eine Handbewegung, um zu demonstrieren, dass er schließlich gar kein Tablett mitgebracht hat. Er lächelt belustigt. „Doch, ich habe schon gegessen”, behauptet er. Das kann ich nicht nachprüfen, weil dieser fremde Kerl mir nicht eher aufgefallen ist, bis er plötzlich mir gegenüber am Tisch saß. Er scheint ein Faible dafür zu haben, unerwartet vor mir aufzutauchen. „Ich habe keinen Hunger”, erkläre ich abwehrend. Er seufzt unzufrieden. „Vielleicht solltest du es trotzdem mal versuchen. Das Essen hier ist meistens gar nicht so schlecht”, will er mich überreden. Er deutet auf mein Tablett, fordert mich stumm auf, ein Brötchen in die Hand zu nehmen. Das nervt mich, denn ich kriege wirklich nichts runter. Stattdessen greife ich demonstrativ nach der Flasche Mineralwasser und schraube sie mit unverändert zitternden Fingern mühsam auf. Ich nehme einen kräftigen Schluck, in der Hoffnung, dass die Kohlensäure eventuell meinen Magen beruhigen wird. Danach schraube ich die kleine Flasche wieder zu und stelle sie neben das Tablett auf den Tisch. 

Der komische Kerl beobachtet mich mit seltsam besorgter Miene. Ich erwidere seinen Blick leicht angespannt. Irgendwie fühle ich mich auf einmal von ihm belästigt. Es gefällt mir nicht, dass er mich zum Essen überreden will. Dieses Anliegen scheint ihm unerklärlich wichtig zu sein. Kurzerhand beugt er sich über den Tisch und nimmt sich eine meiner Brötchenhälften und das Messer von meinem Tablett. Dreist bestreicht er das Brötchen mit Butter. Ich kann es nicht fassen, dass er sich einfach meine Sachen genommen hat, auch wenn ich sie selbst gar nicht haben will. Ärgerlich schaue ich zu, wie er das Brötchen auch noch mit Marmelade bestreicht. „Du solltest es wirklich versuchen, Chester”, fordert er mich leise auf. Schüchtern lächelnd hält er mir die fertige Brötchenhälfte hin und schaut mich auffordernd an. Seine Stimme klingt bittend, fast flehend. Für ihn scheint es von rätselhaft großer Wichtigkeit zu sein, dass ich sein verdammtes Brötchen esse. Das kapiere ich nicht. Ich mag es nicht, wie er mich zum Essen überreden will. Stocksteif sitze ich auf meinem Stuhl und taxiere ihn vorwurfsvoll. Mein Herz fängt verstärkt an zu hämmern. Neue Wut kommt in mir hoch, weil ich seine freche Einmischung in meine Angelegenheiten nicht leiden kann. Außerdem irritiert es mich enorm, dass er meinen Namen kennt. Ich bin mir ziemlich sicher, dem aufdringlichen Typen meinen Namen nicht genannt zu haben. Sein unwillkommenes Wissen macht mich misstrauisch. Ich fühle mich ihm gegenüber im Nachteil, weil ich keine Ahnung habe, wie er heißt. Die Atmosphäre zwischen uns lädt sich spürbar auf, während wir uns noch eine Weile ansehen. Unermüdlich hält er mir das scheiß Brötchen hin, was ich demonstrativ ignoriere. Es gefällt ihm nicht, dass ich seiner drängenden Aufforderung nicht nachkomme. „Bitte, beiß doch wenigstens mal ab. Du siehst aus, als könntest du etwas zu essen sehr gut vertragen”, meint er schließlich seufzend. 

In diesem Moment habe ich schlagartig die Schnauze voll. „Bedien dich ruhig!” lade ich den Fremden wütend ein, „Nimm dir einfach, was du willst!” Gleichzeitig gebe ich meinem Tablett einen kräftigen Schubs in seine Richtung. In meinem Zorn stoße ich das Teil zu aggressiv, sodass es über den Rand des Tisches rutscht und scheppernd auf seinem Schoß landet, bevor er reagieren kann. Erschrocken springt er auf und starrt mich entsetzt an. Mein ganzes Frühstück fällt lautstark zu Boden. Der Krach geht in dem allgemeinen Stimmengewirr allerdings fast unter. Und weil die Teile ohnehin alle aus Plastik sind, geht dabei mit Sicherheit auch nichts kaputt. Darum mache ich mir darüber keine Sorgen, sondern schaue mir lieber interessiert diesen Typen an. Irgendwas an ihm fasziniert mich. Ich möchte unbedingt seine Kleidung sehen. Ich will wissen, ob er Stil hat. Er steht jetzt neben dem Tisch und mustert mich fassungslos. Endlich kann ich erkennen, dass er eine dunkelblaue Jeans trägt. Sie steht ihm gut. Seine schlanken Beine kommen darin vorteilhaft zur Geltung. An seinen Füßen sind schwarze Pantoffeln. Zufrieden registriere ich, dass die Farbe zu seinem T-Shirt passt. „Spinnst du? Was soll das denn?” blafft er mich an. Wütend hat er die Augenbrauen zusammengezogen, was eindeutig süß aussieht. Bevor ich etwas erwidern kann, taucht plötzlich ein Pfleger an unserem Tisch auf. Ich habe keine Ahnung, wo der auf einmal hergekommen ist. Der Blick des ganz in weiß gekleideten Mannes huscht aufgescheucht von dem Typen zu mir. „Was ist hier los? Was ist passiert?” fragt er uns hörbar alarmiert, während er missbilligend die Sachen auf dem Boden betrachtet. Der Pfleger interessiert mich nicht. Ich wende meinen Blick nicht von dem merkwürdigen Typen ab. Verwirrt spüre ich, dass sein Anblick mich noch immer seltsam beruhigt. Obwohl er mich gerade mit seiner überflüssigen Brötchenaktion ziemlich geärgert hat. Ich finde es schleierhaft, warum ihm dieser Essensscheiß so extrem wichtig war. 

„Ist schon gut. Das war nur ein Versehen”, behauptet der fremde Kerl hastig. Zu meinem grenzenlosen Erstaunen bückt er sich eilig und sammelt wahrhaftig mein auf dem Boden verstreutes Frühstück ein, wobei er sich sehr geschickt anstellt. Er legt alle Sachen rasend schnell auf das Tablett. Dann steht er wieder auf und stellt das Tablett zurück auf unseren Tisch. Entschuldigend lächelt er den misstrauisch guckenden Pfleger an. „Das tut mir leid. Ich war ziemlich ungeschickt”, nimmt der Fremde die ganze Schuld an dem Malheur auf sich, was mir wirklich zu hoch ist. Total verblüfft fixiere ich ihn, aber er schaut nicht zu mir hin. Seine Aufmerksamkeit liegt nun auf dem Pfleger. Ich kann nicht verstehen, was er hier macht, dass er mich vor dem Pfleger in Schutz nimmt. Das habe ich ganz bestimmt nicht erwartet. Eigentlich habe ich damit gerechnet, vom Personal zur Strafe in eine Gummizelle gesperrt zu werden oder so was. Ich weiß nicht, ob das wirklich passiert wäre. Ob diese Art von Bestrafung hier üblich ist. Auf jeden Fall aber gelingt es dem hilfsbereiten Fremden, diesen nervigen Pfleger, der zum Glück nichts von meinem Wutanfall mitgekriegt hat, von seinem angeblichen Missgeschick zu überzeugen. Nach ein paar weiteren Worten, die ich akustisch nicht verstehe, dreht der Pfleger sich schließlich um und verlässt uns. Er geht an einen anderen Tisch, der weiter weg von uns steht. Irgendwer braucht wahrscheinlich seine Hilfe. 

Amüsiert grinsend betrachte ich den süßen Typen, der unverändert neben dem Tisch steht. Sein unerwartetes Verhalten beeindruckt mich. Auch wenn ich seine rätselhafte Hilfsbereitschaft nicht verstehe, so bin ich ihm dennoch dankbar. Er hat mir meine verloren geglaubte Brille zurückgegeben. Allein dafür hat er schon einen Orden verdient. Und er sieht erstaunlich gut aus. Unbestreitbar hat er ein interessantes Gesicht. Zusätzlich hat er auch noch eine geile Figur, wie ich wohlwollend feststelle, als ich fasziniert seine ganze Gestalt anschaue. Der junge Mann verwirrt mich auf eine Art, die ich nicht kenne. Jetzt wirft er mir noch einen unglücklichen Blick zu. Ich möchte mich bei ihm bedanken, weil er gerade etwas eindeutig Nettes für mich getan hat. Schon wieder. Aber bevor mir die richtigen Worte einfallen, dreht er sich wortlos um und verlässt schnellen Schrittes den Speiseraum. Das wirkt auf mich so, als würde er plötzlich vor mir weglaufen. Misstrauisch blicke ich ihm nach. Ich kann sein Interesse an meiner Gesundheit nicht einordnen. Ich kann noch nicht mal sein Interesse an mir einordnen. Mir will nicht einleuchten, warum er mir auf so eine Art geholfen hat. Warum er den Aufpasser für mich angelogen hat. Womöglich ist er ein getarnter Pfleger, der mich überwachen soll, kommt mir ein beunruhigender Gedanke. Er soll sich vielleicht mein Vertrauen erschleichen. Deshalb auch die Aktion mit meiner Brille. Ich spüre, wie meine Paranoia Nahrung erhält. Hilflos schaue ich mich im Raum um. Plötzlich habe ich das Bedürfnis, auf der Stelle aufzuspringen und zu flüchten. Aber ich weiß, dass es hier keinen Ausgang für mich gibt. Mit einem Mal fühle ich mich erneut entsetzlich eingesperrt. Ich will nicht überwacht werden, von Niemandem. Und schon gar nicht will ich von irgendwem verarscht werden. Diesen seltsamen Typen kenne ich nicht, überlege ich verärgert. Wer weiß schon, was er in Wahrheit im Schilde führt.

4. Far from my home


Michael Kenji Shinoda

Gedankenversunken sitze ich allein am Fenstertisch vor meinem Tablett und mache mir mein Frühstück zurecht. So, wie ich es jeden Morgen um die gleiche Zeit tue, seit ich hier bin. Mit dem stumpfen Plastikmesser verteile ich Butter auf die Brötchen. Dann lege ich Wurst und Käse auf die Hälften. Danach nehme ich mir das Brot vor. Dabei behalte ich unentwegt die Eingangstür im Auge. Das ist eine Premiere für mich. Bisher habe ich beim Essen immer nur angespannt auf mein Tablett gestarrt und krampfhaft meine Umgebung ignoriert. In der drängenden Hoffnung, dass die anderen Menschen mich bloß in Ruhe lassen. Meistens haben sie das zum Glück auch getan. Aber jetzt schaue ich zum ersten Mal quer durch den Frühstückssaal zur Tür hin. Mein Herz ist aufgeregt, erwartungsfroh, seltsam lebendig. Es schlägt spürbar. Das fühlt sich sehr ungewohnt, aber nicht schlecht an, wie ich insgeheim zugeben muss. Ich denke darüber nach, was genau ich gleich am besten tun und sagen soll, wenn Chester hereinkommt. Wenn Chester sich an einen der Tische setzt, um zu frühstücken. Die Vorstellung macht mich nervös. Sie bringt meinen Herzschlag in Aufruhr. Ich beschließe, dann einfach zu ihm hinüberzugehen und ihm seine Brille zurückzugeben. Ich frage mich, wie dieser Fremde wohl darauf reagieren wird. Ich hoffe, dass er sich über seine Brille freut. Ich stelle mir vor, dass er mich vielleicht dankbar anlächelt. Ich wünsche mir, dass Chester nochmal lächelt. Zu gut erinnere ich mich an sein erstes Lächeln für mich. Das war in der letzten Nacht auf dem Flur. Als er gemerkt hat, wie aufmerksam ich seinem Gesang lauschte. Und jetzt bin ich ganz wild darauf, ihn nochmal lächeln zu sehen. 

Verdammt, ich habe ehrlich keine Ahnung, warum ich das so dringend will. Warum dieser fremde Typ mir nicht einfach am Arsch vorbeigeht. Es verwirrt mich. Ich verstehe das nicht. Und es macht mich ganz schön nervös. Allein der Gedanke, ihn gleich wiederzusehen, treibt meinen Puls in die Höhe. Mein Blick bewegt sich nicht von der Tür weg. Jedes Mal bin ich enttäuscht, wenn ein anderer Mensch als Chester den Saal betritt. Andauernd kommen andere Leute herein. Das gefällt mir nicht. Nachdenklich beiße ich in die fertige Brötchenhälfte. Ich kaue ganz langsam. Verblüfft stelle ich fest, wie gut dieses Brötchen schmeckt. Es ist knusprig und so frisch, dass es fast noch warm ist. Es sind Körner und schwarze Punkte in dem Teig. Vielleicht Chia oder so was. Schon sehr lange habe ich beim Essen nichts mehr empfunden. Ich habe einfach nur gegessen. Weil es von mir verlangt wurde. Nahrungsaufnahme war mir so egal wie alles andere. Aber heute Morgen kann ich plötzlich etwas schmecken. Meine Zähne mahlen sehr langsam. Bewusst zerkleinere ich die Speisen in meinem Mund. Ich schmecke die sahnige Butter. Registriere den Geschmack der Fleischwurst. Verdutzt steche ich den Strohhalm in das Tetrapack und nehme einen Schluck Orangensaft. Prompt fällt mir auf, wie lecker der Saft ist. Er schmeckt echt fruchtig und leicht säuerlich. Der Geschmack tanzt auf meiner Zunge. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten esse und trinke ich fast schon genüsslich. Seit ich hier bin, habe ich das noch nie getan. Die unverhofften, scheinbar lang vermissten Empfindungen stürzen förmlich auf mich ein. Diese unerwartete Sache verwirrt mich. Ich kann nicht begreifen, warum ich dieses Frühstück sogar irgendwie genieße. Schon tausendmal habe ich auf diesem Platz gesessen. Mir will nicht recht einleuchten, was genau sich so grundlegend geändert hat. 

Erneut schwingt eine der beiden Flügeltüren auf. Zwei Männer betreten den großen, von der Sonne hell erleuchteten Speisesaal. Einer der beiden trägt die weiße Kleidung des Pflegepersonals. Der andere Mann hat brünette Dreadlocks, die ihm bis auf die schmalen Schultern reichen. Schlagartig bin ich alarmiert. Stocksteif sitze ich dort und fixiere angestrengt die beiden Personen. Als ich Chester zweifelsfrei erkenne, zucke ich erschrocken zusammen. Mein Herz stolpert. Erleichtert blase ich Luft aus. Es freut mich mehr, als ich mir selbst eingestehen will, dass der neue Patient, auf den ich schon so lange warte, tatsächlich hierhergekommen ist. Unwillkürlich heften meine Augen sich an die vertraute Gestalt. Chester steht neben Pfleger Ulrich an der Tür und blinzelt erstaunt in den Saal hinein. Er kneift die Augen zusammen, weil er ohne seine Brille nicht gut sehen kann, wie ich schmunzelnd bemerke. Deshalb kann er mich auf diese Entfernung auch nicht erkennen. Automatisch tastet meine Hand sich zu meiner hinteren Hosentasche, wo ich seine Brille versteckt habe. Ich kann es nicht erwarten, sie ihm endlich zurückzugeben. Er wird sich darüber freuen, hoffe ich schon wieder. Chester wird mich sicher dankbar anlächeln. Spontan beschließe ich, lieber zu warten, bis der neue Typ allein ist, bevor ich zu ihm gehe. Obwohl mir das Warten schwerfällt. Aber ich weiß, dass Pfleger Ulrich sich womöglich über Chester oder mich lustig machen würde. Ich kenne Ulli ziemlich gut. Vielleicht würde er irgendwelche spöttischen Kommentare abgeben, wenn ich jetzt mit der Brille da auftauche. Das könnte ich nicht ertragen. Weil die verdammten Pfleger das nämlich nichts angeht, was zwischen Chester und mir passiert. Am besten sollen die gar nichts davon mitkriegen. Sonst würden die das doch nur sofort analysieren wollen. So wie sie ständig alles und jeden hier analysieren. 

Ich werfe Ulrich einen grimmigen Blick zu. Dann richte ich meine Aufmerksamkeit zurück auf den anderen Mann. Aufgeregt beobachte ich den Kerl, auf den ich schon so lange gewartet habe. Mit einem widersinnig warmen Gefühl im Bauch stelle ich fest, dass Chester noch genauso aussieht, wie in meiner Erinnerung. Der höchst begabte Sänger trägt wahrhaftig die gleichen Klamotten wie in der letzten Nacht, als ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. Das blaue Hemd mit dem komischen Schmetterlingskragen. Die farblich zum Hemd passenden Chucks und die hellgraue Chinohose. Inzwischen sehen seine Sachen allerdings zerknittert aus. Als hätte er darin geschlafen. Offensichtlich hat er sich seit gestern nicht umgezogen. Ich frage mich, ob Chester keine andere Kleidung hat, oder ob es ihm nur egal ist. Vielleicht interessiert es ihn nicht, wie er hier herumläuft. Das könnte ich gut verstehen. Bis heute Morgen ist es auch mir immer gleichgültig gewesen. An diesem deprimierenden Ort spielt es einfach keine Rolle. Plötzlich fällt mir auf, dass Chester sein Hemd nicht zugeknöpft hat. Der Typ trägt es wahrhaftig offen. Darunter lugt ein weißes Unterhemd hervor. Aus irgendeinem unsinnigen Grund finde ich das sofort ziemlich aufregend. Neben dem breiten, großen Pfleger wirkt Chester ziemlich schmächtig, obwohl er gar nicht so viel kleiner als Ulli ist. Pfleger Ulrich hat den neuen Patienten zum Frühstücksraum begleitet. Zweifellos hat er die Aufgabe, dem Neuankömmling alles zu zeigen. Jetzt gehen die beiden zu den Rollwagen. Ulrich spricht leise auf Chester ein. Ich kann mir denken, dass er ihm die Sache mit den Tabletts und den Namensschildern erklärt. 

Hastig schlinge ich den Rest meines Frühstücks hinunter. Unentwegt behalte ich dabei den Sänger im Auge. Ich bin zu nervös, um die Speisen jetzt noch zu genießen. Weil ich schnell fertig werden will. Ich muss bereit sein, sobald Chester alleingelassen wird. Dann werde ich nämlich unverzüglich zu ihm hingehen. Gleich werde ich dem fremden, putzig halbblinden Kerl seine Brille zurückgeben. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Als mir das bewusst wird, macht mein Herz einen freudig erregten Hüpfer. Ulrich hat Chesters Tablett herausgesucht und dirigiert seinen Schützling zu einem leeren Tisch in der Raummitte. Der fremde Typ setzt sich auf einen der vier Holzstühle. Pfleger Ulli stellt das Tablett vor den Schmächtigen auf den Tisch. Dann nimmt er direkt neben ihm Platz. Das gefällt mir nicht. Ungeduldig warte ich darauf, dass der Überflüssige endlich abhaut. Aber noch immer spricht der Pfleger leise mit dem Patienten. Chester wirkt allerdings uninteressiert. Fast sieht er genervt aus. Als würde er Ulli nur widerwillig zuhören. Scheinbar will Chester genau wie ich, dass der Pfleger endlich geht. Das gefällt mir so gut, dass mir richtig warm wird und sich unbemerkt ein breites Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet. Als ich es bemerke, bin ich total verblüfft. Es fühlt sich fremd an. Schon seit Ewigkeiten habe ich nicht mehr gelächelt. Hier in der geschlossenen Psychiatrie habe ich definitiv noch niemals gelächelt. Nicht mal ansatzweise. Genaugenommen wusste ich schon gar nicht mehr, wie sich so etwas überhaupt anfühlt. Aber jetzt scheint es ziemlich angenehm zu sein. 

Plötzlich steht Ulrich auf. Er klopft Chester beruhigend auf die Schulter. Dann verlässt der Pfleger gemächlichen Schrittes den Speisesaal. Im ersten Moment kann ich es nicht fassen, dass der fremde Kerl wahrhaftig allein am Tisch sitzt. Entgeistert starre ich ihn an. Mein Herz bompert plötzlich wie verrückt los. Ich bin extrem aufgeregt. Total von der Rolle. Weil ich es nicht erwarten kann, diesem dünnen Typen sein Eigentum zurückzugeben. Langsam wird mir klar, dass ich mich wie irre auf sein dankbares Lächeln freue. Ich freue mich darauf, endlich seine Stimme zu hören. Ich möchte dringend hören, wie seine Stimme klingt, wenn er nicht singt. Weil nämlich letzte Nacht auf dem Flur sein Gesang ohne Frage etwas absolut Faszinierendes hatte. Da war ein besonderer Klang in Chesters Stimme. So eine unglaubliche Intensität, die ich vorher noch nie gehört habe. Und ganz bestimmt werde ich sie nie wieder vergessen. 

Etwas stimmt nicht mit mir, denke ich auf einmal verstört. Diese Sache geht mir entschieden zu nahe. So wie jetzt habe ich mich noch nie gefühlt. Schließlich ist es doch nichts Besonderes, jemandem seine Brille zurückzugeben. Nur bei Chester scheint das völlig anders zu sein. Dabei ist mir noch nicht mal klar, was genau an diesem unbekannten Kerl so dermaßen aufregend sein soll. Pausenlos liegt mein Blick auf ihm. Er starrt sein Tablett an und lacht irgendwie verzweifelt. Dann rutscht er plötzlich auf dem Stuhl nach hinten und legt seine Stirn auf die Tischkante. Mit gesenktem Kopf sitzt er völlig reglos dort. Die Dreadlocks verdecken vollständig sein Gesicht. Er ist müde, vermute ich voller Mitgefühl. Bestimmt hat er in der letzten Nacht nicht gut geschlafen. Schließlich war es doch seine erste Nacht an diesem frustrierenden Ort. Und er ist zwangsweise hier eingeliefert worden. Das hat ihm sicher nicht gefallen. Ich versuche mich zu erinnern, wie meine erste Nacht hier gewesen ist. Aber ich weiß es nicht mehr. Ich erinnere mich nicht. Das ist alles viel zu schnell gegangen. Ich habe das gar nicht richtig mitgekriegt. Und nun scheint es schon Jahre her zu sein, seit ich in der Psychiatrie eingesperrt wurde. Damals ist mir alles egal gewesen. Jetzt nicht mehr. 

Kurzentschlossen stehe ich auf, nehme mein Tablett und bringe es folgsam zurück zu den Rollwagen. Ich stelle das Tablett zurück in eine der Schienen, genau wie es verlangt wird. Dann drehe ich mich herum und werfe einen nervösen Blick auf Chester. Zum Glück ist er noch immer allein an diesem Tisch in der Raummitte. Unverändert hat er seine Stirn auf der Tischkante abgelegt. Seine Hände hat er beide in den Bauch gepresst, als hätte er große Schmerzen. Aber er bewegt sich gar nicht. Der seltsame Typ sitzt vollkommen bewegungslos dort. Als wäre er tot. Oder zumindest eingeschlafen. Behutsam gehe ich auf ihn zu. Ich mache einen langsamen Schritt nach dem anderen. Dabei beobachte ich ihn aufmerksam. Fieberhaft grübele ich darüber nach, wo ich mich jetzt am besten hinsetzen soll. Sich einfach auf den Stuhl ziemlich dicht neben ihm zu setzen, erscheint mir irgendwie zu aufdringlich zu sein. Also entscheide ich mich für den Platz ihm gegenüber. 

Es fühlt sich an, als würde mein Herz aus meiner Brust springen, als ich mich kurzerhand zu Chester an den Tisch setze. Lautlos schiebe ich den leeren Holzstuhl zurück und nehme Platz. Dann sitze ich dort und schaue ihn an. Die Umgebung verstummt in meiner Wahrnehmung. Obwohl es in diesem Speisesaal mittlerweile ziemlich voll und daher auch viel zu laut geworden ist, kann ich davon so gut wie nichts mehr hören. Ich sehe nur noch Chester. Ich kann es nicht fassen, dass er mir gegenüber am selben Tisch sitzt. Verdammt, ich habe mich nach ihm gesehnt, wird mir höchst irritiert klar. Ich habe mich wahrhaftig nach einem Typen gesehnt. Das ist dermaßen absurd, dass es gar nicht wahr sein kann. Aber meine Gefühle sind recht eindeutig. Auch wenn ich sie in keinster Weise verstehen kann. Das passiert mir zum ersten Mal in meinem Leben. Noch niemals vorher habe ich einen anderen Mann auf diese Art angesehen. Mit diesem warmen Gefühl im Bauch. Mit so einer Zuneigung. Ich verstehe nicht, was genau mich an Chester so anzieht. Schließlich kenne ich ihn gar nicht. Auf dem Flur bin ich ihm zum ersten Mal begegnet. Das ist gerade mal ein paar Stunden her. Es kann doch nicht nur seine einzigartige Stimme sein. Obwohl die mich in der letzten Nacht zweifelsfrei schlagartig aus meiner Lethargie gerissen hat. Aber nein, da ist noch etwas anderes an diesem fremden Kerl, was mich magnetisch anzuziehen scheint. Allerdings habe ich keine Ahnung, was genau das sein könnte. 

Reglos sitze ich dort, gucke ihn an und fühle mich eigenartig zufrieden damit. Erst mit Verzögerung wird mir bewusst, dass ich mich in diesem Moment wohlfühle. Und das scheint tatsächlich nur daran zu liegen, weil Chester mir nahe ist. Interessiert betrachte ich ihn. Er hat die Stirn auf den Tisch gelegt, sodass ich nur seinen dunklen Scheitel und die Dreadlocks sehe. Ich kann es nicht erwarten, sein Gesicht wiederzusehen. Ich möchte seine braunen Augen sehen. Ich will seinen dunklen Blick auf mir spüren, der in meiner Erinnerung wie Feuer war. Geduldig warte ich darauf, dass der seltsame Typ sich endlich wieder aufrichtet. Seine komische Sitzposition muss doch mit der Zeit total unbequem sein. Die kann er sicher nicht ewig so beibehalten. Mit klopfendem Herzen denke ich darüber nach, ihn jetzt einfach anzusprechen. Aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich habe keine Ahnung, wie er darauf reagieren würde. Und eigentlich möchte ich ihn lieber nicht stören. 

Plötzlich bewegt er sich ein bisschen. Sofort bin ich alarmiert. Er rutscht kaum merklich, aber unruhig auf seinem Stuhl herum. Chester stöhnt leise und presst seine Hände in den Bauch. Anscheinend reibt er die Finger nervös aneinander. Obwohl ich das von meinem Platz aus nicht genau sehen kann, weil es unter dem Tisch passiert. Seine spürbare Unruhe gefällt mir nicht. Ich glaube ihm anzumerken, dass er sich unwohl fühlt. Anscheinend geht es ihm nicht gut. Womöglich hat er tatsächlich Schmerzen, fürchte ich voller Mitgefühl. Abrupt hebt Chester den Kopf, richtet sich auf und öffnet die Augen. Ich kann meinen Blick nicht von ihm nehmen. Mein Herz bleibt nochmal stehen. Erschrocken zuckt er zusammen und starrt mich entsetzt an. Es ist offensichtlich, dass er nicht damit gerechnet hat, dass zwischenzeitlich jemand an seinem Tisch sitzt. Ich habe ihn überrascht. Das scheint ihm nicht zu gefallen. Sein Gesicht ist abweisend. Er ist genervt. Aber etwas anderes schockiert mich viel mehr. Chester sieht krank aus. Um seine Augen sind dunkle Schatten. Als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Seine Pupillen sind so groß, dass seine dunkelbraunen Augen pechschwarz wirken. Schwarze Höhlen in einem schmalen, blassen Gesicht. Sie sind gerötet. Als hätte er stundenlang geweint. Schweiß steht auf seiner hohen Stirn, auf der sich die Tischkante als schmaler, roter Balken abgedrückt hat. Er blinzelt mich kurzsichtig an. Anscheinend sieht er mich nur unscharf. Eine Weile mustern wir uns schweigend. Es betrübt mich, dass Chester so krank aussieht. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich möchte wissen, was mit ihm los ist. Sofort will ich etwas für ihn tun, damit es ihm besser geht. Das verstehe ich nicht. In meiner Wahrnehmung sind wir plötzlich ganz allein in diesem großen Speisesaal. Nur Chester und ich. Zwischen uns steht der weiße Holztisch. Sein Tablett steht auf der Tischplatte. Er hat es nicht angerührt. Meine Brust wird eng. Ich muss nach Luft ringen. Das Schweigen wird blöd. Langsam muss ich etwas sagen. Aber mein Kopf ist total leer. Mir fallen die Worte nicht mehr ein, die ich mir so ausführlich zurechtgelegt hatte. Chesters kranker Zustand erschreckt mich. Ich will nicht, dass es ihm so schlecht geht. Das kann ich kaum ertragen. 

„Ich habe deine Brille gefunden”, teile ich ihm leise mit. Meine Hoffnung, dass er sich darüber freut, ist jetzt noch viel größer geworden. Chester soll sich über seine Brille freuen. Es scheint mir extrem wichtig zu sein, dass er einen Grund zur Freude hat. Der arme Kerl sieht furchtbar gequält aus. Das halte ich nicht länger aus. Dringend möchte ich ihn lächeln sehen. „Was?” entfährt es ihm verblüfft. Schlagartig habe ich seine ganze Aufmerksamkeit. Das amüsiert mich. Es freut mich, dass ich etwas für ihn tun kann, was ihm gefallen wird. Das fühlt sich gut an. Lächelnd greife ich in meine hintere Hosentasche und hole die Brille mit den schwarzen Plastikbügeln heraus. Langsam strecke ich meinen Arm über den Tisch und zeige ihm sein Eigentum. Sofort richtet sich seine Konzentration auf den Gegenstand in meiner Hand. Er hat wirklich keine Ahnung, dass ich seine Brille aufgehoben habe, registriere ich verdutzt. Scheinbar hat er letzte Nacht auf dem Flur davon nichts mitgekriegt. Vielleicht weiß er nicht einmal, wo er seine Sehhilfe verloren hat. Gerührt betrachte ich mein Gegenüber. Schlagartig ist Chester glücklich. Sein Gesicht erstrahlt nahezu blitzartig, als er seine Brille erkennt. Eilig schnappt er sich das Teil und begutachtet es von allen Seiten. Zweifellos freut Chester sich riesig. Und das macht mich wiederum glücklich. Es verblüfft mich, wie groß, wie umfassend mein Glücksgefühl ist. Das angenehm warme Gefühl in meinem Bauch kehrt zurück, während ich ihn selig beobachte. Er klappt die schwarzen Bügel auf und setzt sich die Brille unverzüglich auf seine schmale Nase. Sie steht ihm verdammt gut. 

„Wo hast du sie gefunden?” fragt er mich, während er das Gestell nochmal abnimmt und die fettigen Gläser mit dem unteren Rand seines blauen Hemdes sauber reibt. Dadurch öffnet sich sein Hemd noch ein bisschen mehr. Irritiert schaue ich auf sein schneeweißes Unterhemd. Auf einmal regt sich irgendwas in mir. Mein Herz schlägt härter. Ich frage mich, warum Chester sein Hemd nicht zugeknöpft hat. Ich verstehe nicht, warum mich der Anblick seines Unterhemdes so nervös macht. Für einen Moment wünsche ich mir, er würde sich beide Hemden auf der Stelle ausziehen. Hastig schaue ich in sein Gesicht. Er hat die Brille wieder aufgesetzt und begutachtet mich interessiert. In seinem Kopf scheint es zu arbeiten. Chester überlegt. Ich frage mich, ob er mich vielleicht erkennt. Ob er sich daran erinnert, dass wir uns in der Nacht schon einmal begegnet sind. Auf dem Flur. Als er für mich gesungen hat. Und ich ihm gebannt zugehört habe. Aber vielleicht war er auch zu betrunken und erinnert sich deshalb nicht an mich. Ich weiß es nicht. Mein Kopf ist schon wieder seltsam leer. Ich möchte unbedingt, dass Chester sein blaues Hemd auszieht. Er soll auch sein Unterhemd ausziehen. Ich möchte seine nackte Brust sehen. Dieser Gedanke schockiert mich.

„Sie lag auf dem Boden. Du hast sie heute Nacht im Flur verloren, als...”, erkläre ich eilig und breche verwirrt ab. Konzentriert studiere ich den fremden Typen. Ich muss herausfinden, ob er mich erkennt. Ob er sich an mich erinnert. Ich kapiere nicht, warum ich das so dringend will. Warum mir das so wichtig ist. Er grinst mich amüsiert an. Verlegen weiche ich seinem glühenden Blick aus. Plötzlich bin ich total verwirrt. Mein Herz klopft zu schnell. Ich weiß gar nicht mehr, was ich jetzt tun oder sagen soll. Chesters Nähe wühlt mich auf eine Art auf, die ich mir nicht erklären kann. „Danke schön!” höre ich Chester und möchte am liebsten vor Glück weinen. Weil er mir tatsächlich dankbar ist. Weil ich ihm etwas Gutes tun konnte. Weil er sich freut und jetzt nicht mehr so schrecklich gequält aussieht. Weil ich zusammen mit ihm an einem Tisch sitze und mit ihm reden kann. Seine ungewohnte Stimme ist sehr angenehm. Außergewöhnlich glasklar, nicht zu dunkel, mit einem sanften Klang. Sein Sprechen hört sich harmonisch an, genau wie sein fantastischer Gesang. Ich will unbedingt, dass Chester nochmal für mich singt. „Kein Ding...”, winke ich ab und schaue ihn wieder an. Plötzlich fällt mir auf, wie verdammt gut er aussieht. Sein Gesicht ist fein geschnitten, mit gerader Nase und leicht geschwungenen Augenbrauen. Seine Lippen sind rot und ziemlich schmal. Die Unterlippe ist ein wenig breiter. Er hat dunkle Bartstoppeln über der Oberlippe, am Kinn und an den Wangen. Offensichtlich hat er sich länger nicht rasiert. Seine tiefgründigen, dunkelbraunen Augen leuchten mich durch die Brillengläser auf eine dermaßen besondere Art interessiert an, dass ich unwillkürlich davon gefesselt werde. Chester lächelt. Gott im Himmel! Er lächelt mich wahrhaftig an! Darauf habe ich doch schon die ganze Zeit gewartet. Gehofft und gewartet. Wie ein Idiot. Denn Chesters warmes Lächeln ist einfach nur wunderschön. Es kann sein, dass mein Herz diesmal komplett stehenbleibt. Zumindest für ein paar Sekunden. 

„Du kannst gut singen”, stehlen sich die Worte leise aus mir heraus, ohne das ich sie vorher auch nur bemerkt hätte. Sofort bin ich erschrocken. Ich hatte wirklich nicht vor, ihm ausgerechnet das mitzuteilen. Diese Aussage ist von Mann zu Mann total seltsam. Womöglich hält er mich jetzt deswegen für völlig durchgeknallt. Aber Chester lächelt noch breiter. Das fasziniert mich dermaßen, dass ich ihn nur noch gebannt betrachten kann. „Danke schön!” wiederholt er spürbar geschmeichelt. Es freut mich, dass mein unbeholfenes Lob ihm gefällt. Obwohl es mir nur ungewollt herausgerutscht ist. Trotzdem habe ich es ehrlich gemeint. Und ich habe bestimmt nicht übertrieben, im Gegenteil. Chester kann nicht nur gut singen. Er singt einfach ganz fantastisch. Letzte Nacht hat sein Gesang sich blitzartig bis in meine Seele gemogelt. Zu diesem Zeitpunkt konnte mich schon sehr lange nichts anderes mehr erreichen. Nur Chester hat das geschafft. Und zwar so leicht und schnell, dass ich davon noch immer vollkommen überwältigt bin. Fast bin ich versucht, ihn zu bitten, jetzt sofort etwas für mich zu singen. Aber das wäre wohl ziemlich merkwürdig. Bestimmt hat er heute Morgen auch gar keine Lust dazu. Das bedauere ich sehr. Ich kann es nicht erwarten, ihn nochmal singen zu hören. Ich möchte so bald wie möglich nochmal spüren, wie sein faszinierender Gesang sich tief in meine Seele gräbt. Wie seine sanfte, glasklare Stimme sich ein weiteres Mal wie ein warmer, tröstender Hauch um meine innere Traurigkeit legt. Ich will die berührenden Wörter hören, die aus meinem eigenen Inneren emporgestiegen scheinen. Und ich möchte diese unglaubliche Energie in seiner Stimme hören, die mir eine magische Kraft zu verleihen scheint. Ganz genau so war es letzte Nacht auf dem Flur. Als Chester mich angelächelt und für mich gesungen hat. Daran erinnere ich mich deutlich. Diese unerwartete Begegnung werde ich nie wieder vergessen. Allein die Erinnerung daran macht mich total zappelig. 

„Deine Frisur ist toll”, sagt Chester unvermittelt zu mir. Der Typ lächelt belustigt. Sein blasses, schmales, verschwitztes Gesicht strahlt vor Heiterkeit. Seine braunen Augen leuchten zufrieden. Es macht ihm Spaß, mit mir zu reden. Das kann ich kaum verarbeiten. Es trifft mich wie ein Schlag, dass Chester meine sorgfältig hergestellte Frisur aufgefallen ist. Er ist der erste Mensch seit langer Zeit, der mich aufmerksam genug angesehen hat, um mein neues Styling zu bemerken. Niemanden sonst hat es auch nur interessiert, dass ich heute Morgen zum ersten Mal, seit ich hier bin, das Gel benutzt habe. Dass ich mir vor dem Spiegel echte Mühe gegeben habe, um eine geile Frisur zu basteln. Nur dieser völlig fremde Mann hat das gemerkt. Chester hat meine Veränderung registriert. Und das bringt mich vor Erstaunen und Glück beinahe um. „Das ist dir aufgefallen?” krächze ich baff und fasse mir nervös in die Haare. Das Gel fühlt sich klebrig an. Mein dichtes, schwarzes Haar steht schön nach oben ab. Eigentlich ist es mittlerweile schon zu lang dafür geworden. Darum war das Styling nicht leicht. Aber trotzdem habe ich es genauso hingekriegt, wie ich es haben wollte. Früher bin ich oft so herumgelaufen. Zu Hause hat es gut zu meinen Hip Hop Allüren gepasst. Zusammen mit den richtigen Klamotten natürlich. „Heute Nacht warst du noch nicht so stachelig”, neckt Chester mich derart liebenswürdig, dass mir ganz heiß wird. Meine Brust wird eng. Aufgeregt schnappe ich nach Luft. Weil die Erkenntnis mich blitzartig trifft, dass Chester unsere nächtliche Begegnung vor ein paar Stunden keineswegs vergessen hat. Der Typ mit dem seltenen Namen erinnert sich an mich. Chester weiß noch, dass er auf dem viel zu hellerleuchteten Flur allein für mich gesungen hat. Ihm ist völlig klar, dass ich es war, der ihm dabei paralysiert zugehört hat. Chester erinnert sich an mich, obwohl er zu diesem Zeitpunkt meiner Meinung nach ziemlich betrunken war. 

Auf einmal möchte ich den fremden Kerl dringend berühren. Dieses Begehren überschwemmt mich förmlich schlagartig, wie aus dem Nichts. Meine Augen heften sich gierig auf den Menschen, der mir direkt gegenüber am Tisch sitzt. Ich möchte sein hübsches, irgendwie zartes Gesicht erfühlen. Ihm dankbar über die Wange streicheln. Die hohen Wangenknochen ertasten. Mit den Fingern den Schwung seiner Ohrmuscheln nachmalen, die auf bezaubernde Weise ein wenig abstehen. Weil er sich an mich erinnert. Weil er mich nicht vergessen hat. Vielleicht hat er mich sofort wiedererkannt, weil es ihm etwas bedeutet hat, dass ich ihm zugehört habe. Genauso, wie es mir jede Menge bedeutet hat. Sogar viel mehr, als ich jemals erklären könnte. Plötzlich sehne ich mich wie verrückt nach Chesters unmittelbarer Nähe. Ich verfluche den weißen Holztisch zwischen uns, der verhindert, dass ich ihn einfach in meine Arme schließen kann. Sehr dringend möchte ich diesen neuen Patienten umarmen. Ich möchte ihm zeigen, wie glücklich er mich macht. Chester macht mich glücklich. Mein Dank dafür, dass er mich aus meiner grauen Teilnahmslosigkeit gerissen hat, ist viel größer, als ich selbst begreifen kann. Größer, als ich jemals ausdrücken könnte. Seit ich ihn zum ersten Mal auf dem Flur gehört habe, fühle ich plötzlich so viel. Ich nehme so viele Dinge völlig neu wahr, dass ich davon total überflutet werde. Obwohl es mir Angst macht, es ungewohnt, anstrengend und nervenaufreibend ist. Obwohl ich mir noch längst nicht sicher bin, ob mir diese Kehrtwendung meines Empfindens überhaupt gefällt, so bin ich tief drinnen trotzdem dankbar dafür. Allerdings checke ich nicht, dass ich diesen seltsamen Typen wahrhaftig anfassen will. Der heftige Drang erschreckt mich enorm. So etwas ist mir noch nie passiert. Noch niemals wollte ich einen anderen Menschen so dringend berühren. Ich kapiere nicht, was genau an Chesters einnehmend freundlichem Wesen mich dermaßen mächtig anzieht. In diesem Moment will ich nichts auf der Welt lieber tun, als selbst zu erfahren, wie sich seine blasse Haut anfühlt. 

„Deine Frisur ist auch nicht schlecht!” teile ich dem Brünetten hastig mit, um mich von diesen bestürzenden Gedanken abzulenken. Chester lächelt zum Niederknien. Mit einer überraschend grazilen Bewegung streicht er sich seine Dreadlocks aus dem Gesicht. Das erregt mich irgendwie. Verblüfft schaue ich dabei zu, wie seine dünnen Finger langsam durch die dunklen Locks streichen. Mein Herz schlägt härter. Ich habe keine Ahnung, was mit mir passiert. Chesters Anwesenheit macht mich zunehmend nervös. Mein Bedürfnis, diesem Patienten noch sehr viel näher zu kommen, scheint kontinuierlich anzuwachsen. Das kann ich wirklich nicht verstehen. Meine Nervosität gefällt mir nicht. Das hier nimmt eine aufwühlende Intensität an, die ich nicht vorhergesehen und auch bestimmt nicht erwartet habe. Eigentlich wollte ich dem fremden Kerl doch lediglich seine verlorene Brille zurückgeben. Aber jetzt möchte ich wahrhaftig aufstehen, zu ihm hingehen und ihn küssen. Irgendwas an Chester zieht mich magnetisch an. Absolut fasziniert betrachte ich ihn. Sein Gesicht ist trotz dem roten Tischabdruck auf der Stirn, der langsam verblasst, einfach nur wunderschön. Seine Schultern sind nicht allzu breit. Die Arme lang und dünn. Sein Körper ist sehr wohlproportioniert, aber zu schmächtig. Er ist blass und sieht noch immer krank aus. Meine Gesellschaft muntert ihn scheinbar auf, was mich ungeheuer freut. Unwillkürlich stelle ich mir vor, meine Lippen auf seine hübsch geschwungenen zu drücken. Ich möchte an seiner roten Unterlippe knabbern. Mit meiner Zunge sanft seinen verlockenden Mund erforschen. Ich will mit meinen Fingern zärtlich durch seine wilden Dreadlocks fahren. 

Schockiert von diesen absolut hirnrissigen Wünschen atme ich scharf ein. Verdammt, das kann doch nicht wahr sein! Noch nie in meinem Leben hatte ich derartige Gedanken bei einem anderen Mann. Das ist der größte Schwachsinn, den ich mir je vorgestellt habe. Du verwechselst da was, Mike Shinoda, schimpfe ich innerlich mit mir. Du bist dem Fremden dankbar, weil er es irgendwie geschafft hat, dich aus dem grauen Nichts zu retten. Aber deswegen willst du doch diesen Kerl nicht anfassen oder sogar auf den Mund küssen! Du kennst den doch gar nicht und hast keine Ahnung, warum er hier ist. Das hier ist die geschlossene Psychiatrie, vergiss das nicht. Du bist ausgehungert, Mike, versuche ich panisch, eine Erklärung für meine eigenen Begierden zu finden. Verärgert rede ich mir ein, dass ich einfach nur zu lange keine Frau mehr gefickt habe. Vielleicht muss ich mir lediglich mal einen runterholen, überlege ich verwirrt. Dieser Gedanke macht mich irgendwie ganz kribbelig. Mir wird klar, dass ich mich schon seit Ewigkeiten nicht mehr angefasst habe. Ich hatte keinerlei Interesse daran. Mein Körper oder irgendwelche Gefühle waren mir vollkommen gleichgültig. Das alles spielte in meinem Leben überhaupt keine Rolle mehr. Mike Shinoda hatte sich für eine lange Zeit aus der Welt zurückgezogen. In meinem dunklen Desinteresse war ich sicher. Nichts hat mich berührt. Ich musste mir keine Gedanken machen. Aber letzte Nacht hat dieser fremde Kerl, der mir direkt gegenüber am Tisch sitzt, mir diesen Schutzwall plötzlich weggerissen. Darauf war ich in keinster Weise vorbereitet. Auf einmal bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich das überhaupt so haben will. Meine Gedanken wirbeln zu wild in meinem Kopf. Sie überschlagen sich, sodass ich für einen Moment komplett den Faden verliere. Dringend muss ich mich von diesem verwirrenden Scheiß ablenken. 

„Willst du denn gar nichts essen?” frage ich Chester spontan verzweifelt und deute auf sein unberührtes Tablett. Der neue Patient hat genau die gleichen Speisen bekommen, die ich vorhin gegessen habe. Wenn man auf dieser Station etwas anderes frühstücken will, kann man auch Cornflakes, Müsli, Milch, Joghurt oder so was kriegen. Es gibt so ziemlich alles, außer Kaffee. Allerdings muss man das vorher anmelden. Man muss eine konkrete Bestellung aufgeben. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, das zu tun. Weil es mir völlig egal war, was man mir zum Essen vorsetzte. Hat mich nie interessiert. Aber jetzt macht es mir plötzlich Sorgen, dass Chester offenbar nicht vorhat, sein Frühstück auch nur anzurühren. Das kann nicht gut sein. Der arme Kerl sieht doch sowieso viel zu dünn aus. Als hätte er schon lange zu wenig gegessen. An diesem Morgen wirkt Chester sogar auf mich, als würde er jeden Moment vor Schwäche zusammenklappen. Das beunruhigt mich zunehmend. Ich möchte nicht, dass es ihm schlecht geht. Nicht nur, weil er unbedingt für mich singen soll. Aber auch zum Singen braucht man Kraft, denke ich traurig. 

Chester blickt kurz auf sein Tablett und schüttelt angewidert den Kopf. „Und was ist mit dir?” fragt er und zeigt mir mit einer aggressiven Handbewegung, dass kein Tablett vor mir steht. Belustigt erwidere ich: „Doch, ich habe schon gegessen.” Das stimmt. Tatsächlich fühle ich mich satt und deshalb irgendwie zufrieden. Ich denke daran, dass dieses Frühstück überraschend wohlschmeckend für mich war. Heute habe ich zum ersten Mal bewusst etwas zu mir genommen, seit ich hier bin. Chester dagegen reagiert ein wenig genervt auf meinen Hinweis, was ich nicht einordnen kann. „Ich habe keinen Hunger”, erklärt er mir abwehrend. Aus irgendeinem Grund kann ich das nicht so einfach hinnehmen. „Vielleicht solltest du es trotzdem mal versuchen. Das Essen hier ist meistens gar nicht so schlecht”, will ich ihn überreden. Einladend deute ich auf sein Tablett. In Wahrheit kann gar nicht beurteilen, wie in der Psychiatrie die Qualität der Speisen ist. Schließlich habe ich bis heute Morgen einfach nur jedes Mal das Zeug in mich reingesteckt. Weil es so von mir verlangt wurde. Ohne irgendwas dabei zu schmecken. Es war mir egal. Ich habe keine Ahnung, ob man das Essen hier als gut bezeichnen kann. Aber jetzt möchte ich unbedingt erreichen, dass Chester von seinem Brötchen abbeißt. Es irritiert mich, wie dringend ich will, dass der fremde, dünne Kerl etwas zu sich nimmt. Eigentlich könnte mir das vollkommen egal sein. Aber zweifellos hat der fremde Patient etwas an sich, was mich eigenartig tief berührt. Das ist längst nicht nur seine ungewöhnlich wohlklingende Stimme. Langsam verstehe ich, dass Chester jemand ist, um den ich mich gerne kümmern würde. Ich habe sogar das Gefühl, das ich mich dringend um diesen Menschen kümmern muss. Es geht ihm nicht gut, und ich kann das vielleicht ändern. Ich möchte das beileibe ändern. Verwirrt wird mir klar, dass ich für Chester da sein möchte. Auch wenn ich ehrlich keine Ahnung habe, warum ich ausgerechnet so etwas bei seinem Anblick empfinde. 

Chester greift demonstrativ nach der kleinen Flasche Mineralwasser auf seinem Tablett und schraubt sie auf. Dann nimmt er einen großen Schluck. Betrübt fällt mir auf, dass seine Hände zittern. Außerdem registriere ich erschrocken seine Fingernägel. Sie sind so entsetzlich kurz. Seine Nägel sehen aus, als hätte er sie alle der Reihe nach bis aufs Blut abgekaut. Das macht mich traurig, als ich es sehe. Unwillkürlich stelle ich mir Chester vor. Wie er allein im Dunkeln in seinem Zimmer auf dem Bett liegt und nervös seine Fingernägel abkaut. Bestimmt hat er dabei fürchterlich geweint. Darum sind seine schönen Augen so gerötet. Der einsame Mann war letzte Nacht in seinem Zimmer total verzweifelt, weil es ihm nicht gefällt, dass er hier ist. Dieses Bild bricht mir das Herz. Chester schraubt die Flasche zu und stellt sie auf den Tisch. Seine Hände zittern sogar ziemlich schlimm. Das kann ich kaum ertragen. Er muss sich dringend stärken, denke ich besorgt, sonst bricht er womöglich vor Schwäche gleich zusammen. 

Spontan beuge ich mich vor und nehme eine von Chesters Brötchenhälften und das Messer von seinem Tablett. Sorgfältig bestreiche ich das Brötchen mit Butter. Weil ich nicht weiß, welche Wurst oder Käse er mag, greife ich kurzerhand zu der Marmelade. Ich nehme einfach mal an, dass er die Marmelade bestimmt mag. Der Typ beobachtet mich aufmerksam bei meiner Tätigkeit. Sein Blick ist seltsam starr. Unergründlich. Das macht mich ein wenig nervös. „Du solltest es wirklich versuchen, Chester!” bitte ich meinen Tischgefährten vorsichtig. Über die Tischplatte hinweg halte ich ihm die fertige Brötchenhälfte hin. Auffordernd lächele ich ihn an und warte darauf, dass er das ihm angebotene Essen annimmt. Schließlich meine ich es gut mit ihm. Bei der Zubereitung habe ich mir richtig Mühe gegeben. Hoffentlich habe ich für seinen Geschmack nicht zu viel Butter oder Marmelade genommen, befürchte ich verunsichert. 

Eine Weile schauen wir uns schweigend an. Zu meiner Bestürzung verändert sich Chesters Gesichtsausdruck. Der Mann mir gegenüber sieht zunehmend unzufrieden aus. Beinahe schon wütend. Seine dunklen Augen funkeln mich durch die Brillengläser vorwurfsvoll an. Offenbar gefällt es ihm nicht, dass ich das Brötchen für ihn zurechtgemacht habe. Meine Eigeninitiative scheint ihn sogar richtig sauer zu machen. Das verstehe ich nicht. Ich finde, dass ich gerade richtig doll nett zu ihm bin. Unaufgefordert habe ich ihm Arbeit abgenommen und sorge mich um seine Gesundheit. Abgesehen davon sollte dieser schmächtige, viel zu blasse Kerl mit den dunklen Augenrändern wirklich dringend etwas essen. Es macht mich verrückt, dass er das angebotene Brötchen nicht nimmt. Langsam komme ich mir blöd vor. „Bitte, beiß doch wenigstens mal ab. Du siehst aus, als könntest du etwas zu essen sehr gut vertragen”, fordere ich ihn schließlich seufzend auf. Mir ist nicht klar, warum er zögert. Warum er mein freundliches Angebot so demonstrativ ignoriert. Das wirkt auf mich, als würde er mein sorgsam zubereitetes Brötchen nur aus Trotz ablehnen. Als wäre er ein kleiner Trotzkopf. Einmal abbeißen ist doch nun wirklich nicht zu viel verlangt, denke ich leicht verstimmt. Das gebietet ja wohl schon die Höflichkeit. Er muss es doch zu würdigen wissen, dass ich dieses Brötchen extra für ihn gemacht habe. 

Tut Chester aber nicht. Stattdessen macht er plötzlich etwas, mit dem ich niemals gerechnet habe. Nie im Leben. Seine dunklen Augen weiten sich in einem abrupten Wutanfall. „Bedien dich ruhig!” lädt der unberechenbare Typ mich eindeutig zornig ein, „Nimm dir einfach, was du willst!” Gleichzeitig gibt er seinem Tablett einen kräftigen Schubs in meine Richtung. In seinem aggressiven Zorn stößt er das Tablett viel zu heftig. Es rutscht über den Rand des Tisches und landet scheppernd auf meinem Schoß, bevor ich reagieren kann. Vor Schreck fällt mir sein Brötchen aus der Hand. Erschrocken springe ich auf und starre den Trotzkopf entsetzt an. Weil ich aufstehe, fällt sein Frühstück von meinen Oberschenkeln lautstark zu Boden. Bestürzt schaue ich an mir herunter. Sofort muss ich überprüfen, ob meine Jeans oder mein T-Shirt, die ich beide erst heute Morgen frisch angezogen habe, womöglich jetzt voller Marmelade und Butter sind. Das könnte ich wirklich nicht ertragen. Wenn der Arsch meine Klamotten versaut hat, dann bringe ich ihn um! Aber zum Glück kann ich keine hässlichen Flecken auf der dunklen Baumwolle erkennen. Mein Blick schnellt zurück zu Chester. Was um Himmels Willen stimmt nicht mit diesem bekloppten Typen? Was ist sein scheiß Problem? Es entsetzt mich, wie aggressiv Chester mich angrinst. Wie sehr es ihn amüsiert, dass er mich mit seinem kindischen Angriff dermaßen schockieren konnte. Vor Enttäuschung zieht sich alles in mir zusammen. Er ist ein verdammter Psychopath, stelle ich geringschätzig fest. Bestimmt haben sie ihn hier eingesperrt, weil er seine sinnlosen Aggressionen nicht im Griff hat. So etwas kann ich auf den Tod nicht leiden. Ich mag keine Menschen, die andere zu ihrem Vergnügen angreifen. Damit will ich auf gar keinen Fall konfrontiert werden. 

„Spinnst du? Was soll das denn?” entfährt es mir entrüstet. Seine plötzliche und gewalttätige Aggressivität schüchtert mich mehr ein, als mir lieb sein kann. Strafend mustere ich den komischen Kerl. Er antwortet nicht, obwohl ich stumm nach einer Erklärung verlange. Es verwirrt mich total, wie zufrieden er plötzlich aussieht. Chester schaut mich völlig unverhohlen an. Nahezu genüsslich checkt er mich ab. Sein höchst interessierter Blick wandert langsam, wohlwollend über meinen ganzen Körper. Das kapiere ich nicht. Chester sieht aus, als hätte er schon vergessen, was er gerade erst vor einer Minute getan hat. Für ihn scheint es völlig unerheblich zu sein, dass er mir überaus zornig sein verfluchtes Tablett entgegengeschleudert hat. Der neue Patient hat seinen eigenen Wutanfall längst abgehakt. Jetzt mustert er mich nur noch freundlich. Chester sieht richtig friedlich aus, wie er mich ausführlich betrachtet. Womöglich ist er total verrückt, vermute ich verstört. Vielleicht wurde er deswegen gegen seinen Willen hier eingesperrt. Dieser Gedanke gefällt mir ganz und gar nicht. Ich fühle mich gekränkt und ungerechtfertigt angegriffen. So etwas hasse ich aus tiefstem Herzen. Das ist genau der Grund, warum ich mich bisher von allen Menschen hier so fern wie möglich gehalten habe. Es war ein Fehler, dem bekloppten Psycho seine Brille zurückzugeben, wird mir verbittert klar. Ich hätte seine blöde Brille lieber wegwerfen sollen. Er hat es gar nicht verdient, dass ich so freundlich zu ihm bin. Er weiß das nicht mal zu schätzen. Verärgert beschließe ich, dass Chester zweifellos vollkommen verrückt ist. Aber fuck, denke ich erschlagen, er sieht immer noch verdammt gut aus. Sein Lächeln kann Berge versetzen. 

„Was ist hier los? Was ist passiert?” mischt sich plötzlich Pfleger Patrick ein, der unerwartet neben mir auftaucht. Damit erschreckt er mich. Ich habe ihn nicht kommen sehen. Mit Chester am Tisch konnte ich die Umgebung fast vollständig ausblenden. Das war sehr angenehm. Aber nun hat sich alles geändert. Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich von dem fremden Kerl halten soll. Ohne Frage ist er unberechenbar. Das gefällt mir nicht. Ich mag es nicht, wenn ich Menschen so wenig einschätzen kann. Wenn ich mich nicht auf sie verlassen kann. Wenn sie ohne ersichtlichen Grund dermaßen aggressiv wie Chester werden können. Das ist mir viel zu anstrengend. Damit will ich mich nicht beschäftigen müssen. Ich habe Angst, dass Chester nochmal wütend auf mich wird, wenn ich dem Pfleger jetzt die Wahrheit sage. „Ist schon gut. Das war nur ein Versehen”, behaupte ich schneller, als ich denken kann. Auf gar keinen Fall möchte ich den Wahnsinnigen gegen mich aufbringen. Ich fürchte, dass er sonst womöglich immer wieder auf mich losgehen wird. Abgesehen davon ist es nicht meine Art, andere beim Personal anzuschwärzen. Pfleger Patrick guckt mich misstrauisch an. Es ist klar, dass er mir nicht glaubt. Höchstwahrscheinlich hat er sogar gesehen, was wirklich passiert ist. Aber ich hoffe, dass er jetzt einfach die Klappe hält. Panisch signalisiere ich ihm das mit meinen Augen. 

Dann bücke ich mich hastig und hebe Chesters verstreutes Frühstück vom Boden auf. Ich möchte nur noch aus dieser ungewollten und nicht selbst verschuldeten Lage heraus. Es behagt mir überhaupt nicht, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. So etwas habe ich bisher immer erfolgreich vermieden. In wilder Eile häufe ich Plastikgeschirr und Essen zurück auf das Tablett. Dann stehe ich auf und stelle das Tablett auf dem Tisch ab. Dafür brauche ich nicht mal eine Minute. Mein Herz klopft nervös. Diese Situation ist mir absolut zuwider. Ich mag es nicht, auf so eine Art im Mittelpunkt zu stehen. Sicherlich sind in diesem Saal inzwischen alle Augen auf mich gerichtet. Das muss doch einfach jeder mitgekriegt haben, was der verrückte Chester gerade getan hat. Als sein Frühstück zu Boden fiel, hat es total laut gescheppert. 

„Das tut mir leid. Ich war ziemlich ungeschickt”, versichere ich dem Pfleger. Stumm flehe ich ihn an, mir das jetzt einfach zu glauben. Solche Szenen hasse ich wie die Pest. Ich will nicht in so eine peinliche Verlegenheit gebracht werden. Dem fremden Kerl nehme ich es total übel, dass er mir das angetan hat. Chester war richtig fies zu mir. Obwohl ich ihm seine scheiß Brille zurückgegeben habe. „Du weißt, dass das nicht stimmt, Mike”, sagt Patrick zu meinem Entsetzen zu mir, „Du weißt genauso gut wie ich, dass es Chester war, der das Tablett heruntergestoßen hat.” Die Stimme des Pflegers ist sehr leise und behutsam. Sein Blick forschend. Jetzt soll ich ihm erklären, warum ich für Chester gelogen habe. Warum ich Chesters Untat auf mich nehme. Am liebsten möchte ich mich auf der Stelle unsichtbar machen. Ich fasse es nicht, dass der neue Patient mich in diese Situation gebracht hat. Es passt mir ganz und gar nicht, wie Pfleger Patrick mich in die Enge treibt. Ich möchte ihn anschreien, dass nichts davon meine Schuld gewesen ist. Klarstellen, dass ich Chester in keiner Form zu dieser zornigen Aktion provoziert habe. Aber jetzt ist mein Kopf total leer. Ratlos schaue ich Patrick an, der mich aufmerksam studiert. „Ich weiß auch nicht. Tut mir leid”, stammle ich richtig bescheuert. Der Pfleger lächelt beruhigend. „Darüber müsst ihr gleich dringend in der Therapiestunde sprechen, Mike. Das muss unbedingt geklärt werden. Das ist dir bewusst, oder?” knallt er mir mit sanfter Stimme um die Ohren. Folgsam nicke ich. Obwohl ich ihn viel lieber anbrüllen möchte, dass er mich gefälligst in Ruhe lassen soll. Ich bin es ja schließlich nicht, der hier gerade komplett ausgeklinkt ist. Noch niemals habe ich wutentbrannt ein volles Tablett auf den Boden gepfeffert. So ein hirnrissiger und sinnloser Kontrollverlust würde mir nicht passieren. Dazu habe ich mich viel zu gut im Griff. Seit ich hier bin, bin ich noch nie unangenehm aufgefallen. Ich bin überhaupt nicht aufgefallen. Eigentlich bin ich ja nicht mal hier gewesen. Und jetzt stecke ich urplötzlich in dieser unangenehmen Situation fest, in der ich mich wahrhaftig verteidigen muss. Allein Chester ist daran schuld. Das ist total ätzend. Der ganze Mist gefällt mir kein bisschen. „Sprich das bitte gleich in der Gruppentherapie an, Mike. Du musst in einer viertel Stunde dort sein, okay?” erinnert Pfleger Patrick mich und lächelt freundlich. Ich nicke nochmal. Erleichtert schaue ich zu, wie der Pfleger sich umdreht und davongeht. Ich bin wirklich froh, dass er endlich abhaut. Er läuft geradewegs zu einem anderen Tisch. Vielleicht hat jemand nach ihm gerufen. Oder ihm ist irgendwas aufgefallen. Mir war gar nicht bewusst, dass Pfleger Patrick heute die Aufsicht über das Frühstück hat. 

Unschlüssig stehe ich dort und schaue in den großen, hellen Saal. In mir brodelt es gewaltig. Ich bin stinksauer. Der Speiseraum ist voller Menschen. Es ist viel zu laut. Das ertrage ich nicht länger. Irgendwie ist alles schiefgegangen. Ich bereue es, dass ich mich diesem fremden Kerl genähert habe. Ich hätte seine doofe Brille gar nicht aufheben dürfen. Sie ihm zurückzugeben, war total falsch. Das war ein großer Fehler. Ich hätte den Sänger einfach ignorieren sollen. Nicht ohne Grund habe ich bisher alle Leute hier tunlichst ignoriert. Es ist totale Scheiße, wenn man sich auf jemanden einlässt. Gefühle in einen anderen Menschen zu investieren, bringt nichts als Ärger ein. Definitiv war es das allerletzte Mal, dass ich so etwas überhaupt versucht habe. Leider habe ich den verhängnisvollen Fehler gemacht, mich zu diesem unberechenbaren Typen an den Tisch zu setzen. Und jetzt bin ich der Blöde. Jetzt soll es meine Schuld sein, dass er total ausgerastet ist. Dieser Chester ist ein aggressiver Arsch. Der hat mich gar nicht verdient. Auch seine Brille hat er nicht verdient. Ich wünschte, ich hätte sein Gestell einfach kaputtgemacht und weggeschmissen. Der soll mir den Buckel runterrutschen, der durchgeknallte Psycho. Nur wegen dem Fremden muss ich jetzt in der scheiß Therapiestunde etwas sagen. Das passt mir überhaupt nicht. Daran will ich nicht einmal denken. Weil ich es schon seit Ewigkeiten möglichst vermieden habe, meinen Mund zu öffnen. Ich will nicht mit fremden Menschen sprechen. Schon gar nicht über mich selbst. Und bestimmt nicht über das, was hier gerade passiert ist. Ich will überhaupt nicht reden. Diese missglückte und deprimierende Begegnung mit Chester möchte ich nur noch so schnell wie möglich vergessen. Ich will in Ruhe gelassen werden, verdammt nochmal! Nie wieder werde ich aus meinem sicheren Versteck auftauchen. Meine Gedanken wirbeln wild in meinem Kopf herum. 

Tief unglücklich werfe ich dem neuen Patienten einen letzten Blick zu. Chester sitzt noch immer am Tisch und lächelt mich zufrieden an. Ich habe keine Ahnung, warum der Kerl noch lächeln kann, obwohl doch gerade die ganze Welt um mich herum zusammengestürzt ist. Alles ist krachend kaputtgegangen, als Chester mich grundlos angegriffen hat. Ich bin mir sicher, dass ich ihm das nicht verzeihen kann. Ich kann diesem Mann nie wieder vertrauen, das weiß ich genau. Er ist ein Verrückter, mit dem ich nichts zu tun haben will. Nur einer von unzähligen anderen hier in der Psychiatrie. Aber mein Herz schlägt hart, als ich ihn ansehe. Noch immer finde ich sein Lächeln wundervoll. Es berührt mich auf eine Art, die ich nicht begreifen kann. Das geht mir verflucht tief rein. Chester sorgt dafür, dass ich zu ihm hingehen und ihn schützend in den Arm nehmen will. Ich will für diesen Menschen da sein. Ich möchte ihm seinen rätselhaften, inneren Zorn wegnehmen. Irgendwie. Der Kerl sieht so unfassbar gut aus, denke ich völlig verwirrt. Aber das macht es nur noch schwerer. Hastig drehe ich mich von dem Mann am Tisch weg und steuere geradewegs die Tür an. So schnell wie möglich muss ich jetzt hier verschwinden. Keine Sekunde länger kann ich es in diesem überfüllten Speiseraum aushalten. Ich ertrage Chester nicht mehr. Nie wieder möchte ich diesem fremden Typen so nahe sein. Und ganz bestimmt werde ich ihn nie wieder ansprechen. Ich wünschte, er wäre nicht ein neuer Patient auf meiner Station. Auf keinen Fall möchte ich ihm ständig über den Weg laufen. Ich will, dass er einfach nur verschwindet. So weit weg von mir wie möglich. 

Während ich die Flügeltür aufreiße, hinausgehe und eilig über den Flur laufe, grübele ich darüber nach, wie ich mich am besten vor dieser Gruppentherapie drücken kann. Ich hasse die Pflichtsitzungen. Da werde ich in einen verfluchten Stuhlkreis gesetzt, in dem ich die anderen Menschen ständig ansehen muss. Und alle sehen pausenlos mich an. Das ist total unangenehm. Bisher saß ich einfach nur dort und habe meine Klappe gehalten. Während die anderen von ihren tödlich langweiligen Problemen gequatscht haben. Es ist doch sowieso immer das Gleiche. Ausnahmslos jeder hier denkt, dass sein Leben das schwerste von allen gewesen ist. Jeder Patient wurde in seiner Vergangenheit schlecht behandelt. Die böse Umwelt hat die armen Menschen kaputtgemacht. Immer sind die Anderen schuld. Aber das interessiert mich nicht. Ich möchte nicht damit belastet werden. Noch nie habe ich mich über irgendwas beschwert. Schon gar nicht über mein Leben. Denn eigentlich ist mein Leben bisher okay gewesen. Zweifellos habe ich es gut gehabt. Meine Kindheit war wunderbar. Keine Ahnung, warum ich jetzt hier bin. Ich weiß nicht, was ich in der Psychiatrie soll. Das ist mir doch gar nicht bewusst geworden, als sich alles seltsam von mir entfernt hat. Als ich das Gefühl bekam, nichts würde noch irgendeine Rolle spielen. Ich habe noch niemals darüber nachgedacht. Ich will auch nicht darüber nachdenken. Passiert ist eben passiert. In diesem Moment möchte ich nichts lieber, als zurück in meine schützende Teilnahmslosigkeit zu finden. Ich sehne mich nach meinem unantastbaren Kokon. Verzweifelt suche ich den Zustand, in dem mir alles egal gewesen ist. Verbissen will ich die Schutzmauer um mich herum neu aufbauen. Damit niemand an mich herankommen kann. Mich soll nichts mehr aufwühlen. Ich sehne mich nach Sicherheit. Nach der herrlich vertrauten, ruhigen Dunkelheit in mir. Wenn ich nichts mehr fühle, dann kann ich auch nicht mehr enttäuscht werden. Denn momentan bin ich so entsetzlich enttäuscht, dass ich es kaum verarbeiten kann. Ich bin so erschüttert, dass ich es kaum noch verpacken kann, kaum damit zurechtkomme. 

Verdammt, Chester hat mich aufgewühlt! Der verfluchte Mistkerl hat mir wahrhaftig alles weggenommen, was mir das Leben hier halbwegs erträglich gemacht hat. Innerhalb von ein paar Sekunden hat er das geschafft. Das ging so schnell, dass ich es gar nicht richtig mitkriegen konnte. Ich ertrage das nicht. Ich kann die vielen fremden Menschen um mich herum nicht mehr aushalten. Völlig von der Rolle laufe ich den langen Flur entlang. Ich befinde mich auf der Flucht vor meinen eigenen Ängsten. Mein Blick richtet sich nach links, auf die Tür der Herrentoilette, an der ich gerade zufällig vorbeikomme. Spontan betrete ich den weiß gekachelten Raum. Zum Glück ist niemand hier. Mit schnellem Schritt laufe ich an den Waschbecken vorbei nach hinten. Hastig flüchte ich in eine der Kabinen und schließe überstürzt die Tür hinter mir ab. Endlich bin ich allein. Eine schwere Last fällt von mir ab. Dies ist der einzige Ort, an dem ich mich relativ sicher fühle. Die Anspannung lockert sich. Es fühlt sich an, als könnte ich nach sehr langer Zeit endlich wieder richtig durchatmen. Tief ringe ich nach Luft. 

Mein wirrer Kopf ist entschieden zu voll. Es ist viel zu laut da drin. Deutliche Szenen stürmen auf mich ein und drehen sich immerzu im Kreis. Es sind Erinnerungen. Diese Bilder schmerzen mich so extrem, dass ich es nicht fassen kann. Ich verstehe das nicht. Nur langsam wird mir klar, dass sich meine Gedanken wahrhaftig an scheiß Chester festgekrallt haben. Obwohl ich das gar nicht will, sehe ich pausenlos den neuen Patienten vor mir. Dieses fein gezeichnete Gesicht. Seine wilden Dreadlocks. Die auffallend dunklen Augen. Sein faszinierendes Lächeln, das Eisberge schmelzen kann. Seine einzigartige Stimme, die bis in den hintersten Winkel meiner Seele vordringt. Wie er auf dem Flur allein für mich gesungen hat. Wie er mir gegenüber am Tisch saß und mich erkannt hat. Chester, der es als einziger gemerkt hat, dass ich heute Morgen mein Haar gestylt habe. Der attraktive Mann Chester, den ich so dringend küssen und streicheln will, dass ich am liebsten lauthals schreien möchte. Aber stattdessen schlage ich meinen verrückt gewordenen Kopf spontan gegen die harte Wand der engen Kabine.      


Chester Charles Bennington

„Hast du denn gar nichts gegessen, Chester?” spricht mich jemand so unerwartet an, dass ich erschrocken zusammenfahre. Mein Kopf schnellt instinktiv in seine Richtung. Sofort erkenne ich den Kerl von heute Morgen. Es ist dieser aufdringliche Pfleger, der mich geweckt und später hierher gebracht hat. Plötzlich steht er direkt neben mir. Er hatte angekündigt, dass er nach dem Frühstück wiederkommt. Trotzdem habe ich nicht mit ihm gerechnet. Seine Frage ist vollkommen sinnlos, denn jeder kann sehen, dass mein Essen nicht angerührt wurde. „Nein... ich... habe keinen Hunger...”, erkläre ich abwehrend. Es gefällt mir nicht, dass ich mich dem Pfleger erklären muss. Das geht den gar nichts an, ob ich was esse oder nicht. Aber er wiegt unzufrieden den Kopf und schaut missbilligend auf mein Tablett. Es steht noch immer so auf dem Tisch, wie der andere Kerl es vorhin abgestellt hat. Der Typ, der mir meine Brille zurückgegeben hat, hat alles sorgsam zurück auf das Tablett gestellt. Bis auf das Brötchen mit der Marmelade sieht es aus wie vorher. Als hätten die Sachen nicht vorhin verstreut auf dem Boden gelegen. Ich bin froh, dass der Pfleger mich nicht auf diesen Vorfall anspricht. Vielleicht hat er nichts davon mitgekriegt. Hoffe ich. 

„Sag mal, wo hast du denn die Brille her?” wechselt er verdutzt das Thema. Misstrauisch begutachtet er mich. „Das ist meine”, fühle ich mich genötigt klarzustellen. Dieser Mann hat mich noch nie mit Brille gesehen. Bestimmt ist er erst heute Morgen zum Dienst gekommen. Als er vor einer Stunde zu mir ins Zimmer kam, war meine Brille noch verschollen. Ein freudiges Lächeln huscht über mein Gesicht, als ich an den attraktiven Typen denke, dem ich dieses Geschenk zu verdanken habe. Beim nächsten Mal muss ich ihn dringend nach seinem Namen fragen, beschließe ich. Es ärgert mich, dass ich daran nicht schon vorhin gedacht habe. Dann fällt mir ein, dass dieser Fremde meinen Namen schon kannte, und ich werde wieder ein bisschen paranoid. „Jemand hat sie mir gerade beim Frühstück gebracht”, erzähle ich dem Pfleger, obwohl dem das egal sein kann. Er nickt nachdenklich, als würde er an meinen Worten zweifeln. „Wie geht es dir denn jetzt, Chester?” will er wissen und beäugt mich abschätzend. „Schon viel besser”, muss ich verblüfft zugeben. Tatsächlich scheinen die Medikamente, die der Typ mir heute Morgen angedreht hat, endlich ganz gut zu wirken. Sogar meine unbeschreibliche Gier nach einer Flasche Bier und einer Zigarette hält sich mittlerweile in Grenzen. Die Krämpfe und Schmerzen haben spürbar nachgelassen. Zufrieden lächle ich den Mann an. Er nickt zustimmend. „Das ist schön”, meint er erleichtert. Als wäre er es, dem es jetzt besser geht. „Nimm jetzt bitte das Tablett und stelle es zurück auf den Rollwagen. Dann zeige ich dir den Weg zur Gruppentherapie”, kündigt er diensteifrig an. Seufzend stehe ich auf. Ich habe keine Lust auf diese komische Therapiestunde. Gespräche mit Fremden über mein Leben sind mir zuwider. Mein Blick fällt auf den Tisch. Kurzentschlossen greife ich mir die Flasche Mineralwasser, die noch fast voll ist. Schnell drehe ich sie auf und trinke das Wasser auf Ex. Wer weiß, wann ich das nächste Mal was zu trinken kriege, denke ich verunsichert. Der Pfleger beobachtet mich aufmerksam. „Chester, du kannst jederzeit Wasser bekommen. Dazu musst du einfach nur in den Vorratsraum gehen, okay? Nachher zeige ich dir, wo der ist”, informiert er mich lächelnd. Als hätte er meine Befürchtung gespürt. Ich nicke und drehe die leere Flasche zu. Dann stelle ich sie auf das Tablett. 

Das halbe Brötchen mit der Marmelade sieht traurig aus. Als wäre es vergessen worden. Prompt denke ich wieder an diesen Kerl an meinem Tisch, der es aus einem rätselhaften Grund für mich zubereitet hat. Ich verstehe noch immer nicht, warum es ihm so wichtig war, dass ich etwas esse. Seine Besorgnis um meine Gesundheit rührt mich irgendwie. Noch einmal frage ich mich alarmiert, woher er meinen Namen kannte. Für einen getarnten Pfleger ist er eigentlich ein bisschen zu jung, überlege ich ratlos. Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass der anhängliche Mann vielleicht ein Fan von Grey Daze sein könnte. Augenblicklich fängt mein Herz an zu klopfen. Mir wird ganz warm, weil diese Möglichkeit mir so enorm gut gefällt. Liebend gerne stelle ich mir vor, dass der Fremde mich auf der Bühne gesehen hat. Dass er mich singen gehört hat. Dass ihm unsere Musik so richtig gut gefallen hat. Deshalb hat er mir letzte Nacht auf dem Flur so aufmerksam zugehört, ziehe ich in Erwägung. Womöglich kommt der süße Kerl auch aus Phoenix, grübele ich nachdenklich. Das verblüfft mich total. Weil das wirklich ein komischer Zufall wäre. Es wäre sogar total creepy, ausgerechnet hier jemanden aus Phoenix zu treffen. Denn dies hier ist die verdammte geschlossene Psychiatrie. Und ich befinde mich verflucht weit weg von zu Hause. Angespannt versuche ich mich zu erinnern, ob ich diesen bärtigen Mann schon mal gesehen habe. Womöglich war er in einer der Kneipen in Phoenix. Oder in einer der Städte im Umkreis von Phoenix, in denen wir gespielt haben. Vielleicht stand er irgendwo direkt vor der Bühne im Publikum. Im Mason Jar, im Electric Ballroom in Tempe, oder in Scottsdale. Aber so sehr ich mir auch das Gehirn zermartere, ich erinnere mich nicht an ihn. Das ist echt zum Verrücktwerden. 

Aus den Augenwinkeln registriere ich, dass der Pfleger zu den Rollwagen geht. Hastig greife ich mir das braune Plastikteil mit all dem Zeugs, das ich nicht angerührt habe. Ich folge ihm. Er deutet auf einen der Rollwagen, auf dem noch Platz ist. Ich schiebe das volle Tablett vorsichtig in eine freie Schiene. Dabei stelle ich fest, dass meine Finger gar nicht mehr zittern. Das ist sehr angenehm. Der Gedanke an diese Veranstaltung, an der ich gleich teilnehmen muss, gefällt mir weniger. Noch nie habe ich eine Therapie mitgemacht. Von aufgezwungenen Gruppengesprächen halte ich nicht viel. Der Sinn solcher merkwürdigen Aktionen ist mir vollkommen unklar. „Wie lange dauert die Gruppentherapie?” frage ich den Pfleger ungehalten, als ich neben ihm in Richtung Ausgang gehe. Sein Lächeln ist besänftigend. „Mindestens eine Stunde. Aber es kommt immer darauf an, was genau besprochen wird. Es kann auch durchaus mal länger dauern”, antwortet er und beobachtet aufmerksam meine Reaktion. „Muss ich da hin?” rutscht mir genervt heraus, bevor ich mich bremsen kann. Im nächsten Moment ärgere ich mich darüber. Mir ist völlig klar, dass diese Frage überflüssig war. Prompt stößt der Pfleger ein belustigtes Lachen aus. „Ja, Chester, du musst daran teilnehmen. Du musst bei deiner Therapie mitarbeiten. Sonst können wir dir doch gar nicht helfen”, behauptet er allen Ernstes. Mir liegt auf der Zunge, dass ich niemanden um seine Hilfe gebeten habe. Aber ich halte mich zurück. Weil ich weiß, dass sinnlose Diskussionen sowieso nichts einbringen. Neben dem Pfleger laufe ich eine Weile über den langen Flur. Mein Blick fällt auf eine der vielen Türen. Klärende Buchstaben sind darauf gemalt worden. Plötzlich will ich die unangenehme Sache noch ein bisschen hinauszögern.

Kurzentschlossen bleibe ich stehen. „Darf ich bitte vorher noch kurz aufs Klo?” frage ich den nervigen Mann höflich. Er bleibt ebenfalls stehen und betrachtet mich sehr interessiert. Mit einer Kopfbewegung deute ich fragend auf die Tür der Herrentoilette. „Aber natürlich”, entscheidet er sich nach einem sehr irritierenden Zögern. Der Mann folgt mir die paar Schritte bis direkt vor die Tür. Offensichtlich will er mich aufs Klo begleiten. Demonstrativ bleibe ich stehen und schaue ihn vielsagend an. Das geht mir echt zu weit. „Ähm... darf ich bitte allein da rein?” erkundige ich mich fassungslos. Amüsiert grinst er mich an. „Ich guck dir schon nichts weg, Chester”, bemerkt er spöttisch. Seine blauen Augen funkeln angriffslustig. Seine Dreistigkeit ist für mich schwer zu ertragen. Anscheinend will der Pfleger mich sogar auf dem Klo im Auge behalten. Diskretion und Privatsphäre scheinen Fremdwörter für ihn zu sein. Spätestens jetzt will ich den Typ unbedingt loswerden. Dabei geht es mir gar nicht um das Pinkeln. Das wäre mir egal. Kerle stehen ständig irgendwo nebeneinander und pinkeln. Da denk ich doch nicht mal drüber nach. Aber dieser Mann will eindeutig Spielchen mit mir spielen. Er fordert mich heraus. Der Typ macht sich über mich lustig. Und das gefällt mir nicht. Nach der langen Zeit in dem überfüllten, lauten Frühstückssaal brauche ich dringend Ruhe. Ich muss ein paar Minuten allein sein. Nicht mit neugierigen Adleraugen überwacht werden. Wenn auch nur für kurze Zeit. Ich kann ja verstehen, das dieser Mensch auch nur seinen Job macht, indem er meinen persönlichen Aufpasser spielt. Aber ein paar Minuten allein auf dem Klo muss er mir zugestehen, finde ich. 

Plötzlich dreht der Mann sich um und öffnet die Tür zur Herrentoilette. Mit drei Schritten hat er den scheinbar hell gekachelten Raum betreten. Erschrocken beeile ich mich, ihm zu folgen. Ich ärgere mich, dass ich nicht schnell genug reagiert habe. Dass ich den penetranten Kerl nicht daran hindern konnte. Ein schneller Rundumblick offenbart mir, dass diese Toilette viel größer ist, als die in der Nähe meines Zimmers. Hier gibt es nicht nur ein Waschbecken, sondern sechs. Es gibt ungefähr acht Pissoirs und im hinteren Teil des Raumes mindestens zehn einzeln abschließbare Kabinen. Durch ziemlich große, mit blickdichter Folie beklebte Fenster fällt von draußen genügend Licht herein. Dieser bekloppte Pfleger deutet tatsächlich einladend auf die Pissoirs und grinst belustigt. „Tu dir keinen Zwang an, Chester!” fordert er mich auf, loszulegen. Fassungslos taxiere ich ihn. Der übereifrige Mann will mir beim Pinkeln zusehen. Mit dem stimmt doch was nicht. Aber der weiß Gekleidete war ja schon von Anfang an so nervig aufdringlich. Beim Kotzen musste er mir ja auch unbedingt zugucken, erinnere ich mich mit einem Grausen. 

Fieberhaft suche ich nach einem einleuchtenden Grund, um ihn hinausschicken zu können. Ich brauche sofort eine Ausrede, die er nicht widerlegen kann. Langsam schüttele ich den Kopf und streiche mir mit den Fingern verlegen durch die Dreadlocks. „Nein... das... dauert etwas länger... Können Sie nicht bitte draußen warten?” Meine Stimme zittert. Die Situation ist total unangenehm. Seine Augen weiten sich verstehend. Er nickt langsam. „Nur keine Scheu, Chester!” meint er achselzuckend und zeigt auf die Kabinen im hinteren Teil des Raumes. Ich bin echt bestürzt. Am liebsten möchte ich ihn an seiner weißen Jacke packen und eigenhändig aus der Toilette zerren. Ich möchte ihn anschreien. Weil er mich in diese Verlegenheit bringt. Weil der Arsch mich tatsächlich betteln lässt. „Bitte warten Sie draußen. Wenn Sie hier drin sind und zuhören, dann kann ich das nicht”, behaupte ich mit einem schüchternen Augenaufschlag. Der Typ geht mir total auf die Nüsse. Er ist aufdringlich. Ich will doch nichts weiter, als ein paar Minuten Ruhe. Mal nicht gestört werden. Nach dem Krach beim Frühstück hab ich eine Pause dringend nötig. Aber der Pfleger braucht noch Zeit, um zu entscheiden, wie er auf meine Bitte reagieren soll. Der Mann ist sichtbar alarmiert. Ich habe keine Ahnung, was er von mir denkt. Argwöhnisch läuft er in der Toilette herum und schaut sich überall um. Scheinbar denkt der Idiot, dass ich hier heimlich irgendwas Verbotenes tun will. Vorwurfsvoll guckt er mich an. Als ob ich hier illegale Drogen versteckt hätte oder so was. Schön wär's ja, denke ich spöttisch. 

Schließlich fällt er sichtbar widerwillig eine Entscheidung. Mit Sicherheit hat er den gewichtigen Auftrag erhalten, mich beharrlich zu überwachen und auf keinen Fall alleinzulassen. „Okay, Chester. Du sollst deine Privatsphäre haben. Ich warte dann auf dem Flur. Ich stehe direkt vor der Tür, falls irgendwas ist, ja?” „Ja, ist gut. Danke.” Erleichtert nicke ich ihm zu. Insgeheim frage ich mich kopfschüttelnd, was denn in der kurzen Zeit bitteschön passieren soll. Denkt er, ich falle ins Klo, oder was? „In einer viertel Stunde fängt die Therapie an. Bitte denk daran!” muss der Kerl mich auch noch zur Eile antreiben. Ich nicke nochmal. Unzufrieden schaut er mich an und holt tief Luft. „Und hör mal, Chester. Du musst mich nicht siezen. Mein Name ist Ulrich. Du kannst mich ruhig duzen, okay? Du kannst gerne Ulli zu mir sagen”, betont er, als wollte er das unbedingt. Er kriegt ein drittes Nicken von mir. Der Pfleger lacht und schlägt mich kumpelhaft auf die Schulter, bevor ich ihm ausweichen kann. Als wären wir die besten Freunde. Dann verlässt er endlich den Raum und macht die Tür leise hinter sich zu. Spontan schicke ich ihm eine sehr unfreundliche Geste hinterher. Weil er mich geschlagen hat. Und weil er zweifellos einen Knall hat. Keine Ahnung, warum die hier der Ansicht sind, dass ich einen derartigen Aufpasser nötig hätte. Ich komme ganz gut alleine klar. Schließlich bin ich die meiste Zeit meines Lebens allein gewesen. 

Zweimal atme ich tief durch. Die Stille tut gut. Ich hoffe, dass niemand hereinkommt. Offensichtlich sind die Menschen hier alle verrückt. Unschlüssig schaue ich mich in dem großen Raum um. Er ist ganz mit weißen Fliesen ausgekleidet worden. Auch die Keramikbecken und die Türen und Trennwände im hinteren Teil sind weiß. Die Armaturen sind aus Stahl. Kurzerhand gehe ich zu den Pissoirs und stelle mich vor eins der Becken. Ich öffne meine Hose und leere seufzend meine volle Blase. Dann ziehe ich ab und wasche mir am Waschbecken die Hände. Aus dem Spender hole ich mir ein paar Papierhandtücher. 

In diesem Moment höre ich aus der hintersten Ecke des Raumes ein lautes Geräusch. Als hätte jemand in den Einzelkabinen gegen die Wand geschlagen. Aufgeschreckt fahre ich herum und lausche. Nichts. Ich werfe das nasse Papier in einen Papierkorb. Während ich langsam in Richtung des unerwarteten Lärms gehe, knöpfe ich sorgsam mein Hemd zu. „Hallo?” rufe ich ziemlich bescheuert. Niemand antwortet. Aber ich bin mir sicher, dass sich da in den Kabinen jemand versteckt. Neugierig überprüfe ich die einzelnen Türen. Die meisten stehen offen. Manche sind auch angelehnt. Aber nur eine Tür ist abgeschlossen. Wie ein Spanner bücke ich mich und schaue unten durch den Spalt zwischen Boden und unterer Türkante. Schwarze Pantoffeln bestätigen mir, dass sich tatsächlich jemand in dieser Toilette aufhält. Mehr kann ich allerdings nicht von dem Menschen sehen. Ich vermute, dass es ein Mann ist. Denn wir sind ja in der Herrentoilette. Plötzlich schlägt der Typ nochmal gegen die hölzerne Trennwand. Das ganze Gebilde aus Kabinen erzittert donnernd. So feste haut er dagegen. Der laute Lärm tut meinen Ohren weh. „Geht's noch?” entfährt es mir erschrocken. Hastig richte ich mich auf. Keine Ahnung, was für ein Spinner sich da eingeschlossen hat. Aber offensichtlich hat er irgendein Problem. Unsicher stehe ich dort und sehe die geschlossene Tür an. Wie alle Kabinentüren, hat sie ein auffälliges Spezialschloss. Mit einem besonderen Schlüssel kann das Personal der Psychiatrie sie ganz leicht von außen öffnen. Falls irgendein Irrer da drinnen Blödsinn veranstaltet. Oder nicht mehr herauskommen will. Der unbekannte Typ verhält sich jetzt ruhig. Ich bin mir nicht sicher, was ich nun machen soll. „Alles okay? Brauchst du Hilfe?” frage ich schließlich ratlos. 

Abrupt wird die Tür von innen aufgeschlossen. Zwei Sekunden später schwingt sie nach innen auf. „Sag mal, verfolgst du mich?” fährt der Mann mich wütend an, der sich hier versteckt hatte. Ich bin überrascht, als ich erkenne, dass es der hilfsbereite Kerl vom Frühstückstisch ist. Damit habe ich nicht gerechnet. Dass ich ihn so schnell wiedersehe. Der Bärtige steht vor mir und mustert mich offen feindselig. Ich freue mich sehr viel mehr, ihn zu sehen, als ich erwartet hatte. Das verwirrt mich extrem. „Das Gleiche könnte ich dich fragen”, erwidere ich grinsend. Aufgebracht schnappt er nach Luft. Seine dichten, dunklen Augenbrauen sind wieder zornig zusammengezogen. Dazwischen haben sich auf seiner Stirn zwei steile Falten gebildet. Seine braunen Augen durchbohren mich förmlich. Genau so hat er vorhin auch ausgesehen. Nach dieser Sache mit meinem Tablett. Als er mit seinem schwarzen T-Shirt und den Jeans neben dem Tisch stand. Bevor er vor mir geflüchtet ist. Ich muss zugeben, dass er unglaublich schnuckelig aussieht. Es gefällt mir sehr, ihn anzusehen. Seine Nähe beruhigt mich auf eine Art, die ich nicht erklären kann. Der Mann hat richtig schönes, dichtes, schwarzes Haar. Seine gestylte, gewollt stachelige Frisur steht ihm verdammt gut. Ich mag seine süße Stupsnase. Und die hübsch geschwungenen, vollen Lippen. Auch sein brauner Vollbart gefällt mir. Obwohl der ein bisschen zu lang und struppig ist. Ich möchte wissen, warum der unbekannte Typ sich in der Kabine verkrochen hat. Und warum er so wütend ist. Bestimmt hat er aus Wut gegen die Wand geschlagen. So was kenne ich. Am liebsten würde ich ihn danach fragen. Aber vielleicht will er nicht darüber reden. Das könnte ich verstehen. Manche Dinge müssen einfach geheim bleiben. 

Freundlich lächle ich ihn an. Er funkelt angepisst zurück. Beim Frühstück war dieser Fremde sehr nett zu mir. Nur wegen ihm kann ich endlich wieder alles deutlich erkennen. Das werde ich nie vergessen. Auf einmal will ich dringend seinen Namen erfahren. „Wie heißt du, Sweetie?” frage ich ihn übermütig. Ich muss diesen zornigen Mann ein bisschen aufmuntern. Er soll nicht länger so wütend sein. Fasziniert beobachte ich, wie meine neckende Frage ihn sichtbar in Verlegenheit bringt. Nervös fährt er sich durch die abstehenden Haare. Seine Füße in den schwarzen Pantoffeln treten unruhig auf der Stelle. Der arme Kerl sieht aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. Offenbar hat er keine Ahnung, wie er reagieren soll. Sein rätselhaftes Verhalten interessiert mich. Ich glaube zu spüren, dass da noch etwas anderes mit ihm ist. In Wahrheit ist mein Lebensretter gar nicht wütend auf mich. Unsere plötzliche Begegnung überfordert ihn nur irgendwie. Der Mann scheint wahrhaftig ein bisschen eingeschüchtert zu sein. Aber er überspielt es recht erfolgreich mit seinen Aggressionen. So etwas amüsiert mich total. Aufmerksam betrachte ich ihn. Ich lächle aufmunternd, während ich geduldig auf seine Antwort warte. Ratlos atmet er tief ein. Dann gibt er sich einen Ruck. „Das geht dich gar nichts an!” krächzt er abwehrend mit zugeschnürter Kehle. 

Im nächsten Moment macht er plötzlich einen Schritt nach vorn. Noch bevor ich ihn aufhalten kann, stürmt er schon an mir vorbei in den Vorraum der Herrentoilette. Schon wieder hat er das Bedürfnis, vor mir wegzulaufen. Das ist so lustig, dass ich lachen muss. Dieser fremde Typ ist wirklich amüsant. Schnell folge ich ihm bis zu den Waschbecken. Er steuert geradewegs auf den Ausgang zu. Überstürzt will er die Toilette verlassen. Aber ich möchte nicht, dass er schon geht. Es ist erstaunlich, wie wenig ich das will. „Du, hör mal! Du kennst doch auch meinen Namen! Warum darf ich denn deinen nicht wissen?” rufe ich ihm hinterher. Ich verstehe wirklich nicht, warum er so ein Geheimnis daraus macht. Zu meiner Freude bleibt er zögernd stehen. Langsam dreht er sich zu mir um. Eine Weile guckt er mich schweigend an. Dabei sieht er seltsam unglücklich aus. Das kann ich überhaupt nicht einordnen. „Ich bin Chester”, teile ich ihm sicherheitshalber mit. Falls er das in der Zwischenzeit vergessen hat. Auf seinem Gesicht erscheint ein gerührtes Lächeln. Seine dunklen Augen strahlen, was mich sofort paralysiert. Er seufzt so tief, als hätte er eine schwere Last zu tragen. Hilflos schüttelt er den Kopf. „Nein... das...”, setzt er ratlos an. Konfus bricht er nochmal ab. Gespannt warte ich darauf, wie er sich entscheiden wird. Seine Augen sind wirklich wundervoll. Dieses glitzernde Braun. „Bitte... lass mich einfach in Ruhe... Chester...”, murmelt mein Retter schüchtern in seinen Bart hinein. Seine erstaunlich angenehme Stimme klingt resigniert. Als wollte er das, was er gerade von mir verlangt hat, gar nicht wirklich. Das verwirrt mich echt. 

Drei Sekunden später will der seltsame Typ auch schon durch die Tür verschwinden. Allerdings kommt genau in diesem Moment der Pfleger herein. Mein penetranter Aufpasser. Der wahrhaftig die ganze Zeit vor der Toilette auf mich gewartet hat. Und jetzt hat er keine Ruhe mehr. Er muss nachsehen, ob ich ins Klo gefallen bin. Oder heimlich Drogen nehme. Oder mir gerade verstohlen einen abwichse. Der Name des Pflegers ist Ulrich. Aber ich soll ihn Ulli nennen. Die beiden Männer stoßen ziemlich heftig zusammen. Weil der eine rein und der andere viel zu eilig raus will. Genau im selben Augenblick. Das amüsiert mich so sehr, dass ich lauthals lache. Beide Typen gehen erschrocken einen Schritt zurück. Genervt gucken sie sich an. Ulli braucht nur einen Blick, um den Bärtigen zu identifizieren. Seine Augen weiten sich überrascht. „Mike! Wo kommst du denn her? Bist du vorhin auch schon hier drin gewesen? Ich habe dich ja gar nicht gesehen!” meint er verblüfft. Meine Ohren werden ganz groß. Unwillkürlich fängt mein Herz zu hämmern an. Weil ich gerade völlig unverhofft doch noch erfahren habe, wie der komische Patient heißt, dem ich erst zum dritten Mal begegne. Sein Name ist also Mike, denke ich selig. In Gedanken stürze ich mich förmlich auf den Namen. Er ist kurz und prägnant. Diese vier Buchstaben lasse ich mir ausführlich durch den Kopf gehen. Mike. M-i-k-e. Der Name gefällt mir. Der ganze Kerl gefällt mir viel besser, als ich begreifen kann. Ich mag es, wie seine Nähe mich besänftigen kann. In Mikes Gegenwart fühle ich mich merkwürdig wohl. Auch wenn ich nicht verstehe, wie der fremde Mann das eigentlich macht. 

Jetzt gerät Mike sichtbar in Erklärungsnot. Er muss sich schnell etwas ausdenken. Warum er sich auf dem Klo versteckt hatte. Neugierig gehe ich einen Schritt näher. Bevor dem armen Kerl was einfällt, redet der Pfleger weiter: „Hör mal, Mike, du bist schon vermisst worden. Dirk wollte dich zur Gruppentherapie abholen. Aber du warst nicht mehr beim Frühstück. Er konnte dich gar nicht finden.” Vorwurfsvoll studiert Pfleger Ulrich den unartigen Patienten. Noch einmal kann Mike nicht wirklich erklären, warum er seine Zeit lieber in der Herrentoilette verbracht hat. Bevor es für ihn zu peinlich wird, eile ich ihm zu Hilfe. „Müssen wir nicht langsam mal los, Ulli?” schalte ich mich ungeduldig ein. Mike wirft mir einen dankbaren Blick zu. Verschwörerisch lächle ich ihn an. Ulrich guckt misstrauisch von einem zum anderen. Vielleicht fragt er sich, was Mike und ich hier gemeinsam auf dem Klo getrieben haben. Schließlich nickt er. „Ja, du hast recht, Chester”, stimmt er mir zu. Dann wendet er sich wieder an Mike. „Und du kannst dich uns anschließen. Ich will Chester gerade zur Therapiestunde bringen. Er ist ein neuer Patient, der heute auch an deiner Sitzung teilnimmt”, erklärt der Pfleger sichtbar zufrieden. 

Mike stößt ein komisches Ächzen aus und dreht sich hastig von mir weg. Demonstrativ kehrt er mir den Rücken zu. Kichernd stelle ich fest, dass der lustige Typ eine attraktive Rückseite hat. Mindestens so attraktiv wie seine Vorderseite. Interessiert beobachte ich seine unerwartete Reaktion. Dieser junge Mann ist überraschend amüsant. Es macht mir immer mehr Spaß, in seiner Nähe zu sein. Er tut ständig seltsame Dinge, registriere ich mit einem warmen Gefühl im Bauch. Ich bin echt belustigt. Ulrich dreht sich auch um und öffnet die Tür. „Na, dann kommt mal beide mit mir mit, Jungs!” fordert er uns auf und geht schon mal vor. In einem Anfall von Übermut kneife ich Mike spontan in sein wohlgeformtes Hinterteil. Zur Belohnung bekomme ich ein schockiertes Quietschen zu hören. Er quietscht wahrhaftig wie ein Mädchen! „Du hast es gehört, Mikey! Wir sollen mit Ulli mitgehen!” flüstere ich meinem Wohltäter lüstern ins Ohr. Besitzergreifend schlinge ich meinen Arm von hinten um seine Taille, um ihn dicht neben mir aus dem Raum zu schieben. Aber Mike entwindet sich meinem Arm in einer abwehrenden, heftigen Bewegung. Böse funkelt er mich an. „Hör auf, Chester! Lass mich in Ruhe!” verlangt er noch einmal. Im nächsten Moment lässt er mich stehen und eilt dem Pfleger nach. Ulrich ist schon ein paar Schritte den Flur runter. Also gehe ich den beiden Männern hinterher. 

Wir laufen schier endlose Gänge entlang. Dabei bleibt mein Blick auf Mikes Rückseite kleben. In den engen Jeans wiegt sich sein knackiger Hintern beim Laufen. Das erregt mich irgendwie. Keine Ahnung warum, aber dieser Mann zieht mich plötzlich ganz enorm an. Definitiv hat Mike mein Interesse geweckt. Verblüfft frage ich mich, warum er mir seinen Namen nicht verraten wollte. Und warum ich ihn in Ruhe lassen soll. Immerhin war er es doch, der als erster zu mir kam. Mitten in der Nacht ist er freiwillig aus seinem Zimmer gekommen, um mich singen zu hören. Und beim Frühstück tauchte er schon wieder ungefragt auf. Vordergründig nur, weil er mir meine Brille zurückgeben wollte. Aber dann ist er ja im Endeffekt viel länger an meinem Tisch sitzengeblieben. Nachdenklich schiebe ich die Brille zurecht und nehme mir vor, diesen Mikey ein bisschen im Auge zu behalten. Es ist lustig, wie hilflos er auf mich reagiert. Wie seltsam nervös er zu werden scheint, sobald ich mich ihm nähere. Ich glaube, er ist doch kein getarnter Pfleger, überlege ich verunsichert. Mike verhält sich wirklich nicht so, als wollte er sich hinterrücks mein Vertrauen erschleichen. Oder die führen hier alle ein hinterhältiges Theaterstück für mich auf, denke ich dann spöttisch. Ich frage mich, ob das Personal in dieser Psychiatrie sich eine derartige Mühe geben würde. Ob die Psychiater wirklich so einen Aufwand treiben würden, um mich zu täuschen. Und welchen Sinn das eigentlich haben könnte. 

Plötzlich bleibt Ulrich stehen und öffnet eine Tür zu seiner Linken. Mike geht sofort wortlos an ihm vorbei in diesen Raum hinein. Der Pfleger sieht mich an. Er wartet, bis ich auch an der Tür angekommen bin. „So, hier findet die Gruppentherapie statt, Chester. Nach der Sitzung hole ich dich wieder ab. Dann machen wir zusammen einen Rundgang durch die Station. Ich werde dir alles zeigen. Und später will Professor Paulsen mit dir sprechen”, informiert er mich sicherlich ordnungsgemäß. „Okay”, erwidere ich mit einem Achselzucken. Weil mir sowieso nichts anderes übrig bleibt. Obwohl es mir auf die Nerven geht, dass meine Zeit hier anscheinend komplett fremdbestimmt wird. Ulli schickt mich mit einer Handbewegung zur Therapie. „Dann mal rein mit dir. Bis nachher, Chester!” Über den Flur wandert er mit schnellen Schritten davon. Leicht verärgert sehe ich ihm nach. Mir kommt in den Sinn, jetzt einfach schnell abzuhauen. Ich möchte mich irgendwo verstecken. So wie Mike es gemacht hat. Ich will eigentlich nicht an dieser Gruppentherapie teilnehmen. Aber dann betrete ich doch nur folgsam das angewiesene Zimmer. 

Der Raum ist nicht besonders groß. Vormittags liegt er auf der sonnenabgewandten Seite des Gebäudes. Aber durch die großen Fenster kommt trotzdem genug Licht herein. Die Wände sind in hellem Gelb angestrichen. In der Mitte stehen lediglich Holzstühle, die zu einem Kreis angeordnet wurden. Sechs Personen sitzen dort. Alle drehen sich zu mir hin. Sie gucken mich neugierig an, als ich langsam auf sie zugehe. Nur Mike tut so, als würde er mich nicht bemerken. Der Bärtige sieht sich interessiert den grauen Fußboden an. „Machst du bitte die Tür zu?” fordert eine Frau mich auf, die älter als die anderen ist. Vermutlich handelt es sich um die Therapeutin. „Aber klar!” antworte ich gelassen. Ich laufe nochmal zurück und schließe die Tür. Dann bewege ich mich wieder auf den Stuhlkreis zu. Unverändert sind alle Augen auf mich gerichtet. Bis auf die braunen von Mike. Diese Situation mag ich nicht besonders. Sie erinnert mich an die scheiß High School. Weil alle mich anstarren. In der Schule bin ich früher von meinen Mitschülern oft nicht gut behandelt worden. Wie eine Puppe haben sie mich hin und her geschubst. Die Lehrer haben mich ehrlich gehasst. Weil ich dünn und schmächtig war. Und weil ich anders aussah. 

Am allerliebsten möchte ich mich sofort neben Mike hinsetzen. Aber leider ist da kein Platz mehr frei. Der Casanova sitzt zwischen zwei hübschen Mädchen. Er hat noch immer seinen Kopf gesenkt. Nur neben der Therapeutin steht ein leerer Stuhl. Die Frau deutet einladend darauf. „Komm hierher, Chester! Setz dich bitte hier hin. Du bist doch Chester, nicht wahr?” begrüßt sie mich freundlich lächelnd. „Ja, ich bin Chester”, bestätige ich. Blöderweise muss ich mich durch zwei Stühle und zwei darauf sitzende Menschen zwängen, um zu dem angewiesenen Platz zu kommen. Ich bemühe mich, den beiden Fremden dabei möglichst nicht zu nahe zu kommen. Dann setze ich mich zwischen die Therapeutin und das dritte Mädchen im Zimmer. Außer Mike und mir gibt es in dieser Runde nur noch einen Typen. Das fällt mir sofort auf. Und auch, dass wir immer abwechselnd platziert wurden. Ich frage mich, ob die das mit Absicht gemacht haben. Dass wir drei Mädchen und drei Jungs sind. Und jeweils nebeneinander sitzen. Ob da vielleicht irgendeine rätselhafte Strategie dahintersteckt. 

Noch immer gucken mich alle an. Nur Mike nicht. Mir fällt ein, dass mein Outfit zur Zeit nicht das beste ist. Meine Kleidung ist zerknittert, weil ich sie schon seit gestern trage. Das mag ich gar nicht. Es stört mich, wenn ich ungepflegt aussehe. Nervös rutsche ich auf dem harten Stuhl herum. Hilfesuchend schaue ich Mike an. Von hier aus kann ich ihn zum Glück ganz gut im Auge behalten. Unbeirrt betrachtet er den Fußboden. Mein Blick huscht flüchtig über die anderen Gesichter. Diese Patienten sind wohl alle ungefähr in meinem Alter. Das ist bestimmt auch mit Absicht so. Die Therapeutin holt hörbar Luft und verkündet: „Heute haben wir jemand Neues in unserer Mitte. Chester ist erst gestern hier angekommen. Es ist also alles noch sehr ungewohnt für ihn. Wir wollen Chester herzlich in unserer kleinen Runde begrüßen!” Auffordernd blickt sie ihre Schützlinge an. „Hallo Chester”, murmeln daraufhin alle mehr oder weniger begeistert. Nur Mike hält sich raus. „Hi Leute! Ich bin Chester!” stelle ich mich grinsend vor. Ich könnte mich ausschütten vor Lachen. Weil jetzt bestimmt auch noch der Dümmste in diesem Zimmer langsam kapiert haben müsste, wie mein Vorname lautet. Die Therapeutin wendet sich an mich. „Wo kommst du her, Chester?” horcht sie mich gut gelaunt aus. Ihr Lächeln wirkt irgendwie professionell. Vielleicht hat sie das eingeübt. Interessiert betrachtet sie mich. „Ich bin aus Phoenix, Arizona”, antworte ich leise. Prompt geht ein überraschtes Raunen durch die Runde. „Was? Von so weit her?” „Ist das dein Ernst?” „Wie kommt es dann, dass du hier bist?” „Hast du dich verlaufen?" „Gibt es in Phoenix keine Psychiater?” „Habt ihr in der Wüste keine Psychiatrie?” „In Arizona ist es wohl zu heiß und trocken dafür, was?" prasseln die spöttischen Fragen auf mich ein. Schon wieder werde ich aus vielen fassungslos aufgerissenen Augen angestarrt. Das ist ganz schön unangenehm. Die vorlaute Neugierde nervt mich. Weil es die Menschen hier gar nichts angeht, wo ich herkomme. Außerdem mag ich diese scheiß Wüsten-Witze nicht. Angestrengt schaue ich Mike an. Endlich hat er mal den Kopf gehoben. Das freut mich total. Sichtbar überrascht guckt er mich an. Seine braunen Augen fesseln mich auf der Stelle. Mike hat nicht gewusst, woher ich komme, folgere ich aus seiner erstaunten Miene. Also ist Mikey wohl doch noch nicht auf einem Konzert von Grey Daze gewesen, überlege ich verwirrt. Wahrscheinlich kennt der Fremde meine Band nicht einmal. Das Rätsel, woher der Bärtige meinen Namen wusste, ist wieder vollkommen ungeklärt. 

„Möchtest du die Fragen deiner Mitpatienten beantworten, Chester?” erkundigt sich die Therapeutin behutsam bei mir. Sie ist vorsichtig, weil ich so lange nichts gesagt habe. Bedeutsam schaue ich sie an. „Aber gerne beantworte ich die Fragen meiner Mitpatienten”, kündige ich an und atme tief ein. Dann quatsche ich einfach drauflos. „Also, das war so. Ich hab mir gedacht, wenn schon in die Psychiatrie, dann auch in die schönste des Landes. Geld spielt dabei keine Rolle. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ich wollte nicht gerne in irgendeiner drittklassigen Absteige landen”, erzähle ich mit einem freundlichen Lächeln, „Also habe ich mich vorher wochenlang erkundigt und intensiv im Internet recherchiert. Und das Haus hier hat ja nun mal die besten Referenzen. Das kann man nicht abstreiten. Ich habe nirgendwo einen besseren Ort als diesen gefunden. In allen wichtigen Punkten hat er die meisten Sternchen. Die Verpflegung soll hervorragend sein. Die Zimmer sind nach den bequemsten Standards eingerichtet. Es gibt die umfangreichsten Freizeitangebote. Und das Fachpersonal ist nur hier so allumfassend ausgebildet. Außerdem gibt es ausschließlich in dieser Psychiatrie die modernsten Therapien und Behandlungsansätze.” Tief hole ich Luft und lächle einmal begeistert in die Runde. „Das ist der Grund, warum ich liebend gerne den weiten Weg auf mich genommen habe. Die Psychiatrien in Phoenix können da einfach nicht mithalten.” Nachdem ich geendet habe, gibt es eine verblüffte Pause von mindestens zwei Minuten, in der absolute Stille herrscht. 

Schließlich ernte ich ein zögerndes, verdutzt amüsiertes Lachen von den anderen. Genau das habe ich beabsichtigt. Mein Blick bewegt sich zur Therapeutin. Natürlich weiß sie, dass ich den totalen Scheiß erzählt habe. Ich bin mir sicher, dass sie sich schon längst genau darüber informiert hat, wer ich bin und warum ich hier bin. Immerhin gibt es ja diese Akte über mich, wo alles drinsteht. Jetzt bin ich gespannt, wie die Studierte auf meine Provokation reagiert. Die Frau guckt mich eine Weile nachdenklich an. Dann nickt sie seufzend. Ihre Augen verändern sich besorgt. Sie glaubt zu verstehen, dass ich ein schwieriger Patient bin. Dabei bin ich das gar nicht. Ich möchte nur die angespannte Stimmung ein bisschen auflockern. Außerdem finde ich nicht, dass es die fremden Leute etwas angeht, dass ich nicht freiwillig hergekommen bin. Die Therapeutin wirkt nicht überrascht. Sie ist offenbar erfahren und weiß mit solchen Situationen umzugehen. „Okay, Chester”, lenkt sie sofort ein. Auffordernd wirft sie einen Blick in die Runde. „Dann werden wir uns dir jetzt mal kurz vorstellen. Wer möchte anfangen?” Fragend mustert sie ihre Klienten. Augenblicklich herrscht betretenes Schweigen in der Gruppentherapie. Niemand meldet sich freiwillig. Alle weichen angestrengt dem Blick der Therapeutin aus. Mike studiert abermals verspannt den Fußboden. Und ich möchte laut loslachen. Meine Augen heften sich erneut auf den attraktiven Mikey. Der schüchterne Kerl scheint auf seinem Stuhl zusammenzusinken. Es ist mehr als offensichtlich, dass er sich auf gar keinen Fall vorstellen will. Ich glaube, er möchte hier überhaupt nichts sagen. Er scheint sich in dem Stuhlkreis extrem unwohl zu fühlen, der Arme.

„Also gut. Dann fange eben ich mal an”, seufzt die Therapeutin, nachdem geklärt ist, dass niemand sonst den Anfang machen will. „Mein Name ist Evelyn”, stellt sie sich mir vor, „Ich bin fünfunddreißig Jahre alt und Psychotherapeutin von Beruf. Hier in der Psychiatrie arbeite ich seit drei Jahren.” „Hallo Evelyn”, erwidere ich freundlich und lächle sie an, „Mein Name ist Chester.” Die Mädchen prusten belustigt los. Sogar der Typ muss grinsen. Nur Mike rührt sich nicht. Das wird eine echte Herausforderung für mich. Ich möchte Mike dringend zum Lachen bringen. Er soll sich nicht länger so unbehaglich fühlen. Die Therapeutin ist von meiner Albernheit kein bisschen irritiert. Gelassen grinst sie mich an. „Wie alt bist du, Chester?” will sie wissen. „Ich bin gar nicht so viel jünger als du”, antworte ich neckend und streiche mir herausfordernd durch die Dreadlocks. Ich schenke der Frau mein schönstes Lächeln. Sie mustert mich interessiert. Dann nickt sie. Und ich glaube, sie ist auch ein wenig amüsiert. 

„So, jetzt seid ihr an der Reihe!” fordert sie die anderen auf. Ihre Aufmerksamkeit wandert zurück in den Stuhlkreis. Evelyn braucht nur ein paar Minuten, um jemanden auszuwählen, während sie die Jungs und Mädchen der Reihe nach abschätzend ansieht. Dann ist ihre Wahl auch schon gefallen. „Mike! Erzähl du Chester doch bitte etwas von dir”, spricht sie ausgerechnet ihn direkt an. Mir ist augenblicklich klar, dass Mike das nicht gefällt. Tatsächlich zuckt er erschrocken zusammen. Sein Blick schnellt ungläubig hoch. Er hat die Brauen zusammengezogen. Seine schönen Augen töten die Therapeutin. „Nein, das muss er nicht!” will ich ihm spontan helfen, ohne darüber nachzudenken, „Mike muss mir nichts über sich erzählen!” Evelyn guckt mich erstaunt an. Alle Augen wandern aufhorchend zwischen Mike und mir hin und her. Ihr schlüpfriges Interesse ist geweckt. Die kleinen Gehirne fangen fast hörbar an zu arbeiten. Sie wittern einen Skandal. Die neugierigen Menschen hier fragen sich, warum ich das eben gesagt habe. Sofort wollen sie wissen, ob Mike und ich uns vielleicht schon kennen. Ob da eventuell sogar was zwischen uns beiden läuft. Das habe ich gar nicht beabsichtigt. Verunsichert schaue ich den Bärtigen an. Sein tödlicher Blick ist jetzt auf mich gerichtet. Er sieht wütend aus. „Danke, Chester. Aber ich brauche deine Hilfe nicht!” betont er distanziert. „Du musst gar nichts sagen, wenn du nicht willst”, versuche ich klarzustellen. Mikes dunkle Augen fesseln mich schon wieder. Sie sind tiefgründig. Da stecken jede Menge verborgener Emotionen in dem Fremden. Das interessiert mich. 

Plötzlich steht Mike abrupt auf. „Ich sagte, ich brauche deine Hilfe nicht! Lass mich in Ruhe, Chester!” schreit er mich zornig an. Ich verstehe nicht, warum er so wütend auf mich ist. Ich wollte ihm doch nur helfen. „Setz dich bitte wieder hin, Mike!” fordert Evelyn ihn auf und hebt beschwichtigend die Hände. Aber Mike macht stattdessen einen Schritt nach vorne. „Es geht mir nicht gut”, behauptet er und wirft der Therapeutin einen flehenden Blick zu, „Ich möchte bitte in mein Zimmer gehen.” Alarmiert studiert sie seine Reaktion. „Ja, das ist okay, Mike”, entscheidet sie dann, „Wenn du Hilfe brauchst...” Abwehrend schüttelt der Bärtige den Kopf. „Nein, geht schon...”, murmelt er. Eilig zwängt er sich zwischen die Stühle. So schnell wie möglich will er aus dem Kreis abhauen. Ich habe das Gefühl, dass der Mann schon wieder vor mir davonläuft. Das kapiere ich nicht. Mir ist völlig schleierhaft, was ich falsch gemacht habe. Das seltsame Verhalten des Fremden macht mich echt nervös. Ich will nicht, dass Mike mich hier alleinlässt. Seine Nähe besänftigt mich. Es fühlt sich gut an, wenn er bei mir ist. Ich will nicht, dass der Mann ständig vor mir wegläuft. Am liebsten würde ich ihn festhalten. Ihn bitten, zu bleiben. Oder ihm hinterherlaufen. Extrem unruhig rutsche ich auf meinem harten Stuhl herum. Manchmal ist das so. Dann kann ich einfach nicht mehr stillsitzen. Als Kind galt ich als hyperaktiv. Dabei wollte ich doch nur immer alles genau mitkriegen. Ich war wirklich total scharf auf das Leben. Jetzt beobachte ich hilflos, wie mein Wohltäter überstürzt das Zimmer verlässt. „Mike!” rufe ich verzweifelt. Aber er ignoriert mich. Mikey beachtet niemanden mehr. Steuert einfach stur die Tür an. Der rätselhafte Kerl ist heilfroh, dass er von mir wegkommt. Schwungvoll reißt er die Tür auf. Im nächsten Augenblick ist er verschwunden.

5. No one to hear me


Michael Kenji Shinoda

Es fühlt sich an, als wäre ich sehr kurz davor, mein Bewusstsein zu verlieren. Höchstwahrscheinlich werde ich gleich in Ohnmacht fallen. Das Gezwitscher der Vögel ringsum verstummt in meiner Wahrnehmung. Mein Kopf ist ganz leer. Meine Finger irgendwie taub. Mein Herz schlägt zu schnell. Meine Brust wird eng. Ich ringe nach der angenehm warmen Sommerluft. Weil Chester direkt vor mir steht. Ich habe ihn nicht kommen hören. Habe auch nicht mit ihm gerechnet. Plötzlich ist er da. Fassungslos betrachte ich seine insgeheim flehend herbeigesehnte Gestalt. Der junge Mann hat sich seit der Gruppentherapie, als ich ihn das letzte Mal sah, überhaupt nicht verändert. „Darf ich mich zu dir setzen?” fragt er mit einer Liebenswürdigkeit, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Er lächelt verhalten. Wartet schüchtern auf meine Antwort. Ich nicke stumm. Weil meine Stimme gerade nicht funktioniert. Sein zauberhaftes Lächeln wird heller, weil meine Zustimmung ihn freut. Er ist erleichtert. Neugierig. Wie ich. Chester bewegt sich langsam auf mich zu. Es sind höchstens drei Schritte bis zu mir. Schon sitzt er auf der gleichen Parkbank wie ich. Und schaut mich mit seinen tiefgründigen, braunen Augen an. Der Mann dreht sich ein bisschen zu mir, sodass sein Knie schon fast meinen Oberschenkel berührt. Ich registriere das und sehne mich wie verrückt danach. Sehne mich nach seiner Berührung. Chester richtet seine Konzentration ausschließlich auf mich. Er studiert mein Gesicht so aufmerksam, als wolle er unbedingt sicherstellen, dass ihm auch nicht die kleinste meiner Regungen entgeht. „Hallo du! Ich bin Chester”, flüstert er fast, „Wie heißt du denn?” Er lächelt mich erwartungsvoll an, sodass ich vollkommen dahinschmelze. Seine einnehmende Freundlichkeit schlägt mich automatisch in ihren Bann. Er paralysiert mich. Obwohl seine Worte keinen Sinn ergeben. Weil wir den Namen des anderen längst kennen. Als ich nicht sofort antworte, weil ich sicher bin, dass ich gerade keinen Ton von mir geben kann, wird Chester schnell ungeduldig. Der junge Mann bewegt sich und fängt nervös damit an, unruhig auf der Bank herumzurutschen. Er krallt seine Hände an die Kante der Parkbank und schaukelt mit dem Oberkörper vor und zurück. Offenbar kann er nicht stillsitzen. Sein Blick liegt freundlich auf mir. Gleichzeitig zurückhaltend und forschend. Chester scheint verunsichert zu sein. Aber auch höchst interessiert. Seine schönen Augen mustern mich prüfend. Er schätzt meine derzeitige Verfassung ab. Der Mann ist sich nicht sicher, wie ich jetzt zu ihm stehe. Er hat keine Ahnung, wie ich auf seinen scheuen Annäherungsversuch reagieren werde. Weil ich ihn vorhin in der Gruppentherapie so unfreundlich angeschnauzt habe. Ich habe wiederholt von ihm verlangt, dass er mich in Ruhe lassen soll. Das hat ihn wohl mehr eingeschüchtert, als mir bewusst war. Darum ist der neue Patient jetzt spürbar nervös. Aber sicher nicht so nervös wie ich. Mir ist nicht klar, was er mit dieser erneuten Vorstellung bezwecken will. Ich verstehe seine Absicht nicht. Und ich kann nicht fassen, dass ausgerechnet Chester mich gefunden hat. Dass er tatsächlich hier neben mir sitzt. 

Falls ich überhaupt einen Lieblingsplatz in diesem rundherum hermetisch abgeriegelten Park der Psychiatrie habe, dann ist es zweifellos dieser hier. Die Bank, auf der wir sitzen, steht schön versteckt im hintersten Winkel der Grünanlage. Man kann sie auf den ersten Blick nicht sehen, selbst wenn man unten auf dem Weg an ihr vorbeigeht. Sie steht sehr nah am Baum, hinter den langen Zweigen einer Trauerweide verborgen, die bis auf den Boden reichen. Zusätzlich erschweren ein paar Sträucher die Sicht. Ich habe sie schon recht früh für mich entdeckt. Als ich zum zweiten oder dritten Mal allein in den Park gehen durfte. Auf der instinktiven Suche nach einem Versteck habe ich diesen Platz gefunden. Hier halte ich mich von allen Orten draußen am liebsten auf. Und bisher hat mich auch noch nie jemand hier gefunden. Ich bin noch nie von jemandem gestört worden, wenn ich auf dieser Bank saß. Bis Chester plötzlich auftauchte. Obwohl ich deswegen jeden Moment ohnmächtig werde, freue ich mich doch in Wahrheit wie irre, ihn nach der vollkommen misslungenen Therapiestunde so schnell wiederzusehen. Damit habe ich nicht gerechnet. Total deprimiert war ich davon ausgegangen, dass Chester enorm wütend auf mich ist. Dass er die Schnauze voll von mir hat und nichts mehr mit mir zu tun haben will. Das hätte ich ihm nicht verdenken können. Ich hätte es wirklich verstanden. Immerhin habe ich ihn vor allen Leuten zornig angeschrien. Und ihn schon mehrmals heftig von mir weggestoßen. Aber Chester wirkt kein bisschen sauer auf mich. Das begreife ich nicht. Ich kapiere auch nicht, warum er sich mir schon wieder vorgestellt hat. Er wartet noch immer auf meine Antwort, darum muss ich jetzt langsam mal etwas sagen. Nervös räuspere ich mich. Mein Hals ist trocken. „Ich kenne deinen Namen, Chester”, seufze ich verständnislos, „Und du weißt längst, dass ich Mike heiße.” Eigentlich wollte ich ihm meinen Namen gar nicht verraten. Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, damit eine lebenswichtige Barriere zwischen uns einzureißen. Wenn er meinen Namen weiß, dann ist er mir viel näher, dachte ich völlig konfus. Das hat mir Angst gemacht. Weil ich glaube, dass Chester gefährlich und unberechenbar ist. Der neue Patient kriegt plötzlich grundlose Wutanfälle und hat dann kein Problem damit, mich anzugreifen. Das hat er mir beim Frühstück recht eindrucksvoll demonstriert. Ich habe das panische Gefühl, ihn nicht so nah an mich heranlassen zu dürfen. Aber scheiß Pfleger Ulli hat mich auf dem Klo sofort mit Namen angesprochen. Und schon wusste der fremde Mann, wie ich heiße. Auf Dauer hätte ich das wohl ohnehin nicht verhindern können.

Chester nickt kaum merklich. Abschätzend betrachtet er mich. „Ja, du wusstest meinen Namen. Du hast ihn sofort gewusst. Obwohl ich ihn dir noch gar nicht gesagt hatte”, bemerkt er nachdenklich. „Woher wusstest du ihn?” will er dann plötzlich misstrauisch wissen. Ich grinse irgendwie blöde. Mein Herz schlägt zu schnell. Das Atmen fällt mir schwer. „Ähm... dieser Polizist hat dich angesprochen... Auf dem Flur... Weißt du noch?” erkläre ich ihm stockend. Chester zieht die Augenbrauen zusammen, weil er angestrengt versucht, sich an diese Situation zu erinnern. Es war die Nacht, die alles für mich geändert hat. Die Nacht, in der Chester zum ersten Mal für mich gesungen hat. Bestimmt war er betrunken, darum fällt ihm die Erinnerung nicht leicht. Endlich scheint ihm ein Licht aufzugehen, denn seine Miene klärt sich. „Und inzwischen hast du deinen Namen schon tausendmal gesagt”, necke ich Chester und stupse ihn leicht gegen den Oberarm. Im nächsten Moment kann ich es nicht glauben, dass ich ihn tatsächlich angefasst habe. Hastig, erschrocken ziehe ich meine Hand wieder ein. Aber Chester scheint meine Berührung kaum zu registrieren. Er erinnert sich an die Gruppentherapie und fängt an zu grinsen. „Ja... ich hab's echt übertrieben...”, kichert er verlegen, „Ich hab die in den Wahnsinn getrieben.” Eigentlich möchte ich nicht über die Gruppentherapie sprechen. Das war keine schöne Episode. Ich weiß nicht, warum mich Chesters Beistand so wütend gemacht hat. Ich konnte es nicht ertragen, als alle mich plötzlich anstarrten. Ausweichend schaue ich in eine andere Richtung. Eine Weile ist es ganz still. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun oder sagen soll. Chester ist unruhig, bewegt sich neben mir auf der harten Bank hin und her. Sein Zappeln macht mich nervös.

Schließlich höre ich seine ruhige, zaghafte Stimme. „Irgendwie ist das blöd gelaufen, Mike... ich...” Er bricht ab, seufzt tief und holt Luft. „Vielleicht können wir nochmal von vorne anfangen”, schlägt er ganz leise vor. Verblüfft schaue ich ihn an. Seine dunklen Augen blinzeln aufgeregt hinter den Brillengläsern. „Was meinst du denn dazu?” fragt er zögerlich. Chester ist verunsichert. Er weiß nicht, wie ich auf seinen Vorschlag reagieren werde. Der Mann fürchtet wahrhaftig, dass ich ihn nochmal von mir wegstoße. Oder wieder zornig anschnauze. Das schmilzt mir fast mein Herz. Weil er so liebenswürdig ist, dass ich ihn am liebsten sofort in den Arm nehmen möchte. Ich will Chester an mich drücken. Ich will ihn auf der Stelle küssen und mit meinen Fingern über seine nackte Haut streicheln. Ich sehne mich nach seinem verlockenden Körper. Seiner Zunge in meinem Mund. Ich möchte jeden Zentimeter von ihm in mich aufnehmen. Der Gedanke daran lässt meinen Herzschlag abrupt in die Höhe schnellen. Nervös ändere ich meine Sitzposition. Meine Brust schnürt sich zu. Mein Hals ist trocken. „Okay... dann... tun wir das doch...”, krächze ich hilflos. In diesem Moment würde ich wohl alles tun, was er von mir verlangt. Ein erleichtertes Lächeln erscheint auf Chesters Gesicht, was mich sofort paralysiert. Chesters Lächeln ist unbestreitbar magisch. Es lässt sein ganzes, wunderbar zartes Gesicht erstrahlen. Seine braunen Augen hinter den Gläsern leuchten auf. Das fühlt sich an, als würde plötzlich in der Finsternis die Sonne aufgehen. Chester freut sich unübersehbar. Weil ich seinem seltsamen Vorschlag zugestimmt habe. Mein Herz überschlägt sich fast. Ich bin nicht sicher, ob ich nicht jeden Moment das Bewusstsein verliere. Ratlos sitze ich neben ihm und kann nicht damit aufhören, ihn anzusehen. Er ist wunderschön, denke ich immer wieder, er ist so verdammt wunderschön. Als wäre es ein Mantra. Ich möchte ihn anfassen, schreit alles in mir. Aber ich rühre mich nicht. Weil ich vollends damit beschäftigt bin, nicht nicht in Ohnmacht zu fallen.

Als ich vor ein paar Stunden, direkt nach meiner überstürzten Flucht aus der Gruppentherapie, in meinem Zimmer war und zum ersten Mal das Gefühl hatte, in diesem Raum würde mir die Decke auf den Kopf fallen, hat völlig überraschend mein Psychologe an meine Tür geklopft. Das hat der bisher noch nie gemacht. Noch nie hat er mich in meinem Zimmer aufgesucht. Sonst haben wir uns jedes Mal in seinem Behandlungsraum getroffen. Ausschließlich zu festgelegten Zeiten. Zahlreiche Stunden Einzelgesprächstherapie bei Doktor Brad Doyle liegen mittlerweile hinter mir. Aber bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eigentlich noch nie etwas zu ihm gesagt. Bei unseren regelmäßigen Sitzungen hatte ich nie wirklich mit ihm geredet. Jedenfalls über nichts von Belang. Bisher kam nie etwas zur Sprache, was mir wichtig war. Mike Shinoda war niemals ehrlich zu seinem Psychologen. Obwohl er es zweifellos hartnäckig versucht hat, hatte Brad es bislang nicht geschafft, hinter meine sorgfältig errichtete Schutzmauer zu blicken. Weil ich das nicht zulassen wollte. Weil ich bei unseren Treffen jedes Mal nur darauf gewartet habe, dass die Stunde mit Brad endlich vorbei geht. Weil mir eigentlich alles egal war.

Aber vorhin, als Doktor Doyle völlig unerwartet in meinem Zimmer auftauchte, da hat der Psychologe mich in einem verflucht verletzlichen Moment erwischt. Bis zu dieser Situation hatte ich mich in meinem Raum eigentlich immer am wohlsten gefühlt. Dort hatte ich meine Ruhe. In der deprimierenden Welt der geschlossenen Psychiatrie ist mein Zimmer bisher mein Zufluchtsort gewesen. Aber an diesem Vormittag war alles anders. Meine Flucht aus der Therapie und die Begegnungen mit Chester hatten mich extrem aufgewühlt. Ich war so verwirrt, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Die vertrauten vier Wände schienen plötzlich entschieden zu klein und beengt für meine mächtigen Gedanken und neuen Gefühle zu sein. Ich war dermaßen nervös, dass ich wie aufgescheucht in meinen vier Quadratmetern herumgetigert bin. So etwas hatte ich vorher noch nie gemacht. Mein panisch aufgescheuchter Körper lief autonom vom Fenster zum Bett zum Schrank zum Sessel zum Tisch zum Fenster. Und immer wieder von vorn. All diese Ereignisse stürmten plötzlich auf mich ein, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Die Bilder verursachten in meinem Gehirn ein wahres Feuerwerk aus Emotionen. Meine Erlebnisse mit dem neuen Patienten. Unsere bislang erst drei Begegnungen. Der Mann Chester, der so verdammt viel in mir auslöste, dass ich auf einmal das Gefühl bekam, alleine damit nicht mehr klarzukommen. Vorhin in meinem Zimmer fürchtete ich ernsthaft, jeden Moment komplett den Verstand zu verlieren. Und genau in dieser Situation klopfte Doktor Brad Doyle an meine Tür.

Mann, ich hasse dieses Geräusch! Wenn jemand an die Tür klopft. Es bedeutet, dass ich gestört werde. Dass jemand etwas von mir will. Normalerweise gefällt mir das überhaupt nicht. Aber in diesem Augenblick, in meiner extrem aufgewühlten und verwirrten Verfassung, erschien mein Psychologe mir plötzlich die einzige Chance für mich zu sein, heil aus meinem bedrohlichen, förmlich alles verschlingenden Gefühlschaos wieder herauszufinden. Auf einmal stand Brad vor mir. Ich erinnerte mich nicht, ihn hereingebeten zu haben. Geschockt stoppte ich mein sinnloses Herumlaufen und schaute ihn verwirrt an. Er lächelte höchst zufrieden. Das verwirrte mich noch mehr. Selbstverständlich hatte mein persönlicher Psychologe schon längst von den Vorfällen im Frühstücksraum und bei der Gruppentherapie gehört. Das verdammte Personal petzt ihm ja schon seit meinem ersten Tag hier alles, was mit mir zusammenhängt. Und dann passierte etwas, mit dem ich niemals gerechnet hatte. Doktor Brad Doyle beglückwünschte mich zu meiner Flucht aus der Gruppentherapie. Mein Psychologe strahlte mich begeistert an. Das steigerte meine Verwirrung enorm. Denn ich hatte erwartet und befürchtet, dass der Studierte deswegen stinksauer auf mich wäre. War er aber gar nicht. Ich hatte fest mit seinen Vorwürfen gerechnet. Stattdessen freute Doktor Doyle sich nur über meinen riesengroßen Fortschritt, wie er es nannte. Weil ich zum ersten Mal, seit ich hier bin, einen Wunsch geäußert hatte, meinte er. Ich hatte der Psychotherapeutin Evelyn mitgeteilt, was ich wollte, nämlich die Therapiestunde verlassen. So etwas hatte ich bisher noch nie getan. Und damit hat Brad zweifellos recht. Es ist etwas absolut Unglaubliches mit mir passiert. Chester hat dafür gesorgt, dass ich Wünsche äußere. Dass ich überhaupt Wünsche habe. Nach ellenlanger Zeit ohne die geringsten Interessen. Nach Ewigkeiten ohne irgendwelche Gefühlsregungen. 

Als mir das richtig bewusst wurde, konnte ich plötzlich nicht mehr anders, als dem Psychologen die Wahrheit zu sagen. Auf einmal saß ich neben ihm auf meiner Bettkante. Obwohl es in der Psychiatrie streng verboten ist, sich während des Tages auf dem Bett aufzuhalten. Dafür gibt es ja schließlich den Sessel in jedem Zimmer. Man darf sich nicht aufs Bett setzen. Aber in dieser Situation spielte das keine Rolle. Denn die lange aufgestauten Wörter sprudelten nur so aus mir heraus. Ganz tief aus meiner Seele. Fast wie von allein. Weil ich meine Gedanken und Gefühle nicht länger in mir verbergen konnte. Sie waren einfach viel zu gewaltig für mich allein geworden. Ohne es richtig zu realisieren, erzählte ich meinem Psychologen tatsächlich von Chester. Natürlich tat ich das. Ich musste ihm einfach von Chester erzählen. Weil der neue Patient schon zu lange all mein Denken ausfüllte. Seit er unerwartet in meinem Leben aufgetaucht war, war nichts mehr wie zuvor. Und ich berichtete dem Doktor wahrhaftig alles. Angefangen mit dem Moment mitten in der Nacht, als ich zum ersten Mal draußen auf dem Flur diese Stimme hörte. Dabei versuchte ich genau zu beschreiben, was Chesters Gesang in mir ausgelöst hat. Es war nicht leicht, die Sekunde darzulegen, als nach so langer Zeit plötzlich etwas meine Seele berührte. Wie überraschend und beängstigend das für mich war. Doch der Psychologe nickte zufrieden, als würde er mich verstehen. Das gab mir Mut. Also berichtete ich ausführlich von der für mich schockierenden Begegnung mit dem Fremden beim Frühstück. Von Chesters völlig unverständlicher Aggressivität. Seinem tätlichen Angriff auf mich mit seinem vollen Tablett. Zu meiner Verblüffung fand mein Psychologe es großartig, dass ich Pfleger Patrick angelogen hatte, um Chester in Schutz zu nehmen. Weil mir zum ersten Mal, seit ich hier bin, etwas wichtig genug war, um dafür zu lügen. Das wäre ein großer Fortschritt für mich, meinte Brad, eine erfreuliche Veränderung. 

Von dieser Seite hatte ich all die verwirrenden Ereignisse bisher noch nie betrachtet. Es war ein bisschen so, als würden mir die Augen geöffnet. Naja. Und je länger ich mit dem Doktor sprach, umso besser ging es mir. Das fühlte sich an, als würde ich einen Teil meiner Last auf ihn abwälzen. Das war irgendwie befreiend. Keine Ahnung warum. Ich erzählte von meiner Begegnung mit Chester auf der Herrentoilette. Wo ich beinahe durchdrehte, weil der Typ mich Sweetie nannte, mich in den Hintern kniff und seinen Arm um mich schlang. Offensichtlich hat der Unbekannte, im Gegensatz zu mir, keinerlei Berührungsängste. Schließlich endete ich mit der Gruppentherapie, als Chester mir helfen wollte und ich ihn dafür zornig angeschnauzt hatte. Mike Shinoda sprach zum ersten Mal in seinem Leben mit einem Psychologen über sein durcheinandergeratenes Innenleben. Und ließ dabei kein einziges peinliches Detail weg. Es tat mir erstaunlich gut, mit Brad Doyle über den neuen Patienten zu sprechen. Über meine neuartigen Gefühle für den fremden Mann. Über die widersinnige Panik, die diese nie gekannte Begierde in mir auslöst. Nein, ich verschwieg wahrhaftig gar nichts. Eine weitere, absolute Premiere für mich. Doktor Doyle hörte mir die ganze Zeit sehr genau zu. Und er schien überaus zufrieden mit mir zu sein. Das alles wäre ein riesiger Fortschritt für mich, hat er noch öfter betont. Mein Psychologe riet mir, dass ich auf jeden Fall meinem Herzen folgen soll. Auch wenn sich das irgendwie bescheuert anhört. Als würde mein Leben sich plötzlich in eine Seifenoper verwandeln. Als Doktor Doyle es zu mir sagte, fand ich es sogar so lustig, dass ich plötzlich lauthals lachen musste. Mike Shinoda soll seinem Herzen folgen?! Wie lächerlich ist das denn?! Und verdammt: Ich lachte tatsächlich! Ich wurde von einem Lachen überrascht, was das erste seit ewigen Zeiten für mich war. Definitiv war es das erste Lachen an diesem Ort. Es fühlte sich total fremd an. Ungewohnt vibrierend. Aber auch gut. Doktor Doyle stimmte in mein Lachen ein. Und so lachten wir eine Weile richtig vergnügt miteinander. Er meinte, dass ich das tun soll, was mich glücklich macht. Und all so was. Psychologe halt. Ich habe längst nicht alles verstanden, was Brad mir gesagt hat. Aber sein Zuspruch hat mich eigenartig beruhigt. Nach diesem Gespräch ging es mir seltsamerweise viel besser. Das ist mir noch nie passiert. Noch nie ging es mir nach einem Treffen mit dem studierten Mann besser. Diesmal schon. Und jetzt möchte ich mutig sein. All das versuchen, was er mir vorgeschlagen hat. Ich will mich auf Chester einlassen. Weil er gut für mich ist. Weil er mich weiterbringt. Auch das hat Doktor Doyle mir mehrmals versichert. Und ich will dem Fachmann das jetzt einfach mal glauben.

Ich frage mich, ob es vielleicht Brad war, der den neuen Patienten zu mir geschickt hat. Vielleicht kennt Doktor Doyle meinen Lieblingsplatz im Park längst. Womöglich hat mein Psychologe Chester verraten, wo er mich finden kann. Weil mein Arzt jetzt alles von meinen neuen Gefühlen weiß. Und weil er offenbar dringend will, dass ich mich mit dem fremden Typen anfreunde, der diese positiven Veränderungen in mir ausgelöst hat. Mit Chester anfreunden. Oder viel mehr. Denn insgeheim will ich doch noch so viel mehr. Zweifellos bin ich unglaublich scharf auf diesen Mann. Zum ersten Mal in meinem Leben begehre ich einen anderen Mann. Obwohl ich mir das echt nicht erklären kann. Und ich keine Ahnung habe, wie der Kerl darauf reagieren würde, wenn er von meinem seltsamen Begehren etwas wüsste. Verunsichert frage ich mich, ob Chester überhaupt schwul ist. Ob ich vielleicht schwul bin. Was das für mich bedeuten würde, wenn es so wäre. Ich will wissen, ob ich eine Chance bei dem rätselhaften Mann habe. Oder ob ich lediglich total verrückt geworden bin. Ich weiß es wirklich nicht.

Im Moment sitzt Chester jedenfalls wahrhaftig neben mir auf der Bank. Noch immer kann ich das kaum fassen. Ich habe zugestimmt, dass wir noch einmal ganz von vorne anfangen. Ich will das gerne tun. Von vorne anfangen. Eine zweite Chance bekommen. Diesmal alles richtig machen. Und nicht wieder wütend ausrasten. Ich möchte Chester dringend kennenlernen. „Ich bin Chester”, wiederholt er sichtbar vergnügt, „Und wie heißt du?” Seine einzigartige Stimme vibriert angenehm in meinen Eingeweiden. Seine Augen zwinkern auf eine so charmante Art, dass ich davon beinahe erschlagen werde. Er ist unfassbar wunderschön, wenn er so fröhlich ist, stelle ich absolut gefesselt fest. Sein Glück strahlt förmlich aus jeder seiner Poren. Im Moment würde wohl niemand auf die Idee kommen, dass dieser Mann seine Aggressionen nicht im Griff hat. Dass er ohne ersichtlichen Grund plötzlich Wutanfälle kriegt. Aber daran will ich jetzt nicht denken. Ich muss mich räuspern, weil meine Kehle noch immer zugeschnürt ist. Mein Herz schlägt viel zu schnell. Meine Brust ist eng. Womöglich falle ich tatsächlich gleich ins Koma. „Mein Name ist Mike. Also... eigentlich Michael”, teile ich ihm nervös mit. Meine Finger zittern total blöde, darum klemme ich sie kurzerhand unter meine Oberschenkel. Chester beobachtet mich konzentriert. Ihm entgeht nicht die kleinste meiner Regungen. Das steigert meine unsinnige Nervosität. Ich fühle mich von dem Mann genauestens beobachtet. Er studiert mich. Obwohl er gleichzeitig unruhig herum schaukelt und noch immer nicht stillsitzen kann. Grinsend zeigt er mir seine schneeweißen, ebenmäßigen Zähne. Er ist wirklich belustigt. „Und wie weiter?” will er neugierig wissen. „Shinoda... Mike Shinoda...”, krächze ich wirklich erbärmlich. Ich könnte mich in den Hintern treten. Weil ich es zulasse, dass dieser fremde Kerl mich dermaßen erschüttert. Mich aufwühlt und irgendwie geil macht, bis ich glaube, jeden Moment durchzudrehen. Das tut Chester mit mir. Auch wenn ihm das offensichtlich gar nicht bewusst ist. Aber ich bin absolut fasziniert von diesem Menschen. Und ich bin total machtlos dagegen. Der Typ killt mich einfach. Allein durch seine direkte Anwesenheit. Allein dadurch, dass er so nah neben mir auf der Bank sitzt, dass ich ihn kinderleicht berühren könnte. Und alles in mir sehnt sich wie bekloppt danach, ihn anzufassen. Ich möchte meine Hand ausstrecken und zärtlich durch seine Dreadlocks fahren. Ich möchte sein hübsches Gesicht streicheln. Ich möchte ihm zeigen, wie verflucht glücklich er mich macht. Obwohl ich vor Nervosität beinahe sterbe, so fühle ich mich dennoch glücklich. Chester macht mich glücklich. Definitiv.

Jetzt zieht der süße Kerl verblüfft die Augenbrauen zusammen. Einen Moment verharrt er so. Schaut mich an, als könnte er nicht glauben, was ich gerade gesagt habe. Gleich darauf entspannt sich sein Gesicht wieder. Lächelnd lehnt er sich auf der Bank zurück und streckt seine langen Beine weit aus. Er verschränkt die Arme vor der Brust und betrachtet mich mit gestiegener Aufmerksamkeit. Falls das überhaupt noch möglich ist. Dass sein Interesse an mir noch größer wird. Weil ja seine ganze Konzentration schon auf mir liegt, seit er plötzlich hier aufgetaucht ist. „Shinoda”, flüstert Chester liebevoll, „Shi-no-da.” Irritiert fixiere ich ihn. Mit seiner seltsamen Reaktion auf meinen Nachnamen kann ich nichts anfangen. Er lächelt und holt Luft. „Wow, Mike!” entfährt es ihm beeindruckt. „Shinoda! Das hört sich ja mal geil an! Das ist... total interessant!” Seine warme Stimme geht mir echt tief rein. Ich spüre diese einzigartigen Harmonien deutlich in meinem Körper. Sie vibrieren angenehm, bis in meine Kapillaren. Daran kann ich mich bestimmt niemals satthören. Chester richtet sich auf, zieht die langen Beine an und stellt seine blauen Chucks nebeneinander auf den Boden. Er löst die Arme von seiner Brust und legt die Hände auf seine Oberschenkel. Gleich darauf stemmt er sich auf der Sitzfläche der Bank hoch und hebt seinen ganzen Körper sekundenlang an. Im nächsten Moment sitzt er wieder. Lehnt sich weit zurück. Seine Hände reiben sich aneinander. Lösen sich. Die Finger streichen nervös über die Arme. Er überkreuzt seine Beine unter der Bank. Streckt sie wieder aus. Stellt sie nebeneinander. Dann liegen die Hände auf seinen Knien. Reiben nachdenklich über seinen Bauch. Sein Oberkörper schaukelt erneut vor und zurück. Hin und her. Und immer so weiter. Extrem nervös rutscht der Mann auf der Bank herum, während er mich unentwegt im Auge behält. Offenbar weiß er nicht wohin mit seinen langen Armen und Beinen. Chester ist richtig aufgeregt. Gerührt betrachte ich ihn. „Mann, Mike, das ist echt außergewöhnlich. Das hab ich noch nie gehört”, sprudelt es aus ihm heraus. Seine Augen leuchten hingerissen. Unwillkürlich frage ich mich, wie Chester wohl reagiert hätte, wenn ich einen Allerweltsnamen hätte. So wie Smith oder Baker oder so. Ob er dann auch so begeistert gewesen wäre. „Ich wusste gleich, dass du etwas Besonderes bist!” behauptet er allen Ernstes und mustert mich zufrieden, „Du bist etwas ganz Besonders, Mike. Ich habe das sofort gemerkt. Schon letzte Nacht. Auf diesem Flur. Als du mir zugehört hast.” Seine braunen Augen verschlingen mich beinahe vor Ehrfurcht. Fasziniert betrachte ich meinen Sitznachbar. Obwohl mir klar ist, dass Chester sich gerade ziemlich albern und kindisch verhält, so fühle ich mich dennoch geschmeichelt. Seine Fröhlichkeit ist enorm ansteckend. Das habe ich schon mal mit ihm erlebt. In diesem Vorraum der Herrentoilette. Und besonders während der Gruppentherapie. Manchmal will Chester albern sein. Er will mich zum Lachen bringen. Ich vermute, dass er damit die angespannte Stimmung zwischen uns auflockern will. Und das funktioniert hervorragend, muss ich zugeben. Aber ich glaube auch, dass er mit der überdrehten Albernheit hauptsächlich seine eigene Nervosität überspielt. Dieser Wesenszug macht ihn mir unglaublich sympathisch.

Plötzlich wendet er seinen Körper so schwungvoll zu mir, dass sein Knie gegen meinen Oberschenkel stößt und dann dort bleibt. Sofort fokussiert sich mein Empfinden auf diese Berührung. Und ich drehe beinahe durch, weil ich nicht genug davon kriegen kann. Chester konzentriert sich ganz auf mein Gesicht. Betrachtet es ausführlich. Jeden Zentimeter. Und ich kann mich nicht mehr bewegen, weil ich unwillkürlich komplett erstarrt bin. Und dann tut der fremde Mann etwas, was meinen Herzschlag blitzartig zum Erliegen bringt. „Sieh dir doch dieses Gesicht an”, schwärmt Chester. Langsam hebt er seine Hand und streckt den Zeigefinger aus. Ganz sanft streicht er über meine rechte Augenbraue. „Sieh dir diese Brauen an. So dunkel und dicht.” Chester berührt auch meine linke Augenbraue auf die gleiche Art. Sanft streicht sein Finger einmal über die ganze Länge. Obwohl er mich eigentlich kaum berührt, so fühle ich ihn doch sehr intensiv. Die Berührung fährt mich unwillkürlich durch den ganzen Körper. Scheint sich zielstrebig in meinem Unterleib anzusammeln. Das macht mich unglaublich nervös. Unruhig drücke ich die Knie zusammen. „Ach quatsch...”, bringe ich mühsam hervor. Eigentlich möchte ich mich wegdrehen. Mich ihm irgendwie entziehen. Aber ich kann mich nicht bewegen. Weil alles in mir nach noch mehr von ihm lechzt. Viel mehr Berührungen. „Und diese Nase. Sieh doch, Mike! Die ist einmalig”, meint Chester zärtlich. Sein Finger streichelt zart über meine Nase, während er sie sich genau ansieht. Dann bewegt er den Finger nach unten über meine Oberlippe. „Und diese vollen Lippen... so rot... einfach fantastisch...”, flüstert der Mann lächelnd. Chester fährt ganz sanft über meine Lippen. Einmal über die empfindliche Haut. Fast ohne mich zu berühren. Und killt mich damit total. Amüsiert lächelt er mich an. Die dunklen Augen hinter den Brillengläsern glitzern vergnügt. Plötzlich bin ich mir nicht sicher, ob er sich nicht gerade über mich lustig macht. „Quatsch...”, krächze ich nochmal, „...hör doch auf.” Seine sanfte Zärtlichkeit tötet mich. Ich kann das nicht länger ertragen, ohne ihn gierig an mich zu ziehen. Der Gedanke schockiert mich. 

Instinktiv zuckt mein Gesicht vor ihm zurück. Gleichzeitig bedauere ich es unendlich, als Chester seine Hand sofort sinken lässt. Sein Körper fängt wieder an, unruhig auf der harten Bank herum zu schaukeln. Chester ist unvermindert nervös. „Doch, Mikey, ehrlich! Ich wusste gleich, dass du besonders bist. Schon als ich dich das erste Mal gesehen habe”, betont er freundlich, „Ich habe es in deinem Gesicht gesehen. Das ist total außergewöhnlich.” Nachdenklich kneift er die Augen zusammen und fragt: „Was ist das? Shinoda. Ist das japanisch?” Der fremde Mann hat auf Anhieb richtig geraten. Und obwohl das im Grunde nicht sehr schwierig ist, so bin ich dennoch beeindruckt. Seine irgendwie kindliche Begeisterung für meinen Namen rührt mich. Chester ist voller Leidenschaft, stelle ich mit einem extrem warmen Gefühl im Bauch fest, als ich ihn schmunzelnd beobachte. Er kann sich offenbar für die seltsamsten Dinge total begeistern, denke ich fasziniert. „Ja stimmt... mein... Vater ist japanischer Herkunft”, gebe ich lächelnd zu. Chester reißt verdutzt die Augen auf. „Echt? Aus Japan? Geil!” meint er allen Ernstes. Der Kerl schaut mich an, als hätte ich eine imponierende Leistung erbracht. Als wäre es mein Verdienst, einen japanischstämmigen Vater zu haben. Das amüsiert mich so sehr, dass ich ein nervöses Lachen ausstoße. Chesters unerwartet zärtliche Berührung vorhin hat mich ziemlich durcheinandergebracht. Ich muss mich mit irgendwas ablenken. Also kichere ich. Wie ein Mädchen. Chester grinst zustimmend. Mein Lachen gefällt ihm. Zweifellos ist es sein Verdienst. Er hat es beabsichtigt. „Und deine Mutter?” fragt er mich wissbegierig aus, was mir seltsamerweise gar nichts ausmacht. „Meine Mutter hat europäische Wurzeln”, verrate ich ihm gutmütig. „Also bist du eine richtig geile Mischung, Mike Shinoda!” stellt Chester fest und mustert mich zufrieden. Es schmeichelt mir, wie er mich betrachtet. Als würde ich ihm tatsächlich gefallen. Der Gedanke lässt meinen Blutdruck steigen. Nervös schaue ich in eine andere Richtung. Eigentlich müsste ich ihn jetzt nach seinem Familiennamen und seinen Eltern fragen. Ich möchte dringend mehr über ihn erfahren. Aber ich kriege gerade mal wieder keinen Ton heraus. Mein Hals ist zu eng. Ich habe noch immer das Gefühl, als würde ich jeden Moment ohnmächtig zusammenbrechen. Langsam geht mir das auf den Geist. Ich wünschte, ich könnte so unbefangen an diese Situation herangehen, wie Chester es tut. Könnte meine Nervosität einfach mit Albernheiten überspielen, so wie er. Aber mir fällt nichts ein. Kein einziger Witz. Gar nichts. Mein Kopf ist unverändert leer. Ein gefühlsbeduseltes Vakuum.

Eine Weile ist es ganz still. Ich konzentriere mich darauf, tief ein und aus zu atmen. Ich kann Chester dicht neben mir spüren. Er sitzt jetzt endlich ruhiger, hampelt nicht mehr so entsetzlich auf der Bank herum. Noch immer hat er sich zu mir gedreht, sodass sein Knie gegen meinen Oberschenkel stößt. Das macht mich ganz kirre. Instinktiv rutsche ich ein wenig von ihm weg, als ich die Berührung plötzlich nicht länger ertrage. Chester seufzt tief und dreht sich wieder gerade. Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl habe, ihn jetzt womöglich mit meinem Wegrücken gekränkt zu haben. „Und wie ist dein Nachname?” frage ich ihn hastig, um meinen Fehler wieder auszubügeln. Vorsichtig schaue ich zu ihm hin. Er hat sich zurückgelehnt und starrt unzufrieden geradeaus. Seine Beine hat er jetzt wieder lang ausgestreckt. „Bennington”, seufzt er gelangweilt. „Europäisch?” rate ich auf gut Glück. Er nickt flüchtig und schaut mich zögernd an. „Das hat mir gefallen, Mike”, eröffnet er mir plötzlich, ohne jeglichen Zusammenhang. Der Satz verwirrt mich, weil ich nicht weiß, was er damit sagen will. „Was meinst du?” frage ich irritiert nach. Ich habe den Eindruck, dass Chester nicht gerne über seine Familie sprechen möchte. Darum hat er sofort das Thema gewechselt. Er richtet sich wieder auf und schaut mich vielsagend an. „In der Nacht. Auf dem Flur. Als du mir zugehört hast. Das hat mir richtig gut gefallen”, erklärt er ruhig. Mein Herzschlag beschleunigt sich auf der Stelle. Entsetzt spüre ich, dass ich wahrscheinlich rot werde. Mir wird jedenfalls ganz heiß im Gesicht. „Ähm... ja... du hast wirklich schön gesungen, Chester”, erwähne ich hilflos. In Wirklichkeit hat sein Gesang mich mannigfach überwältigt. Aber das kann ich ihm jetzt unmöglich sagen. Er würde mich für verrückt erklären. Chester lächelt geschmeichelt. In seinen brauen Augen erscheint ein warmer Glanz, als er mich eingehend betrachtet. „Ich mag das, Mike. Wenn man mir beim Singen zuhört. Davon kriege ich den größten Ständer”, gibt er einfach so zu. Provozierend grient er mich an. Automatisch reiße ich die Augen auf. Verblüfft blase ich Luft aus. Und Chester grinst zufrieden, weil er mich mit seiner pubertären Aussage tatsächlich schockieren konnte. „Was?” frage ich perplex. Automatisch wandert mein Blick auf seinen Schoß, bevor ich mich bremsen kann. Als ich es merke, schaue ich hastig wieder in sein Gesicht. Er lacht spöttisch. „Das ist wahr!” behauptet er grinsend, „Das törnt mich total an.” „Singst du noch was für mich?” frage ich ihn schneller, als mein Gehirn es analysieren kann. Dann beiße ich mir erschrocken auf die Lippen. Chesters Lächeln wird noch strahlender. „Jetzt?” fragt er erstaunt. Ich nicke heftig. „Ja, bitte... ich... mag es total, wenn du singst...”, eröffne ich ihm leise. Es verblüfft mich, dass dieses Geständnis mir gar nicht so schwergefallen ist, wie ich erwartet hatte. In Wahrheit sehne ich mich doch schon lange nach seinem Gesang. Schon seit dieser Nacht auf dem Flur. Ich möchte Chester dringend nochmal singen hören. 

Und zu meinem unendlichen Genuss erfüllt er mir diesen Wunsch tatsächlich. Der Mann freut sich. Es gefällt ihm, dass ich ihn gebeten habe zu singen. Chester singt gerne für andere, glaube ich festzustellen. Es törnt ihn tatsächlich an. Er hat mich nicht angelogen. Womöglich kriegt er davon wirklich einen Ständer. Die vage Vorstellung davon erregt mich enorm. Hastig konzentriere ich mich darauf, ihm zuzuhören. Ihn anzusehen. Ich kann mich nicht sattsehen an ihm. Der fremde Mann setzt sich nervös auf der Bank zurecht und überlegt einen Moment. Dann holt er plötzlich Luft und fängt an zu singen. Augenblicklich hänge ich gebannt an seinen Lippen. Ich kann meinen Blick nicht mehr von ihm nehmen. Meine Ohren und meine Seele jauchzen beinahe vor Wonne. So gut hört es sich an, wenn Chester singt. Obwohl er ganz leise anfängt: „People come around. People let you down. Anywhere you go. Anywhere you see. It's real. It's up to you to make it happen. It's up to you to make it real.” Gott, seine Stimme dringt schon wieder automatisch bis in mein Innerstes vor. Ich bin vollkommen machtlos dagegen. Und auch wenn ich die Wörter eigentlich gar nicht so schnell kapiere, so scheinen sie doch aus mir selbst zu stammen. Als würde Chester meine eigenen Gedanken aussprechen. Als würde er tatsächlich verstehen, wie ich mich fühle. Das ist magisch. Und ich kann es nicht wirklich beschreiben. Ich fühle es nur. Augenblicklich. Und ich bin restlos gebannt von ihm. Wir schauen uns unentwegt an. Seine Augen werden ein bisschen traurig, als er singt. Sein Gesicht sieht fast gequält aus. Ich habe den faszinierenden Eindruck, als würde Chester mir gerade seine Seele öffnen. Er breitet sie hemmungslos vor mir aus, damit ich damit machen kann, was immer ich gerade will. Chester liefert sich meinem Urteil aus. Meiner Bewertung. Er verbirgt einfach gar nichts mehr vor mir. Seine Offenheit erschlägt mich nahezu. „And you know how it feels. To bleed some. To need some”, singt er mit einer berührenden Intensität, die mit Sicherheit einmalig ist. „And you know how it feels. To bleed some. To need some”, wiederholt Chester flehend. Als würde er gleich anfangen zu weinen. Das ist echt, was er da singt. Er tut nicht nur so. Er singt nicht nur irgendein Lied. Das ist alles wirklich in ihm und kommt durch den Gesang heraus. Er fühlt ganz genau, was er singt. Das fasziniert mich dermaßen, wie ich es noch nie erlebt habe. Völlig starr sitze ich neben ihm. Ich kann mich nicht bewegen. Unverwandt sehen wir uns an. Seine Augen werden dunkler. Seine Stimme wird lauter. Er hat überhaupt keine Schwierigkeiten damit, auch die höchsten Töne zu halten. Seine Stimme weint. Sie schreit um Hilfe. Ich spüre den Schmerz seiner Lyrics am eigenen Leib. Fast möchte ich meine Arme ausbreiten, ihn an mich drücken und ihn trösten. Gleich darauf wird er wieder leise, flüstert fast. „Tell me what you know. Tell me what you feel. It doesn't matter when you're down. And when you look at me with your eyes. That smile on your face seems happy. Are you happy?” Der letzte Satz hallt in meinem Kopf nach. Berührt mich extrem. Konfus versuche ich, damit klarzukommen. Das ist nicht nur irgendein Lied. Chester meint schon wieder mich persönlich. Er fragt mich wahrhaftig, ob ich glücklich bin. Seine Frage sticht unvorbereitet tief in meine Seele hinein. Mein Hals schnürt sich zu. Tränen stürzen mir in die Augen, weil ich so gerührt und total machtlos dagegen bin. Chester fragt mich, ob ich glücklich bin? Wie kann er das wissen? Wie kann er auch nur ahnen, wie glücklich er mich in diesem Moment macht? Und das ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr glücklich war. Das ich kaum noch wusste, wie sich so etwas überhaupt anfühlt. Das kapiere ich nicht. Ich weiß nicht, was mit mir passiert. Chester überwältigt mich auf eine Art, die ich nicht kenne. 

Schockiert schluchze ich auf und wische mir hastig mit den Fingern über die feuchten Augen. Fuck, ich kann doch jetzt nicht anfangen zu heulen. Das ist total peinlich. Ich bin nicht so jämmerlich. Ich bin kein Mädchen. Was soll er denn von mir denken? Verdammt, ich drehe noch durch! Das geht mir alles so tief rein, dass ich total überwältigt bin. Chester lächelt hinter seiner Traurigkeit. Meine viel zu emotionale Reaktion entgeht ihm nicht. Er holt Luft und wiederholt seinen Refrain in nie gehörter Laustärke. „And you know how it feels. To bleed some. To need some”, schreit er mit einer Wut, die kaum zu begreifen ist. Er wiederholt es nochmal. Danach verstummt er abrupt. Ich schluchze wie ein Weichei. Hastig wische ich mir die Tränen aus den Augen und versuche beschämt, mich schnellstmöglich zusammenzureißen. Einige Zeit ist es ganz still. Nur ein paar Vögel zwitschern. Ich fürchte, der ganze Park hat Chesters letzte Sätze gehört. Er hat so laut geschrien, dass einfach alle ihn gehört haben müssen. Die ganze Welt womöglich. Das kann doch niemandem entgangen sein. Nervös schaue ich mich um. In der Erwartung, dass von überall her Leute angelaufen kommen, um dem Wohlgesang, diesem unglaublichen Zorn auf den Grund zu gehen. Aber nichts passiert. Niemand kommt. Chester und ich sitzen weiterhin allein auf dieser versteckten Parkbank. Er ist jetzt überraschend ruhig und schaut mich nur abschätzend an. Ich glaube, dass er von meinen Tränen gerührt ist. Das Heulen ist mir entsetzlich peinlich. Andererseits hat Chester mir gerade ohne Zweifel seine Seele offenbart. Und darum ist es vielleicht gar nicht so schlimm, dass ich zum Heulen gerührt bin.

„Das war wunderschön”, krächze ich hilflos, als ich das Schweigen nicht länger ertrage. Gleich darauf wird mir klar, wie erbärmlich das klingt. Wie entsetzlich anbiedernd. Aber ich meine es ehrlich. Und zum Glück scheint der Mann das zu verstehen. Chester lächelt schlicht zum Anbeten. „Danke schön, Mike”, erwidert er artig. „Wie heißt der Song? Ist der von dir?” frage ich überwältigt. Chester nickt. „Er heißt The Down Syndrome. Ich habe ihn erst vor ein paar Wochen geschrieben”, erzählt er mir gutmütig. „Das ist fantastisch”, schwärme ich, wie ein verliebter Teenager. Ich habe echt keine Ahnung, was mit mir los ist. Ich fürchte, dass der Typ mich bald für völlig durchgeknallt hält. Aber Chester lächelt warm. Dann hebt er plötzlich den Arm und berührt mit seinem ausgestreckten Finger mein Gesicht. Verdammt, er wischt eine meiner Tränen weg oder so was. Augenblicklich bin ich paralysiert. Schon wieder. Seine Berührung ist so liebevoll, dass ich am liebsten laut schreien möchte. Oder gierig über ihn herfallen. „Schön, wenn es dir gefällt”, flüstert Chester sanft. „Mann, das gefällt mir nicht nur!” stöhne ich spontan hilflos, bevor ich darüber nachdenken kann, „Das macht mich echt fertig!” Chester zieht die Augenbrauen zusammen und guckt mich verwirrt an. „Fuck, das tut mir leid...”, erwidert er irritiert. Bestürzt registriere ich, dass er mich total falsch versteht. Hastig schüttele ich den Kopf und hebe ratlos die Arme. „Nein, nein, das...” Konfus hole ich Luft. „Ich meine auf eine gute Art. Es macht mich auf eine gute Art fertig, Chester.” Ich habe echt keine Ahnung, wie ich mich ausdrücken soll. Wie ich meine unvorstellbaren Emotionen in verständliche Worte packen soll. Er lacht belustigt und beobachtet mich interessiert. „Geht das auch?” will er neckend wissen, „Auf gute Art fertiggemacht werden?” Eifrig nicke ich. Mir fallen die richtigen Wörter nicht ein, um meine Gefühle bei seinem Gesang zu beschreiben.

„Du fährst darauf ab, was?” stellt Chester auf einmal spöttisch fest und grinst breit. Völlig unerwartet fängt er damit an, mich zu knuffen. „Du fährst echt drauf ab, Mikey! Wenn ich für dich singe! Das gefällt dir! Du wirst total hart davon! Gib es zu!” ruft der Kerl albern und knufft mich immer weiter. Er schlägt mich leicht gegen die Arme. In den Bauch. Gegen die Brust. Immer wieder. Er ist schnell. Es ist irgendwie unangenehm, tut aber nicht wirklich weh. Ich winde mich von ihm weg. Und kreische wahrhaftig wie ein Mädchen, ohne es verhindern zu können. Hilflos wehre ich ihn ab, ohne großen Erfolg damit zu haben. Er ist zu schnell und verarscht mich. Auf einmal muss ich lauthals lachen. Echt überraschend. Und verdammt, das fühlt sich verflucht gut an. Endlich scheint sich die nervöse Anspannung zwischen uns zu legen. Meine Nervosität verflüchtigt sich. Durch Chesters Albernheiten wird alles leichter. Meine Tränen versiegen. Meine Rührung verwandelt sich unbemerkt in eine unbekannte Fröhlichkeit. Das passiert, weil Chester sich plötzlich übermütig auf mich stürzt. Weil ich davon überrumpelt werde und nur intuitiv auf ihn reagieren kann. „Hör auf, Chester!” rufe ich kichernd. Ich wehre ihn ab, beschwere mich halbherzig, aber er hört nicht auf, meinen Körper zu knuffen. An allen möglichen Stellen. Seine geschickten Finger fangen an, mich zu kitzeln. Dabei ist er blitzschnell, sodass ich ihn kaum abwehren kann. Chester drängt sich mit seinem ganzen Körper gegen mich. „Du wirst geil davon! Meine Stimme geilt dich auf, Mike! Du wirst hart, wenn ich singe! Du kannst nicht genug davon kriegen! Das törnt dich total an! Gib es zu! Gib es zu!” verlangt er albern und drängt mich dabei auf der Bank nach hinten. Zögernd hört er mit dem Kitzeln auf. Erschöpft schnappe ich nach Luft.

Im nächsten Moment packt er meine Handgelenke und wirft mich nahezu um. Dagegen bin ich völlig machtlos. Ich weiß gar nicht so schnell, wie mir geschieht, da liegt der verrückt gewordene Typ schon auf mir drauf. Richtig auf mir drauf. Ich spüre sein Gewicht sehr viel deutlicher, als mir lieb sein kann. Plötzlich kann ich seinen ganzen, wohlgeformten Körper fühlen. Chester ist gar nicht allzu schwer. Das wundert mich nicht, weil er ja so schlank ist. Aber der Mann fühlt sich gut an. Sogar sehr viel besser, als ich begreifen kann. Auf einmal liege ich mit dem Rücken auf der harten Holzbank. Und Chester Bennington ist wahrhaftig direkt über mir. Er stützt sich mit dem Ellenbogen neben mir ab und schaut grinsend auf mich herunter. „Du genießt es, was? Das macht dich richtig scharf, wenn ich singe! Nicht wahr, Mikey?” kann er es einfach nicht sein lassen. Der Kerl kriegt sich nicht mehr ein. Das hier macht ihm sichtbar Spaß. Verlegen schaue ich zu ihm auf. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Er liegt auf mir und ich habe keine Ahnung, wie ich darauf reagieren soll. Das ist so schnell gegangen, dass ich mich in keinster Weise darauf vorbereiten konnte. Chester hat mich besiegt. Mit einer Leichtigkeit, die mich völlig verdutzt. Unsere recht kindische Balgerei hat mein Gegner gewonnen. Ich habe eindeutig gegen ihn verloren. Darum liege ich jetzt unter ihm. Kein Mann verliert gerne einen Kampf. Eigentlich müsste ich deswegen stinksauer sein. Bin ich aber gar nicht. Chester ist plötzlich so verdammt nah über mir. Ich kann sein Herz hinter seinen Rippen hämmern spüren. Fühle seine kräftigen Atemzüge. Sein Brustkorb hebt und senkt sich spürbar. Wir ringen beide eine Weile nach Luft, weil wir uns angestrengt haben. Und ich habe lediglich das Gefühl, jeden Moment endgültig mein Bewusstsein zu verlieren. 

Weil ich davon total fasziniert bin. Weil ich nicht genug von diesem Kerl kriegen kann. Weil ich ihn sofort umarmen und an mich drücken will. Weil ich mich am liebsten zu ihm hochrecken und ihn auf den Mund küssen möchte. Das verwirrt mich total. Es kann sein, dass ich jeden Moment unter ihm wegsterbe. Das ist doch ausgeschlossen, denke ich matt, Chester kann doch unmöglich auf mir drauf liegen. Gerade saß er doch noch neben mir auf dieser Bank. Wie ist es nur dazu gekommen? Wie um alles in der Welt hat er das nur gemacht? Womöglich kann der Mensch zaubern oder so was. Ich bin heilfroh, dass Chester mich nicht länger knufft oder kitzelt. Er guckt mich eindeutig liebevoll an. Ich glaube, in seinen Augen so etwas wie Zuneigung zu erkennen. Zweifellos interessiert er sich brennend für mich. Das kann ich gar nicht richtig verarbeiten. „Du kannst es ruhig zugeben, Mikey”, meint er, noch immer vollkommen von sich selbst überzeugt, und blinzelt mich hinter den Brillengläsern verschmitzt an, „Gib doch zu, dass du von meiner Stimme einen Ständer kriegst.” Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Mein Puls will sich gar nicht mehr beruhigen, weil Chester mir auf einmal so nah ist. Weil ich sein Gewicht auf mir spüre. Weil ich nicht kapieren kann, was hier plötzlich zwischen uns passiert. „Ja, das ist toll, wenn du singt, Chaz”, erwidere ich schneller, als mein Gehirn sich einschalten kann, „Ich werde davon total gefesselt. Deine Stimme ist fantastisch. Du bist... was ganz Besonderes.” Ich kann nicht glauben, wie ehrlich ich zu ihm bin. Erschrocken starre ich ihn an. Er grinst geschmeichelt auf mich herunter. „Kriegst du einen Ständer davon?” fragt er schon wieder, als wäre er von dieser Vorstellung besessen. Dabei kann er doch im Moment ziemlich gut spüren, dass ich keine Erektion habe. Obwohl es sich, je länger er auf mir liegt, zunehmend so anfühlt, als würde ich womöglich jeden Augenblick eine kriegen. Chesters Körper auf mir macht mich zweifellos geil. Als mir das richtig bewusst wird, gerate ich abrupt in Panik. Nervös drücke ich die Oberschenkel zusammen. Chester grinst atemlos und presst sich gezielt gegen mich. Dabei registriere ich überdeutlich seine weichen Geschlechtsorgane an meinem Unterleib. Erst jetzt kapiere ich schlagartig, dass ich wahrhaftig seinen Schwanz an meiner Leiste fühlen kann. Er drückt ihn gegen mich und seufzt ganz leise. Verdammt, dieses Gefühl, allein die Gewissheit macht mich ganz kirre. Schon spüre ich einen heißen Schauer meine Wirbelsäule hinabkriechen. Mein Schwanz reagiert ein bisschen. Ich darf jetzt keinen Ständer kriegen, denke ich absolut panisch, das wäre einfach nur total peinlich. Chester würde das sofort spüren. Weil er so dicht auf mir liegt, dass ihm das nicht entgehen würde. Plötzlich hebt Chester seine Hand und streichelt mir sanft über den Kopf. Er schaut mich aufmerksam an, betrachtet ausführlich mein Gesicht, während er zart mit seinen Fingern durch mein gestyltes Haar fährt. „Ich mag dich, Mike Shinoda. Du bist auch besonders”, flüstert Chester zärtlich. Und ich drehe schlagartig total durch, weil er mich in diesem Moment mit seiner enormen Liebenswürdigkeit noch viel mehr aufgeilt. Weil ich ihn so deutlich spüren kann, dass ich schlicht verrückt werde. Weil ich mich schäme, weil er es sofort merken wird, falls ich hart werde.

„Geh runter!” verlange ich hastig und viel zu ruppig, als ich das Gefühl bekomme, mich nicht mehr viel länger beherrschen zu können. Panisch stemme ich mich gegen seine Brust und will ihn eilig von mir herunter schieben. Chester scheint zu meinem Erstaunen nicht gekränkt zu sein. Obwohl ich ihn schon wieder so böse angeblafft habe. Aber er lächelt nur amüsiert vor sich hin. Zu meiner Erleichterung erhebt er sich sofort. Vorsichtig klettert er von mir herunter und setzt sich wieder zurück, artig neben mich auf die Bank. Er zupft und streicht seine Kleidung zurecht, die ohnehin ziemlich zerknittert aussieht. Verlegen richte ich mich auf, rücke verstohlen ein Stückchen von ihm weg. Seine Nähe killt mich. Ich bin so verwirrt, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Eigentlich ist es schade, denke ich deprimiert, was zur Hölle ist nur mit mir los? Ich bin so ein jämmerlicher Feigling. In Wahrheit will ich ihn doch über mir spüren. Noch sehr viel intensiver. Chester hat sich so verdammt gut angefühlt. Er ist zärtlich zu mir. Aber irgendwie geht mir das zu schnell. Und auch ein bisschen zu weit. Immerhin kenne ich diesen Menschen nicht. Ich habe gerade mal seinen Namen erfahren. Viel mehr weiß ich nicht über ihn. Außerdem befinden wir uns in einem verdammten Psychiatrie-Park, wo jederzeit jemand vorbeikommen und uns sehen kann. Na gut, unsere Bank steht ziemlich versteckt, das muss ich zugeben. Aber trotzdem. Wie würde es wohl aussehen, wenn mich jemand in dieser Lage überrascht, in der ein anderer Mann auf mir drauf liegt. Verdammt, ich will ihn spüren, denke ich konfus, ich möchte ihm sofort die Kleider vom Leib reißen. Ich will ihm das blaue Hemd und das Unterhemd ausziehen. Warum nur habe ich von ihm verlangt, dass er von mir runtergehen soll? Warum habe ich nicht einfach die Gelegenheit genutzt und ihn geküsst? Schon wieder könnte ich mich selbst in den Hintern treten. Ich hätte Chester gierig an mich drücken sollen. Ich hätte ihn endlich küssen sollen. Das will ich doch schon die ganze Zeit mehr als alles andere. Stattdessen habe ich den armen Kerl ein weiteres Mal unfreundlich weggejagt. Das ist doch totale Scheiße! Ich bin so ein verdammter Idiot! Was stimmt nicht mit mir? Meine Gedanken überschlagen sich schon wieder. Ratlos sitze ich dort und weiß nicht mehr weiter.

„Das war schön”, murmelt Chester schüchtern. Alles krampft sich in mir zusammen, als ich langsam meinen Kopf zu ihm drehe. Ich glaube irgendwie, mich verhört zu haben. Alarmiert schaue ich ihn an. Der seltsame Mann sitzt friedlich neben mir und betrachtet interessiert seine Chucks an seinen lang ausgestreckten Füßen. Er hat sich auf der Bank weit zurückgelehnt. Mir wird ganz warm, als ich ihn gerührt betrachte. Er ist wunderschön, denke ich ein weiteres Mal fasziniert, er kann unmöglich von dieser Welt sein. „Ähm... ja... das war es...”, stimme ich leise zu und kann es gleichzeitig nicht fassen. Chester lächelt und wirft mir einen süßen, scheuen Blick zu. „Ich mag dich, Mike”, wiederholt er sanft, „Ich finde dich wirklich geil.” Verlegen wendet er sich ab und schaut wieder auf seine Schuhe, die er nervös hin und her schaukelt. Ich starre ihn nur an und kann kaum damit klarkommen, was er gerade gesagt hat. Fuck, denke ich erschlagen, er mag mich wahrhaftig! Chester findet mich sogar geil. Warum hat er ausgerechnet dieses Wort benutzt? Was genau meint er denn nur damit? Das macht mich total verrückt. Ich weiß gar nicht, wie ich reagieren soll. Mein Kopf ist schlagartig leer. Weil alles Blut mir abrupt in den Unterleib zu sacken scheint. Und verdammt, das fühlt sich richtig geil an. Unwillkürlich verlangt es mich nach mehr. „Ich mag dich auch, Chester Bennington”, krächze ich völlig hilflos. Dieser seltene und ungewohnte Name fühlt sich auf meiner Zunge erstaunlich wohl. Mein Hals schnürt sich zu, als Chester sich langsam aufrichtet. Er zieht die langen Beine heran und dreht sich zögernd zu mir. Stößt mit seinem Knie wieder an meinen Oberschenkel. Er lächelt einnehmend auf seine unglaublich charmante Art. Die mich augenblicklich in die Knie zwingen würde, wenn ich nicht schon sitzen würde. Wie in Zeitlupe registriere ich, dass sein Gesicht sich meinem nähert. Meine Wahrnehmung verschwimmt. Fokussiert sich autonom auf diesen Mann. Meine Ohren fangen an zu rauschen. Mir wird schwindelig. Es kann sein, dass die Zeit plötzlich stehenbleibt. Mein Herz tut das zweifellos. Für einige Sekunden. Chester lächelt schüchtern und kommt noch näher. Er spitzt seine schmalen Lippen. Gott im Himmel, er wird mich küssen, denke ich total paralysiert, schockiert, als ich auch schon spüre, wie Chester das tatsächlich tut. Mich küsst. Seine Lippen berühren wahrhaftig meine. Ganz zart. Kaum spürbar. Er streift mich höchstens. Vielleicht fünf Sekunden lang. Danach zieht er sich wieder zurück und sieht mich unsicher an. Seine Augen forschen nach meiner Reaktion. Er ist sich nicht sicher, ob ich mit dieser körperlichen, eindeutigen Annäherung einverstanden bin. Chester hat sichtbar große Angst, sich von mir eine weitere, wütende Abfuhr einzuhandeln. Und seine Angst ist nicht ganz unbegründet, so abweisend, wie ich mich ihm gegenüber verhalten habe. Aber verflucht nochmal, nichts auf der Welt liegt mir ferner. Jetzt nicht mehr. Nicht in diesem Augenblick. Ganz im Gegenteil. Ich verzehre mich förmlich nach seinen Lippen. Nach dem ganzen fremden Mann. Schon entschieden zu lange.

Darum kann ich gar nicht mehr anders, als ihn in seiner schüchternen Rückwärtsbewegung zu stoppen. Das geschieht, ohne dass ich darüber nachdenke. Instinktiv. Überstürzt hebe ich meinen Arm und umfasse hastig seinen runden Hinterkopf. Meine Finger tauchen in seine langen Haare und packen den harten Schädel. Seine Dreadlocks fühlen sich schön weich an, als ich Chester am Kopf zu mir hinziehe. Heftig drücke ich meine Lippen auf seine, weil ich mich schlicht nicht länger beherrschen kann. Es überkommt mich wellenförmig. Blitzartig. Mein Begehren explodiert förmlich in mir. Schaltet autonom meinen Verstand aus. Innerhalb von vielleicht drei Sekunden verwandele ich mich in einen Mann, der nur noch mit dem Schwanz denken kann. Dabei bin ich normalerweise gar nicht so. So ein Verhalten passt kein bisschen zu mir. Und dennoch passiert es. Dennoch tue ich es. Ich mache es einfach. Impulsiv. Skrupellos. Gierig presse ich mich gegen meinen heiß begehrten Menschen. Will ihn leidenschaftlich küssen. Sofort. Aber Mist, seine Brille ist total im Weg! Das schwarze Gestell verrutscht auf seiner Nase. Das Plastik bewegt sich hart zwischen unseren Visagen, weil ich mich so heftig gegen Chesters Gesicht dränge. „Wow, Mike, warte mal...”, kichert Chester überrascht, aber auch hörbar angetörnt. Extrem widerwillig muss ich ihn nochmal loslassen. Er greift hoch und nimmt seine Brille ab. Äußerst geschickt klappt er mit nur einer Hand die Bügel zu. Offenbar hat er so etwas schon öfter gemacht. Seine Brille ist ihm höchst vertraut. Dann steckt er das Teil oben in die Brusttasche seines Hemdes. 

Ungeduldig greife ich sofort wieder nach ihm. Chester wehrt sich nicht. Er lässt es willig zu, dass ich ihn an seinem Hinterkopf gepackt erneut gegen mich drücke, ihm mit meinem Gesicht gierig entgegen dränge. Meine Lippen formen sich ganz von allein. Können es nicht länger erwarten. Haben schon viel zu lange auf diesen Augenblick gewartet. Diese Gelegenheit. Und dann küssen wir uns tatsächlich. Endlich. Endlich. Gott im verdammten scheiß Himmel! Mike Shinoda küsst Chester Bennington. Meine Zunge drängt völlig ausgehungert zwischen seine schmalen Lippen, die er sofort folgsam für mich öffnet. Ein zufriedenes, erleichtertes Seufzen entringt sich meiner Kehle. Der fremde Mann schmeckt ein wenig nach Pfefferminze. Und nach Chester. Er schmeckt ungewohnt. Total neu. Das törnt mich ziemlich an. Als seine warme, nasse Zunge vorsichtig tastend die meine berührt, spüre ich überdeutlich, wie sich das Blut in meinem Schwanz zu stauen beginnt. Das passiert so unmittelbar, dass ich ehrlich davon überrascht werde. Ich kriege einen Ständer, als meine Zunge seine umkreist. Als ich unwillkürlich verschlingend an seiner Unterlippe sauge, bin ich so hart, wie ich es wohl noch nie in meinem Leben war. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, jemals dermaßen steif gewesen zu sein. Womöglich weiß ich es einfach nicht mehr. Weil es so lange her ist. Weil das wahrhaftig schon so verdammt lange her ist, dass es sich jetzt wie eine Premiere anfühlt. Vollkommen verdutzt stöhne ich viel zu laut auf. Stoße ein seltsames Knurren aus. Klammere mich hilflos an Chester. Kann mich nicht länger beherrschen. Bin total überwältigt. Ich kann es nicht fassen, wie gut sich das anfühlt. Wie verfickt geil das ist. Wie ewig lange ich dieses Gefühl vermisst habe, ohne dass es mir auch nur vage bewusst war. Gott ja, ich bin auch ein sexueller Mensch! Was mir definitiv erst in dieser Sekunde klar wird.

Shit, spüre ich perplex, das wird verdammt eng! Unbehaglich muss ich mein Becken ein wenig vorstrecken. Irgendwie Erleichterung finden. Es geht einfach nicht anders. Ich ärgere mich, dass ich ausgerechnet heute meine engste Jeans angezogen habe. Mittlerweile ist mein harter Penis so verflucht stramm in die Hose gepresst, dass es beinahe schon wehtut. Am liebsten möchte ich sofort die Knöpfe öffnen, um die viel zu groß gewordene Erektion herauszulassen. Ich will dringend meine Geilheit befreien. Sie an der frischen Luft im warmen Windzug spüren. Ich verzehre mich danach, das Chester mir auf der Stelle einen geilen Blowjob gibt. Oder mir zumindest einen runterholt. Ich will mir selbst einen runterholen. Aber natürlich geht das jetzt auf gar keinen Fall. Schließlich sitze ich mit diesem fremden Mann zusammen auf einer Parkbank. Quasi in der Öffentlichkeit. Und ganz bestimmt werde ich ihn nicht darum bitten. Das wäre viel zu peinlich. Zu dreist. Eher würde ich mir wohl die Zunge abbeißen. Aber die ist gerade mit viel Schönerem beschäftigt. 

Zärtlich und doch leidenschaftlich küsse ich den unbekannten Kerl. Zum allerersten Mal. Einen Mann. Chester fühlt sich enorm gut an, bleibt aber auffallend zurückhaltend. Lässt mich machen. Reagiert mehr auf mich, als dass er selbst agiert. Trotzdem küsst er wirklich gut. Meine Finger streicheln durch seine wilden, weichen Dreadlocks an seinem Hinterkopf. Meine andere Hand tastet sich heimlich an mir herunter und rückt verstohlen meine Erektion in der engen Jeans zurecht. Ich habe keinen blassen Schimmer, wohin das noch führen wird. Wie ich das auf Dauer aushalten soll. Konfus zwinge ich mich, mich ausschließlich auf Chester zu konzentrieren. Mein Körper drängt sich zu heftig gegen ihn, bis die Rückenlehne der Bank uns seitlich ein wenig stabilisiert. Meine Hand rutscht an seinem Hinterkopf herunter und greift unter den Dreadlocks seinen Hals, um ihn ausgiebig zu streicheln. Seine Haut fühlt sich warm an, weich und irgendwie zart. Sie scheint empfindlich. Ich kann ganz kleine Härchen an seinem Nacken spüren. Ganz oben, an der Grenze seines Haaransatzes. Chester seufzt zustimmend. Das gibt mir sofort Mut. Schnell hebe ich die andere Hand und umschlinge seinen schlanken Körper, streiche über sein Hemd an seinem Rücken. Er fühlt sich dünn an, irgendwie knochig. Ich kann ganz genau seine Wirbelsäule entlangfahren. Spüre dabei deutlich jeden einzelnen Wirbel. Er ist tatsächlich noch viel dünner, als ich es mir vorgestellt habe. Da scheint kein einziges Gramm Fett an Chester zu sein. Ich möchte dringend seine nackte Haut fühlen. Kann den fremden Mann nicht deutlich genug spüren. Nehme jedes Gefühl seines Leibes gierig in mich auf. Seine Nähe törnt mich total an. Er riecht ein bisschen nach Schweiß. Und intensiv nach Chester. Ich mag seinen ungewohnten Geruch. Der ist absolut betörend für mich.

Unwillkürlich werde ich ungeduldig und tauche mit meiner Hand hinten an seinem Rücken unter sein blaues Hemd. Bestimmt viel zu heftig zupfe ich an seinem Unterhemd herum, um es hochzuziehen. Die weiße Baumwolle sträubt sich. Er hat sein Unterhemd fest in den Hosenbund gesteckt. Ich will ihm das weiche Hemd dringend aus der hellgrauen Chinohose zerren. Kann es nicht erwarten, seinen nackten Rücken zu erkunden. Die ganze Zeit küssen wir uns dabei. Meine Zunge spielt mit seiner, die feucht, warm und ein wenig hart ist. Gelenkig. Erfahren. Er bewegt seine Zunge geschickt. Wir umkreisen uns, ich necke ihn ein wenig. Dann lecke ich über seine Lippen, sauge gierig daran, um gleich darauf wieder mit der Zunge zwischen seine leicht geöffneten Zähne in ihn einzutauchen. Unbestreitbar kann Chester recht gut küssen. Er ist zärtlich zu mir. Aber der Mann bleibt unverändert scheu. Er ist entschieden zu vorsichtig. Als wäre er sich nicht sicher, was er tun darf und was nicht. Chester seufzt nochmal ganz leise in unseren Kuss hinein. Er hat zaghaft seine Arme um mich gelegt und streicht ein wenig hilflos mit seinen Händen über meinen Rücken. Der Mann ist sehr behutsam, als er über mein T-Shirt streichelt. Als wüsste er nicht recht, was er machen soll. 

Ist er etwa unerfahren? Ist das hier auch für ihn total ungewohnt? Durch den Stoff kann ich seine Berührung kaum spüren. Ich wünschte, er würde mich viel fester anfassen. Ich will von Chester berührt werden. Überall. Auf der nackten Haut. Er soll mich gezielt anfassen. Mir die Klamotten vom Leib reißen. Meinen Schwanz auspacken. Das kapiere ich nicht. Wie kann der Kerl nur so schüchtern bleiben, so zurückhaltend? Wo Mike Shinoda doch vor Geilheit fast schon durchdreht! Merkt er das denn nicht? Ist ihm nicht klar, was hier passiert? Hat das denn gar keine Auswirkungen auf ihn? Er hat doch behauptet, dass er mich geil findet. Warum wird er dann nicht geil? Womöglich steht Chester gar nicht auf Männer. Und seit wann tue ich das überhaupt? Nein, das stimmt so gar nicht. Ich stehe nicht auf Männer im Allgemeinen. Ich glaube nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich über Nacht plötzlich schwul geworden bin. Ich stehe nur auf Chester. Auf seinen schlanken Körper. Seine Stimme. Auf alles an ihm. Weil er etwas Besonders ist. Dass Chester ein Mann ist, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, glaube ich. So ungefähr scheint es jedenfalls zu sein. Denke ich. Das ist völlig neu für mich. Es verwirrt mich extrem. Oder törnt es ihn vielleicht ab, dass ich einfach über ihn herfalle? Mag er es nicht, dass ich beinahe meine Beherrschung verliere? Mich kaum noch im Griff habe? Fuck, ich kann nicht anders! Meine mächtige Geilheit überflutet mich wellenförmig. Sammelt sich gezielt zwischen meinen Beinen. Als hätte ich unabsichtlich eine Schleuse geöffnet. Und kann sie jetzt nicht mehr schließen. Oder kontrollieren. Meine Gedanken rasen und sind gleichzeitig auf diese geile Sache hier fokussiert. Auf die alleinige Steigerung meiner Lust. Das passiert völlig unwillkürlich. Selbst wenn ich es wollte, könnte ich wohl kaum noch etwas dagegen tun. Ich handele instinktiv, uralten Naturgesetzen folgend. Shinoda ist seinen Trieben schutzlos ausgeliefert. Und ich hätte wirklich niemals geglaubt, dass mir so etwas mal passieren könnte. Denn definitiv ist es mir bisher noch nie passiert. Aber jetzt bin ich machtlos dagegen.

Endlich habe ich Chesters Unterhemd aus seiner Hose gerissen und streiche gierig über seine nackte Haut. Fest an seinem knochigen Rücken hinauf. Fühle alle seine Wirbel und an den Seiten seine Rippen. Seine Haut ist warm und weich. Er fühlt sich fantastisch an. Meine Fingerspitzen melden mir diese Empfindung und leiten sie sofort an meinen Penis weiter. Der noch härter zu werden scheint. Wenn das überhaupt noch möglich ist. Verblüfft stöhne ich auf. Ein heißer Schauer lässt meinen ganzen Körper ungesteuert erzittern. Meine Zunge taucht tief in Chesters warmen, feuchten Mund hinein. Am liebsten möchte ich ihn aufessen. Ihn ganz in mich aufsaugen. Stürmisch dränge ich mich gegen ihn und bekomme kaum mit, wie ich ihn heftig auf der Bank nach hinten drücke. Er wehrt sich nicht. Chester überlässt mir die ganze Führung. Bereitwillig sinkt er rückwärts. Ich falle über ihn her und liege halb auf ihm drauf, noch bevor ich es selbst richtig mitkriege. Ich presse meinen harten Unterleib gegen seinen Oberschenkel und stöhne hingerissen auf, weil sich das so extrem gut anfühlt. Ungeduldig zerre ich seine beiden Hemden weit hoch und küsse seine entblößte Brust. Er hat hellbraune, ziemlich kleine Brustwarzen. Dazwischen sind nur ein paar vereinzelte, dunkle Haare. Meine Hände streicheln gierig über seine erstaunlich helle Haut. Zärtlich fahre ich mit der Hand über seinen weichen Bauch. Dann nach oben und erfühle dabei jede einzelne Rippe seines Brustkorbs. 

Das sind instinktive Handlungen. Mittlerweile hat sich ein ungeheurer Druck in meinem Leib aufgebaut. Ich verspüre das dringende Bedürfnis nach Erleichterung. Mein ganzer Körper zittert vor Anspannung. Die Luft wird mir knapp, darum kann ich ihn unmöglich noch länger küssen, ohne zu ersticken. Stattdessen vergrabe ich mein Gesicht irgendwo an seiner Halsbeuge. Ich spüre, wie Chester wieder behutsam seine Arme um mich legt. Ehrfürchtig streichelt er meinen Rücken. Noch immer ist der Typ extrem vorsichtig und zurückhaltend. Er scheint nahezu unberührt. Das frustriert mich zunehmend. Ich verstehe das einfach nicht. Konfus schnappe ich nach Luft. Mein Herz hämmert zu schnell. Ich kann nicht kapieren, warum Chester trotz unserer körperlichen Zärtlichkeiten noch nicht mal eine Erektion bekommt. Bei mir ist das augenblicklich passiert, viel schneller und härter, als ich es jemals erlebt habe. Bei Chester dagegen tut sich offenbar gar nichts. Törne ich ihn denn gar nicht an? An meiner Leiste kann ich den Zustand seines Schwanzes sehr gut spüren. Die intime Stelle zwischen seinen Beinen ist unverändert weich.

„Fuck, Chester...”, keuche ich verwirrt an seiner Schulter, ohne ihn ansehen zu können. Meine eigene unübersehbare und auch für ihn gut fühlbare Geilheit wird mir peinlich. Es ist ziemlich niederschmetternd für mich, dass ich den Mann offensichtlich nicht sexuell erregen kann. Obwohl ich mir ehrlich Mühe gegeben habe. Irgendwie. Glaube ich. Chester nimmt sein zaghaftes Streicheln an meinem Rücken wieder auf. „Ist schon gut, Mike”, flüstert er sanft, während seine Hände über mein T-Shirt fahren. Ich kann mich nicht bremsen und presse wollüstig meinen Schwanz gegen ihn. Das fährt mir sofort ins Gehirn. Ich stöhne auf, ohne mich kontrollieren zu können. Fuck, das fühlt sich gut an! Das ist so verflucht geil, dass ich es kaum noch ertrage. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Mein angespannter Körper zuckt. Obwohl noch mehr Druck in meiner hautengen Jeans auch ein bisschen wehtut, muss ich mich noch einmal selbst an Chester stimulieren. Seltsamerweise törnt dieser beengte Schmerz mich sogar zusätzlich an. Ich habe das Gefühl, jeden Moment zu kommen. Das dauert nicht mehr sehr lange. Definitiv. Mein Kopf ist leer. Alles in mir konzentriert sich unwillkürlich auf die Steigerung meiner Lust. Auf das Erreichen des Höhepunkts. Auf das steife Organ zwischen meinen Beinen, was mir diese unbewusst lang vermisste Wohltat schenkt. Die Macht meiner Begierde verdrängt hartnäckig mein Gefühl der Peinlichkeit. Scheint stärker als jede Scham zu sein. Unruhig rutsche ich auf Chester herum, weil ich das einfach nicht mehr stoppen kann. Weil das intuitiv passiert. Mike Shinoda hat keine Gedanken mehr. In ihm ist nur noch Geilheit. Mein Gehirn wurde von meinem Körper unbemerkt fast vollends abgeschaltet. Komische Geräusche kommen aus meiner Kehle, als ich mich gezielt gegen den Mann presse. Sehr gezielt. Von allein werde ich rhythmisch. Ich fange tatsächlich an, ihn zu ficken. Während ich angezogen halbwegs auf ihm, sehr dicht an seiner Seite auf einer Parkbank liege. Mein Schwanz in meiner viel zu engen Jeans stößt wiederholt gegen sein Bein in seinen Chinohosen. Das ist im Grunde so lächerlich, dass ich eigentlich laut schreien will. Und fühlt sich so gut an, dass ich fast ohnmächtig werde. Oder jeden Moment komme. Ich komme jeden Moment. 

„Fuck... verdammt...”, stöhne ich fluchend in einer Mischung aus übermenschlicher Geilheit, Überwältigung und Panik. Die scheiß Bank ist total unangenehm. Die harten Holzstreben der Sitzfläche drücken sich in meine Seite, in mein Knie und in meinen Ellenbogen, den ich neben dem Mann aufgestützt habe. Ich habe keine Ahnung, wie ich in diese Lage gekommen bin. Mein Körper ist zwischen Chester und der Rücklehne der Parkbank eingeklemmt. Er ist noch immer reglos unter mir. Sein Atem geht irritierend ruhig. Sein rechtes Bein liegt ausgestreckt auf dem Holz, das andere ist angewinkelt. Sein linker Fuß steht vor der Bank auf dem Boden. Die Sitzfläche ist eigentlich zu schmal für uns beide. Wir liegen eng aneinander, halb aufeinander. Plötzlich registriere ich, dass Chester fast herunterfällt. Mein Körper hat ihn sehr nah an den Abgrund gedrängt. Darum muss er sich mit dem linken Fuß auf der Erde stabilisieren. Das spröde Holz der Parkbank ist für uns beide schmerzhaft hart und extrem unbequem. Außerdem befinden wir uns unverändert in diesem Psychiatrie-Park. Das alles drängt sich in mein benebeltes Bewusstsein und stört mich zunehmend. Trotz meiner sphärischen Geilheit kann ich unsere gegenwärtige Situation nicht länger ignorieren.

Ich hebe meinen Kopf, weil ich dringend in Chesters Gesicht gucken muss. Ich muss sofort wissen, was er von dieser seltsamen Sache hier denkt. Auf einmal fürchte ich, dass der fremde Mann mich womöglich für einen durchgedrehten Triebtäter hält. Dass er sauer auf mich ist, weil ich so kopflos und stürmisch über ihn hergefallen bin. Mein Herz hämmert mir in den Ohren und zerbricht dabei fast von Innen meinen Brustkorb. Meine Erektion sprengt inzwischen beinahe die Knöpfe meiner Jeans. Meine verspannten Muskeln zittern nervös. Ich schnappe verkrampft nach Luft. Mittlerweile kann ich meine sexuelle Erregung schon lange nicht mehr vor Chester geheim halten. Michael hat sich selbst überlistet. Der Idiot hat sich total reingeritten. Hat völlig gedankenlos seinen überraschend starken Trieben gehorcht. Ich habe mich Chester offen preisgegeben. Mich ihm förmlich aufgedrängt und ausgeliefert. Schlagartig wird mir meine momentane Lage sonnenklar. Und sie ist mir plötzlich ungeheuer peinlich. Denn ich kenne diesen Menschen unter mir schließlich kaum. Sein Name ist schon fast alles, was ich von ihm weiß. Ich habe einen vollkommen Fremden gefickt. Angezogen. Aber trotzdem. Am liebsten möchte ich im Erdboden versinken. Bestürzt spüre ich, wie mein Gesicht heiß und rot wird, als ich zögernd in Chesters Augen schaue. Voller Angst und Scham versuche ich, seine Stimmung zu erfassen. Seine momentane Meinung von mir. Von der Tatsache, dass ich ihn auf einer Parkbank sexuell motiviert angefallen habe. 

Aber zu meiner grenzenlosen Erleichterung sind Chesters Augen unverändert sanft. Das tiefgründige Dunkelbraun glänzt tröstend warm. Der Mann lächelt liebevoll. Langsam hebt er den Arm und streichelt behutsam über meine Wange. Krault mit den Fingern zärtlich meinen Bart. „Schon gut, Mike. Das ist okay...”, versichert er mir gelassen. Seine wohlklingende Stimme beruhigt mich. Und erregt mich gleichzeitig enorm. Es fühlt sich fantastisch an, wie er durch meinen Bart krault. Automatisch recke ich ihm mein Gesicht entgegen. Zweifellos brauche ich nicht mehr sehr lange, um ziemlich kräftig abzuspritzen. Daran hat sich gar nichts geändert. Das spüre ich viel deutlicher, als mir im Moment lieb ist. Jedoch wird mir gleichzeitig klar, dass ich es dennoch nicht tun kann. Jetzt nicht mehr. Das geht einfach nicht. Denn ich bin nicht so ein Mann. Mike Shinoda will kein triebgesteuertes Arschloch sein. Kein skrupelloses Sexmonster darstellen. Diese Rolle behagt mich nicht. Ich will Chester nicht auf diese Weise benutzen. Das bringe ich schlicht nicht fertig. Alles in mir sträubt sich heftig dagegen. Trotz meiner Geilheit. Und obwohl es mich ehrlich die allergrößte Kraftanstrengung kostet, stoppe ich meine abgehackt rhythmischen Bewegungen komplett. 

Langsam halte ich inne und verharre reglos auf ihm. Sammele mich. Konzentriere mich und atme tief durch. Lasse meinen Herzschlag sich minimal beruhigen. Zwinge mich dazu. Ich kann das. Obwohl ich dafür ohne Frage den letzten kleinen Rest meines freien Willens aktivieren muss. Aber ich kriege das hin. Denn ich bin kein Mensch, der andere zu seinem alleinigen Vergnügen benutzt. Mike Shinoda befriedigt sich nicht gedankenlos an fremden Körpern. So etwas kann ich gar nicht. Das widerstrebt mir total. Ich ertrage es nicht, dass Chester so gut wie nichts zu fühlen scheint. Zwar glaube ich ihm anzumerken, dass es ihm gefällt. Aber offensichtlich erregt es ihn nicht sonderlich. Irgendwas stimmt nicht. Etwas scheint ihn tierisch abzutörnen. Oder es lenkt ihn ab. Nur habe ich keinen blassen Schimmer davon, was genau das sein könnte. Dazu kenne ich ihn zu wenig. Dafür habe ich viel zu wenig Erfahrung mit anderen Männern. Genaugenommen gar keine. Vielleicht muss ich mir nur mehr Mühe geben, vermute ich verzweifelt, womöglich bin ich nicht zärtlich genug zu ihm. Zerknirscht muss ich vor mir selbst zugeben, dass ich zwischenzeitlich dermaßen auf meine eigene sexuelle Erregung fokussiert war, dass ich den Mann unter mir im Grunde kaum noch wahrgenommen habe. Ich habe mich rigoros allein an seinem Körper aufgegeilt. Aber ich habe kein bisschen auf seine Bedürfnisse geachtet. Voll mit schlechtem Gewissen deswegen, schaue ich Chester schuldbewusst an. Er erwidert meinen Blick, während seine schlanken Finger unverdrossen meinen Bart kraulen. 

„Gefällt dir das?” frage ich ihn verunsichert. Er lächelt gerührt. „Ja, Mike Shinoda. Das gefällt mir”, behauptet er leise und zieht seine Hand zu meinem Bedauern zurück. Chester legt seinen Arm neben sich und betrachtet mich lächelnd. Er ist unverändert interessiert. „Das ist schön mit dir”, erwähnt er sanft. Aber ich habe das unbestimmte Gefühl, dass er mich damit nur beruhigen will. Das macht mich verrückt. „Ist dir die Bank nicht viel zu hart?” will ich unglücklich wissen. Zu meiner Bestürzung stößt Chester verdutzt lachend Luft aus. Das kränkt mich total. Weil er mir damit das peinliche Gefühl gibt, etwas ausgesprochen Dummes gefragt zu haben. Weil ich verärgert vermute, dass er sich insgeheim über mich lustig macht. „Nein, Mike. An die scheiß Bank denke ich jetzt wirklich nicht. Die spüre ich nicht mal mehr”, erklärt der fremde Mann mir kichernd. Chesters zwei Hemden sind noch immer ziemlich weit an ihm herauf geschoben. Hemd und Unterhemd falten sich unordentlich, dicht über seinen Nippeln. Seine schwarze Brille ist halb aus der Hemdtasche gerutscht. Das habe ich vorhin gemacht. Ich habe ihm seine Kleidung ziemlich hastig und heftig heraufgezerrt, weil ich keine Geduld dazu hatte, ihm das blaue Hemd erst mühsam aufzuknöpfen. Er hat daran nichts geändert. Hat es einfach so gelassen. Sein erstaunlich heller Oberkörper liegt fast völlig frei. Die zarte Haut spannt sich über seinen Rippen. Ich schaue ihn mir an und streichle sanft seinen dünnen Bauch. Meine Finger liebkosen die empfindliche Stelle um seinen Bauchnabel. Sie ist ganz glatt. Ich liebe das Gefühl seiner nackten, warmen, weichen Haut an meinen Fingern. Da ist eine Spur aus wenigen, dunklen Haaren, die von seinem Nabel aus nach unten in seinem Hosenbund verschwindet. Das steigert meine eigene, höchstens auf Wartestellung geschaltete Erregung augenblicklich. Verwirrt seufze ich auf, als mich ein weiterer geiler Schauer erfasst. Mein Körper zittert schon wieder vor Anspannung. Ohne dass ich etwas dagegen tun kann. 

Chester behauptet, die harten Holzbohlen unter sich nicht mehr zu spüren. Aber ich weiß genau, dass er lügt. Dass er mich nur beruhigen will. Diese scheiß Parkbank ist definitiv zu hart. Die Sitzfläche ist viel zu schmal für uns beide. Der ganze Ort ist denkbar ungeeignet für unsere allerersten Zärtlichkeiten. Das bedauere ich unendlich. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir überhaupt in diese Situation geraten sind. Nervös hebe ich den Kopf und schaue mich um. Auf einmal habe ich das beunruhigende Gefühl, dass uns jemand heimlich beobachtet. In diesen Bäumen und Sträuchern könnte sich jemand versteckt haben. Das nervt mich extrem. Alarmiert mich. Andererseits bin ich aber inzwischen selber schon viel zu aufgeheizt, um die Sache hier jetzt einfach so beenden zu können. Beim momentanen Grad meiner sexuellen Erregung kann ich diese Tätigkeit nicht plötzlich ergebnislos abbrechen. Das würde ich womöglich gar nicht überleben. Vorher würde ich unter Garantie platzen. Mein Schwanz würde wohl vor lauter Frustration einfach explodieren.

„Chester... ich weiß auch nicht... das tut mir leid...”, jammere ich verwirrt los, bevor ich mich bremsen kann. Entschuldigend küsse ich sein Gesicht. Seine harten Bartstoppeln piksen mich in die Lippen. Ich habe keinen blassen Schimmer, was ich jetzt tun soll. Wie ich aus dieser verfahrenen Lage wieder herauskommen soll. Wie ich mit meiner pochenden Erektion klarkommen soll, ohne mich baldmöglichst zu befriedigen. Chester runzelt erstaunt die Stirn und blickt mich unzufrieden an. „Was? Nein.... was meinst du denn?...”, fragt er irritiert. „Ich weiß auch nicht... alles eben...”, erwidere ich erschlagen. Ein gerührtes Lächeln erscheint auf seinem zartem Gesicht, was mich sofort fesselt. „Ach Mikey”, flüstert Chester in seiner unvergleichlichen Liebenswürdigkeit, „Mach dir keine Sorgen. Es ist doch alles in Ordnung.” Spontan beuge ich mich hinab zu ihm und küsse dankbar sein Gesicht. Seine stoppeligen Wangen. Seine fantastischen Augenbrauen, die Augenlider, die Nase. Chester kichert amüsiert. Schließlich treffen sich unsere Lippen. Automatisch versinken wir in einem weiteren, leidenschaftlichen Zungenkuss. Chester legt seine Arme um mich und streichelt meinen Nacken, was mir echt heiße Wellen durch den Körper jagt. Meine Hand tastet sich neugierig an ihm hinab. 

Ich kann jetzt nicht länger warten. Ich muss jetzt unbedingt irgendwas tun. Diese Sache hier vorantreiben. Irgendwie. Mein Drang ist übermenschlich. Meine Hand landet an Chesters Hosenbund, dann fährt sie zielstrebig weiter hinunter zu seinem Schritt. Je näher ich seinem Schwanz komme, um so mehr beschleunigt sich mein Herzschlag. Meine Brust wird enger. Mein Kuss wird noch stürmischer, als ich gezielt Chesters Geschlechtsorgane in seiner Chinohose ertaste. Sie sind unverändert weich. Seine fehlende Erektion frustriert mich. Ich kapiere das nach wie vor nicht. Aber ich kann jetzt seinen Penis fühlen. Unter dem Stoff. Und seine Eier. Chester keucht. Sein Unterleib zuckt ein wenig. Das nehme ich sofort als Bestätigung. Ungeduldig öffne ich den Knopf seiner Hose und zerre danach sofort den Reißverschluss herunter. „Wow... warte mal...”, meint Chester verblüfft in unseren Kuss hinein, als er meine Absichten erkennt. Ich bringe ihn mit meinen Lippen und meiner Zunge rigoros zum Schweigen. Meine Hand taucht unbeirrt in seinen Hosenschlitz und erfühlt nun schon viel deutlicher seinen Intimbereich. Kurz hebe ich den Kopf und schaue an dem Mann hinab. Er trägt einen schwarzen Slip. Es törnt mich wahnsinnig an, dass seine Hose jetzt offen ist. Der Anblick seiner Unterhose fährt mir unverzüglich in den Schwanz. Mein Körper macht sich schon wieder selbstständig und drückt meine Erektion fest gegen Chesters Oberschenkel. Hingerissen von diesem geilen Gefühl stöhne ich auf. Beuge mich wieder hinab und küsse ihn hitzig. Unruhig rutsche ich auf der Bank und auf Chester herum, als meine Hand gierig seinen Schwanz ertastet. Mit der Unterhose klappt das nicht so richtig, der Stoff ist im Weg. Trotzdem liebkose ich ihn so gut es geht. „Fuck... Mike... Moment...”, stöhnt Chester und windet sich. Meine Augen fallen halb zu, weil ich so überwältigt bin. Von Chester. Diesen Gefühlen. Meiner sexuellen Erregung. Meine Wahrnehmung verschwimmt ein weiteres Mal, als meine Hand ungeduldig Chesters Unterhose nach unten schiebt und dabei sein dichtes, krauses Schamhaar erfühlt. Ich will ihn ganz spüren. Ihn richtig in die Hand nehmen können. Meine Finger tauchen blind in seinen Slip und greifen zu. Das ungewohnte Gefühl und die Gewissheit, dass ich wahrhaftig Chester Benningtons Glied in meiner Hand halte, bringen mich fast um. Unverzüglich packe ich fest zu und fange damit an, stürmisch an ihm auf und ab zu fahren. Es ist nicht leicht, weil er recht klein und so weich ist. Noch nie hatte ich einen fremden Penis in meiner Hand. Deshalb mache ich es einfach so, wie ich es auch bei mir selbst schon praktiziert habe. Ich wichse ihn heftig, schnell und zielstrebig. Irgendeine höhere Macht zwingt mich dazu, diesen fremden Mann steif zu machen. Ich will, das er auf der Stelle eine verdammte Erektion kriegt. Will ihn dringend abspritzen sehen. Allein die Vorstellung davon geilt mich extrem auf. Jetzt bin ich höchstens noch Sekunden vom Höhepunkt entfernt. So fühlt es sich jedenfalls an. Und ich bin selbst am meisten überrumpelt davon, wie rasend schnell sich meine sexuelle Erregung steigern kann. Wie intensiv und allumfassend sie werden kann. Das habe ich noch nie erlebt. Noch nie in meinem ganzen Leben. „Nein... Mike... warte doch...”, protestiert Chester jetzt schon deutlicher. Er ächzt unbehaglich und windet sich unter mir. Überstürzt greift er nach meiner Hand an seinem Schwanz. Mit festem Griff um mein Handgelenk will er mich in meinem gezielten, überaus gierigen und ausschließlich triebgesteuerten Vorhaben aufhalten. Im ersten Moment will ich das nicht wahrhaben. Ich kann das nicht akzeptieren. Verstehe seine widersinnigen Skrupel nicht. Finde seine Weigerung total unfair. Kann sie nicht ertragen. Weil er mich so geil gemacht hat, dass ich nicht mehr ein noch aus weiß. Darum fühle ich mich absolut im Recht, ihn ebenfalls geil zu erleben. Aber Chesters Griff um mein Gelenk wird stärker. Er versucht, mich wegzuschieben. Will sogar von der Bank aufstehen.

Und drei Sekunden später wird mir plötzlich blitzartig klar, was ich gerade getan habe. Was ich im Begriff bin zu tun. Und ich möchte augenblicklich im Boden versinken vor Scham. „Fuck!” entfährt es mir entsetzt. Das kann doch echt nicht wahr sein. Ich habe tatsächlich die Kontrolle über mich verloren. Vollends. Das ist mir noch niemals passiert. Noch nie habe ich mich auf diese egoistische Art gehenlassen. Und noch nie bin ich dermaßen gedemütigt worden. Hastig, panisch lasse ich ihn los. Wie ein heißes Eisen. Ich ziehe meine Hand aus Chesters Griff und erhebe mich gleichzeitig eilig von der Bank. Nach wie vor bin ich zwischen ihm und der Lehne eingeklemmt, darum muss ich den Körper des Mannes heftig zur Seite schieben, um mich aufrichten zu können. Nur im Unterbewusstsein registriere ich, dass ich Chester dabei brutal von der Parkbank stoße. Er ächzt erschrocken, als er von der schmalen Sitzfläche stürzt und ziemlich hart auf dem Boden vor der Bank aufschlägt. Seine Brille fällt von seiner Brust herunter und landet im hohen Gras. „Nein... Mike... warte doch...”, ruft er verwirrt und richtet sich stöhnend auf. 

Aber ich kann ihn kaum noch hören. Fühle mich entsetzlich blamiert. Weiß nicht mehr, was in mich gefahren ist. Ich habe diesen fremden Menschen an intimen Stellen angefasst, die mir absolut nicht zustehen. Denn zweifellos kenne ich den Mann bei Weitem nicht gut genug, um ungefragt seinen Penis zu wichsen. Ich habe meinen eigenen Trieben gehorcht. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das geht entschieden zu weit. Denn das bin nicht mehr ich. Ich habe mich in ein Monster verwandelt. Mike Shinoda hat sich vollständig in Chester Bennington verloren. Das entsetzt mich auf eine Art, die mich fast um den Verstand bringt. „Tut mir leid”, stoße ich panisch aus. So etwas ist mir noch nie passiert. Ich kann ihn nicht mehr ansehen. Er wird mich für völlig durchgeknallt halten. Spätestens jetzt muss der Typ ja denken, dass ich ein ernstes Problem habe. Das ertrage ich nicht. Diese Demütigung ist zu viel für mich. Nie hätte ich mich auf ihn einlassen dürfen. Weil er eindeutig gefährlich ist. Er bringt mich dazu, Dinge zu tun, die ich noch nie in meinem Leben getan habe. Wegen ihm habe ich Gefühle, die ich bisher nicht kannte. Chester verwirrt mich und macht mich verrückt. Ich hätte ihm nie erlauben dürfen, sich zu mir auf die scheiß Bank zu setzen. 

Konfus werfe ich dem neuen Patienten einen Blick zu. Er müht sich ab, um aufzustehen, während er gleichzeitig mit einer Hand den Reißverschluss seiner Chinohose schließt. „Michael! Jetzt hör doch mal! Warte doch mal!” redet Chester mit seiner wohlklingenden Stimme auf mich ein. Schockiert und geil klettere ich von der Bank und beobachte mit hämmerndem Herzen, wie Chester langsam auf die Beine kommt. Er sieht verwirrt aus. Erschrocken. Besorgt. Ich muss hier weg sein, bevor er aufgestanden ist. Ich kann dem fremden Mann nicht länger in die Augen sehen. Meine Gefühle der Scham und der Niederlage sind viel zu groß. Hastig drehe ich mich von ihm weg und mache einen Schritt Richtung Parkweg. Chester springt eilig auf die Beine. Er versucht, mich am Arm zurückzuhalten. Aber ich reiße mich los und nehme spontan meine Beine in die Hand. Wie ein verdammter Feigling laufe ich ein weiteres Mal vor ihm davon. Es geht nicht anders. Ich bin so ein Idiot. Ohne Frage gehöre ich in die geschlossene Psychiatrie. Wenn ich da nicht schon wäre. Sie sollten mich wirklich für immer wegsperren.   


Chester Charles Bennington

Das ist komisch mit dem Fremden. Der junge Mann verhält sich merkwürdig. Er tut widersinnige Dinge. Mike Shinoda überrascht mich. Besänftigt meinen Zorn. Zeigt sich sonderbar fasziniert und gleich darauf abweisend. Hält mich auf Trab. Er fordert meinen Intellekt heraus. Mit Mike wird es definitiv nie langweilig. Ich glaube, darum mag ich ihn so sehr. Zweifellos ist er was ganz Besonderes. Allein schon dieser seltene Name. Shi-no-da. Und dieses einmalige Gesicht. Ich liebe sein rundes, liebes Gesicht. Möchte es immerzu anschauen. Man sieht genau, dass sein Vater aus Japan stammt. Seine fantastischen, braunen Mandelaugen verraten es. Die pechschwarzen, dichten, kräftigen Haare. Diese dunklen, buschigen Augenbrauen. Die süße Stupsnase. Die ein wenig abstehenden, großen Ohren. Seine runden Wangen mit dem braunen, flauschigen Bart. Und die vollen, roten Lippen. Der Mann sieht zum Anbeißen aus. Er interessiert mich. Aber manchmal ärgert er mich auch. So wie jetzt, wo er schon wieder vor mir davonläuft. Bereits zum dritten Mal. 

Erst vor ein paar Stunden ist er aus der Gruppentherapie geflüchtet. Ohne Mike fand ich den Stuhlkreis nur noch öde. Nachdem die anderen Patienten sich noch eine Weile kindisch gesträubt hatten, haben sie sich letztendlich doch noch alle artig bei mir vorgestellt. Und danach sollte laut Psychotherapeutin Evelyn jeder von uns seine Pläne für sein Leben offenbaren. Die meisten Lahmärsche haben keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Bei mir ist das nicht so. Ich weiß ganz genau, was ich will. Und das habe ich ihnen auch gesagt. Ich will mit meiner Band Erfolg haben. Ich will unbedingt, dass Grey Daze groß rauskommt. Unsere Songs sollen sich gut verkaufen. Ich will von der Musik leben können. Ich möchte damit berühmt werden. Ich will mit der Musik und meiner Stimme so viel Geld verdienen, dass ich Samantha all das kaufen kann, was sie haben will. Dafür habe ich in den letzten Monaten hart gearbeitet. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, endlich mal etwas auf die Reihe zu kriegen. Während ich in der Gruppe über meine Ziele sprach, wurde mir wieder bewusst, dass ich jetzt gegen meinen Willen in der geschlossenen Psychiatrie feststecke. Das deprimierte mich total. Darum war ich heilfroh, als Evelyn die Therapiestunde endlich für beendet erklärte. 

Draußen auf dem Flur wartete schon Pfleger Ulrich auf mich. Wie angekündigt, machte er mit mir einen ellenlangen Rundgang durch die Station. Das war wirklich mühsam und enorm anstrengend. Dieser Gebäudekomplex ist riesig. Auf dem langen Weg spürte ich verstärkt meinen dummen Körper, der nach wie vor stur nach verschiedenen Drogen verlangt. Ständig liefen wir durch scheinbar endlose Flure. Ulli zeigte mir zahllose Zimmer und Einrichtungen. Zugegeben, diese große Turnhalle und das moderne Hallenbad haben mich schon irgendwie beeindruckt. Aber mein Interesse reicht nicht aus, um Begeisterung dafür zu zeigen. Der lange Spaziergang mit Ulli und seine pausenlosen Erklärungen ermüdeten mich jedenfalls extrem. Und trotzdem musste ich danach auch noch mit dem Oberarzt Professor Paulsen sprechen. Zu diesem Zweck saß ich wieder in seinem Büro vor seinem Schreibtisch, an dem er thronte. Der Arzt fragte mich nach meinem Befinden. Ich versicherte ihm, dass es mir gutgehen würde. Das war definitiv gelogen. Aber der Professor merkte es nicht. Vielleicht hat er auch nur so getan, als würde er meine dreiste Lüge nicht bemerken. Sein Lächeln veränderte sich jedenfalls nicht. Dann musste ich ihm erklären, warum ich bisher noch nichts gegessen und beim Frühstück das volle Tablett vom Tisch gestoßen hatte. Aus irgendeinem Grund wusste der scheiß Oberarzt von diesem ganzen blöden Mist. Irgendwer hat wohl in der Zwischenzeit über mich gepetzt. Das Gespräch wurde total unangenehm. Darum habe ich einfach nur alles heruntergespielt, mich mehrmals entschuldigt, alles bejaht, gelächelt und genickt. Zum Schluss informierte der Professor mich strahlend: „Hören Sie, Chester, ich habe eine gute Neuigkeit für Sie. Ich habe mit Ihrem Vater telefoniert. Er scheint ein sehr netter Mann zu sein. Wir haben uns prima unterhalten.” Zuerst war ich nur erstaunt, dass der Arzt meinen Vater überhaupt am Telefon erreicht hatte. Weil mein Dad nämlich kein Handy besitzt und wegen seiner ständigen Doppelschichten so gut wie nie zu Hause ist. Als ich aber kurz darauf erfuhr, dass mein Vater sich angeblich bereiterklärt hat, mir ein paar persönliche Sachen herzuschicken, da war ich absolut schockiert. Verdammt, ich will auf keinen Fall, dass mein Dad in meinen Sachen herumwühlt. Ich hasse die Vorstellung, dass er meine Wohnung betreten und mir ein Paket packen muss. Für so etwas hat der doch gar keine Zeit! Er wird es mir später unter Garantie vorwerfen, dass er das für mich tun musste. Als hätte er nicht schon genug Gründe, um enttäuscht von mir zu sein. Der Gedanke macht mich echt wütend. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das jetzt noch verhindern kann. Ich bin total sauer, weil der Professor einfach meinen Dad angerufen hat, obwohl ich das doch gar nicht wollte. 

Nach diesem Gespräch mit Paulsen ging es mir echt nicht gut. Am liebsten wollte ich mich nur noch in mein blödes Zimmer verkriechen. Aber ich konnte es nicht finden, obwohl der Pfleger mir ja vorher alles gezeigt hatte. Jetzt, wo ich ihn endlich mal gebrauchen konnte, war Ulli natürlich nicht mehr da, und ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich laufen musste. Also irrte ich eine Weile in den Gängen herum. Bis mich plötzlich jemand ansprach, den ich nicht kannte. Es war ein Mann in Zivil. Also konnte ich ihn nicht als Pfleger identifizieren. „Du bist doch Chester Bennington, nicht wahr?” fragte er mich lächelnd und reichte mir seine Hand, die ich verwirrt schüttelte. „Ja, der bin ich”, bestätigte ich und erwiderte sein Lächeln. Der Mann betrachtete mich extrem wohlwollend. Als wäre er hellauf begeistert von mir, was ich nicht einordnen konnte. „Sag einmal, hast du nicht Lust, raus in den Park zu gehen, Chester?” erkundigte der Fremde sich freundlich bei mir. Sein unerwarteter Vorschlag überraschte mich positiv. Weil ich keine Ahnung gehabt hatte, dass man diesen großen, grünen, verlockenden Park, den man durch viele Fenster der Psychiatrie bewundern kann, als Patient überhaupt betreten darf. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und ich wollte dringend raus aus diesem frustrierenden Gebäude. Schon gefühlt seit Ewigkeiten verlangte es mich heftigst nach frischer Luft. „Darf ich das denn?” fragte ich diesen Typen verblüfft. Er nickte grinsend. „Aber selbstverständlich, Chester. Du bist hier schließlich kein Gefangener”, behauptete er amüsiert. Diesen Punkt sehe ich zwar völlig anders, aber ich lächelte nur dankbar. „Na klar will ich raus in den Park”, betonte ich sofort. „Super, Chester! Das freut mich! Dann komm mal mit. Ich lasse dich vorne hinaus”, bot der Unbekannte hilfsbereit an. Während ich ihm durch die Flure zur Eingangstür folgte, beugte er sich vertraulich zu mir und verriet mir etwas sehr Merkwürdiges: „Hör mal, da draußen im Park wartet jemand schon sehnsüchtig auf dich. Der würde sich sehr freuen, wenn du ihm jetzt sofort mal einen Besuch abstattest!” Und dann erklärte dieser Mann mir auch noch in allen Einzelheiten, wo ich die rätselhafte Person in der weitläufigen Parkanlage finden würde. Das war mir irgendwie suspekt. Ich war mir nicht ganz sicher, ob er mich nicht vielleicht verarschte. „Wie heißen Sie?” fragte ich ihn deshalb misstrauisch. Damit ich ihn im Notfall wiederfinden konnte, falls er sich irgendeinen blöden Scherz mit mir erlaubte. Der Mann lachte belustigt und blieb vor der Tür stehen, die wir gerade erreichten. Er griff in seine Tasche und holte einen Schlüssel heraus, mit dem er zu meiner grenzenlosen Freude die natürlich mehrfach verschlossene Eingangstür aufschloss. „Mein Name ist Brad Doyle. Und glaub mir Chester, du machst deinem Fan eine riesige Freude, wenn du jetzt sofort zu ihm gehst”, behauptete er gut gelaunt. „Na, wenn das so ist”, erwiderte ich unbestimmt und trat an ihm vorbei hinaus in die Mittagssonne. 

Draußen war es überraschend warm und hell. Einen Moment stand ich dort und zog tief die frische Luft in meine Lungen. Mann, das tat richtig gut! Es war angenehm, die warme Sonne in meinem Gesicht zu spüren. Als Nächstes machte ich mich auf den Weg in die angegebene Richtung. Ich hatte weder ein anderes Ziel, noch einen Grund, um Brad nicht zu glauben. Außerdem war ich neugierig. Auf dem Weg grübelte ich darüber nach, wer wohl an dem versteckten Ort ganz hinten im Park auf mich warten würde. Es wunderte mich, dass ich angeblich an meinem ersten Tag in der Psychiatrie schon einen Fan gewonnen haben sollte. So recht konnte ich mir das nicht vorstellen. Ich dachte an dieses Mädchen aus der Therapie, die eindeutig mit mir geflirtet hatte. Dann dachte ich an Mike und wurde ein bisschen aufgeregt. Weil ich mir nämlich wünschte, dass es Mikey wäre. Ich wollte dringend mit ihm sprechen. Ihn wiedersehen. Ein paar Dinge zwischen uns klären. Und er war es ja dann auch. Mike wartete wahrhaftig auf dieser im Grünzeug komplett verborgenen Parkbank auf mich. Brad Doyle zufolge wartete er sogar sehnsüchtig. 

Und jetzt ist Herr Shinoda wieder weggelaufen. Das verstehe ich nicht. Ich weiß gar nicht, was passiert ist. Eigentlich dachte ich, dass zwischen uns alles in Ordnung wäre. Sogar mehr als das. Schließlich haben wir uns ziemlich leidenschaftlich geküsst. Uns gegenseitig gestreichelt. Zum allerersten Mal. Das war schön. Am Anfang habe ich ihn extra vorher gefragt, ob ich mich zu ihm auf die Bank setzen darf. Und der Typ hat es mir mit einem Nicken erlaubt. Ich war erstaunlich nervös und habe versucht, mich langsam an ihn heranzutasten. Behutsam vorzugehen. Damit ich ihn nicht nochmal verscheuchte. Ich wollte unser Kennenlernen von vorne anfangen, indem ich mich ihm aufs Neue vorgestellt habe. Meine Hoffnung war, dass er sich vielleicht darüber amüsiert. Lockerer wird. Seine offensichtlichen Hemmungen ablegt. Aber er schien nur irritiert zu sein. Trotzdem hat er zugestimmt. So habe ich erfahren, dass Mike diese echt geile Mischung aus Japan und Europa ist. Ich habe ihm sofort angesehen, dass er asiatische Gene in sich trägt. Schon als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. In der Nacht auf dem Flur. Das gefällt mir, und das habe ich ihm auch gezeigt. Ich konnte mich nicht zurückhalten, sein hübsches Gesicht anzufassen. Dabei war ich dermaßen nervös, dass ich ein bisschen albern wurde. Das passiert mir öfter mal. Das es mit mir durchgeht und ich ziemlich überdreht bin. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich Mikes dichte Augenbrauen berührt habe, seine wunderschöne Nase und auch seine vollen Lippen. Aber nur ganz vorsichtig. Trotzdem bekam ich davon unwillkürlich Lust auf mehr. Ich wollte ihn gerne anfassen. Selbst erfahren, wie er sich anfühlt. Darum habe ich ihm verraten, wie sehr es mir gefallen hat, als er mir in der Nacht auf dem Flur beim Singen zuhörte. Das war keine Lüge. Ich liebe es total, wenn mir jemand interessiert zuhört. Das ist für mich eins der schönsten Gefühle auf der Welt. Nicht ignoriert zu werden. Das törnt mich manchmal dermaßen an, dass ich hart davon werde. 

Und Mike Shinoda ist seit langer Zeit mein mit Abstand aufmerksamster Zuhörer. Ich war hellauf begeistert, als er mich bat, auf der Stelle nochmal etwas für ihn zu singen. Offensichtlich gefällt dem Mann meine Stimme tatsächlich. Und das ist wohl das größte Kompliment, was man mir machen kann. Ich wählte The Down Syndrome für uns. Weil es irgendwie zu der Situation passte. Und weil es noch ziemlich neu ist, und ich es darum noch nicht allzu oft gesungen habe. Vom ersten Ton an hing Mike absolut paralysiert an meinen Lippen. Wie ein durchgeknallter Fan, was wirklich amüsant war. Außerdem fand ich es verflucht geil. Es war aufregend und anregend zugleich. Mein Herz hämmerte wie verrückt, als ich neben ihm auf der Parkbank saß und für ihn sang. Die ganze Zeit haben wir uns dabei angesehen, Mikey und ich. Uns mit den Augen verschlungen. Und ich konnte mich nicht sattsehen an ihm. Meine Brust wurde ganz eng. Ich hatte Mühe, bei den langen Silben nicht nach Luft zu schnappen. Und trotzdem war es fantastisch. Das hat mir richtig Spaß gemacht, den fremden Mann mit meinem Gesang zu beeindrucken. Und offenbar kann ich ihn ziemlich leicht zufriedenstellen. Ihm scheint alles sofort zu gefallen, was ich gesanglich von mir gebe. Ich finde, dass an The Down Syndrome noch Einiges verbessert werden kann. Aber Mike war von meinem Song dermaßen gerührt, dass ihm sogar Tränen in die Augen traten. Der Kerl hat wahrhaftig geweint. Und davon war ich wiederum total bewegt. Das ging mir ziemlich tief rein. Es war ein Moment, in dem ich ehrlich glücklich war. So ein unbekanntes Gefühl, dass alles in Ordnung ist. Dass ich endlich mal alles richtig mache. Und niemand mehr enttäuscht von mir ist. Das hat mich überwältigt. Denn ich habe so etwas vorher noch nie erlebt.

Nach dem Song war ich jedenfalls dermaßen angetörnt, dass ich mich nicht länger bremsen konnte. Ich musste einfach über den süßen Mikey herfallen. Das ging nicht mehr anders. Ich war ihm so dankbar, weil er es geschafft hatte, mich glücklich zu machen. Für einen Augenblick. Habe ihn ein bisschen geknufft und geneckt und gekitzelt. Das war richtig lustig. Und funktioniert eigentlich immer, wenn ich eine angespannte Situation retten will. Auch Mike hat endlich mal gelacht. Ich mag es sehr, wenn er lacht. Als er lachte, ging eindeutig die Sonne auf. Auch in mir. Und zwischen uns. Alles schien wunderbar okay zu sein. Zuerst rangelten wir ein wenig albern auf der Bank herum. Später konnte ich ihn recht leicht überwältigen. Dann lag ich auf ihm und konnte mich kaum noch beherrschen, ihn sofort zu küssen. Ich wollte ihn dringend küssen. Das war tierisch aufregend. Ich war erregt, und der Kerl fühlte sich unter mir fantastisch an. Sein wohlgeformter Körper war warm und weich. Aber als ich seinen Kopf streichelte und ihm verriet, dass ich ihn mag, hat er sofort einen Rückzieher gemacht. Mike hat von mir verlangt, dass ich von ihm runtergehen sollte. Also habe ich das schweren Herzens getan. Dann saßen wir wieder nebeneinander auf dieser Parkbank und waren beide irgendwie verlegen. Wie verliebte Teenager. Aber es knisterte ganz gewaltig in der Luft, und das gefiel mir ungemein. Die Situation war extrem spannend. An diesem Punkt war mir sonnenklar, dass noch viel mehr zwischen uns passieren würde. Ich wusste, dass ich ihn früher oder später knacken konnte. Dass er sich nicht mehr lange gegen mich sträuben würde. Mein Instinkt täuschte mich nicht. Ich wollte es langsam angehen. Denn immerhin kenne ich ihn kaum. Ich wollte ein paar sanfte Zärtlichkeiten genießen. Zarte Wohltaten mit ihm austauschen. Nur ein bisschen liebevoll knuddeln. Darauf hatte ich große Lust. Ich wollte Mike Shinoda unbedingt wissen lassen, dass ich ihn ehrlich gut leiden kann.

Aber der Kerl packte einfach meinen Hinterkopf und zog mich energisch zu sich hin. Er küsste mich so stürmisch, dass ich total verblüfft war. Das hatte ich ihm gar nicht zugetraut. So viel verborgene Leidenschaft. So viel versteckte sexuelle Energie. Es schien, als würde er plötzlich innerlich explodieren, so gierig stürzte er sich in unseren ersten Körperkontakt. Das war ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Zweifellos überrumpelte er mich. Aber eigentlich hatte ich nichts dagegen. Er küsste nämlich richtig gut. Mike schmeckte nach Orangensaft. Seine Zunge war schnell und drängend in meinem Mund. Sein weicher Bart kitzelte mein Gesicht. Das törnte mich an, wie wollüstig er mich küsste. Dabei drückte er sich stürmisch gegen mich und zerrte mir dreist mein Unterhemd aus der Hose. Er streichelte mich, erkundete intensiv meine nackte Haut. Aber dabei bewegte er seine Hände zu hastig. Es schien, als wäre mein Körper für ihn nur Mittel zum Zweck, um seine eigene Erregung schnellstmöglich zu steigern. Letztendlich drängte er mich zurück, bis ich auf der Bank lag. Und er direkt an meiner Seite, halb über mir liegend, eingeklemmt zwischen der Rückenlehne und mir. Dagegen hatte ich nichts. Denn der Kerl fühlte sich zweifellos geil an. Ich konnte sofort seine Erektion an meinem Bein spüren. Er drückte sie immer wieder gezielt gegen mich, was ein bisschen wehtat, weil er so unglaublich hart war. Es amüsierte mich, wie bedingungslos Mike seinen Trieben folgte. Ich hatte den Eindruck, als wäre er selbst davon überrascht worden. Als hätte er sich schon zu lange nicht mehr sexuell betätigt und wäre jetzt vollkommen überwältigt davon. Unwillkürlich fragte ich mich, wie lange er wohl schon abstinent gelebt hatte. Nach seinem Verhalten zu urteilen, schienen es mindestens Jahrzehnte zu sein. Das war lustig. Es schmeichelte mir, wie sehr er auf mich abfuhr. Wie offensichtlich fasziniert er von meinem Körper war. Und ohne Frage fühlte er sich fantastisch an. Mike war warm und weich auf mir. Nur sein Schwanz war erstaunlich hart. Aber alle seine Muskeln sind genau an den richtigen Stellen. Er sieht einfach unglaublich gut aus. Es war schön, ihn so nah auf mir zu spüren. 

Ich mag es, wenn er bei mir ist. Mike hat etwas an sich, was mich innerlich beruhigt. Das ist magisch. Ich habe das vorher noch nie erlebt. Noch bei niemandem habe ich mich derart besänftigt gefühlt. So, als wäre alles wunderbar in Ordnung. Als müsste ich mir keinerlei Sorgen mehr machen. Ich lag dort und küsste ihn, streichelte seinen breiten Rücken. Und mit der Zeit genoss ich es auch, wie wild er mich berührte. Als ich mich daran gewöhnt hatte, da fand ich es ziemlich geil, wie ungebremst entfesselt er war. Aber dann hörte Mike plötzlich auf und schien irgendwie beunruhigt zu sein. Ich habe keine Ahnung, was genau in ihm vorging. Er fragte mich, ob es mir gefallen würde. Natürlich gefiel es mir! Sonst hätte ich ja wohl kaum mitgemacht. Doch Mike schien unzufrieden, irgendwas nervte ihn. Ich glaube, der seltsame Mann war frustriert, weil ich keine Erektion hatte. Als ob es darauf ankommen würde! Ich verstehe nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Von mir aus hätte er ruhig über mir abspritzen dürfen. Wäre mir echt egal gewesen. Solange er dabei meine Klamotten nicht versaut hätte.

Aber als Mike mir plötzlich ungeduldig die Hose aufzerrte, zielstrebig nach meinem Schwanz griff und mich ziemlich brutal anpackte, da verkrampfte sich schlagartig alles in mir. Es gab Ereignisse in meinem Leben, an die ich nicht gerne denke. Und Mikes Verhalten erinnerte mich unwillkürlich daran. Weil er mich nicht anfasste, um mir gutzutun. In diesem Moment fasste er mich nur an, weil es ihn selbst aufgeilte. Das konnte ich nicht ertragen. Und dann ging auch schon alles kaputt. Innerhalb von wenigen Minuten. So schnell, das ich es gar nicht richtig mitbekam. Zum Schluss lief der fremde Patient aufs Neue vor mir davon. Und jetzt hat er mich mit meinen Fragen allein zurückgelassen. Ich weiß nicht, was ich hätte besser machen können. Mir einfach einen von ihm runterholen lassen? Ob ihm das wohl gefallen hätte? Aber selbst wenn, dazu war ich nicht in der Lage. Nie wieder möchte ich mich derart hilflos fühlen. Dermaßen ausgeliefert sein. Das liegt weit hinter mir und ich versuche jeden Tag, es einfach abzuhaken. Nicht mehr daran zu denken. Produktive und sinnvolle Dinge zu tun. Mich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Irgendwie klarzukommen. 

Im Moment ist jedenfalls alles blöd. Ich stehe allein an der Bank und weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Mike ist verschwunden und ich habe keine Ahnung, wie ich zurück in die Psychiatrie finden soll. Ob ich da überhaupt wieder hin will. Vielleicht kann ich irgendwo ein Loch in der meterhohen Mauer entdecken, die dieses Grundstück und den Park umgibt. Und dann einfach verschwinden. Das würde mich schon reizen. Andererseits würden sie wohl nur wieder die Bullen auf mich hetzen, weil ich meine Strafe mutwillig abgebrochen hätte. Das würde ihnen unter Garantie nicht gefallen. Womöglich würden sie mich in den Knast sperren. Also lass ich es lieber sein. Ich glaube, dass es hier immer noch besser ist, als es im Gefängnis wäre. Hoffe ich jedenfalls. Mein Hüftknochen tut weh, weil Mike mich so feste von der Bank geschubst hat, dass ich ziemlich schmerzhaft da drauf geknallt bin. Ich verstehe nicht, was in ihn gefahren ist. Unwillkürlich frage ich mich, warum der fremde Patient wohl hier ist. Ob er sich vielleicht in der geschlossenen Psychiatrie aufhält, weil er seine sexuellen Bedürfnisse nicht im Griff hat. Oder ob er einfach nur schon viel zu lange hier ist. Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich ihn einfach danach fragen. Ich hoffe, er redet noch mit mir. Ich kapiere nicht, was Mike schon wieder dermaßen in Panik versetzt hat, dass er weglaufen musste. Frustriert bücke ich mich und hebe meine Brille auf, die im hohen Gras liegt. Ich setze sie auf. Stopfe mir das Unterhemd zurück in die Hose. Überprüfe meine Kleidung auf nervige Verschmutzungen. Das wäre fatal, denn ich besitze zur Zeit nur diese Klamotten. Es ist total ärgerlich, dass ich ausgerechnet die helle Hose anhatte, als sie mich gewaltsam aus der Kneipe mitnahmen. Hätte ich das vorher auch nur geahnt, dann hätte ich an dem Abend auf jeden Fall eine robuste Jeans angezogen. Oder meine Lederhose. Oder zumindest eine dunklere Hose, die nicht so schnell dreckig wird. Zum Glück kann ich auf der hellgrauen Chino keine hässlichen Flecken von Gras oder Erde finden. 

Dann laufe ich spontan los. Ich schlage die Richtung ein, aus der ich gekommen bin, in der Hoffnung, zurück zur Eingangstür der Psychiatrie zu finden. Eigentlich möchte ich noch länger hier draußen bleiben. Es ist schön in diesem Park. Das ätzende Gefühl, eingesperrt zu sein, ist an der frischen Luft und in der Sonne nicht ganz so schlimm. Aber andererseits will ich dringend Mike finden. Weil ich unbedingt mit ihm reden muss. Ich will nicht, dass jetzt diese Sache zwischen uns steht. Das muss geklärt werden. Ich ertrage es nicht, wenn Mike sauer auf mich ist. Oder womöglich nichts mehr mit mir zu tun haben will. Denn ich sehne mich nach ihm. Ich habe es sehr genossen, ihn so nah bei mir zu haben. Der geile Mann hat sich verdammt gut angefühlt. Und ich möchte das so bald wie möglich wiederholen. Mein Gefühl sagt mir, dass Mike zurück in das Haus geflüchtet ist. Ich kann nur hoffen, dass er das getan hat. Denn in diesem großen Park würde ich ihn niemals finden. Hier gibt es zu viele Möglichkeiten, um sich zu verstecken. Falls Mike in einem Gebüsch hockt, dann habe ich keine Chance ihn zu finden. Das frustriert mich. 

Ziemlich schnell laufe ich über den Parkweg und halte die Augen weit offen. Ich habe Schwierigkeiten, mich zu orientieren. Weil überall Bäume und Sträucher stehen und ich nicht sehen kann, wo die vielen Wege hinführen. Schließlich komme ich an eine große Wiese, auf der sich einige Menschen aufhalten. Ein paar spielen Frisbee. Andere haben einen Fußball. Mehrere kleine Gruppen sitzen im Gras. „He, Chester!” ruft ein Mädchen plötzlich und kommt freudestrahlend auf mich zu. Ich erkenne sie. Sie saß auch in diesem Stuhlkreis in der Gruppentherapie. Ihr Name ist Kaitleen oder Katie oder so. Obwohl ich jetzt eigentlich keine Zeit habe, um mit Katie zu sprechen, bleibe ich stehen und schaue ihr lächelnd entgegen. Sie beeilt sich, zu mir auf den Schotterweg zu treten. Sie hat blonde Haare, blaue Augen und sieht aus wie ein typisches California-Girl. „Willst du dich nicht zu uns setzen?” lädt sie mich freundlich ein und deutet auf die kleine Gruppe, die auf der Wiese hockt. Automatisch gucke ich hin. Mir fällt auf, dass da noch andere Patienten aus der Therapie sind. Aber ich kann mich jetzt nicht bei denen aufhalten. Denn ich muss dringend Mike finden. Das lässt mir keine Ruhe. Ich bin nervig nervös, weil Herr Shinoda nicht mehr bei mir ist. Darum schüttele ich bedauernd den Kopf. „Nein, ich wollte jetzt wieder reingehen”, erkläre ich dem Mädchen und deute in die Richtung, von der ich annehme, dass dort irgendwo der Eingang zum Gebäude ist. Sie sieht dermaßen enttäuscht aus, dass ich grinsen muss. „Aber wir haben doch noch ein bisschen Zeit bis zum Mittagessen”, wendet Kaitleen ein. „Ich muss noch mit meinem Therapeuten sprechen”, lüge ich und hebe entschuldigend die Schultern. „Schade!” meint sie aus tiefstem Herzen, „Es wäre schön, wenn du dich zu uns setzen würdest.” Die Kleine ist liebenswürdig. Darum schenke ich ihr mein charmantestes Lächeln. „Wir sehen uns sicher noch, Katie”, verspreche ich ihr, weil sie mir in ihrer Enttäuschung beinahe leidtut. „Okay. Dann bis später, Chester”, seufzt sie und wendet sich ab. „Warte mal!” rufe ich und bin gerührt, wie schnell sie mich wieder hoffnungsvoll ansieht. „Kannst du mir den Weg zum Eingang beschreiben?” erkundige ich mich bei dem Mädchen, die sich sicherlich schon viel besser hier auskennt als ich. Kaitleen ist hilfsbereit und erklärt mir, wie ich zurück ins Gebäude finden kann. „Du musst klingeln. Dann macht dir jemand auf”, setzt sie lächelnd hinzu. Ich bedanke mich und setze meinen Weg fort. Dieses fremde Mädchen gefällt mir irgendwie. Ich hätte Lust sie zu knallen. Und ich glaube wirklich, dass sie mit Freuden zustimmen würde. Bestimmt wäre sie wild und leidenschaftlich. Die Vorstellung macht mich geil. Unwillkürlich denke ich daran, wie gierig Mike vorhin über mich hergefallen ist. Ich will, das er das nochmal macht. Sofort. Ich möchte mit ihm auf der Bank liegen, er über mir, und dann nur noch genießen. Aber es ist fraglich, ob der Mann mich überhaupt noch bei sich haben will. Ich habe keine Ahnung, was ihn umtreibt. Seine Entscheidungen sind mir ein einziges Rätsel. Darum muss ich dringend mit ihm sprechen. Er muss mir erklären, was ich falsch gemacht habe. Zumindest das ist er mir schuldig.

Endlich kommt die große Eingangstür in Sicht. Ich laufe schneller und beeile mich, auf den gut beschrifteten Klingelknopf an der Seite zu drücken. Ungeduldig warte ich darauf, dass jemand aufmacht. Es macht mir Sorgen, dass ich Mike vielleicht nicht finden werde. Dieses Gebäude ist so verdammt groß. Und ich kenne mich trotz Ullis ausführlichem Rundgang kein bisschen hier aus. Mir fällt auf, dass mir niemand gesagt hat, wie der weitere Ablauf des Tages aussehen wird. Katie hatte vom Mittagessen gesprochen. Mein Magen knurrt, weil ich heute noch nichts gegessen habe. Aber gleichzeitig fühle ich mich nicht wohl genug, um etwas Essbares runterzukriegen. Es verlangt mich stattdessen dringend nach einer Zigarette. Und gegen eine Flasche Bier hätte ich weißgott auch nichts einzuwenden. Fuck! Ich muss unbedingt mit Mike reden. Auf der Stelle. Ich werde verrückt, weil ich nicht weiß, was zwischen uns eigentlich genau passiert ist. Irgendwas ist mächtig schiefgelaufen. Das kapiere ich nicht. Dieser fremde Mann weckt Gefühle in mir, die ich nicht kenne. Ich verspüre das Bedürfnis, ihm dringend nah sein zu wollen. Das ist total beängstigend.

Endlich bequemt sich mal jemand, mir von innen die Tür zu öffnen. Es ist irgendeine Krankenschwester. Ich lächele sie dankbar an und gehe an ihr vorbei in das Gebäude hinein. Ich habe keine Ahnung, wo Mike sich aufhält. Darum laufe ich eine Weile suchend in den Fluren herum. Das nervt mich, weil es anstrengend ist. Vor meinem inneren Auge sehe ich Mikes fantastisches Gesicht. Seine braunen Mandelaugen. Die asiatische Nase und die wohlgeformten Lippen. Ich fühle seinen flauschigen Bart und den attraktiven Körper. Das macht mich nervös. Ich wünsche mir sehnlichst, den rätselhaften Kerl endlich aufzuspüren. Vielleicht versteckt er sich wieder vor mir. Darum suche ich auch jede Herrentoilette ab, an der ich vorbeikomme. Aber überall sind nur fremde Menschen. Jede Menge Pflegepersonal und andere Patienten. Niemand scheint mich sonderlich zu beachten, worüber ich froh bin.

Schließlich erreiche ich die Flügeltür, die zum Speisesaal führt. Sofort öffne ich sie und werfe einen prüfenden Blick in den großen Raum. Mir knicken beinahe die Beine ein, als ich Mike an einem Tisch sitzen sehe. Er ist ganz allein in diesem Esszimmer. Einsam sitzt er an einem Tisch am Fenster und schaut gedankenverloren hinaus. Er bemerkt mich nicht, dreht mir den Rücken zu. Aber ich erkenne ihn auf Anhieb. Diesen Menschen würde ich immer erkennen. Er hat sich mir deutlich eingeprägt. Ich liebe sein geil gestyles, dichtes, schwarzes Haar. Mein Herz fängt an, vor Freude und Erleichterung zu rasen. Ich bin extrem aufgeregt, als ich mich ihm vorsichtig nähere. Ich frage mich, ob er noch immer sexuell erregt ist. Unbestreitbar war er es, und zwar nicht zu knapp, als wir gemeinsam auf der Bank lagen. Jetzt wirkt er aber erstaunlich ruhig. Unwillkürlich stelle ich mir vor, wie Mike sich heimlich auf dem Klo Erleichterung verschafft. Wie er sich verstohlen in einer der Kabinen einen runterholt. Ob er das wohl getan hat? Bestimmt hat er das gemacht. Was hätte er sonst tun sollen? Zweifellos musste er sich dringend irgendwie abreagieren. Die konkrete Vorstellung vom masturbierenden Mike Shinoda törnt mich plötzlich dermaßen an, dass ich total verblüfft bin. Dieses Bild erregt mich extrem. Ich würde ihm gerne mal zusehen, wenn er wichst. Ich möchte ihm und mir selbst einen runterholen. Ich will ihm einen blasen. Ich will, dass er mir einen bläst. Völlig ungesteuert fängt mein Schwanz in der Hose an zu zucken. Meine Gedanken überschlagen sich förmlich, als ich langsam zu ihm an den Tisch trete. 

Er sieht mich aus den Augenwinkeln und schreckt hoch. Eindeutig entsetzt starrt er mich an. Meine Gedanken reißen ihm wahrhaftig die Kleider vom Leib. Unsere Blicke treffen sich. Ich versuche abzuschätzen, wie der fremde Mann jetzt drauf ist. Was genau in ihm vorgeht. Aber ich weiß es einfach nicht. Ich kenne ihn nicht gut genug. Sein Gesicht verrät mir gar nichts. Höchstens, dass er erschrocken ist, mich plötzlich zu sehen. Zweifelsohne hat der Typ mich nicht erwartet. „Chester...”, stöhnt er, als wäre er von meinem überraschenden Auftauchen extrem genervt. Das kränkt mich. Aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Zurückhaltend lächele ich ihn an. „Hallo Mike”, sage ich sanft, „Was machst du denn hier?” „Ich warte aufs Mittagessen”, erklärt er mir ziemlich abweisend. Demonstrativ dreht er sich von mir weg und schaut trotzig aus dem Fenster. Er gibt mir bewusst das Gefühl, unerwünscht zu sein. Das verstehe ich nicht. Ich kapiere nicht, was ich ihm Schlimmes angetan haben soll. Wo meine Fehler liegen. Das muss er mir erklären. Darum lasse ich mich nicht von ihm beirren. Behutsam ziehe ich den Holzstuhl zurück und setze mich dicht neben ihn an den weißen Tisch. Forschend beobachte ich den seltsamen Mann, der jetzt krampfhaft so tut, als würde er mich nicht bemerken. Er ist schüchtern, glaube ich amüsiert festzustellen. Es ist ihm peinlich, was im Park passiert ist. Dass ich es genau mitgekriegt habe, wie er die Kontrolle über sich verlor. Mike Shinoda schämt sich zu Tode, weil er auf einer Parkbank entfesselt mein Bein gefickt hat. Das rührt mich so sehr, dass ich ihn am liebsten sofort tröstend in meine Arme schließen möchte. Mein Herz schlägt aufgeregt, weil ich mich so freue, ihn zu sehen. Ihn anzusehen. Seine Nähe freut mich sogar viel mehr, als ich mir selbst eingestehen kann. Weil das nämlich magisch ist. Kaum sitze ich neben ihm, fühle ich mich auch schon besänftigt. Dieser fremde Kerl lindert meinen inneren Schmerz. Allein durch seine unmittelbare Anwesenheit. Und ich habe keine Ahnung, wie genau er das eigentlich anstellt. Welche magischen Zauberkräfte er besitzt. Aber das er welche hat, das steht für mich in diesem Moment fest.

„Mike, hör mal. Ich verstehe gar nicht...”, fange ich an, als er auch schon aufgebracht zu mir herumfährt. „Nein, Chester! Hör auf! Lass es sein! Geh einfach weg!” unterbricht er mich voller Zorn. Seine schönen, braunen Augen werfen mich hinaus. Mike ist richtig unfreundlich zu mir. Obwohl er mich noch vor nicht mal einer halben Stunde mehr als innig geküsst und gestreichelt hat. Das kränkt mich enorm. Ich finde nicht, dass ich das verdient habe. „Nein, du musst mit mir reden. Du musst mir erklären, was ich...”, erwidere ich hilflos. Aber Herr Shinoda fährt mir abermals ins Wort. „Ich will aber jetzt nicht mit dir reden!” blafft er ungeduldig. Mega nervös bewegt er sich auf seinem Stuhl, hampelt mit den Armen auf dem Tisch und trampelt mit den Füßen wütend auf den Boden. Nervlich ist der Typ unübersehbar extrem angespannt. Aber das ist er erst, seit ich neben ihm sitze. Noch vor einer Minute war er total gelassen, als er allein aus dem Fenster guckte. Ich kapiere nicht, was ihn so gegen mich aufbringt. „Wir müssen aber darüber reden, Mike! Ich will verstehen, was da gerade passiert ist. Du musst mir sagen, was ich falsch gemacht habe!” wende ich ein. Konzentriert schaue ich ihn an. Ich will ganz genau mitkriegen, wie er reagiert. Ich will begreifen, was mit ihm los ist. Sein zorniger Blick verändert sich. Irgendwie wird er traurig. Er scheint von meinen Worten berührt zu sein. Aber nur für einen Augenblick. Schon drei Sekunden später blitzt wieder die unverständliche Wut in seinen Augen. „Fuck! Verdammt nochmal, Chester!” zischt er entnervt und schüttelt den Kopf. „Jetzt lass es doch sein! Hör auf damit! Kannst du nicht bitte einfach abhauen? Ich kann jetzt nicht mit dir reden! Lass mich endlich in Ruhe! Geh weg!” verlangt er böse. 

Aber ich bleibe sitzen und schaue ihn unverwandt an. Ich werde hier nicht eher weggehen, bis ich nicht mindestens ein paar Antworten von ihm erhalten habe. Als Mike registriert, dass ich mich nicht bewege, stöhnt er ungeduldig auf. „Bitte, Chester! Lass mich zufrieden! Ich kann das jetzt nicht! Bitte geh einfach! Bitte!” bettelt er förmlich. Seine Augen flehen mich an, mich auf der Stelle in Luft aufzulösen. „Was ist denn so schwer daran zu kapieren, dass du mich in Ruhe lassen sollst?!” zischt er verständnislos. Das macht mich wütend, wie der mich behandelt. Wie er versucht, mich aggressiv abzuschmettern. Wie er sich feige vor seiner moralischen Verantwortung drücken will. Mein freudiges Herzklopfen verwandelt sich in ein nervöses. Unruhig rutsche ich auf meinem harten Stuhl herum, weiß nicht wohin mit meinen Händen und ändere pausenlos meine Sitzposition. „Nein, das geht nicht, Mike! So einfach ist das nicht! Du kannst nicht meinen Schwanz anfassen und mich im nächsten Moment zum Teufel jagen!” stelle ich energisch klar. Mike reißt die Augen auf und stöhnt perplex. „Chester!” ruft er entgeistert, als ich meinen Penis erwähne. Panisch guckt er sich im Speisesaal um, ob irgendwer unsere Unterhaltung belauscht. Aber da ist niemand. Mike und ich sind ganz allein in diesem großen Raum. Die vielen Tische und Stühle aus Holz sind verwaist. Offensichtlich gibt es vorerst noch kein Mittagessen. Ich weiß nicht, wann es aufgetragen wird. Oder wann wieder Leute hier reinkommen. Das ist mir auch vollkommen egal. Denn ich muss jetzt dringend diese Sache hier klären. Und vorher werde ich Mike auf gar keinen Fall verlassen. 

„Du hast meinen Schwanz sogar gewichst, Mike! Und dann bist du plötzlich abgehauen! Das verstehe ich nicht!” lege ich ihm mein Problem dar. „Gott, Chester! Hör auf!” ächzt er schockiert. Zu meinem verblüfften Entzücken wird er langsam knallrot in seinem hübschen, asiatischen Gesicht. Seine süßen Ohren wechseln tatsächlich die Farbe. Belustigt registriere ich, dass es dem schüchternen Kerl mega peinlich ist, mit mir über meine Geschlechtsorgane zu sprechen. Über das, was er getan hat. Was wir gemeinsam auf der Parkbank getrieben haben. Seine Hemmungen machen mir Mike Shinoda unvermittelt unglaublich sympathisch. Ich kann ihm für seine Unfreundlichkeiten gar nicht mehr böse sein. Stattdessen möchte ich den verklemmten Typen am liebsten augenblicklich umarmen. Ihn zärtlich an mich drücken. Ich sehne mich danach, nochmal von ihm gestreichelt zu werden. „Hör mal, Mike. Wir können doch darüber reden...”, schlage ich sanft vor. Aufmunternd lächele ich ihn an. Er stöhnt widerspenstig und dreht sich von mir weg. Hilflos starrt er aus dem Fenster. Seine Hände verkrampfen sich vor seinem Bauch. Er weiß überhaupt nicht mehr, was er jetzt machen soll. Ich glaube, nun ist er es, der sich gerne in Luft auflösen möchte. Das rührt mich. Meine Augen streifen das Fenster. Von hier aus hat man einen weitläufigen Blick auf den Park. Aber ich finde den Mann neben mir sehr viel aufregender. Mein Herz stolpert ein wenig, weil ich mich ihm dringend nähern will. Ich möchte ihn gerne nochmal küssen. Aber ich weiß nicht, wie er reagieren wird. Das kann ich nicht abschätzen. Kein bisschen. Herr Shinoda ist verdammt sprunghaft und undurchsichtig. 

Mein Arm streckt sich zögernd und legt meine Hand auf seine Schulter. Behutsam streicheln meine Finger über seine Knochen und Muskeln. Sein schwarzes T-Shirt fühlt sich weich an. „Es war schön, wie du mich berührt hast”, eröffne ich ihm leise. Er knurrt unzufrieden und dreht sich abrupt zu mir. Dabei rutscht meine Hand von seiner Schulter. Enttäuscht ziehe ich sie wieder ein. „Naja, so besonders schön fandest du das ja wohl nicht”, meint Mike und blickt mich vorwurfsvoll an. Er ist ein bisschen rot im Gesicht, sieht aber trotzdem klasse aus. Seine Ohren sind dunkel. Unser intimes Thema ist ihm unvermindert unangenehm. „Wie kommst du denn darauf?” will ich verständnislos wissen. Er windet sich unbehaglich und weicht meinem Blick aus. Panisch wandern seine Augen durch den leeren Speisesaal, auf der Suche nach einem Fluchtweg. „Ich glaube nicht, dass ich dich richtig antörnen konnte”, bemängelt er leise. Ich kann es nicht fassen, was er da sagt. „Was wäre denn für dich richtig gewesen?” erkundige ich mich forschend. Seine braunen Augen wandern zu mir. Eine Weile guckt er mich hilflos an. In seinen Augen steckt schon wieder diese tiefe Traurigkeit, die ich überhaupt nicht an ihm mag. Offenbar will er irgendwas sagen, kriegt es aber schlicht nicht heraus. Stattdessen steigt nur seine spürbare Nervosität. Ungefähr vier Minuten lang ist es still. 

Dann geht mir abrupt ein Licht auf. „Du meinst, weil ich keinen Ständer hatte?” frage ich verdutzt. „Chester!” ruft er erneut entsetzt und verzieht gequält das Gesicht. „Das ist es, was du meinst, oder?” hake ich fassungslos nach, „Ich hatte keinen Steifen. Das hat dir nicht gefallen.” „Chester, verdammt!” beschwert Mike sich pikiert. Unzufrieden rutscht er auf dem Stuhl herum. Sein Blick fleht mich an, augenblicklich die Klappe zu halten. Er ist alarmiert. Der Mann wirkt auf mich, als würde er am liebsten sofort aufspringen und so weit wie möglich weglaufen. Er will sich vor diesem Gespräch drücken. Das kann ich auf gar keinen Fall zulassen. Instinktiv greife ich nach seinem Arm und halte ihn fest. „Sag mal, spinnst du total, Mike?” weise ich ihn zurecht, „Ich hab dir auf der Bank gesagt, dass es mir gefällt. Das war nicht gelogen. Es war total schön mit dir. Das kannst du doch nicht an meinem Schwanz festmachen!” Meine Worte gefallen ihm offenbar nicht. Mit irgendwas habe ich seinen Trotz geweckt. Seine Augen werden dunkler. Ein bedrohlicher Schatten legt sich über sein Gesicht. „Ach, komm schon, Chester! Wenn du geil gewesen wärst, dann hätte man das auch gesehen!” kommt es aggressiv aus ihm heraus. Der Typ will mir diese Sache allen Ernstes vorwerfen. „Oder bist du vielleicht impotent?” fragt er mit einem aufsässigen und spöttischen Funkeln in seinen Mandelaugen. Mein Griff um seinen Arm wird fester, weil er mich mit seiner Frage unglaublich provoziert. „Nein, ich bin nicht impotent”, stelle ich beleidigt klar. Mike stößt höhnisch lachend Luft aus. „Und warum hast du dann keinen hochgekriegt, Chester Bennington?” will er spöttisch wissen. 

Ich kann nicht glauben, welche Richtung unser Gespräch eingenommen hat. Dass er mir wahrhaftig diese Sache vorhält. Ich bin fassungslos, weil Mike so unerwartet beschränkt ist. Wirklich vor den Kopf geschlagen, fixiere ich ihn. Selbstbewusst grinsend wartet er auf meine Antwort. Seine Augen funkeln kampfbereit. Langsam bin ich total angepisst, weil dieser freche Kerl jetzt auch noch dreist meine sexuelle Potenz in Frage stellt. Das kann ich nicht so einfach auf mir sitzen lassen. Das kränkt mich in meiner Ehre als Mann. Meine Gedanken rasen wild in meinem Kopf herum. „Mann, ich weiß auch nicht... ich... habe nicht darauf geachtet... das war...”, stottere ich blöd herum. Weil ich die richtigen Wörter nicht so schnell einfangen kann. Mike bricht in ein lautes, nervöses Lachen aus. „Du hast nicht darauf geachtet? Soll das ein Witz sein?” höhnt er lautstark. Das macht mich ziemlich sauer. Darum kralle ich meine Finger noch enger um seinen Oberarm. Ich finde es unerträglich, dass er mich auslacht. „Aua! Verdammt, Chester! Lass mich los!” beschwert er sich sofort schmerzerfüllt. Instinktiv will er seinen Arm aus meinem Griff ziehen. Aber ich ignoriere seine Bemühungen. Stattdessen greife ich nur fester zu und taxiere ihn strafend. „Den Scheiß kannst du mir nicht vorwerfen, Mike! Mein Schwanz gehorcht mir nicht immer auf Kommando. Und das tut deiner auch nicht, das kannst du mir nicht erzählen. Fuck, wir haben uns doch gerade mal zum ersten Mal geküsst!” knurre ich völlig verständnislos. „Was hat das denn damit zu tun?” entgegnet er belustigt, „Kriegst du immer erst beim zweiten Mal einen Ständer, oder was?” 

Offenbar hat Herr Shinoda seine Schüchternheit inzwischen kinderleicht abgelegt und stürzt sich nun souverän in diese Auseinandersetzung. Fast bereue ich es schon, ihn zu unserer Aussprache genötigt zu haben. Sein arroganter Spott ist für mich nur schwer zu ertragen. Der hinterhältige Arsch verwirrt mich total. Darum fällt mir so schnell keine passende Antwort ein. Meine eigene Sprachlosigkeit ärgert mich extrem. Aus Frust darüber packe ich noch brutaler zu und zerquetsche ihm beinahe die Muskeln an seinem Oberarm. „Aua! Verflucht nochmal! Hör auf! Lass mich sofort los!” fordert Mike mich drohend auf. Heftig zerrt er seinen Arm zurück. Aber ich gebe nicht nach. Ich kann gar nicht nachgeben. Denn ich will nicht das dumme Weichei sein, als das mein Gegner mich hier hinstellt. Fuck, ich bin nicht der lächerliche Schlappschwanz, der keine Erektion kriegt. Ich will nicht derjenige sein, dem die Argumente ausgehen. Das kotzt mich total an. Mein Griff lockert sich kein bisschen. Also fängt Mike an, sich zu wehren. Mit der freien Hand stemmt er sich gegen meine Brust. Er schiebt mich heftig von sich weg, sodass ich beinahe vom Stuhl falle. „Lass mich los, verfluchter Psycho!” schreit er ziemlich gehässig. „Nein, ich lass dich jetzt nicht los, Shinoda!” knurre ich ärgerlich. Ich muss aufstehen, damit ich ihn besser zurückdrängen kann. Wir rangeln ein wenig neben dem Tisch. Mein Stuhl fällt polternd um. „Lass mich los, Bennington!” wiederholt Mike lauthals. Der Mann erhebt sich ebenfalls, um mir gewachsen zu sein. Feindselig fixiert er mich. Stößt ein aggressives Knurren aus. Zieht zornig seine tollen, dichten, dunklen Augenbrauen zusammen. Überrascht schaue ich ihn an. Deutlich registriere ich die beiden steilen Falten auf seiner Stirn. Das sieht so süß aus, dass ich ihn am liebsten sofort küssen möchte. Aber das geht jetzt nicht. Denn im Moment bin ich viel zu wütend dafür. „Ich soll dich loslassen, Mikey? Damit du nochmal vor mir wegläufst? Niemals!” erwidere ich streng. 

Eine Weile starren wir uns gegenseitig alarmiert an. Die Atmosphäre um uns scheint sich statisch aufzuladen. Testosteron vernebelt unser beider Gehirn. Es drängt uns, sofort aufeinander einzuprügeln, um endgültig zu klären, wer von uns denn jetzt eigentlich der Stärkere ist. Mike Shinoda oder Chester Bennington. Ich kann zusehen, wie Mike vor Empörung die Luft wegbleibt. Der Kerl wird tatsächlich noch zorniger. Spontan fängt er an, gegen meine Brust zu schlagen. Er bewegt sich kraftvoll, sodass ich ihn kaum noch festhalten kann. „Was bildest du dir eigentlich ein, verflucht? Bist du total bescheuert? Ich bin noch nie vor dir weggelaufen!” behauptet er völlig außer sich. Seine kurz angesetzten Schläge tun mir weh. Widerstrebend muss ich seinen Arm loslassen, um ihn wirkungsvoll abwehren zu können. „Natürlich bist du das! Das machst du doch ständig! Andauernd läufst du vor mir weg!” halte ich anklagend dagegen. Meine Stimme ist laut, weil ich wütend bin. Das gefällt mir nicht. Ich will nicht, dass es in diesem bösen Ton weitergeht. Das habe ich nicht beabsichtigt. Nachdem ich noch ein paar schmerzhafte Schläge mit meinen Armen abgewehrt habe, setze ich leiser hinzu: „Warum flüchtest du vor mir? Das verstehe ich nicht, Mike!” Entschuldigend lächele ich ihn an. Ich bin darum bemüht, ihn zu beruhigen. Auf der Stelle soll er damit aufhören, mich zu schlagen. Zwar bin ich ziemlich sauer auf ihn. Aber ich will mich jetzt nicht mit ihm prügeln. Absolut nicht. Dazu fehlt mir definitiv die Lust und, wenn ich ehrlich bin, auch die Stärke. Denn mein Körper befindet sich spürbar noch immer in diesem total nervigen Entzugsstadium. Das zerrt ganz schön an meinen Kräften.

Zu meiner Genugtuung lässt Mike tatsächlich seine Fäuste sinken. Er atmet schwer, weil er sich angestrengt hat. Vernichtend taxiert er mich, während wir beide dicht voreinander an diesem Fenster stehen. Eine Weile ist es bis auf unser lautes Atmen still. Aufmerksam beobachte ich ihn, um seine Stimmung richtig mitzukriegen. Meine ganze Konzentration liegt auf dem schwarzhaarigen Kerl. Maßlos erleichtert registriere ich, dass seine schönen Augen langsam sanfter werden. Seine unverständliche Aggressivität verschwindet. Mikey Shinoda beruhigt sich. Halleluja! Ich frage mich, was in seinem Kopf vorgeht. Aus diesem seltsamen Mann kann ich nicht schlau werden. Er ist mir ein einziges Rätsel. Aber genau das macht ihn auch außergewöhnlich interessant für mich, muss ich zugeben. Außerdem mag ich ihn total. Er sieht fantastisch aus und hat etwas an sich, was mich wie ein Magnet zu ihm hinzieht. Obwohl ich mit meiner eigenen Wut ein paar Probleme habe, fühle ich mich schon wieder eigenartig beschwichtigt. Und das liegt nur daran, weil Mike Shinoda in meiner Nähe ist. Dies ist eine verblüffende Tatsache, die mich unglaublich fasziniert.

Einige Zeit schauen wir uns schweigend an. Seine Nervosität steigt. Ich glaube, es arbeitet in seinem Kopf. Gespannt erwarte ich, was wohl dabei herauskommt. Mike wirft einen prüfenden Blick durch den Saal und zur Flügeltür. Er will sichergehen, dass wir noch immer allein sind. Das sind wir. Plötzlich beugt der Mann sich vertraulich zu mir und erklärt: „Es hat dir nicht gefallen, wie ich deinen Schwanz angefasst habe. Das hat mich total gedemütigt, Chester.” Seine Stimme ist ganz leise. Seine Ohren färben sich zuverlässig rot. Unvermindert ist es ihm extrem peinlich, mit mir darüber zu reden. Darum rechne ich ihm seine überraschende Ehrlichkeit hoch an. Ich bin heilfroh, dass der Typ mir endlich ein paar Antworten gibt. Allerdings ist diese eine Sache etwas, worüber ich auf gar keinen Fall mit ihm sprechen kann. Deshalb muss ich mir schnell eine andere Erklärung ausdenken, die seine komischen Zweifel beseitigt. „Doch, natürlich hat mir das gefallen. Es... war total geil, wie du mich angefasst hast, Mike. Ich war nur... das ging mir irgendwie zu schnell... so plötzlich... du... hast mich... überrumpelt... darum konnte ich nicht... ich wollte nicht...” Blöderweise gerate ich schon wieder ins Stottern. Weil mir das unvermittelt verflucht tief reingeht. Weil ich zuverlässig an etwas erinnert werde, das keine einzige Erinnerung wert ist. Verwirrt und aufgewühlt breche ich ab. 

Zu meinem Glück zeigt Mike Verständnis und hakt nicht nach. Noch einmal sehen wir uns schweigend an. Ich bin ihm extrem dankbar, dass er nicht weiter nachfragt. Seine dunklen, tiefgründigen Augen fesseln mich. Sein Bart scheint seidig weich. Seine Lippen sind so wunderbar voll und rot. Das reizt mich total. Wie verrückt sehne ich mich danach, von Mike geküsst zu werden. Ich möchte von ihm gestreichelt werden. Automatisch kommt mir die Szene auf der Parkbank in den Sinn. Als Mike mich zärtlich liebkost hat. Wie er mit den warmen Fingern sanft über meine nackte Haut fuhr. Das hat sich verflucht gut angefühlt. Ich will, dass er das nochmal macht. Mein Herz klopft härter. Ich liebe ihn, denke ich plötzlich völlig verblüfft. Ich möchte augenblicklich lieb zu ihm sein. Ratlos blicke ich ihn an. Seine Augen werden ganz weich, als er mich traurig anschaut. Er betrachtet so ausführlich mein Gesicht, als wollte er sich jede Einzelheit sehr genau einprägen. „Ich kann verstehen, dass es dir zu schnell gegangen ist. Aber Mann, Chester, du hast keine Ahnung, wie sehr du mich überrumpelt hast”, flüstert er auf einmal. Sein Atem geht schwer. Vor Nervosität am ganzen Körper zitternd, holt er tief Luft. Es fällt ihm nicht leicht, sich mir anzuvertrauen. „Vorhin im Park, da habe ich plötzlich vollkommen meine Beherrschung verloren. Du hast mich so extrem aufgegeilt, wie ich es in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt habe. Scheiße, Chaz! Das war wie ein verfluchter Donnerschlag. Ich war völlig machtlos”, gesteht Mike mir scheu. Mit schüchternem Blick bemüht er sich, meine Reaktion zu erforschen. 

Ich bin mega verdutzt, mit wie viel Ehrlichkeit der fremde Mann mir auf einmal begegnet. Wie vertrauensvoll er mich in seine innersten Gefühle einweiht. Ich habe keine Ahnung, wie ich darauf reagieren soll. Das überfällt mich jetzt irgendwie. Denn mit so etwas habe ich bestimmt nicht gerechnet. „Mike, ich...”, sage ich hilflos, als er abrupt den Arm hebt und mir zärtlich die Dreadlocks hinter die Ohren streicht. Er kämmt mir sorgfältig die Locken aus dem Gesicht. Dann fährt er mit der Hand behutsam über meinen Kopf. Mit den Fingern langsam durch mein Haar. Sanft streichelt er über meine Augenbrauen und Wangen. Diese liebevolle Berührung bringt mich augenblicklich zum Schweigen. „Ich weiß gar nicht, was mit mir passiert, Chaz. Ich kenne diese Gefühle nicht. Du machst mich total fertig. Seit ich dich zum ersten Mal auf dem Flur singen gehört habe, drehe ich langsam total durch”, öffnet Herr Shinoda mir total unerwartet seine verkorkste Seele. Der Typ guckt mich unendlich traurig an. Als würde er jeden Moment anfangen zu weinen. Mit so einem depressiven Gefühlsausbruch kann ich nicht gut umgehen. Das macht mich nervös. „So schlimm war das doch nicht, Mikey...”, erwähne ich einfach irgendwas. Weil ich nämlich keinen blassen Schimmer davon habe, was er mir mit diesen Sätzen eigentlich mitteilen will. Oder warum er mir ausgerechnet jetzt diese merkwürdigen Umstände anvertrauen muss. Sein Geständnis ist mir zu kompliziert. 

Eigentlich spüre ich nur seine Berührung. Und die ist ausgesprochen angenehm. Ich genieße seine sanften Zärtlichkeiten. Er liebkost mit seinen weichen Fingern ausführlich mein Gesicht. Beinahe ehrfürchtig streichelt er über meine Haut, während er mich die ganze Zeit deprimiert ansieht. „Doch, das ist total schlimm, Chester!” stellt er energisch klar, „Das ist so schlimm, dass ich mir das niemals verzeihen werde. Ich weiß nicht mal, wie ich das verarbeiten soll. Shit, ich bin auf dieser verdammten Bank brutal über dich hergefallen! So etwas habe ich noch nie gemacht. Nicht mal annähernd. Das passt auch nicht zu mir. Aber mit dir brennen mir offensichtlich alle Sicherungen durch. Du bringst mich dazu, diese komischen Dinge zu tun und zu fühlen, die mir vollkommen fremd sind.” Der traurige Kerl macht eine dramatische Pause. Dann fragt er plötzlich: „Warum tust du mir das an, Chester Bennington?” Sein aufmerksamer Blick verlangt flehend nach Antworten.

Es dauert eine Weile, bis seine vielen Wörter richtig zu mir durchdringen. Ich spüre seine sanften Streicheleinheiten viel zu intensiv in meinem Gesicht. Meine Haut sensibilisiert sich eigenständig darauf. Unwillkürlich machen sie mir große Lust auf sehr viel mehr. Zu meinem großen Bedauern begreift Mike, dass ich abgelenkt werde. Sofort nimmt er seine warmen Finger aus meiner Visage und fixiert mich forschend. Ich muss dem spontanen Drang widerstehen, ihn zu umarmen und extrem liebebedürftig an mich zu ziehen. Unbedingt möchte ich ihn küssen. Leidenschaftlich. Aber irgendwas irritiert mich plötzlich. Es ist etwas, das er gesagt hat. „Was?” frage ich verdutzt. „Du musst auf der Stelle damit aufhören, Chester! Auf jeden Fall!” meint der Bärtige mit dieser unverständlichen Traurigkeit in seiner wohlklingenden Stimme, „Ich weiß nicht, wo das sonst noch hinführen wird.” Seine absolut liebevolle, zärtliche Berührung hat mich unwillkürlich erregt. Darum habe ich Schwierigkeiten damit, mich auf seine Worte zu konzentrieren. „Was meinst du damit, ich soll aufhören? Womit soll ich aufhören?” erkundige ich mich verwirrt. 

Das ärgert Mike extrem. Weil er zu recht das Gefühl hat, dass ich ihm bei seinen gewichtigen Geständnissen gar nicht richtig zugehört habe. „Hör sofort auf, mich verrückt zu machen!” kläfft der junge Mann ungeduldig. Seine braunen Augen verengen sich urplötzlich zu aggressiven Schlitzen. Anklagend taxiert er mich. Das fühlt sich an, als hätte er mir unerwartet ein scharfes Messer in den Brustkorb gestoßen. „Was?” krächze ich entsetzt, „Ich soll dich verrückt machen?” Der Gedanke macht mich wütend, dass Mike mir hier irgendeine ominöse Schuld zuschiebt, die in Wahrheit nur in seinem wirren Schädel existiert. Ungesteuert fühle ich mich von dem fremden Typen angegriffen. Instinktiv schaltet mein Körper in den alarmierten Verteidigungsmodus. „Womit denn? Womit mach ich dich verrückt, hä?” zische ich herausfordernd. Er antwortet nicht sofort. Darum fange ich an, spöttisch zu grinsen. „Vielleicht bist du ja schon lange vorher verrückt gewesen! Womöglich bist du schon seit Jahren total verrückt, Mikey! Schließlich hältst du dich hier in der geschlossenen Psychiatrie auf. Das muss ja irgendeinen Grund haben, Herr Shinoda!” Meine Stimme ist laut und aggressiv. Sie fordert ihn heraus. Der Schwarzhaarige schüttelt energisch den stacheligen Kopf. „Nein! Das stimmt nicht! Es war alles in Ordnung, bevor du plötzlich mitten in der Nacht hier aufgetaucht bist! Erst seit du hier bist, drehe ich total durch, Herr Bennington!” knallt er mir verzweifelt gegen den Kopf. Aufgebracht schnappt er nach Luft. 

Aber ich kann seine unsinnige Anklage so nicht stehenlassen. „Das ist doch totaler Schwachsinn! Ich hab dir gar nichts getan! Du bist doch aus deinem Zimmer gekommen, um mich singen zu hören! Du warst es doch, der sich beim Frühstück an meinen Tisch gesetzt hat...” „Weil ich dir deine Brille zurückgegeben habe!” wirft er widerspenstig ein. Grinsend schüttele ich den Kopf. „Nein, so war das nicht. Du bist viel länger sitzengeblieben, als es dafür nötig war. Du wolltest sogar unbedingt, dass ich etwas esse...” „Das wollte ich nur, weil du viel zu dünn bist!” ruft Mike angepisst dazwischen. Spontan versetzt er mir einen leichten Stoß gegen die Rippen. „Das kann dir doch völlig egal sein!” erwidere ich verständnislos. Aber er schüttelt weiter entschieden den Kopf. Seine hart gegelten Stacheln bewegen sich dabei kaum. Nochmal stößt er mich von sich weg. Diesmal viel kräftiger, sodass ich unwillkürlich ein paar Schritte rückwärts taumele. Mein Hintern stößt schmerzhaft gegen einen der Tische, der dadurch laut über den Fußboden schrammt. „Das ist mir aber nicht egal, Chester! Mir ist gar nichts egal, was dich betrifft! Darum geht es doch hier, verdammt nochmal!” erklärt mein Gegenüber hörbar frustriert. Ziemlich bedrohlich kommt er auf mich zu. 

Eigentlich verstehe ich nur Bahnhof. Ich kann noch nicht einmal begreifen, warum Michael auf einmal so dermaßen aufgewühlt ist, dass sogar Tränen in seinen schönen Augen glitzern. „Hör damit auf, Chester Bennington! Hör sofort damit auf! Ich weiß gar nicht mehr, was ich machen soll. Ich verstehe das alles nicht. So etwas habe ich noch nie erlebt”, flüstert der Typ beschwörend. Hastig wischt er sich über die feuchten Augen. Langsam kommt er noch zwei Schritte näher, schaut mich hilflos an und schubst mich dann abermals abrupt von sich. Sein Stoß mit beiden Händen trifft mich unvorbereitet. So schnell kann ich gar nicht reagieren. Haltlos stolpere ich rückwärts durch die Tischreihen. „Du musst mich in Ruhe lassen, Bennington! Augenblicklich! Lass mich zufrieden! Ich ertrage das nicht mehr! So was wie im Park darf nie wieder zwischen uns passieren!” verlangt Mike eindringlich. Mit dieser Forderung reißt er mir unvermittelt fast die Seele raus. Vor Schreck krampft sich alles in mir zusammen. Bestürzt schüttele ich den Kopf, während ich um mein Gleichgewicht ringe. „Nein! Nicht doch, Mike! Warum sagst du so was?” entfährt es mir erschrocken. Spontan will ich nach ihm greifen. Diesen Menschen irgendwie festhalten. Aber er schubst mich schon wieder brutal weg. Meine Hüfte knallt gegen einen Tisch. Das tut weh. Und langsam geht mir seine aggressive Gewalttätigkeit total auf die Nerven. Nur mit Mühe kann ich meinen Rückwärtsschwung auffangen. Ich versuche, an einem der Tische Halt zu finden. Holz schrappt laut über Stein. Stühle fallen um, als ich dagegen taumele. Seine kurzen Stöße gegen meine Brust werden immer brutaler. „Mann, hör auf damit!” fordere ich verärgert. Mit festem Schritt gehe ich auf ihn zu. Mike will mich erneut gewaltsam mit beiden Händen wegschubsen. „Lass mich in Ruhe, Chester!” verlangt er pausenlos, „Geh einfach weg und verschwinde aus meinem Leben!” Ich ertrage seine Forderung nicht. Hastig greife ich nach seinen Handgelenken, um ihn an weiteren schmerzhaften Schlägen zu hindern. Der zornige Mann knurrt widerspenstig und will sich aus meinem Griff befreien. Aber ich löse meine Finger nicht. Wir kämpfen eine Weile. Starren uns vernichtend an. Er schafft es nicht, mich loszuwerden. Weil ich das entsetzliche Gefühl habe, dass, wenn ich ihn jetzt loslasse, einfach alles verloren ist.

Schließlich stehen wir schweigend dicht voreinander. Ringen einige Zeit nach Atemluft. Ich halte seine Gelenke vor meiner Brust ganz fest. Gucke ihm beschwörend in die wunderschönen Augen. Plötzlich kann ich nicht länger schweigen. Die Sätze sprudeln einfach so aus mir heraus. „Hör auf damit, Mike! Beruhige dich! Hör mir doch mal zu! Ich fand das richtig geil mit dir im Park! Ich will das nicht aufgeben! Auf gar keinen Fall! Das hat mich doch auch total überwältigt. Für mich ist das genauso neu. Aber ich will dich immer wieder bei mir haben!” stelle ich energisch klar, „Ich will dich so oft wie möglich auf mir spüren. Du bist total wichtig für mich, Mikey. Verdammt nochmal, heute ist mein allererster Tag in dieser Scheiße hier! Ich kenne doch nur dich! Du kannst mich an diesem Ort nicht alleinlassen! Ich brauche dich! Ohne dich schaffe ich das nicht!” Japsend muss ich nach Luft schnappen. Mein Herz hämmert total aufgeregt. Weil mir diese überraschenden, verwirrenden Tatsachen erst in diesem Moment selber klarwerden. Als ich sie spontan ausspreche. Plötzlich habe ich panische Angst davor, dass Mike Shinoda mich verlässt. Dass ich demnächst allein sein werde. In sehr naher Zukunft. Das kann ich nicht überleben. Nicht an diesem Ort. Nicht in der verfluchten geschlossenen Psychiatrie. Auch zu Hause hat mich, wenn ich ehrlich bin, das ständige Alleinsein total verrückt gemacht. Weil sich daheim so gut wie nie jemand aufhielt, wurde ich schon ziemlich früh dazu gezwungen, alleine klarzukommen. Aber ich konnte es noch nie ertragen, von allen vollständig ignoriert zu werden. Mein Körper fängt an zu zittern, weil ich so angespannt bin. Die Panik durchflutet mich. Ich habe große Mühe, mich vor Mike halbwegs zusammenzureißen. Es fällt mir enorm schwer, die plötzliche Panikattacke irgendwie unbemerkt niederzukämpfen. Denn ich kenne diesen fremden Kerl bei Weitem nicht gut genug, um mich in dieser Form vor ihm zu outen. Meine Schwächen offen zuzugeben. Ich weiß ja nicht mal, was auf einmal in mich gefahren ist. Was zur Hölle mich überhaupt dazu veranlasst hat, ihm einfach so die Wahrheit zu sagen.

Im großen Speisesaal ist es ganz ruhig. Der Bärtige starrt mich an, als wären mir plötzlich Hörner gewachsen oder so was. Mikey braucht eine irritierend lange Zeit, um das eben Gehörte zu verarbeiten. Pausenlos sieht er mich an, als wollte er meinen Anblick für immer in seinem Gedächtnis konservieren. Die Argumente sind mir ausgegangen. Ich fühle mich eigenartig leer. Nun kann ich nichts weiter tun, als seinen tiefen, rätselhaften Blick zu erwidern. Den Menschen vor mir wortlos anzuflehen, mich bitte nicht zu verlassen. Auch wenn das zweifellos total erbärmlich ist. Aber ich kann einfach nicht anders. Die Zeit steht wahrscheinlich still.

„Fuck, Chester Bennington! Ich bin nicht mal schwul!” zischt Mike plötzlich ohne Vorwarnung. Er meint es todernst, aber ich muss einfach darüber lachen. Das nervöse Lachen sprudelt abrupt aus meiner Kehle. Ich kann es nicht aufhalten. „Na und?” kichere ich amüsiert, „Das ist doch nun wirklich scheißegal!” Mike windet sich unbehaglich. Er will seine Handgelenke aus meinem Griff befreien. Aber ich ziehe ihn daran nur näher zu mir hin. Sein Blick wandert nervös an mir vorbei zur Flügeltür. „Lass mich los, Chaz. Wenn jetzt jemand hereinkommt...”, hat der Typ echt bekloppte Bedenken. „Scheiß doch drauf”, erwidere ich gleichgültig. Abrupt ziehe ich ihn noch dichter zu mir. Und dann küsse ich ihn einfach. Ich kann nicht länger widerstehen. Dazu bin ich schlicht nicht fähig. Schnell beuge ich mich vor und presse meine Lippen fest auf seinen verlockenden Mund. Mike sträubt sich ein bisschen. „Nein, Chaz! Lass mich! Hör auf! Du machst mich total wahnsinnig!” protestiert er hilflos. Aber diesmal spüre ich genau, dass er es gar nicht mehr so meint, wie er es sagt. Eigentlich will er gar nicht, dass ich ihn in Ruhe lasse. Diese Entdeckung macht mich sehr viel glücklicher, als ich jemals vermutet hätte. Hartnäckig versuche ich, ihn zu küssen. Er dreht immerzu den Kopf weg. Stemmt sich abwehrend gegen meine Brust, obwohl ich ihn an den Gelenken festhalte. „Nein, nicht hier! Chester! Wenn uns jemand sieht...” Sein Blick irrt ängstlich zur Tür. Dieser schnuckelige Kerl ist so entzückend schüchtern. Das rührt mich. Blitzschnell lasse ich seine Hände los und umschlinge ihn stattdessen eilig, damit er nicht wieder weglaufen kann. Er soll nie wieder vor mir flüchten. Ich möchte diesen fremden Mann für immer so nah bei mir haben. Hastig lege ich meine Arme um seinen wohlproportionierten Körper und drücke ihn fest an mich. „Chaz, nicht...”, windet er sich schon viel schwächer. Endlich öffnet er zögernd seinen Mund, sodass ich mit meiner Zunge zwischen seine Zähne in ihn eintauchen kann. Sein weicher Bart kitzelt mein Gesicht. Das fühlt sich verflucht gut an. Wir küssen uns zärtlich, ohne jede Eile. Wir müssen vorsichtig sein, damit ich nicht nochmal die Brille verliere. Aber Mike ist lange nicht so stürmisch, wie vorhin auf der Parkbank. Er ist zurückhaltend, richtig scheu. Unsere Zungen fangen einen fantastischen Tanz an. Sie verstehen sich. Als wären sie füreinander geschaffen worden. Ich stelle fest, dass Herr Shinoda noch immer nach Orangensaft schmeckt. Das törnt mich an. Er törnt mich an. Meine Hände streicheln über seinen Rücken. Erfühlen seine Wirbelsäule. Er legt schüchtern seine Arme um mich. Fährt mit den Fingern liebevoll über mein Hemd. Ich schließe die Augen und gebe mich ganz diesem intimen Moment hin. Das fühlt sich richtig gut an. Fühlt sich richtig an. Alles scheint perfekt zu sein.

Doch schon im nächsten Augenblick reißt Mike sich heftig von mir los. Darauf war ich nicht gefasst. Panisch stolpert der Typ drei Schritte rückwärts von mir weg. Überstürzt dreht er sich um und zeigt mir seinen attraktiven Rücken. Sein Blick huscht erschrocken zum Eingang. Zuerst weiß ich gar nicht, was plötzlich los ist. Ein frustriertes Stöhnen kommt aus meiner Kehle. Erst mit Verzögerung kapiere ich, dass jemand hereingekommen ist. Ich bemerke die zahlreichen Menschen, die nach und nach den Speisesaal betreten. Offenbar hat Mike, im Gegensatz zu mir, ganz genau gehört, wie die Flügeltür aufschwang. Bestimmt hat der Idiot insgeheim die ganze Zeit nur auf dieses Geräusch gelauscht. Er will unsere Liaison tatsächlich geheim halten. Das fasse ich nicht. Was ist nur los mit ihm? Mike dreht sich nochmal um und kommt zwei Schritte näher. Sein Blick ist höchst alarmiert. „Zu Keinem ein Wort, Bennington! Niemals!” beschwört er mich. Drei Sekunden lang fixiert er mich drohend. Wartet nicht auf meine Reaktion. Im nächsten Moment wendet er sich schon ab. Zielstrebig bewegt der seltsame Kerl sich durch die Tischreihen. Den unerwünschten Störenfrieden entgegen. Extrem genervt registriere ich, dass ein paar Schwestern und Pfleger diese großen Rollwagen in den Speisesaal fahren. Der Geruch nach Essbarem steigt mir in die Nase. Augenblicklich dreht sich mir der Magen um. Anscheinend ist es jetzt Zeit fürs scheiß Mittagessen. Hinter dem Personal kommen noch mehr Leute. Die Patienten versammeln sich aufs Neue in diesem Raum, um ein vorgeschriebenes Mahl zu sich zu nehmen. Hier geschieht alles genau nach Plan. Scheinbar gibt es keine Ausnahmen. Füge dich in die Gemeinschaft oder stirb. 

Ich fühle mich unwohl, so allein am Rand stehend. Unzufrieden sucht mein Blick den einzig Vertrauten in der fremden Menge. Fuck, er ist schon wieder abgehauen! Und ich konnte ihn nicht festhalten. Aber diesmal ist er wenigstens im gleichen Zimmer geblieben. Sodass ich ihn zumindest noch beobachten kann. Reglos stehe ich an der Wand und behalte seine magisch tröstliche Gestalt im Auge. Ich habe noch seinen Geschmack auf meiner Zunge. Kann noch seinen warmen Körper dicht an meinem fühlen. Ich vermisse ihn so sehr. Das verwirrt mich. Mike steht an den rollbaren Wagen und sucht sein Namensschild. Weil er sein Tablett mit dem Mittagessen haben will. Offenbar hat Herr Shinoda großen Hunger. Genau wie die meisten anderen Patienten um ihn herum. Mein Herz wird warm, als ich ihn aus der Ferne eingehend betrachte. Der Kerl sieht in seinem schwarzen T-Shirt und den engen Jeans überirdisch gut aus. An seinen Füßen sind zum T-Shirt passende, schwarze Sneakers. Ich wünschte, ich könnte ihn besser einschätzen. Ich habe keine Ahnung, was in ihm vorgeht. Mir ist auch völlig schleierhaft, wie unsere merkwürdige Beziehung funktionieren soll. Ob wir überhaupt eine Beziehung haben. Schließlich ist heute gerade mal der erste Tag, an dem wir uns kennengelernt haben. Und schon haben wir auf einer versteckten Bank im Park ziemlich heftig herumgeknutscht. Irgendwas zieht uns zueinander hin. Und zwar heftig. Ich muss lächeln, als ich mich an Mikeys sexuellen Enthusiasmus erinnere. Das war ohne Frage ziemlich aufregend. Der Typ fühlt sich geil an. Ich möchte das so bald wie möglich nochmal erleben. 

Mike hat sein Mittagessen gefunden und zieht vorsichtig das Tablett aus dem Rollwagen. Dann trägt er es achtsam durch die Reihen und Menschen zu einem freien Tisch am Fenster. Meine Augen haben sich an ihm festgesaugt. Wollen ihn nicht mehr loslassen. Seine Bewegungen sind erstaunlich anmutig. Das erregt mich. Er stellt das Tablett vor sich auf den Tisch und setzt sich. Endlich hebt er den stacheligen Kopf und schaut zu mir hin. Unsere Blicke treffen sich sofort. Mit einer Kopfbewegung fordert Mikey mich unmissverständlich auf, mir endlich mein Tablett zu holen. Ich soll mich zum Essen an seinen Tisch setzen. Das freut mich mehr, als ich begreifen kann, dass er das will. Dass ich mich zu ihm setzen soll. Dennoch schüttele ich den Kopf. Ich signalisiere ihm quer durch den Saal, dass ich ohnehin nichts runterkriege. Mike verdreht in gespieltem Entsetzen die Augen und wackelt genervt und unzufrieden mit dem Kopf. Dann muss er lachen. Genau wie ich. Mit übertriebenem Genuss fängt er an zu essen. Er will mir weismachen, was ich alles Köstliches verpasse. Mike ist lustig. Der traurige Mann hat überraschend gute Laune. Das gefällt mir. Ich kann nicht aufhören, ihn anzusehen. Erst letzte Nacht habe ich diesen faszinierenden, rätselhaften Kerl zum ersten Mal in meinem Leben gesehen. Und schon jetzt möchte ich nicht mehr auf ihn verzichten. Das ist so schnell passiert, dass ich gar nicht hinterherkomme. Ich verstehe das alles nicht. Noch nie habe ich mich derart zu jemandem hingezogen gefühlt. Schon gar nicht zu einem anderen Mann. Die allumfassende Macht, mit der ich mich nach ihm sehne, beunruhigt mich. Es irritiert mich, wie verflucht abhängig ich mich schon von ihm fühle. Ich sollte wirklich nicht so stark auf ihn angewiesen sein. Denn was weiß ich denn schon über ihn? Sein Name ist Mike Shinoda. Eigentlich Michael. Er hat einen Vater, der aus Japan stammt. Seine Mutter hat europäische Wurzeln. Laut eigener Aussage ist Mike nicht mal schwul. Trotzdem habe ich ihn dermaßen extrem aufgegeilt, dass er vollkommen die Beherrschung über sich verloren hat. Zum ersten Mal in seinem Leben.





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6. To heal my ill heart


Michael Kenji Shinoda

Alles in mir schreit nach ihm. Ich vermisse ihn so sehr. Sehne mich nach ihm, dass es mich innerlich zerreißt. Nichts anderes hat noch Platz in mir. Mike Shinoda vermisst Chester Bennington. Auf eine Art, wie er sie noch nie erlebt hat. Außer dem Schmerz ist nichts mehr da. Offenbar hat Chester, als er verschwand, so viel von mir mitgenommen, dass ich jetzt nur noch diese gähnende Leere in mir spüre. Als hätte der neue Patient ein riesengroßes, schwarzes Loch in mich gerissen. Ich fühle mich taub. Fühle mich betrogen. All diese neuen, aufregenden Emotionen sind weg. Davon ist nichts mehr übrig.

Reglos sitze ich auf der niedrigen, langen Bank vor den vielen Spinden und bewege mich nicht. Von Anfang an hat es mich gestört, dass es in dieser hochmodernen, gut ausgestatteten Turnhalle nur Gemeinschaftsumkleideräume gibt. Mit peinlichen Gemeinschaftsduschen. Säuberlich getrennt lediglich nach Männlein und Weiblein. Das erinnert mich an die High School. Wo ich das gemeinschaftliche Umziehen und Duschen beim Sportunterricht auch schon gehasst habe. Aber hier boykottiere ich es. Schließlich bin ich mittlerweile erwachsen. Ich kann zu diesem Mist nicht mehr gezwungen werden. Aus Prinzip ziehe ich mich nicht vor anderen Menschen um. Jedes Mal warte ich stur darauf, bis die anderen Männer fertig sind. Bis alle den Umkleideraum verlassen haben. Vorher ziehe ich mir die Sportklamotten nicht an. Die anderen Patienten kennen das schon. Zum Glück beachten sie mich nicht. Lassen mich einfach in Ruhe. Nichts anderes will ich von ihnen. In der Anfangszeit hat schon mal jemand versucht mich anzusprechen. Aber jetzt nicht mehr. Das ist mir nur recht. Wenn mich niemand stört, kann ich mich besser an Chester erinnern. Der unfassbar wunderschöne Mann beherrscht meine Gedanken. Pausenlos. Seit über zweiundzwanzig Stunden habe ich ihn nicht gesehen. Ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist. Fühle mich von ihm verlassen. Wurde irgendwie aus der Bahn geworfen. Bin haltlos.

Verzweifelt versuche ich, mich an einer Erinnerung festzuhalten. Denke an die Zeit, als ich Chester zum letzten Mal gesehen habe. Das war gestern beim Mittagessen. Etwas Fantastisches war passiert. Weil eine nie gekannte Euphorie in mir explodiert war. Als Chester mir gestand, dass ich wichtig für ihn bin. Als er mich flehend darum bat, ihn nicht alleinzulassen. Obwohl wir uns kaum kennen. Und ich ihn schlecht behandelt hatte. Trotzdem. Da wurde mir schlagartig klar, dass der Fremde wahrhaftig Angst hat, ich könnte mich von ihm abwenden. Ich denke nicht, dass er mich in diesem Punkt angelogen hat. Die Panik in seinen Augen war echt. Dabei wollte ich das sowieso niemals tun. Ihn verlassen. Der besondere Mann sollte für immer in meiner Nähe bleiben. Damit ich mich um ihn kümmern kann. Ich habe das Gefühl, dass ich mich dringend um ihn kümmern muss. Das scheint eine lohnende Aufgabe zu sein. Ein neuartiger Sinn in meinem Leben. Chester braucht jemanden. Er möchte nicht allein sein. Das hat er selbst gesagt. Herr Bennington braucht mich. Mich. Mike Shinoda. Entgegen aller Wahrscheinlichkeiten. Und obwohl wir uns erst seit nicht mal zwei Tagen kennen. Das ist so wundervoll, dass ich es eigentlich gar nicht begreifen kann. Die Gewissheit, von Chester gebraucht zu werden, machte mich gestern so glücklich, wie ich definitiv noch nie in meinem Leben gewesen bin. Es fühlte sich an, als ob endlich alles in Ordnung wäre. Als hätte sich das sinnlos verwirrende Chaos unerwartet zu einem großen Glück zusammengefügt.

Aber jetzt tut es nur noch weh. Meine Euphorie ist in einer schwarzen Rauchwolke explodiert. Weil es nämlich Chester ist, der mich verlassen hat. Nicht umgekehrt. Der besondere Sänger ist einfach verschwunden. Wortlos. Er ist gegangen und nicht zurückgekehrt. Inzwischen sind das entschieden zu viele Stunden ohne ihn. Ich ertrage das nicht mehr.

Langsam wird es ruhiger im Umkleideraum. Die Männer gehen hinaus. Machen sich auf den langen Weg zur Turnhalle. Ich bin froh, dass sie endlich weggehen. Ich mag das laute Stimmengewirr nicht. Warte reglos ab, bis ich allein bin. Zögernd stehe ich auf. Fange an mich umzuziehen. Meine Sportsachen habe ich in meiner Tasche dabei. Auch die Turnschuhe, die hier Vorschrift sind. Langsam knöpfe ich mein Hemd auf und ziehe es aus. Auch das Unterhemd. Meine Sachen kommen in meinen Spind. Ich ziehe mein dunkelblaues Sport-Shirt an. Denke pausenlos an den gestrigen Tag. Will ihn in meinem Kopf nicht loslassen. Diese Achterbahnfahrt.

Nach dem verstörenden Erlebnis mit Chester auf der Parkbank war ich voller Angst und Scham. Das hat meine Gedanken gelähmt. Ich war mir so sicher, jetzt endgültig alles versaut zu haben. Unabsichtlich alles zerstört zu haben. Dass Chester nie wieder auch nur ein Wort mit mir sprechen würde. Das hätte ich verstanden. Mit nichts anderem habe ich gerechnet. Aber dieser ganz besondere Mensch hat mich schon wieder überrascht. Herr Bennington war gar nicht wütend auf mich. Er war nicht mal verärgert. Hat mir nichts vorgeworfen. Obwohl ich mich im Park wie ein durchgeknallter, sexbesessener Psychopath verhalten habe. Chester hat mir versichert, dass er mich trotzdem mag. Dass er es ohne mich in der geschlossenen Psychiatrie nicht schaffen kann. Chester hat mit mir geredet, obwohl ich Feigling alles versucht habe, dieses peinliche Gespräch zu verhindern. Der Typ war beeindruckend hartnäckig. Und hat damit alles geändert. Schon wieder. Chester hat es geschafft, dass aus meiner Depression reine Euphorie wurde. Mit nur wenigen Worten kann der so was. Mit einem Blick aus seinen wunderschönen Augen. Einem Lächeln. Kinderleicht. So etwas habe ich noch nie erlebt. Jemandem wie Chester bin ich noch nie begegnet. Der Kerl ist definitiv magisch. Bennington kann unmöglich von dieser Welt sein. Wahrscheinlich kommt er aus einem weit entfernten Universum. Er ist besonders.
Ich kann es nicht erwarten, nochmal mit dem Sänger allein zu sein. Denn beim nächsten Mal werde ich alles richtig machen. Ich werde mich beherrschen. Sensibel auf seine Bedürfnisse achten. Ich will alles tun, was ihn glücklich macht. Und nie wieder die Kontrolle verlieren. Nicht nochmal wie ein Berserker über ihn herfallen. Falls ich überhaupt die Chance dazu kriege. Auf ein nächstes Mal.

Diese Gedanken schmerzen mich. Verkrampfen meine Eingeweide. Weil Chester nicht mehr da ist. Weil ich nicht weiß, ob ich ihn jemals wiedersehe. Weil ich mir nicht erklären kann, was ihn so lange von mir fernhält. Langsam drehe ich komplett durch. Fange ungewollt an zu zweifeln. Ich fürchte, dass vielleicht doch alles gelogen war. Oder ich mir diesen besonderen Mann möglicherweise nur eingebildet habe. Gestern Nachmittag war er nicht mit mir bei der Kreativtherapie. Später hat er das Abendessen verpasst. Und heute Morgen tauchte er auch beim Frühstück nicht auf. Obwohl ich wie irre darauf gehofft habe. Mich extra für ihn zurechtgemacht habe. Ich habe so große Angst, Chester Bennington womöglich verloren zu haben, dass es mich innerlich zerreißt. Ich fürchte, dass der Typ mich für immer verlassen hat. Ausgerechnet in dem Moment, als ich am glücklichsten war, verschwand er von der Bildfläche. Als Chaz mir am nächsten war. Nachdem wir uns ausgesprochen hatten. Als endlich alles gut zu sein schien. Ich verstehe das nicht. Vermisse ihn so sehr. Das tut dermaßen weh, dass ich am liebsten nur noch laut schreien möchte. Pfleger Ulrich hat meinen heiß begehrten Mann aus dem Speisesaal entführt. Seitdem hat der Patient Bennington sich in Luft aufgelöst. Und mit jeder einzigen Minute wird meine Sehnsucht nach ihm schlimmer. Mein Schmerz unerträglicher. Die Verzweiflung. Die Angst. Die Leere. Es ist gut möglich, dass ich vollkommen verrückt geworden bin.

Extrem aufgewühlt ziehe ich meine Schuhe aus. Pfeffere sie einzeln in den Schrank. Wütend trete ich mir die Jeans von den Beinen. Ziehe meine elastische Sporthose an. Dann die Turnschuhe. Bislang habe ich verzweifelt versucht, eine Erklärung zu finden. Habe mir irgendwas ausgedacht, was sie hier in der Psychiatrie vielleicht mit Chester anstellen. Irgendwelche Untersuchungen vielleicht, psychische und körperliche Tests oder so was. Habe versucht mich zu erinnern, ob die in meiner Anfangszeit hier so etwas auch mit mir gemacht haben. Aber ich weiß es nicht. Erinnere mich nicht daran. In meinem Gedächtnis ist diese Zeit seltsam verschwommen. Total unwirklich. Mein eigenes Aufnahmeritual für die geschlossene Psychiatrie scheint ewig her zu sein. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich inzwischen hier bin. Vielleicht bin ich schon immer hier gewesen. Und jetzt gelingt es mir nicht mehr, gelassen zu bleiben. Ich kann mir keine harmlosen Erklärungen mehr ausdenken. Jeder Gedanke ist sinnlos geworden. Völlig bedeutungslos. Nichts spielt noch eine Rolle. Denn Chester ist nicht mehr da.

Endlich bin ich fertig umgezogen. Setze mich zurück auf die Bank. Überlege ernsthaft, die blöde Sportstunde zu schwänzen. Das wäre das erste Mal, dass ich mutwillig eine Therapie nicht mitmache. Aber ich bin dermaßen wütend auf die Psychiatrie, dass ich mich am liebsten komplett verweigern würde. Sie haben mir Chester weggenommen, die verdammten Schweine! Erst haben sie mir diesen besonderen Mann förmlich vor die Füße geworfen. Und jetzt wurde er mir wieder geklaut. Das ist so verflucht hinterfotzig. So unerträglich grausam. Die Psychiatrie ist schuld daran, dass ich mich jetzt so schlecht fühle, wie noch nie in meinem Leben. Anscheinend wollen die mich hier total fertigmachen. Wer weiß, ob das nicht vielleicht ein gemeiner Test für mich sein soll. Irgendeine amtliche Psychoaufgabe womöglich. Aber da macht Mike Shinoda nicht mit. Ich werde gar nichts mehr tun. Werde einfach aufs Neue verschwinden. Vollständig. Mich in mich selbst auflösen. Alles bedeutungslos werden lassen. Am Ende noch nicht mal mehr Zorn fühlen. Das habe ich doch schon mal gekonnt. Aber jetzt nervt es mich ja schon, dass ich mich überhaupt umgezogen habe. Weil das sinnlos ist, wenn ich beim Sport gar nicht mitmache. Die Mühe hätte ich mir sparen können. Es kotzt mich an, dass mir das nicht egal ist. Ich wünschte, alles könnte mir einfach egal sein. So wie vor zwei Tagen noch. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die verfluchte Psychiatrie hat es geschafft, mir meinen Verstand zu stehlen. Ich weiß nicht, ob ich nach Chester nochmal in meine tröstende Teilnahmslosigkeit zurückfinden kann. Oder ob Chester überhaupt jemals existiert hat. Das frustriert mich mehr, als ich aushalten kann.

Plötzlich geht die Tür auf. Abrupt. Und zwar die, die nach draußen führt. Ohne dass vorher jemand anklopft. Was total unhöflich ist. Besonders bei einem Raum, in dem Menschen sich umziehen. Diese dreiste Störung macht mich stinksauer. Mike Shinoda ist tödlich genervt. „Das hier ist der Umkleideraum für die männlichen Teilnehmer deiner Gruppe. Leider sind wir zu spät dran. Die Therapie hat schon angefangen. Sicher wird hier niemand mehr drin sein”, höre ich Pfleger Ulrich zu jemandem sagen, den ich im ersten Moment nicht sehen kann. Die zweite Person betritt hinter dem Pfleger die Umkleide. Chester Bennington taucht urplötzlich an der Tür auf. Augenblicklich werde ich stocksteif. Mein Herz setzt etliche Schläge aus. Stille. Mein Atem stockt. Im doppelten Tempo nimmt mein Herz seine Arbeit wieder auf. Der verrückte Psychopath Shinoda wird tierisch nervös. Ist total schockiert. Verdammt nahe am Herzinfarkt. Schlagartig. Aber ich muss mich beruhigen. Muss ganz ruhig bleiben. Tief ein und ausatmen. Dringend. Mikey darf jetzt nicht ausrasten. Nicht endgültig den Verstand verlieren. Ich darf mich nicht über irgendwas freuen, was nur in meiner Einbildung existiert. Auf keinen Fall werde ich mich freuen. Ich zwinge mich, meine voreilige Euphorie, die mich gerade blitzartig überschwemmt und damit wahnsinnig macht, im Zaum zu halten. Denn noch eine Enttäuschung überlebe ich nicht. Das spüre ich genau. Bestimmt werde ich nur wieder enttäuscht. Schließlich bin ich in den letzten zweiundzwanzig Stunden immerzu enttäuscht worden. Niemals war es Chester. Es ist verdammt nochmal nie Chester gewesen! Und auch jetzt kann es nicht Chester sein, den Ulrich hierher mitgebracht hat. Sicher ist es irgendein anderer neuer Patient, dem der Pfleger die Turnhalle zeigt. Schließlich ist Bennington schon viel zu lange unauffindbar. Vielleicht ist der Sänger längst wieder daheim in Phoenix. Falls er da tatsächlich herkommt. Wie er behauptet hat. Irgendjemand hat gemerkt, dass alles ein Irrtum war. Und daraufhin haben sie ihn nach Hause geschickt. Chester ist  in Phoenix. Oder sonst wo. Mike Shinoda hat bestimmt Wahnvorstellungen. Würde mich echt nicht wundern.

Aber so mühsam konzentriert ich auch hinstarre, so sehr ich auch eine neuerliche Täuschung erwarte, die Person an der Tür verändert sich nicht. Es bleibt die über alles geliebte, vertraute Gestalt. Wie in meiner Erinnerung. Meinen Träumen. Meinem stundenlangen Sehnen. Ausgehungert heften meine Augen sich an ihm fest. Er hat mich noch nicht gesehen. Studiert gelangweilt den Fußboden. Chester Bennington sieht noch genauso aus wie gestern beim Mittagessen. Er hat exakt die selben Klamotten an. So langsam dämmert mir, dass der arme Kerl tatsächlich keine andere Kleidung besitzt. Weil er wahrhaftig noch immer das blaue Hemd mit dem Schmetterlingskragen und die hellgraue Chinohose trägt. Seine dunklen Dreadlocks wirken seltsam ungezähmt. „Mike? Mike Shinoda?” ruft Pfleger Ulrich verblüfft. Chesters Kopf schnellt aufgeschreckt nach oben. Seine braunen Augen suchen alarmiert den Raum ab. Finden mich schnell. Hilflos auf der niedrigen Bank sitzend. Ihn fassungslos anstarrend. Unsere Blicke treffen sich sofort. Halten sich augenblicklich aneinander fest. Hinter der Brille sind seine braunen Augen unergründliche Tiefen. Mit irre hämmerndem Herzen registriere ich, dass Chester überrascht zusammenzuckt. Irritiert betrachtet er mich. Der besondere Mann hat nicht mit mir gerechnet. Mein plötzliches Auftauchen verwirrt ihn. Und jetzt weiß er nicht, wie er reagieren soll. Er ist verunsichert. Das macht mich total verrückt. Ich kann nicht aufhören, ihn anzusehen.

Die beiden Eindringlinge bewegen sich. Kommen langsam näher. Chesters blaue Chucks quietschen auf dem Linoleum. Weil er beim Laufen die Füße nicht richtig hochhebt. Sein Gang ist unsicher, beinahe taumelnd. Chester ist krank. Es geht ihm nicht gut. Das sehe ich auf den ersten Blick. Spüre es förmlich am eigenen Leib. Und es zerbricht mein Herz. Empört frage ich mich, was diese Arschlöcher in der Psychiatrie denn bloß mit ihm gemacht haben. Er wirkt auf mich, als hätten sie ihn die ganzen zweiundzwanzig Stunden lang gequält. Pfleger und Patient bleiben vor mir stehen. Chester mustert mich interessiert. Ein zaghaftes Lächeln erscheint auf seinem hübschen Gesicht. Der junge Mann freut sich, mich zu sehen. Zweifellos tut er das. Aber Chester sieht müde aus. Er ist erschöpft. Viel zu blass. Seine schönen Augen haben dunkle Schatten. Das macht mir große Sorgen.

„Mike? Ja, sag mal, was sitzt du denn noch hier? So ganz alleine. Die Therapie hat doch schon längst angefangen!” spricht Pfleger Ulrich mich an. Aber ich kann ihn kaum hören. Meine Augen erforschen begierig den anderen Mann. Bewegen sich nicht von ihm weg. Haben ihn viel zu lange nicht gesehen. Müssen dringend überprüfen, ob er sich in der Zwischenzeit verändert hat. Aber das hat er nicht. Kein bisschen. Chester Bennington ist noch immer so sphärisch schön, dass ich es nicht begreifen kann. Er gleicht meiner Erinnerung aufs Haar. Dieses zarte, feingeschnittene Gesicht. Der überirdisch attraktive Körper mit den langen Armen und Beinen. Ein bisschen dünn, aber absolut wohlproportioniert.

Prompt erinnere ich mich überdeutlich daran, wie er sich anfühlt. Seine warme, weiche Haut. Sein schlanker Leib mit den fühlbaren Knochen und Muskeln. Empfindsam und zerbrechlich. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen. Darf nicht stürmisch über ihn herfallen. Ich kann es nicht erwarten, ihn nochmal zu spüren. In Gedanken schließe ich Chester in meine Arme. Streichele ihn überall. Erkunde jeden Zentimeter seines Körpers neu. Küsse ihn leidenschaftlich. Das passiert unwillkürlich mit mir. Läuft autonom in meinem Schädel ab. Dagegen bin ich völlig machtlos. Bennington tötet die Leere in mir. Die Wut. Die Verzweiflung. Der Engel ersetzt alles in mir durch etwas anderes. Innerhalb von Sekunden. So hat der sonderbare Typ das schon immer mit mir gemacht. Vom ersten Augenblick an war das so mit dem. Als ich ihn auf dem Flur singen hörte. Er hat mich vollkommen umgekrempelt. Und jetzt ist nur noch Glück in mir. Euphorie durchfließt mich warm. Mein Herz hüpft vor Freude und Erleichterung. Beruhigt sich dann langsam. Mein Mund öffnet sich zu einem stummen Freudenschrei. Eigentlich will ich schreien. Muss dringend schreien. Weil es eben doch Chester ist, den ich plötzlich vor mir sehe. Wahrhaftig. Definitiv. Gibt jetzt keinen Zweifel mehr. Keine Wahnvorstellung möglich. Der besondere Sänger ist nicht meilenweit entfernt, wie ich es befürchtet habe. Sondern hier bei mir. Steht direkt vor mir. Guckt mich die ganze Zeit an. Liebevoll. Seine braunen Augen leuchten erfreut. Mein Verstand funktioniert noch. Aber ich bin fassungslos. Das passiert mir mit ihm. Ein weiteres Mal.

„Mike? Alles okay mit dir? Warum sitzt du hier noch? Ganz alleine”, fragt Ulrich nochmal. Diesmal klingt er fast schon besorgt. Studiert mich prüfend. Der Pfleger ist alarmiert. Weil ich ihm noch immer nicht antworte. Am liebsten würde ich die lästige Nervensäge eigenhändig hinauswerfen. Aber ich setze mich nur aufrecht hin. Ziehe die Beine heran. Erwidere den fragenden Blick des ahnungslosen Pflegers. „Ich brauche noch einen Moment”, erkläre ich ihm entschuldigend. Meine Standardantwort. Im Laufe der Zeit habe ich mir die so angewöhnt. Weil dieser Satz in der Psychiatrie eigentlich immer funktioniert. Das habe ich während meines Aufenthalts hier festgestellt. Auch diesmal gibt Ulrich sich zum Glück mit meiner vagen Erklärung zufrieden. „Okay, Mike. Heute trifft sich das richtig gut. Dann kannst nämlich du Chester gleich den Weg zur Turnhalle zeigen. Sobald er umgezogen ist”, meint Ulli. Wendet sich diensteifrig an seinen Schützling. Drückt ihm rigoros eine Tasche in die Hand. Die er wohl schon die ganze Zeit getragen hat. Die ich aber jetzt erst wahrnehme. Chester nimmt die Tasche nur widerstrebend an. Offenbar ist er nicht gerade wild darauf, beim Sport mitzumachen. „Hier sind die Sachen, die du bitte jedes Mal zur Bewegungstherapie anziehst. Solange du hier bist, kannst du sie behalten. Das haben wir ja schon besprochen. Deine Privatkleidung verstaust du bitte solange in einem Spind.” Ulrich sucht die lange Reihe der Schränke ab und wird schon ein paar Meter weiter fündig. „Hier ist einer frei, Chester”, ruft er zufrieden, deutet darauf und winkt Chester zu sich hin. Der Patient gehorcht nur langsam. Ich glaube, er wollte lieber noch länger vor mir stehen und mich ansehen.

Das gefällt mir so sehr, dass mir ganz warm wird. Wie verrückt freue ich mich darauf, gleich mit Chester allein zu sein. Den schlanken Körper in meine Arme zu schließen. Den Kerl nochmal zu küssen. Fühle mich ausgehungert, nach dieser ellenlangen Zeit ohne ihn. Der Gedanke macht mich ganz kribbelig. Kann es nicht erwarten, dass der nervige Pfleger endlich abhaut. „Ziehe dich bitte jetzt um, Chester! Dann kannst du gleich mit Mike zur Therapiestunde gehen. Ich habe jetzt noch andere Aufgaben zu erledigen. Ihr müsst euch ein bisschen beeilen, okay?” Der letzte Satz war auch an mich gerichtet. Ulrich schaut mich fragend an. Darum nicke ich ihm zu. „Nicht wahr, Mike? Du zeigst Chester den Weg zur Sporthalle?” vergewissert der Pfleger sich bei mir. Ich nicke nochmal und versuche ein Lächeln. „Das geht schon klar”, verspreche ich ihm. „Du musst dir keine Sorgen um mich machen, Ulli. Bei Mike Shindoa bin ich in den besten Händen”, meldet Chester sich grinsend und wirft mir einen erschreckend zweideutigen Blick zu. Den der Pfleger zum Glück nicht mitkriegt. Oder zumindest nicht deuten kann. Mein Herz schlägt härter bei der Vorstellung, wie intensiv ich meinen lang und schmerzlich vermissten Mann gleich spüren werde. Wie leidenschaftlich ich ihn küssen werde. Sobald wir allein sind. In wenigen Minuten. Der konkrete Gedanke macht sich unwillkürlich zwischen meinen Beinen bemerkbar. Wo mein Penis von alleine damit anfängt, auf die angenehmste Art zu zucken. Fuck, das ist nicht gut, denke ich erschrocken. Mit einem Ständer kann ich wohl kaum zur scheiß Therapie gehen. In der blöden elastischen Sporthose würde mein steifer Schwanz nämlich absolut offensichtlich sein.

Unglücklich schaue ich zu Chester hin. Er inspiziert gerade den Inhalt der Tasche, die Pfleger Ulrich ihm vorhin gegeben hat. Chester packt die Einheits-Sportkleidung der Psychiatrie aus und legt sie mitsamt der Turnschuhe auf die niedrige Bank. Alle Patienten dieser Station, die keine eigenen Sachen haben, erhalten dieses Zeug. Jedes Mal laufen in der Turnhalle Menschen in Psychiatrie-Kleidung herum. Das Sportzeug ist ein wenig altmodisch, aber so schlecht nun auch wieder nicht. Chester gefallen die Sachen allerdings kein bisschen. Das ist unübersehbar. Richtig wütend und vorwurfsvoll schaut er seinen Pfleger an, der den aufmüpfigen Blick gelassen erwidert. „Du kannst dann jetzt gehen, Ulli!” fordert Chester den Weißgekleideten ziemlich frech zum Verlassen des Umkleideraumes auf. Ulrich ist zu sehr Profi, um irritiert zu sein. Er lächelt nur amüsiert. „Denkst du, dass du jetzt alleine klarkommst, Chester?” will er schmunzelnd wissen. „Ja, ich kann mich schon alleine umziehen”, meint Chester knurrig.

Demonstrativ fängt er damit an, sein blaues Hemd aufzuknöpfen. Gebannt beobachte ich ihn dabei. Seine filigranen Finger arbeiten fahrig. Sie sind erstaunlich zittrig. Mühsam öffnen sie einen kleinen, blauen Knopf nach dem anderen. Unwillkürlich fängt mein Herz verstärkt zu hämmern an. Ich will unbedingt, dass Chester sein Hemd auszieht. Auch das Unterhemd soll er ausziehen. Ich möchte dringend nochmal seine schlanke, helle Brust sehen. Die zauberhaft kleinen, hellbraunen Brustwarzen. Die wenigen, dunklen Haare, die dazwischen wachsen. Nur ein Stückchen höher. Ich erinnere mich an das Gefühl seiner warmen, zarten Haut an meinen Fingern. Wie seine Haut sich über seine Rippen spannt. Wie weich sein nackter Bauch ist. An die Form seines Bauchnabels. Ich denke an die Haare, die von seinem Nabel aus nach unten in seiner Unterhose verschwinden. Diese deutliche Erinnerung erregt mich extrem. Unruhig ändere ich meine Sitzposition. Mist, ich werde langsam hart. Total automatisch. Mikey kann gar nichts dagegen tun.

„Okay, dann lass ich euch beide jetzt mal alleine”, beschließt Pfleger Ulrich endlich und sieht zu mir hin. Hastig schlage ich die Beine übereinander. Erwidere den abschätzenden Blick so gelassen wie möglich. „Ja, du kannst ruhig gehen. Ich zeige Chester den Weg zur Turnhalle”, erkläre ich ein bisschen atemlos. Ulrich nickt zufrieden. Ich hoffe, dass der Pfleger mir meine sexuelle Erregung nicht anmerkt. Zum Glück wendet er sich ab und geht zur Ausgangstür. „Also du weißt Bescheid, Chester. Alles Weitere haben wir ja schon besprochen”, muss er unbedingt noch erwähnen. Chester nickt gelangweilt. Winkt ihn förmlich hinaus. „Ja, ich hab's kapiert, Ulli. Bis später dann!” Seine Stimme klingt genervt. Es imponiert mir, wie cool Chester mit seinem Pfleger spricht. Wie selbstbewusst er dabei wirkt. Ich würde mir das nicht zutrauen, einen Pfleger buchstäblich hinauszuwerfen. Aber jetzt bin ich unendlich froh darüber. Chesters Courage sorgt dafür, dass Ulrich endlich den Umkleideraum für Männer verlässt. Und die Tür hinter sich zumacht.

Maßlos erleichtert atme ich auf. Wende mich sofort gierig meinem Mann zu. Sauge ihn sehnsüchtig mit meinen Augen auf. Möchte am liebsten sofort aufspringen. Ihn dringend anfassen. Darauf warte ich doch schon viel zu lange. Aber es ist mir peinlich, dass ich schon wieder eine Erektion habe. Die in meiner Sporthose offensichtlich ist. Jetzt schon. Außerdem zieht das Ziel meiner Begierde sich gerade aus. Und dabei möchte ich ihn nicht stören. Das ist einfach zu aufregend. Ein absolut fantastischer Anblick. Seufzend bleibe ich sitzen und beobachte ihn nur. Mit klopfendem Herzen. Wollüstig. Chester hat mühsam sein blaues Hemd aufgeknüpft. Er zieht es aus. Legt es auf die Bank. Jetzt trägt er nur noch sein weißes Unterhemd. Verdutzt fixiere ich ihn. Mir fallen beinahe die Augen aus dem Kopf. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich Chester Benningtons nackte Arme. Geschockt starre ich auf die bunten, ziemlich großen Bilder, die Chesters Oberarme zieren. Die Farbe bedeckt dreiviertel seiner Haut. Beinahe bis zum Ellenbogen. Im ersten Moment frage ich mich höchst irritiert, warum der Typ sich selbst angemalt hat.

Erst nach ungefähr einer Minute kapiere ich endgültig, dass es sich wahrhaftig um Tätowierungen handelt. Der Patient Bennington trägt bunte Tattoos auf seinem Körper. Große Tattoos. Unübersehbare. Die sofort ins Auge stechen. Ich hatte keine Ahnung, dass Chester tätowiert ist. Gestern im Park verdeckte noch sein Hemd seine Arme. Meine unerwartete Entdeckung verwirrt mich extrem. Denn die gestochenen Bilder scheinen so gar nicht zu ihm zu passen. Für mich haben Tattoos so etwas Brutales an sich. Etwas Endgültiges. Unbestreitbar sind sie mit viel Schmerz und Blut verbunden. Nichts davon passt zu meinem besonderen Menschen. So wie ich ihn sehe. An Chester Bennington gibt es doch gar nichts Brutales! Der Mann ist zart und zerbrechlich. Nun gut, manchmal bekommt er Wutanfälle. Aber im Grunde ist er total sanft. Seine Tätowierungen empfinde ich als einen dermaßen großen Gegensatz zu meiner Vorstellung von ihm, dass ich vollkommen erstarrt bin. Fassungslos fixiere ich die bunten Muskeln seiner Oberarme. Vielleicht ist Chester in Wirklichkeit ganz anders, denke ich verunsichert. Womöglich habe ich mir den Kerl nur so zurechtgesponnen, wie ich ihn haben will. Besorgt muss ich einsehen, dass ich den neuen Patienten Bennington offenbar gar nicht kenne. Das beunruhigt mich enorm.

„Wir haben uns ja echt lange nicht gesehen, Mike. Ich hab dich vermisst”, murmelt Chester plötzlich. Schüchtern wirft er mir einen Blick zu. Das macht mich glücklich. Dass er mich auch vermisst hat. Aber seine sonderbaren Tattoos schlagen mich vor den Kopf. Irgendwie. Ich weiß auch nicht. Das verunsichert mich mehr, als es sollte. Lenkt mich total ab. Alarmiert mich förmlich. Mit so etwas habe ich einfach nicht gerechnet. So, wie er vor dem Schrank steht, kann ich nur seinen linken Oberarm richtig sehen. Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich, das bunte Bild auf seiner hellen Haut richtig zu erkennen. Ich glaube, zwei Fische zu sehen, die umeinander kreisen. Chester registriert meinen fassungslosen Blick. Irritiert schaut er an seinem Arm entlang. Er will nachprüfen, wovon ich so gefesselt werde. Kann aber an seinem Arm nichts Besonderes entdecken. Im Gegensatz zu mir. „Ist irgendwas?” will er verwirrt wissen. Und hebt seinen hübschen Kopf fragend zu mir.

„Du bist tätowiert”, bemerke ich nicht sehr intelligent. Chester lacht belustigt und betrachtet mich aufmerksam. „Ja, das bin ich”, bestätigt er amüsiert, „Das ist geil, nicht wahr?” Er macht drei taumelnde Schritte auf mich zu. Stellt sich vor mich hin. Zeigt mir eifrig seinen linken Oberarm. „Sind das Fische?” frage ich. Was mindestens ebenso blöd ist, wie meine Bemerkung davor. „Das sind Fische”, stimmt Chester zu, „Das ist mein Sternzeichen.” Seine Augen leuchten. Er sieht stolz aus. Enorm zufrieden. Chester liebt seine Tattoos. So richtig doll. Das ist offensichtlich. Und langsam habe ich mich daran gewöhnt, dass seine dünnen Oberarme so überraschend bunt sind. Irgendwie wird das interessant, mir das große Bild ganz genau anzusehen. Es sind tatsächlich zwei Fische, die sich kreisend umeinander bewegen. Sie sind schön gezeichnet worden. Detailliert. Der eine Fisch ist orange mit zwei hellblauen Augen. Der andere ist lila mit zwei hellgrünen Augen. Beide schwimmen in einem dunkelblauen Meer mit sichtbaren Wellen. Sein Sternzeichen ist Fische, denke ich aufhorchend. Es freut mich, dass ich etwas Neues über ihn erfahren habe. Alles an ihm interessiert mich brennend. Demnach muss er im März oder Ende Februar Geburtstag haben, überlege ich. Ich möchte unbedingt wissen, wann genau Chester Geburtstag hat. Damit ich ihm was schenken kann. Ich möchte diesem besonderen Mann die ganze Welt schenken.

„Das war mein erstes Tattoo”, erzählt Chester begeistert und guckt stolz auf seinen linken Arm, „Es ist ein Original von Jody vom Club Tattoo in Tempe, Arizona. Die Farbe stammt von Wes, auch vom Club Tattoo. In den 70ern war es eine große Sache, Sternzeichentattoos zu haben.” Mann, wie ich seine Stimme vermisst habe! Diese weichen, zarten, höchst angenehmen Töne, die mir sofort durch den ganzen Körper klingen. Bis tief in meine verwundete Seele hinein. Sie heilen mich. Wärmen mich. Chesters einmalige Stimme scheint sich frech in meinem Schwanz zu fokussieren. Sie erregt mich total. Meine Erektion fühlt sich prall an. Nervös schlage ich die Beine fest übereinander. Ich hoffe, dass der Typ meine körperliche Erregung nicht bemerkt. Weil mir das irgendwie peinlich ist. Weil das für Chester so aussehen muss, als könnte ich mich schon wieder nicht beherrschen. Aber er ist abgelenkt von seinen Tattoos. Achtet nicht auf meinen Schritt. Im Moment bin ich darüber sehr froh.

Chester dreht sich herum und zeigt mir seinen rechten Oberarm. Auf seinen Trizeps ist ein anderer Fisch tätowiert worden. Diesmal ist es nur einer. Ein großer, orangefarbener Fisch mit detailgenauen, gelben Schuppen und Flossen. Mit einem gelben, ausdrucksstarken Auge. Der in einem blauen Meer schwimmt. „Das ist ein japanischer Koi”, erläutert Chester aufgeregt, „Ich habe ihn selbst gezeichnet. Wookie vom Club Tattoo hat ihn mir gestochen.” Wie unglaublich schön er ist, wenn er sich so freut, stelle ich fasziniert fest. Wenn er in seinem Element ist. Chester erstrahlt förmlich. Der junge Mann leuchtet innerlich. Weil er seine Tattoos so mag. Weil er sich mit Fischen identifizieren kann. Seine braunen Augen glitzern glücklich hinter den Gläsern. Die in seine Haut gestochenen Bilder machen ihn stolz. Den orangenen Koi hat er selber designt. Zweifellos kann Chester richtig gut zeichnen. Es macht ihm großen Spaß, mir seine Tätowierungen zu zeigen. Sie ganz genau zu erklären. Ich kann meinen Blick nicht von ihm nehmen. Meine Augen stecken an ihm fest. Saugen den zu lang vermissten Anblick gierig in mich auf. Seine schlanke, wohlgeformte Gestalt. Sein feines, wunderschönes Gesicht. Seine spürbare Zufriedenheit ist total ansteckend. Es fühlt sich an, als würde die Sonne scheinen.

Auf der Flosse des Karpfens klebt ein rechteckiges, weißes Pflaster. Es sieht aus, als wäre er da geimpft worden oder so was. Ich frage mich, was das Pflaster zu bedeuten hat. Chester bemerkt meinen irritierten Blick und schnauft: „Das ist so ein scheiß Nikotinpflaster.” Offenbar ist er von der Wirkung nicht sehr überzeugt, denn er setzt seufzend hinzu: „Aber ich würde trotzdem jetzt viel lieber eine rauchen!” Unzufrieden schaue ich ihn an. Es gefällt mir nicht, dass er raucht. Und das passt auch schon wieder nicht zu meiner sanften, schüchternen, liebevollen Vorstellung von dem neuen Patienten. Rauchen hat etwas Rebellisches an sich. Etwas Brutales. In Filmen rauchen meistens nur die bösen, kriminellen und gewalttätigen Gangster. Rauchen ist gedankenlos. Total selbstzerstörerisch irgendwie. Denn jeder weiß doch, wie entsetzlich ungesund Zigaretten sind. Man wird krank davon. Macht sich nicht nur die Lunge kaputt. Und außerdem stinkt der Qualm. „Hast du vielleicht eine Kippe für mich, Mike Shinoda?” fragt Chester flehend. Studiert aufmerksam meine Reaktion. Ihm entgeht nicht, dass mich sein Nikotinpflaster nicht gerade begeistert. Energisch schüttele ich den Kopf. „Nein, Chester Bennington! Ich besitze keine Kippen! Ich rauche nämlich nicht!” betone ich heftig. Taxiere ihn vorwurfsvoll. Er fängt meinen strafenden Blick auf. Zieht verdutzt die schmalen Augenbrauen zusammen. Betrachtet mich süß eingeschüchtert. „Ist schon gut, Mike. Ich hab ja nur gefragt...”, entschuldigt er sich scheu. „Du stehst nicht so aufs Rauchen, was?” fragt er leise. „Fuck, nein! Verdammt, Chaz! Rauchen ist doch total idiotisch!” blaffe ich ihn ärgerlich an. Seine Arme hängen kraftlos an den Seiten herunter. Chester sieht traurig aus. Es deprimiert ihn, dass ich ihn jetzt angucke, als hätte ich einen Makel an ihm entdeckt. Als wäre ich wer weiß wie enttäuscht von ihm. Der neue Patient wirkt auf mich, als wäre er plötzlich ein gescholtenes Kind, das ratlos seine Strafe erwartet. Chester ist überhaupt nicht überrascht. Als wäre er es reichlich gewöhnt, dass jemand enttäuscht von ihm ist. Schlagartig sind all die Vorwürfe, die ich ihm eigentlich wegen des Rauchens machen wollte, wie weggeblasen. Es macht ihn richtig traurig, stelle ich gerührt fest. Chester ist sehr sensibel. Er sieht aus, als hätte er sich richtig Mühe gegeben, und wäre dann doch gescheitert. Das frustriert ihn total. Der Mann möchte nicht, dass ich schlecht von ihm denke. Das geht mir verflucht tief rein. Mir wird klar, dass ich ihn nicht ausschimpfen darf. Denn scheinbar ist er in seinem Leben schon genug kritisiert worden.

„Deine Tattoos sind echt toll!” sage ich automatisch. Weil ich ihm eine Freude machen will. Weil ich es nicht ertragen kann, wenn er traurig ist. Und weil ich weiß, dass die Tattoos ihm sehr gefallen. Zum Glück geht meine Rechnung augenblicklich auf. Chester lacht und guckt mich erleichtert an. „Bist du auch irgendwo tätowiert, Mike?” will er neugierig wissen. Seine Augen wandern suchend über meinen Körper. Nervös presse ich die Beine zusammen. Beuge mich ein wenig vor, um meine Erektion zu verstecken. „Vielleicht an einer delikaten Stelle, Herr Shinoda?” neckt der Typ mich und knufft meinen Arm. Ein bisschen zu hastig schüttele ich den Kopf, sodass der neue Patient merken muss, wie nervös und skeptisch ich in Wahrheit bin. „Nein, ich... das tut doch total weh, und... ich möchte nichts für immer auf meiner Haut tragen. Ich meine... das ist doch für die Ewigkeit... und... wenn mir das Tattoo vielleicht nicht mehr gefällt... dann...” Ich gerate ins Stottern, breche verwirrt ab, und Chesters Lächeln wird noch strahlender. Ich frage mich, wo er wohl sonst noch tätowiert ist. Sofort möchte ich seinen nackten Körper nach diesen versteckten Bildern absuchen. Die plastische Vorstellung davon, wie ich seine helle Haut Zentimeter um Zentimeter sorgfältig absuche, erregt mich. Ich seufze tief. Drücke die übereinandergeschlagenen Schenkel zusammen. „Tattoos üben Schmerz und Freude zur gleichen Zeit aus”, meint Chester friedlich, „Das fasziniert mich total. Ich würde Jedem empfehlen, sich tätowieren zu lassen.” Ich nicke zustimmend. Obwohl ich der Meinung bin, dass der Schmerz beim Tätowieren die zweifelhafte Freude bei Weitem überwiegt. Seufze nochmal. Denke daran, wie gerne ich ihn jetzt berühren möchte. Überall. Ich würde gerne alle seine Tattoos finden.

Eine Weile ist es ganz still in diesem Umkleideraum für Männer. Chester steht im weißen Unterhemd, hellgrauer Chino und blauen Chucks vor mir und sieht mich aufmerksam an. Schätzt wissbegierig meine Verfassung ab. Seit zweiundzwanzig Stunden hat er mich nicht gesehen. Er hat mich vermisst. Aber sicher nicht so stark, wie ich ihn vermisst habe. Ich bezweifele, dass Chester vor lauter Sehnsucht auch fast seinen Verstand verloren hat. Dass ihm die Trennung von mir auch so wehgetan hat wie mir. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Weil er wieder da ist. Darum ist jetzt alles gut.

Mit klopfendem Herzen erwidere ich seinen Blick. Er ist so verdammt wunderschön, fährt es mir abermals gefesselt durchs Gehirn. Ich könnte ihn stundenlang nur anschauen. Die Therapie hat schon angefangen, wir müssen in die Turnhalle gehen, fällt mir plötzlich alarmiert ein. Die Therapeuten werden bestimmt nach uns suchen, wenn wir da nicht bald auftauchen, warnt mich eine innere Stimme. Scheiß auf die Therapie, denke ich im nächsten Moment dermaßen ungewohnt rebellisch, dass es mich selbst erstaunt. „Ich habe dich so sehr vermisst, Chaz”, teile ich dem göttlich attraktiven Mann mit enger Kehle mit, „Das hat mich fast verrückt gemacht. Weil du nicht mehr da warst.” Je öfter ich so ehrlich zu ihm bin, umso leichter fällt es mir, meine Gefühle für ihn auszusprechen. Außerdem scheint Chester jedes Mal sehr geschmeichelt zu sein, wenn ich so etwas sage. Das spornt mich irgendwie an. Es gefällt mir, wenn er sich darüber freut. „Die haben mich total auseinandergenommen”, erzählt er leise, „Ich musste alle möglichen bescheuerten Tests mitmachen.” Sein freundliches, schüchternes Lächeln stirbt langsam. Macht einer Betrübnis platz, die mich schlucken lässt. Es war wohl nicht sehr angenehm, was die Psychologen und Ärzte stundenlang mit ihm gemacht haben. „Du bist noch nicht mal beim Essen gewesen!” bemängele ich verständnislos, „Ich habe gestern beim Abendessen und heute Morgen beim Frühstück so sehr auf dich gewartet. Ich wusste nicht, was passiert ist.” Chester nickt mit blitzenden Augen. „Ich musste unter Aufsicht was essen”, behauptet er. Verzieht angewidert das Gesicht. Das facht sofort meine Wut an. Chester sieht wirklich krank aus. Der arme Kerl wirkt total erschöpft. Bestimmt hat er in der letzten Nacht schon wieder nicht geschlafen. Ich will nicht, dass es ihm schlecht geht. Das kann ich kaum ertragen. „Diese scheiß Arschlöcher!” schimpfe ich aus tiefstem Herzen. Chester lächelt scheu hinter seiner Traurigkeit. Seine Augen liegen sanft auf mir. Wohlwollend. „Ich habe dich auch krass vermisst, Mikey”, flüstert er zärtlich. Mein Impuls, sofort aufzuspringen und ihn in meine Arme zu schließen, wird fast übermächtig. Aber ich bin unverändert geil auf ihn. Sichtbar. Das ist peinlich. Ich will nicht, dass Chester denkt, ich wäre sexsüchtig oder so was. Und ich will auf keinen Fall nochmal die Kontrolle über mich verlieren.

Darum bleibe ich sitzen und sehe ihn nur an. Er scheint auf etwas zu warten. Vielleicht darauf, dass ich aufstehe und ihn in den Arm nehme. Als ich mich nicht bewege, streckt er zögernd die Hand aus und streichelt sanft mein Gesicht. Der zärtliche Kerl berührt fast ehrfürchtig meine Augenbrauen. Meine Nase. Streicht ganz zart über meine Lippen. Krault mit seinen Fingern durch meinen sorgsam gestutzten Bart. „Du hast dich rasiert”, stellt er folgerichtig fest. Chester ist rührend aufmerksam. Er bemerkt solche Dinge. Nur für ihn habe ich mir heute Morgen extra die Mühe gemacht, einen Pfleger zu finden, der mich beim Rasieren beaufsichtigen konnte. Chesters liebevolle Berührung fährt mir augenblicklich in die Sexualorgane hinein. Sie erregt mich dermaßen, dass ich nur noch verdutzt aufstöhnen kann. Chester registriert mein Stöhnen und lächelt schüchtern. „Ich mag dich so sehr, Mike. Mann, wie ich dieses Gesicht vermisst habe”, murmelt er und betrachtet mich fasziniert. Mein Herz hämmert in meinen Ohren. Ich presse die Beine aufeinander. Drücke die Hände auf meine Knie. „Wie geht es dir denn, Chaz?” bringe ich mühsam hervor, um mich von meiner unangebracht heftigen Geilheit abzulenken.

Zu meinem Bedauern nimmt Chester seine Finger aus meinem Bart. Sein Gesicht verdüstert sich schlagartig. „Total beschissen”, antwortet er bitter und wendet sich ab. Hilflos sehe ich zu, wie er zurück zu seinem Spind geht. Ich will nicht, dass er weggeht. Ich möchte ihn ganz nah bei mir haben. Ihn warm an meinen Fingern spüren. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich beherrschen kann, wenn ich ihn jetzt anfasse. Darum bleibe ich vorsichtshalber erst mal weiterhin sitzen und beobachte ihn nur. „Das tut mir leid!” versichere ich ihm ehrlich. „Die Wichser haben mich nicht telefonieren lassen!” beschwert Chester sich wütend. Umständlich zieht er sich das Unterhemd über den Kopf. Rückt seine Brille wieder auf den richtigen Platz. Pfeffert das weiße Hemd danach zu dem blauen auf die Bank. Gebannt starre ich auf seinen nackten Oberkörper. Der Kerl ist so dünn, dass seine Rippen sichtbar die blasse Haut spannen. Sein Körper wirkt, bis auf die bunten Bilder auf seinen Oberarmen, fast weiß. Sein attraktiver Leib strahlt förmlich im hellen Neonlicht des Umkleideraumes. Fuck, er leuchtet wie ein Engel, stelle ich auf einmal irritiert fest. Diese Assoziation bei seinem Anblick erschlägt mich fast. Ich bin nicht sicher, was das zu bedeuten hat. Möglicherweise stammt Chester Bennington direkt aus dem Himmel, überlege ich paralysiert. Vielleicht ist er wahrhaftig ein Engel, der zu mir geschickt wurde, um mich zu erlösen. Es fällt mir schwer, mit dieser seltsamen Vermutung zurechtzukommen. Mir nichts anmerken zu lassen. Mich auf unsere Unterhaltung zu konzentrieren. Denn Chester würde mich zu recht für verrückt erklären, wenn ich ihm jetzt irgendwas von Engeln erzähle.

„Vielleicht hast du eine Kontaktsperre”, gebe ich zu bedenken. Chester sieht mich verwirrt an. Seine Augen hinter den Gläsern sind ganz dunkel. Fast schon schwarz. „So haben die das auch genannt, glaube ich. Schon in der Nacht. Als ich herkam. Was ist das für ein verdammter Scheiß? Was bedeutet das denn nur? Die haben mir mein Handy weggenommen!” regt er sich auf. Der junge Mann hört sich beleidigt an. Er ist trotzig. Wie ein kleines Kind. Das rührt mich. Ich möchte hingehen und ihn trösten. Aber ich bin unverändert scharf auf ihn. Es kann sein, dass meine Sexualität mich übermannt, wenn ich jetzt seine samtige Haut spüre. Darum bewege ich mich nicht von meinem Platz weg. Tief ein und ausatmen. Beruhigen. Einfach gelassen bleiben, Herr Shinoda. „In der Anfangszeit sind in der Geschlossenen Kontakte nach draußen generell verboten. Weil du dich intensiv auf dich selbst konzentrieren sollst”, erkläre ich ihm behutsam. Dabei komme ich mir vor, als wäre ich mittlerweile der absolute Psychiatrie-Profi. Was ich in Wahrheit nun wirklich nicht bin. Auch wenn ich länger als Chester hier bin, so habe ich doch trotzdem keine Ahnung, was hier eigentlich gespielt wird. Oder welchen Sinn das alles haben soll. „Das ist doch Schwachsinn! Ich bin schon erwachsen!” faucht Chester und streckt unbehaglich seine Wirbelsäule. Er reißt beide Arme weit nach oben und lässt sie sofort wieder sinken. Stöhnt gequält auf. Lässt seine Knochen knacken. Dreht sich unwohl tänzelnd von mir weg. Es geht ihm wirklich nicht gut. Als würde ihm alles wehtun. Mitleidsvoll beobachte ich seine seltsamen Verrenkungen. Sein nackter Oberkörper macht mich total an. Kann mich nicht sattsehen an ihm. Liebe an diesem fremden Menschen jeden wundervollen Millimeter.

Plötzlich fällt mir das Bild auf. Zwischen seinen hervorstehenden Schulterblättern. Aber ein Stückchen höher. Nicht weit unterhalb seines Nackens. Ich habe Chesters Rücken noch nie unbekleidet gesehen. Jetzt sehe ich, dass er ebenfalls tätowiert ist. Diesmal allerdings nicht farbig. Sondern nur in schwarz. Da ist eine merkwürdige Figur auf seiner hellen Haut. Etwas mit sechs langen Tentakeln. Vielleicht ein Oktopus. Ein Tintenfisch mit sechs Händen. Oder so was. Bestimmt hat es auch irgendwas mit Wasser zu tun. Weil sein Sternzeichen Fische ist. Aber ich kann das Bild nicht richtig sehen. Weil der Tätowierte am Schrank steht und seinen Rücken nur seitlich zeigt. „Shit! Ich muss dringend mit meiner Band sprechen”, schimpft Chester nachdenklich. Meine Ohren werden ganz groß. „Du hast eine Band?” frage ich verblüfft. Ich weiß nicht, warum mich das spontan so überrascht. Mit seiner himmlischen Stimme gehört Chester Bennington zweifellos in eine Band. Und zwar als Leadsänger. Direkt in den Mittelpunkt. Wo alle ihn sehen und hören können. Chester muss unbedingt Musik machen. Öffentlich. Auf richtig großen Bühnen. Denn alles andere wäre eine unverzeihliche Verschwendung seines einmaligen Talents. Fraglos würde der Welt etwas absolut Göttliches entgehen, wenn sie ihn nicht hören könnte.

„Ich weiß nicht genau, ob ich noch eine Band habe”, murmelt Chester unglücklich. Ohne mich anzusehen. Er steht vor seinem Spind und kramt aggressiv in den Sachen auf der Bank herum. Ohne etwas richtig in die Hand zu nehmen. Er reagiert seinen Frust an der Kleidung ab. „Ich fürchte, dass die mich vergessen werden, wenn ich noch länger hierbleiben muss”, erklärt er deprimiert. „Aber du bist doch gerade erst gekommen!” entfährt es mir entsetzt. Der Gedanke, dass Chester die geschlossene Psychiatrie schon bald wieder verlassen könnte, reißt mir abrupt die Seele heraus. Das kann ich nicht ertragen, wenn Chester mich verlässt. Weil ich ihn dann womöglich nie wiedersehe. Die letzten zweiundzwanzig Stunden ohne ihn haben mich ja schon fast getötet. Weil die Panik mich umbrachte, dass er vielleicht nicht wiederkommt. Erschrocken beiße ich mir auf die Lippen. Meine Eingeweide verknoten sich. Mir ist klar, dass Chester nicht gerne hier ist. Der neue Patient ist nicht freiwillig hier. Die Polizei hat ihn gezwungen, hierherzukommen. Sie haben ihn gegen seinen Willen in der geschlossenen Psychiatrie eingesperrt. Ich mache mir Sorgen, dass mein unwillkürliches, ziemlich egoistisches Besitzdenken dem Mann nicht gefällt. Aber zum Glück ignoriert Chester meinen panischen Einwurf. Vielleicht hat er ihn auch gar nicht gehört. Mit seinen Gedanken ist er offensichtlich ganz woanders.

„Meinst du, irgendwer hat hier ein Handy?” fragt er mich. Schaut sich unschlüssig suchend im Umkleideraum um. Seine Augen fahren die beiden langen Schrankreihen ab. Der seltsame Typ ist wahrhaftig auf der Suche nach einem Telefon. „Nein, Chester. Ich glaube nicht, dass hier jemand ein Handy in seinem Spind hat!” antworte ich entschieden. Das kann ich mir tatsächlich nicht vorstellen. Denn für Patienten sind Handys hier verboten. Als ich vor langer Zeit hierherkam, hatte ich sowieso kein Telefon dabei. Glaube ich. Auch vorher hatte ich mein Handy schon ziemlich lange nicht mehr benutzt. Hatte ja eh keine Kontakte mehr. War mir sowieso alles egal. Aber jetzt beobachte ich mit Schrecken, wie Chester damit anfängt, taumelnd an den Schränken entlangzugehen. Konzentriert sucht er die Spinde ab. Als hätte er Röntgenaugen. Könnte durch die geschlossenen Türen sehen. „Was willst du denn mit einem Handy?” frage ich ein bisschen ungeduldig. Es gefällt mir nicht, dass Chester so genervt aussieht. Total gehetzt. Ich möchte meinen sanften, freundlichen, zärtlichen Chester wiederhaben. Ich will ihn unvermindert stark in meine Arme schließen. Ihn voller Leidenschaft küssen. Will mit meinen Händen über seine warme, nackte Haut streicheln. Mit gespreizten Fingern durch seine wilden Dreadlocks fahren. Noch immer bin ich sichtbar geil auf ihn. Aber jetzt hat die Atmosphäre in diesem Raum sich plötzlich grundlegend geändert.

„Ich muss jemanden anrufen!” blafft Chester ungewohnt gereizt. Sieht mich dabei nicht an. Lässt keinen Zweifel daran, dass er meine Frage idiotisch findet. Das alarmiert mich. So kenne ich ihn nicht. Der neue Patient ist auf einmal richtig aufgebracht. Beinahe schon wütend. Zweifellos beschäftigt ihn etwas, das ihn extrem aufwühlt. „Wen musst du denn jetzt auf einmal so dringend anrufen?” erkundige ich mich verständnislos. Chester wirft mir einen gehetzten Blick zu. „Ich muss Sean anrufen. Er soll mir ein paar Sachen schicken. Ich will nicht, dass mein Dad das macht. Sean muss mir sagen, wie es mit der Band weitergeht”, erklärt Chester mir nervös. Beugt sich über die niedrige Bank. Öffnet wahrhaftig den ersten Spind. Keiner der Schränke ist abgeschlossen. Was ohne Frage ganz schön leichtsinnig ist. Aber vielleicht ist in dieser Umkleide noch nie etwas geklaut worden. Was sollte man Patienten der geschlossenen Psychiatrie auch schon stehlen? An diesem Ort hat bestimmt niemand Reichtümer versteckt. „Nicht doch, Chaz! Du kannst doch nicht einfach die Schränke durchwühlen!” rufe ich erschrocken. „Ich will ja nichts klauen!” entgegnet Chester gestresst. Er steckt halb im schmalen Spind. „Oder hast du ein Telefon für mich, Herr Shinoda?” Er taucht auf und sieht mich flehend an. Ich schüttele den Kopf. Hebe bedauernd die Schultern. „Nein, tut mir leid.” Chester knurrt enttäuscht und fährt mit seiner Suche unbeirrt fort. „Ich muss dringend Sean anrufen. Die dürfen das Album nicht ohne mich rausbringen!” In seiner schönen Stimme klingt echte Panik mit. Ich höre stürmische, hilflose Verzweiflung. Es beunruhigt mich, wie kopflos, beinahe manisch der Typ die blöden Spinde absucht. Wie dreist er fremde Klamotten durchwühlt, die ihm nicht gehören.

Der Kerl ist plötzlich wie besessen, registriere ich verstört, während ich ihn hilflos beobachte. Chesters beängstigende Besessenheit erinnert mich zunehmend an etwas, was ich schon einmal erlebt habe. Damals. In der Vergangenheit. Das Bild von jemandem, den ich mal gekannt habe, taucht unvermittelt in meinem Kopf auf. Er war ein Freund von mir. In der High School. Dieser Freund war ein Junkie. Abhängig von Heroin. Das war wirklich schlimm. Und total traurig. Jedes Mal, wenn mein Freund auf Entzug war, verhielt er sich genauso irrational wie Chester. Er war genauso hektisch, panisch und wütend. Genauso fixiert auf irgendein unsinniges Ziel. In dieser Verfassung konnte ihn nichts und niemand mehr beruhigen. Nur eine neue Dosis. Chester nimmt harte Drogen, glaube ich in dieser Sekunde zu verstehen. Aber in der Psychiatrie kommt er an sein scheiß Zeug natürlich nicht heran. Darum hat der neue Patient wahrhaftig Entzugserscheinungen. Das ist der Grund, warum er plötzlich wie von Sinnen ist. Und nur darum tut ihm auch wirklich alles weh.

Diese unerwartete Erkenntnis bohrt sich wie ein scharfes Messer enorm brennend in meine Seele. Das geht mir so verflucht tief rein, dass ich mir instinktiv schützend den Bauch festhalte. Meine Kehle wird eng. Voller Mitgefühl betrachte ich den aufgewühlten Mann. Obwohl ich widersinnig eifersüchtig auf diesen Unbekannten bin, diesen komischen Sean, der offenbar mit Chester Musik machen und sogar ein Album aufnehmen darf, so kann ich doch immer nur daran denken, dass Chesters Sternzeichen Fische ist. Fische sind besonders sensibel, überlege ich verwirrt. Man kann sie so leicht verletzen. Ich muss vorsichtig mit ihm umgehen. Darf ihm keine Vorwürfe machen. Ihn nicht für seine Krankheit verurteilen. „Nein, Chester... bitte... nicht... komm doch lieber zu mir...”, stammele ich hilflos. Meine Sehnsucht nach Mister Benningtons unmittelbarer Nähe bringt mich beinahe um. Ich kann es nicht ertragen, wenn er depressiv ist. So beängstigend wirr. Müde und krank. Wütend und verzweifelt. Ich muss den Kranken mit meiner Zärtlichkeit trösten. Seinen Zorn besänftigen. Ihm irgendwie den Schmerz nehmen. Mein Herz klopft unruhig. Flehend taxiere ich den Patienten. Betrachte seinen verlockenden Körper. Nach dem ich mich unvermindert wie irre sehne.

Chester hält in seiner hektischen Suche inne. Taucht aus dem fünften oder sechsten Spind auf, die er schon durchsucht hat. Konfus sieht er mich an. Als würde er überlegen, ob er sich vielleicht verhört hat. Oder was das alles überhaupt bedeuten soll. Unsere Augen verhaken sich ineinander. Sein Blick spiegelt nackte Panik. Genau wie in dem Moment, als er mich bat, ihn nicht alleinzulassen. Obwohl das Erkennen seiner mutmaßlichen Drogensucht ziemlich heftig gegen meine sexuelle Erregung ankämpft, fühle ich mich noch immer aufgegeilt. Seine kleinen, nackten Nippel machen mich rasend. „Ich habe dich so sehr vermisst!” muss ich ihm nochmal versichern. Habe das Gefühl, dass dieser Satz meine wahre Qual der letzten zweiundzwanzig Stunden nicht mal annähernd beschreiben kann. Chester seufzt ratlos. „Ach, Mikey...”, flüstert er deprimiert, „Das tut mir leid, dass ich so...” „Nein, Chaz. Das ist schon okay.” Hastig schüttele ich den Kopf. Er soll keine Schuldgefühle habe. Sich nicht kritisiert fühlen. Das auf keinen Fall.

„Was bedeutet denn das Tattoo auf deinem Rücken?” frage ich ihn eilig. Weil mir einfällt, wie sehr er seine Tätowierungen mag. Wie sehr er sich vorhin gefreut hat, als er mir die Tattoos auf seinen Armen zeigen und erklären durfte. Ich möchte ihn unbedingt wieder so glücklich sehen, wie er noch vor zwei Minuten war. Und das gelingt mir sogar. Wenn auch ein bisschen weniger strahlend als vorhin. Chester geht es wirklich nicht gut. Er hat Schmerzen. Sorgen belasten ihn. Das ist offensichtlich. Aber meine Frage lenkt ihn glücklicherweise ab. Langsam, taumelnd kommt er auf mich zu. Seine Chucks schleifen über den Fußboden. Chester lächelt gerührt. Bleibt direkt vor mir stehen. Dreht mir den Rücken zu. Mit beiden Daumen zeigt er über seine Schultern hinweg auf die seltsame Zeichnung.

Jetzt erkenne ich, dass es eine rätselhafte Figur mit sechs Armen ist, an deren Enden sich große Hände befinden. Zwei Arme sind samt Händen zur Seite hin ausgestreckt. Zwei zeigen geknickt nach vorne, als würden die Hände den Betrachter packen. Zwei Arme zeigen geradewegs nach unten, die Hände geknickt nach oben. Jede der sechs Hände hat fünf detaillierte Finger. In der Mitte der sechs Arme befindet sich ein seltsamer Kreis, den ich nicht deuten kann. „Ist das ein Fisch?” frage ich Herrn Bennington gebannt. Er soll unbedingt spüren, wie sehr mich sein Tattoo interessiert. Wie stark mich alles interessiert, was mit ihm zusammenhängt. Chester soll wissen, dass er mir wichtig ist. Weil das schlicht die Wahrheit ist. Amüsiert lacht er auf. Und das ist so wunderbar, hört sich so befreiend an, dass ich unwillkürlich wohlig aufseufze. „Hast du schon mal so einen Fisch gesehen, Mike?” fragt er ein wenig spöttisch. Kurz guckt er über seine Schulter zu mir nach hinten und schüttelt den Kopf. „Nein, das bin ich auf der Bühne!” behauptet er beiläufig. „Wie bitte?” entfährt es mir verdutzt. Weil ich diese Verbindung beim besten Willen nicht knüpfen kann. Chester lacht nochmal dieses zauberhafte, kindliche, ein wenig schüchterne Lachen. „Es sind die sechs sprießenden Arme", erklärt er mir liebenswürdig, „Derrick, ein Freund aus Arizona, hat es für mich gefertigt. Es stellt Derricks Interpretation von mir auf der Bühne dar.” „Wie meint der das denn?” erkundige ich mich ziemlich verwirrt. Chesters Daumen zeigen noch immer schaukelnd auf sein Rückentattoo. Ich sehe seine böse abgeknabberten Fingernägel und muss schlucken.

Der schlanke Sänger mit den Dreadlocks druckst ein wenig herum. Die Erklärung dieser Tätowierung fällt ihm erstaunlich schwer. „Naja... Derrick sagte, dass ich eine unglaubliche Power habe... die das Publikum fasziniert und... es tief in den Bann zieht. Er meinte, dass ich deshalb mehr als zwei Arme bräuchte... und darum gab er mir sechs...”, erläutert Chaz so scheu, als wäre das nichts Besonderes. Als wäre es gar nicht der Rede wert, dass er das Publikum dermaßen in seinen Bann ziehen kann. Der Kerl zieht seine Hände ein. Er lässt die Arme sinken und kichert verunsichert. Verlegen zieht er die Schultern hoch und schüttelt sich. Davon bin ich total verzaubert. Das erschlägt mich fast, wie sehr es Chester Bennington widerstrebt, mit seiner eigenen Bühnenpower anzugeben. Wie zurückhaltend er von der Bedeutung seines Rückentattoos erzählt. Ich glaube, es würde ihm niemals in den Sinn kommen, sich selbst großkotzig anzupreisen. Der besondere Künstler ist so herzerweichend sympathisch bescheiden, dass mir ganz warm wird. Gott, ich liebe ihn so sehr, fährt es mir heiß durchs Gehirn. Chazy Chaz macht mich vollkommen wahnsinnig! Obwohl ich ihn leider noch nie auf einer Bühne singen gehört habe, glaube ich diesem Derrick aus Arizona ungesehen, dass Chester das Publikum kinderleicht faszinieren kann. Mit seinem besonderen Charisma besitzt er in meinen Augen sogar tausend Arme und Hände dafür.

Schneller, als mein Gehirn die Sache überdenken kann, bin ich schon aufgestanden. Mein Schwanz ist noch ein bisschen steif und beult die Hose aus. Aber das ist mir jetzt egal. Ignoriere ich jetzt einfach mal. Weil ich mich nicht noch länger zurückhalten kann. Geht nicht. Habe definitiv lang genug gewartet. Chester will sich gerade zu mir umdrehen. Schnell packe ich ihn bei den Schultern. Hindere ihn ziemlich energisch daran, sich zu bewegen. „Mike...”, protestiert er verdutzt. Bleibt aber folgsam mit dem Rücken zu mir stehen. Wie von allein fängt mein Finger damit an, zart über Chesters warme Haut zu streicheln. Ganz vorsichtig. Die stundenlang herbeigesehnte Berührung fährt mir sofort geradewegs in den Penis hinein. Der keine Zeit verliert, abermals zur vollen Größe anzuschwellen. Überrascht stöhne ich auf. Weil sich das so verdammt gut anfühlt. Weil ich das so entsetzlich lange vermisst habe. Konzentriere mich mühsam auf Chesters verlockenden, halbnackten Körper dicht vor mir. Der junge Mann ist so dünn, dass ich seine Rippen und seine Wirbelsäule deutlich fühlen kann. Sorgfältig male ich die merkwürdige Figur mit den sechs sprießenden Armen nach. Chester kichert leise. Erschaudert unter meinem Finger. „Und was ist das hier in der Mitte? Sollst du das sein?” frage ich ihn keuchend. Mein Finger bewegt sich zärtlich entlang des Kreises. Malt immerzu Kreise innerhalb des Tattoos. Unerfahren wie ich bin, wundert es mich, dass ich die Farbe gar nicht spüren kann. Die schwarze Tinte ist so tief in seine Haut gestochen worden, dass ich sie zwar gut sehen, aber nicht ertasten kann. „Nein... das... ist nur Derricks Vorstellung von mir... die Power, die ich habe... auf der Bühne...”, stammelt Chester atemlos. Verwundert registriere ich, dass der Mann augenblicklich auf meine Zärtlichkeit reagiert. Ein weiterer Schauder lässt ihn erzittern. Er seufzt ganz leise. Streckt die Wirbelsäule. Als wollte er sich meinem Finger entgegenrecken. Offenbar gefällt ihm mein Streicheln sehr. Damit habe ich jetzt gar nicht so schnell gerechnet. Das erregt mich unglaublich. Und gibt mir sofort Mut.

„Hier unten hängt was raus, Chaz. Aus dem Kreis. Soll das dein Schwanz sein?” frage ich ihn neckend. Male den dünnen Zipfel nach, der zwischen die beiden unteren Arme tätowiert wurde. Fuck, die unwillkürliche Vorstellung von Chesters Glied macht mich so richtig geil. Ich erinnere mich, wie weich und samtig es sich angefühlt hat, als ich es in der Hand hatte. Ich hatte es schon mal in meiner Hand. Einmal. Heiße Wellen durchfluten mich. Sammeln sich geradewegs in meinem Unterleib. Unwillkürlich hämmert mein Herz los. Das Atmen fällt mir schwerer. Möchte dringend meine Erektion gegen seinen knackigen Hintern pressen. Halte mich jedoch bewusst davon ab. Ich kann das. Kann mich kontrollieren. Chester lacht verblüfft auf. „Was? Mein Schwanz?” entfährt es ihm irritiert. „Das sieht so aus, als wäre es dein Schwanz”, beharre ich keuchend. Obwohl dieser Strich in Wahrheit alles Mögliche sein könnte. Und offenbar ist es ja auch nur eine seltsame Vision von diesem Derrick, die da unübersehbar auf Chesters Rücken prangt. „Ernsthaft?” erkundigt Chester sich. Hört sich ein wenig beunruhigt an. Der dumme Typ versucht wahrhaftig, über seine rechte Schulter zu linsen. Will meine hänselnde Behauptung unverzüglich überprüfen. Dabei kann er doch gar nicht sehen, was Derrick ihm dreist auf den oberen Rücken tätowiert hat. Und wenn er sich bei dem Versuch noch so sehr den Hals verdreht. „Ja, ehrlich!” necke ich Chester. Hindere ihn nochmal daran, sich umzudrehen. Auch diesmal gehorcht er mir.

Unbeirrt fahre ich damit fort, über seine Haut zu streicheln. Male das schwarze Tattoo nach. Ganz vorsichtig. Behutsam. Mein Finger berührt ihn eigentlich so gut wie gar nicht. Bestimmt kann er das kaum spüren. Trotzdem reagiert er erstaunlich stark. Erschaudert gurrend. Mein Finger folgt sanft den schwarzen Linien auf seiner zarten, hellen Haut. Chester seufzt zustimmend. „Das... fühlt sich gut an, Mike”, flüstert er zu meiner Freude schüchtern. „Ist es dein Penis, Herr Bennington?” will ich hartnäckig wissen. Zeichne den schwarzen Zipfel nach. Genüsslich. Stelle mir vor, es wäre sein Schwanz. Das verwirrt mich, wie gut das Thema mir gefällt. Wie sehr es mich auch körperlich antörnt, darüber zu sprechen. Ich habe so etwas noch nie getan. Habe noch nie in so einer Situation über Sexualorgane gesprochen. Das ist mir nie in den Sinn gekommen. Aber mit Chester ist alles anders. Neu. Aufregend. Der Tätowierte lacht glucksend. „Wenn du das so sehen willst, Mikey. Dann ist es mein Penis. Aber da musst du Derrick fragen”, kichert er atemlos. Erschaudert nochmal unter meinem Finger. Der blasse Kerl kriegt wahrhaftig eine Gänsehaut. Fasziniert registriere ich, wie seine nackte Haut sich zusammenzieht. Schaue mir intensiv seine Gänsehaut an. Die winzigen Hubbel. Die aufgestellten, kleinen, kaum sichtbaren Härchen. Noch nie habe ich etwas Schöneres gesehen.

Das habe ich verursacht. Mit meiner Berührung. Ich habe ihm wahrhaftig eine Gänsehaut verpasst. Das macht mich richtig scharf, wie unmittelbar der Mann auf mich anspringt. Mein Schwanz in der Hose zuckt entzückt. Unruhig presse ich die Schenkel zusammen. Das fühlt sich enorm geil an. Chester Bennington fühlt sich unglaublich an. Sein Körper ist warm und weich. Er ist so wunderschön. Das fasziniert mich total. Ich fürchte, dass ich mich nicht mehr viel länger bremsen kann. Das wird schwieriger mit der Zeit. Ganz automatisch. Mahne mich innerlich, auf keinen Fall die Kontrolle zu verlieren. Streichele gleichzeitig gierig mit der ganzen Hand über Chesters Rückseite. Registriere das Gefühl seiner warmen, weichen Haut an jedem einzelnen Finger.

Zögernd verlasse ich die schwarze Tätowierung oberhalb seiner Schulterblätter. Meine Hand fährt langsam am harten Rückgrat hinunter zu seinen Nieren. Ich liebkose jeden einzelnen seiner knochigen Wirbel. Vorsichtig. Mühevoll konzentriert. Vollkommen bewusst. Streichele seine schlanke Taille. Fahre intensiv am Bund seiner Chinohose entlang. Genieße das harte Gefühl seiner Hüftknochen an den beiden Seiten. Das ist so erregend, dass mein Herz wie verrückt bumpert. Mein Atem geht tief und schwer. Mein Körper und meine Seele sind ausschließlich auf Chester Bennington fokussiert. Möchte ihn vollständig in mich aufnehmen. Sofort alles mitnehmen, was der Mann zu bieten hat. Meine Haut kribbelt elektrisiert. Mein steifer Schwanz schenkt mir die geilsten Empfindungen. Verlangt unwillkürlich eine Steigerung der Stimulation. Davon kann ich nicht genug kriegen. Das überwältigt mich. Mike möchte nur noch viel mehr. Noch sehr viel mehr Chester.

Automatisch nehme ich die zweite Hand dazu. Ohne darüber nachzudenken. Ich denke nicht mehr. Weil es von alleine immer intensiver wird. Mich zunehmend zu übermannen droht. Unruhig presse ich die Schenkel zusammen. Mahne mich abermals zur Besonnenheit. Registriere erschlagen, dass die mahnende Stimme in meinem Kopf rapide an Kraft verliert. Vielleicht sollte ich jetzt lieber aufhören, warnt mich irgendwas zaghaft in meinem Schädel. Die unwillkommene Stimme wird aber sofort von meinem hellwachen, überaus gierigen Körper überstimmt. Ich kann es nicht. Kann jetzt nicht einfach wieder aufhören. Habe doch gerade erst angefangen. Mike muss weitermachen. Die geile Lust noch viel mehr steigern. Möchte mich völlig in Chester Bennington auflösen. Weil ich seinen fantastischen Körper so lange vermisst habe. Weil es schlicht zu überwältigend ist, was ich mit ihm fühlen kann. Und nur mit ihm. Weil ich mich nach dem hier wie irre gesehnt habe. Zweiundzwanzig Stunden lang.

Bewege mich auf Chesters hellen, empfindsamen Haut vorsichtig wieder hinauf. Zärtlich. Behutsam. Ganz langsam. Mühevoll konzentriert. Meine Finger streicheln genau entlang seiner hageren Wirbelsäule. Ertasten sorgfältig die harten Knochen. Jeder einzelne seiner Wirbel ist wunderschön. Chester scheint das sehr zu gefallen. Er zittert ein bisschen. Seufzt. „Das ist schön...”, murmelt er kaum hörbar. Glücklich registriere ich, dass sein Atem schwerer wird. Sein Brustkorb bewegt sich kräftiger. Tief atmet er ein und aus. „Ich mag deinen Penis”, flüsterte ich hingerissen. Bevor ich darüber nachdenken kann. Oder es mir auch nur bewusst wird. Im nächsten Moment beiße ich mir erschrocken auf die Lippen. Laut ausgesprochen hört sich dieser Satz irgendwie gar nicht mehr so normal und schmeichelhaft an, wie er vorher in meinem Kopf noch geklungen hat. Wie er eigentlich gemeint war. Das hört sich jetzt an, als wäre ich nur an Chesters Geschlechtsorganen interessiert. Als könnte ich mich schon wieder nicht beherrschen. Als wäre ich ein verrückter Sexbesessener. Das muss Chester ja vor den Kopf stoßen. Mist, ich muss viel besser aussortieren, was ich denke oder ihm sage! So etwas Delikates darf mir doch nicht einfach so unbedacht herausrutschen! Besorgt erwarte ich, dass Chester sich empört meinen streichelnden Händen entzieht. Fühle mich verwirrt.

Aber der neue Patient ist zum Glück gar nicht so schockiert, wie ich es befürchtet habe. Er lacht nur liebenswürdig. Chester ist von meinen Worten amüsiert. „Danke schön, Mike”, kichert er keuchend, „Ich mag deinen Penis auch.” Und dieser Satz ist wohl so ziemlich das Geilste, was dieser Engel bisher zu mir gesagt hat. Augenblicklich überschwemmt mich die sexuelle Erregung. Wie von einem stürmischen Tsunami werde ich überflutet. Blitzartig. Geschockt stöhne ich viel zu laut auf. Meine Hände können nicht länger widerstehen. Drängen gierig unter seinen Armen hindurch. Wollen auf diesem faszinierenden Körper unbedingt nach Vorne. Verlangen flehend nach neuen Empfindungen. Viel mehr geilen Berührungen. Chester hat nichts dagegen einzuwenden. Gehorsam hebt er seine Arme ein Stückchen, damit ich hindurchtauchen kann. Er lässt mich vertrauensvoll gewähren. Widersetzt sich mir nicht. Überlässt mir die ganze körperliche Freiheit. Das vollständige Kommando. Er liefert sich mir aus. Schenkt mir seinen Körper. Genau so, wie ich es von ihm kenne.

Meine Finger umrunden erwartungsvoll seinen knochigen, tief atmenden Brustkorb. Landen direkt auf seiner nackten Brust. Es bringt mich fast um, als ich überdeutlich spüre, wie hart Chesters kleine Brustwarzen sind. Beide Nippel haben sich fühlbar aufgerichtet. Sie sind erregt zusammengezogen. Neugierig betaste ich die beiden winzigen Knubbel. Ganz vorsichtig. Mit meinen Fingern. Sanft. Sie sind empfindlich. Ich muss behutsam sein. Darf sie nicht kaputtmachen. Chester Bennington reagiert sofort auf diese intime Berührung. Und zwar auf die schönste Art. Sein Leib erschaudert spürbar heftiger. „Himmel, Mike....”, keucht er überrascht, „...das ist schön... fühlt sich geil an... das... macht mich scharf...” Glücklich und absolut hingerissen stöhne ich abermals laut auf. Unwillkürlich. Kann nicht anders. Geht nicht. Kippe abrupt mit dem Oberkörper gegen seinen Rücken. Verliere mein Gleichgewicht in ihm. Lässt sich nicht länger verhindern. Wollust überschwemmt mich heftig. Sammelt sich in meinem pochenden Unterleib. Explodiert in mir als wahres Wohlbefinden. Die pure Geilheit durchströmt mich mächtig. Stöhne nochmal. Puste ihm ungeduldig die Dreadlocks aus dem Nacken. Damit ich ihn dort küssen kann. Will ihn dringend küssen. Sehne mich nach seinen Lippen. Seiner nassen, gelenkigen Zunge in meinem Mund.

Aber der Mann dreht mir den Rücken zu. Darum ist seine Zunge für mich im Moment unerreichbar. Ich selbst habe ihn so für mich hingestellt. Wollte das doch so haben. Genau so. Mich kontrollieren. Auf seine Bedürfnisse achten. Und er überlässt sich mir voller Vertrauen. „Das kitzelt, Mikey”, kichert Chester hörbar zugeneigt. Als mein pustender Atem seinen empfindlichen Nacken trifft. Er zieht zitternd die Schultern hoch. Erschaudert ein weiteres Mal. Leise stöhnend. Die kleinen Härchen in seinem Nacken stellen sich auf. Das macht mich völlig verrückt. Ausgehungert treffen meine Lippen seine heiße, samtige Haut. Meine gierige Zungenspitze schmeckt einen Hauch von Schweiß. Und ganz viel Chester. Davon kann ich nicht genug kriegen. Verliebt streicht meine Nase durch sein weiches Haar an seinem Hinterkopf. Überdeutlich nehme ich seinen typischen Geruch wahr. Sauge ihn automatisch gierig in mich auf. Diese fantastische, einmalige Mischung aus Chester Bennington und Schweiß. Nach der ich mich seit einsamen Ewigkeiten gesehnt habe. Mein Mund drängt begehrlich von hinten an sein Ohr. „Ich habe dich so lange vermisst, Chester”, wiederhole ich drängend, „Das hier habe ich so sehr vermisst... Hab mich so nach dir gesehnt...” Mein Herz hämmert zu schnell. Überschlägt sich fast. Mühevoll ringe ich nach Luft. Mein Blut dröhnt in meinen Ohren. Meine Erektion fühlt sich prall und pochend an. Mein Körper verlangt unvermindert nach einer Steigerung der sexuellen Erregung. Der heftige Drang, meinen Schwanz auszupacken und direkt zu stimulieren, wird fast übermächtig. Ich kämpfe zunehmend damit, nicht die Kontrolle zu verlieren. Die mahnende Stimme in meinem Kopf ist nur noch ein leises, heiseres Krächzen. Das alarmiert mich.

„Ich hab dich auch krass vermisst, Mike”, erwidert Chester liebenswürdig. Von der Seite ahne ich nur, dass er lächelt. Chaz sieht zufrieden aus, glaube ich. In diesem Moment scheint es ihm gut zu gehen. Das gefällt mir so sehr, dass ich auch lächeln muss. Zwinge mich zur Konzentration. Mike Shinoda hat alles richtig gemacht. Kein Grund zur Sorge also. Der neue Patient ist erstaunlich atemlos. Seufzt immerzu. Es gefällt ihm, was ich mit ihm mache. Wie ich ihn berühre. Zweifellos. Vorsichtig lege ich meine beiden Hände flach auf seine warme Brust. Sofort spüre ich überdeutlich seinen kräftigen Herzschlag. Chesters Herz schlägt überraschend hart und schnell. Sein schmächtiger Körper erschaudert regelmäßig. Der Mann keucht. Zittert. Hat eine süße Gänsehaut von mir. Erst jetzt wird mir richtig bewusst, dass ich es diesmal offenbar tatsächlich geschafft habe, Herrn Bennington sexuell zu erregen. Etwas, das ich mit ihm gemacht habe, hat ihn wahrhaftig spürbar aufgegeilt. Ich habe das vollbracht. Mike Shinoda hat das verursacht. Ich habe ihm schöne Gefühle geschenkt. Habe dafür gesorgt, dass Chester sich wohlfühlt. Die Erkenntnis ist fast mehr, als ich ertragen kann. Oder auch nur begreifen. Einen Moment lang bin ich völlig aus dem Konzept gebracht. Weiß gar nicht mehr, was eigentlich passiert. Um uns herum ist es ganz still. Nur unser schweres Atmen. Seine Hitze an meinem Körper. Angenehm. Er fühlt sich gut an. Es ist so verdammt wunderschön, diesen Menschen im Arm zu halten. Noch nie habe ich mich mehr geborgen gefühlt.

Auf einmal bewegen sich Chesters Arme in meine Richtung. Seine Hände tasten sich langsam nach hinten. Ohne, dass er sich dabei umdreht. Blind sucht er mich mit den Fingern. Die rechte Hand bewegt sich aufwärts. Er fängt an, mit seiner rechten Hand meinen Hinterkopf zu streicheln. Seine Finger fahren behutsam durch mein gestyltes Haar. Das fühlt sich toll an. Wie er mich berührt. Mit wie viel Zuneigung er das tut. Sofort fühle ich mich erstaunlich umfassend geliebt. Bestätigt. Gebraucht. Seine andere Hand bewegt sich nach unten. Ertastet mich vorsichtig. Sucht meinen Körper. Chester reckt sich blind nach mir. Greift neugierig hinter sich. Ohne sich dabei zu mir umzusehen. Der erregte Mann streckt wahrhaftig seine linken Hand nach mir aus. Umrundet zart meine Taille. Findet zielstrebig meinen Po. Umfasst ihn mit allen fünf Fingern. Streichelt gezielt meine linke Arschbacke. Seine ungewohnt zärtliche Berührung an diesem erogenen Körperteil erregt mich dermaßen, dass ich auf der Stelle ziemlich laut ächzen muss. Kann ich nicht unterdrücken. Geht nicht anders. Passiert völlig automatisch. Meine Nase vergräbt sich selig in seinem Haar. Im nächsten Moment greift Chester fest zu. Zieht mich an meinem Hintern gepackt ruckartig näher an sich heran. Er ist überraschend kräftig. Energisch. Spürbar extrem ungeduldig. Unwillkürlich mache ich einen Schritt nach vorn. Weil der stürmische Kerl mir schlicht keine andere Wahl lässt. Chester will das jetzt so. Verlangt es von mir. Drängend. Fast flehend. Der Typ kann nicht länger darauf verzichten. Braucht mich vollständig. Will alles von mir fühlen. Und ich selbst will das doch schon die ganze Zeit dringend tun. Mich ihm in Gänze nähern. Den Mann an meinem ganzen Körper spüren. Überall. An meinem Schwanz. Direkt. Da besonders. Ohne Frage wurde es immer schwieriger, mich davon abzuhalten. Nicht die Beherrschung zu verlieren. Langsam vorzugehen. Habe mich kaum noch zurückhalten können. Wollte mich unbedingt an ihm reiben. Mich zu bremsen wurde immer schwerer. Aber jetzt ist das plötzlich nicht mehr nötig. Chester Bennington hat mir die quälende Entscheidung abgenommen.

Wollüstig presse ich mich von hinten an meinen heiß begehrten Menschen. Kann nicht anders. Kann es nicht mehr bremsen. Geht einfach nicht. Verdammt! Panisch merke ich, wie es mich schon wieder übermannen will. Auch heute bin ich völlig machtlos. Mike Shinoda kann schlicht nichts dagegen tun. Drücke meine harte Erektion ziemlich feste gegen Chesters knackiges Hinterteil. Das fühlt sich sofort so gut an, dass ich überwältigt laut aufstöhne. Mein Gesicht ist irgendwo an seinem Hals. In seinen weichen, samtigen Dreadlocks vergraben. Meine Hände streicheln sich von allein an seinem warmen, knochigen Brustkorb hinab. Geradewegs zu seinem dünnen Bauch. Liebkose ihn intensiv. Spüre die weiche Haut. Kraule durch das wenige Haar an seinem Bauchnabel. „Fühlst du das...?” frage ich ihn keuchend, „...kannst du fühlen, wie hart ich bin?” In dieser Situation meinen Penis zu erwähnen, geilt mich definitiv auf. Darum tue ich das. Automatisch. Eine ungewohnte Erfahrung. Meine Frage ist allerdings total überflüssig. Weil Chester meinen steifen Schwanz unter Garantie an seinem Popo spüren kann. Wahrscheinlich sogar deutlicher, als ihm lieb ist. Aber ich möchte das von ihm hören. Es erregt mich, den Kerl danach zu fragen. So was ist völlig neu für mich. Noch nie hat mich Gerede über Sex und Schwänze dermaßen angetörnt. Das verwirrt mich. Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist. Keine Ahnung, was gerade mit mir passiert. Aber ich kann nicht genug davon kriegen. Es fühlt sich verdammt gut an.

Chester schnappt nach Luft. Es ist eine herzallerliebste Mischung aus Keuchen und Kichern. Ich spüre, wie sein schmächtiger Körper in meinen Armen zittert. Halte ihn ganz fest. Liebe diesen Mann. Möchte ihn nie wieder loslassen. „Wow... Mike... das... fühl ich... wie hart du bist...”, stimmt Chester verlegen zu. Er ist süß schüchtern. Windet sich peinlich berührt. „Das ist verflucht geil...”, flüstert er scheu. Im ersten Moment glaube ich, mich verhört zu haben. Ich erstarre förmlich. Für ein paar Sekunden oder so. Dann fährt es mir auch schon heiß durch den Leib. Sammelt sich mächtig in meinem Schritt an. Pure sexuelle Energie. Verdammt, der Typ killt mich! Total. Kontrolle wird mit dem Fortschreiten der Zeit unmöglicher für mich. Die Gedanken immer wirrer. Ich bin ehrlich überwältigt. Chester Bennington findet das wahrhaftig geil. Wie unmittelbar er mein hartes Geschlechtsorgan an seinem Hintern spüren kann. Wie unbeherrscht ich mich mit meinem gierigen Glied an ihn presse. Automatisch mache ich das nochmal. Registriere überdeutlich, wie stark der Druck gegen meinen empfindsamen Penis mich erregt. Die Gewissheit, dass es Chesters knackiger Arsch ist, an dem ich mich reibe und stimuliere, steigert meinen Genuss beträchtlich. Wiederhole das nochmal. Stöhne ziemlich laut dabei. Weil ich nicht anders kann. Die Geilheit explodiert in mir. Das fühlt sich absolut fantastisch an. Noch nie war es so. Mit niemandem. Nur mit Chester ist es dermaßen intensiv für mich. Nur der besondere Mann verursacht dieses alles überwältigende Feuerwerk in meinem Körper. Mike Shinoda will immer noch mehr davon. Mehr. Alles. Eine Steigerung der Wollust. Sofort. Kann mich nicht mehr lange bremsen. Habe das Gefühl, jeden Moment restlos die Kontrolle über mich zu verlieren. Fange unwillkürlich an mich aufzulösen. In ihm. In Chester. Aber das darf mir nicht nochmal passieren. Das ich egoistisch über ihn herfalle. Oder so was. Mikey will das nicht. Will nicht egoistisch sein. Langsam macht mir das ehrlich Sorgen.

„Chester... das tut mir leid...”, stöhne ich hilflos. Muss mich nochmal an ihn drücken. Meinen überaus gierigen, steinharten Schwanz. Gezielt pressen und reiben. Fuck! Fühlt sich verfickt geil an. Diese eine Stelle besonders. Mach ich gleich nochmal. Während ich ihn besitzergreifend umarme. Fester. Er gehört mir. Stürmisch küsse ich seine helle Kopfhaut zwischen den Dreadlocks. Meine Zunge leckt verlangend über seinen heißen Nacken. Spüre kitzelnd seine weichen Haare in meinem Gesicht. Chester erschaudert. Sein faszinierend angespannter, erregter Leib zittert unter meinen Händen. Mein Mann stöhnt kaum hörbar. Er nimmt die rechte Hand von meinem Hinterkopf. Legt sie neben die linke auf meinen Allerwertesten. Chester holt tief Luft. Seufzt schwer. „Nein... Mike... sag doch so was nicht! Ich will nicht, das... dir irgendwas leidtut...”, beschwört er mich verwirrt. Verlegen vergrabe ich mein Gesicht in seinen braunen Dreadlocks. „Aber ich... verdammt, Chaz! Ich bin schon wieder unglaublich scharf auf dich... du fühlst das doch... ich... kann mich kaum noch beherrschen...”, erkläre ich ihm reuevoll.

Dieses Geständnis fällt mir mega schwer. So ehrlich zu ihm zu sein. Meine Schwäche so ungewohnt direkt auszusprechen. Ich kenne diesen Menschen in meinen Armen nicht. Das hier ist mir verflucht peinlich. Wie wenig ich mich im Griff habe. Wie hilflos ich meiner Geilheit gegenüberstehe. Es drängt mich enorm, mit meinen Händen von seinem Bauch aus hinab zu seinem Schritt zu tauchen. Nur noch ein paar Zentimeter tiefer. Ich bin schon so verdammt nah dran. Möchte dringend seinen verlockenden Penis erfühlen. Will ihn an meinen Fingern spüren. Nachprüfen, ob Chester Bennington inzwischen vielleicht steif geworden ist. Genauso sexuell erregt wie ich ist. Allein der Gedanke macht mich rasend. Die vage Vermutung killt mich. Die unwillkürliche Hoffnung. Aber diesmal möchte ich unbedingt alles richtig machen. Auf keinen Fall will ich nochmal gedankenlos über Chester herfallen. Nur fürchte ich, dass ich schon sehr bald vollständig die Kontrolle über mich verlieren werde. Jedenfalls fühlt es sich verdammt danach an. Mein Kopf ist seltsam leer. Mein Verstand wird zunehmend hinweggefegt. Meine Empfindungen sammeln sich autonom in meinem Unterleib. Drängen auf eine sofortige Steigerung meiner Lust. Das Erreichen des Höhepunkt. Das Sehnen nach dem Orgasmus. So ist das nun mal. Als würde ich auf der Kippe stehen. Sehr nah am sexuellen Abgrund.

Mein Gesicht wird ganz heiß. Der Schweiß bricht mir aus. Fuck, ich schäme mich vor ihm. Habe keine Ahnung, wie er jetzt über mich denkt. Diesen seltsam tätowierten Kerl vor mir kenne ich erst seit nicht mal zwei Tagen. Bin ihm auf einem Flur in der Psychiatrie zum ersten Mal begegnet. Ich weiß so gut wie Nichts über ihn. Und trotzdem ist nur er allein es, der mich kinderleicht in diesen neuen Zustand versetzen kann. Diese gewaltige sexuelle Erregung. Die kein Morgen mehr zu kennen scheint. Die nur noch stur auf Erfüllung pocht. Das hat noch nie jemand bei mir geschafft. Noch bei keiner einzigen Frau bin ich dermaßen geil gewesen. Nur Chester Bennington kann das. Dieser besondere Mann sorgt dafür, dass mir sämtliche Sicherungen durchbrennen. Innerhalb von Sekunden schafft der das. Das beunruhigt mich irgendwie. Dass er diese Macht über mich hat. Ich weiß nicht, was das über mich aussagt. Oder was es bedeutet. Zum Glück dreht Chester mir den Rücken zu. Ich glaube, ich kann ihm jetzt gerade nicht in die braunen Augen gucken. Mein Blut rauscht in meinen Ohren. Mein Herz klopft wie verrückt. Tief sauge ich seinen betörenden Duft in mich hinein.

Meine Hände streicheln sich kurzentschlossen wieder an ihm hinauf. Obwohl mir das verdammt schwerfällt. Gierig berühre ich nochmal seine kleinen, harten Brustwarzen. So sanft wie möglich. Ich muss vorsichtig sein. Darf nicht die Kontrolle verlieren. Chester stöhnt und schüttelt sich. Sein Herz hämmert inzwischen fast so schnell wie meins. „Mikey, hör mal”, seufzt er leise, unzufrieden, „Das ist doch nichts, wofür du dich schämen musst. Das... ist doch schön so... das... macht mich an, du... ehrlich...” Der Kerl drückt zitternd das Kreuz durch. Drängt mit seinem dünnen, festen Hintern spürbar dagegen. Genau gegen meinen höchst empfänglichen Schwanz. Ganz direkt. Seine Hände auf meinem Arsch fangen unsicher an mich zu massieren. Zärtlich bewegt er seine schlanken Finger über die beiden Backen. Er knetet mein Fleisch mit genau der richtigen Intensität. Als hätte er das schon tausendmal getan. Als wüsste er ganz genau, wie ich es am liebsten habe. Womit er mich am meisten erregen kann. Dabei macht der das doch zum ersten Mal. Herr Bennington massiert meinen Po mit berauschend viel Gefühl. Als würde er hinter seinem Rücken blind auf einem Klavier spielen.

Himmel Herrgott! Seine liebevolle Berührung mit beiden Händen gleichzeitig fühlt sich dermaßen aufregend an, dass ich sie kaum ertrage. Das ist zu viel des Guten. Die nur noch mühevoll aufrechterhaltene Kontrolle über meine niederen Gelüste verabschiedet sich autonom von mir. Das unzähmbare Tier springt mich gnadenlos an. Es wurde schlagartig hellwach gestreichelt. Von Chester Bennington. Endgültig übermannt er mich. Dieser sonderbare Mann. Er steht so dicht vor mir, dass unsere Konturen verschmelzen. Unsere Seelen werden eins. Lasziv reibt Chaz sich an mir. Wollüstig bewegt er seinen schlanken Körper rückwärts gegen meinen. Als würde der Typ nach einer langsamen Musik tanzen. Die nur er hören kann. Fest und gleichzeitig extrem feinfühlig massieren seine kundigen Finger sanft mein Fleisch. Auf meinen beiden Arschbacken spielt er eine unhörbare Komposition. Und tötet mich damit.

Sofort ist mir klar, dass ich das nicht lange aushalten kann. Die Lust sammelt sich mächtig in mir. Strebt geradewegs dem Höhepunkt entgegen. Das überrascht mich. Bis jetzt wusste ich nicht mal, dass mein Arsch so empfindlich ist. Dass sich so etwas so gut anfühlen kann. Habe das noch nie erlebt. Hat bisher noch nie jemand bei mir gemacht. Chester kann das jedenfalls hervorragend. Meinen Arsch massieren. Gleichzeitig reibt und stößt sein Hintern gegen meine Erektion. Mister Bennington scheint in diesem Spiel weitaus erfahrener als ich zu sein. Der Typ tanzt in eindeutig sexueller Absicht mit mir. Ich hatte keine Ahnung, wie schön das werden kann. Wie begehrt man sich dabei fühlen kann. Restlos überwältigt, drücke ich den fremden Menschen gegen meine Brust. Es ist gut möglich, dass ich gerade einen Hauch von Paradies spüre oder so was. Er scheint ein fantastischer Engel zu sein. Ein sphärischer Körper. Den ich umarmen darf. Ich fühle mich total berauscht. Absolut von ihm verzaubert. Chesters typischer Geruch in meiner Nase. Seine weichen Haare in meinem Gesicht. Die irgendwie feuchte Hitze, die zunehmend von ihm abstrahlt. Sich mit meiner Körperwärme vermischt. Mich wärmt. Umschmeichelt. Sein schnell und kräftig schlagendes Herz unter meinen Händen. Seine tiefen Atemzüge. Seine kleinen, geilen Nippel. Die wenigen Haare auf seiner Brust. Sein leises Keuchen. Sein angespannt zitternder Leib. „Mike...”, seufzt er atemlos, „Miiike...” Wispernd stöhnt er meinen Namen. Das ist so verflucht überwältigend erregend, dass ich es nicht verarbeiten kann. Komische Geräusche entringen sich meiner Kehle. Ich weiß nicht, ob es sein Name ist. Oder etwas anderes.

Erschrocken wird mir klar, dass Chester mich geradewegs zum Orgasmus treibt. Wenn er auf diese Art weitermacht. Und verdammt, genau das hat er vor. Schon spüre ich drastisch, wie dieser mächtige Druck sich in mir aufbaut. Diese gewaltige Wollust. Zwischen meinen Beinen. Kurz vor der Explosion. Das Bedürfnis, die Sache noch weiter zu steigern, sich noch schneller und härter zu bewegen, die direkte Reibung an meinem Schwanz zu erhöhen, wird unbezwingbar. Das ist stärker als ich. Da kommt Mikey jetzt nicht mehr raus. Will es auch gar nicht. In spätestens zwanzig oder dreißig Sekunden werde ich ziemlich gewaltig abspritzen. Ist schlicht unvermeidbar. Eine Tatsache. Zwangsläufig werde ich mir dadurch meine Unterhose versauen. Die schwarze Sporthose. Und womöglich sogar mein Shirt. „Fuck...!” entfährt es mir panisch. Ein unglaublich großer Teil von mir, dieses entfesselte, unbezwingbare Tier, will das jetzt einfach geschehen lassen. Weil das ja schließlich so sein soll. Weil sich diese Sache so sphärisch gut anfühlt. Weil einfach alles in mir ganz gewaltig nach dem verfickten Höhepunkt lechzt. Aber der winzige Rest meines Verstandes muss das so schnell wie möglich verhindern. Weil es vor dem fremden Mann zweifellos viel zu peinlich wäre, hilflos in meine Hose zu ejakulieren. Weil ich gar keine Lust auf diese klebrige Sauerei habe.

Hastig schlinge ich meine Arme noch sehr viel fester um Chesters schmalen Körper. Hindere den geilen Kerl energisch daran, sich weiter auf diese unfassbar betörende Art zu bewegen. Ich fordere Bennington gewaltsam zum Aufhören auf. Lasse ihm keine Wahl. Setze meine ganze aufgeladene Körperkraft gegen ihn ein. Chester schnappt nach Luft. Als ich seinen Brustkorb zusammendrücke. Er lacht belustigt. Kommt gezwungenermaßen zum Stillstand. Taumelnd. Seine Hände liegen jetzt ruhig auf meinem Arsch. Kichernd, liebevoll lehnt er seinen Hinterkopf gegen mein Schlüsselbein. Diese Bewegung ist dermaßen vertrauensvoll, dass mir ganz warm ums Herz wird. Ich bin dem zärtlichen Sänger so nah, dass ich meine Wange von hinten an seine schmiegen kann. Spüre den harten Bügel seiner Brille an meiner Schläfe. In meiner hektischen Panik habe ich Chaz so fest umschlungen, dass ich ihm bestimmt fast seine Rippen breche. Ihm die Lunge zusammenquetsche. Aber er beschwert sich nicht. Sein Herz schlägt noch immer schnell. Lachend ringt er nach Luft. Auch mein Atem geht verdammt schwer. Bin ganz schön aufgegeilt. Mein lieber Mann! Es ist nicht leicht, die Sache an diesem Punkt nicht zu Ende zu führen. Dafür brauche ich meine ganze Willenskraft. Mein Körper ist maßlos enttäuscht. Aber ich bin auch stolz auf mich. Weil ich diesmal nicht die Kontrolle verloren habe. Mike Shinoda hat es geschafft, sich zu beherrschen. Hat alles richtig gemacht. Denn ohne Frage hat es Chester sehr gefallen.

Wir benötigen beide eine ganze Weile, um von unserem sexuellen Höhenflug halbwegs wieder runterzukommen. Schließlich stehen wir bewegungslos in diesem Umkleideraum. So dicht hintereinander, wie es überhaupt nur möglich ist. Wange an Wange. Da ist kein Millimeter Platz mehr zwischen uns. Sein wunderschöner Körper ist angenehm warm. Einen Augenblick lang habe ich Angst, dass er mich womöglich spöttisch auslacht. Aber schon im nächsten Moment wird mir klar, wie wenig er das tut. „...Mike Shi-no-da... Wow!... Das ist richtig schön mit dir... ich mag dich total”, flüstert Chester happy. Der depressive Mann hört sich zufrieden an. Liebebedürftig lehnt er seinen Rücken gegen meine Brust. Streichelt mit seiner kratzigen Wange zärtlich meinen Bart. Ich spüre seine Dankbarkeit. Neue Euphorie überschwemmt mich. Als ich verstehe, dass wahrhaftig ich es bin, der es geschafft hat, Chester Bennington glücklich zu machen. Den traurigen Mann aus seinen düsteren Gedanken zu retten. Ich allein kann das. Gut für ihn sein. Und nichts anderes möchte ich noch tun. Diesen besonderen Menschen werde ich nie wieder loslassen. Ich werde Chester vor sich selbst beschützen. Die Zeit bleibt möglicherweise einfach stehen. In eingebildeter Perfektion. Kann schon sein.

In der nächsten Sekunde ist es vorbei. Plötzlich ein unangenehm lautes Geräusch. Was uns beide erschrocken zusammenfahren lässt. Der Lärm kommt so jäh und unerwartet, dass ich ihn zuerst nicht identifizieren kann. „Ist da noch jemand drin?” ruft irgendwer hörbar genervt. Klopft gleich nochmal kräftig gegen die Tür. Ärgerlich. Fordernd. Es ist die zweite Tür. Die in Richtung der Turnhalle führt. Instinktiv schnellt mein Kopf von Chesters anhänglicher Wange weg nach hinten. Hektisch lösen sich meine Arme von ihm. Ziehen sich panisch von ihm zurück. Der Mann hält mich zum Glück nicht fest. Nimmt seufzend seine Hände von meinem Hintern. In wilder Hast stolpern meine Beine zwei Schritte rückwärts. Mein aufgeschreckter Körper stößt gegen irgendwas. Es ist die Bank in meinen Kniekehlen, die dafür sorgt, dass ich mich automatisch hinsetze. Ich falle förmlich auf diese niedrige Bank. Beuge mich vor und schlage eilig die Beine übereinander. Zwei Sekunden später geht auch schon die vermaledeite Tür auf. Orlando, einer der beiden Therapeuten, die bisher jedes Mal die Bewegungstherapie geleitet haben, betritt mit schnellem, sportlichem Schritt den Umkleideraum für Männer. Sein Blick gleitet suchend durch den Raum. Findet Chester und mich sofort. Ich sitze auf der Bank. Chester steht zwei Schritte entfernt von mir. Gott sei Dank kam er nicht zehn Minuten früher, denke ich spontan erleichtert.

Orlandos Gesicht verzieht sich missbilligend. „Hört mal, was ist denn hier los, ihr zwei? Wir haben in der Halle schon lange angefangen! Die Therapie findet schon seit einer halben Stunde statt! Was macht ihr beiden denn noch immer hier drin?” will er völlig verständnislos wissen. Viel zu schnell kommt der Mann näher. Misstrauisch wandern seine Augen zwischen den beiden ungehorsamen Patienten hin und her. Der geschulte Therapeut versucht zu erraten, was hier wohl in den letzten dreißig Minuten zwischen Chester und mir passiert sein könnte. Angespannt sitze ich auf der niedrigen Bank. Weiche unbehaglich seinem forschenden Blick aus. Bin einfach nur froh. Mike Shinoda ist unglaublich erleichtert. Weil er schlau, vorausschauend und kontrolliert genug war, um nicht ausgerechnet in diesem Moment seinen Orgasmus zu erleben. Irgendeine höhere Macht, meine Feigheit oder vielleicht mein Schamgefühl haben das glücklicherweise verhindert. Nein, das ist nicht so. Ich spritze nicht gerade in dem Augenblick gegen Chesters Arsch ab, als Orlando hereinkommt. Was ohne Frage verheerend gewesen wäre. Stattdessen sitze ich nur ganz harmlos auf dieser harten Bank herum. Weil ich schnell genug reagiert habe, befinde ich mich noch nicht mal auffällig nah an Chesters faszinierendem Körper. Allerdings bin ich noch immer ziemlich erregt. Und davon darf der Therapeut nun wirklich nichts merken. Chester stellt sich Orlando mutig in den Weg, bevor er mir zu nahekommen kann. Herr Bennington will mir schon wieder helfen, indem er die Bedrohung von mir ablenkt. Dafür bin ich Chaz zutiefst dankbar. Obwohl es mich gleichzeitig irritiert, wie schnell der neue Patient sich anscheinend vollständig im Griff hat. Man kann ihm gar nichts mehr anmerken. Nicht das Geringste. Als wäre der Kerl nicht vor einer Minute noch spürbar sexuell erregt gewesen. Sogar sein Atem scheint ruhig zu gehen.

„Tut mir leid. Ich bin zum ersten Mal hier. Hab total getrödelt und so...”, behauptet der junge Mann mit den brünetten Dreadlocks. Lächelt den Therapeuten aus Mexiko entschuldigend an. Orlando betrachtet ihn höchst interessiert. „Und du bist.... Bennington?” nimmt er zögerlich an. Offenbar wurde Chaz ihm schon angekündigt. „Ja, Chester Bennington. Hi!” nickt Chester und streckt dem Mexikaner freundlich grüßend die Hand hin. „Mein Name ist Orlando. Ich bin euer Bewegungstherapeut”, stellt der Unerwünschte sich vor und schüttelt Chesters schmale Hand. Dadurch habe ich noch ein paar Minuten länger Zeit. Um mich zu erholen. Mike muss dringend ruhiger werden. Irgendwie abkühlen. Damit Orlando nicht auf dumme Gedanken kommt. Leider fällt mir das verdammt schwer. Weil ich immerzu auf Chesters faszinierend nackten Oberkörper starren muss. Der hilfsbereite Sänger steht dort und schirmt mich mit seinem schlanken Körper vor dem Therapeuten ab. Sehnsüchtig betrachte ich das schwarze Tattoo mit den sechs Armen auf seinem wunderbaren Rücken. Möchte es dringend berühren. Ich schaffe es kaum, mich einzukriegen. Weil ich noch viel zu deutlich seine warme, weiche Haut an meinen Fingern spüre. Seinen besonderen Geruch in der Nase habe. Weil mein harter Schwanz noch immer aufgeputscht nach dem Höhepunkt schreit. Das unartige Organ will partout nicht einsehen, dass der Orgasmus vorläufig gestrichen wurde. Vorläufig. Ich glaube nicht, dass ich stark genug bin, das jetzt einfach so wieder herunterzufahren.

Nervös drücke ich die Schenkel fest aufeinander. Bemühe mich, tief ein und aus zu atmen. Konzentriere mich auf Chesters erbaulichen Anblick. Aber je länger ich den Sänger beobachte, umso mehr stört mich seine Coolness. Ich kapiere nicht, warum der halbnackte Kerl keinerlei Schwierigkeiten damit hat, sich mit diesem blöden Therapeuten zu unterhalten. Warum er beim Sprechen nicht mal ansatzweise nach Luft schnappen muss. So wie ich es garantiert gerade tun müsste. Der neue Patient ist plötzlich irritierend ruhig und gelassen. Von der berauschenden Geilheit, die uns noch vor einer Minute überwältigt hat, ist nichts mehr übrig. Chester wirkt vollkommen unbeeindruckt. Als wäre zwischen ihm und mir tatsächlich nichts passiert. Als wäre er nicht immerzu zitternd erschaudert. Als hätte er nicht wahrhaftig meinen Namen gestöhnt. Davon ist Herrn Bennington jetzt nichts mehr anzumerken. Irgendwie enttäuscht mich das. Es fühlt sich für mich zunehmend an, wie eiskaltes Wasser mitten ins Gesicht. Weil es in mir den verstörenden Verdacht weckt, dass dieser besondere Mann mir gerade eben möglicherweise alles nur vorgetäuscht hat. Aber nein, protestiert mein Herz, er hat mir doch gesagt, dass es ihm gefällt. Sein Herz schlug so schnell. Er hat geseufzt und in meinen Armen gezuckt. So etwas kann der Kerl doch unmöglich vorspielen. Oder? Warum sollte er das überhaupt tun? Was hätte er denn verdammt nochmal davon? Aber ich kenne ihn ja gar nicht, hält mein Verstand dagegen. Er wurde zwangsweise in die Psychiatrie gesperrt. Was weiß ich denn schon davon, wie er in Wahrheit drauf ist? Was für seltsame Dinge sich in ihm abspielen? Meine Gedanken fangen an zu rotieren. Ein Rest Unsicherheit bleibt hartnäckig bestehen. Sticht mir unangenehm tief in die Seele rein. Will mich tierisch runterziehen. Kratzt böse an meinem vagen Gefühl, diesmal womöglich alles richtig gemacht zu haben. Das gefällt mir gar nicht. Straft alles Lügen, woran ich geglaubt habe. Weil ich mich unwillkürlich von Bennington verarscht fühle.


Chester Charles Bennington    

Ich wünschte, die würden mich endlich in Ruhe lassen. Ständig wollen sie irgendwas von mir. Das geht schon viel zu lange so. Seit Ulli mich gestern aus dem Speisesaal mitnahm, hatte ich kaum noch eine ruhige Minute. Diese ganzen schrecklichen Tests und Untersuchungen. Inzwischen gibt es wahrscheinlich keine Frage mehr, die mir nicht irgendein Psychologe oder Psychiater gestellt hat. Kein einziger Zentimeter meines Körpers ist übrig, den sich nicht irgendein Arzt genau angeguckt hat. Zu viele fremde Menschen haben mich angefasst. Pausenlos viel zu neugierig meine Seele und meinen Leib studiert. Die Fachleute sind bis auf den Grund meiner Psyche abgetaucht. Alle kamen kopfschüttelnd wieder zurück. Sind ausnahmslos völlig ratlos. Haben trotz ihrer ausgeklügelten Tests keine Ahnung, was mit mir nicht stimmt. Wie auch, wo ich das doch noch nicht mal selbst weiß.

Nichts davon habe ich freiwillig getan. Konnte mich aber irgendwie auch nicht weigern. Sie haben mich nicht aus den Augen gelassen. Keine einzige verdammte Minute. Gestern musste ich unter Ullis Dobermannblick in meinem Raum etwas zu Abend essen. Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen. Weil es mir so richtig dreckig ging. Erst heute Morgen hat der Pfleger mir nochmal ein paar Pillen gegeben. Die angeblich helfen sollen. Tun sie aber nicht genug. Ulrich hat mich dazu genötigt, in seinem Beisein in meinem Zimmer zu frühstücken. „Du musst etwas essen, Chester. Sonst kannst du doch gar nicht gesund werden”, waren seine Worte. Glaube ich. Ha Ha Ha. Bisher war mir gar nicht klar, dass ich so dermaßen krank bin, wie alle hier immerzu behaupten. Sie zwingen mir eine Pseudo-Hilfe auf, nach der ich niemals verlangt habe. Mittlerweile geht mir das so richtig auf den Sack. Nach dem Frühstück gab es noch so ein sinnloses, viel zu langes Gespräch mit einem Psychologen. Ich habe das Gefühl, sie erwarten von mir, dass ich die verdammte Hausordnung auswendig lerne. Und jetzt muss ich bei dieser rätselhaften Bewegungstherapie mitmachen. Ausgerechnet Sport, ich fasse es nicht! Konnten die sich denn nicht wenigstens etwas weniger Anstrengendes einfallen lassen?

Der einzige Lichtblick in all dieser quälenden Dunkelheit ist Mike Shinoda. Total unerwartet hockte der Bärtige allein in der Umkleide. Als Ulli mich hierher führte, war er schon da. Mike saß einsam auf dieser niedrigen, langen Bank. Vor den vielen, schmalen Schränken. Als hätte er schon stundenlang hier auf mich gewartet. Der Typ war völlig geplättet, als er mich plötzlich entdeckte. Das war so richtig süß. Ich freue mich, Mikey nach dieser ätzend langen Zeit wiederzusehen. Habe oft an ihn gedacht. Während die Ärzte und Psychologen mich stückchenweise auseinandernahmen. Ziemlich intensiv habe ich mich an unser geiles Parkbankabenteuer erinnert. Während ich in Unterwäsche frierend vor irgendeinem blöden Untersuchungszimmer ellenlang warten musste. Oder mein Körper angezogen in einem Büro vor einem besorgt fragenden Psychiater saß. Habe dann in Gedanken viel lieber mit dem besonderen Mann auf der Parkbank gelegen. Hat mich definitiv aufgemuntert. Habe mir unentwegt gewünscht, das so bald wie möglich zu wiederholen. Mike Shinoda hat die kosmische Macht, mich zu beruhigen. Ich mag es sehr, wenn er in meiner Nähe ist.

Heute geht es mir nicht gut. Eine weitere schlaflose Nacht liegt hinter mir. Die Anstrengungen der letzten zweiundzwanzig Stunden stecken mir in den Knochen. Der Entzug hockt tief in meinen Eingeweiden. Quälende Gedanken malträtieren mein Gehirn. Trotzdem hat Herr Shinoda es geschafft, mich abzulenken. Der kann so was. Irgendwie kriegt der das hin. Zuerst, indem er mich nach meinen Tattoos fragte. Ich liebe es, jemandem meine Tattoos zu erklären. Die wähle ich nämlich sehr sorgfältig aus. Jedes hat eine ganz besondere Bedeutung für mich. Mike hat sie zum ersten Mal gesehen. Als ich mein Hemd auszog. Der Süße schien irgendwie beunruhigt zu sein. Als würden die Tattoos ihm etwas Besorgniserregendes über mich verraten. Keine Ahnung, wie er darüber denkt. Ich weiß ja, dass es den meisten Menschen erstaunlich schwerfällt, über meine Tattoos hinaus zu urteilen.

Jedenfalls war es lustig, ihm die Tatts zu erklären. Und dann hat der Kerl mich auch schon angefasst. Ich glaube, dass wollte er vom ersten Augenblick an. Als er mich in diesem Umkleideraum sah. Und ich wollte das auch. Mikey schlich sich hinterhältig von hinten an mich heran. Als ich ihm mein Rückentattoo zeigte. Lieber wollte ich ihn küssen. Aber er verbot mir erstaunlich energisch, mich zu ihm umzudrehen. Der Typ ließ keinen Zweifel daran, dass er es diesmal unbedingt von hinten wollte. Er wollte hinter mir stehen. Also ließ ich es gut sein. Der besondere Mann malte mit seinem Finger sanft meine sechs sprießenden Arme nach. Damit fing es an. Er berührte mich. Und schaffte es kinderleicht, mich zu verzaubern. Meinen rumorenden Magen zum Schweigen zu bringen. Das ist richtig geil gewesen. Ich liebe es, von diesem Mann gestreichelt zu werden. Herr Shinoda ist überraschend bedingungslos in seiner körperlichen Zuneigung zu mir. Er ist ausschließlich auf mich fixiert. Was ich ziemlich schmeichelhaft finde. Außerdem fühlt der Typ sich fantastisch an. Sein attraktiver Körper war sehr warm und weich hinter mir. Mit seinen unermüdlichen Streicheleinheiten hat er es sogar geschafft, die Dämonen in meinem Kopf vorübergehend verstummen zu lassen. Mike Shindoa hat sie irgendwie weggestreichelt. Ich weiß auch nicht. Törnte mich ziemlich an, was er da mit mir machte. Wie nah er hinter mir stand. Mich umarmte und damit wärmte. Wie sanft er zwischen Daumen und Mittelfinger meine harten Nippel rieb. Wie seine Hände keinen Zentimeter meines nackten Oberkörpers unberührt ließen. Wie er später seine harte Erektion gegen meinen Hintern presste. Und gierig über meinen Nacken leckte. Das hat mir sämtliche Härchen aufgestellt. Davon wurde ich definitiv erregt. Mein Schwanz reagierte prompt darauf. Das hat mich absolut aufgegeilt.

Ich tanzte ein bisschen mit ihm. Unwillkürlich. Ohne darüber nachzudenken. Eine instinktive Bewegung. Massierte dabei seinen knackigen Hintern. Das schien ihm recht gut zu gefallen, glaube ich. Und hat mich ganz schön heiß gemacht. Sein Arsch fühlt sich fantastisch an. Ich würde den gerne mal nackt sehen. Will den ganzen Kerl unbekleidet sehen. Und ihn anfassen. Sein attraktiver Körper reizt mich total. Ich möchte mit meinen Fingern über seine nackte Haut streicheln. Dringend. Aber auch diesmal hatte Herr Shinoda mich uneingeschränkt in seiner Hand. Offenbar will der das so. Und er hatte nicht vor, sich für mich auszuziehen. Trotzdem war es verdammt schön, in Mikeys stürmischer Zärtlichkeit zu versinken. Zu spüren, wie er mit seinen Trieben kämpfte. Wie mühsam er sich beherrschte. An gar nichts mehr denken zu müssen. Geile Gefühle zu haben. Verflucht geile. Ich hätte das gerne bis zum Höhepunkt getrieben. Aber das wollte der Typ aus irgendeinem Grund gar nicht. Er stoppte mich mit bemerkenswerter Kraft. Mittendrin. Als es immer geiler wurde. Es ist schwer, seine Beweggründe zu verstehen. Womöglich werde ich das nie. Aber ich fügte mich seinem Willen. Ungern. Dann standen wir einfach so dort. Total eng umschlungen. Meine Wange strich an seinem Bart entlang. Das war ein Moment unglaublicher Nähe zwischen uns. Damit wollte ich wirklich nicht aufhören. Ich wünschte, ich könnte ihn für immer so nah bei mir haben. Von ihm umarmt zu werden, fühlt sich fast wie Liebe an. Denke ich.

Aber im nächsten Moment war es schon wieder vorbei. Selbstverständlich war es das. Fuck! Ich fürchte, dass ein verdammter Fluch auf mir liegt. Der mir diese verstohlenen, spannenden Sex-Abenteuer mit Mister Shinoda nicht gönnt. Genau in diesem einen Augenblick, als gerade alles perfekt zu sein schien, als ich mich erstaunlich geliebt fühlte, kam natürlich dieser seltsame Kerl rein. Der aussieht, wie ein wohlhabender Mexikaner. Der Typ im roten T-Shirt, roter Boxershorts und weißen Turnschuhen platzte plötzlich dreist in diesen großen Umkleideraum. Beschwerte sich auch noch, weil wir nicht bei der Therapie waren. Es überraschte mich nicht, als Mikey sich sofort panisch von mir entfernte, als der Typ anklopfte. Shinoda riss sich förmlich von mir los. Stolperte rückwärts von mir weg. Brachte sich hastig vor mir in Sicherheit. Damit habe ich gerechnet. Das ist einfach seine schüchterne Art. Obwohl ich ihn nicht begreifen kann. Ich meine, scheiß doch mal was auf irgendeinen Therapeuten! Aber nein, Mike sitzt wieder auf seiner Bank. Unerreichbar für mich. Versucht erschrocken, sich schnellstmöglich zu beruhigen. Bloß nicht unangenehm auffallen. Während ich mich mit dem nächsten fremden Mann unterhalten darf. Obwohl ich gerade wirklich keine Lust dazu habe.

Ich fühle mich ziemlich aufgegeilt. Das war verdammt schön mit Mike. Ich kann das jetzt nicht so einfach zur Seite schieben. Bin steif in der Hose. Mein Herz schlägt zu schnell. Es fällt mir schwer, die nötige Aufmerksamkeit für den Therapeuten aufzubringen. „Du bist ja noch nicht einmal fertig umgezogen, Chester. Warum dauert das denn bei dir so lange? Du hast doch von Pfleger Ulrich deine Sportkleidung erhalten, oder?” nervt dieser Mexikaner. Glotzt mich mit seinen braunen Augen vorwurfsvoll an. Ich lächele entschuldigend und nicke. „Ja, Ulli hat mir alles ausgehändigt”, gebe ich zu. Deute auf die Bank, wo ich das ganze hässliche Zeug hingeworfen habe. „Dann zieh dich doch jetzt bitte schnell um. Wir haben mit der Bewegungstherapie längst angefangen”, fordert der Kerl mich ungeduldig auf. Verwirrt wirft er einen prüfenden Blick an mir vorbei. Genau auf Mike. Der mit übereinandergeschlagenen Beinen verspannt auf der Bank hinter mir hockt. Mikey wirkt ein bisschen gehetzt. Seine wundervoll großen Ohren sind dunkelrot. Sieht aufgewühlt aus, der Gute. Er ist peinlich berührt. Hat tatsächlich Panik, dass der Therapeut etwas von seiner sexuellen Erregung mitbekommen könnte. Aber ich glaube nicht, dass der fremde Typ sich zusammenreimt, was wir hier gerade getan haben. Auf so eine abwegige Idee kommt der gar nicht. Weil er nur seine Therapiestunde im Sinn hat. Die wir seiner Meinung nach auf keinen Fall versäumen dürfen.

„Und was ist mit dir, Mike? Du bist doch nun wirklich nicht zum ersten Mal hier. Wir warten schon seit Ewigkeiten auf dich. Warum kommst du denn nicht zur Turnhalle?” fragt er leicht ungehalten. Bevor Mike antworten muss, habe ich mich schon zwischen ihn und den Therapeuten gestellt. Um ihn abzuschirmen. „Ulli hat Mike gebeten, mich gleich zur Turnhalle zu begleiten. Er soll mir den Weg zeigen. Weil ich mich ja hier noch nicht auskenne”, erkläre ich freundlich lächelnd. Der Therapeut guckt mich zweifelnd an. „Naja, sooo schwer ist der Weg ja nun auch nicht...”, murmelt er verständnislos. Zum Glück wendet er sich von uns ab. Geht zügig zurück zu der Tür. Durch die er reingekommen ist. Offenbar muss er ständig in Bewegung sein. Sportler eben. „Also Jungs, ich verlass mich jetzt auf euch! In fünf Minuten seit ihr beide in der Halle, okay?” ruft er über die Schulter. Und verlässt den Umkleideraum. Hinter ihm fällt die Tür ins Schloss. Mann, was für ein Idiot! Lachend drehe ich mich zu Mike um. „Was ist das denn für einer?” frage ich kopfschüttelnd. Mike atmet hörbar auf. Guckt mich unglücklich an. „Das ist Orlando. Einer der beiden Bewegungstherapeuten”, murmelt er leise. Verwirrt merke ich, wie deprimiert Herr Shinoda plötzlich ist. Irgendwas scheint dem besonderen Patienten so gar nicht zu gefallen. Ich verstehe mal wieder nicht, was in seinem hübschen Kopf vorgeht. Fragend mustere ich ihn. Mit traurigen Augen erwidert er meinen Blick. Er hat sich auch heute das schwarze, kräftige Haar auf eine geile Art stachelig gestylt. Außerdem hat er seinen braunen Bart gestutzt. Und geschickt in Form rasiert. Mike sieht einfach fantastisch aus. Er ist betörend gut gepflegt. Das ist mir schon vorhin an ihm aufgefallen. Auf den ersten Blick habe ich das gemerkt. Mike sieht so richtig gut aus. Er trägt schon seine moderne Sportkleidung. Die aus einer schwarzen, halblangen Sporthose und einem blauen Tanktop besteht. An seinen Füßen sind weiße Sneakers. Die Sachen der Psychiatrie, die ich von Ulli bekommen habe, können da definitiv nicht mithalten.

Liebevoll lächelnd gehe ich auf Mikey zu. Ich möchte ihn gerne in den Arm nehmen. Will ihn dringend küssen. Auf den geilen Mund. Am liebsten sofort genau da weitermachen, wo wir blöderweise von diesem unhöflichen Mexikaner unterbrochen wurden. Aber Herr Shinoda reißt erschrocken die Augen auf. Hebt heftig abwehrend die Hände. Schüttelt den Kopf. Signalisiert mir deutlich, dass er unsere Intimitäten nicht länger fortführen möchte. Auf gar keinen Fall. Nada. Das bedaure ich unendlich. Weil ich ihn doch noch gar nicht geküsst habe. Weil er mich doch ganz schön erregt hat. Seufzend bleibe ich vor ihm stehen. „Jetzt erkläre mir doch bitte mal, was das eigentlich sein soll, diese Bewegungstherapie. Das erinnert mich hier alles total an den Sportunterricht. In der High School”, teile ich Mike mit, während ich ihn aufmerksam studiere. Ich möchte dringend verstehen, was plötzlich mit ihm los ist. Aber ich glaube, er wird es mir nicht verraten. Shinoda wirkt verschlossen. Er grenzt sich auch innerlich von mir ab. „Nein, das ist schon etwas anders, Chester. Es geht darum, seinen eigenen Körper auf neue Art zu erfahren”, erläutert er. Streckt die Beine aus. Mein Blick fällt automatisch auf die große Beule in seiner elastischen Hose. Die reizt mich total. Zu gerne würde ich seine Erektion auspacken. Genau jetzt. In diesem Moment. Der Gedanke gefällt mir. Die Vorstellung von Mikes erigiertem Glied steigert meine eigene Erregung auf eine Weise, die mich verblüfft aufseufzen lässt. „Mann, ich erfahre meinen eigenen Körper gerade auf eine ziemlich angenehme Art!” grinse ich den geilen Patienten verschwörerisch an. Er bemerkt meinen gierigen Blick. Steht hastig auf. Seine Ohren werden noch ein bisschen dunkler. Ich verstehe nicht, warum er sich vor mir schämt. Einerseits fährt er völlig ungestüm auf mich ab. Kann sich in seiner Geilheit kaum noch kontrollieren. Und dann ist er plötzlich wieder so abweisend wie jetzt. Da kann ich nicht mitkommen. Sein irrationales Verhalten verwirrt mich.

„Du musst dich jetzt wirklich umziehen, Chaz”, meint er. Geht an mir vorbei. Ohne mich zu berühren. „Die warten in der Turnhalle auf uns. Wenn Orlando das nächste Mal hier reinkommt, dann wird er nicht mehr so freundlich sein.” „Ich bin echt nicht scharf auf Sportunterricht”, maule ich genervt. Wende mich von ihm ab. Es enttäuscht mich, dass Mike so tut, als wäre gar nichts zwischen uns gewesen. Als hätte er mich nicht vor ein paar Minuten noch innig gestreichelt. Das kränkt mich irgendwie. „Es ist nicht wie Unterricht. Da gibt es keine Noten für”, meint er ungeduldig und bleibt stehen. Dreht sich zögernd zu mir um. Betrachtet mich nachdenklich. „Magst du Sport im Allgemeinen nicht?” fragt er leise. Empört verziehe ich mein Gesicht. „Himmel, Mike, ich bin Amerikaner!” töne ich lauthals, „Selbstverständlich mag ich den Sport! Im Basketball The Phoenix Suns, im American Football The Arizona Cardinals, im Baseball die Arizona Diamondbacks und im Eishockey natürlich die Arizona Coyotes!” Während ich meine heimatlichen Lieblingsmannschaften aufzähle, demonstriere ich mit übertriebenen Hand- und Körperbewegungen jede einzelne Sportart. Ich möchte den aus irgendeinem rätselhaften Grund plötzlich viel zu deprimierten Herrn Shinoda dringend aufmuntern. Zu meiner Freude gelingt mir das. Denn ein verdutztes Lachen platzt spontan aus ihm heraus. „Und was ist mit eigener Körperertüchtigung, Chester Bennington?” erkundigt er sich schmunzelnd. „Würde mir jetzt auch gefallen...”, zwinkere ich ihm zu. Greife mir ziemlich provozierend in den Schritt. Hoffe, dass er meine Erektion bemerkt. Aber ich glaube, er registriert sie nicht mal. Mike ächzt spöttisch. Verdreht die Augen. „Zieh dich jetzt lieber endlich mal um! Ich muss kurz aufs Klo. Bin gleich wieder da...”, schmettert er meine sexuellen Anspielungen ab. Dreht sich demonstrativ wieder weg. Auf einmal habe ich keine Chance mehr bei ihm. Das frustriert mich. Weil ich nämlich nichts dagegen habe, noch ein bisschen mehr ungestüme Geilheit zu spüren. Weil dieser Mann sich so verdammt gut anfühlt. Aber Mike zeigt keinerlei Interesse daran. Er hat wahrhaftig keine Lust mehr auf mich. Obwohl er vor Erregung beinahe platzt. Das kränkt mich enorm.

Der Typ läuft stur zur Tür. Verlässt den Umkleideraum. Ich frage mich, ob er sich jetzt auf dem Klo wieder heimlich einen runterholt. Ich nehme ihm nicht ab, dass er seine Erektion so schnell komplett ignorieren kann. Das geht gar nicht. Ist körperlich schlicht nicht machbar. Ich verstehe nicht, warum er das Problem nicht zusammen mit mir lösen will. Das wäre doch hammergeil! Zumal ich so ziemlich das selbe Problem habe. Shinodas emotionale Kälte törnt mich allerdings extrem ab. Mir bleibt keine Wahl, als ihn ziehen zu lassen. Sein warnender Blick hat mir unmissverständlich klargemacht, dass ich ihm auf keinen Fall folgen soll. Obwohl ich kurz darüber nachdenke, habe ich keine Lust, mich selbst anzufassen. Dazu geht es mir viel zu schlecht. Überlege kurz, meinen irren Schädel wiederholt gegen die nächste Wand zu schmettern. Entscheide mich dagegen. Weil ich keinen Bock auf Kopfschmerzen habe. Das hatten wir doch alles schon.

Seufzend gehe ich zu den merkwürdigen Klamotten. Die Ulli mir vorhin in die Hand gedrückt hat. Sie gefallen mir nicht. Aber ich besitze zur Zeit keine eigenen Sachen. Darum muss ich wohl oder übel das Zeug anziehen, was man mir vorsetzt. Lasse mich auf der Bank nieder. Schnüre mit zitternden Fingern meine Chucks auf. Ziehe sie aus. Mann, ich brauche dringend mal frische Socken! Stelle die blauen Chucks in den schmalen Schrank hinter mir. Dann ziehe ich auch die Chino aus. Lege sie ebenfalls in den Spind. Schlüpfe widerwillig in die hellgraue Jogginghose. Und das dazugehörige hellgraue Tanktop. Das Zeug passt mir halbwegs. Habe ja Pfleger Ulrich meine Kleidergröße genannt. Offenbar hat er gut zugehört. Auf das elastische Baumwollgemisch meiner Sportklamotten ist in schwarz ziemlich groß der Name der Psychiatrie gedruckt worden. Und natürlich das runde Emblem. Damit auch ja niemand übersehen kann, dass diese Kleidung nicht mir gehört. Jeder soll auf den ersten Blick wissen, dass ich ein Patient dieser sonderbaren Einrichtung bin. Das ist ganz schön demütigend.

Zum Schluss ziehe ich mir noch die weißen Turnschuhe an. Sie sind mir ein wenig zu klein. Obwohl ich Ulli auch meine Schuhgröße verraten habe. Stopfe abschließend mein Unterhemd und das blaue Hemd in den Spind. Schlage wütend die Tür zu. Definitiv habe ich jetzt keine Lust auf Sport. Weil nämlich immer ich derjenige bin, der sich dabei die seltsamsten Verletzungen zufügt. Ständig verstauche ich mir irgendwas. Handele mir Zerrungen oder sogar Knochenbrüche ein. Andauernd knicke ich um. Oder falle irgendwie dämlich hin. Das ist verflucht lästig. Mir geht’s nicht gut. Ich bin total übermüdet. Habe Entzugserscheinungen. Das erhöht mein Verletzungsrisiko ganz beträchtlich. Außerdem werde ich heute beim Sport mit Sicherheit keine gute Figur machen. Und ich habe hässliche Klamotten an. Missmutig hocke ich auf der niedrigen Bank. Strecke die Beine weit aus. Weiß nicht, was ich tun soll. Prompt muss ich an Mike Shinoda denken. Beängstigend, wie stark ich mich schon wieder nach ihm sehne. Kaum, dass der Kerl den Raum verlassen hat. Ich wünschte, er wäre nicht so entsetzlich wankelmütig. Ich möchte wissen, woran ich bei ihm bin. Will ihn dringend besser einschätzen können. Aber ich habe keine Ahnung, was in ihm vorgeht. Es war wirklich wunderschön, als er mich gestreichelt hat. Wünsche mir sehnsüchtig, Mikey würde das gleich nochmal machen. Wenn er zurückkommt. Würde mich stürmisch umarmen. Leidenschaftlich küssen. Ich möchte ihn unbedingt küssen. Habe ihn so lange nicht geküsst. Will seine Zunge flehend in meinem Mund spüren. Wie er an meinen Lippen saugt. Und diese süßen Geräusche von sich gibt. Wie er mit seinen zärtlichen Fingern meine Nippel knuddelt. Fuck, das erregt mich total. Mir das vorzustellen. Ich bin noch immer ein bisschen hart. Was in der lockeren Jogginghose nicht wirklich von Vorteil ist.

Dringend muss ich an etwas anderes denken. Hinterhältig schleicht sich die Dunkelheit in meinen Kopf. Ausgerechnet mein Vater taucht in meinen Gedanken auf. Wie er sich beim Hausmeister den Schlüssel holt. Meine kleine Wohnung betritt. Sich sofort über meine angebliche Unordnung aufregt. Daddy wühlt ungeduldig in meinen Sachen herum. Liest meine Gedichte. Macht sie lächerlich. Packt mir garantiert ein völlig nutzloses Paket. Verflucht mich dabei wahrscheinlich zum tausendsten Mal. Meine Eingeweide verkrampfen sich. Mein Hals wird eng. Entsetzt stöhne ich auf. Suche hektisch ein anderes Bild. In meinem Kopf. Von meinem Dad. Sehe mich als Kind. Mit ihm auf dem Sportplatz. Der vielbeschäftigte Polizist hat sich extra Zeit für mich genommen. Das passiert nicht oft. Auf keinen Fall will ich ihn enttäuschen. Der große Mann drückt mir den Schläger in die Hand. Das Holz ist lang. Unhandlich. Viel zu schwer für mich. Dad will mir beibringen, wie man Baseball spielt. Und ich will es unbedingt von ihm lernen. Aber ich bin noch nicht stark genug dafür. Kleiner Chester ist dünn und schwach. Kann den Schläger kaum halten. Schon damals konnte ich meinem Vater nie etwas recht machen. Ich glaube, mein Daddy war noch nie zufrieden mit mir. Verdammt!

Glücklicherweise geht die Tür auf. Mike kommt zurück. Rettet mich vor dem emotionalen Abgrund. Kurz bevor ich panisch aufspringe. Und weiter wie irre in den fremden Spinden nach einem Telefon suche. Wahrscheinlich wäre das sowieso vollkommen sinnlos. Meine Augen heften sich hilfesuchend auf den gut aussehenden Patienten. Das ging ja schnell mit dem Wichsen, denke ich spontan spöttisch. Mike hat keine Erektion mehr. Der Mann sieht eindeutig befriedigt aus. Ein wenig verlegen, lächelt er mich an. „Na, Mikey. Hast du dich.... erleichtert?” kann ich mir nicht verkneifen ihn hochzunehmen. Beneide ihn. Hätte jetzt auch Lust zu kommen. Fühle mich ziemlich angespannt. Ich bin tierisch nervös. Kaue schon wieder an den Fingernägeln. Ohne es zu merken. Sehne mich ganz erbärmlich nach Zärtlichkeit. Will dringend in den Arm genommen werden. „Bist du jetzt endlich fertig, Chester? Können wir gehen?” übergeht Mike ungeduldig meine Stichelei. Seine brauen Augen blitzen drohend. Chester soll jetzt wohl einfach mal die Klappe halten. Also tue ich das.

Stehe notgedrungen auf. Neben Mike verlasse ich den Umkleideraum. Folge ihm durch mehrere lange Gänge. Der junge Mann geht viel zu schnell. Kann es plötzlich nicht mehr erwarten, endlich die blöde Turnhalle zu erreichen. Ist total scharf auf die bekloppte Bewegungstherapie. Das gefällt mir nicht. Ich habe es längst nicht so eilig, dort anzukommen. Oder da mitzumachen. Mit einem Satz bin ich hinter Mike. Lege ihm den Arm um die Schultern. Um ihn zu bremsen. Um ihm nah zu sein. „Das war schön mit dir”, flüstere ich ihm ins Ohr. Fragend schaue ich in sein hübsches, rundes, asiatisches Gesicht. Seine großen Mandelaugen blicken ein wenig wehmütig. „Ja, Chaz. Das war schön”, stimmt er schüchtern zu, „Aber jetzt müssen wir uns zusammenreißen.” Er windet sich unter meinem Arm. Plötzlich ist es ihm unangenehm. Das ich ihm so dicht auf der Pelle hänge. Der Feigling hat Angst. Das uns jemand sehen und sich seinen Teil denken könnte. Obwohl ich das blöd finde, lasse ich ihn los. „Ich will mich nicht zusammenreißen, Herr Shinoda”, stelle ich ärgerlich klar.

Mike bleibt so abrupt stehen, dass ich gegen ihn stoße und fast hinfalle. Argwöhnisch fixiert er mich mit strengem Blick. Seine tollen, dunklen Augenbrauen sind skeptisch zusammengezogen. Dafür möchte ich ihn auf der Stelle küssen. „Du hast mir versprochen, dass du niemandem was sagst! Über uns”, erinnert der Patient mich alarmiert. Panisch sieht er sich um. Ob es irgendwelche Zeugen gibt. Aber dieser sonderbare Gang ist leer. Von irgendwo weiter hinten hört man viele Menschen über einen Turnhallenboden hüpfen oder so was. Dazwischen sind unverständliche Rufe wahrzunehmen. Wahrscheinlich der mexikanische Therapeut. Der die Patienten gnadenlos antreibt. Mann, mir wird schlecht! Ich fühle mich gerade wahrhaftig wie ausgekotzt. Und ich kann mich echt nicht erinnern, dass ich dem Typen vor mir irgendwas versprochen hätte. „Verdammt, Mike! Ich werde schon niemandem etwas sagen. Keine Angst! Aber ich werde jetzt bestimmt nicht so tun, als würde ich dich gar nicht kennen!” verdeutliche ich ihm energisch. Aufgescheucht starrt er mich an. Mikey sieht richtig erschrocken aus. Trotzig studiere ich ihn. Unsere Blicke beißen sich aneinander fest. Seine wunderschönen, braunen Augen blitzen angriffslustig. Seine prallen, roten Lippen locken mich. Ich möchte meinen Mund auf sie pressen. Mit meiner Zunge zwischen seine Zähne in ihn eintauchen. Mit meinen Fingern zärtlich durch seinen weichen Bart kraulen. Durch sein dichtes, schwarzes, stacheliges Haar streicheln. „Solange du mir nicht zu nahekommst...”, entscheidet Herr Shinoda sich gegen eine längere Auseinandersetzung. Hastig dreht der Kerl sich von mir weg. Will tatsächlich seinen Weg fortsetzen. So schnell wie möglich die verfluchte Turnhalle erreichen. Aber das will ich nicht. Kann ich nicht so stehenlassen.

Kurzentschlossen springe ich ihn von hinten an. Stütze meine Hände auf seine Schultern. Beuge mich an sein schnuckeliges Ohr. „Ich soll dir nicht zu nahekommen, Mikey?” provoziere ich ihn, „Was ist denn zu nahe? Ist das jetzt schon zu nah?” Kann nicht anders. Geht mit mir durch. Küsse ihn auf die Wange. Reibe meine Nase an seiner Stirn. Lege meine Hände um seinen Hals. Kraule seinen warmen Nacken. Der Typ fühlt sich fantastisch an. Ich kann ihm gar nicht nah genug sein. „Chester, verdammt!” kreischt Mike schrill. Windet sich unbehaglich unter meiner Berührung. „Hör auf!” fleht er. Der schüchterne Kerl versucht, mir irgendwie auszuweichen. Mich abzuwehren. Was ihm aber nicht gelingt. Weil ich wie eine Klette an ihm klebe. Und ihn immer wieder flüchtig küsse. Auf seine Wange. Die Stirn. Den Mundwinkel. Die Unterlippe. „Ist das zu nah, Herr Shinoda?” stichele ich pausenlos. Küsse seine Nase. Mein Herz klopft schneller. Weil es anstrengend ist, was ich hier mit ihm mache. Weil seine körperliche Nähe mich unmittelbar erregt. „Ist dir das jetzt schon zu nah?” ziehe ich ihn auf. Schmiege mich wollüstig an ihm fest. Mike Shinoda fühlt sich überwältigend an. Seine Nähe lindert meinen Schmerz. Kann die scheiß Dämonen killen. Ich möchte ihm für immer so nah sein. In jeder einzelnen Sekunde meines Lebens.

„Was ist denn hier los?” donnert eine dunkle Stimme. Mitten in unsere liebevolle Balgerei hinein. Mike ächzt mega erschrocken. Schubst mich instinktiv panisch von sich weg. Unwillkürlich stolpere ich rückwärts. Schlage mit dem Rücken ziemlich schmerzhaft gegen die Wand. Sofort bin ich sauer. Weil Mike mich immerzu von sich wegschubsen muss. Das verletzt mich total. „Was in aller Welt treibt ihr beiden denn jetzt hier?” verlangt der Therapeut verständnislos zu wissen. Der plötzlich im Gang steht. Uns fassungslos taxiert. Es ist dieser nervige Typ von vorhin. „Mike, was soll das bedeuten? Was machst du denn hier? Hör mal, du bist nicht mehr im Kindergarten! Der Flur ist doch kein Spielplatz! Wir warten schon seit Ewigkeiten auf dich!” wendet er sich an den Patienten, der in der geschlossenen Psychiatrie die älteren Rechte hat. Mike sieht aus wie ein Schuljunge. Den man beim Rauchen auf dem Klo erwischt hat. Der Bärtige schrumpft förmlich unter dem strengen, vorwurfsvollen Blick des Mexikaners. Das ist so süß, dass ich ihn nur noch gebannt anstarren kann. Mikeys schnuckelig abstehende Ohren werden schon wieder ganz rot. Er schämt sich. Wahrhaftig. Hat ein schlechtes Gewissen, der Dummkopf. „Ja... wir kommen ja jetzt!” murmelt er eingeschüchtert.

„Das ist alles meine Schuld!” mische ich mich ein. Mache einen Schritt von der Wand weg. Auf den Therapeuten zu. Versöhnlich lächele ich ihn an. „Ich habe Mike tausend Löcher in den Bauch gefragt. Weil ich unbedingt alles über diese interessante Therapie hier wissen will. Darüber haben wir die Zeit vergessen. Tut mir echt leid.” Zerknirscht suche ich nach einem Hauch Verständnis in seinem mexikanischen Gesicht. Orlando hat braune Augen. Eine kantige Nase. Ein spitzes, hervorstehendes Kinn. Sogar einen schmalen, schwarzen Schnurrbart. Fehlt nur noch der Sombrero. Sein Haar ist schwarz, lockig und für einen Sportler eigentlich zu lang. Seine ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf mich. Neugierig wandert sein Blick von meiner Visage aus langsam über meine Oberarmtattoos. Er registriert die Tätowierungen äußerlich reglos. Schaut hinab zu meinen Füßen. Und wieder zurück. Eine Weile guckt er mir argwöhnisch prüfend in die Augen. „Und was hat Mike dir über die Bewegungstherapie erzählt, Chester?” will er mich misstrauisch der Lüge überführen. Offenbar kann er mir meine spontan hervorgebrachte Entschuldigung nicht so recht glauben. Aber mein Lächeln verändert sich nicht. Wird höchstens ein bisschen gelassener.

„Mike ist total hilfsbereit. Sie sollten ihn lieber loben. Anstatt ihn auszuschimpfen. Es ist schließlich nicht seine Schuld. Er hat mir alles genau erklärt”, behaupte ich zufrieden. „Was denn zum Beispiel?” hakt Orlando natürlich nach. Ich zeige ihm grinsend meine Zähne. „Na, das es hier keine Noten für den Sport gibt. Nicht so, wie in der Schule, meine ich. Das ich meinen eigenen Körper auf eine vollkommen neue Weise erfahren kann. Wie nett die ganze Therapiegruppe samt Therapeuten ist. Und wie wichtig es für mein allgemeines Wohlbefinden ist, wenn ich mich regelmäßig bewege”, quatsche ich irgendwelchen Unsinn zusammen, der mir gerade dazu einfällt. Orlando beobachtet mich interessiert. Auf seinem südamerikanischen Gesicht erscheint ein amüsiertes Lächeln. Falten bilden sich um seine Augen. „Dann bist du ja jetzt bestens vorbereitet, Chester. Nicht wahr?” bemerkt er ein wenig spöttisch. Ich nicke begeistert. Gehe geradewegs zu Mike. Ignoriere, dass seine Augen sich augenblicklich abwehrend, panisch weiten. Frech wuschele ich dem Besonderen durch die stacheligen Haare. Bevor er mir ausweichen kann. „Ja, Mike Shinoda ist schon ein echt netter Typ!” muss ich unbedingt mal klarstellen.

Der Therapeut betrachtet uns beide nachdenklich. Überlegt, was das wohl zu bedeuten hat. „Kennt ihr euch schon von früher?” erkundigt er sich aufhorchend. Mike schüttelt sofort den Kopf. Pseudo-unauffällig macht er einen großen Schritt aus meiner Reichweite. Knurrend taucht der Schwarzhaarige seinen runden Hinterkopf unter meiner streichelnden Hand weg. „Nein, wir haben uns erst vorgestern hier kennengelernt”, informiert er den Bewegungstherapeuten abschmetternd, „Vorher habe ich Chester nie gesehen.” Mikey wirft mir einen warnenden Blick zu. Ich soll ihn jetzt gefälligst nicht nochmal anfassen. Shinoda will mich nicht in seiner Nähe haben. Meine Eingeweide verknoten sich. Mein Magen schmerzt. Ich muss dem Drang widerstehen, mir gequält die Hände in den Bauch zu pressen. Meine derzeitige Situation gefällt mir nicht. Ich will nicht in total ätzender Psychiatriekleidung herumlaufen. Mich jetzt nicht in irgendeiner Therapie sportlich betätigen müssen. Ich mag es nicht, wenn Mike so abweisend zu mir ist. Ginge es nach mir, würde ich Jedem auf der ganzen Welt zeigen, wie gern ich ihn habe. Ist doch egal, wenn irgendwer dann vielleicht denkt, dass wir schwul sind. Aber Michael Shinoda sieht das offensichtlich völlig anders. Und ich will ihn auch nicht unnötig kompromittieren. Also halte ich schweren Herzens Abstand. „Können wir dann jetzt mal zur Turnhalle?” drängt er ungeduldig. Wirft dem Mexikaner einen flehenden Blick zu. „Ach! Auf einmal hast du es eilig?” entgegnet der und lacht belustigt, „Du hast doch jetzt freiwillig schon über eine dreiviertel Stunde versäumt, Mike!” Der gut aussehende Patient in dem klasse sitzenden, blauen Tanktop, der ultramodernen, schwarzen Sporthose und den weißen Turnschuhen macht sich verärgert auf den Weg. Demonstrativ läuft er weiter den Gang hinunter. Richtung Turnhalle. Ignoriert trotzig die vorwurfsvolle Stichelei des Therapeuten.

Vertrauensvoll wende ich mich an diesen sonderbaren Mexikaner. „Hör mal, mir geht’s heute echt nicht so gut. Kann ich nicht einfach mal nicht mitmachen?” versuche ich mein Glück bei ihm. Nachdenklich betrachtet er mich. Sein dunkler Blick bleibt nun doch missbilligend auf meinen Tattoos kleben. Bestimmt denkt er, dass ich wegen der Tattoos ein schwieriger, aufmüpfiger, unzähmbarer Patient bin. „Keine Sorge, Chester. Madison und ich sind von Professor Paulsen schon reichlich vorgewarnt worden. Wir wissen genau, dass du schlimm mit diversen Entzugssymptomen zu kämpfen hast. Wir sind im Bilde darüber, wie es dir geht. Die ganze Belegschaft weiß nur zu gut, dass du schwerer Alkoholiker bist. Und zusätzlich auch noch jede Menge illegales Rauschgift konsumiert hast. Deshalb kannst du aber trotzdem bei unserer Bewegungstherapie mitmachen”, knallt er mir cool vor den Kopf. Grinst mich an. Setzt spöttisch hinzu: „Du wirst dich bei uns schon nicht überanstrengen, Chester Bennington. Wir passen hier alle gut auf dich auf.”

Meine Augen taxieren meinen neuen Gegner. Das macht mich wütend. Wie der Kerl mich behandelt. So kalt von oben herab. Als hätte er mich schon vor sehr langer Zeit als hoffnungslosen Fall und unverbesserlichen Junkie abgespeichert. „Naja, das kann ja sein. Aber ich würde trotzdem lieber nicht beim Sport mitmachen!” beharre ich mit freundlichem Lächeln. Fest entschlossen sehe ich ihm in die dunklen Mexikaneraugen. Der fremde Mann soll merken, dass ich keine Angst vor ihm habe. Nicht so wie Mikey. Der sich anscheinend von den seltsamsten Dingen einschüchtern lässt. Ich wünschte, Mike wäre noch hier bei mir. Wenn er nur in diesem Moment neben mir stände. Dann wäre ich mit Sicherheit nicht so aufgebracht. Ich wäre ruhiger. Würde mich viel besser fühlen. Herr Shinoda würde meine unwillkürlich aufkochende Wut kinderleicht besänftigen. Aber der süße Bartträger mit den braunen Knopfaugen ist nicht mehr zu sehen. Ich glaube, er ist schon mal vor in die Turnhalle gegangen. Hat mich einfach hier mit dem doofen Therapeuten stehenlassen. Damit muss ich erst mal klarkommen.

Der sportliche Südamerikaner beobachtet mich aufmerksam. Lässt mich nicht aus den Augen, der Typ. Studiert meine aufmüpfige Reaktion mit höchstem Interesse. „So, so, Chester. Du willst also heute nicht an der Bewegungstherapie teilnehmen”, sagt er bedächtig, „Was möchtest du denn stattdessen lieber machen?” Das wird ein richtiges Blickduell, was wir hier veranstalten. Er durchbohrt mich förmlich. Auf der Suche nach meinen Schwachpunkten. Will mich wohl damit einschüchtern. Kann mich aber kaum beeindrucken. Ratlos zucke ich die Schultern. „Tja, ich weiß auch nicht, Orlando...”, überlege ich laut vor mich hin, „Vielleicht könnte ich ja ein paar Flaschen Whiskey leertrinken. Oder noch ein bisschen mehr illegales Rauschgift konsumieren. Was meinst du?” Freundlich lächele ich ihn an. Zwinkere verschwörerisch mit einem Auge. Orlando stutzt verblüfft. Guckt mich irritiert an. Zehn Sekunden später platzt ein verdutztes Lachen aus ihm heraus. „Liebe Güte, Chester!” ruft er amüsiert lachend, „Ich habe schon gehört, dass du ein richtiger Spaßvogel sein sollst. Das scheint ja tatsächlich zu stimmen.” Kichernd legt er mir die Hand auf die nackte Schulter. Augenblicklich werde ich stocksteif. Weil ich wirklich nicht von ihm angefasst werden will.

Bewegungstherapeut, der ein gutes Stück größer ist als ich, schiebt mich an der Schulter gefasst den Gang hinunter. „Na, komm schon, Mister Bennington. Jetzt guckst du dir das erst mal an. Und dann sehen wir weiter”, bestimmt er in versöhnlichem Tonfall. Ich bin total angepisst. Weil ich keinen Bock auf diese zu erwartende Anstrengung habe. Lasse mir jedoch nichts anmerken. Behalte mein freundliches Lächeln bei. „Okay, Orlando”, gebe ich nach. Nicke folgsam. Mir ist klar, dass eine längere Diskussion aussichtslos wäre. Wahrscheinlich würde er sich sowieso nicht darauf einlassen. Widerstrebend lasse ich mich von ihm Richtung Turnhalle schieben. Meine Schulter windet sich von allein von ihm weg. Bis er mich schließlich loslässt. Und seine Hand stattdessen auf meinen Rücken legt.

Nach einem gar nicht mehr so langen Stück Gang betreten wir plötzlich die große, moderne Turnhalle. Ich kenne sie schon. Weil Ulli sie mir gestern auf seinem Rundgang auch schon gezeigt hat. Jetzt ist sie allerdings nicht mehr leer. Mindestens dreißig Menschen befinden sich darin. Jeder bewegt sich gerade. Scheint irgendeine Übung oder so was zu machen. Sie bleiben aber alle nach und nach stehen. Weil sich innerhalb von Sekunden herumspricht, dass zwei Männer hereinkommen. Plötzlich ist es leise in der Halle. Die ganze Meute blickt gemeinschaftlich auf Orlando und mich. Als wir nebeneinander geradewegs auf sie zugehen. Endlich hat der Therapeut seine Hand von meinem Rücken genommen. Aufmerksam schaue ich mir die vielen Patienten an. Suche sehnsüchtig nach einem pechschwarzen Stachelkopf. Aber ich kann Mike nirgends entdecken. Das macht mich total nervös. Denn er muss ja hier irgendwo sein. Auf einmal kreischt ein Mädchen entzückt auf. Es ist die kleine Kaitleen. Aus der Gruppentherapie. Ich schenke ihr ein Lächeln. Offensichtlich freut Katie sich mega, mich zu sehen. Aufgeregt beugt sie sich zu dem Mädchen, das neben ihr steht. Flüstert ihr irgendwas ins Ohr. Die andere guckt mich daraufhin noch interessierter an. Überhaupt stehen erfreulich viele hübsche, junge Mädchen hier. Im engen, knappen Sportdress. Teilweise haben sie echt scharfe Figuren. Jede Menge geiler Titties hinter dünnem, enganliegendem Stoff. Da bin ich nicht abgeneigt, sie mir ein bisschen genauer anzugucken.

Orlando dirigiert mich zu einer auffallend kleinen Frau. Die nah an der Wand vor allen anderen steht. Ihre sportliche Kleidung ist vollständig in rot gehalten. Genau wie die des Mexikaners. Womöglich ist das die vorschriftsmäßige Arbeitsuniform für Bewegungstherapeuten. Die Frau reicht mir freundlich lächelnd eine Hand. Ich schüttele sie. Lächele zurück. „Hallo, du musst Chester sein. Mein Name ist Madison. Ich leite zusammen mit Orlando deine Bewegungstherapie. Schön, dass du bei uns mitmachst, Chester!” „Ja, ich freu mich auch, hier bei euch zu sein”, lüge ich liebenswürdig. Woraufhin Orlando nochmal amüsiert neben mir auflacht. Und mich kräftig in den Rücken stupst. Madison nickt. Wendet sich an ihre umfangreiche Patientengruppe. Die sich wie zum Rapport vor ihr aufgestellt hat. „Hört mal zu, Leute!” ruft sie mit für ihre geringe Größe erstaunlich lauter Stimme. Im Moment ist die jedoch gar nicht von Nöten. Weil mich ja sowieso schon alle schweigend anstarren. „Das hier ist Chester. Er ist heute zum ersten Mal bei uns. Also nehmt ihn alle freundlich auf, okay?” Zustimmendes Gemurmel. Kaitleen steht ganz vorne. Strahlt mich begeistert an. Meine Augen wandern aufmerksam über die Menge. Noch immer bin ich auf der Suche nach dem einzigen Patienten, der mich interessiert. Mike Shinoda. Kann den Kerl aber in der großen Gruppe nicht finden. Nirgendwo schwarze Stacheln. Langsam macht mich das total verrückt. Habe den Verdacht, dass der besondere Mann sich vor mir versteckt. Der Kerl vermeidet es bewusst, von mir gesehen zu werden. Duckt sich hinter irgendeinen breiten Rücken oder so was. Das verstehe ich nicht. Warum er das macht. Ich weiß nicht, was ich ihm schon wieder getan habe. Warum mein Mikey das Gefühl hat, mir dermaßen ausweichen zu müssen. Sein unergründliches Verhalten frustriert mich.

„Wo kommst du her, Chester?” fragt Madison mich mit rührend geheuchelter Ahnungslosigkeit. Schließlich ist sie doch von Professor Paulsen schon ausführlich vorgewarnt worden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Therapeutin längst alles über mich weiß. Ich will schon meinen Standardspruch loslassen, als Kaitleen sich vorlaut zu Wort meldet: „Chester kommt aus Phoenix. Das ist die Hauptstadt und größte Stadt im Bundesstaat Arizona. Außerdem ist sie Sitz der Countyverwaltung des Maricopa Countys. Phoenix liegt zentral im Valley of the Sun der Sonora-Wüste. Das erweiterte Stadtgebiet hat vier Millionen Einwohner.” Verblüfft starre ich sie an. Alle Augen richten sich auf Kaitleen. Die Kleine erwidert stolz meinen Blick. Als hätte sie sich von mir jetzt mindestens eine Eins plus plus mit Sternchen verdient. Irritiert frage ich mich, ob das merkwürdige Mädchen sich diese Infos aus dem Internet herausgegoogelt hat. Und wenn ja, warum denn nur, um Himmels Willen. Oder ob sie einfach nur ziemlich gut in Erdkunde ist. Madison lacht amüsiert. „Danke, Kaitleen. Jetzt wissen wir aber alle ganz genau, wo Chester herkommt.” Die süße Katie ist in ihrem Element. Sie strahlt über das ganze, typisch kalifornische Gesicht. „Der Salt River fließt vom Nordosten des Maricopa County durch den Süden von Phoenix. In dieser Stadt gibt es durchschnittlich 312 Tage Sonnenschein im Jahr. Ein Drittel des Jahres liegen die Temperaturen über 38 Grad”, gibt sie noch ein bisschen mit ihren Kenntnissen über meine Heimatstadt an. Madison lacht lauter. Hebt abwehrend die Hände. „Danke, Kaitleen”, wiederholt sie kopfschüttelnd, „So genau müssen wir das jetzt aber gar nicht wissen, okay?” Es sieht aus, als würde Katie lieber noch viel mehr über Phoenix ausplaudern. Enttäuscht hält sie die Klappe. Hört aber nicht damit auf, mich sehnsüchtig anzuschmachten. Es schmeichelt mir, dass ich in dem hübschen Mädchen offenbar einen Fan gewonnen habe. Freundlich nicke ich ihr zu.

„Und was machst du so beruflich, Chester?” wendet die Therapeutin sich an mich. Schaut mich interessiert an. Für einen Moment bin ich völlig aus dem Konzept gebracht. Ihre Frage erwischt mich unvorbereitet. Weiß nicht, was ich antworten soll. Weil ich nämlich nach dem Abschluss der High School nicht wirklich etwas gelernt habe. Das war alles viel zu chaotisch in meinem Leben. Zu dieser Zeit. Während ich noch verwirrt überlege, ob ich ihr etwas von meinem langweiligen Job bei Burger King erzählen will, öffnet schon wieder Kaitleen ihr Plappermaul: „Chester ist ein ganz fantastischer Künstler. Er ist Sänger in einer Band. Die heißen Grey Daze und machen Post Grunge. Chesters Band steht kurz vor dem großen Durchbruch. Schon bald bringen sie ihr erstes Album heraus.” Mein Kopf schnellt instinktiv zu der enthusiastischen Patientin. Mit ihren großen, blauen Augen strahlt sie mich begeistert an. Konfus überlege ich, woher das fremde Mädchen aus Kalifornien meine Band kennen könnte. Deren Bekanntheitsgrad ja nun mal leider noch nicht so richtig über Phoenix hinausgekommen ist. Dann fällt mir ein, dass ich in der letzten Gruppentherapie groß und breit über meine Pläne mit Grey Daze geredet habe. Ich verstehe nicht, warum Kaitleen sich anscheinend all mein Gequatsche gemerkt hat. Das verwirrt mich irgendwie.

Die anderen Menschen in der Turnhalle horchen sichtbar auf. Ihr Interesse ist spätestens jetzt geweckt. Neugierig drehen sie sich nochmal zu Kaitleen hin. Um zu erfahren, wer da etwas von einem Sänger gesagt hat. Die blonde Patientin stellt sich selbstbewusst der allgemeinen Aufmerksamkeit. „Chester ist ein toller Sänger”, betont sie und lächelt mich dabei an, „Seine Stimme ist absolut einmalig.” Darüber muss ich jetzt eben mal kurz lachen. Weil dieses vorlaute Girl mich mit Sicherheit noch niemals singen gehört hat. Ich habe die hübsche Kleine in dem engen, weißen T-Shirt und den knappen, dunkelblauen Shorts noch nirgendwo im Publikum gesehen. Glaube ich. Wenn ich mich recht entsinne, wohnt Katie in Los Angeles. Grey Daze ist bisher aber nur im Umkreis von Phoenix aufgetreten. Und ich kann mir echt nicht vorstellen, dass auch nur Irgendjemand für ein Grey Daze Konzert in einen anderen Bundesstaat reisen würde. Und von wegen 'Kurz vor dem großen Durchbruch'. Ich meine, schön wär's ja. Aber wir wollen doch mal realistisch bleiben. Dafür ist noch jede Menge Arbeit nötig. Wir haben noch immer keinen Vertrag. Müssen weiter die Plattenfirmen abklappern. Noch mehr Showcases für sie spielen. Wir müssen noch richtig kräftig an unseren Songs feilen. Und vor allen Dingen viel mehr Konzerte geben. Wir müssen mehr Werbung für uns machen. Solange ich mich in der Psychiatrie aufhalte, werde ich ohnehin auf keiner Bühne mehr stehen. Und vielleicht haben die Jungs ja sowieso schon längst einen anderen Sänger gefunden. Meine Gedanken fangen an herumzuwirbeln. Die quälende Gewissheit, dass ich mich dringend um all diese wichtigen Dinge kümmern muss, explodiert in meinem Kopf. Weil doch sonst meine Träume wie eine Seifenblase platzen. Mein Magen verknotet sich. Mein Hals wird ganz eng. Auf einmal fühle ich mich extrem eingesperrt. Und äußerst unwohl damit.

Madison und Orlando beobachten mich die ganze Zeit konzentriert. „Stimmt das, Chester?” fragt der Mexikaner. Ich schaue ihn an. Hebe die Schultern. Nicke. „Ja, ich bin in 'ner Band...”, gebe ich zögerlich zu. Eine Weile ist es still in der großen Halle. Während alle Blicke zwischen Katie und mir hin und her wandern. „Eine Kostprobe!” schreit Kaitleen plötzlich begeistert. Klatscht übermütig in die Hände. „Jetzt musst du auch beweisen, dass du singen kannst!” meint irgendwer ein bisschen spöttisch. Die meisten Patienten stimmen zu. Und auf einmal wollen alle unbedingt, dass ich ihnen etwas vorsinge. Sofort. Mein Herz schlägt automatisch schneller. Weil ich mich überfahren fühle. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Das trifft mich komplett unvorbereitet. Diese gespannte Erwartung in den Gesichtern. Was ich denn wohl in Wahrheit zu bieten habe. Diese hochmütige Skepsis. Die habe ich schon ziemlich oft gesehen. Vor jedem Konzert. In jedem Publikum. Normalerweise liebe ich das. Es spornt mich dazu an, mir auf der Bühne so richtig Mühe zu geben. Sie beeindrucken zu wollen. Ihre Zweifel restlos zu beseitigen.

Aber im Moment geht es mir nicht gut genug, um das Interesse an meinem Gesang auszukosten. Unsicher schaue ich Madison an, die neben mir steht. Mich pausenlos lächelnd beobachtet. „Möchtest du uns denn etwas vorsingen, Chester?” fragt sie behutsam. „Du musst das nicht tun, wenn du nicht willst”, lässt Orlando mir großzügig die Wahl. Die meisten Patienten drängen allerdings darauf. Das ich doch jetzt bitteschön auch den Beweis meiner angeblich so fantastischen Sangeskunst liefern soll. Ich fühle mich in die Enge getrieben. Das mag ich nicht besonders. Genervt werfe ich Kaitleen einen strafenden Blick zu. Bevor ich mich bremsen kann. Sie fängt ihn breit grinsend auf. Am liebsten möchte ich dem Weib den Hals umdrehen. Weil sie mich in diese unangenehme Situation gebracht hat. Aber das California-Girl mit den geilen Titten versteht mich nicht. Blondchen wirft mir treudoof eine Kusshand zu. Deprimiert wende ich mich von ihr ab.

„Ja, okay... ich... kann ja mal was singen...”, gebe ich mich geschlagen. Gezwungenermaßen. Denn als Lügner dastehen will ich ja jetzt auch nicht. Außerdem möchte ich interessiertes Publikum niemals enttäuschen. Ganz egal, um wen es sich auch immer handelt. Wenn jemand ehrlich will, dass ich für ihn singe, dann hat er grundsätzlich nur das Beste von mir verdient. So sehe ich das. Schaue mich alarmiert in der Turnhalle um. Während ich fieberhaft in meinem verwirrten Gedächtnis nach dem passenden Song forsche. Für diese seltsame Konstellation aus Menschen. Voll mit Sehnsucht will ich Mike Shinoda finden. Muss ihn finden. Irgendwo in der unübersichtlichen Menge. Habe das beängstigende Gefühl, den Typen dringend zu brauchen. Weil ich viel zu nervös bin. Aufgewühlt. Zornig und unzufrieden. Mein Körper und meine Seele tun weh. Pausenlos. Die Dämonen kichern in der Dunkelheit. Chester geht es echt scheiße. Wenn ich Mike nur einmal sehen könnte, denke ich frustriert. Dann würde sein Anblick mich bestimmt beruhigen. Ich würde mich unter Garantie sofort besser fühlen. Aber obwohl ich die ganzen fremden Menschen sorgfältig mit den Augen absuche, kann ich den auffällig schwarzhaarigen Kopf nicht zwischen ihnen ausmachen. Nirgendwo diese besonders tröstlichen, braunen Knopfaugen. Es deprimiert mich enorm, dass Mike sich offenbar mal wieder vor mir versteckt. Ich möchte seinen Namen schreien. Will laut nach ihm rufen. Damit er zu mir kommt. Oder loslaufen. Und ihn irgendwo hervor zerren. Aber das geht jetzt nicht. Die Therapeuten würden mich für verrückt erklären. Mike würde mir das niemals verzeihen.

Also zwinge ich mich zur Konzentration. Fixiere mich auf meine vertraute Rolle. Die Leute warten auf den Entertainer in mir. Sie wollen unterhalten werden. Und das ist es doch, was ich kann. Was ich tun will. Aufmerksam studiere ich mein unbekanntes Publikum. Jedes einzelne Gesicht schaue ich mir an. Es sind circa fünfunddreißig Menschen. Zwischen achtzehn und fünfzig Jahren alt. Schätze ich. Männer und Frauen. Wobei der weibliche Anteil scheinbar überwiegt. Schon viel zu oft habe ich vor weit weniger Zuhörern gesungen. Auch mit Grey Daze bin ich schon in den kleinsten Kaschemmen aufgetreten. Manchmal mit grausamer Akustik. Habe mir trotzdem überall Mühe gegeben. Während mir kaum jemand Beachtung schenkte. Habe mich auf winzigen Bühnen total verausgabt. Mich heiser geschrien. Und dafür nur ein ratloses Schulterzucken gekriegt. Aber hier ist das definitiv nicht so. Ausnahmslos alle Menschen in dieser Turnhalle sehen mich interessiert an. Die Patienten genauso, wie die beiden Therapeuten. Sichtbar gespannt warten sie auf meinen großen Auftritt. Sie scheinen froh zu sein, dass im eintönigen Psychiatriealltag endlich mal etwas Aufregendes passiert. Etwas Außergewöhnliches. Sie warten auf die große Show. Plötzlich tun sie mir irgendwie leid. Dass sie sich hier so langweilen. Sich so sehr nach Abwechslung sehnen. Ich frage mich, wie viele von denen wohl freiwillig hier sind. Und ich glaube fast, es sind die Allermeisten. Das ist mir wirklich zu hoch.

„Du musst nicht singen, Chester, wenn du nicht willst”, raunt Orlando mir zu. Und holt mich damit aus meinen wirbelnden Gedanken. Die zusammengewürfelte Therapiegruppe fängt langsam damit an, ungeduldig mit den Füßen zu scharren. Abfälliges Geflüster wird laut. Immer diese Angeber mit ihren leeren Versprechungen. Ich bin gemeint. Der angebliche Sänger, der keinen Ton von sich gibt. Einige Gesichter verziehen sich spöttisch. Sehen schadenfroh schon meine Niederlage. Das stresst mich. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt für sie singen soll. Kein einziger meiner vielen Texte will mir einfallen. „Chester! Chester! Chester!” will Kaitleen mich motivieren. Endlich anzufangen. Ein paar andere stimmen in das Gejohle mit ein. Ich wünschte, meine Band wäre jetzt hier bei mir. Ich vermisse sie alle so sehr! Mace am Bass. Bobby mit seiner E-Gitarre. Und natürlich Sean hinter seinem Schlagzeug. Grey Daze ist eine Familie für mich. So eine richtige Familie, meine ich. Fuck, ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn die mich wegen meiner Eskapaden aus der Band werfen. Ich will nicht nochmal ganz von vorne anfangen müssen. Keine andere Band suchen müssen. In der vielleicht ein Sänger gebraucht wird. Aber die haben mich hier eingesperrt. In der scheiß Psychiatrie. Die haben gesagt, dass ich krank bin. Ich habe keine Ahnung, wann die mich wieder rauslassen. Das kann doch noch ewig dauern. Inzwischen wird draußen alles kaputtgehen.

Panisch huschen meine Augen durch fremde Gesichter. Aber Mike Shinoda sorgt mutwillig dafür, dass ich ihn von meinem Standpunkt aus nicht sehen kann. Bestimmt will der süße Halbjapaner gar nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich habe etwas falsch gemacht. Habe ihn verloren. Bin allein. „Chester! Chester! Chester!” Mein sonderbares Publikum aus zwei Bewegungstherapeuten und jeder Menge Psychiatriepatienten scharrt immer lauter mit den Füßen. Mittlerweile taxieren mich alle mit ungeduldigen, erwartungsvollen, spöttischen oder besorgten Augen. In meinem verwirrten Gedächtnis suche ich fieberhaft nach einem Song. Versuche mich zu erinnern. Was ich irgendwann mal aufgeschrieben habe. Was ich schon mal gesungen habe. Doch die vielen Wörter drehen sich im Kreis. Meine Gedanken verschwimmen in einem unergründlichen Meer. Plötzlich fühle ich mich wieder total übermüdet. Mein Magen rebelliert. Ich glaube, ich muss bald kotzen. Meine Knochen schmerzen. Ich sehne mich ganz entsetzlich nach einer Flasche Bier. Oder noch lieber Whiskey. Möchte jetzt dringend eine rauchen. Aber das geht jetzt alles nicht. Fuck, ich muss mich konzentrieren. Schaue hilflos an mir herunter. Normalerweise suche ich meine Garderobe nicht nur für jeden Auftritt sehr sorgfältig aus. Mir ist absolut bewusst, dass ich auf der Bühne mitten im Rampenlicht stehe. Und verdammt, da will ich nun mal so gut wie möglich aussehen. Es ist durchweg niederschmetternd für mich, dass ich in diesen unförmigen, hässlichen, nur geliehenen Psychiatrieklamotten singen soll.

Aber das muss ich jetzt trotzdem tun. Auftreten. Stehe wieder auf der Bühne. Auf irgendeiner. Irgendwo. Die Leute sind extra gekommen, um mich singen zu hören. Das erkenne ich an. Es ist genau das, wovon ich ständig träume. Schon seit meiner Kindheit will ich das. Jeder einzelne von ihnen hat alles verdient, was ich ihm geben kann. Und darum fange ich an zu singen. Ohne noch länger nachzudenken. Keine anderen Gedanken mehr jetzt. Spontan singe ich das Erste, was mir gerade einfällt: „Time, why must it fly so slow. Waiting, is something that's easy for you. Pull the plug, send it down the drain. Pain is easy to get used to.” Meine Stimme ist ganz leise. Gequält. Genau wie der Song. Mega traurig bin ich jetzt. Hoffnungslos. Bin in der Dunkelheit verfangen. Als ich diesen Text schrieb, ging es mir absolut beschissen. Das weiß ich noch genau. Ist noch nicht allzu lange her. Es war während einer meiner schlimmsten Down-Phasen. Ich saß in meinem Zimmer. Starrte die Wand an. Wartete nur darauf, dass es endlich aufhört. Wollte sehr viel lieber tot sein. Als noch länger zu leiden. Hielt mich krampfhaft am Schreiben fest. Die Dämonen hatten mich fest in ihren Krallen. Genau das will ich jetzt ausdrücken. Mein Körper krümmt sich. Wiegt sich in der langsamen Musik. In meinem Schädel. Die Töne werden intensiver. Mein Kopf taucht von alleine in den Song rein. Höre im Hintergrund sanft Bobbys Gitarre. Maces Bassläufe. Und Sean, behutsam am Schlagzeug. Nehme nichts anderes mehr wahr. Nur noch dieser Text. Die Musik. Ich. Erfüllt von Traurigkeit. Spüre das in jeder Faser meiner Existenz. Meine Stimme wird lauter. Wut schleicht sich ein.

„What's in me, is in you. What's got me, has got you. And everything told, must come true. Pretending to be real, forgetting who you are.” Während ich singe, sehe ich die Menschen in den ersten Reihen an. Es sind gebannte Augen. Starr beobachten sie jede meiner Regungen. Da ist Erschütterung in ihren Gesichtern. Sie scheinen von meinem Gesang berührt zu werden. Ich wünschte, sie könnten auch die Musik in meinem Kopf hören. Ohne Musik ist dieser Song nur halb so intensiv. Aber ich gebe mein Bestes. Werde wieder ganz leise. Alles um mich herum verblasst. Chester schließt die Augen. Und öffnet seine Seele. „Sin is always at my door. Slice the vein, blood spilled on the floor. Light shining in my eyes. Death greets me with a smile.” Der Zorn kehrt autonom in mich zurück. Explodiert. Während ich tief Luft hole. Und unwillkürlich meine Bauchmuskeln anspanne. „Yeeeeaaaahh...”, schreie ich, so laut ich kann, „Paaaiiinn! So much paiain!” Mein Kopf zuckt von allein. Die Dreadlocks hauen mir um die Ohren. „Paaaaiiiiaaiinn! So much paaiiaaiinn!” brüllt es aus mir heraus. Der Schmerz, von dem ich da singe, erfüllt mich unmittelbar. Er ist so schwer, dass ich ihn kaum tragen kann. Kurz fährt es mir durchs Gehirn, dass es vielleicht doch nicht die beste Idee von mir war, ausgerechnet jetzt In Time zu singen. Aber da komme ich nicht mehr raus. Wenn ich einmal einen Song angefangen habe, dann bringe ich ihn auch zu Ende. Komme, was da wolle. Abrupt bricht mein Körper unter dem gewaltigen Leid zusammen. Tief beuge ich mich vor. „Oooohhh.... oh, oh.... oh, oh....”, kommt hilflos aus meiner Kehle. Ganz tief aus meinem Bauch. Aus jedem Winkel meiner verwundeten Seele. Der Schmerz schüttelt mich. Mühsam richte ich mich wieder auf. Ich muss mir den Kopf festhalten. Damit er nicht zerbricht. „Oh, ooohhh...”, tönt es verzweifelt aus mir. Immer leiser. Die Hoffnung stirbt endgültig. Mit allen Geräuschen. Die Musik verklingt in mir. Bis ich schließlich verstumme. Das war's. Ich habe alles gegeben. Glaube ich. Mich ihnen hingegeben. Jetzt kann ich nur noch abwarten, was passiert.

Nur ungern öffne ich die Augen. Schiebe mit einer Hand meine Brille zurecht. Die total schief auf meiner Nase sitzt. Habe ganz vergessen, dass ich sie noch trage. Normalerweise setze ich die Brille vor Konzerten immer ab. Weil mich das Gestell beim Headbanging extrem stört. Ständig müsste ich aufpassen, dass ich die Brille nicht verliere. Oder sie vielleicht kaputtgeht. Jetzt bin ich froh, dass sie mir beim Tanzen nicht weggeflogen ist. Als ich vorhin so heftig mit dem Kopf gezuckt habe. Als der Schmerz des Textes mich überwältigte. Dieses Leid ist noch immer spürbar in mir. Shit! Bin ganz schön tief in den Song getaucht. Es ist schwer, sich hier draußen zurechtzufinden. Verwirrt senke ich die Arme. Stehe einfach so da. Schaue niemanden an. Mein ganzer Körper kribbelt. Adrenalin. Ich liebe das. Diese innere Anspannung. Ich möchte noch einen Song singen. Das fühlt sich verdammt gut an. Verdrängt erfolgreich die bösen Gedanken. Schreien übertönt die Dämonen. Obwohl es auch hart für mich ist. In so einem depressiven Song zu versinken. Weil der Text mich definitiv berührt. Weil ich es einfach so gut wie möglich ausdrücken möchte. Jetzt würde ich gerne weitermachen. Weil ich gerade erst richtig in Fahrt komme.

Aber das Lied ist zu Ende. In Time ist gesungen worden. Es gibt keinen Ton Musik. Was wirklich verdammt schade ist. Stattdessen ist es erstaunlich ruhig. In dieser Turnhalle herrscht Totenstille. Keine Ahnung, wie die jetzt darauf reagieren. Vielleicht ist längst niemand mehr hier. Womöglich ist mein Publikum inzwischen entsetzt abgehauen. Während meines Auftritts. Ohne dass ich das gemerkt habe. Zögernd blicke ich auf. Kann nicht genau erkennen, was los ist. Die Menschen sind noch da, so viel ist mal sicher. Alle starren mich an. Die stehen alle da wie angewurzelt. Niemand rührt sich. Seltsam peinliche Stille. Zu meiner Verblüffung entdecke ich Tränen in einigen Augen. Andere taxieren mich fassungslos. Endlich klatscht jemand. Von weiter hinten. Meine Augen suchen erleichtert die freundliche Person. Es ist ein älterer Mann. Der mir lächelnd zwei erhobene Daumen entgegenstreckt. Wenigstens einer, dem mein Song gefallen hat. Ich schenke dem Typen ein dankbares Lächeln. Möchte zu ihm hingehen. Den Fremden küssen dafür, dass wenigstens er mich nicht im Stich lässt.

Nur langsam erwachen die Patienten aus ihrer Schockstarre. Kaitleen ist die nächste, die nett ihre Handflächen aufeinander schlägt. „Hey, Chester, das war toll! Deine Stimme ist absolut fantastisch! Ich habe eine Gänsehaut!” ruft die Kleine liebenswürdig. Sie bekommt auch ein Lächeln. „Das war toll, toll, toll”, wiederholt sie. Strahlt über das ganze Gesicht. „Naja...”, wiegel ich unzufrieden ab, „Ohne Musik ist das jetzt nicht wirklich so der Hammer...” „Quatsch!” entgegnet sie sofort, „Deine Stimme ist mega intensiv! Die wirkt für sich allein!” Das Mädchen hat keine Ahnung, wovon sie spricht. Aber ich nehme das jetzt einfach mal als Kompliment an. „Danke, Katie”, bedanke ich mich.

„Kinderkacke!” schreit jemand bösartig aus der Menge, „Depressives Psychogejaule!” Mein lautstarker Kritiker gibt sich feige nicht zu erkennen. Seine ablehnende Meinung trifft mich härter, als es sollte. Automatisch huschen meine Augen aufs Neue suchend durch die fremden Patienten. Ich muss dringend Mike finden. Brauche ihn jetzt. Unbedingt. Kann nicht noch länger ohne ihn auskommen. Irgendwo zwischen diesen vielen Unbekannten muss er stehen. Verdammt, der süße Halbjapaner muss mich doch gehört haben. Ich möchte sein vertrautes Gesicht sehen. Will wissen, ob ihm mein Song gefallen hat. Muss die heilende Wirkung seiner Anwesenheit spüren. Aber ich kann den Bärtigen nicht finden. Der Mann verbirgt sich vor mir. Unverändert. Herr Shinoda sorgt wahrhaftig dafür, dass ich ihn von meiner Position aus nicht sehen kann. Mikey will mich nicht mal mehr anschauen. Das verletzt mich enorm. Ich habe etwas falsch gemacht, überlege ich mit aufkommender Panik. Und jetzt will Mike mich nie wiedersehen. Fuck! Dieser verdammte Song hat mich zu stark mitgenommen. Ich hätte nicht ausgerechnet In Time singen sollen. Unwillkürlich greift die Dunkelheit nach mir. Ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Meine Finger bohren sich nervös in meine Oberschenkel.

Orlando tritt neben mich. Der Mexikaner legt mir schon wieder die Hand auf die Schulter. Was ich echt nicht leiden kann. „Schön, Chester. Das war ja ziemlich ...interessant”, formuliert er es vorsichtig. Studiert mich aufmerksam. Nimmt seine Hand wieder weg. Madison stellt sich an meine andere Seite. „Das war herausragend, Chester. Du hast eine außergewöhnliche Stimme. Ist dieser Text von dir?” erkundigt sie sich behutsam. Ich nicke geistesabwesend. Zwinge mich, meinen Kopf zu ihr hin zu drehen. Diese seltsame Therapeutin ist wirklich klein. Ich muss auf sie herunterschauen. „Ja... ich... hab schon ein paar Songs geschrieben...”, erzähle ich stockend. Fühle quälende Stiche in meinen Eingeweiden. Presse mir schützend die Faust in den Magen. Damit der Schmerz endlich aufhört. Shit! Der Rest von Grey Daze wird das Album wahllos mit meinen Songs füllen. Und dann bestimmt ohne mich rausbringen. Meine Band wird ohne mich weitermachen. Und ich sitze in diesem Mist hier fest. Vor einem Publikum, das mich offenbar größtenteils nicht leiden kann. Das frustriert mich stärker, als ich im Moment kompensieren kann. Auf einmal möchte ich lauthals schreien.

„Sing noch was, bitte!” fordert Katie. Fängt direkt einen neuen Sprechchor an. „Chester! Chester! Chester!” Sie versucht, die Mädchen neben sich zum Mitmachen zu bewegen. Ihre Freundinnen tun ihr den Gefallen. Andere stimmen ein. Und ich bin wirklich verwirrt, als plötzlich die verdammte halbe Turnhalle meinen Namen grölt. Orlando grinst über sein ganzes mexikanisches Gesicht. „Du scheinst Eindruck gemacht zu haben, Herr Bennington”, bemerkt er lächelnd. In meinem Kopf läuft einiges durcheinander. Der Moment vorhin, als ich vom Auftritt geflasht war und unbedingt weitersingen wollte, ist lange vorbei. Jetzt fühle ich mich wieder beschissen. Bin nicht sicher, ob ich das mit dem Singen hier nochmal hinkriege. Mein Hals ist zu eng. Meine Seele tut weh. Meine Augen suchen flehend nach Mike Shinoda. Und können ihn fucking nicht finden. Obwohl es hier so verflucht hell ist. Wünschte innig, das verdammte Licht würde ausgehen. So wie auf der Bühne manchmal. Zwischen den einzelnen Songs. Wenn ich nach der anstrengenden Zeit im Lampenlicht ein paar Sekunden Dunkelheit ganz für mich alleine habe. Aber das Neonlicht, das die große Turnhalle erhellt, wird nicht verschwinden. Zu viele fremde Menschen starren mich erwartungsvoll, abschätzend an. Also stehe ich einfach ruhig da. Die Hände in den schmerzenden Bauch gepresst. Bewege mich nicht. Warte auf irgendwas.

Der jubelnde Sprechchor wird leiser. Verstummt schließlich. Das deprimiert mich plötzlich so sehr, dass meine Augen anfangen zu brennen. Tosende Stille in meinem Kopf. Irgendjemand hier möchte mich singen hören. Und wenn es auch nur Kaitleen allein ist. Aber ich kann jetzt nicht weitersingen. Das widerstrebt mir extrem. Interessiertes Publikum zu enttäuschen. So etwas mache ich normalerweise nicht. Will ich niemals tun. Das fühlt sich an wie eine Niederlage. Als hätte ich mal wieder kläglich versagt. Meine Augen werden ganz nass. Von alleine. Darum mache ich sie zu. Ich bin am Boden zerstört. Für fünfzig Stunden ungefähr. Plötzlich höre ich Madison. Die neben mir steht. „Nein, das reicht jetzt. Ich finde, wir sollten jetzt lieber mit unserer wichtigen Bewegungstherapie weitermachen”, schlägt sie drängend vor. Alles verkrampft sich in mir. Bin nicht sicher, was in diesem Moment schlimmer wäre. Singen oder Sport treiben. Jemand legt behutsam seine Hand auf meinen Rücken. Erschrocken reiße ich die Augen auf. Wische mit den Fingern hastig die lästigen Tränen hinter der Brille weg. Der Mexikaner beugt sich vertraulich an mein Ohr. „Ist alles okay mit dir, Chester? Geht es dir nicht gut? Möchtest du vielleicht darüber reden?” flüstert er mit ungewohnt sanfter Stimme. Diese Tonlage passt gar nicht zu ihm. Darum schaue ich ihn verwirrt an. „Reden? Worüber?” krächze ich mit schmerzender Kehle. Er lächelt besänftigend. „Darüber, wie es dir jetzt geht. Wie es für dich war, uns hier so unerwartet etwas vorzusingen. Was dieser Song für dich bedeutet. Oder über irgendetwas, was dir jetzt gerade auf dem Herzen liegt”, zählt der Therapeut leise auf. Seine braunen Augen erforschen interessiert mein Gesicht. Er will verstehen, was mit mir los ist. Dabei weiß ich das selbst nicht. Seine Finger streicheln tröstend über meinen Rücken. Das ertrage ich nicht. „Nein... ich... will jetzt einfach nur Mike sehen!” antworte ich spontan. Impulsiv. Aus meinem Mund kommt von alleine genau das, was mir gerade unaufhörlich im wirren Kopf rumspuckt. Meine Augen wandern hilflos durch die glotzende Menge vor mir.

Orlando wirft Madison einen schnellen Blick zu. Diese streckt daraufhin ihren winzigen Körper. Sie macht sich größer. Stärkt ihre Autorität. „So, Leute, hört bitte mal her! Kommt mal alle mit da hinüber. Dann machen wir mit der Therapie weiter!” wendet sie sich an die ratlosen Patienten. Die kleine Frau treibt ihre Gruppe energisch an, mit ihr auf die andere Seite der Turnhalle zu gehen. Die Menge gehorcht. Folgt fügsam ihrer Therapeutin. Niemand scheint Einwände zu haben. Die fremden Menschen entfernen sich von mir. Ich bin froh, dass sie mich nicht länger so verwundert anstarren. „Mike? Meinst du Mike Shinoda?” fragt Orlando mich vorsichtig. Der noch immer neben mir steht. Und meinen Rücken streichelt. Schlagartig weiß ich, dass ich einen großen Fehler gemacht habe. Unüberlegt habe ich etwas offenbart, was ich nie hätte sagen dürfen. Schon gar nicht zu dem Therapeuten. Fuck, denke ich erschrocken, das ist nicht gut. Das wird Mike unter Garantie nicht gefallen. Panisch will ich alles abstreiten. Als Orlando auch schon ziemlich laut ruft: „Mike! Mike Shinoda! Komm doch bitte mal her!” Entsetzt schließe ich meine brennenden Augen. Kann nicht sehen, was weiter passiert. Fühle mich besiegt. Möchte so gerne jetzt ganz woanders sein. Zu Hause vielleicht. In meinem Zimmer. Mit einer Flasche Jack und einer Zigarette. Während im Hintergrund laut die Stone Temple Pilots aus der Anlage dröhnen.

Einige Stunden lang ist es ganz still. Vielleicht ist auch die Zeit stehengeblieben. Dann höre ich die Stimme des Therapeuten neben mir. Sie klingt vollkommen neutral. „Chester hat gerade zu mir gesagt, dass er dich jetzt einfach nur sehen will”, verrät der Mexikaner. Jemandem, der möglicherweise gerade vor mir steht. Ich kann nicht fassen, dass der scheiß Therapeut mir das antut. Mich dermaßen heftig in die Pfanne haut. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Meine Augen sind fest zu. Orlando tätschelt mit seinen Fingern beruhigend meinen Rücken. Meine Muskeln verkrampfen sich. Weil ich diese Berührung so wenig mag. Ich will nicht von diesem fremden Kerl angefasst werden, verdammt nochmal! Unwillkürlich drücke ich das Kreuz durch. Will den aufdringlichen, bedrohlichen Fingern irgendwie entkommen. Aber die mexikanische Hand klebt auf meinem Rücken. Sie versucht hartnäckig, mich zu beruhigen. Und regt mich damit nur noch mehr auf. Ich habe das Gefühl, jeden Moment komplett durchzudrehen.

„Dann sollte Chester vielleicht mal die Augen aufmachen”, schlägt jemand ganz leise vor. Die Person steht anscheinend tatsächlich direkt vor mir. Und diese Stimme erkenne ich sofort. Es ist die wohlklingende Stimme von Mister Mike Shinoda. Der wunderschöne, vertraute Klang seiner Worte besänftigt mich auf der Stelle. Aber leider kann ich trotzdem meine Augen jetzt nicht öffnen. Das ist schlicht unmöglich. Geht nicht. Weil da in Mikes harmonischer Stimme eindeutig ein aggressiver Unterton war. Ein zorniger Beiklang. Ich glaube, Herr Shinoda ist ziemlich wütend auf mich. Und ich kann es gerade nicht ertragen, wenn Mike sauer auf mich ist. Wenn er mich womöglich vorwurfsvoll anschaut. Total aufgebracht. Die wunderbar großen, braunen Mandelaugen anklagend auf mich richtet. Der stumme Vorwurf des Bärtigen würde mich vernichten. In diesem Moment bin ich so dermaßen schwach, dass ich einfach unter der unausgesprochenen Schuld zusammenbrechen würde. Nein, das geht nicht. Auf gar keinen Fall darf ich meine Augen aufmachen. Nur ein einziger zorniger Blick des bärtigen Patienten würde mich augenblicklich töten. Der Halbjapaner hat einen guten Grund, so richtig angepisst zu sein. Wegen mir. Ich bin der Grund. Weil ich meine Klappe nicht gehalten habe. Weil ich diesem Therapeuten etwas suggeriert habe, was ich ihm laut Mike niemals sagen durfte. Fuck, ich habe dem Kerl aus Südamerika verraten, dass ich mich nach Mikey sehne. Dass Mikey wichtig für mich ist. Spätestens jetzt weiß Orlando mit absoluter Sicherheit, dass Mike Shinoda mir etwas bedeutet.

7. I keep it locked up inside


Michael Kenji Shinoda

Chester Bennington singt wie ein Engel. Nie vorher habe ich so eine phänomenale Stimme gehört. Nicht mal annähernd. Der besondere Mann besitzt einen glasklaren, lyrischen Tenor, der mindestens drei Oktaven umfasst. Das ist total außergewöhnlich, denn eine normale Stimme schafft allerhöchstens zwei Oktaven. Ich glaube, Chesters Stimmvolumen fängt bei einem niedrigen G2 an. Und kann sich bis in ein hohes G5 steigern. Auch die hellen Töne bereiten ihm keinerlei Schwierigkeiten. Er kann sie ellenlang halten. Was für einen Mann absolut bemerkenswert ist. Chester singt nicht nur wie ein Engel. Er sieht auch aus wie einer. Dieses hübsch geschnittene Gesicht. Seine zarten Konturen. Die weichen Dreadlocks, die auf seine Schultern fallen, umschmeicheln seine Schönheit. Sein feingliedriger Körper mit den langen Armen und Beinen. Einfach perfekt.

Er steht direkt vor mir. Und ich bin paralysiert. Kann nicht damit aufhören, ihn anzusehen. In der enganliegenden, hellgrauen Sportkleidung kommt seine Wohlgestalt hervorragend zur Geltung. Chesters Rücken ist gerade. Aufrecht. Die Arme hängen an den Seiten herunter. Er hat seine Finger starr in seine Oberschenkel gebohrt. Als müsste er sich irgendwo festhalten. Sein Kopf ist ein wenig geneigt. Minimal zu Boden gesenkt. Seine Augen hinter der Brille sind fest geschlossen. Der Mann bewegt sich nicht. Kein bisschen. Als wäre er in seiner Perfektion erstarrt. Wie eine Statue von Michelangelo. Aus hellgrauem Marmor.

Als er vorhin dieses Lied gesungen hat, musste ich unvermittelt weinen. Der Song und sein Gesang haben mich zwangsläufig überwältigt. Mike war machtlos dagegen. Die Art, wie Chester alleine vor unserer Therapiegruppe stand. Ausnahmslos alle Augen waren auf ihn gerichtet. Auch die beiden Therapeuten haben ihn erwartungsvoll beobachtet. Als wäre der neue Patient nur zu ihrer Unterhaltung in die Turnhalle gekommen. Jeder wollte etwas von ihm. Wie hungrige Hyänen haben sie sich auf ihn gestürzt. Überaus egoistisch haben die Menschen Chester eiskalt auf eine imaginäre Bühne gestellt. Und von ihm verlangt, dass er sie jetzt gefälligst gut unterhalten soll. Dieser fremde Mann aus Phoenix. Chester Bennington sollte irgendeine große Show für sie abliefern. Das fand ich ganz schön heftig. Ich habe Chaz angesehen, dass er damit nicht gerechnet hatte. Die gierige Meute hat den armen Kerl absolut überfahren.

Aus meinem Versteck heraus habe ich ihn hilflos beobachtet. Die ganze Zeit habe ich gedacht: Um Himmels Willen! Lasst ihn doch einfach in Ruhe. Seht ihr denn nicht, wie schlecht es ihm geht? Dieser kranke Mensch ist so müde, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Merkt ihr das denn nicht, verdammt nochmal? Nein, die Hyänen haben es nicht gemerkt. Oder es hat sie einfach nicht interessiert. Jeder wollte nur sein Vergnügen mit dem Neuen. Und ich wette, nicht wenige der anderen Patienten wollten ihn am allerliebsten scheitern sehen. Insgeheim haben sie nur auf einen Grund gewartet, damit sie ihn endlich verspotten können. Den Gefallen hat Chaz ihnen allerdings nicht getan. Mein erstaunlicher Mann hat es ihnen allen gezeigt. Nie bin ich stolzer auf den Besonderen gewesen. Chester Bennington hat für uns gesungen. Und zwar war das kein normaler Auftritt. Mitnichten. Er gab kein A-Cappella-Konzert, wie ich es schon mal gesehen habe. Chester hat uns nicht nur seinen Song präsentiert. Nein, etwas Magisches ist passiert. Schon wieder. Während dieser schmächtige Typ für uns sang. Etwas, was ich noch nie vorher erlebt habe. Alle Grenzen zwischen Chester Bennington und seinem Publikum schienen zu verschwinden. Als wäre er kein Sänger, der auf einer Bühne eine Show liefert. Sondern nur ein Mensch, der uns überraschend tief seine Seele öffnet. Wahrhaftig. Chesters einmalige Stimme und seine intensive Performance sorgten dafür, dass bestimmt jeder in dieser Turnhalle das Gefühl bekam, bis in das privateste Innerste des Mannes schauen zu können, der da ein Lied für uns sang. Herr Bennington lieferte sich uns aus. Vollständig. Er öffnete sich seinen Zuhörern dermaßen, dass mit Sicherheit niemand, der ihn sehen konnte, davon unbeeindruckt blieb. Und sein Text und die Melodie waren dermaßen traurig, dass ich unvermittelt losheulen musste. Ging gar nicht anders. Passierte automatisch. Auch viele andere Patienten hatten Tränen in den Augen. Das habe ich genau gesehen. Wir alle sind von einem Engel berührt worden. Wir können uns glücklich schätzen.

Aber dieser Song offenbarte auch Chesters andere Seite. Und das ist es, was ihn ausmacht. Was ihn von allen anderen Sängern auf der ganzen Welt unterscheidet. Neben seinem engelsgleichen Gesang schreit der Kerl wie ein Teufel. Meistens völlig unerwartet. Plötzlich bricht es aus ihm heraus. Diese unglaubliche Wut. Ein zorniger Dämon explodiert in ihm. Brüllt sich die Seele aus dem Leib. Klar, schreien tun viele Sänger von Metal und Rock Bands. Aber bei Chaz ist es eben doch etwas ganz Besonderes. Etwas Einmaliges, was ich woanders noch nie gehört habe. Sogar Chesters Schreie umfassen mindestens drei Oktaven. Mein musikalisch hervorragend geschultes Ohr kann das deutlich wahrnehmen. Darum hören sich Chesters Schreie so atemberaubend gut an. Unvermittelt fahren sie einem quer durch den Leib. Wie ein tosender Wirbelsturm. Man spürt sie tatsächlich körperlich. Überall. In all ihrem stürmischen Zorn sind seine Schreie überraschend wohlklingend. Sie spiegeln Chesters unfassbar starke, innere Energie. Die berühmte Power, die er auf der Bühne zeigt. Herr Bennington besitzt eine emotionale Kraft, die einen nur noch mit offenem Mund staunen lässt. Diese zarte, empfindsame und eher kleine Person ist erfüllt von einer Leidenschaft, die man ihm auf den ersten Blick niemals zutrauen würde.

Aber jetzt ist der besondere Sänger verstummt. Der Mann gibt keinen Ton mehr von sich. Sein schmaler Mund ist fest geschlossen. Chester presst die Lippen aufeinander. Als hätte er große Angst davor, etwas Falsches zu sagen. Seine ebenso fest geschlossenen Augen sind von dunklen Schatten umrandet. Er sieht unendlich müde aus. Krank. Seine Haut ist blass. Tränen haben feuchte Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Offensichtlich hat er geweint. Das rührt mich so stark, dass ich schlucken muss. Immerzu schaue ich in sein engelsgleiches Gesicht. Bin total hingerissen. Chester, denke ich, Chester Bennington. Gott, womit habe ich dich bloß verdient? Ich kann meinen Blick nicht von ihm nehmen. Bin total verzaubert. Reglos stehe ich vor ihm. Sehe ihn nur an. Fühle mich seltsam zufrieden damit. Die Geräusche in der Turnhalle verschwimmen in meiner Wahrnehmung. Auf der anderen Seite der Halle machen die anderen Patienten zusammen mit den beiden Therapeuten mit der Bewegungstherapie weiter. Nur im Hintergrund höre ich laute Anweisungen von Madison und Orlando. Es sind auch noch andere Stimmen da. Unverständliche. Dazwischen hüpfen und quietschen unzählige Turnschuhe über den federnden Hallenboden.

Orlando hat sich diskret von Chester und mir entfernt. Unterstützt Madison bei der Leitung der Therapiestunde. Weil ich das von ihm wollte. Nur ein einziger flehender Blick von mir war nötig, damit der Therapeut wegging. Orlando hat mich sofort verstanden. Das hat mich überrascht. Und jetzt sind Chester und ich allein. Naja, allein ist nicht das richtige Wort. Immerhin stehen wir in dieser riesigen Turnhalle. In der sich noch achtunddreißig andere Menschen befinden. Aber in diesem Moment ist es mir merkwürdig egal, ob vielleicht irgendwer von da hinten neugierig zu uns hinsieht. Ob sich womöglich jemand wundert, warum Chester ausgerechnet mich sehen wollte. Das scheint mir plötzlich nicht mehr allzu wichtig zu sein. Weil dieser sonderbare Mann vor mir steht. Dieser fantastische Engel. Anscheinend hat er zu Orlando gesagt, dass er mich einfach nur sehen will. Und ich fürchte, das ist ganz allein meine Schuld. Nachdem Chester mir vorhin auf dem Weg zur Turnhalle offenbart hat, dass er sich entgegen meiner Bitte nicht zusammenreißen will, bin ich ganz schön nervös geworden. Als der Kerl mir dann auch noch eindeutig auf die Pelle rückte, mich ständig küsste und anfasste, hatte ich keinen Zweifel mehr, dass er sich auch vor den anderen Patienten nicht würde bremsen können. Okay, vielleicht bin ich ein ziemlicher Feigling. Aber ich wollte einfach nicht, dass Chester mich dermaßen blamiert. Hatte richtig Schiss, dass er plötzlich vor versammelter Mannschaft kommt und mich küsst oder so was. Das würde ich Herrn Bennington durchaus zutrauen. Also habe ich vorsichtshalber dafür gesorgt, dass er mich von seinem Standpunkt aus nicht sehen konnte. Damit der übermütige Typ ja nicht auf dumme Gedanken kommt. Habe mich einfach innerhalb der Patientengruppe hinter einem großen, breiten Kerl versteckt. Das hat hervorragend funktioniert. Fiel keinem Menschen auf.

Sowieso hat niemand auf mich geachtet. Weil alle nur nach vorne auf Chester gestarrt haben. Der stand zwischen Orlando und Madison auf dem Präsentierteller. Wurde auf Herz und Nieren überprüft. Diese bekloppte Kaitleen aus der Gruppentherapie wusste alles über Chesters Heimatstadt Phoenix und seine Band, die offenbar Grey Daze heißt. Das hat mir schon einen Stich versetzt. Das Kaitleen mehr über Chesters Band wusste als ich. Ich frage mich eifersüchtig, ob er wohl mit ihr darüber gesprochen hat. Ob er sich womöglich mit Kaitleen getroffen hat. Sich zwischen den beiden was anbandelt. Ich weiß es nicht. Jedenfalls wollten dann plötzlich alle, dass Chester uns was vorsingt. Das hat er nach einigem Zögern auch getan. Und wie. Der neue Patient hat ein dermaßen trauriges Lied ausgewählt, dass ich mich besorgt frage, warum er so betrübt ist. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich vermute, dass ich der Grund seiner Depression bin. Weil ich ihn die ganze Zeit nicht angesehen habe. Jedenfalls nicht so, dass er das merken konnte. Nur heimlich aus dem Verborgenen. Ich habe mich schon wieder vor ihm versteckt. Das war feige und unfair. Bestimmt denkt der arme Kerl jetzt, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Und das, wo er mich doch so sehr gebeten hat, ihn in der Psychiatrie nicht alleinzulassen. Ständig mache ich mit ihm alles falsch. Ich muss besser aufpassen, wie ich ihn behandele.

Voller Liebe betrachte ich ihn. Er ist wunderschön. Chester bewegt sich nicht. Seine Augen hinter der schwarzen Brille bleiben fest zu. Er sieht aus, als wäre er mental gar nicht anwesend. Innen drin ist Chazy Chaz weggegangen. Und hat nur seinen faszinierenden Körper hier in der Turnhalle zurückgelassen. Ich verstehe nicht, warum er die Augen nicht öffnet. Wo er doch zu Orlando gesagt hat, dass er mich sehen will. Solange er seine Augen geschlossen hält, kann Chester mich nun mal nicht sehen. Dabei stehe ich doch jetzt gerade direkt vor ihm. Bin doch sofort gekommen, als der Therapeut mich rief. Mit klopfendem Herzen und wahrscheinlich knallroten Ohren, irgendwie peinlich berührt. Aber ich bin augenblicklich zu meinem Mann geeilt. Habe die verwunderten Blicke der anderen mühevoll ignoriert. Weil der neue Patient mich braucht. Wenn Chester Bennington mich braucht, dann will ich für ihn da sein. Jedes Mal.

Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Meine Situation scheint seltsam ungeklärt. Wie lange soll ich noch unbeachtet hier vor ihm stehen? Will der Typ mich eiskalt ignorieren? Hat er vielleicht gar nicht vor, seine braunen Augen auf mich zu richten? Will er mich verarschen? Verwirrt versuche ich, in seinem hübschen Anblick eine Antwort zu finden. Chester sieht gequält aus. Unfassbar erschöpft. Augen und Lippen sind fest zusammengepresst. Sein erstarrter Körper ist unbehaglich angespannt. Die verkrampften Finger graben sich an den Seiten tief in seine Oberschenkel. So fest, dass es ihm bestimmt schon wehtut. Der kranke Mensch fügt sich selbst Schmerzen zu. Vollkommen reglos. Chester bestraft sich für irgendwas. Das rührt mich mehr, als ich verarbeiten kann. Auch wenn ich nicht kapiere, was in ihm vorgeht. Am liebsten möchte ich ihn auf der Stelle in den Arm nehmen. Ihn trösten. Den Übermüdeten bei mir ausruhen lassen. Oder ihn anschreien, damit er endlich die Augen aufmacht. Aber das geht jetzt nicht. Die Menschen in der Turnhalle würden es alle sehen, falls ich ihn anfasse. Wenn ich ihn anschreie, lenke ich nur ihre Aufmerksamkeit auf uns. Bestimmt gucken sowieso schon alle von da hinten viel zu neugierig und erstaunt zu uns hinüber. Das will ich auf keinen Fall. Das die noch denken, wir wären ein Paar. Die vertrauliche Beziehung zwischen Chester Bennington und mir geht niemanden etwas an. Dieser besondere Mann gehört nur mir. Ich ertrage es nicht, wenn über uns getratscht wird. Aufgewühlt schaue ich ihn an. Ich habe keine Ahnung, was mit ihm los ist. Wünschte, ich könnte ihn besser verstehen. Beschließe aufs Neue, vorsichtig mit ihm umzugehen. Behutsam zu sein. Der Kerl ist sehr sensibel. Ich darf ihn nicht ausschimpfen. Ihm keine Vorwürfe machen. Etwas anderes kann ich in diesem Moment nicht tun. Er hat sich innerlich von Allem abgeschottet. In dem hilflosen Bemühen, seine empfindsame Seele zu schützen. Ich muss versuchen, irgendwie zu ihm durchzudringen.

„Ist schon gut, Chaz. Du kannst deine Augen ruhig aufmachen”, versichere ich ihm ratlos. Meine Stimme ist sanft. Freundlich. Gänzlich ohne Anklage. Er soll wissen, dass ich nicht böse auf ihn bin. Obwohl er Orlando entgegen meiner Bitte verraten hat, dass er mich sehen will. Sich in diesem Punkt nicht beherrschen konnte. Ich frage mich, warum der dumme Typ nicht stattdessen einfach zu mir gekommen ist. Schließlich war ich doch die ganze Zeit in seiner Nähe. Und das wusste er doch genau. Ich möchte wissen, ob ihm das vor Orlando nur so herausgerutscht ist. Oder ob er das ganz bewusst zu dem Therapeuten gesagt hat, um mich aus der Reserve zu zwingen. Beides würde ich ihm zutrauen. Konzentriert beobachte ich sein Gesicht. Dieses unfassbar hübsche Antlitz. Will es sofort mitkriegen, wenn sich da irgendwas verändert. Irgendeine Kleinigkeit. Wenn der sture Typ endlich seine verdammten wunderbaren Augen aufschlägt. Und mich ansieht. Sehne mich nach seinem Blick.

Aber Chester rührt sich nicht. Kein bisschen. Er bleibt eine reglos verspannte Statue. Die Augenlider hinter den Brillengläsern sind fest zu. Als hätte der Mann mich gar nicht gehört. Langsam fühle ich mich von dem rätselhaften Kerl wirklich verarscht. Ich habe keinen blassen Schimmer, was dieser kindische Unsinn bedeuten soll. „Komm schon, Chester Bennington! Bitte.... guck mich doch bitte an...”, fange ich an zu betteln. Weiß mir nicht mehr anders zu helfen. Will unbedingt in die tiefgründigen, braunen Augen gucken. Ich möchte verstehen, was mit ihm los ist. Warum er mich so dringend sehen will. Oder was ich jetzt für ihn tun kann. Ich wünschte, wir würden nicht in dieser Turnhalle stehen. Nicht gerade von über dreißig Menschen beobachtet werden. Ich möchte mit dem neuen Patienten allein sein. Dann hätte ich ihn schon längst in den Arm genommen. Oder ich würde ihm eine reinhauen für die Frechheit, mich zu ignorieren.

Endlich öffnet Chester die Augen. Schlagartig bin ich gebannt. Fokussiere mich endgültig auf ihn. Fixiere seine Lider hinter der Brille. Die dunklen Wimpern. Halte unwillkürlich die Luft an. Er öffnet seine Augen ganz langsam. Zögernd. Als wäre er sich nicht sicher, ob er das wirklich wagen kann. Erleichtert blase ich Luft aus. Bennington sieht mich an. Äußerlich noch immer reglos, betrachten seine dunklen Augen mein Gesicht. „Was ist denn los mit dir, verdammt?” kann ich mich nicht bremsen, ihn ein bisschen vorwurfsvoll zu fragen. Im nächsten Moment bereue ich das schon. Weil ich ihm doch keine Vorwürfe machen wollte. Chester schluckt unbehaglich. Seine Finger kneten nervös seine beiden schlanken Oberschenkel. „Mike... ich... weiß gar nicht...”, flüstert er verunsichert. Dann bricht er ab. Guckt mich mit einer Traurigkeit an, die mich tief bewegt. Schüttelt sich entsetzt. Verzieht gequält das Gesicht. „Du hast geweint, Mikey”, stellt er bestürzt fest. Seine Stimme ist so leise, dass ich ihn in der großen Halle kaum verstehen kann. Es rührt mich, dass der beachtlich aufmerksame Mann meine inzwischen schon längst getrockneten Tränen augenblicklich bemerkt. Andererseits ist mir das ein bisschen unangenehm. Weil Weinen nun mal ziemlich schwach ist. „Ja... Chaz... als du vorhin gesungen hast... dein Song hat mich ganz schön mitgenommen”, erkläre ich ihm stockend. Sein hübsches Gesicht wird noch trauriger. „Das tut mir leid, Mike! Ich wollte nicht, dass du...”, fängt er konfus an. Und bricht wieder ab. Der gequälte Mann sieht aus, als könnte er nicht noch mehr ertragen. Das zerreißt mein Herz. Abwehrend schüttele ich den Kopf. „Nein, Chester! Das muss dir nicht leid tun. Du weißt doch, wie emotional ich auf deine Songs reagiere. Das... war absolut fantastisch, als du gesungen hast. Niemanden hier hat das kaltgelassen”, versuche ich hilflos, ihn zu beruhigen. Herr Bennington betrachtet mich nachdenklich. „Ich war nicht gut, Mike. Das war total erbärmlich. Die hassen mich alle”, meint er plötzlich deprimiert. Verblüfft gucke ich ihn an. Ich wusste nicht, dass Chester auf die Bewertung seines Publikums so überaus sensibel reagiert. Auf die öffentliche Meinung so viel Wert legt. Sofort denke ich, dass er sich das schleunigst abgewöhnen sollte, wenn er weiterhin als Sänger auftreten will. Er darf sich das doch nicht so zu Herzen nehmen, was andere über ihn denken. Das verstehe ich gar nicht. Chester verwirrt mich. Ich dachte wirklich, der Engel würde weit über diesen im Grunde belanglosen Urteilen stehen.

Außerdem stimmt es einfach nicht, was er da sagt. Ich habe doch die Reaktion des Publikums auf seinen Auftritt vorhin hautnah miterlebt. Stand doch mittendrin in der Therapiegruppe. Hier in der Turnhalle gibt es definitiv Niemanden, der von Chesters Performance nicht beeindruckt gewesen wäre. Keinen einzigen Menschen. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. „Himmel, Chaz, wie kommst du denn auf so was?” frage ich ihn verständnislos. Erschrocken bemerke ich die neuen Tränen, die langsam aus seinen müden, geröteten Augen quellen, während er erschöpft murmelt: „Ich war total Scheiße, Mike. Die haben nicht mal geklatscht. Der nannte meinen Song Kinderkacke. Und depressives Psycho...” „Chester!” unterbreche ich ihn ungeduldig, „Das hat doch gar nichts zu sagen! Die waren eben alle total paralysiert von dir. Die haben so was vorher noch nie erlebt. Und den einen doofen Kerl kenne ich. Der meckert über alles. Das ist wahrscheinlich seine Krankheit. Den darfst du doch gar nicht ernst nehmen!” Mein Blick beschwört den enttäuschten Mann, die Reaktion der Psychiatriepatienten nicht so wichtig zu nehmen. Mein Herz klopft aufgewühlt. Ich kann Chesters tiefschwarze Depression nicht ertragen. Spüre sein Leid fast schon körperlich. Seine Tränen töten mich. Ich möchte sie ihm auf der Stelle aus dem zauberhaften Gesicht küssen. „Du warst richtig gut, Chaz! Ehrlich! Das war herausragend, wie du dich bewegt und gesungen hast!” versichere ich ihm aus tiefstem Herzen. Insgeheim frage ich mich, ob der Sänger die Meinung von anderen Menschen über seine Kunst tatsächlich so hoch einschätzt. Was er ja in Bezug auf unsere Beziehung so gar nicht tut. Oder ob der Typ jetzt nur von mir gelobt werden will. Vielleicht braucht er das jetzt gerade einfach mal. Das ihn jemand so richtig lobt. Seine Leistung anerkennt. Ich weiß es nicht. Habe keine Ahnung, was in dem Fremden vorgeht.

Chester schluchzt leise. Sieht mich unentwegt hilflos an. „Und du kannst ja wohl nicht abstreiten, dass Kaitleen dein allergrößter Fan ist”, bemerke ich. Obwohl mir das nicht leichtfällt. Ich mag Kaitleen nicht. Ihr offensichtliches Interesse an meinem Mann gefällt mir nicht. Aber ich möchte Chester dringend aufmuntern. Gebannt beobachte ich den seltsam frustrierten Patienten. Ich will wissen, ob meine Worte irgendeine Wirkung zeigen. Ob sie ihm vielleicht guttun. Zu meiner Erleichterung scheinen sie das tatsächlich zu tun. In Chesters enorm depressiven Augen erscheint ein warmer Glanz. Ein zaghaftes Lächeln umspielt seine roten, schmalen Lippen. Er nimmt die linke Hand von seinem Oberschenkel. Hebt sie und streckt zögernd seine Finger nach mir aus. Chester Bennington möchte mich berühren. Mich anfassen. Meine Visage. Das erschreckt mich. So vor all den anderen will ich das nicht. Darum weiche ich instinktiv ein wenig vor ihm zurück. Der Patient registriert mein Zurückweichen sofort. Obwohl es nur minimal ist. Höchstens ein Zucken. Der verunsicherte Sänger lässt seinen Arm enttäuscht wieder sinken. Flüchtig wirft er einen Blick hinüber zu den anderen Menschen in dieser Turnhalle. Die ziemlich weit entfernt von uns ihre Therapiestunde absolvieren. Chaz ist vollkommen klar, warum ich vor ihm zurückgewichen bin. Ich weiß nicht, ob gerade jemand zu uns hinsieht. Kann meine Augen nicht von dem Menschen lösen. Bin noch immer gefesselt. Der gut aussehende Kerl sieht mich wieder an. Studiert aufmerksam mein Gesicht. Bewegt unbehaglich seine Muskeln und Knochen. Die er wohl zu lange nicht bewegt hatte. Sein wunderbarer Mund öffnet sich. Ich würde ihn jetzt gerne küssen. Genau in diesem Augenblick.

„Ich meine... die ganze verfluchte Psychiatrie weiß inzwischen, dass ich aus Phoenix komme... aber... ich weiß gar nichts über dich... Mike Shinoda... ich hab keine Ahnung, wo du... ich will nur... das ist so...”, stammelt Chester völlig verwirrt. Konfus bricht er ab. Ein weiteres Mal. Der Typ wirkt bedauernswert überlastet. Zweifellos ist er todmüde. Weicht schüchtern meinem verwundert forschenden Blick aus. Sieht ratlos zu Boden. Schluchzt leise. Mit verstärkt klopfendem Herzen registriere ich, dass immer mehr Tränen aus seinen geröteten, schattig umrandeten Augen laufen. Seine schönen Wimpern feucht benetzen. Traurig beobachte ich, wie die nassen, salzigen Tropfen sich zunehmend am unteren Rand der Gläser seiner Brille ansammeln. Bis sie schließlich einen Weg an der Fassung vorbei über seine Wangen finden. Mann, das geht mir verflucht tief rein. Dass Chester vor meinen Augen anfängt zu weinen. Dass er dermaßen traurig ist. Mein Hals schnürt sich zu. Das fühlt sich so bitter an. Es tut richtig weh. Womöglich muss ich auch gleich heulen. Kann schon sein. Chaz beachtet seine Tränen gar nicht. Lässt sie einfach über sein Gesicht laufen. Die Feuchtigkeit tropft von seinem kleinen, runden Kinn auf sein Tanktop. Verursacht auf dem hellgrauen Stoff nasse, dunkle Flecken. Es schmerzt mich, dass Chester so extrem niedergeschlagen ist. Das er sogar heulen muss. So etwas Emotionales tun Kerle normalerweise nicht so leicht. Schon gar nicht vor anderen Kerlen. Öffentlich. Weinen ist ein Zugeständnis an die eigene Schwäche. Dazu gehört schon jede Menge Mut. Ich verstehe überhaupt nicht, was mit dem neuen Patienten los ist. Oder was in ihm vorgeht. Oder was ich jetzt machen soll. Damit es ihm vielleicht besser geht. Fühle mich mit der unangenehmen Situation überfordert. Mikey kommt kein bisschen damit zurecht.

Ratlos blicke ich ihn an. „Nein... Chester... das ist doch...”, sage ich hilflos. Habe keine Ahnung, was ich ihm antworten soll. Was er jetzt von mir hören will. Welche Aussage ihn eventuell aufmuntern würde. Mir ist nicht mal klar, was genau er jetzt von mir erwartet. Oder warum er mich sehen wollte. Der depressive Mann holt tief Luft. Guckt mich entschlossen wieder an. „Es tut mir leid, Mike. Ich wollte gar nicht... wollte Orlando das nicht...” „Nein, ist schon gut!” wehre ich sofort ab, „Das ist nicht schlimm, Chester! Mach dir keine Sorgen deswegen!” Nicke ihm freundlich zu, um meine Vergebung zu unterstreichen. Zufrieden registriere ich das neuerliche, zaghafte Lächeln, das sofort hinter seiner Traurigkeit aufblitzt. Chester ist sichtbar erleichtert. Dass ich ihm nicht böse bin. Der gefallene Engel richtet sich auf. Streckt seine Wirbelsäule. Mutig geworden. Er nimmt die schwarze Brille ab. Wischt sich mit den Fingern müde über die Augen. Die Tränen aus dem Gesicht. Verdutzt schaue ich ihn an. Ohne die Brille sieht Bennington anders aus. Habe ich Chester je ohne seine Brille gesehen? Bestimmt habe ich das. Aber in dieser Sekunde erinnere ich mich nicht daran. In diesem Moment sehe ich ihn zum ersten Mal so. Bin vollkommen fasziniert davon, wie zart seine Gesichtszüge sind. Wie herrlich weich. Beinahe schon weiblich. Mit diesen hohen Wangenknochen. Kaum geschwungenen, feinen Augenbrauen. Ausdrucksstarken, dunkelbraunen Augen. Schmale, hellrote Lippen. Die hohe Stirn. Und das kleine Kinn. Die gerade Nase und seine ein wenig abstehenden Ohren sind dagegen eher groß. Augen, spitze Nase und Ohren bilden ein faszinierendes, imaginäres Dreieck in seinem Gesicht. Das macht ihn so attraktiv. Chester hat längst nicht so einen kräftigen, dichten Bartwuchs wie ich. Selbst wenn er es wollte, könnte er sich wohl keinen Bart wie meinen stehenlassen. Nur unten an seinem Kinn, unter seinem Mund und über seiner Oberlippe sprießen dunkle Stoppeln. An seinen Wangen dagegen kaum. Trotzdem sollte er sich dringend rasieren. Ich liebe seine großen, runden Ohren. Von den dunklen Dreadlocks werden sie allerdings fast vollständig verdeckt. Ohne seine Brille sieht Chester noch viel jünger aus. Es würde mich wundern, wenn er schon alt genug wäre, um in einer Bar ein Bier zu bestellen. Oder ohne gefälschten Ausweis in einen Club reinzukommen. Chester Bennington ist auf keinen Fall älter als ich.

Als hätte er meinen gebannten Blick gespürt, streicht der Besondere sich in einer verzweifelten, hilflosen Geste die brünetten Haare aus dem Gesicht. Streichelt sie förmlich hinter seine Ohren. Er berührt sich selbst auf diese Art, um sich zu beruhigen. Sich selbst zu trösten. Vermute ich mal. Und ich bin augenblicklich paralysiert davon, mit wie viel Grazie er das tut. Fuck, das erregt mich total! Wie er sich die Dreadlocks aus dem Gesicht hinter die Ohren streichelt. Seine filigranen Finger bewegen sich sanft, fast liebevoll. Ich spüre diesen Anblick unmittelbar in meinem Unterleib. Heftig. Mein Schwanz zuckt davon. Das ist doch nicht mehr normal! In seiner anderen Hand hält Chester die schwarze Brille. Spielt nervös damit herum. Dreht sie immerzu. Befingert sie unruhig. Klappt die Bügel auf und zu. Ohne auch nur hinzusehen. Der neue Patient schluchzt leise. Verkrampft. Unterdrückt. Im Bemühen, mit dem Weinen aufzuhören. Hilflos weicht er meinem unverändert forschenden Blick aus.

„Bitte... Mike... sag mir das doch einfach mal... wo du herkommst...”, flüstert der traurige Mensch flehend. Während er schüchtern an mir vorbei auf die hintere Wand der Turnhalle sieht. Aus seiner Erstarrung ist er mittlerweile erwacht. Jetzt kann er kaum noch stillstehen. Seine Füße treten nervös auf der Stelle. Sein ganzer Körper ist in zielloser Bewegung. Offensichtlich fühlt er sich nicht wohl. Ich verstehe nicht, warum ihm das plötzlich so wichtig erscheint. Zu wissen, wo ich herkomme. Ich habe keine Ahnung, was Chester dazu drängt, mich ausgerechnet jetzt danach zu fragen. In dieser seltsamen Situation. Gestern in der Gruppentherapie hat er noch behauptet, ich müsste ihm nichts über mich erzählen. Trotzdem antworte ich ihm sofort. „Agoura Hills”, verrate ich Chester. Sein Blick schnellt überrascht zu mir. Sehe ihm sofort an, dass er von meiner Heimatstadt noch nie etwas gehört hat. Das wundert mich nicht. Damit ist er nun wirklich nicht der Erste. „Das ist ein Vorort von Los Angeles”, kläre ich Chester auf. Wie ich es so gut wie immer tun muss. Wann immer ein Gespräch auf meinen Geburtsort kommt. „Du bist ein California-Boy?” fragt Chester lächelnd. Ich bin gefesselt davon, wie sich seine Augen zögernd erhellen. Wie spürbar sich seine tiefe Dunkelheit lichtet. Wie sich hinter seiner umfassenden Traurigkeit langsam das Glück hervor kämpft. Mann, ich möchte ihn so gerne glücklich machen. Ich möchte alles tun, damit er glücklich ist. „Ja, das bin ich”, lächele ich ihn an, „Und du bist ein Arizona-Boy.” Chester nickt grinsend. Sieht mich so zärtlich an, dass mir ganz warm davon wird.

„Und was machst du da so, Mike Shinoda? In Agoura Hills?” will der sensible Künstler neugierig wissen. Während ich ihn fasziniert betrachte, die wundervoll leuchtenden, braunen Augen, seine junge, reine Haut, die kleinen Bartstoppeln in seinem weichen Gesicht, merke ich verwirrt, wie schwer es mir fällt, auf seine Frage eine Antwort zu finden. Na klar habe ich zu Hause irgendwas getan, bevor ich hierherkam. Aber was? Womit habe ich mich früher beschäftigt? Ich erinnere mich nicht. Diese Zeit ist in meinem Gedächtnis rätselhaft verwischt. Es hat mich schlicht nicht interessiert, was um mich herum vorging. Nichts hatte eine Bedeutung. Gar nichts. Mein Leben war absolut belanglos für mich. Warum sich also an irgendwas erinnern? Aber jetzt wartet Chester Bennington sichtbar gespannt auf neue Informationen über Mike Shinoda. Chaz möchte wissen, was für ein Leben ich in Agoura Hills habe. Der Kerl lässt mich nicht aus den Augen. Fragt sich irritiert, warum ich nicht antworte. Studiert aufmerksam mein Gesicht. Versucht zu erraten, was in meinem Kopf vorgeht. Fieberhaft suche ich nach einer Erinnerung. Was war mir damals wichtig? Womit habe ich meine Zeit gefüllt? Gab es überhaupt etwas vor der geschlossenen Psychiatrie? Irgendwas? Ich weiß es nicht. Als ich hierherkam, hatte sich schon lange alles weit von mir entfernt. Es scheint ewig her zu sein, seit mich außer Chester irgendwas interessiert hat. Das beunruhigt mich. Ich glaube nicht, dass es gut für mich ist, wenn ich mein Leben nur auf diesen einen Menschen fokussiere. Den ich kaum kenne. Oder verstehe.

„Du musst es mir nicht sagen, Mikey...”, lenkt Chester verunsichert ein. Weil ich so lange nicht antworte. Wahrscheinlich vermutet er, dass ich ihm nichts über mich verraten will. Aber so ist das gar nicht. Ich kann mich nur einfach nicht erinnern. „Nein... Chaz... das ist schon okay”, beruhige ich meinen zauberhaften Mann schnell. Zwinge mich verstärkt, mich auf mein zu Hause zu konzentrieren. „Ich wohne in Agoura Hills mit meiner Familie... meiner Mom und meinem Dad... und mit meinem jüngeren Bruder... Er heißt Jason... wir nennen ihn alle Jay...”, stammele ich hastig irgendwas zusammen, was ich wahllos aus meinem Gedächtnis krame. Chesters Lächeln paralysiert mich. Macht mich überglücklich. Weil es immer strahlender wird. Zunehmend magischer. Der Sänger freut sich sichtbar, dass ich ihm etwas über mich erzähle. Es macht mich glücklich, dass Bennington sich für mich interessiert. „Ich habe auch einen Bruder”, verrät er mir leise, „Ein Halbbruder, genauer gesagt. Aus einer früheren Beziehung von meinem Dad.” Nochmal wischt er sich mit den Fingern über die feuchten Augen. Mit der Hand über die Wangen. Das Kinn. Um die nassen Spuren abzutrocknen. Schnieft leise. Erleichtert stelle ich fest, dass Chester aufgehört hat zu weinen. Wie gerne würde ich ihm jetzt selbst zärtlich das Gesicht trocken streicheln. Ihm die Tränen von der weichen Haut küssen. „Wohnst du mit deinem Bruder und deinen Eltern in Phoenix?” erkundige ich mich interessiert. Registriere verwundert den dunklen Schatten, der bei meiner Frage schlagartig in Chesters Augen aufblitzt. Es stimmt was nicht mit seiner Familie, vermute ich unwillkürlich. Chester denkt nicht gerne an seine Verwandten. Aber Chaz versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Er lächelt, schüttelt den Kopf und sieht mich liebevoll an. „Nein. Brian ist dreizehn Jahre älter als ich. Er hat schon längst sein eigenes Leben”, erzählt er mir. „Und ich auch”, setzt er noch leiser hinzu. Sieht unbehaglich an mir vorbei. Schließt kurz die Augen und holt tief Luft. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt nicht weiter nachfragen sollte. Eine Minute lang herrscht irgendwie peinliche Stille zwischen uns. Wir stehen in unserer Sportkleidung voreinander in einer Turnhalle und sehen uns nicht an. Ich bin unsicher, was ich jetzt tun oder sagen soll.

Im nächsten Moment guckt Chester mich wieder an. Der traurige, wütende Schatten in seinen Augen ist verschwunden. Der starke Mann hat sich wieder im Griff. „Früher hat Brian zu Hause immer seine Platten gespielt. Der hat mich mit seiner Musik ganz schön beeinflusst. Wegen ihm mag ich den melodischen Rock aus den 80er Jahren. Foreigner, Rush und so”, erzählt er mir lächelnd. Hebt schüchtern die Schultern. Streckt kurz spöttisch seine Zunge raus. Verzieht das Gesicht auf eine alberne Art. Schüttelt den Kopf und grinst verschmitzt. Als wäre ihm sein altmodischer Musikgeschmack ein bisschen peinlich. Chester ist so liebenswürdig scheu, dass ich vollkommen dahinschmelze. Dringend möchte ich ihn in den Arm nehmen. Möchte diesen Mann küssen dafür, dass er existiert. Dass ich ihn kennenlernen darf. Fühle mich verdammt nochmal gesegnet. Gleichzeitig tut sich was bei mir, als er die Musik seines Bruders erwähnt. Ich weiß nicht, warum das ausgerechnet jetzt passiert. Aber es geschieht. In diesem Moment. Chester Bennington hat das verursacht. Hat etwas Neues in mir geweckt. Schon wieder. Plötzlich erinnere ich mich an etwas. Bilder von früher blitzen unerwartet in meinem Kopf auf. Damit habe ich bestimmt nicht gerechnet. Darum bin ich wirklich überrascht. Als mich eine konkrete Erinnerung aus meiner Zeit vor der Psychiatrie anspringt. Ich liebe Musik, weiß ich schlagartig mit absoluter Sicherheit. Musik interessiert mich brennend. Ich will wissen, wie Musik funktioniert. Schon als kleines Kind habe ich Klavierspielen gelernt. Und später kam noch die Gitarre dazu. Ich höre mir alles an, was mir an Musik begegnet. Und will es sofort selbst ausprobieren. Die einzelnen Musikstile faszinieren mich. Und was man mit ihnen anstellen kann. Wie man sie mixen kann, um einen neuen Sound zu erschaffen. Besonders Hip Hop und Rap haben es mir angetan. Mit meinem Keyboard habe ich pausenlos neue Remixe ausgetüftelt. In meinem Zimmer. Zu Hause. In Agoura Hills.

Verblüfft reiße ich die Augen auf. Starre Chester verwirrt an. Bin total erschlagen von der plötzlich deutlichen Erinnerung. An mein Leben vor der geschlossenen Psychiatrie. Das so weit von mir entfernt war, dass ich ehrlich dachte, es würde niemals zu mir zurückfinden. Hätte möglicherweise gar nicht stattgefunden. Chester scheint zu spüren, dass ich mich an etwas erinnere. Oder zumindest, dass irgendwas mit mir passiert ist. Obwohl er mich offenbar nur unscharf sieht. Alarmiert hebt er die Hand und setzt seine Brille wieder auf. Aufmerksam betrachtet er mich durch die Gläser. „Magst du Musik, Mike Shinoda?” fragt er ganz leise. Vorsichtig. Als wäre die Antwort von größter Wichtigkeit für ihn. Lauernd behält er mich im Auge. Ich bin überwältigt davon, dass Chester einen sechsten Sinn zu haben scheint. Mich durchschauen kann. Obwohl er mich doch gar nicht kennt, vermutet er sofort das Richtige. Irgendwie macht Chaz immer alles richtig mit mir. „Ja... ich liebe Musik...”, krächze ich aufgeregt. Das ist ein bisschen untertrieben. In Wahrheit ist Musik mein Leben. Huste nervös. Chester macht mit mir alles richtig. Und ich mache mit ihm viel zu oft alles falsch. Andauernd. Aber ich will keine blöden Fehler mehr machen. Nicht in Bezug auf diesen empathischen Mann. Chester lacht belustigt. Das ist nach seiner vorherigen Depression so wundervoll, dass es mir warm durch den ganzen Körper fährt. Angenehm. Behaglich. Die helle Sonne scheint wieder. Seine braunen Augen blitzen erfreut auf. Chester Bennington hat ein absolut göttliches Lachen. „Mikey liebt Musik!” jubelt der Sänger begeistert, „Na, das ist doch schon mal was!” Ich bin fasziniert davon, mit welcher Leichtigkeit Herr Bennington seine dunkle Traurigkeit scheinbar überwunden hat. Wie schnell er sich aus der extrem niedergeschlagenen Stimmung freigekämpft hat. Und nur zu gerne bilde ich mir ein, dass ich ihm dabei geholfen habe. Ich. Mike Shinoda. Meine Nähe stimmt den Einzigartigen fröhlich. Das ist so wunderbar, dass ich es gar nicht begreifen kann. Übermütig schlägt er mir auf die Schulter. Knufft neckend meinen Oberarm. Blinzelt mich zweideutig an. Erschrocken weiche ich vor ihm zurück. Habe sofort wieder Angst, dass er mich anderweitig anfassen will. Auf eine peinliche Art womöglich. Öffentlich. Und Chester grinst amüsiert. Weil er das genau weiß. Es macht ihm frustrierend großen Spaß, mich ständig zu provozieren.

„Und was ist denn jetzt mit euch zwei?” meldet sich eine dunkle Stimme neben uns, „Habt ihr nun mal langsam eure Angelegenheiten geklärt?” Mein Kopf dreht sich verschreckt nach links. Orlando steht neben uns. Habe ihn gar nicht kommen sehen. Im Gegensatz zu Chester, der nicht überrascht ist. Chaz hat bestimmt gesehen, dass der Typ sich uns näherte. Hielt es aber nicht für nötig, mich diesbezüglich vorzuwarnen. Das ärgert mich ein bisschen. Der mexikanische Bewegungstherapeut mustert uns prüfend. Sein Blick wandert forschend zwischen Chester und mir hin und her. „Mike liebt Musik!” informiert der Sänger den Therapeuten zufrieden, „Ist das nicht absolut fantastisch?” Was ich ziemlich albern finde. Aber irgendwie auch süß. Orlando betrachtet ihn irritiert. Chesters zusammenhanglose Aussage verwirrt ihn. Sichtbar erstaunt wandert sein Blick zu mir. Der Mexikaner kennt so etwas nicht von mir. Das mich irgendwas interessiert. Bisher hat der Bewegungstherapeut den Patienten Shinoda nur teilnahmslos und gleichgültig erlebt. Ich verstehe, warum er sich jetzt über meine angebliche Liebe zur Musik so sehr wundert. Orlando ist misstrauisch. Weil er mein nur mühsam verstecktes Amüsement registriert. „Deshalb wolltest du Mike sehen? Um ihn zu fragen, ob er Musik mag?” erkundigt er sich spöttisch bei Chester. Verständnislos durchbohrt der Mexikaner mit seinen dunklen Augen den Patienten. Chester lächelt freundlich. Erwidert den stechenden Blick völlig ungerührt. „Ja genau, Orlando. Das ließ mir einfach keine Ruhe mehr. Ich musste Mike unbedingt danach fragen”, behauptet der taffe Kerl cool. Meistens ist er richtig schlagfertig. Herr Bennington verzieht keine Miene. Während ich mir spontan ein Lachen verkneifen muss. Weil seine Behauptung doch total lächerlich ist. Der alberne Patient verspottet den Therapeuten. Ohne dass Orlando das mitkriegt. Zumindest geht der Therapeut nicht darauf ein.

Sein geschulter Blick liegt zunehmend besorgt auf dem Sänger. Orlando bemerkt, dass der junge Mann mit den Dreadlocks geweint hat. Registriert Chazys rot verquollene Augen. Sein viel zu blasses, total übermüdetes Gesicht. Chesters ungesunder Anblick muss Orlando in seiner Rolle als Verantwortlicher alarmieren. „Geht's dir denn inzwischen wieder besser, Chester?” fragt er mitfühlend. „Nein”, erwidert Chaz sofort. Schüttelt den Kopf. Hebt sein rechtes Bein und zieht die Jogginghose ein Stückchen hoch. „Wie soll es mir auch gut gehen, wenn meine Socken nicht zu meinem Outfit passen?” erklärt er vorwurfsvoll. Einfach so. Total unerwartet. Automatisch gucken Orlando und ich nach unten auf Chesters leicht erhobenes Bein. Er trägt schwarze Strümpfe. Die er uns anklagend präsentiert. Schwarze Socken zu weißen Turnschuhen und der hellgrauen Sportkleidung. Eigentlich dachte ich, dass Schwarz zu jedem Outfit passt. Ich verstehe überhaupt nicht, was das jetzt bedeuten soll. Es wundert mich, dass Chester auf solche äußerlichen Dinge offenbar Wert legt. Auch Orlando sieht verwirrt aus. Weil Bennington ihm zur Zeit wirklich rätselhafte Antworten gibt. Ratlos zieht der Mexikaner seine schwarzen, buschigen Augenbrauen zusammen.

Und ich habe plötzlich eine Assoziation vor Augen, die mich vollkommen überrumpelt. „Dafür passen deine Socken aber hervorragend zu deiner Unterhose, Chester”, rutscht mir so schnell heraus, dass ich keine Ahnung habe, wo dieser Satz jetzt eigentlich hergekommen ist. Das war Denken und Sprechen gleichzeitig. Exakt im selben Moment. Dermaßen impulsiv, dass mir keinerlei Zeit blieb, die Sache vorher vielleicht nochmal zu überdenken. So was passiert mir normalerweise nicht. Das passt gar nicht zu mir. Aber Chesters alberne Spontanität scheint irgendwie auf mich abzufärben. Bamm! Der Satz ist raus. Im nächsten Moment beiße ich mir schockiert auf die Lippen. Verdammt! Das war jetzt wirklich eine Offenlegung meiner geheimsten Gedanken. Die ich niemals vorhatte preiszugeben. Meine Stimme war sehr viel schneller als mein Verstand. Das entsetzt mich richtig. Ich habe keine Ahnung, wie mir das passieren konnte. Kann mich nicht erinnern, dass es mir je passiert wäre. Erschrocken starre ich Chester an. Würde am liebsten im Erdboden versinken. Spüre überdeutlich, wie meine Ohren heiß und rot werden. Und mein Gesicht. Fuck! Chester guckt mich überrascht an. Mit einer enorm tiefen Zuneigung in seinen Augen. Die mich vollständig in sich aufsaugt. Augenblicklich besänftigt sein anerkennender Blick meinen Schockzustand. Mike kann nur noch daran denken, wie wunderschön dieser besondere Mensch ist.

Im nächsten Moment fängt er an zu lachen. Chester Bennington lacht. Lauthals. „Wow, Mikey, das war jetzt echt meegaaa geil!” kichert er so dermaßen angetan, dass mir ganz heiß wird. Als hätte ihn plötzlich was gestochen, tanzt der Sänger auf der Stelle herum. Krümmt sich vor Lachen. „Meine Unterhose”, jubelt er begeistert, „Meine Socken... passen hervorragend... zu meiner Unterhose!” Kichernd schnappt er nach Luft. „Na, da kann ich ja jetzt ganz beruhigt sein, nicht wahr, Mike? Dann muss ich mir ja keine Sorgen mehr machen!” stellt er enthusiastisch fest. „Ist das nicht total genial, Orlando?” will er grinsend vom Therapeuten wissen. Der ihn nur alarmiert beobachtet. Und keine Miene verzieht. Es ist mir peinlich, dass Bennington meinen blöden Satz so laut hinausposaunt. Ich würde meinen Ausrutscher am liebsten ungeschehen machen. Aber trotzdem muss ich auch lachen. Weil Chesters Albernheit so extrem ansteckend ist. So ungebremst aus ihm herausplatzt. Bin machtlos dagegen. „Ach, komm schon... Chaz... hör doch auf!” stöhne ich lachend. Bestimmt bin ich knallrot im Gesicht. Chester fängt damit an, mich neckend gegen die Brust zu stupsen. „Das hast du dir gemerkt, was?” muss er mich auch noch hochnehmen, „Welche Farbe meine Unterhose hat. Das weißt du noch ganz genau. Stimmt's, Mike Shinoda!” Anscheinend gefällt ihm das. Dass ich die Farbe seines Slips noch kenne. Chester freut so etwas. Sogar sehr. Ich weiß auch noch ganz genau, wie ich ihm seinen schwarzen Slip herunter geschoben habe. Gestern auf der Parkbank. Unwillkürlich muss ich daran denken. Wie ich Chesters Schwanz ausgepackt und ihn gierig in die Hand genommen habe. Erinnere mich deutlich an das Gefühl seines krausen Schamhaares. Sein Penis war ziemlich klein, warm, samtig und weich. Als ich ihn wichste. Gott im Himmel! Das ist mir mega peinlich. Besonders vor Orlando, unserem mexikanischen Bewegungstherapeuten. Der völlig verwirrt neben uns steht. Uns nur fassungslos im Auge behält. Offensichtlich kann er mit unserem plötzlichen Anfall von Albernheit nichts anfangen.

Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt machen soll. Wie ich aus dieser Situation wieder herauskomme. Wenig erfolgreich wehre ich Chesters neckende Schläge ab. Dieser verrückte Kerl muss mich ständig stupsen und knuffen. „Hör doch bitte auf, Chaz!” bitte ich ihn kichernd, „Komm schon... ist ja gut...” Bin mir nicht sicher, wie ich ihn stoppen kann. Oder ob ich das überhaupt will. Denn dieses gemeinsame Lachen mit Chester Bennington fühlt sich enorm gut an. Insgeheim muss ich das zugeben. Es ist befreiend. Als könnte man sich alle Sorgen einfach so aus der Seele heraus lachen. Ich vermute, dass Chester genau das gerade tut. Und offenbar sind seine Sorgen so zahlreich, dass der Typ sich gar nicht mehr einkriegen kann. „Das ist geil, Mikey, das ist toootaal geil!” teilt er mir pausenlos mit. Hüpft ausgelassen vor mir herum. Stupst mich immer wieder gegen die Brust. Die Arme. In den Bauch hinein. Hilflos versuche ich ihm auszuweichen. Seinen Überfall irgendwie abzuwehren. Stupse ihn meinerseits. Mit dem Zeigefinger immer wieder in seinen wundervoll weichen Bauch. Und lache dabei, wie ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gelacht habe. Definitiv noch nie an diesem Ort. Möglicherweise habe ich niemals in meinem Leben auf diese Weise gelacht. Zusammen mit einem Menschen. Den ich kaum kenne. Diese seltsame Verbundenheit. Fühlt sich an, wie ein warmer Sommerregen. Auf nackter Haut. Oder irgend so was. Es ist merkwürdig aufregend. Obwohl Chester mich immerzu knufft, stupst und verspottet. Und trotz meiner pausenlosen Bitte nicht damit aufhören will.

Schließlich beendet der Therapeut unsere kindische Balgerei. Ein weiteres Mal muss der Störenfried lautstark eingreifen. „Sagt mal, was ist denn in euch gefahren, ihr zwei?” verliert Orlando neben uns hörbar die Geduld, „Mike Shinoda! Chester Bennington! Jetzt beruhigt euch doch bitte mal! Wie alt seid ihr eigentlich? Seid ihr total verrückt geworden?” Strafend schwankt sein strenger Blick zwischen dem Sänger und mir herum. Der gehorsame Mike steht augenblicklich still. „Chester, hör jetzt endlich auf!” ruft der Mexikaner energisch. Weil der ungehorsame Patient im Gegensatz zu mir nicht reagiert. Orlando greift nach Chesters Arm, um ihn zu bändigen. Nur widerwillig kommt der ausgelassen hüpfende Kerl zum Stillstand. Lässt endlich das Stupsen sein. Zieht seinen Arm wahrhaftig angewidert knurrend aus Orlandos Griff. Offensichtlich will er von dem Therapeuten nicht angefasst werden. Orlando lässt ihn los und betrachtet den aufmüpfigen Patienten interessiert. Der in rot Gekleidete wirkt besorgt. Er ist alarmiert. Weiß Chester wohl nicht so recht einzuordnen.

Schließlich steht der Dreadlockträger schwer atmend vor mir. Ignoriert den Mexikaner komplett. Chester Bennington sieht nur noch mich. Absolut hingerissen. Sein vielsagender Blick aus den fantastisch braunen Augen verspricht mir Dinge, die ich mir immerzu heimlich ausmale. Von denen ich insgeheim nicht erwarten kann, dass sie allesamt zwischen uns passieren. Aber jetzt nicht. In dieser Situation auf keinen Fall. Darum löse ich mich mühsam von Chesters erbaulichem Anblick. Sehe Orlando schuldbewusst an. Schnappe nach Luft. Vom vielen heftigen Lachen schmerzt mein Bauch. „Tut mir leid... Das ist mir so rausgerutscht...”, versuche ich eine ziemlich lahme Entschuldigung. „Und woher kennst du bitteschön die Farbe von Chesters Unterhose?” fragt Orlando hörbar verärgert. Ich glaube, der Therapeut fühlt sich ausgeschlossen. Weil er gerade nicht mit Chaz und mir mitlachen konnte. Das nervt ihn wohl mehr, als es sollte. Vielleicht kränkt es ihn auch, wie feindselig Chester sich aus seinem Griff befreit hat.

Aber seine Frage verkrampft mir sämtliche Eingeweide. Schlagartig. Fuck, ich weiß wirklich nicht, was ich dem nervigen Typen jetzt noch gestehen soll. Ich habe ihm ja sowieso schon entschieden zu viel verraten. Total unabsichtlich habe ich mein Wissen offenbart. Das kann ich doch dem Mexikaner unmöglich auch noch sagen. Dass ich gestern auf einer Parkbank Herrn Benningtons wundervollen Penis entblättert und angefasst habe. Dass ich Chaz in einem egoistischen Anfall von Besessenheit unbedingt eine Erektion verpassen wollte. Himmel nochmal! Plötzlich bin ich völlig verwirrt. Absolut ratlos. Die höchst intime Erinnerung stürzt auf mich ein. Mein Körper erstarrt. Beiße mir hilflos auf die Lippen. Damit mir ja nicht noch irgendwas Peinliches herausrutscht. Orlando registriert meine Verwirrung sehr genau. Sein Blick ist extrem aufmerksam. Konzentriert auf zwei merkwürdige Psychiatriepatienten. Der neugierige Arsch wittert schon irgendeinen Skandal, fürchte ich. Misstrauisch schaut er von mir zu meinem neuen Mitpatienten und zurück. Studiert Chester und mich vorwurfsvoll forschend. Wartet spürbar ungehalten auf meine Antwort. Wenn ich könnte, würde ich mich in diesem Moment sehr weit weg beamen. Zusammen mit Chester versteht sich. Ich würde meinen Mann und mich an einen Ort transferieren, an dem wir ungestört all das tun könnten, was der Engel mir in seinen Augen versprochen hat. Doch leider ist mir nur allzu bewusst, dass ich mit dem Sänger in dieser scheiß Turnhalle alles andere als allein bin. Von da hinten gucken sicherlich schon alle aufhorchend zu uns rüber. Der auffordernde Blick des Therapeuten kotzt mich an. Keine Ahnung, was ich jetzt tun soll. Sekunden dehnen sich zu quälenden Stunden.

Bevor meine Lage für mich noch unerträglicher werden kann, eilt Chaz mir ein weiteres Mal zu Hilfe. Mutig, originell und unerschrocken. Chester Bennigton. Dieser wunderschöne Engel. Mit der himmlischen Stimme. Der immer genau dann zur Stelle zu sein scheint, wenn ich aus irgendeinem Grund nicht mehr weiter weiß. Wenn ich irgendwie in Bedrängnis gerate. Um mir beizustehen. Ich kann mir nicht erklären, womit ich das strahlende Himmelsgeschöpf verdient habe. Fuck, ich liebe diesen rätselhaften Menschen! „Ob ich mich wohl gerade im Umkleideraum in Mikes Gesellschaft umgezogen habe!” betont Chester geringschätzig, „Erinnerst du dich daran, Orlando?” Sein Blick ist spöttisch. Der Hohn in seiner schönen Stimme unüberhörbar. Der Mexikaner schenkt sich eine Antwort. Richtet aber seine dunkel glühenden Augen sofort interessiert auf den anderen Patienten. Meine Erleichterung ist unendlich. Als die geballte, spürbar verärgerte Aufmerksamkeit des Bewegungstherapeuten von mir weg zu Mister Bennington wandert. Chester lächelt zum Niederknien. Der Sänger mit den Dreadlocks greift ohne Scheu nach dem Bund seiner hellgrauen Jogginghose. Zieht sich die elastische Sporthose ein Stück herunter. Lüftet mit der anderen Hand auch noch seine Unterhose ein wenig. Um sie aller Welt zu zeigen.

Gott im Himmel! Blitzartig bin ich paralysiert davon. Kann nirgendwo anders mehr hingucken als auf Chesters engen Slip. Auf das, was die U-Hose verhüllt. Und seinen nackten Bauch. Die Haare an seinem Bauchnabel. Und den Ansatz seines dunklen Schamhaares. Chesters helle, zarte Haut. Die ich so verdammt gerne berühren möchte. Auf der Stelle reagiert mein Schwanz. Das ist ziemlich gefährlich hier. Trotzdem kann ich meinen Blick nicht abwenden. „Tut mir ja leid, Orlando. Aber beim Umziehen konnte ich irgendwie nicht verhindern, dass Mike meine Unterhose erblickt hat. Siehst du? Sie ist schwarz. Genau wie Mike gesagt hat!” erklärt Chester dem sichtbar verstärkt alarmierten Therapeuten freundlich. Ich bin mir nicht sicher, ob der Übermütige den Mexikaner gerade erneut neckt. Oder ob Chaz diese seltsam provozierende Aktion tatsächlich ernst meint. Reglos steht er vor uns. Den Bund seiner Jogginghose in der einen, den Stoff seines Slips in der anderen Hand. Der Mann demonstriert die Farbe seiner Unterwäsche. Als wäre das die normalste Sache der Welt. „Gott, Chester!” schimpft Orlando entsetzt, „Zieh dich bitte sofort wieder an! Du musst hier nicht deine Unterhose herumzeigen! Sag mal, geht's noch?” Mit einem Schritt ist er bei dem unartigen Patienten. Fasst ihn abermals heftig am Arm. Um Chaz dazu zu bewegen, seine vorrangig für ihn gelüfteten Hosen augenblicklich loszulassen. Chester kichert amüsiert, gehorcht aber. „Sorry, ey...”, lallt er albern. Als wäre er betrunken. Dabei ist er nur müde. Lässt seinen Slip los und den Gummibund der Jogginghose zurück auf seine Taille schnellen.

Orlando ist sichtbar besorgt. Sieht ihm misstrauisch abschätzend in die Augen. Ich glaube, der Therapeut ist sich nicht sicher, ob Chester nicht vielleicht irgendwelche berauschenden Drogen genommen hat. Das will er wohl unverzüglich überprüfen. Guckt ihn intensiv an. Während er den Sänger fest am Arm gepackt hält. Chester erwidert den argwöhnischen, vorwurfsvoll suchenden Blick freundlich lächelnd. „Ich habe den Eindruck, dir geht es momentan zu gut, Bennington. Ich glaube, dass du deine überschüssige Energie am besten bei der Bewegungstherapie abbauen kannst”, wirft Orlando ihm ernst vor. Chesters fröhliche Albernheit stirbt. Plötzlich wirkt er wieder todmüde. Das tut mir unendlich weh. Unbehaglich windet der Sänger sich im Griff des Therapeuten. Weicht schüchtern dem strafenden Blick aus. Sieht mich hilfesuchend an. Chesters braune, traurige Augen hinter der Brille treffen mich unvorbereitet. Ich kann es nicht ertragen, wie gequält er aussieht. „Nein, das geht nicht!” rufe ich spontan erzürnt, „Chester ist viel zu müde! Er kann jetzt keinen Sport treiben! Er kann ja kaum noch aufrecht stehen! Merkst du das denn nicht, Orlando? Siehst du das nicht, verdammt nochmal?!” Es erstaunt mich, wie energisch ich bin. Noch niemals habe ich auf diese vorwurfsvolle Art mit einem Therapeuten gesprochen.

Dementsprechend überrascht ist auch der Mexikaner. Mustert mich total verblüfft. Braucht aber nur einen Moment, um meine unerwarteten Worte zu verdauen. „Mach dir mal keine Sorgen um deinen neuen Mitpatienten, Mike. Madison und ich wissen sehr genau, in welcher Verfassung sich Herr Bennington befindet. Du kannst davon ausgehen, dass wir wissen, was wir unseren Patienten zumuten können. Und Chester wird sich bei uns mit Sicherheit nicht überanstrengen”, erklärt er mir ruhig. Sein Lächeln ist irgendwie mitleidig. Was mich unglaublich ärgert. Als wäre Mike hier der Blöde. Der keine Ahnung hat. Aufgebracht schnappe ich nach Luft. Suche hastig nach einer deftigen Erwiderung für Orlando. Aber mir fällt so schnell nichts ein. Chester beobachtet mich gerührt lächelnd. Streckt seinen Arm nach mir aus. Streichelt mir beruhigend über die Schulter. „Ist schon gut, Mikey”, flüstert der Besondere liebevoll. Zwinkert mir verschmitzt grienend zu. Sofort vergesse ich alles, was ich Orlando vielleicht an den Kopf knallen wollte. Ich möchte mich nur noch zu Chester hinbeugen. Und ihn leidenschaftlich küssen.

„Also dann kommt jetzt endlich. Ihr habt heute wirklich schon genug Zeit verschwendet”, bemerkt der Therapeut vorwurfsvoll. Ohne länger zu zögern, zieht er Chester an seinem Arm gepackt in Richtung der Gruppe, die sich am anderen Ende der Turnhalle befindet. Der Patient widersetzt sich dieser rauen Behandlung nicht. Gemeinsam gehen wir quer durch die große Halle. Madison und die Patienten schauen uns erwartungsvoll entgegen, als sie uns bemerken. Ich hasse es, dass alle mich anstarren. Frage mich verunsichert, was die anderen von unserer Balgerei und Chesters Unterhosen-Aktion mitgekriegt haben. Schließlich stehen wir neben der kleinen Therapeutin. Endlich lässt Orlando meinen Mann los. Worüber der auch froh zu sein scheint. „Alles okay mit dir, Chester?” will Madison freundlich besorgt wissen. Schaut ihn prüfend an. Er nickt und lächelt. Als wäre nichts gewesen. Trotzdem sieht er müde und krank aus. Die Psychiatrie hat ihm ohne Frage in den letzten dreiundzwanzig Stunden zu viel zugemutet. Ich kapiere nicht, warum die scheiß Therapeuten das so wenig interessiert. „Schön, Chester!” sagt Madison erleichtert, „Hör mal, während der Bewegungstherapie ist es wohl besser, wenn du dein langes Haar zusammenbindest. Und vielleicht kannst du auch deine Brille solange abnehmen.” „Nein, dann sehe ich nichts mehr”, lehnt Chester irritiert ab. „Ich habe ein Haargummi für dich!” meldet sich laut eine weibliche Stimme aus der Gruppe heraus. Noch bevor Chester über sein Haarproblem auch nur nachdenken kann. Blöde Kaitleen muss sich natürlich abermals in den Vordergrund drängen. Fuck, ich mag dieses Weib nicht! Ärgerlich sehe ich mir an, wie Kaitleen sich strahlend dem Sänger nähert und ihm ein hellblaues Haargummi reicht. „Dankeschön, Katie”, sagt Chester melodisch sanft mit seiner tollen Stimme. Er singt es förmlich für sie. Lächelt die Frau dankbar an. Nimmt den kleinen Gummiring entgegen. Warum muss der Kerl nur zu Jedem so verflucht freundlich sein? Ständig verhält der Patient Bennington sich einnehmend liebenswürdig. Ein Stich aus Eifersucht durchbohrt mich. Das doofe Haargummi passt aber kein bisschen zu deinem Outfit, Chester Bennington, denke ich angepisst.

Im nächstem Moment werde ich entschädigt. Als Chester in einer geschickt grazilen Bewegung seine weichen Dreadlocks zusammenfasst und sie mit dem Gummi zu einem Pferdeschwanz zusammenbindet. Die Schönheit des Anblicks fährt mir warm durch den ganzen Leib. Fokussiert sich angenehm in meinen Geschlechtsorganen. Sodass ich wohlig aufseufzen muss. Ob ich will oder nicht. Offenbar hat Chester sich schon öfter mal seine Haare zusammengebunden. Sofort fällt mir auf, wie viel deutlicher sein hübsches Gesicht ohne die verhüllenden Dreadlocks zur Geltung kommt. Fuck, das erregt mich tierisch. Dringend muss ich woanders hingucken. Ziellos wandert mein Blick durch die Gruppe der anderen Patienten. Alle stehen sie dort und gucken sich Chester an. Mein Mann scheint sie auf eine morbide Weise zu faszinieren. Vielleicht deshalb, weil Chaz vorhin auf seine ureigene Art für sie gesungen hat. Seine Stimme hat sie viel mehr beeindruckt, als sie ihm gezeigt haben.

„So, nun gut. Ihr zwei müsst euch erst einmal gründlich aufwärmen. Darum schlage ich vor, dass ihr jetzt zügig ein paar Runden durch die Turnhalle dreht, okay?” nimmt Madison die Leitung der Bewegungstherapie wieder auf. Gelangweilt werfe ich der kleinen Frau einen Blick zu. Joggen? Ernsthaft? Natürlich meint sie es ernst. Chester sieht auch nicht gerade begeistert aus. Lässt sich aber von Orlandos Hand auf seinem Rücken an die Seite der Turnhalle schieben. Mir fällt auf, dass der Mexikaner ihn viel zu oft anfasst. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Und Chester scheint diese Berührungen ebenfalls zu verabscheuen. Zwangsläufig schließe ich mich dem Therapeuten-Patienten-Gespann an. Neben Orlando und Chester gehe ich bis zur Wand der Turnhalle. „Drei Runden im flotten Tempo, okay?” fordert die Aufsichtsperson uns auf. Ich nicke und laufe los. Habe das alarmierende Gefühl, dass alle mich seltsam anstarren. Sie kichern und flüstern über mich. Hinter meinem Rücken. So, als würden sie langsam ahnen, dass ich zu Chester Bennington eine intime Beziehung aufgebaut habe. Ich will nicht, dass irgendjemand das denkt. Oder auch nur darüber spekuliert. Ich habe vor Orlando schon viel zu viel preisgegeben. Darum kümmere ich mich nicht um den charismatischen Sänger. Sondern versuche, einen möglichst großen Abstand zu ihm zu erreichen. Außerdem sieht Chester in seiner Sportkleidung dermaßen verlockend aus, dass es mir auf Dauer schwerfällt, seinen geilen Anblick einfach so cool hinzunehmen. Es ist besser, wenn ich ihn nicht mehr allzu oft anschaue. Am besten tue ich so, als wäre Herr Bennington einfach nur irgendein Mitpatient. Der mich nicht weiter interessiert. Die anderen wissen ja, dass Mike Shinoda eigentlich gar nichts interessiert. So soll das auch bleiben. Damit fühle ich mich noch immer am wohlsten. Ich mag es nicht, den Leuten irgendein lächerliches Gesprächsthema zu liefern.

Ziemlich schnell habe ich die erste Runde entlang der Turnhallenwände vollendet. Bin zurück bei Orlando, der am Startpunkt steht und Chaz und mich unentwegt im Auge behält. Das nervt mich. Denn ich brauche seine Aufsicht nun wirklich nicht. Allerdings scheint sein Interesse vorrangig dem anderen Patienten zu gelten. Automatisch folge ich Orlandos unzufriedenem Blick. Bemerke, dass Chester noch nicht mal eine halbe Runde hinter sich gebracht hat. Der Sänger joggt wohl irgendwie. Aber extrem langsam. So, als hätte er alle Zeit der Welt. Offensichtlich hat der Faulpelz nicht vor, sich anzustrengen. Natürlich fällt das auch Orlando auf. „Hey, Mike! Sag ihm bitte mal, dass er ein bisschen schneller werden muss!” ruft der Therapeut mir zu. Als ich an ihm vorbeirenne. Sag ihm das doch selbst, denke ich spontan verärgert, das ist ja wohl deine Aufgabe. Aber ich nicke nur. Beschleunige mein Tempo. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass die Patientengemeinschaft sich aus dem angrenzenden Geräteschuppen Yogamatten holt. Ihre Bewegungstherapie ist also schon in der Entspannungsphase angekommen. Dann kann die Stunde nicht mehr allzu lange dauern. Vorüber ich sehr froh bin. Ich habe keine Lust mehr, in dieser Turnhalle zu sein. So freundlich und modern sie auch gestaltet sein mag. Das bedrohliche Gefühl, dass alle mich irgendwie heimlich anstarren, will einfach nicht verschwinden.

In einem Anfall von Wut renne ich schneller. Schon bald nähere ich mich dem anderen Patienten. Der sich auch aufwärmen soll. Werde langsamer. Betrachte ihn von hinten. Sein brünetter Dreadlock-Pferdeschwanz hüpft beim Joggen. Sein schlanker Körper bewegt sich kräftig. In faszinierender Harmonie. Seine langen Beine arbeiten gemächlich. Ein hüpfender Schritt nach dem anderen. Sein knackiger Hintern bewegt sich auf eine enorm geile Art. Während ich hinter ihm her laufe, wird mir klar, dass ich ohne diesen Menschen nicht mehr sein will. Aber ich habe Angst, dass irgendwer in dieser Halle von meiner drängenden Begierde etwas merkt. Darum halte ich Abstand zu Chester. Als ich ihn kurzentschlossen überhole. „Du sollst ein bisschen schneller werden!” rufe ich ihm flüchtig zu. Ohne ihn dabei richtig anzusehen. Bin schon an dem Mann vorbei. Gebe richtig Gas.

Eine Minute später laufe ich zum zweiten Mal an Orlando vorbei. Der uns noch immer reglos beobachtet. Vor allen Dingen Chester. Der Therapeut sieht mich verstärkt unzufrieden an. Offenbar hört Chaz nicht auf mich. Dem Mexikaner gefällt das nicht. Dass der Patient nicht schneller joggt. Oder was weiß ich. Es ist mir egal. Damit habe ich nichts zu tun. Hebe nur kurz ratlos meine Schultern. Als ich Orlando einen schnellen Blick zuwerfe. Er soll wissen, dass ich meinen Auftrag an Chester erfüllt habe. Schnell renne ich an dem Therapeuten vorbei. Langsam schlägt mein Herz von der Anstrengung schneller. Mir wird richtig warm. Noch eine große Runde. Dann habe ich diese lästige Pflichtaufgabe erfüllt. „Chester! Komm mal bitte her!” höre ich den Mexikaner hinter mir rufen. Ich drehe mich nicht um. Laufe einfach weiter am Rand der Turnhalle entlang. In der Mitte der Halle haben sich inzwischen die übrigen Teilnehmer auf ihren Yogamatten niedergelassen. Zusammen mit Madison vollziehen sie irgendwelche Dehn- und Entspannungsübungen. Es ist besser, wenn ich Chester vorerst nicht mehr zu nahekomme. Jedenfalls nicht, solange wir hier gemeinsam die Bewegungstherapie mitmachen. Es sind einfach entschieden zu viele Augen und neugierige Gehirne anwesend. Die will ich nicht ignorieren. Trotzdem kann ich nicht verhindern, dass ich während meiner letzten Joggingrunde verstärkt an Chester denken muss. Ungewollt erinnere ich mich daran, wie wahnsinnig schön es war, das merkwürdige Tattoo auf seinem Rücken nachzumalen. Wie sehr es mich erregt hat, den warmen Mann zu streicheln. Noch immer frage ich mich, ob Chester von meiner Zärtlichkeit tatsächlich sexuell erregt wurde. Oder ob der rätselhafte Kerl mir womöglich nur irgendwas vorgeschwindelt hat. Ich weiß es nicht. Fühle mich verunsichert. Würde ihm alles zutrauen. Denn ich kenne Chaz einfach noch nicht gut genug, um ihm zweifelsfrei ansehen zu können, ob er geil ist. Mann, daran sollte ich jetzt wirklich nicht denken! Nicht ausgerechnet an Sex. Seit meinem unerwartet intensiven Parkbankerlebnis mit Chester Bennington habe ich meine eigene Sexualität definitiv wiederentdeckt.

Energisch gebe ich Gas und beende meine dritte Hallenrunde im schnellsten Tempo. Orlando steht unverändert allein vor der Wand. Behält wachsam meinen Mann im Auge. Ich kann dem Therapeuten ansehen, dass er nicht zufrieden ist. Automatisch sucht mein Blick den neuen Patienten. Er läuft an der anderen Seite der Halle entlang. Naja. Nach wie vor ist es ein wunderschöner Anblick, diesen gut aussehenden Mann joggen zu sehen. Aber anstrengen tut er sich nicht. Jedenfalls nicht richtig. Chester hat sein Tempo kaum erhöht. Trabt noch immer gemächlich dahin. Gedankenversunken. Ohne etwas zu beachten. Es gefällt mir nicht, wie genervt Orlando meinen Chaz beobachtet. Nach Luft schnappend bleibe ich vor dem Bewegungstherapeuten stehen. „Jetzt lass ihn doch einfach mal in Ruhe!” fordere ich den großen Mann in der roten Sportkleidung mutig auf, „Chester ist hundemüde. Er hat schon seit zwei Nächten nicht geschlafen.” Der Blick des Mexikaners richtet sich erstaunt auf mich. Mustert mich misstrauisch. Tapfer halte ich stand. Weiß auch nicht, warum ich Orlando das jetzt unbedingt sagen musste. Es passierte schneller, als ich darüber nachdenken konnte. Mike Shinoda kann sich nicht bremsen. Handelt komplett unüberlegt. Schon wieder platzen meine Gedanken autonom aus mir heraus. Keine Ahnung, wo das herkommt. Warum sich diese peinlichen Vorfälle zu häufen scheinen. Chester hat das verursacht. Zweifellos. Meine neue Spontanität. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut für mich ist. Bisher hatte ich mich immer hervorragend im Griff. Habe lieber zu wenig, als zu viel gesprochen. Und bin ziemlich gut damit gefahren.

Aber jetzt habe ich abermals etwas vorschnell offenbart. Womit ich mich auseinandersetzen muss. Ob ich will oder nicht. Orlando studiert mich argwöhnisch prüfend. „Woher weißt du das denn, Mike?” fragt er mich vorsichtig. Seine dunkelbraunen Augen forschen nach dem Grund meines Mitgefühls für den Mitpatienten. Aber diesen Einblick gewähre ich ihm nicht. „Das ist ja wohl nicht schwer zu erraten!” bemerke ich vorwurfsvoll, „Dazu muss man sich den total übermüdeten Kerl doch nur genau ansehen!” „Du vermutest also nur, dass Chester zwei Nächte lang nicht geschlafen hat?” hakt Orlando ruhig nach. Seine Stimme ist sanft. Behutsam. Er ist mal wieder der verständnisvolle Therapeut. Der auch in ihm steckt. Den er aber normalerweise nicht allzu oft zeigt. Ich habe echt keine Lust, von dem Mexikaner analysiert zu werden. Aber genau das tut der Typ jetzt. Das ist mir vollkommen bewusst. Und ich kann mich seinem Einfluss nicht entziehen. Tief atme ich durch. Das schnelle Joggen war anstrengend. Mein Herz hämmert noch ein bisschen. Mühsam konzentriere ich mich auf das, was ich angerichtet habe. Betreibe Schadensbegrenzung. „Hör mal, Orlando. Ich kenne diesen Chester eigentlich gar nicht. Aber ich habe doch Augen im Kopf. Der Sänger ist müde und kaputt. Der muss sich einfach mal richtig ausruhen”, erkläre ich so unbeteiligt wie möglich. Orlandos tief forschende Augen machen mich wahnsinnig. Aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Zeige ihm ein versöhnliches Lächeln.

„Ich habe den Eindruck, dass du Chester schon ziemlich gut kennst. Ihr beiden seid sehr vertraut miteinander”, bemerkt der Therapeut vorsichtig. Als ich empört widersprechen will, stoppt er mich mit einer Handbewegung. Und einem Kopfschütteln. „Das ist nichts Schlimmes, Mike. Ich finde es nett von dir, dass du dich um deinen neuen Mitpatienten sorgst. Aber Chester kommt aus einem völlig anderen Leben als du. Er hat mit Problemen zu kämpfen, mit denen du zum Glück noch nie in Berührung gekommen bist. Von daher halte ich es auf jeden Fall für besser, wenn du dich ihm nicht noch weiter näherst. Lass dich bitte nicht von Herrn Bennington in irgendeiner Form beeinflussen”, muss ich mir von dem Sportler anhören. Spontan möchte ich darüber laut lachen. „Ach, das ist ja komisch, Orlando! Mein Psychologe hat mir genau das Gegenteil geraten!” platzt es spöttisch aus mir heraus. Zu gut erinnere ich mich an Brad Doyles begeisterte, eindringliche Worte, ich solle in Bezug auf Chazy Chaz auf jeden Fall meinem Herzen folgen. Orlando sieht mich verblüfft an. „Was hat dein Psychologe zu dir gesagt, Mike?” will er allen Ernstes alarmiert wissen. Obwohl er doch genau weiß, dass Gespräche zwischen Psychologe und Patient der absoluten Geheimhaltung unterliegen. Naja, ich will mal nicht so sein. Aber ich muss aufpassen, dass ich neugierigem Orlando nicht zu viel verrate. Der ist sowieso schon zu hellhörig und misstrauisch, was Chester und mich angeht. „Doktor Doyle hat gemeint, dass Chester gut für mich ist. Dass er mich weiterbringt”, verrate ich dem Mexikaner lächelnd. Dessen Augen immer größer werden.

„Stimmt das echt?” ruft jemand hinter mir voller Enthusiasmus. Schlägt mich kumpelhaft auf die Schulter. Sodass ich verschreckt zusammenfahre. „Ich bin gut für dich und bringe dich weiter?” Chester taucht neben mir auf. Lächelt mich erfreut an. Sofort paralysiert mich sein wunderschönes Gesicht. Seine wilden Haare sind am Hinterkopf zusammengebunden. Darum sieht man seine Zartheit noch deutlicher. Chester hat seine zweite Hallenrunde beendet. Macht nun Halt bei Orlando und mir. Der Typ ist vom Joggen kein bisschen außer Atem. Richtig angestrengt hat er sich auf keinen Fall. Verwirrt schaue ich ihn an. Das ist mir jetzt unangenehm. Dass er das mitgekriegt hat, was ich Orlando anvertraut habe. Auch der Therapeut sieht Chester nachdenklich an. Und schweigt. Chesters Augen wandern aufgekratzt hin und her. „Redet ihr von mir?” will er ungeduldig wissen, „Habt ihr über mich gesprochen?” „Du musst noch eine Runde laufen, Chester. Bitte jogge weiter. Und diesmal bitte ein bisschen mehr Tempo, Herr Bennington”, fordert Orlando ihn drängend auf. Aber der Patient schüttelt den Kopf. „Och nö, Orlando. Ich kann jetzt nicht mehr. Bin genug herumgejoggt”, meint er nörgelnd. Chester legt seine Hände wie zum Gebet zusammen. Fällt vor dem Therapeuten demütig auf die Knie. „Bitte! Erlasse mir die mühsame dritte Hallenrunde! Ja? Tust du das für mich, allmächtiger Orlando?” Flehend reckt er dem Mexikaner die gefalteten Hände entgegen. Chester Bennington hat überraschend gute Laune. Der junge Mann möchte albern sein. Es geht mal wieder mit ihm durch. Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Finde ich total witzig. Wie Chaz den nervigen Kerl verarscht. Es imponiert mir, wie wenig Respekt der Sänger vor dem Bediensteten der Psychiatrie zeigt. Obwohl er eigentlich nichts tut, was für Orlando irgendwie beleidigend wäre.

Gespannt schaue ich den Mexikaner an. Um mitzukriegen, wie er auf Chesters Provokation reagiert. Orlando schließt tatsächlich die Augen. Holt tief Luft. Im Bemühen, ruhig zu bleiben, öffnet er seine glühenden Augen langsam. „Steh bitte auf, Bennington”, zischt er. Umfasst mit seiner großen Hand Chesters tätowierten Oberarm. „Ach komm schon, zeig doch Gnade, Orlando”, kichert der neue Patient amüsiert. Lässt sich aber vom Therapeuten widerstandslos zurück auf die Beine ziehen. „So, jetzt hör bitte mal gut zu, Chester”, fängt der behutsam an, betrachtet seinen Schützling eingehend, „Ich habe den Eindruck, dass dir der Sinn deiner Aufgabe noch gar nicht klar ist. Ich jage dich hier nicht durch die Turnhalle, um dich zu ärgern. Es geht nur darum, dass du durch das Joggen deinen Körper aufwärmst. Und deshalb ist es notwendig, dass du dich ein bisschen anstrengst. Wenn deine Muskeln nicht richtig aufgewärmt sind, dann ist das Risiko einer Verletzung beim Sport sehr viel höher.”

Trotz Orlandos Bitte hört Chester nicht zu. Seine Aufmerksamkeit wird von den anderen Patienten abgelenkt. Die in der Mitte der Turnhalle leichte Yogaübungen vollziehen. Ich folge Chesters amüsiertem Blick. Sehe ein paar Mädchen, die sich gerade seltsam verrenken. Und dabei ihre Brüste und Ärsche auf provozierende Art hervorstrecken. In der engen, elastischen Sportkleidung, die sie tragen, ist das schon irgendwie ein erregender Anblick. Das muss ich insgeheim zugeben. Auch wenn mir das bisher bei der Bewegungstherapie nie aufgefallen ist. „Hast du mir zugehört, Chester Bennington?” fragt Orlando hörbar verärgert. Seine Geduld wird vom neuen Patienten stark strapaziert. Chester schaut ihn gleichgültig an. „Ja, ist schon gut”, lenkt er freundlich ein. „Dann lauf jetzt bitte noch eine Runde in hohem Tempo, okay?” seufzt Orlando ungeduldig. Chester nickt und rennt tatsächlich los. „Und du holst dir eine Matte und gesellst dich zu Madison und den anderen, Mike”, weist der Therapeut mich an. Erstaunt schaue ich dem Sänger hinterher. Er läuft richtig schnell. Das habe ich gar nicht erwartet. Es erregt mich, wie stark und geschmeidig Chesters faszinierender Körper sich bewegt. Wie kräftig seine langen Beine sind. Wie sein gebändigtes Haar im Windzug flattert. Sein geiler Po sich beim Laufen wiegt. Chesters Anblick berührt mich sehr viel stärker, als die Weiber bei den Yogaübungen zu beobachten. Das beunruhigt mich irgendwie. Ich weiß gar nicht, was ich davon halten soll. Was das für mich bedeutet.

Kurzentschlossen drehe ich mich um. Mache mich auf den Weg zum Geräteraum. Der direkt an die Turnhalle angrenzt. Er wird nur durch ein großes Rolltor von der Halle abgegrenzt. Welches offensteht. Ich weiß, wo die dünnen Turnmatten liegen. Hole mir eine. Dann gehe ich zurück in die Halle. Um mich der Patientengruppe anzuschließen. Mein Blick sucht automatisch den Besonderen. Ohne dass ich das eigentlich will. Chester rennt noch immer schnell. Mit großen, ausholenden Schritten joggt er am Rand der Turnhalle entlang. Orlando hat ihm wohl noch eine zweite schnelle Runde befohlen. Es fällt mir schwer, meinen Blick von dem strahlenden Engel abzuwenden. Mühsam konzentriere ich mich auf Madison. Die in der Mitte der Halle auf ihrer eigenen Matte sitzt. Anweisungen gibt und die Übungen auch gleich demonstriert. Niemand beachtet mich, als ich meine Matte ziemlich hinten am Rand der Gruppe auf den Boden lege. Setze mich auf die blaue, dünne Turnmatte. Muss mich zwingen, nicht nochmal zu Chester hinzusehen. Er ist gut für mich, überlege ich trotzig, Orlando hat doch keine Ahnung. Seit Chester hier ist, fühle ich mich sehr viel lebendiger. Chester ist der Grund, warum ich mich plötzlich sogar an mein altes Leben erinnern kann. Musik, denke ich mit einem Lächeln, ich möchte wieder damit anfangen, Musik zu machen.

Madison erklärt uns eine weitere Übung, die ich gelangweilt mitturne. Es ist wirklich nicht allzu schwer, was sie hier in der Therapie machen. Das ist höchstens Yoga für blutige Anfänger. Nach noch ein paar Übungen taucht Chester in meinem Blickwinkel auf. Sein Atem geht schwer. Schweiß glänzt auf seiner Stirn. Offensichtlich hat er sich inzwischen beim Joggen aufgewärmt. Der Sänger steht vorne bei der kleinen Therapeutin. In der Hand hält er eine dünne Yogamatte. Die er sich wohl aus dem Geräteraum geholt hat. Madison redet mit ihm. Aber ich kann von hier hinten die Worte nicht verstehen. „Ich helfe ihm!” kreischt Kaitleen plötzlich und steht auf, „Komm zu mir, Chester! Ich kann dir alles zeigen und erklären!” Chester lächelt liebenswürdig. Bewegt sich langsam auf Kaitleen zu. Legt seine Matte wahrhaftig direkt neben die des schrecklich aufdringlichen, vorlauten Mädchens. Mein Magen verkrampft sich. Abermals bin ich quälend eifersüchtig. Ohne es zu wollen. Verärgert schaue ich in eine andere Richtung.            


Chester Charles Bennington

Endlich ist die Bewegungstherapie vorbei. Madison und Orlando mussten mich zum Schluss noch zur Seite nehmen. Um mir den wichtigen Sinn dieser Veranstaltung zu erklären. Von beiden Therapeuten abwechselnd, wurde ich freundlich dazu aufgefordert, die Sache doch beim nächsten Mal bitte ein wenig ernster zu nehmen. Natürlich habe ich ihnen das versprochen. Ob ich es tun werde, steht aber noch nicht fest. Kommt immer auf meine Tagesform an.

War jedenfalls froh, als sie mich schlussendlich entlassen haben. Im Moment bin ich hundemüde. Und gleichzeitig merkwürdig aufgedreht. Mag am Sport liegen. Oder an irgendwas anderem. Als ich den Umkleideraum für Männer gefunden habe, ist niemand mehr dort. Alle anderen Patienten der Therapiestunde sind schon abgehauen. Bin enttäuscht, weil Mike nicht auf mich gewartet hat. Hätte mich sehr gefreut, den süßen Bartträger hier anzutreffen. Würde jetzt gerne ein paar Berührungen mit ihm austauschen. Direkt neben dem Bereich zum Umziehen führt eine weitere Tür zu den Duschen. Das stelle ich fest, als ich neugierig diese unbekannte Tür öffne. Auch die Duschen sind verwaist. Die weißen Kacheln sind nass. Offensichtlich wurde der Raum vor Kurzem benutzt. Mir fällt ein, dass ich zu lange nicht mehr geduscht habe. Fühlt sich jedenfalls so an. Bin von der verdammten Therapie nassgeschwitzt. Klebrig. Muss mich dringend säubern. Kurzentschlossen betrete ich diesen großen, leeren Gemeinschaftsduschraum. Setze die Brille ab. Ziehe mich aus. Stelle mich unter einen warmen, weichen Wasserstrahl. Blöderweise habe ich kein Duschgel. Darum muss das Wasser allein reichen. Es ist angenehm, den Dreck und Schweiß von meiner Haut zu spülen. Löse das Haargummi aus meinen Dreadlocks. Halte mein Gesicht in den wärmenden Strahl. Eine Weile stehe ich einfach so da. Denke an Mike. Frage mich, warum der schüchterne Kerl mir in der Turnhalle ständig aus dem Weg gegangen ist. Zeitweilig wollte er mich noch nicht mal mehr ansehen. Kann die Befürchtungen von Mister Shinoda nicht nachvollziehen. Der verdammt attraktive Mann ist mir ein einziges Rätsel. Erst als ich das Wasser abdrehe fällt mir auf, dass ich kein Handtuch habe. Shit! Verärgert setze ich meine Brille auf. Nackt und klatschnass laufe ich vom Duschbereich zurück in den Umkleideraum.

Während ich mich notdürftig mit meiner verschwitzten Sportkleidung abtrockne, suche ich die langen Schrankreihen ab. Um meinen Spind zu finden. Ich erinnere mich nicht, wo ich meine Klamotten verstaut habe. Deshalb muss ich mehrere Schränke öffnen. Bis ich endlich meine Sachen finde. Stopfe die feuchte Jogginghose, die weißen Turnschuhe und das nasse Tanktop in die Tasche. Die Pfleger Ulrich mir gegeben hat. Danach ziehe ich meine eigenen Klamotten an. Meine schwarzen Socken sind ebenfalls ganz feucht. Das ist widerlich. Das blaue Hemd und die helle Hose trage ich jetzt schon seit ein paar Tagen. Dringend brauche ich etwas Frisches zum Anziehen. Das erinnert mich daran, dass der verfluchte Professor Paulsen ohne meine Erlaubnis meinen Dad angerufen hat. Damit der mir ein Paket schickt. Der Gedanke frustriert mich unglaublich. Schlage spontan heftig mit der Faust gegen die Tür des Spindes. Tue mir dabei ziemlich weh. Das macht mich noch wütender.

Hastig schlüpfe ich in meine Kleidung. Schnüre mir die blauen Chucks an die Füße. Nehme die Tasche und verlasse den Umkleideraum. Ertappe mich bei der flehenden Hoffnung, dass Mike vielleicht draußen auf mich wartet. Sehne mich verdammt nochmal nach dem schwarzen Stachelkopf. Brauche ihn jetzt. Dringend. Finde nach kurzem Herumirren den Ausgang der Turnhalle. Das große Gebäude steht am Rand des Parks. In den ich nun aus der Eingangstür trete. Bin sofort tierisch enttäuscht. Weil Herr Shinoda nicht vor der Halle steht. Fühle mich von ihm verlassen. Schmerzhaft ignoriert. Niemand wartet auf mich. Nie. Die grelle Sonne blendet mich. Es ist wohl ungefähr Mittagszeit. Ich vermute, dass ich jetzt zum Mittagessen gehen soll. Obwohl mir das niemand gesagt hat. Bin ziemlich deprimiert. Total angepisst. Frage mich, warum Mikey nicht auf mich gewartet hat. Fürchte, dass der verflixt gut aussehende Patient mir womöglich konsequent aus dem Weg geht. Weil ich eventuell während der Therapie etwas getan habe. Was ihm nicht gefallen hat. Fange an zu grübeln. Lasse vergangene Situationen in meinem Kopf Revue passieren. Komme zu keinem Ergebnis. Ach, fuck, keine Ahnung, was mit dem komplizierten Halbjapaner los ist. Finde ich scheiße von ihm, dass er schon wieder nicht da ist. Dass er mich einfach so verlassen hat. Mich alleinlässt. Könnte seine beruhigende Nähe jetzt wirklich gut gebrauchen. Sehne mich nach Mike Shinodas besonderen Magie. Frustriert laufe ich los. In die Richtung, die mich wahrscheinlich zum Hauptgebäude der Psychiatrie führt. Niemand sonst ist zu sehen. Kein Mensch weit und breit. Der Park ist wie ausgestorben. Vielleicht sind schon alle beim Mittagessen. Es ist warm und sonnig hier draußen. Darum ist es nicht schlimm, dass meine Haare klatschnass sind. Und das Wasser ständig auf mein Hemd tropft. Auch meine Haut fühlt sich unter der Kleidung feucht an. Macht mir aber nichts aus. Langsam laufe ich über den Parkweg. Zwischen Bäumen und Sträuchern entlang.

„Chester! Hey! Warte mal!” schreit jemand. Erschreckt mich damit. Kommt freudestrahlend auf mich zugerannt. Es ist Kaitleen. Sofort bin ich enttäuscht. Weil es nicht Mike ist. Hinter der blonden Kalifornierin steht ihre schüchterne Freundin Tracy. Die ich auch schon seit gestern kenne. Aus der Gruppentherapie. Mit diesen beiden Mädels habe ich gerade in der Bewegungstherapie diese seltsamen Yogaübungen gemacht. Haben uns gegenseitig Hilfestellung gegeben. Das war lustig. Und körperlich echt nahe. Ich frage mich, ob die heißen Chicks mir hier im Park aufgelauert haben. Der Verdacht amüsiert mich. Fühle mich seltsam geschmeichelt. Weil meine Mitpatientinnen offenbar auf mich gewartet haben. „Hi Kaitleen!” grüße ich die freundliche Blonde mit den blauen Augen. Bin überrascht, als sie mir schnell einen Kuss auf die Wange drückt. Begehrlich schmiegt sie ihren weichen, wohlgeformten Körper an meinen. Ihr Mund knabbert sich vorwitzig durch die nassen Dreads zu meinem Ohr hin. „Sag mal, Chester, hast du nicht Lust, mit Tracy und mir zu kommen?” flüstert sie verblüffend doppeldeutig. Kaitleen kichert nervös. Schaut mich vielversprechend an. Das Herz fragend. Die Augen flehend.

Spontan muss Chester auch kichern. Nervös. Mein Herz stolpert verdutzt. Weil das, was das Mädchen mich da fragt, absolut unerwartet kommt. Und sich zweifellos ziemlich aufregend anhört. Das klingt wie ein geiles Abenteuer. Wie eine zeitweilige Chance zur Flucht. Nach kurzer Überlegung wird mir klar, dass Katies eindeutiges Angebot genau das ist, was ich jetzt haben will. Chester braucht dringend Ablenkung. Will nicht ständig an den abwesenden Mike Shinoda denken. Oder an seinen Dad. Oder daran, dass alles Scheiße ist. Kaitleens pralle Brüste sind sehr weich und warm. So dicht an mir. Alle ihre Rundungen ziehen mich an. Das Mädchen erregt mich. Geilt mich gezielt damit auf, dass sie mich aufreizend ihren ganzen Leib fühlen lässt. Sich wie eine Schlange um mich herum schlängelt. „Was habt ihr beiden Hübschen denn vor?” erkundige ich mich leicht verunsichert. Katies gierige Augen verschlingen mich. „Och, ich weiß auch nicht...”, spielt sie die Unentschlossene, „Einfach mal sehen, was so passiert.” Nochmal küsst sie meine Wange. Steckt mir ihre heiße, nasse Zunge in die Ohrmuschel. „Was meinst du dazu, Chesterlein? Hast du nicht Lust mitzukommen?” drängt sie ungeduldig. Wirft ihrer Freundin einen grienenden Blick zu. Tracy steht hinten auf dem Weg. Beobachtet uns aufmerksam. Ich habe den Verdacht, dass die beiden Mädchen ihren Überfall tatsächlich geplant haben. Vielleicht hat es ihnen gefallen, mit mir zusammen erstaunlich intime Yogaübungen zu machen. Schließlich konnten wir uns dabei so nebenbei fast überall anfassen. Vorzugsweise an delikaten Stellen. Das war schon irgendwie interessant. Beim albernen Herumturnen haben wir uns totgelacht. Wenn wir vorhin nicht gerade unter der strengen Aufsicht der beiden Therapeuten gestanden hätten, wären Kaitleen, Tracy und ich wohl irgendwann schon in der Turnhalle übereinander hergefallen. Das hat mir gefallen. Lächelnd schaue ich die Kleine an. Sie ist hübsch und einnehmend nett zu mir. Von Anfang an gewesen. Das muss man ihr lassen. Ich mag das fremde Mädchen.

„Okay, dann gucken wir mal, was passiert”, beschließe ich nervös kichernd. Bin angetörnt. Die Entscheidung fällt mir leicht. Kaitleen jubelt begeistert. Schlingt sofort besitzergreifend ihren Arm um meine Taille. Schiebt mich eilig neben sich her auf Tracy zu. Deren Augen werden immer größer. Aufgeregt schnappt sie nach Luft. Tracy ist eher schüchtern. Hat bisher fast nichts zu mir gesagt. Sieht aber ebenfalls recht gut aus. Mit ihren flammend roten Haaren. Den vielen Sommersprossen. Und den dunkelblauen Augen. Beide Mädchen haben eine tolle Figur. Das ist mir schon in der Turnhalle aufgefallen. Jetzt tragen sie knappe Jeansshorts. Und enge T-Shirts dazu. Ihre weiblichen Reize stechen mir direkt ins Auge. In Chester Bennington fängt es an zu kribbeln. Bin aufgeregt. Echt motiviert. Frage mich unwillkürlich, wie weit die beiden Patientinnen wohl mit mir gehen wollen. Was genau die geilen Weiber jetzt von mir erwarten. Mein Kopf stellt sich die schärfsten Sachen vor. Wilde, hemmungslose Pornos laufen da ab. Unwillkürlich. Nervös frage ich mich, ob ich Katie und Tracy wohl alle beide erfolgreich befriedigen kann. Bin mir wahrhaftig nicht sicher, ob ich das im Moment problemlos schaffe. Weil ich unverändert groggy bin. Die Anstrengungen der sogenannten Bewegungstherapie haben das nicht gerade gebessert. Ganz im Gegenteil. Andererseits fühle ich mich aber auch geflasht. Bin voller Tatendrang. Mein höchst vertrauter, innerer Zorn verleiht mir wohltuende Energie. Ich beschließe, diese unverhoffte Sache auf mich zukommen zu lassen. Einfach gucken, was passiert. Spontan sein. Insgeheim hoffe ich auf eine geile Episode mit Kaitleen und Tracy. Die ich beide ohne Frage gut leiden kann.

Das blonde Mädchen aus Los Angeles dirigiert mich geradewegs querfeldein. In die Büsche hinein. Tracy folgt uns kichernd auf dem Fuße. Offenbar kennen die beiden abenteuergeilen Chicks ebenfalls einen ungestörten Platz in dieser weitläufigen Parkanlage. Genau wie Mike Shinoda. Prompt muss ich an ihn denken. Ich erinnere mich, wie wir gemeinsam auf seiner versteckten Bank lagen. Der mega aufgeheizte Halbjapaner halb über mir. Wie er mich gestreichelt und voller Leidenschaft geküsst hat. Wie warm und zärtlich seine Hände sind. Wie verflucht gut Mikey sich anfühlt. Nochmal wird mir bewusst, wie sehr ich den Besonderen vermisse. Sehne mich nach ihm. Pausenlos. Frage mich abermals, warum der wankelmütige Kerl nicht auf mich gewartet hat. Er ist einfach ohne mich abgehauen. War Mike wütend wegen irgendwas? Was ich falsch gemacht habe? Wird er mit mir darüber reden? Hoffentlich wird das Gespräch mit Mister Shinoda nicht nochmal so mühsam wie das letzte, grübele ich innerlich stöhnend.

„Da sind wir, mein Freund aus Arizona!” verkündet Kaitleen stolz. Mit einer weitläufigen Handbewegung zeigt sie mir die versteckte, helle Lichtung. Automatisch lasse ich meinen Blick ringsum schweifen. Es ist schön hier, zweifellos. Nichts Besonderes. Aber vor neugierigen Blicken gut verborgen. Eine Wiese. Das Ufer von einem kleinen See. Alte, hohe Bäume. Und grüne, dichte Sträucher. Kaitleen küsst mich nochmal auf die Wange. Auf das Kinn. Den Mundwinkel. Begierig. „Mann, du pikst total, Chester!” beschwert das freche Mädchen sich, „An deinem hübschen Gesicht sind überall harte Bartstoppeln. Du musst dich dringend mal rasieren!” Aufreizend wischt sie sich mit den Fingern über die roten Lippen. Als hätte ich sie verletzt. Der Anblick bewirkt irgendwas in meiner Hose. „Du hast so toll gesungen, Chester”, meldet sich Tracy scheu, die neben ihrer Freundin steht, „Das war absolut ergreifend, wie du diesen Song präsentiert hast. Und deine Stimme ist fantastisch.” Ihre Augen strahlen vor Anerkennung. Freundlich lächele ich sie an. Es ist schön, was die Fremde zu mir sagt. Fühlt sich gut an. „Danke, Tracy. Das ist nett von dir”, erwidere ich. Zwinkere ihr zu. Sie errötet leicht. Ringt nach Luft. Schaut gehemmt in eine andere Richtung. Damit dürfte wohl endgültig klar sein, dass die Initiative für dieses geheime Treffen von dem anderen Mädchen ausgeht. Kaitleen nimmt meine Hand. Zieht mich energisch auf die Wiese. „Komm hierher, Chester Bennington! Setzen wir uns doch!” drängt sie aufgekratzt. Nötigt mich dazu, mich zusammen mit ihr auf die Wiese zu setzen. Sofort mache ich mir deshalb Sorgen. Wegen möglicher, hässlicher Grasflecken oder Erde auf meinen Klamotten. Der Dreck würde eventuell nicht mehr so leicht rausgehen. Und verdammt, ich habe nur die Kleidung, die ich momentan am Körper trage. Aber dieses Risiko muss ich wohl eingehen. Wenn ich relativ bequem mit den Mädels rummachen will. Und das möchte ich auf jeden Fall tun. Schiebe den Gedanken an verschmutzte helle Hosen mühevoll beiseite.

Setze mich neben Kaitleen auf den Boden. Tracy lässt sich auf meiner anderen Seite ins weiche Gras sinken. Beide Mädchen sind mir jetzt auffällig nah. „Woher kennst du meinen Nachnamen?” frage ich Kaitleen. Bin mir ziemlich sicher, in ihrer Gegenwart meinen Familiennamen noch nie genannt zu haben. Die Blonde lacht belustigt. „Der hat sich doch schon längst überall herumgesprochen!” informiert sie mich kichernd. „Du bist eine Berühmtheit in der Psychiatrie, Chester”, schaltet Tracy sich ein, „Schon seit du in der Nacht für alle gesungen hast. Der neue Mann aus Phoenix, der ziemlich laut singen kann.” Tracy klopft mir anerkennend auf die Schulter. Streichelt meinen Oberarm über dem Hemd. Mir war gar nicht bewusst, dass mein betrunkener Auftritt ein derartiges Interesse hervorgerufen hat. Meine nächtliche Ankunft in der geschlossenen Psychiatrie scheint lange her zu sein. Und doch erinnere ich mich. Verschwommen. Wie ich alleine über den unbekannten, scheinbar endlosen Flur gelaufen bin. Lauthals singend. Über meine eigenen Füße stolpernd. Das war der Moment, als ich den wundervollen Halbjapaner zum ersten Mal gesehen habe. Plötzlich stand er vor mir. Lauschte andächtig meinem grölenden Gesang. Der aufmerksame Mann mit den glänzend schwarzen Haaren. Dem flauschigen Bart. Den fantastisch braunen Knopfaugen. Mister Mike Shinoda. Ungewollt mogelt der rätselhafte Besondere sich aufs Neue in meinen deprimierend einsamen Kopf.

„Deine Tattoos sind so toll”, schwärmt Tracy leise, „Darauf fahre ich total ab. So etwas habe ich noch nie gesehen. Diese vielen Farben. Das muss doch total wehgetan haben.” Der weibliche Tattoo-Fan intensiviert sein Streicheln an meinem linken Arm. Malt wohl mein Sternzeichen-Tattoo nach. Obwohl sie es durch das Hemd hindurch gar nicht sehen kann. „Ich mag deine Dreadlocks”, meint Katie. Fährt mir liebevoll mit gespreizten Fingern über den Kopf. Sanft durch mein Haar. „Deine geilen Locken sind ja total nass”, stellt sie flüsternd fest. Zu viele eindeutig fordernde Berührungen. „Hier, ich hab noch dein Gummi”, informiere ich die Blonde verwirrt. Beide Mädchen prusten abrupt los. „Du hast ein Gummi dabei, Herr Bennington?” neckt Kaitleen mega amüsiert. Guckt mich so frivol an, dass mir ganz heiß wird. Der Schweiß bricht mir aus. Krame hektisch in meiner Hosentasche. Um mich abzulenken. Nach dem Haargummi. Fühle seltsame, mir unbekannte Hemmungen in mir. Die mich absolut verunsichern. Frage mich konfus, ob das hier wirklich eine gute Idee ist. Bin mir nicht mehr sicher, ob ich dem gewachsen bin. Chester ist total ausgebrannt. Fühlt sich entsetzlich nüchtern. Vermisse den Alkohol in meinem Blut. In meinem Kopf. Sehne mich nach mentaler Betäubung. Viel. Dringend. Wenn ich betrunken wäre, dann hätte ich jetzt garantiert keine Angst, denke ich frustriert. Zu Hause hat mir Sex mit mehreren Mädchen meistens nur Spaß gemacht. Hinterher konnte ich mich ja sowieso kaum noch an was erinnern. Aber jetzt bin ich eindeutig überfordert. Ausgelaugt. Ich bin so schrecklich müde. Nüchtern. Fuck, ich bin total nüchtern.

„Hast du gerade geduscht, Chester Bennington?” fragt Katie sanft. Lächelt mich liebevoll an. Während ihre Finger zärtlich durch meine nassen Locks fahren. Feucht über mein Gesicht streicheln. „Ja, klar...”, antworte ich abgelenkt. Reiche ihr das hellblaue Haargummi. Was sie dankend entgegennimmt. Und in ihrer Shorts verschwinden lässt. Mein Blick bleibt auf ihrem nackten Oberschenkel kleben. „Bist du noch irgendwo tätowiert?” will Tracy neugierig wissen. Ihre Hand bewegt sich suchend über meinen Körper. Über meinen Arm. Zu meiner Schulter. Langsam fährt sie an meinem Hemdkragen entlang. Mogelt sich tiefer auf meine Brust. Streichelt mein blaues Hemd. Umkreist jeden einzelnen Knopf. Behutsam. Das fühlt sich gut an. Kann ich nicht mehr lange ignorieren. „Ich würde mir gerne noch sehr viel mehr Tattoos stechen lassen”, verrate ich ihr, „Aber das geht leider nicht.” „Warum nicht?” fragt Tracy sofort. Frustriert schnaufend schaue ich das rothaarige Mädel an. Finde ihre Frage rührend naiv. „Weil ich Geld verdienen muss, Tracy. Mit zu vielen Tattoos kriege ich keinen Job.” „Tracys Eltern sind mega reich”, erklärt Kaitleen mir die Naivität ihrer Freundin, „Sie musste noch nie Geld verdienen.” Tracy guckt erstaunt. „Verdienst du denn mit dem Singen nichts, Chester? Du hast doch eine erfolgreiche Band, die bald viele Alben verkauft!” forscht sie ahnungslos. Meine Eingeweide verkrampfen sich. Ich kapiere nicht, warum diese offenbar von Haus aus finanziell verwöhnte Frau davon ausgeht, dass meine Band erfolgreich ist. Sie sagt das, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Kinderleicht zu erreichen. Überhaupt kein Problem. Angesichts der Menge an Arbeit, die ich bisher leider recht erfolglos in meine Band gesteckt habe, ärgert mich Tracys Ignoranz. Sie schmälert den Wert meiner musikalischen Bemühungen. Zweimal muss ich tief durchatmen. Will nicht wütend werden. Sage mir, dass die Frau einfach nur keine Ahnung hat. „Also... bis jetzt kann ich mit Grey Daze noch nicht mal meine Miete bezahlen...”, versichere ich dem dummen Menschen. Tracy wirkt verwirrt. Ist irritierend sprachlos. „Ja, die Menschen sind so engstirnig”, meldet sich Kaitleen, um die angespannte Situation zu retten. „Die geben dir einen Job nicht, nur weil du tätowiert bist. Die sind doch alle blöd. Deine Tattoos sind wunderschön”, bekräftigt sie im Brustton der Überzeugung. Dankbar schaue ich die Blonde an. Möchte sie gerne küssen. Will jetzt nicht mehr nachdenken müssen. Das Schattendasein von Grey Daze frustriert mich zu sehr.

Tracy streichelt noch immer meine Brust. Fühle ihre zärtlichen Finger intensiver. „Dein Hemd ist total nass, Chester”, stellt sie kopfschüttelnd fest, „Ist dir denn nicht kalt?” „Nein”, kichere ich nervös. Wie könnte einem Mann unter der kalifornischen Sonne mit zwei hübschen, willigen Mädels an seiner Seite auch kalt sein? Tracy lächelt verliebt. Wandert mit ihrer Hand sanft an meiner Brust hinab. Zu meinem Bauch. Mein Herz schlägt schneller. Atmen wird mühsamer für mich. Lehne mich ein bisschen zurück. Stütze mich mit der Hand auf der Wiese ab. „Erzähl uns etwas von dir, Chaz”, fordert Kaitleen mich auf. Sie ist noch immer mit meinem Kopf beschäftigt. Unentwegt kämmt sie mit gespreizten Fingern mein Haar. Streichelt liebevoll mein Gesicht. Schaut mich dabei sehnsuchtsvoll an. Die beiden Frauen sind höllisch interessiert. Definitiv. „Das... über mich... gibt’s nichts zu erzählen...”, lehne ich stockend ab. „Oh, das glaube ich nicht!” widersprechen beide Mädels gleichzeitig. „Über Chester Bennington gibt es mit Sicherheit jede Menge Aufregendes zu erzählen!” Katie blitzt mich mit ihren blauen Augen an. „Wie ist es so, in Phoenix zu leben?” horcht sie mich neugierig aus. Ich muss grinsen. „Ich denke mal, dass ist so, wie in jeder anderen amerikanischen Großstadt auch”, erwidere ich spöttisch, „Du kommst doch aus L.A., Kaitleen. Du weißt genau, wie es ist, in der Stadt zu leben.” „Ja, aber Phoenix ist doch ganz anders!” wendet sie allen Ernstes ein. Lachend schüttele ich den Kopf. „Ne, da ist gar nix anders, Süße. Autos und Dreck und Lärm.” Muss prompt an Phoenix denken. Meine weit entfernte Heimatstadt. Vermisse sie trotz allem. Sehr. All meine Lieblingsplätze. Das deprimiert mich. Wie gerne wäre ich jetzt zu Hause. Unverzüglich würde ich ins Studio gehen. Energisch die Jungs zusammentrommeln. Konzentriert am Album arbeiten. Fuck, das muss ich wirklich dringend tun. Träume erfüllen sich nicht von allein.

„Wann genau kommt denn eure erste CD raus?” fragt Tracy mich. Als hätte die fremde Frau meine Überlegungen gehört. Nachdenklich schaue ich sie an. Tracy hat echt viele Sommersprossen auf ihrer kleinen Nase. Ihre Augen leuchten in einem ungewöhnlich dunklen Blau. Chester will jetzt nicht daran erinnert werden, dass er bei der Veröffentlichung des Grey Daze Debüts höchstwahrscheinlich nicht dabei sein darf. Das frustriert ihn total. Macht ihn viel zu wütend. „Schon bald”, antworte ich knapp. Beuge mich kurzentschlossen zu Tracy hin. Küsse die Fremde kurz auf den Mund. Lecke einmal zart über ihre Unterlippe. Ziehe mich zurück. Schaue sie fragend an. Entzückt stelle ich fest, dass das schüchterne Mädchen rot wird. Diesmal wendet sie allerdings ihren Blick nicht ab. Drastisch spüre ich, wie ihre kleine Hand an meinem Bauch mutig in tiefere Gefilde wandert. Prompt hämmert mein Herz los. Als Tracy den Reißverschluss meiner Chino erreicht. Ihr roter Mund ist jetzt leicht geöffnet. Sie atmet schwerer, die Süße. Genau wie ich. „Chester...”, flüstert sie scheu. „In Phoenix ist es doch viel wärmer als in L.A.” Kaitleen beschäftigt sich noch immer mit meiner Heimatstadt. Widerstrebend drehe ich meinen Kopf zu ihr. „Das stimmt nicht. Es ist nicht das ganze Jahr wärmer. Garantiert nicht. Nur im Sommer”, informiere ich sie seufzend. „Wie hältst du das denn aus? Diese Temperaturen über 38 Grad?” will sie wissen. Fasziniert betrachtet Kaitleen aus der Nähe mein Gesicht. Ihr blondes Haar leuchtet in der Sonne. Das Blau ihrer Augen ist sehr viel heller als das von Tracy. Die ertastet gerade wahrhaftig meine Geschlechtsorgane in meiner Chino. Spüre das ziemlich deutlich. Fühlt sich gut an. Ungewollt stöhne ich auf. „Das geht schon... es... ist eine trockene Hitze... auszuhalten... sie kommt aus der Wüste...”, stammele ich abgelenkt. Kaitleens Lächeln wird breiter. Mein ungewolltes Stöhnen amüsiert sie. Außerdem kann sie sehen, was ihre Freundin mit mir anstellt. „Die allermeisten Gebäude sind klimatisiert”, setze ich schnell hinzu.

Ändere nervös meine Sitzposition. Tracys Hand klebt in meinem Schritt. Hört nicht damit auf, mein Paket zu massieren. So viel freche Eigeninitiative habe ich der vermeintlich Schüchternen gar nicht zugetraut. Werfe ihr einen vage gehetzten Blick zu. Den sie nicht bemerkt. Ihre Aufmerksamkeit hat sich auf meinen Unterleib fokussiert. Sie sieht sich genau an, was sie da durch die Hose hindurch knetet. Drehe meinen Kopf zurück zu Kaitleen. „Was habt ihr beiden Süßen denn eigentlich mit mir vor?” muss ich das Girl jetzt einfach fragen. Gerührt lächelt sie mich an. „Wir wollen dir so gerne was Gutes tun, Chester”, wispert sie gespielt verlegen. „Wir wollen dir auch etwas schenken. Weil du uns heute dieses wundervolle Lied geschenkt hast”, erklärt Tracy. Interessiert schaut sie auf. Nimmt ihre Finger aus meinem Schritt. Was mich einerseits erleichtert. Andererseits bedauere ich es. Die beiden Mädchen studieren mich erwartungsvoll. Ich bin verwirrt. Mein Blick wandert ratlos zwischen Kaitleen und Tracy hin und her. Zwei mir bisher unbekannte, hübsche, junge Gesichter. Mehr nicht. Eine Weile herrscht seltsame Stille. Bis Katie die Initiative ergreift. Vorsichtig legt sie mir ihre Hand auf die Brust. Auf mein nasses Hemd. Bewegt zart streichelnd ihre kleinen Finger. Kribbelt sich langsam an mir herunter. Mein Brustbein entlang. Stetig tiefer. Sanft über meinen Bauch. Offenbar will sie da weitermachen, wo Tracy erst vor einer halben Minute aufgehört hat. Unwillkürlich halte ich die Luft an. Als sich ihre Hand vorsichtig zwischen meine Beine schiebt und meine sensiblen Weichteile umfasst, stöhne ich auf. Laut. Automatisch.

„Was wollt ihr mir schenken?” frage ich keuchend. Die beiden Hühner kichern aufgeregt. Schauen sich verschwörerisch an. Das beunruhigt mich. Habe das Gefühl, womöglich irgendwie verarscht zu werden. Alarmiert schaue ich mich auf der Lichtung um. Ob da vielleicht noch mehr hinterhältige Weiber lauern oder so was. Kann in der näheren Umgebung niemanden entdecken. Frage mich paranoid, ob sich jemand irgendwo versteckt hat. Aber Kaitleen massiert gerade ziemlich gefühlvoll mein empfindsames Package. Die Blonde ist dabei energischer als Tracy vorher. Sehr selbstbewusst. Eindeutig erfahrener. Das fühlt sich so verflucht geil an, dass meine paranoiden Bedenken ganz von allein verblassen. Ich werde erregt. Zwangsläufig. Berühre deshalb Kaitleens T-Shirt. Um ihre rechte Brust zu streicheln. Fühlt sich sehr weich an. Wechsele auf die linke Brust. Das Weib hat scheinbar nichts dagegen. Chester darf ihre großen Titties anfassen. „Was wollt ihr mir schenken, Mädels?” frage ich nochmal. Weil die Mädchen nur verschmitzt kichern. Mich neugierig beobachten. Sich konspirativ zuzwinkern. Und mir nicht antworten. Sehe Kaitleen und Tracy belustigt an. Die sind niedlich, die zwei. „Fühlt sich das gut an, Chester Bennington?” will Katie amüsiert wissen. Schmiegt sich anhänglich an meine Seite. Während ihre geschickten Finger mich gezielt bearbeiten. Durch die Hose hindurch ertastet sie gekonnt meinen Schwanz und meine Eier. Massiert gefühlvoll meinen Sack. Ihre andere Hand liegt an meiner Taille. Tätschelt beruhigend meinen Hüftknochen. Aufmerksam studiert sie mein Gesicht. Beide Frauen scheinen irritierend wissbegierig. Sie lechzen danach zu erfahren, was diese intime Berührung wohl bei mir auslöst. „Ja”, gebe ich schnaufend zu. Sofort intensiviert Kaitleen ihre Bemühungen. Entlockt mir damit ein weiteres Stöhnen. Gefühle sammeln sich in meinem Unterleib. Höchst vertrauter Druck baut sich auf. Werde langsam steif. Fühlt sich geil an. „Das wollte ich schon in der Sporthalle machen”, verrät Katie leise, „Als wir so eng geturnt haben. Das war erregend, dich dabei anzufassen, Chester.” Die Frau wirft Tracy einen auffordernden Blick zu. Diese nestelt daraufhin dreist am Knopf meiner Chinohose herum. Will mir den Reißverschluss öffnen.

Irgendwas stimmt nicht. Schlagartig fühle ich mich alarmiert. „Ey, Moment mal... wartet mal kurz...”, keuche ich konfus. Meine innere Stimme spricht verstärkt Warnungen aus. Mein schockierter Verstand klingelt die Sirene. Ein entschieden zu großer Teil von mir scheut abrupt das unkalkulierbare Risiko. Panisch setze ich mich auf. Ziehe schützend die Füße heran. Greife hastig nach Kaitleens Hand zwischen meinen Beinen. Tracys frechen Fingern an meiner Hose. Muss beide Gefahren dringend abwehren. Zum Glück verstehen die Mädchen mich. Lassen mich ohne Widerstand los. Lachend nehmen sie ihre vorwitzigen Gliedmaßen von meinem Körper. Kaitleen und Tracy sitzen rechts und links neben mir auf der Wiese. Betrachten mich unverändert interessiert. Bin erleichtert. Weiß nicht, was mit mir los ist. Was um mich herum passiert. Das muss am fehlenden Alkohol liegen. Verwirrt schaue ich die beiden jungen Frauen an. Diese Menschen sind mir gänzlich fremd. Kenne sie erst seit einem Tag. Flüchtig. Habe nicht den Hauch einer Ahnung davon, was ihre wahre Motivation für dieses seltsame Spiel im Verborgenen ist. Bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich es überhaupt mit ihnen spielen will. Verdammte Scheiße nochmal! Wilder Chazy Chaz ist definitiv stocknüchtern. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Meine eigene Panik ist mir fremd. So etwas ist mir noch nie passiert. Zu Hause wäre mir mit Sicherheit scheißegal, ob ich die Chicks kenne, mit denen ich wo auch immer rummache, denke ich frustriert. Besoffener, zugeknallter Bennington würde es einfach genießen. Aber hier ist alles anders. An diesem Ort fühle ich mich nicht sicher. Alarmierend angreifbar. Mein Geist muss all diese Eindrücke und Gefahren vollkommen unbetäubt ertragen. Das ist verdammt ungewohnt für mich.

Nervös wandert mein Blick von den Mädchen weg über die kleine Lichtung. Es ist schön hier, zugegeben. Die Sonne spiegelt sich in dem kleinen See. Die Wiese, auf der wir sitzen, ist saftig und grün. Vögel zwitschern in den hohen Bäumen. Ein scheinbares Idyll. Aber mir will nicht aus dem Kopf, dass ich mich mit den beiden Weibern in einer Grünanlage befinde, die Bestandteil der verfickten geschlossenen Psychiatrie ist. Dieser Scheiß macht mir zunehmend zu schaffen. Habe das bedrohliche Gefühl, dringend vorher etwas über die Chicks erfahren zu müssen. Bevor ich sie auf diese Art an mich heranlasse. Irgendwas. Um sie besser einschätzen zu können. Bevor sie mich womöglich überwältigen. Andererseits finde ich meine eigenen Überlegungen dermaßen idiotisch, dass sie mich stinksauer machen.

„Warum bist du hier, Kaitleen?” wende ich mich verzweifelt an die Blonde auf meiner linken Seite. Ihre Augen weiten sich erstaunt. Ich fürchte, ihr entgeht mein blöder Anfall von verwirrter Panik nicht. Das ist mir unangenehm. Vor den Weibern will ich auf keinen Fall schwach erscheinen. Kaitleen schaut mich aufmerksam an. Lächelt liebevoll. Hebt langsam ihre Hand. Streichelt vorsichtig über meine Wange. „Ich möchte lieb zu dir sein, Chester. Ehrlich. Ich bin hier, weil ich dir etwas Gutes tun will. Das ist der einzige Grund. Du kannst mir vertrauen”, flüstert sie sanft. Deutet auf ihre Freundin. Setzt hinzu: „Tracy ist aus dem gleichen Grund hier wie ich. Wir wollen dich beide nur beschenken. Wir wollen dich glücklich machen.” „Wir haben dich sehr gern, Chester Bennington”, wispert Tracy schüchtern an meiner rechten Seite. Ich schaue sie nicht an. Konzentriere mich ganz auf Kaitleen. Muss unbedingt wissen, ob das Mädel die Wahrheit sagt. Aber ziemlich schnell kapiere ich, dass die Mädchen mich kinderleicht anlügen können. Chester würde es nicht mal merken. Weil er seine Gespielinnen kein bisschen kennt. Das kotzt mich ganz schön an. Ungeduldig schüttele ich den Kopf. „Nein, ich meine doch, warum du hier in der Psychiatrie bist”, erkläre ich ein wenig zu schroff. Besorgt mustert Katie mein Gesicht. Registriert meinen verärgerten Tonfall. Versucht wohl zu erraten, was in meinem irren Schädel los ist. Da steht sie allerdings auf verlorenem Posten. Weil ich das selbst nicht weiß. Habe das Gefühl, jeden Moment durchzudrehen. Plötzlich sehne ich mich wie verrückt nach Mike Shinoda. Der Bärtige würde mich beruhigen. Mit ihm hätte ich diese nervigen Probleme nicht. Es gäbe keinerlei panische Bedenken. Ängstlicher Chester Bennington würde sich mit Mike Shinoda sicher und geborgen fühlen. Das weiß ich aus Erfahrung.

Eine Weile ist es bis auf das ständige Vogelgezwitscher ganz still. Während ich ungeduldig auf eine Antwort warte. Schließlich gibt Kaitleen sich einen spürbaren Ruck. Mutig schaut sie in meine Augen. „Das ist kein schönes Thema, Chester”, gibt sie zögernd zu bedenken. „Ist mir klar!” fauche ich sie an. Habe mich nicht gut im Griff. Es fällt mir schwer, meine aufkochende Wut zu kontrollieren. Das gefällt mir nicht. Ich will das nette Mädchen nicht anfauchen. „Ich leide an Anorexia nervosa”, vertraut Katie mir hastig an. „Das ist eine Essstörung. Man nennt es auch Magersucht”, schiebt sie sofort die Erklärung hinterher. Verunsichert schaut sie mich an. Ich sehe die Verletzlichkeit in ihren strahlend blauen Augen. Bin gerührt. Hebe instinktiv meine Hand. Streichele ihr sanft über die Wange. Wie sie es auch bei mir gemacht hat. „Geht es dir gut?” erkundige ich mich mitfühlend. Bin verwirrt. Finde nicht, dass Kaitleen besonders dünn aussieht. Im Gegenteil. Die Kleine hat eine total geile Figur. Mit allen Rundungen an den richtigen Stellen. Offensichtlich ist sie schon ziemlich lange hier. Was sie auch gleich bestätigt. „Ja, mir geht’s inzwischen wieder ganz gut, Chester. Die haben mir hier echt geholfen. Mein Gewicht ist zur Zeit stabil. Und ich lerne hier vernünftig zu essen”, erzählt sie mir vertrauensvoll. Plötzlich finde ich Kaitleen herzerweichend sympathisch. Ich kann nicht anders. Muss sie einfach küssen. Nähere mich ihr ganz langsam. Ihre blauen Augen weiten sich erwartungsvoll. Auf dem letzten Zentimeter kommt sie mir entgegen. Unsere Lippen treffen sich zögernd. Vorsichtig tasten wir uns aneinander. Unser Kuss ist zuerst behutsam. Aber schon bald will ich dringend in sie eintauchen. Klopfe mit meiner Zunge fragend gegen ihre roten Lippen. Sie erhört mich. Lässt mich zaghaft ein. Während ich Katie sanft mit meiner Zunge küsse, streichelt meine Hand über ihre Schulter. Über ihren nackten Hals und ihr Schlüsselbein. Sie küsst recht gut. Ihre Haut fühlt sich warm an. Ich bin heilfroh, dass das Mädchen mir diese Erklärung gegeben hat. Und keine andere. Auch wenn ich nicht weiß, ob sie die Wahrheit gesagt hat. Eine Anorexie erscheint mir weniger bedrohlich zu sein wie Schizophrenie oder so was. Weiß auch nicht. Kenne mich damit nicht aus. Psychische Erkrankungen haben mich schon immer verwirrt.

„Warum bist du denn hier, Chester?” höre ich Tracy schüchtern hinter mir. Zu meinem Bedauern löst ihre Freundin sich aufhorchend von mir. Guckt mich gespannt an. „Ja genau, was ist dein Grund, Herr Bennington?” hakt sie mega neugierig nach. Seufzend setze ich mich gerade hin. Vom harten Boden tut mein Hintern weh. Mein Steißbein bohrt sich in die Wiese. Strecke daher meine Beine aus. Werfe Tracy einen leicht genervten Blick zu. Weil sie mit ihrer Frage meinen vielversprechenden Kuss mit Kaitleen unterbrochen hat. Der war schön. Hat mir Lust auf mehr gemacht. „Verrate mir erst deine Ausrede, um hier zu sein”, fordere ich Tracy grinsend auf. Kann mir irritiert ansehen, wie sie zusammenzuckt. Unbehaglich meinem Blick ausweicht. Die rothaarige Frau will mir ihre Krankheit nicht offenbaren. Sie schweigt. Sieht mich nicht an. Nachdenklich betrachte ich ihr Gesicht. Tracy hat helle, reine Haut. Eine hübsche Nase. Rote Lippen. Diese Sommersprossen sind echt geil.

Eine Weile ist es still auf der versteckten Lichtung. Langsam dreht mein Kopf durch. Weil das Mädchen mir nicht antwortet. Womöglich ist sie eine total durchgeknallte Psychopathin, fürchte ich verstört. „Tracy hat versucht sich umzubringen”, durchbricht schließlich Kaitleen mit leiser Stimme die Stille. Meine Aufmerksamkeit wandert zum blonden California-Girl. „Verdammt, Katie! Halt die Klappe!” regt Tracy sich auf. Schlägt an mir vorbei nach ihrer Freundin. Es ist ihr peinlich. Tracy wollte nicht, dass ich von ihrem Selbstmordversuch erfahre. Das rührt mich so stark, dass mir ganz heiß wird. Blitzartig wird mir klar, dass diese beiden Mädchen mich genauso wenig kennen wie ich sie. Die wissen eigentlich gar nichts über mich. Diese Erkenntnis beruhigt mich seltsamerweise. Keine Ahnung, wie so etwas funktioniert. Oder warum das in einem abläuft. Es sind nur Gefühle, die ich habe. Spontan. Verwirrte Gedanken. „Wie hat sie es versucht?” frage ich Katie interessiert. „Hör auf! Sei still!” warnt Tracy unglücklich. „Sie hat Tabletten genommen”, verrät mir ihre Freundin trotzdem. Hebt ratlos die Schultern. Lächelt verhalten. Das ist schon okay, denke ich besänftigt. Gedanken an Selbstmord sind mir nun wirklich nicht fremd. Damit fühle ich mich eigenartig vertraut.

Vorsichtig drehe ich mich zu Tracy hin. Fühle mich zufrieden. Finde das Mädchen hübsch. Meine Hand streichelt das unbekannte Gesicht. Fährt sanft durch feines, rotes Haar. „Und deine Begründung, Herr Bennington?” will Tracy schüchtern wissen. Offenbar hat sie nichts dagegen, dass ich sie anfasse. „Bin mit Gras erwischt worden”, gebe ich gleichgültig zu. „Was? So ein Schwachsinn!” kreischt sie abrupt. Die Selbstmörderin ist schlagartig aufgebracht. Sie ist verletzt. Weil sie davon ausgeht, dass ich sie anlüge. Die Kleine hat kein Selbstvertrauen. Ich muss mich um sie kümmern. „Nein, Tracy. Das ist die Wahrheit”, versichere ich ihr sanft. „Du kannst uns ja viel erzählen, Chester! Wegen Gras kommt man doch nicht in die Psychiatrie!” faucht sie ungläubig. Ihre dunkelblauen Augen glitzern feucht. Es rührt mich, dass Tracy vor lauter Frustration anfängt zu weinen. Sofort strecke ich die Hand nach ihr aus. Wische ihr zärtlich die Tränen von der Wange. Streichele über ihr hübsches Gesicht. „Ist doch egal, Tracy. Es ist doch nicht so schlimm, dass du versucht hast dich umzubringen. Das... habe ich auch schon versucht”, berichte ich ihr leise. Überrascht betrachtet sie mich. Scheint mir diesmal zu glauben. Ihre Augen werden größer. Sie schluchzt leise. Unterdrückt. „Ach, Chester...”, seufzt sie ratlos.

Spontan beuge ich mich zu ihr. Weil ich diesem süßen Mädel jetzt dringend näherkommen muss. Unsere gemeinsamen Erfahrungen mit Selbstmordversuchen verbinden uns. Auf eine sehr tröstliche Art. Lege meine Lippen sanft auf ihre. Tracy wehrt sich nicht. Spüre, wie ihre Arme mich scheu umschlingen. Küsse Tracy ganz vorsichtig. Sie öffnet ihre Lippen. Fleht förmlich um meine Zunge. Was ich nicht erwartet habe. Es verblüfft mich, wie gierig sie meinen Kuss entgegennimmt. Wie verschlingend ihre Zunge mit meiner spielt. Die schüchterne Tracy küsst mich, als hätte sie insgeheim schon die ganze Zeit darauf gewartet. Und doch ist sie vorsichtig genug, damit ich meine Brille nicht verliere. Vielleicht hat sie schon öfter einen Brillenträger geküsst. Streichele beruhigend über den Rücken und die Schultern des zärtlichen Mädchens. Mein Herz schlägt schneller. Sie fühlt sich gut an. Bekomme wirklich Lust. Auf mehr. Schließe genüsslich meine Augen. Versinke zunehmend in diesem Kuss mit Tracy. Spüre nebenbei überaus intensiv, wie eine Hand sich frech zwischen meine Oberschenkel mogelt. Schon wieder. Als wäre mein Schwanz ein Magnet. Bin nicht sicher, wessen Hand es ist. Kann auch gerade nicht hingucken. Meine Augen sind fest zu. Bin mit der Rothaarigen beschäftigt. Die unbekannte Hand findet zielstrebig meine Geschlechtsorgane. Drückt sie vorsichtig in der Chino. Massiert sie auf eine vertraute, energisch-gefühlvolle Weise. Das muss Kaitleen sein, vermute ich verdutzt. Die geile Schnecke kann ihre Finger nicht von meinem Schwanz fernhalten. Mein Weener zieht sie magisch an. Das amüsiert mich. Kenne das von den Frauen. Finde es zu geil, um mich zu beschweren.

Mein Arm tastet blind nach dem Mädchen auf meiner anderen Seite. Dem anderen Mädchen. Dem blonden aus Los Angeles. Beide Körper sind mir jetzt erstaunlich nah. Sie schmiegen sich an mich. Fühlen sich warm an. Tröstlich. Meine Hand streichelt über einen Busen, der wohl Katie gehört. Drücke angenehm weiches Fleisch. Das fährt mir sofort in den Unterleib hinein. Kaitleens Titten zu berühren ist definitiv erregend. Automatisch wird der Kuss mit Tracy stürmischer. Umfasse mit der rechten Hand ihren Hinterkopf. Um sie noch näher an mich heranzuziehen. Tauche meine Zunge tief in eine warme, nasse Mundhöhle hinein. Während meine linke Hand die Brüste von Kaitleen liebkost. Tracy erwidert meinen Kuss. Sie lässt sich gierig auf mich ein. Verschlingt mich. Ist gar nicht mehr scheuer als ihre Freundin. Das California-Girl öffnet mutig den Knopf meiner Chino. Zieht langsam den Reißverschluss herunter. Diesmal habe ich seltsamerweise so gar nichts dagegen einzuwenden. Kann das im Gegenteil kaum erwarten. Mein Herz hämmert los. Verblüfft schnappe ich nach Luft. Stöhne in Tracys Kuss hinein. Als ich die massierende Hand deutlicher an meinem Penis spüre. Direkt auf meiner Unterhose. Meine Zunge flattert fahriger in Tracys süßem Mund. Kaitleen bewegt sich. Das Mädchen beugt sich hinab. Zielstrebig. Sodass meine Hand von ihrer Brust gleitet. Fühle stattdessen nur noch ihren Kopf. Fahre blind durch langes, weiches Haar über meinem Schoß. Die andere Hand streichelt Tracys Rücken. Die Selbstmörderin schmiegt sich an mich. Küsst mich voller Leidenschaft. Fährt behutsam mit ihren Händen an meinem Nacken entlang. Das verursacht mir eine Gänsehaut. Unbewusst lehne ich mich ein wenig zurück. Strecke instinktiv mein Becken vor. Damit Kaitleen noch besser an mich herankommt. Nehme meine Hand aus ihrem Haar. Um mich auf dem Boden abzustützen. Ich ahne, was das forsche Mädel vorhat. Angetan lege ich es darauf an. Sie genau dort zu spüren. An meiner intimsten Stelle. Alles in mir verlangt flehend danach. Gierig. Egoistisch.

Chester ist geil geworden. Das Blut fängt von alleine damit an, sich voreilig in meinem erwartungsfrohen Schwanz zu stauen. Ich werde größer und härter. Langsam. Das fühlt sich verflucht gut an. Auch wenn es ein bisschen peinlich ist. Tatsächlich schiebt das blonde Girl mir sorgfältig den Slip runter. Klemmt den Gummibund unter meine Eier. Behutsam befreit sie meinen wachsenden Freund aus seinem Unterhosen-Gefängnis. Beugt sich tief über ihn. Nimmt mich ohne zu zögern in den heißen, feuchten Mund auf. Katie ist extrem vorsichtig. Ich spüre das, ohne es zu sehen. Ihre warme Zunge fängt damit an, sanft über meine enorm empfindsame Eichel zu kreisen. Shit! Autonom klappen meine Augen auf. Ein Stöhnen entringt sich mir. Erschaudere am ganzen Körper. Schnappe aufgeregt nach Luft. Alarmiert. Kann nicht weiter küssen. Geht nicht. Keine Luft. Löse mich hilflos von den süßen Lippen der Rothaarigen. Starre Tracy mit offenem Mund an. Total schockiert. Tracy atmet schwer. Kichert nervös. Sie ist wirklich angetörnt. „Chester...”, flüstert sie verliebt. Es gefällt ihr sehr, mich leidenschaftlich zu küssen. Glaube ich. Ich find's auch toll. Die andere Frau lutscht meinen Schwanz. Und killt mich damit. Stöhne ziemlich laut auf. Kann nicht anders. Mein Herz schlägt so schnell. Ein geiler Schauer zuckt durch meinen gesamten Leib. „Wow, Katie...”, ächze ich vorwurfsvoll. Halte mich zitternd an Tracy fest. Glotze erstaunt auf meinen Unterleib runter. Will sehen, was da unerwartet Wohltuendes passiert. Das fremde Mädchen aus L.A. richtet sich auf. Guckt mich verlegen an. Sie ist verunsichert. Kaitleen hält meinen halbsteifen Penis in ihrer kleinen Hand. Streichelt ihn sehr zurückhaltend.

„Ist das okay für dich, Chester? Geht dir das zu schnell? Magst du das denn?” will sie schuldbewusst von mir wissen. Ratlos sehe ich sie an. Bin seltsam verwirrt. Weiß gar nicht mehr, was hier eigentlich geschieht. Wie ich in diese komische Lage gekommen bin. Mein Blick bewegt sich über die kleine Lichtung. Nach irgendwas suchend. Analysiere im Kopf hastig meine derzeitige Situation. Chester Bennington sitzt mit lang ausgestreckten Beinen zwischen zwei unbekannten Psychiatriepatientinnen. Auf einer Wiese. In einem Park. Beide Weiber wollen mir aus irgendeinem Grund etwas schenken. Mir angeblich was Gutes tun. Tracy küsst ganz ordentlich. Kaitleen hat anscheinend vor, mir einen zu blasen. Und verdammt, diese Aussicht reizt mich gerade enorm. Mir wird bewusst, dass ich schon relativ lange nicht mehr gekommen bin. Darauf habe ich jetzt bemerkenswert große Lust. Obwohl es im Moment auch irgendwie peinlich ist. So entblößt zu werden. Inmitten zwei hübscher Mädchen. Die ich nicht einzuschätzen weiß.

„Oho, wow, du bist ja richtig gut gebaut, Chester Bennington”, kichert Tracy schmeichelhaft beeindruckt. Ich registriere, dass beide Chicks neugierig und aufmerksam meinen Schwanz begutachten. Aufgeregt giggelnd schauen sie sich ihn genau an. Nervös ändere ich meine Sitzposition. Stütze mich mit den Händen auf der Wiese ab. Meine Finger bohren sich ins Gras. Muss mich zwingen, mir nicht instinktiv schützend die Hände in den Schritt zu pressen. Würde mich diesen äußerst privaten Einblicken der Fremden gerne entziehen. Meine Erektion wird prompt schwächer. Weil ich mich unwillkürlich schäme. Kaitleen gibt meinem schrumpfenden Penis einen zärtlichen Kuss. „Ja, der ist wunderschön”, findet sie. Küsst ihn gleich nochmal. Liebevoll. Schleckt zärtlich mit ihrer heißen, nassen Zunge drüber. Zum Glück habe ich gerade geduscht, fährt es mir verlegen durch den Sinn. „Du, Chester”, meint Kaitleen lächelnd und sieht mich an, „Wenn du etwas nicht willst, dann musst du uns das sagen, okay?” Das kluge Mädel zieht aus meiner körperlichen Reaktion wohl ihre logischen Rückschlüsse. „Nein, das ist gut”, schüttele ich peinlich berührt den Kopf, „Das fühlt sich geil an... Katie... ich... mag das gerne... echt...” Kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo auf der Welt einen Kerl gibt, der es nicht genießt, einen geblasen zu kriegen.

Ratlos blicke ich in Kaitleens junges Gesicht. Diese Kleine ist wirklich hübsch. Ihr langes, blondes Haar glänzt in der Sonne. Die hellblauen Augen strahlen. Bin verwirrt. Weiß gar nicht mehr, was ich jetzt machen soll. Was überhaupt von mir erwartet wird. Katies Lächeln wird strahlender. Sie ist erfreut. Die Frau fühlt sich bestätigt. Sofort verliert sie keine Zeit mehr. Beugt sich erneut tatendurstig über mich. Fasst ihn vorsichtig an und steckt ihn in den Mund. Kaitleen bläst mich verblüffend gefühlvoll. An meiner empfindsamsten Stelle spüre ich ihre berauschenden Künste überwältigend intensiv. Ihre weichen Lippen umschließen mich herrlich eng. Sanft leckt sie über meine Eichel. Ihre heiße Zunge fühlt sich auf meinem mit Nervenenden übersäten Fleisch ein bisschen rau an. Feucht. Das macht mich völlig verrückt. Ihre Hand knetet zärtlich meine Hoden. Die andere fährt fest an meinem Schwanz auf und ab. Alles zusammen ist der absolute Hauptgewinn. Davon werde ich enorm aufgegeilt. Unwillkürlich erschaudere ich gurrend. Stöhne ein weiteres Mal auf.

„Wir mögen dich total gerne, Chester!” versichert Tracy mir freundlich. Die Selbstmörderin mit den roten, langen Haaren schlingt ihre Arme aufs Neue um mich. Kommt selig lächelnd näher. Drückt ihre Lippen auf meine. Verwickelt mich in einen zweiten, sehr gefühlvollen Zungenkuss. Ergeben schließe ich die Augen. Nehme mir vor, die zweifellos verfickt geile Sache hier jetzt nur noch zu genießen. Diese rätselhaften Mädchen wollen mir was schenken. Und ich nehme ihr zärtliches Geschenk gerne an. Küsse Tracy mit wachsender Leidenschaft. Lege meine Arme um sie. Drücke den warmen Körper an mich. Das ist schön. Habe das vermisst. Zwischen meinen Beinen wächst es schnell. Werde richtig hart. Zwangsläufig. Die forsche Kaitleen leistet hervorragende Arbeit. Diese Frau legt sich gezielt ins Zeug. Scheint erfahren zu sein. Was erfolgreiche Blowjobs angeht. Verblüfft registriere ich, wie extrem stark meine Empfindungen werden. Meine Erregung steigert sich in rasender Geschwindigkeit. Die geile Lunte in meiner Wirbelsäule wurde angezündet. Das Feuer brennt sich an mir herunter. Unaufhaltsam. Das dauert nicht lange, wenn die Frau auf diese direkte Art weitermacht. Schlagartig ist mir das sonnenklar. Aber verdammt, es fühlt sich verflucht überwältigend an, was sie tut. Und natürlich macht sie genau so weiter.

Mein Herz fängt an zu hämmern. Das Atmen fällt schwerer. Unruhig rutsche ich auf der Wiese herum. Mein gieriger, ausgehungerter Unterleib drängt dem äußerst angenehm warmen, saugenden und leckenden Mund und den streichelnden Händen autonom entgegen. Mein Körper spannt sich. Zittert. Zuckt. Ich seufze immerzu. Stöhne. Ringe nach Luft. Bekomme Schwierigkeiten, mich konzentriert dem Kuss mit Tracy zu widmen. Sorge mich darum, die süße Rothaarige womöglich zu vernachlässigen. Aber Tracy scheint zum Glück kein Problem damit zu haben. Das ich abgelenkt werde. Der Mensch, der sich schon mal umbringen wollte, nimmt mich zunehmend in Beschlag. Ihr runder, weicher Körper klebt an meinem. Sie reibt sich förmlich an mir. Umarmt mich dabei. Streichelt mich überall. Küsst trotz der kratzigen Stoppeln pausenlos mein Gesicht. Ich frage mich, ob die koketten Mädchen diese Arbeitsteilung wohl vorher abgesprochen haben. Vielleicht kann Kaitleen besser blasen und Tracy besser knutschen. Der Gedanke bringt mich zum Lachen. Bin total atemlos. Ächze zufrieden. Verdutzt wird mir klar, dass ich mich im Moment wahrhaftig wohlfühle. Diese lieben Hühner behandeln mich mit zärtlich-liebevoller Freundlichkeit. Sie mögen mich auch körperlich. Das tut mir erstaunlich gut.

Fast unbemerkt drängt Tracy mich zurück. Lehnt sich verstärkt gegen mich. Bis ich keine andere Wahl mehr habe, als mich auf den Rücken zu legen. Plötzlich liege ich im Gras. Genau das wollte die Kleine zweifellos erreichen. Hilflos klappen meine Augen auf. Bin vage alarmiert. Weil ich halt einer gegen zwei bin. Will mich nicht ausgeliefert fühlen. Und doch bin ich es. Ohne Frage. Und zwar mehr, als ich wahrhaben möchte. Stelle fest, dass das auf dem Rücken liegen recht bequem ist. Tracy legt sich hastig dicht neben mich. Auf die Wiese. Schmiegt ihren weichen Körper direkt an meinen. Lächelt mich verschwörerisch an. „Du bist wunderschön, Chester”, schmeichelt sie mir leise, „Ich habe noch nie einen Mann wie dich getroffen.” „Du auch... Tracy...”, keuche ich. Ziemlich schnell knöpft das Weib mir mein blaues Hemd auf. Zieht das Unterhemd hoch. Streichelt meine nackte Brust. Knuddelt sanft meine Nippel. Hingerissen stöhne ich auf. Laut. Hemmungslos. Das Feuer brennt jetzt verdammt heiß in mir. Kann das nicht lange aushalten. Drücke den fremden Körper zärtlichkeitsbedürftig an mich. Genieße die Wärme und Sanftheit ihrer Nähe. Tracy findet konsequent meinen Mund. Legt ihre roten Lippen auf meine. Tastet mit ihrer neugierigen Zunge zwischen meine Lippen. Wollüstig öffne ich mich. Küsse sie stöhnend. Mit erstaunlicher Sanftheit erforscht sie nochmal das Innere meiner Mundhöhle. Ihre harte, heiße Zunge tastet sich zart über meine Lippen. Liebkost meine Zähne. Umspielt meine Zunge mit einer nassen Zärtlichkeit, die mir sämtliche Härchen aufstellt. Ihre Zunge streichelt mich. Ihre Finger liebkosen meine Brust. Meinen Bauch. Mein Herz bumpert wie verrückt. Die Gefühle, die mir geschenkt werden, überwältigen mich. Rauben mir die Kontrolle. Sodass ich wohlig aufstöhnen muss. Mein stetig aufgegeilter Leib windet sich ungesteuert auf der Wiese. Als verstärkt heiße Schauer meine Wirbelsäule hinab kriechen. Und pausenlos in meinem Schwanz explodieren.

Vollständig berauscht spüre ich nur noch, dass Mike mich lutscht, bläst, knabbert, streichelt, wichst, was auch immer. Der Besondere ist nah bei mir. Endlich ist er da. So lange habe ich mich nach ihm gesehnt. Nach dem hier. Mit ihm. Michael. Mike. Shi-no-da. Sehe sein liebes, rundes Gesicht. Den flauschigen, dichten Bart. Sein toll stacheliges, schwarzes Haar. Die süß abstehenden Ohren. Die leuchtend braunen Halbasiatenaugen. Seine roten, erregend vollen Lippen. Schließen sich um mich. Lange halte ich nicht mehr durch. Das ist mal sicher. „Okay... Oooh...”, ächze ich verwirrt. Stöhne endgültig übermannt. Mein angespannter Körper zuckt in gieriger Euphorie. Weiß nicht mehr, was um mich herum passiert. Oder wo ich mich gerade befinde. Spielt auch keine Rolle. Die heftige Geilheit fokussiert sich in meinen inzwischen fast schmerzhaft harten Weichteilen. In rasender Geschwindigkeit. Ich bin fast soweit. Faszinierender Druck baut sich in meinen Lendenwirbeln auf. Kurz vor der Explosion steigert sich meine sexuelle Erregung auf eine Art, die wahrscheinlich sphärischen Ursprungs ist. Mich restlos übermannt. Kann es nicht zurückhalten. Keine Chance. Killt mich. Macht mich alle. Komplett. Weiß nicht, wo das herkommt. Oder was es bedeutet. Ist mir auch egal. „Mmm... Aaaah...”, kommt ziemlich laut aus meiner Kehle. Oder irgendwas anderes. Keine Ahnung. Ich werde ganz steif. Meine Muskeln erstarren. Meine Beine strecken sich. Bis meine Knochen knacken. Mein Körper macht sich lang. Ganz von alleine. Detoniere. Entlade die gewaltig aufgestaute Energie in mehreren heftigen Stößen. Eruptiv schießt es eigenständig aus mir heraus. Das warme Zeug platscht mir auf den Bauch. Auf den Unterleib.

„Ey! Verdammt!” flucht eine weibliche Stimme. „Chester!” beschwert sich jemand vorwurfsvoll. Höre die Stimmen aber nur im Unterbewusstsein. Kriege einfach nicht viel mit, wenn ich gerade ejakuliere. Bin auf meine eigenen Gefühle beschränkt. Geht gar nicht anders. Die sind nämlich verflucht überwältigend endgeil. Genieße jede einzelne der viel zu wenigen Sekunden. Die Ekstase ist im Endeffekt nur ein Augenblick. Danach fühle ich mich angenehm entspannt. Langsam verklingt die körperliche Euphorie. Bebe leicht nach. Die Verspannung lockert sich. Sanftes Wohlbefinden macht sich breit. Eine entspannte Müdigkeit durchdringt mich. Liege im weichen Gras. Stelle mir vor, wie Mikey mich ansieht. Auf diese eine, ganz besondere Art. Die ich wie verrückt an ihm liebe. Von der ich nicht genug kriegen kann. Mikes wunderschönes Gesicht drückt dann diese sonderbare Faszination aus. Er scheint gefesselt von mir. Fast ungläubig. Manchmal, wenn er denkt, ich würde es nicht merken, schaut Mike mich an, als wäre ich das Allerschönste, was er auf der ganzen Welt je gesehen hat. Dieser seltene Blick aus großen, staunenden Augen macht mich wertvoll. Das fühlt sich so ungewohnt an. So gut. Bisweilen gibt der Patient Shinoda mir das absolut berauschende Gefühl, als hätte ich tatsächlich irgendeinen Wert für ihn. Das ist schön. Zu gerne werde ich von Mikey auf diese eine Art angeschaut. Zufrieden breitet sich ein Lächeln auf meinem Gesicht aus. Behaglich. Es ist bequem hier. Ich bin müde. Am liebsten würde ich jetzt einschlafen. Und von Mike Shinoda träumen.

„Weißt du, Chester, du hättest mich ja wenigstens vorher warnen können”, nörgelt Kaitleen anklagend. Ihre Stimme dringt unangenehm schrill in meinen wundervollen Tagtraum ein. Mir wird bewusst, dass ich nicht allein bin. Obwohl ich in meiner Nähe seltsamerweise niemanden mehr fühle. War da nicht gerade noch ein warmer Körper? Nah an meiner Seite? Schlagartig erinnere ich mich an meine zwei Begleiterinnen. Und daran, was gerade zwischen uns passiert ist. Chester war wohl irgendwie kurz weggetreten. Jetzt hat das Weib ihn mit ihrem Gemecker unsanft zurück in die Realität befördert. Nur ungern öffne ich meine Augen. Zögernd. Glotze sofort in Kaitleens und Tracys hübsche Gesichter hinein. Beide Mädchen haben sich aufgerichtet. Sitzen noch immer neben mir auf der Wiese. Berühren mich aber nicht mehr. Beobachten mich nur eingehend. „Das ging ja überraschend schnell, hör mal. Du hattest es wohl bitter nötig, was, Herr Bennington?” bemerkt Tracy unüberhörbar belustigt. Die beiden Chicks fangen an zu kichern. Hastig rücke ich meine verschobene Brille auf den richtigen Platz. Schaue alarmiert an mir herunter. Stütze meinen Oberkörper auf meinen Ellenbogen. Damit ich besser hinsehen kann.

Erst jetzt registriere ich das Taschentuch. Mit dem Katie sich die Hände abwischt. „Warum hast du denn nichts gesagt, Chester? Du hättest mich vorwarnen müssen, das du schon soweit bist. Dann hätte ich besser...”, seufzt sie entschuldigend. „Fuck!” entfährt es mir entsetzt. Als ich das scheiß Sperma auf mir entdecke. Meine Klamotten haben von meinem heftigen Orgasmus wahrhaftig was abgekriegt. Unabsichtlich. Mein Blick schnellt aufgescheucht zu Kaitleen. „Weißt du, Katie, ich hatte da gerade irgendwie was anderes im Kopf, als dich vorzuwarnen. Ich bin doch tatsächlich davon ausgegangen, dass du wüsstest, was passiert, wenn du mir einen bläst.” Meine Stimme ist aufgebracht. Habe mich nicht gut im Griff. Böse funkele ich das dumme Mädchen an. Traurig erwidert sie meinen vernichtenden Blick. „Natürlich wusste ich, was passiert”, erwidert sie hörbar beleidigt, „Ich habe nur nicht so schnell damit gerechnet.” „Ja, Chaz, das kam wirklich überraschend. Kaitleen hat sich total erschreckt”, schaltet Tracy sich ein. Lächelt mich besänftigend an. Streichelt beruhigend über meine Brust.

Im Moment kann ich diese Berührung allerdings nicht ertragen. Außerdem will ich auf keinen Fall noch länger von den Hühnern begutachtet werden. Hektisch stemme ich mich aus der Rückenlage hoch. Sodass Tracys Hand von meiner Brust gleitet. Setze mich auf. Ziehe beschämt die schwarze Unterhose über mein noch immer entblößtes Paket. Ärgere mich über das weiße Sperma in meinem Schamhaar. An meinem Bauch. Auf meiner Chino. Frage mich angepisst, warum das blöde Weib nicht einfach geschluckt hat. Bin deswegen dämlich gekränkt. „Sorry, Katie, ich wollte dich ehrlich nicht erschrecken”, sage ich nur ein bisschen ironisch, „Aber das ist es nun mal, was du mit dem Blasen bei mir auslöst. Ich kann das nicht... verhindern.” Kaitleen lächelt gerührt. „Hat es dir gefallen?” will sie wissen. Ihre blauen Augen betrachten mich liebevoll. „Das war schön, nicht wahr?” fragt auch Tracy neugierig. Ratlos schaue ich von einem Mädchen zum anderen. Die zwei sind nett. Irgendwie kann ich ihnen gar nicht mehr böse sein. „Ja, das war geil”, gebe ich seufzend zu. Alles andere wäre nämlich gelogen. Ich kann den Frauen ansehen, wie sehr meine Anerkennung sie freut. Fühle mich plötzlich verlegen. Weil ich von uns dreien der einzige bin, der gerade einen Orgasmus hatte. „Und was ist mit euch?” erkundige ich mich schüchtern. Ziehe den Reißverschluss meiner Chino hoch. Mache den Knopf zu. „Was meinst du damit, was mit uns ist?” erwidert Kaitleen verwirrt. Sieht mich fragend an. Diese Situation ist mir peinlich. „Ich dachte... ihr wollt vielleicht auch...”, stammele ich echt idiotisch. Weiche ihrem verständnislosen Blick aus. Meine Augen sehen den kleinen Teich am Rande der Lichtung. Ich muss das Sperma dringend abwaschen, bevor es getrocknet ist, fällt mir siedend heiß ein. Die Hühner gackern schon wieder. Das geht mir auf die Nerven.

Darum stehe ich kurzerhand auf. Laufe über die Wiese zum See hin. Das Ufer ist flach und sandig. Das Wasser schlägt seichte Wellen. Keine Ahnung, wie ich mich hier waschen soll. Ärgere mich, dass ich kein Taschentuch oder so was dabei habe. Dass ich daran nicht schon eher gedacht habe. Dass so etwas passieren kann. Wenn man abspritzt. Hocke mich so gut es geht in die Nähe des Wassers. Mache meine Hose wieder auf. Schöpfe kaltes Nass in der hohlen Hand. Versuche, mich irgendwie damit zu säubern. Meinen bespritzten Körper. Auch meine Klamotten. Klappt nicht gut. Und ist bitterkalt. „Das ist wirklich süß von dir, dass du an uns denkst, Chesterlein”, spricht mich plötzlich Kaitleen von der Seite an. Erschrocken sehe ich sie an. Es ist mir ziemlich peinlich, dass die Frau mir so nah beim intimen Waschen zusieht. Trotzdem mache ich damit weiter. Spüle mein Schamhaar. Meinen Unterbauch. Meinen Sack. Die Hosen. Mit eiskaltem Wasser. Will das lästige, klebrige Zeug dringend loswerden. „Aber hier ging es gerade nur um dich, Chester. Mach dir um Tracy und mich keine Sorgen, okay?” Kaitleen streichelt liebevoll durch mein Haar. Das eisige Wasser friert mir beinahe den Schwanz und die Eier ab. Darum ächze ich unbehaglich. Beiße die Zähne zusammen. „Eigentlich wollte ich deinen Erguss mit meinem Taschentuch auffangen”, flüstert das blonde Mädchen lächelnd, „Aber dann bist du schon so schnell gekommen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe zu spät reagiert. Tut mir leid, Chester.” Mann, das will ich jetzt wirklich nicht nochmal hören. Wie überraschend schnell ich gekommen bin. Das ist echt peinlich. Würde Kaitleen gerne Vorwürfe machen. Weil sie meinen Saft nicht einfach geschluckt hat. Verkneife mir das aber. Schließlich hat die Süße mir gerade einen geilen Abgang geschenkt. „Leihst du mir dein Taschentuch?” frage ich sie stattdessen. Sie nickt. Kramt ihr Taschentuch nochmal hervor. Reicht es mir. Ich stehe auf. Will mich mit dem kleinen Tuch abtrocknen. Bemerke, dass der Stofffetzen voller Sperma ist. Kann ich nichts mit anfangen. Würde wohl alles nur noch schlimmer machen. Seufzend schließe ich meine Hose. Gebe der blonden Katie ihr vollgewichstes Taschentuch zurück. Sie steckt es in ihre Shorts. Küsse sie in einer plötzlichen Intension auf den blonden Kopf.

„Los doch jetzt! Kommt schon her, Leute! Wir müssen uns beeilen!” ruft Tracy nervös von der Wiese. Mir fällt auf, dass das sommersprossige Girl unruhig herumläuft. Fragend schaue ich Kaitleen an. „Habt ihr es eilig, Tracy und du?” „Wir müssen jetzt unbedingt rasend schnell zum Mittagessen gehen, Chester. Es ist nämlich eigentlich verboten, sich außerhalb der bewilligten Zeiten im Park aufzuhalten”, erklärt sie mir drängend. Auch Kaitleen aus Los Angeles hat plötzlich keine Zeit mehr. Hastig schlingt sie mir ihren Arm um die Hüfte. Eng. Läuft energisch los. Ich habe keine Wahl, als neben ihr her zu stolpern. Tracy kommt ungefragt an meine andere Seite. Schlingt mir ebenfalls den Arm um die Taille. Beide Frauen halten mich fest. Treiben mich damit rigoros vorwärts. Das gefällt mir nicht. Ich will mich nicht beeilen müssen. Ich habe es nicht eilig, zurück in die geschlossene Abteilung zu gehen. Hier draußen zu sein ist schön. Die beiden Mädchen sind nett zu mir. Die warme, frische Sommerluft fühlt sich angenehm an. Ein Hauch von Freiheit. Eine Illusion. Viel lieber würde ich mich noch länger in diesem Park aufhalten. Aber die Patientinnen scheinen auf einmal irgendwas zu fürchten. Sie haben ein schlechtes Gewissen. Weil sie sich unerlaubt herumgetrieben haben. Weil wir drei gerade so was ähnliches wie Sex hatten. Vermute ich mal. Überstürzt nötigen sie mich mit ihren weichen Körpern dem großen Psychiatriegebäude entgegen. Fast möchte ich lachen. Weil es doch schließlich ihre Idee gewesen ist, mir vor dem Mittagessen noch eben schnell einen zu blasen. Das war schön. Hat sich gut angefühlt. Dankbar lege ich den zwei Frauen je einen Arm um die schmalen Schultern.

Kaitleen und Tracy kennen sich auf dem Gelände hervorragend aus. Darum erreichen wir die große Eingangstür viel zu schnell. Die Frauen lassen mich los. Also ziehe ich meine Arme ein. Tracy drückt hektisch auf den Klingelknopf. Während wir auf Einlass warten, schmiegt Kaitleen sich nochmal an mich. „Du darfst darüber nichts verraten, Chester. Auch nicht deinem Psychologen. Das wird hier echt nicht gern gesehen”, flüstert sie verschwörerisch. Verdreht genervt die Augen. Verblüfft betrachte ich sie. „Was meinst du?” frage ich verwirrt. Bin mit meinen Gedanken ganz woanders. Denke zuverlässig an Mike Shinoda. Ertappe mich bei der extrem freudigen Erwartung, den Bartträger gleich im Speisesaal anzutreffen. Will ihn dringend fragen, warum er nach der Bewegungstherapie nicht auf mich gewartet hat. Spöttisch stößt Kaitleen Luft aus. Durchbohrt mich gespielt vorwurfsvoll mit ihren strahlend blauen Augen. „Na, du bist ja witzig, Herr Bennington. Hast du etwa schon vergessen, was wir drei gerade im Park getrieben haben? Tracy hat dich ziemlich leidenschaftlich geküsst. Ich habe dir einen geblasen. Erinnerst du dich daran?” wispert sie. Küsst mich grinsend auf die Wange. Klimpert aufreizend mit den Lidern. Bevor mir eine Antwort einfällt, setzt sie selig lächelnd hinzu: „Das war voll geil mit dir, Chester. Ich liebe deinen Schwanz. Der ist so schön handlich. Passt haargenau in meinen Mund hinein, dein schnuckeliges Teil. Der ist wie für mich gemacht. Das müssen wir bald mal wiederholen. Was meinst du dazu?” Sehnsüchtig, begeistert schmachtet sie mich an. Ich verstehe das seltsame Weib nicht. Ihr Enthusiasmus scheint mir suspekt. Angesichts der Tatsache, dass sie höchstwahrscheinlich keinen Orgasmus erreicht hat. Bezweifele sogar, dass Kaitleen sonderlich sexuell erregt gewesen ist. Mit mir im Park. Beim Blasen meines Schwanzes.

Plötzlich geht die Eingangstür weit auf. Wird abrupt von innen aufgestoßen. Wir erschrecken uns alle. Darum muss ich dem sonderbaren Mädchen zum Glück nicht antworten. Hastig tritt Kaitleen einen Schritt zurück. Von einer Sekunde zur nächsten ist sie um räumlichen Abstand zu mir bemüht. „Da seid ihr ja endlich! Kommt sofort rein!” faucht eine mir unbekannte Frau uns unfreundlich an. Hintereinander betreten Tracy, Kaitleen und ich die geschlossene Abteilung. Jedes Mal ist es extrem frustrierend für mich. Das scheiß Geräusch. Wenn die verdammte Tür hinter mir ins Schloss fällt. Wenn sie sofort hörbar fest einrastet. Und sich nicht mehr öffnen lässt. Aufs Neue bin ich gegen meinen Willen eingesperrt. Das ist nur schwer zu ertragen. „Da seid ihr drei ja endlich!” wiederholt die seltsam aufgeregte Krankenschwester. Die uns geöffnet hat. „Ihr seid schon vermisst worden. Euer kleiner, nicht genehmigter Ausflug hat Aufsehen erregt. Bleibt jetzt bitte erst mal hier stehen. Jemand muss dringend mit euch reden!” befielt sie uns streng. Guckt Tracy, Kaitleen und mich der Reihe nach prüfend an. Als wollte sie sichergehen, dass jeder von uns sie auch richtig verstanden hat. Was ja nun wirklich nicht sehr schwierig ist. Die aufgebrachte Krankenschwester bemerkt, dass wir artig genau das tun, was sie von uns verlangt hat. Schwungvoll dreht sie sich herum. Hastet eiligen Schrittes den Flur entlang. Verschwindet am Ende hinter einer Ecke. Verdutzt schaue ich ihr hinterher. Habe keinen Schimmer, was die Aufregung bedeutet.

„Verdammter Mist!” flucht Tracy verzweifelt, „Wir hätten uns mehr beeilen müssen! Wir hätten das am besten gar nicht riskieren dürfen!” „Ach, komm. Wird schon nicht so schlimm werden”, versucht Kaitleen ihre Freundin zu trösten. Stellt sich dicht neben sie. Streichelt beruhigend über ihren Arm. Meine Augen wenden sich verwirrt den zwei Frauen zu. Die plötzlich panische Nervosität der netten Mädchen ist mir ein Rätsel. Ich meine, was befürchten sie denn nur, was jetzt wohl Schlimmes geschehen könnte? Haben sie vielleicht Angst, dass sie aus der geschlossenen Psychiatrie hinausgeworfen werden? Darüber muss ich lauthals lachen. Warum um alles in der Welt sollte jemand das fürchten? Das wäre ja wohl das Beste, was einem an diesem Ort überhaupt passieren kann! Mein amüsiertes Lachen irritiert die beiden Mädels total. „Das ist nicht lustig, Herr Bennington!” knurrt Tracy verständnislos, „Da gibt es nichts zu Lachen. Nicht im Geringsten. Wir können nämlich richtig großen Stress kriegen.” Ihre blauen Augen taxieren mich verärgert. „Solche Verstöße gegen die Regeln werden ziemlich streng untersucht, Chester. Du darfst uns bitte auf gar keinen Fall verraten. Erzähle niemandem etwas. Wer weiß, was die sonst mit uns vorhaben”, macht Kaitleen sich völlig hirnrissige Gedanken. Das hübsche Gesicht der blonden Kalifornierin fleht mich an, bloß nichts über ihren geilen Blowjob auszuplaudern. Alles, was ich tue, ist, noch lauter zu lachen. Kann irgendwie nicht anders. Finde die Panik der Hühner total lächerlich. Die tun ja ernsthaft so, als würden wir gleich alle drei den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Das ist echt lustig. Ich kapiere nicht, warum die komischen Weiber sich dieses erotische Abenteuer mit mir überhaupt ausgedacht haben. Wenn sie doch die Konsequenzen so sehr fürchten.

Mein Lachen stirbt allerdings. Als nach kurzer Zeit plötzlich Pfleger Ulrich am Ende des Ganges auftaucht. Ausgerechnet. Energisch eilt er direkt auf mich zu. Ullis schwer enttäuschter Gesichtsausdruck verheißt nichts Gutes. Abwartend sehe ich ihm entgegen. „Chester Bennington! Das geht nicht! So läuft das hier nicht!” fährt er mich schon von Weitem wütend an. Viel zu schnell bleibt der Pfleger nah vor mir stehen. Begutachtet mich kopfschüttelnd. Von oben bis unten. Fixiert misstrauisch die dunklen Wasserflecken auf meiner hellen Kleidung. Mir ist nur allzu bewusst, dass ich aussehe, als hätte ich angezogen im See gebadet. Oder mir zumindest gerade in die Hose gepinkelt. Das ist schon für sich allein unangenehm genug. Ulrichs missbilligender Blick nervt mich extrem. Seufzend holt er tief Luft. „Das geht so nicht, Chester Bennnington”, wiederholt er mühsam beherrscht, „Du darfst nicht jede kleine Freiheit, die man dir gewährt, dermaßen eigensinnig ausnutzen. Es gibt hier Regeln, an die du dich bitte auch zu halten hast. Du kennst unsere Hausordnung und die Therapievorschriften sehr genau, mein Freund. Die habe ich dir gestern haarklein erklärt.” Vorwurfsvoll sieht Ulli mich an. Wartet spürbar ungeduldig auf meine Entschuldigung. Mir ist überhaupt nicht klar, wovon der Mann eigentlich redet. „Von welcher Freiheit sprichst du denn?” erkundige ich mich verständnislos. Theatralisch verdreht der ganz in weiß gekleidete Pfleger seine Augen. Das ärgert mich. Gibt mir das Gefühl, dass Ulrich mich für saudumm hält. Mein Herz schlägt härter. Spüre nervös, dass es wahrscheinlich nicht mehr allzu lange dauert. Bis ich richtig wütend werde. Meine Muskeln spannen sich an. Kampfbereit.

„Erzähl mir doch bitte mal, was du nach der Bewegungstherapie getrieben hast. Du durftest allein von der Turnhalle zum Mittagessen gehen. Das habe ich dir bewusst erlaubt, Chester. Eigentlich hätte ich dich nämlich vor der Halle abholen müssen. Ich habe darauf vertraut, dass du geradewegs zum Essen kommst. Aber der Herr hat es vorgezogen zu verschwinden”, labert Ulli mich voll. Sein Blick streift argwöhnisch die beiden Mädchen an meiner Seite. „Was habt ihr drei gemeinsam im Park gemacht? Die Wahrheit bitte!” fordert er unser intimes Geständnis. Kaitleen und Tracy scheinen neben mir zu schrumpfen. Sie antworten nicht. Betretenes Schweigen. Wenn die Situation nicht so beschissen wäre, könnte ich schon wieder lauthals lachen. Aber jetzt ist mir nicht mehr danach. Finde Ulrichs Strafpredigt einfach nur bescheuert. Schließlich sind wir hier alle erwachsen. Und längst keine hormongetriebenen Teenager mehr. Seufzend hole ich Luft. Lasse Ulrich nicht aus den Augen. Lächele ihn besänftigend an. Zwinge mich dazu, meine Wut im Zaum zu halten. „Hör mal, Ulli. Warum regst du dich eigentlich so auf? Es ist doch gar nichts passiert. Orlando und Madison haben mich nach der Therapie aufgehalten. Die wollten noch was mit mir besprechen. Danach bin ich sofort hergekommen. Katie und Tracy habe ich erst eben vor der Eingangstür getroffen”, gebe ich freundlich meine verlangte Erklärung ab. Ulrich schließt für einen Moment resigniert die Augen. Atmet tief ein und aus. Auch dieser Mann muss seine wütende Aggression mühsam kontrollieren. Das entlockt mir ein amüsiertes Grinsen.

Im nächsten Moment sieht Ulli mich wieder an. Vorwurfsvoll. „Ich habe mit Madison gesprochen, Chester. Sie und Orlando haben dich schon vor einer dreiviertel Stunde aus der Therapie entlassen”, seufzt er müde. Offensichtlich glaubt der Kerl mir kein Wort. „Ja, genau”, erwidere ich ungerührt, „Und dann musste ich auch noch duschen und mich umziehen. Du kannst mir vorwerfen, dass ich mich nicht beeilt habe, Ulli. Aber mehr Straftaten habe ich nicht begangen.” Der Blick meines Pflegers ruht jetzt nachdenklich auf mir. Innerlich brüllend, angesichts dieser Ungerechtigkeit, halte ich ihm stand. Bin mir keiner Schuld bewusst. Lasse mir aber nicht anmerken, wie sehr der aufdringliche Typ mich nervt. Pfleger Ulrich hält mich unnötig auf. Und ich will jetzt nicht mehr aufgehalten werden. Nicht dämliche Fragen beantworten müssen. Ich möchte so schnell wie möglich in den Speisesaal. Zu Mike. Sofort. Ganz nahe. Der extrem attraktive Bartträger fehlt mir.

„Was ist mit deiner Kleidung passiert, Chester? Warum bist du so nass und schmutzig?” fragt Ulrich leise. Studiert nochmal argwöhnisch meine Erscheinung. „Bin hingefallen”, erkläre ich gelangweilt, „In eine Pfütze.” Fast muss Ulli spontan lachen. Verkneift es sich aber im letzten Moment. „Und wo ist bitteschön die Tasche mit deiner Sportkleidung?” Spöttisch fixiert er mein Gesicht. Alarmiert starre ich ihn an. Schlagartig fällt mir auf, dass ich die Tasche tatsächlich nicht mehr bei mir trage. Habe die Sportklamotten irgendwo liegen lassen. Ich vermute, dass es auf dieser Lichtung im Park war. Oder habe ich sie schon in der Turnhalle vergessen? Ich weiß es nicht. Erinnere mich nicht. Interessiert mich auch ehrlich nicht die Bohne. „Tut mir leid, Ulli. Ich muss die Tasche irgendwo verloren haben”, zucke ich entschuldigend mit den Schultern. Jetzt platzt das Lachen doch aus ihm heraus. Pleger Ulrich kann es nicht länger zurückhalten. Sein meckerndes Lachen klingt allerdings höchst verzweifelt. „Verdammt, Chester Bennington”, flucht er für seine Position überraschend inbrünstig, „Da vertraue ich dir einmal etwas an! Aber du gehst dermaßen sorglos mit Allem um, dass du die Sachen sofort verlierst! Der gnädige Herr nimmt wohl überhaupt nichts ernst, was?” Hektisch schüttelt Ulli den Kopf. „Das geht so nicht, Bennington! Du sollst dich nicht mit deinen Mitpatientinnen einlassen. Erst gestern haben wir dir genau erklärt, warum du hier bist. Du kennst deine Aufgabe in der Psychiatrie. Du weißt ganz genau, dass enge Verbindungen zwischen den Patienten aus gutem Grund streng verboten sind!” Sein Blick fleht mich an, mich doch bitte endlich zusammenzureißen. „Ich habe keine engen Verbindungen”, erwidere ich leicht ungehalten. Langsam geht der Pfleger mir echt total auf den Sack.

Ulli seufzt nochmal frustriert auf. Starrt mich noch eine Weile fassungslos an. Das ist ziemlich ätzend. Gestresst weiche ich seinem bohrenden Blick aus. Schaue ungeduldig den Flur entlang. Ich muss mich zwingen, hier vor dem Weißgekleideten stehen zu bleiben. Würde am liebsten einfach weggehen. Augenblicklich. Zu Mike Shinoda rennen. In den Speisesaal stürmen. Den schwarzen Stachelkopf zärtlich in meine Arme schließen. Ihn vor allen Idioten leidenschaftlich auf den süßen Mund küssen. Mikey würde mir wahrscheinlich schockiert den Kopf abreißen. Der Gedanke bringt mich zum Schmunzeln. „Und was sagt ihr dazu?” wendet Pfleger Ulrich sich schließlich an Kaitleen und Tracy. Die beiden Mädels zucken zusammen. „Wir sind noch durch den Park spaziert. Es ist so, wie Chester sagt. An der Eingangstür haben wir uns zufällig getroffen”, erklärt Kaitleen ihm mühevoll lächelnd. Ulli seufzt laut. Ratlos. Der Mann ist sichtbar mit seinem Latein am Ende. „Leute, hört mir mal zu! Ihr wisst doch ganz genau, wie das hier läuft. Ihr dürft euch nicht einfach irgendwo verkriechen, um wer weiß was zu treiben. Das ist nicht der Sinn eurer Therapie. Lasst den Quatsch doch einfach mal sein. Das bringt euch doch gar nichts. Hinterher ist das Gejammer nämlich oft sehr groß. Verdammt, ihr habt doch hier noch nicht mal Verhütungsmittel zur Hand! Das ist doch viel zu gefährlich!” bricht es verständnislos aus ihm heraus. Verblüfft kichernd sehe ich ihn an. Mein persönlicher Pfleger grinst nicht mal ansatzweise. Ulli meint das todernst. Das mit den Verhütungsmitteln. Tief atmet er durch. „Also gut, ihr drei. Ihr könnt davon ausgehen, dass für jeden von euch sämtliche Parkspaziergänge in nächster Zeit gestrichen sind”, teilt er uns streng mit. Die drei unartigen, sexbesessenen Patienten nicken mehr oder weniger gleichgültig.

„Ulli, hör mal, ich hab jetzt ehrlich einen Riesenhunger. Ich möchte jetzt unbedingt etwas essen”, bemerke ich grinsend. Gucke ihn vielsagend an. Weil der Typ doch erst gestern so erstaunlich viel wert darauf gelegt hat, dass ich in der geschlossenen Psychiatrie gefälligst etwas esse. Hat mich sogar beim Essen beaufsichtigt, der Knallkopf. „Euch ist wohl klar, das ein detaillierter Bericht über diesen unerlaubten Vorfall an eure Psychologen und Betreuer geht. Das Thema ist also noch lange nicht vom Tisch”, muss der eifrige Pfleger uns auch noch wissen lassen. Keiner von uns reagiert sonderlich auf diese Information. Zögernd macht Ulli eine auffordernde Geste. Den Flur entlang. Der in Richtung Speisesaal führt. Glaube ich. „Na gut, ihr drei. Dann haut schon ab zum Mittagessen”, erlaubt er uns hörbar verärgert, „Ihr habt dafür ohnehin nur noch fünfzehn Minuten Zeit.” Wahrscheinlich kotzt es ihn an, dass er aus Kaitleen, Tracy und mir eigentlich gar nichts herausbekommen hat. Ich finde, dass er dafür schlicht nicht hartnäckig genug war. Bin aber heilfroh darüber, endlich von dem Typen wegzukommen. Möchte jetzt auf der Stelle zu Mike gehen. Sehne mich schon viel zu lange nach dem knuffigen Halbjapaner.

Augenblicklich mache ich mich auf den Weg in die Richtung, in der ich Mike vermute. Laufe schnell. Lasse meinen besorgten Pfleger einfach stehen. „Hey, Chester, warte auf uns!” ruft Kaitleen. Im nächsten Moment sind die beiden anhänglichen Mädchen wieder rechts und links an meiner Seite. „Das hast du toll gemacht, Schatz”, flüstert Katie zufrieden. Lächelt mich verliebt an. „Ja, du bist fantastisch. Ich fand das sehr anregend mit dir, Chester. Das war phänomenal. Noch niemand hat mich so geküsst wie du”, schwärmt Tracy. Küsst mich flüchtig, dankbar auf die Wange. Finde die beiden Mädels noch immer sehr nett. Ihre Verliebtheit schmeichelt mir. Verdanke ihnen einen unbestreitbar geilen Orgasmus. Darum lege ich meine Arme um ihre Schultern. Grinse so vor mich hin. Freue mich auf Mike Shinoda. Während wir über den leeren Flur gemeinsam Richtung Mittagessen laufen.

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Kapitel:7
Sätze:13.040
Wörter:110.916
Zeichen:653.243

Kurzbeschreibung

Mit seinem Leben in der geschlossenen Psychiatrie hat Mike sich mittlerweile recht gut arrangiert, indem er einfach gar nichts an sich heranlässt. Eines Nachts taucht plötzlich Chester vor ihm auf und wirbelt sein isoliertes Leben vollständig durcheinander. Von da an ist für Mike nichts mehr, wie es einmal war...

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Liebesbeziehung (problematisch) getaggt.