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Die rechte Hand des Todes

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10.11.2018 14:53
18 Ab 18 Jahren
Asexualität
In Arbeit

28 Charaktere

Lucien Lachance

Lucien Lachance ist ein legendärer Assassine der Dunklen Bruderschaft. Zur Zeit des Helden von Kvatch ist er ein Sprecher der Schwarzen Hand. Ihm untersteht die Zuflucht von Cheydinhal. Während der Tragödie von Cheydinhal wird er fälschlicherweise als der Mörder unter Mördern verdächtigt und wird von der Schwarzen Hand gerichtet.

Mathieu Bellamont

Als Mathieu Bellamont ein kleiner Junge war, wurde seine Mutter von Lucien Lachance ermordet. Das hatte tiefgreifende Folgen für seine Psyche. Er schwor Rache an Lachance und der Dunklen Bruderschaft. Um ihr ihre Mutter zu nehmen, wurde er ein Teil der Bruderschaft und schaffte es, für viele Jahre unerkannt zu bleiben. Beinahe wären seine perfiden Pläne geglückt ...

Vicente Valtieri

Der Vampir Vicente Valtieri ist Mitglied der Dunklen Bruderschaft und Teil der Cheydinhal Zuflucht. Dort kümmert er sich um die Aufträge der neuen Mitglieder. Auch wenn Vampire normalerweise keine Schwäche auf Knoblauch haben, reagiert er allergisch darauf. Er stirbt während der Reinigung der Zuflucht.

Caius

Nur ein Junge aus der Gosse der Kaiserstadt wie so viele. Wie Lucien war er Anführer einer kleinen Bande von Straßenkindern, bis er nur wenige Wochen vor Lucien seinen Weg zur Dunklen Bruderschaft fand.

Cassius Proximo

Henker und Leiter der Zuflucht in Cheydinhal. Er ist der erfahrenste und fähigste der Assassinen der Zuflucht neben Vicente. Sein Gesicht ist von einigen schrecklichen Narben entstellt, Erinnerungsstücke an vergangene Taten.

Sares Areles

Ein Dunkelelf, der ursprünglich sein Glück mit der Diebesgilde versuchte und dort einiges Geschick mit dem Bogen und beeindruckende Fingerfertigkeiten erwarb. Allerdings war er nicht bereit, den Blutpreis zu zahlen, weshalb er sein Glück mit der bruderschaft versuchte und dort ein neues Heim fand.

Tshonashap

Ein Argonier und Schattenschuppe. Sein Name entstammt dem Jel und bedeutet Schwimmender Frosch, er wird allerdings nicht gern auf diese Bedeutung angesprochen. Er kocht hervorragende Fischsuppe - behauptet zumindest er.

Caelwen

Die Hochelfe Caelwen gehört der Cheydinhal Zuflucht an. Sie ist eine mächtige Magierin, die sich auf Pyromantie spezialisiert hat. Außerdem hat sie ein Händchen für Gifte.

Arela Drewani

Sie ist eine Dunkelelfe und Sprecherin der Schwarzen Hand. Ihr unterstehen unter anderem die Zufluchten in Cheydinhal und Falkenring. Sie wohnt in Festung Farragut.

Hilda

Nord und Werwölfin, welche den Rang eines Henkers bekleidet. Sie leitet die Zuflucht in Falkenring

Malik

Ein Rothwardone, der den Rang eines Assassinen bekleidet. Er ist Teil der Zuflucht in Falkenring.

Valdimar Hammerhand

Nord und Mitglied der Zuflucht in Falkenring, welcher den Rang eines Eliminator bekleidet.

Hjortkar

Nord und Schlächter, Mitglied der Zuflucht in Falkenring.

M‘raaj-Dar

M‘raaj-Dar ist ein Khajiit und Mitglied der Dunklen Bruderschaft. Er ist Teil der Zuflucht von Cheydinhal und ein Zauberer. Er ist von kratzbürstiger abweisender Natur und ist auf niemanden sonderlich gut zu sprechen.

Consantius Tituleius

Generall der Kaiserlichen Legion, der die Legion in Skyrim befehligt. Er führt einen persönlichen Feldzug gegen die Dunkle Bruderschaft und stellt für diese eine große Bedrohung dar.

Adamus Phillida

Adamus Phillida ist ein Legionär der Kaiserlichen Legion und Kommandant der Legion in der Kaiserstadt. Er führt seit vielen Jahren einen erbitterten Feldzug gegen die Dunkle Bruderschaft und versucht, sie auszulöschen. Dabei stellt er eine große Gefahr für die Bruderschaft dar, weshalb die Kaiserstadt lange für sie tabu war.

Mirabelle Fani

Sie ist eine junge Betronin, die in ungefähr demselben Alter zur Dunklen Bruderschaft kam wie Lucien. Sie ist eine flammende Bewunderin Luciens und eifert ihm mit größten Anstrengungen nach.

Andel Indarys

Der Dunkelelf Andel Indarys aus dem Haus Indarys ist der Graf Cheydinhals. Seine Frau Llathasa Indarys starb vor vielen Jahren offiziell durch einen Unfall, angeblich steckt jedoch die Dunkle Bruderschaft dahinter. Sein Sohn ist Farwil Indarys. Angeblich weiß der Graf vom Verlassenen Haus, doch die Bruderschaft hält seine Zunge durch Bestechung und Drohungen im Zaum.

Farwil Indarys

Der Dunkelelf Farwil Indarys ist der Sohn des Grafen Andel und der Gräfin Llathasa Indarys von Cheydinhal. Er ist ein junger Heißsporn, der die Ritter des Dornenordens gründete, mit denen zusammen er eigentlich nur zusammen säuft. Um sich jedoch ihre Sporen zu verdienen, stürmen sie das Oblivion-Tor vor der Stadt.

Telaendril

Telaendril ist eine aufgeweckte fröhliche Waldelfe, die der Dunklen Bruderschaft angehört. Sie wurde aus Valenwald verbannt und ihr Vater setzte die Dunkle Bruderschaft auf sie an. Doch sie bekam Wind davon und präsentierte Lucien Lachance, ihrem Vollstrecker, den Kopf ihres Vaters. Dies nahm er als Anlass, sie in die Bruderschaft aufzunehmen. Angeblich hat sie ein Verhältnis mit Gogron gro-Bolmog

Gogron gro-Bolmog

Gogron gro-Bolmog ist ein Ork, der der Dunklen Bruderschaft angehört, auch wenn der Anblick eines Orsimer bei der Bruderschaft eher selten ist. Ungewöhnlich für einen Dunklen Bruder liegt ihm die Heimlichkeit gar nicht. Er bricht lieber mit brachialer Gewalt ein und schlägt seinen Opfern den Schädel mit seiner Axt ein. Angeblich hat er ein Verhältnis mit Telaendril.

Teinaava

Teinaava ist eine Schattenschuppe aus Schwarzmarsch, das heißt, ein Argonier, der unter dem Zeichen des Schattens geboren wurde. Er begann schon früh mit seiner Zwillingsschwester Ocheeva die Ausbildung zur Schattenschuppe, welche später unter der Anleitung Lucien Lachances in der Dunklen Bruderschaft fortgesetzt wurde.

Ocheeva

Ocheeva ist eine Schattenschuppe aus Schwarzmarsch, das heißt, ein Argonier, der unter dem Zeichen des Schattens geboren wurde. Sie begann schon früh mit ihrem Zwillingsbruder Teinaava die Ausbildung zur Schattenschuppe, welche später unter der Anleitung Lucien Lachances in der Dunklen Bruderschaft fortgesetzt wurde. Später leitete sie die Zuflucht von Cheydinhal.

Maglir

Der Waldelf Maglir ist ein Mitglied der Dunklen Bruderschaft und dient als Ruhigsteller allen Arela Drewani. Er besitzt neben einem großen Talent für das Töten auch ein außergewöhnlich gutes Gespür für die Musik und beherrscht die Harfe meisterlich.

Ungolim

Der Waldelf Ungolim dient seit vielen Jahren der Dunklen Bruderschaft und schaffte es in der Zeit, bis zum Zuhörer aufzusteigen, der mit der Mutter der Nacht höchstselbst in Verbindung tritt. Als jedoch die Gefahr durch den Verräter in den Reihen der Bruderschaft abgewandt werden konnte, erfährt der Held von Kvatch, dass selbst die Mutter der Nacht Ungolim nie für einen starken Zuhörer hielt.

Severus Vipera

Ein hagerer Kaiserlicher, der der Dunklen Bruderschaft als Sprecher dient. Sein Ruhigsteller ist der Bretone Gasteau Blanchard.

Gasteau Blanchard

Er ist ein Bretone, der als Ruhigsteller Severus Viperas dient. Tatsächlich ist er nur halb ein OC, da wir wissen, dass der Mord an einem gewissen "Blanchard" dazu führt, dass die DB darauf aufmerksam wurde, dass es einen Verräter in ihren Reihen gibt.

Antonietta Marie

Die Bretonin Antonietta Marie ist das jüngste Mitglied der Zuflucht der Dunklen Bruderschaft in Cheydinhal, bevor der Held von Kvatch hinzustößt. Sie wurde von Lucien Lachance in der Gosse der Kaiserstadt aufgelesen und fand so ihren Weg zur Bruderschaft. Sie träumt davon, eines Tages selbst Zuhörer zu sein und zur Mutter der Nacht zu sprechen.
Prolog: Ein Ende

Lucien Lachance weiß, dass sein Ende unweigerlich bevorsteht. Er hat alles Menschenmögliche getan, um seine Familie zu retten, doch offensichtlich hat Sithis andere Pläne für ihn. Während er noch allein in der kleinen Hütte namens Apfelwacht kniet und sein Blut dem Fürchterlichen Vater opfert, überlegt er, ob er wütend sein oder einfach nur seinen Frieden finden soll.

Die Schwarze Hand jagt ihn, denn sie denkt, er sei der Verräter. Er weiß, dass der Verräter unter ihnen ist, dass er selbst der Betrogene ist.

Warum also verhindert Sithis nicht, dass seine Kinder sich gegenseitig abschlachten? Warum verhindert er, dass Lucien, sein treuester Diener, seine Familie rettet? Es kann nur eine Erklärung geben: Sithis hat andere Pläne. Mit Luciens Ruhigsteller Nandarel?

Sein Ruhigsteller ist jetzt seine letzte Hoffnung. Er hat sie entsandt, um den Verräter ausfindig zu machen, und sie ist zuverlässig, eines der talentiertesten Familienmitglieder, die Lucien jemals getroffen hat, viel mehr sogar noch als Ocheeva, Mirabelle oder Mathieu. Sie muss es schaffen, auf ihren Schultern lastet die Verantwortung für die gesamte Dunkle Bruderschaft.

Denn Lucien ist die Beute, und die Beute ist gestellt worden.

 Er weiß es schon, noch bevor die anderen Sprecher die Hütte betreten. Lautlos, wie Schatten, die sie sind. Meisterassassinen der Dunklen Bruderschaft, Werkzeuge des Todes und unfehlbar. Zumindest meist.

»Ich bin der Falsche«, sagt Lucien nüchtern, während er sich langsam erhebt und umwendet. Doch er sagt es mehr zu sich als zu den Sprechern. Es ist nutzlos, sie werden ihm keinen Glauben schenken.

Da sind Arquen die Hochelfe, nach Uvanis und G’Hastas Tod gerade erst zur Sprecherin ernannt, Mathieu Bellamont der Bretone, Banus Alor der Dunkelelf und Bellisarius Arius der Kaiserliche. Wer von ihnen ist es? Wer von ihnen hat die Dunkle Bruderschaft verraten und Nandarel benutzt, um die fähigsten Assassinen der Gegenwart ermorden zu lassen? Wer könnte Motive für diese Tat haben, wer nur, wer?

Lucien mustert jeden von ihnen genau und kann doch keine seiner Fragen beantworten. Nur eines weiß er: Er wird die Waffe nicht erheben. Er wird an diesem Abend, an diesem Ort sterben, egal ob mit oder ohne Gegenwehr. Doch würde er sich wehren, wäre er nicht der einzige, der hier stirbt. Und das kann er nicht verantworten. Was ist, wenn er einen Unschuldigen tötet und nicht den Verräter? So kann er nicht vor Sithis treten.

Er hat seinen Teil getan. Er hat Fehler begangen, ja, vielleicht auch zu spät reagiert und damit Ungolim mit seinem Leben bezahlen lassen. Ausgerechnet Ungolim, den Zuhörer höchstselbst! Vielleicht ist das hier nun seine Strafe für seine Fehltritte in den vergangenen Tagen und Wochen.

Lucien hat eines nie gemocht in seinem Leben: Fatalismus. Doch er weiß, dass er jetzt bereit ist, vor seinen Schöpfer, seinen Fürchterlichen Vater zu treten. Sein Gewissen ist rein, Nandarel auf den Verräter angesetzt. Er weiß, dass der Verräter, welche der anwesenden Personen es auch sein mag, schon bald sterben wird, niemand entkommt Nandarel. Sein Werk ist getan.

Er lässt seinen Dolch fallen, den eisernen, rostigen, schartigen Dolch, der ihn sein ganzes Leben begleitet hat, mit dem er sein erstes Blut im Namen Sithis‘ vergossen hat. Es ist, als würde er sich selbst den ersten Stoß mit der Klinge versetzen.

»Keine Gegenwehr, Lachance?«, zischelt Bellamont. »Komm schon, heb den Dolch auf und kämpfe. Oder willst du nicht nur als Verräter sterben, sondern auch als Feigling?«

Mathieu hat sich verändert in den letzten Jahren. Lucien hat nie gänzlich die Hoffnung aufgegeben, seinen Meisterschüler wieder auf die richtige Bahn zu lenken, doch es war ihm nicht gelungen. Die Kluft zwischen ihnen war stets nur immer größer geworden.

»Komm schon!«, versucht der Bretone ihn weiter zu reizen.

»Still, Bellamont!«, fährt Arquen ihn an. »Führt Euch nicht auf, sondern tut, wofür wir gekommen sind.«

Sie ist es auch, die Lucien den ersten Stich mit dem Dolch versetzt. Als sei dies das Zeichen, drängen auch die anderen Sprecher auf ihn ein, bohren ihre Klingen in sein warmes Fleisch. Er geht zu Boden, genießt den Schmerz und weiß, dass er es verdient hat.

Denn er hat seine Familie verraten. Schließlich und schlussendlich hat er sie verraten, alle, die ihm etwas bedeuten und die ihm lieb und teuer sind. Er hat ihr Blut an seinen Händen, denn er hat den Verräter nicht stellen können.

Aller Anfang hat sein Ende, und sein Ende ist hier erreicht, während er am Boden der Apfelwachtfarm liegt, sein Blut sich um ihn herum ausbreitet und er seine letzten Atemzüge tut. Es sind nur Momente, Augenblicke, die er stirbt, doch er genießt jeden einzelnen von ihnen, während die Klingen seiner Jäger ihn weiter durchbohren.

Gleich würde er vor seinen Fürchterlichen Vater treten, Rechenschaft für seine Taten ablegen und sein Gewissen reinwaschen können. Er hat sein Bestes getan, und doch fühlt er Reue, dass es nicht mehr hat sein können.

Sein Weg endet hier. Ein Weg voller Blut und Tod. Ein Weg, den er genossen hat, jeden einzelnen Schritt. Er diente seinem Fürchterlichen Vater mit einer Hingabe und Liebe wie kaum sonst jemand. Seine Familie war sein Leben, für sie hat er alles getan – und für sie stirbt er nun. Ein Ende, wie es einem Assassinen der Dunklen Bruderschaft wie ihm gebührt.

Kaum zu glauben, dass alles mit seinen Händen an der Kehle eines kleinen Waldelfen begonnen hat, damals in der Kanalisation der Kaiserstadt. So etwas Simples und Unbedeutendes. Doch für ihn hat es eine ganze Welt bedeutet.

Lucien Lachance lächelt, erinnert sich, schließt die Augen und versinkt in Schwärze und Nichts.

Updates kommen immer am 10.,20. und 30. jeden Monats.
Heimkehr

Die Nacht brach herein, und die ersten Sterne zeigten sich. Masser und Secunda, die beiden Monde am Himmel Nirns, erklommen allmählich das Himmelszelt und sandten ihr fahles Licht durch die Straßen der Kaiserstadt. Nur wenige Fackeln beleuchteten die engen, verwinkelten Gassen der Hauptstadt des Kaiserreiches, sodass zahlreiche Schatten den nächtlichen Gestalten Obdach boten.

Die Kaiserliche Legion patrouillierte selten abseits der Hauptstraßen. Ein Fehler, denn so konnte Kriminalität leicht unter ihren Augen hindurchschlüpfen. Kannte man zudem die Wege durch die Kanalisation, war es ein leichtes für die zahlreichen Straßenbanden, den Augen des Gesetzes zu entfliehen. Vorausgesetzt, man wagte es, den Gefahren in der Kanalisation zu begegnen …

Der kaiserliche Junge Lucien Lachance besah sich seine Bande von abgerissenen Straßenkindern mit strengem Blick. Er war ihr Anführer, ein berüchtigtes Waisenkind, das im Dreck der Kaiserstadt aufgewachsen war. Seine Mutter, eine Hure, hatte er noch kennen gelernt. Doch nachdem sie unfreiwillig mit ihm schwanger gegangen war, hatte sie nur noch wenige Jahre zu leben gehabt. Niemand wollte eine Hure mit einem schreienden Balg. Ihre Kunden waren weniger und weniger geworden. Schließlich hatte sie sich erhängt.

Nun stand Lucien hier als Kopf seiner Bande, welche mit angstgeweiteten Augen zu ihm aufsah, während er auf einem kleinen Kistenstapel im Hafenbezirk stand und den Blick über die Mitglieder seines Haufens schweifen ließ. Sie alle waren genauso abgerissen wie er, mager und mit dreckigen Gesichtern. Viele von ihnen hatten Messer an der Seite, auch wenn sie größtenteils nur zur Abschreckung dienten; meist wurden sie nur benutzt, um Ratten aus der Kanalisation abzuwehren, in einen ernsthaften Kampf war noch nie jemand von ihnen verwickelt worden.

»Ich halte es für keine gute Idee, Caius‘ Bande anzugreifen«, sagte Malvin, ein Waldelf. »Lucien, wir sollten es lassen, wir verbrennen uns nur die Finger daran.«

»Caius ist verschwunden«, hielt Lucien dagegen. »Seine Bande hat ihren Kopf verloren und ist nun geschwächt. Das ist für uns der perfekte Zeitpunkt, um sie zu übernehmen und unsere Macht zu verstärken. Stellt euch doch nur einmal vor, wie es wäre, wenn wir noch mehr Teile des Untergrundes der Kaiserstadt kontrollieren könnten! Wir würden mehr zu essen haben, genügend für alle, und wir wären vor allem auch keine elenden Straßenratten mehr, die sich jeden Brotkrumen hart erbetteln müssen, und immer noch nicht satt werden.«

»Erzähl keinen Unsinn«, blaffte Malvin. »Der Graufuchs und seine Diebesgilde kontrollieren die Stadt und keiner sonst. Nicht einmal Hieronymus Lex kann ihn fangen! Wir sind und werden es immer bleiben: Straßenratten, die der Wache maximal einen Fußtritt wert sind und einen Schlag, wenn sie uns beim Stehlen erwischen.«

Lucien schnaubte. »Und du willst für immer und ewig eine Straßenratte bleiben?«, konterte er.

»Zumindest will ich mein wahrscheinlich ohnehin kurzes Leben nicht sinnlos wegwerfen«, sagte Malvin und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. »Wenn du das durchziehst, dann ohne mich.«

»Wie du meinst.« Der Anführer der Bande wandte sich an die anderen. »Und was ist mit euch? Wollt ihr für immer feige Ratten bleiben? Oder wollt ihr stattdessen allen zeigen, dass mit uns zu rechnen ist?«

Er war aus einem Grund Anführer dieser Bande geworden: Er war skrupellos, gnadenlos und unerbittlich. Er zögerte nicht, andere Mitglieder seiner Bande auch einmal zu schlagen, wenn sie ihm nicht gehorchten, denn der Gewalt war er noch nie abgeneigt gewesen. Überhaupt war dies ein Wesenszug an ihm, der ihn von den anderen Straßenjungen unterschied. Während die meisten von ihnen nur mit ihren Messern herumfuchtelten, während sie hofften, dass es bedrohlich wirkte, scheute er nicht, es einzusetzen. Ein paar Schnitte hier und da und schon hatte jeder gelernt, dass er nicht lange fackelte. Jemanden umgebracht hatte er jedoch noch nie. Ob er es tun würde, fragte er sich, während er mit dem Messer an dem Strick herumspielte, welcher seinen Gürtel darstellte, um die Hose auf seinen dürren Hüften zu halten.

Niemand außer Malvin wagte es, noch einmal Widerspruch einzulegen. Der Waldelf sah sich unsicher um, während alle anderen Lucien zustimmend zunickten. Als er sah, dass er auf verlorenem Posten stand, ließ er niedergeschlagen die Schultern hängen und fügte sich in den Gruppenwillen ein.

»Wir gehen durch die Kanalisation«, sagte Lucien. »Das ist schneller und unauffälliger. Ich war schon oft dort unten, alleine zwar, aber das sollte keinen großen Unterschied machen. Dort unten gibt es nur Ratten, nichts weiter.«

Er verschwieg, dass er nur kleine Teile der Kanalisation erkundet hatte und dass Gerüchte besagten, dass dort unten weitaus schlimmeres als Kanalratten lauern sollte. Doch was sollte ihnen schon passieren? Sie waren eine große Gruppe und die meisten von ihnen waren zumindest im Faustkampf geübt. Ihnen würde schon nichts geschehen.

Die Gerüchte schienen jedoch noch andere gehört zu haben. Als er die Kanalisation erwähnte, verschwand mit einem Male die Zuversicht aus den meisten Gesichtern. Dennoch fügten sie sich, aus Angst oder Loyalität sei dahingestellt.

Lachance sprang von der Kiste herab und lief mit selbstbewusster Miene los. Es gab außerhalb der Stadt verschiedene Eingänge in die Kanalisation. Normalerweise waren die Gitter versperrt, damit allein der Dreck der Stadt in den Rumare-See abfließen konnte, jedoch nichts hinein gelangte. Doch er hatte ein rostiges Gitter entdeckt, das sicher leicht zu durchbrechen war, besonders, wenn mehrere der Jungen mit anpackten.

Die Aussicht auf mehr Einfluss in der Stadt lockte ihn sehr. Er mochte der Sohn einer Hure sein, die vielleicht von einer gelangweilten Wache oder einem besoffenen Hafenarbeiter bestiegen worden war, er wusste es nicht, und um ehrlich zu sein, war es ihm auch egal. Aber das schloss nicht aus, dass er ehrgeizig war. Er wollte weg aus diesem Loch, weg aus all dem Dreck und Gestank. Er wollte mehr aus seinem Leben machen als nur ein paar Straßenkinder herumzukommandieren. Das war keine Macht, nichts, das ihn befriedigte. Er wollte mehr, viel mehr. Nach und nach der Diebesgilde die Herrschaft über die Straßen streitig zu machen, war zumindest ein Anfang.

Sie packten ein, was ihnen für solch ein Unternehmen nützlich erschien: ihre Messer und Lucien sogar seinen kleinen Eisendolch, den er als besondere Trophäe nur zu bestimmten Anlässen herausholte. Man fand so einiges in den Abfällen der Stadt, eine echte Waffe aber war selten. Proviant steckten sie sich ebenfalls in die Taschen sowie einige Fackeln und Zunder, womit sie nun genügend ausgerüstet sein sollten, um zuerst der Kanalisation und dann Caius‘ Bande zu begegnen.

Entschlossenen Schrittes führte er nun seine kleine Schar aus dem Hafenbezirk. Da er ohnehin außerhalb der eigentlichen Stadtmauern lag, mussten sie keine großen Mühen auf sich nehmen, um den Stadtwachen auszuweichen. Die wenigen, die hierher beordert worden waren, waren ohnehin zumeist selbst so betrunken wie die Hafenarbeiter oder die Piraten, die gelegentlich hier ankerten, und somit keine Herausforderung für flinke Straßenkinder, die unbemerkt bleiben wollten.

Nur wenige Schritte und sie hatten das Hafengebiet verlassen. Hielten sie sich vom Wasser fern, dann hatten sie Schlammkrabben nicht zu fürchten und Wölfe waren klug genug, um eine so große Gruppe Menschen nicht zu attackieren.

Sie mussten nicht weit nach Osten gehen, um zu einem der Eingänge, dem südöstlichen, zu gelangen. Kurz, nachdem sie unter der Brücke entlang gegangen waren, die die Stadt mit der Magiergilde verband, schwenkte Lucien in Richtung des Sees ein und führte seine Gruppe die Böschung hinab. Weit und breit war kein Leben zu sehen. Der Rumare-See lag groß, dunkel und still da, nur erleuchtet vom Licht der beiden Monde, welche sich in seiner Oberfläche spiegelten. Lucien wusste, dass der Schein trog und sich unter der Oberfläche des Wassers Schlachterfische verbargen, boshafte (wenn auch schmackhafte) Raubfische, die alles angriffen, das sich bewegte. Doch sie wollten schließlich nicht ins Wasser, nur in die Kanalisation.

Unter einem kleinen Überhang fanden sie den Eingang. Leise plätscherte ein kleines Rinnsal Brackwasser aus dem Kanalisationsschacht in den See, ansonsten war nichts zu hören. Rasch sah sich Lucien um, um sich zu vergewissern, dass sie auf keinen Fall beobachtet wurden, egal, wie gering die Wahrscheinlichkeit dafür war. Doch niemand war zu sehen, ganz wie erwartet.

Einer der Jungen rüttelte am Gitter. »Verschlossen«, sagte er. »Aber nicht fest, wie es aussieht. Ich denke, wir können leicht durchbrechen.« Damit zückte er einen Dietrich und versuchte sein Glück. Es dauerte nicht lang und er hatte das Schloss aufgebrochen.

Lucien lächelte. Dies lief bis jetzt leichter, als gedacht. Mutig ging er voran und trat in den muffigen Gestank der Kanalisation. Dunkelheit umfing ihn, und er ließ sich eine Fackel reichen. Mit einiger Mühe war sie angezündet, und er hielt das rußende Ding in den Schacht vor ihm. Flackerndes Licht leckte an den feuchten Steinen, erhellte immerhin aber ein wenig von dem, was vor ihm lag.

Schon bald öffnete sich der Schacht in einen kleinen Raum. Langsam tappten sie durch das dreckige Wasser, während es zu allen Seiten von den Wänden tropfte. Schleimiges Moos bedeckte die Pflastersteine und dämpfte jedes Geräusch.

Lucien hatte seiner Bande noch eines verschwiegen: dass er die Kanalisation fürchtete. Es war nicht ungefährlich hier, doch bevor er dieser Gruppe von Straßenkindern beigetreten war, hatte er diesen Ort mehr als einmal als notdürftiges Versteck benutzen müssen. Nie war er weit vorgedrungen, doch manchmal hatte er in fernen Gängen schlurfende Schritte und gequältes Stöhnen gehört. Knochen hatte er hier auch gefunden, und er war sich sehr sicher, dass sie nicht von Ratten stammten.

Doch mit seiner Bande im Rücken fühlte er sich stark. Sie waren eine große Gruppe, nichts würde sie angreifen. Und selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, konnte er sich im Schutze ihrer Zahl verbergen und andere für ihn kämpfen lassen.

Manche der anderen waren nicht so zuversichtlich. Sie zögerten, ihm zu folgen, taten es aber doch, als er selbstbewusst den Rücken durchdrückte, die Fackel hob und voran ging. Sie alle hatte ein beklemmendes Gefühl befallen, und sie fühlten von allen Seiten Augen auf sich ruhen, auch wenn vielleicht gar keine da waren.

Ratten und Schlammkrabben und vielleicht doch der eine oder andere Schlachterfisch im Dreckwasser waren allenfalls lästige  Ärgernisse. Die Gerüchte hielten sich hartnäckig in ihren Gedanken. Jeder Schatten, den die flackernden Fackeln warfen, schien auf einmal tödliche Gefahren zu verbergen. Die Kinder und Jugendlichen aus Luciens Bande zuckten bei jedem noch so kleinen Geräusch, jeder noch so verdächtigen Bewegung zusammen. Ein jeder hatte die Messer in der Hand und alle Sinne geschärft.

Der Geruch nach Fäulnis war allgegenwärtig. Süßlich und ekelhaft klebte er in der Luft und war nicht aus der Nase zu bekommen. Unrat schwamm in den Kanälen, an welchem sich die Ratten gütig taten, die hier wie im Paradies zu leben schienen. Es waren nicht die großen Kanalratten, sondern kleinere Stadtratten, die zwar nicht davon huschten, sobald Licht auf sie fiel, aber zumindest niemanden anfielen.

Ihre großen Vettern waren da weitaus penetranter. Sie begegneten mehreren der Biester, und keines von ihnen war so leicht abzuwehren wie die kleineren Tiere. Jede der Ratten starrte sie aus boshaften, kleinen Augen an und schien zu überlegen, wie es seine Beute erlegen konnte. Nicht wenige Tiere setzten ihre Angriffspläne auch in die Tat um.

Mit den Fackeln fuchtelnd konnte die Bande die meisten Angreifer abwehren. Manche hingegen waren hartnäckiger. Die scharfen, gelblichen Nagezähne gebleckt, sprangen sie quiekend und kreischend auf die verängstigten, eng zusammengedrängten Kinder zu. Luciens Bande streckte die Messer aus und fuchtelte wenig koordiniert mit ihnen herum. Nur ihre Zahl bewahrte sie vor schlimmeren als tiefen Kratzern.

Schnell war klar: Sollten sich die Gerüchte bewahrheiten, würden sie hoffnungslos unterlegen sein.

Nachdem sie nun schon einige Zeit in der Kanalisation herumgeirrt waren, wurde der Drang nach einer kurzen Pause bei den meisten übermächtig. Lucien wählte einen Gang aus, der halbwegs geschützt wirkte vor den Bewohnern der Kanalisation, und ließ seine Gefolgsleute Rast machen. Rasch hatte er einige Befehle erteilt und Wachen aufgestellt, dann erlaubte er es sich selbst, sich hinzusetzten und durchzuatmen.

Erst jetzt bemerkte er, wie angespannt und ausgelaugt er war. Die stete Gefahr, die um ihn herum war, zehrte an seinen Nerven, selbst wenn es nur die bloße Androhung dessen war. Sein Blick war rastlos und die Hand stets am Dolch. Fühlte sich so die Beute, bevor der Jäger über sie herfiel?

Dann riss er sich zusammen. Er war schon früher hier unten gewesen, und damals hatte er nicht den Schutz einer eigenen Bande besessen. Nein, die Gerüchte waren nichts weiter als Gerüchte, und wenn etwas an ihnen dran war, dann hatten sich sicher nur die Skooma-Süchtigen nach hier unten verkrochen. Nichts weiter. Noch nie war er schlimmeren Kreaturen begegnet, und die Skooma-Süchtigen waren nun wirklich keine größere Gefahr als Ratten und Schlammkrabben. Er sollte aufhören, sich wie ein kleines Kind zu benehmen und wieder ein Anführer sein.

Die Bandenmitglieder sprachen nur leise und gedämpft miteinander. Während Lucien sie beobachtete, sah er, dass auch sie sich immer wieder gehetzt umsahen und dem Frieden nicht trauen wollten. Dann schüttelte er den Kopf und rief sich in Erinnerung, dass die meisten von ihnen genau solche feigen Hunde waren wie Malvin. Es bedurfte einer Person wie ihm, um sie zusammenzuhalten und vor allem auch sie alle dazu bewegen zu können, diesen Weg gemeinsam mit ihm zu gehen. Es bedurfte einer willensstarken und entschlossenen Person, entschlossen, alles zu tun, um ihre Ziele zu erreichen. Und das war er, niemand konnte das bestreiten.

»Wir hätten nicht hierher gehen dürfen«, hörte er Malvin leise vor sich hin murmeln. »Hätten uns nicht breitschlagen lassen sollen. Es war eine dumme Idee. Früher oder später passiert etwas.«

Lucien warf ihm einen Blick aus dem Augenwinkel zu, doch niemand schien auf die Worte des Waldelfen eingehen zu wollen. Manche warfen Lucien unsichere Blicke zu, die meisten aber ignorierten die Worte, wahrscheinlich aus Angst vor Konsequenzen. Lucien ließ sie ebenso kommentarlos im Raum stehen, merkte sie sich aber gut.

Da bemerkte er, wie eine der Wachen auf ihn zukam. Der Junge kniete sich vor ihn auf den Boden, und Lucien bemerkte Unsicherheit in seinem Blick.

»Was ist?«, fragte er. »Geh auf deinen Posten.«

»Wir haben dort hinten etwas bemerkt«, sagte der Junge. »Dort ist zwar eine Wand, aber am Boden des Kanals ist ein Gitter, um das Wasser durchzulassen. Es scheint so, als könne man das Gitter öffnen. Dahinter geht es weiter, wohl in einen anderen Abschnitt der Kanalisation. Wir haben seltsame Geräusche von dort gehört, ein Kreischen und Schreien, wie ich es noch nie gehört habe. Außerdem meinen wir Fackelschein gesehen zu haben. Ich glaube, dort hinten ist etwas, von dem wir nicht näher wissen wollen, was es ist.«

Malvin hatte bei diesen Worten den Kopf gehoben. »Ich habe ja gesagt, dass es eine schlechte Idee ist, hier hinunter zu gehen!«, rief er aus. »Jetzt sitzen wir in der Falle!«

»Sei still!«, zischte Lachance. »Wenn du Hirn zwischen deinen Segelohren hast, dann musst du doch wissen, dass dein Gekreische anlocken kann, was auch immer dort hinten lauert!«

»Auf einmal ist der große Anführer also auch verängstigt?«, fuhr Malvin unbeirrt fort.

»Malvin, Lucien hat Recht«, sagte die Wache mit Besorgnis in der Stimme. »Hör auf mit deinem Gezeter und sei still. Ich will nicht erfahren, was das dort hinten gewesen war.«

»Willst du also sagen, dass es klug war, hier herunter zu gehen und ins offene Messer zu rennen?«, hielt der Waldelf dagegen.

»Ich will damit sagen, dass du die Klappe halten sollst«, konterte der andere Junge.

»Malvin, das ist ein Befehl«, knurrte Lucien. »Sei still!«

»Oder was?«, frotzelte Malvin. »Schlägst du mir die Nase blutig?«

»Du weißt, dass ich damit nicht zögern werde, wenn du auch noch ein Wort sagst«, fauchte Lucien.

Es machte ihn rasend, wie sehr Malvin es wagte, ihn herauszufordern. Normalerweise wusste jeder, wo sein Platz in der Bande war, und sollte jemand doch nicht spuren, reichten meist einige harsche Worte Luciens, um denjenigen in seine Schranken zu verweisen. Malvin hingegen schien es sich auf einmal in den Kopf gesetzt zu haben, nicht nachgeben zu wollen. Dass er es ausgerechnet an diesem Ort getan hatte, machte die Sache nicht leichter. Dennoch musste Lucien Konsequenzen zeigen. Wenn er Malvin nur schnell und ordentlich genug verprügelte, würde schon niemand mit bösen Absichten etwas bemerken.

Oder?

Lucien besann sich. Ein Risiko bestand dennoch, sollte er jetzt eine Prügelei mit dem Waldelf beginnen, zumal er wusste, wie schnell dieser war, schneller als er, auch wenn er kräftiger war als der kleine, schmächtige Elf.

Malvin war inzwischen aufgestanden und hob herausfordernd die Fäuste. »Na los, komm!«, rief er. »Was ist jetzt, oh großer Anführer? Hast du die Hosen voll?«

»Malvin …«, mischte sich ein anderes der Straßenkinder ein. »Jetzt gib endlich Ruhe und kläre das, wenn wir hier fertig sind.«

»Nein, ich kläre das jetzt, denn ansonsten liefert der hier uns alle noch ans Messer!«

Als Malvin ihm einen nicht allzu kräftigen Tritt in die Seite verpasste, waren alle guten Vorsätze vergessen. Lucien sprang auf und versuchte den Waldelf zu packen. Der jedoch wich im letzten Moment aus, strauchelte jedoch. Sein Kontrahent nutze dies sogleich aus und setzte ihm nach. Nur Herzschläge später waren die beiden Jungen ineinander verkeilt.

»Scheiße!«, fluchte da mit einem Male eine der Wachen. »Malvin, du Idiot! Wir bekommen Besuch!«

Lucien bemerkte den Aufschrei nur am Rande. Das, was danach folgte, jedoch sehr wohl.

»Goblins!«, schrie jemand.

»Sie greifen an!«, ein anderer.

»Scheiße, ist das ein Zauberer?!«

Wutentbrannt schlug Lucien auf Malvins Gesicht ein. »Ich bring dich um!«, brüllte er. »Das ist alles deine Schuld!«

»Du hast uns hier herunter geführt!«, knurrte Malvin und spuckte Lucien ins Gesicht, um sodann nach seinen Fingern zu beißen.

»Und du hast angefangen zu brüllen!«, fauchte Lucien, während er den Zähnen auswich. Sein Gesicht war zornesrot und die Wut loderte in seinem Bauch. Dieser verdammte Waldelf würde für seine Dummheit zahlen. Mit aller Kraft schlug und trat er nach ihm, so voller Gewalt wie noch nie in seinem Leben. Er bemerkte kaum, wie das Chaos um ihn herum ausbrach. Die Kinder der Bande liefen in wilder Furcht durcheinander, während bewaffnete Goblins durch den Durchgang drängten und sich auf die leichte Beute stürzten. Schreie wurden laut, Panik verbreitete sich.

Malvin konnte der rohen Gewalt seines Kontrahenten kaum etwas entgegensetzen. Manchen der Schläge konnte er noch geschickt ausweichen, doch dann musste er immer mehr einstecken und konnte selbst kaum noch austeilen. Seine Nase war bereits gebrochen und blutete, ebenso seine Lippen, und eines seiner Augen begann zuzuschwellen. Er wurde immer mehr in die Defensive gedrängt.

Irgendwann hatte Lucien den Dolch gezückt. Mit einem Male wurde Malvins Gesicht aschfahl und Furcht wuchs in seinen Augen. Lucien holte mit der Waffe aus, während sein Gegner versuchte, seine Arme zu packen. Doch der stärkere Kaiserliche riss ihn mühelos zu Boden und konnte die von Angst befeuerten, unkoordinierten Versuche der Gegenwehr des Waldelfen leicht abfangen.

Das Gefühl, wie sich der Dolch das erste Mal in die Brust Malvins senkte, war unbeschreiblich. Lucien wusste nur eines mit großer Klarheit: Es fühlte sich gut an. Der Elf erstarrte und riss die Augen weit auf. Dann zerrte Lucien den Dolch wieder aus seiner Brust und stieß erneut zu. Und wieder. Und wieder.

Malvins Gegenwehr erstarb rasch.

Erst da bemerkte Lucien, dass er soeben jemanden umgebracht hatte. Sonderlich erschreckt war er davon jedoch nicht. Mit kühler Gelassenheit betrachtete er die blutenden Stichwunden in der Brust des Elfen unter ihm. Malvins Blick ging in die Leere, noch immer stand die Todesfurcht in seinen Augen.

Dann sah sich Lucien ruhig um und analysierte, was um ihn herum geschah.

All das hatte nur Augenblicke gedauert. Die Goblins begannen gerade erst, den Straßenkindern nachzusetzen, doch es wurde ersichtlich, dass sie den Kreaturen hoffnungslos unterlegen waren. Lucien wusste, dass er nichts tun konnte, um das Massaker zu verhindern. Vielleicht würden einige entkommen, und er würde sie erneut zusammenrufen und seine Bande neu gründen. Auf mehr konnte er nicht hoffen. Malvin hatte seine verdiente Strafe erhalten, das musste reichen.

Er erhob sich, sammelte sich kurz und rannte dann davon, die Rufe hinter ihm ignorierend, die ihn einen Feigling und Mörder schimpften. Es war ihm egal. Schlussendlich hatte jedes Straßenkind für sich selbst zu sorgen. Er war nicht für den Schutz eines jeden einzelnen aus seiner Bande verantwortlich, also mussten sie jetzt selbst zusehen, wie sie hier herausfanden.

Alleine durch die Kanalisation zu huschen war in gewisser Hinsicht einfacher. Eine größere Gruppe bot zwar mehr Sicherheiten, war aber auch auffälliger. Lucien war schon immer sehr verstohlen gewesen und wusste zudem, wie er sich hier unten bewegen musste, um nicht bemerkt zu werden.

Da es hier ohnehin kaum Licht gab, war es einfach, sich in den Schatten zu verbergen. Der Gestank überdeckte die allermeisten Gerüche, sodass kaum eine Ratte aus größerer Entfernung seine Witterung aufnehmen konnte. Und wenn er nicht wollte, dass er gehört wurde, dann war er ohnehin in der Lage, keinen Ton von sich zu geben.

Der Rückweg war weitaus einfacher als der Hinweg. Niemand bemerkte ihn, niemand verfolgte ihn. Die Schreie seiner Bande waren alsbald hinter ihm verblasst. Er würde in einigen Tagen beginnen, die Straßen der Stadt nach den Überlebenden abzusuchen und dann würden sie von neuem beginnen. Es ärgerte ihn, dass sein Plan so gründlich gescheitert war. Der Erfolg war zum Greifen nahe gewesen! Aber noch war nicht aller Tage Abend und damit auch nicht alles verloren. Wenn er jetzt nur nicht nachließ, würde er seinen Erfolg schon erhalten. Vielleicht sollte er die Zeit nutzen, um die verfeindete Bande auszuspionieren, dann würde er nicht nur auf der Straße lungern und Zeit ungenutzt verstreichen lassen.

Als er endlich wieder frische Luft atmen konnte, war die Nacht bereits weit fortgeschritten. Während sich Lucien rasch vom Kanalisationseingang entfernte und sich in einem Gebüsch verbarg, stellte er fest, wie erschöpft er war. Sein Unternehmen war kraftraubender gewesen, als er gedacht hatte. Also beschloss er, ein Versteck für die Nacht zu suchen und bis zum Morgen zu ruhen. Alles Weitere würde sich dann ergeben.

Er begab sich zurück zum Hafenviertel. Alles schlief bereits und selbst die Wachen verwendeten kaum noch Aufmerksamkeit auf ihren Dienst. In wenigen Stunden würde es dämmern, bis dahin schlief nun selbst das pulsierende Zentrum des Herzlandes.

Lucien fand einen Kistenstapel, welcher einen guten Sichtschutz bot. Er kroch zwischen die Kisten, rollte sich zusammen und war alsbald eingeschlafen.

 

Er wusste nicht, was ihn nur kurze Zeit später wieder aus seinem Schlaf gerissen hatte. Vielleicht war es das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Vielleicht war es auch das plötzliche Frösteln, das ihn befallen hatte. Etwas war anders als normal.

Alarmiert hob er den Kopf und sah sich um. Zunächst bemerkte er nichts Ungewöhnliches, doch dann entdeckte er, dass ein Schatten in der Nacht dunkler war als die anderen um ihn herum. Was war das? Es war bedrohlich, das spürte er. Er tastete nach dem Dolch an seiner Seite und zückte ihn.

»Steck das Spielzeug weg«, hörte er eine weibliche Stimme aus dem tiefschwarzen Schatten heraus.

»Wer bist du?«, verlangte Lucien zu wissen. Der Dolch blieb, wo er war.

»Jemand, der dein großartiges Potenzial zu schätzen weiß.« Plötzlich bewegte sich der Schatten und machte eine hochgewachsene, schlanke Gestalt sichtbar. »Man nennt mich Arela Drewani, eine Sprecherin der Dunklen Bruderschaft, und ich bin hier, um dich in unsere Familie aufzunehmen. Denn dein Herz ist schwarz wie die Nacht und kälter als der bitterste Winter in Himmelsrand. Du bist zum Morden geboren.«

Langsam sank der Dolch nun doch herab. Die Dunkle Bruderschaft! Freilich hörte man selbst in den Gossen der Kaiserstadt von der Gilde von Meuchelmördern, die ihrem blutrünstigen Gott huldigten und in seinem Namen und für Geld Auftragsmorde begingen. Ihr Ruf war legendär.

Lucien war sich unsicher, was er von der Situation halten sollte. Wurde ihm gerade eine Möglichkeit geboten, dem Leben in der Gosse zu entkommen, oder bedeutete das Erscheinen Arela Drewanis sein Ende? Nicht wissend, was er sagen sollte, schwieg er daher lieber.

»Schweigen ist oftmals die beste Antwort«, kommentierte Arela Drewani. »Und nicht selten die bedrohlichere. Gut, gut. Du hast einen Mord begangen, mit kaltem Herzen und ohne zu zögern. Du hast eine Seele Sithis übergeben und damit deine Seele unserem Vater geweiht. Du gehörst nun zu uns, bist einer der unseren. Doch noch ist das Ritual nicht zur Gänze vollzogen.«

Mit einem Male hatte das Leben des jungen Kaiserlichen völlig andere Bahnen eingeschlagen. Er erkannte, was für Möglichkeiten ihm hier geboten worden waren. Er käme weg von der Straße, müsste nicht mehr tagtäglich um sein Überleben kämpfen, keinen Hunger und keine Kälte mehr leiden. Das Leben eines Assassinen, wenn auch lange nicht sicher, war doch von weitaus weniger Gefahren geprägt als jenes eines mittellosen Straßenjungen. Der Preis dafür wäre Blut, doch Arela Drewani hatte Recht: Lucien mordete eiskalt. Er hatte es einmal getan, er würde es wieder tun, ohne zu fragen.

»Was muss ich tun?«, fragte er daher.

Er meinte ein leises Lachen unter der Kapuze zu vernehmen. »So ist’s gut, das gefällt mir«, sagte Arela Drewani. »Gehe nach Norden, an das nördliche Ufer des Rumare-Sees. Nahe der Festung Caractacus findest du eine Siedlung namens Bockbierquell. Jemand will den Argonier Seed-Neeus tot sehen und es ist an dir, ihn zu töten. Erst dann ist dein Kontrakt unterschrieben, unterschrieben mit dem Blut deines Opfers.«

»Wer ist Seed-Neeus?«, wollte Lucien wissen.

»Nur ein Bettler, der aufklaubt, was er findet, und die billigen Dienste in der Siedlung verrichtet, die sonst keiner übernehmen will«, erklärte Arela Drewani. »Er ist schwach und feige, ihn zu töten, sollte selbst für dich ein Kinderspiel sein.«

»Und dann?«, fragte der junge Kaiserliche weiter. »Was soll ich dann tun?«

»Schlafe, Kind der Finsternis, und ich werde dich aufsuchen«, versprach die Sprecherin ihm. »Ist die Tat vollbracht, wirst du alles Weitere erfahren und ein vollwertiges Mitglied der Dunklen Bruderschaft werden können.«

Lucien spürte Enttäuschung in sich aufkommen. Er hatte bereits ein Leben genommen, doch nun sollte er noch eines nehmen, um aufgenommen werden zu können? Er hatte für einen kurzen Moment gehofft, schon Malvins Tod würde genügen und der Dunklen Bruderschaft zeigen, dass er ihrer würdig war. Doch es war, wie es sein sollte. Die Beschreibung des Argoniers klang nicht sonderlich herausfordernd, er würde es sicherlich schaffen.

Als er wieder aufsah, um der Sprecherin mitzuteilen, dass er den Auftrag annehmen würde, war sie bereits verschwunden. Er blickte sich um, doch nirgends war eine Spur von ihr ausfindig zu machen. Nur ein schwach süßlicher Geruch hing noch in der Luft, der Lucien irgendwie an Verwesung erinnerte.

Dann schüttelte er den Kopf und legte sich wieder hin. Sobald er ausgeruht war, würde er sich auf den Weg machen und tun, was ihm befohlen worden war. Und dann würde sein neues Leben beginnen.

 

 

Lucien hatte die Kaiserstadt noch nie verlassen. Er hatte nicht einmal darüber nachgedacht, es zu tun, geschweige denn darüber, was jenseits dessen lag, was er von den Ufern der Insel aus sehen konnte. Sein altes Leben hinter sich zu lassen, fiel ihm leicht. Den Schritt in ein neues zu wagen, war etwas völlig Anderes. Eine Welt von ungeahnter Größe lag vor ihm, nicht begrenzt durch dicke Stadtmauern und Häuserfronten. Er würde tagelang laufen können und immer noch nur Wildnis um sich herum zu haben. Die ungewohnte Grenzenlosigkeit ängstigte ihn.

Dennoch lenkte er seine Schritte unbeirrt um das westliche Ufer des Rumare-Sees herum. Die Straßen waren leer, kaum ein Reisender oder ein Reiter der Kaiserlichen Legion begegneten ihm. Auch das war ungewohnt. Stets war er vom Stimmengewirr der Großstadt umgeben, immer waren da Menschen, vor deren Blicken er sich verborgen hatte oder deren Anwesenheit ihn vor den Blicken anderer geschützt hatte. Auf einmal jedoch umgab ihn die Einsamkeit.

Er sollte sich besser daran gewöhnen, sagte er sich selbst. Als Assassine würde er sicherlich viel Zeit in der Wildnis verbringen. Also ging er unbeirrt weiter entlang der Roten Ringstraße nordwestlich des Sees. So viele Bäume um ihn herum, so viele Vögel! Und erst der Wind! Nie hatte er Wind so rauschen gehört und wehen gespürt wie hier.

Er musste jedoch auch feststellen, dass die Wildnis ein gefährlicher Ort war. Es dauerte nicht lang, nachdem er die Stadt hinter sich gelassen hatte, da sah er bereits den ersten Wolf. Instinktiv wusste er, dass dies kein Gegner für ihn war, und er duckte sich hinter einige Felsen. Doch zu spät, der Wolf hatte bereits seine Witterung aufgenommen. Eine leichte Beute witternd sprang er laut bellend in seine Richtung. Voller Angst kletterte Lucien auf die Felsen, doch er musste feststellen, dass sie kaum hoch genug waren.

Zähnefletschend sprang der Wolf an ihnen hoch, während Lucien so weit oben wie möglich saß und die Beine anzog, während er seinen Dolch gezückt hatte und unbeholfen damit in der Luft herumfuchtelte.

»Verschwinde!«, schrie er in der Hoffnung, der Lärm würde das Tier verscheuchen. »Zieh Leine, ich schmecke nicht! Hörst du? Ich schmecke nicht, viel zu wenig dran an mir!«

Leider half dies nur bedingt. Der Wolf sprang zwar nun nicht mehr an den Felsen hoch, stattdessen schlich er, immer noch Zähne fletschend und knurrend, um ihn herum, lauernd und auf eine Gelegenheit wartend.

Luciens Hirn arbeitete auf Hochtouren. Er war nicht stark genug, um den Wolf zu überwältigen, ganz davon abgesehen, dass sein Dolch ein Witz gegen das Tier war. Was also konnte er tun? Herzlich wenig, leider.

Seine Rettung kam unverhofft alsbald darauf.

»Heda, Junge!«, hörte er jemanden aus einiger Entfernung von der Straße aus rufen.

Als er sich umdrehte, sah er einen Legionsreiter auf einem Pferd. Der Soldat schien mittlerweile selbst gesehen zu haben, dass Lucien in Bedrängnis geraten war, stieg vom Pferd und zückte sein Schwert. Mit einem lauten Schrei stürzte er sich auf den Wolf. Das Tier bemerkte die Gefahr und erkannte in ihr die weitaus größere Bedrohung als in dem Jungen.

Der Kampf dauerte nur kurz. Gegen die schwere Plattenrüstung des Soldaten kam der Wolf nicht an. Nach nur wenigen Schwerthieben, kniff er jaulend die Rute zwischen die Beine und rannte davon. Der Soldat wandte sich Lucien zu.

»Die Gefahr ist vorbei, du kannst herunter kommen«, sagte er.

Lucien kam dem eilends nach. »Danke«, presste er zwischen seinen Zähnen hervor. Er besaß ein gesundes Misstrauen gegenüber der Kaiserlichen Legion, aber vielleicht erkannte der Soldat nicht, dass er eine Straßenratte aus der Kaiserstadt war.

»Was machst du hier so allein und schutzlos in der Wildnis?«, fragte der Fremde.

»Ich suche Beeren für meine Mutter«, log Lucien. »Wir sind arm und sie krank und schwach, weshalb ich das allein machen muss.«

»Wohnt ihr weit von hier?«

»Wir haben eine Hütte im großen Forst, vielleicht eine Stunde von hier entfernt.« Lucien deutete in eine beliebige Richtung auf den Großen Forst. Irgendwo dort würde es sicherlich eine solche Hütte geben. Er hoffte nur, dass der Soldat es nicht nachprüfen musste.

Doch dieser nickte nur. »Dann pass auf dich auf. Wenn du noch einmal einem Wolf begegnest, schrei so laut, wie du kannst, und wirf Steine nach ihm. Die meisten Tiere verscheucht das«, riet er. Dann ging er zurück zu seinem Pferd, stieg auf und ritt weiter seine Patrouille.

Lucien sah ihm nach, um sicher zu gehen, dass er sich nicht weiter um ihn kümmerte. Erst dann wandte er sich ab und ging auch seines Weges.

Er würde noch viel lernen müssen, stellte er fest, wenn er sich nicht einmal gegen einen Wolf verteidigen konnte.

Nach einigen Stunden, die Sonne stand bereits hoch am Himmel und hatte ihren Zenit überschritten, sah er vor sich zwischen den Bäumen des Großen Forstes an der Straße die ersten Häuser auftauchen. Dies musste Bockbierquell sein, dachte er bei sich und überlegte, wie er nun weiter vorgehen sollte. In den letzten Stunden hatte er nicht wirklich darüber nachgedacht. Irgendwie hatte sich der Gedanke in ihm festgesetzt, dass er hierher gehen, Seed-Neeus töten und sich dann ein sicheres Plätzchen zum Schlafen suchen würde. Nun ging ihm auf, dass es sicherlich nicht so einfach werden würde. Er beschloss, sich in der Nähe des Dörfchens auf Lauer zu legen und es zu beobachten.

Ein wenig abseits der Straße fand er ein Gebüsch, das ihm geeignet schien. Hier hatte er einen guten Überblick über das Dorf und konnte gleichzeitig nicht so schnell entdeckt werden, besonders, wenn man nicht nach ihm suchte.

Schnell hatte er die Bewohnerschaft ausfindig gemacht: ein Dunkelelf, zwei Nord und eine Kaiserliche lebten hier in dem kleinen Dorf. Wahrscheinlich arbeitete noch jemand in der Taverne, die er nebst den beiden anderen Wohnhäusern ausmachen konnte. Die Bewohner Bockbierquells betrieben außerdem eine kleine Farm mit einem Gemüsefeld und einigen Tieren. Alles in allem überschaubar.

Seed-Neeus war der einzige Argonier im Dorf und daher ohne Probleme ausfindig zu machen. Er lungerte herum, tat mal dies, mal das. Die Dorfbewohner warfen ihm keine allzu freundlichen Blicke zu, tolerierten ihn aber ansonsten.

Lucien wartete bis zum Abend. Als die Sonne am Horizont zu verschwinden begann, begaben sich die Dorfbewohner in die Schenke. Nur Seed-Neeus blieb zurück. Er setzte sich an eine Feuerstelle im Dorfzentrum und begann, in einem kleinen, gusseisernen Kochtopf sich sein spärliches Abendessen zuzubereiten. Der angehende Mörder witterte seine Gelegenheit.

So leise, wie es ihm nur möglich war, schlich er aus seinem Versteck und in das Dorf, immer darauf bedacht, im Schatten zu bleiben. Ihm war nicht daran gelegen, dass die Dorfbewohner, sollten sie einen zufälligen Blick aus den Tavernenfenstern werfen, ihn sahen.

Seed-Neeus, nicht ahnend, dass seinem Leben Gefahr drohte, widmete sich ganz unbedacht seinem Essen, welches er schlürfend aus einer Schale löffelte. Er bemerkte den Jungen nicht. Leise zog dieser sein Messer und schlich sich von hinten an den Argonier heran. Sein Herz schlug so laut, dass er befürchtete, der Echsenmensch würde es hören können. Doch dem war nicht so.

Luciens Hand war ganz ruhig, als er das erste Mal in seinem Leben willentlich jemanden tötete. Er holte aus und senkte das Messer tief in den Rücken seines Opfers. Seed-Neeus keuchte auf, da stach Lucien auch schon ein weiteres Mal zu. Bevor sein Opfer schreien konnte, hieb er das Messer in dessen Hals. Er wusste nicht, wohin man zielen musste, weshalb das Blut wild herausprudelte, als er das Messer aus dem Fleisch zog. Der Argonier röchelte und versuchte vergeblich mit den Händen die Blutung zu stoppen, während er von seinem Hocker rutschte. Die Schüssel mit dem Eintopf war polternd zu Boden gefallen, doch niemand beachtete sie.

Schon war Lucien über den zu Boden gefallenen Argonier, wieder holte er aus und versenkte dieses Mal seinen Dolch in der Brust seines Opfers. Er genoss das Gefühl reißenden Fleisches und des warmen Blutes auf seiner Haut, während Seed-Neeus immer schwächer werdend unter ihm zappelte. Lucien drückte den Dolch so tief wie möglich in die Wunde und drehte ihn mehrmals um. Ein animalisches Grinsen lag auf seinem Gesicht, während er dem Argonier beim Sterben zusah. Er stellte fest, dass es ihm großes Vergnügen bereitete zu morden. Sicher wäre er bei der Dunklen Bruderschaft gut aufgehoben.

Der Todeskampf dauerte nicht mehr lange. Alsbald lag der Argonier still, Schrecken in seinen leeren Augen. Langsam erhob sich Lucien und betrachtete sein Werk. Die Tat war blutig und die Spuren des Kampfes unübersehbar. Erst überlegte er, ob er die Leiche fortschaffen solle, doch dann sagte er sich, dass dies kaum einen Unterschied machen würde. Das Blut würde verraten, dass Seed-Neeus umgebracht worden war. Wahrscheinlich würde es die Dorfbewohner ohnehin kaum stören, wenn der Bettler tot war.

Ohne zurückzublicken ging Lucien davon.

 

Er hatte irgendwo im Wald in einer laubigen Mulde ein Lager für die Nacht gefunden. Hielt die Sprecherin Wort, würde sie ihn hier finden. Und so kam es auch.

»Die Tat ist getan«, begrüßte sie ihn, nachdem er von ihrer kalten Präsenz geweckt worden war. »Woher ich das weiß? Du wirst sehen, dass die Dunkle Bruderschaft Mittel und Wege kennt, um zu erfahren, was sie will. Seed-Neeus ist tot, sein Blut die Tinte, und die Art der Exekution die Unterschrift. Du bist nun ein Mitglied unserer Familie, sie wird dich mit offenen Armen empfangen. Willkommen, Bruder.«

Lucien konnte nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf seine mageren Züge schlich. »Wie geht es nun weiter?«, fragte er.

»Gehe nach Cheydinhal zum verlassenen Haus. Im Keller findest du eine Schwarze Tür, versuche, sie zu öffnen. Man wird dich etwas fragen, und du antwortest so: ›Sanguin, mein Bruder.‹ Dann wird man dir Einlass gewähren. Sprich dort mit Cassius Proximo, er wird dich in deine neue Familie einführen und dich mit den anderen Mitgliedern der Zuflucht und, was noch wichtiger ist, mit unseren fünf Geboten vertraut machen. Für uns nun ist die Zeit des Abschiedes gekommen. Geh nun auf deinem finsteren Pfad und wate im Blute der Feinde Sithis‘. Ich werde über dich wachen, auch wenn wir uns nun für lange Zeit nicht mehr sehen werden.«

Mit diesen Worten war sie im Nichts verschwunden, einfach so, wie bei ihrem ersten Treffen. Lucien hatte noch so viele weitere Fragen, doch anscheinend mussten sie warten, bis er die Zuflucht erreicht hatte.

Cheydinhal. Er wusste nicht genau, wo das lag, nur, dass die kleine Stadt irgendwo im Osten Cyrodiils zu finden sein. Am besten, er folgte einfach weiter der Ringstraße und wartete, bis irgendwann ein Weg nach Osten abging. Sicherlich würde er sein Ziel dann schon finden.

Erst, als er Bockbierquell weit hinter sich gelassen hatte, wagte er sich wieder auf die Straße, überquerte sie und strebte dem Ufer des Sees zu. Noch immer klebte Blut an ihm, das er besser von sich abwusch, bevor er dem nächsten Reisenden begegnete.

Das Blut an seinen Kleidern war leider nur sehr schwer halbwegs gut zu entfernen. Er hoffte, dass es nicht weiter auffiel, und fluchte, weil seine Kleidung nun kalt und klamm war. Doch es musste gehen. Er hatte noch einen langen Weg vor sich und hoffte, noch vor Mittag sein Ziel zu erreichen.

Die Sonne ging bereits auf, als er endlich eine Weggabelung erreichte. Nahe einer alten Festungsruine, in deren Schatten Lucien Goblins ausmachen konnte, fand er einen Wegweiser. Er konnte nicht lesen, vermutete aber, dass der Weg, der nach links abging, sein Weg war. Geradeaus führte die Ringstraße weiter, und da das definitiv nicht die richtige Richtung war, wandte er sich nach Osten, die aufgehende Sonne im Gesicht.

Zu seinem Leidwesen musste er feststellen, dass in der Wildnis mehr lauerte als nur wilde Tiere. Es dauerte nicht lang, als er in einiger Entfernung das Lager einiger Wegelagerer ausmachte. Und dieses Mal würde er sicher nicht mehr so viel Glück haben, dass jemand ihm zu Hilfe eilte.

Die Banditen schienen ihn noch nicht bemerkt zu haben, was zu seinem Glück gereicht sein könnte. Hastig sah er sich um. Die Gegend hier war eine offene, hügelige Graslandschaft mit nur wenigen, spärlichen Bäumen, doch nördlich des Weges wuchs ein kleiner Hain. Darauf bedacht, keine hastigen, verräterischen Bewegungen zu machen, huschte er in diese Richtung. Vielleicht konnte er so die Gefahr umgehen.

Es gelang ihm tatsächlich. Die Gesetzeslosen schienen gerade erst erwacht zu sein und sich für den Tag vorzubereiten. Sie tranken und aßen und achteten nicht wirklich auf ihre Umgebung. Ihre Unachtsamkeit ermöglichte es Lucien, ihren Blicken zu entgehen.

Erst als er sie hinter sich kaum noch ausmachen konnte, wagte er sich wieder auf die Straße. Das Herzland schien wie ausgestorben, nur hin und wieder flogen einige Schmetterlinge und andere Insekten sowie von Zeit zu Zeit ein Vogel am Himmel entlang. In der Ferne sah er manchmal eine Gruppe Rehe, doch darüber hinaus konnte er kaum Leben ausmachen. Nur einmal begegnete ihm eine reisende Khajiit. Er fragte sie, ob das der Weg nach Cheydinhal sei und zu seiner Freude bestätigte sie dies. Froheren Mutes schritt er beschwingter aus.

Nach einer Weile tauchte er erneut in einen Wald ein, und dann dauerte es auch nicht mehr lang, bis er vor sich schwach durch die Bäume die Stadtmauern seines Ziels hindurch schimmern sah. Wieder konnte er ein Grinsen nicht unterdrücken. Sein Leben in der Kaiserstadt war Geschichte, denn bald führte er ein Leben in den Schatten und ganz sicher auch in Luxus und Wohlstand.

Der Vormittag war angebrochen und Lucien knurrte der Magen. Er war Hunger gewöhnt und so fiel es ihm nicht schwer, das Gefühl zu unterdrücken. Dennoch überlegte er kurz, ob er sich nicht, bevor er das verlassene Haus suchte, etwas zu essen besorgen sollte. Was wäre, wenn man ihn erneut prüfte, und er mit leerem Magen antreten musste? Dann entschied er sich jedoch dagegen. Sollte es so kommen, was er nicht glaubte, dann würde er auch das durchstehen. Außerdem hatte es für ihn oberste Priorität, tatsächlich in die Dunkle Bruderschaft aufgenommen zu werden.

Denn schon die ganze Zeit über hatte eine leise Stimme in ihm geflüstert, dass das alles doch ein Traum sein müsse. Wie konnte jemand wie er so viel Glück haben und tatsächlich durch einen simplen Mord Kontakt zur Bruderschaft aufnehmen? Wie konnte es so einfach sein, dem harten und zumeist kurzen Leben in der Gosse zu entkommen?

Die Wachen am Tor warfen ihm scheele Blicke zu, ließen ihn aber dennoch passieren. Und dann betrat er jene Stadt, die ihm ein neues Zuhause werden sollte.

Cheydinhal war gänzlich anders als die Kaiserstadt. Nicht nur die deutlich geringere Größe fiel sogleich ins Auge, sondern auch die Ordentlichkeit und Ruhe. Kaum jemand hetzte hier umher, schrie durch die Gassen und drängte sich mit Ellbogen und Knien durch die Massen. Ganz davon abgesehen, dass es hier keine Massen gab. Die Straßen waren im Vergleich zu denen der Kaiserstadt wie leergefegt und, so schien es Lucien jedenfalls, obwohl es nicht der Fall war, regelrecht wie geleckt. Noch nie hatte er einen so sauberen Ort wie diesen gesehen, er, der es gewohnt war, im Abfall der Gesellschaft zu leben.

Staunend und mit weit offenen Augen und Mund stand er am Tor und glotzte, bewunderte alles um ihn herum und nahm es in sich auf. Erst ein unsanfter Stoß gegen die Schulter brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.

»Pass doch auf, du Rotzbengel!«, fuhr ihn ein Bewohner der Stadt an. »Steh nicht rum und gaffe, sondern beweg dich!«

Lucien sah zu, dass er dem nachkam. Er wollte keinen Streit anfangen, und ohnehin war es immer besser, Leuten wie diesen aus dem Weg zu gehen.

Arela Drewani hatte keine Angaben gemacht, wo er das Haus finden würde, aber die Stadt schien ohnehin nicht allzu groß zu sein. Ein guter Orientierungspunkt war die Kirche im Zentrum der Siedlung, um die sich alle weiteren Häuser gruppierten. Er würde sie wahrscheinlich einfach umrunden müssen, um zu finden, was er suchte.

Es kam auch so, wie er es vermutet hatte. An der östlichen Seite der Stadt an einem kleinen Platz vor dem Kircheneingang fand er, was er suchte. Es gab sonst kein anderes Haus in der Stadt, welches so verfallen aussah wie dieses. Das musste das verlassene Haus sein, welches die Sprecherin gemeint hatte.

Lucien zögerte. Nur wenige Leute waren zwar anwesend, doch würden sie nicht Verdacht schöpfen, wenn er einfach so in das Haus spazierte? Also begann er, sich nach einem Hintereingang umzusehen. Bis auf einen Brunnen neben dem Haus fand er jedoch nichts, das nach einem getarnten Eingang aussah, und auch das Gitter des Brunnens saß fest und die Fenster im Erdgeschoss ließen sich nicht aufbrechen. Er würde wohl oder übel den Haupteingang nehmen müssen.

Auch dieser war verschlossen, doch das Schloss ließ sich knacken. Luciens kleine, zierliche Finger waren geschickt und geübt darin, ihm Zugang zu Orten zu verschaffen, die er eigentlich nicht betreten durfte. Schnell war das Schloss aufgebrochen. Er sah sich um, ob auch niemand in seine Richtung blickte, dann huschte er in das Haus.

Ein muffiger, staubiger Geruch schlug ihm entgegen. Im Haus war alles finster, kein Licht brannte und die meisten Fensterläden waren vorgeklappt. Das wenige Licht reichte gerade dazu aus, um ihm den Weg vorbei an Spinnenweben und Sperrmüll zur Kellertür zu zeigen.

Nichts schien an diesem Haus ungewöhnlich zu sein bis auf den Fakt, dass ein Haus in einer guten Wohngegend anscheinend schon so lange leer stand. Auch der Keller schien gewöhnlich, sogar ein paar alte Flaschen mit billigem Fussel fand er hier.

Sowie einen Durchbruch in der Mauer. Ein Gang schloss sich ihm an, der tiefer in den Fels zu führen schien, auf dem das Haus stand. Ein rotes Glühen drang daraus hervor.

Nervös zückte Lucien seinen Dolch. Alle Zuversicht war aus ihm geschwunden, und er musste sich eingestehen, dass er es mit der Angst zu tun bekam. Was war das hier für ein Ort? Was ging hier vor sich?

Dennoch betrat er den Gang. Er war kurz und abschüssig und nach nur wenigen Schritten bog er nach links ab. Dort sah sich Lucien dem gegenüber, was die Sprecherin wohl mit der Schwarzen Tür bezeichnet hatte.

Die Tür schien aus Oblivion selbst zu stammen. Ein rotes Glühen ging von ihr aus, durchsetzt von schwarzen Schatten. Sie schienen Figuren zu bilden, doch Lucien konnte nicht genau sagen, was sie taten. Auf der Schwelle vor der Tür war Blut, blutige Handabdrücke waren zu erkennen, als wäre jemand fortgeschleift worden, hätte sich aber versucht festzuhalten. Und überall waren Knochen und menschliche Schädel.

Er schluckte, und wahrscheinlich war es das Tapferste, was er jemals in seinem Leben tat und noch tun würde, als er dennoch weiterging.

Als er näher trat, erscholl eine mystische Stimme. »Welche Farbe hat die Nacht?«, wurde er gefragt. Er konnte nicht sagen, von woher die Stimme erklang oder welcher Art der Sprecher war. Es schien irgendwie, als wäre die Stimme nicht von dieser Welt.

Er erinnerte sich der Worte Arela Drewanis und gab die korrekte Antwort: »Sanguin, mein Bruder.«

Die Tür schwang knirschend auf und gab den Blick frei auf das Heiligtum.

»Willkommen daheim«, zischelte die Stimme.

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte dieses Textes: Tatsächlich ist er einer meiner ältesten. Die Idee trage ich quasi mit mir herum, seit ich Oblivion spiele (was so um 2007 herum gewesen war) und Lucien sich zu meinen Lieblingscharakter musterte. Sein Tod war lange Zeit das Ereignis in Spielen schlechthin, bei denen ich meinen Bildschirm anschrie, wie scheiße doch alles sei, das könne doch nicht sein. Na und so weiter. Jedenfalls begann ich diesen Text um 2009 oder 2010, damals noch mit dem Titel »Die bleiche Hand des Todes. Damals kam ich aber nie weiter als nur ein paar Absätze, was, wie sich dann 2015 zeigte, als ich hiermit erneut begann, auch gut so war. Damals hätte ich diesen Text gnadenlos in den Sand gesetzt, und darum wäre es echt schade gewesen. Jetzt kann man ihn immerhin halbwegs gut lesen. Aus Spaß folgt hier das, was ich damals schrieb:

„Vergiss es, es ist zu gefährlich!“

  „Halt die Klappe!“, fuhr der kaiserliche Junge mit Namen Lucien Lachance den jungen Waldelf vor ihm an. „Was verstehst du schon vom Stehlen, Malvin? Natürlich ist es nicht zu gefährlich, den Händler dort auszurauben! Ich frage mich, was du hier überhaupt noch machst, du Stümper und Angsthase!“ Was bildete sich das Langohr eigentlich ein? Er war hier der Anführer der Bande von Straßenjungen. Er allein! Er war der Herr der Straßen, der Beherrscher der Straßenkinder!

  „Bild dir bloß nichts ein!“, schnaubte Malvin.

  Er war mutig, das musste man ihm lassen, doch auch dumm. Aber das waren alle Elfen. Sich ihm in den Weg zu stellen! Jeder wusste, dass dies sehr schmerzhaft werden würde.

  Doch Malvin hatte den Bogen eindeutig überspannt.

Mit einem Wutschrei sprang Lucien auf ihn zu und prügelte auf ihn ein. Niemand hielt ihn auf, niemand wollte sich freiwillig mit ihm anlegen. Obgleich Malvin immerhin ein Elf war, konnte er Lucien nichts entgegensetzten. Er konnte sich lediglich so gut es ging verteidigen und sich unter den heftigen Schlägen wegducken, jämmerliche Schmerzenschreie ausstoßend. Das Messer, das plötzlich in Luciens Hand aufblitzte, sah er jedoch nicht kommen. Seine Schmerzensschreie gingen über in schreckliches Geheul, als Lucien ihm den blanken Stahl erst in die Seite rammte und dann immer und immer wieder zustieß, auch, als sich Malvin schon lange nicht mehr regte. Die Kinder seiner Bande standen mit verschreckten Gesichtern regungslos um ihn herum und starrten ihn entsetzt an. Stehlen, Beutel abschneiden, einbrechen, aber noch nie hatte jemand von ihnen getötet oder einem Mord beigewohnt!

Wissen ist Macht

Als er durch die Tür trat, wurde Lucien von einem Kaiserlichen in schwarz gefärbter Lederrüstung begrüßt. Über das ganze Gesicht strahlend kam der Mann auf ihn zu. Die Narben, die sein Gesicht verunstalteten, verzogen sein Lächeln jedoch zu einer hässlichen Grimasse, die Lucien instinktiv zurückweichen ließ.

»Oh, mach dir nichts aus den Narben, Junge«, sagte der Mann. »Ignorier sie einfach, Berufsrisiko, mehr nicht. Ich bin Cassius Proximo und du musst Lucien Lachance sein. Arela Drewani hat mir bereits von dir erzählt. Der neue, vielversprechende Bruder. Ich hatte jemanden erwartet, der … mehr hermacht. Aber wenn die Sprecherin einen Jungen aus der Gosse für vielversprechend erachtet, dann wird es wohl so sein.«

»Redet nicht so viel, Cassius, und kommt auf dem Punkt«, meldete sich eine Hochelfe aus dem Hintergrund.

Der Kaiserliche winkte ab und schnaubte. »Pah!«, machte er und wandte sich wieder Lucien zu. »Ich leite diese Zuflucht, wie dir Arela sicherlich bereits gesagt hat, und unterstehe dabei ihrem direkten Befehl. Aber alles der Reihe nach. Du bist neu hier, also werde ich dich den anderen Mitgliedern unserer Familie vorstellen und dich in unsere Regeln einweisen.«

Er führte Lucien in das, was wohl der Hauptraum der Zuflucht war, ein alter Bau inmitten des Erdreiches. Zu beiden Seiten gingen Türen ab und gegenüber des Einganges, durch welchen Lucien die Zuflucht betreten hatte, führte ein weiterer Gang ab, der jedoch alsbald nach rechts bog, sodass er noch nicht erkennen konnte, was dahinter lag. An den Wänden der Zuflucht hingen große Wandteppiche mit dem Zeichen einer schwarzen Hand auf rotem Hintergrund. Alles hier wurde von Fackeln und Kerzenleuchtern erhellt.

»Dies hier«, sagte Cassius und deutete um sich, »ist unsere Zuflucht, unser Heim und der Ort, von dem aus wir operieren. Hier trainieren wir und von hier ziehen wir in die Welt aus, um unsere Aufträge zu erfüllen. Ich werde dich nun nach und nach den anderen vorstellen. Du wirst im Laufe deiner Ausbildung mit ihnen sicherlich noch mehr zu tun bekommen.«

Er deutete auf die Hochelfe, die in einer Ecke des Hauptraumes in einer Sitzecke las, die Ankunft des Neuen jedoch mit finsterem Blick verfolgt hatte.

»Diese reizende Dame dort ist Caelwen«, sagte Cassius. »Sie ist eine Pyromanin, also pass auf, was du zu ihr sagst. Wenn du sie verärgerst, kann es sein, dass sie uns alle in einem riesigen Feuerball in die Luft jagt.«

Caelwen schnaubte. »Passt auf, dass ich Euch nicht zu Asche verbrenne«, drohte sie.

Cassius schien davon jedoch nicht weiter beeindruckt zu sein. Stattdessen trat er in den Gang, Lucien folgte ihm schweigend.

»Das Zimmer hier links ist meines«, sagte der Kaiserliche. »Wenn du irgendein Problem hast oder später, wenn du für schwierigere Aufträge bereit bist, für die ich zuständig bin, findest du mich hier.«

Lucien nickte und deutete den Gang weiter hinab. Er wurde alsbald abschüssig und bog wieder nach links. »Und dort unten?«

„Dor hat Vicente Valtieri sein Zimmer. Anfangs wirst du ihm unterstellt sein und von ihm wirst du auch deine ersten Aufträge erhalten, sobald du reif genug dafür bist. Komm, Stift, lass uns Hallo sagen.«

Cassius pochte an die Tür und trat auf ein leises »Herein!« hin ein.

Vicente war die erste wirklich große Überraschung hier. Es handelte sich bei ihm um einen großen, bleichen und vor allem sehr hageren Kaiserlichen. Doch die Augen, aus denen der stete Hunger sprach, waren das, was Lucien den letzten Hinweis gab.

»Ihr seid ein Vampir!«, stieß er aus und fasste sich instinktiv an den Hals. Er hatte nur Gerüchte gehört, doch sie genügten, um ihm Angst und Bange zu machen.

Vicente grinste und entblößte sein Raubgebiss. »Die halbe Portion denkt, ich würde ihn aussaugen wollen«, scherzte er.

»Vicente, sei nett zu ihm«, rügte Cassius. »Ich habe ihn noch nicht in die Gebote eingeweiht, er weiß nicht, dass du an sie gebunden bist.«

Das Lächeln verschwand nicht, wurde nun jedoch wärmer. Vicente wandte sich an den Jungen. »Du bist also der Neue. Ich bin gespannt, was du hergibst. Und nimm mir meinen Scherz bitte nicht übel, ja? Ich kann sehr nett sein, wenn ich will. Ich würde dir zur Begrüßung ja gerne einen Wein anbieten, aber …« Er deutete auf seinen Weinkelch, und es wurde sehr schnell ersichtlich, dass er nicht das enthielt, für das er geschaffen worden war.

»Aber wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, Cassius?«, bat der Vampir. »Ich bin gerade auf ein sehr spannendes Werk über die Ayleiden gestoßen. Ihr letzter König und dessen Krone und so weiter.«

Sie verabschiedeten sich und wandten sich wieder um. Wie Cassius erklärte, besaß die Zuflucht noch zwei weitere Räume: der Gemeinschaftsraum, in dem sie wohnten, aßen und schliefen, sowie der Übungsraum, in welchem sie ihre Fähigkeiten erproben und erweitern konnten. Wie der Leiter versprach, würde Lucien in letzterem noch sehr viel Zeit verbringen.

Sie gingen zuerst in den Gemeinschaftsraum, in welchen sich mittlerweile Caelwen begeben hatte und nun sehr gestenreich mit einem Dunkelelfen diskutierte, welcher Lucien als Sares Areles vorgestellt wurde.

»Er ist unser Anschleichkünstler«, erklärte Cassius. »Keiner kann sich besser ungesehen unerlaubten Zutritt verschaffen als er.«

»Und keiner sonst schießt einem Vogel im Flug das Auge aus«, brüstete sich Sares.

»Wie erbärmlich, müsst Ihr schon vor einem Kind angeben«, knurrte Caelwen.

»Caelwen, genug!«, fuhr Cassius sie scharf an. »Ich weiß, dass Ihr ihn am wenigsten von uns allen leiden kannst, aber Ihr seid wie jeder andere auch an die Gebote gebunden. Erinnert Euch ihrer! Noch ein Fehltritt und Ihr werdet uns eine Woche lang den Küchendienst abnehmen dürfen.«

Die Hochelfe funkelte ihn an, schwieg jedoch. Cassius schenkte ihr einen letzten strengen Blick, als wolle er sich vergewissern, dass sie ihm auch tatsächlich gehorchte, und wandte sich dann ab. Zwei weitere Mitglieder besäße diese Zuflucht noch, sagte er, davon einer fast ebenso frisch wie Lucien.

Sie fanden die beiden letzten Mitglieder und damit die zweite negative Überraschung nach dem Vampir im Trainingsraum. Ein Argonier übte hier mit Holzmessern den Kampf mit einem kleinen Jungen, der wohl ungefähr im selben Alter sein musste wie Lucien. Diesem fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als er den Jungen erkannte.

»Caius!«, rief er aus. Sein Rivale, den alle für tot geglaubt hatten! Dann hatte er also genau wie Lucien den Weg zur Bruderschaft gefunden.

Aus dem Konzept gebracht, starrte Caius zu seinem Rivalen, genauso überrascht wie dieser, ihn hier anzutreffen. Der Argonier nutzte dies und verpasste ihm einen kräftigen Schlag in die Seite, dass er keuchend die Luft ausstieß.

»Tot! Konzentration, Bengel!«, fuhr er den Jungen an.

»Das war hinterhältig!«, beschwerte sich Caius.

»Wir sind Assassinen, wir nutzen jede Finte, die sich uns bietet, egal, wie heimtückisch sie ist«, zischelte der Argonier. »Und das soeben war wirklich dumm von dir. Wäre das ein echtes Schwert, ich hätte dich glatt in zwei Hälften geteilt. Lasse dich niemals ablenken und aus der Bahn bringen, Junge!«

»Wie du siehst, ist die Schattenschuppe Tsonashap unser Schwertmeister«, sagte Cassius. »Er wird dir das Kämpfen mit Nahkampfwaffen beibringen.«

Doch Lucien hatte nur Augen für seinen Rivalen, welcher ihn ebenso finster anstarrte.

Tsonashap bemerkte die Blicke, die zwischen den Jungen ausgetauscht wurde. »Ihr kennt euch«, stellte er fest.

»Der da hatte genau wie ich seine Bande von Straßenkindern«, knurrte Caius.

»Ah, ich sehe. Und ihr seid Rivalen gewesen, verstehe.« Cassius nickte wissend. »Dann betone ich es für euch beide deutlich: Ihr seid an die Gebote gebunden. Caius, du kennst sie, Lucien werde ich sie gleich lehren. Für euch heißt dies, dass wir hier keine Rivalitäten mehr dulden. Was ihr vorher gewesen wart, spielt keine Rolle. Jetzt gehört ihr der Bruderschaft an und seid Teil der Familie.«

Beide Jungen verspürten denselben Widerwillen, aber obwohl Lucien die Gebote nicht kannte, die nun schon mehrmals zur Sprache gekommen waren, spürte er instinktiv, dass harte Strafen folgen würden, würde er gegen sie verstoßen. Dennoch schmeckte es ihm nicht, Caius hier vorzufinden, und schon überlegte er ganz klammheimlich, wie er dem Mistkerl eins auswischen konnte.

»Nun, damit hast du jedenfalls alle Personen dieser Zuflucht kennengelernt, Lucien«, sagte Cassius in einem sanfteren Tonfall. »Dennoch werden sicher noch sehr viele Fragen offen sein. Komm, ich will sie dir bereitwillig beantworten.«

Sie gingen wieder in den Hauptraum der Zuflucht und begaben sich in die Ecke, in der sie zuvor Caelwen lesend angetroffen hatten. Mehrere kleine Bücherregale standen hier und am Boden war ein roter Teppich ausgelegt, so weich, wie Lucien es noch nie in seinem Leben gefühlt hatte. Die Faszination des Jungen für den Teppich ignorierend, setzte sich der Zufluchtsleiter und griff hinter sich nach einem der Bücher. Er reichte es Lucien, ihm gleichzeitig bedeutend, sich zu setzen.

»Das sind die Fünf Gebote«, sagte er. »Sie leiten und führen uns auf unserem Weg als Assassinen.«

Lucien wusste sogleich, dass er noch nie in seinem Leben einen so wertvollen Gegenstand wie dieses in Leder und Pergament gebundene Buch in Händen gehalten hatte. Dabei war es sogar recht schmucklos, weder goldene Letter noch Illuminationen waren zu finden.

Er betrachtete es eine Weile und hob dann den Kopf. »Ich kann nicht lesen«, stellte er klar.

»Das dachte ich mir bereits«, erwiderte der Kaiserliche. »Dann wirst du es lernen und dieses Buch wird der Anfang sein. Vorerst muss es genügen, wenn ich dir die Gebote mündlich mitteile. Wisse, dass Verstöße gegen sie harte Strafen nach sich ziehen und wir in ihrer Ausführung keine Gnade kennen. Nur dank der Gebote kann die Bruderschaft bestehen. Höre also gut zu. Erstes Gebot: Entehrt niemals die Mutter der Nacht. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Zweites Gebot: Verratet niemals die Dunkle Bruderschaft oder ihre Geheimnisse. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Drittes Gebot: Missachtet niemals die Befehle eines höhergestellten Mitgliedes der Dunklen Bruderschaft. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Viertes Gebot: Stehlt niemals die Besitztümer eines Dunklen Bruders oder einer Dunklen Schwester. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Fünftes Gebot: Tötet niemals einen Dunklen Bruder oder eine Dunkle Schwester. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis.«

»Dieser Sithis scheint ja sehr leicht zu erzürnen zu sein, wenn so viele Handlungen seinen Zorn erwecken«, stellte Lucien fest.

»Scherze nicht über unseren fürchterlichen Vater!«, fuhr ihn Cassius streng an.

Erschrocken zog der Junge den Kopf ein.

Der Kaiserliche atmete durch und lehnte sich zurück. »Doch dieses eine Mal will ich es dir verzeihen. Du weißt noch nicht viel über Sithis.«

»Aber Ihr werdet mir doch sicherlich davon erzählen, oder?«, fragte Lucien nach.

»Gewiss. Doch wisse, dass es schwer ist, die Natur unseres fürchterlichen Vaters zu begreifen«, betonte Cassius. »Er trägt viele Namen: Chaos, Verdammnis, Zwietracht. Sithis ist die Leere und seine Braut die Mutter der Nacht. Die Dunkle Bruderschaft entstand aus ihrer Liebe, wir, ihre Kinder, dienen der Mutter, unserer unheiligen Oberin.

Doch haben wir auch weltliche Organe: die Schwarze Hand. Eines ihrer Mitglieder hast du bereits kennengelernt, Arela Drewani. Die Schwarze Hand hat fünf Mitglieder, vier Sprecher und einen Zuhörer. Vier Finger und ein Daumen also. Sie greifen nach der Welt und unterwerfen sie unserem Einfluss. Der Zuhörer ist unser oberstes Mitglied, er allein darf den Worten der Mutter der Nacht lauschen und gibt sie an seine Sprecher weiter. Sie handeln in seinem Namen und sorgen um ihre Zufluchten. Arela Drewani untersteht diese Zuflucht, von ihr erhalten wir unsere Aufträge. Sie leitet sie an mich weiter, und ich wähle die Mitglieder aus, die mir am geeignetsten dafür erscheinen.«

»Und die Mutter der Nacht? Welche Rolle hat sie dabei? Wie erfährt sie von den Aufträgen?«, fragte Lucien.

»Hast du noch nie vom Schwarzen Sakrament gehört?«, fragte Cassius. »Jenes Ritual, das die ausführen, die unsere Dienste wünschen. Tollkirsche, Menschenknochen und ein menschliches Herz. Die Mutter der Nacht erhört ihre Gebete und spricht zu ihrem Zuhörer. Dann ersucht ein Sprecher der Schwarzen Hand den Bittsteller und bespricht mit ihm die Details des Auftrages. So bekommen wir unsere Aufträge und so weißt du nun auch, woher wir all unser Wissen erhalten. Die Mutter der Nacht ist überall zugleich, sie sieht und hört alles und nichts entgeht ihr. Auch dich hat sie auserwählt, durch sie wissen wir bereits jetzt so viel über dich. Denn Wissen ist vor allem eines: Macht.«

Lucien erschauderte, als er erkannte, wie mächtig die Bruderschaft war. Wenn sie ihre Finger tatsächlich so allumfassend und überall im Spiel hatte, wie Cassius es hier andeutete, dann war sie eine nicht zu verachtende Größe in Tamriel.

»Wie kommt es aber, dass wir hier direkt unter den Augen der Bürger und des Fürsten von Cheydinhal leben und man uns dennoch nicht behelligt?«, fragte er.

»Wenn du eines sehr rasch lernen wirst, dann, dass die Bürger Tamriels sehr gut darin sind, die Dinge nicht zu sehen, die sie nicht sehen wollen«, erwiderte Cassius mit einem Grinsen. »Zudem ist der Fürst Gold sehr zugetan, und davon haben wir eine Menge. Womit wir auch schon beim Organisatorischen wären. Komm mit.«

Er erhob sich und bedeutete Lucien, dasselbe zu tun. Gemeinsam gingen sie in das Zimmer des Zufluchtsleiters. Dieser hielt direkt auf eine große Truhe zu, die in einer der Ecken stand, und öffnete sie. Heraus holte er eine Rüstung, wie Lucien sie schon bei den meisten anderen Zufluchtsmitgliedern gesehen hatte.

»Du bist dürrer als gedacht, Stift, weshalb die Rüstung vielleicht noch angepasst werden muss«, sagte Cassius. »Doch sie gehört nun dir. Jeder von uns besitzt eine solche Eingehüllte Rüstung, und ich denke, du wirst ihre Vorzüge sehr zu deinem Gefallen finden. Sie besitzt Verzauberungen, die deine Fähigkeiten als Assassine unterstützen. Auch wirst du von uns, sobald du bereit dazu bist, Waffen zur Verfügung gestellt bekommen. Sie werden im Gegensatz zur Rüstung zwar nicht die besten sein, doch wenn du deine Aufträge gut erfüllst, kann es durchaus sein, dass du zu der üblichen Belohnung noch einen Bonus bekommst. Die Belohnung selbst fällt üblicherweise in Gold aus, je nach Art des Auftrages mehrere hundert Septime.«

Lucien glaubte, sich verhört zu haben. Von so einer Menge Geld hatte er nicht einmal zu träumen vermocht! Auch die Rüstung in seinen Händen starrte er ehrfürchtig an. Sie bestand aus äußerst weichem und leichtem Leder und sicher würde er sich darin nahezu lautlos bewegen können, wenn er darin ein wenig geübter war. Zu der Rüstung gehörte eine schwarze, sein Gesicht verhüllende Kapuze aus etwas, von dem Lucien nur vermuten konnte, dass es Samt war, da er nie zuvor einen ähnlichen Stoff berührt hatte. Das sanfte Kribbeln auf seiner Haut ließ ihn vermuten, dass dies von den Verzauberungen herrührte, von denen Cassius gesprochen hatte.

Der Junge wollte sich lieber nicht vorstellen, was für einen Wert er hier in Händen hielt.

»Danke«, hauchte er völlig sprachlos. Er hätte nie damit gerechnet, dass man ihn so gut behandeln würde und ihm einfach so sündhaft teure Geschenke machte!

»Wir sorgen für unsere Mitglieder«, betonte Cassius, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. »Aber nun komm. Ich höre doch schon die ganze Zeit deinen Magen knurren. Du hast sicher Hunger. Iss so viel, wie du willst. Danach übergebe ich dich Vicente. Er wird sich um deine weitere Ausbildung kümmern.« Dann fügte er noch an: »Ah. Und du brauchst wirklich keine Angst vor ihm zu haben. Du kennst nun unsere Gebote und weißt, dass er genauso an sie gebunden ist wie alle anderen auch.«

Lucien nickte, die Rüstung fest an seine schmächtige Brust gedrückt. Wenn Cassius das so sagte, dann würde dies sicherlich auch stimmen.

Sie begaben sich in den Wohnraum der Zuflucht. Lucien setzte sich an einen Tisch, während Cassius ihm Brot, Käse und sogar Met brachte.

»Aus der Honigbräu-Brauerei in Weißlauf, Skyrim«, sagte er. »Koste mal, so etwas hast du bestimmt noch nie getrunken.«

Grinsend verfolgte er, wie Lucien gar nicht wusste, was er zuerst essen sollte. Am liebsten alles zugleich verschlang er Käse und Brot und kippte den Met hinunter, als sei es Wasser.

»Langsam, langsam, Stift«, lachte Sares, der ebenso noch immer anwesend war. »Sonst liegst du uns am Ende noch besoffen unter dem Tisch. Mit Caius hatten wir das Schauspiel neulich erst, und du bist noch dürrer als er.«

»Was ist eine Schattenschuppe?«, fragte Lucien mit vollem Mund nuschelnd. Ein paar Brotkrumen fielen ihm aus dem Mundwinkel. Hastig wischte er sich mit dem Handrücken darüber, um nichts von dem köstlichen Essen zu verlieren. Noch nie hatte er so frischen Käse und so süßes Brot gegessen. Und erst der Met! Der billige Fusel, den er manchmal auf der Straße aufgeschnappt hatte, war nichts im Vergleich dazu.

»Ich hatte es bei Tsonashap erwähnt, richtig«, sagte Cassius. »Vorerst aber eins: Sprich ihn nie auf die Bedeutung seines Namens in Jel an.«

»Wieso nicht?«, wollte Lucien wissen.

Sares prustete los. »Er heißt Schwimmender Frosch. Meiner Meinung nach ein sehr passender Name, aber er hört das ganz und gar nicht gern.«

»Er ist ein Argonier, also schwimmt er sehr gern«, erklärte Cassius. »Außerdem springt er, wenn er mit der Klinge kämpft, hin und her, wie sonst kaum wer. Das ist sein Vorteil im Kampf, da er so nur sehr schwer zu erwischen ist, aber es erinnert doch sehr an einen Frosch.

Aber nun zu den Schattenschuppen. Jeder Argonier, der im Zeichen des Schattens geboren wurde, ist eine solche Schattenschuppe. Sie sind die Agenden und Meuchelmörder Schwarzmarschs. Sind die jungen Argonier alt genug, werden sie zur Morag Tong oder, wie in Tsonashaps Fall, zur Dunklen Bruderschaft gebracht. Ihr Leben ist der Bruderschaft gewidmet und sie werden eins mit den Schatten.«

»Was ist mit der Morag Tong?«, fragte Lucien. Auch von dieser Organisation kannte er nur Gerüchte.

Sares sog zischend die Luft ein. »Ein schwieriges Thema, Stift, ein schwieriges«, sagte er. »Wir von der Bruderschaft hören nicht gern von der Morag Tong, da sie unsere Konkurrenten sind. Frag besser nicht weiter nach und gehe ihnen aus dem Weg, wenn du kannst.«

Inzwischen hatte Lucien seine Mahlzeit beendet und sah sich nach weiterem Essen um.

»Besser nicht«, hielt Cassius ihn auf. »Ich kann mir vorstellen, dass dein Magen es gewöhnt ist, die meiste Zeit leer oder nahezu leer zu sein. Mit einem Male so viel zu essen, ist kontraproduktiv.«

Verstimmt nickte Lucien. Er wollte nicht zugeben, dass sein Magen bereits schmerzhaft gedehnt war. Dennoch wollte er noch immer mehr Essen, allerdings sah er, dass er sich damit wohl würde gedulden müssen.

Cassius erhob sich. »Wenn du keine weiteren Fragen hast, dann suche dir eines der Betten aus und schlafe dich aus. Melde dich heute Abend bei Valtieri.«

Mit diesen Worten wandte sich Cassius ab. Nur Sares blieb, dieser widmete sich jedoch seiner Ausrüstung, die in einer Truhe vor einem der Betten verstaut war.

Unsicher ging Lucien zu den Betten, die an der anderen Seite des Raumes aufgereiht standen. Er hatte noch nie in einem richtigen Bett geschlafen, nicht mal auf einer Strohmatratze. Solch ein Luxus hatte sich in den Gossen der Kaiserstadt nicht gefunden.

»Nur zu, nimm irgendeines«, munterte der Dunkelelf ihn auf. »Bei den Betten erheben wir im Gegensatz zum Inhalt der Truhen keine Besitzansprüche.«

»Es ist nur … ich habe noch nie auf einem Bett gelegen«, nuschelte Lucien verlegen. »Geschweige denn, dass ich jemals so gut gelebt habe wie in der kurzen Zeit, die ich hier bin. Wenn ich mich hinlege, wache ich doch bestimmt auf und stelle fest, dass das alles nur ein Traum gewesen war.«

Sares lachte auf. »Pah, wenn’s weiter nichts ist!«, rief er aus. »Dann schlafe und stelle fest, dass deine Träume mit der Wirklichkeit nicht mithalten können. Weißt du, ich komme auch aus der Gosse, ich weiß, wie es da ist.«

Sogleich überlegte der Junge, ob er Sares nicht vielleicht kennen würde. Dann jedoch erkannte er, dass der Elf weitaus älter war als er, obgleich Dunkelelfen mit ihren grimmigen, zerfurchten Gesichtern stets reifer wirkten, als sie in Wirklichkeit vielleicht waren. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass Sares mit Garantie mindestens doppelt so alt war wie er, wenn nicht gar dreimal so alt. Nein, Sares hatte seine Zeit als Gossenbewohner mit Sicherheit schon lange hinter sich gelassen, bevor Lucien auf den Straßen gelandet war.

 »Mir erging es anfangs auch nicht anders«, fuhr der Elf fort, »aber dann fand mich die Bruderschaft und sagte sich, dass ein Dieb mit meinen Vorzügen bei ihnen besser aufgehoben sei als bei der Diebesgilde. Der Graufuchs weiß nicht, was ihm mit mir entgangen ist.«

Vom Graufuchs hatte Lucien freilich bereits gehört. Es war auch schwer, diesen Namen in der Kaiserstadt nicht zu kennen. Der Graufuchs sollte jener mysteriöse Anführer der Diebesgilde sein, die in den Schatten der Kaiserstadt agierte. Der Junge konnte bestätigen, dass es eine Diebesgilde gab, obwohl die Wachen das spottend abstritten, aber er wusste nicht, was an den Gerüchten ihres Anführers dran war. Angeblich hatte er der Daedrafürstin Nocturnal höchstselbst ein mächtiges Artefakt gestohlen. Unter ihren Augen! Lucien hielt das für völlige Übertreibung, um enthusiastische Neulinge anzuwerben.

»Warum bliebt Ihr nicht bei der Diebesgilde?«, wollte er wissen.

»Es ist langweilig, Leute auszurauben, wenn man ihnen kein Haar krümmen darf«, betonte der Dunkelelf. »Selbst, wenn man sich nachweißlich selbst verteidigen musste, muss man einen Blutpreis zahlen. Als es bei mir einmal zum Äußersten gekommen war, war ich zu dieser Zahlung nicht bereit (und bin es auch heute nicht), also wurde ich so lange verbannt, bis ich zahlte. Dann jedoch kam alsbald Arela Drewani, und ich pfiff auf den Blutpreis.«

»Könnt Ihr mir mehr von Arela erzählen?«, fragte Lucien.

»Jedem Sprecher untersteht mindestens eine Zuflucht«, sagte Sares. »Ich weiß nicht, ob Arela noch mehr Kommandos hat, doch zumindest diese Zuflucht steht unter ihrem Befehl. Cassius ist ihr ausführendes Organ, während sie als Sprecherin noch weitere Pflichten hat, wie Cassius dir sicherlich bereits erzählt hat.

Arela selbst ist sehr energisch und bestimmt. Wenn sie ein Ziel vor Augen hat, verfolgt sie es unerbittlich. Und das gleiche erwartet sie auch von ihrer Zuflucht. Wenn eines der Familienmitglieder nicht erfüllt, was sie verlangt, kann sie sehr ungemütlich werden. Sieh also zu, dass das nie passiert, Stift. Caelwen ist eine alte Hexe, Arela hingegen … ja, vor ihr solltest du dich fürchten, hast du sie erst einmal gegen dich aufgebracht. Aber was erwartet man auch von einer Dunkelelfe anderes?« Sares zwinkerte vielsagend und fuhr dann fort: »Unsere Gebote verbieten uns, uns gegenseitig zu töten, von Verletzungen aller Art war nie die Rede.«

Das war definitiv eine Information, die sich der Junge zu Herzen nehmen würde. Dass Caius ebenso ein Mitglied der Bruderschaft war, war ihm ein Dorn im Auge und bereitete ihm ein unangenehmes Ziehen im Magen. Aber wie er gegen seinen Rivalen vorgehen würde, konnte warten, bis er ausgeruhter war.

»Danke«, sagte er an den Dunkelelfen gewandt und begutachtete das Bett, vor welchem er die ganze Zeit gestanden hatte, nicht wagend, es mit seinen schmutzigen, kleinen Händen zu beflecken. Sares musterte ihn noch kurz und wandte sich dann wieder lächelnd seiner Ausrüstung zu, als er sah, dass das Gespräch beendet war.

Langsam, zögerlich, ließ sich Lucien auf die Matratze nieder, befürchtend, dass gleich ein Unheil geschehe, sobald er den Stoff auch nur berührte. Doch nichts passierte.

Das Bett war nicht das weichste und der Stoff auch nicht der feinste, doch da Lucien noch nie auf einem Bett gesessen hatte, geschweige denn darin gelegen, war ihm das egal. Manchmal, bei Einbrüchen, hatte er testweise mit den Fingern in die Matratzen der Bewohner des Hauses gestochen, um zu erahnen, wie es war, auf so etwas zu liegen, doch es tatsächlich zu tun, war etwas völlig anderes.

Langsam, noch immer mit Kleidung und Schuhen angetan, wie er es gewöhnt war, streckte er sich auf der Matratze aus. Sie war mit Stroh gefüllt und knisterte bei jeder Bewegung. Aber sie war für den Jungen, als würde er auf Wolken schweben. Er war es gewohnt, auf dem Boden oder zwischen Kisten zu schlafen, in einen alten Stofffetzen gehüllt, den er aus der Kanalisation gefischt hatte. Aber hier hatte er ein vollständiges Bett mit Matratze, Decke und Kissen! Er konnte es immer noch nicht fassen, was für ein Luxus ihm beschert worden war, und war dennoch alsbald eingeschlafen.

 

Die undurchdringlichen Schatten huschten lautlos durch die Dunkelheit. Er wusste nicht, wer sie waren, noch wo sie waren. Nur, dass eine Gefahr drohte. Was für eine? Woher stammte sie? Bedrohte sie ihn oder nur die Schatten? War sie tödlich oder nur bedrohlich?

Die Schatten wirbelten wild durcheinander, zu allen Seiten umschwirrten sie ihn. Waren sie vielleicht die Gefahr? Aber nein, sie schienen ihn schützen zu wollen.

Er rannte. Ein unbändiger Beschützerinstinkt flammte in ihm auf. Die Familie war in Gefahr. Etwas hatte er falsch gemacht. Oder jemand, der ihm nahe stand? Er rannte und rannte und rannte.

Auf einmal stand er auf einer vereisten Ebene. Der Wind heulte und trieb Eiskristalle schmerzhaft in sein Gesicht, schnitt seine Haut auf und brannte. Alsbald blutete er aus zahlreichen kleinen Wunden. Jede für sich genommen war nicht bedrohlich, doch in ihrer großen Menge trieben sie ihn auf die Knie.

Der Schnee um ihn herum färbte sich rot. Die Schatten hatten ihn mittlerweile verlassen und beobachteten, so schien es ihm, lediglich aus der Ferne. Er war allein, so allein. Kein lebendes Wesen weit und breit leistete ihm in der Eishölle Gesellschaft.

Die Kräfte verließen ihn in derselben Geschwindigkeit, wie auch sein Blut aus seinem Körper strömte. Über und über war er bereits damit bedeckt. Verzweifelt drückte er mit schwachem Druck seine schmächtigen Hände auf seinen Körper, doch sie waren zu klein, um etwas ausrichten zu können. Ohnmächtig musste er mitansehen, wie er starb.

Dann fiel er.

Er fiel durch einen Sumpf aus Hass, Angst, Verzweiflung und sämtlichen anderen, niederträchtigen Emotionen, die ein vernunftbegabtes Wesen nur empfinden konnte. Sie waren nicht seine, nicht alle jedenfalls, doch sie drängten von allen Seiten auf ihn ein, drangen in jede Pore seines Körpers, nutzten gnadenlos seine Verwundungen aus und nisteten sich in ihm ein. Sie wühlten sich in seine Gedärme, fraßen sich durch sein Hirn und raubten ihm den Verstand.

Mit einem Male … Stille. Frieden.

Samtene, wohltuende Schwärze umhüllte ihn. Er fühlte sich geborgen, wie in den Armen der Mutter, die er nie gekannt hatte. Er wusste genau, dass er nicht sagen konnte, wie sich Mutterliebe anfühlte, doch er konnte mit Gewissheit sagen, dass das hier die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern war.

Doch diese Mutter verlangte auch etwas von ihren Kindern. Blut, und Blut gab er seiner Mutter nur allzu bereitwillig.

Er badete in Seen voller Blut, tränkte sich darin und ertränkte sich. Das wunderschöne Karmesinrot auf unschuldigem Weiß. Die weinroten Brunnenfontänen der Paläste der Höfe Tamriels.

Da waren andere bei ihm, andere, wie er, die die Liebe ihrer Mutter suchten und dem Namen ihres Vaters zur Ehre gereichten.

Sithis. Die Leere. Das Nichts. Tod. Vernichtung.

Mit einem Male gab es nichts Größeres mehr, als diesem Namen zu dienen. Diesem Gott. Dem einzig wahren, dem wahren Gott Tamriels, der durch Schrecken und Tyrannei herrschte, doch jenen Großes zuteilwerden ließ, die ihm folgten. Seine Kinder waren ihm treu ergeben.

Geborgen im Kreise seiner Familie wurde er groß. Er wurde zu einem Mann und kannte fortan nur noch eines:

Alle Ehre Sithis!

Das Jahr des Jammers

Blinzelnd erwachte Lucien. Regungslos starrte er noch eine Weile zur Decke und fragte sich, was für ein seltsamer Traum das gewesen war. Er träumte selten, und wenn, dann war es meist zusammenhangsloser Schwachsinn. Auch das war zusammenhangsloser Schwachsinn gewesen, keine Frage. Doch nur auf den ersten Blick. Sah er genauer hin, erkannte er, dass der Traum trotz seiner wirren Bilder erstaunlich klar gewesen war. Das gab ihm zwar nicht mehr Sinn, aber das Gefühl, dass er Sinn ergeben musste.

Eines jedoch war klar: Die Dunkle Bruderschaft war zentraler Teil des Traumes und hatte ihm gezeigt, dass er fürwahr ein Mitglied ihrer Familie war. Sie hatte ihn mit einem warmen und herzlichen Willkommen aufgenommen und hatte auch nicht vor, ihn so schnell wieder auf die Straße zu setzen.

Denn seine Ankunft in der Zuflucht war entgegen seiner Befürchtungen kein Traum gewesen.

Er war nicht mehr allein im Gemeinschaftsraum. Sares, Tsonashap und (zu Luciens Missfallen) auch Caius hatten sich an eine Bank gesetzt und aßen gemeinsam etwas, von dem der Junge annahm, da er die genaue Uhrzeit nicht kannte, dass es ihr Abendessen war.

»Ah, Stift, du bist munter!«, begrüßte der Dunkelelf ihn, als Lucien Anstalten machte, sich von seinem Bett zu erheben.

»Komm, setz dich zu uns. Tsonashap hat gekocht, was heißt, dass es Fischsuppe gibt.«

Der Argonier zischelte verstimmt, sagte aber nichts weiter. Caius warf seinem Rivalen einen von den Erwachsenen nicht bemerkten Blick zu, der deutlich machte, dass er weder Lucien duldete, noch, dass er so bereitwillig aufgenommen worden war.

Der Kaiserliche lehnte das Angebot vorsichtshalber ab, um Caius aus dem Weg zu kommen. »Danke, aber ich denke, Vicente Valtieri wartet auf mich. Sagte jedenfalls Cassius vorhin zu mir.«

»Normalerweise«, zischelte Tsonashap, »würde ich betonen, dass das eine sehr gute Einstellung ist, Mörder. Dem Wort Proximos ist Folge zu leisten. Aber dieses eine Mal entgeht dir dadurch meine Spezialität! Geh nur, ich hebe etwas auf, aber warm schmeckt die Suppe einfach viel besser.«

Lucien konnte nicht verstehen, wie die beiden Erwachsenen die eisige Stimmung nicht bemerken konnten, die sich zwischen ihm und Caius aufgebaut hatte.

»Das ist wirklich nett, Tso… Tsoscha…«, sagte er eilig.

»Tsonashap«, half ihm dieser auf die Sprünge.

»Genau. Aber ich muss jetzt wirklich gehen.«

»Auf dass dein Jahr des Jammers beginnen möge«, hörte er hinter sich den Argonier seufzen. »Du hättest wirklich die Suppe essen sollen.«

Das Jahr des Jammers … Was der Argonier damit wohl meinte? Er würde Vicente danach fragen müssen. Auch wenn er ein flaues Gefühl im Magen hatte, sich freiwillig in die Gegenwart eines Vampires begeben zu müssen. Gebote hin oder her, das Wissen über Vampire, womit er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, legte er nicht so rasch ab.

Valtieri wartete in seinem Gemach im untersten Teil der Zuflucht auf ihn. Er las noch immer und hatte eine Weinkaraffe und einen Kelch neben sich auf dem Tisch stehen. Wie auch vorhin war beides mit Sicherheit nicht mit Wein gefüllt.

»Ich habe dir etwas Wasser hingestellt«, begrüße der alte Vampir ihn. »Bitte, setz dich.« Er wies auf einen weiteren Stuhl.

Etwas steif setzte sich Lucien und harrte schweigend der Dinge, die da kommen mochten.

»Du wirst dich schon an meine Gegenwart gewöhnen«, versprach der Vampir mit einem durchaus als warm zu bezeichnenden Lächeln. Insofern dies bei einer Fratze wie seiner möglich sein konnte. Sein Gesicht war bleich wie der Mond und so hager, dass sich die Knochen nur allzu deutlich darunter abzeichneten. Die Lippen waren schmal und blutleer und entblößten die Fangzähne, die zum Aufreißen von Arterien wie geschaffen waren.

Er nahm einen weiteren Becher aus einem Regal hinter ihm, griff zu einer Keramikkaraffe und goss dem Jungen ein, ehe er ihm das Getränk reichte. Lucien rang sich ein dankendes Lächeln ab und zwang sich dazu, nicht allzu intensiv in das unmenschliche Gesicht zu starren.

»Ich muss mich wohl entschuldigen«, sagte Vicente. »Die Kräfte eines Vampirs nehmen zu, wenn er hungert. Allerdings hat dies auch gewisse … Auswirkungen auf sein Äußeres, wie du siehst. Normalerweise bevorzuge ich diesen Zustand, um seine Vorzüge zu nutzen; jeder in der Bruderschaft weiß, was ich bin, und da ich ohnehin selten unter das normale Volk gehe, brauche ich mich nicht zu verstecken. Aber ich hätte mir denken können, dass ich einen befremdlichen Eindruck auf neue Mitglieder mache, ständig vergesse ich es. Bei Caius war es nicht anders und er kam erst einige Wochen vor dir zu uns!« Er seufzte. »Ich werde anscheinend alt.«

Dann winkte er ab. »Aber darum soll es jetzt nicht gehen«, wechselte er das Thema. »Cassius Proximo hat dich sicherlich bereits in alles Grundlegende eingeweiht, nun bin ich an der Reihe.«

»Er sagte, dass Ihr Euch um meine Ausbildung kümmern werdet«, sagte Lucien. Vorsichtig schnüffelte er am Wasser und befand es für unbedenklich. Als er es trank, war er wieder einmal im höchsten Maße erstaunt. Noch nie hatte er so klares und reinliches Wasser getrunken! In der Kaiserstadt hatte er meist nur brackiges Pfützenwasser oder die Brühe aus dem Hafen bekommen und war nicht selten krank davon geworden. Regenwasser war selten lange genug frisch geblieben, bis er es hatte trinken können.

»Ich werde sie anleiten, ja, und die richtigen Impulse setzen«, sagte Vicente Valtieri. »Dich ausbilden werden die anderen Mitglieder der Zuflucht. Du hast vielleicht schon mitbekommen, dass jeder von uns gewisse Talente hat. Du wirst wie alle anderen auch davon profitieren können, wo allerdings deine Stärken liegen, wird sich noch zeigen.«

»Und wann bekomme ich Aufträge?«, fragte Lucien eilfertig.

Der Vampir lachte in sich hinein. »So ein eifriges Bürschchen«, kommentierte er. »Wenn du reif genug dafür bist, freilich! Du wirst natürlich zu Beginn noch nicht selbständig töten dürfen, sondern nur andere Mitglieder der Zuflucht bei ihren Aufträgen begleiten. Auch das wird noch zu deiner Ausbildung gehören, Mörder.«

»Aber wenn ich noch gar nicht töten darf, warum nennt Ihr mich dann schon Mörder?«, wunderte sich der Junge.

»Weil das nun dein Rang ist, einer von sieben«, sagte Vicente. »Er ist freilich der unterste der Ränge. Ihm folgen in aufsteigender Reihenfolge der Schlächter, Eliminator, Assassine, Henker und schließlich die Hand: die vier Sprecher und ihr Zuhörer. Die meisten Mitglieder unserer Zuflucht sind bereits Assassinen, ein Umstand, für den unsere Zuflucht hoch gelobt wird, da wir einige der besten Brüder und Schwestern stellen. Cassius Proximo ist bereits ein Henker, ebenso wie ich. Cassius erreichte diesen Rang früher als ich, weshalb er, nachdem unser voriger Zufluchtsleiter getötet wurde, zu seinem Nachfolger ernannt wurde. Ich, da ich denselben Rang besitze, bin Proximos Stellvertreter und kümmere mich in seinem Namen um die Angelegenheiten der Zuflucht, für die er keine Zeit aufbringen kann. Daher bin ich auch für die Ausbildung der Neulinge zuständig. Später, wenn du einen höheren Rang erreicht hast, wird Proximo für dich und deine Aufträge verantwortlich sein.«

Das klang vielversprechend.

»Und wie steige ich im Rang auf?«, fragte er zugleich.

»Indem du unsere Gebote achtest und dein Können unter Beweis stellst«, erklärte Vicente. »Es liegt in meinem und in erster Linie Cassius Proximos Ermessen, wann dies soweit sein wird. Beweise dich mir, und ich werde an unseren Zufluchtsleiter herantreten und ihm den Vorschlag unterbreiten, dich im Rang zu erheben. Stimmt er mit meinen Ansichten überein, wird dies erfolgen.«

Luciens Ehrgeiz war geweckt. Der beste Assassine bekam die höchsten Ränge in der Bruderschaft. Wenn er sein Bestes gab, würde er eines Tages auch der Beste sein. Ob er es bis zu einem Mitglied der Hand schaffen könnte? Die Macht, die die Hand besaß, war im höchsten Maße verlockend.

»Tso… Tsoschaschnap erwähnte vorhin ein Jahr des Jammers«, sagte Lucien. »Was meinte er damit?«

»Er heißt Tsonashap«, korrigierte Vicente. »Merke es dir besser. Er mag weder auf die Bedeutung seines Namens noch überhaupt falsch angesprochen werden. Das als gut gemeinter Rat, da die Echse sehr ungemütlich werden kann. Was er meinte, ist dein erstes Jahr hier. So nennen wir spaßeshalber das erste Jahr der Ausbildung eines jeden Neulings. Du wirst große Mühen durchmachen müssen und höchste Disziplin an den Tag legen. Das erste Jahr ist immer das schwerste. Sozusagen die Auslese, die die Spreu vom Weizen trennt. Daher das Jahr des Jammers.«

Das wiederum klang weniger verlockend. Dennoch straffte Lucien tapfer den Rücken und machte ein ernstes Gesicht.

Der Vampir schmunzelte über die Körpersprache des Jungen. „»Du scheinst sehr entschlossen zu sein«, stellte er fest. »Das ist gut, denn das musst du auch sein, um hier bestehen zu können. Du musst mit Herz und Seele der Bruderschaft angehören und wahrlich ein Teil der Familie werden. Deine Vergangenheit hast du hinter dir gelassen, als du diese Zuflucht betratst, nun musst du sie auch loslassen. Sie ist nicht mehr wichtig, denn wir sind deine neue Familie, deine neue Heimat.«

Unwirsch fuhr der Mann mit einer Geste durch die Luft. »Eigentlich bin ich solchen Worten nicht sonderlich zugetan, sie klingen so propagandistisch. Aber sie treffen nun einmal den Nagel auf den Kopf, daher rate ich dir ausdrücklich, sie dir zu Herzen zu nehmen, mein kleiner Dunkler Bruder.

Für dich ist nun wichtig, wie du ausgebildet wirst. Wie ich bereits erwähnte, wirst du von unseren anderen Brüdern und Schwestern lernen. Ja, du wirst selbst von Caelwen unterrichtet werden, ob sie dir nun zusagt oder nicht, denn obgleich sie eine Meisterin der Pyromantie, der Feuermagie, ist, versteht sie sich auch auf andere Schulen der Magie und der Alchemie. Sie hat eine Vorliebe dafür entwickelt, Essen ein wenig … aufzubessern, wie sie es nennt. Solltest du jemals jemanden auf einem Bankett ermorden sollen, dann bitte sie um einen vergifteten Apfel.«

Es boshaftes Lächeln breitete sich auf Vicentes Gesicht aus. »Du glaubst gar nicht, wie viel Spaß diese Art von Mord machen kann!“ Dann fing er sich wieder. »Lassen wir das und greifen nicht voraus. Als erstes wirst du die Grundlagen erlernen. Caius ist ebenso neu wie du und dir daher in seinen Lernerfolgen kaum voraus. Du wirst gemeinsam mit ihm lernen; einen Altersgenossen zu haben, wird dir guttun, denke ich. Ihr lernt als erstes von Tsonashap den Umgang mit verschiedensten Klingenwaffen. Gleich morgen wirst du beginnen. Einen Dolch hast du schon einmal, weiteres wirst du von uns bereitgestellt bekommen.«

Lucien konnte das zufriedene Grinsen nicht unterdrücken. Er war wirklich und wahrhaftig ein Mörder der Dunklen Bruderschaft! Endlich war all das Gerede vorbei und er konnte sich auf das wirklich Wesentliche stürzen: seine Ausbildung.

Lediglich Caius war ein Störfaktor, der ihm ein Dorn im Auge war.

 

Schon am nächsten Tag sollte Lucien erfahren, dass die Bezeichnung »Jahr des Jammers« nicht einmal im Ansatz eine Übertreibung war. Es musste noch früher Morgen sein, als er unsanft geweckt wurde, jedenfalls vermutete er das, da er sich keineswegs ausgeschlafen fühlte.

»Ein Familienmitglied der Dunklen Bruderschaft muss immer bereit sein«, zischelte Tsonashap, welcher den Jungen geweckt hatte. »Egal, welche Uhrzeit es ist. Also steh auf und iss etwas. Ich erwarte dich in zehn Minuten im Übungsraum.«

Mürrisch brummte Lucien, sagte sich aber, dass die Echse wohl schon Recht hatte. Also quälte er sich aus seinem Bett und legte seine Kleidung an, ehe er sich das Gesicht in einer Wasserschale wusch und dann ein spärliches Frühstück zu sich nahm – spärlich im Vergleich zu dem, was er am Vortag bekommen hatte, jedenfalls.

Zu seinem Missfallen traf er bereits Caius im Übungsraum an, als er hinzustieß. Tsonashap stand mit verschränkten Armen in der Mitte des mit Übungsgeräten und Waffen vollgestopften Raumes und musterte den Neuankömmling von oben bis unten. Sein Lehrling stand neben ihm und konnte sich ein verschlagenes Grinsen nicht verkneifen, das Lucien ganz und gar nicht gefiel. Heckte der Junge etwa etwas aus?

»Du trägst nicht die richtige Kleidung«, stellte der Argonier mit einem missfallenden Unterton in der Stimme fest.

Lucien sah an sich herab, wusste aber nicht, was an den Kleidungsstücken, die er schon sein ganzes Leben lang getragen hatte, auszusetzen war: eine zerlumpte Hose, die mit einem Seil an Ort und Stelle gehalten wurde, und ein ebenso zerlumptes Hemd. Er hatte sie aus Gewohnheit wieder angezogen. Vielleicht hätte er die Rüstung anlegen sollen, die ihm Cassius Proximo am Vortag gegeben hatte.

»Soll ich mich umziehen?«, fragte er. Auch Tsonashap und Caius neben ihm trugen ihre Eingehüllten Rüstungen.

»Dieses Mal nicht, aber das wird dir nicht noch einmal unterkommen!«, drohte der Argonier. »Die Rüstung ist das Wertvollste, was du besitzt. Du musst dir angewöhnen, sie immer und überall zu tragen, wenn du nicht gerade in der Zuflucht bist, auch beim Schlafen. Sie schützt und unterstützt dich und verstärkt auf magische Weise deine Fähigkeiten. Sie macht uns zu den gefürchteten Meuchelmördern, die wir sind. Ohne sie sind wir nichts weiter als gewöhnliche Banditen, die für Geld töten.«

Lucien schluckte seinen Ärger über die Zurechtweisung hinunter und nickte. Es gefiel ihm nicht, gemaßregelt zu werden. Als Anführer seiner eigenen Bande von Straßenratten war er es nicht gewohnt, dass jemand ihm ungestraft Widerworte leisten konnte. Aber er wollte sich beweisen und seinen Wert zur Schau stellen, also musste er spuren und dem gehorchen, was seine Lehrer ihm sagten.

»Du bist neu», sagte Tsonashap, »und weißt noch nichts. Caius ist zwar schon einige Wochen länger hier, aber auch er ist noch nicht sonderlich weit in seinem Training. Daher werde ich euch zusammen unterrichten. Du kannst dennoch schon einiges von deinem Bruder lernen, was gut ist, wie ich denke. Es ist immer besser, voneinander zu lernen, statt alles von einem Lehrer vorgesetzt zu bekommen.«

»Ich hab einen Dolch und kann ihn einsetzen«, behauptete Lucien und hielt besagte Waffe stolz hoch. Er hatte bereits zweimal bewiesen, dass er sehr wohl in der Lage war, damit jemanden umzubringen.

Caius lachte auf.

»Still!«, zischte Tsonashap ihn sogleich an. »Ich höre Spott aus diesem Lachen, und das toleriere ich nicht.«

Caius kniff die Augen unwillig zusammen, fügte sich aber.

»Ob du mit diesem Spielzeug umgehen kannst, werden wir sehen«, wandte sich der Argonier wieder an das jüngste Mitglied der Zuflucht. »Er ist aus Eisen und setzt schon Rost an. Das ist das erste, was du lernen wirst: Pflege deine Rüstung und deine Waffen, denn sie sind das Handwerkszeug, mit denen du Sithis dienst! Wie du das anstellst, zeige ich dir nach dem Training. Nun soll es um euren Umgang mit den Waffen gehen.«

Tsonashap bedeutete Lucien, seinen Dolch wieder wegzustecken. Es hatte den Jungen mehr verletzt, als er zugeben wollte, dass der Argonier mehr oder weniger direkt gesagt hatte, dass er eigentlich noch nichts wusste und sein Dolch bei weitem nicht das Wundermittel war, für das er ihn immer gehalten hatte.

Langsam musste er umdenken, bemerkte Lucien. Er war nicht mehr auf der Straße. Er war jetzt einer Gilde von Mördern beigetreten, die selbst für Könige mordeten – und manchmal ebenjene selbst erdolchten. Sie hatten völlig andere Maßstäbe als ein Straßenjunge, der im Dreck der Gosse großgeworden war.

Tsonashap gab ihnen Holzdolche und ließ sie beide vor Puppen Aufstellung nehmen. Caius schien die Grundhaltung bereits recht gut zu beherrschen, freilich ganz im Gegensatz zu Lucien.

»Steh nicht da wie ein Sack Kartoffeln!«, rügte er den Jungen. »In deinen Beinen ist keinerlei Bewegung, so wirst du nie Beinarbeit lernen, das A und O im Kampf. Tänzeln musst du, wirbeln, springen und deinen Gegner damit verwirren. So schlägt er dich einmal, und du bist hinüber, weil du viel zu steif da stehst.

Und wie hältst du denn deine Waffe? Das ist kein Knüppel, mit dem du blind zuschlägst! Deine Waffe ist die natürliche Verlängerung deines Armes, merk dir das. Du musst eins mit ihr werden, vergessen, dass sie eine Waffe ist, und akzeptieren, dass sie ein Teil von dir ist wie dein Arm oder dein Bein.«

Und so weiter und so fort. Tsonashap hatte an nahezu allem etwas auszusetzen. Lucien war sehr bald sehr frustriert und begann Widerworte zu geben. Er lernte jedoch ebenso schnell, dass das eine ausgesprochen dumme Idee war. Tsonashap duldete keinerlei Widerspruch und verlangte absoluten Gehorsam. Ging etwas nicht schnell genug, fuhr er seine Lehrlinge sogleich an. Mit einiger Befriedigung bemerkte Lucien jedoch, dass auch Caius, obgleich er zu Beginn eine große Selbstsicherheit ausgestrahlt hatte, ebenso noch fast so viele Fehler machte wie der blutige Anfänger Lucien Lachance.

Zu Beginn übten sie lediglich, wie sie stehen und ihre Waffe halten mussten. Zu allen erdenklichen Waffen besaß die Bruderschaft Attrappen aus Holz, die ihren Vorbildern verblüffend ähnlich waren. Dennoch brannte Lucien darauf, mit richtigen Waffen zu üben. Das ewige Stehen und Drehen der Waffenhand ermüdete ihn schon am ersten Tag. So viel Theorie! Wozu war das alles wichtig? Doch Tsonashap war unerbittlich und ließ nicht zu, dass seine Lehrlinge ungeduldig und vorschnell wurden.

Stunde um Stunde ging dies so, und selbst, als die Mägen der beiden Jungen vernehmlich grummelten, gönnte er ihnen keine Pause. Seine Übungen waren anspruchsvoller, als es zunächst den Anschein hatte, und Luciens Muskeln schmerzten. Der Hunger, obgleich er ihn gewohnt war, machte die Sache kaum besser.

»Geratet ihr in einen offenen Kampf und könnt so schnell nicht fliehen, nimmt euer Gegner keine Rücksicht auf eure körperliche Befindlichkeit«, indoktrinierte der Argonier ihnen. »Ganz im Gegenteil wird er sie sogar zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen!«

Er hatte noch viele solcher schlauen Sprüche, deren Nützlichkeit Lucien teils erst viele Jahre später begreifen sollte. Im Moment war er jedoch nur ein vorlauter, ungeduldiger Junge, der keine Lust auf irgendwelche Theorie hatte und lieber gleich zum Ernst der Sache kommen würde. Doch er zähmte sein ungestümes Gemüt und ließ über sich ergehen, was die Bruderschaft für ihn angedacht hatte.

Tagtäglich hieß es nun für ihn: früh aufstehen, wann immer es Tsonashap befahl, schnell etwas essen, die Rüstung überwerfen und im Übungsraum erscheinen. Es entstand eine Art Wettbewerb zwischen den beiden Jungen, welcher von ihnen als erster vor ihren argonischen Lehrer treten konnte. Ebenjener schien den Konkurrenzkampf der Jungen um seine Gunst bis zu einem gewissen Grad zu tolerieren, da er der Ansicht war, dass dies ihren Ehrgeiz zum Lernen förderte.

Waren sie angetreten, übten sie sich an den verschiedensten Waffen, übten, wie sie sie zu halten und zu führen hatten, bis Lucien schließlich sogar davon träumte.

»Du hältst deine Waffe falsch.«

»Das mache ich gar nicht!«

»Natürlich! Wo gehört der Daumen hin?«

»Au!«

»Dort schon einmal nicht. Siehst du, was dann passiert, wie leicht ich ihn dir hätte abschlagen können?«

»Das war hinterhältig! Das könnt Ihr nicht machen!«

»Wir sind Assassinen, Stift, wir kämpfen nicht mit lauteren Mitteln. Merk dir das endlich. Hier gibt es kein gerecht und ungerecht. Hier gibt es nur den Tod unseres Auftragszieles oder unser eigenes Versagen. Willst du versagen?«

»Nein …«

»Lauter!«

»Nein!«

Doch auch ihre Kraft und Ausdauer bildete Tsonashap aus. Sie verließen dazu die Stadt durch das hintere Tor nahe dem verlassenen Haus. Es wurde seltener frequentiert, als das Tor an der Hauptstraße, womit es nicht so auffällig war, wenn sie es benutzten. Dann führte der Argonier die beiden jungen Rekruten in den Wald und jagte sie die Valus Berge hinauf und hinab. In den ersten Wochen war es eine reine Tortur.

»Ich kann nicht mehr!«

»Weiter!«

»Tsonashap, ich sterbe, wenn ich noch einen Schritt weiter mache!«

»Weiter!«

»Nein! … Aua!«

»Wenn du mir noch einmal Wiederworte gibst, dann gibt es eine härtere Strafe als nur einen Schlag auf den Hintern, verstanden? Du rennst jetzt weiter, trink dabei etwas. Wir machen erst eine Pause, wenn ich es befehle. Denk an das dritte Gebot und hüte dich, den Zorn Sithis‘ zu erwecken!«

Tsonashap war unerbittlich und auch ein wenig grausam in seiner unnachgiebigen Art. Doch er richtete die Jungen nicht zuschanden. Immer, wenn Lucien glaubte, er würde jeden Augenblick tot umfallen, drängte der Argonier ihn zum Weitermachen. Und siehe da, von irgendwoher fand er in seinem schmächtigen Körper die Kraft dazu. Auch Caius war in gewisser Weise ein Ansporn dazu. Auch wenn sein Rivale noch kaum länger bei der Bruderschaft war, so war er dennoch schon ein wenig weiter im Training. Lucien konnte es nicht auf sich sitzen lassen, dass Caius besser war als er, und tat alles, um ihn alsbald einzuholen und zu überflügeln.

Der Wettbewerbsgeist beider Jungen trieb sie zu ungeahnten Leistungen. Selbst Tsonashap konnte irgendwann einmal nicht mehr nur schweigend zusehen, sondern musste (durchaus etwas widerwillig) zugeben, dass seine beiden Schüler bessere Fortschritte machten, als er erwartet hätte.

Ihr Frühstück fiel im Allgemeinen mager aus, da Tsonashap der Ansicht war, dass es sich mit leerem Magen besser trainieren ließ. Lucien hatte sich einmal nicht daran gehalten, und mehr gegessen als üblich. Irgendwie hatte die Schattenschuppe dies mitbekommen und sie an diesem Tag besonders hart ran genommen. Das Ergebnis war, dass es Lucien alsbald speiübel geworden war und er den Rest des Tages mit leerem und schmerzenden Magen zubringen musste. Er aß nie wieder zu viel.

Dafür gab es am Abend umso mehr. Tsonashap kümmerte sich anfangs selbst um ihr Essen, da sie anscheinend Sonderkost vorgesetzt bekamen, sagte ihnen aber nach einiger Zeit, wie sie sich zu ernähren hatten.

»Das richtige Essen ist genauso essenziell wie das kontinuierliche und ausdauernde Üben eurer Fertigkeiten«, predigte er. »Daraus zieht ihr eure Kraft, setzt kein übermäßiges Fett an und bildet an den richtigen Stellen und im richtigen Maße Muskeln aus.«

Lucien hatte das anfangs für Humbug gehalten, sah aber rasch ein, dass Tsonashap Recht behalten sollte. Es dauerte nur knapp einen Monat, bis er die ersten Veränderungen an seinem Körper bemerkte. Er war nicht nur ausdauernder geworden, sondern auch deutlich kräftiger. Aus dem Strich in der Landschaft wurde allmählich ein sehniger Junge. Er wurde dennoch von den anderen Mitgliedern Stift genannt, ein Spitzname, der ihm wahrscheinlich für den Rest seines Lebens anhaften sollte.

Seine Beine wurden muskulöser, seine Arme kräftiger. Er konnte immer weiter und schneller laufen, sein Umgang mit den Übungswaffen war nicht mehr so linkisch. Auch wenn Tsonashap beide Jungen immer noch spielend im Übungskampf besiegte, sagte er, dass sie deutliche Fortschritte machten. Für einen richtigen Kampf würde es noch lange nicht reichen, betonte er, aber für den Anfang sei ihr Können nicht schlecht. Ihre Übungskämpfe gegeneinander waren zumindest mittlerweile sehr ausgeglichen. War Caius seinem Rivalen zu Anfang noch stets überlegen, so konnten sie nun nicht mehr von Beginn an voraussagen, wer von ihnen den Übungskampf gewinnen würde.

Gut drei Monate nach seiner Ankunft in der Zuflucht war der Tag gekommen, an dem Tsonashap ihnen das erste Mal richtige Waffen in die Hand gab, zwei Kurzschwerter aus Stahl. Richtiger, echter Stahl! Die einzige Waffe, die Lucien jemals in der Hand gehalten hatte, war sein rostiger Eisendolch aus der Gosse.

»Diese Waffen sind Eigentum der Zuflucht«, sagte Tsonashap und sah jedem von ihnen ernst in die Augen. »Sie sind Ersatzwaffen, sollte einem Bruder oder eine Schwester seine oder ihre eigene Waffe aus welchen Gründen auch immer abhandenkommen. Außerdem sind sie Übungswaffen, die wir in unseren täglichen Übungen benutzen.

Doch nichtdestotrotz sind sie echte Waffen, keine mit Stoff umwickelten Holzimitate, die euch lediglich ein paar Knochen brechen können. Nein, diese Klingen sind scharf und sie können töten. Ihr besitzt mittlerweile genug Geschick, dass ich euch zutraue, sie zu führen ohne euch ernsthaft dabei zu verletzen. Missbraucht mein Vertrauen nicht, indem ihr Unfug und Dummheiten damit anstellt.«

»Ja, Meister«, antworteten Lucius und Caius im Chor. Ihre Herzen schlugen vor Aufregung höher und ihre Brüste waren stolzgeschwellt.

Der Argonier gab jedem von ihnen eines der Schwerter. Lucien, der bis jetzt nur die Holzwaffen gewohnt war, war überrascht von dem unerwartet großen Gewicht des Stahls in seinen Händen. Beinahe hätte er die Waffe fallen gelassen, konnte es aber gerade noch verhindern, sich diese Blöße zu geben. Etwas linkisch zog er die Waffe aus ihrer Scheide und bewunderte die kalte, im Schein der Fackel blitzende Klinge.

Sie durften die Waffen noch nicht gegeneinander, sondern lediglich gegen die Holzattrappen führen, die im Übungsraum standen. Auf diese Weise sollten sie sich an das ungewohnte Gewicht gewöhnen und die neuen Bewegungsabläufe verinnerlichen, die damit einhergingen. Es dauerte noch einmal einige Wochen, bis Tsonashap ihnen erlaubte, die Waffen in einem Übungskampf gegeneinander zu führen.

Lucien fühlte, wie die Waffe ein Teil von ihm wurde, eine natürliche Verlängerung seines Armes. Das Leder des Griffes schmiegte sich wunderbar in seine Hand, war weich und griffig. Die Klinge schnitt wie von selbst durch die Luft und alsbald musste er sie schon nicht mehr mit seinem Willen zwingen, das zu tun, was er von ihr wollte. Es geschah wie von selbst.

Auch seine Reflexe und Instinkte wurden immer besser. Es bedurfte nicht mehr einer bewussten Entscheidung, um einen Schwertstreich von der Seite abzuwehren, es geschah von selbst. Die Bewegungsabläufe des Kampfes wurden ein Teil von ihm, fühlten sich so natürlich an wie das Gehen, Schlafen, Atmen.

Sicher, in den ersten Wochen seit seiner Ankunft hatte er fürchterlich gelitten. Ständig hatte er Schmerzen, trug Prellungen und Schnitte davon und wurde dennoch unerbittlich von Tsonashap vorangetrieben. Außerdem hatte er Caelwen im Verdacht, dass sie ihre heilenden Tränke für ihn aus reiner Bosheit nur halbherzig zubereitete, sodass sie nicht richtig wirkten, da die Wirkung weit schwächer ausfiel, als er erwartet hatte.

Es verging kein Tag, an dem er sich nicht eine neue Verletzung zuzog, sei es, weil er von Tsonashap oder Caius im Übungskampf geschlagen worden war, oder sei es, weil er mit den Übungswaffen noch nicht richtig umgehen konnte. Seine Muskeln schmerzten, und seine Haut war übersäht mit Blessuren und Schnitt- und Schürfwunden. Jeder Millimeter seines Körpers wurde gefordert und gestählt. Abends ging er mit Schmerzen ins Bett und erwachte am Morgen mit Schmerzen.

Doch fast unmerklich ließ dies nach. Noch immer waren die Übungsstunden bei Tsonashap nicht schmerzfrei, noch immer erhielt er fast täglich neue Blessuren. Doch mit der Zeit plagten ihn die Schmerzen immer weniger, konnte er besser mit ihnen umgehen. Ihm ging auf, dass genau darin der Sinn der Quälereien lag, die Tsonashap ihnen auferlegte.

Doch er lehrte sie nicht nur den Kampf, sondern auch, wie man sich auf solch einen Kampf vorbereitete. Er lehrte sie, wie man seine Waffen und Rüstungen pflegte, erzählte ihnen von den verschiedensten Gegnertypen und wie man ihnen am besten begegnete. Selbst einige alchemistische Dinge zeigte er ihnen und grundlegende Magie, um nach dem Kampf selbst für eine erste Versorgung der erhaltenen Wunden aufzukommen.

 

In den ersten Wochen hatte Lucien lediglich bei dem Argonier Unterricht. Als er sich allmählich in das Leben in der Zuflucht eingewöhnt hatte, rief Vicente ihn erneut zu sich.

»Du machst gute Fortschritte und wirst allmählich ein vollwertiges Mitglied unserer Familie«, sagte der Vampir zur Begrüßung. »Dennoch bist du noch immer ein Kind der Gosse, ungebildet und hilflos in der Welt da draußen. Dein Wissen reicht, um dich einige Jahre in der Gosse am Leben zu halten, doch mehr auch nicht. Wenn du ein erfolgreicher Mörder der Dunklen Bruderschaft sein willst, musst du so viel mehr lernen.«

Lucien hörte schweigend zu.

»Wir bringen nicht nur Leute um, indem wir irgendwo einbrechen und unserem Ziel ein Messer ins Herz bohren«, fuhr Vicente fort. »Die wenigsten Aufträge sind so einfach. Im Regelfall hat der Kunde besondere Wünsche, will, dass der Mord auf eine ganz bestimmte Art und Weise geschieht. Ein Unfall, unbekömmliches Essen auf einem Bankett, ja, manchmal müssen wir sogar die Gunst unserer Opfer in monatelanger Vorarbeit erlangen, um sie dann eines Tages hinterrücks im Bett zu erstechen, nachdem wir sie verführten. Ja, auch solche Aufträge hatten wir bereits.

Du siehst also, dass ein Mörder viele Talente haben muss.«

»Er muss sich tarnen können«, sagte Lucien. »Er muss seine Absichten verschleiern und sich als jemand anderes ausgeben können, als er eigentlich ist.«

»Sehr gut«, lobte Vicente ob des Schlusses des Jungen. »Mit anderen Worten: Du musst in der Lage sein, in den verschiedensten Gesellschaften bestehen zu können. Es beginnt damit, dass du lesen und schreiben lernst. Nicht immer sind unsere Ziele einfache Bauerntölpel, das ist sogar recht selten der Fall, da sie viel zu selten das Geld aufbringen können, um uns zu bezahlen. In der Regel heuern uns reiche Kaufleute und Adelige an, um ihre Intrigen zu spinnen und ihre Komplotte auszuführen. Du musst in der Lage sein, dich als einen der ihren auszugeben, sollte ein Auftrag erfordern, sich unter sie zu mischen. Und wo kämen wir da hin, wenn du nicht einmal lesen und rechnen kannst?«

Also lernte er genau das. Anfangs fiel es Lucien sehr schwer. Er war es nicht gewohnt, seinen Geist auf eine so verdrehte, abstrakte Weise zu benutzen, und er lernte nur schwer, was Vicente ihm vermitteln wollte. Sein erstes Buch waren die Fünf Gebote. Anhand derer lehrte der Vampir ihn erst das Lesen und dann das Schreiben. Lucien war enttäuscht über seine krakelige Schrift, die einfach nicht so aussehen wollte wie die elegante Handschrift, in welcher das Buch der Gebote verfasst worden war. Sein Ehrgeiz ließ ein solches Hindernis nicht zu.

Doch Vicente hielt ihn im Gegensatz zu Tsonashap zurück und sagte ihm immer wieder, dass er sich in Geduld üben solle. Wenn er erzwang, was er erreichen wollte, dann würde er nichts erreichen, betonte der Vampir immer wieder. Im Gegensatz zum Kampf ging es hier um nichts, das umso schneller besser wurde, umso vehementer man es versuchte. Kontinuierlich und gemächlich musste man vorgehen, war seine Devise.

Es ging nur schwer in Luciens Kopf, dass er etwas nicht durch bloße Willensanstrengung und Muskelkraft erlangen konnte. Bisher war dies immer sein Weg zum Erfolg gewesen. Geduld und Mäßigung waren definitiv keine seiner Stärken.

Seine Gedanken waren zäh und langsam, so kam es ihm vor, wenn er sich zwang, mühsam Buchstabe für Buchstabe zu entziffern und zu lesen. Als Vicente merkte, dass Lucien die Gebote mehr aus dem Gedächtnis rezitierte statt tatsächlich zu lesen, gab er ihm andere Werke, Märchen und Sagen aus ganz Tamriel, ja, sogar Kindergeschichten der Nord. »Olaf und der Drache« mochte Lucien aus irgendeinem Grund sehr. Ihm gefielen die Heldensagen der Nord aus dem eisigen, wilden Skyrim.

Nun, sie würden ihm jedenfalls weitaus mehr gefallen, würde er nicht solche Mühen haben, sie zu entziffern. Wochenlang waren die Buchstaben auf dem Pergament ein Buch mit sieben Siegeln für ihn. Ständig vergaß er die Bedeutung des einen oder anderen und musste ihn immer wieder neu lernen. Selbst einfachste Texte wie Kindergeschichten waren eine Qual für ihn.

»Du versuchst es mit Gewalt«, mahnte Valtieri auch nach Wochen noch immer. »Gedulde dich. Ich weiß, dass es dir schwer fällt, aber hier geht es auch nicht um Muskelkraft.«

Lucien verzweifelte an der Aufgabe, die ihm gestellt worden war. Lesen und Schreiben war in seinen Augen schon immer etwas für reiche Schnösel gewesen, und für die hatte er nichts als Verachtung übrig.

»Wie soll ich sonst jemals lernen, was Ihr mir hier beizubringen versucht?«, jammerte er.

»Indem du deinen Geist nicht verkrampfst und mir zuhörst, was ich dir zu sagen habe«, war die Standartantwort des Vampires.

Irgendwie, gestand sich Lucien ein, konnte er ja durchaus lesen. Er konnte laut und nur arg stockend vorlesen, welche Abenteuer Olaf mit dem Drachen Numinex erlebte. Es war keinesfalls schön, wie er las, das konnte er sich sehr wohl denken, und sicher war es auch unheimlich schwer zu verstehen, was er las. Aber er las.

Vicente war offensichtlich nicht sonderlich zufrieden mit den Fortschritten des jüngsten Familienmitgliedes, aber er war geduldiger und umsichtiger als Tsonashap. Er peitschte den Jungen nicht mit Gewalt voran, sondern hielt ihn durchaus dazu an, auch einmal inne zu halten und etwas anderes zu machen, als lesen und schreiben zu üben.

Und er belohnte Lucien sogar manchmal, wenn er wieder einmal einen Fortschritt gemacht hatte. Manchmal brachte er aus der Stadt kleine Süßigkeiten mit, Zuckergebäck und andere Naschereien. Als Lucien das erste Mal eines der kleinen Gebäcke in der Hand hielt, traute er seinen Augen kaum.

»Für mich?«, hatte er ganz erstaunt gefragt.

Vicente, der an diesem Tag (wahrscheinlich für den Einkauf) recht erfrischt und eindeutig menschlich aussah, musste lachen. »Natürlich!«, sagte er. »Deine Schrift ist endlich kein unleserliches Geschmiere mehr, sondern lässt deutlich Buchstaben erkennen. Ich finde, dafür solltest du belohnt werden.«

Als der Junge endlich verinnerlicht hatte, dass die Belohnung tatsächlich für ihn war, verschlang er sie gierig. Es war ihm in der Kaiserstadt nur höchst selten gelungen, Süßigkeiten vom Bäcker zu stehlen und noch seltener waren diese noch frisch.

Gerade als Lucien begann, das Gefühl zu bekommen, sich nicht mehr ganz so sehr mit Sprache und Schrift abquälen zu müssen, traf Vicente den Beschluss, nun auch zum Rechnen überzugehen. Es zeigte sich, dass Lucien hierbei ein nahezu hoffnungsloser Fall war. War es für ihn schon eine Qual gewesen, das Lesen und Schreiben halbwegs zu erlernen, so war das Rechnen für ihn wie ein Ritt über die Ebenen von Oblivion, verfolgt von Merunes Dagon höchstselbst. Selbst der Vampir, der bis jetzt eine enorme Geduld an den Tag gelegt hatte, war nach nur einer Handvoll Wochen entnervt von dem völligen Unverständnis, das der Junge selbst für die einfachste Mathematik zeigte.

»Es kann ja nicht jeder für alles geboren sein«, seufzte er. »Deine Talente liegen eindeutig anderswo. Nichtsdestotrotz musst du auch das erlernen!«

Hierbei geschah es auch, dass Lucien das erste Mal seit seiner Ankunft in der Zuflucht sein Temperament nicht mehr zügeln konnte. Irgendwann ging er förmlich durch die Decke, als er einfach nicht mehr konnte. Die Strafe folgte auf den Fuß und bestand aus fünf Hieben mit dem Rohrstock, einem Tag ohne Essen und einer besonders harten Lehrstunde bei Tsonashap.

Es war, als sei ein Knoten geplatzt. Nachdem sich all die angestaute Frustration gelöst hatte, fiel es Lucien auf einmal weitaus leichter zu lernen, als all die Wochen und Monate zuvor. Vicente war sehr erstaunt darüber, nahm diese Veränderung aber freilich wohlwollend auf und nutzte auch sogleich die Gunst der Stunde, um nun endlich seinem Schüler das nötige mathematische Grundverständnis zu vermitteln.

Lucien wunderte sich all die Zeit darüber, dass er allein lernte. Auch Caius nahm denselben Unterricht bei Vicente, wie er wusste, doch nie lernten sie zusammen, wie es bei Tsonashap der Fall war. Er überlegte lange, bis er den Grund dafür erahnen konnte. Es konnte lediglich daran liegen, dass Caius wesentlich bessere Fortschritte im Lesen, Schreiben und Rechnen machte als er und somit sein Wissensstand umso größer war.

Er fragte Valtieri nie nach dem Grund, dieser wunderte sich jedoch über den plötzlichen Lerneifer, den sein Schüler an den Tag legte. Der Unterricht bei dem Vampir machte dem Jungen noch immer überhaupt keine Freude und war für ihn beinahe eine noch schlimmere Qual als die ersten Tage unter den Fittichen des Argoniers, aber nun war sein Ehrgeiz geweckt. Er wollte besser sein als sein Rivale. Er wollte ihn in allen Dingen überflügeln und schneller in den Rängen der Bruderschaft aufsteigen, um ihn nach Lust und Laune herumkommandieren zu dürfen.

Freilich sagte er niemandem etwas davon, da er sich denken konnte, dass seine Ambitionen nicht gern gesehen waren.

 

Es waren gut drei Monate ins Land gegangen, als für die Jungen die Zeit gekommen war, eine neue Disziplin zu erlernen. Mittlerweile beherrschten sie beide die Grundlagen des Nahkampfes und konnten auf einem einfachen Niveau rechnen, lesen und schreiben. Nebst ihrem täglichen Unterricht bei Tsonashap und Vicente Valtieri erhielten sie nun auch Sares Areles als Lehrer. Der Dunkelelf sollte ihre Geschicklichkeit trainieren und ihnen das Bogenschießen beibringen.

»Auf dass ihr überall unbemerkt Zugang findet und euren Opfern aus den Schatten heraus auflauern könnt«, sagte er fröhlich. »Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viel Spaß es macht, dem Auftragsziel dabei zuzusehen, wie es vollkommen überrascht auf den Pfeil in seiner Brust starrt und sich fragt, woher dieser nur gekommen sein mag, bevor es stirbt!«

Irgendwie war der Dunkelelf sonderbar, beschloss Lucien nach dieser Ansage.

Überhaupt war Sares eine ausgesprochene Frohnatur und sprach über seine neuesten Aufträge wie über Tee und Kuchen bei der Nachbarin. Auch die anderen Familienmitglieder sprachen über ihre Morde, als seien sie das Normalste der Welt, doch Sares schien dabei eine überbordende Freude zu empfinden, die beinahe schon der Begeisterung eines kleinen Kindes glich. Er war wirklich sonderbar. Und irgendwie war er Lucien sehr sympathisch.

»Tsonashap ist ein Draufgänger«, sagte er am ersten Tag ihres Unterrichtes bei ihm. »Er schlägt zu und verlässt sich auf seine Geschwindigkeit. Ich hingehen bin ein stilles und umso tieferes Wasser.«

Er nahm sich einen der Bogen, die an einem Gestell an der Wand lehnten und präsentierte ihn den beiden Jungen.

»So ein Bogen will wie ein Lebewesen behandelt werden«, sagte er. »Er hat Gefühl und will mit Verstand angefasst werden. Wenn dies nicht der Fall ist, kann euch der Bogen sehr schmerzhafte Prellungen zufügen.«

Er nahm zwei weitere, kleinere Bogen von der Wand und gab sie den Jungen.

»Jeder Bogen ist anders«, fuhr er fort. »Es gibt verschiedene Typen, jeder unterschiedlich in Material, Handhabung und vor allem Schaden. Doch auch innerhalb eines Typs kann es Unterschiede geben, je nachdem, von welchem Bogenbaumeister er geschnitzt und bespannt wurde. Probiert es aus, spannt die Sehnen.«

Die Jungen probierten es. Lucien hatte schon vorher Sares seinen Bogen benutzen sehen, und war daher überrascht, wie schwer es ihm fiel, den Bogen nennenswert zu spannen. Bei dem Dunkelelfen hatte es stets so leicht ausgesehen.

»Der Umgang mit dem Bogen erfordert viel Ruhe und Konzentration, besonders, wenn man einen gut platzierten Schuss setzen will«, sagte Sares. »Seid ihr hektisch, verreißt ihr den Schuss und platziert ihn weit neben eurem anvisierten Ziel. Nur Ruhe und Gelassenheit führen zum gewünschten Ergebnis, besonders inmitten eines Kampfes. Eure ersten Versuche werden kaum die Zielscheibe treffen, das kann ich euch schon jetzt prophezeien. Euch werden die Arme und Schultern schmerzen, euer Kopf wird euch mit der Zeit wehtun. Doch all das verfliegt irgendwann, wenn ihr nur konzentriert und kontinuierlich bei der Sache bleibt.«

Sares Areles gab jedem von ihnen einen Köcher mit einer Handvoll Pfeile. Die Spitzen waren abgestumpft, sodass die Verletzungsgefahr vermindert wurde, dennoch ermahnte der Dunkelelf sie, dass sie nicht wild mit den Pfeilen oder einem gespannten Bogen herumfuchteln sollten. Dann gab er ihnen verschiedene Lederschoner für die Hände und die Schulter, die sie vor der harten Sehne aus Pferdehaar schützen sollten.

Als sie fertig ausgerüstet waren, ließ er sie vor einer Zielscheibe Aufstellung nehmen. Die Entfernung war nicht groß und maß maximal sieben Schritt, die Breite des Übungsraumes. Lucien lachte innerlich darüber und dachte sich, dass es wohl ein Leichtes werden musste, das Ziel zu treffen.

Doch ehe sie den ersten Schuss abgeben durften, ließ auch Sares sie lange die Grundhaltung beim Bogenschießen üben. Immer wieder mussten sie den Bogen ohne eingelegten Pfeil spannen, die Schultern und Arme richtig halten, die Beine in der korrekten Position halten und das Zielen üben.

Das Treffen würde wohl doch nicht so leicht, gab Lucien seinem anfänglichen Eifer einen Dämpfer. Trotz all der Übungen mit Tsonashap, die ihm Kraft verliehen hatten, schmerzten schließlich seine Arme und, trotz der Schoner, auch irgendwann seine Finger. Erst gegen Abend gestattete es Sares ihnen, einige Probeschüsse auf die Zielscheibe abzugeben.

Erst waren die ermüdeten Jungen froh darüber, endlich etwas anderes als immer nur trockene Theorie machen zu müssen, doch die Ernüchterung verflog schnell. Der Wettbewerbsgeist war schon immer stark zwischen ihnen gewesen, und so funkelten sie sich nun herausfordernd an und versprachen sich stumm gegenseitig, den anderen zu überbieten.

Doch keiner ihrer Schüsse landete sonderlich weit mittig. Vor allem trafen sie aber die Wand hinter der Zielscheibe, selten einmal den Rand der Strohscheibe.

»Wie soll das jemals in einem Kampf funktionieren?!«, beklagte sich am Ende der ersten Unterrichtsstunde Caius frustriert.

Sares sagte nichts und grinste nur.

Nebst ihrem Unterricht bei Tsonashap und Vicente hatten sie nun täglich auch einige Stunden bei Sares. Er brachte ihnen nicht nur das Bogenschießen bei, sondern auch das Schleichen und verbesserte ihre Fingerfertigkeiten. In letzterem waren beide Jungen bereits jetzt sehr talentiert, das Leben auf der Straße hatte sie einiges in dieser Hinsicht gelehrt. Doch sie waren erstaunt, was Sares alles zustande brachte. Er konnte ihre Taschen ausräumen, während sie vor ihm standen und sich mit ihm unterhielten.

»Bei der Diebesgilde lernt man so einiges, wie man die Leute um unnützen Krempel erleichtert, von dem sie nur noch nicht wissen, dass sie ihn nicht mehr brauchen«, kommentierte er.

Auf die Zeit mit dem Dunkelelfen freute sich Lucien stets am meisten. Auch Areles war streng, wie wahrscheinlich jeder hier, doch er lockerte seine Stunden stets mit Scherzen und kreativen Übungen auf. Auch machten sie nicht immer dasselbe. Hin und wieder gestaltete Sares die Übungsstunden auf eine lockerere Art und Weise, indem er ihnen beispielsweise hieß, durch die Zuflucht zu schleichen, ohne dass er sie bemerkte, oder ihm diesen oder jenen Gegenstand zu stehlen, den er entweder bei sich trug oder weggeschlossen hatte. Als sie ihre Fähigkeiten, die sie als Straßenkinder erworben hatten, schon weit übertroffen hatten (denn sie lernten schnell und begierig noch mehr von dem, was ihr ganzes Leben geprägt hatte), erlaubte es Sares ihnen sogar, auf den Straßen Cheydinhals umherzustreunen und die Händler um so manches Gut zu erleichtern. Sie wurden nie erwischt.

»Wenn ihr eines wirklich hervorragend beherrscht, dann das Leben auf den Straßen«, lobte Sares. »Kein Wunder bei eurer Vergangenheit. Ich hatte selten so gute Schüler. Ich werde Cassius davon erzählen, sicher werden wir Verwendung für eure Fähigkeiten finden.«

Lucien spitze die Ohren bei diesen Worten. Hieß das, dass sie endlich nicht mehr blutige Novizen waren, die noch nicht einmal die Grundlagen beherrschten?

Mit dem Bogenschießen machten sie weniger Fortschritte als mit ihren Fähigkeiten in Heimlichkeit und Fingergeschick. Sares kannte verschiedenste Methoden, um Körper und Geist zu beruhigen und hieß sie, diese stets vor dem Schlafengehen und in ihren wenigen Pausen durchzuführen.

»Nur so haben sie einen andauernden Effekt und lassen euch durchgehend ausgeglichener und ruhiger sein«, sagte er. »Und das ist überhaupt das Wichtigste beim Umgang mit dem Bogen.«

Dementsprechend dauerte es seine Zeit, bis sie die Waffe wirklich nennenswert händeln konnten. Anfangs gingen mehr Schüsse daneben, als auf der Scheibe landeten. Lucien war zu seiner eigenen Freude jedoch er erste, der zuverlässiger in die Nähe des Zentrums traf. Sichtlich zu Caius‘ Ärgernis, was diesen jedoch zu noch größerem Ehrgeiz antrieb. Als Lucien jedoch das erste Mal die Mitte der Zielscheibe traf, war die Freude bei ihm groß. Vielleicht war das Bogenschießen ja doch kein so großes Mysterium, wie anfangs gedacht.

Als sie schließlich immer zuverlässiger die Mitte der Scheibe trafen, hielt es Sares für an der Zeit, sie mit in die Wälder zu nehmen.

»Wir gehen jagen«, sagte er. »Eigentlich benötigen wir das nicht, die Bruderschaft verdient genug Geld, um alles Nötige einzukaufen. Aber ich gehe gern in die Wälder hinaus, genieße die Stille und Einsamkeit – und trainiere hier meine Fähigkeiten als Bogenschütze. Wild zu jagen, ist wunderbar dafür geeignet, bewegte Ziele sind weitaus schwerer zu treffen. Dann auch noch einen tödlichen Schuss zu landen, das ist eine hohe Kunst.«

Hier wurden all ihre Fähigkeiten im Schleichen und Schießen gefordert. Schnelligkeit als auch Heimlichkeit waren gefragt. Es genügte nicht, nur die Beute auszumachen. Oftmals musste man sie über Stunden hinweg verfolgen, stets darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, auf Wind und Umgebung Acht geben. Alles musste stimmen, um den perfekten Schuss zu landen.

Es war verständlich, dass Lucien und Caius anfangs nicht ein Tier schießen konnten. Ihr Geschick war noch nicht weit genug ausgeprägt, sodass sie viel zu oft eine unbedachte Bewegung machten. Ein knackender Ast, eine zuckende, nach Gleichgewicht suchende Hand und schon war der Hase oder das Reh auf und davon. An Eichhörnchen versuchten sie sich anfangs gar nicht erst, zu klein und flink waren die Tierchen.

Lucien merkte, dass der Bogen keine Waffe für ihn war. Er war eindeutig nicht dafür geschaffen, stundenlang an ein und derselben Stelle zu hocken, regungslos darauf wartend, dass die Beute zu ihm kam oder er eine günstige Position für einen Schuss hatte. Es war wie mit dem Lesen und Rechnen: Er besaß einfach nicht die nötige Ruhe dafür.

»Ihr seid geschickt«, sagte Sares. »Aber nicht geschickt genug. Innerlich tobt es in euch. Die Energie quillt förmlich über und verlangt nach Freilassung. Ihr seid jung, da ist das normal. Aber ihr werdet lernen müssen, euch zu zügeln. Das Ungestüm der Jugend muss der Gelassenheit des Alters weichen. Ihr seid Mörder der Dunklen Bruderschaft, eure Kindheit habt ihr schon lange hinter euch gelassen.«

Lucien ärgerte sich über diese Worte. Überhaupt hatte jeder der Erwachsenen immer solch schlaue Sprüche auf Lager. Er konnte sie langsam nicht mehr hören und wollte sich nicht eingestehen, dass ebenjene Sprüche eigentlich der Schlüssel zu seinem Erfolg war.

Als er dennoch seinen ersten Hasen schoss, war die Freude groß. Caius grollte noch Tage später, dass es Lucien vor ihm gelungen war, einen solchen Erfolg zu erzielen. Sares jedenfalls freute sich für den Jungen und richtete sich für den Abend mit den beiden in der freien Natur ein.

»Wir machen uns eine schöne Nacht unter dem freien Himmel«, sagte er. »Ihr werdet sehen, wie wunderschön das sein kann, wenn man sonst immer nur unter der Erde in diesem Loch haust.«

»Die Zuflucht ist kein Loch«, hielt Lucien dagegen.

»Wenn man die Gossen der Kaiserstadt gewohnt ist, dann wohl kaum«, stimmte der Dunkelelf ihm zu. »Aber das habe ich schon so lange hinter mir gelassen, dass ich mich nicht mehr daran erinnern will. Kommt, heute Abend gibt es Hasenbraten.«

Er zeigte ihnen, wie man ein Feuer macht, ein Lager einrichtet und schließlich ein Tier ausnimmt und zubereitet. Es war ein blutiges Handwerk, aber Lucien fand seine Freude daran. Er musste daran denken, wie es gewesen war, Malvin und Seed-Neeus zu töten. Ein Tier zu töten, war keine so große Befriedigung, doch noch immer ein sehr gutes Gefühl. Er vergrub seine Hände in den blutigen Innereien des Hasen.

Das Tier war recht mager, aber das, was an ihm dran war, war durchaus bekömmlich. Für Lucien schmeckte es noch einmal viel besser, da er es gewesen war, der für ihr Abendessen gesorgt und seinen Teil zur Zubereitung beigetragen hatte. Nach vielen Tagen an der frischen Luft war der Appetit groß.

Nun ging es stets bergauf mit ihren Schützenkünsten. Immer häufiger konnten sie Rehe und Hasen schießen und einmal gelang es Caius sogar, ein Eichhörnchen im Sprung vom Ast zu schießen. Es war ein Glückstreffer, den er so schnell würde nicht wiederholen können. Dennoch erblasste Lucien vor Neid und Eifersucht, und nun war er es, der in den nächsten Tagen noch weniger Worte mit seinem Rivalen wechselte als ohnehin schon.

 

Lucien war nun schon fast ein dreiviertel Jahr bei der Bruderschaft, als es für ihn und Caius an der Zeit war, in der letzten Disziplin unterrichtet zu werden: Magie und Alchemie. Das hieß leider auch, dass sie nun auch von Caelwen unterrichtet wurden, eine Aussicht, auf die sie nicht sonderlich begierig waren.

Lucien hatte sie in all der Zeit gemieden, wo er nur konnte, was nicht schwer war, da er nahezu vollkommen mit seiner Ausbildung in den Grundlagen seines neuen Handwerkes beschäftigt war, und zum anderen, weil auch Caelwen ihn (wie den Rest der Familie) mied, wo sie nur konnte.

»Unterschätze sie nicht«, warnte Vicente ihn vor. »Sie mag zwar keine sonderlich angenehme Zeitgenossin sein, aber sie ist eine mächtige Magierin.«

Lucien nahm sich diesen Rat zu Herzen und hoffte, dass er nicht allzu viele Brandblasen davontragen würde.

Caelwen machte aus ihrer Abneigung allem und jedem gegenüber keinen Hehl. Sie mochte die Jungen deswegen umso weniger, da sie nun gezwungen war, sie zu unterrichten.

»Ihr habt keinerlei magisches Talent«, waren ihre ersten Worte gleich am ersten Tag. »Ihr werdet niemals in der Lage sein, mehr als nur Lehrlingszauber zu erlernen, also macht euch keine großen Hoffnungen. Doch Cassius Proximo will, dass ihr von mir wenigstens die grundlegenden Zauber und Basisalchemie erlernt, wie jeder Dunkle Bruder und jede Dunkle Schwester. Also werde ich das wohl tun müssen …« Sie seufzte und funkelte die Jungen aus ihren schräg stehenden, goldenen Augen von oben herab böse an, als seien sie an ihrem Leiden schuld.

Der Unterricht wurde genau das, was Lucien von ihm erwartet hatte: eine Zumutung. Caelwen war nicht sonderlich erpicht darauf, sie in irgendeiner Weise zu fördern, war jedoch über jeden Misserfolg im höchsten Maße unerfreut. Und derer gab es gerade zu Beginn allzu viele.

Die Grundlagen ihrer spärlichen Zauberei, die die Jungen erlernten, bestanden aus einfachsten Heilungszaubern für die allergröbste Erstversorgung nach einer Verletzung, sowie einfachen Zerstörungszaubern. Caelewen lehrte sie vor allem die Feuermagie, zu welcher sie eine ganz besondere Affinität hatte. Feuerbälle aus dem Nichts entstehen zu lassen und gezielt zu werfen, sah definitiv einfacher aus als Bogenschießen und war weitaus schwerer als dieses. Mittlerweile war es Lucien dank Vicentes Unterricht etwas gewöhnter, seine Gedanken auf seltsame Art und Weise zu benutzen, doch Magie war so verdreht, dass er schon glaubte, ihm würde jegliches Verständnis dazu fehlen. Er war sogar weitaus überzeugter davon, als davon, zu Beginn seiner Lehrstunden bei Vicente überhaupt jemals lesen und schreiben zu können.

Caelwen kehrte ihre immer größer werdende Verachtung für das Unvermögen der Jungen immer deutlicher hervor. Irgendwann jedoch nahm es so große Ausmaße an, dass Cassius Proximo höchstselbst einschreiten musste.

Lucien bekam nicht mit, was der Zufluchtsleiter zu der arroganten Hochelfe sagte, doch hinterher gab sie sich zumindest etwas mehr Mühe mit ihrem Unterricht.

Sie lehrte sie vor allem die Zerstörung, ihre beste und beeindruckendste Disziplin. Ständig spielte sie mit kleinen Flämmchen herum, die sie auf ihren Fingern tanzen ließ, und wenn sie ihre Schüler besonders verblüffen wollte, zauberte sie wahre Kunstwerke aus Feuermagie.

»Es gibt zwar auch Frost und Schock«, sagte sie, »aber was will man damit anfangen? Feuer ist weitaus beeindruckender und wirkungsvoller. Von Elsweyr nach Skyrim hat die Feuermagie die durchschlagendste Wirkung.«

Lucien merkte zwar, dass er durchaus nicht so untalentiert für die Magie war, wie Caelwen behauptete, aber ein Naturtalent machte das aus ihm immer noch nicht. Er war eindeutig den körperlichen Kampfkünsten mehr zugetan als den arkanen. Aber vielleicht war es durchaus von Vorteil, auch ein wenig Magie zu beherrschen. Vielleicht musste er eines Tages einen Zauberer töten, dann konnte er sich immerhin gegen ihn wehren.

Etwas widerwilliger verlegte sich Caelwen nach einiger Zeit auch auf andere Schulen der Magie, Veränderung, Illusion und auch Heilung.

»Die Heilung ist die vielleicht schwerste Schule der Magie«, sagte sie. »Wenn man sich genauer mit ihr auseinandersetzten will, erfordert sie tiefere Kenntnisse der Anatomie, und das bedeutet ein jahrelanges Studium. Ihr werdet von mir daher nur die Grundlagen erfahren und lernen, wie ihr euch selbst heilen könnt. Die Zauber zehren sehr von eurer arkanen Energie, daher verlasst euch nicht auf sie und erwartet nicht, schwerere Wunden von alleine heilen zu können.«

Auch leichte Zauber anderer Schulen lehrte sie sie. Einfache Schlösser zu öffnen beispielsweise, aber auch Telekinese und die Möglichkeit, kleine Magierlichter herbeizuzaubern sowie magische Schilde zu erzeugen, die magischen und physischen Schaden dämpften. All das eben, was einem Assassinen von Nutzen sein konnte auf seinem Weg zu seinem Ziel. Der Zauber, den Laut der eigenen Schritte fast nahezu zu dämpfen, bereitete Lucien besonderen Spaß. Fortan nutzte er ihn häufig, um sich unbemerkt an Caius heranzuschleichen und ihn zu erschrecken.

Überhaupt war, wenn er der Magie überhaupt etwas abgewinnen konnte, die Schule der Illusion seine liebste und daher auch jene, in welcher er die besten Fortschritte machte. Widerwillig musste Caelwen eingestehen, dass sie selbst bis auf Zerstörungszauber kaum mehr als Gesellenzauber der anderen Schulen beherrschte.

Doch nicht nur Magie lehrte sie sie, sondern auch die Alchemie und aus irgendeinem Grund fand Lucien diese Disziplin höchst interessant. Während Caius eher nur mit mäßigem Interesse dem gesamten Unterricht bei Caelwen folgte, so war Lucien zumindest hier mit Feuereifer dabei. Der Gedanke, jemandem vergiftetes Essen unterzujubeln und dann genüsslich dabei zuzusehen, wie er stirbt, während er nicht weiß, von wo der Anschlag erfolgte, bereitete ihm ein großes Entzücken.

Er teilte diese Ansicht mit Caelwen, was ihm allerhand Sympathiepunkte bei der Elfe einbrachte.

»Vergiftete Äpfel sind meine Spezialität«, sagte sie. »Lege ihn einfach zu anderen Äpfeln auf einen Tisch und warte, was passiert. Es hat diese gewisse bittersüße Romantik wie aus einem Märchen. Nur aus der Sicht des Bösen.«

Ein boshaftes Grinsen stahl sich bei diesen Worten auf ihr Gesicht.

 

So verging die Zeit in der Zuflucht. Lucien lernte das Leben hier kennen und wurde ein Teil der Familie. Bald schon war sein altes Leben in der Kaiserstadt vergessen, ja, er fragte sich nicht ein einziges Mal mehr, was aus seiner ehemaligen Bande geworden war. Es war ihm egal, ob sie alle bei dem Goblinüberfall getötet worden waren oder ob vielleicht manche überlebt hatten. Es war ihm auch egal, was aus den Überlebenden hätte werden können, ob sie sich wieder zusammengetan hatten oder vielleicht einsam in der Gosse verreckt waren.

Er war jetzt ein Dunkler Bruder wie alle anderen Familienmitglieder auch, und damit diente er einzig und allein Sithis.

Das Leben in der Zuflucht folgte steten Mustern. Für Lucien hieß dies: aufstehen, etwas essen, Unterricht bei Tsonashap, danach bei Vicente, eine kleine Mittagspause, danach weiter zu Sares und am Ende des Tages Unterricht bei Caelwen. Es gab lediglich dann Abweichungen von diesem Plan, wenn eines der Zufluchtsmitglieder einen Auftrag erhielt und ihn ausführte.

Stets sah Lucien ihnen dann sehnsuchtsvoll hinterher und träumte davon, endlich selbst einen Auftrag ausführen zu dürfen, endlich seinen Status als Lehrling der Dunklen Bruderschaft hinter sich lassen zu können.

Er hatte dennoch nur selten freie Zeit. Wenn ein Unterrichtsfach ausfiel, bekam er davon umso mehr Stunden in einem anderen. Seine Talente lagen nach diesem einen Jahr des Jammers fest. Seine Fingerfertigkeiten, Akrobatik und Schleichen waren seine Musterfächer, ebenso Alchemie. Auch im Umgang mit der Klinge war er sehr geschickt, fast ebenso mit dem Bogen. Nur mit der Magie tat er sich nach wie vor schwer, auch wenn sich zeigte, dass er durchaus intelligent war und sein Gehirn sich lediglich an die ungewohnten Denkmuster hatte gewöhnen müssen. Allein die Illusion, eine der schwereren Schulen, fiel ihm paradoxerweise vergleichsweise leicht.

Es war wahrlich ein Jahr des Jammers. Zwar beklagte sich Lucien selten, aber sein Unterricht war nichtsdestotrotz hart und unerbittlich. Er hatte lediglich einen freien Tag in der Woche, den Sundas, doch auch diesen nutzte er oft, um selbstständig seine Studien zu vertiefen und sich vor allem für den Unterricht bei Vicente vorzubereiten.

Nach und nach hatte dieser ihm nicht nur das Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht, sondern fing an, ihn auch in Historie und Geografie zu unterrichten. Auch über die zahlreichen Adelsfamilien und Dynastien Tamriels klärte er ihn auf.

Lucien fühlte sich oft ausgelaugt und leer und musste sich an manchen Tagen regelrecht dazu zwingen, aus dem Bett zu kommen. Doch wenn er es nicht tat, würde er Stockhiebe kassieren, das wusste er. Also stand er dennoch auf. Es gab ihm zumindest einige Befriedigung, als er sah, dass es Caius oft nicht anders erging. Auch wenn sie durch all die Kampfübungen gestählt waren, würde es noch Jahre dauern, bis sie auch nur annähernd so gut waren wie die anderen Assassinen der Zuflucht. Und das hieß für sie: Schmerzen, Schmerzen und noch mehr Schmerzen. Trotz des Faktes, dass sie nicht zuletzt auch durch Caelwens Unterricht schließlich dem ein wenig entgegenwirken konnten, waren sie nie gänzlich befreit davon.

Auch die Verletzungsgefahr war nie gänzlich ausgeschlossen. Auch wenn ihre Lehrer darauf achteten, sie keinen unnötigen Risiken auszusetzen, fingen sie sich etliche Blessuren ein. Waffen waren nun einmal Waffen, und daran änderte sich nichts, wenn man ihre Klingen stumpfte.

Irgendwie gewöhnte Lucien sich jedoch an die Schmerzen. Sie verschwanden dadurch nicht, doch er konnte sie zumindest besser ertragen und ließ sich von ihnen immer weniger ablenken.

Manchmal kam die Sprecherin Arela Drewani in die Zuflucht, um nach dem Rechten zu sehen. Sie sprach mit den Assassinen und zog sich danach oft stundenlang mit Cassius Proximo in dessen Zimmer zurück. Die beiden Lehrlinge beachtete sie selten und fragte sie meist nur aus Höflichkeit nach ihren Fortschritten. Lucien lief dennoch hinterher stets mit stolzgeschwellter Brust herum, und berichtete ihr mit Feuereifer von dem, was er bereits gelernt hatte. Sie lächelte stets milde und hielt ihn an, weiter so fleißig zu üben, sodass er alsbald Sithis‘ Namen alle Ehre machen konnte.

So hart es auch war, Lucien gefiel sein Leben in der Bruderschaft. Er hatte oft zu leiden und es ging ihm manchmal sogar elender als zu der Zeit, als er noch in der Gosse gelebt hatte. Doch er hatte nun die Gewissheit, dass auch diese Momente vorübergehen würden und bessere Zeiten bevorstanden. Außerdem wusste er: Wenn er sich nur weiter anstrenge, die Gebote befolgte und fleißig lernte, hatte er die Gewissheit, in den Reihen der Bruderschaft aufzusteigen und sich einen Namen zu machen. In der Gosse hatte er nur eine Gewissheit gehabt: ein hartes, freudenloses Leben zu führen und einen frühen und wahrscheinlich schmerzhaften Tod zu sterben.

Sein Streben wurde nach über einem Jahr endlich belohnt. Als Proximo ihn und Caius unerwartet zu sich rief (was er selten und nur dann tat, wenn er von ihnen selbst hören wollte, wie ihre Sicht zu ihren Fortschritten war), hatte Lucien dieses Gefühl. Er konnte es nicht genau benennen, aber irgendwie wusste er, dass der Leiter dieses Mal nicht nur einen kleinen Plausch über seinen Unterricht führen wollte.

»Setzt euch«, sagte der Mann mit einem Lächeln. Mittlerweile hatte sich Lucien an die entstellenden Narben gewöhnt und konnte die Freundlichkeit hinter der verzerrten Miene erkennen.

Die beiden Jungen setzten sich Proximo gegenüber an den kleinen runden Tisch, der in dessen Zimmer stand. Dieser schenkte ihnen beiden Wein ein. Es war nicht das erste Mal, dass Lucien hier in den Genuss eines für ihn solch außergewöhnlichen Luxus kam, doch es war jedes Mal aufs Neue überwältigend und eigentlich kaum zu fassen. Er hatte sich an vieles hier gewöhnt, aber dass er Wein trinken durfte (wenn auch selten und nur zu besonderen Anlässen), das hatte er noch immer nicht wirklich realisiert.

Dementsprechend ehrfurchtsvoll nippte er an seinem Kelch. Cassius beobachtete ihn schmunzelnd.

»Du bist ganz schön groß geworden in dem Jahr, das du nun bei uns bist«, sagte er. »Auch dein Körper wird nun langsam erwachsen und lässt die Kindertage hinter sich. Das ist gut, das ist sehr gut. Außerdem sehe ich, dass du dich sehr gut bei uns eingelebt hast. Selbst Caelwen hat dich nun akzeptiert, und ich möchte behaupten, dass gerade das eine recht beachtliche Leistung war.«

Er grinste, was auch Lucien dazu veranlasste, die letzte Aussage als Scherz aufzufassen und ebenfalls ein wenig zu lächeln. Caius verzog den Mund, gab aber keinen Laut von sich; Caelwen behandelte ihn noch immer fast genauso geringschätzig wie zu Beginn.

»Ihr habt nun die Grundlagen gelernt«, fuhr Cassius ernster fort. »Ihr seid natürlich noch weit davon entfernt, ein Meisterassassine zu werden, und das wisst ihr auch. Es steht euch noch ein langer und mühsamer Weg bevor, auf dem ihr viel lernen müsst. Ihr werdet Erfolge haben und ihr werdet scheitern, doch mit jedem Sturz werdet ihr wieder aufstehen und gestärkt daraus hervorgehen.

Daher denke ich«, und bei diesen Worten schlug Luciens Herz mit einem Male höher, »dass es nun an der Zeit ist, den nächsten Schritt zu wagen. Wir können euch beide nicht auf ewig hier unten einsperren und dabei denken, dass ihr alles Nötige lernen werdet. Nein, es ist nun an der Zeit, eure Fähigkeiten auch in der Praxis zu erproben und zu verbessern.«

Lucien blieb der Atem weg. »Heißt das …?«, fragte er mit trockenem Mund. »Heißt das, ich darf richtige, echte Aufträge ausführen?«

»Mach den Mund zu, Stift«, mahnte Proximo ihn.

Eilig klappte der Junge den Mund zu.

Auch Caius riss die Augen weit auf und lehnte sich erwartungsvoll vor.

»Ja und nein«, beantwortete Proximo nun die Frage. »Wir können euch noch lange nicht allein auf Missionen schicken, aber ihr werdet in der nächsten Zeit eure Brüder und auch eure Schwester auf manchen ihrer Aufträge begleiten. Und ich denke, ich habe auch schon einen passenden Auftrag für dich und Caius.«

Zirkusspaß für die ganze Familie

Lucien war schon Tage im Voraus völlig aus dem Häuschen. Die Neuigkeit, dass er nun endlich an einem echten Auftrag für die Mitglieder der Bruderschaft mitwirken durfte, erfüllte ihn mit überbordender und kaum zu bändigender Freude. Er konnte an kaum etwas anderes mehr denken, was sogar so weit ging, dass er bei seinen täglichen Unterrichtsstunden unkonzentriert war und Fehler beging, die ihm eigentlich nicht mehr hätten passieren dürfen. Er wurde zu Recht dafür getadelt.

Nun endlich erfuhr er auch, was es hieß, sich auf einen Auftrag vorzubereiten. Sares Areles und Tsonashap waren diejenigen, die den Auftrag erhalten hatten, und somit auch für die Jungen zuständig.

»Unser Auftrag lautet, eine Gruppe Wanderschauspieler zu überfallen und zu töten«, sagte Tsonashap. »In der Regel erfahren wir einfachen Mörder nichts über die Beweggründe des Auftraggebers, ebenjene sind meist jedoch recht simpel gestrickt. In diesem Falle beispielsweise kann ich mir denken, dass diese Schauspieler irgendjemanden in ihren Stücken beleidigt oder bloßgestellt haben. Das machen sie gern, wenn sie mit den politischen Zuständen irgendwo in einer der Provinzen des Kaiserreiches nicht zufrieden sind. Also folgt die Rache auf den Fuß und die Bruderschaft wird angeheuert.«

»Aber so etwas spielt eigentlich keine Rolle«, betonte Sares. »Wir sind Mörder und als solche haben wir das Ziel zu eliminieren und nichts anderes. Nichtsdestotrotz ist es immer wieder interessant, über die Beweggründe der Kunden nachzudenken.«

»Und eben weil die Beweggründe irrelevant sind, kommen wir nun zu den eigentlich wichtigen Dingen: den Details unseres Auftrages«, wechselte Tsonashap das Thema. »Der Kunde will nichts weiter, als die Schauspieler tot zu sehen, wie, ist ihm egal. Da es sich um eine kleine Gruppe von gerade einmal fünf Schauspielern und Musikern handelt, wird es ein recht einfacher Auftrag. Zumal es heißt, dass sie lediglich von zwei Söldnern bewacht werden. Inwiefern diese etwas taugen, werden wir vor Ort feststellen.«

»Indem wir hingehen und sie überfallen?«, fragte Caius.

»Nein«, hielt Sares dagegen. »Aufträge sind selten so einfach: hingehen, Ziel lokalisieren und eliminieren, um danach wieder zu verschwinden. Nein, viel häufiger ist es, dass ein Auftrag genaue Vorbereitungen erfordert. Wir werden sie nicht gleich überfallen, wir werden sie zunächst über mehrere Tage hinweg beschatten, um mehr über sie herauszufinden. Ihr beiden werdet dabei nur eine beobachtende Rolle innehaben und nicht selbst in das Geschehen eingreifen.«

»Aber wie sollen wir etwas lernen, wenn wir nur zuschauen können?«, protestierte Lucien.

»Hast du etwa angenommen, wir würden euch gleich beim ersten Mal an einem Auftrag voll beteiligen?«, sagte Tsonashap. »Ihr seid noch immer in der Ausbildung, und damit ist das Risiko zu groß, dass wir durch euch den Auftrag nicht zur Zufriedenheit des Kunden ausführen können.«

Die Ernüchterung war dementsprechend groß. Lucien erkannte nun, dass er eine naive Hoffnung gehegt hatte, jetzt tatsächlich ein vollwertiges Mitglied zu sein, wenn er aktiv an Aufträgen mitwirken durfte. Natürlich war das illusorisch, und er schallt sich einen Narren und Kindskopf, dass er das nicht schon eher erkannt hatte.

Einen Auftrag auszuführen erforderte zahlreiche Vorbereitungen. Auch darum kümmerten sich Tsonashap und Sares gemeinsam mit den Jungen. Die Waffen und Rüstungen wollten ausgesucht und gepflegt und das Vorgehen geplant werden.

»Wir haben bereits gesagt, was uns wahrscheinlich erwarten wird«, sagte Sares. »Was würdet ihr vorschlagen?«

»Ich bin für einen Frontalangriff aus dem Verborgenen heraus«, sagte Caius. »Wir beschatten sie und spähen dabei aus, wo wir einen guten Ort für einen Überfall finden.«

Sares nickte und sagte nichts weiter dazu. »Und du, Lucien, was würdest du meinen?«

»Wir verkleiden uns und schleichen uns in ihre Reihen, indem wir uns ebenfalls als Wanderer ausgeben, die für eine Weile Gesellschaft suchen«, sagte dieser im Brustton der Überzeugung.

Auch das bestätigte Sares lediglich mit einem Nicken.

Tsonashap jedoch hatte mehr dazu zu sagen: »Ein kreativer Ansatz«, meinte er. »Jedoch etwas kompliziert. Warum schwer, wenn es auch einfach geht? Es werden nicht immer kreative Lösungen gefragt. Caius‘ Vorschlag gefällt mir schon eher, doch auch ihm würde ich nicht vorbehaltlos zustimmen. Sares und ich werden diesen Auftrag ausführen, und Sares‘ Stärke liegt eher in der Heimlichkeit und im Umgang mit dem Bogen. Wir sollten effektiv unsere Stärken nutzen und ausspielen, was heißt, dass wir zwar aus dem Verborgenen angreifen, doch nicht mit einem Frontalangriff. Zuerst wird Sares mit seinem Bogen für Verwirrung und Panik sorgen, und dann greife ich aus dem Nahkampf heraus an.«

Die Jungen nickten verstehend, auch wenn es Lucien ärgerte, dass sein tatsächlich recht kreativer Ansatz nicht anerkannt wurde.

»Fasst zusammen, was ihr daraus gelernt habt«, sagte Sares.

»Wir sollen nicht zu kompliziert, sondern dem Auftrag gemäß denken«, sagte Caius sogleich und fiel damit Lucien ins Wort, welcher ebenfalls angesetzt hatte zu antworten. »Außerdem müssen wir darauf achten, welche Assassinen den Auftrag ausführen und dementsprechend ihre Stärken ausnutzen.«

Die beiden Assassinen waren zufrieden. »Sehr gut«, lobte Tsonashap.

Lucien unterdrückte seine Abneigung gegenüber Caius. Er hasste es, wenn dieser sich hervortat und ihn dabei in den Schatten stellte. Das zufriedene und selbstgerechte Grinsen des anderen Jungen entging ihm freilich nicht und verleitete ihn zu einem finsteren Blick.

Die Tage vergingen wie im Flug und trotz der kleinen Ärgerei mit Caius und der Ernüchterung über seine lediglich passive Rolle an dem Auftrag war Luciens Vorfreude noch immer groß. Am Vorabend jedoch konnte er eher unfreiwillig ein Gespräch zwischen Cassius und Sares im Gemach des Zufluchtsleiters belauschen.

»Proximo, wollt Ihr wirklich beide Jungen zusammen mit uns schicken?«, fragte der Dunkelelf. Besorgnis schwang in seiner Stimme mit.

»Ich sehe keinen Grund, warum ich es nicht tun sollte«, hielt Cassius Proximo dagegen. »Wie lauten Eure?«

»Sie sind Hitzköpfe und haben ihre Vergangenheit als Rivalen in der Gosse der Kaiserstadt noch immer nicht hinter sich gelassen«, sagte Sares. »Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie das auch so schnell nicht tun werden, und solche Rivalitäten sind oftmals Blutfehden bis aufs Messer. Sie waren beide Bandenführer und damit Gegner. Bisher hielten sie sich ganz gut und wurden nur selten auffällig, doch ich spüre, wie es unter ihrer Oberfläche brodelt.«

Lucien stutzte. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass auch andere Familienmitglieder bemerkt hatten, welche Feindschaft noch nach über einem Jahr zwischen ihm und Caius herrschte.

»Ich kann Eure Bedenken nachvollziehen«, sagte Proximo. »Jedoch sehe ich keinen Grund zum Handeln. Wie gesagt, bis auf einige kleinere Ausfälligkeiten sind sie musterhafte Mitglieder unserer Familie, und die wenigen Übertretungen führe ich auf ihre Jugend zurück.«

»Ich bitte Euch dennoch, ein Auge auf die Sache zu haben«, fügte Sares noch an.

»Das werde ich machen, und wenn es nur Euer Gewissen beruhigt«, bestätigte Cassius. »Aber ruft Euch eines ins Gedächtnis: Die Mutter der Nacht selbst wählte diese beiden Jungen aus und sandte Arela Drewani, um sie zu uns und in die Arme unserer Familie zu holen. Unsere Unheilige Oberin irrt sich nie. Heil Sithis!«

»Heil Sithis!«

Das Gespräch war damit offenbar beendet und Lucien sah zu, dass er unauffällig verschwand. Dank Sares beherrschte er das mittlerweile durchaus sehr gut.

 

Noch am nächsten Tag gab ihm das belauschte Gespräch zu denken. Was hieß das für ihn? Was musste er daraus mitnehmen und welche Schlüsse treffen? Doch das musste warten, bis er wieder kam. Vorerst tat er, als wüsste er von nichts.

An diesem Tag durften sie etwas länger schlafen, um Kraft zu schöpfen für den bevorstehenden Auftrag. Auch ihr Frühstück fiel reichhaltiger aus, als sonst üblich. Danach galt es, ihre Sachen zu packen.

Weder Caius noch Lucien besaßen sonderlich viele persönliche Dinge. Lediglich Lucien konnte seinen eigenen Dolch einpacken. Sowohl ihre Rüstung, auch wenn diese ihnen bei ihrer Ankunft geschenkt worden war, als auch ihre Waffen wurden von der Dunklen Bruderschafft gestellt. Sie bekamen für die Dauer des Auftrages je ein Kurzschwert für die Selbstverteidigung. Es wurde nicht erwartet, dass mehr von Nöten war, da sie selbst keinen Anteil am Überfall haben würden. Dennoch packten sie nebst ihrem Bettzeug und Proviant auch einige Heiltränke und auch je einen Manatrank ein. Sie hatten die Zutaten dafür selbst gesammelt und die Tränke ebenso selbst gemischt. Caelwen hatte sie angehalten, stets einen Vorrat der grundlegendsten Tränke zu unterhalten.

Tsonashap und Sares Areles waren freilich entsprechend stärker bewaffnet. Sares führte seinen großen, mit einigen Verzauberungen belegten Eibenholzbogen Schwarze Flamme sowie mehrere Dolche und ein elfisches Kurzschwert bei sich. Tsonashap hatte sich schlicht auf mehrere Schwerter verschiedener Machart und Verzauberungen festgelegt. Die meisten ihrer Waffen waren Belohnungen für Sonderaufträge gewesen, und Lucien staunte nicht schlecht, als ihm so wieder einmal der Reichtum der Bruderschaft vor Augen geführt wurde. Die Waffen mussten ein Vermögen gekostet haben!

»Lerne fleißig und führe deine späteren Aufträge gewissenhaft aus«, sagte Cassius Proximo bei ihrer Verabschiedung zu ihm. »Dann wirst du schnell ebenso in den Genuss solcher Waffen kommen.«

Dann wandte er sich an die gesamte Gruppe. Lucien stand mit stolzgeschwellter Brust zwischen Tsonashap und Sares, während er versuchte, Caius auszublenden, um sich seine Stimmung nicht trüben zu lassen.

»Ihr zieht nun aus, um der Mutter der Nacht zur Ehre zu gereichen und das Wort der Dunklen Bruderschaft zu verbreiten«, sagte Cassius Proximo. »Ihr werdet Blut vergießen und im Namen unseres Fürchterlichen Vaters Leben nehmen. Auf dass ihre Seelen auf immer in der Leere leiden mögen. Heil Sithis!«

»Heil Sithis!«, riefen die ausziehenden Assassinen im Chor.

Lucien hatte dieses kleine Zeremoniell schon oft beobachtet und die Assassinen darum beneidet, im Namen ihres Fürchterlichen Vaters morden zu dürfen. Und nun endlich hatte er selbst einen Anteil an einem Auftrag der Dunklen Bruderschaft. Er würde sogar einen kleinen Teil des Lohns behalten dürfen! Das war überhaupt das Beste daran. Er hatte noch nie eigenes, selbst erworbenes Geld besessen, sondern stets nur gestohlene Septime in der Hand halten können. Wie es wohl sein würde, wenn er erst einmal eigen erspartes Geld ausgeben konnte für was auch immer er wollte? Bestimmt großartig! Bisher hatte er stets auf Kosten der Bruderschaft gelebt und von ihr bekommen, was er benötigte. Zurückzahlen musste er davon nichts; anscheinend waren seine späteren Dienste als Mitglied der Bruderschaft Gegenleistung genug.

Er konnte das Grinsen einfach nicht unterdrücken, während auch die anderen Mitglieder in die Lobpreisung des Fürchterlichen Vaters einfielen und sich somit verabschiedeten.

Lucien hatte schnell gelernt, dass die Zuflucht zwei Zugänge hatte: jenen für die Neuzugänge durch die Schwarze Tür und einen Geheimgang. Hinter dem verlassenen Haus befand sich ein Brunnen, welcher über eine Leiter mit der Zuflucht verbunden war. Er besaß noch keinen eigenen Schlüssel für das Gitter über dem Brunnen, aber hatte diesen Weg dennoch schon oft zusammen mit seinen Lehrern benutzt. Es war einfach sicherer und unauffälliger, wenn sie auf diese Weise die Zuflucht verließen.

Die beiden Mörder in Ausbildung und die beiden Assassinen hatten darauf verzichtet, Tarnkleidung anzulegen. Sie würden die Straßen und Siedlungen Cyrodiils meiden, sodass keine Notwendigkeit dazu bestand. Als sie die Zuflucht verließen, dämmerte es bereits, da ihre letzten Vorbereitungen, ganz erstaunlich für Lucien, viel Zeit in Anspruch genommen hatten.

Tsonashap und Sares hatten, obwohl sie sicherlich ganz Cyrodiil und vielleicht sogar die eine oder andere angrenzende Provinz des Kaiserreiches wie ihre Westentasche kannten, dennoch noch einmal genauestens die Karten konsultiert, die die Zuflucht besaß. Dann hatten sie mehrere Male ihr Gepäck überprüft, manches umgepackt, neu hinzu getan oder wieder verworfen. Lucien war erstaunt über die Akribie, die die beiden an den Tag legten, und nahm sich diese Erkenntnis zu Herzen. Die beiden bekleideten nicht umsonst den Rang der Assassinen, einen der höchsten Ränge, die ein einfaches Mitglied der Familie besitzen konnte. Lediglich die Henker, also Cassius Proximo und Vicente Valtieri, waren ihnen übergeordnet.

»Der Wanderzirkus, den wir überfallen werden, ist auf der Durchreise von Skyrim nach Elsweyr mit Zwischenhalten in Bravil und Leyawiin«, hatte Tsonashap während ihrer Vorbereitung gesagt. »Er wird auf jeden Fall in Bruma Halt machen und ebenso auch in der Kaiserstadt. Ob sie weitere Zwischenhalte einlegen werden, wissen wir nicht. In den Städten werden sie aber auf jeden Fall längere Aufenthalte haben, um Aufführungen zu machen und so Geld einzuheimsen, um ihre Reisekosten zu decken.«

»Unsere Spur beginnt also in Bruma«, schloss Lucien daraus.

»Exakt.«

Und das hieß für sie nun: abgelegene Pfade durch die Wildnis und oftmals nicht einmal das. Die einzigen, die sich manchmal noch in die Wildnis wagten, waren kaiserliche Legionsförster und der eine oder andere Jäger. Ansonsten fanden sich hier draußen nur wilde Tiere und Gesetzeslose. Es war gefährlich, sie wussten es, aber jeder von ihnen konnte sich inzwischen verteidigen.

Lucien scheute die Gefahr nicht. Sicheren Schrittes ging er seinen Weg hinter Sares her, gefolgt von Caius und schließlich Tsonashap. Außerdem freute sich der Junge, jetzt endlich etwas mehr von Cyrodiil zu sehen. Nachdem er vor über einem Jahr den Schritt hinaus aus der Kaiserstadt gewagt hatte, hatte er festgestellt, dass die Welt viel größer war, als er es sich bis dahin jemals hätte erträumen können. Nicht zuletzt durch Vicentes Unterricht war seine Neugierde nach mehr geweckt worden. Er wollte wissen, wie es an all den fremden Orten mit den sonderbaren Namen aussah, von denen der Vampir ihm erzählt hatte. Die Bruderschaft gab ihm genau diese Möglichkeit.

Die Landschaft änderte sich gemächlich. Schon im Hinterland Cheydinhals stieg das Land langsam an und türmte sich auf zu den Valus-Bergen, die sich weiter nördlich mit den Jerall-Bergen vereinigten, welche die Grenze zwischen Cyrodiil, dem Herzland, und Skyrim, dem Himmelsrand, Land der Nords, markierte. In Bruma sollten viele Nord leben, hatte Lucien gelernt, da das Klima dort zwar noch immer milder als weiter im Norden, aber trotzdem dem in Skyrim am ähnlichsten war. Die Nord sollten ein wildes, trinkfreudiges und kampflustiges Volk sein, ein bärbeißiger Menschenstamm. Lucien hatte in seiner Bande selbst einen Nord gehabt, dieser war allerdings kaum ein mustergültiger Vertreter seines Volkes gewesen.

Auch wenn sie Brüder der Dunklen Bruderschaft waren, so mieden die vier Kämpfe, wo sie nur konnten. Sares, seines Zeichens ein geschickter Mann der Wildnis, ging voraus und kundschaftete ihren Weg aus, las Spuren und deutete die Zeichen der Natur. So konnte er die Gefahren schon lange im Vorfeld ausmachen. Kein Wolf oder Bär, kein Bandit sah sie kommen und auch sie schlugen einen Bogen um die unerwünschte Gesellschaft.

»Wir wollen kein Risiko eingehen«, sagte Tsonashap. »Ein Kampf, egal wie überlegen man selbst ist, ist immer ein Risiko. Es gibt so viele Ungewissheiten, die eine Konfrontation zu einem unerwarteten Ausgang bringen können. Wir wollen uns nur in einen Konflikt bringen: in den mit unserem Auftrag. Mehr zählt nicht, darauf müssen wir uns konzentrieren.«

Am Abend schlugen sie im Schutze einer Felsformation ihr Lager auf. Auf ein Feuer verzichteten sie, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, und aßen stattdessen nur etwas Brot und Käse. Dann wurden die Wachen eingeteilt und sie schliefen.

Nachdem sie am nächsten Tag bereits einige Meilen gewandert waren, bemerkte Lucien, dass die Temperaturen mittlerweile empfindlich gesunken waren und die Pflanzen einen leichten weißen Schimmer auf ihren Blättern trugen. Schnee. In der Kaiserstadt war es selten so kalt geworden, dass der Schnee liegen blieb, in Cheydinhal jedoch hatte er bereits seinen ersten wirklichen Winter mit Schnee erlebt, der durchaus über Tage hinweg liegen blieb. Dennoch faszinierte ihn der Gedanke, dass es Orte gab, an denen der Schnee über Wochen und Monate liegen blieb. Ganz im Norden von Skyrim, an der Küste des Eismeeres, sollte er angeblich sogar nie tauen. Einfach unvorstellbar!

Dies war jedenfalls für sie das Zeichen, dass sie sich nun in den Jerall-Bergen befanden. Ihr Weg selbst wurde nun zusehends steiler und zerklüfteter. Rings um sie herum wurden die Pflanzen immer spärlicher und die Landschaft wilder, ein Vorankommen wurde mühseliger. Lucien, der bis jetzt nur das Umland der Kaiserstadt und das Hinterland Cheydinhals kannte, war fasziniert vom Wechsel der Landschaft. Durch seinen Unterricht bei Vicente hatte er viel von den raueren nördlichen Regionen Tamriels gelesen, und er war neugierig, wie es da sein mochte.

Sie suchten sich kleine Trampelpfade und Wildwechsel, um besser voran zu kommen, da ein direkter Weg kaum noch möglich war und sich als sehr beschwerlich herausstellen würde. Ebenso stellten sie fest, dass sie, wenn auch immer noch selten, so doch häufiger auf Gesetzeslose stießen. Wahrscheinlich nutzten sie die unwegsame Gegend als Versteck, da sie sich hier leichter verbergen konnten.

Es wurde Abend, als sie endlich in der Ferne Bruma ausmachen konnten, nachdem sie einen großen Bergrücken umgangen und einen sonderbaren Felsen in Form einer riesigen Klaue passiert hatten. Der Felsen hatte Lucien fasziniert und er hatte gefragt, was es damit auf sich hatte. Tsonashap hatte eine seiner Pfoten gehoben und gezeigt, dass sie verblüffende Ähnlichkeit mit der Form des Felsens hatte.

»Er wird der Drachenklauenfels genannt«, sagte der Argonier, »weil er aussieht wie, nun, wie die Klaue eines Drachen. Zumindest so, wie die Legenden einen Drachen beschreiben. Niemand hat seit langer Zeit einen Drachen gesehen.«

»Auf dem Talos-Platz steht eine Drachenstatue«, sagte Lucien. »Ich finde, er sieht sehr echt aus. Vielleicht hatte der Erbauer einen echten Drachen als Vorbild.«

Tsonashap zuckte mit den Schultern. »Wer weiß. Ich jedenfalls nicht, Geschichte interessierte mich nie wirklich über das hinaus, was ich benötige.«

Es war danach vielleicht nur noch eine Meile, wenn überhaupt, bis sie vor den Toren der Stadt ankamen. Sie würden die Stadt nicht betreten, sondern hielten sich möglichst verborgen. Die Stadtwachen vor dem Tor würden sie sofort angreifen, wenn sie sie sahen und erkannten.

Ihr Plan war daher, Sares Areles im Schutz der Dämmerung vorauszuschicken. Er würde sich zu den Ställen schleichen und den Stallbesitzer ausfragen.

Als es soweit war, schlich der Dunkelelf nahezu lautlos davon. Wenn Lucien nicht wüsste, worauf er achten musste, er hätte ihn fast augenblicklich aus den Augen verloren. Wahrlich ein Meister der Verstohlenheit! Dann war es eine Weile still. Angespannt beobachteten sie aus ihrem Versteck heraus die Ställe. Der Stallmeister saß eine ganze Weile Pfeife rauchend auf der kleinen Veranda seiner Hütte, die an die Koppel angrenzte, und beobachtete den Abend. Sares hatte sich irgendwo weiter hinten im Heu verborgen und schien auf den richtigen Moment zu warten.

Als der Nord, der die Stallungen betrieb, sich erhob, war der Augenblick gekommen. Der Mann hatte beschlossen, zum Feierabend noch einmal nach den Pferden zu sehen, und betrat die Koppel. Als er am Heuhaufen vorbei ging, sah Lucien nur kurz einen verschwommenen Schemen, von dem er annahm, dass es Sares war, dann war auch von dem Stallmeister nichts mehr zu sehen.

»Hat er ihn niedergeknüppelt?«, hauchte Caius.

Tsonashap zischte ihn als Antwort nur missbilligend an.

Die Jungen hielten den Atem an und beobachteten das weitere Geschehen, dieses Mal jedoch mucksmäuschenstill und der Dinge harrend, die da kamen.

Es dauerte einige Minuten, bis der Stallmeister wieder auftauchte, taumelnd und anscheinend benommen, jedoch am Leben. Ein Schatten huschte davon und kurz darauf tauchte Sares wieder bei ihnen auf.

»Und jetzt lasst uns rasch verschwinden, bis der alte Mann zu den Wachen rennt«, sagte er. »Ich erzähle euch alles auf dem Weg.«

»Wo müssen wir hin?«, fragte Tsonashap.

»Zur Kaiserstadt.«

Sie verschwendeten keine Zeit und sahen zu, dass sie von hier verschwanden.

»Er sprach nicht ganz freiwillig«, sagte Sares Areles schließlich. »Deshalb hatte ich ein wenig nachgeholfen. Die Wirkung sollte noch eine kleine Weile andauern und uns Zeit kaufen, aber wir wären besser beraten, wenn wir uns dennoch beeilen, ehe er zu den Wachen geht und diese auf dumme Gedanken kommen.«

»Der Nord weiß doch jetzt, dass die Dunkle Bruderschaft hier war, oder?«, fragte Caius. »Warum habt Ihr das gemacht, Meister Areles?«

»Die Existenz der Bruderschaft ist ein offenes Geheimnis«, sagte der Elf. »Wenn es der Auftrag nicht anders erfordert, geben wir uns daher keine Mühen, uns zu verstellen. Nur dann, wenn es uns anderweitig in Schwierigkeiten bringen könnte. Aber welchen Schaden entsteht für uns dabei, wenn der alte Mann seine Schlüsse zieht und erkennt, dass wir den Wanderzirkus jagen? Das sind nur einige arme Künstler ohne Rang und Namen. Sie werden nicht einmal von einem Patron beschützt.«

»Keine unnötigen Mühen also«, schloss Lucien.

»Exakt.« Dann wechselte Sares das Thema: »Was ich erfahren habe, ist folgendes: Der Wanderzirkus kam hier durch. Jedoch ist dies schon zwei Tage her. Sie haben also einen ordentlichen Vorsprung, den es aufzuholen gibt. Ihr nächstes Ziel ist die Kaiserstadt. Wie lange sie sich dort aufhalten werden, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.«

»Eile ist geboten«, sagte Tsonashap. Mehr nicht.

Also boten sie Eile. Noch in dieser Nacht wanderten sie mehrere Meilen, um einen gehörigen Abstand zwischen sich und die Stadt zu bringen. Dieses Mal nahmen sie die Straße, der schnellste und direkteste Weg zur Kaiserstadt von Bruma aus. Tagsüber würden sie achtgeben müssen, dass sie sich rechtzeitig verbargen, sollte ihnen jemand begegnen, doch das war so spät in der Nacht nicht mehr zu fürchten.

Erst gegen Mitternacht machten sie Rast und schlugen ihr Lager auf. Lucien schaffte es gerade noch, sein Bettzeug auszurollen. Dann übermannte ihn die Müdigkeit und er fiel in einen tiefen Schlaf.

Der nächste Morgen kam viel zu früh für seinen Geschmack. Nur seine über ein Jahr lang aufgebaute Kondition ließ ihn aufstehen. Die Sonne war gerade im Aufgehen begriffen und zeigte sich gerade erst am östlichen Horizont: ein blasser roter Streifen, der sich allmählich gegen das dunkle Blau der Nacht durchsetzte und sich am Himmel ausbreitete.

Sie aßen etwas und gingen so bald als möglich weiter. Ihr Weg führte sie nun stets bergab, heraus aus den Jerall-Bergen. Noch in der Nacht zuvor hatten sie die Schneefallgrenze hinter sich gelassen und kamen nun allmählich in wärmere Gefilde. Und auch obwohl sie die Augen danach offen hielten, schien es nicht so, als ob sie verfolgt wurden.

 

Die Silberne Straße war recht selten benutzt, wenige nur wollten nach Bruma und in den kalten Norden. Wenn sie genutzt wurde, dann vor allem als Durchgangsstraße nach Skyrim. Das änderte sich erst, als sie die Rote Ringstraße betraten, die große Straße, welche sich in einem Ring um den Rumare-See und die Kaiserstadt schloss und die meisten anderen Straßen zu den anderen Städten Cyrodiils miteinander verband. Da das Gelände hier auch besser zugänglich war, beschlossen die vier Dunklen Brüder, sich ab hier wieder in den Großen Forst zu schlagen, um so unangenehmen Begegnungen zu entgehen, zumal die Kaiserliche Legionsreiterei auf ebendieser Straße verstärkt patrouillierte.

Unweigerlich kamen sie auf ihrem Weg, da sie den See in nordwestlicher Richtung umrundeten, auch an Bockbierquell entlang. Sie hielten nicht an, da die anderen drei keinerlei Interesse an der kleinen Siedlung hatten. Nur Lucien erging sich für einen Moment in seinen Erinnerungen. Hier war sein erster Mord für die Bruderschaft gewesen, hier hatte sein Weg begonnen, den er heute beschritt. In Dorf selbst hatte sich nach Seed-Neeus‘ Tod anscheinend nichts geändert, für Lucien hatte damit jedoch ein neues Leben angefangen.

Am Nachmittag erreichten sie die Kaiserstadt. Da bis auf Tsonashap jeder einen Einwand hatte, durch den See zu schwimmen, nahmen sie die Brücke, welche direkt über den See zum Haupttor der Kaiserstadt führte.

»Wir werden natürlich nicht durch das Haupttor hineinspazieren«, hatte Sares im Vorfeld noch betont. »Aber nein, Tsonashap, ich werde auch nicht schwimmen und die Jungen sind sicherlich ebenso nicht sonderlich darauf erpicht. Ihr könnt es gern tun, wenn Ihr wollt.«

Der Argonier hatte gezischt.

Stattdessen sah ihr Plan aus, dass sie ein wenig auf ihr Glück setzten und hofften, dass gerade keine Wache am Haupttor postiert war. Und das Glück war ihnen hold. Kaum, dass sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten, schwenkten sie nach Süden ab und steuerten den Hafen an.

»Wenn man weiß, wie, dann gibt es einige Schleichwege in die Stadt«, sagte Sares zu den Jungen. »Ihr beiden wisst das sicherlich so gut wie ich.«

Wieder einmal hielten sie sich in der Nähe des Hafens verborgen und warteten auf den Schutz der Dunkelheit, bis sich erneut Sares vorwagte. Er hatte noch immer Kontakte zur Diebesgilde. Die meisten Mitglieder hatten ihn zwar verstoßen, als er sich weigerte, den Blutpreis zu zahlen, doch manche Freunde hatte er noch. Und auch so, wie Lucien gelernt hatte, arbeitete die Bruderschaft nicht selten mit dem Graufuchs und seinen Leuten zusammen.

Dieses Mal konnten sie nicht so leicht mitverfolgen, was der Dunkelelf im Hafenviertel trieb. Zudem dauerte es auch länger. Doch Tsonashap schien die Ruhe selbst, weshalb die beiden Jungen keinen Grund zur Besorgnis sahen. Schließlich tauchte Sares wieder auf.

»Hrjalskar hatte mich in einen kleinen Plausch über alte Zeiten verwickelt, bitte entschuldigt«, begrüßte er sie.

»Ich nehme an, es handelt sich dabei um einen alten Freund«, schloss Tsonashap.

Sares nickte.

»Der Name klingt nach einem Nord«, fuhr der Argonier fort. »Ungewöhnlich für einen aus seinem Volk, ein Dieb zu sein, der geschickt genug ist, um bei der Diebesgilde mitzumachen. Aber erzählt uns: Was habt Ihr in Erfahrung gebracht?«

»Unser Ziel ist uns wieder voraus«, sagte Sares. »Doch wir kommen ihm näher. Sie haben die Stadt erst heute Nachmittag verlassen, anscheinend nur kurz, bevor wir ankamen. Was für ein Pech aber auch! Sie steuern nun Bravil an.«

»Dann werden wir sie bald eingeholt haben«, schloss Tsonashap. »Das ist gut. Dann haben wir noch genügend Zeit sie auszukundschaften, ehe sie den Schwarzforst erreichen und wir sie aus dem Dickicht des Sumpflandes heraus überfallen können. Perfekt!«

Er schien über diese Aussicht höchst erfreut zu sein.

In dieser Nacht reisten sie nicht weiter. Sie hatten einen ordentlichen Teil des Rückstandes aufgeholt und waren nun nahe dran an ihrem Ziel. Das hieß, dass sie keine so große Eile zeigen mussten wie noch einen Tag zuvor. Stattdessen wollten sie lieber Kraft schöpfen und sich für das Kommende ausruhen.

Dennoch brachen sie am nächsten Tag wieder früh auf. Wenn die Schätzung der beiden Assassinen richtig war, so würden sie noch am nächsten Tag, nämlich dann, wenn sie Bravil erreichten, ebenfalls die wandernden Spielleute eingeholt haben.

Auch an diesem Tag mieden sie die Straßen und suchten sich ihren Weg durch den Großen Forst. Auf diese Weise kamen sie zwar nicht ganz so schnell voran, aber sie gingen zumindest kein allzu großes Risiko ein. Wilde Tiere mussten sie so oder so auf den Straßen und abseits davon fürchten, doch dank Sares Areles konnten sie jede unerwünschte Gefahr umgehen.

Noch immer war die Aufregung bei Lucien so groß wie am Tag ihres Aufbruches. Er hatte nun viel Zeit gehabt, über alles nachzudenken und das bisher Geschehene Revue passieren zu lassen. Mittlerweile war er zu dem Schluss gekommen, dass all das ihm sogar noch viel mehr zusagte, als er bisher angenommen hatte. Ein Jahr der Lehre, ein Jahr des Jammers war kein Zuckerschlecken. Lehrjahre waren keine Herrenjahre, wie er so oft zu hören bekommen hatte von seinen Lehrern. So war es eine wunderbare Abwechslung, das Gelernte nun endlich durch Taten und Praxis zu verfeinern.

Und in der Tat hatte er bereits vieles gelernt. Es war ein wahrer Genuss, zwei erfahrenen Assassinen wie Tsonashap und Sares bei der Arbeit zuzusehen. Sie gingen routiniert, ruhig und überlegt vor. Sie wussten ganz genau, was zu tun und was besser zu vermeiden war. Und das machte sie zu tödlichen Waffen. Lucien brannte darauf, die beiden in voller Aktion beim Überfall auf die Spielleute zu erleben.

Bravil war noch heruntergekommener als selbst das Hafenviertel der Kaiserstadt. Das erkannte der junge Mörder gleich, als sie am zweiten Tag nach ihrem Aufbruch von der Kaiserstadt dort ankamen. Dreckig und verfallen ragten die Mauern aus einer kleinen Bucht im Nieben auf. Der Modergeruch drang sogar über die Mauern hinaus bis zu ihnen.

»In den warmen Jahreszeiten sind die Mücken eine wahre Plage hier, noch schlimmer als im Dunkelforst«, sagte Sares, während sie sich in einer nahezu komplett verfallenen Festungsruine niederließen, die unmittelbar vor den Stadttoren stand. Nicht einmal mehr der Name der Festung war bekannt, noch ihre einstigen Ausmaße. Vielleicht war es einst eine riesige Wehranlage gewesen, vielleicht auch nur ein alter, aufgegebener Wachtturm.

Wieder war es der Dunkelelf, der Informationen einholte. Doch dieses Mal zeigte er sich niemandem. Es reichte, dass er ein Gespräch zwischen der Wache an der Brücke und dem hiesigen Stallmeister belauschte, um in Erfahrung zu bringen, dass die Spielleute in der Tat momentan in der Stadt verweilten.

»Wir müssen nur noch warten, bis sie sie morgen wieder verlassen«, sagte er. »Dann heften wir uns an ihre Fersen und beobachten.«

Und das taten sie dann auch. Lucien konnte in der Nacht vor Aufregung kaum noch schlafen. Bald war es endlich so weit, bald! Bald würden sie ihr Ziel vor Augen haben und zuschlagen können. Sein erster richtiger Mordauftrag für die Dunkle Bruderschaft!

Trotz des Faktes, dass er kaum geschlafen hatte (ein Umstand, der bedingt durch seine harte Ausbildung nicht selten bei ihm war), fühlte sich Lucien am nächsten Morgen erstaunlich frisch und ausgeruht. Er brannte vor Tatendrang und konnte es kaum abwarten, dass sie endlich ihrem Ziel von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen konnten. Die beiden Assassinen mussten ihn und schließlich auch Caius regelrecht zurückhalten, als dieser auch noch von Luciens Überschwang angesteckt wurde.

»Ruhig und gesittet«, mahnte Sares sie. »Das habe ich euch doch beigebracht.«

Entschuldigend senkten sie die Blicke, hatten jedoch Mühe, ihren Übermut im Zaum zu halten.

Erst gegen Mittag tat sich etwas. Die Assassinen hatten derweil geduldig aus ihrer Deckung heraus das Stadttor beobachtet, den einzigen Zugang über Land zur Stadt. Vielleicht hatte die Schauspieltruppe noch eine Aufführung gegeben oder sie hatten es einfach nicht sonderlich eilig. Doch nun endlich kamen sie.

Wie die beiden Assassinen ihnen bereits gesagt hatten, war es nur eine kleine Truppe. Vier Schauspieler und Musiker und zwei Leibwächter, Söldner aus Elsweyr. Die Söldner flankierten den kleinen Zug, der sein ganzes Besitztum auf zwei von Maultieren gezogenen Karren geladen hatte: einen anscheinend für die Bühne, Kostüme und Requisiten und einer für die persönlichen Gegenstände, hauptsächlich Zelte, Vorräte und Kochmaterial. Die Schauspieler waren offenbar nicht sonderlich reich. Trotz allem zogen sie singend und scherzend aus der Stadt, verfolgt von einer Horde Kinder, die johlend um eine kleine Privatvorstellung baten.

Die Assassinen sahen sich rasch um und prüften die Lage. Als sie diese für geeignet erachteten, winkten sie den jungen Mördern in Ausbildung und huschten mit diesen davon. Mit einem kleinen Bogen zurück nach Norden und vorbei an der Ayleidenruine vor den Mauern der Stadt setzten sie sich nun auf die Fährte der Truppe.

Vorsicht war nun geboten. Lucien wusste, wie er sich zu verhalten hatte. Dennoch war er gespannt wie eine Sprungfeder und hätte am liebsten gleich zugeschlagen. Er konnte sich nur deswegen zurückhalten, weil er wusste, dass er ansonsten große Probleme bekäme und ihre gesamte Mission gefährdete.

Vor allem die beiden Khajiit, die die Truppe als Leibwächter begleiteten, mussten ausgekundschaftet werden. Sie wussten nicht, wie die beiden Katzenmenschen einzuordnen waren, wie gut oder wachsam sie waren und was sie allgemein als Leibwächter taugten. Außerdem galt es herauszufinden, ob auch die Schauspieler selbst sich eventuell nennenswert zu verteidigen wussten. Die Dunklen Brüder gaben sich für all diese Informationen maximal einen Tag, dann wollten sie einen passenden Hinterhalt finden, bevor die Truppe am nächsten Tag Leyawiin erreichen würde.

Es war leicht, die Schauspieler zu verfolgen ohne von ihnen bemerkt zu werden. Die Khajiit gaben sich zwar Mühe, wachsam zu sein, doch sonderlich gut waren sie darin nicht. Die Schauspieler selbst führten sorglos ihre Wagen die Straße entlang, darauf vertrauend, dass ihre Wächter ihre Arbeit erledigten, während sie selbst weiter fröhlich ihre Lieder weithin durch den Wald hallend sangen.

Narren, dachte Lucien und wähnte leichte Beute.

Tsonashap und Sares waren geduldig. Sie gingen nicht vorschnell vor, sondern wussten, wann der rechte Augenblick gekommen war. Und noch war dieser nicht erreicht.

Als es dämmerte, machte die Truppe am Wegesrand Rast. Sie schlugen die Zelte auf und entfachten ein Lagerfeuer. Die Assassinen und ihre jungen Begleiter suchten sich in sicherer, aber nicht zu großer Entfernung selbst ihr Nachtlager und stellten dann die Wachen auf. Noch bis lange in die Nacht hinein, verfolgten sie das Treiben der Schauspieler und analysierten es.

Erst kurz vor Mitternacht hielten sie damit inne.

»Wir wissen nun einiges über unser Ziel«, sagte Tsonashap. »Lucien, Caius, fasst zusammen.«

»Die Leibwächter sind ehrgeizig, aber nicht sonderlich talentiert«, sagte Lucien sogleich und freute sich, Caius das Wort abgeschnitten zu haben. »Sie sind jedoch große Katzen, was dennoch zu einem Problem werden könnte. Die Schauspieler selbst, unser Ziel, scheinen nicht sonderlich erpicht darauf zu sein, unauffällig zu sein. Sie sind laut und unaufmerksam.«

»Sie verlassen sich voll und ganz auf die Khajiit«, ergänzte Caius, als Lucien für einen Moment inne hielt, um Luft zu holen. »Ich sehe darin ihre Schwachstelle und würde zuerst die Khajiit aus dem Verborgenen heraus angreifen und dann über den Rest der Truppe herfallen.«

»Und die Schauspieler selbst?«, fragte Sares. »Was denkt ihr von denen, wenn wir sie im Kampf konfrontieren?«

»Sie machen nicht viel her«, war dieses Mal Caius der erste. »Ich glaube nicht, dass sie mehr als nur Dolche dabei haben.«

»Du glaubst oder du weißt?«

Caius stutzte und überlegte.

»Du hast nicht gut genug beobachtet«, sagte Sares. »Aber du wirst es lernen. Der Anführer der Truppe, der ältere bärtige Mann, hat ein Schwert hinter sich auf dem Wagen verborgen. Es ist keine Attrappe für die Bühne, daher ist anzunehmen, dass er es benutzen wird.«

»Ich habe mir den Mann genauer angesehen«, teilte Tsonashap mit. »Er ist alt und seine Arme schwach, aber es hat den Anschein, als hätte er einmal Umgang mit Waffen gehabt. Vielleicht war er in die Legion eingezogen worden. Da er auf einem Bein leicht lahmt, halte ich es daher für wahrscheinlich, dass er aufgrund einer Verletzung wieder ausgemustert wurde und irgendwann bei den Schauspielern hier landete. Er wird mit dem Schwert umgehen können, jedoch nicht sonderlich gut. Sind die Khajiit ausgeschalten, ist er das nächste Opfer. Die anderen drei haben in der Tat nicht mehr als einfache Dolche bei sich.«

»Und was ist mit Magie?«, fragte Lucien. »Ist es denkbar, dass sie Magie als Verteidigung einsetzen werden?«

»Sehr gut!«, lobte der Argonier. »Magie ist immer ein recht unkalkulierbarer Faktor, das stimmt. Allerdings sind alle sechs, die Schauspieler wie ihre Khajiit-Leibwachen, ein raues Leben gewöhnt. Magier der Universität sind grundsätzlich Bücherwürmer, die ihr Lebtag zu wenig Sonnenlicht bekommen. Die wenigsten von ihnen forschen im Feld, und selbst diese haben ein unverwechselbares Auftreten. Nichts davon trifft auf unser Ziel zu, daher ist höchstens mit Basismagie zu rechnen.«

»Und dagegen gibt es Tränke«, sagte Sares. Er selbst hatte ein Sammelsurium an Giften und Tränken dabei. Noch während ihres Gespräches hatte er begonnen, verschiedene Pfeile mit diversen Giften zu behandeln.

Am nächsten Tag standen sie, obwohl ihr Ziel sich damit mehr Zeit ließ als sie, früh auf. Sie wollten einen Vorsprung zur Schauspieltruppe aufbauen, um einen geeigneten Ort für einen Hinterhalt auszukundschaften. Mittlerweile hatten sie den Dunkelforst erreicht, östliche Ausleger der Sümpfe Schwarzmarschs und damit ein unwegsames und nahezu undurchdringliches Land. Die Bäume standen dicht an dicht und warfen mit ihren ausladenden, lianenbehangenen Ästen dunkle Schatten auf den Waldboden. Immer wieder kreuzten Wasserarme und Tümpel ihren Weg, sodass sie vorsichtig darum herum gehen mussten. Denn noch immer mieden sie die Straße, hielten sich aber nahe von ihr. Lucien vermerkte für sich, dass er diese Ecke Cyrodiils nicht mochte.

Tsonashap hingegen schien aufzublühen. Die Heimat der Argonier, Schwarzmarsch, bestand nahezu ausschließlich aus solchen Wäldern und Sümpfen und war damit wie geschaffen für das wasserliebende Echsenvolk. Hier war er eindeutig im Vorteil.

Daher war auch er es, der ihren Hinterhalt aussuchte: einen dichteren Abschnitt des Waldes wenige Meilen nördlich von Leyawiin. Mehrere große Bäume standen hier direkt am Weg und streckten ihre dicken Äste über diesen hinweg. Am Wegesrand selbst wuchs dichtes Gestrüpp, das eine gute Deckung bot, gleichzeitig aber, wenn man das Geäst geschickt anordnete, eine passable Sicht auf die Straße bot.

Tsonashap versteckte sich mit den Jungen im Gebüsch, während Sares in das Geäst der Bäume kletterte und sich dort ein geeignetes Versteck suchte, auch wenn er vorher noch gescherzt hatte, dass er doch kein baumliebender Bosmer sei, sondern ein Dunkelelf aus Morrowind.

Dann warteten sie. Nichts war mehr zu hören, die Stille des Waldes legte sich um sie. Nur der Nieben rauschte nicht weit von ihnen entfernt und der Wind säuselte in den Blättern des Waldes.

Es dauerte eine Weile, ehe sie in der Ferne den Spielmannszug hörten. Einige weitere Minuten vergingen, in denen Lucien angespannt auf jene Stelle des Grünen Weges starrte, wo die Schauspieler bald erscheinen mussten. Seine Hand wanderte immer wieder zu dem Dolch an seiner Hüfte, ehe er sich besann und sie wieder zurückzog. Er war nicht derjenige, der den Auftrag ausführte. Er war nur der Lehrling, der beobachtete und lernte.

Es war schwer, es war sehr schwer, sich zurückzuhalten. Das, was er vor über einem Jahr in sich verspürt hatte, als er Malvin den Dolch in die Brust getrieben hatte, kochte wieder in ihm hoch und verlangte nach Aufmerksamkeit, nach Raum, um sich zu entfalten. Nach Blut.

Endlich kam der Spielmannszug in Sicht. Lucien warf einen Blick nach oben in die Bäume, doch von Sares Areles war nichts mehr zu sehen, nicht einmal das Aufblitzen von Metall im matten Licht des regnerischen Tages. Auch Tsonashap starrte angespannt zu ihrem Ziel hinüber und wirkte hochkonzentriert.

Lucien erinnerte sich der verschiedenen Übungen, die ihnen der Argonier und der Dunkelelf gezeigt hatten, um sich mental auf einen Kampf vorzubereiten. Bis jetzt hatte er die Techniken nur zu Übungszwecken in Duellen gegen seine Lehrer und Caius anwenden müssen. Doch das hier war echt, wirklich und wahrhaftig. Sie lauerten im Namen der Dunklen Bruderschaft ihrer Beute auf, um ihr Blut dem Fürchterlichen Vater Sithis zu opfern.

Die kleine Karawane kam näher und wusste nichts von dem drohenden Unheil, das ihnen bevorstand. Der Moment des Überfalls kam jedoch auch für Lucien überraschend.

Plötzlich sauste ein Pfeil wie aus dem Nichts und traf einen der Khajiit-Leibwachen mitten in die Brust. Die Spitze war mit einem der Gifte bestrichen, denn zuckend und mit Schaum vor dem Maul ging die Katze zu Boden. Es blieb keine Zeit zu sehen, ob sie dort auch verendete, denn schon wurde die zweite Wache nach hinten geschleudert, einen Pfeil mitten im Auge.

Panik brach aus, Schreie wurden laut.

»Ein Überfall!«, brüllte der Anführer der kleinen Schauspieltruppe und zog sein Schwert.

Da stürzte Tsonashap aus ihrem Versteck, seine Schwerter ebenfalls gezückt, und stürmte auf ihre Opfer zu.

»Heil Sithis!«, brüllte er ihnen mit einem echsenhaften Fauchen entgegen.

Ehe sie reagieren konnten, denn der Schreck über die Erkenntnis, dass die Dunkle Bruderschaft sie soeben ermordete, saß zu tief in den Knochen, wurde auch schon der Anführer von einem weiteren Pfeil des Dunkelelfen niedergestreckt. Er war unglaublich schnell und treffsicher! Lucien, obgleich er seinen Lehrer kannte, war verblüfft von den verborgenen Talenten, die dieser hier zeigte.

Dann war Tsonashap mitten unter den verbliebenen drei Schauspielern. Einem Wirbelwind aus todbringenden Klingen gleich, fegte er über sie hinweg und machte sie nieder.

Da bemerkte Lucien eine Bewegung neben sich. Blitzschnell war Caius aufgesprungen und rannte Tsonashap nach. Luciens Gedanken rasten. Sein Rivale wollte sich doch nicht etwa gegen ihren Befehl an dem Überfall beteiligen? Das konnte er so nicht auf sich sitzen lassen! Er zückte seinen Dolch und das geliehene Kurzschwert und rannte Caius nach. Am Rande bemerkte er noch einen spitzen Schrei aus dem Geäst, der wohl von Sares stammen musste, doch er beachtete ihn nicht.

Mit gezückten Klingen stürzten sich die beiden Jungen auf einen der Schauspieler. Er, überrascht von ihrem Auftauchen, war völlig überrumpelt und brachte es nicht einmal mehr fertig, seinen spärlichen Dolch zu einer passablen Verteidigung zu heben. Mit einem Aufschrei sprang Lucien auf ihn zu und rammte sein Kurzschwert in die Seite des Mannes. Caius sprang ihr Opfer zeitgleich frontal an und riss es von den Beinen, während er seinerseits sein Schwert dem Mann in die Brust trieb und ihn damit mit Wucht an den Boden nagelte. Der Verwundete röchelte todesnah, doch da hatte Lucien schon seinen Dolch gehoben und ihn in die Kehle ihres Opfers getrieben. Mit einem präzisen Schnitt schlitze er den Hals auf, das Blut spritzte ihm ins Gesicht.

Ein Schauder der Lust rann durch seinen Körper. Welch wunderbares Gefühl! Unbeschreiblich! Großartig!

Plötzliche Stille breitete sich um sie herum aus. Der Überfall hatte nur Augenblicke gedauert, nicht einmal eine Minute, und schon waren sechs Personen von der Hand zweier Assassinen und zweier junger Mörder Sithis geopfert worden.

»Was haben wir gesagt?«, brüllte Tsonashap in die Stille hinein. »Ihr habt gegen unsere Befehle verstoßen und euch in unnötige Gefahr gebracht! Ihr habt das Gelingen unseres Auftrages gefährdet!«

Erst da kam Lucien durch den Blutrausch wieder zur Besinnung und realisierte, dass sie gewaltigen Ärger bekommen würden.

Die Strafe folgt auf den Fuß

Es war ein groteskes Bild, das sie boten. Das Blut ihrer Opfer haftete noch an ihnen und der Kluft der Bruderschaft. Inmitten des Schauplatzes des blutigen Überfalls standen die beiden jungen Mörder mit gesenkten Köpfen, während sich die Assassinen vor ihnen aufbauten und sie wie die kleinen Kinder schalten, die Unfug angestellt hatten und die sie nun einmal waren.

»Ihr habt gegen das dritte Gebot verstoßen und den Zorn von Sithis erweckt«, knurrte Sares Areles. »Dies war kein leichtes Vergehen. Über manche Kindereien der Vergangenheit konnten wir hinwegsehen und ein Auge zudrücken, doch das war ein klarer Bruch unserer Gebote. Die Gebote leiten und führen uns und geben der Dunklen Bruderschaft Schutz, das wisst ihr! Indem ihr sie verraten habt, habt ihr uns alle in Gefahr gebracht! Und das nur, weil ihr euch ungestüm mitten in den Kampf stürzten musstet.«

»Dachtet ihr, ihr würdet ungeschoren davon kommen?«, zischte Tsonashap. »Ihr könnt von Glück reden, dass nichts passiert ist …«

»Eben! Es ist nichts passiert!«, fiel ihm Caius aufbrausend ins Wort.

»Unterbrich mich nicht!«, fauchte der Echsenmensch. »Das macht alles nur schlimmer, dummes Küken.« Dann holte er tief Luft. »Es ist nicht an uns, über euch zu richten«, fuhr er gesitteter fort. »Dies obliegt Cassius Proximo oder, sollte euer Vergehen als so weitreichend eingestuft werden, gar der Sprecherin Arela Drewani.«

Lucien schluckte und spürte, wie Angst in ihm hochkroch. Die Strafen, die er bisher bei der Bruderschaft erfahren hatte, hatten allerhöchstens aus ein oder zwei Hieben mit dem Stock bestanden. Er wollte nicht wissen, was es hieß, von der Sprecherin höchstselbst bestraft zu werden. Zumal er wusste, dass er hier einen wirklich weitreichenden Verstoß gegen ihre Gebote begangen hatte.

Wie dumm er doch war! So unbeherrscht und ungestüm!

»Warum habt ihr das getan?«, fragte der Dunkelelf erneut.

»Das ist doch nicht von Belang«, zischte Tsonashap, eindeutig wütend. Die Schuppen an seinem Hals hatten sich regelrecht aufgeplustert und verliehen ihm ein noch bedrohlicheres Aussehen als ohnehin schon mit seinem hornbesetzten Schädel und dem Echsenmaul. »Wir sollten stattdessen zusehen, dass wir so schnell wie möglich wieder in die Zuflucht kommen und es hinter uns bringen.«

»Nein, ich will es wissen«, widersprach Sares und wandte sich an die Jungen. »Also? Caius, du bist als erster losgerannt. Erzähl du also auch zuerst.«

Caius schluckte schwer und deutlich hörbar. Herumdrucksend kratzte er mit dem Fuß am Boden und verschmierte etwas Blut.

»Ich wollte nicht nur zusehen«, sagte er. »Nicht nur der unbeteiligte Lehrling sein, der immer noch nichts weiß und ein nichtskönnender Mörder ist. Über ein Jahr Ausbildung sind eine so lange Zeit. Ich wollte sein wie Ihr, wie Meister Tsonashap und Meisterin Caelwen.«

Eine dunkle Augenbraue fuhr in die Höhe. »Und du, Lucien?«, fragte Sares.

Unsicher sah Lucien von Caius zu seinem Lehrer. Es verblüffte ihn, dass Caius ihm ähnlicher war, als er angenommen hatte. »Eigentlich … dasselbe wie er«, sagte er leise und zögerlich. »Ich … ich wollte wieder ein Leben nehmen. Wie damals, als Herrin Drewani mich holen kam, und danach, als ich meinen ersten Auftrag ausführte, den ich von ihr erhalten hatte. Das hatte mir sehr gefallen und ich wollte es endlich wieder tun.«

Stille senkte sich über sie.

»Ich denke, das besprechen wir wirklich lieber in Ruhe gemeinsam mit Proximo«, schloss Sares schließlich.

Lucien schwante nichts Gutes. Hatte er es zu weit getrieben? Hatte er zu viel von seinen tiefsten Bedürfnissen gesprochen? War er selbst für einen Mörder der Dunklen Bruderschaft zu weit gegangen?

Der Rückweg war unangenehm und von einem unguten Schweigen überschattet. Die ganze Zeit über sagte niemand etwas, und die Jungen trauten sich nicht, auch nur den kleinsten Mucks von sich zu geben. Die Assassinen legten ein straffes Tempo vor und wollten anscheinend den Weg zurück nach Cheydinhal so schnell wie möglich zurücklegen.

Wieder nahmen sie die Grüne Straße in Richtung Bravil und schließlich zur Roten Ringstraße. Dort bogen sie nach Osten ab, folgten dem Verlauf der Straße in einem weiten Bogen nach Norden um den Rumare-See herum und bogen schließlich erneut nach Osten in Richtung Cheydinhal und damit ihrer Heimat auf die Blaue Straße ein. Gerade einmal drei Tage brauchten sie für diesen Weg und forderten damit die jungen Mörder trotz deren mittlerweile gut ausgeprägten Kondition sehr.

An ihrem ersten Abend nach dem Zwischenfall konnte Lucien jedoch ein Gespräch zwischen den beiden Assassinen belauschen. Die Jungen hatten sich bereits zur Ruhe begeben, und Tsonashap und Sares dachten wohl, dass sie bereits schliefen, weshalb sie sich etwas abseits leise unterhielten.

»Mir gibt zu denken, was Lucien gesagt hat«, meinte Sares leise.

Lucien hatte Mühe, ihn zu verstehen, doch bei der Nennung seines Namens spitze er die Ohren und lauschte angestrengt und möglichst unauffällig.

»Mir fiel das Ungestüm der beiden schon von Anfang an auf«, fuhr der Dunkelelf fort. »Ich hatte Proximo meine Bedenken mitgeteilt, beide Jungen gemeinsam auf diese Mission mitzunehmen, aber er meinte, dass ihr Verhalten lediglich ihrer Jugend zuzuschreiben ist.«

»Sie sind ehrgeizig und übereifrig, ja«, stimmte Tsonashap zu. »Jedenfalls, was manche Disziplinen angeht. Vor allen den physischen Kampf betreffend jedoch. In vielem würde ich Proximo ebenfalls zustimmen. Sie sind jung, und wer von uns war nicht auch in dem Alter übereifrig und wollte sich beweisen? Aber du hast Recht. Was Lucien sagte, stimmt auch mich nachdenklich. Drewani hatte uns bereits im Vorfeld gesagt, dass der Junge ebenso wie Caius zur Gewalt neigt; auf diese Weise hatten sie sich wohl die Herrschaft über ihre Banden gesichert. Ich hielt das jedoch für nicht allzu bedenklich. Wer von uns hat nicht ebenfalls Gefallen am Töten?«

»Aber sie können sich nicht zügeln. Nicht immer jedenfalls«, fügte Sares an.

»Und das ist gefährlich«, bestätigte der Argonier. »Aber es ist müßig, jetzt darüber zu reden. Warten wir ab, was Proximo dazu sagt. Alles andere führt zu nichts.«

Und dieser Moment kam schneller, als es Lucien lieb war. Am dritten Tag gegen Abend erreichten sie Cheydinhal und betraten die Stadt wie gewohnt durch das östliche Tor. Lucien verspürte den unbändigen Drang, seine Schritte zu verlangsamen, den Moment herauszuzögen, in dem er dem Zufluchtsleiter gegenübertreten musste und über ihn und Caius gerichtet wurde. Er hatte Angst, dass er womöglich sogar aus der Bruderschaft verbannt würde, dass er wieder auf der Straße landen würde, mittellos, verwahrlost und ohne ein Dach über dem Kopf.

Doch er musste sich den Tatsachen stellen, unweigerlich, ob er nun wollte oder nicht.

Sie betraten die Zuflucht wie gewohnt über den geheimen Zugang. Ein Gitter versperrte den Brunnen, gesichert mit einem Schloss. Tsonashap sperrte es auf, und sie kletterten hinein. Es gab ungefähr eine halbe Mannslänge weiter unten einen Zwischenboden, der den eigentlichen Zugang zur Zuflucht markierte und verhindern sollte, dass verräterische Geräusche und Lichter nach außen drangen. Auch diesen öffnete der Argonier, und sie kletterten durch eine Falltür und eine Leiter nach unten.

Lucien hatte das Gefühl, dass jeder in der Zuflucht Bescheid wusste, bevor sie überhaupt angekommen waren, dass schon jetzt missbilligende Blicke auf ihnen ruhten.

Vicente begrüßte die Rückkehrenden als erster.

»Willkommen daheim!«, rief er freudig aus, doch als er ihre finsteren Mienen sah und womöglich auch noch die Aura des Unheils spürte, die über ihnen zu hängen schien, hielt er inne.

»Später, Valtieri, später«, hielt ihn Sares sogleich hin. »Wir haben Dringendes mit Proximo zu besprechen.«

Ein Blick zu den Jungen, und der Vampir nickte. »Ich verstehe. Geht. Er erwartet Euch sicher bereits.«

Lucien wollte am liebsten im Boden versinken, und Caius ging es offensichtlich nicht anders. Dennoch folgten sie den beiden Assassinen zum Gemach des Zufluchtsleiters. Tsonashap klopfte an die schwere Tür und trat auf das Wort Proximos hin ein.

Der Kaiserliche saß an einem Schreibtisch und schien an einigen Konversationen unbestimmter Art zu schreiben. Er legte die Feder beiseite, als die Zurückkehrenden eintraten, und kam ihnen entgegen. Das Lächeln auf seinem Gesicht fiel mäßig aus.

»Berichtet«, sagte er nur und hieß ihnen, an seinem Tisch Platz zu nehmen.

»Der Auftrag wurde wie gewünscht ausgeführt«, sagte Tsonashap. »Wir begannen die Spur in Bruma aufzunehmen, dort, wo sie begonnen hatte. Über die Kaiserstadt und Bravil verfolgten wir sie und holten das Ziel bei Bravil schließlich ein. Als es weiter nach Leyawiin reiste, beschatteten wir unser Ziel und warteten auf einen geeigneten Moment, um zuzuschlagen.«

»Dies war von Erfolg gekrönt, doch etwas ist passiert«, schloss Proximo.

Sares nickte, und Lucien wünschte sich in diesem Moment ans andere Ende Tamriels.

»Die jungen Mörder hielten sich nicht an unseren Befehl, sich zurückzuhalten«, sagte der Dunkelelf geradeheraus und schonungslos. »Sie verließen ihre Deckung und griffen eigenmächtig eines der Ziele an.«

Proximo blieb entgegen den Erwartungen Luciens ruhig, welcher davon ausgegangen war, dass er ebenso aus der Haut fahren würde wie Tsonashap und Sares. Er lehnte sich lediglich zurück und musterte die Jungen.

»Soso«, sagte er. »Ihr wisst, was das bedeutet: ein Verstoß gegen unser drittes Gebot. Wart ihr wenigstens erfolgreich mit eurer Aktion?«

Lucien und Caius waren gleichermaßen verblüfft über diese Worte. Wie es aussah, Tsonashap und Sares ebenso.

»Sie töteten einen der Schauspieler«, sagte der Argonier langsam. »Ihnen selbst geschah dabei nichts.«

»Immerhin etwas«, brummte Proximo und verschränkte die Arme vor der Brust. »Nichtsdestotrotz ist dies zum einen ein Verstoß gegen euren Befehl und zum anderen gefährdetet ihr trotz eures Erfolges den Auftrag und damit die Bruderschaft. Das versteht ihr doch, oder?«

Artig nickten die Jungen.

»Nein, das tut ihr nicht«, fuhr Cassius Proximo fort. »Ihr nickt, weil ihr denkt, dass ich das sehen will. In diesem Fall hatten wir alle Glück im Unglück. Doch gehen wir von dem Fall aus, dass ihr gescheitert wäret. Tsonashap und Sares Areles hätten euch aus dem Schlammassel herausschlagen müssen und sich dabei selbst in Gefahr begeben. Dies hätte zur Folge haben können, dass der Auftrag scheitert, im schlimmsten Falle wäre einer der beiden verletzt oder gar getötet worden. Unser Auftraggeber wäre sehr unzufrieden, wenn wir nicht erfüllt hätten, wofür er uns bezahlte. Und das war immerhin eine Menge Geld, immerhin heuerte er gleich mehrere Assassinen an. Unser Auftraggeber ist mächtig, sehr mächtig sogar. Er wäre vielleicht sogar so erzürnt über unser Scheitern gewesen, dass er Hebel in Gang gesetzt hätte, die uns erheblich schaden könnten. Nicht zuletzt der Fakt, dass Arela Drewani für eure Verfehlungen hätte gerade stehen müssen. Und sie wollt ihr ganz gewiss nicht verärgern.«

Lucien blieb die Luft weg. So weit hatte er gar nicht gedacht!

»Ich sehe es euch an, dass ihr damit nicht gerechnet hattet«, fuhr der Kaiserliche fort. »Natürlich nicht. Ihr seid jung und damit voller Energie, die herausgelassen werden will. Da denkt man nicht so weit, sondern immer nur an sich, egoistisch, wie Kinder in eurem Alter nun einmal sind. So, nun will ich aber eure Version der Dinge hören. Einer von euch muss ja als erstes auf diese ausgesprochen dumme Idee gekommen sein. Wer war es?«

»I-ich …«, stammelte Caius. »I-ich … es … also … Es, es tut mir leid.«

Proximo fuhr ihm mit einer Geste über den Mund. »Ich will keine lausigen Entschuldigungen hören, ich will Erklärungen!«

Schweren Herzens widerholte erst Caius und dann Lucien, was sie bereits ihren Lehrern gebeichtet hatten.

Proximos Mine wurde immer finsterer. »Ich hätte auf Areles hören sollen«, brummte er. »Vielleicht hätte das die Lage etwas entspannt. Dennoch, was ich höre, gibt mir zu denken. Wie seht Ihr die Lage, Tsonashap, Areles?«

»Wir wollen es nicht wagen, in dieser brisanten Angelegenheit eine Entscheidung zu äußern«, sagte Tsonashap. »Die Worte der Jungen sollten dennoch zu denken geben. Sie wurden von der Mutter der Nacht auserwählt, der Zuhörer selbst sandte Sprecherin Drewani, um sie in unsere Reihen zu holen. Sie werden ihre Gründe dafür haben, doch nach diesen Erkenntnissen fällt es mir zunehmend schwerer, sie zu erkennen. Die Jungen, besonders beide zusammen, stellen ein Sicherheitsrisiko dar.«

Das war hart. Lucien machte ein langes Gesicht und kaute auf seiner Unterlippe herum. Nein, er würde jetzt nicht anfangen, wie ein kleines Kind zu heulen! Das hörte sich gewiss alles schlimmer an, als es tatsächlich war!

»Ich sehe, dass ihr betroffen seid«, sagte Cassius. »Gut, denn das solltet ihr auch sein. Über manche Kindereien kann man hinwegsehen, aber das ging zu weit. Es werden Maßnahmen ergriffen werden müssen, Maßnahmen, auf die ich eigentlich nicht hatte zurückgreifen wollen. Zehn Schläge mit dem Stock sind das Mindeste. Außerdem werde ich die Sprecherin Arela Drewani kontaktieren, sie soll bestimmen, wie wir weiterhin mit euch verfahren werden.«

Er sah jedem Einzelnen von ihnen fest in die Augen. »Ihr seid schon früher auffällig geworden, wisst ihr das?«, offenbarte er ihnen. »Wir wissen um eure Vergangenheit, und wir wissen, was euch dort verbunden hat: eine tiefe Rivalität und Hass. Ich hatte gehofft, dass ihr beide vernünftig genug seid, um das alsbald abzulegen, nachdem ihr an unsere Gebote gebunden worden seid. Doch dem war nicht so. Es hat sich kaum etwas gebessert. Oftmals wart ihr einfach zu verausgabt von eurem Unterricht, doch wenn ihr es nicht gewesen wart, hattet ihr nur im Kopf, dem anderen eins auszuwischen. Und glaubt nicht, dass ich nicht wüsste, wer von euch die Streiche angezettelt hat, egal, ob ihr versucht hattet, es dem jeweils anderen in die Schuhe zu schieben. Ich bin nicht umsonst Leiter dieser Zuflucht. Ich weiß vieles, mehr als euch vielleicht bewusst ist.«

Langsam erhob der Mann sich. »Mitkommen«, befahl er. »Wenigstens die Stockschläge sollt ihr jetzt schon bekommen.»

Lucien merkte, wie er es mit der Angst zu tun bekam. Er hatte schon früher den Stock zu spüren bekommen, ja. Aber zehn Schläge waren nicht gerade wenig. Mit zitternden Knien folgte er Caius und Proximo, verfolgt von den finsteren Blicken seiner beiden Lehrer. Er duckte sich instinktiv weg.

Sie begaben sich in den Hauptraum der Zuflucht, nachdem Proximo den Stock aus einer Truhe in seinen Gemächern genommen und die anderen Mitglieder der Zuflucht zusammengerufen hatte.

»Die auszubildenden Mörder Lucien Lachance und Caius haben gegen das Dritte Gebot verstoßen und den Befehl eines höhergestellten Mitgliedes der Dunklen Bruderschaft missachtet«, sagte Proximo, während er sich vor den beiden Jungen aufbaute und die anderen Assassinen sich um sie herum versammelten, um der Bestrafung beizuwohnen. »Caius war es, welcher als erstes gegen ihren Befehl verstieß, der ihnen sagte, in ihrem Versteck zu bleiben und sich aus der finalen Ausführung des Auftrages herauszuhalten. Lucien war lediglich ein Mitläufer. Daher soll er als erstes bestraft werden und Caius zusehen, auf dass er einen Vorgeschmack auf das bekommt, was ihm sogleich blüht. Aufstellen!«

Das letzte galt Lucien. Flehend warf er einen Blick in die Runde, doch niemand zeigte Mitleid oder gar Ambitionen, ihm beizustehen. Ganz im Gegenteil schien jedermann mit dem Folgenden einverstanden zu sein.

Cassius zwang den Jungen, sich vorzubeugen, und entblößte sein Hinterteil. Luciens Kopf lief knallrot an, denn bisher war er noch nie vor der versammelten Zuflucht bestraft worden. Es war eine Bloßstellung, die tief einschnitt.

Der Stock pfiff und klatschte auf sein Hinterteil. Lucien heulte auf und Schmerz durchfuhr ihn. Sogleich wurde der zweite Schlag gesetzt, präzise auf den ersten, sodass es gleich noch mehr brannte. Der Junge kniff die Augen zusammen und verkrampfte seinen Kiefer. Augen zu und durch. Je eher alles vorbei war, desto besser.

Wieder und wieder pfiff der Stock auf seine Kehrseite und stets präzise auf dieselbe Stelle. Es brannte höllisch, sicher würde er auf Tage später nicht mehr sitzen können, ehe die Platzwunden verheilt war. Denn er blutete, das spürte er; Cassius schlug nicht sanft zu.

Eines war sich Lucien sicher: So schnell würde er nicht mehr gegen die Gebote verstoßen. Und das sagte er jetzt, noch ehe er überhaupt der Sprecherin übergeben worden war!

Trotz seiner Bemühungen konnte er nicht verhindern, dass ihm alsbald Tränen über das Gesicht liefen. Sein Kiefer schmerzte, so sehr biss er die Zähne zusammen.

Beinahe hätte er nicht gespürt, dass es vorüber war.

»Beiseitetreten«, befahl Proximo scharf.

Lucien blinzelte und brauchte einen Augenblick, ehe er begriff. Dann jedoch war er umso schneller bei der Sache. Hastig zog er seine Hose wieder hoch und zischte auf, als das weiche Leder über die wunde Haut scheuerte. Dann stolperte er zur Seite und wurde sogleich von Caelwen fortgeführt.

»Ich werde dir lediglich eine Paste gegen Entzündungen geben«, sagte sie gleich. »Nicht dass du denkst, dass ich dir die Schmerzen nehmen und eine schnelle Heilung gewähren werde! Nein, du sollst schön in deinem eigenen Saft schmoren.«

Im Hintergrund schrie nun auch Caius auf, als der erste Schlag klatschend niederging.

»Ungezogene Bengel«, schimpfte die Hochelfe halblaut vor sich hin. »Nur Ärger mit ihnen.«

Sie verfrachtete ihn auf eines der Betten im Wohnraum und versorgte seine Wunden. Alsbald wurde auch Caius dazu gebracht, und nachdem Caelwen mit Lucien fertig war, kümmerte sie sich um ihn. Beide Jungen weinten leise vor sich hin und versuchten gleichermaßen vergeblich, ihr Weinen in den Kissen zu ersticken. Sie wussten ganz genau, dass sie kein Mitleid zu erwarten hatten.

Die Mitglieder der Zuflucht gingen weiter ihrem Tagwerk nach, als sei nichts gewesen. Nur Proximo verschwand für einige Zeit, vermutlich, um persönlich der Sprecherin von dem Vorfall zu berichten; sie hatte ihren Sitz gleich hinter der Stadt in der Ruine der Festung Farragut.

Schon am nächsten Tag noch vor dem Frühstück trat Proximo an die Jungen heran. »Die Sprecherin Drewani will euch heute so bald als möglich sehen«, sagte er gerade heraus. Seine Miene war ausdruckslos, sodass Lucien nicht sagen konnte, ob er noch immer böse auf sie war oder sich sein Ärger bereits gelegt hatte. »Esst etwas, Caelwen wird danach nach euren Wunden sehen und dann seht ihr zu, dass ihr so schnell wie möglich zur Sprecherin gelangt.«

Lucien schluckte. Dies klang nach Ärger, nach sehr großem, nahezu gewaltigem Ärger, wenn die Sprecherin höchstselbst mit ihnen reden wollte.

»Was … was will sie von uns?«, fragte er daher zaghaft und leise.

»Euer Fall ist brisant, brisanter, als mir lieb ist«, sagte Proximo nur und ging dann ohne ein weiteres Wort.

Unsicher sahen sich die Jungen an. Mit einem Male stecken sie beide im selben Schlammassel, etwas, das ihnen noch nie zuvor passiert war. Sie waren unsicher, wie sie damit umzugehen hatten.

Ihr Frühstück bestand nur aus etwas Brot, Wasser und je einem Stück Käse. Sie hatten eindeutig schon reichhaltiger gegessen in der Zuflucht. Danach kam Caelwen zu ihnen und erneuerte die Paste. Wie sie es angekündigt hatte, tat sie nichts weiter, um die Wundheilung zu fördern oder die Schmerzen zu lindern.

Lucien konnte tatsächlich nicht mehr sitzen, lediglich liegen, und wenn er doch aus Versehen auf seine Verwundungen kam, jaulte er vor Schmerzen auf. Er hatte in der Nacht kaum geschlafen, da entweder das oder das Brennen der Striemen ihn wach gehalten hatte. Dementsprechend gerädert fühlte er sich. Es würde sicher noch viele Jahre dauern, bis er genügend Kondition besaß, um auch so etwas halbwegs spurlos wegstecken zu können. Wenn er daran dachte, wie manche der Assassinen zurück in die Zukunft gefunden hatten … Er hatte schon beim Anblick ihrer Wunden Schmerzen verspürt, und dennoch hatte es oft den Anschein gehabt, als würden sie kaum etwas davon mitbekommen. Und er heulte schon nach einigen Stockschlägen …

Nachdem sie gegessen und sich wenigstens etwas Wasser ins Gesicht gespritzt hatten, um sich frisch zu machen, erwartete sie bereits Cassius Proximo im Hauptraum.

»Ich werde euch zu Festung Farragut begleiten«, sagte er. »Seit jeher steht sie unter dem Schutz der Dunklen Wächter, und ihr kommt an ihnen nicht so ohne weiteres vorbei.«

Lucien wusste, dass Festung Farragut die Heimat der Sprecherin war. Dennoch hatte er von diesem Ort, den er fast täglich von außen hatte begutachten können, immer stets als ein großes Mysterium gedacht. Die alte Festungsruine strahlte etwas aus, dem er nicht näher begegnen wollte. Dennoch hauste die Sprecherin dort unten, und das hieß, dass dieser Ort sehr wohl wohnlich sein musste.

Er schluckte und nickte als Bestätigung, dass er verstanden hatte.

»Was ist ein Dunkler Wächter?«, fragte Caius.

Er wurde nicht weiter beachtet.

Wie üblich führte der Zufluchtsleiter sie durch den Brunnenzugang nach draußen. Noch kaum eine Seele war zu so früher Stunde unterwegs und auch das Osttor wurde wieder einmal nicht bewacht. Lucien wusste nicht, wieso das so war, doch er vermutete, dass die Bruderschaft irgendwie ihre Hände im Spiel hatte. Es gingen Gerüchte umher, dass der Graf von Cheydinhal, Andel Indarys, sehr wohl von der Zuflucht wusste, Drohungen und das Gold der Bruderschaft jedoch seine Lippen versiegelten.

Überhaupt war die Bruderschaft enorm mächtig, mächtiger, als Lucien es jemals für möglich gehalten hätte. Immer wieder hatte sie Aufträge von reichen und einflussreichen Kunden bekommen, manchmal sogar von den herrschenden Familien Tamriels höchstselbst. War wieder einmal solch ein Auftrag eingegangen und damit eine Flut von Geld, so war die Stimmung groß, egal, welche Zuflucht dazu auserkoren worden war, den Auftrag auszuführen.

Sie waren wahrlich eine Familie, die zusammenhielt und sich gemeinsam freute. Und Lucien fürchtete nun erneut, aufgrund seines Verstoßes, von dieser Familie ausgeschlossen zu werden.

Der Gang zu Festung Farragut war wie der Gang auf das Schafott des Henkers. Alles in Lucien sperrte sich dagegen, den nächsten Schritt zu tun, und doch tat er ihn, aus Angst davor, alles nur noch schlimmer zu machen.

Der Innenhof der Festung war verfallen und überwuchert von Unkraut. Der Wald holte sich zurück, was ihm einst genommen worden war. Üblicherweise hatten Festungen jedoch auch einen weitläufigen unterirdischen Teil. Wahrscheinlich lagen irgendwo in ihm die Wohnbereiche der Sprecherin.

Ohne zu zögern ging Proximo auf die schwere, alte Eichentür zu, die den Eingang zu den Kellergewölben verschloss. Anscheinend ging er hier öfters ein und aus, denn er besaß einen Schlüssel für die Tür. Kalte, muffige Luft schlug ihnen entgegen, als er das Portal öffnete und eintrat.

Drinnen war es duster und die Luft roch feucht und modrig. Nur wenige Fackeln erhellten den Gang, der sich vor ihnen auftat, und ließen tanzende Schatten an den Wänden entstehen. Dies war definitiv kein Ort, an dem Lucien sein wollte, hier lauerten Gefahren, denen er nicht gewachsen war. Wie konnte man nur in solch einem Loch hausen?!

Cassius nahm eine der rußenden Fackeln von den Wänden. »Macht die Tür zu und bleibt dann dicht bei mir«, befahl er ihnen. »Ich weiß, wie man mit den Dunklen Wächtern umgeht, doch das heißt noch lange nicht, dass sie dadurch ungefährlich werden.«

Lucien und Caius waren sich einig: Sie wollten so schnell wie möglich wieder von hier weg.

Unbeirrt von ihrer fast schon greifbaren Angst ging Proximo voran. Er schien wachsam zu sein, jedoch nicht zögerlich, und er schien genau zu wissen, wohin er sich wenden musste. Zielstrebig ging er die Gänge entlang und musste kein einziges Mal überlegen, welcher der richtige Weg war.

Es dauerte nicht lang, bis Lucien irgendwo im Dunkeln ein seltsames Klackern und Knirschen ausmachte. Was das wohl war? Er wollte es sicherlich nicht wissen. Dennoch sollte er es bald herausfinden, denn Proximo hielt genau darauf zu.

Als der Ursprung des Geräusches ins Licht trat, konnten beide Jungen einen panischen Aufschrei nicht  verhindern. Ein widererwecktes Skelett war vor ihnen erschienen, angetan in eine schwarze, halb vermoderte Lederkluft und mit einer Axt bewaffnet.

»Ruhig!«, fuhr Proximo sie an und wandte sich sogleich dem Skelett zu. Er hob die Hand und rief einen Zauberspruch. Sogleich legte das Skelett sein aggressives Gebaren ab und ließ von seinem geplanten Angriff ab.

»Das ist ein Dunkler Wächter«, sagte Proximo, als sicher war, dass sein Zauber gewirkt hatte. »Sie sind untote Brüder und Schwestern, die auch im Tod ihrem Fürchterlichen Vater dienen und nun diesen Unterschlupf hier bewachen. Es ist geplant, dass auch unsere Zuflucht einen solchen Wächter bekommt, aber noch ist es Arela Drewani nicht gelungen, dass einer ihrer Wächter nicht nur nicht auf sie aggressiv reagiert, sondern auch auf andere Dunkle Brüder oder Schwestern, egal, ob er sie kennt oder nicht.«

Luciens Zähne klapperten hörbar.

»Nimm dich zusammen!«, herrschte Proximo ihn an. »Benimm dich nicht wie ein feiges Waschweib, er kann dir nichts mehr tun, so lange er unter meinem Zauber steht.«

Lucien war ernsthaft bemüht, seine Furcht im Zaum zu halten, aber es war schwer, so schwer.

Sie gingen weiter, auch wenn die beiden Jungen vor Furcht ganz steif waren und eigentlich keinen Finger krümmen wollten. Doch Proximo war unerbittlich. Vielleicht war er ja noch immer wütend auf sie.

Bei jedem Dunklen Wächter, dem sie begegneten, wendete er den gleichen Zauber an, stets rasch und zielsicher. Keines der Skelette kam ihnen gefährlich nahe, sondern ließ sie unter Einfluss des Zaubers passieren. So kamen sie erstaunlich rasch voran. In Anbetracht ihres Zieles wusste Lucien allerdings nicht, ob er sich darüber freuen sollte.

Am Ende ihres Weges erwartete sie erneut eine Eichentür. Proximo trat heran und betätigte den schweren, gusseisernen Klopfer. Nach kurzer Zeit schwang die Tür einen Spalt weit auf und entblößte eine in ein schwarzes Gewand gehüllte Person, deren Gesicht vollständig von einer Kapuze beschattet wurde. Dennoch konnte es sich hier nur um Drewani handeln.

»Ihr hättet auch den einfachen Weg nehmen können, Proximo«, sagte die Dunkelelfe und ließ sie herein.

Sie traten in einen erstaunlich wohnlichen Bereich der Festung. Ein kleiner Gang führte zu mehreren Räumen, deren größter der Wohnbereich war. Ein Feuer brannte hier in einem Kamin. Ein Bett war ebenfalls aufgestellt, sowie einige Schränke, Bücherregale, ein Tisch und Stühle. An den Wänden hing das Banner der Schwarzen Hand.

»Ich wusste nicht, ob auch die Jungen dazu befugt sind«, sagte Proximo.

»Wenn sie klug genug wären, ihn zu finden, dann ja.« Sprecherin Drewani wandte sich den Jungen zu. Unter ihrer Kapuze hervor musterte sie sie. »Ihr bereitet einigen Ärger«, sagte sie. »Proximo, Ihr könnt wieder gehen. Ich danke Euch.«

»Wie werdet Ihr mit ihnen verfahren?«, fragte der Kaiserliche.

»Das weiß ich noch nicht«, gestand Arela Drewani. »Es ist vorerst besser, wenn ich sie in Gewahrsam nehme und in Ruhe darüber nachsinne. Ihr werdet von meiner Entscheidung erfahren, sobald ich sie getroffen habe.«

Proximo nickte und verbeugte sich. Dann wandte er sich in Richtung des Wohnraumes, doch Lucien konnte ihm nicht weiter folgen. Hatte Drewani dort etwa einen geheimen Zugang zu ihrer Unterkunft? Die Vermutung lag nahe, da er nicht davon ausging, dass sie stets den langen Weg durch die Festung nahm, wenn sie heimkehrte.

Dann jedoch spürte er wieder den strengen Blick der Dunkelelfe auf sich ruhen, und seine Gedanken waren wieder ganz bei seiner momentanen Lage.

»Ich nehme euch vorerst in Gewahrsam, einzeln«, sagte sie noch einmal. »Ihr bekommt zweimal am Tag Brot und einen Krug Wasser von mir, das muss reichen und soll ein Teil eurer Strafe für den Verstoß gegen unsere Gebote sein. Proximo hat mir außerdem von eurem … Ausbruch eures Temperaments erzählt. Ich habe bereits den Zuhörer kontaktiert, sodass er mit unserer geliebten Mutter in Verbindung tritt. Sie weiß, was zu tun ist.«

Lucien schluckte. Der Zuhörer! Die Mutter der Nacht! All dies waren mythische Namen für ihn; bis jetzt hatte er kein weiteres Mitglied der Familie kennengelernt als jene aus der Zuflucht sowie Arela Drewani. Der Zuhörer sollte ein legendäres Mitglied ihrer Familie sein, der Beste der Besten und damit derjenige mit dem Privileg, der Stimme der Mutter der Nacht zu lauschen. Es war nun an dieser Person, über ihn und Caius zu entscheiden.

»Was meint Ihr damit, dass Ihr uns in Gewahrsam nehmen wollt?«, fragte Caius.

»Dies ist eine Festung, und jede Festung hat Verließe«, erinnerte Drewani ihn.

Lucien lief es eiskalt den Rücken hinab. Er kannte Gefängnisse von innen, einige Male hatte er als Langfinger die Gefängnisse der Kaiserstadt von innen sehen müssen. Kein Gefängnis war ein schöner Ort, doch dieses hier gewiss eines der schlimmsten, egal, was Drewani mit ihnen anstellen würde.

»Kommt mit«, befahl sie ihnen. »Ich will nicht ewig hier herumstehen und eure Fragen beantworten müssen.«

Schnell erkannte Lucien, dass dieser Ort nur wenig Wohnraum bat. Das, was er zunächst für weitere Zimmer gehalten hatte, waren in Wahrheit die Verließe. Arela steuerte zwei der Zellen an und kramte aus ihrem Gewand ein großes, klapperndes Schlüsselbund. Nacheinander schloss sie zwei der Zellen auf.

»Rein mit euch, und es sei euch angeraten, keinen Ärger zu machen«, drohte sie. »So lange der Zuhörer mir nicht befiehlt, euch kein Haar zu krümmen, kann ich im Rahmen der Gebote mit euch tun und lassen, was ich will. Und die Gebote hindern mich nicht daran, die da zu verwenden.«

Sie deutete hinter sich auf ein Brett. Mit Schrecken erkannte Lucien, dass dort Folterwerkzeuge angebracht waren, die eindeutig rostrot von noch nicht allzu lange getrocknetem Blut waren.

Immerhin bewirkte das, dass die Jungen tatsächlich schnell in ihren Zellen waren. Zufrieden mit ihrer Gehorsamkeit schloss Drewani hinter ihnen ab. Das Zuschnappen der schweren, alten Schlösser klang unheilschwanger.

Dann ließ die Elfe sie allein und verschwand in ihrem Wohnbereich. Eine Weile legte sich Stille über sie, nur gestört vom leisen Knistern der Fackeln, von denen in jeder Zelle eine angebracht war. Gelegentlich löste sich ein Tropfen von der Decke und landete leise raschelnd im Stroh, das in den Zellen ausgebreitet war. Ansonsten hatten sie nur einen Hocker und einen Eimer für ihre Notdurft.

Eine Weile brachten es die Jungen fertig, sich anzuschweigen. Die einzelnen Zellen waren nur  mit Gitterstäben voneinander getrennt, sodass sie sich sehen konnten. Gerade deswegen lagen sie so weit voneinander entfernt, wie es ihnen nur möglich war.

Ihre Wunden waren noch nicht abgeheilt, das Blut jedoch bereits festgetrocknet. Bewegten sie sich allzu viel, brach es auf und frisches Blut sickerte nach. Caelwen hatte zwar die Salbe erneuert, aber allzu große Linderung hatte sie nicht verschafft.

 Lucien versank in seine Gedanken und versuchte, sich mit seiner momentanen Lage abzufinden. Er hatte schon öfters in Gefängnissen eingesessen, und wenn er es genau nahm, war das hier gar nicht so viel schlechter, als andere, vor allem, wenn kein Dunkler Wächter hierher käme.

Caius hingegen schien über irgendetwas zu brüten.

»Das ist alles deine Schuld«, knurrte er irgendwann in die Stille hinein.

Lucien schreckte hoch. Ärger wallte in ihm hoch. »Ach, erzähl bloß! Du bist losgerannt!«, erinnerte er den unliebsamen Dunklen Bruder.

»Und du bist überhaupt zur Bruderschaft gekommen!«, schimpfte Caius weiter. »Ich war vor dir da und alles war gut. Ich war der einzige Lehrling und hatte die ungeteilte Gunst der anderen. Aber nein, du musstest ja unbedingt dazu kommen und alles kaputt machen!« Er spuckte aus.

»Das tut mir jetzt aber leid«, spottete Lucien. »Was für ein Pech aber auch, dass die anderen auf einmal sahen, dass es bessere als dich gibt.«

»Ach ja?«, zischte der andere Junge und packte die Gitterstäbe, die sie trennten, so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. »Bildest du dir etwas darauf ein, dass Caelwen nicht mehr so arrogant dir gegenüber ist? Bist wohl scharf auf sie?!«

Das ging zu weit. Lucien sprang auf und hieb durch die Gitterstäbe nach Caius. Natürlich konnte dieser mühelos ausweichen und lachte ihm ins Gesicht.

»Da habe ich wohl einen wunden Punkt getroffen, wie?«, spottete er weiter. »Na, wart ihr schon im Bett? Du Sohn einer Hure und eines bretonischen Hurenbocks! Zu mehr ist deinesgleichen nicht gut!«

»Das sagt der richtige! Was bist du denn? Deine Eltern waren Straßenratten wie du, verreckt in der Gosse, kaum dass du laufen konntest!«

»Aber ich vögle nicht meine Lehrer«, spuckte Caius aus. »Perverses Schwein!«

»Schweigt, beide!«

Wie aus dem Nichts war die Sprecherin Drewani vor ihren Zellen aufgetaucht. Ein unheilvolles Leuchten glomm auf ihrer Hand, ein Zauber, bereit, gegen die Jungen geschleudert zu werden. Erschrocken fuhren die Jungen zusammen und machten sich sogleich so klein, wie sie nur konnten.

»Kaum lässt man euch aus den Augen, schon geratet ihr aneinander!«, zischte sie. »Ihr sprecht von lästerlichen Dingen, und wenn ich nicht wüsste, dass ihr sie im Zorn gesprochen habt, so wäret ihr jetzt nur noch blutiges Fleisch. Ich will kein Wort mehr davon hören! Ich will überhaupt keinen Laut mehr von euch hören! Bei Sithis, ansonsten werdet ihr noch um Gnade winseln.«

Drewani war keine Person, die leere Versprechungen machte. Die Jungen wussten sofort, dass sie besser taten, was sie ihnen sagte, egal, wie groß der Hass aufeinander war. Die Furcht vor dem, was die Sprecherin ihnen antun würde, war noch größer. Sie war nicht aus Langeweile heraus grausam wie die Wachen im kaiserlichen Gefängnis. Sie war berechnend, kalt und erfahren. Sie wusste genau, was sie tun konnte und wie lange, um den maximalen Schmerz herauszukitzeln.

Lucien hatte sie noch nie in Aktion gesehen, aber eine Dunkle Schwester von ihrem Rang war ein tödliches Werkzeug. Er wusste instinktiv, dass sie nicht ohne Grund ein Mitglied der Schwarzen Hand war.

Danach gaben die Jungen keinen Mucks mehr von sich. Selbst das Rascheln des Strohs, wenn sie sich ein wenig bewegten, schien ihnen schon laut wie ein Donnerschlag in ihrem Verließ.

Auch Arela Drewani scherte sich vorläufig nicht mehr um sie. Sie schien allein hier unten zu leben, sodass sie sich auch selbst um die beiden Gefangenen kümmerte. Am ersten Tag ließ sie sie hungern, wahrscheinlich als Strafe für ihren dummen, kindischen Streit, doch ab dem zweiten Tag brachte sie ihnen, wie sie es gesagt hatte, zweimal am Tag je einen Laib Brot und einen Krug Wasser. Es war nicht viel, jedoch genug, um den Hunger und Durst in Grenzen zu halten.

Lucien konnte von seiner Zelle aus nicht viel sehen. Lediglich ein Teil des Ganges und eine kleine Ecke des Wohnbereiches war für ihn einsehbar. Zu seiner Rechten lag eine weitere, leere Zelle – leer bis auf ein anscheinend menschliches oder elfisches Skelett. Zu seiner Beruhigung machte es keinerlei Anstalten, sich zu rühren. Links von seiner Zelle lag Caius‘ sowie einige weitere. Das Bild wiederholte sich auf der anderen Seite des Flurs erneut.

Dunkelheit herrschte hier unten, lediglich die zwei Fackeln in ihren Zellen spendeten etwas Licht. Sie brannten jedoch recht schnell ab und Drewani war nicht immer geneigt, die Fackeln auch zu erneuern. Lucien behalf sich mit einem einfachen Magierlicht, wenn die Dunkelheit zu drückend wurde. Durch seinen Aufenthalt in der Zuflucht war er es gewohnt, tagelang ohne Sonnenlicht auszukommen, doch dort brannten die Fackeln stets hell und vor allem stetig. Selten war es stockfinster.

Lediglich vom Wohnbereich der Sprecherin drang stets etwas Licht in den Gang, half jedoch kaum, sollten ihre Fackeln und ihre magischen Lichter erloschen sein.

Was Drewani die ganze Zeit über machte, wusste Lucien nicht. Er konnte lediglich versuchen, anhand dessen, was er hörte, seine Schlüsse zu ziehen. Doch das war leichter gesagt als getan. Die Dunkelelfe war leiser als eine Eule und bewegte sich so verstohlen wie ein huschender Schatten. Er bekam es sogar oft nicht einmal mit, wenn sie vor ihren Zellen stand, um ihnen Wasser und Brot zu bringen.

Einmal jedoch hörte er leise Stimmen. Sie waren nur wenige Schritte von ihnen entfernt, dennoch waren sie kaum zu verstehen, vielleicht gedämpft von einem Zauber; Lucien wusste es nicht.

Doch mit wem konnte Drewani sprechen? Zumindest erkannte er, dass die Stimme niemandem aus der Zuflucht gehörte. War es ein weiterer Dunkler Bruder oder eine Dunkle Schwester, die er noch nicht kannte? Jemand aus einer anderen Zuflucht? Ein Mitglied der Hand, der Sprecher höchstselbst gar?! Lucien strengte all seine Sinne an, doch es half nichts. Die Stimmen waren eindeutig magisch gedämpft.

Manchmal nahm sich Drewani einen Hocker und setzte sich damit vor ihre Zellen. Sie sagte nichts, sondern saß nur da, betrachtete sie und schien nachzudenken, vielleicht darüber, was sie mit ihnen anstellen sollte.

»Euer Fall ist delikat«, sagte sie jedoch einmal. »Ihr seid beide fähige Mörder und zu hohem bestimmt, die Mutter der Nacht hat es vorausgesehen. Und doch habt ihr so große Schwächen, die euch beide zu Fall bringen können und werden, wenn ihr sie nicht überwindet. Was machen wir mit euch, Geschenk und Fluch zugleich für die Bruderschaft?«

Das überraschte Lucien. Hieß das, dass sie großes Potenzial besaßen und tatsächlich beide von Wert für die Dunkle Bruderschaft waren? Das erfüllte ihn wieder mit etwas Zuversicht. Wenn er von Wert war, konnte die Bruderschaft ihn nicht einfach so beseitigen. Zwar waren sie noch immer alle an die Gebote gebunden, doch die Schwarze Hand besaß sicher Mittel und Wege, sie in einem gewissen Rahmen zu umgehen.

Drewani erwartete offenbar keine Antwort, sodass die Jungen schwiegen, wie schon seit Tagen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen, das den Zorn der Sprecherin erwecken könnte.

Um ehrlich zu sein, wusste Lucien nicht, wie spät es war. Eine ungefähre Zeiteinteilung war Drewanis Kommen und Gehen, wenn sie sich um ihre Grundbedürfnisse kümmerte. Sie brachte ihnen nicht nur Essen und Trinken, sondern tauschte auch die Eimer mit ihrer Notdurft aus. Sie stellte sie jedoch lediglich vor die Tür zu ihren Gemächern und kam nach einer Weile mit einem leeren Eimer wieder. Lucien konnte nur vermuten, dass sie den Dunklen Wächtern befahl, sich darum zu kümmern.

»Muss den Zauber weiterentwickeln«, hörte er einmal die Sprecherin murmeln. Daher vermutete er, dass sie sich nur deswegen selbst um sie kümmerte, weil die Wächter sie sonst angreifen würden. Proximos Zauber hatte lediglich bewirkt, dass die Wächter friedfertig wurden, nicht jedoch, dass er ihnen Befehle erteilen konnte.

Doch auch Drewanis Kommen und Gehen war keine verlässliche Zeiteinheit. Es hatte den Anschein, dass sie es manchmal vergaß und ihnen erst später das Essen brachte. Ein, zweimal fiel es sogar gänzlich aus. Lucien merkte es daran, dass sein Magen lauter knurrte als sonst.

Drewani wiederholte ihr nachdenkliches Starren mehrere Male, offenbar stets dann, wenn sie den Kopf dafür frei hatte und die Muse besaß, sich mit den Jungen zu befassen. Nachdem die Jungen nun geschätzt eine Woche bei ihr einsaßen, änderte sich jedoch etwas daran.

»Ich hielt eine briefliche Konversation mit dem Zuhörer und unterrichtete ihn über euren Fall«, eröffnete sie an diesem Tag (oder Abend, mittlerweile war sich Lucien selbst da nicht mehr sicher). »Er brachte mir die Worte der Mutter der Nacht. Sie will euch weiterhin in der Bruderschaft wissen, sie sagt, dass ihr es weit bringen werdet. Doch sie sagt auch, dass es so nicht weiter gehen kann. Eure Hitzköpfigkeit ist ein Problem und kann allzu leicht dazu führen, dass ihr die Bruderschaft und all ihr Geheimnisse verraten werdet. Dagegen muss etwas unternommen werden.

Eure Strafe für euren Verstoß gegen unsere Gebote habt ihr bekommen, doch das war nicht das Letzte, das wir unternehmen werden müssen. Ihr müsst lernen, ruhiger und ausgeglichener zu sein. Und das lernt ihr am besten, wenn ihr euch nicht ständig seht. Lucien wird nach Falkenring gehen und unsere Brüder und Schwestern dort kennen lernen. Du wirst von Vicente Valtieri dorthin  begleitet. Caius geht nach Morrowind zu einer unserer dortigen Zufluchten und ebenfalls frischen Wind um die Nase bekommen.«

»Aber ich will nicht …!«, begann Caius mit seinem Protest, wurde jedoch sofort von einem strengen und eisigen Blick Drewanis zum Schweigen gebracht. Er kuschte und zog den Kopf ein.

Lucien bekam große Augen. Er war sich nicht sicher, ob dies eine Strafversetzung war oder ob er sich darüber freuen sollte, Caius endlich los zu sein. Auf der anderen Seite bedauerte er es schon jetzt sehr, von seiner neuen, liebgewonnenen Familie getrennt zu sein.

»Wo liegt Falkenring?«, fragte er vorsichtig.

»Es handelt sich dabei um ein kleines Fürstentum in Himmelsrand, das südlichste, um genau zu sein«, erklärte die Sprecherin kurz angebunden.

»Himmelsrand!«, entfuhr es dem Jungen halb entsetzt, halb entgeistert. »Gibt es dort Drachen?« Er wusste sofort, dass das eine dumme Frage war. »Entschuldigt, Meisterin«, nuschelte er sogleich.

Drewani überging dies. »Vicente Valtieri wird in der Abenddämmerung hier erscheinen«, sagte sie. »Er wird euch zurück in die Zuflucht bringen, wo Lucien sein Sachen packen und noch heute aufbrechen wird. Caius wird später von einem Dunklen Bruder seiner neuen Zuflucht abgeholt; er ist bereits auf dem Weg hierher.«

Wie üblich erhob sie sich ohne ein weiteres Wort und verschwand.

Caius war wohl ebenso verblüfft von der Wendung der Dinge wie Lucien selbst. »Skyrim«, murmelte er. »Der erfrorene Arsch der Welt. Und erst Morrowind! Ödes Aschland und ein Haufen Dunkelelfen.«

Lucien spürte die Spitze, aber aus Angst vor Drewani und einer damit womöglich einhergehenden Verlängerung ihrer Haft, schluckte er seinen Ärger hinunter. Stattdessen beschloss er, noch einige Kräfte zu sammeln und zu schlafen, bis der Vampir kam, um ihn abzuholen.

Die Zeit verging schneller als gedacht, nachdem sie in den letzten Tagen vor Langeweile beinahe umgekommen waren. Lucien wurde durch das Quietschen der Scharniere der Gittertür geweckt. Er hatte schon immer einen leichten Schlaf gehabt und seit er bei der Bruderschaft war, hatte sich das noch verstärkt. Manchmal war er sogar vom Rascheln der Mäuse im Stroh munter geworden. Sich den Schlaf aus den Augen reibend erhob er sich und sah sich der Sprecherin gegenüber, an ihrer Seite Vicente Valtieri, erstaunlich erfrischt für seine Verhältnisse.

Arela Drewani bedeutete den Jungen, dass sie nun endlich aus ihren Zellen treten durften. Sogleich streckten sie ihre steifen Glieder und sahen zu, dass sie dem nachkamen.

»Ihr habt einigen Unfug angestellt«, wurden sie sogleich von Valtieri begrüßt. »Es ist dennoch gut, euch wieder zu sehen!« Er entblößte seine Fangzähne, seine Art des Lächelns. Er glaubte, dass das tatsächlich freundlich wirkte. Die Realität sah so aus, dass Lucien selbst jetzt noch einen Fluchtreflex dabei verspürte, obwohl er wusste, dass er von dem Vampir nichts zu befürchten hatte.

»Nehmt den einfachen Weg«, sagte Drewani, offensichtlich froh, die Jungen endlich wieder los zu sein.

»Wir danken Euch«, sagte Vicente sogleich mit einer leichten Verbeugung. Dann wandte er sich an die Jungen. »Kommt. Ihr wisst sicherlich schon, wie mit euch verfahren werden soll. Lucien soll sein hitziges Gemüt im kalten Himmelsrand abkühlen und ich soll ihn hinbringen. Ehrlich gesagt freut es mich; ich habe Babette schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.«

Vicente steuerte die Wohnbereiche an, während Drewani unbeteiligt folgte und sich wieder ihrem Tagwerk widmete. Die Jungen beeilten sich, dass sie hinter dem Vampir her kamen. Zu ihrem Erstaunen hielt er auf eine Leiter zu, die an einer der Wände angebracht war. Als sei es selbstverständlich, kletterte er hinauf. Die Jungen folgten ihnen und fanden sich alsbald in einem Schacht wieder. Die Wände wechselten bald von Stein zu Holz. Über ihnen öffnete Vicente eine Falltür und willkommene, kühle Luft strömte herein. Als er herausgeklettert war, beeilten sich die Jungen, dass sie ihm folgten. Endlich nicht mehr nur die modrige Luft ihres Gefängnisses atmen!

Sie waren aus einem alten Baumstumpf herausgekommen. Ein Baumriese schien hier einst umgefallen, als sein Inneres schon ganz vermodert und hohl gewesen war. Seine Überreste waren als Versteck für den Geheimgang genutzt worden.

Mit großen Augen schaute Lucien zu den Sternen auf. Er hätte niemals gedacht, dass er einmal so froh darüber sein würde, sie zu sehen. All die vertrauten Sternbilder schienen über ihm und funkelten wie kleine Juwelen am Nachthimmel.

»Kommt, nicht bummeln«, drängte Vicente sie. »Ich will heute noch einiges an Weg zurücklegen mit Lucien. Bis nach Skyrim ist es ein weiter Weg.«

Skyrim … Plötzlich fühlte sich Lucien wieder heimatlos. Ob er jemals wieder an den Ort zurückkehren würde, der ihm Heimat und Familie geschenkt hatte? Schwermut befiel ihn, dennoch folgte er dem Vampir.

Glitzerndes Purpur auf weißen Feldern

Nur widerstrebend packte Lucien seine Sachen. Er besaß ohnehin zusätzlich zu seiner Eingehüllten Rüstung nur ein Set ziviler Kleidung sowie seinen Dolch, nebst der Rüstung sein wertvollster Besitz. Darüber hinaus packte er ein wenig Werkzeug ein, um Waffe und Rüstung unterwegs zu pflegen, sowie Proviant. Doch egal, wie langsam er packte, es ging nicht langsam genug und das Ende ließ sich nicht auf ewig hinauszögern.

  Anscheinend wussten die anderen Mitglieder der Zuflucht bereits von dem Urteil, das über ihn verhängt worden war. Zunächst sprach niemand ihn darauf an, doch alle warfen ihm vielsagende Blicke zu. Zwar schien sein Verstoß nicht vergessen zu sein, doch die meisten schienen ihn tatsächlich zu vermissen. Einzig Sares sprach ihn darauf an.

  »Du weißt um deine Fehler«, sagte der Dunkelelf. »Deine Strafe war und ist angemessen, daran wird sich in meinen Augen nichts ändern. Wisse dennoch, dass ich dich vermissen werde, Stift.«

Lucien wurde der Hals eng. In der Vergangenheit hatte er seinen Spitznamen gehasst, doch nun ging ihm mit einem Male auf, dass er eher liebevoll und freundlich gemeint war.

»Danke«, brachte er mit halb erstickter Stimme hervor.

»Es wird dir gut tun, ganz sicher«, betonte Sares noch einmal. »Und dass du uns jetzt verlässt, heißt nicht, dass du nicht wiederkehren kannst. Früher oder später werden wir uns schon wiedersehen.«

  Der Junge lächelte dankbar, und zumindest ein Teil des Gewichts, das auf ihm und seinen schmalen Schultern lastete, wurde von ihm genommen. Er bedeutete seiner Familie immer noch etwas und war nicht gänzlich aus ihren Reihen verstoßen.

  Doch Vicente wartete auf ihn und wäre sicherlich nicht erfreut über eine weitere Verzögerung ihres Aufbruchs. Lucien sah zu, dass er den Vampir nicht allzu sehr verärgerte, schnappte sich sein kleines Bündel und begab sich in den Hauptraum. Wie gedacht, wartete der Vampir bereits auf ihn.

  »Hast du alles? Gut«, sagte er. »Ich will heute noch einige Meilen zurücklegen, ehe die Sonne aufgeht. Sie brennt immer so unangenehm auf der Haut, egal ob ich gesättigt bin oder nicht.«

  Lucien hatte mittlerweile erfahren, dass Vampire nicht zwangsläufig von der Sonne geschädigt wurden. Sie verminderte zwar ihre Kräfte, verbrannte sie jedoch erst dann, wenn sie lange keine Nahrung mehr zu sich genommen hatten. Dennoch schien Vicente nicht allzu erpicht darauf zu sein, übermäßig bei Tage zu reisen. Der Junge stellte sich auf durchwachte Nächte und Rasten bei Tage ein.

  Sie machten sich unverzüglich auf den Weg. Sobald sie die Stadt verlassen hatten, begann Vicente, ein Lied vor sich hin zu pfeifen. Anscheinend empfand er es als nicht allzu schlimm, den Aufpasser für Lucien spielen zu müssen, sondern nahm die ganze Angelegenheit locker. Daher wagte es Lucien auch eine Frage zu stellen.

  »Wer ist Babette?«, wollte er wissen.

  »Oh, du wirst sie mögen, denke ich«, sagte Vicente. »Sie ist ein Vampir, ähnlich wie ich, wenn auch erst einige Jahrzehnte alt. Und sie hat es faustdick hinter den Ohren.« Vicente zwinkerte zwar, schien aber ansonsten nicht geneigt, weiter darauf einzugehen.

  Lucien vertröstete sich damit, dass er Babette in wenigen Tagen kennen lernen würde. »Wer lebt noch alles in der Zuflucht?«, fragte er stattdessen.

  »Auch die Zuflucht in Skyrim untersteht der Führung Arela Drewanis«, antwortete der Vampir. »Daher wurde sie als dein neues Zuhause auserkoren. Die Zuflucht wird von Hilda geleitet, eine Nord und Werwölfin, angeblich sehr fähig, aber auch sehr wild, ihrer wölfischen Natur entsprechend. Dann gibt es noch Malik, ein Rothwardone und Assassine, Valdimar Hammerhand, ebenfalls ein Nord und Eliminator, und Hjortkar, Nord und Schlächter. Ehrlich gesagt kenne ich selbst bis auf Babette und Hilda keines der anderen Mitglieder persönlich, daher kann ich dir nicht viel über sie sagen. Aber ich denke, dass du dennoch nicht allzu sehr mit Met abgefüllt und dich gut mit den vielen Nord verstehen wirst, wenn du dich auf ihre bärbeißige Art eingelassen hast.«

  Irgendwie hatte Lucien genau drauf keine Lust. Das, was er von Nord kannte, hatte ihm nie wirklich zugesagt. Sie waren ihm trotz der interessanten Dinge, die er mittlerweile zu ihrem Land kannte, zu grob, zu streitlustig und zu laut. Er konnte sich nicht vorstellen, wie eine Zuflucht, bewohnt fast ausschließlich von Nord, funktionieren konnte. Seine Laune sank weiter, doch er hütete seine Zunge.

  Vicente legte ein straffes Tempo vor. Er war in der Tat bestrebt, in dieser Nacht noch ein gutes Stück Weg hinter sich zu bringen, und nahm zunächst keine Rücksicht auf Lucien. Erst als dieser deutlich fußlahm wurde und hinterherzuhinken begann, drosselte er sein Tempo und legte schließlich auch, als die Morgendämmerung einsetzte, eine Pause ein. Sie suchten sich einen geschützten Ort und breiteten dort ihre Lager aus. Lucien schaffte es kaum noch, etwas zu essen, bevor er nahezu augenblicklich einschlief.

  Anscheinend störte es den bretonischen Vampir nicht wirklich, denn er ließ den Jungen schlafen. Erst am Nachmittag weckte er ihn, um selbst ein wenig zu ruhen. Lucien, der nun deutlich ausgeruhter war, ging auf, dass er noch nie einen Vampir hatte schlafen sehen. Er hatte angenommen, dass sie auch wie normale Mer schlafen würden, doch stattdessen war es der Schlaf eines Toten. Vicente lag regungslos da, die schmalgliedrigen Hände über der Brust gefaltet und die leeren, offenen Augen gen Himmel gerichtet. Es war durchaus als verstörend zu bezeichnen.

  Auf den Punkt genau, als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, regte sich Vicente erneut, als würde er von den Toten wiederauferstehen. Was, so überlegte Lucien, so verkehrt gar nicht sein mochte. War man vom Vampirismus befallen, so führte man, suchte man keine Heilung, fortan ein untotes Leben.

  Sie aßen etwas, was eigentlich hieß, dass Vicente dasaß und Lucien dabei zusah. Dem Jungen fiel auf, dass der Vampir nicht mehr ganz so frisch wie am Abend zuvor aussah. Ob er als Blutspender herhalten musste oder hatte sein Begleiter seine eigenen Vorräte dabei? Er hoffte auf letzteres.

  Nachdem Lucien sein kleines Mahl beendet hatte, packten sie ihre Sachen und machten sich wieder auf den Weg. Wie schon einige Zeit zuvor schlugen sie eine Strecke in Richtung Bruma ein. Von dort führte ein Bergweg über die Jerall-Berge nach Skyrim und damit auch nach Falkenring. Dies war die einzig halbwegs sichere und gangbare Strecke durch die Berge, solange man keine Bergziege war oder Flügel besaß.

  Vicente pfiff entweder weiter fröhlich vor sich hin oder erzählte gelegentlich dieses oder jenes aus seinem Leben. Lucien war positiv überrascht, denn bis jetzt hatte er noch keines seiner Dunklen Geschwister so gesprächig erlebt.

  »Ich habe ein Allergie gegen Knoblauch«, sagte der Vampir irgendwann im Laufe der Nacht. »Der Volksmund behauptet, dass das alle Vampire hätten, aber das stimmt nicht. Die Wahrheit ist, dass ich der einzige Vampir mit dieser Abneigung bin, von dem ich weiß. Ich hatte die Allergie schon immer, sie war aber wider Erwarten nicht mit meiner Transmutation verschwunden.«

  Irgendwo schuhute eine Eule, gefolgt vom fernen Heulen eines Wolfes.

  »Warum sagen dann die Leute, dass Knoblauch Vampire fernhält?«, fragte Lucien erstaunt. Es war auch ihm neu, dass Knoblauch nutzlos war.

  Vicente zuckte mit den Schultern. »Weil er stinkt, vielleicht?«, schlug er vor. »Sie mögen den Geruch nicht, also denken sie vielleicht, dass auch Vampire mit ihren viel feineren Sinnen ihn erst recht nicht mögen. Manche behaupten auch, Weihwasser würde helfen.« Er lachte auf. »Das ist nur Wasser! Ihre sogenannten Neun Göttlichen sind eine Lüge, denn einzig und allein Sithis existiert in der Leere. Hast du jemals zu den Göttern gebetet? Oder den Daedra?«

  Und wieder war Lucien erstaunt. Selten hatte einer seiner Lehrer ihn etwas gefragt, das über ihren Unterricht hinaus ging, und so gut wie nie hatten sie sich nach seiner Vergangenheit erkundigt.

  Etwas verwirrt über das plötzlich aufgekeimte Interesse seines Begleiters schüttelte er daher den Kopf. »Nein, ich hatte andere Sorgen, bis mich Herrin Drewani fand«, sagte er. »Man sorgt sich auf der Straße nicht um irgendwelche Aedra und Daedra, wenn man nicht verenden will.«

  Vicente nickte. »Ich verstehe«, sagte er. »Nach meiner Ansicht hast du damit auch nichts verpasst. Die Existenz höherer Mächte außer der Sithis‘ ist anzuzweifeln.«

  Im Laufe ihres weiteren Weges mieden sie Bruma gänzlich und marschierten gleich weiter gen Norden. Wie sich herausstellte, hatte Vicente tatsächlich seine eigenen Blutkonserven dabei, die er in verkorkten Weinflaschen bei sich trug und von denen er an jedem zweiten Morgen einige Schlucke trank. Irgendetwas war dem Blut beigemischt, sodass es nicht gerann und halbwegs frisch blieb. Lucien wollte ehrlich gesagt nicht wissen, woher er all das Blut hatte.

  Schon als Lucien das erste Mal in diesen Gefilden gewesen war, hatte er die Kälte empfindlich gespürt, auch wenn seine Rüstung einiges abgehalten hatte. Dieses Mal hatte Vicente für sie beide kältetauglichere Kleidung eingepackt, und eine der Garnituren würde er auch Lucien für seinen Aufenthalt in Skyrim überlassen. Und Lucien merkte bald, dass das auch bitternötig war.

  Sie mussten schon wenige Meilen hinter Bruma die Felle um sich wickeln, um sich gegen den Wind und die beißende Kälte zu schützen. Winzige Eiskristalle, aufgewirbelt von den Schneewehen, schnitten schmerzhaft in ihre Haut, wenn sie nicht aufpassten und nicht möglichst alles bedeckten.

  »Ich beneide Babette«, kommentierte Vicente. »Die Vampire Skyrims haben, egal, welchem Clan sie angehören, eine gewisse Resistenz gegen Kälte, sicher eine Anpassung an das raue Klima des Landes. Aber ich bin ein verwöhnter Südländer, der sich die Porphyrische Hämophilie in Cyrodiil einfing.« Er sagte letzteres nicht ohne einen gewissen Humor, weshalb Lucien daraus schloss, dass er es als nicht allzu schlimm empfand, keinem der Vampirclans Skyrims anzugehören.

  »Um dich zu warnen«, sagte der Vampir unerwartet. »Ohnehin solltest du dich vor fremden Vampiren in Acht nehmen. Nur weil Babette und ich an die Gebote gebunden sind, sind wir vergleichsweise zahm gegenüber anderen Mitgliedern der Bruderschaft. Kein anderer Vampir würde ohne weiteres einen friedlichen Plausch ohne heimtückische Hintergedanken mit dir halten, wie ich es gerade tue. Und in Himmelsrand lebt ein ganz besonderer Vampirclan. Die Vampire von Burg Volkihar nehmen sich heraus, die ersten Vampire überhaupt zu sein, erschaffen von Molag Bal höchstselbst. Ihr Fürst, Harkon, ist ein tödlicher Meistervampir und seine Frau und Tochter sind Töchter Kalthafens. Niemand, nicht einmal ein noch so mächtiger Vampir, würde wagen, sich ihnen und ihren Lakaien in den Weg zu stellen. Meide jeglichen Kontakt mit irgendeinem anderen Vampir außer Babette und außer, man traut es dir zu, ihn unbeschadet zu töten. Und selbst dann solltest du kein Risiko eingehen.«

  Skyrim mit all seinen Sagen und Legenden zeigte schon jetzt immer mehr seine grausamen und harten Seiten. Dieses Land war wild und rau und ungebändigt und voller Gefahren für jene, die sich ihm unwissend stellten.

  Lucien nickte. »Ich werde es mir merken, danke.«

  Die Überquerung der Berge dauerte mehrere Tage. Es war mühsam und kräftezehrend, denn ein Sturm kam auf, zwar nicht so stark und gefährlich, dass sie gezwungen waren, für seine Dauer einen sicheren Unterschlupf zu suchen, doch stark genug, um ihr Vorankommen erheblich zu erschweren. Laut den Aussagen des Vampirs waren Stürme keine Seltenheit im Gebirge und sie konnten von Glück reden, dass sie nur in einen vergleichsweise kleinen geraten waren.

  Die Grenze zu Skyrim überschritten sie beinahe unmerklich. Dass sie es überhaupt getan hatten, bemerkte Lucien eigentlich nur dadurch, dass Vicente es ihm gesagt hatte. Nachdem es nun tagelang lediglich bergauf gegangen war, davon ein nicht unerheblicher Teil im Kampf gegen das Wetter, führte ihr Weg nun auch gelegentlich in Serpentinen abwärts. Nun fiel es Lucien auch auf, dass die Luft anders war. Erst hatte er es den hochgelegenen Gefilden zugeschrieben, doch die kühle, würzige und vor allem klare Luft blieb auch, nachdem sie wieder allmählich die höheren Regionen verließen. Die typische Luft Skyrims.

  Lucien war mit sich im Zwiespalt, ob er sich auf Himmelsrand freuen sollte oder nicht. Drachen würde er keine sehen und legendäre Nord wie Olaf Einauge aller Voraussicht auch nicht. Viel blieb dann nicht mehr, was er aus dem, was er bereits wusste, an diesem Land mochte. Er beschloss, dass es besser war, alles einfach auf sich zukommen zu lassen und zu sehen, wie die Dinge wirklich standen, statt gleich so pessimistisch an die Sache heranzugehen, wie er es eigentlich fast die ganze Zeit über getan hatte. Er erinnerte sich der Worte Sares‘, dass es nicht ausgeschlossen war, dass er auch wieder zurück nach Cheydinhal kommen konnte, wenn die Zeit reif dazu war.

  Nachdem sie nun bereits gut eine Woche unterwegs waren, tauchte vor ihnen die erste Siedlung im fremden Land auf. Helgen, ein kleines Dorf im Fürstentum Falkenring, obwohl nach Aussage Vicentes die gleichnamige Hauptstadt des Fürstentums, Falkenring, nur unwesentlich größer war.

  »Manche der sieben Fürstentümer besitzen riesige Zentren der Macht, Markarth beispielsweise im Reach«, sagte er. »Die Dwemer erbauten die Stadt vor vielen, vielen Jahren, ehe sie spurlos verschwanden, und auch heute ist sie der Sitz einer mächtigen Silberindustrie. Andere Jarls in Himmelsrand regieren wie Jarl Sterngeir Bärenfaust nur unbedeutende Gebiete.«

  Es führte kein Weg an Helgen vorbei. Sie befanden sich zwar nicht mehr in den allerhöchsten Gebirgslagen, doch noch immer weit genug im Gebirge, dass es oft keine anderen Wege gab als die bereits angelegten. Helgen war zwar klein, aber dennoch von einer wehrhaften Mauer umgeben, die klar machte, dass unerwünschte Besucher in Himmelsrand nichts zu suchen hatten. Sie wechselten vorsichtshalber ihre Kleidung und verbargen alles Verräterische möglichst unter ihren Fellen. So würden sie durchaus als Vater und Sohn durchgehen.

  Die Bewohner Helgens waren es gewohnt, dass ihr Dorf eine Transitstation für Reisende von und nach Cyrodiil war. Für die Wirtschaft des Fürstentums Falkenring war das durchaus von Vorteil, da es Geld in die Kassen spülte. Skyrim war zwar ein Teil des Kaiserreiches und stand damit unter der Oberherrschaft Kaiser Uriel Septims VII., doch es war noch immer ein eigenes Reich mit einem Hochkönig in Einsamkeit und sechs weiteren Fürstentümern, regiert von ihren eigenen Jarls. Aufgrund dessen war Zoll zu entrichten, und Vicente äußerte die in seinen Augen eigentlich nahezu sichere These, dass nicht alle Zolleinnahmen in den Staatskassen von Hochkönig Fyrnir landeten.

  Der Vampir murrte, während er die Septime aus seinem Geldbeuten kramte und sie dem Nord aushändigte. Ebenso murrend wurden sie nach ihren Namen gefragt, und Vicente log wie gedruckt Namen für sie herbei. Mit griesgrämiger Mine notierte der Nord alles Erfragte und winkte sie dann durch.

  »Ihr kennt hoffentlich die Gesetze der Nord«, brummte der Mann mit dem riesigen Bart ihnen hinterher. »Unwissen schützt euch nicht vor den Gefängnissen der Jarls. Benehmt euch!«

  Vicente lächelte möglichst freundlich und nickte zur Bestätigung. Ehe sie sich vollends abwandten, schickte er noch einen Gruß hinterher. Der bärbeißige Nord schien davon nichts wissen zu wollen.

  »Meine Menschenkenntnisse rosten anscheinend langsam ein«, murmelte Vicente vor sich hin. »Ohne einen Zauber hätte ich ihn nicht freundlicher stimmen können.«

  »Habt Ihr ihn etwa bezaubert?«, wunderte sich Lucien.

  »Nein, aber ich hätte es tun können«, erwidere der Vampir. »Meinesgleichen kann auf magische Weise viele Leute dazu bringen das zu tun, was wir wollen. Aber man muss ja nicht immer gleich auf die eigenen besonderen Fähigkeiten zurückgreifen, finde ich.«

  Sie hielten sich in Helgen nicht länger als nötig auf. Ihre Vorräte waren noch nicht aufgebraucht und bis Falkenring war es nicht mehr weit. Wahrscheinlich würden sie das Dorf noch vor Mitternacht erreichen.

  Ein weiterer Weg führte wieder aus Helgen heraus und schlängelte sich weiter durch die Berge. Die Landschaft wurde mittlerweile wieder grüner und die kargen Felsen wichen. Gelegentlich sprang ein Schneehase vor ihnen davon, doch ansonsten waren sie allein mit sich und der Natur um sie herum.

  »Die Nord reisen sehr wenig«, sagte Vicente. »Die Straßen Himmelsrands sind gefährlich und nur wenige wagen es, sich den Kreaturen dieses Landes zu stellen. Vor allem trifft man jedoch auf den Straßen auf Handelskarawanen der Khajiit. Sie sind oftmals gut genug ausgerüstet, um sich Wölfen, Bären, Banditen und anderen Gefahren dieses Landes zu stellen.«

  »Aber die Nord sollen doch ein so kriegerisches Volk sein«, erinnerte sich Lucien. »Sie wissen sich doch sicher auch zu wehren.«

  »Tritt jeder Kaiserliche in die Legion ein?«, hielt der Vampir dagegen. »Genauso wenig ist jeder Nord ständig vom Met betrunken oder führt stets eine monströse Streitaxt bei sich. Wenn die Dienste von Soldaten benötigt werden, wenden sich die Bewohner Himmelsrands oft an die Gefährten, eine Organisation ähnlich unserer Kämpfergilde. Sie haben ihren Sitz in Jorrvaskr in Weißlauf. Vielleicht siehst du ihre Methalle eines Tages.«

  Die Dunkelheit war noch nicht lange über sie hereingebrochen, als sie vor sich zwischen dem dünnen Baumbestand erste Lichter auftauchen sahen. Falkenring.

  Vicente hatte nicht vor, sich auch in diesem Dorf zu zeigen, sondern wollte es nördlich umrunden. Die Zuflucht befand sich, anders als in Cheydinhal, nicht direkt in der Siedlung, sondern lag etwas außerhalb unter einer Böschung nahe der Straße.

  »Gut versteckt und doch in einer komfortablen Lage«, kommentierte er. »Angeblich weiß der Jarl nicht einmal davon, sodass diese Zuflucht nicht wie wir zu gewissen Mitten greifen muss, um sich vor unliebsamen Besuchern zu schützen.«

  Auch wenn sie sich dafür die Füße nass machen mussten, als sie einen kleinen Bach querten, welcher ein Mühle betrieb, schwenkten sie noch vor dem kleinen Schutzwall von der Straße ab und suchten sich ihren Weg nördlich von Falkenring durch den Wald, welcher hier mittlerweile recht dicht stand. Als Lucien jedoch nahe bei sich einen Grabstein im Dunkeln auftauchen sah, beschienen vom Mondlicht, hielt er inne und sah sich etwas genauer im wenigen Licht der nächtlichen Gestirne um.

  »Der Friedhof ist groß«, stellte er leise fest.

  »In der Tat«, bestätigte Vicente. »Der Friedhof von Falkenring gelangte bereits zu einer gewissen Berühmtheit, da hier viele gefallene Helden der Nord begraben liegen. Die Geschichten kannst du dir jedoch auch später anhören. Wir haben es jetzt nicht mehr weit. Komm.«

  Es waren nur noch wenige Minuten, bis sie ihr Ziel erreichten. Vorsichtig kletterte Vicente, gefolgt von Lucien, einen kleinen Abhang hinab. Sie befanden sich nun in einer recht tiefen Mulde im Waldboden, die teils von einem kleinen Tümpel ausgefüllt war. Unter einem Überhang aus Fels und Erde drang ein rötliches Licht hervor, das Lucien nur allzu gut kannte. Als er näher trat, erkannte er die Schwarze Tür.

  »Was ist die Musik des Lebens?«, fragte ihn eine mysteriöse Stimme.

  Lucien, da er wusste, was es mit diesen Türen auf sich hatte, wandte sich etwas ratlos an Vicente, welcher bereits an ihn herangetreten war.

  »Stille, mein Bruder«, gab dieser die korrekte Antwort.

  »Willkommen daheim«, begrüßte sie die Stimme und erlaubte ihnen damit den Eintritt.

  »Immer hinein in die gute Stube!«, kommentierte der Vampir fröhlich und trat durch die Tür. Lucien, nun durchaus neugierig, was ihn erwartete, folgte hinterdrein.

  Sie traten in einen Gang, wie ein Teil der Zuflucht zu einer alten Ruine der Nord gehörend, wie Vicente bereits auf ihrem Weg hierher erzählt hatte, welcher kurz darauf in einen ersten Raum führte. Ein Tisch mit einer großen Karte darauf stand hier nebst einem morsch wirkenden Regal, und an diesem Tisch stand eine Frau, gekleidet in die Eingehüllte Rüstung der Bruderschaft und mit einer Axt auf ihrem Rücken bewaffnet. Als sie die Neuankömmlinge bemerkte, hob sie den Blick von der Karte und kam ihnen entgehen.

  »Willkommen, willkommen!«, begrüßte sie sie. »Wir haben uns wirklich lange nicht mehr gesehen, Valtieri. Und das da an Eurer Seite muss unser jüngster Zuwachs sein, den Drewani uns zuteilte.«

  »Überschwänglich wie eh und je, Hilda«, erwiderte Vicente die Begrüßung.

  Die Nord schob ihre Kapuze zurück und enthüllte dabei eine blonde Lockenpracht, die durch die Zöpfe und Bänder kaum zu bändigen war. Ihre dunkelblauen Augen funkelten und ließen etwas Wildes, Animalisches durchscheinen, das unter der scheinbar ruhigen Oberfläche zu lauern schien: der einzige Hinweis darauf, dass Lucien sich soeben das erste Mal in seinem Leben einem Werwolf gegenüber sah.

  Die Zufluchtsleiterin trat auf ihn zu und beugte sich zu ihm herab, um ihn genauer zu mustern. »Oh, ich sehe schon, ich werde dich zum Fressen gern haben!« Dann lachte sie meckernd und aus vollem Halse über ihren eigenen Witz.

  »Und ich sehe, dass Eure Witze ebenfalls keinen Deut besser wurden«, kommentierte Vicente trocken.

  »Ach, was habt Ihr nur?«, hielt Hilda dagegen. »Ihr seid ein alter, vertrockneter, humorloser Vampir und versteht das nicht.«

  Lucien stockte ob dieser Respektlosigkeit seinem Mentor gegenüber, doch dieser hob nur eine Augenbraue und sagte nichts dazu, obgleich sie beide als Henker vom gleichen Rang waren.

  Hilda schien das ganze schon wieder vergessen zu haben, denn sie bedeutete den beiden, ihr zu folgen, und führte sie tiefer hinein in die Zuflucht. Sie gingen einen weiteren Gang entlang, der sie in eine natürlich entstandene Höhle führte. Ein Wasserfall von einem unterirdischen Gewässer stützte hier in ein Becken. Mehrere Durchgänge zweigten von der Höhle ab und schienen zu weiteren Bereichen der Zuflucht zu führen. Im hinteren Bereich der Höhle machte Lucien eine große Felsmauer aus, in welche seltsame Zeichen geritzt waren.

  Doch ehe er sich danach erkundigen konnte, stürmte ein kleines Mädchen auf ihn zu.

  »Helft mir! Helft mir!«, schrie es. »Ich wurde von den Meuchelmördern gefangen genommen und entführt!« In Panik klammerte sie sich an Lucien, welcher davon völlig überrumpelt war. Etwas stimmte hier nicht …

  »Babette, Ihr ward auf jeden Fall schon kreativer, was das Begrüßen neuer Mitglieder anbelangt«, rügte Hilda.

  Erst da ging Lucien ein Licht auf. Das Mädchen, das sich zwar immer noch an ihn klammerte, nun aber vor sich hin kicherte, war also Babette, der Vampir, den wiederzusehen Vicente sich so sehr gefreut hatte. Er hätte nicht damit gerechnet, dass Babette noch so jung war. Nun, jung war wohl nicht das richtige Wort, sein Lehrer hatte erwähnt, dass sie bereits einige Jahrzehnte alt war. Doch sie musste gebissen worden sein, als sie ungefähr zehn Jahre alt gewesen war, schätzte der Junge.

  Babette löste sich nun doch von ihm und trat vor die Neuankömmlinge. »Du musst Lucien sein«, stellte sie fest. »Schön, dich kennen zu lernen! Ich bin Babette. Aber lass dich nicht von meiner Erscheinung täuschen. Ich bin sehr bissig, siehst du?« Sie bleckte ihr Vampirgebiss und schnappte spielerisch nach dem Jungen.

  »Den Spieltrieb habt Ihr aber dennoch nicht abgelegt«, kommentierte Vicente mit einem Grinsen auf dem Gesicht.

  »Und Ihr seid wirklich ein vertrockneter alter Vampir!«, konterte Babette. »Das gehört alles zu meiner Rolle, wisst Ihr? ›Oh, guter Mann, bitte helft mir, ich habe meine Puppe dort hinten in der Gasse verloren!‹ Versteht ihr? Und dann überfalle ich sie!« Sie kicherte boshaft in sich hinein.

  Lucien nahm sich felsenfest vor, sich nicht von Babettes kindlichem Äußeren täuschen zu lassen. Sie schien ein verschlagenes Biest zu sein, das es faustdick hinter den Ohren hatte.

  »Vicente, Ihr kennt Euch hier ein wenig aus«, sagte Hilda und überging Babettes Auftritt damit weitestgehend. »Fühlt Euch hier wie zu Hause. Ich werde derweil den Jungen herumführen und den anderen Familienmitgliedern vorstellen. Babette hat sich ja bereits von ihrer besten Seite gezeigt.«

  »Was hat es mit dieser seltsamen Wand dort hinten auf sich?«, fragte Lucien rasch, ehe sich vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu bot.

  »Die Nord nennen das eine Wortmauer«, sagte Babette. »Die Drachenpriester aus den Legenden sollen sie errichtet haben. Der Text darauf ist in der Schrift und Sprache der Drachen verfasst, aber keiner kann sie heute mehr lesen. Angeblich birgt der Text große Macht. Aufregend, oder?«

  Das Vampirmädchen verstand es wirklich meisterlich, das unschuldige, unbedarfte Mädchen zu geben.

  »Komm, Junge«, erinnerte Hilda ihn. »Babette kann dir später noch Ammenmärchen erzählen. Davon kennt sie eine Menge.«

  Sie ging voran und Lucien sah zu, dass er sich beeilte ihr zu folgen. Sie gingen in einen weiteren Raum, wahrscheinlich ein Aufenthalts- und Essensraum, da sich hier eine Kochstelle sowie ein langer Tisch mit mehreren Stühlen daran befand. Ein Rothwardone stand gerade vor der Feuerstelle und schien einem jungen Khajiit etwas über das Kochen zu erzählen. Als die Zufluchtsleiterin mit dem jungen Mörder eintrat, hoben sie jedoch die Köpfe und wandten sich ihnen zu.

  »Das sind Malik, unser selbsternannter Koch, und sein Kochgehilfe M‘raaj-Dar«, sagte sie. »Malik,  M‘raaj-Dar, das ist Lucien, unser neuer Mörder in Ausbildung.«

  Der Khajiit schien nicht besonders glücklich über seine Bezeichnung. Malik hingegen begrüßte Lucien mit einem strahlenden Lächeln. Seine Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht besonders deutlich auf.

»Eigentlich ist M‘raaj-Dar ein Mörder wie du, wenn auch schon etwas erfahrener, wie man hört«, sagte der Rothwardone zu Lucien. »Er ist noch nicht so lange bei uns, ich glaube, Vicente wusste auch noch nicht über unseren Zuwachs Bescheid.«

»Die Gebote verbieten mir, dich zu töten«, stellte der Khajiit sogleich dar. »Aber sie zwingen mich nicht, dich zu mögen.«

»Sehr freundlich«, kommentierte Lucien ungehalten. »Bist du zu allen so?«

»Sehe ich so aus, als wollte ich Freundschaft mit dir schließen und Ringelreigen mit dir tanzen?«, knurrte die Katze.

»Es ist gut, M‘raaj-Dar«, erinnerte Hilda ihn. »Wir wissen alle, dass du niemanden leiden kannst. Und wenn ich böse bin, könnte ich dir dein provokatives Verhalten irgendwann einmal als Verstoß gegen die Gebote auslegen. Sei nett zu Lucien, das ist ein Befehl.«

M‘raaj-Dar knurrte und bauschte den Schwanz auf, fügte sich aber.

»Lass uns kochen«, lenkte Malik ihn ab. »Wir wollen schließlich unser Apfelmus nicht anbrennen lassen. Erwähnte ich, dass ich Kartoffelpuffer mit Apfelmus liebe?«

»Ja!«, knurrte M‘raaj-Dar ungehalten, doch da entfernten sich Hilda und Lucien bereits wieder. Der Junge beschloss, den anderen Mörder weitestgehend zu meiden. Er wollte nicht schon wieder Streit anfangen.

Die beiden letzten Mitglieder der Zuflucht in Falkenring fanden sie in den Wohnquartieren, an einem Tisch sitzend und Schach spielend.

»So ein Schwachsinn!«, brauste soeben ein wahrer Bär von Mann auf. Er trug nicht einmal mehr die sonst übliche Eingehüllte Rüstung sondern mehrere zu einer Rüstung aufgebesserte Felle. Eine wahrlich gigantische Streitaxt ragte über seiner Schulter auf.

Ihm gegenüber saß ein weiterer Nord, immer noch kräftig, doch im Vergleich zu seinem Gegenüber wirkte er zierlich und klein. Er trug zwei Schwerter an der Seite.

»So schwer ist das nicht, Valdimar, glaub mir«, sagte er.

Der Bär schnaubte. »Du tänzelst mit deinen Schwertern umher und faselst immer etwas von Taktik und klugem Vorgehen«, brummte er. »Ich gehe hin, schlag mit meiner Axt ein paar Schädel ein und verschwinde wieder. So einfach ist das. Das ist ein Spiel für imperiale Weicheier, nicht für Nord!«

Hilda seufzte, als sie zu der Szene hinzustießen. »Streitet ihr euch immer noch wegen diesem dummen Spiel?«, fragte sie.

»Valdimar will nicht verstehen, welch klugsinniger Geist hinter diesem Spiel steht«, sagte der Nord, von dem Lucien annahm, dass es sich um Hjortkar handelte, das letzte Mitglied der Zuflucht, das er noch nicht beim Namen kannte.

»Dann lasst es doch einfach, Hjortkar«, erinnerte Hilda ihn und bestätigte damit Luciens Vermutung. »Valdimar ist ein Holzkopf, der für die grobe Arbeit zuständig ist. Er wird das Spiel nie verstehen.«

»Und das gegenüber einem ehemaligen Offizier der Kaiserlichen Legion!«

Das wiederum erstaunte Lucien. »Ihr wart bei der Legion?«, platzte er heraus.

Der dunkelhaarige Nord nickte stolz. »Siehst du? Das Schwert habe ich noch.« Er präsentierte eine seiner beiden Waffen. »Brachte es weit, aber das Töten machte viel zu viel Spaß. Eines Tages besuchte mit die Sprecherin Drewani und offenbarte mir eine Möglichkeit, die mir deutlich mehr zusagte. Und so bin ich hier gelandet, ist erst wenige Jahre her, daher bin ich noch nicht so weit gekommen im Rang.«

»Was ist das denn für ein Hänfling?«, brummte Valdimar geradeheraus. »An dem ist doch nichts dran, den breche ich wie ein Streichholz in der Mitte durch.«

»Es muss ja auch nicht jeder so ein Grobian wie Ihr sein, Valdimar.« Hilda stemmte die Hände in die Hüften und baute sich vor dem riesigen Nord auf. Es sah grotesk aus, da sie neben ihm wie eine Puppe wirkte. »Das ist Lucien Lachance, unser Neuzugang. Drewani will, dass wir ihn weiter ausbilden, bis sie andere Pläne mit ihm hat. So lange gehört er zu uns und ist Teil unserer Familie. Verstanden? Weitermachen!«

»Ich werde das Gefühl nicht los, dass auch Ihr etwas gegen Schach habt, verehrteste Hilda«, kommentierte Hjortkar.

Hilda warf einen skeptischen Blick auf das Brett. »Kommt nicht auf die Idee, es mir auch beibringen zu wollen«, sagte sie. »Wir sind Assassinen der Dunklen Bruderschaft, keine Soldaten.«

»Aber es schadet nicht, wie ein Soldat denken zu können«, erinnerte der einstige Offizier sie.

»Ich werde darauf zurückkommen.« Der Ton der Zufluchtsleiterin machte deutlich, dass sie nichts dergleichen vorhatte. Stattdessen wandte sie sich wieder an Lucien. »Los, komm, du halbe Portion. Ich will sehen, was an dir dran ist, jetzt, wo du deine neue Familie kennst.«

Halbe Portion, Hänfling, Stift. Innerlich seufzend fragte sich Lucien, ob er jemals die Spitznamen loswerden würde.

Hinter ihnen lachte Valdimar wiehernd los. »Halbe Portion, der war gut!«

Hilda winkte seufzend ab. »Idiot«, brummte sie.

Als sie außer Hörweite waren, fragte Lucien: »Ist Valdimar wirklich so dumm oder tut er nur so?« Er wusste, dass dies ihm als große Respektlosigkeit ausgelegt werden konnte, aber irgendwie spürte er, dass er es sich dem Bär gegenüber leisten konnte.

»Nein, er ist wirklich so dumm«, sagte Hilda, während sie ihn wieder zurück in die Haupthöhle führte. »Hat als Kind zu viel Met gesoffen und wahrscheinlich auch ein, zweimal die Axt seines Vaters auf den Schädel bekommen. Ist grobe Arbeit zu leisten, ist er jedoch der Mann dafür. Du kannst dir denken, warum. Er ist dumm, aber nett. Jedenfalls seiner Familie gegenüber. Zwar tut er immer so grob, aber er würde es niemals, nicht einmal im Traum, wagen, jemanden von uns zu grob anzufassen.«

Mittlerweile waren sie im Hauptraum angekommen. Hilda nahm Stellung ein, als wollte sie sich auf einen Kampf vorbereiten und wahrscheinlich hatte sie genau das vor.

»Drewani gab mir zwar einen Bericht über dich, aber Taten sagen mehr als Worte«, meinte sie. »Ich will sehen, was du bereits kannst. Dann sehen wir weiter. Zieh deinen Dolch.«

Etwas überrumpelt, aber dennoch mehr oder weniger bereit kam Lucien dem nach. Die Nord ließ ihm keine Zeit mehr, sich auf einen Angriff vorzubereiten. Mehr schlecht als recht wehrte er den Schlag mit ihrer Axt ab; immerhin griff sie mit einer kleineren Handaxt an ihrem Gürtel an und nicht mit der großen Streitaxt. Gegen diese würde er nicht bestehen können, das wusste Lucien.

Dennoch traf ihn der Schlag hart. Sein Arm erzitterte, und er befürchtete, dass sein Dolch brechen würde. Rasch wechselte er seine Taktik und lenkte den Schlag ab, statt ihn bis zum Ende zu blocken. Hilda ließ sogleich von ihm ab, um zum nächsten Schlag anzusetzen. Doch dieses Mal wich der Junge gänzlich aus, statt sich des Angriffes zu erwehren. Sich duckend gelangte er hinter die Nord und griff nun seinerseits an.

Irgendwie schaffte sie es jedoch, mit einer geschickten Drehung ihres Handgelenks (wie hatte sie das nur gemacht?!) seinen Schlag abzuwehren. Noch in der Bewegung nahm sie Kraft daraus und setzte sie gegen seinen Dolch ein. Nicht mit dieser eigenwilligen Taktik rechnend, verlor er die Kontrolle über den Dolch, und er flog ihm aus der Hand. Nahe des Wasserbeckens blieb er liegen, und Lucien spürte die kalte Klinge der Axt an seinem Hals.

»Tot. Aber nicht übel«, sagte Hilda. »Du bist natürlich kein Gegner für mich, aber für einen Mörder in Ausbildung bist du wirklich nicht schlecht. Ich nehme an, dass du auch den Bogen beherrschst, sowie grundlegende Magie und Alchemie.«

Lucien nickte. »Aber ich mag Alchemie und Klingenwaffen am meisten«, fügte er noch an.

»Ganz der Assassine.« Hilda nickte. »Ich denke, dass aus dir etwas werden könnte, das Potenzial hast du. Aber erst einmal will ich, dass du mit mir kommst und einen kleinen Privatplausch mit mir hältst. Dein Aufenthalt hier ist zu regeln.«

Lucien tat, wie ihm befohlen worden war, und folgte der Nord in deren privates Zimmer. Ein erstaunlich großes und luxuriöses Bett stand hier, und auch sonst hatte sie sich recht komfortabel eingerichtet. Der Junge bemühte sich, nicht allzu sehr zu starren und rief sich ins Gedächtnis, dass die Bruderschaft einflussreich und wohlhabend war und sich Luxus daher sehr wohl leisten konnte.

Hilda setzte sich an einen Tisch und hieß Lucien, dasselbe zu tun. Er kam dem rasch nach und wartete aufmerksam, was sie von ihm wollen mochte.

»Mir ist egal, was du angerichtet hast, dass dich Drewani hierher strafversetzte«, sagte sie. »Und sind wir ehrlich: Es ist eine Strafversetzung. Wir sind ein ziemlich bunter Haufen nicht unbedingt fähiger Mörder; denken wir nur an Valdimar, und M‘raaj-Dar macht auch nicht sonderlich viel her. Skyrim selbst ist auch nicht gerade das gastlichste Land. Du hast bis auf die Jerall-Berge wahrscheinlich noch nicht viel vom Land gesehen, jedoch sicher schon einiges gehört. Dann weißt du, dass Himmelsrand nicht sonderlich freundlich zu allen ist, die keine Nord sind. Und das bist du nun wirklich nicht. Du bist in der Gosse der Kaiserstadt groß geworden. Sicher hart, doch nichts im Vergleich zur Wildheit dieses Landes. Auch wenn gerade in dieser Wildheit seine Schönheit liegt.« Das letzte sagte sie in einem leicht verträumten Ton.

Dann fing sie sich rasch wieder. »Lassen wir das«, fuhr sie fort. »Du wirst hier wie gewohnt deine Ausbildung fortsetzen. Wir haben nicht so gute Möglichkeiten wie in Cheydinhal, aber Malik gibt sein bestes. Er wird dich weiter mit dem Bogen und Klingenwaffen unterrichten (sowie wahrscheinlich dem Kochen), Babette in Alchemie. Mit Magie können wir leider nicht dienen, aber da auch der Khajiit eine Affinität dazu zeigt, bin ich momentan bemüht, eine Lösung dafür zu finden; ich sorge immerhin für meine Familienmitglieder. Bis ich damit weiter gekommen bin, solltest du besser auf eigene Faust üben. Wenn du irgendwelche Daedra beschwören willst oder dich in jeglicher Form der Zerstörungsmagie erprobst, geh bitte vor die Tür und übe draußen.

Ansonsten verlasse die Zuflucht am besten nur dann, wenn es sicher ist, sprich nachts oder in Verkleidung, aber das wirst du sicher auch von Cheydinhal kennen. Es sei dir auch angeraten, dich allein nicht allzu weit zu entfernen, Wölfe und Bären sind noch eines der geringeren Übel. Spriggans sind hier auch eine ziemliche Plage, von Frostbisspinnen gar nicht zu reden, zumal man selten das Glück hat, an eine kleine zu geraten. Jedenfalls geht es mir so, vielleicht hast du ja mehr Glück. Ich an deiner Stelle würde es aber nicht austesten.«

»Ändert sich ansonsten irgendetwas für mich außer, dass ich nun andere Lehrer habe?«, fragte Lucien.

»Malik wird morgen schauen, wie gut du wirklich bist, und ich denke, dass auch Babette mit dir reden will«, sagte Hilda. »Anhand dessen beurteilen wir, wozu du taugst und was wir mit dir anfangen können. Erst dann kann ich dir sagen, ob du weiterhin unsere Familienmitglieder auf Aufträge begleiten darfst oder nicht.

Und wenn ich dir einige Ratschläge geben darf: Reize den Khajiit nicht und unterschätze erst recht nicht Babette! Aber auf beides wirst du sicher bereits selbst gekommen sein. Babette ist fast so lang bei uns, wie sie ein Vampir ist. Sie ist verteufelt schlau, wenn es darum geht, ihre Rolle auszuspielen und zu verfeinern. Und M‘raaj-Dar … Nun, du hast ihn erlebt. Ignoriere sein Verhalten am besten, dann nimmst du ihm den Wind aus den Segeln. Er hat einen Hang zu Beleidigungen, aber ich denke nicht, dass er sie wirklich oft auch so meint, wie er sie sagt.

Nun, mir ist es jedenfalls so lange gleich, wie kein Streit angefangen wird. Ich mag eine Frau sein, aber ich kann hart durchgreifen, wenn es sein muss!«

»Ihr seid die Leiterin der Zuflucht«, stellte er klar. »Damit seid Ihr hier die beste.«

Das schien ihr zu gefallen, denn sie plusterte sich ein wenig auf. »Exakt so, mein Junge!« Dann kam sie jedoch rasch wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. »Wie wahrscheinlich auch in Cheydinhal wirst du dein eigenes Bett und eine Truhe für deine persönlichen Gegenstände erhalten. Was nicht viele sind, wie ich sehe. Aber sei’s drum. Wir haben ansonsten auch noch einige Garnituren in verschiedenen Größen und für die verschiedenen Witterungslagen des Landes. So lange du sie immer nach Gebrauch zurücklegst, kannst du dir jederzeit davon nehmen. Und wenn du sie gewaschen hast, versteht sich. Ich putze ganz bestimmt nicht euch allen hinterher! Schlimm genug, dass Valdimar nicht versteht, wozu ein Besen gut ist …«

Anscheinend war dies alles für’s Erste. Hilda entließ ihn, sodass er sich nun auf eigene Faust in der Zuflucht umsehen konnte. Grob war ihm zwar bereits alles gezeigt worden, aber er wollte sich nun die Zeit nehmen, um sich etwas in Ruhe umzusehen und sich mit seinem neuen Heim vertraut zu machen. So wirklich warm war er damit noch nicht geworden, zumal ihn die Anwesenheit der Nord irgendwie nervös machte. Und erst Hilda! Sie gab sich wie ein Mensch und doch war etwas in ihrem Gebaren, das stets an den Wolf in ihr erinnerte. Sie hatte Recht, wenn sie andeutete, dass sie nicht umsonst Leiterin dieser Zuflucht geworden war, und das konnte nur bedeuten, dass sie eine besonders gefährliche Assassine war. Axt und Wolf, das war wahrlich eine kampfstarke Mischung, der man sich nicht in den Weg stellen wollte. Sie verstand die Dinge anzupacken und durchzusetzen, auch gegen eine Gruppe sturer Nordmänner. Und dabei schwang sie ganz gewiss nicht das Nudelholz.

Eine Weile wanderte Lucien durch die Zuflucht und blieb schließlich im Gemeinschafstraum hängen. Dieser befand sich etwas oberhalb des Wasserbeckens. Ein großes rundes Glasfenster war hier eingebracht und zeigte nach draußen in die Haupthöhle. Das Fenster selbst war mit Buntglas angefüllt und zeigte das Gesicht ihres Fürchterlichen Vaters Sithis. Ob ihm hier gelegentlich gehuldigt wurde? Mehrere Bänke und ein Rednerpult standen hier, welche diese Vermutung zuließen. Das wäre Lucien jedoch neu, da er solch eine Art der Verehrung Sithis‘ nicht aus Cheydinhal kannte. Dort hatte es immer nur geheißen, dass sie zu Ehren Sithis‘ mordeten.

Er bemerkte Vicente erst, als dieser neben ihn getreten war. Lautlos hatte sich der Vampir genähert.

»Diese Zuflucht ist alt, eine der ältesten, heißt es«, sagte er.

Lucien zuckte erschrocken zusammen, doch Vicente schien sich daran nicht zu stören.

»Angeblich waren hier früher Blutopfer dargebracht worden, aber diese Praxis ist nicht mehr gängig«, fuhr er fort. »Wobei ich mir schon manchmal einen Folterkeller wünsche. Manche Zufluchten haben das. Was für ein Spaß das wäre!«

»Einfach so irgendwelche Leute foltern?«, fragte Lucien nach.

»Natürlich«, versicherte sein Mentor ihm. »Es macht sogar sehr viel Spaß, einfach so, aus reinem Vergnügen heraus Leuten Schmerzen zuzufügen. Ohnehin sollte man gelegentlich, wenn gerade die Aufträge etwas knapp sind, einfach so auf die Straßen Tamriels gehen und den erstbesten Wanderer töten. Übung macht den Meister. Merk dir diese Worte, Stift.«

Der Junge nickte. Er war unter Mördern, natürlich mordeten sie auch rein zum Vergnügen und nicht nur, um Sithis zu huldigen. Warum hatte er also erst bei Vicentes Worten gestutzt? Dieser war zudem ein Vampir, und Vampire waren dazu geschaffen zu töten, sie waren die geborenen Jäger, ausgestattet mit übermenschlicher Intelligenz Stärke und Geschicklichkeit.

»Auch die kleinen Dinge im Leben helfen«, betonte Vicente noch einmal. »Wenn du dich in Skyrim eingelebt hast, solltest du wirklich öfters auf die Straßen gehen und den erstbesten Wanderer abstechen, der dir begegnet.«

Das brachte den angehenden Mördern jedoch auf einen anderen Gedanken. »Ihr geht bald wieder, oder?«

»Ja, morgen Abend«, sagte Valtieri. Weil er anscheinend spürte, wie geknickt der Junge war, fügte er noch an: »Und soll ich dir ein kleines Geheimnis anvertrauen, Stift? Ich werde dich vermissen. Stell keine Dummheiten an und mache der Bruderschaft Ehre. Wir sehen uns bestimmt in ein paar Jahren wieder, und du wirst feststellen, dass das keine allzu lange Zeit ist. Für dich nicht, und für einen Vampir erst recht nicht. Du wirst hier neue Freunde finden und ein komplett neues Land kennenlernen! Findest du das nicht aufregend? Überhaupt finde ich, dass du noch viel zu wenig in der Welt herumgekommen bist. Es gibt so viel zu entdecken dort draußen, so viele Abenteuer, die auf dich warten, und unheimlich viele Schätze, die gefunden werden wollen. Sei auch einmal ein ganz normaler, kleiner Junge und nicht immer nur ein Mörder der Dunklen Bruderschaft.«

Die letzten Worte erstaunten Lucien in der Tat sehr. Bis jetzt hatte noch nie jemand ihn mit so etwas konfrontiert. Immer waren alle darauf bedacht, seine Ausbildung bestmöglich voranzutreiben. Dennoch lächelte er dankbar. Mit einem Male fühlte er sich sehr mit Vicente verbunden.

»Das mache ich. Versprochen«, sagte er.

»Dann bin ich beruhigt.« Valtieri lächelte und fuhr mit der Hand durch das dunkle Haar des Jungen, um es ein wenig in Unordnung zu bringen. »Und wenn wir uns wieder sehen, bist du groß und stark geworden.«

»Ihr nennt mich dann bestimmt immer noch Stift!«, brauste der Junge auf, wenn auch nur gespielt.

»Natürlich! Daran wird sich auch nie mehr etwas ändern, weil du einfach ein Stift bist«, stellte sein Gegenüber klar. »So etwas bleibt haften.

Aber nun genug Geschwätz. Es ist spät und dir steht morgen viel bevor. Ab ins Bett!«

»Ich bin groß, ich muss nicht wie ein Baby ins Bett geschickt werden!«, protestierte Lucien. Klischeehafterweise musste er jedoch ein Gähnen unterdrücken.

Dennoch hatte Vicente Recht. Er sollte schlafen gehen und seine Kräfte für die kommenden Tage sammeln.

Eines der Betten in den Wohnbereichen war frisch aufgezogen. Wahrscheinlich war dies für ihn bestimmt. Sicherheitshalber fragte er zwar noch einmal Hjortkar (und stellte für sich im Stillen fest, dass der Mann mit der feuerroten Mähne einen furchtbaren Namen hatte), doch dieser bestätigte ihn. Lucien entkleidete sich, schlüpfte unter das Baumwolllaken und war trotz des ereignisreichen Tages recht bald eingeschlafen.

Nun hatte er erneut ein neues Zuhause.

Von Köchen und Gehilfen

Luciens Träume waren wirr, auch wenn er sich nach dem Aufwachen nicht mehr an sie erinnern konnte. Sie verblassten rasch, hinterließen jedoch einen fahlen Nachgeschmack. Verschlafen blinzelte er und wusste im ersten Moment nicht, warum alles um ihn herum so anders aussah, roch und klang. Es dauerte einige Momente, bis die Erkenntnis durch sein noch schlaftrunkenes Hirn gesickert war, dass er nicht mehr zu Hause in Cheydinhal war. Sein Zuhause war jetzt Falkenring in Skyrim. Ein plötzlicher Anflug von Heimweh und Einsamkeit befiel ihn, ehe er ihn niederringen konnte. Er war kein kleines Kind, das die Obhut der Eltern daheim brauchte!

Der süßlich-säuerliche Geruch von Met stieg ihm in die Nase, und unwirsch verzog er das Gesicht. Wo kam so viel davon her, dass es so stark roch? In seine Decke gewickelt stand er auf und schlüpfte in seine Stiefel. Lange brauchte er jedoch nicht zu suchen.

»Halbe Portion, komm mal her«, hörte er Valdimars brummende Stimme. Der Nord saß nahebei an einem Tisch und schien darauf gewartet zu haben, dass er aufwachte. »Ich hab was für dich, ein Willkommensgeschenk. Kam leider gestern nicht mehr dazu, Hjortkar wollte unbedingt dieses dämliche Spiel spielen.«

Etwas skeptisch näherte sich Lucien. Valdimar schob ihm einen Krug zu, von dem der Geruch des Mets ausging. »Für dich. Eine besondere Variante des Honigbräu-Mets. Der beste, den es gibt! Nur für dich.« Der Nord präsentierte durch seinen rabenschwarzen Rauschebart ein zahnlückiges Lächeln.

»Danke«, nuschelte Lucien in Ermangelung einer passenden Erwiderung. Etwas zaghaft griff er nach dem Met und stellte fest, dass der Krug, der in Valdimars riesigen Händen völlig normal gewirkt hatte, für ihn kaum zu heben war. Mehr schlecht als recht die Decke um sich geschlungen griff er mit beiden Händen danach und hatte selbst dann noch Probleme, den Krug zu heben. Möglichst vorsichtig kostete er von dem Met.

Er schmeckte, wie er roch, und war definitiv kein Getränk für den frühen Morgen und auf leeren Magen. Lucien verzog das Gesicht und war versucht, das Getränk wieder auszuspucken. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass das Valdimar mit Sicherheit enttäuschen würde. Also rang er sich zu einem Lächeln durch. »Sehr … nett«, sagte er. »Aber ich glaube, ich esse lieber erst etwas.«

Der riesige Nord strahlte über das ganze Gesicht. »Nimm das hier!«, sagte er und schob ihm sogleich ein Gebäck nach. »Honigkuchen. Nichts ist besser zu Met!«

Das klang schon eher nach Luciens Geschmack. Dankend nahm er auch dieses Geschenk an und kostete davon. Und dieses Mal war er wahrlich positiv überrascht. Das Gebäck war süß vom Honig und klebte an den Fingern. Tsonashap würde ihm wahrscheinlich dafür den Kopf abreißen, dass er mit einem solchen Hochgenuss die Nascherei verzehrte, doch der Nord hatte ihm lediglich eine Freude machen wollen, und das war es wert, hin und wieder eine kleine kulinarische Sünde zu begehen.

»Das ist total lecker!«, nuschelte er mit vollem Mund, während er vergeblich versuchte, den Honig von seinem Mund und seinen Fingern abzulecken.

»Selbstgemacht«, verkündete Valdimar voller Stolz. »Das kann ich sogar besser als Malik, und der kann eigentlich alles. Hat mir meine Mama beigebracht.«

Irgendwie war Valdimar ein höchst liebenswerter Geselle trotz (oder gerade wegen) seines Erscheinungsbildes. Wahrscheinlich konnte er zu einem wilden Berserker werden, ansonsten wäre er nicht bei der Bruderschaft, doch momentan war das für den Jungen nur schwer vorstellbar.

Er verabschiedete sich von dem sanften Riesen, nachdem er dessen geschenktes Frühstück verzehrt hatte. Er wagte sogar noch einige Schlucke mehr von dem Met, jetzt, wo sein Magen gefüllt war. Dann machte er sich auf die Suche nach Malik und Babette. Sicher waren sie es, die ihn heute am ehesten sprechen wollten. Er fand die beiden im Speiseraum, wo Malik, wie wahrscheinlich immer, am Kochen war.

»Ihr müsst das Essen mit Tollkirsche und Todesglocke verfeinern«, warf Babette in diesem Moment ein. »Ansonsten macht das ganze doch keinen Spaß!«

»Ich will aber nicht ständig Leute mit meinem Essen meucheln«, hielt der Rothwardone dagegen. »Ah, seht da. Unser neuer Schützling. Komm her, Lucien, das passt wunderbar! Willst du meine neueste Kreation versuchen? Süßrolle mit Karotte.«

Langsam hatte Lucien das Gefühl, dass hier jeder bestrebt war, ihn mit Essen vollzustopfen. »Valdimar hatte mir schon sein Honiggebäck aufgeschwatzt«, sagte er daher. »Ich denke, das ist an Nascherei erst einmal genug. Aber danke dafür!«

Malik seufzte. »Herrje, nicht einmal du weißt meine Kochkünste zu schätzen!«, kommentierte er. »Babette war seit jeher ein hoffnungsloser Fall, aber ich hatte gehofft, dass du besser bist. Aber lassen wir das. Setz dich.«

Die drei setzten sich an den Tisch. Babette nahm sich eine Weinflasche und einen Kelch und goss sich ein. Lucien war es mittlerweile von Vicente gewohnt und wusste daher, dass kein Wein enthalten war. Malik hingegen gönne sich zum Frühstück ein erstaunlich schlichtes Essen aus Brot, Käse, etwas Wurst und Wasser.

»Immerhin hast du schon gegessen«, sagte Babette nun, nachdem sie einige Schlucke getrunken hatte. »Wahrscheinlich wird das auch für den ganzen Tag vorreichen. Du willst nicht wissen, was Valdimar alles hineinmischt … Aber ich nehme an, du weißt, was wir heute mit dir vorhaben.«

Lucien nickte. »Ihr wollt sehen, wie gut ich bereits bin«, sagte er.

»Taten sagen mehr als Worte«, rezitierte Malik die Zufluchtsleiterin. »Sie ist da sehr pedantisch und will immer am liebsten alles selbst machen.«

»Also werden wir dich heute auf Herz und Nieren testen«, sagte Babette. »Ich werde den Anfang machen, damit Malik dich erst nachher in Ruhe malträtieren kann.«

»Ich werde mich ganz gewiss anstrengen«, versprach der Junge eifrig.

»Das wird sich zeigen«, blieb die Vampirin skeptisch.

Nachdem die beiden Assassinen ihr Frühstück beendet hatten, begab sich Lucien mit Babette in deren Alchemielabor. Er war erstaunt über ihre hervorragende Ausrüstung, nicht einmal Caelwen war so gut ausgestattet gewesen. Zahlreiche Destillierkolben und Retorten standen hier, sowie Mörser und Stößel in den verschiedensten Ausführungen und zahlreiche Ingredienzien und Phiolen. In einem der vielen Regale standen dutzende Bücher, deren Titel beim Überfliegen alle alchemistische Themen andeuteten.

»Fangen wir an«, sagte Babette. »Erst die Grundlagen. Misch mir einen einfachen Heiltrank.«

Rasch und sicher wählte Lucien die Zutaten aus, verarbeitete sie und mischte sie mit der richtigen Menge Wasser. Nach nur wenigen Minuten war er damit fertig und reichte das Ergebnis der Vampirin. Diese nahm die Phiole entgegen und begutachtete sie eingehend, schwenkte sie hin und her, roch daran und kostete schließlich auch davon. Zufriedenheit breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

»Sehr gut!«, lobte sie. »Wenn auch noch nicht perfekt, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Dennoch, für den Anfang nicht übel. Jetzt will ich einen einfachen Gifttrank sehen, mit dem ich meine Waffen behandeln kann.«

Auch das war keine allzu schwere Übung für Lucien. Gifte mochte er ohnehin weitaus mehr als heilende Tränke.

Wieder war Babette mit dem Ergebnis höchst zufrieden. Dieses Mal musste jedoch eine vorbeihuschende Ratte als Versuchsobjekt herhalten. Nachdem sie ihre ersten Untersuchungen des Ergebnisses abgeschlossen hatte, schnappte sie sich das Tier und zwang es, den Trank zu sich zu nehmen. Das Tier fiepte ängstlich, als wüsste es, was da auf es zu kam. Doch es blieb ihm keine Wahl. Nachdem einige Tropfen in das kleine Maul gefallen waren, wurde das Fiepen zu einem schrillen Kreischen. Das Tier wand sich in Babettes Griff, begann zu zucken und verendete bald darauf mit Schaum vor dem Maul.

»Ich bin beeindruckt!«, sagte Babette, während sie die tote Ratte begutachtete. »Das würde ich schon nicht mehr nur als das Werk eines Lehrlings bezeichnen. Ich sehe, da liegen eindeutig deine Stärken. Aber machen wir weiter, du bist noch lange nicht fertig.«

Und so ging es nun für einige Stunden weiter. Babette hieß Lucien, die verschiedensten Tränke zuzubereiten, und wurde dabei immer anspruchsvoller. Nebst Tränken für Lebensenergie, Mana und Ausdauer sollte er zahlreiche Tränke zubereiten, die verschiedenste Eigenschaften stärkten wie den Mut oder die Kraft, aber auch dutzende Gifte mit den verschiedensten Wirkungsbildern. Lucien merkte zwar, dass er schon einiges wusste, doch anhand dessen, was Babette von ihm forderte, erkannte er, dass es noch so viel mehr zu lernen gab. Wann er all das wohl meistern würde? Es gab so viel, das er noch nicht wusste, so viel zu beachten und zu wissen. Für nahezu alles schien es einen Trank zu geben.

Sie entließ ihn erst, als sein Magen vernehmlich knurrte.

»Das ist genug, denke ich«, sagte sie. »Ich weiß jetzt in etwa, was du bereits kannst und was du noch lernen wirst.«

»War ich gut?«, wollte Lucien wissen.

»Besser, als erwartet, um ehrlich zu sein«, räumte Babette ein. »Du bist auf dem besten Wege, kein Lehrling mehr zu sein. Du weißt bereits viel, vor allem von den Grundlagen, die du sehr sicher beherrscht. Gifte liegen dir am meisten, doch auch stärkende Tränke beherrschst du ganz gut. Damit kann man arbeiten, denke ich.«

Lucien konnte ein zufriedenes Grinsen nicht unterdrücken. Das Lob baute ihn auf und stärkte ihm den Rücken.

»Geh jetzt und such dir etwas zu essen«, sagte Babette. »Danach melde dich bei Malik.«

Eilig kam Lucien dem nach. Sein Magen knurrte wirklich laut und er hatte Hunger. Das ganze Brauen und Nachdenken hatte ihn geistig recht angestrengt und er wollte gestärkt in Maliks Unterricht gehen.

Rasch war etwas zu essen im Speiseraum gefunden. Hastig schlang er es herunter, spülte mit einem Becher Wasser nach und beeilte sich, dass er zu dem Rothwardonen kam. Er wartete sicher bereits auf ihn, nachdem Babette ihn so lange in Beschlag genommen hatte.

Er traf Malik in der Haupthöhle an. Dieser hatte bereits mehrere Übungswaffen bereitgelegt und den Übungsgrund bereitet. In der Tat wirkte er bereits etwas ungeduldig, als Lucien endlich eintraf.

»Babette hatte dich wirklich lange in Anspruch genommen«, sagte der dunkelhäutige Mann. »Nun, dafür kannst du nichts, aber das nimmt mir etwas die Zeit. Was soll’s, machen wir das Beste daraus. Nimm dir von diesen da deine Lieblingswaffe und nimm die Grundkampfhaltung ein.«

Lucien wählte einen Dolch und tat, wie ihm geheißen.

»Interessante Wahl«, kommentierte Malik und besah sich den Jungen genau. »Deine Haltung ist auch sehr gut, kaum Mängel und sicher. Warum hast du den Dolch genommen?«

»Ich bin am vertrautesten mit ihm«, antwortete Lucien sogleich. »Noch bevor ich zur Bruderschaft kam, hatte ich einen Dolch gefunden. Er hatte es mir ermöglicht, ein Teil der Familie zu werden.«

»Also eher emotionale Werte.« Der Rothwardone nickte. »Nimm das Kurzschwert da und gehe wieder in Haltung.«

Auch dem kam Lucien nach.

»Aha«, machte Malik. »Dachte ich es mir doch fast. Das passt besser zu dir. Und jetzt der Bogen.«

Nachdem Lucien auch dem nachgekommen war, nickte der Rothwardone wieder. »Du meinst zwar, dass der Dolch am besten zu dir passt, aber ich denke, dass es viel mehr das Kurzschwert ist, das dir am ehesten liegt. Mit Bogen und Dolch machst du aber eine fast ebenso gute Haltung. Jetzt lass uns sehen, wie du mit den Waffen kämpfst.«

Malik griff zu einem Langschwert und hieß Lucien, ihn anzugreifen. Wie Tsonashap ihm geheißen hatte, griff er stets auch seine Lehrer in der vollen Absicht an, sie zu verletzen. Anfangs hatte er dies bei Tsonashap etwas zurückhaltender gemacht, doch mittlerweile wusste er, dass er immer mit vollem Einsatz dabei sein musste, um besser zu werden. Er konnte seine Lehrer nicht verletzen, da sie ohnehin weitaus besser waren als er, aber er musste es versuchen. Und irgendwann würde es auch klappen.

Lucien spielte sein ganzes Geschick aus, da er ahnte, dass es bei den Übungskämpfen genau darauf ankam, die Malik nun mit ihm abhielt. Sie probierten die verschiedensten Waffen durch, Klingenwaffen wie stumpfe, ein- und zweihändige. Schließlich vollführten sie auch diverse Übungen mit dem Bogen.

Nach gut anderthalb Stunden hielt Malik eine Pause ab. Während dem Jungen der Schweiß in Strömen hinab lief, schien der Assassine kaum außer Atem zu sein. Dennoch hielt sich Lucien weiterhin tapfer auf den Beinen. Er war von seinen Lehrern in Cheydinhal noch weitaus härtere Übungsstunden gewohnt.

»Lass mich zusammenfassen«, sagte Malik. »Kurze Klingenwaffen sind wirklich dein Spezialgebiet. Auch mit dem Bogen bist du bereits nicht zu verachten. Ich würde es zwar nicht empfehlen, dass du dich bereits in einen ernsthaften Kampf stürzt, bei dem du nicht genügend Deckung von erfahreneren Kämpfern hast, aber du bist in der Lage, dich deiner Haut zu erwehren. Andere Waffen wie längere Schwerter, Äxte und Hämmer beherrscht du jedoch nur grundlegend. Du weißt sie zu führen, jedoch nicht wirklich zu einem nennenswerten Vorteil. Du bist eher der huschende, wendige Kämpfer, der aus dem Verborgenen heraus angreift und den offenen Kampf vermeidet.«

Nachdem die Praxis vorbei war, setzten sie sich auf den Boden und Malik begann, den Jungen zu diversen Themen auszufragen. Er wollte wissen, wie Lucien bei verschiedenen Gegnertypen vorgehen würde, erschuf dutzende imaginäre Situationen und Aufträge und ließ jedes Mal den Neuling minutiös durchgehen, wie dieser an die ihm gestellten Aufgaben herangehen würde.

Fragen zu Waffen und Rüstungen folgten. Malik wollte wissen, wie Lucien an die Pflege seiner Ausrüstung heranging, wie sich diese änderte, besäße er Ausrüstung anderer Art. Auch wollte er die Schwachpunkte und Stärken von Waffen und Rüstungen wissen und fragte den Jungen auch dazu aus.

So gut und gewissenhaft wie möglich gab Lucien wieder, was er wusste. Er wollte auch hier mit seinem Wissen und Können glänzen und sich möglichst am ersten Tag bereits heraustun. Hilda sagte zwar, dass es ihr egal war, warum er hier war, aber er hatte dennoch das Gefühl, dass sein Verfehlen kurz vor Leyawiin auch hier noch über ihm schwebte und ihn wie ein ungewollter Schatten verfolgte. Er wollte seinen Fehler so schnell wie möglich vergessen machen und zeigen, dass er dennoch zu einem fähigen Assassinen der Bruderschaft taugte.

Malik kommentierte seine Antworten nicht. Er saß lediglich da, hörte zu und nickte nichtssagend. Er gab kein Anzeichen dafür, ob Luciens Antworten nun richtig waren oder nicht oder ob er sich vielleicht gar gänzlich blamierte.

»Nehmen wir folgende Situation an, die letzte für heute«, sagte Malik, nachdem sie auch das bereits eine ganze Weile gemacht hatten. »Du siehst dich einem wütenden Mob gegenüber, beispielsweise, weil du aus welchen Gründen auch immer gerade entdeckt wurdest. Dieser Mob besteht aus mit Mistgabeln bewaffneten Bauern und einigen Soldaten der Legion. Wie gehst du vor?«

»Wie sieht die Umgebung aus?«, stellte Lucien die Gegenfrage.

Wieder nickte Malik nur. »Du befindest dich in einem Dorf, ringsum sind Felder, jedoch stehen auch einige Bäume nahe des Dorfes. Das Dorf selbst ist ein ganz gewöhnliches: ein paar Bauernhütten, diverse Scheunen und naheliegende Tierweiden. Die Soldaten sind dort lediglich auf der Durchreise und haben in der örtlichen Taverne Rast gemacht.«

»Ich fliehe«, sagte Lucien sogleich. »Jedoch nicht geradewegs über die offenen Felder. Dort kann ich ihnen nicht lange genug entkommen. Ich suche mir einen verworrenen Weg durch das Dorf und schaue dabei nach einem geeigneten Versteck, wahlweise wahrscheinlich in irgendeiner Scheune oder einem Heuhaufen. Irgendwo, wo sie lange suchen müssen, bis sie mich gefunden haben.«

»Ha!«, rief der Rothwardone aus. »Kluge Antwort. Ich hätte ehrlich gesagt damit gerechnet, dass du dich dem Kampf stellen wirst; den Eindruck hattest du bisher auf mich gemacht. Aber du bist ein cleveres Bürschchen, Kleiner.«

In dem Moment näherten sich Stimmen. Hilda und Vicente kamen aus Richtung der Wohnquartiere und betraten die Haupthöhle. Als sie der beiden gewahr wurden, hielten sie in ihrem Gespräch inne und wandten sich ihnen zu.

»Lucien, es ist Abend und Valtieri will damit wieder nach Cyrodiil aufbrechen«, sagte Hilda. »Ich denke, du möchtest dich vorher noch von ihm verabschieden. Du wurdest genug von Babette und Malik geschunden, Schluss damit für heute. Ich will mit den beiden jetzt über deine Ergebnisse sprechen.«

Malik begab sich zu Hilda und verschwand mit ihr, wahrscheinlich auf der Suche nach Babette. Derweil trat Vicente an Lucien heran, welcher die Schultern hängen ließ.

»Bist du traurig, weil ich gehe?«, fragte der Vampir.

Der Junge nickte und kaute auf seiner Lippe herum. Es war ihm peinlich, dass er Tränen unterdrücken musste und er wollte nicht vor seinem Mentor anfangen zu weinen. Er wollte ihn nicht entehren!

»Es ist doch nicht für immer«, sagte Vicente, legte seinem Schützling eine Hand auf die Schulter und ging vor ihm in die Hocke, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. »Sehe ich da Tränen in deinen Augen?«

Tapfer schüttelte Lucien den Kopf. »Nein, überhaupt nicht!«, versicherte er.

Vicente hob eine Augenbraue, lächelte aber. »Wenn du meinst«, sagte er. »Doch ich muss jetzt wirklich gehen. Der Weg ist weit und unsere Zuflucht braucht mich. Ich passe auf, dass alles beim Alten bleibt, bist du wieder kommst, versprochen. Und du bist schön brav und gibst dir Mühe beim Lernen, auch versprochen?«

»Versprochen!«, rief Lucien sogleich aus. »Ich werde der beste Assassine, den die Bruderschaft je gesehen hat!«

Vicente lachte und brachte wieder einmal Luciens Haar durcheinander. »Das will ich sehen«, sagte er, während er sich wieder erhob. »Begleitest du mich noch bis zum Ausgang?«

Freilich tat Lucien das. Ihm ging mit einem Male etwas auf. Vicente ging und hinterließ damit in ihm eine größere Leere, als der Abschied vom Rest seiner Familie in Cheydinhal. Der Vampir war ihm sehr ans Herz gewachsen, so sehr, dass er vielleicht zu etwas wie einem Vaterersatz für ihn geworden war.

Und ausgerechnet jetzt, wo er diese Erkenntnis gewonnen hatte, wurde er alleine gelassen. Das schnitt tiefer als jede Entehrung, die ihm sonst durch die Schwarze Hand oder andere Mitglieder der Bruderschaft hätte widerfahren können. Er würde ganz gewiss nie wieder gegen die Gebote verstoßen.

Beim Ausgang angekommen, kniete sich Vicente noch einmal vor dem Jungen nieder und sah ihm fest in die Augen. »Ich bin stolz auf dich«, sagte er. »Du magst deine Fehler haben, aber gerade das macht dich so einzigartig. Du bist ein würdiges Mitglied der Familie und wirst es noch weit bringen, Stift.«

In einer letzten Geste des Abschieds fuhr er mit der Hand durch Luciens Haar und brachte es in Unordnung. Kurz zögerte er, als wollte er noch etwas hinzufügen, doch beließ er es dabei. Schließlich schenkte er ihm ein letztes Lächeln.

 »Bis bald«, sagte Vicente und ließ dem Jungen keine Zeit für eine Erwiderung. Dann war er in die Nacht entschwunden.

 

Lucien war erstaunt darüber, dass ihm hier so viel Freizeit vergönnt war. Sicher würde sich das bald ändern, doch noch hatte niemand ihm einen genauen Zeitplan auferlegt, anders als in Cheydinhal. Nachdem Vicente gegangen war, war er dazu übergegangen, noch ein wenig seine Zauberei zu üben. Doch der Tag war lang und anstrengend gewesen und so blieb es nur bei einigen halbherzigen Versuchen. Lucien begab sich alsbald darauf zu Bett und schlief so lange, bis er von selbst erwachte.

Erholt und erfrischt stand er auf und suchte sich etwas zu Essen. Hilda hatte am Vorabend erwähnt, dass sie noch mit Babette und Malik über Luciens Fertigkeiten, die er bereits erlangt hatte, reden wollte. Was dabei wohl herausgekommen war?

Er sollte es bald erfahren, als kurz darauf die Zufluchtsleiterin ihn zu sich in ihre privaten Gemächer rufen ließ.

»Ihr wolltet mich sprechen, Herrin?«, begrüßte er sie.

»Babette und Malik haben mir erzählt, zu was du bereits fähig bist«, sagte sie. »Ich bin positiv überrascht. Ich hatte einen Dorftrampel erwartet, der kaum ein Messer halten kann und auch sonst nichts weiß, aber das bist du ganz offensichtlich doch nicht. Ganz ehrlich: Würdest du mehr Erfahrung besitzen, ich würde nicht zögern, dich bereits jetzt zum Schlächter zu befördern.«

Lucien glaubte, sich verhört zu haben. »Wirklich?!«, rief er aus. »Das würdet Ihr tun?« Er war baff. Mit einer Beförderung hätte er frühestens in einigen Monaten bis Jahren gerechnet.

»Natürlich noch nicht jetzt, das muss warten«, sagte sie. »Wie gesagt, dir mangelt es noch signifikant an praktischer Erfahrung. Und genau die sollst du erlangen. Du bekommst noch keine eigenen Aufträge, sondern wirst unsere Familienmitglieder vorerst auf ihren Aufträgen begleiten. Wie du es bereits einmal tatest, du solltest es also kennen. Folge ihnen, halte Augen und Ohren offen, tu, was sie dir sagen, und lerne. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Ich … Ich, ähm … Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was ich sagen soll«, stammelte Lucien einen nichtssagenden Dank zurecht.

»Ha, da bleibt dir die Luft weg, was?«, kommentierte Hilda breit grinsend. »Und weißt du, was das Beste daran ist? Ich habe bereits einen Auftrag für dich!«

Der Junge machte große Augen. »Worum geht es?«

»Du wirst bei uns nicht umhin kommen, das Kochen entweder zu hassen oder zu lieben«, sagte sie. »Malik sei es gedankt. Der Mann hätte besser Koch statt Assassine werden sollen. Nun, jedenfalls will unser Kunde eine Feier in Festung Unterstein ein wenig … würzen.« Sie lachte über ihren eigenen Witz. »Er will, dass wir das Essen vergiften, und wer wäre da besser geeignet als Babette und Malik? Malik wird kochen und Babette dem Essen das gewisse Etwas verleihen, wenn du verstehst. Du und der Vampir werdet die Gehilfen sein, während der Meisterkoch seine Arbeit tut. Das klingt lustig, oder?«

Lucien beeilte sich zu nicken. Der Auftrag klang in der Tat sehr interessant. »Ich danke für das Vertrauen, das mir gegeben wird«, sagte er.

»Spar dir deine Floskeln, ich will Taten sehen«, wimmelte Hilda ihn ab» „Und jetzt geh und pack deine Sachen, denn ihr brecht noch heute auf.«

Die Trauer über Vicentes Abschied war für einen Moment völlig vergessen und wich der Aufregung ob des neuen Auftrages. Lucien machte, dass er davon kam und eiligst seine Sachen packte.

»Da ist jemand aber sehr übereifrig«, kommentierte Babette, als sie ihn in den Wohnquartieren fand, wie er eiligst seine wenige Habe in einen Reisesack stopfte.

Das Vampirmädchen setzte sich auf sein Bett. »Du brauchst ehrlich gesagt nicht viel«, sagte sie. »Nur ein wenig Grundausrüstung. Wir erwarten keinen Kampf, und wenn es doch zu einem kommen sollte, rennen wir. Alles andere machen schon Malik und ich. Du schaust nur zu und assistierst uns. Wir haben dafür bereits alles Nötige.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich so bald wieder an einem Auftrag teilhaben darf, nachdem ich den letzten so sehr vermasselt habe«, plapperte Lucien darauf los. »Das ist toll! Eine wirklich große Ehre!«

»Das kann ich verstehen«, sagte Babette. »Ich war anfangs auch so wie du. Alles war neu und toll und ich wollte unbedingt zeigen, was ich alles kann. Das ist gut so. So lange du es nicht übertreibst, bringt dich genau diese Einstellung weit. Vicente meinte, dass du großes Potenzial besitzt, und wir nur deine Schwächen in die richtigen Bahnen lenken müssen. Ehrlich gesagt freue ich mich daher auch, dich so ein wenig näher kennen zu lernen.«

»Wann brechen wir auf?«, wollte er wissen. Der Tatendrang brannte in ihm und er wollte endlich aktiv werden.

»Du scheinst fertig zu sein«, sagte Babette. »Das ist gut, denn ich wollte ohnehin nach dir sehen. Malik und ich können jederzeit aufbrechen. Da du nun auch bereit bist, heißt das, dass wir jetzt gehen können.«

Sogleich war der Junge aufgesprungen und hatte sich sein Gepäck über die Schulter geworfen. Babette reichte ihm ein weiteres kleines Bündel.

»Du solltest dich warm anziehen«, sagte sie. »Wirf dir einige Felle über. Außerdem sind hier drin diverse Kleidungsstücke, die du anlegen solltest, sobald wir Markarth erreichen. Schließlich wollen wir glaubhafte Gehilfen abgeben.« Sie lächelte boshaft. »Das wird ein Kinderspiel!«

Lucien packte auch das in sein Bündel und ging sodann mit Babette. In dieser Zuflucht war es anscheinend nicht üblich, dass ein großes Trara darum gemacht wurde, wenn eines der Familienmitglieder die Zuflucht für einen Auftrag verließ. Hjortkar und Valdimar sagten ihnen lediglich im Vorbeigehen Lebewohl und wünschten ihnen viel Glück und Erfolg. Hilda trat gar nicht erst aus ihrem Gemach, sondern widmete sich ganz irgendeinem Buch, das vor ihr lag.

Der Tag war bereits angebrochen, doch ein graues Zwielicht lag über allem. Über Nacht war Regen aufgekommen, und nun war es diesig und feucht, während der Regen leise durch die Bäume plätscherte. Ansonsten war alles still, selbst die Tiere des Waldes schwiegen und suchten Deckung vor der Nässe.

»Das kann so noch für Stunden, wenn nicht gar Tage gehen«, seufzte Malik. »Manchmal frage ich mich, warum ich die weiten Sandlandschaften der Alik’r Wüste verlassen habe.«

»Es ist doch bezaubernd hier!«, hielt Babette fröhlich dagegen. »All die Blumen und Tiere und die gruseligen Ruinen der alten Nord! Ist das nicht toll? Sand ist langweilig, aber Skyrim hat viele Gesichter!«

»Die hat Hammerfell auch«, betonte Malik.

Ihre Diskussion ging noch weiter, doch Lucien hörte nur mit halbem Ohr hin. Er beobachtete lieber die Landschaft und wollte sicher gehen, dass er jede Gefahr schon im Voraus bemerkte. Schließlich wollte er auch im Feld zeigen, was er alles konnte. (Obgleich er bezweifelte, dass seine Sinne mit denen von Babette mithalten konnten, selbst, wenn sie abgelenkt war mit einem Gespräch.)

Ihm gefiel Falkenring, wahrscheinlich deswegen, weil es ihn an seine Heimat erinnerte. Das Fürstentum war überwiegend bewaldet und nicht allzu steil und bergig. Einige Bergrücken zogen sich zwar durch die Landschaft, doch im Vergleich zu den Jerall-Bergen waren sie winzig.

Skyrim war im Westen, Süden und Osten von Gebirgen begrenzt und an den Nordküsten grenzte die Geistersee an. Schreckliche Kreaturen sollten in den Tiefen des Eismeeres lauern, hieß es, aber Lucien hatte von Vicente erfahren, dass das wohl nur Ammenmärchen und Seemannsgarn waren. Dennoch: Skyrim besaß damit eine recht abgeschiedene Lage, abgegrenzt vom Rest Tamriels. Das hatte diesem Land zu einer recht außergewöhnlichen Flora und Fauna verholfen, welche nicht selten von Riesenwuchs geprägt war.

Viele der Bäume waren zwar ihren südlicher lebenden Verwandten recht ähnlich, wenn auch angepasst an das raue Klima, doch manche unter ihnen ragten hoch in den Himmel auf. Angeblich sollte es sogar Riesen und Mammute in Himmelsrand geben! Lucien wollte unbedingt einen Tundraschreiter und seine Herde von Mammuten sehen, die er hütete wie ein Schäfer seine Schafe.

Auch so gab es viel zu entdecken für denjenigen, der die Augen offen hielt. Viele unbekannte Pflanzen wuchsen entlang ihres Weges und nach jeder, die er nicht kannte, fragte er Babette. Das Vampirmädchen kannte sie alle und wusste viel zu ihnen zu erzählen, sodass der Junge eine Menge von ihr lernen konnte.

Gegen Abend verließen sie Falkenring und betraten die weiten, offenen Tundren von Weißlauf. Lucien war jedoch nur ein kurzer Blick über die Landschaft vergönnt, denn sie bogen sodann auf die Straße nach Westen und zum Reach ab.

»Das ist eine recht eigene Ecke Skyrims«, sagte Malik. »Skyrim war nicht immer nur von den Nord besiedelt, jedenfalls nicht das heutige Skyrim. Auf dem Gebiet des Reach lebten und leben noch immer jene Menschen, die sich selbst Reachmenschen nennen. Sie sehen sich als Ureinwohner Skyrims, besonders aber des Reach. Manche von ihnen verteidigen ›ihr‹ Land gegen alles und jeden, das kein Reachmensch ist, sogar mit Waffen. Sie werden langsam zu einer echten Landplage, schlimmer als Banditen. Wir müssen also aufpassen.«

An diesem Tag gingen sie jedoch nicht mehr weit. Da die Dämmerung bereits hereingebrochen war, suchten sie sich einen geeigneten Platz für ihr Nachtlager und machten dort Rast. Die Wachen wurden eingeteilt und dann begaben sie sich nach einem kalten Mahl zur Ruhe.

»Wie ist es in Markarth?“, fragte Lucien am nächsten Morgen, nachdem sie wieder aufgebrochen waren.

»Jede Stadt in Himmelsrand ist einzigartig«, sagte Babette. »Aber Markarth sticht sogar unter ihnen heraus. Die Stadt wurde von den alten Dwemer, Zwergen, erbaut, direkt in den Berg hinein. Ein Teil ist oberirdisch und wird noch heute bewohnt. Aber Festung Unterstein, der Sitz des Jarl, ist der Eingang zur eigentlichen Stadt. Diese ist heute nur noch eine Ruine, gefährlich und kaum erforscht. Kaum jemand wagt sich dort herunter, da Falmer noch immer dort hausen und die Maschinen der Dwemer funktionieren wie eh und je; sie sind beide gefährliche Wächter.«

»Was sind Falmer?«, fragte Lucien sodann.

»Kennst du die Geschichte der Dwemer und Falmer?«, wollte Babette wissen. Als der Junge verneinte, fuhr sie fort: »Die beiden Völker lebten einst in Frieden miteinander: die Falmer oder Schneeelfen auf der eisigen Oberfläche dieses Landes, die Dwemer darunter. Doch eines Tages kam eine große Katastrophe über die Falmer und zwang sie zur Flucht. Sie suchten Schutz bei ihren Verbündeten, den Dwemer, und flohen in deren unterirdische Hallen. Doch die Dwemer betrogen sie. Sie gaben den Schneeelfen giftige Pilze, die sie erblinden ließen und sie zu den degenerierten Wesen machten, die sie heute sind, und versklavten sie, um sie für sich arbeiten zu lassen. Die Dwemer jedoch verschwanden eines Tages spurlos, und niemand weiß, wohin, doch die Falmer blieben und machten sich die Heimstätten ihrer Sklavenmeister zu eigen.«

»Angeblich haben sie eine eigene Kultur«, sagte Malik, »und es gibt Magier der Magiergilde, die sich mit deren Erforschung befassen, aber wenn du mich fragst, dann sind Falmer kaum mehr als stumpfsinnige Tiere, die gerade dazu in der Lage sind, sich primitive Waffen herzustellen.«

»Aber hat dann keiner Angst, dass eine der Maschinen oder so ein Falmer nach Festung Unterstein kommt?«, wollte Lucien weiter wissen.

»Nicht wirklich«, sagte Babette. »Falmer scheuen die Oberfläche im Regelfall. Außerdem besitzen sie immer noch genug Intelligenz, um zu wissen, dass eine Stadt voller Wachen und wehrhafter Nord sehr schmerzhaft für sie enden wird. Und was die Maschinen angeht: Sie bewachen nur ihr Gebiet, nicht mehr und nicht weniger, und werden erst aufgeweckt, wenn man sie stört, was nicht passiert, wenn die Bewohner Markarths nicht weiter gehen als bis Festung Unterstein.«

Nun war Lucien nach all den Geschichten von vergessenen Völkern erst recht neugierig, endlich nach Markarth zu kommen. Er fragte noch weiter nach der Stadt und erfuhr so, dass sie das wohl am besten erhaltene Bauwerk der Dwemer war. Selten standen noch so ausgedehnte oberirdische Anlagen wie in Markarth. Der oberirdische Teil der Stadt war wohl einst die Wehranlage des Herzens eines mächtigen Reiches der Dwemer gewesen. Was wohl für Schätze so tief unter der Erde verborgen liegen mochten, fragte sich er Junge und erlaubte sich einige Träumereien über ganze Landstriche tief unter der Erde voll mit absonderlichen Pflanzen und Tieren, die im ewigen Dunkel leuchteten.

Des Weiteren war auch dieser Tage Markarth und ganz Reach von großer Bedeutung für Himmelsrand aber auch das angrenzende Hochfels. Die Berge unter dem Reach waren voller Silber, und passenderweise war es die Silberblutfamilie, die dieser Tage groß raus kam im Minengeschäft. Sie hatte beträchtlichen Reichtum und damit auch Macht angehäuft und war dabei, ihr Imperium noch weiter auszubauen.

»Das sind alles korrupte Schweine«, sagte Malik verächtlich. »Wenn auch leider sehr gute Auftraggeber; sie heuern uns des Öfteren an, um ihre Konkurrenz auszuschalten.«

»Ihr mögt sie nicht«, stellte Lucien fest.

»Wir töten Leute für Geld, ja, manchmal auch aus reinem Vergnügen, gelegentlich garniert mit Folter und Quälerei«, sagte Malik. »Aber Sklaverei und unmenschliche Arbeitsbedingungen in gefährlichen Bergwerken, das ist etwas gänzlich anderes. So sehe ich das jedenfalls. Andere aus der Zuflucht sehen das neutraler. Dennoch scheint es, dass gerade deswegen die Silberblutfamilie noch richtig groß raus kommen wird. Sie haben das Geld dank ihrer Silberminen, um die richtigen Hebel in Gang zu setzen und um sich das Ohr des Jarls zu erkaufen. Ich denke nicht, dass sie so schnell wieder untergehen und von der Konkurrenz ausgeschaltet werden.«

»Obwohl sie die Konkurrenz bereits ordentlich gegen sich aufbrachten«, sagte Babette. »An einem Tag morde ich für einen Silberblut und kassiere sein Geld und am nächsten meuchle ich ihn. Ich mag so etwas!«

Der Reichtum der Bewohner des Reach lag unter ihren Füßen. Doch ein Teil dessen zu sein, hieß, über Leichen zu gehen. Die Dunkle Bruderschaft arbeite für alle Seiten vorbehaltslos, solange nur die Bezahlung stimmte.

»Hat sich damit nicht auch die Bruderschaft Feinde gemacht?«, wollte Lucien wissen.

»Natürlich«, sagte Babette. »Aber bis auf die Morag Tong haben wir schlicht und ergreifend keine nennenswerte Konkurrenz. Freiberufliche Mörder werden von uns nicht geduldet und damit gejagt und zur Strecke gebracht. So sichern wiederum wir uns unsere Macht.«

Wieder dieser Name. Lucien hatte ihn bereits in seiner Anfangszeit bei der Bruderschaft gehört, aber nie viel über diese andere, geheimnisvolle Organisation von Meuchelmördern erfahren. Man sprach bei der Dunklen Bruderschaft nicht viel darüber. Er wollte weder Malik noch Babette brüskieren, indem er sie jetzt danach fragte, also beschloss er, bei Gelegenheit selbst nachzuforschen.

Das Gelände wurde rasch felsiger, steiler und zerklüfteter. Ihr Weg schlängelte sich durch die bergige Landschaft, durchschnitt scharfkantige Felsen und schwang sich über schwindelerregende Abgründe. Meist folgten sie dabei dem Lauf eines großen Flusses, dem Karth, welcher sich ein tiefes Tal in die Landschaft gegraben hatte.

Die Vegetation war karg, die Pflanzen, die hier wuchsen, krallten ihre Wurzeln mit aller Macht zwischen die Felsen und duckten sich ansonsten so nahe wie möglich an den Boden, um dem kalten Wind wenig Angriffsfläche zu bieten, während er über sie entlangpfiff.

Reach war lebensfeindlich. Ein unvorsichtiger Wanderer konnte schnell abstürzen und sich alle Knochen brechen, wenn er nicht aufpasste, selbst wenn er den Hauptwegen folgte. Lebensraum gab es hier kaum, denn Felsen dominierten die Landschaft auf Meilen in jede Himmelsrichtung. Es gab wenig, an dem sich das Auge sattsehen konnte, und so begannen Luciens Gedanken zu schweifen.

»Wie sieht eigentlich der Plan aus?«, wollte er irgendwann wissen.

»Ich bin der Meisterkoch«, sagte Malik. »Ich habe bereits dank unserer Kontakte in Riften eine gefälschte Identität; darin sind Diebe Meister, musst du wissen. Diese gibt mich als exzellenter Koch aus, eine wärmste Empfehlung aus Hammerfell, die auf keinen Fall fehlen darf. Und als solcher durfte ich es mir herausnehmen, meine eigenen Gehilfen mitzunehmen. Das sind du und Babette.«

»Im Prinzip sieht unser Plan nichts weiter vor, als das zu machen, was Malik uns sagt, und dabei die Suppe eines anderen Kochs heimlich zu versalzen. Wir sind nicht die einzigen da, sodass wir den Mord leicht einem anderen in die Schuhe schieben können. Ich habe bereits alles, was wir dazu brauchen, fertig gemischt. Es bedarf, während wir in der Küche stehen, nur eines günstigen Momentes, in welchem wir das Mahl eines anderen etwas verfeinern können. Ich mag ja Kochen allgemein nicht so sehr, aber so macht es mir sehr viel Spaß!«

Manchmal fragte sich Lucien, ob Babette mit Sheogorath, dem daedrischen Prinzen des Wahnsinns, in Verbindung stand. Allerdings konnte er sie sehr gut verstehen. Dieser Plan klang in der Tat nach sehr viel Spaß.

»Wie es in Großküchen am Hofe eines Jarls üblich ist, hat jeder Koch seinen eigenen Aufgabenbereich«, sagte Malik. »Daher wäre es zu einfach, uns zu erkennen, wenn wir unsere eigene Suppe versalzen. Je nach dem, was zubereitet werden soll, müssen wir also herausfinden, ob etwas davon persönlich für unser Ziel zubereitet werden soll oder ob es wahrscheinlicher ist, wenn es von verschiedenen Dingen probiert. In letzterem Fall ist es unter Umständen nicht umgänglich, dass mehr Leute sterben als nur unser Auftragsziel.«

»Das Gift wirkt daher erst nach einigen Stunden, wenn entweder alle schon schlafen oder betrunken unter den Tischen liegen«, erklärte die Vampirin weiter. »Ehrlich gesagt finde ich es reizvoller, wenn auf mysteriöse Weise auf einmal eine Reihe von Gästen stirbt. Unser Auftraggeber hat deutlich gemacht, dass er das weniger wünscht, es aber auch als nicht sonderlich hinderlich ansieht.«

Der Auftrag klang in der Tat recht einfach. Hingehen, kochen, Gift in das Essen mischen und warten.

»Und ich soll nur zusehen und ansonsten nichts tun?«, versicherte sich Lucien noch einmal seiner Rolle.

»Du zeigst Tatendrang«, sagte Malik. »Ich denke nicht, dass du also tatenlos dabei zusehen sollst. Eine kleine Rolle könnte ich dir durchaus auftragen. Aber lass uns vor Ort sehen, welche das sein kann.«

Lucien freute sich sehr, dass seine neue Familie so viel Vertrauen in ihn setzte, und er war bestrebt, dieses nicht zu enttäuschen. Nicht schon wieder.

Im Laufe des nächsten Morgens, nachdem sie bereits tief in die Druadach-Berge vorgedrungen waren, erreichten sie Markarth. Die Stadt tauchte ganz plötzlich vor ihnen auf, Lucien hatte nicht damit gerechnet. Zwar fanden sich in ihrer Umgebung einige Farmen, dennoch hatten die hoch aufragenden Felswände nicht so gewirkt, als könnten sie eine ganze Stadt beherbergen. Lucien wusste nicht genau, was er erwartet hatte, doch ganz sicher nicht das.

Eine Felswand, die ganz eindeutig nicht natürlichen Ursprunges war, ragte vor ihnen auf. Mehrere Türme waren ihr aufgesetzt und ein großes Tor aus einem seltsam goldenen Metall verschloss die Mauern. Mit großen Augen besah sich Lucien dieses Wunderwerk der Architektur und bestaunte, wie wunderbar es in den natürlichen Felsen eingefügt war. Und dahinter sollte sich eine ganze Stadt verbergen? Es war schwer vorstellbar!

Doch genau das sollte er sehen, als sie die Stadttore passierten. Sie hatten bereits ihre Verkleidungen angelegt und Malik zeigte seine gefälschten Papiere. Sie wurden anstandslos durch gewunken und eine der Wachen war sogar so freundlich und sagte ihnen den Weg zur Festung Unterstein: immer geradeaus zum anderen Ende der Stadt.

Die Stadt selbst war verblüffend. Anscheinend war das natürlich gewachsene Gestein genutzt worden, um darauf Wohnungen und Häuser zu schneiden. Wenige der Häuser standen teils oder gänzlich frei, die meisten waren in den Fels eingearbeitet.

»Selbst die Betten sind aus Stein«, brummte Malik. »Darauf freue ich mich am wenigsten.«

Lucien kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Überall gab es etwas zu entdecken und zu bewundern. Alles wirkte so fremdartig und sonderbar!

»Und das haben alles die Dwemer gebaut?«, fragte er.

»Ja. Kaum etwas wurde hier nachträglich hinzugefügt oder verändert«, bestätigte Malik. »Leider betrifft das auch die Betten … Manchmal, wenn ich hier bin, glaube ich, dass die Dwemer selbst auch aus Stein gewesen sein mussten.«

Der Weg zur Feste war in der Tat leicht zu finden, sie mussten einfach dem Weg folgen, der vom Haupttor aus weiter in die Stadt führte. Es war, als würden sie durch tiefe, enge Schluchten gehen, denn zu allen Seiten ragten die Felswände und Häuser hoch in den Himmel auf. Auf einem kleinen Grundriss hatten es die Dwemer fertig gebracht, erstaunlich viel Wohnraum zu schaffen, indem sie einfach in die Höhe bauten.

In der Stadt herrschte reger Betrieb. Die Festlichkeit in Festung Unterstein, die in wenigen Tagen stattfinden sollte, war in aller Munde. Lucien sperrte die Ohren auf und hoffte, etwas Nützliches aufzuschnappen. Der Jarl, um die Beziehungen zu den Menschen vom Reach zu stärken, hatte zu einer Feier eingeladen, zu der Gäste beider Parteien kommen sollten. Die Meinung darüber war gespalten in der Stadt. Die einen waren erbitterte Gegner der Menschen vom Reach, andere wiederum begrüßten den Schritt, den Jarl Maltheim damit wagte. Es sei ein Schritt in die richtige Richtung, um die Spannungen zwischen beiden Parteien beizulegen.

Lucien überlegte, was er mit diesen Informationen anfangen konnte.

Festung Unterstein wirkte von außen auf den ersten Blick recht unspektakulär. Doch je länger man die Frontseite (denn mehr war von außen nicht zu sehen) betrachtete, desto genauer erkannte man die Ausmaße der Feste. Wie alles hier war auch Festung Unterstein in den Felsen hineingearbeitet. Doch allein die Größe der Front ließ die eigentlichen Ausdehnungen der Festung in den Berg hinein erahnen. Mit großen Augen stand Lucien davor und bestaunte mit weit in den Nacken gelegtem Kopf den Anblick, der sich ihm bot. Babette, obgleich sie bereits mehrmals in der Stadt gewesen war, schloss sich ihm an, um ihre Rolle als junge Küchenhilfe zu spielen.

»Nicht trödeln, ihr faulen Säcke!«, herrschte Malik sie an. »Wir haben uns in der Küche zu melden!«

Er hatte indes auch den Wachen am Festungseingang seine Papiere gezeigt und die Erlaubnis zum Eintreten erhalten. Die beiden Gehilfen sahen zu, dass sie zu ihm kamen, und ihm folgten.

Festung Unterstein versprach, was es hielt. Sie betraten eine riesige Halle, größtenteils natürlichen Ursprungs, die jedoch nur ein Teil des Komplexes war. Einige Wachen und grimmig wirkende Nord, wahrscheinlich persönliche Krieger des Jarl, hielten sich hier auf, widmeten ihnen jedoch nur kurze, geringschätzige Blicke. Besonders Malik wurde für seine auffällige Hautfarbe besonders misstrauisch beäugt. Dennoch wurden sie nicht behelligt.

Malik ließ Lucien keine Zeit für weiteres Staunen, sondern führte sie sogleich in die nächste und weitaus größere Halle. Der Junge wusste langsam nicht mehr, wie man noch erstaunter über das sein konnte, was die Dwemer vor vielen Äonen hier erschaffen hatten.

Diese Halle schien die Haupthalle zu sein, denn eine lange Treppe führte zu einem erhöhten Teil der Höhle, wo sich der Sitz des Jarls befand. Dieser war umgeben von seinen Beratern und Wachen, Thanen, wie Lucien gelernt hatte, Helden des Fürstentums, die sich durch besondere Taten hervorgehoben hatten.

Doch sie waren für alle anderen hier nur einfache Bedienstete ohne Bedeutung. Daher hielten sie sich nicht lange mit dem Hofstaat des Jarl auf, welcher ohnehin keinen Blick für sie übrig hatte. Es blieb bei dem flüchtigen Blick, den Lucien für sie erübrigen konnte, dann führte Malik sie bereits in den Teil der Festung, welcher für die Bediensteten zuständig war. Zielstrebig machte er die Küche und den Chefkoch aus.

Ein fetter Bretone stand hier an einer Kochstelle und rührte wenig ambitioniert in einem Eintopf herum.

»Dorian Festinius?«, fragte Malik.

»Hm?«, brummte der Mann und schenkte ihnen lediglich einen gelangweilten Blick über die Schulter.

»Ich bin Shadr, der Koch aus Hammerfell, der für die Feier übermorgen bestellt wurde«, stellte Malik sich vor. »Das sind die Gehilfen, die ich mitbrachte. Wir melden uns bereit zum Dienst und warten auf unsere Einteilung.«

»Hm«, brummte der Mann wieder. »Lästige Bürokratie. Mitkommen.« Er schlurfte davon.

Die drei Attentäter folgten ihm in einen angrenzenden Raum, anscheinend ein Büro oder etwas in der Art, da hier mehrere große Aktenbücher in einem Regal standen und eine Geldkassette nebst Feder und Tinte und einem Stapel Papier auf einem Tisch stand. Festinius griff nach einem Dokument auf dem Tisch und drückte es Malik in die Hände, während er seine fettigen Finger an dessen Kleidung abschmierte.

»Da. Lies. Steht alles drauf«, brummte er und schlurfte wieder zu seinem Eintopf.

Sehr freundlicher Mann, dachte Lucien still bei sich. Statt uns ordentlich einzuweisen, bekommen wir lediglich einen Wisch präsentiert.

Anscheinend besaß der Wisch jedoch genügend Aussagekraft, denn Malik wirkte informiert. Er sagte freilich nichts zu ihnen, da sie nur einfache Gehilfen waren, die so etwas nichts anging. Stattdessen verließ er den Küchenbereich und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Rasch kamen sie dem nach und ließen sich von ihm zu den Quartieren der Bediensteten führen.

»Hier, das ist eure Kammer«, sagte er. »Meine ist direkt nebenan.«

Babette und Lucien sahen sich gegenseitig an.

»Siehst so als, als dürften wir uns die Unterkunft teilen«, sagte sie und trat ein.

Die Kammer bot gerade einmal Platz für einen kleinen Tisch mit Stuhl, einem Bett, das gerade groß genug für sie beide war, sowie einer Truhe für ihre Habseligkeiten. Ein Fenster gab es nicht, dafür sorgten eine Fackel an der Wand und eine Kerze auf dem Tisch für etwas Helligkeit. Dieser Ort war für nichts mehr als schlafen gedacht.

Probeweise setzte sich Babette auf das Bett. »Das ist steinhart!«, beschwerte sie sich und lachte sogleich über ihren eigenen Witz. »Hier liegt gerade einmal ein dünnes Kissen für jeden, eine Decke und ein Fell. Wirklich sehr gemütlich.«

Lucien verzog das Gesicht. »Mir tut jetzt schon der Rücken weh …«

»Sieh es so«, vertröstete Babette ihm. »Es ist zwar nicht weicher, als wenn wir unter freiem Himmel nächtigen würden, aber wir haben ein Dach über dem Kopf und Wände um uns herum! Das heißt: weder kalter Wind noch Regen. Das ist zumindest eine kleine Verbesserung.«

Da hatte sie allerdings Recht.

Sie verstauten ihre Sachen in der Truhe, und Babette schloss ihr Zimmer ab. Dann meldeten sie sich bei Malik. Er rief sie herein und schloss die Tür hinter ihnen.

»Wir sind für mehrere Gäste eingeteilt«, sagte er. »Unser Auftragsziel, Sterngeirs Thane Maven Sternseher, ist nicht darunter. Zudem sollen wir einen Teil des Buffets herrichten.«

»Wenn wir den Thane des Jarls töten sollen«, sagte Lucien, »warum haben wir das nicht bereits in Falkenring getan? Es ist nahe der Zuflucht und bestimmt einfacher, als wenn wir all das hier durchziehen.«

»Der Kunde wollte es so«, sagte Malik nur mit einem Schulterzucken. »Und der Kunde ist König, wie du weißt. Und wenn immer alles so einfach wäre, dann bedarf es keiner zwei hochrangigen Assassinen.

Wie dem auch sei«, wechselte er das Thema. »Es gilt herauszufinden, wer Maven bedient. Das übernimmt Babette. Lucien wird sie dabei unterstützen. Ihr seid Kinder (oder seht zumindest so aus), da sollte es euch leicht fallen, die Leute auszuhorchen. Babette wird sich übermorgen beim Bankett darum kümmern, dass Mavens Essen verfeinert wird, während Lucien unseren Gast bewirtet. Du wirst seine Bestellungen entgegennehmen und sie ihm bringen. Ich mache derweil das, was ein Meisterkoch eben so tut.«

»Ihr habt den einfachsten Teil von uns allen!«, beschwerte sich Babette. »Das finde ich nicht gerecht. Ich muss schuften und Ihr steht da und rührt mit Eurem Löffel in der Suppe.«

Ihr Tonfall machte jedoch deutlich, dass sie ihre Worte eher als Scherz verstand.

»Dann wisst Ihr eindeutig nicht, was für eine große Kunst das Kochen ist!«, hielt Malik dagegen. »Der Gast hat vielleicht Sonderwünsche oder einen ganz besonderen Geschmack, dann muss ich alles zu seiner Zufriedenheit richten. Außerdem muss ich mich parallel dazu auch noch um das Büfett kümmern. Das alles zusammen ist sehr viel Arbeit. Da kann ich mich nicht auch noch um das Ermorden von Leuten kümmern.«

Nachdem die beiden noch einige freundschaftliche Neckereien ausgetauscht hatten, machten sie sich auf den Weg in die Küche. Malik wollte mit den Vorbereitungen seiner Mahlzeiten beginnen und Babette und Lucien halfen ihm dabei, während sie gleichzeitig die anderen Köche aushorchen wollten.

In der Großküche am Hofe eines Jarls war stets eine Menge los. Der Hofstaat wollte bewirtet werden und der Jarl selbst stets das feinste Essen serviert bekommen. Hinzu kamen immer wieder irgendwelche Festivitäten; die Nord fanden immer einen Anlass, um ihren Met in Massen zu trinken. Jagten waren ebenso nicht selten, und deren Ergebnisse wollten ebenso zubereitet werden.

Schon auf ihrem Marsch hierher hatte Malik Babette und vor allem auch Lucien eine kurze Einweisung in die Arbeiten eines Kochgehilfen gegeben. Natürlich waren sie damit noch weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber es sollte genügen, um sie nicht als völlige Stümper zu enttarnen.

Es galt einiges vorzubereiten, Malik brauchte dutzende Zutaten für das, was ihm aufgetragen worden war, und davon wollte nun eine Liste erstellt werden. Mit dieser eilte Lucien zum Küchenmeister und gab die Bestellung in Auftrag. Der Mann murrte und meinte, dass Shadr über seine Verhältnisse leben würde. Der Junge beschloss, dass es im Rahmen seiner Rolle war, wenn er seinen Meister verteidigte, und erinnerte den Mann daran, dass sie nur ihre Aufträge erfüllten. Wenn Meister Shadr so viel auferlegt worden war, war es nicht seine Schuld. Sie bekamen, was sie brauchten.

Während sie Malik dabei halfen, alles vorzubereiten, was es vorzubereiten gab, sperrten sie ihre Ohren auf. Es gab viel zu hören und zu erfahren, wenn man nur aufmerksam war. Köche und deren Gehilfen waren ein geschwätziges Volk, und auch wenn sie meist über kulinarische Vorlieben irgendwelcher Personen redeten, so erzählten sie auch manch anderes.

Lucien sperrte die Ohren vor allem nach Maven Sternenseher auf, doch es war schwer, aus dem Stimmengewirr der vielen Personen einzelne Wörter gezielt herauszuhören. Stattdessen erfuhr er, dass das Fest morgen nicht nur dazu diente, um die politischen Verhältnisse zu den Menschen von Reach zu festigen, sondern auch, um Bündnisse mit den angrenzenden Fürstentümern zu stärken. Das Reach war reich durch sein Silber, und viele hatten ein Interesse daran. Manche waren stark genug, um ihre Interessen gegen Markarth notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen. Um das zu verhindern, wollte Jarl Ulfgar, der Jarl des Reach, Freundschaft mit seinen Nachbarn schließen. Deswegen waren auch Abgesandte der anderen Jarlshöfe anwesend.

Wie es Lucien heraushörte würde am morgigen Tag viel getrunken werden, wahrscheinlich würde es im Verlaufe des Abends auch zahlreiche Alkoholleichen geben, die sabbernd in ihrer eigenen Kotze unter dem Tisch lagen. Raues Land, raue Sitten. Die Nord nahmen an so etwas kaum Anstoß, jedenfalls die meisten nicht. Vor allem würde es Braten geben, Spanferkel und Ochse, sowie zahlreiche andere Fleischgerichte. Eine Feuerstelle würde morgen errichtet werden, über der ein ganzer Ochse gebraten werden sollte, von dem sich jeder nehmen konnte, was er wollte. Dazu würde aber noch anderes gereicht, und dafür waren unter anderem sie zuständig.

Es war ein langer Tag. Anscheinend war Maliks Reputation als Meisterkoch sehr gut gefälscht worden, denn es lagen hohe Erwartungen auf ihm und er hatte zahlreiche Aufträge für den morgigen Tag, die er erledigen oder zumindest vorbereiten musste. So wurde es ein langer Tag für sie, und Lucien, der sich sogleich auf die Anweisungen Maliks und das Geschwätz um ihn herum konzentrierte, ohne unaufmerksam wirken zu wollen, war am Ende ziemlich ausgelaugt und müde. Dennoch begaben sie sich nach getaner Arbeit in Maliks Quartiere und besprachen ihre Ergebnisse.

»Morgen wird viel los sein«, begann Babette. »Es sind noch nicht einmal alle Köche da. Das heißt für uns: viel Gewühl, in dem wir untertauchen können. Das ist gut. Keiner wird auf zwei kleine Kinder achten, die lediglich Gehilfen sind und nichts weiter tun als Hilfsarbeiten.«

»Habt Ihr herausfinden können, wer Maven bedient?«, fragte Malik. »Ich muss zugeben, dass ich mich ganz auf Euer feines Gehör verließ und mich lieber auf das Essen konzentrierte. Es soll schließlich gelingen!«

Babette seufzte. »Immer bleibt die Arbeit an mir hängen«, kommentierte sie und setzte das freundschaftliche Streitgespräch vom Morgen fort. »Aber ja, das konnte ich. Praktischerweise hat der Koch seinen Platz nicht weit weg von unserem. Ich habe ihn ein wenig beobachtet und denke, dass es nicht allzu schwer sein sollte, ihm das Gift unterzujubeln. Ich habe alles bereit, sodass wir morgen damit keine Sorgen mehr haben müssen.«

»Gut, gut«, kommentierte Malik. »Und du, Lucien? Was hast du herausfinden können?«

Etwas verlegen ob seiner mageren Ergebnisse senkte er den Kopf. »Leider nicht so viel«, gestand er. »Es wird morgen viel los sein und ein einzelner wird nicht sehr auffallen. Mehr Relevantes konnte ich leider nicht heraushören.«

»Nun, das ist doch ein Anfang«, munterte der Rothwardone ihn auf. »Mach dir nichts daraus, gegen Babettes feine Vampirsinne kann ohnehin kein Mensch bestehen. Und dafür und in Anbetracht der Umstände ist das durchaus ein Ergebnis. Außerdem kannst du jetzt hervorragend Kartoffeln schälen und Gemüse putzen!« Er lachte auf. »Das ist eine sehr wichtige Fähigkeit, mein Junge!«

»Pah!«, schnaubte Babette. »Kochen ist nicht das einzige in der Welt.«

»Ihr seid ein Vampir, Ihr könnt das nicht wertschätzen«, konterte Malik.

Da die beiden ihr Gezänk anscheinend fortsetzen wollten, schaltete Lucien geistig ab und entspannte sich. Er war wirklich müde und sein Magen knurrte. Außerdem waren seine Hände ganz aufgeweicht und schrumpelig. Den ganzen Tag hatte er kaum etwas anderes gemacht als Gemüse zuzubereiten und abzuwaschen. Das war eindeutig zu viel für einen ganzen Tag, wenn er dabei auch noch seine Arbeit als Dunkler Bruder vollbringen musste. Pausen hatte es kaum gegeben, und so war der Feierabend sehr willkommen gewesen.

Malik, der merkte, dass Lucien sehr müde war, entließ ihn. Der Junge begab sich in sein Zimmer, das er mit Babette teilte, aß und trank etwas und schlief sogleich ein.

Der nächste Tag begann unerwünscht früh. Nur widerwillig quälte sich Lucien aus dem harten Bett und begann seinen Tag. Doch als er sich ins Gedächtnis rief, dass heute der Tag war, an dem sie ihren Auftrag ausführen würden, waren aller Widerwille und alle Müdigkeit vergessen. Enthusiastisch machte er sich fertig und trat zur Arbeit an.

Es herrschte bereits reger Betrieb in der Großküche und auch im Rest der Festung. Alles wollte vorbereitet und hergerichtet werden. Der Festsaal wurde geschmückt und eingerichtet und das Essen vorbereitet. Für sie hieß das: erneut eine Menge Arbeit und viel Hektik und Stress. Denn das Bankett sollte besser als alles werden, was man bisher gesehen hatte.

Wahrscheinlich gerade deswegen verflog die Zeit rasend schnell. Der Tag schien kaum begonnen zu haben, als auch schon der Abend kam und die Feier begann. Lucien merkte dies nur daran, dass auf einmal noch mehr Betrieb in der Küche war als ohnehin schon. Zahlreiche Gehilfen eilten umher und taten dies und jenes, während die Köche ihnen Anweisungen zubrüllten, die sie grundsätzlich nicht schnell genug ausführten.

Dann wurde es anscheinend Zeit, dass das Festessen eröffnet wurde, denn die Gehilfen wurden abberufen, die für die Aufnahme der Bestellung und Bedienung der Gäste zuständig waren. Jeder von ihnen erhielt dazu eine Uniform, damit sie nicht in den schmuddeligen Küchenkleidern zwischen all den feinen Gästen herumlaufen mussten.

Luciens Uniform war ihm zu eng und kniff an unangenehmen Stellen. Doch er ertrug es, es war ja nur für wenige Stunden. Dann bekam er noch ein Tablet und wurde auch schon losgeschickt.

Laute Musik von Trommeln und Lauten scholl ihm aus dem Bankettraum entgegen. Er fühlte, wie die Angst in ihm hoch kam. Anscheinend hatte man sich darauf verlassen, dass die geladenen Köche Gehilfen mitbrachten, die auch servieren konnten. Malik hatte ihm das zwar bereits im Vorfeld gesagt und ihm grobe Anweisungen gegeben, wie er es anzustellen hatte, aber dennoch verhielt es sich so, dass Lucien soeben das erste Mal hohen Herrschaften Speis und Getränk reichen sollte. Er hoffte, nichts falsch zu machen und damit nicht ihre Mission zu gefährden.

Doch dann überlegte er, was schon passieren sollte, wenn er einen Fehler machen sollte. Er würde wahrscheinlich dafür gescholten und je nach Schwere seines Fehlers würde Shadr eine Zurechtweisung bekommen, dass er den Falschen für diese Aufgabe ausgewählt hatte. Das beruhigte Lucien wieder ein wenig, und seine Hände zitterten nicht mehr ganz so sehr.

Die höhergestellten Gäste bekamen ihre eigenen Kellner. Ansonsten gab es auch einige Diener, die herumstanden und warteten, dass einer der anderen Gäste an sie heran trat und seinen Wunsch äußerte. Lucien gehörte zu seinem Leidwesen nicht zu ihnen, erkannte aber bald, dass er wohl doch in einer komfortableren Lage war, als zunächst gedacht. Während die anderen oft hin und her rennen mussten, musste er einfach nur warten, bis der ihm zugeteilte Gast, ein fetter Adeliger aus Markarth, ihn herbeiwinkte und seine Bestellung aufgab.

Dann eilte der Junge zurück zur Küche, holte das Bestellte oder gab den Essenswunsch, insofern es etwas größeres war, das mehr als nur einen neuen Krug Met oder Wein oder einen Happen vom Büfetttisch beinhaltete, bei Malik ab. Dieser fluchte dann stets ausgiebig und versuchte, die Bestellung irgendwie in seinen Arbeitsablauf einzubinden.

Babette schien ebenfalls alle Hände voll zu tun zu haben und stand Malik mit fliegenden Händen bei. Lucien hatte kaum Zeit, um auch mit ihr zwei, drei Worte zu wechseln, dann musste er wieder an seine Arbeitsstelle. Was er jedoch mitbekam, war, dass sie guter Dinge war und alles so lief, wie es laufen sollte.

Er gab sich alle Mühe, seine Aufgabe zu erfüllen und seinen Gast gut zu bewirten. Da dieser aber nur möglichst viel Fleisch und Met im Sinn zu haben schien, war dies nicht sonderlich schwer, weitaus leichter sogar, als gedacht. Der Junge war erleichtert.

Die ganze Zeit über versuchte er, interessante Dinge aus den Gesprächen um ihn herum herauszuhören, aber es ging stets entweder nur um Frauen, Met und die Jagd oder um Belanglosigkeiten der täglichen Geschäfte. Gelegentlich wurden Geschichten und Gerüchte erzählt, doch nichts davon erschien Lucien wirklich interessant und merkenswert. Er ärgerte sich darüber, da er so keine neuen Informationen der Bruderschaft bereitstellen konnte, was ihm sicher gut zu Gesicht gestanden hätte. Und auch so merkte er, dass er noch kaum etwas über die Politik in Himmelsrand wusste. Die meisten der Namen waren ihm unbekannt und viele der Kamellen waren für ihn völlig ohne Zusammenhang, obgleich selbst der Rest der Dienerschaft darüber Bescheid zu wissen schien.

Je später der Abend wurde, desto betrunkener wurden die Gäste. Lucien musste immer öfters torkelnden Nord ausweichen und aufpassen, dass sie ihm nicht zu nahe kamen. Es kam sogar zu zwei kleineren Zwischenfällen, die jedoch niemanden zu stören schienen. Bei beiden gerieten zwei der Gäste aneinander und begannen eine Prügelei. Es handelte sich dabei wohl um Thane und Huscarls, Krieger von Rang und Namen. Die Adeligen mischten sich zwar nicht ein, sahen aber amüsiert zu oder befeuerten die jeweiligen Streithähne sogar mit Zurufen.

Lucien stellte fest, dass er die Nord nicht mochte. Er war froh, wenn all das hier vorbei war.

»Es ist getan«, wisperte ihm Babette nur kurze Zeit später zu. »Ein wirklich feines Gewürz, ich sag‘s dir. Halt die Augen offen.«

Das war eine Neuigkeit, die Lucien sehr wohl zusagte. Er hatte derweil herausgefunden, wer Maven Sternenseher war, und behielt sie nun näher im Auge. Schwankte sie ein wenig? Stutzte sie ob eines unerwarteten Geschmacks in ihrem Essen? Verdrehte sie vielleicht gar die Augen?

Die Nord wirkte nicht, als sei sie bereits besonders angetrunken. Anscheinend gehörte sie zu denen, die noch den klarsten Verstand hatten. Ob Babette das berücksichtigt hatte? Aber wahrscheinlich war es ohnehin gut, dass sie noch nicht allzu betrunken war, da so die Gefahr vermindert wurde, dass sie das Gift aufgrund des zu hohen Alkoholgehaltes in ihrem Blut wieder erbrach, wie es bereits einige Male an diesem Abend passiert war. Lucien war froh, dass er servierte und nicht putzen musste.

Dennoch warf er nun ein Auge mehr auf Maven. Er wollte wissen, was passierte. Doch dafür musste er noch eine ganze Weile warten.

Mittlerweile merkte er auch an sich die Erschöpfung. Es war ihm zwar gelungen, ein paar Kleinigkeiten zu stibitzen, um seinen gröbsten Hunger zu stillen, aber dennoch schlug sich seine Arbeit nieder. Schon den ganzen Tag über hatte er rotiert und kaum Zeit zum Luftholen gehabt. Seine Konzentration schwand allmählich und er hatte immer größere Mühe, bei der Sache zu bleiben.

Da bemerkte er zu bereits fortgeschrittener Stunde, wie Maven Anzeichen von Schwäche zeigte. Lucien war nicht nah genug bei ihr, um zu hören, was sie sagte, doch es schien, als würde sie sich nicht mehr wohl fühlen. Ihr Nachbar beugte sich zu ihr und fragte sie etwas, woraufhin sie den Kopf schüttelte. Sie verzog das Gesicht, als sei ihr übel, und legte eine Hand auf den Bauch. Eindeutige Zeichen, dass das Gift allmählich zu wirken begann. Lucien lächelte heimlich in sich hinein und verschwand in die Küche.

»Es wirkt«, wisperte er Malik und Babette zu.

»Gut«, sagte der Koch. »Und unser Gast? Was macht er?«

»Liegt betrunken unter dem Tisch, wie eine ganze Menge andere mittlerweile«, berichtete der Junge.

»Dann machen wir Feierabend und verschwinden, so lange noch alles ruhig ist«, beschloss Malik. »Der Großteil der Arbeit ist getan, und wir arbeiten ohnehin seit dem Vormittag. Zeit für Feierabend!«

Das waren Worte, die Lucien gerne hörte! Einige der Köche waren für die späteren Stunden eingeteilt, diese sollten nun ihren Platz übernehmen.

»Und das Beste daran ist: Wir werden zweimal bezahlt!«, freute sich Babette auf dem Weg zu ihren Zimmern. »Immerhin gibt es für unsere Arbeit in der Küche auch einen Lohn. Hast du ordentlich Trinkgeld bekommen, Lucien?«

»Ein bisschen«, sagte er und kramte die Septime, die er bekommen hatte, aus seiner Tasche. Gut zwanzig waren es geworden. 

»Nicht schlecht für den Anfang«, meinte sie.

»Muss ich es abgeben?«, fragte er. Er hatte sich gefreut, als er die ersten paar Septime in seine Tasche stecken durfte und hoffte sehr, dass er sie für sich behalten durfte, aber er würde freilich nicht mosern, wenn dem nicht so war.

»Natürlich nicht!«, hielt das Vampirmädchen dagegen. »Ehrlich verdientes Geld für ehrliche Arbeit. Behalte sie im guten Andenken, du kommst selten an solche Septime. Unser Geld ist meist eher nicht so ehrlich – sagt jedenfalls die Allgemeinheit. Wenn ich mir so ansehe, was wir in den letzten Tagen geleistet haben, sehe ich das jedenfalls anders.«

»Bitte, Babette, lassen wir das«, sagte Malik. »Ich weiß nicht, wo Ihr die Energie für so viele Worte noch hernehmt, aber ich bin zu müde dafür. Reden wir morgen darüber.«

Lucien war überrascht, denn auf ihn hatte Malik noch einen sehr energiegeladenen Eindruck gemacht. Aber er konnte sich vorstellen, dass auch dessen Arbeit ihn sehr geschlaucht hatte. Sie begaben sich rasch zu Bett und verloren kaum noch Worte über ihren Auftrag.

Am nächsten Morgen war die Aufregung groß in Festung Unterstein. Maven Sternenseher war tot aufgefunden worden in ihrem Gemach, offensichtlich vergiftet. Noch wusste niemand etwas genaueres, aber dennoch pfiffen es bereits die Spatzen von allen Dächern und die Gerüchteküche brodelte. Alle wollten sie etwas gesehen haben und äußerten teils wilde und krude Gerüchte. Der Jarl versprach natürlich, das Verbrechen so schnell wie möglich aufzuklären.

Doch als die Wachen begannen, die Stadt nach Spuren zu durchkämmen, waren die wahren Täter schon längst verschwunden.

Unter Dieben

»Das war hervorragende Arbeit!«, lobte Malik sie alle, als die Stadtmauern Markarths schon lange hinter ihnen verschwunden waren. »Glatter hätte es nicht laufen können. Beinahe schon regelrecht langweilig, so einfach, wie das war! Unser Kunde wird sehr zufrieden sein.«

»Was wohl der Bonus sein wird?«, malte sich Babette bereits aus. »Den bekommen wir auf jeden Fall. He, Lucien, das ist klasse, oder? Dein erstes selbst verdientes Geld!«

Der Junge strahlte so breit bei diesem Gedanken, dass er nur nicken konnte.

Malik klopfte ihm auf die Schulter. »Das hast du wirklich gut gemacht«, lobte er. »Es war eine sehr gute Entscheidung, so viel Vertrauen in dich zu stecken. Du hast dich dessen als würdig erwiesen. Ich freue mich!«

Lucien fühlte sich, als sei er soeben vor lauter Stolz und Lob gerade um mehrere Fingerbreit gewachsen.

Auf dem Rückweg gingen sie beschwingten Schrittes. Ihre Stimmung war gut und sie waren bereits in Feierlaune. Lucien hatte es selten erlebt, dass Mitglieder der Bruderschaft nach erfolgreicher Erfüllung eines Auftrages so ausgelassen waren, sodass er annahm, dass der Auftrag sogar ein recht bedeutender gewesen war, welcher die Kassen der Bruderschaft reichlich gefüllt hatte und ihrem Ansehen zu einem ordentlichen Aufschwung verholfen hatte. Das machte ihn nur umso stolzer darauf, dass er ein Teil dessen hatte sein dürfen.

Die Zeit, bis sie wieder in der Zuflucht gewesen waren, verging wie im Fluge. Lucien konnte es kaum noch erwarten, endlich wieder zurück zu sein und die strahlenden Gesichter der anderen zu sehen. Er malte sich bereits aus, wie sie ihm auf die Schulter klopfen würden, und er einen prall gefüllten Sack voller Septime sein eignen nennen durfte. Was er sich davon alles kaufen konnte? Er konnte sich kaum entscheiden! Es gab so vieles, das man mit Geld erreichen konnte, und alles wollte er am liebsten zugleich ausprobieren. Eine neue Waffe vielleicht? Sein Dolch war nun wahrlich nicht mehr als ein Spielzeug, eines Mörders wie ihn kaum würdig. Vielleicht aber auch eigenes Alchemiezubehör? Dann musste er sich nicht ständig des Allgemeingutes bedienen, welches ohnehin nicht von bester Qualität war.

Doch nichts dergleichen war, als sie zurückkamen. Ganz im Gegenteil war die Stimmung sogar recht bedrückt, sodass Lucien gleich spürte, dass etwas vorgefallen sein musste. Aber was? Hilda konnte es ihm bestimmt sagen.

Sie war es auch, die sie sogleich nach ihrer Rückkehr aufsuchten.

»Genau zum rechten Augenblick – oder auch nicht, wie man es nimmt«, begrüßte sie die Rückkehrer. »Wie ist es gelaufen?«

»Reibungslos«, berichtete Malik. »Wir konnten uns unbemerkt in Festung Unterschein einschleichen und bekamen unsere Anstellung in der Küche, wie geplant. Am Tag des Festes gelang es uns ohne Probleme, unser Ziel zu töten, indem wir sein Essen vergifteten. Zum Zeitpunkt unserer Flucht schöpfte niemand Verdacht, aber wie es mit Gerüchten so sind, gibt es in Falkenring vielleicht schon die ersten Gespräche dazu. Wir sollten uns in den nächsten Tagen vielleicht im Fürstentum umhören und sehen, was die Leute dazu meinen, dass ein Mitglied von Jarl Sterngeir Bärenfausts Hof in Markarth ermordet wurde.«

»Sicher wird es aber zu politischen Spannungen kommen«, sagte Babette. »Was aber entweder unserem Auftraggeber egal oder gar in seinem Anliegen ist. Wie dem auch sei, Maven Sternenseher ist tot und kniet nun in der Leere vor Sithis! Heil Sithis!«

»Heil Sithis!«, antworteten die anderen im Chor.

»Erzählt mir von Lucien«, wollte nun Hilda wissen. »Wie schlug er sich?«

»Ich hielt es für angebracht, ihm eine kleine Rolle in der Maskerade zukommen zu lassen«, sagte Malik. »Ich weiß, das war gegen meine Anweisungen, aber es war berechtigt. Der Junge zeigt Engagement und Zielstrebigkeit. Er besitzt einen starken Willen sowie Durchhaltevermögen, dazu einen raschen Verstand und Anpassungsfähigkeit. Seine Aufgabe war es, einen weiteren Küchengehilfen zu spielen sowie einen der Servierjungen am Abend des Festes. Er machte seine Arbeit hervorragend und mir kamen keine Beschweren über ihn zu Ohren.«

»Aha, dann weiß ich, was du jetzt bei uns machen kannst!«, lachte Hilda. »Malik wird sich über einen Gehilfen am Herd freuen, da bin ich mir sicher.«

Sie fand das offensichtlich höchst amüsant, doch Lucien war gekränkt. Er rang sich zu einem halbherzigen Lächeln durch und knirschte mit den Zähnen.

Babette, die seine Verstimmung bemerkte, intervenierte. »Er hat wirklich gute Arbeit geleistet«, sagte sie. »Vor allem für einen blutigen Anfänger, der er nun einmal ist. Ich war zwar nicht davon ausgegangen, dass er noch einmal einen solchen Fehler machte wie bei seinem ersten Auftrag, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass es dieses Mal so reibungslos mit ihm klappt. Er hat zudem aufmerksam die Gäste beim Festmahl belauscht und konnte diverse nicht unbedingt uninteressante Dinge herausfinden über die politischen Verhältnisse in Skyrim. Eine, wie ich finde, durchaus bemerkenswerte Sache.«

Hilda fand zurück zum Ernst der Sache. »Nun, der Auftrag wurde zur vollen Zufriedenheit unseres Kunden erfüllt, was heißt, dass es für euch beide zur üblichen Belohnung noch einen ordentlichen Bonus gibt. Für Lucien habe ich fünfzig Septime angedacht. Das ist in Anbetracht seiner Aufgabe und Leistung als erstes eine mehr als angemessene Leistung.«

Fünfzig Septime! Lucien wusste, dass höherrangige Assassinen weitaus mehr bekamen, hunderte, wenn nicht gar tausende Septime für einen erfolgreich ausgeführten Auftrag, den Bonus nicht mitgerechnet. Aber für ihn waren bereits fünfzig Septime ein wahres Vermögen.

»Aber sprecht, Hilda, was ist in unserer Abwesenheit passiert?«, wechselte Babette das Thema, während Lucien sich schon über das Geld freute, welches Hilda soeben für sie bereitlegte und die Boni für die beiden Assassinen dazu packte.

»Ah, eine etwas unschönere Angelegenheit, das ganze«, sagte die Werwölfin. »Unsere Feinde in der Legion rücken uns wieder einmal auf den Pelz. Kurz nach eurem Aufbruch kam General Consantius Tituleius höchstselbst mit einem Trupp Soldaten vorbei, nistete sich in Falkenring ein und begannt, mit der Hilfe des Jarls herumzuschnüffeln. Wir haben uns bedeckt gehalten und getarnt, was zu tarnen war, aber ich glaube dennoch, dass er etwas herausgefunden hat, was er nicht wissen soll. Wir müssen nun endlich Schritte gegen ihn unternehmen und verhindern, dass er zu einer wirklichen Gefahr wird. Wir sind nur eine Handvoll Assassinen, doch er hat die Legion von Himmelsrand an der Hand.«

Das erklärte selbst für Lucien die bedrückte Stimmung, obgleich er nicht wusste, wer dieser General war. Doch er gehörte der Legion an, bekleidete einen verdammt hohen Rang und schien die Dunkle Bruderschaft zu verfolgen. Das reichte, um sich den Rest zusammenzureimen.

»Wisst Ihr bereits, was Ihr unternehmen werdet?«, fragte Malik, sichtlich besorgt.

»Wir müssen ihn ausschalten, so viel steht fest, aber auf subtilere Weise, als wir es üblicherweise tun«, sagte Hilda. »Ich werde mich dafür unserer Kontakte zur Diebesgilde bedienen. Vernon Roche wird uns sicher weiterhelfen können.«

»Es wurde Zeit, dass wir etwas gegen diesen eitlen Vogel unternehmen«, sagte Babette. »Er ist schon viel zu lange hinter uns her und bedrängt uns. Er ist so hoch aufgestiegen und sucht immer noch mehr Ruhm, indem er die Bruderschaft auszulöschen versucht.«

»Und genau das wird nun ein für alle Male sein Fall.« Hilda lachte boshaft und war damit Babette auf einmal erschreckend ähnlich. »Lucien«, wandte sie sich an den Jungen. »Du hattest zwar gerade erst einen Auftrag ausgeführt, und eigentlich wollte ich, dass du nun eine Weile in der Zuflucht verweilst, dich hier einlebst und deine Ausbildung fortsetzt, aber die Gelegenheit ist zu günstig. Du wirst mit mir kommen und die Diebesgilde in Riften kennenlernen. Vernon Roche ist ihr momentaner Anführer, und du sollst zu ihm und den anderen Dieben dort Kontakte knüpfen. Es ist immer nützlich, ein gutes Wort bei den Dieben zu haben.«

Lucien nickte. »Wie Ihr befehlt«, sagte er.

Hilda schnaubte und lachte auf. »Wir sind nicht bei der Armee!«, kommentierte sie. »Aber gut, wie du willst: wegtreten und ausruhen!«

Lucien beherzigte diesen Rat und sah zu, dass er ein wenig Rast und Ruhe bekam, um sich von dem Auftrag zu erholen.

Im Laufe der nächsten Tage bemerkte er verstärkt die Unruhe unter den Mitgliedern der Zuflucht. Niemand sprach es direkt an, doch sie alle waren rastlos und bedrückt. Sie machten sich Sorgen wegen General Consantius Tituleius und dem, was er vielleicht anstellen könnte. Hilda zog sich oft mit Malik und Babette zurück und besprach sich offenbar über ihr weiteres Vorgehen.

Auch Lucien überlegte, was die momentane Situation für ihn bedeutete, kam jedoch zu dem Schluss, dass sich für ihn wahrscheinlich kaum etwas ändern würde. Er konnte ohnehin nichts tun und war daher in der Beseitigung dieses Problems herzlich nutzlos.

Es stellte sich heraus, dass Consantius Tituleius die Bruderschaft schon seit einiger Zeit verfolgte. Anscheinend hatte er sie zu seiner persönlichen Hydra erklärt, und es war ihm bereits gelungen, einige unbedeutendere Köpfe der Hydra abzuschlagen. Es schmerzte der Bruderschaft zwar, hatte ihr aber bis jetzt noch keinen ernsthaften Schaden zugefügt. Doch die Gefahr wuchs stets, dass er eines Tages vielleicht doch den Körper traf und ihnen wirklich ernstlichen Schaden zufügte. Die Zeit drängte, dass endlich etwas gegen ihn unternommen und er außer Gefecht gesetzt wurde.

Wenige Tage später saß Hilda die Zeit für günstig genug, dass sie mit Lucien nach Riften aufbrach. Es widerstrebte ihr offenbar, die Zuflucht zu verlassen und damit nicht mehr unter ihrem Schutz zu lassen, doch anscheinend war es von Bedeutung, dass sie persönlich bei dem Anführer der Diebesgilde von Skyrim, Vernon Roche, erschien und mit ihm besprach, was es zu besprechen gab, um Consantius Tituleius zu beseitigen. Für Lucien hieß das, dass er erneut seine Sachen packte.

Er packte ebenso seinen Lohn ein, den auszugeben er noch nicht die Gelegenheit gefunden hatte. In den letzten Tagen hatte bis auf Malik niemand die Zuflucht verlassen; der Rothwardone hatte den Auftrag gehabt, die Umgebung im Auge zu behalten und nach Anzeichen von Gefahren Ausschau zu halten. Lucien hoffte, dass er in Riften die Gelegenheit dazu haben würde, sein Geld auszugeben, auch wenn er sich immer noch nicht entschieden hatte, was er mit dem Lohn anfangen wollte. Vielleicht war es besser, wenn er das einfach spontan entschied.

Babette sollte Hilda in ihrer Abwesenheit vertreten. Das Vampirmädchen versicherte ihr tausendmal, dass sie sich nach bestem Wissen und Gewissen um die Familie kümmern würde, erst dann konnte Hilda sie verlassen, um ihre Mission anzutreten. Bis jetzt hatte Lucien keine allzu hohe Meinung von Hilda als Zufluchtsleiterin gehabt, egal, was er ihr gesagt hatte, aber er erkannte nun, dass sie sich sehr wohl um ihre Familie sorgte und stets um ihr Wohl bemüht war. Sie war Cassius Proximo also doch nicht so unähnlich, wie zunächst gedacht.

Sie wandten sich zunächst nach Norden, wandten sich dann jedoch an den südlichen Ufern des Illinalta Sees nach Osten in Richtung Flusswald und Weißlauf. Ihr weiterer Weg sollte sie dem Lauf des Weißflusses folgen lassen, bis dieser sich mit dem Dunkelwasserfluss verteilte. Dann würden sie diesem ein Stück stromaufwärts folgen, ihn aber in weiterhin östlicher Richtung überqueren und schließlich vor den Velothi Bergen nach Süden in Richtung Shors Stein und Riften abbiegen. Wie immer freute sich Lucien, einen weiteren Teil dieses sonderbaren Landes kennen zu lernen, und da sie nun gleich vier Fürstentümer zu durchqueren hatten, versprach es durchaus eine abwechslungsreiche Reise zu werden.

Die Fürstentümer in Himmelsrand waren unabhängiger voneinander, als es in Cyrodiil der Fall war. Beging man in einem Fürstentum ein Verbrechen, so wurde man in Himmelsrand in jedem anderen dafür nicht behelligt. Jedes der Fürstentümer des rauen Landes hatte seine eigene Gesetzgebung und Regierung. Es gab zwar in Einsamkeit, der Hauptstadt des Fürstentum Haafingar, einen Hochkönig, doch dieser besaß vor allem repräsentative Funktion. Doch über allem stand noch immer das Gesetz des Kaisers in Cyrodiil, und so gab es in jeder Hauptstadt der neun Fürstentümer Repräsentanten des Kaiserreiches sowie Vertretungen der Legion.

Während sie noch dem sich durch eine kleinere Bergkette schlängelnden Weg folgten, der von Flusswald aus nach Weißlauf führte, lichtete sich auf einmal der Wald, und während zu ihrer Rechten der Weißfluss einen Abhang hinabdonnerte, wichen die Berge zu beiden Seiten zurück und vor ihnen tat sich plötzlich eine weite Gradebene  auf. Und vor ihnen ragte auf einem kleinen Hügel Weißlauf auf.

Die Stadt war wohl das, was sich Lucien unter dem Inbegriff einer Nordstadt vorstellte. Die Stadt war ringsum von einer alten, bröckelnden Steinmauer umgeben. Die Häuser im Inneren der Mauer waren überwiegend aus Holz und Lehm gebaut, und die Dächer strohgedeckt. Über allem thronte die Feste des Jarls: die Drachenfeste, ein großer Komplex aus Holz, Stein und Strohdächern, der mit zahlreichen Giebeln in Form von Drachenköpfen verziert war.

»Ich würde sehr gerne eines Tages den Schädel von Numinex sehen«, murmelte Lucien vor sich hin und wandte sich dann direkt an Hilda. »Stimmt es, dass er Drachenkopf über dem Thron des Jarls hängt?«

»Ja«, sagte sie kurz angebunden. »Aber dafür haben wir keine Zeit. Komm, wir sollten nicht trödeln.«

Lucien war enttäuscht, moserte allerdings nicht. Hilda hatte Recht, ihre Mission war wichtiger als ein Abstecher aus Vergnügen nach Weißlauf.

Sie querten den Fluss Weißlauf und wandten sich allmählich nach Osten. Der Weg macht hier einen weiten Bogen erst nach Norden und dann nach Osten um den Hals der Welt genannten Berg herum, der höchste Berg in Skyrim und ein wahrlich beeindruckender Anblick. Immer mehr wurde der Verdacht in dem Jungen groß, dass dieses Land allgemein zu etwas größeren Dimensionen neigte, jedenfalls in mancherlei Hinsicht; die Kaiserstadt war mit ihrem Weißgoldturm noch immer die größte Stadt, die er bisher gesehen hatte.

»Was ist das dort oben kurz unter der Spitze des Berges?«, fragte er und deutete auf etwas, das aus der Ferne aussah wie ein Gebäude, das sich an die Bergflanke krallte.

»Hoch Hrothgar, der Sitz der Graubärte«, erklärte Hilda. »Manche Nord pilgern alle paar Jahre die Siebentausend Stufen zu ihnen hinauf, um die Weisheit ihrer falschen Götter zu erlangen. Außerdem sind sie Meister des Thu’um, der alten Magie der Drachen.«

»Drachen!« Lucien war baff. »Also gibt es sie doch noch!«

»Es hat sie gegeben, Junge«, erinnerte sie ihn. »Jetzt sind sie alle tot und nur noch ein Haufen Knochen. Manches ist jedoch geblieben. In manchen alten Nord Ruinen sollen noch heute die untoten Drachenpriester hausen, daher sei dir angeraten, ihre Gräber besser zu meiden; sie sind Gegner, denen keiner von uns begegnen wollen würde.«

Bei den Valtheimer Türmen gerieten sie das erste Mal in Bedrängnis. Schon von weitem konnten sie ausmachen, dass die alte Ruine von Banditen besetzt war, die sich die zwei Türme und die Brücke, die sich zwischen ihnen über den Weißlauf spannte, zum Wohnsitz auserkoren hatten und von dort aus arglosen Reisenden auflauerten.

Hilda fluchte. »Es führt kein Weg daran vorbei, die Berge sind abseits der Wege hier nicht gangbar.« Sie knurrte. »Wir werden bis zum Einbruch der Nacht warten und uns dann vorbei schleichen müssen.« Sie schien definitiv nicht über diese Verzögerung erfreut.

Sie suchten sich einen geeigneten Lagerplatz etwas abseits der Straße, wo sie nicht allzu schnell gesehen werden konnten. Dann warteten sie. Erst als auch der letzte Sonnenstrahl verschwunden war, beschloss Hilda, dass es Zeit war.

Der Weg war hier zu ihrer rechten Seite von hohen Felswänden begrenzt, nach Norden hin fiel die Böschung jedoch zum Ufer des Weißflusses ab. Wenn sie sich vorsichtig und nicht allzu schnell bewegten, dann konnten sie vielleicht unbemerkt unter den Augen der Banditen davon schlüpfen. Lucien hatte Hilda gefragt, wie stark ihre Werwolfform war, doch sie hatte deutlich gemacht, dass sie notfalls auch im Alleingang die Banditen töten konnte, da Luciens Kampfkraft noch nicht sonderlich nennenswert war, darauf anlegen wollte sie es jedoch nicht unbedingt. Dennoch war er im Stillen neugierig, einen Werwolf im Kampf zu sehen.

Doch dann verbannte er diese Gedanken. Jetzt war Vorsicht angebracht! Sie beide waren sehr geschickt in der Heimlichkeit, selbst Hilda, die mit ihrer riesigen Axt eigentlich nicht diesen Eindruck erweckte. Sie war hingegen sogar so talentiert, dass Lucien aufpassen musste, dass er sie nicht aus den Augen verlor, obwohl er sich nahe bei ihr hielt. Ob er jemals so gut werden würde wie sie?

Schritt um Schritt setzten sie in geduckter Haltung, Fuß vor Fuß, darauf bedacht, keine hastigen und schnellen Bewegungen zu machen, die sie im Dunklen verraten könnten. Sie hatten ihre Kaputen übergezogen und ihr Masken vor die Gesichter gelegt, damit ihre Haut sie im Schein der Monde nicht verriet. Tatsächlich waren sie sogar so leise, dass sie einen nahen Schneehasen erst dann aufschreckten, als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt waren und er zufällig zum Schnuppern seine Nase in ihre Richtung hielt.

Luciens Herz raste vor Aufregung, denn auch er war nicht wirklich erpicht auf einen Kampf. Er wusste, dass dies nur schlecht für ihn ausgehen konnte, wegrennen würde er allerdings dennoch so lange nicht, wie Hilda es ihm nicht befahl.

Die Zufluchtsleiterin hielt immer wieder inne und beobachtete die Türme und die Banditen, die auf ihnen Wache hielten. Doch niemand schien etwas bemerkt zu haben, so verblüffend es auch schien. Lucien war über sich selbst erstaunt, denn er hätte nicht erwartet, dass sie in der Tat völlig unbehelligt davon kamen. Nachdem sie die Türme hinter sich gelassen hatten, schlugen sie sich in die Büsche und betraten erst wieder die Straße, als die Banditen sie von ihrem Lager aus nicht mehr sehen konnten.

»Sehr gut, halbe Portion«, lobte Hilda. »Ich hätte nicht erwartet, dass du dich so gut schlägst. In dir steckt mehr, als man meinen mag.«

Der Junge lächelte stolz.

»Aber bilde dir nicht zu viel darauf ein!«, schwächte sie sogleich ab. »Außerdem müssen wir die verlorene Zeit aufholen. Komm, nicht trödeln. Wir haben noch ein, zwei Meilen zu gehen.«

Dies versprach wieder einmal eine lange Nacht zu werden, doch er nahm es klaglos hin und folgte Hilda. Diese legte einen strammen Schritt vor und machte den Eindruck, mehr als nur ein oder zwei Meilen in dieser Nacht zu schaffen.

Erst als Mitternacht schon seit geraumer Zeit vorüber war und Luciens Beine bereits brannten und schmerzten von dem straffen Wandern, hielten sie und machten für den Rest der Nacht Rest. Fast augenblicklich schlief der Junge ein.

In seinem Schlaf träumte er sonderbare Dinge. Er stand in einem lichten Birkenwald, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Ringsum waren in der Ferne Berge zu sehen, und von ihnen hallte ein seltsames Geräusch wieder, eine Art Rauschen wie von einem Wasserfall, nur … wilder. Er konnte es kaum beschreiben und einordnen, worum es sich dabei handelte, erst recht nicht.

Doch dann machte er am Himmel einen sonderbaren Schemen aus. Erst dachte er, es handelte sich dabei um einen großen Vogel, doch als das Wesen von den Bergen herabflog und immer näher kam, erkannte er, dass es kein Vogel war. Außerdem schien es die Quelle der sonderbaren Geräusche zu sein.

Und dann war es heran, ein riesiges Ungetüm aus Schuppen, Klauen und Hörnern. Ein Drache! Er sah genauso aus wie die Statue im Talos-Platz-Bezirk, nur wilder und vor allem viel lebendiger. Immer wieder brüllte der Drache, kreiste in weiten Bahnen über den Birkenwald und schien etwas zu suchen. Beute? Etwas anderes? Als er donnernd über Lucien hinweg zog, ignorierte er den Jungen jedoch, obwohl er sicher war, dass der Drache ihn bemerkt hatte.

Nach einiger Zeit, in der er nichts anderes gemacht hatte als zu kreisen und gelegentlich zu brüllen, zog der Drache ab. Er flog in Richtung des Halses der Welt und schien dessen Gipfel anzustreben. Ob er dort sein Nest hatte?

Fast bedauerte es Lucien, dass er wieder aufwachte. Er hatte einen richtigen, echten Drachen gesehen, und es war ihm egal, dass es nur im Traum geschehen war. Ein Drache, wie aufregend! Der Traum war irgendwie sonderbar gewesen, aber dennoch freute er sich über ihn sogar so sehr, dass er seine Müdigkeit und den mangelnden Schlaf ignorieren konnte.

Sie aßen rasch etwas, packten ihre Sachen und zogen dann weiter. Hilda machte klar, dass sie noch am Abend Riften erreichen wollte, auch wenn der Weg noch weit war. Dies bedeutete also ein weiterer langer Tag mit einem straffen Marsch. Lucien klammerte sich an die Erinnerung an seinen Traum, um sich bei Laune zu halten. Hilda sagte er nichts davon, da er spürte, dass sie ihn nur auslachen würde und das als die Träumerei eines Jungen abtun. Und wahrscheinlich war es auch nicht mehr als das. Lucien beschloss, bei Gelegenheit mehr über die Drachen herauszufinden, die so eng mit der Geschichte dieses Landes verbunden zu sein schienen.

Nach wenigen Meilen lichteten sich die Bäume zu ihrer linken und gaben den Blick frei über ein weites ebenes Gebiet, das jedoch anderes als die Tundren von Weißlauf von allem von nackter Erde und blankem Fels geprägt war. Nur vereinzelt standen die Bäume hier, doch die Landschaft war geprägt von vielen kleineren Gewässern, von denen Dampf aufstieg. Die Hitze flimmerte über dem brackigen, warmen Wasser der Sees.

»Die Thermalseen von Ostmarsch sind bei vielen beliebt, die Gelenkschmerzen haben«, warf Hilda ein. »Das warme Wasser, das hier zusammen mit den Dämpfen an die Oberfläche steigt, soll dabei sehr behilflich sein.«

In diesem Moment stieg von einem der Tümpel in der Ferne eine hohe Wassersäule explosionsartig in die Höhe. Lucien stieß einen Laut der Überraschung aus.

»Was war denn das?«, rief er begeistert.

»Beruhig dich, halbe Portion«, lächelte Hilda. »Das war ein Geysir, die findest du hier öfters.«

Damit befand sie die Rundschau über das Gelände für beendet und ging weiter. Lucien, obgleich er gern die sonderbare Landschaft genauer untersucht hätte, statt nur an ihrem südlichen Rand vorbei zu laufen, folgte ihr dennoch. Immer wieder wanderte sein Blick jedoch nach Norden, in der Hoffnung, noch einen Geysir zu beobachten. Doch seine Hoffnung wurde enttäuscht, anscheinend war dieses Naturphänomen sehr launisch und zeigte sich nur selten.

Eine ganze Weile marschierten sie nördlich einer großen Felsformation entlang und arbeiteten sich langsam immer höher an ihr empor. Riften lag auf einer Hochebene zwischen mehreren Gebirgen, diese hohe Felsmauer markierte das nördliche Ende der Ebene. Schließlich bogen sie nach Süden ab, woraufhin der Weg begann, sich das letzte Stück in Serpentinen die Felswand emporzuarbeiten. Er schnitt teils tief in den Fels ein und es wurde deutlich, dass an manchen Stellen mit Pickäxten hatte nachgeholfen werden müssen, um Platz zu schaffen.

Doch schließlich war auch das geschafft und sie befanden sich nun im Herzstück des Rift, des Fürstentums um Riften herum. Ein lichter Birkenwald erstreckte sich durch fast das gesamte Fürstentum, und mit Erstaunen stellte Lucien fest, dass es jener Wald aus seinem Traum gewesen war. Quasi schon automatisch wanderte Luciens Blick zum Hals der Welt, der auch hier noch freilich sehr gut zu sehen war.

»Lebt dort oben ein Drache?«, fragte er und deutete auf den Berg, ehe er merkte, was er da gefragt hatte. Doch da war es schon zu spät und die Worte waren gesprochen. Wie peinlich!

»Blödsinn«, schnaube Hilda. »Ich sagte doch, dass es keine Drachen mehr gibt. Schlag dir solche Flausen aus dem Kopf, du hast Wichtigeres, um das du dir Gedanken machen solltest.«

»Natürlich, Herrin«, sagte er eilig. »Das war dumm von mir.«

Und das war es in der Tat. Er nahm sich fest vor, seine Nachforschungen zu den Drachen von Skyrim auf einen unbestimmten späteren Zeitpunkt zu legen, wenn nicht so wichtige Dinge wie seine Ausbildung anstanden. Selbst, wenn dies bedeutete, dass er damit noch lange warten musste. Doch es eilte ja nichts und Bücher rannten nicht weg.

Die Wanderung durch Rift war sehr angenehm. Gelegentlich sprangen Hirsche oder auch der eine oder andere Elch vor ihnen davon, Hasen und Vögel bevölkerten zahlreich die Wälder des Fürstentums. Es war sehr schön hier, befand Lucien, denn der Wald stand nicht so dicht wie in Falkenring und ermöglichte damit einen deutlich weiteren Blick.

Lucien hatte leider nicht so viel Zeit und Ruhe, um die Landschaft genießen zu können, wie er gerne hätte, denn ungeachtet der Natur um sie herum legte Hilda noch immer ein straffes Tempo vor. Sie war anscheinend wirklich felsenfest davon überzeugt, heute noch Riften zu erreichen, egal, wie müde sie dann waren. Es dämmerte schon, aber sie schien sich davon nicht beirren zu lassen.

Doch da hielt sie mit einem Male an. Sie hatten bereits die kleine Bergbausiedlung Shors Stein umgangen und hinter sich gelassen. »Still!«, zischte sie. »Hörst du das?«

»Stimmen!«, wisperte Lucien. »Vor uns.«

In der Ferne war ein Wachtturm zu sehen, der das Banner des Fürstentums trug. Zu dessen Füßen erschienen hinter einer großen Felsformation mehrere Wachtsoldaten des Rift. Hastig sah sich Hilda um, doch es gab keine Versteckmöglichkeit. Zudem schien es, dass die Soldaten sie bereits gesehen, wenn auch noch nicht erkannt hatten. Doch das war nur eine Frage der Zeit, denn zu ihrem eigenen Schutz trugen sie ihre Eingehüllten Rüstungen, um gegen Angriffe von wilden Tieren gewappnet zu sein. Die Soldaten brauchten also nur nahe genug zu kommen, um sie als Mitglieder der Dunklen Bruderschaft auszumachen. Wenn sie sich nun hastig zu verstecken oder zu tarnen suchten, wäre dies ebenfalls sehr verdächtig.

»Ach, scheiß drauf«, knurrte Hilda.

Und dann begann sie sich zu verwandeln. Ihre Glieder wurden länger und kräftiger, Fell wuchs ihr mit einem Male am ganzen Körper und auch ihr Kopf verformte sich. Er wurde größer und größer und ein Maul wuchs ihr mitten aus dem Gesicht.

Lucien wusste, was hier passierte, und dennoch war er erschrocken, als er den Werwolf das erste Mal in seiner natürlichen Form sah. Hilda brüllte animalisch auf, dass es ihm eiskalt den Rücken hinab lief, und dann stürmte sie auf die ebenso erschrockenen Soldaten zu.

Es war nur eine Sache von Augenblicken. Die Handvoll Soldaten, die die Straße patrouillierten, waren völlig überrumpelt, einige konnten noch nicht einmal ihre Waffen ziehen, ehe Hilda über sie her fiel. Der Werwolf hieb mit seinen langen Klauen wild um sich und schnappte nach den Männern. Deren Fleisch riss wie Papier, und sie wurden von den Hieben teils mehrere Schritte weit durch die Luft geschleudert. Ihre Schreie waren kurz und schmerzvoll und zeugten von ihrer Pein und Angst.

Lucien sah dem Schauspiel stocksteif zu. Der Anblick des Todes war ihm mittlerweile sehr vertraut und unter normalen Umständen hätte er darauf gebrannt, sich am Kampf zu beteiligen. Doch dort vor ihm zerriss ein Werwolf die Soldaten in der Luft wie Spielzeug! Das war ein Anblick, an dem er sich definitiv nicht so schnell gewöhnen würde.

Nachdem alles vorbei war, tappte Hilda wieder zu ihm, als sei nichts gewesen.

»Angst?«, fragte sie. Ihre Stimme hatte sich ebenso verändert, klang wilder und ein gutturales Knurren schwang in mir mit.

Kleinlaut nickte Lucien und hoffte, dass sie ihre wilde Natur ihm gegenüber beherrschen konnte.

»Gut so.« Sie schien amüsiert darüber. »Das solltest du auch. Aber komm jetzt und hilf mir, die Leichen zu verstecken.«

Noch während sie sich umdrehte, um zum Schauplatz des Kampfes zurückzukehren, endete die Verwandlung, und es war wieder Hilda, die in aller Seelenruhe die Straße entlang ging. Lucien brauchte einige Momente, bis er sein rasendes Herz beruhigt hatte und seine steifen Glieder ihm wieder gehorchten. Werwolf hin oder her, es war noch immer Hilda, seine Zufluchtsleiterin, und als solche würde sie, gebunden an die Gebote, ihn nicht töten, selbst wenn sie ihre Biestform trug. Hatte er sich wirklich noch einen Tag zuvor gewünscht, sie einmal in Aktion zu sehen? Nach dem soeben Gesehenen erschien ihm das recht sonderbar.

Sie schleiften die Leichen von der Straße weg und versteckten sie in einem Gebüsch, wie sie die Körper zusätzlich mit Laub bedeckten. Dann versuchten sie bestmöglich das Blut auf dem Boden mit Staub zu bedecken und die Spuren des Kampfes zu verwischen. Wirklich optimal war es nicht, aber es sollte reichen, um nicht sofort aufzufallen.

»Wie kommen wir dann eigentlich nach Riften hinein?«, fragte Lucien.

»Riften ist seit jeher die Stadt der Diebe«, sagte Hilda. »Und die Diebe sind ein gewitztes Volk. Sie haben diverse Geheimwege angelegt, um unbemerkt die Stadt betreten und verlassen zu können. Unter den Straßen Riftens zieht sich ein weit verzweigtes Kanalisationssystem entlang, Rattenweg genannt. Die Unterwelt der Stadt hatte den Rattenweg schon vor Zeiten erweitert und an ihre eigenen Bedürfnisse angepasst. Es ist dennoch Vorsicht geboten. Manche Ecken sind schon lange nicht mehr benutzt worden und wer weiß, was dort heute alles haust.«

Noch ehe sie in Sichtweite des Stadttores kamen, schlugen sie sich nach Westen in die Wälder. Nach einem weiten Bogen, um sicher zu gehen, dass keine Torwache sie trotz der mittlerweile hereingebrochenen Nacht gesehen hatte, näherten sie sich der Stadtmauer. Hilda schien nach etwas Bestimmten Ausschau zu halten, und Lucien vermutete, dass es einer der Eingänge war, von dem sie gesprochen hatte.

Sie wurde recht bald bei einer kleinen Felsgruppe fündig. Gut verborgen unter einem Busch fanden sie hier eine Falltür. Sie war verschlossen, doch ein kräftiger Hieb mit der Axt löste das Problem rasch. Hilda schob die Holztrümmer beiseite und offenbarte damit eine Leiter, die in die dunkle Tiefe hinab führt.

»Roche wird nicht erfreut sein«, murmelte sie vor sich hin. »Er hätte mir eben den Schlüssel geben sollen, seine Schuld.«

Damit machte sie den Anfang und stieg die Leiter hinab. Mit einem kleinen Illusionszauber sorgte sie für Licht. Lucien folgte ihr. Ein kalter Wind wehte ihnen entgegen und die Luft roch muffig. Gelegentlich löste sich ein Tropfen von der Wand und fiel weiter unten platschend auf den Boden.

Sie kletterten nur wenige Schritt in die Tiefe hinab, dann erreichten sie den schlammigen Boden, der mit allerlei Unrat bedeckt war. Lucien verzog angewidert das Gesicht, ehe ihm auffiel, dass es einst eine Zeit gegeben hatte, wo ihm all der Dreck nichts ausgemacht hatte, da er in ihm gelebt hatte. Es schien ihm wie ein anderes Leben, jetzt, wo er sich an die Annehmlichkeiten der Zufluchten gewöhnt hatte. Ein wenig erstaunte es ihn, wie verwöhnt er geworden war.

Hilda hatte indes eine Fackel an der Wand ausgemacht und löste sie aus ihrer Halterung. Mit einem einfachen Feuerzauber entzündete sie die Fackel und erhellte so auf konventionelle Weise den Gang.

»Blöde Magie«, murrte sie. »Kein Nord nutzt sie.«

»Sie hat ihren Nutzen«, warf Lucien ein. »Oder?«

»Aber ein Nord zaubert nicht«, hielt sie dagegen. »Das machen nur verweichlichte Kaiserliche. Nun, du hast dennoch Recht. Lass uns gehen.«

Damit war für sie das Thema beendet und sie ging zielstrebig den Gang entlang. Sie wusste anscheinend, wo es lang ging, denn wenn sie andere Gänge kreuzten, zögerte sie meist nicht mit ihrer Wahl des Weges. Lage Zeit wanderten sie abgesehen vom Fackelschein im Dunkeln, doch nach einer Weile wurden die Anzeichen menschlicher Anwesenheit deutlicher, und wenn es nur ein Haufen feuchten, schimmeligen Strohs in irgendeiner Ecke sowie ein paar Lumpen waren. Es schien den Abschaum der Gesellschaft nach hier unten verschlagen haben, aber auch die kriminelle Unterwelt.

»Hat die Bruderschaft gute Beziehungen zur Diebesgilde?«, fragte Lucien irgendwann.

»Ich weiß ja nicht, wie es in anderen Provinzen des Kaiserreichs aussieht, aber Roche und ich verstehen uns wirklich gut«, sagte Hilda. »Nun, wie man sich eben gut mit einem Dieb verstehen kann, aber er weiß, dass ich ihm die Hand abhake, wenn er mir mein Geld stehlen will. Du bist übrigens gut beraten, gut auf deine Wertsachen aufzupassen, während du in der Stadt bist. Diebe stehlen nicht voneinander, aber wir sind ja keine Diebe. Du darfst allerdings auch ruhig einen Dieb abstechen, wenn er dir etwas zu stehlen versucht. Roche mag das zwar nicht, aber wenn seine Diebe dumm genug sind, von uns zu stehlen, ist das sein Problem und nicht unseres.«

»Ist der Anführer der Diebesgilde nicht der Graufuchs?«, fragte Lucien.

»Das ist er«, bestätigte sie. »Allerdings kann er nicht in allen Stützpunkten seiner Gilde zugleich sein, also braucht er an anderen Orten Repräsentanten. Hier ist es Vernon Roche.«

Mittlerweile häuften sich die Zeichen menschlicher Anwesenheit. Anscheinend waren sie zu so etwas wie Wohnquartieren für die Armen gekommen. Gelegentlich gingen Türen von den Gängen ab und auch sonst fanden sie immer wieder den einen oder anderen Tisch und Stuhl, gelegentlich auch dekoriert mit etwas Essen.

Plötzlich bemerkte Lucien einen huschenden Schatten und nur kurz darauf ein leichtes Ziehen an seinem Gürtel, wo seine Geldbörse hing. Hastig griff er danach, doch da war es schon zu spät.

»Dieb!«, schrie er erbost.

Hilda reagierte geistesgegenwärtiger. Sie sprang vor und schnappte den Dieb, kaum dass er drei Schritte hatte tun können. »Ha! Hab ich dich!«, rief sie aus. »Na, was habe ich dir gesagt, Lucien? Diebe sind dreist und im Regelfall auch dumm.« Sie wandte sich an den Dieb, ein schmächtiger Junge, der sich verzweifelt in ihrem Griff wandte. »Weißt du, wen du gerade bestohlen hast?«, fragte sie ihn und hielt ihn spielend hoch.

Er versuchte nach ihr zu boxen und zu treten, doch mit wenig Erfolg. »Irgendwelche Idioten, die nicht wissen, wo sie hingehören!«, fauchte er. »Lass mich los, du Schnepfe!«

»Gerne, aber vorher überlasse ich dich Lucien«, sagte sie seelenruhig. »Er scheint sehr böse darüber zu sein, dass du ihn bestehlen wolltest.«

Das war Lucien in der Tat. Er kochte vor Wut. Das war sein Geld, das er sich selbst erarbeitet hatte! Sein erstes eigenes Geld, das er sich nicht einfach so von einer dahergelaufenen Kanalratte stehlen ließ! Ein klein wenig ärgerte er sich auch über sich selbst, dass der Dieb ihn so einfach hatte bestehlen können.

»Hier, Lucien«, sagte Hilda und schob ihm den Dieb entgegen. »Wie ich es sagte, du darfst mit ihm machen, was du willst.«

Ein boshaftes Grinsen legte sich auf Luciens Züge. Rache war süß! Es tat gut, seinen Ärger über den Dieb an diesem selbst auszulassen. Also zog er seinen Dolch und näherte sich dem Jungen langsam.

»Man bestiehlt nicht einfach so ein Mitglied der Dunklen Bruderschaft«, sagte er und ergötzte sich daran, wie das Gesicht des jungen Diebs bleich und bleicher wurde.

»Ich denke, ich stech‘ dir die Augen aus, das ist eine angemessene Entschädigung«, sagte er.

»Nein, bitte nicht!«, begann der Dieb nun zu betteln. »Ich … ich wusste doch nicht … Ich wollte doch nicht …! Bitte, nimm dein Geld und lass mich gehen!«

Doch Lucien dachte gar nicht daran. Der Dieb hatte ihn bestohlen, also sollte er dafür nun zahlen. Der Idiot würde niemanden mehr bestehlen. Es brauchte nur zwei präziser Stiche dafür. Der Dieb schrie schrill auf, während ihm Blut und seine zerstörten Augen über das Gesicht liefen. Es war ein herrlicher Anblick und die Rache sehr befriedigend.

»Das hast du davon«, verhöhnte Lucien ihn.

Hilda ließ den Jungen los, welcher zu Boden stürzte und sich schluchzend die Hände vor sein zerstörtes Gesicht hielt.

»Meine Augen! Meine Augen!«, wimmerte er immer wieder.

»Nette Sache«, kommentierte sie. »Ich hätte darauf getippt, dass du ihm eher ein paar Finger abschneidest. Aber das ist definitiv … nachhaltiger. Du gefällst mir immer mehr, halbe Portion, wirklich. Aber komm, lass uns gehen.«

Nun wieder mit deutlich besserer Laune ließ Lucien sein Opfer hinter sich zurück, nachdem er sein Geld wieder an sich genommen hatte, und folgte Hilda weiterhin durch das Tunnellabyrinth des Rattenwegs. Nach einer Weile hielt sie vor einer bestimmten Tür an und öffnete sie. Als sie hindurchtraten, fanden sie sich im Inneren einer Zisterne wieder, anscheinend das Wasserreservoir für einen der Brunnen der Stadt über ihnen, denn ein Wasserbecken befand sich in der Mitte des Raumes. Auf der anderen Seite der Zisterne befand sich etwas, das Lucien bei genauerem Hinsehen als Schenke ausmachte. Entlang der Wände des großen Raumes waren zudem mehrere Nischen eingelassen, die sich Händler zu ihrem Sitz auserkoren hatten. Lucien war erstaunt. Damit entpuppte sich der Rattenwegs endgültig als Stadt unter der Stadt, wie faszinierend!

Hilda hielt sich nicht lange mit irgendwelchem Staunen auf, da sie all das offenbar bereits kannte. Sie hielt geradewegs auf die Schenke zu.

»Willkommen in der Zerbrochenen Flasche«, sagte sie zu Lucien, »dem Operationszentrum der Diebesgilde in Himmelsrand. Fühl dich wie zu Hause, wie Roche dir sicherlich auch gleich sagen wird.«

Die Schenke war gut besucht. Der Schankwirt stand hinter seinem Tresen und verschmierte mit einem ranzigen Lappen die Flecken auf der Theke, während mehrere Leute, Menschen wie Mer, an den Tischen der Bar saßen und verschiedene Speisen und Getränke genossen. Entgegen dem ersten Eindruck, den all das machte, wirte das, was hier ausgeteilt wurde, durchaus hochwertig.

Ihre Ankunft schien niemanden weiter sonderlich zu stören; anscheinend war man es gewohnt, dass gelegentlich ein Mitglied der Bruderschaft vorbei sah. Lediglich Lucien erhielt einige längere Blicke, als wolle man herausfinden, wer dieses neue Gesicht an Hildas Seite war. Ebenjene hielt zielstrebig auf einen der Tische zu, an welchem ein Bretone mittleren Alters, dunklem Haar und auffallend unauffälligen Gesicht saß, klopfte auf den Tisch und setzte sich dann ungefragt dazu. Der Mann gehörte zu jener Sorte Mensch, die man eigentlich sogleich wieder vergaß, sobald man ihn sah. Und doch war etwas an ihm, das Lucien nicht benennen konnte und das ihn sehr wohl sehr besonders machte.

»Ah, Hilda, direkt wie eh und je!«, begrüßte sie der Mann offenbar keineswegs erbost über ihr Verhalten. »Was verschlägt Euch zu uns und wer ist der junge Mann an Eurer Seite? Ein neues Familienmitglied?«

»Exakt«, bestätigte sie. »Lucien, komm setz dich zu uns. Das ist Vernon Roche. Sei höflich, ihm kannst du nicht so leicht die Augen ausstehen, wenn er dir etwas stiehlst, weil du ihn verärgert hast.«

Lucien beherzigte diesen Rat und bemühte sich, möglichst unauffällig zu sein. Er murmelte eine Begrüßung und setzte sich zu den beiden Erwachsenen. So wirklich wohl fühlte er sich hier nicht. Er war unter Garantie von Dieben umgeben, was ihm das Gefühl gab, dass jeder von ihnen ein Auge auf sein Geld geworfen und sicher auch schon einen Finger, wenn nicht gar die ganze Hand daran gelegt hatte.

»Augen ausgestochen?«, wiederholte Roche mit hochgezogener Braue. »Habt Ihr schon wieder einen meiner Diebe malträtiert? Ihr wisst, dass ich das nicht mag.«

»Ihr werdet es auch nicht mögen, wenn ich Euch sage, dass ich den Westeingang mal wieder offengelegt habe«, konterte Hilda. »Ich habe Euch aber auch oft genug gesagt, dass Ihr mir einfach den Schlüssel geben sollt, ebenso, dass Ihr endlich Euren Leuten einbläuen sollt, keinen Dunklen Bruder oder keine Dunkle Schwester zu beklauen. Lucien hat nur gleiches mit gleichem vergolten.«

Roche musterte den Jungen. »Du hast einem meiner Diebe die Augen ausgestochen?«, fragte er durchaus mit Verwunderung in der Stimme. »Sieh einer an. Traut man dir gar nicht zu. Andererseits bist du Teil von Hildas Familie. Aber ich vergesse meine Manieren. Wirt, etwas zu essen und zu trinken für die beiden auf meine Rechnung!«

Der Mann kam dem rasch nach. Als er serviert hatte, wandte sich Roche wieder an die Neuankömmlinge.

»So, nun noch einmal«, sagte er. »„Was lässt Euch uns beehren? Sicher nicht nur ein netter Plausch.«

»Wir haben ein Problem, das  sich da General Consantius Tituleius nennt«, eröffnete Hilda.

»Dann stecht ihn ab«, sagte der Dieb geradeheraus. »Ist es nicht das, was Ihr für gewöhnlich tut?«

»Durchaus«, bestätigte Hilda. »Doch dieses Mal bedarf es etwas anderer Methoden – subtilere, um genau zu sein. Ihn einfach zu ermorden, wäre zu offensichtlich und würde nur den Zorn seiner Männer gegen uns erwecken, was uns damit kein Stück weiter bringt. Nein, Tituleius muss auf andere Weise verschwinden. Und da kommt Ihr ins Spiel.«

»Wie viel zahlt Ihr?«, fragte Roche sogleich.

»Tausend Septime«, nannte sie ihr Startgebot.

Der Dieb schnaubte. »Pah! Das würdet Ihr nicht einmal Euren eigenen Assassinen zahlen, wenn Ihr ihn doch ermorden lassen würdet. Nein, da muss etwas drauf gelegt werden, ein ziemlicher Batzen, ehrlich gesagt. Ein so hohes Tier wie Tituleius aus dem Rennen zu werfen, ist sehr kostspielig. Ich brauche Diebe, Kontaktmänner und Material. Es müssen zig Fälschungen angefertigt, Bestechungen vorgenommen werden. So einfach ist das nicht, was Ihr da von uns verlangt.«

»Und wenn ich die Zusammenarbeit mit der Bruderschaft anbiete, würde das euren Preis senken?«, fragte sie. »Immerhin könntet Ihr so Material sparen, um es einmal so auszudrücken. Eure Gilde hat Fähigkeiten und Möglichkeiten, über die wir nicht verfügen, doch umgekehrt gilt dasselbe.«

»Das hängt von den Details ab, die wir noch besprechen müssen«, sagte Roche. »Aber einen gewissen Preisnachlass könnte ich mir durchaus vorstellen, nur die Höhe bleibt abzuwarten. Ich gehe ohne das jedoch von dreitausend Septimen aus.«

»Da kann man sicherlich noch etwas machen«, hielt Hilda weiterhin dagegen. »Zweitausendfünfhundert.«

»Zweitausendneunhundert.«

»Zweitausendsiebenhundert.«

»Zweitausendsiebenhundertfünfzig. Unter Vorbehalt, sollten die Bedingungen mehr verlangen.«

»Abgemacht.«

»Abgemacht.«

»Und über den Preisnachlas sprechen wir, wenn wir die Details haben und wir wissen, wie wir uns am besten gegenseitig unterstützen«, fügte Hilda noch an.

Roche seufzte, schmunzelte aber. »Hart wie eh und je«, kommentierte er. »Aber ja, das tun wir. Ihr sollt jedoch erst einmal ruhen, der Weg war sicherlich weit und dieser Tage nicht ohne Gefahren. Nicht, dass Euch das arg in Bedrängnis bringen würde. Fühlt Euch dennoch wie zu Hause. Das gilt natürlich auch für Euren jungen Begleiter.«

Als Hilda sich bedankt hatte für die Gastfreundlichkeit, und sie beide schon im Gehen begriffen waren, fügte Roche noch an: »Ah, Hilda, und irgendwann stelle ich Euch die Kosten für die Falltür in Rechnung.«

»Gebt mir einfach den Schlüssel«, flötete sie und entschwand in den Nachbarraum.

Lucien folgte ihr. Es handelte sich hierbei um eine weitere Zisterne. Die anscheinend den Kern des Diebesversteckes ausmachte. Zahlreiche Diebe verweilten hier, schwatzten miteinander oder pflegten ihre Ausrüstung. An den Wänden waren verschiedene Wohnparteien aufgestellt, Betten, Regale, Truhen, Tische. Alles, was es brauchte, um dieses feuchte Loch in der Erde erstaunlich wohnlich zu machen.

Anscheinend kannte man Hilda unter den Dieben sogar sehr gut. Sie wurde freundlich aufgenommen und man gab ihr und Lucien bereitwillig einen Platz zum Schlafen. Selbst die Betten waren durchaus als komfortabel zu bezeichnen.

»Alles in allem ein guter Tag«, sagte Hilda. »Roche hat es nicht gesagt, aber er hat mir einen Freundschaftspreis angeboten. Eigentlich hätte ich nicht feilschen sollen, aber das hätte er mir wahrscheinlich sogar noch verübelt. Nun, du jedenfalls hast ebenso ganz schön Eindruck geschunden.«

»Wirklich?«, Lucien war erstaunt. »Ich habe doch nichts weiter getan als dazusitzen und schweigend zuzuhören.«

»Aber du hast dem Dieb, der dich bestehlen wollte, die Augen ausgestochen«, erinnerte Hilda ihn. »Zwar mag es Roche nicht, wenn wir seine Diebe auf diese Weise zurichten, wie gesagt, aber jetzt weiß er, aus welchem Holz du geschnitzt bist und dass mit dir zu rechnen ist. Genau das solltest du hier zeigen, halbe Portion. Du siehst ja, unsere Kontakte zur Diebesgilde sind durchaus zum beiderseitigen Nutzen, daher ist es auch für dich von Vorteil, wenn du hier bekannt bist. Und das bist du nach dieser Nummer auf jeden Fall.«

Die Logik gefiel Lucien durchaus sehr. Wenn er sich auf diese Weise den Respekt der Leute erarbeiten konnte, dann war das eine sehr angenehme Weise. Er fühlte sich stark und überlegen und malte sich bereits aus, was erst sein würde, wenn er im Rang aufgestiegen war und er sich einen Namen in der Unterwelt des Kaiserreiches gemacht hatte. Die Bruderschaft war sehr mächtig, wie er mittlerweile wusste. Kam er in ihren Reihen zu einem Namen, würde das auch über ihre Grenzen hinaus gehört werden.

»Ich danke Euch für diese Gelegenheit, die Ihr mir gegeben habt«, sagte er daher.

Hilda winkte ab. »Ich mag dieses katzbuckelige Gesülze nicht, das weißt du. Aber ja, gern geschehen. Du bist Teil der Familie, und um die Familie kümmert man sich eben. Und jetzt schlaf, der Tag war lang und ich habe morgen noch vieles mit Roche zu besprechen.«

Mit diesen Worten zog sie ihre Stiefel aus, legte sich auf ihr Bett, zog die Decke bis zu den Ohren und schnarchte schon wenige Augenblicke später. Lucien schmunzelte, tat es ihr dann aber nach. Der Tag war in der Tat lang gewesen, und er war froh, endlich Ruhe zu finden. Und so war auch er rasch eingeschlafen.

Hilda war so freundlich und ließ ihn ausschlafen. Als er erwachte, sah er, dass sie bereits aufgestanden und verschwunden war. Nachdem er sich gestreckt und sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, sah er sich um. Es herrschte bereits reger Betrieb im Heim der Gilde, jeder schien etwas zu tun zu haben, und kaum jemand achtete auf den Jungen. Dieser nutzte die Gelegenheit, um sich etwas umzuhören und unauffällig einige Gespräche zu belauschen. Er fand mittlerweile einigen Gefallen daran, andere Leute auf diese Weise auszuhorchen. Wie es sich herausstellte, fiel ihm das recht einfach, da niemand so recht auf ihn zu achten schien. Er brauchte einfach so tun, als würde er etwas genauer begutachten, und sperrte die Ohren auf.

Die Diebe sprachen vor allem über ihre Diebstähle. Anders als die Bruderschaft schienen Diebe oftmals auf eigene Faust zu arbeiten. Sie suchten sich ein Haus aus, stiegen ein und nahmen mit, was ihnen die Mühe wert schien. Die Gilde hatte zahlreiche Hehler, an welche sie ihr Diebesgut verkaufen konnten und so zu ordentlich Geld machten. Auf diese Weise schien die Gilde einen beträchtlichen Gewinn machen zu können, nicht nur durch Aufträge wie jenen, den Hilda an Vernon Roche herangetragen hatte.

Doch dann beschloss Lucien, dass er seine Zufluchtsleiterin nicht allzu lange warten lassen sollte. Wer wusste schon, wie lange sie schon auf den Beinen war. Er betrat also die Zerbrochene Flasche und fand hier in der Tat Hilda und Roche in ein Gespräch vertieft vor.

»Setz dich zu uns, Lucien«, sagte Hilda zu ihm, als sie ihn bemerkte. »Der Wirt soll dir ein Frühstück bringen.«

Die kleine Unterbrechung schien die beiden nicht weiter gestört zu haben. Nachdem Lucien sein Essen bekommen hatte, hörte er zu, was sie zu besprechen hatten. Es ging anscheinend nun um die Details des Auftrages, General Consantius Tituleius zu beseitigen.

Lucien war erstaunt, wie viel für so etwas besprochen werden konnte, denn es brauchte tatsächlich den ganzen Tag dafür. Hilda nannte, was sie sich in etwa vorgestellt hatte, und Roche bestätigte, ob dies im Rahmen der Diebesgilde möglich war oder nicht. Sie legten sich mögliche Vorgehensweisen und erste grobe Pläne zurecht und überlegten, was alles benötigt werden könnte und wie ihre Zusammenarbeit aussehen konnte.

Der Junge hörte aufmerksam zu und überlegte, was er daraus lernen konnte, denn dafür war er schließlich mitgekommen. Es galt, Kontakte zur Diebesgilde zu knüpfen und, wie eigentlich immer, seine Fähigkeiten als Mörder der Bruderschaft zu schulen. Hilda und Roche gingen sehr überlegt vor und spielten duzende Szenarien durch, die sich potenziell ereignen könnten, während sie gegen den General vorgingen.

Stets waren aber gefälschte Dokumente und Bestechungen Kern ihrer Planungen. Den General einfach zu ermorden, würde viel zu leicht zur Dunklen Bruderschaft zurückzuführen sein, also musste er irgendwie aus dem Weg geschafft und ersetzt werden durch einen Nachfolger, der die Ambitionen Consantius Tituleius‘ nicht teilte und somit die Bruderschaft in Ruhe ließ. Ein geeigneter Nachfolger musste daher gefunden und mithilfe der Diebe an die richtige Position gesetzt werden, nachdem Tituleius aus dem Weg geräumt worden war, am besten versetzt in eine weit entfernte Provinz des Kaiserreiches, wo er die Bruderschaft nur noch schwer behelligen konnte.

Ihre Planungen gingen sogar so weit, dass sie den Zuhörer in Bravil in Cyrodiil kontaktieren wollten, um ihn zu bitten, die Mutter der Nacht zu befragen, ob sie hilfreiche Informationen für sie besaß. Des Weiteren wollte Roche sein Netz von Spionen und Mittelsmännern mobilisieren. So mächtig die Bruderschaft auch war, sie besaßen solche Mittel nicht, denn sie erhielten ihre Aufträge über die Mutter der Nacht. Wenn das Schwarze Sakrament vollzogen wurde, wurde damit zu ihr gebetet und sie gab die Informationen an ihren Zuhörer weiter. Das machte ein weit ausgefächertes und gut ausgebautes Netz von Informanten unnötig, denn die Mutter der Nacht hörte alles, was für die Bruderschaft von Belang war.

Lucien erfuhr so viele interessante Dinge, wie vor allem die Diebesgilde aber auch die Bruderschaft arbeiteten. Es war sehr viel auf einmal, doch mittlerweile war er recht gut geübt drin, sich viele Informationen auf einmal zu merken. Dies war Wissen, das ihm sicherlich irgendwann noch einmal von Nutzen sein würde.

In den Abendstunden waren Hilda und Vernon Roche fertig mit ihren Planungen und alle weiteren Schritte zur Beseitigung General Consantius Tituleius‘ konnten in die Wege geleitet werden. Es würde höchstens noch einige Wochen dauern, bis die Bruderschaft endlich Ruhe vor ihm hatte.

Der Barde von Weißlauf

Obgleich Lucien einige interessante Dinge von ihrem Ausflug nach Riften hatte mitnehmen können, nicht zuletzt tiefe Einblicke in die Unterwelt des Landes, so fragte er sich dennoch auf ihrem Rückweg, ob es wirklich so nötig gewesen wäre, dass er mitgekommen war. Im Prinzip hatte er kaum etwas anderes getan, als stillschweigend zuzuhören und kaum drei Worte am Stück zu sprechen, weil es nichts gegeben hatte, bei dem er mitreden konnte. Dennoch war Hilda der Ansicht, dass er sehr wohl einen großen Gewinn daraus hatte ziehen können, vor allem, da er dem jungen Dieb die Augen ausgestochen hatte. Er glaubte ihr, aber so wirklich sah er seinen Nutzen noch nicht. Vielleicht musste er einfach die Zeit abwarten und sehen, was passierte, sollte er einmal mehr mit der Diebesgilde zu tun bekommen.

Als sie wieder die Zuflucht erreichten, waren sie sofort von neugierigen Familienmitgliedern umringt. Jeder wollte wissen, wie es nun mit ihnen weitergehen würde. Hilda kam kaum dazu, zwei zusammenhängende Sätze zu sprechen.

»Jetzt ist aber gut!«, donnerte sie irgendwann. »Ihr seid wie eine Horde Kleinkinder!«

Erst da konnte sie in Ruhe aussprechen. Was sie berichtete, schienen für die ganze Familie gute Neuigkeiten zu sein, sie waren alle in Hochstimmung.

»Und für uns gibt es ebenfalls etwas zu tun!«, freute sich Hjortkar.

»Ihr werdet wahrscheinlich sogar eine recht wichtige Rolle bekommen«, sagte Hilda zu ihm. »Ihr seid ein ehemaliger Offizier der Legion und könntet daher durchaus von Bedeutung für die Mission sein. Doch die Einzelheiten diesbezüglich können erst festgelegt werden, wenn wir die nötigen Informationen besitzen. Und darum können sich nur Roches Diebe kümmern. Ich werde derweil den Zuhörer über unser Unternehmen informieren.«

Es kehrte wieder halbwegs Normalität in der Zuflucht ein. Die Spannungen legten sich etwas, nun, da Schritte in die Wege geleitet waren, um die Gefahr zu bannen, die von General Consantius Tituleius ausging. Für Lucien hieß das, dass er nun endlich wieder zu einem geregelten Übungsablauf kam. Hilda hatte bereits einige Pläne für ihn angefertigt und war momentan noch dabei, für ihn und auch M‘raaj-Dar einen Arkanen Verzauberer zu organisieren. Keiner in der Zuflucht war sonderlich magiebegabt oder besaß mehr als grundlegendes Wissen, sodass sie insbesondere dem Khajiit damit keine große Hilfe waren. Dennoch wollte sie ihm wenigstens die Hilfe anbieten, zu der sie in der Lage war, ohne ihn zur Magiergilde zu schicken. Und das hatte M‘raaj-Dar immerhin selbst abgelehnt. Zu sicher, zu viele Regeln, zu wenig Zerstörung, sagte er.

Hilda überlegte deswegen seit einiger Zeit, ihn nach Cheydinhal zu schicken. Jetzt, da Lucien von dort für eine ganze Weile weg war, war dort Platz für den Khajiit, und Caelwen war ihm sicher eine größere Hilfe, als versuchte Selbststudien hier in Falkenring, wo er keinen fähigen Lehrer hatte.

Lucien zumindest wäre froh, wenn M‘raaj-Dar ginge. Er behandelte ihn noch immer genauso herablassend wie am ersten Tag, vielleicht sogar mehr, weil er anscheinend der Liebling aller war. Es herrschte keine Liebe zwischen ihnen, und das würde es auch nie tun. Von daher war es wohl besser, wenn einer von ihnen ging, denn es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis die beiden ernsthaft aneinander gerieten.

Sooft es ihnen möglich war, erteilten Babette und Malik Lucien Unterricht, der Rothwardone in den Kampfkünsten mit Klingenwaffen und dem Bogen, und das Vampirmädchen in der Alchemie. Lucien tat es gut, endlich wieder einen geregelten Alltag zu haben. Er hatte sich in seinem ersten Jahr bei der Bruderschaft daran gewöhnt und es sehr zu schätzen gelernt. Eine Unterbrechung davon gab es nun nur noch, wenn entweder Malik oder Babette wieder einmal einen Auftrag bekamen und auszogen, um ihn zu vollstrecken. Dies kam seltener vor als bei den anderen, doch dafür waren ihre Aufträge umso größer und umfangreicher und nahmen daher auch mehr Zeit in Anspruch.

Gelegentlich durfte auch Lucien eines der anderen Familienmitglieder auf seinem Auftrag begleiten und strich dabei jedes Mal einen kleinen Teil des Lohns ein. Allmählich wurde auch das zu seinem Alltag, obgleich es jedes Mal wieder aufs Neue ein Abenteuer und eine große Aufregung für ihn war. Ihm wurde immer mehr bewusst, wie sehr er hierher, in den Schoß der Bruderschaft, und an keinen anderen Ort gehörte.

Und dann, einige Monate waren bereits vergangen, war es schließlich so weit. Hilda ließ ihn irgendwann zu sich rufen und eröffnete ihm die Nachricht, auf die er so lange gewartet hatte.

»Du schlägst dich hervorragend, weitaus besser, als jeder von uns erwartet hätte«, begann sie. »Aber das bekommst du eigentlich schon oft genug zu hören. Um es kurz und schmerzfrei zu machen: Ich habe einen Auftrag für dich.«

Lucien riss die Augen weit auf und wagte kaum zu hoffen. »Für … mich?«, fragte er. »Ganz für mich allein?«

»Du hast noch sehr viel zu lernen, bilde dir also ja nichts auf all das Lob ein«, dämpfte sie seinen Enthusiasmus. »Aber ja, ganz für dich allein. Du wirst nie all das lernen, was du brauchst, um ein erfolgreicher Assassine zu sein, wenn du nicht endlich selbst etwas Erfahrung sammelst. Du warst jetzt bei genug Aufträgen dabei, um zu wissen, wie so etwas im Grunde abläuft, und, dass es aus mehr als nur hingehen, abstechen und wieder verschwinden besteht. Zeit, dass du dich selbst daran versucht.«

»Das ist … das ist wirklich großartig!« Lucien stammelte vor lauter Begeisterung. »Wer soll sterben? Was muss ich tun?«

»Aber stürm nicht gleich davon, sobald ich fertig bin!«, erinnerte sie ihn. »Du sollst einen Barden in Weißlauf ermorden. Nichts Besonderes, ihn einfach irgendwie zu töten, wie es dir beliebt, reicht vollkommen. Gunnar Seiden-Zunge lebt in einer kleinen Hütte im Wolkenbezirk, verbringt aber viel Zeit in der Drachenfeste. Wenn ich dir einen Rat geben darf, dann such ihn des Nachts in seiner Hütte auf und ermorde ihn dort. Sauber und ohne Zeugen, die Wahrscheinlichkeit von Zwischenfällen ist gering.«

»Und ich muss sonst nichts weiter beachten?«, hakte er nach.

»Nein. Wie gesagt, es ist ein einfacher, schlichter Auftrag«, widerholte sie. »Du bekommst den Bonus, wenn du es schaffst, keine Komplikationen hervorzurufen. Niemand bemerkt dich, niemand verfolgt dich, du tötest völlig unbemerkt dein Ziel. Allerdings rate ich dir, dass du vorher mit den anderen Familienmitgliedern über deinen Auftrag redest. Sie können dir oft hilfreiche Hinweise geben.«

Er nickte und beherzigte diesen Rat. Die Aufregung war groß bei ihm. Sein erster eigener Auftrag! Er durfte auf eigene Faust morden und einen Kontrakt der Dunklen Bruderschaft erfüllen! Endlich, endlich war es so weit und seine Karriere konnte nun erst richtig beginnen. Lucien war hoch ambitioniert und machte sich sogleich daran, mit den anderen Familienmitgliedern zu reden.

»Dein erster Auftrag, eh?«, sagte Valdimar und klopfte ihm auf die Schulter. Der Junge wurde fast von den Füßen gerissen. »Dann mal viel Erfolg, das wird schon.«

»Habt Ihr vielleicht einen hilfreichen Hinweis für mich?«“, hakte Lucien nach.

»Das ist die Sorte Auftrag, die ich liebe«, sagte der Nord. »Hin gehen, kalt machen, weggehen. So einfach ist das.«

Der Junge seufzte innerlich. Aus Valdimar schien nichts weiter herauszubekommen zu sein.

Hjortkar, der das Gespräch mit angehört hatte, mischte sich nun ein. »Das Schöne an solchen Aufträgen ist, dass du nah an dein Opfer kommst und ihm etwas wirklich Gruseliges ins Ohr flüstern kannst, bevor zu es abstichst«, sagte er. »Sei kreativ! Es ist wunderbar, wenn du zusiehst, wie bei ihnen die Erkenntnis angelangt, dass sie soeben einen Besuch der Dunklen Bruderschaft erhalten haben!« Er lachte herzhaft, doch dann kam er wieder zum Boden der Tatsachen. »Als ein alter Soldat kann ich dir sagen, dass die Mauern Weißlaufs alt und bröckelig sind. Sie bieten sicher genug Möglichkeiten, um über sie hinweg zu klettern.«

Dies war definitiv ein Hinweis, der nützlich war. Auch Babette und Malik konnten ihm weiter helfen.

»Das Wichtigste ist, dass du dich nicht aus der Ruhe bringen lässt«, sagte der Rothwardone. »Egal, was passiert, sei immer Herr der Sache. Ich weiß, das ist dein erster eigener Auftrag, da ist man immer aufgeregt; ich erinnere mich noch an meinen ersten, das war eine Nummer, kann ich dir sagen! Aber ein Assassine der Dunklen Bruderschaft stellt sich grundsätzlich immer mit kalter Logik und noch kälterem Stahl vor.«

»Du bist ein Junge«, fügte Babette an. »Auch das kannst du dir zu Nutze machen. Du weißt, dass wir verschiedene Verkleidungen vorrätig haben, etwas Passendes ist für dich da sicher auch dabei. So kommst du vielleicht einfacher in die Stadt.«

»Hjortkar riet mir, einfach über die Stadtmauern zu klettern«, gab Lucien zu bedenken.

»Ein Versuch wert, aber hoch ist immer leichter als runter«, hielt Babette dagegen. »Andererseits bist du sehr wendig und gelenkig, also wäre das durchaus eine Möglichkeit, wenn auch die gefährlichere. Du musst es selbst wissen: Bist du der bessere Schauspieler oder der bessere Kletterer?«

Lucien war sich recht bald mit sich selbst im Klaren, dass er der bessere Kletterer war. Er hatte sich zwar in Markarth recht gut geschlagen als Servierjunge, doch wohl hatte er sich dabei nicht gefühlt. Er hatte stets befürchtet, dass seine Maskerade aufflog. Also wählte er lieber den direkten Weg über die Mauern und packte entsprechendes Werkzeug ein. Ebenso verzichtete er auf Verkleidungen für die Reise und wählte schlicht und ergreifend seine Eingehüllte Rüstung. Zudem lieh er sich keine Waffen der Bruderschaft aus, sondern wählte seinen eigenen Dolch. Die Wahl schien ihm angemessen in Anbetracht der Geschichte, die ihm mit dem Dolch verband. Er packte jedoch zusätzlich einen Heil- und einen Manatrank ein, für den Notfall, dass er in eine Situation geriet, die seinen Bonus verwirkte, auch wenn er freilich nicht darauf hoffte. In seinem Gepäck landeten jedoch auch einige Gifte sowie einfaches Alchemistenzubehör für die Reise und einige Zutaten, aus denen er weitere hilfreiche Tränke mischen konnte. Das war als Ausrüstung definitiv genug, sagte er sich.

Da Hilda jedoch keine genaue Zeit genannt hatte, bis wann der Auftrag erledigt werden musste, schlief Lucien lieber noch eine Nacht darüber, ruhte sich aus und sammelte seine Kräfte. Erst dann machte er sich auf den Weg, allein, sein Gepäck in verschiedenen handlichen Taschen an seiner Kleidung verstaut, sodass es nicht im Weg war und ihn nicht in seiner Beweglichkeit hinderte.

Es war ein großartiges Gefühl, endlich einen ersten Schritt in die Selbstständigkeit als Mitglied der Dunklen Bruderschaft tun zu können. Bis jetzt war er stets angeleitet worden, hatte seine Lehrer und Vorgesetzten, die ihm stets gesagt hatten, was er wann zu tun hatte. Es war, so einfach es auch gewesen war, manchmal doch ein wenig einengend gewesen, nachdem er zuvor sein ganzes bisheriges Leben selbstbestimmend auf der Straße zugebracht hatte. Doch nun wurden seine Ketten allmählich gelockert und seine Leine länger gelassen.

Während er also so mit sich allein die Straßen Skyrims entlang wanderte, ließ er seine Gedanken schweifen. In letzter Zeit waren seine Gedanken nur selten nach Cheydinhal gegangen, da er, wie schon dort, so sehr mit seiner Ausbildung beschäftigt gewesen war. Ihm war kaum Raum für etwas anderes gelassen worden.

Doch nun fragte er sich, wie es um seine Familie dort stand. Um Caius, der mittlerweile wohl in Morrowind sein musste, war es ihm nicht sonderlich schade, doch die anderen bevölkerten seine Gedanken sehr wohl, vor allem Vicente. Ihn vermisste er am meisten von allen, sein Mentor und, ja, auch sein Vater. Vicente schien ihm ebenfalls sehr zu mögen, doch so sehr wie der Junge ihn? Diese Frage beschäftigte ihn ein ganzes Stück seines Weges, doch ohne, dass er zu einem Ergebnis kam, das nicht mit zu vielen Eventualitäten gespickt war.

Er hatte zu seiner eigenen Schande auch kaum nach Nachrichten aus Cheydinhal gefragt, doch anscheinend gab es auch kaum welche. Er nahm sich dennoch vor, genau das nachzuholen, sobald er seinen Auftrag ausgeführt hatte.

Sein Auftrag. Vicente wäre bestimmt stolz, wenn er ihn jetzt sehen könnte! Lucien jedenfalls war es auf sich selbst. Das Leben in der Bruderschaft war nicht ungefährlich, das wusste er. Nicht selten waren die anderen mit Verletzungen Heim gekommen, doch er war bisher weitestgehend ungeschoren davon gekommen. Zugegebenermaßen war er auch nie in eine Situation geraten, in der er in ernsthafte Gefahr hätte kommen können, doch man wusste nie, was hinter der nächsten Ecke lauern mochte. Von daher war das nur eine Frage der Zeit. Lucien war gespannt, wie er sich dann schlagen würde. Malik meinte zwar, dass er ein durchaus guter Kämpfer war, aber die Theorie war das eine, Praxis hingegen das andere.

Es dämmerte bereits, als Lucien Weißlauf erreichte. Er hatte ein wenig getrödelt, merkte er nun, und war zudem am Morgen später als gewollt losgekommen, da er seine Sachen noch dutzende Male durchgesehen hatte, um sicher zu gehen, dass er auf jeden Fall alles Notwendige eingepackt hatte. Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste, hatte Malik ihm einmal gesagt.

Dennoch kam ihm die Tageszeit gelegen. Vielleicht würde sein Auftrag ja wirklich darauf hinaus laufen, dass er bei Gunnar Seiden-Zunge einbrach, ihn ermordete und wieder verschwand. Ganz einfach. Das würde ein Kinderspiel werden. Er malte sich bereits seinen Bonus aus, während er sich der Stadt näherte und dabei den Lichtpunkten in der Dunkelheit auswich, die die Wachen kennzeichneten, die auf den Straßen zwischen den Bauernhöfen vor der Stadt patrouillierten.

Als er nun jedoch bereits im Schatten der Mauern stand, fiel ihm ein essenzieller Fehler in seiner Planung ein. Er kannte den Stadtplan nicht und ebenso wusste er nicht, wo sein Auftragsziel wohnte! Er wusste nur, dass es irgendwo im Windbezirk war, dem mittleren der drei Bezirke der Stadt, und dass es eine kleine Hütte war, die er sein Eigen nannte. Lucien fluchte stumm, aber leidenschaftlich. Und natürlich hatte ihn auch niemand auf seinen Fehler hingewiesen.

Kurz ärgerte er sich über seine unkooperativen Familienmitglieder, doch dann besann er sich der Worte Maliks. Ruhig und besonnen sollte er vorgehen, egal, was passierte. Also tat er genau das. Ihn hatte wahrscheinlich deswegen niemand auf seinen Fehler hingewiesen, damit er selbst daraus lernte. Immerhin wusste er jetzt auf jeden Fall, dass er sich im Vorfeld möglichst gut über unbekannte Orte erkundigen sollte.

Doch was war zu tun? Es war noch nicht so spät, dass die gesamte Stadt bereits schlief. Vielleicht hatte er Glück und irgendjemand ließ eine nützliche Information fallen. Leute zu belauschen, war eine seiner herausragendsten Fähigkeiten. Gunnar war ein Barde, der am Hof des Jarls ein und ausging. Das hieß, dass er kein Niemand war. Barden waren ebenso oft in Tavernen anzutreffen. Weißlauf war eine große Stadt und als solche würde sie mit Sicherheit eine Taverne besitzen. Er sollte dort sein Glück versuchen.

Luciens spontan gefasster Plan sah also vor, wie ursprünglich gedacht an einer geeigneten Stelle über die Mauer zu klettern, sich dann jedoch im Schatten der Häuser zu halten. Von Dort würde er mit Sicherheit an einen Ort gelangen, von dem aus er die nötigen Informationen aufschnappen konnte. Er machte sich an die Arbeit, seine Zeit war gezählt.

Es dauerte eine Weile, bis er im schwachen Licht der Gestirne einen Ort ausmachte, an dem er die Mauern erklettern konnte. Sie waren durchweg brüchig, doch oftmals bröckelte der Stein zu leicht, wenn er belastet wurde. Lucien fragte sich, warum eine Stadt eine so schlampig unterhaltene Stadtmauer besaß, doch für ihn war es insofern ein Vorteil, dass das ihm den Zugang zur Stadt erleichterte.

Er ließ sich Zeit für den Aufstieg, denn er wollte vor allem in der Dunkelheit keinen Fehltritt und damit womöglich noch einen Absturz riskieren. Die Mauern waren hoch … Dank seiner Vorsicht kam er unbeschadet oben an und stellte fest, dass die Mauerkrone angenehm breit war. Er konnte gut auf ihr balancieren und gelangte so zu einem Aussichtspunkt. Er hatte diese bereits vom Boden aus ausgespäht und gesehen, dass keiner von ihnen besetzt war. Anscheinend fürchtete der Jarl momentan keinen bewaffneten Konflikt mit anderen Fürstentümern, dass er die Sicherheit seiner Stadt so vernachlässigte. Jedenfalls führte von diesem Turm aus ein bequemer Weg hinab auf den Boden der Stadt und direkt hinein in die Schatten zwischen den Häusern. Ideal!

Lucien hatte es geschafft, er war in Weißlauf und niemand hatte ihn bemerkt. Nun galt es herauszufinden, wo er zuschlagen musste. Nach einem kurzen Umschauen erkannte er, dass er sich wahrscheinlich im Tiefenlandbezirk befand, dem untersten der drei. Nachdem er zwischen den Häusern hervorlugte, sah er die Hauptstraße, die sich vom Haupttor aus zu einem Markplatz und weiter hinauf in den Windbezirk und den Palastbezirk schlängelte. Und wo ein Markt war, da war eine Taverne sicher nicht weit. Er schlich los.

Der Tiefenlandbezirk war voller kleiner Hütten, die keinen sonderlich wohlhabenden Eindruck machten. Doch keine davon war sein Ziel, dieses stand einen Bezirk weiter oben. Daher machte er sich gar nicht erst die Mühe, diese Hütten zu untersuchen und damit eine Entdeckung zu riskieren. Stattdessen schlich er gleich entlang der Mauer in Richtung Norden und damit in Richtung des Marktes, den er bereits erspäht hatte.

Wie er vermutet hatte, wurde er hier fündig. Um den Markt herum standen mehrere Verkaufsstände, aber auch zwei Läden, anscheinend ein Gemischtwarenhändler und ein Alchemist, wie der Junge an den Schildern erkannte. Eine einzelne Wache wanderte über den Platz und umrundete soeben den Brunnen, doch sie schien ihn nicht bemerkt zu haben. Überhaupt trugen die Wachen in Skyrim sonderbare Helme, die fast ihr gesamtes Gesicht bedeckten, sodass sie mit Garantie kaum etwas darunter sehen konnten. Lucien war dies schon sehr zeitig aufgefallen und hatte sich darüber gewundert, aber es war zu seinem Vorteil.

Eilig huschte er davon und hinter das Gebäude, das er für die Taverne hielt, denn Gesang, Gelächter und laute Stimmen drangen daraus hervor. Mit ein bisschen Glück fand er einen Ort, an dem er belauschen konnte, was innen vor sich ging.

Das Glück war ihm auch dieses Mal hold. Ein Küchenfenster stand offen. Lucien hockte sich in den Schatten direkt unter dem Fenster und wartete. Es war noch nicht allzu spät und in der Taverne herrschte reger Betrieb. Sicher war auch die Küche da noch genutzt.

Er brauchte in der Tat nicht lange zu warten, bis zwei Mägde schnattern den Raum betraten.

»Dieser Grobian!«, empörte sich soeben die eine. »Fasste mir einfach so an den Hintern!«

»Was hast du erwartet, als du die Stelle angetreten hast? Dass man dich ganz lieb um alles bittet, was die Gäste wollen? Wir sind zwar kleine Huren, aber dass man uns gelegentlich an die Kehrseite fasst oder in den Ausschnitt starrt, gehört zum Geschäft. Lass es dir gefallen, und wenn du sogar mitmachst, bekommst du Trinkgeld – und vielleicht mehr.«

»Ich bin kein lasterhaftes Luder!«

»Dann bist du im Tavernengeschäft an der falschen Adresse, Liebes.«

»Gunnar Seiden-Zunge würde das nie machen. Er wird zu Recht Seiden-Zunge genannt, denn er redet galant und wortgewandt wie kein anderer Mann.«

»Gunnar ist flatterhafter als das leichteste Tavernenmädchen! In einem Moment macht er dir schöne Augen und im anderen liegt er mit der nächsten im Heu. Nein, mach dir bei dem Holzkopf keine Hoffnung. Er musste ja unbedingt allen zeigen, dass er besser ist als das gemeine Fußvolk, aber dennoch konnte er sich nur die erbärmlichste Bruchbude im Windbezirk leisten. Angeberischer Idiot!«

Lucien bemühte sich nicht um den Ausgang des Streits der beiden Waschweiber. Er wusste nun, was er wissen musste, und das genügte ihm. Gunnars Stunden waren ab sofort gezählt. Zwar wusste er nicht, wo diese »erbärmlichste Bruchbude im Windbezirk« stand, aber deren gab es sicherlich nur eine.

Er machte sich erneut daran, die Mauer zu erklimmen und von außen in den Windbezirk zu gelangen; eine Mauer trennte die beiden unteren Bezirke. Einfach durch das Tor in ihr konnte Lucien nicht spazieren und er wollte keine Entdeckung riskieren, während er den inneren Mauerring erklomm. Also musste es eben der Weg außen herum tun.

Lucien war ein geübter Kletterer, jedoch hatte er seine Fähigkeiten noch nie so sehr aufgereizt. Es war eines, in den Bäumen der umliegenden Wälder herumzuklettern und gelegentlich auch das Kind in sich herauszukehren und dort oben Verstecken zu spielen. Doch es war etwas anderes, mitnutenlang an einer bröckeligen Mauer zu hängen und sich Hand über Hand voranzuhangeln. Seine Muskeln brannten alsbald, zumal bereits vorher die komplette Mauer erklommen hatte, um in die Stadt zu gelangen. Ihm graute es mittlerweile vor dem Rückweg, und auch wenn er zwischendurch mehrmals auf die Mauerkrone kletterte, wenn er die Luft rein wähnte, so wollte er doch in dieser Zeit nicht seinen Heiltrank verschwenden, nur um seine müden Muskeln zu entspannen. Also biss er die Zähne zusammen und stand es durch.

Herunterzuklettern war, wie Babette es gesagt hatte und er auch selbst wusste, das schwierigste. Dennoch nahm Lucien all seine Disziplin zusammen und stand auch das ohne große Zwischenfälle durch. Sicher am Boden angekommen, lehnte er sich dennoch für einige Momente an die Mauer und beruhigte seinen Atem und sein rasendes Herz. Erst, als er sich sicher war, wieder zu einem halbwegs normalen Pulst und zu neuen Kräften gekommen zu sein, wagte er es, mit seiner Mission fortzusetzen. Mittlerweile war die Nacht weiter fortgeschritten, womit sich nun auch die Nachtschwärmer allmählich nach Hause begaben. Stille legte sich immer weiter über die Stadt und nur ein paar Katzen und Hunde waren noch zu hören.

Lucien sah sich um und freute sich, als er anscheinend einen Volltreffer gelandet hatte. Direkt vor ihm stand eine Hütte, die durchaus einen spärlichen und recht verfallenen Eindruck machte. Der Windbezirk wurde überwiegend von Kaufleuten und reichen Familien bewohnt, und dementsprechend waren auch die Häuser hier ausgestattet. Also konnte die Hütte vor ihm keine andere als die Gunnar Seiden-Zunges sein. Er lächelte in sich hinein und schlich sich an die Hütte heran.

Durch die kleinen Fenster drang kein Licht. Entweder hieß das, dass sein Auftragsziel noch nicht da war, oder es schon schlief. Er überlegte. Gunnar war ein Barde, und Barden sorgen normalerweise für die abendliche Unterhaltung. Er arbeitete zudem am Jarlshof in der Drachenfeste, dort konnten die Abende durchaus länger werden. Also kam Lucien zu dem Schluss, dass einfach noch niemand da war.

Dies stellte sich als günstige Wendung heraus, da er so einfach nur in das Haus einsteigen und warten musste, bis sein Opfer ihm ins offene Messer lief. Er hatte einiges an Werkzeug mitgenommen, um in Häuser einsteigen zu können. Sie waren zwar keine Diebe, aber einbrechen konnten die meisten Familienmitglieder dennoch hervorragend. Auch Lucien hatte schon noch aus seiner Zeit als Straßenkind einiges aus dem Handwerk gelernt und seine Fähigkeiten in der vergangenen Zeit stets verfeinert. Er war gut darin, irgendwo einzusteigen, wo er nicht hin gehörte.

Rasch war eines der Fenster mit einem Fensterheber aufgebrochen. Lucien schob es hoch und kletterte flink in das kleine Haus hinein. Vorsichtig und so leise wie möglich schloss er es wieder hinter sich und sah sich dann im kleinen und bescheidenen Heim des bald toten Mannes um.

Die Inneneinrichtung war auf das Nötigste reduziert: ein Bett, eine Kochstelle und ein kleiner Tisch mit wackeligem Stuhl. All das sollte Platz schaffen für Unmengen an Regalen voller Bücher. Lucien trat näher, um sich die Werke anzusehen. Interesse und Neugier huschten über sein Gesicht, doch dann kniff er leicht die Augen zusammen. Er war nicht hier, um zu lesen, zumal die meisten Werke solche waren wie »Die argonische Magd«, anzügliche und schlüpfrige Pamphlets. Er war hier, um die Wände dieser Hütte mit dem Blut ihres Besitzers rot zu streichen.

Hm, dieser Spruch gefiel ihm, überlegte er. Das wäre doch etwas für Gunnar, bestimmt gruselig genug.

Er war drinnen, niemand war da außer ihm. Das hieß also für ihn, zu warten, bis Gunnar wiederkam. Bis dahin konnte er sich etwas überlegen, wie er sein Opfer am besten empfing.

Die Nacht war schon weit fortgeschritten und Lucien begann sich bereits zu langweilen, als er endlich Schritte vor der Tür hörte. Er räkelte sich gerade genüsslich auf dem Bett und spielte mit dem Dolch. Ja, diese Position könnte er beibehalten, beschloss er spontan. Stimmen waren draußen zu hören, jedoch mehr als nur eine. Anscheinend handelte es sich bei jenen, die soeben die Hütte betreten wollten, um einen Mann und eine Frau. Lucien fluchte. Das war nicht in seinem Plan inbegriffen gewesen. Es würde schon irgendwie gut gehen.

Er wartete selenruhig, bis die beiden eingetreten waren. Sie waren offenbar betrunken und sehr intensiv miteinander beschäftigt. Lucien räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen. Erschrocken fuhren der Barde und seine Liebschaft auseinander und sahen verdutzt zu dem jungen Meuchelmörder, der sich hier unerlaubt häuslich niedergelassen hatte.

»Was machst du hier, du Bengel?!«, fuhr Gunnar ihn an. »Verschwinde hier, bevor ich die Wachen rufe!«

»Aber nicht, bevor ich erledigt habe, wozu ich gekommen bin«, leitete Lucien voller Genuss seinen zurechtgelegten Spruch ein. Welch Spaß das alles machte! »Vorher male ich die Wände deines Hauses mit deinem eigenen Blut rot.«

Die beiden wurden kreidebleich, das sah er selbst im Dunkeln der Hütte.

»Freda, tritt hinter mich, das hier ist ein besonders dreister Einbrecher«, sagte Gunnar und zückte nun seinerseits einen Dolch elfischer Machart.

»Einbrecher? Nein, das ganz bestimmt nicht«, korrigierte Lucien ihn. »Du hast doch sicher schon von der Dunklen Bruderschaft gehört.«

»D-die D-dunkle B-b-bruderschaft?!«, stammelte Gunnar, nun endlich wirklich entsetzt. »Jemand will mich ermorden lassen?«

»Und der Vollstrecker steht direkt vor dir, tadaa!«, sagte Lucien fröhlich und erhob sich nun endlich von dem Bett. »Ist das nicht toll?«

»Mich bekommst du nicht, du lausiger Kehlenschneider!«, drohte Gunnar und fuchtelte mit dem Dolch vor sich.

Er hatte eine Waffe von weitaus besserer Machart als Lucien, doch die Art, wie er sie führte, machte deutlich, dass er sie nicht zu führen wusste. Das würde ein Spaziergang werden! Und wenn Lucien eine Leiche mehr gratis dazu bekam, war es umso besser. Mit einem teuflischen Grinsen sprang er vor.

Ungeschickt wehrte Gunnar den Schlag ab und versuchte gleichzeitig Freda zu decken. Diese begann hysterisch zu kreischen. Nicht gut, Lucien musste sich beeilen. Flink duckte er sich unter Gunnar hinweg und gelangte mit einer geschickten Drehung hinter den Mann.

Freda fuchtelte wild mit den Armen, um den Jungen abzuwehren, freilich ohne Erfolg. Sie zog sich nur zahlreiche Schnitte zu und büßte wahrscheinlich sogar den einen oder anderen Finger ein, während Lucien nach ihr schlug und stach. Und dann endlich landete der Dolch mitten in ihrer Kehle.

Für einen Moment herrschte Stille inmitten der Panik, die ausgebrochen war. Freda erstarrte und riss die Augen weit auf. Luciens Grinsen wurde immer breiter und boshafter. Mit einem Ruck drehte er den Dolch um und zerfetzte ihr damit Halsschlagader und Luftröhre. Dann zog er seine Waffe heraus, und das Blut spritzte pulsierend aus der tödlichen Wunde. Die Frau sank an der Wand zu Boden und presste verzweifelt die Hände an ihren Hals. Doch nichts half, um die Blutung zu stoppen.

»NEIN! FREDA!«, brüllte Gunnar auf und stürzte sich wie wild geworden auf den Jungen. »Du Ratte!«

Es wurde brenzlig für ihn. Sicher hatte bereits irgendwer den Tumult bemerkt und war alarmiert worden. Die Wildheit des Nord brachte ihn zusätzlich in Bedrängnis. Doch er hatte hervorragende Lehrer gehabt und wusste daher, wie er auch mit solch einem Gegner umgehen musste.

Eile war geboten und Eile zeigte Lucien. Eile und Genauigkeit. Jeder seiner Schläge fügte Gunnar eine weitere Wunde zu, während er selbst keinen einzigen Kratzer davon trug. Keine der Wunde Gunnars war zunächst tödlich, doch jede schwächte ihn rasch. Das machte die Sache für Lucien wesentlich einfacher.

Und endlich konnte er den tödlichen Hieb ansetzen. Er durchbrach Gunnars ohnehin dürftige Deckung, trat direkt an ihn heran und hieb ihm den Dolch tief in die Brust hinein. Gunnar röchelte und japste nach Luft, denn der Stich hatte seine Lunge durchbohrt. Mit einem Ruck zog Lucien den Dolch wieder heraus und hieb noch einmal zu. Und noch einmal, und noch einmal. Der große Nord fiel zu Boden und riss den Jungen mit sich. Doch dieser hieb immer weiter auf sein Opfer ein, auch dann noch, als dieses schon längst blutüberströmt und regungslos unter ihm lag.

Es war das herrlichste Gefühl von allen! Lucien jubilierte innerlich und genoss in vollen Zügen, was er hier tat.

Erst, als er Stimmen von draußen vernahm, kam er wieder zu Besinnung. Der Lärm, die Wachen. Er musste so schnell wie möglich hier weg! Lucien erhob sich und bückte sich nach dem Dolch des Nord.

»Den nehme ich mit, ich bin ein besserer Besitzer«, sagte er zu der Leiche.

Dann hechtete er durch das Fenster und huschte zur Mauer, um daran empor zu klettern. Gerade rechtzeitig, wie es schien, denn von der Straße vor der Hütte her drangen Stimmen zu ihm, wahrscheinlich die von besorgten Bürgern und Wachen, die von dem Lärm des Kampfes aufgeschreckt worden waren. Gerade, als Lucien mit fliegenden Händen die Hälfte der Mauer erklommen hatte, alle Vorsicht fallen lassend, betraten sie den Schauplatz des Verbrechens.

»Er wurde ermordet, seht!«

»Das Blut ist noch warm, der Mörder kann also nicht weit sein. Schwärmt aus, fangt ihn!«

Lucien streckte sich, so sehr er konnte.

»Dort oben auf der Mauer, ein Schatten! Das muss er sein!«, rief ein Mann weit unter ihm.

Ein Pfeil zischte an Luciens Ohr vorbei. Erschrocken zuckte er zusammen und schwang sich sogleich auf der anderen Seite der Mauer hinab. Mehr fallend als kletternd näherte er sich dem Boden und hoffte inbrünstig, dass er nicht fehlgreifen würde. Doch wenn er fiel oder sich nicht genug beeilte, war es so oder so um ihn geschehen.

Er musste das Fürstentum so schnell wie möglich verlassen. Flusswald! Es war nur wenige Meilen von hier entfernt und gehörte dennoch schon zu Falkenring. Wenn er es erreichte, war er vor den Wachen Weißlaufs sicher. Jetzt kam ihm die recht unabhängige Gesetzgebung der Fürstentümer Skyrims sehr gelegen.

Den letzten Abschnitt ließ er sich fallen, sobald er es wagte. Er kam hart auf und kurz blieb ihm die Luft weg, während er sich abrollte. Doch sogleich rappelte er sich wieder auf und stürmte davon. Tsonashap und Malik hatten ihn gut ausgebildet, denn seine Ausdauer und Kraft war besonders für einen seines Alters groß. Er war sich sicher, dass er den Wachen davon sprinten konnte. Sie hatten die Stadt sicher durch das Haupttor verlassen und würden ihn auf der Straße erwarten. Lucien setzte alle auf die eine Karte seiner Geschwindigkeit und Ausdauer. Die Männer waren groß und schwerfällig und trugen Waffen und Rüstungen. Er hingegen war leichtfüßig und wendig und führte nur leichtes Gepäck bei sich. Er würde es schaffen. Er musste es schaffen.

Wie ein Hase flitzte er über die Ebene. Bei der Honigbräu-Brauerei sah er bereits Wachen, die in Alarmbereitschaft versetzt waren. Das brachte ihn auf eine Idee. Wenn er einfach weiter blind drauf zu stürmte, würde er auf jeden Fall auf sich aufmerksam machen. Doch die Wachen hatten allesamt Fackeln bei sich, was sie blind für die Schatten in der Nacht machte. Außerdem wusste niemand, in welche Richtung er geflohen war, nachdem er die Mauer überwunden hatte. Das hieß für ihn, dass er momentan unsichtbar für seine Verfolger war.

Er hatte sich hinter ein niedriges Gebüsch gehockt, während ihm diese spontanen Gedanken durch den Kopf gegangen waren. Jetzt änderte er seinen Plan. Einfach darauf los zu stürmen, wäre eine Möglichkeit, wenn auch wahrscheinlich nicht die klügste. Es wäre besser, er ging überlegter und vorsichtiger an die Sache heran. Er war ein Mörder, kein Soldat, und das hieß, dass er besser sein Heil in der Flucht suchte und dabei möglichst jeder Konfrontation aus dem Weg ging.

Der Entschluss war gefasst, Lucien verlegte sich voll und ganz auf die Heimlichkeit. Also begann er die Wachen zu beobachten, überlegte, wann er den rechten Moment abpassen konnte, und nutzte den kleinsten Hauch einer Möglichkeit. Es gelang ihm.

Wie ein Schatten, lautlos und rasch, huschte er über die Straße und war sogleich im Schutz der Brauerei verschwunden. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Lucien triumphierte, doch besann sich rasch wieder. Noch war er lange nicht aus der Gefahr, noch hatte er Flusswald nicht erreicht. Er beeilte sich, dass er von hier weg kam.

Die Stimmen der Wachen, die ihn noch immer vergeblich suchten, verblassten allmählich hinter ihm. Lucien lief geduckt den Hang hinauf, der in den Ausläufer des Halses der Welt führte. Immer wieder hielt er inne und sah sich vorsichtig um. Rings um Weißlauf schwärmten nun die Wachen wie ein aufgeschrecktes Ameisenvolk herum, doch niemand fand eine Spur von ihm. Nichtsnutzige Trottel, verspottete Lucien sie in Gedanken und lächelte in sich hinein.

Es wirkte, als könnte er die Sache nun etwas entspannter angehen, womit seine Gedanken nun auch wieder freien Lauf hatten. Den Bonus hatte er damit verwirkt, das wusste er. Er könnte lügen und sagen, dass alles glatt gelaufen war, doch dann überlegte er es sich anders. Die Bruderschaft wusste alles, was sie wissen musste, und damit war Hilda bestimmt noch vor seiner Rückkehr über die Ereignisse informiert. Außerdem würden sich Gerüchte verbreiten, und nach dem, für was für einen Wirbel er gesorgt hatte, würde dies rasch von statten gehen. Spätestens da würde seine Lüge ohnehin aufgedeckt werden. Nein, es war besser, wenn er einfach bei der Wahrheit blieb und auf den Bonus verzichtete. Es würde immer noch eine ganze Menge Geld für ihn dabei heraus springen und außerdem hatte er den Elfendolch mitnehmen können.

Zufrieden betrachtete er die Waffe. Es war gute Handwerksarbeit, leicht und scharf und elegant verziert wie alles von elfischer Machart. Die Klinge war weitaus besser als sein alter Dolch. Dennoch würde er auch diesen behalten, rein aus nostalgischen Gründen.

Nun deutlich entspannter machte sich Lucien auf den Weg zurück zur Zuflucht. Alles in allem war es trotz der Komplikationen ein gelungener Auftrag, fand er. Erschöpfung machte sich jedoch langsam in ihm breit. Noch am Morgen dieses Tages hatte er sich in Falkenring in der Zuflucht befunden. Nun war er nach Weißlauf gereist, hatte Gunnar ermordet und war den Wachen entkommen. Das war ein ordentliches Tagwerk, wie er befand. Er sollte die Grenze zum benachbarten Fürstentum überqueren und sich dann einen Schlafplatz suchen, beschloss er. Erst dann würde er das letzte Stück Weg zurück zur Zuflucht antreten.

Es war ein wunderbares Gefühl, nach erfolgreich verrichteter Arbeit zur Zuflucht zurückkehren zu können. Das erste Mal überhaupt! Lucien nahm sich vor, sich diesen Moment gut zu bewahren, denn mit Sicherheit würde er in späteren Jahren mit Freuden daran zurückdenken. Der erste verrichtete Mord, das erste im Namen von Sithis vergossene Blut. Der Anfang eines langen Weges im Schatten. Lucien, der eine blühende Kariere in den Reihen der Dunklen Bruderschaft bereits vor sich sah, konnte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht ahnen, was ihm in den kommenden Jahren alles bevorstehen würde.

Nur eines war sicher: Sein Weg war mit Blut übergossen.

Ein Messer im Dunkeln

Mit stolzgeschwellter Brust betrat Lucien am nächsten Tag die Zuflucht. Was machte es schon, dass er den Bonus verwirkt hatte. Er hatte erfolgreich einen Auftrag ausgeführt! Er fühlte sich, als könne er Bäume ausreißen, und noch immer hatte das Hochgefühl des Vorabends nicht nachgelassen. Mit Sicherheit würden sogleich alle auf ihn zugestürmt kommen und ihm für seine gelungene Mission auf die Schultern klopfen und ihn beglückwünschen wollen.

Die Ernüchterung erfolgte sehr schnell.

Keine Freudestürme, kein hochleben Lassen. Es war still in der Zuflucht, anscheinend waren einige andere Mitglieder sogar abgereist, wohin, wusste Lucien nicht. Vielleicht eigene Aufträge, vielleicht einfach ein Streifzug durch die Wälder, um zu üben. Vielleicht auch etwas so Banales wie Einkaufen.

Banal! Er war erfolgreich von einem Auftrag widergekehrt, das sollte gebührend gewürdigt werden! Ein missmutiges Schnauben entfuhr ihm und er begab sich auf die Suche nach Hilda. Auf seinem Weg begegnete er lediglich Babette am Alchemielabor, die nur kurz aufschaute, ihm zulächelte und sich sodann wieder ihren alchemistischen Zutaten widmete. Alles in allem absolut nicht zufriedenstellend.

Er fand Hilda zusammen mit Valdimar in den Gemeinschafts- und Schlafräumen, wo sie den Nord herumkommandierte und dessen Metbestände ordentlich zusammenräumen ließ. Das war dringend nötig, denn der stämmige Krieger hatte die Angewohnheit, seine Flaschen überall zu verteilen, wo er sie schnell greifen konnte. Lucien würde, da war er sich sicher, niemals die Vorliebe vieler Nord zum Trinken nachvollziehen können. Dezent räusperte er sich, als er beim Eintreten immer noch nicht bemerkt worden war.

»Ah, unser Nachwuchsmörder ist zurückgekehrt«, begrüßte Hilda ihn. »Valdimar, weitermachen. Und wehe, wenn ich noch irgendwo eine Metflasche finde, wo sie nicht hingehört!«

»Das ist unöno… öklo… önomönisch«, stotterte Valdimar im schwachen Versuch eines Protestes.

»Unökonomisch«, korrigierte Hilda ihn. »Und nein, ist es nicht. An die Arbeit!«

Erst dann wandte sie sich vollends Lucien zu. »Komm, halbe Portion. Lass uns das in Ruhe in meinen Gemächern besprechen.«

Sie wandte sich ab, ohne zu warten, ob Lucien ihr folgte. Begierig, seinen Auftrag endlich abgeben zu können und somit die gebührende Anerkennung einzufahren, beeilte er sich freilich, ihr zu folgen. Er musste sich zügeln, um nicht enthusiastisch voranzustürmen, was ihm sicherlich ein Tadel seitens Hildas eingebracht hätte. Er war nun wirklich und wahrhaftig ein Mörder der Dunklen Bruderschaft und kein Kind mehr! Also sollte er sich auch dementsprechend gesittet verhalten.

In aller Seelenruhe setzte sich Hilda an ihren Tisch und hieß Lucien, dasselbe zu machen. Dann goss sie jedem von ihnen einen Kelch Wein ein. »Surillie-Wein, aus Skingrad«, sagte sie. »Ich dachte mir, dass du das sicherlich begrüßen wirst. Ein klein wenig Heimat und so. Aber jetzt erzähl. Wie hast du dich angestellt?«

Kurz wunderte sich Lucien über die Aufforderung. Sicherlich wusste doch Hilda bereits alles, was sie wissen musste über seine Aktivitäten. Doch dann kam ihm ein Gedanke. Bestimmt wollte sie prüfen, ob er ehrlich in seinem Bericht war. Also berichtete er, so wahrheitsgetreu und sachlich wie nur möglich. Wahrscheinlich konnte er jedoch dennoch nicht ein gewisses Maß an Stolz über seine Tat aus seiner Stimme heraushalten.

»Gut, gut«, sagte sie schließlich. »Zumindest ist dir bewusst, dass du den Bonus nicht bekommen wirst. Der Überschwang der Jugend, ich kenne das. Irgendwann geht das vorbei und eine gewisse Routine wird sich einstellen. Aber das Wesentliche: deine Belohnung.«

Kein großes Tamtam, nicht mal ein einfaches Lob. Lucien konnte sehr genau miterleben, wie sich die Enttäuschung in ihm breit machte, nur wenig gedämpft von dem Erlebnis, als Hilda einen Geldbeutel hervorholte und ihn über den Tisch dem Jungen zuschob. Ja, Lucien hatte sich darauf gefreut, endlich seine Belohnung entgegen nehmen zu können, doch mehr noch hatte es ihn in freudige Erwartung versetzt, die Gesichter seiner Brüder und Schwestern zu sehen, wenn er erfolgreich von seinem ersten Auftrag zurückkäme.

Mit einem bitteren Lächeln nahm er das Geld entgegen und steckte es ein. Das ganze hatte seinem Enthusiasmus einen gewaltigen Dämpfer verpasst.

»Deine Septime sind nicht alles, das ich dir übergeben will«, fuhr Hilda fort. »Mich erreichte eine Botschaft von Sprecherin Drewani. Sie ist über deine Fortschritte bei uns sehr erfreut und lässt ausrichten, dass sie deine Entwicklung freudig beobachtet. Noch hält sie die Zeit nicht für reif, dass du in die Zuflucht nach Cheydinhal zurückkehrst, sie will aber (auch wenn ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch anderer Meinung bin), dass du im Rang aufsteigst. Herzlichen Glückwunsch, Schlächter.«

Das wiederum hob Luciens Stimmung wiederum deutlich. »Wie? Also, ich meine … wirklich?«

»Du bist ein eifriger Schüler, zeigst Lernbereitschaft und Aufopferung für unsere Sache. Außerdem hast du gezeigt, dass du durchaus bereits anwenden kannst, was du seit weit über einem Jahr bei uns gelernt hast. Also, ja, wirklich. Du bist jetzt ein Schlächter«, bestätigte Hilda. »Aber lass dich bloß nicht von Valdimar erwischen! Das wird er als Anlas zum Feiern sehen, was nichts weiter ist als eine billige Ausrede zum Saufen.«

Gegen das Grinsen, das sich unaufhaltsam auf seinem Gesicht ausbreitete, konnte und wollte Lucien dieses Mal nichts unternehmen. Die Beförderung hatte ihm nun doch den Tag versüßt. Endlich stand er nicht mehr am untersten Ende der Liste, endlich hatte er seinen Wert zeigen können. Und sicher gab es noch viele weitere Gelegenheiten dazu. Zufrieden mit sich und der Welt wog er den Geldbeutel in der Hand und malte sich die tollsten Dinge aus, die er damit anstellen konnte.

»Ein guter Dolch übrigens«, unterbrach die Zufluchtsleiterin seine Gedanken. »Bewahre ihn gut, er ist besser als dein altes rostiges Ding da.«

»Ich hänge sehr an meinem Dolch«, protestierte Lucien.

»Das hat keiner bezweifelt«, beschwichtigte sie ihn. »Nur wirst du damit nicht sonderlich weit kommen. Die Bruderschaft verleiht unter gewissen Umständen Waffen, das ja, aber es ist immer angeraten, die eigene Ausrüstung zu verwenden. Die du dir übrigens mit deinem eigenen, erwirtschafteten Geld kaufen musst, was dir angeraten sei. Nicht dass du dein erstes selbst verdientes Geld für irgendwelchen sinnlosen Kram auf den Kopf schlägst. Das kenne ich, passiert nur allzu leicht vor allen unseren jüngeren Rekruten. Also, überleg dir, was du mit dem Geld anstellst. Und jetzt abmarsch, genieße deine freie Zeit, bis Malik wieder kommt und ehe dich Babette wieder in Beschlag nimmt; sie hatte es schon angedroht.«

»Wo sind überhaupt Malik, Hjortkar und M’raaj-Dar?«, wollte Lucien wissen. »Es war so ruhig bei meiner Ankunft.«

»Die Katze übt in den Wäldern ihre Magie, strebsame Mietze«, sagte Hilda. »Die anderen beiden sind auf einer Mission mit Mitgliedern der Diebesgilde. Wegen Tituleius, du erinnerst dich.«

Lucien nickte. Er verstand. Also kamen die Dinge nun allmählich ins Rollen.

Damit verabschiedete er sich, doch ehe er die Tür erreicht hatte, hielt ihn die Werwölfin noch einmal auf.

»Ich habe gemerkt, mit welch stolzgeschwellter Brust du herumstolziert bist«, sagte sie. »Es sei dir angeraten, dir den Erfolg nicht zu Kopfe steigen zu lassen. Sind wir ehrlich: Es war ein einfacher Mord, zudem auch kein sonderlich lukrativer. Viel Ruhm hat er dir nicht eingebracht.«

Es war wie ein Schlag gegen die Brust. Hilda hatte Recht, und tief in seinem Inneren hatte Lucien es auch bereits in dem Moment gewusst, wo er den Auftrag erhalten hatte. Doch wahrhaben hatte er es nicht wollen.

»Ich verspreche Mäßigung«, sagte er daher mit gesenktem Kopf.

Hilda schnaubte abfällig. »Ich sagte, dass ich Katzbuckelei nicht ausstehen kann«, konterte sie. »Los, geh, gib dein Geld aus, damit du weißt, wofür du gearbeitet hast. Und genieße es!«

Also tat Lucien genau dies. Oder er wollte es zumindest. Jetzt, wo er endlich genügend Geld hatte, um mehr als nur eine kleine Nascherei beim Bäcker zu kaufen, wusste er auf einmal gar nicht mehr, wofür er es ausgeben sollte. Es gab so viele Möglichkeiten! Sinnvoll sollte es sein, das ja, aber auch nicht nur rein praktischen Nutzens.

Einen neuen Dolch hatte er bereits und so schnell würde er auch keinen besseren bekommen, jedenfalls nicht, wenn er keine Unsummen ausgeben wollte, die er ohnehin nicht besaß. Eine Rüstung würde er ebenfalls nicht benötigen; die Eingehüllte Rüstung der Dunklen Bruderschaft war ihm mehr als dienlich und mit Sicherheit gäbe es keine Rüstung, die besser geeignet wäre für die Interessen eines Assassinen als sie. Was blieb also?

Persönliche Gegenstände besaß er kaum welche, und Bedarf an mehr hatte er ebenfalls nicht. Aber vielleicht sollte er Hildas Rat zu Herzen nehmen, dass er nicht alles von der Bruderschaft geliehen bekommen könnte. Ein Anfang wäre eigenes Werkzeug, um seine Ausrüstung zu pflegen.

Er hatte fünfzig Septime bekommen, das Entgelt für Gunnars Leben. Rein pragmatisch gesehen war das nicht viel, doch für ihn ein Vermögen. Ein Schleifstein sowie Flickzeug und Öl für die Lederrüstung würden zudem wahrscheinlich weniger als diese fünfzig Septime kosten. Das, was danach noch übrig blieb, könnte Lucien ja vielleicht für eigenes Alchemiehandwerkszeug ausgeben. Er bezweifelte allerdings, dass er sich weder sonderlich viele noch sonderlich qualitative Gerätschaften kaufen konnte. Vielleicht sollte er die Differenz lieber sparen.

Der Gedanke, Pflegemittel für seine Ausrüstung zu kaufen, gefiel ihm allerdings durchaus. Dann kam ihm ein spontaner Gedanke: Er besaß nebst seiner Eingehüllten Rüstung keinerlei Kleidung, die angemessen für eine Einkaufsrunde in Falkenring war. Er würde auffallen, wenn er in den abgerissenen Kleidern eines Straßenjungen zum Schmied ginge und ihm fünfzig Septime präsentierte. Also fügte er seiner Einkaufsliste auch Alltagskleider hinzu, im Gemischtwarenladen Graukiefer würde er sicherlich fündig werden.

In der Eingehüllten Rüstung konnte er dennoch nicht einkaufen gehen, auch das würde auffallen. Also lieh er sich zumindest für dieses Mal eine Garnitur, die als Verkleidung für alle Mitglieder der Zuflucht auslag. Schlichte, aber nicht abgerissene Kleidung wäre ihm sicherlich dienlich, sodass er als Laufbursche für einen hohen Herrn durchgehen konnte; das würde auch das Geld erklären, das er mit sich führte.

So gerüstet konnte er sich nun endlich auf den Weg machen. Die Sonne schien an diesem Tag und ein angenehmes Lüftchen wehte. Luciens Stimmung wurde automatisch angehoben, beschwingt setzte er seinen Schritt. Das Leben als Dunkler Bruder war schön, und sobald er sein Geld ausgeben konnte, wäre sicherlich auch die Enttäuschung über den ernüchternden Empfang verflogen, da war er sich sicher.

Falkenring war ein idyllisches Örtchen inmitten der Wälder des gleichnamigen Fürstentums. Die Tiere liefen auf den Wegen zwischen den für Nord typischen Langhäusern herum und überall vor den Häusern waren kleine Gärten mit Nutzpflanzen und Blumen angelegt. Die Bewohner selbst gingen ihren täglichen Beschäftigungen nach. Die Frauen saßen auf den Veranden und gerbten Leder, webten und flickten Kleider und Stoffe oder wuschen an einem kleinen Bach die Wäsche. Die Männer hackten Holz, halfen bei der Sägemühle aus oder pflegten ihre Waffen und bereiteten sich auf die nächste Jagd vor. Wachen waren auch einige zu sehen, doch keine von ihnen interessierte sich sonderlich für Lucien. Ihm wurde maximal ein abschätziger Blick zugeworfen, ehe der betreffende Wachmann sich wichtigeren Dingen wie der Reinigung seiner Schuhsohlen mit dem Speerschaft widmete.

Kurzum: In Falkenring tat sich Jahr und Tag nichts.

Lucien, der die Hektik der Kaiserstadt gewohnt war, war das anfänglich sehr befremdlich vorgekommen. Ja, selbst Cheydinhal war belebter als dieses provinzielle Nest, dessen einziges herausragendes Merkmal ausgerechnet der große Friedhof war. Mit der Zeit jedoch hatte er erkannt, dass das ideale Voraussetzungen waren, um hier eine Zuflucht zu gründen. Es kam kaum jemals jemand vorbei und in die Wälder verirrten sich nur Jäger, welche allerdings tiefer hinein gingen, statt so nahe bei der Stadt nach Wild zu suchen. Die Zuflucht lag in einer Grauzone, die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand abseits der Straße die steile Böschung hinab verirrte, war verschwindend gering.

Der Besitzer des Graukiefer genannten Gemischtwarenladens hieß Rotmund und war ein typischer Nord, der so gar nicht nach Händler aussah: blond, blauäugig, breites Kreuz, noch breiterer Nacken und gewaltige Fäuste. Die Streitaxt auf seinem Rücken durfte man ebenso nicht vernachlässigen. Lucien hegte seit längerem den Verdacht, dass die Nord insgeheim allesamt miteinander verwandt waren. Wie sonst konnte es sein, dass so viele von ihnen so auffällige Gemeinsamkeiten besaßen, dass sie fast schon archetypisch für das Volk waren?

Der bärtige Mann musterte den Jungen skeptisch, als wolle er abschätzen, ob er für einen Kunden würdig war. Lucien mochte die Schauspielerei nicht sonderlich, aber er gab sich Mühe, möglichst eingeschüchtert zu wirken. Insgeheim fragte er sich zumindest theoretisch, ob er mit dem Mann fertig werden könnte, würde er es darauf anlegen. Er kam zu dem Schluss, dass er es besser noch nicht versuchen sollte.

»Was willst du, Hänfling?«, knurrte Rotmund. »Hab dich hier noch nicht gesehen.«

»Bin nur auf der Durchreise«, erklärte Lucien. »Mein Herr will, dass ich mir neue Kleider kaufe.« Wie zur Bestätigung seiner Aussage wies er auf sich. Er hatte sich bewusst nicht die neuesten Kleidungsstücke herausgesucht, sondern solche, die deutliche Benutzungsspuren aufwiesen.

»Hm«, brummte Rotmund nur als Antwort. Dann wies er auf ein Regal mit verschiedenen Kleidungsstücken. »Da. Aber dass du mir nichts durcheinander bringst, Bengel!«

Lucien nickte gehorsam und machte sich daran, sich passende Kleidung herauszusuchen. Zwei Hosen und Hemden schienen ihm vorerst genug, halbwegs passend und schlicht. Zusammen kosteten sie ihm zehn Septime. Zufrieden mit seinem Kauf verließ er den Laden und damit auch den skeptischen Blick des Nord. Wahrscheinlich konnte er es sich leisten, so mürrisch zu sein, denn die örtliche Gemeinde konnte er ja nicht vergraulen; sie hatten nur den einen Gemischtwarenhändler.

Lucien besah sich seinen Kauf, befühlte den weichen Stoff und roch den Hauch der Mottenkugeln, die ihm noch anhaftete. Neue Kleidung, noch nie getragen! Er grinste breit, verstaute seinen Einkauf gut und machte sich dann auf zum Schmied.

Denn Mann als Bären zu bezeichnen, war verblüffend treffend. Er war nicht nur muskelbepackt, sondern auch übermäßig stark behaart. Im Gesicht, auf Brust und Armen spross fröhlich das, das man getrost als Fell bezeichnen konnte. Lucien hatte noch nie so viel Fell an einem Menschen oder Elfen gesehen!

»Glotz nicht, sondern verschwinde«, brummte der Schmied. »Das ist kein Ort für ein Kind!«

Noch so ein mürrischer Nord! War das usus bei ihnen? Lucien hatte noch nicht wirklich viel Kontakt mit anderen Nord als denen in der Zuflucht gehabt, aber er wagte zu bezweifeln, dass es Brauch unter den Bewohnern Skyrims war, alles und jeden so unfreundlich zu begrüßen.

Er tischte auch dem Schmied mit dem passenden Namen Bärenfaust wieder seine Geschichte mit dem reichen Herrn auf, der seinen Laufburschen vorschickte, um einige Erledigungen zu tätigen. Bärenfaust … Zumindest war das der Name, der an dem Schild vor der Schmiede hing. Ob der Mann auch auf einen anderen, gewöhnlicheren Namen hörte?

Der Schmied brummte etwas von kaiserlichen Weichärschen und ließ es widerwillig zu, dass Lucien seine Wahren besaß. Wetzsteine und Flickzeug für eine Lederrüstung gab es reichlich und Lucien beschloss, sich einen kleinen Vorrat anzulegen. Schaden konnte es nicht. Dieses Mal musste er jedoch bedeutend mehr zahlen, alles in allem dreißig Septime.

Nachdem er den Laden verlassen hatte, wiegte Lucien sein übriges Geld nachdenklich in der Hand. Er hatte jetzt noch zehn Septime übrig, doch was mit ihnen anstellen? Dann besann er sich. Es wäre klug, auch etwas zu sparen, auch wenn dies ein Konzept war, das ihm reichlich fremd war. Besaß man als Straßenkind etwas Geld, was selten genug vorkam, sah man besser zu, dass man es sogleich umsetzte. Ansonsten war es schneller weg, als man bis drei zählen konnte.

Lucien beschloss, es einmal mit dem Sparen zu versuchen, und widerstand den Drang, auch die letzten Septime auszugeben. Schon rein aus pragmatischen Gründen, denn er wusste nicht, was er sich sonst noch für zehn Septime leisten konnte außer Dinge, für die er keine weitere Verwendung hatte. Gerätschaften für die Alchemie wären eine Lösung, und zufällig gab es auch einen Kräuterladen in der Stadt. Doch dann besann er sich. Für zehn Septime würde er gerade einmal den billigsten Schund bekommen, der weit unter den Qualitäten lag, die er in der Zuflucht nutzen konnte. Es wäre Verschwendung seines Geldes. Also unterließ er es.

Auch so war es eine reichliche Ausbeute, die er erstanden hatte. Und das auf gänzlich legalem Weg! (Den Weg, wie er überhaupt an das Geld gekommen war, unterschlug er dabei.) Es war ein tolles Gefühl, er fühlte sich frei und selbstständig. Und vor allem spürte er eine Sicherheit und Beständigkeit in seinem Leben, so stark wie selbst in seiner gesamten bisherigen Zeit bei der Bruderschaft nicht. Es war … beruhigend, leicht, einfach wunderbar, sich in die sichere Zuflucht begeben zu können und zu wissen, dass für ein bequemes Bett, ein Dach über dem Kopf und eine gesicherte Mahlzeit gesorgt waren. Und das alles nur, indem er  Leute ermordete. Konnte Leben schöner sein?

 

Babette nahm ihn in der Tat bald wieder in Beschlag. Bis Malik und Hjortkar zurückkehrten, würden noch einige Tage vergehen, und da Hilda momentan nicht einmal kleine Aufträge zu verteilen hatte, wollte die Zeit genutzt werden. Lucien verbrachte, nicht gerade zu seinem Leidwesen, also viel Zeit mit der Alchemie. Dieses Mal nahm Babette ihn jedoch häufig mit in die Wälder, um ihm praktischen Anschauungsunterricht vor Ort zu geben, wie sie es nannte. Das hieß, dass sie in Büschen und unter Bäumen herumkrochen und sie Lucien die verschiedenen Pflanzen bestimmen und ihre alchemistischen Eigenschaften aufzählen ließ.

  »Du solltest dich gut darin üben», sagte sie. »Was machst du, wenn dir die Heiltränke ausgehen und weit und breit ist kein Kräuterladen in Sicht? Besser ist es, dass du dann weißt, dass Lavendel und Aloe Vera zusammen einen einfachen Heiltrank ergeben. Und noch besser ist es, dass du weißt, wo man diese Pflanzen findet!«

  »In Skyrim schon einmal nicht«, kommentierte Lucien.

  Babette lachte auf und klatschte in die Hände. »Genau! Die findet man eher im Herzland, ihnen ist es hier viel zu kalt.«

  Also suchten sie weiter, gruben Wurzeln aus und zupften Blätter ab. Manchmal erlaubte es Babette ihm, von den gesammelten Zutaten zu kosten, um ihre Wirkung an sich selbst auszutesten. Meist war sie nett genug, es nur bei Zutaten zu tun, die keine allzu unangenehmen Folgen hatte. Hin und wieder legte sie ihn jedoch mit einer Pflanze hinein, die er noch nicht so gut kannte. Durch Milchdiestel paralysiert zu werden, und sei es auch noch so kurz, war ganz und gar kein schönes Gefühl. Babette zumindest hatte ihren Spaß und Lucien eine Lektion gelernt, die er so schnell nicht vergessen würde.

  Nach einigen Tagen tauchte M‘raaj-Dar wieder auf. Anscheinend hatte er zur Genüge seine Fähigkeiten in der Wildnis Skyrims erprobt, auch wenn er nicht sonderlich zufrieden wirkte. Lucien bedauerte, dass die Katze nicht noch länger fort geblieben war; noch immer war sie so unfreundlich wie zu Beginn. Umso mehr erfreut es ihn, als er hörte, dass es hieß, der Khajiit solle nach Cheydinhal gehen, um dort von Caelwen zu lernen. Das hieß, dass er die missgelaunte Mietze endlich los war. Dann kam ihm jedoch in den Sinn, dass M‘raaj-Dar sicherlich für längere Zeit bei Caelwen lernen würde, was hieß, dass Lucien bei seiner erhofften Rückkehr in die Heimat wieder mit ihm zu tun haben würde. Das gab seiner anfänglichen Freude über die zunächst willkommene Wende der Dinge doch einen ordentlichen Dämpfer.

  Die zwischenzeitliche Flaute mit den Aufträgen oder zumindest jenen, die für Luciens Fähigkeiten geeignet waren, ging rasch vorbei. Es dauerte nicht lang, und schon hatte Hilda wieder eine Beschäftigung für ihn. Es waren Aufträge einfachster Art, die sie ihm bot, aber genug, um seine Fähigkeiten weiter zu üben, während Malik und Hjortkar noch fort waren. Meist bestanden sie aus hingehen, Ziel lokalisieren und töten. Nichts, wo man sich mit Ruhm bekleckern konnte, dieses Mal gestand es sich Lucien von vornherein ein. Dennoch war er stolz darauf. Er hatte seinen Wert gezeigt, nun sollte er ihn weitere Male beweisen.

  Also machte er sich mit Feuereifer an die Arbeit, bereitete sich vor, pflegte seine Ausrüstung, braute Tränke, plante. Viel war allerdings nicht zu planen, sonderlich komplex waren die Aufträge nicht.

  Sein erstes Ziel war ein Bettler in den Straßen von Einsamkeit. Lucien verfolgte und beobachtete ihn über einige Tage hinweg, um eine bestmögliche Herangehensweise zu ermitteln. Der alte Mann machte es ihm jedoch einfach. Tags streifte er durch die Straßen, meist torkelnd und betrunken von dem Alkohol, den er am Vorabend von wer weiß woher aufgesammelt hatte. Er zog eine deutliche Fahne hinter sich her, die sein Aufspüren sehr einfach machte; man roch ihn meist schon lange, bevor man ihn sah oder gar hörte. Wer auch immer ihn tot sehen wollte, wahrscheinlich hatte er die geruchliche Belästigung satt.

  War der Mann abgestochen, ging es weiter zu einer Sägemühle bei Windhelm. Hier sollte der Müller erledigt werden. Dieser stellte sich als etwas kniffliger heraus, war kein Säufer und auch nicht unaufmerksam, obgleich er nicht damit zu rechnen schien, dass ein Mörder auf ihn angesetzt war. Nachdem Lucien ihn eine Weile beobachtet hatte, beschloss er, offensiv vorzugehen. Seine Rüstung verbarg seine Identität und unterstützte ihn im Kampf und auf der Flucht. Also hatte er nichts zu befürchten.

  Er erstach den Mann auf offener Straße, und ehe die Bewohner der kleinen Siedlung wussten, wie ihnen geschah, war er schon wieder auf und davon, dieses Mal noch weiter in den Norden nach Winterfeste. Er war gespannt darauf, was ihn dort erwarten würde.

  Winterfeste war der Ort der Akademie der Magier, einer von der Magiergilde unabhängigen Institution des Wissens und der Macht. Die Nord standen der Magie im Allgemeinen sehr skeptisch gegenüber, weshalb sich die Magier so weit in den Norden auf eine Felszinne vor den Klippen Winterfestes zurückgezogen hatten. Dennoch war das imposante Gebäude der dominierende Anblick in dem Dorf; hier war noch weniger Leben als in Falkenring. Es war Lucien, als habe der frostige Polarwind alle eingefroren.

  Doch das kümmerte ihn momentan wenig. Sein Attentatsziel war ein reisender Händler, der, auf der Suche nach allerlei Raritäten der Akademie, sich für eine Weile in der Taverne Frostiges Feuer niedergelassen hatte.

  Nachdem Lucien auch ihn genauestens untersucht hatte, beschloss er, sich dieses Mal mit Giften zu vergnügen, etwas, das er noch nie groß in der Praxis erprobt hatte. Caelwen hatte auf vergiftetes Essen geschworen, und was wäre passender als diese Methode? Also beschloss er, sie anzuwenden.

  Er präparierte einen Apfel, den Klassiker, jubelte ihn seinem Ziel unter und wartete. Er wollte sehen, ob es auch wirklich funktionierte, obgleich er wusste, dass es schlauer war, unauffällig zu verschwinden, solange noch nichts geschehen war.

  Er brauchte nicht lange zu warten. Der Apfel lag in einer Schüssel voller Obst, die vor dem Händler auf einem der Tische stand. Anscheinend war ihm nicht aufgefallen, dass der Apfel nicht schon immer da gelegen hatte. Nachdem er erst einiges anderes Obst ausprobiert hatte, griff er schließlich zu der vergifteten Frucht und biss herzlich hinein.

Zunächst passierte nichts. Doch bald schon stutzte er, merkte, dass etwas nicht stimmte. Er griff sich an die Kehle, hustete und begann zu würgen. Nur Momente später setzten die Krämpfe ein, unkontrollierte Zuckungen schüttelten seinen Körper und Schaum trat ihm vor den Mund. Dann fiel er vom Stuhl und blieb regungslos liegen.

Lucien sah zu, dass er unauffällig verschwand, während in der Taverne Panik ausbrach.

Sein letzter Auftrag war … delikat, und er hatte ihn bisher vor sich her geschoben. In Riften befand sich ein Hurenhaus, welches bald um eine Mitarbeiterin erleichtert werden sollte.

Das andere Geschlecht war etwas, mit dem sich Lucien noch gar nicht auseinander gesetzt hatte, bisher hatte er einen Gedanken daran peinlich berührt gemieden. Sex war etwas, das ihn noch immer mit kindlicher Scham erfüllte, so erwachsen er sich auch sonst gab. Ob Hilda es gewusst und ihm mit Absicht diesen Auftrag gegeben hatte? Egal, was es war, besser er brachte es einfach schnell hinter sich. Augen zu und durch …

Er zögerte, als er einige Tage später Riften erreichte. Warum hatte er den Auftrag angenommen? Das fragte er sich zum widerholten Male. Hatte er sich nicht die Blöße geben wollen, genau diesen Auftrag abzulehnen? Oder hatte er einfach zeigen wollen, wie erwachsen er bereits war? Was es auch war, im Nachgang empfand Lucien es als höchst dummen Grund.

Dann straffte er die Schultern. Er war ein Assassine der Dunklen Bruderschaft, und sie zierten sich nicht! Außerdem war es ja nicht so, dass er im Dreck der Kanalisation irgendwelche Monster töten musste; das oblag der Kämpfergilde.

Er ging wie üblich vor: genau, mit Bedacht und dieses Mal vor allem auch mit emotionaler Ferne zum Auftrag. Er verbat es sich regelrecht, irgendetwas bei der Eliminierung seines Ziels zu empfinden.

Die Hure abzupassen, stellte sich dieses Mal als recht knifflig heraus. Nachts empfing sie ihre Kundschaft oder war unter den anderen Huren des Freudenhauses. Tagsüber wusch sie sich und bereitete sich auf den nächsten Abend vor oder schlief. Sie war nie allein anzutreffen.

Das einfachste wäre, sich als Kunde auszugeben und nach vollendeter Tat auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden, doch dagegen wehrte er sich mit Händen und Füßen. Blieb also nur der Klassiker, bei Nacht durch ihr Fenster einzusteigen und sie zu erdolchen. Also war Geduld angebracht, er musste auf einen günstigen Moment warten und sich auf die Lauer legen.

Geduld war etwas, das er sehr rasch gelernt hatte bei der Bruderschaft. Oft musste man lange warten, ehe ein günstiger Moment zum Zuschlagen kam, all die Vorbereitungen nicht zu vergessen. Jemanden zu ermorden, war im Regelfall eine Geduldsprobe. Dieses Mal wurde Lucien das erste Mal tatsächlich geprüft.

Erst spät in der Nacht hatte sein Ziel eine kleine Leerphase. Lucien kam sich seltsam dabei vor, während er flink wie ein Wiesel zu ihrem Fenster hineinkletterte wie ein heimlicher Liebhaber. Er tröstete sich damit, dass es noch unangenehmer geworden wäre, wenn er sich als Kunde ausgegeben hätte.

Er sah zu, dass er es rasch hinter sich brachte und dann wieder verschwand. Sein Geld wartete auf ihn.

Und eine unangenehme Überraschung.

Als er wenige Tage später wieder bei der Zuflucht eintraf, hörte er schon aus einiger Entfernung den Kampfeslärm. Er zögerte nur kurz, zückte seinen Elfendolch und sprang voran. Die Kampfesgeräusche kamen eindeutig von der Zuflucht. Etwas musste dort vor sich gehen, zig Möglichkeiten schossen ihm durch den Kopf.

Kurz bevor er mitten in den Kampf hinein stolperte, drosselte er sein Tempo und suchte Deckung. Es war nicht klug, blindlings hineinzustürmen, vor allem nicht für ihn, der er lediglich mit einem Dolch bewaffnet war.

Schnell machte er jedoch aus, was vor sich ging. Seine Dunklen Brüder und Schwestern kämpften mit einer Gruppe kaiserlicher Soldaten. Mittendrin war Hilda in ihrer Wolfsgestalt, wild und ungebändigt zerriss sie ihre Feinde und heulte furchterregend auf. Es sah aus, als seien die Soldaten gegen die Assassinen hoffnungslos unterlegen. Dennoch fasste sich Lucien ein Herz, sprang aus seiner Deckung und eilte zur Verteidigung der Zuflucht.

»Für Sithis!«, brüllte er.

Hinterher musste er sich eingestehen, dass er keine große Hilfe gewesen war. Wie auch? Mit einem einfachen Dolch gegen ausgebildete Soldaten im offenen Kampf und im Vergleich zu den Mordmaschinen, die die anderen Mitglieder der Zuflucht nun einmal waren? Hilda griff mit Fängen und Klauen an. Valdimar wirbelte seine riesige Axt umher, als sei sie ein Kinderspielzeug. Malik verschoss einen Pfeil um den anderen. Hjortkar kämpfte gleich zu gleich mit den Soldaten, die einst seine Waffengefährten gewesen waren. M’raaj-Dar warf mit Zaubern um sich. Selbst Babette zeigte nun, was wirklich in ihr steckte: eine wilde Vampirin, die das Töten liebte.

Doch immerhin erledigte Lucien zwei Soldaten, worauf er mächtig stolz war. Dann war auch schon alles vorüber.

»Hurensöhne!«, brüllte Malik zornentbrannt auf und spuckte auf eine der Leichen zu seinen Füßen.

»Dieser eine Hurensohn, wenn schon«, betonte Hilda, welche sich bereits zurückverwandelt hatte. Nun stand sie lediglich leicht bekleidet doch ohne Scham und über und über mit Blut bedeckt zwischen den Leichen, umringt von ihrer Zuflucht. »Das war Tituleius, keine Frage.«

»Was ist hier geschehen?«, fragte Lucien.

Die anderen wandten sich ihm augenscheinlich überrascht zu, als hätten sie nicht damit gerechnet, ihn hier anzutreffen.

»Genau zum rechten Zeitpunkt wieder gekommen«, kommentierte Hilda. »Wir wurden ganz augenscheinlich überfallen, Tituleius scheint irgendetwas spitz bekommen zu haben. Aber lasst uns die Einzelheiten später klären. Erst muss diese Unordnung hier beseitigt werden. So ein Chaos direkt vor unserer Haustür, wie lästig.«

Beunruhigt schaute Lucien auf eine der Leichen der Soldaten. Sie trugen unverkennbar das Zeichen der kaiserlichen Legion, ein Drache, der mit seinen Flügeln eine Raute bildete. Aber was machten sie hier? Waren sie zufällig hier vorbei gekommen und hatten einen der Assassinen aufgegriffen oder hatten sie gezielt nach der Zuflucht gesucht?

Leichter Brandgeruch stieg ihm in die Nase und schien seine Frage zu beantworten. In der Nähe des Einganges zur Zuflucht brannte ein Feuer, augenscheinlich wurde es gezielt dort gelegt. Knisternd verzehrten die Flammen ausgedorrtes Holz, fanden Nahrung im trockenen Gras, hell auflodernd und weithin zu sehen. M’raaj-Dar kümmerte sich bereits darum und wirkte Kältezauber, welche sogleich zu Wasser schmolzen und das Feuer löschten. Man hatte versucht, die Zuflucht auszuräuchern.

»Wir sollten wirklich über einen geheimen Zweitzugang nachdenken«, kommentierte der Khajiit. »Dann können wir vermeiden, dass wir noch einmal gegart werden.«

Hilda winkte genervt ab. »Ich will davon jetzt nichts wissen«, knurrte sie. »Jetzt ist wichtig, dass wir uns um die unmittelbaren Probleme kümmern, nicht um Anbauten unserer Zuflucht. Und die Probleme liegen nun einmal um uns verteilt, offensichtlich und viel zu auffällig. Lasst uns die Leichen beseitigen und den Kampfplatz aufräumen.«

»Spuren werden zurückbleiben«, sagte Malik mehr zu sich selbst. »Man wird sehen, dass der Boden umgegraben wurde. Aber wie immer habt Ihr Recht.« Das letzte fügte er hastig an, als er sah, dass Hilda ihn schon wütend anschnauben wollte.

Lucien beschloss, Hilda bestmöglich aus dem Weg zu gehen. Sie wirkte sehr gereizt. Ob es wegen des Angriffes war?

Anscheinend waren die Assassinen geübt darin, verräterische Spuren um ihre Zuflucht herum zu verschleiern. Sie verscharrten die Leichen in einiger Entfernung im Wald und gruben danach den Boden um oder streuten Laub über das vergossene Blut. Lucien half, wo er konnte, auch wenn er das Gefühl hatte, nicht allzu nützlich zu sein. Entweder waren die anderen kräftiger als er oder konnten sich mit Magie behelfen, wenn es darum ging, die Leichen zu tragen und den Waldboden umzugraben.

Manchmal, schoss es ihm durch den Kopf, war es deprimierend, dass er so deutlich hinter den anderen zurückstand. Er sollte sich mehr bemühen, um seinen Rückstand aufzuholen.

Die Stimmung schien generell recht bedrückt zu sein. Anscheinend machte sich jeder seine eigenen Gedanken über den Angriff und hatte nicht vor, so schnell darüber zu sprechen. Lucien gefiel das Ganze nicht wirklich, er war solch eine Stimmung zwischen sein Dunklen Brüdern und Schwestern nicht gewohnt. Außerdem hieß es, dass der Dunklen Bruderschaft offenbar doch Gefahr drohte und die Lage ernst war. Lucien wagte nicht, weiter darüber nachzudenken, was dies für ihn bedeuten mochte.

War nun eine Zeit des Umbruches gekommen? Standen wieder einmal gravierende und dieses Mal wohl nicht zu seinem Besten gereichende Veränderungen in seinem Leben an? Er hoffte mit aller Macht, dass es nicht so weit kommen würde.

Ihre Waldarbeiten dauerten einige Stunden an, ehe sie alle Leichen verscharrt und ihre Spuren bestmöglich verwischt hatten. Hilda war immer noch nicht zufrieden, aber Malik erinnerte sie daran, dass es besser nicht ging. Murrend gab sie sich zufrieden und gab M’raaj-Dar ein Zeichen, sich um ihre Verletzungen zu kümmern. Diese fielen glücklicherweise bei keinem von ihnen sonderlich schwer aus, sondern beschränkten sich meist auf kleinere Schnitte und Prellungen. Alles in allem waren sie mit einem blauen Auge davon gekommen.

»Wir müssen reden«, sagte Hilda grimmig, als die Arbeit getan war und die Assassinen wider der Zuflucht entgegen strebten. »Wir müssen dem ein Ende setzten. Wir müssen Tituleius das Handwerk legen.«

Ihre Worte wurden mit einem entschlossenen Nicken der anderen bestätigt. Ihr Feldzug gegen den Feind der Bruderschaft hatte begonnen.

Ein kleiner Maulwurf

Wenige Zeit später fanden sie sich in der Zuflucht im Hauptraum ein, um ihr weiteres Vorgehen zu besprechen. Die Minen waren ernst, jeder wusste, was für sie auf dem Spiel stand.

»Tituleius‘ Männer greifen uns just in der Zeit an, in der wir unsere Zusammenarbeit mit den Dieben verstärken, um ihn aus dem Weg zu räumen«, begann Hjortkar. »Auffällig, findet ihr nicht?«

»Ehe wir voreilige Schlüsse ziehen, sollten wir sammeln, was wir wissen«, betonte Hilda. »Ich will nicht, dass irgendwer von uns voreilig handelt. Die Lage ist dafür zu ernst. Hjortkar, Malik, berichtet also von dem, was ihr mit den Dieben abgesprochen habt.«

Lucien ging auf, dass die beiden ebenfalls nur kurz vor ihm eingetroffen sein mussten, wenn sie noch keinen Bericht abgeliefert hatten.

»Vernon Roche und seine Diebe werden uns eine große Hilfe sein, da bin ich mir sicher«, sagte Malik. „Auch Hjortkars Wissen wird uns zum Vorteil gereicht sein; er weiß, wie die Legion funktioniert, wie es in ihren Reihen aussieht. Genau das werden wir uns zu Nutze machen können.«

»Ich merke, Ihr habt bereits einen Plan, Malik«, sagte Hilda. »Wie lautet er?«

»Es scheint schwer zu sein, aus einer außenstehenden Position an General Consantius Tituleius heranzukommen und ihm in einer Weise zu schaden, die uns zupass kommt«, berichtete der Rothwardone. »Wir müssen in seine Nähe gelangen, ihn von dort aus beobachten und seine Schwachstellen finden. Roches Diebe haben dahingehend bereits einige Arbeit geleistet, Möglichkeiten ausgekundschaftet und Papiere gefälscht …«

Hilda nickte nachdenklich. »Ihr schlagt also vor, jemanden einzuschleusen.«

»Stechen wir das Schwein ab und fertig«, mischte sich Valdimar ein. »Mord war schon immer unser Mittel, warum nicht auch dieses Mal? Es ist einfach und effizient.«

Hilda seufzte genervt. »War mir nicht, als hätten wir dieses Thema erst neulich?«, knurrte sie. »Seid still, wenn Ihr nicht begreifen könnt, was hier vor sich geht!«

Malik räusperte sich dezent. »Das war zu heftig«, erinnerte er ihre Zufluchtsleiterin. »Ja, wir stehen alle unter Spannung, aber das ist keine Rechtfertigung, mit einem von uns so zu reden, meine Liebe.«

Erst knurrte sie ihn wütend an, doch dann besann sie sich anscheinend wieder. »Das stimmt wohl«, sagte sie, nun wieder anscheinend ruhiger. »Ich habe mich gehen lassen, verzeiht. Doch ihr wisst alle um den Ernst unserer Lage. Wir sind die Dunkle Bruderschaft, doch mit der geballten Macht der Legion können wir es nicht aufnehmen. Wenn Tituleius herausfindet, wo wir zu finden sind, wird er jedes nur erdenkliche Rad in Bewegung setzen, um uns zu vernichten. Wir müssen ihm zuvor kommen!«

»Und wir müssen uns beeilen«, ergänzte Malik. »Ich glaube nicht, dass der Überfall der Soldaten gezielt geschehen war, dafür wirkten sie auf mich zu überrascht, als sie auf uns trafen. Doch es kann sein, dass Tituleius seine Schlüsse zieht, wenn er merkt, dass seine Leute spurlos verschwunden sind. Ich fand bei einem der Toten das hier.«

Er zog ein blutbeflecktes Pergament aus seiner Kleidung und reichte es Hilda. Sie betrachtete es eine Weile nachdenklich und rieb sich das Kinn.

»Hm«, machte sie schließlich. »Verklausuliert, allerdings nicht sonderlich komplex. Es scheint mir schon, bevor ich die genaue Verschlüsselung ermitteln kann, dass es darin um die Bruderschaft geht. Tituleius, so vorhersehbar … Wir müssen uns mit diesem Schreiben genauer befassen, doch im Nachgang. Ich will jetzt Ergebnisse sehen.«

»Und dabei nichts überhasten«, erinnerte Hjortkar. »Die Strukturen in der Legion sind klar verteilt, jeder weiß, wo er hingehört, über jeden wird Buch geführt. Gerade das macht es uns nicht gerade leicht, einen Angriffspunkt zu finden.«

»Doch dafür haben wir uns ja zu einer Zusammenarbeit mit den Dieben entschlossen«, ergänzte Malik. »Sie können uns genau diesen Angriffspunkt schaffen und sind auch dabei.«

»Wir schleusen jemanden ein, ja«, wiederholte Hilda. »Und ebenjener beschafft Informationen direkt von der Quelle.«

»Magie könnte dafür sehr hilfreich sein«, meldete sich nun auch M’raaj-Dar zu Wort.

»Doch leider liegt deine Spezialisation vor allem in der Zerstörungsmagie«, mischte sich nun auch Babette sein. »Wenn, dann ist Illusionsmagie angebracht, unter Umständen auch Veränderung. Wir müssen täuschen und verbergen, eine offensive Strategie ist fehl am Platz.«

»Ein hochdotierter Auftrag und schon wird sich um die Ehre des Ausführens gerauft«, seufzte Hilda, wieder sichtlich um Ruhe bemüht. »Die Tage des Observierens und Ausspionierens brachten ans Licht, dass wir zu für uns ungewöhnlichen Mitteln greifen müssen. Unter normalen Umständen würde ich auch zu Babette tendieren, doch das sind keine normalen Umstände. Wie gedenkt die Diebesgilde, einen von uns einzuschleusen?« Das letzte war wieder an Malik gerichtet.

»Es ist in Roches Augen wichtig, dass wir keine allzu hohen Posten anstreben«, sagte er. »Je unwichtiger und damit unauffälliger, umso besser. Dennoch müssen wir nahe genug an unser Ziel herankommen, um Informationen zu erlangen. Ein Stallknecht des Generals nützt also nichts. Roches Überlegungen gingen dahin, unserem General einen neuen Kelchreicher wärmstens zu empfehlen. Diese Person wäre nicht wichtig genug, als dass sie von Tituleius wahrgenommen wird, aber dennoch so nahe bei ihm, dass sie vieles wird hören können. Derzeit arbeiten die Diebe daran, uns genau solch eine Stelle zu verschaffen. Ans uns ist es derweil, eine geeignete Person auszuwählen.«

Hilda nickte. »Ich sehe«, sagte sie nach einer Weile, »dass Ihr schon genaue Vorstellungen davon habt, wie wir vorzugehen hatten. Doch gut, genau dazu wurdet Ihr ja ausgeschickt. Ich bin zufrieden. Wer wird vorgeschlagen?«

Lucien sah, wie es Babette und vor allem M’raaj-Dar in den Fingern juckte, sich selbst zu melden. Insbesondere der Khajiit wies ohnehin den Drang auf, sich durch seine Magie hervorzutun; anscheinend hielt er sich deswegen für etwas Besseres. Lucien, der sich bis jetzt noch gar nicht an der Besprechung beteiligt hatte, überlegte, ob er sich für Babette melden sollte, zum einen, weil er sie für die beste Wahl hielt, zum anderen aber auch, um M’raaj-Dar ein wenig zu provozieren. Er konnte es nicht leiden, wenn sich jemand, der mit ihm im Rang in etwa gleich auf war, so hervortun wollte.

Doch ehe er sich melden konnte, überraschte Hjortkar sie alle mit einem ungewöhnlichen Vorschlag. »Lucien Lachance«, sagte er unvermittelt in die überlegende Stille hinein. »Der Junge hat Talent, und gleichzeitig ist er höchst unauffällig. Ein kaiserliches Mischblut mit bretonischen Einschlägen, allzu selten ist das nicht. Außerdem hat er ein Händchen dafür, anderen Informationen zu entlocken.«

Lucien starrte den Nord mit offenem Mund an. Er wurde für diesen wichtigen Auftrag vorgeschlagen? Ausgerechnet er?! »Aber … aber …«, stammelte er. »Ich kann überhaupt nicht schauspielern! Ich bin miserabel darin, andere Rollen anzunehmen!«

»Nein«, widersprach Hilda langsam. »Nein, das denke ich nicht. Hjortkars Vorschlag erscheint mir sehr klug.«

Selbst durch sein Fell hindurch konnte man sehen, wie M’raaj-Dar weiß vor Wut wurde. »Die halbe Portion ist ein Emporkömmling«, schnaubte er. »Sein Talent ist in der Tat bestenfalls als mittelmäßig zu bezeichnen, seine Eignung anzuzweifeln.«

Er wollte anscheinend noch mehr sagen, doch die Werwölfin fuhr ihm mit einer heftigen Handbewegung über das Maul und verband jeden weiteren Protest. »Der Neid spricht aus deinen Worten. Vergiss nicht, dass du selbst kaum länger bei uns bist als Lucien«, wies sie ihn zurecht. »Lucien selbst stellt sein Talent unter den Scheffel. Dass er durchaus sehr leicht an Informationen kommt, weiß er. Doch er ist sich nicht bewusst, dass er sich dabei durchaus ausreichend verstellen kann. Ich denke zudem, dass man für diesen Auftrag kein ausgebildeter Schauspieler sein muss. Es reicht, einige Lügen rasch und glaubhaft über die Lippen zu bringen und ansonsten so zu tun, als sei man nicht da. Denkt daran, welche Stelle wir anstreben: Unser Agent soll Tituleius Wein bringen, während er sich mit den hohen Herrschaften berät, und nicht etwa selbst am Tisch der hohen Herren sitzen.

Ich denke, Lucien sollte nicht allein gehen. Denn der Einwand, dass er noch keine zwei Jahre bei uns ist und damit noch vergleichsweise unerfahren, ist berechtigt. Ich schicke Babette mit ihm, sie soll ihn mit Zaubern und notfalls auch Tränken unterstützen. Illusion ist hier weitaus eher angebracht als Zerstörung.«

»Vergesst nicht die örtlichen Diebe«, erinnerte Malik. »Auch sie können uns eine Unterstützung sein. Ja, das gefällt mir, sogar sehr gut.«

Lucien war immer noch viel zu überrumpelt, um etwas dazu sagen zu können.

Hjortkar sah jedem von ihnen fest in die Augen. »Ich weiß, dieser Vorschlag ist gewagt«, sagte er, »und ich sehe bei einigen von euch noch immer und wohl auch berechtigt Zweifel. Aber bedenkt, dass Babette mit Lucien gehen wird. Sollte etwas nicht nach Plan laufen, wird sie also zur Stelle sein.«

»Dieser Vorschlag hat etwas«, sagte Malik. »Er ist gewagt, aber es könnte zielführend sein. Wir sollten es auf einen Versuch ankommen lassen.«

»Die Mission, auf die wir die halbe Portion schicken wollen, könnte durchaus über das Schicksal dieser Zuflucht entscheiden«, gab M’raaj-Dar zu denken. »Wir sollten jemanden Erfahreneren schicken.«

»Es geht hier nicht nur um Erfahrung«, konterte Hilda. »Es geht vor allem um Unauffälligkeit. Und wer wäre unauffälliger als ein kleiner Junge, den niemand wahrnimmt? Niemand von den hohen Herren wird auf ihn achten, niemand ihn für voll nehmen. Und da ist keiner besser geeignet als er.«

Lucien zwang sich dazu, aus seiner Schockstarre zu erwachen und etwas zu sagen: »Das … das alles ist eine große, ich meine, eine wirklich große Ehre für mich«, stammelte er.

»Du hast gezeigt, dass du zu etwas taugst«, sagte die Zufluchtsleiterin. »Du bist nicht völlig ohne Talent für unser Handwerk. Dieses Talent sollte gefördert werden, und wie ginge das besser als durch aktives Lernen im Einsatz? Erweise dich als würdig für dieses große Vertrauen.«

Plötzlich klatschte sie in die Hände und strahlte mit einem Mal wesentlich mehr Optimismus aus. »Aber da lag ja noch etwas an, Lucien, nicht wahr? Erzähl uns doch von deinem Auftrag in Riften.« Das letzte wurde mit einem süffisanten Grinsen garniert.

Lucien wurde rot wie eine Tomate und wünschte sich das nächstbeste Erdloch herbei, während erwartungsvolle Blicke auf ihm ruhten.

»Da war ja etwas«, grinste Malik. »Los, erzähl, Junge! Wie bist du vorgegangen?«

»Fenster«, nuschelte Lucien. Musste das denn sein?!

Malik und Hjortkar prusteten los, und Valdimars Lachen dröhnte noch lange danach in den Ohren. Auch Babette und Hilda grinsten breit. Lediglich M’raaj-Dar hob skeptisch eine Augenbraue.

Hjortkar klopfte Lucien auf die Schuler. »Bei Sithis, Junge!«, rief er aus. »Aus dir muss wirklich noch ein Mann werden! Die Huren wussten, dass du kommen wirst. Du hättest ihnen einfach sagen sollen, dass du bei betreffender Dame einen Termin hast und schon hätten sie dich vorgelassen.«

»Woher hätte ich das denn wissen sollen?«, beschwerte sich der Junge.

»Ich dachte, deine eigene Mutter sei eine bretonische Hure gewesen«, sagte Hilda. »Die Damen dieses Gewerbes haben seit jeher ein enges Verhältnis zur Bruderschaft. Außerdem wäre das nicht so schwer herauszufinden. Warum hast du nicht einfach den Vordereingang genutzt? Jeder andere hier hätte das so gemacht.«

»Er ist noch jungfräulich«, stichelte Babette. »Da ist man noch etwas … unbedarft, was das andere Geschlecht angeht.«

Lucien knirschte vor Wut und Scham mit den Zähnen. Ausgerechnet jetzt musste er sich so blamieren, jetzt, nachdem ihm so viel Vertrauen entgegen gebracht wurde.

»Nimm es dir nicht so zu Herzen«, sprang ihm jedoch erfreulicherweise Malik zur Hilfe. »Wir waren alle einmal jung.«

»Und die Belohnung gibt es ja dennoch«, sagte Hilda. »Immerhin zweihundert Septime.«

Das zweite Mal an diesem Tag konnte Lucien vor Verblüffung nichts sagen. Zweihundert! Das war das reinste Vermögen!

»Malik, Hjortkar, eure Geldangelegenheiten will ich im Anschluss besprechen«, sagte Hilda. »Alle anderen sind entlassen. Lucien, komm mit mir, damit du deinen Lohn bekommst. Danach wird sich Babette deiner annehmen.«

Es war wie in einem Traum, als er Hilda zusammen mit Malik und Hjortkar in ihre Gemächer folgte, sie aus einer Geldtruhe eine Börse nahm und sie Lucien wortlos reichte, als sei dies das normalste der Welt. Entgeistert starrte er auf das, was er da in Händen hielt, und konnte es nicht wirklich glauben. Geld war noch immer etwas, das ihn gerne völlig aus der Rolle brachte.

»Husch, husch, halbe Portion«, schmunzelte die Werwölfin. »Ich habe mit Malik und Hjortkar noch einiges zu besprechen und du musst dich gründlich vorbereiten.«

Er schüttelte den Kopf, wie als wolle er einen Traum abschütteln. Dann nickte er. »Vielen Dank«, nuschelte er, erinnerte sich im letzten Moment, dass Hilda katzbuckliges Verhalten nicht ausstehen konnte und verließ den Raum.

Babette wartete bereits auf ihn. »Herzlichen Glückwunsch für deinen neuen Auftrag«, sagte sie. »Du bist jetzt unser Maulwurf, und nachdem ich jetzt darüber nachgedacht und das Ganze ein wenig hab setzten lassen, denke auch ich, dass du wirklich die beste Wahl dafür bist. Also dann, lass uns beginnen, alles will genau geplant werden!«

»Was erwartet mich denn?«, wollte Lucien wissen. »Das hat mich alles sehr überrascht, wisst Ihr.«

»Du selbst wirst so viel momentan gar nicht tun können«, sagte die Vampirin. »Die Diebe fälschen die nötigen Papiere, lassen ein wenig Schmiergeld springen und schaffen uns Platz für dich, wo wir dich einschleusen können. Du musst dann eigentlich nur noch ausführen, was sie für dich vorbereitet haben.«

»Also … ist eigentlich nicht so viel zu tun, oder?«, hakte er nach.

»Noch nicht«, räumte sie ein. »Wir werden unsere Sachen packen und uns auf die Reise nach Einsamkeit vorbereiten. Traditioneller Weise hat die kaiserliche Legion ihren Sitz in der Stadt des Hochkönigs von Skyrim, genauer in Festung Elend. Netter Name, wie ich finde. Aber wenn die Stadt schon Einsamkeit heißt … Wir werden vorher noch einmal mit Malik sprechen und für dich wäre es ebenso hilfreich, auch mit Hjortkar über die Legion zu sprechen. Er weiß alles über sie. Aber lass uns zunächst Sachen packen, damit wir gleich morgen früh aufbrechen können.«

Babette war freilich dafür, dass sie allerhand Alchemiehandwerkszeug mitnahmen, ebenso auch einfache Kleidung. Sie lobte Lucien dafür, dass er bereits selbst auf die Idee gekommen war, sich eigene Kleider zu beschaffen, um nicht stets in der Kluft der Dunklen Bruderschaft in Erscheinung zu treten.

»Sieh dir mein süßes Kleid an«, trällerte sie verspielt und drehte eine tänzerische Pirouette. »Jeder hält mich damit für ein süßes kleines Mädchen.« Sie lachte böse und ließ ihre Fangzähne aufblitzen. »Das macht wirklich Spaß, glaub mir.«

Sie betonte außerdem, dass er sein Geld am besten umsetzten sollte. »Du bekommst bei der Bruderschaft viel Geld, glaub mir, und für so einen Auftrag erst recht. Den Großteil deines Erwerbs zu sparen, bringt dir recht wenig, da du besondere Ausrüstung von uns bekommst, wenn du dir deinen Bonus verdienst. Für alles andere, Kleidung, Pflege für Waffen und Rüstungen und sogar Luxusgegenstände wie Seife, Duftöle und so weiter hast du das Geld sehr schnell zusammen. Du siehst ja: vier einfache kleine Aufträge und schon hast du zweihundert Septime zusammen. Damit kann man eine Menge anstellen. Geld auszugeben ist überhaupt das Tollste daran, auch wenn stumpfinnige Barbaren wie Valdimar lieber jemandem mit ihrer Axt den Schädel einschlagen. Das ist langweilig!«

Mit seinem plötzlichen Reichtum einigermaßen überfordert, wusste Lucien dieses Mal jedoch wirklich nicht, was er sich davon leisten sollte. Also nahm Babette ihn kurzerhand gegen Abend auf eine Einkaufsrunde mit. Die Vampirin hatte sichtlichen Gefallen daran. Zunächst erstanden sie in den Waren aus Graukiefer einige weitere Garderoben für Lucien für alle möglichen Anlässe, jedoch mit einem besonderen Augenmerk auf seinen bevorstehenden Auftrag. Danach führte sie ihn freudestrahlend in den Schlaftrunk, den Alchemieladen der Ortschaft.

Hier blühte sie förmlich auf, man merkte, dass sie die Alchemie liebte. Sie drängte dazu, Lucien alle möglichen Gerätschaften zu erstehen, sowie noch mehr Zutaten, unabhängig davon, ob sie einfach selbst zu sammeln waren oder für das Kommende von Nutzen sein konnte. Lucien konnte dem Überschwang der Vampirin kaum etwas entgegen setzen und kaufte einfach, was sie ihm vorschlug. Besser, er fand einfach den Spaß am Einkaufen, statt sich Gedanken über den Sinn dahinter zu machen.

Denn Babette hatte durchaus Recht: Die Bruderschaft stellte vieles ihren Mitgliedern bereit und das, was er darüber hinaus als notwendig erachtete, war in der Tat weit davon entfernt, sündhaft teuer zu sein.

Sie beschlossen ihren Tag mit vollen Taschen und einer leeren Geldbörse. Lucien lernte, dass man sich für Geld nicht nur allerhand Dinge kaufen konnte, sondern auch sehr schnell sein Geld wieder loswerden konnte.

Wieder in der Zuflucht angekommen, trafen sie Malik am Herd vor, wie er anscheinend wieder einmal für die gesamte Zuflucht das Abendessen zubereitete, was er gern einmal tat. Er hatte es aufgegeben, in M’raaj-Dar dieselbe Leidenschaft hervorzurufen, da der Khajiit ganz offensichtlich das Kochen unter seiner Würde hielt.

»Helft mir den Tisch für alle zu decken«, trug er ihnen auf, während er weiter im Topf rührte.

Lucien schnupperte. »Linseneintop!«, rief er freudig auf. »Eure schmeckt am besten!«

Malik strahlte breit, seine weißen Zähne blitzen hell gegen seine dunkle Haut auf. »Du wirst nirgends in ganz Tamriel einen besseren Linseneintopf kosten können als bei mir, das schwöre ich! Bei Sithis!«

»Na, ob unser Fürchterlicher Vater sich so sehr für das Kochen begeistern kann?«, bezweifelte Babette, während sie bereits zu den Schüsseln griff.

Lucien beeilte sich, dass auch er sich nützlich machte und verteilte Löffel und Becher. Er liebte die abendlichen geselligen Runden, wenn sie alle beisammen saßen, sich über ihr Tagwerk unterhielten und mit den neuesten Aufträgen prahlten. Manchmal wussten sie skurrile Geschichten zu erzählen, und Lucien lauschte ihnen gerne. Nicht selten konnte er einiges daraus mitnehmen.

Schnell war der Tisch gedeckt und die Zuflucht zusammengerufen. Lebhaftes Stimmengewirr erfüllte den Raum. Malik, bewaffnet mit Kochlöffel, Kochmütze und einer besonderen, auf die Dunkle Bruderschaft zugeschnittenen Variation eines Gewandes eines Kriegers der Alik’r, nahm den Topf vom Herd und stellte ihn unter kräftigem Beifall auf den Tisch. Dampf stieg auf und es roch wirklich köstlich. Valdimar wollte sich sogleich etwas von dem Eintopf nehmen, doch er bekam einen kräftigen Schlag mit dem Kochlöffel auf die voreiligen Finger. Malik ließ es sich nie nehmen, selbst auszuteilen.

Mit größter Begeisterung stellte Lucien fest, dass er besonders viel Speck abgekommen hatte. Zusammen mit dem frischen Brot, das aufgetan worden war, war dies wahrlich ein Festschmaus! Ungeduldig wartete er darauf, dass alle ihr Essen vor sich stehen hatten; Tischmanieren waren ihm in der Bruderschaft rasch anerzogen worden, auch wenn er ihren Sinn bezweifelte.

»Das war vielleicht ein Tag!«, kommentierte Hjortkar. »Erst die Gespräche mit den Dieben. Dann kommen wir nichts ahnend zurück, und was passiert? Wir stolpern mitten hinein in Tituleius‘ Leute, die um die Zuflucht herumschnüffeln!«

»Den haben wir es gegeben!«, tönte Valdimar. »Ihre Schädel sind einfach zu zerbrechlich, halten nichts aus, nicht mal mit ihren Helmen. Meine Axt ging durch sie hindurch wie durch Butter. Ha! Und mit meinen Fäusten durften sie auch Bekanntschaft machen!«

»Nichts geht über eine ordentliche Prügelei«, kommentierte Malik. »Nords leben doch dafür, nicht wahr? Ich bin für den feinsinnigen Kampf zu haben, nicht für das Grobe. Das ist mir … nun, zu grob eben.«

»Stöckchen schießen kann jeder«, brummte Valdimar und hob einen Humpen Met. »Auf uns!«

»Auf uns!«, riefen die anderen Assassinen und hoben ebenfalls Becher und Humpen.

»Ich verschieße keine Stöckchen.« Malik wirkte in seiner Ehre gekränkt. »Das Bogenschießen ist eine hohe Kunst und erfordert gleichermaßen Ruhe, Krampf, Konzentration und Schnelligkeit. Das gute Auge nicht zu vergessen! Ein Pfeil für jeden, das ist mein Motto.«

»Männer, müssen immer damit prahlen, wer den längeren hat«, kommentierte Hilda abfällig.

»Dafür leben wir nun einmal«, erinnerte sie Malik mit eitlem Augenaufschlag.

Und auch dafür liebte Lucien die abendliche Runden: für ihre spielenden Streitereien, den lockeren Umgangston, das leicht flapsige und provokative. Leicht konnte man da die Sorgen des Alltags vergessen.

»Und wieso müsst ihr dafür leben?«, wollte Hilda wissen.

»Vergleichen Frauen denn nicht, wer die größeren Titten hat?«, wunderte sich Valdimar. »So aufgetakelt und posierend, wie manche auftreten, ist das doch ein viel offener ausgetragener Krieg, als es der gestandene Nord tut.«

»Blödsinn«, konterte Hilda. »Frauen gehen weitaus subtiler vor. Wir gehen nicht hin und sagen, wer die größeren Titten hat. Wir haben sie einfach, verstehst du?«

»Nein.« Valdimar standen die Fragezeichen regelrecht in den Augen.

»Dacht‘ ich’s mir«, seufzte die Werwölfin.

Nun, das war eindeutig ein Thema, bei dem sich Lucien lieber bedeckt hielt. Ob sie es mit Absicht machten, um ihn weiter in Verlegenheit zu bringen? Er senkte den Kopf und löffelte seinen Eintopf, konzentrierte sich lieber auf den Geschmack als auf das Gespräch. Malik hatte gut gewürzt und wirklich reichlich Speck und Wurst an das Mahl geschnitten. Genau so musste es sein! Lucien liebte es.

»… in Einsamkeit«, schnappte er einen Gesprächsfetzten von Malik auf. »Dort findet ihr euren nächsten Kontakt.«

»Hast du gehört, Lucien?«, wandte sich Babette an ihn.

»Was ist?«, schreckte er auf.

»Die Diebesgilde hat in Einsamkeit eine feste Zweigstelle«, widerholte Malik. »Sie wird eure wichtigste Kontaktperson sein. Fragt im Wolkengipfel nach Jaeel, er wird euch weiter einweihen in den Plan und seine Ausführung.«

»War es sehr schwierig, all das vorzubereiten?«, wollte Lucien wissen.

»Teuer, willst du wohl eher fragen«, korrigierte Malik. »Die Diebe lassen sich ihre Dienste ordentlich was kosten. Vielleicht auch zu Recht. Was sie für uns getan haben, ist keine Kleinigkeit, immerhin gilt es, die kaiserliche Legion zu unterwandern.«

Lucien nickte. Auch wenn er noch keinerlei Erfahrung in solchen Angelegenheiten hatte, konnte er sich vorstellen, dass das keine Kleinigkeit war.

»Ich habe Angst«, sagte er unvermittelt und leise.

»Wovor denn?«, fragte Babette einfühlsam nach.

»Vor dem, was kommt. Vor … der Verantwortung.« Er taute sich fast nicht, diese Worte auszusprechen, aus Angst davor, als Feigling dazustehen.

Doch Malik und Babette lächelten nur mitfühlend.

»Das kennen wir nur zu gut, halbe Portion«, vertröstete ihn der Rothwardone. »Glaub mir, das ging keinem von uns zu Beginn anders. Irgendwann war dann der große Tag gekommen, wo wir einen richtig großen Fisch an Land ziehen durften, nicht immer nur diese Spielereien, die niemanden herausfordern, der sich halbwegs zum Mörder eignet.«

»Das, was dir aufgetragen wurde, klingt nach mehr, als es eigentlich ist«, betonte Babette. »Sicher, wir haben alle einen großen Wirbel darum gemacht, aber im Endeffekt setzt du nur fort, was Malik und Hjortkar zusammen mit den Dieben bereits begonnen haben. Und alleine bist du außerdem auch nicht. Also alles ganz entspannt.«

»Und fast schon langweilig, du darfst ja nicht einmal jemanden abstechen«, scherzte Malik.

Lucien lächelte dankbar für die aufmunternden Worte. Wenn er so darüber nachdachte, war sein Auftrag in der Tat unaufgeregter, als er zunächst angemutet hatte. Alle hatten nur einen so großen Wirbel darum gemacht im Laufe des Tages, immer wieder war es zur Sprache gekommen.

Doch jetzt wusste er: Wenn er sich nur bemühte, konnte er auch das schaffen. Er war nicht ohne Grund für diesen Auftrag ausgewählt worden.

Unter Wölfen

Hjortkar, der mittlerweile eine Beförderung zum Eliminator erfahren hatte, hatte beschlossen, Babette und Lucien bis nach Einsamkeit zu begleiten. Auf dem Weg dorthin wollte er ihnen alles Wissenswerte über die Legion berichten, das für ihren Auftrag von Nöten sein würde.

  »Das werden wir nicht beim Frühstück schaffen«, sagte er. »Und ein kleiner Spaziergang nach Haafingar hat noch nie jemandem geschadet.«

  Es war in der Tat viel, was er ihnen während ihres Weges berichten konnte. Lucien wunderte sich nicht darüber, denn immerhin war Hjortkar einst ein Offizier der Legion in Skyrim gewesen, und hörte gespannt zu, während sie sich gen Norden wandten.

  Die Legion war ein im höchsten Maße durchstrukturierter und durchdachter Heeresapparat. Er war stark untergliedert: Jede Einheit schloss sich mit gleichrangigen Einheiten zu einer größeren Einheit zusammen, und für jede gab es einen Kommandierenden. Lucien konnte sich gar nicht all die Rangbezeichnungen merken, so viele waren es. Wichtig für ihn war nur, dass Consantius Tituleius ein General war, was hieß, dass er die gesamten in Skyrim stationieren Legionssoldaten befehligte und in ihren Angelegenheiten das letzte Wort hatte. Er folgte dem direkten Befehl des Kaisers.

Wieder bekam er weiche Knie, doch Hjortkar beruhigte ihn wieder einmal, dass seine Stelle für Tituleius ebenso beachtenswert sein würde wie der Dreck unter seinen Stiefelsohlen. Wenn Lucien sich nicht gerade unsagbar dumm anstellen würde, würde Tituleius ihn also nicht beachten.

»Freilich wird man dich im Vorfeld auf deine Reputation prüfen«, sagte der Nord. »Aber dafür haben wir ja bereits mit den Dieben zusammengearbeitet. Sie haben Papiere und Unterlagen gefälscht, sodass du als jemand völlig Anderes dort vorsprechen wirst. Was genau sie sich für dich erdacht haben, sagen sie dir sicher selbst.«

  »Täuschung ist oftmals der beste Schutz, besser als jede Rüstung und jede Waffe«, intonierte Babette.

  Und so ging es weiter. Nachdem der Aufbau der Legion durch war, ging es weiter mit ihrer Historie und bedeutenden Schlachten. An einigen hatte Hjortkar selbst teilgenommen und er erzählte nun voller Stolz davon, bis Babette ihn daran erinnerte, dass er nicht zum Tratschen mitgekommen war. Er wirkte enttäuscht.

  »Aber das ist dennoch wichtig!«, betonte er. »Vielleicht wendet Tituleius doch einmal sein Wort an Lucien, dann ist es doch schön für ihn, mit diesem Wissen glänzen zu können.«

  »Mehr als ›Ja‹ zu sagen und zu nicken, muss er doch ohnehin nicht tun«, konterte sie. »Außerdem, wie sieht das denn aus? Ein einfacher Bediensteter betet die Geschichte und Erfolge der Legion herunter? Das erregt Aufmerksamkeit, man wird sich fragen, woher der überdurchschnittliche Enthusiasmus wohl kommen mag. Nein, erzählt uns besser von den wichtigen Persönlichkeiten, die im Umfeld unseres herzallerliebsten Freundes anzutreffen sein könnten und die Lucien besser bereits im Vorfeld kennen sollte.«

  Mit sichtlichem Bedauern wechselte er also das Thema und widerholte einige der Namen, die er bereits genannt hatte, dieses Mal jedoch mit mehr Zusatzinformationen wie ihren Rängen, Leistungen und besonderen Bestrebungen, insofern er sie für die Bruderschaft und Luciens Auftrag relevant hielt. Dieses Mal trug er Lucien auch auf, zu widerholen, was er gesagt hatte, damit der Junge sich alles möglichst gut einprägte.

  So vergingen die Tage rasch. Mittlerweile war Herbst eingekehrt in Skyrim, was hieß, dass es noch kälter und ungemütlicher war als sonst. Die kalte Jahreszeit brach so weit im Norden Tamriels früher an und dauerte länger. Zudem war sie mit deutlich mehr Stürmen und einem frühen Beginn des Schneefalls gekennzeichnet. Doch das würde erst in wenigen Wochen anbrechen, noch hatte sich lediglich ein steter Landregen eingestellt.

  Das machte die Reise nicht gerade gemütlich, doch würden sie es länger aufschieben, hätten sie mit weitaus unangenehmeren Wetterunbilden zu tun bekommen. Sie machten das Beste daraus, hatten dicke Decken mitgenommen und reichlich Feuerholz. Schlugen sie ihr Lager auf, sahen sie zu, dass sie das Feuer möglichst gut vor dem feuchten Wetter schützten, um lange etwas von der Wärmen zu haben.

  Die Melodie des Regens vermischte sich mit den Farben des Laubs und spielte ein Lied, wie nur der Herbst es hervorzubringen vermochte. Und in der Tat: Zumindest Falkenring hatte sich dieser Tage wahrlich festlich gekleidet. Insofern die Bäume ihr Laub noch nicht abgeworfen hatten, trugen sie schillernde, bunte Farben zur Schau, dass es ein wahres Fest für die Augen war. Lucien sah sich satt an ihnen, ehe sie nach Weißlauf kamen und damit die kargen Tundren betraten, über die der eisige Wind pfiff.

  Von den Bergen wehte ein eisiger Wind herab, Fallwinde, wie Babette erklärte, die von der Geistersee heranrollten, auf die Felswand an den Küsten prallten und sich darüber hinweg wälzten. Befanden sie sich jedoch erst einmal im Schatten der Berge, würde es angenehmer werden, versprach sie.

  Und das wurde es auch. Die Straße wand sich allmählich die Felswände hinauf, nachdem sie Drachenbrügge hinter sich gelassen hatten. Die Ortschaft selbst war nicht allzu spannend, eine Holzsägemühle, ein paar Häuser, eine Taverne. Doch die Brücke, namensgebend für die Siedlung, war, so fand Lucien, faszinierend. Man sah ihr an, dass sie alt war, noch in den Tagen der alten Nord errichtet, als die Drachenpriester über das Land herrschten. Sie war, so weit im Norden, der einzige Übergang über den Karth und somit nicht nur von historischer Bedeutung. Über der Brücke spannten sich mehrere Bögen, und in der Mitte, am höchsten Punkt, waren zwei steinerne Drachenköpfe angebracht.

  Für einen Moment blieb Lucien erstarrt stehen in einer Mischung aus Furcht und Ehrfurcht vor den antiken Wesen, welche einst mit Feuer und Magie über die Menschheit geherrscht hatten als ihre Tyrannen und Götter. Verblüfft stellte er fest, dass die Köpfe dem Drachen aus seinem Traum vor geraumer Zeit ähnelten.

  Er fing an zu träumen, wie es wohl wäre, einmal einem lebenden Drachen zu begegnen. War es furchterregend? Faszinierend? Würde er wegrennen oder bleiben, um das Tier zu bewundern? Würde es ihm freundlich gesinnt sein oder ihn zu Asche verbrennen?

  »Lucien, komm, nicht trödeln«, rief Babette ihm zu. »Ich will heute Abend noch ankommen.«

  Er schreckte auf. Das waren doch nur alberne, kindische Tagträume, sagte er sich. Dann eilte er Babette und Hjortkar hinterher.

  Sie legten einen straffen Schritt zu, denn bis nach Einsamkeit war es nicht mehr weit. Lucien hatte die Stadt schon früher am Tag aus der Ferne ausmachen können und war verblüfft und fasziniert gewesen.

  Einsamkeit schmiegte sich eng an die Bergkette, während zu ihren Füßen Skyrims größter und bedeutsamster Hafen lag. Schon von weitem konnte man jedoch das wohl faszinierendste Merkmal der Stadt ausmachen: Auf einer einsam hervorragenden und sich über die Mündung des Karth erstreckenden Felszinne stand der Blaue Palast, weithin schimmernd und prunkvoll und Sitz der Hochkönige von Skyrim.

  Alles in allem war die Bauweise der Stadt einmalig, das stand fest. Lucien freute sich darauf, sie von nahem in Augenschein nehmen zu dürfen.

  Wie sie es angestrebt hatten, erreichten sie am Abend die Stadt. Die Dämmerung war mittlerweile weit fortgeschritten und die Fackeln brachten bereits mehr Helligkeit als das restliche Sonnenlicht. Die Wachen am Tor schienen nicht begeistert, um diese Uhrzeit noch jemanden einzulassen, doch nachdem Hjortkar, der sich als Vater Babettes und Luciens ausgab, sie eine Weile beschwatzt hatte, ließen sie sie gewähren.

  Ihr Ziel war der »Flotte Krug«, die Taverne kurz hinter den Stadttoren. Dort würden sie ihren Kontaktmann aus der Diebesgilde treffen, der sie in ihr weiteres Vorgehen einweihen würde. Hjortkar wollte sie begleiten, um zum Einen den Schein der Familie zu wahren und um zum anderen für diese Nacht eine Unterkunft zu haben, ehe er sich am nächsten Tag wieder auf den Rückweg machen würde.

  Auch wenn der Abend noch jung war, war die Taverne bereits sehr gut gefüllt. Lucien sah bald, warum: Eine blonde Bardin, bewaffnet mit einer Laute, hatte sich im Hauptraum der Taverne auf eine Kiste gestellt und sang soeben ein Lied. Lucien, der bis jetzt nie sonderlich intensiv mit Musik in Berührung gekommen war, hielt inne und lauschte gebannt. Gelegentlich hatte ein Dunkler Bruder oder eine Dunkle Schwester einfache Volksweisen gesungen, doch niemand von ihnen hatte eine so ausgebildete und klare Stimme wie die Bardin.

 

Ein Held, ein Held, nach Kriegerherz‘n fragt.

Wahrlich, wahrlich, das Drachenblut naht.

Mit machtvoller Stimme nach alter Nord-Art.

Glaubt mir, glaubt mir, das Drachenblut naht.

Die Feinde von Himmelsrand finden ihr Ende.

Weh euch, weh euch, das Drachenblut naht.

Zum Licht ward das Dunkel, es lebt die Legende.

Fürwahr, fürwahr, das Drachenblut ist da.

 

Lucien war wie bezaubert. Die Musik brachte eine Saite in ihm zum Klingen, von der er nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt existierte. Die Musik berührte seine Seele und zeigte ihm eine völlig neue Welt auf: die der schöngeistigen Künste.

  Es war eine Straftat, als das Lied ausklang, die letzte Saite gezupft war, der letzte Ton verhallte. Stille legte sich über die Taverne.

  Bis plötzlich ein Sturm losbrach. Wie aus dem Nichts rollte er heran und brandete mit tosendem Applaus über die Bardin hinweg. Scheinbar verlegen lächelnd aber doch selbstsicher auftretend, als hätte sie damit gerechnet, verbeugte sie sich elegant und mit geübtem Armschwung, lüpfte ihr Hütchen mit der Fasanenfeder und warf es in die Menge.

  »Callonetta! Callonetta!«, skandierten die begeisterten Zuschauer, während sie fleißig Geld in das Hütchen warfen. Einige übermotivierte Bewunderer warfen der Bardin Rosen zu.

  Mit Erstaunen stellte Lucien fest, dass auch Hjortkar in den begeisterten Beifall eingestimmt hatte. Er hätte den Nord bei weitem nicht so kunstbegeistert eingeschätzt.

»Das war eine alte Legende der Nord«, erklärte er, als er den fragenden Blick des Jungen bemerkte. »Das Lied vom Drachenblut, des legendären Helden mit der Macht der Stimme, dem selbst die Drachen hörig sind. Tiber Septim war ein Drachenblut, weißt du, unser größter Held und Gott aller Nord.«

»Lieber Bruder, der einzige Gott ist unser Fürchterlicher Vater«, erinnerte Babette ihn schmunzelnd. »Außerdem sehe ich dort hinten Jaeel, der sehr ungeduldig wirkt.«

  Sie setzte sich in Bewegung und steuerte auf eine dunkle Ecke in der Taverne zu. Lucien und Hjortkar folgten. Ein Argonier mit schlammgrünen Schuppen, und einigen Ringen an den Hörnern auf seinem Kopf erwartete sie bereits mit einem Krug Bier vor sich auf dem kleinen Tisch. Seine Kleidung war schlicht und unauffällig. Er war ein Niemand, gesichtslos, eine Person, an die man sich im Vorbeigehen schon einen Augenblick später nicht mehr erinnern würde.

  Nur seine grünen Reptilienaugen verrieten ihn. Sie sahen alles und jeden, waren rastlos, immer aufmerksam. Es waren die Augen eines Diebes. Lucien kannte seinesgleichen nur zu gut, Leute wie er, die stets in den Schatten agierten, von niemandem gesehen werden wollten, und doch alles sehen wollten. Seine Dunklen Geschwister waren vom selben Schlag.

  »So sieht man sich wieder, Hjortkar«, zischelte der Argonier. »Seid gegrüßt, Babette.«

  Erst Hjortkar, dann Babette klopften auf den kleinen Tisch und setzten sich dazu. Mit einem kurzen Zögern tat Lucien es ihnen nach.

»Und das muss unser kleiner Neuzugang sein«, schloss Jaeel.

»Ich bin jetzt seit gut zwei Jahren dabei«, erinnerte Lucien ihn stolz. »So neu bin ich also auch nicht mehr.«

Jaeel bleckte die Zähne, was wohl ein Lächeln sein sollte. Aufgrund seines Reptiliengesichtes wirkte es jedoch eher wie eine boshafte Grimasse.

»Ihr habt Callonetta gehört«, sagte der Argonier. »Das war gut. Auf sie muss man dieser Tage zählen. Sie ist das neueste und momentan auch erfolgreichste Ergebnis der Bardenakademie hier in Einsamkeit. Ihr Name hat Gewicht in der Stadt und bald auch schon in ganz Himmelsrand, ihr werdet sehen. Merkt sie euch gut.«

»Doch Kunst ist die eine Sache, Geschäft das andere«, kam Babette auf ihr eigentliches Thema zu sprechen.

»Nun denn«, beschloss Hjortkar. »Ich sehe, dass ich hier nicht mehr gebraucht werde. Passt schön auf die Kinder auf, Jaeel, mein Freund. Ich sehe mich derweil nach einer Unterkunft um.«

Wieder zeigte der Argonier seine Form des Lächelns und zischte dabei. Babette machte eine grimmige Miene und schien nicht allzu begeistert.

»Schaut nicht so drein, liebe Babette«, vertröstete Jaeel sie. »Sonst seid immer Ihr diejenige, die es bevorzugt, aller Welt das Kind in Euch zu zeigen.«

»Um ihnen dann meine Fänge in die Venen zu schlagen, ja«, bestätigte sie, immer noch mit grimmiger Miene. »Lassen wir das und kommen endlich zum Punkt.«

»Die Bruderschaft ist geschäftig wie eh und je«, kommentierte er. »Also wollen wir ihr ihren Willen lassen; immerhin sind sie unsere gönnerhaften Geldgeber in dieser ganzen Angelegenheit.

Es war nicht leicht, wisst Ihr, eine Stelle in Festung Elend auszumachen«, begann er seinen Bericht. »Die Legion ist eine geschlossene Einheit, und sie wissen, dass sie Feinde haben – Feinde vor allem in der kriminellen Unterwelt, die an Macht und Ehrgeiz nicht geizen, ihnen zu schaden. Sie scheinen hinter jeder Ecke Verrat zu wittern.«

»Warum so misstrauisch?«, fragte Babette. »Ich habe die Legion nicht so in Erinnerung.«

»Wir haben es mit Consantius Tituleius zu tun«, sagte Jaeel. »Er ist der Erzfeind der Bruderschaft, natürlich wittert er, fanatisch wie er ist, hinter jeder Ecke Verrat. Babette, was ich mich dabei frage: Was hat Eure kleine, herzallerliebste Familie getan, um ausgerechnet diesen Mann gegen sich aufzubringen?«

»Eine lange Geschichte«, sagte die Vampirin. »Aber zusammengefasst haben wir in seinen Augen zu oft die falschen Personen Sithis übergeben.«

»Also das, was Ihr immer tut«, schloss Jaeel. »Noch nichts Ungewöhnliches.«

»Mal hier einer seiner Offiziere, mal da ein Freund von ihm. Nicht jeder ist Freund der Legion. Wir bekommen immer mal wieder einen Auftrag, in dem wir einen Legionär beseitigen müssen. Vielleicht war aber der ausschlaggebende Punkt ja, als wir einen nahen Familienangehörigen eliminieren sollten. Da wurden wir wirklich bedrohlich in seinen Augen, waren endgültig zu weit gegangen.«

»Ah, das wundert mich nicht«, nickte der Argonier. »Der ganze Tituleius-Clan soll ein ganz … besonderer Menschenschlag sein. Sie lieben den Krieg, den Kampf, das Blutvergießen. Consantius selbst ist dafür bekannt, den bewaffneten Konflikt geradezu zu provozieren.«

»Und wenn gerade kein Feind da ist, wird sich einer gemacht«, brummte Babette missgünstig. »Wie passend, dass die Bruderschaft gerade da war.«

»Und er ist nicht allein«, betonte Jaeel. »Adamus Phillida ist ein treuer Anhänger unseres überenthusiastischen Freundes.«

»Wer ist das?«, fragte sie.

»Ein Offizier der Legion aus der Kaiserstadt und treuer Anhänger Tituleius‘. Er kann sich für Eure Familie als genauso lästig erweisen. Wie es sich erst kürzlich zeigte, ist dieser Mann momentan auf Besuch in Skyrim bei seinem Mentor.«

  Babette bleckte die Zähne. »Mir werden diese Leute immer unsympathischer«, knurrte sie. »Anscheinend vermehren sie sich wie die Hasen.«

  Jaeel zischelte, anscheinend ein Lachen. »Da habt Ihr sehr wohl Recht.«

  Doch dann wurde er wieder ernst und kam nun endlich auf das eigentliche Thema zu sprechen. »Doch lassen wir das«, meinte er. »All das machte es uns, wie bereits erwähnt, nicht leicht einen möglichst geeigneten Angriffspunkt zu finden. Hilda erzählte uns einiges über den hier anwesenden Lucien, und auch die Diebe durften sich selbst ein erstes Bild von ihm machen, als er nach Riften kam. Alles in allem brachte uns das rasch auf die Idee, ihn als neuen Kelchträger nach Festung Elend einzuschleusen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Außerdem versicherte uns auch Hilda, dass diese Tarnung die Fähigkeiten des Schlüpf... ich meine, Jungen nicht übersteigen.

  Es bedurfte einiger gefälschter Papiere und Schmiergelder, doch ganz wie es der Zufall will, wurde jüngst die angestrebte Stelle frei. Tituleius sucht wieder jemanden, der ihm den Wein hinterher trägt, während er ach so wichtige Besprechungen führt.

  Für Lucien wurden alle nötigen Papiere bereits angefertigt. Er besitzt eine völlig neue Identität und eine blütenreine Weste. Er hat Verwandte und Freunde, die ihn alle seit Jahren kennen, und jede dieser Personen würde selbst dann Stein und Bein schwören, dass er absolut vertrauenswürdig ist, wenn sie vor Molag Bal persönlich knien würden. Wer Lucien wirklich ist, kann niemand in Erfahrung bringen, wenn er sich nicht gerade als absolut verblödet erweist – was ich bezweifle, nur ruhig, junger Mann. Ebenso denke ich nicht, dass sich überhaupt jemand die Mühe machen wird, überhaupt nachzuforschen, Unterlagen und Zeugen lassen keinerlei Anlass zum Zweifel.«

  Für einen Moment wurde es still in der kleinen, dunklen Nische, die sie okkupierten.

Die Stille wurde jäh von Hjortkar unterbrochen, welcher soeben zurückkehrte und sich mit Schwung zu ihnen setzte.

»Es hatte ein wenig länger gedauert«, entschuldigte er sich. »Die Taverne bietet einige interessante Unterhaltungsmöglichkeiten, die ich ...« Er warf Lucien einen raschen Blick zu und verstummte.

Dieser hob fragend eine Augenbraue. Babette kicherte.

»Nun, das ist wirklich beeindruckend, was die Diebesgilde da geleistet hat«, wechselte sie das Thema. »Wirklich, wirklich beeindruckend!«

»Ihr müsst mir bei Gelegenheit davon erzählen, Jaeel«, sagte Hjortkar. »Doch vorerst muss hier ein essenzieller Mangel beseitigt werden, das steht fest. He, Wirt, Essen für den Kollegen und meine Rotznasen hier!«

 

Sie hatten sich für die Nacht im Flotten Krug eingemietet. Hjortkar zahlte für Babette und Lucien, immerhin waren sie eine Familie auf Reisen. Jaeel hatte eine Wohnung in der Stadt, sodass er später am Abend die Taverne verließ.

  Der restliche Abend war angefüllt gewesen mit leise geführten Gesprächen über die täglichen Geschäfte der Dunklen Bruderschaft und der Diebesgilde. Vernon Roche hatte anscheinend seine Gilde in Skyrim ebenso namhaft etablieren können wie die Bruderschaft, damit hätte Lucien nun nicht gerechnet. Doch die Diebesgilde, das lernte er an diesem Abend, war ganz klar eine Instanz, mit der man rechnen konnte.

  Ihre Macht war groß, selbst Babette schien es verblüfft zu haben, als sie hörten, was die Diebe in Einsamkeit alles hatten leisten können, um Lucien eine neue Identität zu verpassen. Wenn es möglich war, eine völlig neue Person aus dem Nichts zu erschaffen, dann konnten die Diebe sehr viel erreichen. Kein Wunder also, dass die Bruderschaft so gute Kontakte zu ihr hegte.

  Der nächste Tag begann früh. Hjortkar brachte sie zu Jaeels Wohnung, wo ebenjener sie treffen wollte, um Lucien sein neues Leben vorzustellen, welches für ihn aus der Luft erschaffen worden war. Danach wollte sich der Nord wieder zurück auf den Heimweg machen, da er hier nicht mehr gebraucht wurde.

  »Und sollten den Dieben dieser Stadt unlautere Gerüchte zu Ohren kommen, die unserem Vorhaben Schaden könnten, werden diese Gerüchte sehr bald wieder verstummen«, versicherte der Argonier mit einem listigen Glitzern in den Augen. »Gegen eine kleine Extraprovision, versteht sich. Die kleine Familie, die gestern Abend diese Stadt betrat, hat es nie gegeben.«

Hjortkar nickte. »Geld regiert nun einmal die Welt«, sagte er. »Die Bruderschaft versteht dies sehr gut.«

»Und zahlt auch dementsprechend«, erwiderte Jaeel mit einem zufriedenen Unterton in der Stimme. »Die Diebesgilde weiß es zu schätzen und freut sich auf weitere Kooperationen mit Eurer illustren Familie.«

  Mit diesen Worten verabschiedeten sie sich von Hjortkar, welcher ihnen viel Erfolg für ihre Mission wünschte.

  Jaeel bezog eine kleine, unauffällige Stadtwohnung. Für die Bewohner Einsamkeits war er eine Echse wie jede andere auch. Er tat sich nicht hervor, redete wenig mit den Nachbarn und führte ein scheinbar zurückgezogenes Leben. Bei näherer Betrachtung erwies sich die Wohnung jedoch als ideales Diebesversteck. Es gab einen geheimen Keller, der sich über einen verblüffend großen Raum erstreckte und alles beinhaltete, was ein Dieb benötigte. Dorthin begaben sie sich, um die letzten Besprechungen zu führen.

Jaeel ging zu einem Regal voller Ordner und Unterlagen. Eine Weile ging er vor sich hin murmelt davor auf und ab, bis er die gesuchte Akte fand. Er fischte sie aus dem Regal und legte sie auf einen Tisch. Sie setzten sich darum.

»Kannst du lesen, Lucien?«, fragte der Argonier den Jungen.

»Mehr oder weniger«, antwortete er. »Vicente hat es mir beigebracht, aber so wirklich geübt bin ich darin nicht.«

Die Erinnerung an den Vampir brachte einen jähen Stich der Wehmut. Lucien beeilte sich, ihn zu verdrängen und sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

»Es wird genügen«, beschloss Jaeel und schob ihm die Akte hin. »Lies sie dir durch und merke dir gut, was darin steht. Das bist für die Dauer deines Auftrages du.«

Lucien schlug die Unterlagen auf. »Publius Iulius« stand in großen, geschwungenen Lettern auf der ersten Seite.

»Du bist ein Kaiserlicher, mit leichten bretonischen Einschlägen von Seiten deines Großvaters«, begann Hjaeel zusammenzufassen. »Dein Name ist Publius Iulius. Deine Familie ist unbedeutend, führt keine besonderen Ahnen oder kann sich großer Taten rühmen. Sie sind Bauern im Rift, nahe der Grenze zu Cyrodiil, die vor einigen Generationen nach Skyrim kamen, nun aber darauf hoffen, wieder in ihre angestammte Heimat, das Herzland, zurückkehren zu können. Daher hast du die Anstellung bei Tituleius gesucht. Du willst Geld sparen, einen Teil für dich, einen Teil für deine Familie. Ihr hofft, dass das und die Einnahmen eurer Farm eines Tages reichen werden, um auszuwandern.

  Dein Vater heißt ebenfalls Publius, du bist nach ihm benannt als der älteste Spross der Familie. Deine Mutter, Lucretia, gebar nach dir noch zwei Mädchen, Domitilla, zehn Jahre, sowie Secunda, acht Jahre alt. Du selbst bist übrigens zwölf, das sollte in etwa deinem realen Lebensalter entsprechen. Darüber hinaus hast du allerdings keine weiteren Verwandten, deine Großeltern sind bereits gestorben, die harte Feldarbeit forderte ihren Tribut über die Jahre hinweg. Daher waren deine Eltern zunächst dagegen, dass ausgerechnet der einzige männliche Spross der Familie wegfiel, um bei Tituleius Arbeit zu suchen, statt bei der Feldarbeit zu helfen. Doch du versprachst, deinen Verlust durch Geldgeschenke wieder Wett zu machen.

  Hast du dir alles gemerkt?«

Lucien nickte gehorsam. »Das heißt, ich hoffe es«, gestand er nach kurzem Zögern ein und deutete auf die Unterlagen. »Das ist ja doch recht viel auf einmal. Was ist also, wenn ich mir nicht alles auf einmal merken kann?«

»Das wirst du aber müssen, Junge«, hielt Jaeel dagegen. »Du kannst die Unterlagen nicht mitnehmen, das Risiko ist zu groß.«

»Vielleicht ist es ja doch kein allzu großes Problem«, warf Babette ein. »Wenn ich Euch richtig verstanden habe, werdet Ihr mich für die Dauer des Auftrages bei Euch unterbringen. Lucien wird mir Bericht erstatten, sobald er etwas Wichtiges in Erfahrung bringen konnte. Das heißt, er wird ohnehin gelegentlich hier vorbei kommen. Warum sollte er bei dieser Gelegenheit nicht auch einen Blick hierein werfen können?»

Jaeel nickte. »Nun, das ist durchaus ein Argument«, stimmte er zu. »Allerdings ist es auch nur eine Notlösung. Besser ist es, wenn Lucien möglichst viel im Kopf behält.«

»Also heißt es lernen, halbe Portion.« Babette lächelte, doch ihr Lächeln war schwer zu deuten. »Schmück am besten auch etwas aus, um den drögen Papierfetzten Leben zu geben. Immerhin sind sie ein Bericht deines Lebens.«

  So geschah es: Lucien verbrachte den Rest des Tages damit, die Akten möglichst auswendig zu lernen. Die Arbeit fiel ihm schwer, zumal er unter Druck arbeiten musste. Babette stand ihm zur Seite, während Jaeel die beiden sich selbst überließ; er hatte seine Arbeit getan und widmete sich nun anderen Dingen. Die Vampirin half Lucien vor allem dann auf die Sprünge, als es darum ging, Luciens neues Leben mit Anekdoten auszuschmücken.

  Sie konnte so einige Zoten erzählen. Offenbar waren Erwachsene sehr gesprächig, wenn Kinder – oder vermeidliche Kinder – anwesend waren. Sie sprachen erstaunlich offen über alles Mögliche, was eigentlich nicht für fremde Ohren bestimmt war. Die eine oder andere Geschichte, die Babette so in Erfahrung hatte bringen können, schrieben sie nun Publius zu. Teilweise war es sogar Lucien, der Babette in ihrem Übereifer stoppen musste, damit sie nicht allzu skurrile Geschichten erfand.

Am Abend rauchte Lucien der Kopf und egal, wie sehr er sich bemühte, sein Gehirn wollte einfach keine weiteren Informationen mehr aufnehmen. Das war der Punkt, an dem Babette den Schlussstrich setzte.

»Lassen wir das für heute, das muss reichen«, sagte sie. »Morgen ist dein großer Tag, da willst du sicher ausgeruht sein.«

  Lucien nickte und merkte, wie ihm der Magen zu flattern begann. All das Lernen an diesem Tag hatte ihn davon abgelenkt, dass er morgen schon jemand völlig anderes sein musste.

  Jaeel hatte bereits Essen vorbereitet. Es gab, und Lucien hätte es eigentlich erwarten müssen, Fisch. Argonier liebten alles, was im Wasser lebte und essbar war. Was anscheinend erstaunlich viel war. Das hieß allerdings nicht, dass Argonier damit auch automatisch gute Köche waren, ganz im Gegenteil. Jaeel war es definitiv nicht. Der Fisch war einfach zubereitet, kaum gewürzt, und als Beilage gab es einige zerkochte Kartoffeln. Lucien war dennoch zufrieden, zumal, wenn er sich an sein Leben auf der Straße erinnerte, wo ein solches Mahl ein Festessen gewesen wäre.

  Wenn er bedachte, was in den vergangenen zwei Jahren passiert war, verblüffte es ihn immer noch, wie sehr sein Leben sich zum Guten gewendet hatte. Er war dankbar für die Möglichkeiten, die ihnen die Dunkle Bruderschaft geboten hatte.

In der Nacht fand Lucien wenig Schlaf, und als er eingeschlafen war, schlief er unruhig. Seine Träume waren wirr und hinterließen ein ungutes Gefühl am nächsten Morgen. Seine Gedanken gingen unruhig und kreisten immerzu um die Sorgen, dass etwas schief gehen könne.

»Denk daran, Junge«, bläute ihm Jaeel zum widerholten Male ein. »Du kannst nicht lesen und nicht schreiben. Es ist sehr wichtig, dass du unter keinen Umständen zeigst, dass du mehr als nur ein paar Bauernweisheiten zu deiner Bildung zählen kannst. So kannst du darauf hoffen, dass Tituleius dich vielleicht auch ein paar Dokumente übermitteln oder seine Schreibstube aufräumen lässt. Viele Leute schreiben alles Mögliche auf, solche Notizen sind stets ein Quell an Informationen. Solange der General denkt, du würdest nicht lesen können, wird er vertrauliche Dokumente in deiner Nähe für sicher empfinden.«

  Lucien nickte und ging immer und immer wieder die Liste der wichtigsten Lektionen der vergangenen Tage durch. Hoffentlich würde er nichts durcheinander bringen! Er war jetzt ein einfacher Bauernjunge, der auf eine bessere Zukunft mit der Legion hoffte. Ein wenig Aufregung war angebracht, sagte er sich, doch nicht zu viel. Er war sicher, niemand würde Verdacht schöpfen. Also würde auch niemand herausfinden, dass er eigentlich im Auftrag der Dunklen Bruderschaft hier war. Es bestand also keinerlei Gefahr für ihn.

  Er wiederholte das im Geiste wieder und wieder, wie ein Mantra, hoffend, dass er bald selbst daran glauben konnte. Jetzt, wo es darauf ankam, waren all die beruhigenden Worte vergessen oder wirkten wie Schall und Rauch.

  Seine Knie zitterten, als er sich auf den Weg nach Festung Elend machte. Er drückte den Schein fest an seine Brust, der ihn als Publius Iulius, Anwärter auf die frei gewordene Dienerstelle, ausweisen würde. Das Papier war schon ganz zerknittert, und Lucien konnte es eigentlich gar nicht wissen, dass so ein Fetzten ausreichte, um die Wachen vor der Festung zu täuschen.

  Doch es klappte, und es wirkte auf Lucien wie ein Wunder.

  Der Wachmann mit dem Wappenrock von Hjaalmarsch musterte den Jungen mürrisch. »Du hast dich verlaufen, Rotznase. Zieh Leine«, knurrte er.

  Lucien schluckte, sagte sich, dass er ein ausgebildeter Mörder war, fasste sich ein Herz und streckte den Passierschein vor. »Ich bin Publius Iulius«, sagte er und hoffte, das Zittern aus seiner Stimme heraushalten zu können. »Ich will mich als Dienstjunge für General Consantius Tituleius bewerben.«

Der erste Wachmann lachte auf, doch sein Kollege hielt es für angebracht, einen Blick auf den Schein zu werfen.

»Hm, alles korrekt«, kommentierte er teilnahmslos. »Du kannst gehen, sprich mit dem Quartiermeister. Er kann dir sagen, ob er Verwendung für dich hat. Aber benimm dich anständig!«

  Es war Lucien, als fiele ihm ein Gebirge vom Herzen. Sollte es wirklich so einfach sein? Anscheinend. Schon deutlich selbstsicherer betrat er den Innenhof der Festung.

  Festung Elend war in das Stadtbild Einsamkeits integriert und doch ein Teil für sich. Ein Teil der Stadtmauer erstreckte sich hier in die Stadt hinein und trennte einen beachtlichen Teil davon ab. Teils bestand dieser aus dem Innenhof, der durch zwei Tore mit Fallgittern betreten werden konnte, teils aus der Festung. Lucien schaute auf, besah sich die wehrhaften Mauern, die kleinen Fenster und wusste sofort, dass diese Festung gebaut worden war, um jeden Feind abzuwehren, den die Legion sich nur erträumen konnte.

Hier würde er nun sehr viel Zeit verbringen. Er hoffte, dass es nicht allzu viel werden würde. Jaeel hatte ihm gesagt, dass, wenn die Bruderschaft die Informationen besaß, die sie benötigte, um gegen Tituleius vorzugehen, die Diebesgilde bereits einen Plan ausgearbeitet hatte, um den Auftrag möglichst schnell zu beenden.

Er musste sich widerwillig eingestehen, dass er eingeschüchtert war von der Festung und sie zögernder betrat, als er eigentlich wollte. Alles hier wirkte, als wolle es ihn abweisen, ihn zum Umkehren zu zwingen. Als wolle es ihm deutlich machen, dass er hier nicht willkommen war. Er wagte den Schritt dennoch.

Das Innere der Festung war schummrig. Die Wände ragten massiv auf und die Räume waren klein, um den Raum möglichst effizient ausnutzen zu können. Stille herrschte in dem Gemäuer, nur ein fernes Murmeln von Stimmen war zu hören, doch Lucien konnte nicht ausmachen, von wo genau es kam.

Sich umsehend trat er ein und überlegte, wo er den Quartiermeister wohl finden würde. Als er plötzlich angesprochen wurde, zuckte er zusammen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass jemand ihn hier, im Eingangsbereich, beobachten würde; er hatte so leer gewirkt.

»Du hast dich verirrt, Junge«, sprach ein Soldat ihn an. »Zieh Leine.«

Waren alle Legionäre so unhöflich? Lucien streckte die schmächtige Brust heraus und straffte die Schultern.

»Ich suche den Quartiermeister«, erklärte er keck.

»Um was? Ein Soldat zu werden?«, lachte der Mann. »Das will ich sehen!«

Lucien erkannte, dass er hier nur Spott finden würde. Er beschloss, es auf eigene Faust zu versuchen.

Es stellte sich heraus, dass die Festung verwinkelter war, als gedacht. Sie nutzte offensichtlich jeden verfügbaren Platz aus, der sich ihr bot, und da dies nur vergleichsweise wenig sein konnte, wollte der Platz möglichst effizient genutzt werden. Lucien hatte Mühe, die Orientierung zu wahren.

Er wurde kaum beachtet. Anscheinend war ein einfach gekleideter Junge doch kein so seltener Anblick in der Feste. War er vielleicht nicht der einzige Dienstjunge hier? Während er weiter durch die Festung strich, sann er darüber nach. Eigentlich erschien es ihm sogar recht einleuchtend.

Die Korridore waren eng, viele Türen gingen von ihnen ab. Die meisten von ihnen waren verschlossen und wirkten zudem, als dürfe er sie nicht betreten. Hier würde er sicherlich nicht fündig werden. Aber wo sonst? Alles war so verwinkelt und verwirrend! Sicherlich war das Absicht, er hatte davon gehört, dass das eine Verteidigungsstrategie vieler Wehranlagen war. Wenn er hier arbeiten würde, sollte er zusehen, dass er sich den Lageplan der Festung rasch einprägte, wenn er sich nicht ständig verlaufen wollte.

Da er in den oberen Stockwerken eindeutig nicht fündig wurde, kehrte er um. Hier oben sah alles danach aus, als sei es den ranghöheren Diensthabenden vorbehalten. Die aus teuren Stoffen gewebten Teppiche waren sauber und auch an den Wänden standen gelegentlich hübsche Büsten von irgendwelchen Militärs oder hingen Bilder der rauen Landschaft Skyrims an der Wand. Nein, hier waren sicher nicht die einfachen Legionäre untergebracht, für die der Quartiermeister zuständig war. Lucien beschloss, sich den Keller vorzunehmen.

Er lag richtig. Die einfachen Soldaten waren anscheinend nicht allzu komfortabel in den Kellergewölben der Festung in Gemeinschaftsräumen untergebracht. Es war einiger Betrieb hier. Die Männer saßen häufig in Grüppchen zusammen, tranken und aßen oder spielten Karten. Doch stets wurden lebhafte Gespräche geführt, meist über das alltägliche Leben in der Festung.

Niemand schenkte Lucien mehr als nur einen flüchtigen Blick, wie er da verloren am Eingang zu den Quartieren stand und nicht recht wusste, wen er denn nun suchen sollte. Jeder der Männer hier trug die Rüstung der Legion, einen roten Waffenrock und dazu einen einfachen Helm sowie ein Kurzschwert an der Hüfte. Wer von ihnen konnte der Quartiermeister sein? Vorausgesetzt, er war überhaupt hier …

Die Suche wurde Lucien nun endlich abgenommen, als ein etwas beleibterer Mann auf ihn zu trat und ihn von oben bis unten kritisch musterte.

»Wer bist du?«, brummte er.

Immerhin wollte er ihn nicht sofort wieder verjagen. »Mein Name ist Publius Iulius«, entgegnete Lucien. »Ich suche eine Anstellung in der Festung.«

»Als Laufbursche, oder wie?«, war die gegrummelte Antwort. »Mehr kannst du nicht erwarten.«

»Ich dachte, General Tituleius sucht jemanden, der ihn beim Essen bedient«, wandte Lucien leise ein. »Deswegen bin ich hier.«

Das hier zitierte Lied vom Drachenblut stammt freilich aus Skyrim.
Der General

Am Ende war alles einfacher gelaufen, als gedacht. Lucien hatte das gefälschte Empfehlungsschreiben vorgezeigt und es hatte in der Tat genügt, um ihm die gewünschte Stelle zu verschaffen. Das Schreiben war auf seine Echtheit geprüft worden, doch Lucien hatte das Gefühl, als sei das nicht sonderlich gründlich geschehen. Dennoch hatte er kurzzeitig Herzrasen bekommen, während er sich immer wieder stumm sagte, dass die Papiere täuschend echt waren, dass niemand ohne großen Aufwand sie entlarven konnte. Wenn überhaupt.

Der Quartiermeister zeigte Lucien einen kleinen Raum mit mehreren Betten und reichte ihm einen Schlüssel. Das sei jetzt sein neues Zuhause, sagte er. Er würde es sich mit weiteren Dienstjungen der Festung teilen, er würde sie schon kennen lernen. Danach hatte er ihn direkt zu General Tituleius geführt.

  Es war das erste Mal, dass Lucien dieser ominösen Person gegenüber trat, und er konnte nicht leugnen, dass ihm die Hände zitterten.

Der General war kein vernarbter, bulliger Schläger. Er war ein alter Mann, der bereits einen kleinen Bauch ansetzte und dessen Haarschopf deutliche graue Strähnen durchzogen. Ihm wuchs ein sauber gestutzter Bart, den zu kraulen er sich anscheinend zur Angewohnheit gemacht hatte.

Tort allem strahlte er noch immer Kraft und Selbstbewusstsein aus. Er war, das sah Lucien auf den ersten Blick, ein Mann, der zu befehlen gewohnt war.

Tituleius trug die Rüstung, die jeder Offizier der Kaiserlichen Legion trug. Seine jedoch war darüber hinaus mit einem roten Umhang und zahlreichen Orden verziert. An der Seite hing eines der Schwerter, die für die Legion so typisch waren, und unter den Arm hatte er sich einen stählernen Helm mit einem beeindruckenden roten Helmbusch geklemmt. Alles in allem war er noch immer, trotz seines Alters, das Sinnbild eines Soldaten.

Er kann nicht wissen, wer ich bin, widerholte Lucien zum wohl hundertsten Mal. Er kann es nicht herausfinden. Die Diebe sind exzellente Fälscher.

»Lang lebe der Kaiser!«, empfing der General sie und schlug die Hacken zusammen.

»Lang lebe der Kaiser!«, erwiderte der Quartiermeister auf dieselbe Art und Weise.

Lucien sah sich unsicher um, was er nun tun solle, und beließ es am Ende beim Schweigen und einem unterwürfig gesenkten Blick.

»Wer ist das?«, fragte Tituleius schroff.

»Euer neuer Mundschenk, Herr General«, sagte der Quartiermeister und schob Lucien vor sich, damit Tituleius ihn besser sah. »Euer letzter erwies sich als … untauglich, wie Ihr wisst, es wurde schnellstmöglich nach Ersatz gesucht.«

Lucien begann sich just in diesem Moment zu wundern, warum denn dann alles so leicht gelaufen war, wenn so dringend jemand gesucht wurde. Immerhin war das nicht erst seit gestern der Fall. Doch er konnte den Gedanken nicht zu Ende führen.

»Komm her, Junge«, befahl Tituleius. »Ich will dich ansehen.«

Immer noch mit gesenktem Kopf trat er vor. Der General packte sein Kinn, hob es an und drehte seinen Kopf hin und her. Er hatte einen festen Griff und seine Hände waren schwielig. Sie waren das Führen eines Schwertes seit Jahrzehnten gewohnt. Lucien unterdrückte einen Laut des Missmutes und kämpfte das Bedürfnis nach einem Aufbäumen nieder. Er würde hörig sein und tun, was man ihm befahl.

»Du bist kräftig, trotz deiner schmächtigen Statur«, stellte Tituleius fest. »Ein Bauer, hm?«

»Von einem Gehöft in Riften, die Angaben wurden bereits überprüft«, berichtete der Quartiermeister.

Das waren sie nicht, oder jedenfalls nicht in dem Maße, wie der Mann es gern hätte. Ein flüchtiger Blick auf die Unterlagen konnte man kaum als »überprüft« bezeichnen. Warum log er also?

»Dann macht er den Mund wenigstens nicht zu weit auf für dummes Gewäsch, gut«, beschloss Tituleius die Untersuchung.

Lucien atmete auf, als er sein Kinn losließ.

»Wasch dir deine Pfoten und untersteh dir, von meinem Essen zu klauen«, instruierte Tituleius knapp. »Wenn ich dich erwische, setzt’s Stockhiebe. Verstanden?«

Der Junge nickte.

»Gut. Wegtreten!«

Wieder die Hacken zusammenschlagend beendete er das Gespräch. Der Quartiermeister packte Lucien bei der Schulter und schob ihn vor die Tür. »Dein Dienst beginnt heute Abend. Du bist jetzt Mundschenk des Herrn General. Weißt du, was das heißt?«

»Ich gebe ihm essen und trinken, wenn er es will?«, hakte Lucien vorsichtig nach, um weiterhin den etwas einfachen Bauern zu mimen.

»Niemand sieht dich, niemand hört dich, und dennoch bist du immer da«, bläute ihm der Mann ein. »Das heißt es. Merk es dir und schreib es dir hinter deine Löffel, denn das ist das oberste Gebot! Du bist ein Niemand, hörst und siehst nichts, nur das, was du hören und sehen sollst. Und das sind ausnahmslos die Wünsche des Herrn Generals nach Speise und Trank! Wenn du beim Tratschen erwischt wirst, setzt es nicht nur Stockhiebe.«

Lucien sah zu, dass er nickte, als Zeichen, dass er verstanden hatte. Er würde schon die eine oder andere Gelegenheit finden, Jaeel und Babette zukommen zu lassen, was ihm interessant erschien.

Der Quartiermeister ging nun dazu über, Lucien alles nötige zu zeigen: die Quartiere der Bediensteten, wo sie lebten, aßen und schliefen, sowie die Küche. Mehr sei nicht nötig für ihn, sagte er. Lucien müsse sich die Wege vor allem zur Küche gut einprägen, um sie schnell zurücklegen zu können. Und Sauberkeit und Ordentlichkeit sei bedeutsam, betonte er. Der Herr General dulde keine schmuddeligen Bediensteten um sich.

Gleich nachdem die kleine Rundführung beendet war, wurde Lucien daher aufgetragen, sich zu waschen. Dienerinnen, nahmen sich seiner alten Kleidung an, um sie zu waschen und legten ihm mehrere neue Garnituren zurecht. Lucien hoffte, dass er seine Kleider wiederbekommen würde, immerhin hatte er sie von seinem eigenen Geld erstanden.

Er würde für seine Arbeit für den General sogar etwas Geld bekommen, fünf Septime die Woche. Das war ein Hungerlohn, doch immerhin bekam er Verpflegung und Unterkunft in der Festung kostenlos. Die Essenszeiten waren festgelegt, doch darüber hinaus, war ihm gesagt worden, würde er auch immer wieder ein paar Reste in der Küche finden. Außerdem würde er stets bereit stehen müssen. Wenn der Herr General ihn mitten in der Nacht zu sich riefe, müsse er erscheinen. Er müsse überhaupt alles tun, was der General ihm befehle.

Lucien ging all das Katzbuckeln und Kuschen deutlich gegen den Strich. Er war einzig und allein der Dunklen Bruderschaft verpflichtet, er folgte einzig und allein ihren Weisungen. Und nur deswegen hatte er an diesem Tag noch niemanden abgestochen.

Wie befohlen, war er gegen Abend zur Stelle, um General Tituleius den Arsch hinterher zu tragen und ihn dabei auszuhorchen. Er war gespannt, was sein Auftragssziel alles zu sagen hatte. Die Aufregung des Tages hatte sich mittlerweile ein wenig gelegt, sodass er sich endlich mehr auf seinen eigentlichen Auftrag konzentrieren konnte und sogar erstmals eine kleine Vorfreude empfinden konnte. Was für dreckige kleine Geheimnisse der General wohl haben mochte?

Er wurde enttäuscht.

General Tituleius aß allein in seinen Gemächern. Diener hatten bereits sein Essen aufgetischt und eigentlich war Lucien nichts weiter als ein besserer Ständer für die Weinkaraffe. Gelegentlich goss er Tituleius Wein nach, wenn dieser ihm einen Wink gab, doch ansonsten passierte nichts weiter.

Also vertrieb er sich die Zeit damit, sich in dem Raum genauer umzusehen. Dem General war mehr Freiraum gegönnt worden als dem Rest der Feste. Seine Gemächer hatten sogar mehrere Zimmer. Anscheinend befanden sie sich im Hauptbereich der Wohnräume. Hier stand eine durchaus ansehnliche Tafel mit mehreren hohen Lehnenstühlen und komfortabel wirkender Polsterung. An dieser Tafel nahm der General sein Abendmahl ein. Des Weiteren befanden sich mehrere Bücherregale an den Wänden, die, soweit Lucien dies ausmachen konnte, überwiegend mit Bänden über das Militär und das Kaiserreich gefüllt waren. Eine Biographie Kaiser Uriel Septims VII. sowie eine Geschichte des Kaiserreiches waren ebenso dabei. Nahebei prasselte in einem Kamin ein Feuer. Das Fell eines Säbelzahntigers lag davor und zwei Sesselstühle waren nebst einem Tisch um das Feuer gruppiert.

Lucien ging durch den Kopf, dass er kaum etwas über das Kaiserreich wusste. Sicher, Vicente hatte ihm das Allgemeinwissen vermittelt, doch Lucien selber hatte sich bisher nie für Politik interessiert. In der Gosse war es egal, ob Jagar Tharn den Thron an sich gerissen hatte, während der Kaiser in Oblivion gefangen gehalten wurde, oder ob wieder ein Kaiser mit dem Drachenblut auf dem Thron saß. Als Teil der Familie der Dunklen Bruderschaft war es ihm allerdings ebenfalls herzlich egal.

Was hieß es überhaupt, dass ihr Kaiser das Drachenblut besaß? War damit dasselbe gemeint, wie der legendäre Held der Nord, über den die Bardin Callonetta in der Taverne gesungen hatte? Warum war dann nichts über irgendwelche besonderen magischen Talente der Kaiser bekannt? Lucien wusste nur, dass sie irgendeine besondere Verbindung zum Amulett der Kaiser hatten, dass dieses Amulett ganz Tamriel schütze. Aber vor was eigentlich?

Er wusste so wenig über die Welt, in der er lebte! Beinahe überkam es ihm, zu den Büchern zu gehen, nach einem von ihnen zu greifen und darin zu blättern. Doch er besann sich rasch eines anderen. Es würde später noch genügend Zeit zur Nachforschung geben! Er sollte lieber aufpassen und nicht seine Gedanken schweifen lassen.

Leider passierte an diesem Abend nichts Spannendes mehr, ebenso an den Folgetagen. Er merkte schnell, dass er eine sehr undankbare Arbeit bekommen hatte. Es galt, zu stehen, präsent zu sein und gleichzeitig auch wieder nicht und stets die Aufmerksamkeit hochzuhalten.

Der General hatte einen reichlich eintönigen Tagesablauf, der jedoch stets nach demselben Muster ablief. Er stand zeitig auf, mit dem ersten Tageslicht. Sein Frühstück fiel mager aus, sein Mittag ebenso. Dafür speiste er am Abend umso mehr. Nach dem Aufstehen vollführte er einige Dehnübungen, ließ sich dann seine Rüstung und Waffen anlegen und ging in den Festungshof, um dort Schwertübungen nachzugehen.

Danach gönnte er sich ein Bad und eine Massage, in der Regel durch junge, hübsche Frauen. Einmal konnte Lucien verdächtige Geräusche vernehmen und wurde sofort rot wie eine Tomate. Er konnte danach dem General über mehrere Tage hinweg nicht in die Augen sehen, ohne sofort wieder knallrot anzulaufen. Doch anscheinend bemerkte es der alte Mann nicht.

Am Nachmittag studierte er Bücher und Karten in seinem eigens dafür eingerichteten Studierzimmer. Meist murmelte er dabei vor sich hin, doch sosehr Lucien auch die Ohren spitzte, er konnte nichts verstehen. Es überstieg zudem seine Fähigkeiten, einen Zauber zu wirken, der für einen Moment seinen Gehörsinn geschärft hätte. Ob Babette einen Trank brauen konnte? Er sollte sie bei Gelegenheit danach fragen.

Nach dem Abendessen setzte sich Tituleius in der Regel noch einmal für eine Weile vor den Kamin, rauchte eine Pfeife und starrte nachdenklich in die Flammen, ehe er zu Bett ging.

Lucien fragte sich, wozu dieser Mann einen so hohen Rang inne hatte, wenn er augenscheinlich nichts Produktives tat.

Der Junge hatte die ganze Zeit anwesend sein zu müssen. Tituleius war ein ausgesprochener Weintrinker, und so wünschte er seinen mobilen Karaffenständer, wie sich Lucien mit Selbstironie bald selbst bezeichnete, stets in seiner Nähe. Das war zugleich von Vor- und von Nachteil. So war Lucien stets in seiner Nähe und sah und hörte vieles, doch gleichzeitig ließ es wenig Spielraum, um seine Spionageberichte abzuliefern. Ob sich Babette und Jaeel bereits Sorgen machten?

Lucien selbst hatte kaum Zeit für sich. Abends, wenn der General zu Bett gegangen war, aß er rasch etwas, da unter Tage nur wenig Zeit dafür blieb, und wusch sich dann, ehe er selbst zu Bett ging. Von seinen Zimmergenossen bekam er kaum etwas mit. Sie waren anscheinend alles Küchenjungen und eine eingeschworene Truppe. Sie bedachten Lucien mit scheelen Blicken und hielten sich von ihm fern. Anscheinend wollten sie nicht, dass er dazu gehörte. Ihm war es egal, täuschte aber ein paar halbherzige Annäherungsversuche an, um den Schein zu wahren.

Der Junge war froh, dass er durch seine Ausbildung bei der Dunklen Bruderschaft gestählt war. Für jeden normalen Bauernjungen wäre das Arbeitspensum sicherlich hart zu erfüllen gewesen. Ob es Verdacht erregte, dass Lucien kaum Ermüdungserscheinungen zeigte? Er beschloss, seine Mittmenschen genauer zu beobachten, wie sie auf ihn reagierten.

Erwartungsgemäß scherte sich Tituleius nicht um ihn. Nach der anfänglichen Observation schien er sogar regelrecht dessen Existenz vergessen zu haben. Es war in der Tat, als ob Lucien ein beliebiges Möbelstück war. Der Junge freute sich.

Tituleius hegte viele Briefkonversationen. Er schien wenige soziale Kontakte zu pflegen und lebte anscheinend recht zurückgezogen. Auch mit seinen Offizieren in Festung Elend sprach er wenig, obgleich sie doch sicherlich die ihm am nächsten stehenden Personen hier waren. Dafür schrieb er umso mehr Briefe, meist abends am Kaminfeuer.

Dann saß er in einem der Sessel hatte einen Kelch Wein neben sich auf dem Tisch stehen und las in lässiger Haltung die Briefe, die bei ihm eintrafen. Es kam fast täglich ein neuer. War einer durchgelesen, legte er ihn zur Seite neben den Kelch und griff nach dem nächsten.

Dies war Luciens Gelegenheit. Unauffällig versuchte er zu linsen und etwas zu erkennen, was in den Briefen stand, ohne dabei zu auffällig zu wirken. Zu seinem höchsten Erstaunen stellte er fest, dass die meisten Briefe von Kaiser Uriel Septim persönlich stammten. Der General stand im regen Briefkontakt mit niemand geringerem als dem Kaiser.

Es waren bereits einige Tage vergangen, als das erste Mal ein Wechsel im Tagesablauf des Generals zu vermerken war. Gegen Abend kam ein Offizier der Legion zu Besuch bei Tituleius. Lucien hatte ihn noch nie gesehen, konnte aber anhand der Herzlichkeit, wie sich die beiden begrüßten, denken, wer es war: Adamus Phillida. Er hatte sich bereits gewundert, denn immerhin hatte Jaeel gesagt, dass dieser Mann zurzeit Gast des Generals war.

Phillida war offensichtlich erst jüngst zum Offizier behoben und erstaunlich jung für diesen Posten. Seine Rüstung wollte ihm noch nicht so recht passen, als müsse er erst in seine Aufgabe hinein wachsen. Dennoch schien er sich zu bemühen, ein möglichst herrisches Auftreten an den Tag zu legen – als würde er Tituleius kopieren wollen.

Und tatsächlich: Der junge Mann sah mit Bewunderung zu Tituleius auf, hing an seinen Lippen wie an denen eines Propheten und schien bemüht zu sein, seinem Vorbild nachzueifern und ihm möglichst zu gefallen.

Der Tisch war an diesem Abend besonders reichlich gedeckt, ein wahres Festessen. Die beiden Männer nahmen nach der Begrüßung gegenüber an den Stirnseiten Platz.

»Ihr scheut erneut keine Kosten und Mühen, Herr General«, lobte Phillida. »Das Essen ist wahrlich vorzüglich, wie immer!«

»Ihr seid hier als Abgesandter des Kaisers«, stellte Tituleius fest. »Für solch eine Person würde ich niemals Kosten und Mühen scheuen!«

»Sind wir ehrlich«, hielt Phillida bescheiden dagegen. »Ich bin hier, um vom Besten der Besten zu lernen, um später die Interessen unseres Kaisers in der Kaiserstadt bestmöglich zu vertreten.«

»Dann tut es mir für Euch leid, dass es Euch ausgerechnet in dieses kalte, ungemütliche, ungastliche Land verschlagen musste«, bedauerte Tituleius, während er Lucien ein Zeichen gab, ihm mehr Wein einzuschenken. »Skyrim ist eine der unschönsten Provinzen, die ich kennenlernen durfte.«

»Es ist mir angenehmer als Elsweyr«, sagte der Offizier aus der Kaiserstadt. Lucien bemerkte, dass er ihn unauffällig beobachtete. »Ich war zwar noch nie in der Wüste, doch mir ist Kälte lieber als Hitze. Man kann über der Rüstung immer noch Felle tragen, doch in der Hitze wird man darin regelrecht gebacken.«

»Das ist durchaus ein Argument.«

Das Beobachten wurde auffälliger. Lucien senkte den Blick noch tiefer und hoffte, dass es bald aufhören würde. Es war ihm unangenehm.

»Ich sehe, Ihr habt einen neuen Kelchjungen«, sagte Phillida.

»Der alte stellte sich als Langfinger heraus«, sagte Tituleius abwesend, während er eine Wachtelkeule aufspießte.

»Mir gefallen die Augen dieses Jungen nicht«, meinte sein Gegenüber. »Sie sind sehr wachsam …«

Doch der General winkte ab. »Das ist ein einfältiger Bauerntölpel. Er bekommt nichts mit.«

Gut, gut.

»Habt Ihr es denn überprüft?«

»Zweifelt Ihr etwa an mir?« Ein warnender Unterton schwang in seiner Stimme mit.

»Keineswegs! Ich bitte vielmals um Verzeihung, wenn es so gewirkt haben sollte.« Phillida wirkte, als würde er sich jeden Augenblick selbst das Schwert in die Brust rammen, um seine Schuld reinzuwaschen. »Es ist nur so, dass man heutzutage lieber vorsichtig sein sollte.«

Arschkriecher, ging es Lucien durch den Kopf, und er spuckte gedanklich aus.

»Euer Bestreben gegen die Dunkle Bruderschaft ist sehr löblich«, sagte Tituleius. »Doch übertreibt besser nicht.«

Lucien merkte sich alles genau und zog seine Schlüsse. Er sollte aber besser später noch einmal mit Babette und Jaeel darüber sprechen, was sie davon hielten. War es also so, dass Phillida übereifrig war und Tituleius mit dem Alter nachlässiger?

»Sie ist dieser Tage wieder stark, hörte ich«, wandte Phillida ein. »Überall im ganzen Kaiserreich wird das Schwarze Sakrament vollzogen und Morde im Namen ihres lästerlichen Götzengottes vollzogen.«

Lucien musste an sich halten, um sich nicht eine Gabel vom Tisch zu schnappen und sie ihm ins Augen zu rammen. Feiges Schwein! Er versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, um sein Temperament zu zügeln. Es war einmal mit ihm durchgegangen, und es hatte ihm eine Strafversetzung eingebracht. Wenn es jetzt mit ihm durchginge, würde es weitaus schlimmere Folgen haben.

»Wir sollten Razzien starten und alle ohnehin verbotenen Werke der Mördersekte vernichten«, schlug Phillida vor.

»Das liegt nicht in unserem Ermessen«, sagte Tituleius. »Aber glaubt mir, auch ich bedauerte diesen Umstand. Das einzige, was wir machen können, ist es im Ältestenrat anzusprechen. Ich werde es bei Gelegenheit in Erwägung ziehen. Verbote aufzustellen, reicht anscheinend nicht, noch immer wird das Sakrament vollzogen.«

»Aber wir könnten eine Gegenschrift verfassen«, schlug Phillida vor. »Das liegt durchaus in unserem Machtbereich. Jeder kann heutzutage, wenn er nur genügend Geld hat, ein Buch drucken lassen.«

Ein stolzes Lächeln breitete sich auch Tituleius Gesicht aus. »Eine wirklich hervorragende Idee!«, lobte er. »Wir müssen die Bewohner des Kaiserreiches dazu aufrufen, sich an die Legion zu wenden, wenn sie Probleme jedweder Art haben oder davon wissen, wenn jemand ein solches Verbrechen wie das Schwarze Sakrament vollzieht.«

Lucien hegte den Verdacht, dass Phillida jeden Augenblick vor Stolz platzen würde.

»Die Dunkle Bruderschaft wird nicht mehr lange leben!«, war er sich sicher. »Erst jüngst gelang es mir, einen der Meuchelmörder direkt in der Kaiserstadt aufzugreifen, einen Dunkelelf. Wir erwischten ihn auf frischer Tat, wie er nach einem Einbruch den Tatort mit noch blutiger Klinge erwischte. Ich ließ ihn sofort aufknüpfen und als Warnung für alle Verbrecher hängen.«

»Dieses Pack wird auch immer dreister!«, fluchte Tituleius. »Direkt in der Kaiserstadt, sagt Ihr? Dann müsst Ihr noch härter durchgreifen.«

»Ich versichere Euch, das tat ich bereits im Vorfeld«, sagte Phillida, und wieder wirkte er wie ein getretener Hund. »Es erstaunte mich selbst, dass sie so dreist sind, direkt unter meinen Augen zu agieren. Vielleicht hätte ich den Elfen öffentlich aufs Rad flechten lassen sollen.«

»Das ist eine gute Idee, solltet Ihr noch einmal eine der Ratten erwischen.«

Lucien lauschte dem Gespräch mit zunehmender Sorge. War der ermordete Dunkle Bruder jemand, den er kannte? Wenn ja, konnte es doch nur Sares Areles sein. Er kannte sonst keinen weiteren männlichen Dunkelelfen in der Bruderschaft, und es erschien ihm zudem unwahrscheinlich, dass ein Dunkler Bruder aus einer anderen Provinz einen Auftrag in der Kaiserstadt ausführte, wenn in Cyrodiil doch bereits eine starke Zuflucht vertreten war.

Er musste mit Gewalt das Zittern seiner Hände unterdrücken und verdeckte mit seinen Haaren sein Gesicht, damit niemand sehen konnte, sollten ihm die Gesichtszüge entglitten sein.

»Wir müssen die Schwarze Hand abhacken, das ist der Ursprung allen Übels, den die Dunkle Bruderschaft verbreitet«, sagte Tituleius. »Dann haben sie keine Führung mehr, niemanden, der ihre Aufträge annehmen kann.«

»Das Schwarze Sakrament wird vollzogen und ein Sprecher der Dunklen Bruderschaft erscheint, um den Mord mit den Auftraggeber zu besprechen«, sagte Phillida mehr für sich selbst als zu seinem Gesprächspartner. »Ja, das müssen wir in der Tat. Dann haben sie weder Augen noch Ohren, und ohne die rechte Hand lebt es sich in der Tat schlecht – und mordet sich erst recht noch schlechter.«

»Die Schwarze Hand hält das Messer, das sie ganz Tamriel in das Fleisch treibt«, sagte Tituleius. »Jeder Bürger des Kaiserreiches muss das wissen. Jeder Bürger des Kaiserreiches muss sich bewusst sein, dass er seinem eigenen Land, seiner eigenen Heimat großen Schaden zufügt, wenn er das lästerliche Schwarze Sakrament vollzieht.«

Phillida lächelte böse. »Wir werden es schaffen, die Pest von der Oberfläche dieses wunderschönen Landes zu tilgen«, war er sich sicher.

Vorher wirst du in Sithis‘ Hölle verrotten, giftete Lucien ihn in Gedanken an.

Sollten sie wirklich diese beiden Fanatiker am Leben lassen? Konnte es wirklich besser sein als die Folgen, sie zu ermorden? Er sollte das unbedingt Babette mitteilen.

»Junge, was denkst du?«, sagte Phillida.

Lucien schreckte auf. Er war doch noch nie angesprochen worden! Was sollte er nur sagen?

»Na los, hat es dir die Sprache verschlagen?«, drängte der Offizier ihn weiter. »Was denkst du über die Dunkle Bruderschaft? Kennst du sie überhaupt?«

Mein Herr, ich bin ein Mörder der Dunklen Bruderschaft und hier, um Euch zu beseitigen. Er drängte diesen Gedanken schleunigst beiseite.

»I-ich denke, es ist nie gut, Menschen zu töten.« Dumm, ganz dumm! Diese Männer waren Soldaten durch und durch und lebten dafür, andere zu töten. Lucien verfluchte sich selbst.

»Nein, Junge, falsch«, schallte ihn zugleich Phillida. »Menschen aus niederen Zwecken ermorden zu lassen, das ist böse. Doch stellen sie sich zuerst als Bedrohung des Kaiserreiches heraus, dann haben wir allen Grund, sie zu töten. Dafür gibt es die Legion: um das Kaiserreich zu schützen und seine Einheit zu wahren.«

»Lasst den Jungen, er mag es offensichtlich nicht, seine eigene Meinung zu haben«, intervenierte Tituleius. »Wir sollten uns besser darauf konzentrieren, der Bruderschaft den Krieg anzusagen. Krieg war schon immer die Lösung für jedes Problem und brachte die Legion und damit das Kaiserreich stets zum Erfolg.«

Wenn sie Krieg haben wollten, konnten sie welchen haben, schwor sich Lucien. Die Bruderschaft war mächtig und hatte ebenso mächtige Verbündete. Immerhin stand er jetzt hier als Dunkler Bruder und weder Phillida noch Tituleius wussten, dass er ihr Erzfeind war.

»Doch wir sollten langsam zu den alltäglichen Geschäften übergehen«, wechselte Tituleius das Thema. »Ihr, mein Freund, seid aus einem bestimmten Grund hier, und es soll zum Wohle des Kaiserreiches gereicht sein. Nicht jeder wird zum Kommandanten der Legion in der Kaiserstadt ernannt, Ihr wisst das. Ich bin gespannt, Eure Fähigkeiten im Felde zu erleben.«

»Gibt es denn Anlass dazu?«, fragte Phillida hoffnungsvoll.

»Oh, in der Tat«, bestätigte der General. »Der Kaiser weilt kaum zwei Jahre wieder unter uns, nachdem er nach einer Dekade Gefangenschaft aus Oblivion wiederkehren konnte und das Kaiserreich ist nach Jagar Tharns Missregentschaft in einem desolaten Zustand. Unruhen im Osten und Westen gefährden die Stärke des Reiches, und auch die friedlicheren Provinzen wie Skyrim haben ihre Nöte. Piraten bedrohen seit einigen Monaten die Nordküsten und blockieren die Handelsrouten durch die Geistersee. Wir müssen dem entgegenwirken.«

»Wir sollen also Piraten jagen«, schloss Phillida. »Kann man darin denn großen Ruhm ernten? Es sind gewöhnliche Banditen, Gesindel und dreckiges Pack.«

»Jeder Sieg der Legion gereicht ihr zum Ruhme!«, erinnerte Tituleius ihn. »Und mit jedem Kampf kann jeder von uns etwas dazu lernen, Ihr genauso wie ich. Banditen gibt es in diesem Land genauso wie in jedem anderen Land. Doch Ihr werdet gewiss seltener mit dem Diebesgesindel zu Wasser zu kämpfen haben als zu Land. Auch wenn Ihr in der Kaiserstadt stationiert seid, solltet Ihr diese Erfahrung machen und daraus lernen. Auch der Niben ist ein Anlaufziel für Piraten.«

Phillida nickte. »Ich werde es mir merken.«

»Und ich …«, fuhr Tituleius leiser fort. »Ich muss dem Kaiser zeigen, dass ich noch immer Biss habe.«

»Freilich habt Ihr dies!«, beteuerte Phillida sogleich. »Ihr müsst niemandem etwas beweisen.«

»Nur dem Kaiser«, hielt der General dagegen. »Er war eine ganze Dekade verschollen in den höllischen Ebenen von Oblivion. Das ist eine lange Zeit, besonders für jemanden in meinem Alter. Die Zeit hat ihre Spuren an mir hinterlassen. Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, spüre ich ein Reißen und Ziehen in den Gelenken, das mich daran erinnert, dass meine Jugend schon lange hinter mir liegt. Vielleicht befürchtet unser Kaiser zu Recht, dass ich zu alt geworden bin und den Jungen und Starken Platz machen sollte.«

»Er wird Euch doch wohl nicht etwa in den Ruhestand versetzen wollen?!«, entrüstete sich der junge Offizier. »Ihr seid einer seiner fähigsten und angesehensten Generäle! So jemanden wie Euch kann man nicht angemessen ersetzen.«

»Der Kaiser kann alles«, erinnerte Tituleius ihn. »Er ist ein Septim, vom Blute des Drachen. Die Zeit in Oblivion hat ihn verändert, und das durchaus zum Guten hin, will ich meinen. Wenn er sagt, dass ich zu alt bin, dann werde ich folgen – wenn auch ungern.«

»Wir zeigen ihm, dass die Zeit dafür noch nicht reif ist«, war sich Phillida sicher.

Lucien hörte das mit größter Freude. Tituleius war also zu alt für seinen Posten? Dann war es also nur noch eine Formalität, dass er den Ruhestand begrüßen durfte. Die Diebe hatten bereits einmal gezeigt, welch talentierte Fälscher sie waren. Ob sie auch ein Schreiben des Kaisers fälschen konnten, das Tituleius den sofortigen Ruhestand versprach? Dann war er weg vom Fenster, konnte niemandem mehr schaden. Dann waren ihre Sorgen nur noch Phillida.

»Das werden wir«, versicherte Tituleius. »Das werden wir. Noch ist dieser alte Bär nicht bereit, sich die Klauen stutzen zu lassen. Vorher werden die Piraten zu spüren bekommen, zu was ich imstande bin.«

»Habt Ihr bereits Pläne, Herr General? Und wie kann ich Euch behilflich sein?«, erkundigte sich der Jüngere.

»Ihr habt einige Männer aus der Kaiserstadt mitgebracht, wenn auch mehr als Ehrengeleit als alles andere«, sagte Tituleius. »Nehmt sie mit, dann lernen auch sie gleich etwas. Ein Teil der Kaiserlichen Flotte liegt im Hafen von Einsamkeit vor Anker, insgesamt vier prächtige Galeeren, fähig, die gesamte Besatzung der Garnison der Stadt aufzunehmen. Damit werden wir in den nächsten Wochen an den Küsten Skyrims patrouillieren und jeden Piraten angreifen und vernichten, dessen wir habhaft werden können. Lange werden sie nicht mehr die Schifffahrt in diesen Gewässern unsicher machen können. Wir werden dabei bis nach Solstheim vordringen, um so auch landesübergreifend die Sicherheit zu gewähren.«

Für den Rest des Abends unterhielten sie sich über die Schifffahrt, Schiffstypen und Manöver zur See. Tituleius schien bereits einige Erfahrung in der Praxis zu besitzen, während Phillida sein Wissen aus Büchern bezog.

Lucien hörte nur noch mit halbem Ohr zu und überlegte die ganze Zeit, wie er Babette und Jaeel kontaktieren konnte. Der Abend war bereits weit fortgeschritten und es stand fest, dass Lucien nur wenig Schlaf bekommen würde. Er könnte gänzlich darauf verzichten, überlegte er. Wenn es ein einmaliges Ereignis wäre, könnte er es verkraften, Areles und Tsonashap hatten ihm gezeigt, wie es ging. Somit würde der Schlafmangel kein nicht verkraftbares Hindernis darstellen, das ihn maßgeblich in seiner Arbeit behinderte.

Er wartete geduldig darauf, dass die beiden Männer endlich zu einem Schlusspunkt kamen, doch noch sah es lange nicht danach aus. Nachdem sie sich genügend über Schiffe und den Kampf zu Wasser ausgelassen hatten, gingen sie dazu über, mit ihren Siegen im Felde voreinander zu prahlen. Phillida schnitt dabei im Vergleich zu Tituleius allerdings erbärmlich ab. Er war noch keine dreißig, ganz im Gegenzug zu Tituleius, der allmählich auf die siebzig zuging und somit ein altes Schlachtross mit unheimlich viel Erfahrung im Kampf für das Kaiserreich war.

Lucien ödete das Gespräch zunehmend an und er musste mit immer größerer Mühe ein Gähnen unterdrücken. Er beschloss, für eine Weile abzuschalten, um seinem Kopf ein wenig Ruhe zu gönnen. Es sah nicht danach aus, als würde das Gespräch noch sonderlich viele nützliche Informationen enthalten.

Er musste wohl eingeschlafen sein, stellte er fest, als ein wütender Ruf ihn auffahren ließ.

»Wo gibt es denn so etwas?«, knurrte Tituleius. »Der Bengel pennt im Dienst! Bring den Wein, aber dalli!«

Erschrocken riss Lucien die Augen auf und sah zu, dass er dem nachkam. »Es tut mir so leid, es tut mir so leid!«, sagte er hastig.

»Halt dein dreckiges Maul und verrichte deinen Dienst!«, fauchte ihn der General wütend an.

Um seinen Zorn zu unterdrücken, malte sich Lucien aus, wie er den lästigen, alten Sack wohl am besten abstechen könnte. Es half. Es half sogar ausgesprochen gut, um gegen seine Müdigkeit anzukämpfen und ihn bei Laune zu halten. Tituleius kümmerte sich schon nicht mehr um ihn, und so hatte Lucien nun endlich eine Beschäftigung gefunden, die ihn bei Stange hielt.

Sowohl Phillida als auch Tituleius zeigten noch lange keine Bestrebungen, die gesellige Runde für den Abend zu beenden. Lucien musste sich noch geraume Zeit in Geduld und Genügsamkeit üben. So langsam meldeten sich seine eigenen körperlichen Bedürfnisse, Hunger, Durst und so einige weitere.

Als er schon glaubte, er würde hier noch bis zum Morgengrauen stehen, kam Bewegung in die Szenerie. Die beiden Soldaten machten doch in der Tat Anstalten, ihr Beisammensein zu beenden. Lucien mahnte sich zur letzten Geduldsprobe. Er wollte immerhin ein guter mobiler Weinständer sein.

Es dauerte noch einige Minuten, bis sie zur Verabschiedung kamen, doch ein Ende war in greifbarer Nähe. Mit dem Gehen Phillidas gab nun endlich auch Tituleius Lucien das Zeichen, dass er gehen konnte.

»Ich will dich auf dem Feldzug dabei haben«, sagte er noch, als der Offizier den Raum bereits verlassen hatte. Dann wandte er sich ab und vergaß wieder einmal, dass Lucien existierte.

Der Junge war zugleich froh und besorgt. Endlich konnte er seine Beine wieder bewegen. Seine Knie und Hüften schmerzen bereits vom langen Stehen, und er seufzte erleichtert auf, als er endlich wieder Bewegung in sie bringen konnte.

Doch Tituleius hatte ihm befohlen, bei der geplanten Offensive auf der Geistersee ihn zu begleiten. Der Feldzug sollte bald beginnen, in nur wenigen Tagen, wenn alle Vorbereitungen abgeschlossen waren. Das eröffnete einige Probleme.

Lucien lieferte die fast Leere Weinkaraffe in der Küche ab und machte sich dann auf den Weg in seine Unterkunft. Doch er hatte nicht vor, dort so schnell anzukommen. Als er sich unbeobachtet wähnte, huschte er in die Schatten und schlich aus der Festung. Schon in den Tagen zuvor hatte er diverse Schleichwege ausgekundschaftet und so viel es ihm nicht allzu schwer, Festung Elend zu verlassen.

Auf Schlaf konnte er diese Nacht sehr wahrscheinlich verzichten, aber er musste unbedingt noch mit Babette und Jaeel reden.

Um diese Uhrzeit waren nur noch eine Handvoll Nachtschwärmer und die üblichen Wachen unterwegs. Lucien mied sie alle, um unangenehme Fragen zu vermeiden, was ein Dienstjunge der Festung um diese Uhrzeit im nächtlichen Einsamkeit zu suchen hatte.

Babette und Jaeel zeigten sich freudig überrascht, nach einigen Tagen den Jungen nun endlich wieder zu sehen.

»Lucien!«, begrüßte das Vampirmädchen ihn sogleich freudig. »Wir haben uns schon Sorgen gemacht, wo du steckst und ob dir etwas passiert ist! Erzähl!«

»Komm erst einmal wirklich hinein«, unterbrach Jaeel. »Dann kannst du uns erzählen, was du herausfinden konntest.«

Sie setzten sich erneut in den geheimen Diebeskeller. Jaeel, der bemerkt hatte, dass Lucien hungrig und durstig war, brachte ihm die Reste seines Abendbrotes (Babette als Vampir nahm schließlich keine normale Nahrung zu sich).

»Es war schwer, einen geeigneten Moment zum Abhauen zu finden«, begann Lucien. »Auch jetzt ist eigentlich kein geeigneter Moment, aber ich konnte nicht länger warten. Tituleius will gegen die Piraten der Geistersee vorgehen und mich dabei haben. Das Ganze soll in wenigen Tagen schon losgehen.«

»Unschön«, sagte Babette. »Er will dich also auf einen Feldzug gegen die Piraten mitnehmen, nur um in der Schlacht seinen Wein ausgeschenkt zu bekommen. Das ist mir ja einer. Konntest du bereits relevante Informationen in Erfahrung bringen?«

Lucien nickte und widerholte, was er an diesem Abend gehört hatte und was er dazu dachte.

»Wenn es denn möglich ist, solch ein Schreiben zu fälschen, um Tituleius in den Ruhestand an den Stränden von Summerset zu versetzen, dann wäre mein Auftrag hiermit erfüllt«, schloss er. »Aber er will mich ja mitnehmen.«

»Es ist schwer, es ist schwer«, murmelte Jaeel. »Ihn einfach zu erstechen, wäre hier fast schon zielführender. Doch nur fast. Mit Phillida ist anscheinend auch zu rechnen, er könnte Probleme bereiten. Es ist theoretisch möglich, selbst ein Schreiben des Kaisers zu fälschen. Die Gilde ist insbesondere in der Kaiserstadt sehr stark. Mit genügend Vorbereitung und Vorsicht können wir die benötigten Unterlagen und Gegenstände beschaffen, aber es ist risikoreich, in den Weißgoldturm einzubrechen.«

»Am Lohn für die Gilde soll es nicht scheitern«, versprach Babette. »Mord ist die Domäne der Dunklen Bruderschaft, doch in diesem Fall ist er nicht unbedingt das, was uns am meisten nützt. Phillida ist Tituleius treu untergeben. Wenn er wittert, dass die Bruderschaft ihre Finger im Spiel hat, könnte er auf dumme Gedanken kommen, die Rache und den Tot etlicher Familienmitglieder beinhaltet. Nein, ich denke, Lucien hat hier wirklich die bestmögliche Lösung gefunden. Hervorragend, halbe Portion!«

Lucien streckte stolz die Brust heraus, doch dann sackte er wieder ein. »Phillida sagte, er habe in der Kaiserstadt einen Dunklen Bruder hingerichtet. Es sei ein Dunkelelf gewesen. War es jemand aus Cheydinhal?«

Eigentlich wollte er die Antwort gar nicht wissen und dann doch wieder. Er befand sich im Zwiespalt mit sich selbst, doch nun waren die Worte gesprochen.

Babette legte eine mitfühlende Miene auf. »Es ist sehr wahrscheinlich«, sagte sie. »Warum sollte eine Zuflucht in einer anderen Provinz einen Assassinen in die Kaiserstadt schicken, wenn die Familienmitglieder in Cheydinhal so viel näher dran sind? Doch, Lucien, lass den Kopf nicht hängen. Absolute Gewissheit kannst du erst haben, wenn wir es bestätigt finden.«

Er nickte und hoffte es so sehr.

»Jetzt gilt nur noch, einen Plan zu fassen, wie wir Lucien aus der Festung herausbekommen ohne Verdacht zu erregen«, warf Jaeel ein. »So gesehen ist es vielleicht ganz gut, dass er nun erst einmal für einige Zeit mit dem General auf dessen Feldzug gegen die Piraten ist. Das gibt uns Zeit zu planen und vorzubereiten. Machen wir aus dem Nachteil einen Vorteil.«

»Und was soll ich derweil machen?«, fragte Lucien nach.

»Den Kopf unten halten und machen, was Tituleius dir befiehlt«, riet Jaeel. »Und sollte er auf die Idee kommen, selbst ein Piratenschiff zu entern, hältst du erst recht den Kopf unten und denkst nicht einmal dran, selbst zur Waffe zu greifen. Du bist ein Bauernjunge, der nicht weiß, wie man kämpft, erinnere dich daran.«

Seufzend nickte der Junge. »Tituleius ist ein schrecklicher Mensch«, klagte er. »Bis jetzt hat er kaum den Mund aufgemacht, da ging es, auch wenn es erniedrigend ist, dass er in mit ein bewegliches Möbelstück sieht und keine Person. Aber heute, da … Ich hatte gut Lust, ihn abzustechen!«

Babette klopfte ihm auf die Schulter. »Das kann ich mir vorstellen«, sagte sie. »Deine Dunklen Geschwister wissen zu würdigen, was du auf dich nimmst. Ich würde diesem Mann und seinem geistlosen Gerede auch nicht lange zuhören müssen, ohne ihm danach die Zunge rausschneiden und sie ihm in den aufgeschlitzten Wanst stopfen zu dürfen.«

Dankbar lächelte Lucien. »Und es ist ja bald vorbei«, tröstete er sich selbst. »Dann sind wir ihn auch ein für alle Male los.«

Funfact: Dieses und das nächste Kapitel waren ursprünglich ein Kapitel und mit den knapp 11K das längste, das ich je schrieb.
Piraten der Geistersee

Erwartungsgemäß fand Lucien in der Nacht kaum eine Handvoll Stunden Schlaf. Nur dank seiner Ausbildung war er am nächsten Tag nicht völlig Schachmatt gesetzt.

  Hektische Betriebsamkeit war in der Festung und der ganzen Stadt ausgebrochen. Immerhin rückte die örtliche Legionsbesatzung aus zu einem Feldzug gegen die Feinde des Kaiserreiches. Das war etwas, das nicht nur eine Menge Beteiligter erforderte, sondern auch mindestens genauso viele Schaulustige. Lucien war davon kaum betroffen. Er war Tituleius‘ mobiler Weinständer, und als solcher hatte er keine andere Pflicht als genau diese eine, die seine ganze Zeit in Anspruch nahm.

  Mit hunderten Händen, die anpackten, und der Planung, die bereits bis ins letzte Teil in den Wochen zuvor erstellt worden war, dauerte das ganze Spektakel lediglich einen Tag an. Schon am nächsten Tag sollten die vier stolzen Galeeren auslaufen.

  Lucien hatte bei all dem ein ungutes Gefühl. Er war ein Assassine, ein Einzelkämpfer in den Schatten, und kein Soldat, der sich seinen Feinden offen zum Kampf stellte. Er machte sich Sorgen, was passieren würde, wenn er gezwungen werden würde, zur Waffe zu greifen. Auf einem Schiff gab es keine Fluchtmöglichkeit, und in die eisige Geistersee zu springen, wäre ebenso sein sicherer Tod. Er konnte nur hoffen, dass er nicht aufflog und alles glimpflich ablief. So lange würde er gehorsam dem General seinen Wein bringen und weiterhin so tun, als wüsste er nicht, was um ihn herum geschah.

  Am nächsten Tag erklangen in aller Frühe die Nebelhörner und riefen die Legionäre aus ihren Betten. Auch für Lucien hieß dies, seine spärliche Habe zu packen, sicherheitshalber seinen Elfendolch unter der Kleidung zu verstecken und sich dann auf den Weg zu machen.

  Er war noch nie mit einem Schiff gefahren, obwohl er im Hafen der Kaiserstadt schon so einige gesehen hatte, darunter auch solche Galeeren wie in Einsamkeit. Dennoch war es ein Erlebnis, endlich ein solch beeindruckendes Schiff aus nächster Nähe zu sehen oder gar auf ihm zu fahren. Wären all die unguten und unpassenden Begleitumstände nicht, Lucien könnte sich sogar darauf freuen.

  Befehle wurden gebrüllt und der gesamte Hafen schwemmte förmlich über vor Soldaten. Alles schien drunter und drüber zu gehen, doch wenn der Junge genauer hinsah, dann erkannte er, dass der Wahnsinn Methode hatte. Er selbst musste sich lediglich an Tituleius halten und auf die Weinkaraffe achten, dass niemand ihn aneckte und das kostbare Gut zu Boden fiel. Und da dem General immer und überall Platz gemacht wurde, hatte er leichtes Spiel.

  Obgleich alles augenscheinlich im Chaos zu versinken schien, wusste jeder Mann und jede Frau, was er oder so zu tun hatte. Es gab kaum Verzögerungen und Behinderungen, und obgleich überall und ständig gebrüllt und angeschnauzt wurde, gab es eigentlich kaum Anlass dazu.

  Der Vormittag war vorüber, als die Segel gesetzt wurden. Alles in allem war das Einschiffen des Heeres erstaunlich schnell vonstattengegangen, Lucien hätte mit durchaus zwei oder drei Stunden mehr gerechnet. Er war schon ganz aufgeregt, wie es wohl sein würde, auf einem Schiff zu fahren, und für einen Moment waren all seine Sorgen vergessen.

  Mit dem Knarren der Planken und der Takelage im Ohr setzten sich die vier hölzernen Kolosse in Bewegung, langsam und gemächlich. Tituleius hatte das größte der Schiffe als das Flaggschiff der kleinen Flotte auserkoren und sein Zelt vor der Kapitänskajüte aufschlagen lassen, von wo aus er das Treiben auf Deck in Blick behalten konnte. Dort ließ er sich Wein und Trauben reichen sowie sich aus diversen Berichten zur aktuellen Lage auf der Geistersee vorlesen. Phillida stand ein wenig versetzt hinter dem Sessel des Generals mit durchgedrücktem Rücken und blank polierter Rüstung und machte ein wichtiges Gesicht. Man sah ihm an, dass er sich wie ein eitler Gockel fühlte, weil Tituleius ihn mit seinem Sonderstatus belegt hatte.

  Lucien, der momentan wieder einmal kaum mehr zu tun hatte, als die Weinkaraffe zu halten, widmete seine Aufmerksamkeit dem Schiff.

  Offenbar waren Legionäre nicht nur Soldaten, sondern wussten auch, was an Bord eines Schiffes zu tun war. Er sah kaum reguläre Matrosen, die meisten Arbeiten verrichteten die Legionäre. Sie schrubbten die Planken des Decks, kletterten in der Takelage herum, räumten auf und sorgten für Ordnung, sodass, wenn es zum Kampf käme, nichts im Wege stand.

  Das Gefühl des sanft über die ruhige Mündung des Karth hingleitenden Schiffes war seltsam. Sobald es den Kai und den Hafen verlassen hatte, hatte es Fahrt aufgenommen und fuhr nun mit immer größer werdender Geschwindigkeit unter dem großen Felsbogen von Einsamkeit hindurch und auf das offene Meer zu. Die Ufer rechts und links huschten wie im Fluge vorbei, und tatsächlich war es Lucien, als fliege das Schiff. Der schwache Wellengang war auf der großen Galeere so gut wie gar nicht zu spüren und so war ihr Seegang gerade einmal kaum merklich.

  Möwen begleiteten sie. Rings um die Masten flogen sie und manchmal sogar direkt auf Höhe der Bordwand. Immer wieder wandten sie die Köpfe zu den Schiffen hin, als suchten sie etwas. Als Lucien sah, wie einer der Männer den Vögeln etwas zuwarf und sie sich krächzend darauf stürzten, wusste er Bescheid: Sie waren auf Futter aus.

  Lucien war ganz fasziniert von dieser Art der Fortbewegung. Die Freude hielt nur kurz an.

  Als sie das Mündungsgebiet verlassen hatten und auf offene See hinaus fuhren, wurde der Seegang stärker und das Deck begann nun auch zu schwanken. Sie fuhren etwa eine Meile auf das Meer hinaus, sodass die Küste immer noch zu sehen war, dann schwenkten sie nach Osten ab, um ihren Patrouillenkurs einzuschlagen.

  Lucien kannte Begriffe wie »Fische füttern« und »Seekrankheit« und verstand jetzt, was damit gemeint war. Seine Beine waren einen sich bewegenden Untergrund nicht gewohnt und er begann zu schwanken und mit seinem Gleichgewicht zu ringen. Es rettete ihn wieder einmal seine Ausbildung, dennoch fürchtete er um den Wein. Er sah sich hektisch nach irgendeiner Lösung des Problems vor, fand aber nur die Zeltstange, die ihm zum Festhalten dienlich sein könnte. Sonderlich stabil wirkte sie allerdings nicht, weshalb er diesen Gedanken wieder verwarf. Er hoffte also auf das Beste, während er gleichzeitig seinen rebellierenden Magen zu beruhigen versuchte.

  Der Junge merkte schnell, dass eine Schifffahrt sehr schnell sehr eintönig wurde. Ringsum war nichts als eisiges Meer. Ein kalter Wind blies, der in die Haut biss, und das regungslose Stehen zu einer Tortur machte. Er versuchte, sich näher an die Feuerschale heran zu manövrieren, die Tituleius hatte aufstellen lassen, um sich und Phillida zu wärmen.

   Die beiden Männer waren wieder einmal in ein Gespräch über ihre militärischen Erfolge vertieft. Sonderlich spannend war es auch nicht, stellte Lucien fest, da sie eigentlich nichts weiter taten, als sich und ihre Erfolge gegenseitig zu beweihräuchern. Die Legionäre an Bord der Galeere machten auch nichts anderes als schon den ganzen Tag, und wenn Lucien zu den anderen Schiffen hinübersah, dann bot sich ihm auch dort ein und dasselbe Bild.

  Kurzum: Ihm war schrecklich langweilig.

  Er versuchte weiter, sich die Zeit damit zu vertreiben, sich auszumalen, wie man Tituleius töten könnte, allerdings merkte er zu seinem Bedauern, dass seine Phantasie so langsam an ihre Grenzen stieß. Eine andere Beschäftigung ließ sich nicht ausmachen, um die Langeweile und Eintönigkeit der Schifffahrt zu vertreiben.

  Die nächsten Tage brachten kaum Besserung. Selbst die Küstenlinie veränderte sich kaum und zeigte tagein tagaus dieselbe, monotone Schnee- und Felsenlandschaft. Der Küste direkt vorgelagert fanden sich jedoch des Öfteren große Felsformationen sowie Eisschollen und kleinere Eisberge, die von den Gletschern abgebrochen waren, die sich seit Jahrhunderten von den Bergen unaufhörlich ins Meer schoben. Manchmal trieb das Eis auch etwas weiter hinauf auf das Meer und stellte somit eine Gefahr für die Schiffe dar. Das Eis war hart und scharfkantig, besonders, wenn der Gletscher vor nicht allzu langer Zeit gekalbt hatte, und konnte die ungepanzerten Rümpfe der Galeonen spielend aufschlitzen. Lucien hörte Tituleius fluchen, dass noch niemand auf seinen Vorschlag gehört hatte, die Schiffe zumindest am Bug mit Metall zu ummanteln, um auch dünneres Packeis durchbrechen zu können.

  Die einzige Abwechslung (auch wenn sie kaum diesen Namen verdiente) war der Nebel. Manchmal wehte der Wind vom wärmeren Festland, traf auf das eisige Wasser und bildete riesige Nebelfronten, in denen man kaum von einem Ende des Schiffes zum Anderen sehen konnte. Lucien blickte hinaus aufs Wasser und die Welt war verschwunden. Noch nie hatte er so dichten Nebel erlebt.

  Da es unnütz war, bei solchen Witterungsbedingungen nach Piraten zu suchen, legte die kleine Flotte für diese Zeit an und ging nahe der Küste vor Anker. Dann mussten sie warten, bis sich der Nebel verzogen hatte, was sich über Stunden, wenn nicht gar Tage hinweg zog.

  Auf dieser Weise wurde ihr Vorankommen teils erheblich verzögert. Sie brauchten fast eine Woche, ehe sie das Kap von Winterfeste umrundet hatten und nach Süden abschwenkten konnten in Richtung Windhelm. Hier wurden sie auch das erste Mal fündig.

  Die östlichen Küsten von Skyrim waren zerklüftet, hier trieb besonders viel Packeis, zwischen dem immer wieder kleinere und auch größere Inseln aufragten. Viele Schiffe hatten hier bereits Schiffbruch erlitten, und anscheinend boten gerade die Fracks ein ideales Versteck für Schmuggler und Piraten aller Art.

  Die Flotte tastete sich vorsichtig durch den Schiffsfriedhof. Niemand wollte ein unnötig hohes Risiko eines Schadens an den Schiffen eingehen, zumal ihre Manöver schon riskant genug waren. Also tasteten sie sich Schritt für Schritt voran, während Späher ringsum alles nach verdächtigen Anzeichen und potenziellen Gefahren absuchten und ein Mann in jeder Galeere im Bug stand und einen Faden ins Wasser hielt, um die Tiefe zu prüfen; tückische Untiefen waren hier genauso eine Gefahr, wie Treibeis, das den Rumpf aufschlitzte.

  Sie mussten nicht lange suchen. Nur wenige Stunden, nachdem sie das Kap und die vorgelagerte Akademie zu Winterfeste umrundet hatten, konnten sie endlich ihren erhofften ersten Erfolg vorweisen. Einer der Wachtmänner auf einer anderen Galeere stieß einen hellen Pfiff aus und gab mit einem Licht Signal an die anderen Schiffe. Tituleius, der sich soeben in einem hochphilosophischen Disput mit Phillida über den Einsatz von Pferden in der Schlacht befand, sprang sofort auf und sondierte die Lage.

  Lucien drückte die Weinkaraffe an seine Brust und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

  Schnell war offensichtlich die Lage klar. Tituleius bellte ein paar Befehle, die mit Lichtern und Flaggen an die anderen Schiffe übermittelt wurden. Die Flotte von vier Schiffen schwärmte aus und nahm anscheinend eine ganz bestimmte, kleine Insel nur wenige Dutzend Schritt vor der Küste ins Visier. Schnell wurde Lucien klar, dass er nichts zu fürchten hatte.

  Denn was da vor ihnen auftauchte, war nichts weiter als ein Felsen in der Brandung, auf dem ein kleines Lager aufgeschlagen worden war: ein Holzverschlag als unzulänglicher Schutz gegen den eisigen Wind sowie eine kleine, bescheidene Kochstelle. Zwei Argonier waren aufgesprungen und sahen mit erhobenen Armen der Flotte zu, wie sie sie umkreiste und einkesselte.

  Von einem anderen Schiff wurde ein Beiboot herabgelassen, in welchem sich der Kapitän des Schiffes sowie mehrere Soldaten befanden, die ausreichen sollten, um die Argonier zu überwältigen, sollten sie sich als kriminell erweisen. Sie ruderten zur Insel, landeten an und marschierten geradewegs in das kleine Lager.

  Lucien reckte den Hals, um zu sehen, was sie da taten. Offenbar durchsuchten sie erst die Argonier und dann deren wenige Habe, die in einer Truhe nahe der Lagerstatt verstaut war. Dann wurde es anscheinend kurzzeitig haarig. Die Soldaten schnauzten die Echsenmenschen an, und obwohl Lucien ihre Worte nicht verstehen konnte, konnte er doch erahnen, dass es keine wohlmeinenden Worte waren. Die Argonier erwiderten etwas, schüttelten die Köpfe und hielten die Hände abwehrend vor sich. Doch die Soldaten packten sie, wickelten Fesseln um ihre Handgelenke und verfrachteten sie in das Boot. Zwei der Männer nahmen die Truhe und verluden sie ebenfalls.

  »Ha, ein erster Treffer!«, protzte Tituleius mit zufriedener Miene, während auch er das Geschehen beobachtete. »Übermittelt an den Kapitän, dass er die Gefangenen verhören soll. Wenn er alle nötigen Informationen hat, darf er die Echsen an die Haie verfüttern.«

  Damit war dieser erste Zwischenfall erledigt und alles kehrte wieder zum Normalzustand zurück. Lucien versuchte noch einige Blicke auf das Schiff mit den Gefangenen zu werfen, doch diese waren anscheinend schon unter Deck gebracht worden. Dort gab es nichts Spannendes mehr zu sehen. Er verzog das Gesicht und hoffte, dass sich bald noch mehr Abwechslung bot.

  Derlei Zwischenfälle kamen nun gehäufter vor. Mal landeten sie einen Treffer und erwischten Schmuggler, mal waren es auch nur Fischer, die mit einem gehörigen Schrecken wieder gehen durften. Alles in allem machten sie an diesem Tag geschlagene zwölf Gefangene. Lucien bekam von ihnen nicht viel mit, sodass er sich gedulden musste, dass auch Tituleius die Ergebnisse der Verhöre zugetragen wurden.

  Bis jetzt war dieser ganze Feldzug alles in allen furchtbar langweilig.

  Sie erreichten am nächsten Tag die Mündung des Weißflusses bei Windhelm. Sie fuhren nicht in den Fluss, sondern wandten sich hier wieder nach Osten, um auch einen Teil der Küsten von Morrowind abzufahren. Lucien hatte mittlerweile ernsthafte Probleme, sich bei Laune zu halten, denn mittlerweile fielen ihm sowohl für Tituleius als auch für Phillida keine weiteren halbwegs kreativen Tötungsarten ein. Er hatte quasi sein gesamtes Spektrum an denkbaren Grausamkeiten ausgeschöpft und noch immer befanden sich die Schiffe auf See. Noch immer hatte er nichts weiter zu tun, als den lieben langen Tag neben Tituleius zu stehen, seine Weinkaraffe zu halten und ihm Wein nachzuschenken, wenn dieser ihm den Kelch hinreckte.

  Der einzige Hoffnungsschimmer war, dass Babette und Jaeel in diesem Moment Pläne entwarfen, wie sie ihn unverdächtig aus dem Dienst entbinden konnten. Die Langeweile hatte also ein Ende. Wahrscheinlich hatte Babette mittlerweile die Pläne für die Beseitigung Tituleius‘ an Hilda übermittelt und diese tüftelte vielleicht sogar just in diesem Moment mit Vernon Roche die Details aus.

  Alles in allem eine gute Gesamtsituation. Wäre nur nicht der Fakt, dass er sich den ganzen Tag in der Kälte die Beine in den Bauch stehen musste.

  Lucien freute sich auf die Abende. In den Mannschaftskajüten waren Kohlebecken mit glimmenden, kaum rauchenden Kohlen aufgestellt, die dort für Wärme sorgten. Zusätzliche Wärme brachten die vielen Leiber auf engem Raum, sodass es dort zwar in der Regel stickig, aber warm war. Außerdem mochte es Lucien, in der schaukelnden Hängematte zu schlafen.

  Anfangs hatte er Probleme damit gehabt, dass der Boden unter ihm schwankte, doch mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt. Er hatte, worauf er einigermaßen stolz war, nur ein einziges Mal an der Reling gehangen, und das war gleich am ersten Tag gewesen, wo alles noch neu und ungewohnt war. Wenn er sich umsah, kam er rasch zu dem Schluss, dass er die Schifffahrt weitaus besser vertrug, als manch ein Legionär. Er war stolz auf sich.

  Nachdem sie auch die Küste Morrowinds patrouilliert hatten, kehrten sie nach einem halben Tag wieder um. Am Abend erreichten sie erneut die Grenzen zu Skyrim und hielten direkt auf Windhelm zu. Sie wollten hier einen Zwischenstopp einlegen, die Gefangenen der Gerichtsbarkeit übergeben und ihre Vorräte auffrischen.

Lucien gelang es immer wieder, den einen oder anderem Informationsfetzen aufzuschnappen. Demnach gab es anscheinend weiter im Norden, östlich von Winterfeste, eine im Packeismeer verborgene Insel, die ein reger Anlaufplatz für Piraten und Schmuggler aller Art sein sollte. Der Junge hätte zu gern zugesehen, wie die Informationen aus den Gefangenen herausgeholt worden waren, denn gänzlich unblutig oder gar sanft war es angeblich dabei nicht zugegangen.

Nachdem sie all ihre Erledigungen getätigt hatten, setzten sie erneut und so bald als möglich Segel gen Norden. Nun, da sie endlich eine wirkliche Spur hatten und nicht mehr wie mit der Nadel im Heuhaufen stochern mussten, war Tituleius bestrebt, dieser so schnell wie möglich nachzugehen. Die Moral auf den Schiffen war bereits merklich gesunken, die gelegentlichen kleinen Fänge hatten kaum zu ihrer Besserung beigetragen.

Lucien war einfach nur froh, wenn die ganze Expedition bald ihr Ende gefunden hatte. Mittlerweile glaubte er, dass er die Kälte nie wieder aus seinen Knochen bekommen würde. Ob Babette und Jaeel mittlerweile wussten, wie sie ihn aus seinem Arbeitsverhältnis entbinden würden? Er hoffte es.

Die Mannschaften waren deutlich motivierter. Sie schlugen nun auch einen Kurs an, der sich von den Küsten und damit dem tückischen Packeis fern hielten, sodass sie mehr an Fahrt aufnehmen konnten. Die Schiffe kamen flott voran, schöpften alles aus, was ihre Planken und Segel hergaben und flogen förmlich über die Wellen. So dauerte es nicht lang, ehe sie das angestrebte Ziel erreichten: eine Insel, die plötzlich vor ihnen aus dem Meer ragte und auf die Beschreibung der Gefangenen passte.

Wieder einmal hatte sich die Geistersee in Nebel gehüllt und machte ihrem Namen alle Ehre. Sie drosselten ihr Tempo, um der Gefahr einer Kollision zu entgehen oder sie zumindest zu vermindern, und fuhren vorsichtig weiter. Nur schemenhaft sah Lucien Felsen zu beiden Seiten des Schiffes vorbei gleiten und war in diesem Moment sehr froh, nicht der Steuermann sein zu müssen. Mit einer Nebellaterne ausgerüstet stand einer der Männer im Bug, spähte durch den Nebel und rief dem Steuermann die Richtung zu. Sie suchten die Küste der Insel nach verdächtigen Anzeichen ab.

Ein leiser Ruf wies sie darauf hin: Kaum zu erkennen, aber doch vorhanden, konnten sie einen Kai ausmachen. Ein Schiff lag vor Anker, ein Langboot, wie es typisch war für die Nord, wie Lucien schnell von den Mannschaftsmitgliedern aufschnappte.

Tituleius kümmerte sich mittlerweile nicht mehr sonderlich viel um seinen Wein, sondern hatte sich erhoben und beobachtete das Geschehen aufmerksam.

»Wir legen an«, befahl er.

Die kleine Flotte schwenkte in die Bucht ein, in der der Kai errichtet war und ging vor Anker. Lediglich das Flaggschiff wurde am Kai festgetaut, die anderen blieben in der Bucht und ließen Beiboote zu Wasser, um die Soldaten an Land zu bringen. Die Mannschaft des Flaggschiffes hatte es bequemer, für sie wurde eine Laufplanke herabgelassen und angeführt von ihrem General sowie Offizier Phillida konnten sie so bequem an Land gehen.

Lucien blieb zurück. Niemand hatte bei dem folgenden Unternehmen Verwendung für einen mobilen Kelchständer, also blieb ihm nichts weiter übrig, als an Bord zu warten und von dort aus zu beobachten. Unauffällig wirkte er einen einfachen Illusionszauber, der es ihm ermöglichte, Leben auch durch den Nebel hindurch zu erkennen. Schnell merkte er jedoch, dass der Zauber zu einfach war, um sonderlich viel zu nützen, und zu mehr war er nicht im Stande. Er ließ es bleiben.

Die Landung der Legion dauerte nicht lang, auch hierin waren die Soldaten augenscheinlich geübt. Indes hatte sich General Tituleius umgesehen und die Lage geprüft, soweit dies möglich war in dem dichten Nebel. Dann gab er einige gebellte Befehle und die Soldaten setzten sich in Bewegung.

Es waren nur einige wenige Wachen sowie die Bootsmänner zurückgeblieben, sodass Lucien nun für einige Zeit für sich allein war. Er sah den Männern so lange nach, bis auch der letzte in den Nebelschwaden verschwunden war. Dann setzte er sich an eine Feuerschale, suchte so viel Wärme wie möglich und bemühte sein Gehör.

Die Legionstruppen hörte man noch lange. Wenn sie einen Überraschungsangriff im Sinn hatten, dann wäre der Moment spätestens bei ihrer Landung verflogen. Man konnte von der Schlagkraft der kaiserlichen Truppen sagen, was man wollte, nur eines nicht: dass sie unauffällig waren.

So konnte Lucien erstaunlich genau ihren Weg über die Insel verfolgen. Es wirkte, als ginge es bergauf und sie sich in Serpentinen den Weg entlang bewegten. Das dauerte in etwa eine halbe Stunde, dann war auf einmal Stille. Lucien runzelte die Stirn und fragte sich, was das zu bedeuten haben mochte.

Die Antwort ließ nicht lang auf sich warten.

Mit einem Male waren Geschrei und Kampfeslärm aus dem Nebel zu hören. Niemand sah wirklich, was vor sich ging, aber hin und wieder waren der Schein von Fackeln oder auch größere Feuer durch den Nebel auszumachen. Lucien starrte gespannt in den Nebel, lauschte den Kampfgeräuschen und versuchte, sich so viel wie möglich zu erschließen.

Sie bemerkten nicht, dass sie umstellt waren. Mit einem Male erscholl von einem der in der Bucht vor Anker liegenden Schiffe ein Warnruf, gefolgt von Kampfeslärm. Erschrocken fuhr Lucien herum und späte aus, was dort vor sich ging.

Eines der Piratenschiffe hatte sich von hinten an die Flotte herangeschlichen und nutzte die schwache Bewachung, um ihnen in den Rücken zu fallen. Die Piraten überfielen das ihnen nächste Schiff und nutzten den Überraschungsmoment, um die Besatzung zu überwältigen. Sie trafen auf kaum Widerstand.

Lucien sah sich hastig um und überlegte, was zu tun war. Es wurde schnell deutlich, dass die Piraten alle Schiffe kapern wollten. Sollte er sich auf dem Schiff verstecken oder aufs Land fliehen und hoffen, dort den Angreifern zu entkommen? So oder so, er war zwischen Feinden gefangen: vor ihm auf der Insel und hinter ihm in der Bucht. Er entschied sich für die Flucht. Hatten die Piraten erst einmal alle Schiffe eingenommen, ehe die Legion zurückgekehrt war, würden sie ihre Beute auch gründlich durchsuchen und somit unweigerlich auf Lucien stoßen. Nein, es war besser, an Land Schutz zu suchen.

Er rannte die Planke hinab auf den Kai. Damit war er nicht der einzige, auch andere waren auf dieselbe Idee gekommen. Zu seinem Erstaunen bemerkte er auch den einen oder anderen Soldaten darunter. Anders als er rannten diese aber in den Nebel und auf die Insel. Anscheinend wollten sie Hilfe holen.

Lucien sah zu, dass er ein Versteck fand. So folgte er zunächst den Soldaten, sah sich aber abseits des Wegs nach einem Ort um, wo er abwarten konnte, was als nächstes geschah.

Zwischen einigen Felsen wurde er fündig. Sie waren mit Eis überzogen, die Gischt hatte es noch mehr anwachsen lassen. So formten sie eine kleine Höhle, eine Mulde gerade groß genug für den Jungen. Flux war er darin verschwunden.

Aus allen Richtungen waren nun Kampfgeräusche zu vernehmen, von Land und von See. Lucien sah nicht viel, nur ein Stück des Himmels über ihm und einige Felsen vor ihm, doch er konnte lauschen. Es schien, als hätten die Piraten zu See leichtes Spiel mit den Besatzungen der Schiffe. Schreie waren von dort zu vernehmen, Schreie des Schreckens und der Schmerzen. Es juckte Lucien mächtig in den Fingern, sich an dem Kampf zu beteiligen, egal für welche Seite. Aber er konnte sich zurückkalten. Das war nichts für ihn, er war ein Assassine, ein Kämpfer der Schatten, der aus dem Verborgenen heraus angriff. Im offenen Kampf war er unterlegen.

Weiter oben auf der Insel waren nun auch Geräusche einer Belagerung zu vernehmen, mit irgendetwas Großem und Schweren wurde gegen eine Tür gehämmert, kurz darauf splitterte Holz. Siegesgeschrei erhob sich. Anscheinend war es Tituleius und seinen Mannen gelungen, in die Befestigungsanlagen der Piraten einzudringen.

Doch nur kurz darauf war es Lucien, als würde ein Teil der Truppen wieder näher kommen. Anscheinend war der Hilferuf angekommen und ein Teil der Männer abkommandiert, um die Schiffe zu verteidigen. Der Junge wagte, wieder etwas aus seinem Versteck hervorzukriechen und über den Rand der Mulde zu spähen.

Eine der Galeeren stand in Flammen, auf einer anderen wurde gekämpft. Die Mannschaften der beiden anderen Schiffe versuchten irgendwie, die hölzernen Kolosse in eine Position zu bringen, von der aus sie sich besser verteidigen konnten. Außerdem war es in der Tat so, dass ein Teil der zum Angriff an Land gegangenen Legionstruppen zurück zum Ufer stürmte und zur Verteidigung herbeieilte.

Die Angreifer, die zum Verteidiger geworden waren, waren nicht einmal ansatzweise so wenig und geübt im Kampf zur See wie die Piraten. Aber sie besaßen Disziplin und eine deutliche Übermacht. Nach einigem Ringen gelang es ihnen, wieder die Oberhand zu gewinnen und die Piraten zurückzuschlagen. Vereinzelt erschollen Siegesrufe, die alsbald lauter wurden. Sie drängten die Angreifer auf ihr Schiff zurück. Anscheinend befanden sich unter den Legionären auch einige Magiekundige, denn es wurden Feuerbälle auf das Piratenschiff geworfen. Als erstes fing die Takelage Feuer, alsbald auch die Planken. Die Legionäre trennten mit langen Stangen ihre Schiffe von dem brennenden und übergaben die Piraten damit der See und ihrem Schicksal. Einige von ihnen sprangen über Bord. Die meisten tauchten nicht mehr auf.

Lucien beschloss, dass es nun an der Zeit war, wieder hervorzukommen. Es schien wieder sicher, die Lage war wieder im Lot. Nur Augenblicke später erschollen auch vom Inneren der Insel Siegesrufe. Offensichtlich hatte Tituleius auch dort den Sieg davon getragen.

Er wartete bereits am Kai, dass er wieder an Bord des Flaggschiffes gehen konnte, als die siegreichen Truppen zurückkehrten. Die Stimmung war eindeutig bestens. Stolz und hoch aufgerichtet ging Tituleius wie ein Triumphator an der Spitze der Truppen, an seiner Seite Phillida, dessen Rüstung noch immer wie geleckt wirkte. Alles in allem schien es, dass die Legion an diesem Tag einen großen Erfolg hatte erzielen können. Die Stimmung war sogar so ausgelassen, dass sich Phillida dazu herabließ, Lucien auf die Schulter zu klopfen.

Tituleius wirkte ernster, während er auf die Bucht hinaus sah. Sie hatten ein Schiff verloren und ein weiteres schien teils erhebliche Schäden davongetragen zu haben. Wie groß die Schäden waren, blieb noch zu klären.

Das Flaggschiff schwenkte ein und hielt erneut auf den Kai zu. Beiboote folgten ihm, um die Soldaten auf die beiden verbleibenden Schiffe zu verteilen. Es würde eng, bemerkte Lucien für sich. Ihre Verluste waren gering, zudem hatten sie anscheinend einige Gefangene machen können. Zusammen mussten die Männer jedoch auf ein Schiff weniger verteilt werden. Eines war Lucien damit sehr schnell klar: Die Rückreise würde nicht gerade komfortabel, noch weniger als bisher ohnehin schon.

Wie erwartet wurde es alsbald ein ausgesprochenes Gedränge. Niemand achtete so wirklich auf Lucien, sodass er aufpassen musste, zwischen den teils schwer gepanzerten Soldaten nicht unterzugehen, die rings um ihn entweder in die Beiboote stiegen oder über die Planken an Bord des Flaggschiffes gingen. Doch wieder ging es trotz dem scheinbaren Chaos geordnet zu, die ganze Prozedur dauerte keine halbe Stunde, ehe wieder alle an Bord waren. Es wurde in der Tat eng, die Galeeren waren nicht für so viele Besatzungsmitglieder ausgelegt.

Dennoch war die Stimmung ausgelassen. Die Soldaten redeten fröhlich, stimmten auch teils das eine oder andere Lied an. Sie waren augenscheinlich froh, dass alles recht unglimpflich hatte vonstattengehen können. Der Verlust des Schiffes bereitete ihnen weniger Kopfzerbrechen als dem General, der mit immer finsterer Miene auf das langsam in den Fluten versinkende Frack seines Schiffes starrte.

Lucien hoffte, dass er seinen Zorn nicht an ihm ausließ.

Zurück in die Heimat

Die Schifffahrt wurde so unangenehm, wie Lucien es sich gedacht hatte. So viele Menschen auf kleinem Raum zusammengedrängt machten ihn nervös und gereizt. Hinzu kam Tituleius, der zwar seinen eigenen Frust nicht offen ausließ, ihn jedoch deutlich spürbar machte. Dem General passte es trotz ihres Sieges nicht, dass sie ein Schiff verloren hatten. Ob er deswegen mit Repressalien rechnen musste? Immerhin hatte er die Schiffe nur schwach bewacht zurückgelassen, sodass sie leichte Beute für den Überfall gewesen waren.

Lucien bemühte sich, noch unauffälliger als sonst zu sein. Er wollte so wenig wie möglich Missfallen erregen und damit Tituleius‘ Zorn entgehen. Dieser schien jedoch glücklicherweise keinerlei Notiz von ihm zu nehmen, sondern hatte eher mit dem ununterbrochenen Wordschwall seines Jüngers Phillida zu kämpfen. Dieser lobte den General in einem fort und zeigte unerwartete Kreativität darin, ein und dasselbe immer und immer wieder in neue Worte zu packen. Es war offensichtlich, dass Tituleius die Lobhuddelei nicht hören wollte, doch anscheinend verbot ihm der Anstand, Phillida zu unterbrechen oder ihm gar mitzuteilen, dass er nun definitiv genug gelobt hatte.

Alles in allem war die Rückfahrt der Teil des ganzen Unternehmens, den Lucien am schnellsten vergessen wollte. Die Männer waren in so guter Stimmung, dass erlaubt wurde, den Rum auszupacken, was dazu beitrug, dass besagte Stimmung noch einmal beträchtlich angehoben wurde. Während Lucien tagsüber lediglich zusehen musste, Tituleius nicht zu reizen, bekam er es abends mit den mehr oder weniger betrunkenen Soldaten zu tun, die bereits jetzt ihren Sieg feierten.

Er war froh, als es vorbei war.

Die Rückfahrt gingen sie flotter an. Es war anscheinend so, dass sie mit dem Stützpunkt auf der Insel den Kopf der Schlange abgetrennt hatten und die Gefahr gebannt war. Die Piraten waren deutlich dezimiert worden und die Handelsrouten wieder sicher. Es bestand kein Grund mehr, langsam vorzugehen und die Augen offen zu halten. Die Siegesfeiern in der Heimat lockten.

Lucien wartete gespannt, wie Babette und Jaeel ihn hieraus holen wollten. Er war begierig darauf, dass all das endlich vorbei war. Von Tag zu Tag juckte es ihm mehr, Tituleius abzustechen oder ihm Gift in den Wein zu geben. Es wäre ihm ein leichtes, das Getränk zu vergiften. Er hatte zu seiner Überraschung alle nötigen Zutaten an Bord des Schiffes gefunden und es gab immer wieder Momente, in denen er unbeobachtet war und einen Mordanschlag hätte verüben können. Doch er hielt sich zurück, auch wenn er langsam selbst nicht mehr wusste, warum.

Die Flotte wurde mit großem Jubel empfangen. Offenbar war man davon ausgegangen, dass Tituleius mit seiner Mission erfolgreich war, denn die Stadt war festlich herausgeputzt worden. Lucien hielt den ganzen Aufwand wegen ein paar toter Piraten für übertrieben, aber immerhin gab dies ihm eine ganz besondere Gelegenheit: Er sah das erste Mal in seinem Leben den Hochkönig von Skyrim, Fyrnir Drachentöter.

Warum der Mann den Beinamen Drachentöter trug, wusste er nicht, denn bekanntlich waren die Drachen seit langer, langer Zeit ausgestorben. Vielleicht war es wieder einmal eine der für Nord so typischen Prahlereien, denn der Mann selbst war eine durchaus beeindruckende Erscheinung. Ein wahrer Koloss war er, mit einer mächtigen Breitaxt bewaffnet und einer mit Edelsteinen besetzten Krone auf dem blonden Haupt. Man musste nicht erst die Krone oder die prächtige Rüstung sehen, um zu erkennen, dass das der Hochkönig dieses Landes war. Man sah es bereits an seiner Haltung, seinem Blick.

Lucien konnte den Hochkönig nur aus der Ferne betrachten, doch der General und Phillida wurden von ihm persönlich in Empfang genommen. So konnte der Junge auch nicht hören, was besprochen wurde, doch es war deutlich, dass es sich dabei um lobende Worte handelte. Jubel erhob sich, der rasch weitergetragen wurde.

Die nächsten Anweisungen für ihn lauteten, dass er sich in Tituleius Gemächer zu begeben hatte und dort auf den General warten sollte. Anscheinend sollte es an diesem Tag ein Fest geben, das den Sieg des Generals mit noch größeren Ehren bedenken sollte.

Doch er sollte nie in den Gemächern ankommen.

Plötzlich wurde er gepackt und in eine dunkle Gasse gezerrt. Er kam kaum dazu, einen erschrockenen Schrei auszustoßen, geschweige denn, seinen Dolch zu ziehen, da wurde er schon mit übermenschlicher Kraft zu Boden gedrückt und eine Hand auf seinen Mund gepresst. Jemand kicherte, und es klang eindeutig nach einem Mädchen. Dann sah er rote Augen über sich aufblitzen und wusste Bescheid.

»Babette!«, nuschelte er durch die Hand, die immer noch auf seinem Mund lag. Es war die der Vampirin.

»Das hat Spaß gemacht!«, kicherte sie. »Fast hättest du mich gehabt, aber nur fast und am Ende wusstest du doch nicht, wie dir geschah.«

Sie nahm die Hand weg. Lucien nutzte die Gunst der Stunde und rappelte sich wieder auf. »Was sollte das?!«, beschwerte er sich.

»Dir mitteilen, dass du, wenn du willst, nicht an der kleinen Feier heute Abend teilnehmen musst«, sagte sie fröhlich, als sei nichts gewesen. »Jaeel hat ein paar willige Augenzeugen gefunden, die auf sein Zeichen hin herumplappern werden, dass sie dich beim Stehlen erwischt haben und du abgehauen und untergetaucht ist, sobald du bemerkt hast, dass sie dich auf frischer Tat ertappt haben. Er ist verdammt überzeugend, wenn es darum geht, Leute zu gewissen Aussagen zu bringen, musst du wissen.«

Sofort war aller Ärger verfolgen. »Heißt das, wir können endlich zurück?«, fragte er hoffnungsvoll.

Babette nickte. »Hmmhmm, genau das heißt es«, sagte sie. »Hilda weiß Bescheid und hat bereits alle nötigen Schritte in die Wege geleitet, um den alten Windbeutel endlich von der Bildfläche zu schaffen. Er darf heute noch einmal ordentlich saufen und rumhuren, und dann war es das für ihn. Außerdem lässt sie dir ihre höchste Zufriedenheit übermitteln. Ich glaube, du bist ganz schön in ihrem Ansehen gestiegen. In meinem bist du das jedenfalls, halbe Portion.«

»Halbe Portion, pff«, schnaubte Lucien und verschränkte die Arme, konnte sich aber ein selbstgefälliges Grinsen nicht verkneifen. »Ihr seht ja, wie sehr ich noch eine halbe Portion bin. Ich habe Piraten getrotzt und konnte erfolgreich die beiden Idioten unterwandern und ihnen auf der Nase herumtanzen.«

»In der Tat, deine Opfer sollten angemessen gewürdigt werden, sobald wir wieder in der Zuflucht sind«, ging Babette auf die Frotzelei ein. »Aber erst einmal sollten wir wirklich untertauchen. Ich habe keine Lust mehr hier zu sein.«

Dagegen hatte Lucien freilich nichts einzuwenden. Sie tauchten im Gassengewirr unter und machten sich auf den Weg zurück zu Jaeel. Der Junge bemerkte, wie er beschwingt und leichtfüßig ausschritt. Die Aussicht, endlich wieder in die Zuflucht zu können, garniert mit der Aussicht auf großes Lob, verursachte in ihm eine höchst angenehme Hochstimmung.

Jaeel wirkte zufrieden mit sich und der Welt, als sie zurückkehrten – insofern das bei seinem Echsengesicht überhaupt festzustellen war.

»Das war wunderbare Arbeit von uns allen«, sagte er.

»Von Euch und Lucien«, erinnerte Babette ihn bescheiden.

Und wieder konnte der Junge sich ein Grinsen nicht verkneifen. Für den Rest des Tages nahmen sie sich frei und feierten ihren Erfolg. Jaeel holte einen teuren Wein aus seinem Keller, den er unter Garantie nicht selbst bezahlt hatte und den sie nun gemeinsam genossen.

Während sie also den guten Wein genossen und Lucien merkte, wie ihm der Alkohol nur allzu schnell zu Kopfe stieg, erzählte er, was er alles auf See erlebt hatte, wie sie erst mehr oder weniger ziellos bis an die Küsten von Morrowind geirrt waren und dann endlich ein Ziel vor Augen hatten, das sie hatten ansteuern können. Wie die Legion siegessicher voranstürmte und vergaß, sich Rückendeckung zu geben, ebenso wie dies beinahe ihr Verhängnis geworden wäre.

»Windbeutel, ich sag es ja«, sagte Babette. »Tituleius ist schlicht und ergreifend ein Windbeutel.«

»Dann haben wir ja einen Grund für die Versetzung in den Ruhestand«, schloss Jaeel. »Nicht mehr nur sein hohes Alter.«

Recht schnell verschwammen die Erinnerungen an diesen Abend. Hinterher wurde sich Lucien eines bewusst: Er war sehr schnell stockbesoffen gewesen, ein unangenehmer Nebeneffekt des Umstandes, dass er bisher in seinem Leben kaum Alkohol hatte genießen können, und wenn überhaupt, dann war es zumeist dünner, verwässerter Fusel gewesen. Er nahm sich vor, in Zukunft mehr Alkohol zu trinken, um sich daran zu gewöhnen. Es machte einfach keinen Spaß, an Saufgelagen nicht teilnehmen zu können, weil man schon nach wenigen Schlucken unter den Tischen lag.

Der nächste Tag begrüßte Lucien mit dröhnenden Kopfschmerzen. Stöhnend richtete er sich auf seinem Lager auf, fasste sich an den Knopf, kniff die Augen zusammen und wolle einfach nur noch sterben. Woher kamen die Schmerzen bloß? Er bemühte seinen schmerzenden Schädel, kam aber auf Biegen und Brechen auf kein Ergebnis.

»Na, gut geschlafen?«, hörte er die hämische Stimme Babettes.

Luciens Antwort bestand in einem misslaunigen Knurren.

»Du hattest gestern etwas über die Stränge geschlagen«, erinnerte das Vampirmädchen ihn. »Ich hörte, für Sterbliche sind die landläufig Kater genannten Kopfschmerzen nach exzessivem Alkoholkonsum normal.«

»Und was hilft dagegen?«, brummte er.

»Nur das.« Und »das« war ein Schwall kalten Wassers mitten ins Gesicht.

Mit einem Male war Lucien hellwach. Er riss die Augen auf, keuchte und prustete und schüttelte sich vor Kälte. »Was sollte das?!«, schrie er erbost.

»Siehst du, schon sind deine Lebensgeister erwacht. Ziel erfüllt«, kommentierte Babette grinsend.

Lucien war wenig überzeugt von dieser Methode des Weckens. Murrend kämpfte er sich aus dem nassen Bettzeug und begann seinen Tag.

Sie wollten heute wieder nach Falkenring aufbrechen, da es für sie keinen Grund mehr gab, weiter in Einsamkeit zu verweilen. Die Heimat rief und lockte und mit ihr eine ganze Menge Anerkennung und Ruhm. Babette mochte es aufgrund ihrer vampirischen Natur nicht, im Licht der Sonne zu reisen, doch sie monierte nicht. Auch sie wollte wieder zurück in die Zuflucht.

»So schön es ist, auf einem Auftrag zu sein«, sagte sie. »Aber noch schöner ist es, nach getaner Arbeit wieder nach Hause zu kommen.«

Lucien konnte ihr da nur zustimmen.

»Es war gute Arbeit mit Euch«, verabschiedete Jaeel sie. »Besonders mit dir, Lucien Lachance. Vernon Roche hatte ein Auge auf dich geworfen und er tat gut daran. Du hast deinen Wert gezeigt.«

Lucien bedankte sich mit einer Verbeugung.

Babette stupste ihn mit dem Ellbogen an. »Aber lass dir das ganze Lob ja nicht zu Kopfe steigen!«, meinte sie mit herausgestreckter Zunge.

»Und Ihr, Babette, sollt nicht immer das Kind vor Leuten herauskehren, die wissen, dass Ihr schon so manche Dekade zählt«, sagte Jaeel.

Mit diesen Worten verabschiedeten sie sich. Der Argonier empfahl sich und verschwand in seinem Heim.

Der Rückweg wurde noch ungemütlicher als der Hinweg. Winter griff hier, so hoch im Norden von Tamriel, rasch um sich. Schnee hatte sich über alles gelegt und die Welt unter seinem weißen Leichentuch bedeckt. Lucien stellte sich vor, wie es war, frisches Blut auf dem makellosen Weiß zu vergießen. Sicherlich ein malerischer Anblick. Doch er sollte nicht dazu kommen. Nichts regte sich, kein Geräusch war zu hören. Selbst der Wind schwieg.

Der Winter hatte das Land in seinen Schlaf gezwungen.

»Die Winter in Himmelsrand sind hart«, sagte Babette. »Viel härter als in anderen Provinzen. Doch ich finde, dass gerade darin die Schönheit des Landes liegt. Es geht nicht nur um Morde und Blutvergießen. Der Winter lässt mich das für einen Moment vergessen und zeigt mir, wie schön das Land sein kann, das Leben, das es bevölkert.«

Lucien war erstaunt und stutzte. Von dem Vampirmädchen hatte er solche Worte nicht erwartet, Worte, die sich in so eindringlicher Weise für das Leben aussprachen, wo es doch sonst stets ihre Aufgabe war, Leben auszulöschen.

Für die meiste Zeit ihres Weges herrschte einvernehmliches Schweigen zwischen ihnen. Sie hüllten sich in Stille ebenso wie die Natur um sie herum. Die Tannen waren dick mit Schnee beladen, die vielen kleinen Flüsschen mit Eis bedeckt. Selbst der Karth begann an seinen ruhigeren Stellen erste dünne Eisschichten anzulegen. Alles glitzerte und war wie mit Puderzucker bestäubt.

Es war unheimlich, keinerlei Leben um sich herum wahrzunehmen, nichts zu hören und nichts zu sehen als weiße, erstarrte Landschaften.

Als sie wenige Tage später ein Schneesturm überraschte, erkannte Lucien, dass die Schönheit des Winters in Skyrim trügerisch war.

Sie entkamen gerade noch in den Windschatten einer Felsformation. Die Felsen hingen etwas über, sodass sich eine kleine Mulde bildete, in welche nur wenig Schnee geweht wurde. Sie nahmen etwas Holz aus ihrem Gepäck und entzündeten es mit einem kleinen Feuerzauber. Lucien knabberte etwas Dörrfleisch, während Babette in einem kleinen gusseisernen Topf Schnee sammelte und ihn über dem Feuer zum Schmelzen brachte. So ausgerüstet warteten sie den Sturm ab.

Es vergingen Stunden, in denen der eisige Wind pfiff, als wolle er jedes Leben auslöschen, dessen er habhaft werden konnte. Babette schien solche Wetterunbilden gewohnt zu sein, sie wirkte ruhig und gefasst, schien sogar die immer wieder zu ihnen heranwirbelnden Eispartikel zu ignorieren, die unangenehm in die Haut schnitten. Lucien hingegen zog die Kleidung bis hoch zu den Ohren und schlang alles um sich, das ihm Wärme spenden konnte. Babette, deren Kälteempfindlichkeit geringer war als die eines normalen Sterblichen, gab ihm sogar ihre Decke, die er ebenfalls dankend um sich schlang.

Der Sturm wehte bis weit in die Nacht hinein und türmte den Schnee zu hohen Wehen. Wenn sie ihn nicht immer wieder beiseitegeschoben hätten, wären sie alsbald eingeschneit gewesen.

Doch plötzlich legte sich das Heulen und Pfeifen des Windes, nur Momente später war es völlig abgeklungen. Dann dauerte es nicht mehr lang, bis die Wolkendecke aufriss und einen makellosen Himmel übersäht mit Sternen zeigte. Masser und Secunda standen beide hoch am Himmel, während die Nordlichter am Firmament flimmerten und Abermillionen Sterne funkelten.

Staunend kroch Lucien aus ihrem Versteck hervor und bestaunte das himmlische Schauspiel, das sich ihnen bot. Sein Atem stand ihm in kleinen, weißen Wolken vor dem Gesicht, doch für einen Moment spürte er die sie umgebende Kälte nicht.

»Solch ein klares Nordlicht ist selten und man findet es häufiger im Norden als im Süden des Landes«, sagte Babette. »Wir haben Glück. Schön, nicht wahr?«

Lucien konnte nur nicken und beobachtete die leuchtenden Bahnen, sie sich am Himmel entlang schlängelten. Mit Sicherheit hatte er schon das eine oder andere Nordlicht gesehen, seit er in Skyrim war, doch er hatte sie nie so bewusst wahrgenommen wie in dieser Nacht.

»Unser Dienst am Fürchterlichen Vater ist wichtig«, sagte Babette, als habe sie seine Gedanken gelesen – was sie wahrscheinlich auch getan hatte. »Aber es ist auch wichtig, auf uns selbst zu achten, zu bemerken, was um uns herum geschieht. Und am besten geht man dafür hinaus in die Wildnis dieses Landes.«

Sie beobachteten noch eine ganze Weile die Nordlichter und die langsamen Bahnen der zwei Monde. Das Feuer brannte indes zu einem winzigen Glimmen herab, doch sie achteten nicht darauf. Als sie schließlich genug gesehen hatten, legten sie lediglich eine Handvoll Scheite nach, wirkten erneut einen Zauber darauf und ließen ihr Feuer vollends herabbrennen, während sie sich zur Ruhe begaben.

Lucien erwachte trotz all der Lagen Stoffes um ihn herum mit steifen Gliedern. Babette war bereits wach und bereitete sein Essen vor; sie selbst verzichtete auf menschliche Nahrung, um ihren Proviant für Lucien aufzusparen. Sie konnte zwar normales Essen zu sich nehmen und konnte es auch genießen, aber bis auf den Geschmack hatte es keinerlei Nutzen für sie. Diese Rolle übernahm das Blut, das sie regelmäßig trank.

Sie sahen zu, dass sie bald aufbrachen und wieder Bewegung in ihre Muskeln bekamen, um warm zu werden. Der Schneesturm hatte ein Vorankommen jedoch zu einer unschönen Angelegenheit gemacht. Die Schneewehen waren hoch und oftmals nur schwer zu umgehen. Zudem hatten sie die Wege verdeckt, sodass alles von einer mehr oder weniger gleichförmigen Schneedecke bedeckt war, die alles gleich aussehen ließ.

»Dann eben immer der Sonne nach!«, meinte Babette fröhlich, als sei nichts weiter groß dabei.

Lucien sah es als gute Übung seiner Muskeln und als Mittel, um sich warm zu halten.

Der Rückweg dauerte wesentlich länger als der Hinweg und war auch deutlich beschwerlicher. Die einzigen, denen sie jetzt noch begegneten, waren Banditen, doch selbst diese entfernten jetzt selten weit weg von ihren Verstecken in Höhlen und alten Festungen. Händler und andere Reisende warteten auf bessere Reisebedingungen.

Erst als sie die Berge zu Falkenring hinter sich gelassen hatte, besserte sich ihre Lage etwas. Der Winter hatte das Land hier noch nicht allzu fest in seinem eisigen Griff, sodass der Schnee nicht so hoch lag. Das machte das ganze wesentlich angenehmer und sie konnten rascher ausschreiten. Die Aussicht auf die warme Zuflucht bescherte ihnen neue Lebensgeister und trieb sie voran.

Die letzten Sonnenstrahlen waren seit einiger Zeit im Westen hinter dem Horizont verschwunden, als sie endlich durchgefroren, wie sie waren, die Zuflucht erreichten. Selbst Babette hatte am Ende ihrer Reise ihre erhöhte Kälteresistenz nicht mehr viel genützt, auch sie hatte über den Frost in den Gliedern geklagt.

Der Schwall warmer Luft, der aus der Zuflucht strömte, hüllte sie ein und hieß sie willkommen. Jetzt wussten sie wirklich: Sie waren Heim. Erleichtert atmeten sie auf und rieben sich die steifen Hände, während sie in die wohlige Wärme traten.

Valdimar begrüßte sie als erstes. »Da seid ihr wieder!«, rief er dröhnend aus. »Wie schön! Los, kommt, ich habe heißen Met bereitgestellt!«

»Immer nur am Saufen«, scherzte Babette. »Denkt ihr Nord eigentlich an etwas anderes?«

»Durchaus«, fiel Hilda ein, die hinzugetreten war. »Zum Beispiel daran, dass jetzt kräftig gefeiert wird. Malik hat einen prächtigen Eber geschossen, ihr werdet sehen. Wie der schmecken wird!«

»So, was ist jetzt besser? Nur saufen oder saufen und fressen in einem?«, frotzelte Babette weiter.

»Na alles zusammen natürlich!«, rief Lucien aus, der es nicht mehr aushalten konnte. »Ich könnte das Schwein im Ganzen verdrücken!«

»Die Wette nehme ich an«, sagte Valdimar herausfordernd.

Lucien baute sich vor ihm auch, auch wenn es nicht allzu beeindruckend aussehen durfte, wie er, die halbe Portion, sich vor dem massigen Nord aufrichtete. »Die Wette gilt«, sagte er.

Hilda prustete los. »Das wird ein Schauspiel! Der Wicht gegen unseren Muskelprotz!«, lachte sie. »Los, los, alles vorbereitet, damit wir nicht allzu lange warten müssen!«

Niemand lies sich das zweimal sagen. Sogleich machen sie sich ans Werk und spannten sogleich auch Hjortkar, Malik und M‘raaj-Dar ein. Malik hatte bereits das Schwein beim Wickel und sich dafür als Assistenten den Khajiit ergattern können. Mithilfe der Magie und des fachkundigen Wissens des Rothwardonen breitete sich alsbald ein wunderbarer, appetitanregender Duft in der Zuflucht aus, der jedem von ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

Sie ließen nichts umkommen. Selbst die Organe, Sehnen, Fell und Knochen des Wildschweines fanden ihre Verwendung. Lucien war erstaunt, wie effektiv man die einzelnen Teile eines Tieres verwenden konnte. Er war kurzzeitig sogar so fasziniert von den Verarbeitungsmöglichkeiten von Organen und Knochen eines Tieres, dass er darüber das Arbeiten vergaß, bis Malik ihm eins mit dem Kochlöffel überzog.

Der Tisch wollte gedeckt werden und das an diesem Abend besonders reichlich. Sie plünderten ihre Vorratskammern, und niemand hinderte Valdimar, mehrere große Fässer und reichlich Humpen heranzuschaffen. Hinzu kamen mehrere Leib Käse, Unmengen an saftigen Äpfeln und Birnen, Fisch und Kartoffeln.

Die Stimmung war ausgelassen, jeder redete wild und angeregt durcheinander. Geschirr klirrte, Teller klapperten und im Herd prasselte das Feuer munter vor sich hin, während das Fett des Schweins herabtropfte und zischend in den Flammen verging.

Plötzlich merkte Lucien, wie er gepackt und auf den Tisch gestellt wurde.

»Ein dreifaches Hurra auf die halbe Portion!«, rief Babette aus. »Den Tituleius sind wir los!«

»Hurra! Hurra! Hurra!«, riefen die Mitglieder der Zuflucht einstimmig und pochten mit Messern, Humpen oder ihren bloßen Fäusten auf den Tisch, dass er nur so bebte.

»Los, die Fiedeln hervorgeholt! Musik!«, rief Malik.

Als hätte er nur auf dieses Stichwort gewartet, zückte Hjortkar eine Fiedel und stimmte eine lustige Melodie an. Zu Luciens Erstaunen war es Valdimar, der die Stimme zu einem passenden Lied erhob.

 

Kam einst ein Reck‘, Ragnar der Rote genannt, nach Weißlauf geritten, von Rorikstatt er stammt‘.

Groß‘ Reden schwang er, die Klinge gezückt, er prahlte von Kämpfen und Beuteglück.

Doch still ward der Rote, kein Wort mehr er sagt‘, als Schildmaid Mathilda beherzt vor ihn trat.

»Ihr prahlt und Ihr lügt und trinkt all unser‘n Met. Nun lasst uns doch seh‘n, ob der Tod Euch wohl steht!«

Und mit lautem Klirr‘n folgte schnell Hieb auf Hieb, bis schließlich ermattet er liegenblieb!

Ragnars Schädel rollt‘ auf dem Boden umher, seiner Taten er brüstet sich nimmermehr!

 

So ein scheußliches und zugleich passendes Lied konnten sich nur Nord ausdenken! Valdimar und Hjkortkar wiederholten das Lied einige Male und schon beim zweiten Mal fielen auch die anderen Familienmitglieder ein. Niemand achtete darauf, ob es wirklich gut klang oder überhaupt richtig war, aber es spielte auch keine Rolle. Auch Lucien grölte das Lied aus voller Kehle mit.

Schließlich pochte Hilda lautstark auf den Tisch. »Ruhe!«, brüllte sie, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. »Jetzt setzten wir uns alle und hören mir zu. Dann gibt’s Essen.«

»Zuerst Essen! Zuerst Essen!«, forderten Valdimar und Hjortkar lautstark.

»Ruhe!«, schnauzte Hilda sie an. »Erst Rede, dann Essen. Punkt.«

Maulend ließen die beiden Männer die Tortur über sich ergehen. Lucien kletterte derweil wieder von dem Tisch herab und wurde von Hilda an die Stirnseite des Tisches verfrachtet. Sie selbst postierte sich neben ihm und wartete, bis Ruhe eingekehrt war und sie die ungeteilte Aufmerksamkeit aller besaß.

»Seit langem war uns der kaiserliche General mit Namen Consantius Tituleius ein Dorn im Auge«, begann sie feierlich. Die Familienmitglieder hingen gebannt an ihren Lippen. »Er behinderte unsere Arbeit, verfolgte uns und spionierte unsere Geheimnisse auf. Am Ende wäre es beinahe so weit gekommen, dass er uns gefunden hätte. Doch eben nur beinahe!

Dank der Zusammenarbeit mit der Diebesgilde ist es uns gelungen, ihn zu überlisten. Er ist ein mieses, arrogantes Arschloch, das sich allmächtig wähnte, indem es dem Kaiser in den Arsch kriecht. Doch nichts dergleichen! Auch er ist nur ein Mensch, und wie jeder Mensch ist er unvollkommen, hat eine Schwachstelle.«

Zustimmendes Gemurmel erhob sich.

»Er glaubt an falsche Götter, ihre sogenannten neun Göttlichen. Doch es gibt nur einen Gott, und er ist unser Fürchterlicher Vater Sithis. Sithis beschützt seine Kinder und leitet sie in den Schatten, auf dass sie für sie Schutz sein mögen, für ihre Feinde aber eine tödliche Falle. Aus seiner unheiligen Liebe zu unserer Oberin wurden wir erschaffen, und im Zeichen seiner Liebe dienen wir ihm auf ewig.

Wer ihm treu ist, wird von ihm beschützt. Wer ihn verhöhnt, dem droht grausame Strafe und Höllenqualen zu seinen Füßen. Wir befolgten treu die Gebote, lebten im Kredo der Bruderschaft, und dafür wurden wir von ihm mit seinem Schutz belohnt.«

Lucien schaute in die Runde und bemerkte, wie alle andächtig dem Lobgesang auf Sithis lauschten. Dieser Anblick berührte etwas tief in ihm, von dem er bis jetzt nicht gewusst hatte, dass er es überhaupt besaß.

»Es gelang uns, wie ihr wisst, einen der unseren in Tituleius unmittelbare Umgebung einzuschleusen, in die denkbar günstigste Position: als sein Mundschenk. Ihr wisst, dass Lucien Lachance die Ehre zuteilwurde, diesen heiklen Auftrag auszuführen. Der eine oder andere hatte zu Beginn seine Zweifel ausgesprochen, doch sie alle waren ohne Grund. Es hätte keinen besseren geben können als Lucien, unsere halbe Portion.«

Hjortkar klopfte von allen am lautesten auf den Tisch.

»Es dauerte nicht lang«, fuhr Hilda fort, »als mich ein Botschaft erreichte, die wie Musik in meinen Ohren klang: Lucien hatte einen einfachen und effizienten Weg gefunden, wie wir uns Tituleius entledigen können: Sein Ruhestand wartet auf ihn!«

Gelächter und zustimmendes Klopfen auf den Tisch ertönte.

»Recht so!«, rief Valdimar. »Weg mit ihm!«

»Lang genug ist die Pestbeule uns auf die Nerven gegangen!«, stimmte Hjortkar mit ein.

»Der Kaiser äußerte schon seit einiger Zeit Zweifel an Tituleius weiterer Eignung für seinen Posten«, erklärte Hilda, nachdem die Zwischenrufe abgeklungen waren. »Und Summerset ist ein wunderbares Domizil für den Ruhestand. Unser liebster Feind wird es sich schon bald an den alabasterfarbenen Stränden der Hochelfen gemütlich machen dürfen.«

Tosender Applaus erscholl. Lucien war sich sicher, dass Hilda bereits vor einigen Tagen das Ergebnis seiner Bemühungen verkündet hatte. Dennoch war es schön, sich jetzt noch einmal von seiner Familie hochleben zu lassen und ihre Zustimmung und Freude über seine Tat zu erleben.

»Aber was rede ich hier noch?«, rief Hilda aus. »Los, ihr verfressenen Fettbäuche! Schlagt eure Hauer in das Fleisch und Lucien soll uns dabei selbst von dem berichten, was er erlebt hat!«

Es war, als hätte jemand eine Meute Hunde losgelassen. Sodann stürzten sich alle auf den Wildbraten und versuchten jeder für sich das größte und saftigste Stück abzubekommen. Malik versuchte für sich das Recht des Koches zu ergattern, konnte aber der geballten Macht von Valdimar und Hjortkar nichts entgegensetzen. Es musste erst Hilda beherzt eingreifen, bis sie alle Lucien durchließen und ihm das beste Stück überließen.

Rasch waren die Teller gefüllt und für eine Weile herrschte gefräßiges Schweigen. Lucien schlug sich den Magen voll und kam erst beinahe zu spät auf die Idee, den Geschmack des Bratens auch zu würdigen. Wann bekam man schon einmal die Gelegenheit, so fürstlich zu essen? Selbst für die aus seiner Sicht ohnehin schon luxuriöse Lebensweise der Dunklen Bruderschaft war das hier ein wahres Festessen. Wild zu erlegen und zu servieren, war ein Privileg des Jarls, und auch in Cyrodiil sah das Recht nicht anders aus, sodass sie bisher nur höchst selten wildern gegangen waren. Immerhin war Verschwiegenheit und Unauffälligkeit für sie von höchster Priorität.

»Jetzt aber, Lucien«, unterbrach Malik die Stille. »Ich will wissen, was dir alles widerfahren ist. Hilda hat uns keine Einzelheiten verraten, hinterhältig, wie sie ist.«

»Pappnase, du!«, drohte sie ihm, wurde aber ignoriert.

»Ich musste wirklich großes Leid durchmachen«, betonte Lucien sogleich mit einem Augenzwinkern. »Ihr glaubt ja gar nicht, wie oft mich das Bedürfnis überkam, dem alten Windbeutel seine lästerliche Zunge herauszuschneiden und sie ihm höchstselbst zu servieren, auf dass er erleben möge, wie Ketzerei schmeckt.«

Ein Lachen ging durch die Runde.

Für die nächste Zeit war Lucien damit beschäftigt, alles minutiös zu berichten, was er erlebt und mit angehört hatte. Es dauerte in der Tat so lange, dass das Schwein merklich abnahm. Immer wieder wurde er von nachhakenden Zwischenfragen unterbrochen, die ihn aufforderten, etwas noch genauer darzulegen. Am Ende glaubte er, jeden Stein in Festung Elend und jede Planke auf der Galeere genauestens beschrieben zu haben.

»Dieser Junge hat noch Großes vor sich«, prophezeite Malik. »Merkt ihn euch. Er hat Eier wie sonst kaum jemand. Denn zumindest ich hätte mir so einen Auftrag in so jungen Jahren nicht zugetraut. Spaziert einfach mitten unter den Augen des Feindes entlang und ist abgebrüht genug, noch im nächsten Atemzug den Maulwurf zu geben. Wer von uns hätte sich in dem Alter und mit so wenig praktischer Erfahrung da heran getraut? Stellt euch einmal vor, wenn er aufgeflogen wäre! Es wäre nicht sicher gewesen, ob Babette und Jaeel ihn rechtzeitig dort wieder hätten herausholen können. Im Falle des Falles wäre er auf dem Schafott oder am Strick gelandet! Denn Tituleius wird mit unsereins keine Gnade walten lassen, das hat er oft genug bewiesen.«

Lucien merkte, wie glühende Hitze ihm in die Wangen schoss. Wahrscheinlich war er soeben puterrot geworden. Da er ahnte, dass er vor lauter Verlegenheit jetzt keinen vernünftigen Satz mehr zustande bringen würde, schwieg er lieber.

»Ach, wisst ihr, ich hätte diese Kanaille liebend gern tot gesehen«, warf Valdimar ein. »Stellt euch doch nur einmal vor, wie wunderbar sein Schädel geknackt wäre, seine Gedärme sich auf den Boden verteilt hätten. Das ist Kunst!«

»Als würdet Ihr etwas von Kunst verstehen«, neckte Babette.

»Also ich für meinen Teil stimme der Ästhetik dieses Bildes durchaus zu«, sagte Hjortkar.

»Ich hatte genügend Zeit, um mir viel ausgefallenere Hinrichtungsmethoden für den alten Mann einfallen zu lassen«, warf Lucien in den Raum.

Und schon war das das Gesprächsthema Nummer eins für die nächsten Minuten. Sie erörterten ausführlich das Für und Wieder der verschiedenen Hinrichtungsmethoden, die sie Tituleius zudachten, hätten sie denn freie Hand, was dies beträfe. Lucien stellte fest, dass er zwar durchaus eine blühende Phantasie hatte, diese aber noch lange nicht mit den erfahreneren Dunklen Geschwistern mithalten konnte. Er spitze die Ohren und merkte sich gut, was sie an diesem Abend alles besprachen. Man wusste nie, wann man es gebrauchen könnte.

Mit der Zeit wurde Lucien immer ruhiger und zog sich aus den Gesprächen zurück. Er versank mehr und mehr in seine eigenen Gedanken. Schließlich bemerkte Hilda es.

»So schweigsam, halbe Portion, Held des Abends«, bemerkte sie mit einem Schmunzeln. »So kennt man dich doch gar nicht. Sonst platzt du bei jedem noch so kleinen Erfolg voller Stolz, und jetzt, wo du wirklich stolz sein kannst, weist du die allgemeine Anerkennung zurück und beachtest sie nicht weiter.«

»Ich denke über Eure Worte vorhin nach«, sagte Lucien ehrlich. »Das, was Ihr über Sithis gesagt habt.«

Die Werwölfin nickte. »Eine gute Sache, sich dazu einen Kopf zu machen«, bekräftigte sie ihn.

»Er wurde immer mal wieder erwähnt, dass er unser Schutzpatron ist und wie in seinem Namen Leben nehmen«, sagte der Junge weiter. »Aber wirklich viel hat mir nie jemand etwas über ihn erzählt. Es ging bei meiner Ausbildung vor allem um meine Fähigkeiten als Familienmitglied der Bruderschaft, nicht aber um Religion oder wie auch immer man das nennen will. Ich frage mich, wer er ist – und ob überhaupt ich es gewesen war, der den Auftrag zu seinem Erfolg führte, oder ob es nicht am Ende egal war, wer das ausführende Instrument gewesen war.«

»Die Zweifel der Jugend, ich kenne das«, sagte sie. »Auch ich war einst jung, ehrgeizig und ambitioniert. Genau wie du, junger Lucien. Ich glaubte, die Welt verrücken zu können mit dem, was ich tat. Und als Werwolf fühlt man sich gleich noch einmal viel stärker als Normalsterbliche. Man besitzt überlegene, animalische Instinkte und Stärke und wähnt sich jeder Herausforderung gewachsen.

Doch das macht noch lange keinen würdigen Diener für Sithis aus, bei weitem nicht! Erst das, was in dir steckt, macht dich in seinen Augen würdig. Erst, wenn du zeigst, dass du dich unseren Geboten als würdig erweist, schenkt unser Fürchterlicher Vater dir seine Gunst.«

»Es ist also nicht egal, durch wen er bei meinem Auftrag gehandelt hat?«, fragte Lucien hoffnungsvoll nach.

»Nein, nein, so ist das nicht«, widersprach sie. »Er handelt nicht durch dich, er leitet dich. Am Ende warst es noch immer du, der den Auftrag zu seinem ruhmreichen Ende brachte. Es war ein ungewöhnlicher Auftrag, einer, bei dem wir die Hilfe der Diebe benötigten, denn es ging nicht darum, ein Leben zu nehmen. So etwas kommt selten vor, höchst selten, um genau zu sein. Sithis verlangt nach Blut und er bekommt Blut. Doch dieses Mal hatte auch er erkannt, dass Blut hier nicht zum Ziel führt, es ganz im Gegenteil sogar alles noch verkompliziert hätte. Er gewährte dir seine Gunst, um dir bei deinem ungewöhnlichen Auftrag zu helfen. Das ist es, was Sithis uns gewährt.

Wir sind die irdische Verlängerung seines Armes auf Nirn. Er ist ein Gott, und ein Gott kann nicht jede irdische Angelegenheit selbst regeln. Also braucht er Handlanger. Doch ebenjene Handlanger sind nicht immer vollkommen. Was wir nicht haben, kann er uns nicht geben, aber er kann verstärken, was wir bereits besitzen.

Verstehst du das?«

Er nickte. »Ich … denke schon«, sagte er langsam und nachdenklich. »Aber wer ist Sithis nun? Ihr redet immer von einem Gott, aber alle, die an die Neun Göttlichen glauben, streiten die Existenz eines weiteren Gottes neben ihren ab.«

»Wer ist Sithis?«, wiederholte Hilda mit einem leichten Lächeln. »Eine wirklich gute Frage, junger Schlächter. Eine Frage, die wir uns alle immer und immer wieder stellen und selten zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommen.

Wer also ist Sithis? Am Ende musst du dir die Frage selbst beantworten. Doch stelle dir folgendes vor: eine mondlose Finsternis, eine Nacht, schwärzer und kälter als alles, was du jemals erlebt hast. Materialisierte Angst, Leid und Pein. Er ist das, was die Schwachen fürchten, denn sie kennen es nicht. Er ist das, was uns Schutz gibt und unseren Feinden eine Falle. Das ist Sithis, das ist unser Fürchterlicher Vater.«

Lucien sah sie mit großen Augen an, während es hinter seiner Stirn arbeitete. Er schwieg, und Hilda akzeptierte das Schweigen. Sie schien zu merken, dass er Zeit benötigte, um ihre Worte zu verarbeiten und in sich aufzunehmen. Sie hallten lange in ihm nach und brannten sich in sein Gedächtnis.

»Denk in Ruhe darüber nach«, riet sie ihm im sanften Tonfall. »Das benötigt seine Zeit, ich weiß.«

Sithis kann mir nicht geben, was ich nicht habe, sagte er in Gedanken vor sich hin. Doch er kann verstärken, was ich bereits besitze. Und das war ein wahrlich ermutigender Gedanke, denn er war der Ansicht, dass er bereits so einige Fähigkeiten erworben hatte.

»Aber genug des religiösen Geredes«, wechselte Hilda das Thema. »Los, Lucien, genieße die Feier, denn immerhin ist sie zu einem nicht geringen Teil auch für dich ausgerichtet worden. Das Geschäftliche können wir immer noch hinterher klären.«

»Was meint Ihr damit?«, fragte er nach.

Doch sie winkte ab. »Komm einfach heute Abend in meine Gemächer«, sagte sie nichtssagend. »Das hier ist weder der Ort noch die Zeit dafür.«

Etwas verwirrt nickte Lucien, hielt sich aber an ihre Worte und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Feier.

Mittlerweile, wo bereits einiger Met geflossen war – und das Gesöff der Nord war in der Tat reichhaltig –, hatte sich die Stimmung noch mehr gelockert als ohnehin. Von diversen delikaten Aufträgen waren sie mittlerweile zu teils unerhört schmutzigen Geschichten gekommen. Garniert wurde das Ganze mit einigen derben Liedern Valdimars und Hjortkars. Auch Malik durfte das eine oder andere Lied aus der mächtigen Alik‘r Wüste zum Besten geben. Dann wurde die Gesellschaft für einige Augenblicke still, versank in andächtiges Schweigen und lauschte dem Lied der uralten Wüste. Der Wind heulte, Sand rieb über die Haut und die Sonne brannte. Dann wusste jeder, wie mächtig und überwältigend die allgegenwärtige Natur war, und empfand tiefen Respekt vor ihr.

Doch das dauerte nur kurz an. Sobald Malik sein Lied endete, waren sie alle wieder im Hier und Jetzt, im vom Winter umfangenen Skyrim, im Fürstentum Falkenring und in ihrer Zuflucht. Bald gingen sie wieder zu diversen Trinkliedern über, und es wurde noch einige Male »Ragnar der Rote« gesungen. Am Ende tanzten sie alle auf den Tischen und grölten das Lied. Es erweckte den Anschein, als wetteiferten sie darum, wer es am lautesten und schlechtesten singen konnte.

Sie alle waren bereits mehr oder weniger betrunken und verloren allmählich ihre Hemmungen. So war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis etwas passierte.

Krachend brach der Tisch unter ihnen zusammen.

Fluchend und zeternd wurden sie unter Essen, Holz, Geschirr und untereinander begraben. Es gab ein großes Durcheinander und kurzzeitig wussten sie nicht mehr, zu wem welche Gliedmaßen gehörten. Doch dann brachen sie fast einstimmig in herzhaftes Lachen aus.

»Was für ein Abend!«, brachte es Malik auf den Punkt.

 

Später am Abend kam Lucien zu Hilda, wie sie es gewünscht hatte. Er hatte sich immer wieder gefragt, was sie wohl von ihm wollen könnte. Zumal jetzt, direkt nach der Siegesfeier! Doch es blieb ihm freilich nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu üben. Also steckte er seinen Kopf in einen Eimer eiskalten Wassers, um zumindest ein wenig die Folgen des Alkohols zu vertreiben, und machte sich dann auf den Weg.

Malik, Hjortkar und Valdimar machten sich noch immer einen schönen Abend, während sich Babette und M‘raaj-Dar bereits zurückgezogen hatten. Lucien rieb sich den übervollen Bauch. Er war die Wette mit Valdimar eingegangen und hatte gezeigt, dass er sehr wohl wie ein Nord essen und trinken konnte. Oder zumindest ein Nord mit seiner Statur. Er war dem bärartigen Mann weit unterlegen gewesen, wie zu erwarten gewesen. Aber zumindest hatte er es versucht, was sein Ansehen bei seinen Dunklen Geschwistern gehörig gesteigert hatte.

Nun, der schmerzende Magen und der brummende Schädel waren unangenehme Nebeneffekte der Feier. Doch er beschloss, es wie ein Mann zu ertragen.

Hilda schien von nichts beeindruckt zu sein. Sie wirkte lebendig wie eh und je, als sie, ebenfalls wie üblich, vor ihrem Schreibtisch saß und verschiedene Karten und Dokumente konsultierte. Ein Dolch steckte in einer großen Karte, genau dort, wo Einsamkeit lag.

Als der Junge den Raum betrat, blickte sie sogleich auf und begrüßte ihn mit einem Lächeln.

»Sehr schön, dass du gekommen bist«, sagte sie. »Setz dich.«

Er kam dem nach und sah sie erwartungsvoll an.

»Ich denke, dass das, was ich dir nun zu sagen habe, dich sehr freuen wird«, begann sie. »Gleichzeitig ist es eine sehr wichtige Nachricht, die ich dir nicht unbedingt im Trubel der Feier zukommen lassen, dennoch aber nicht erst bis morgen warten wollte. Ich denke, du wirst verstehen, warum, wenn ich dir sage, um was es geht.

Ich kontaktierte sogleich Sprecherin Arela Drewani, sobald mich die Nachricht Babettes aus Einsamkeit erreichte, in der sie mir mitteilte, was du herausgefunden hattest. Die Sprecherin zeigte sich im höchsten Maße erfreut über deinen enormen Fortschritt. Wie du weißt, habe ich sie stets darüber auf dem Laufenden gehalten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Sie sieht die Zeit für deine Rehabilitation für gekommen. Du hast deine Strafe, wenn man es jetzt noch überhaupt so nennen will, bei uns im eisigen Skyrim abgesessen und kannst wieder nach Cheydinhal in deine Heimatzuflucht zurückkehren.«

Lucien war baff, und ihm klappte der Unterkiefer herunter. »Wirklich?!«, rief er nach einem kurzen Moment des Schweigens aus. »Ich meine, ich darf wirklich und wahrhaftig wieder nach Hause zurück?« Dann fiel ihm siedend heiß ein: »Das soll nicht heißten, dass ich so schnell wie möglich hier weg will! Es ist wirklich toll hier und meine Geschwister hier sind sehr freundlich zu mir und ich habe eine wirklich wunderbare Zeit hier verbracht.«

Grinsend unterbrach Hilda ihn mit einer Geste. »Ist ja gut, ist ja gut«, sagte sie. »Das weiß ich doch. Ich weiß aber auch, dass du insgeheim Heimweh hast. Ich verstehe das sehr gut. Wenn ich mir vorstelle, dass ich wegen eines Verstoßes gegen ein Gebot in eine Zuflucht in einem fernen Land verbannt werde, bis ich meine Strafe abgesessen habe, kann ich mir sehr gut vorstellen, wie du dich gefühlt haben musst.«

Lucien war so überrumpelt, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Die Aussicht, endlich wieder nach Hause zu können, versetzte ihn in eine unglaubliche Euphorie, die er gar nicht in Worte fassen konnte. Mit einem Male hatte er es handfest: Er war nicht mehr geächtet, war es vielleicht nie, und durfte endlich wieder in seine gewohnte Umgebung zurückkehren.

»M‘raaj-Dar wird dich übrigens begleiten«, sagte Hilda. »Er soll ebenfalls nach Cheydinhal gehen, um dort von Caelwen in der Magie ausgebildet zu werden; wir können ihm hier einfach nicht die nötigen Mittel geben. Ah, ich sehe schon an deiner Miene, dass das dir nicht wirklich schmeckt. Aber so ist nun einmal der Lauf der Dinge: Du wirst immer mit Personen zu tun haben, die du nicht leiden kannst, das lässt sich nicht vermeiden. Unter uns: Die Katze ist mir auch nicht sonderlich sympathisch.

Was dich betrifft, so kannst du aufbrechen, wann du willst. Ich habe keine weiteren Aufträge mehr für dich, sodass dich keine weiteren Verpflichtungen an uns binden.

Und lass dir gesagt sein, halbe Portion: Es war eine schöne Zeit mit dir. Anfangs war ich zugegebener Maßen wie viele hier skeptisch, als es hieß, dass du wegen eines Verstoßes gegen unsere Gebote zu uns strafversetzt wurdest. Es war nicht allein Vicente Valtieris Zuspruch, der mich eines besseren belehrte, es warst vor allem du, Lucien. Du hast gezeigt, was in dir steckt, und dass du wahrlich ein geachtetes Mitglied unserer Familie bist. Du bist nicht mehr nur der Neuling, den Drewani in der Gosse der Kaiserstadt aufgelesen hat mit den Händen an der Kehle seines Freundes.«

»Malvin war kein Freund«, hielt Lucien kalt dagegen und wunderte sich sogleich, dass er noch den Namen des Elfenjungen kannte, dessen Tod ihm Tür und Tor zur Familie geöffnet hatte.

»Aber auch kein Feind«, hielt die Werwölfin dagegen. »Er war dein Verbündeter als Mitglied deiner kleinen Bande von Straßenratten. Du hast ihn ermordet, mit kaltem Herzen und ruhigen Gewissens, und das zeigt, dass du durch und durch einer der unseren bist.«

Lucien lächelte. Solche Worte hörte er gern. »Ich danke für das außerordentliche Lob«, sagte er daher.

»Wenn es nach mir ginge, würdest du schon längst den Rang eines Eliminators tragen«, sagte sie. »Drewani sprach sich noch dagegen aus, aber ich denke, dass das hauptsächlich in ihren Bedenken bezüglich deines Alters begründet liegt. Du bist noch sehr jung, nur wenige kommen zu uns und zählen so wenige Jahre wie du. Aber du zeigst großes Talent und noch größeren Ehrgeiz und das zeigt mir, dass du zu Großem bestimmt bist. Ich wette darauf, dass du noch von dir hören lässt.«

 

Hildas Worte sollten prophetisch sein, doch das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Lucien für seinen Teil war unendlich froh darüber, dass er nun endlich wieder rehabilitiert war und seine Heimat wiedersehen durfte. Gleichzeitig bedauerte er es auch durchaus, seine neu gewonnenen Freunde jetzt zu verlassen. Er hatte auch diesen Teil der Familie schätzen und lieben gelernt.

Als es hieß, dass Lucien sie in den nächsten Tagen zusammen mit M‘raaj-Dar die Zuflucht verlassen würde, um nach Cheydinhal zu gehen, zeigten sich alle erfreut für den Jungen, dass er nun endlich wieder auch offiziell eine reine Weste hatte. Gleichzeitig betonte jeder, dass er den Jungen vermissen würde und er auch ab und zu an sie denken sollte. Lucien versprach es hoch und heilig.

»Ich für meinen Teil habe nie an dir gezweifelt«, sagte Malik. »Du bist wirklich aus gutem Holz geschnitzt.«

»Und man sieht ja, was aus dir geworden ist«, fügte Babette an. »Immer noch eine halbe Portion, aber mittlerweile doch nicht mehr ganz so halb.« Sie kicherte ob ihrer kruden Formulierung.

Valdimar legte Lucien seine große Pranke auf die Schulter. Etwas zu grob, denn Lucien schwankte unter der Wucht der Hand. »Üb schön das Trinken, damit du mir ein würdiger Gegner bist, wenn wir uns wieder sehen!«, sagte er.

Hilda schnaubte abfällig.

Auch Hjortkar hatte einige Abschiedsworte zu sagen. »Führ‘ die Legion schön weiter an der Nase herum«, sagte er. »Das haben diese Windbeutel verdient, und ich spreche aus Erfahrung, wie du weißt.«

Lucien war von alldem sehr gerührt. »Das ist … also, das ist sehr, wirklich sehr, nun, lieb von euch«, stammelte er in Ermangelung besserer Worte. Er hasste es in, in solchen Momenten einfach nicht die richtigen Worte zu finden.

»Wir wissen, was dich umtreibt, Junge«, rettete ihn Hilda. »Da wir alle mittlerweile sehr an die hängen, wollen wir dir ein Geschenk machen, damit du uns nicht vergisst.

Ich habe dich vor ein paar Tagen gebeten, mir deinen Elfendolch zu leihen. Hier siehst du, warum.«

Sie zog die Waffe aus ihrem Gewand und überreichte sie Lucien. Dieser zog den Dolch aus seiner Schmuckscheide und staunte nicht schlecht. Ein magisches Flimmern lag auf der Klinge.

»Ihr habt ihn verzaubert!«, rief er erfreut aus.

»Eher verzaubern lassen«, winkte sie ab. »Mit einem Eilboten zur Akademie geschickt und rechtzeitig wieder zurückgekommen. Anonym freilich. Du findest einen Paralysezauber darauf sowie einen Frostverzauberung, damit deinen Feinden ihre Furcht im Herzen auf ewig festfrieren möge. Auf dich selbst hat der Dolch nun den Effekt, dass er deine Künste der Heimlichkeit verstärkt, wenn du ihn trägst, auf dass dich niemand mehr bemerken wird, wenn du dich an deine Beute heranschleichst. Die Waffe wird dir hoffentlich gute Dienste leisten und Sithis‘ Namen alle Ehre machen.«

»Jede gute Klinge braucht einen Namen«, fügte Malik an. »Überlege ihn dir gut.«

Schweigend aber mit Dankbarkeit drückte Lucien den Dolch an sich. Er war nun wahrlich das kostbarste, was er besaß.

Auch M‘raaj-Dar wurde mit reichlichen Abschiedsworten und dem einen oder anderen Geschenk bedacht. Der Abschied fiel allen schwer, man merkte es. Sie waren sich alle teure Gefährten geworden, die wussten, dass man sich aufeinander verlassen konnte. Besonders der Khajiit schien nicht wirklich gehen zu wollen und seine gewohnte Umgebung zu verlassen, egal, was am Ende seines Weges auf ihn warten würde.

Doch schließlich waren die letzten Worte gesprochen und Babette hatte sich zusätzlich theatralisch einige Tränen aus den Augen gedrückt. Lucien und M‘raaj-Dar hüllten sich in ihre dicke Winterbekleidung, warfen die Pelze um die Schultern, nahmen ihr Gepäck und wandten sich schließlich zum Gehen.

Eisige Kälte schlug ihnen entgegen. Das Land war endgültig im Winter und Schnee erstarrt. Doch der Khajiit kannte den einen oder anderen Zauber, um sie beide auch auf magische Weise vor dem Frost zu bewahren. Er hüllte sie in Feuermäntel, sobald sie die Zuflucht hinter sich gelassen hatten, um keine allzu deutlichen Spuren zu ihr zu hinterlassen. In die Flammen eingehüllt, hatten sie es angenehm warm und es lief sich auch sodann leichter, da der Schnee in ihrer unmittelbaren Umgebung von der Wärme geschmolzen wurde.

Es wurde schnell ersichtlich, dass M‘raaj-Dar kein wirklich umgänglicher Reisegefährte war, geschweige denn gesprächig. Nach nur wenigen missglückten Versuchen, die Reise etwas abwechslungsreicher zu gestalten, gab Lucien es auf und freute sich lieber über das Gewicht seines Geldbeutels. Es war wahrlich enorm, denn sein Lohn für den Tituleius-Auftrag war fürstlich ausgefallen. Ganze achthundert Septime durfte er nun sein Eigen nennen. Das war stattlich, besonders für jemanden von seinem Rang. Unter anderem daran konnte er ermessen, wie wichtig der Bruderschaft sein Auftrag gewesen war.

Lucien war mittlerweile geübt darin, sich mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. So störte es ihn wenig, dass M‘raaj-Dar ihn den Großteil der Reise anschwieg, und wenn er etwas zu sagen hatte, dann nur knappe Anweisungen gab, wie er das Lager einzurichten hatte, damit der Khajiit es am besten mit seiner Magie vor den Unbilden des Wetters schützen konnte.

Überhaupt war es ihnen nur dank der unfreundlichen Katze möglich, dass sie zu dieser Jahreszeit über die Jerall-Berge nach Cyrodiil reisten. Die Schneestürme fegten unerbittlich über sie hinweg, bestrebt, jedes Leben auszulöschen, so schien es Lucien.

Es war nicht so, dass ihr Weg leicht war, keinesfalls. Aber er war erträglich und keineswegs so mühsam, als hätten sie sich ohne Magie in die Berge gewagt. Doch nicht alle Gefahren waren gebannt.

M‘raaj-Dars Magie war noch keinesfalls so mächtig (und würde es vielleicht auch nie sein), als dass er die Lawinen hätte abhalten können, die immer wieder von den Hängen herabgingen. Das eine oder andere Mal hätte nicht fiel gefehlt und sie wären unter Tonnen von Schnee begraben worden. Nur Glück rettete sie manchmal vor einem eisigen Tod.

Lucien bereute es nicht, den Weg dennoch zu dieser Jahreszeit angetreten zu sein. Er konnte es mit jedem Schritt weniger abwarten, endlich wieder Heim zu sein, und dafür war ihm jedes Risiko recht.

Außerdem bestand die ungewisse Frage, was mit Sares Areles war. War er wirklich tot oder war an den Worten Phillidas nichts dran, heiße Luft wie alles, was er und der General von sich gegeben hatten?

Die Ungewissheit nagte mehr und mehr an ihm. Areles war ihm ein Freund, ein sehr guter sogar, der ihm gezeigt hatte, wie wichtig und wunderbar solche zwischenmenschlichen Werte doch waren. Dass sie das Leben um viele Farben bereicherte und froher machten. Lucien hatte bis zu dem Moment, in dem die Dunkle Bruderschaft ihn als neues Familienmitglied aufgenommen hatte, nur Konkurrenz, gegenseitige Missgunst und Verrat gekannt. Niemand schenkte einem Straßenjungen ein freundliches Wort oder gar ein Lächeln, und Menschlichkeit schon gar nicht. Vielleicht waren die Bettler manchmal nett zu ihnen, aber auch sie waren immerhin selbst kaum besser dran als die Straßenkinder. Die meisten Bewohner der Kaiserstadt sahen Dreck in ihnen, lästiger Gossendreck, der beseitigt werden musste.

Areles war einer der ersten gewesen, der Lucien nicht nur ein anderes Leben angeboten, sondern ihm auch tatsächlich gezeigt hatte, wie so ein Leben aussehen konnte.

Es drängte ihn mit jedem Schritt mehr zur Eile, so sehr, dass M‘raaj-Dar ihn schon unwillig zurückhalten musste.

Sie brauchten keine Woche, um die Jerall-Berge zu überqueren, dabei die Grenze zum Herzland zu überschreiten, Bruma hinter sich zu lassen und über abgelegene Pfade in der Wildnis allmählich in wärmere Gefilde zu kommen. Ab hier war es Lucien, der M‘raaj-Dar führte, denn er kannte diese Wege besser. Allzu oft war er sie noch nicht gegangen, das ja, und das letzte Mal lag ebenfalls bereits einige Zeit zurück, aber es zeigte sich, dass er ein gutes Gedächtnis für seine Umgebung hatte.

Auch Cyrodiil lag im Winterschlaf, doch bedingt durch das südlichere Klima handelte es sich hierbei um wesentlich humanere Temperaturen lediglich um den Gefrierpunkt herum. Es war mehr unangenehm als alles andere, durch das nasskalte Tauwetter zu stapfen und tagein, tagaus nichts als kahle Bäume und einen grauen Himmel zu sehen.

Nichtsdestotrotz war dies hier Heimat, war Lucien hier zu Hause und fühlte sich hier geborgen.

M‘raaj-Dar begann herumzujammern. Er fauchte gelegentlich missgelaunt, wenn ihm wieder einmal ein Tropfen Tauwasser das Fell durchnässt hatte oder sein Schwanz in eine Schlammpfütze eintauchte. Lucien gab sich Mühe, nicht auf ihn zu achten, aber es war schwer.

Ebenso schwer war es, ein Nachtlager zu finden. Der Khajiit versuchte es zu Beginn mit Feuermagie, merkte aber schnell, dass Nutzen und Aufwand in keinem Verhältnis zueinander standen. Der Boden war so durchgeweicht, dass es kaum etwas nutzte, wenn er ihn zu trocknen versuchte. Und war er nicht durchgeweicht, dann war er gefroren und taute, sobald M‘raaj-Dar Feuer auf ihn wirkte. Missgelaunt ließ er es und fand sich damit ab, permanent nass zu sein. Es dauerte nicht lang, bis er sich eine Erkältung eingefangen hatte, was ihn noch einmal wesentlich ungemütlicher werden ließ. Er begann damit, Lucien für jedes noch so kleine Vergehen zu beschuldigen, und wenn es nur seiner Meinung nach eines war. Die Geduld des Jungen wurde auf eine harte Probe gestellt.

Lucien selbst hatte mit der ungemütlichen Witterung keine großen Probleme. Auch er mochte sie nicht gerade, aber er war es zumindest noch aus seiner Zeit in den Straßen der Kaiserstadt gewohnt. So begab es sich, dass er einen vergleichsweise tiefen Schlaf in diesen Nächten hatte. Ebenso kam es, dass er, als er während seiner Wache eingenickt war, auch nicht merkte, dass sich jemand an ihr Lager einen Tagesmarsch vor Cheydinhal herangeschlichen hatte.

Erst, als ihm eine äußerst starke Hand auf den Mund gepresst wurde, bemerkte er seinen Fehler. Er wollte schreien, sich wehren, doch dann sah er altbekannte rote Augen vor sich in der Finsternis aufblitzen. Augenblicklich stellte er alle Gegenwehr ein. Die Hand wurde weggenommen.

»Vicente!«, rief Lucien überglücklich aus.

Vicente lachte auf. »Da ist ja wieder mein liebster Stift!«, sagte er. »Willkommen daheim!«

Wie Vater und Sohn

Die Wiedersehensfreude war bei allen groß. Jeder zeigte sich erfreut, Lucien wiederzusehen und ihn wieder in ihren Reihen zu wissen. Alle wollten sie alles zugleich wissen und redeten bei ihrer Ankunft aufgeregt auf ihn ein. Lucien kam gar nicht dazu, auch nur ein Wort zu sagen. Stattdessen strahlte er einfach über das ganze Gesicht.

Alle waren sie hier. Alle, bis auf einen. Die Erkenntnis, dass Phillida nicht gelogen hatte, traf ihn sehr. Der General hatte Sares Areles in der Kaiserstadt aufknüpfen können.

Lucien war nicht nach Feiern zumute, nachdem er den Dunkelelfen vergebens in den Reihen seiner Familienmitglieder gesucht hatte. Also hatten sie beschlossen, es bei den herzlichen Willkommensworten zu belassen. Caelwen hatte sich immerhin höchst erfreut über M‘raaj-Dars Ankunft gezeigt und den Khajiit sogleich in Beschlag genommen.

Der Junge war für den Rest des Tages niedergeschlagen und schweigsam. Seine anfängliche Freude über seine Heimkehr war rasch verflogen. Er nahm sich Sares‘ Bogen Schwarze Flamme aus der Waffenkammer, zog sich in die Wohnräume zurück, setzte sich auf sein Bett und starrte die Waffe in seinen Händen an.

Das Eibenholz atmete förmlich den Dunkelelfen. Alles an ihm erinnerte auf einmal an den lieben Freund, der nicht mehr war. Nicht einmal ein Grab hinter der Festung Farragut, wo all ihre verstorbenen Familienmitglieder begraben waren, konnten sie ihm geben. Phillida hatte den Körper in der Kaiserstadt zur Schau gestellt, den Raben zum Fraß und dem gemeinen Pöbel zur Schau. Als abschreckendes Beispiel, was mit denen geschah, die auf so blutrünstige Weise gegen das Gesetz des Kaisers verstießen, wie er angeblich gesagt haben sollte.

»Ich denke, du solltest den Bogen behalten«, hörte er auf einem Male Vicente hinter sich sagen.

Lucien fuhr erschrocken herum. Der Vampir besaß wie alle seiner Art die Fähigkeit, sich völlig lautlos anzuschleichen. Vielleicht hatte er auch einen kleinen Zauber gewirkt, die Schule der Illusion war den Vampiren ebenfalls in die Wiege gelegt.

»Ja, ich denke wirklich, dass du ihn an dich nehmen solltest«, fuhr Vicente fort. »Du hingst sehr an Areles, und er an dir. Ich glaube, er hat es dir nie gesagt, aber er hat dich als Schüler sehr hoch geschätzt. Wir haben momentan niemanden, der dich so gut in den Künsten der Heimlichkeit und des Bogenschießens ausbilden kann wie er, daher wirst du auf eigene Faust dein Können verbessern müssen. Der Bogen ist eine exzellente Waffe und dir daher sicher dienlich sein.«

»Ich kämpfe lieber mit dem Messer«, sagte Lucien, drückte aber dennoch die Schwarze Flamme an seine Brust. »Aber wenn ich darf, werde ich ihn dennoch behalten, weiter mit ihm üben und vielleicht eines Tages mit eben dieser Waffe Phillida töten.«

»Ein hochgestecktes Ziel, aus dem deutlich der Rachegedanke spricht«, stellte Vicente mit einem warnenden Ton in der Stimme fest. »Rache ist etwas höchst Destruktives. Sie zerstört nicht nur die, die ihr Ziel sind, sondern auch diejenigen, die auf Rache aus sind.«

»Aber er hat Meister Areles getötet, ihn zur Schau gestellt wie Schlachtvieh!«, begehrte Lucien auf. »Ihr habt nicht gesehen, was ich in Einsamkeit gesehen habe, Ihr habt nicht mit angehört, welch verblendete Fanatiker Tituleius und Phillida und die ganze Bagage sind!«

»Und du, Lucien, zählst kaum anderthalb Dekaden. Dir wächst ja noch nicht einmal ein Bart«, konterte Vicente gelassen. »Ich hingegen zähle mehrere Jahrhunderte, derer zwei ich der Bruderschaft treu diente. Ich denke, dass es doch eindeutig ist, wer von uns besser über die Feinde unserer geschätzten Familie Bescheid weiß. Und nicht zuletzt: Bedenke, was Sinn und Zweck deines letzten Auftrages war, in dem du genau diese Dinge mit anhörtest. Es ist uns möglich, unsere Feinde auszulöschen. Aber es ist nicht immer sinnvoll.«

»Sithis verlangt nach Blut …«

»Und Sithis bekommt es«, fiel der Vampir ihm ins Wort. »Doch es ist nicht immer das, das auch du ihm geben willst. Habe Vertrauen, Lucien, und mäßige deinen Zorn und deinen Kummer. Es ist gut, dass du deinem Freund hinterher trauerst, doch trauere nicht allzu lange und bedenke, dass keiner von uns jemals im hohen Alter friedlich in seinem Bett einschlafen wird. Areles Schicksal ist traurig, aber Gang und Gäbe in unseren Reihen.«

»Der Tod ist ein zweischneidiges Schwert«, sagte Lucien nach einer Weile des Schweigens leise. »Die eine Seite schneidet durch unsere Feinde, die andere durch uns. Es tut weh, so sehr.«

»Das sind durchaus wahre Worte, mein junger Freund«, pflichtete Vicente ihm bei, während er sich neben ihn setzte. »Doch du wirst dich an diesen Schmerz gewöhnen müssen, so leid es mir tut. Leben zu nehmen, ist einfach. Ein Hieb mit dem Dolch durch die Halsschlagader und es ist erledigt. Doch wenn einem ein Leben genommen wird, sieht alles auf einmal ganz anders aus. Geh hinaus auf die Straßen, töte, wer auch immer dir vor die Klinge kommt, und du wirst sehen, es wird dir bald besser gehen. Doch lasse nicht deiner Rache freien Lauf. Sie blendet dich, macht dich blind für das, was um dich herum geschieht, und damit angreifbar und verwundbar.«

»Ihr … Ihr sprecht ja aus Erfahrung«, sagte der Junge stockend. »Ihr habt so viele Dunkle Brüder und Schwestern sterben sehen, wenn Ihr schon so lange Teil der Familie seid.«

»Und es ist jedes Mal, als würde ich den Schmerz das erste Mal erleben«, wisperte der alte Vampir.

Ein stilles Einvernehmen herrschte in diesem Moment zwischen ihnen. Sie waren Brüder im Geiste, verstanden einander und wussten, dass auch der andere sie verstand. Der Schmerz in Luciens Augen wich allmählich der Dankbarkeit für Vicentes tröstende Worte, was dieser als Anlass nahm, ihn in seine Arme zu ziehen und ihn tröstend an sich zu drücken.

Ein wenig überrumpelt von der Geste der Zuneigung sperrte sich Lucien zunächst. Er fühlte sich bedroht, gefangen und wollte nicht, was mit ihm geschah. Doch dann merkte er, dass nur die erste Überraschung sich negativ anfühlte, die Empfindung, umarmt zu werden, jedoch eigentlich sehr angenehm war, wärmend und schützend und ganz und gar nicht bedrohlich. Langsam entspannte er sich, ließ es mit sich geschehen.

Es war seine erste Umarmung.

»Ich habe etwas für dich, das dich vielleicht auf andere Gedanken bringt«, sagte Vicente nach einer Weile. »Arbeit war schon immer das beste Mittel gegen unerwünschte Emotionen. Aber lass uns das besser in meinen Gemächern besprechen, nicht hier, wo man stets ein und aus geht.«

Fast schon widerwillig löste sich Lucien aus der Umarmung und vermisste das gute Gefühl sofort.

In Vicentes Gemächern angekommen, setzten sie sich an den Tisch und Vicente goss ihnen beiden, wie er es gern tat, etwas zu trinken ein. Für Lucien gab es mittlerweile kein Wasser mehr, sondern guten Surillie Wein. Der Vampir trank, freilich, Menschenblut.

»Die Morag Tong bereitet uns momentan wieder Probleme«, sagte er geradeheraus. »Deshalb ist es, denke ich, an der Zeit, dich in die unbequeme Wahrheit einzuweihen, vor der wir uns bisher immer drückten.«

»Die Morag Tong ist wie wir eine Organisation von Meuchelmördern, die für Geld töten«, sagte Lucien und merkte selbst, dass das eigentlich quasi nichts war.

»Sie sind wohlgemerkt die einzig legale Organisation dieser Art und daher in dem Ruf, für politische Ränkespiele herangezogen zu werden«, ergänzte Vicente. »Die Wahrheit ist, dass sie, wie uns, jeder anheuern kann, wenn er nur genügend Geld zur Verfügung hat. Im Gegensatz zu uns handelt die Morag Tong jedoch nie ohne sogenannte Vollstreckungsbescheinigungen, die jede Wache in Morrowind darauf hinweist, dass die Person, die den Schein besitzt, im rechten Auftrag gemordet hat. Wohlgemerkt in Morrowind, denn die Morag Tong ist in erster Linie eine Organisation der Dunkelelfen. Der Kaiser toleriert sie zwar, befürwortet sie aber nicht.

Es passt niemandem in der Dunklen Bruderschaft, es sich eingestehen zu müssen, aber unsere Wurzeln liegen bei der Morag Tong. Sie verehren die Daedrafürstin Mephala und sind damit im Kern ebenfalls eine religiöse Vereinigung. Doch einige Brüder und Schwestern erkannten, dass die Morag Tong einen falschen Weg einschlägt, falsche Akzente setzt. Die Brüder und Schwestern aber, die dies erkannten, dienten lieber ihrem Fürchterlichen Vater Sithis, spalteten sich von der Morag Tong ab und gründeten die Dunkle Bruderschaft.

Seitdem sind sich beide Seiten spinnefeind. Die Morag Tong versucht immer wieder, diesen Dorn in ihrem Auge namens Dunkle Bruderschaft auszulöschen, denn sie sieht in uns Verräter. Wir versuchen gelegentlich dasselbe mit ihnen, denn für uns verfolgen sie den falschen Glauben, dienen den falschen Herren und aus niederen, irdischen Gründen, nicht aber, um unserem Fürchterlichen Vater Sithis zu huldigen.«

»Und das ist jetzt wieder passiert«, kam Lucien auf die einleitenden Worte zu sprechen. »Die Morag Tong hat versucht, einen unserer Brüder oder Schwestern zu ermorden.«

»Nicht irgendwen. Den Zuhörer höchstselbst wollten sie meucheln wie einen gemeinen Bettler auf der Straße.«

Die Worte hingen unheilschwanger zwischen ihnen. Für einige Momente sagte niemand etwas.

»Bis auf ein paar Blessuren ist ihm nichts geschehen«, fuhr Vicente fort. »Aber dennoch ist das ein offener Affront an uns, den wir nicht hinnehmen können. Es muss etwas unternommen werden.«

Er stand auf und holte eine Karte aus einem Regal, die er vor ihnen auf den Tisch ausbreitete. »Wir haben Anzeichen ausgemacht, dass sich die Morag Tong entgegen ihren eigentlichen Auftragsgebieten bis nach Cyrodiil vorgewagt hat. Anscheinend haben sie ein Lager bei den südlichen Ausläufern der Valus Berge errichtet, in etwa hier in diesem Gebiet um den See Canulus.« Er deutete darauf.

Lucien beugte sich über die Karte und entzifferte mit einiger Mühe die kleine, geschwungene Handschrift des Kartographen – mit dem Lesen hatte er es immer noch nicht so wirklich. In der Umgebung des Sees konnte er eine Miene und mehrere Festungen sowie eine Ayleiden-Ruine ausmachen, die dort markiert waren.

»Sie können in den Festungen Zuflucht gesucht haben, vielleicht aber auch nicht«, sagte Vicente. »Das bleibt noch zu untersuchen. Am besten freilich, indem wir hingehen und uns umsehen.«

»Wir?«, fragte Lucien, dem die Wortwahl freilich nicht entgangen war.

»Ja, wir«, bestätigte der Vampir. »Du liegst mir sehr am Herzen, Lucien, und ich weiß, was in dir steckt. Daher wäre ich sehr froh, dich bei diesem Auftrag an meiner Seite zu wissen. Außerdem will ich ganz profan sehen, was du alles unter Hildas Knute gelernt hast. Es wird sicher eine Menge sein, wenn du derjenige sein durftest, der Tituleius ausspioniert.«

Lucien machte große Augen. Vicente war ebenso wie Cassius Proximo und Hilda ein Henker, abgesehen von der Sprecherin Arela Drewani eines der fähigsten Mitglieder der Dunklen Bruderschaft, die er bisher kennengelernt hatte. Ihn in Aktion zu sehen, dürfte noch einmal etwas ganz anderes sein, als einen Assassinen bei der Arbeit beobachten zu können.

»Das ist wirklich großartig!«, sagte er daher begeistert. »Ich fühle mich wirklich sehr geehrt.«

Vicente grinste und entblößte dabei sein Raubtiergebiss. »Das wird sicherlich ein großer Spaß, diese Pfeifen ein wenig aufzumischen.« Er lehnte sich zurück, griff zu seinem Kelch und gönnte sich einen kräftigen Schluck. »Doch vorher gehen wir auf den Markt. Morgen ist Markttag, und ich habe Lust, mich ein wenig unters Volk zu mischen. Kommst du mit?«

Lucien nickte eifrig. Es freute ihn, wenn Vicente bereitwillig etwas mit ihm unternahm.

»Ach, beinahe hätte ich es vergessen«, fügte der Vampir an. »Du hast eine neue Dunkle Schwester, Mirabelle Fani mit Namen. Eine Bretonin, was dich vielleicht freuen wird, in etwa in deinem Alter. Sie ist noch nicht allzu lange bei uns, erst ein paar Wochen. Sei also nett zu ihr, sie gewöhnt sich noch ein.«

Der Junge nickte. »Wie ist ihre Geschichte?«, fragte er neugierig.

»Ihr Vater war ein Baron aus Colovia, ihre Mutter eine Dienstmagd auf seinem Landgut«, berichtete der Ältere. »Die beiden hatten eine, freilich, unlautere Affäre miteinander, aus der Mirabelle hervorging. Ihr Vater war ein Säufer, der immer wieder gewalttätig seinen Bediensteten gegenüber wurde, sobald er zu viel getrunken hatte. Irgendwann hatte er im Suff Mirabelles Mutter erschlagen. Sie sann auf Rache und stach ihn ab. Danach floh sie und schlug sich eine Weile als Bettlerin in Skingrad durch. So fand Drewani sie und brachte sie zu uns.«

Eine Geschichte wie jede andere auch. Viele der Mitglieder ihrer Familie hatten eine ganz ähnliche Vergangenheit. Lucien freute sich in der Tat, jemand Gleichaltrigen kennenzulernen, bei dem die Möglichkeit bestand, dass er mit ihm gut auskommen könnte. Also verabschiedete er sich von Vicente und machte sich auf die Suche nach dem Mädchen.

Er fand sie in den Wohnbereichen, auf ihrem Bett liegend und die Decke bis zu den Ohren hochgezogen. Sie lag mit dem Rücken zu ihm, sodass er nicht sehen konnte, ob sie schlief oder einfach nur dalag. Er beschloss, sich dennoch ihr zu nähern, um sie sich genauer anzusehen.

Als er um das Bett herumgegangen war und sich auf das Gegenüberliegende setzte, bemerkte er, dass sich das Mädchen an eine Stoffpuppe klammerte, sie fest an ihre kleine, flache Brust drückte und ihr Gesicht in ihrem Haar vergraben hatte. Etwas glitzerte feucht auf ihren Wangen. Etwa Tränen?!

Lucien war sich unsicher, wie er sich verhalten sollte. Er beschloss so zu tun, als hätte er nichts gesehen.

»Hallo«, sagte er daher. »Ich bin Lucien Lachance und du bist bestimmt Mirabelle Fani.«

Das Mädchen schniefte erschrocken, anscheinend hatte sie ihn nicht bemerkt. Hastig steckte sie die Puppe unter die Decke, als sei es ihr peinlich, dass er sie mit dem Kinderspielzeug gesehen hatte, und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dann setzte sie sich auf und tat, als sei nichts gewesen.

»Hallo«, erwiderte sie tonlos und versuchte gleichzeitig, möglichst finster drein zu schauen.

Unordentliches braunes Haar rahmte ein blasses, schmales Gesicht ein, aus dem umso größere rehbraune Augen Lucien genauestens musterten. Sie hatte ihren Mund zu einer schmalen Linie verkniffen, der dem runden Gesichtchen jedoch kein bisschen Schärfe geben konnte. Auf ihrer linken Wange prangte eine kleine Narbe, kaum zu sehen, wenn man nicht genau hinsah. Blasse Sommersprossen zierten Nase und Wangen.

In Luciens Kopf ratterte es. Was sollte er sagen? »Bist du traurig?«, fragte er daher etwas hilflos.

Nun wurde ihr Blick doch erstaunlich finster. »Nein, alles bestens«, log sie.

»Aber ich habe gesehen, dass du eine Puppe an dich gedrückt hast«, bohrte er weiter nach im Versuch, ein Gespräch anzufangen.

»Gar nichts hast du gesehen!«, fauchte sie ihn an.

»Du bist ja freundlich«, stellte er nun selbst erbost fest.

»Und du eine Nervensäge!«, konterte sie.

Schnaubend stand er auf. »Dann gehe ich eben wieder, wenn du so böse bist«, sagte er und machte auf der Stelle kehrt. Er hörte noch, wie sie hinter ihm lautstark die Zunge herausstreckte.

»Zicke«, murmelte er noch vor sich hin, aber laut genug, als dass sie ihn hören konnte.

 

Wie versprochen, gingen Vicente und Lucien am nächsten Tag auf den Markt. Einmal im Monat war Markttag in Cheydinhal. Während seines ersten Jahres in der Zuflucht hatte Lucien nie die Gelegenheit gefunden, auch einmal an diesem Tag in die Stadt zu gehen.

Sie hatten sich die Kleidung normaler Bürger als Tarnung ausgesucht, und Vicente hatte besonders viel Blut getrunken, um das Aussehen eines normalen Bretonen zu erlangen, auch wenn er dafür für einige Tage seine Vampirfähigkeiten einbüßte. Lucien hatte ihn noch nie so gesehen, so, wie er vielleicht einst war, bevor er dem Vampirismus erlegen war. Er war überrascht. Vicente wirkte beinahe aristokratisch mit einer noblen Blässe und seiner scharf geschnittenen Hakennase. Überhaupt war er auf einmal so … menschlich.

Lucien verstand immer mehr, warum Vampire die weithin gefürchteten Jäger der Sterblichen waren. Sie sahen aus wie ihre Beute, sie sprachen und handelten wie sie – und schlugen ohne Vorwarnung ihre Beute. Er war mit einem Male sehr froh, dass Vicente an die Gebote gebunden war.

Die Stadt war voll, trotz des nasskalten Wetters. Aus der ganzen Umgebung waren die Menschen und Elfen nach Cheydinhal gekommen, um an dem geselligen Treiben teilhaben zu können. In den Straßen waren bunt geschmückte Stände aufgebaut, die die verschiedensten Waren und Dienstleistungen boten. Lucien machte sogar die eine oder andere Karawane der Khajiit aus.

Auch Straßenkünstler waren zu finden, die mit ihren zahlreichen Kunststücken, Tänzen und Liedern die willige Zuschauerschar unterhielten und auch reichlich Applaus und so manchen Septim dafür ernteten. Lucien blieb mit leuchtenden Augen stehen, bestaunte, zu welchen Kunststücken die Akrobaten der Schauspieltruppen fähig waren, und klatschte gemeinsam mit den anderen Zuschauern begeistert Beifall. Vicente beobachtete ihn lächelnd.

»Komm, ich kauf dir etwas Schönes«, schlug er vor. »Das kennst du bestimmt noch nicht.«

Mit fragendem Blick folgte Lucien ihm zu einem Stand, an dem sich bereits eine Gruppe Kinder versammelt hatte. Vicente bahnte sich vorsichtig einen Weg zwischen ihnen hindurch und lotste Lucien vor zur Auslage.

Da sah der Junge, was hier feilgeboten wurde: Süßigkeiten.

Sahne- und Honignussschnitten gab es, ebenso wie Apfelkuchen und Karabellbonbons. Auch etwas, das Lucien nicht kannte und der Händler als Zuckerwatte anpries, war hier zu finden. Die umstehenden Kinder waren auf die weiße, fadige Masse, die tatsächlich sehr nach Watte aussah, ganz besonders scharf.

Ein süßlicher Geruch lag in der Luft, der Lucien sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Süßigkeiten waren in der Tat etwas, das er bisher noch nie in seinem Leben in einem halbwegs akzeptablen Zustand hatte genießen dürfen. Wenn überhaupt.

»Was wünschen der edle Herr für seinen Sohn?«, fragte der Mann, ein Kaiserlicher, hinter dem Tresen.

Lucien brauchte einen Moment, ehe er begriff, dass er Vicente angesprochen hatte. Dachte er, er sei der Sohn des Vampirs? Der Gedanke gefiel dem Jungen.

»Eine Portion Zuckerwatte bitte«, sagte Vicente und holte drei Septime aus seinem Geldbeutel, den er gut geschützt vor Dieben unter seiner Kleidung an der Brust trug.

Der Händler machte sich sofort daran, dem Wunsch nachzukommen. Die umstehenden Kinder maulten, dass Vicente vor ihnen bedient wurde, doch der Händler ignorierte sie. Offensichtlich hielt er die beiden Neuankömmlinge für wohlhabende Bürger, wenn nicht gar Angehörige des niederen Adels. Solche Personen hatten freilich Vorrang.

Geschickt fischte er mit einem dünnen Holzstab die Zuckerwatte aus ihrer Wanne. Schnelle entstand ein weißer, wattiger Bausch an dem Holzstab, der Lucien an eine Wolke an einem sonnigen Sommertag erinnerte.

Mit einem breiten Lächeln überreichte der Händler dem Jungen die Nascherei, welcher sie mit leuchtenden Augen entgegennahm. Er konnte es kaum abwarten, von der unbekannten Süßigkeit zu kosten, doch er wartete brav, bis Vicente bezahlt hatte und sie sich aus der Gruppe der begierigen Kinder gelöst hatten. Dann aber schlug Lucien seine Zähne in das, wie er sehr schnell feststellte, klebrige, wattige Zeug.

Es schmeckte wie Zucker, purer Zucker, gleichzeitig aber auch so, wie sich Lucien den Geschmack einer Wolke vorstellte, luftig und weich. Er konnte gar nicht genug davon bekommen und stürzte sich begierig darauf. Beinahe vergaß er sogar, sich dafür zu bedanken, doch Vicente schien es nicht zu stören. Er lächelte nur und beobachtete, wie Lucien glücklich das Geschenk verzehrte.

»Das ist toll!«, kommentierte der Junge. »Ich finde, das sollte es überall und immer geben!«

Vicente musste lachen. »Aber wenn du immer dann Zuckerwatte bekommen kannst, wenn du es willst, dann ist es doch nichts Besonderes mehr. Sieh einmal, wie du dich jetzt darüber freust. Wäre Zuckerwatte für dich alltäglich, würdest du dich bald nicht einmal mehr im Ansatz darüber freuen.«

Lucien dachte für einen Moment darüber nach. Dann nickte er. »Hm, das stimmt wohl«, meinte er dann.

Man fand an diesem Tag alles Mögliche in der Stadt. Viele verschiedene Dinge wurden verkauft, die man sonst eher selten zu Gesicht kam, und auch die ortsansässigen Händler packten nun auch ihre ganz besondere Ware aus. Vor dem Schmied fanden sie beide einen Stand mit dessen Meisterwerken, wunderschön ziselierten Rüstungen und Waffen. Vicente blieb stehen, um die Arbeiten mich fachkundigen Blick zu betrachten. Er war nicht darauf aus, etwas zu kaufen, hatte aber sichtlich Vergnügen an einem fachkundigen Gespräch mit dem Schmied.

Auch die Magiergilde hatte einen Stand errichtet, an welchem sie magische Tränke und Bücher verkaufte. Nahebei führten einige Adepten kleine magische Kunststückchen vor, mit denen sie die Zuschauer beeindrucken und sich den einen oder anderen Septim dazuverdienten. Auch die Kämpfergilde warb neue Rekruten, indem sie im Hinterhof ihres ortsansässigen Gildenhauses einen Turnierplatz eingerichtet hatten und zeigten, was sie konnten.

»Ich finde es nicht gerecht, dass wir anders als die Morag Tong als illegal gelten und damit nicht auch offen zeigen dürfen, was wir können«, sagte Lucien leise genug, dass die Umstehenden ihn nicht verstehen konnten.

Vicente verstand ihn sehr wohl. »So ist nun einmal leider der Stand der Dinge«, kommentierte er, wechselte dann aber das Thema. »Sieh einmal unauffällig dort hinüber«, sagte er und wies mit dem Kopf in die angesprochene Richtung.

Lucien linste und sah ein offensichtlich adeliges Paar, das von einigen Wachen des Schlosses begleitet wurde. Sie waren anscheinend ebenfalls daran interessiert zu sehen, was die Kämpfergilde zu bieten hatte. Lucien war ein wenig erstaunt darüber, dass es sich um zwei recht junge Dunkelelfen handelte.

»Das sind Graf Andel Indarys und seine Gemahlin Llatharsa, von Gnaden des Haus Hlaalu zum Grafen und Gräfin von Cheydinhal ernannt«, sagte Vicente leise. »Das ist erst einige wenige Jahre her, aber sie schlagen sich gut, besonders in Hinblick auf uns.«

»Der Graf sieht her«, stellte Lucien irritiert fest. »Er scheint Euch zu kennen.«

Soweit er es ausmachen konnte, wirkte der Graf sogleich unruhiger, als er Vicente in der Menge der Zuschauer ausgemacht hatte.

»In der Tat«, sagte der Vampir. »Er kennt die meisten Mitglieder der Zuflucht – und er fürchtet sie. Er weiß, dass wir hier, in seiner kleinen, beschaulichen Stadt, unsere Heimat errichtet haben, und er weiß ebenso, dass ihm Böses droht, wenn er uns verrät. Also hält er den Mund. Er ist ein schlauer Mann, was das angeht.«

»Mich scheint er nicht erkannt zu haben«, stellte Lucien fest.

»Nein, dich kennt er noch nicht. Aber er sieht dich an meiner Seite und kann sich denken, wer du bist. Lasse deine Hände am besten gut sichtbar und mache keine hastigen Bewegungen, damit er erkennen kann, dass wir hier nichts … Unlauteres tun wollen. Ich will nicht, dass er nervös wird und dumme Dinge tut, die er später bereuen wird.«

Wie um seine Worte zu untermalen, lächelte Vicente und nickte dem Grafen unauffällig zu. Selbst auf die Entfernung sah Lucien, wie der Dunkelelf erbleichte, was hieß, dass seine Haut eine bläuliche Färbung annahm. Es sah skurril aus.

Sie blieben nicht mehr lange und machten sich bald wieder auf den Weg. Mittlerweile hatte es leicht zu schneien begonnen und Lucien beobachte seinen Atem, der ihm in kleinen weißen Wolken vor dem Gesicht stand. Gelegentlich blies er extra stark, um die Wölkchen beim Verwehen zu beobachten. Er bemerkte erst recht spät, dass Vicente ihn lächelnd beobachtete.

»Ist etwas?«, fragte der Junge verwundert.

Vicente nickte ab. »Nein, nein, ich schaue nur«, meinte er ohne sein Lächeln zu unterbrechen.

Manchmal verstand Lucien seine Mitmenschen einfach nicht.

»Pass auf Straßendiebe auf«, wechselte der Vampir das Thema. »Wie du mittlerweile weißt, unterhalten wir gute Beziehungen zur Diebesgilde, aber nicht jeder ihrer Diebe erkennt uns auch auf der Straße und in Zivil. Ich würde sehr gern ein im Falle des Falls nötiges, klärendes Gespräch vermeiden.«

»Als ich mit Hilda in Riften war, hatte ein Dieb versucht, mir meine Geldbörse zu stehlen«, erzählte Lucien.

»Und was hast du mit ihm angestellt?«, fragte Vicente neugierig nach.

»Ich habe ihm die Augen ausgestochen. Ein gerechter Tausch, wie ich finde.«

Das schien dem Vampir sehr zu gefallen. »Gerecht, fürwahr«, pflichtete er ihm bei. »Das hätte ich gern miterlebt. Du musst mir überhaupt bei Gelegenheit erzählen, was du alles in Skyrim erlebt hast, Stift. Das würde mich sehr interessieren.«

Die Schneeflocken fielen mittlerweile etwas zahlreicher, schwebten sanft zur Erde und blieben an den abgelegeneren Ecken sogar allmählich liegen, ohne sogleich zu tauen.

»Ich glaube, ich habe dir nie wirklich viel über mich erzählt, mein lieber Lucien«, sagte Vicente. »Würdest du gern meine Geschichte hören?«

Lucien nickte eifrig. »Wenn Ihr sie mir erzählen wollt, sehr gerne!«, betonte er.

Die Zuckerwatte war mittlerweile aufgegessen. Mit Bedauern leckte der Junge seine klebrigen Finger, während er aufmerksam seinem Mentor lauschte.

»Ich stamme aus Hochfels, genauer aus Wegesruh«, begann er seine Erzählung. »Die Valtieris waren ein angesehenes, wenn auch nicht allzu mächtiges Adelsgeschlecht. Meine Familie wurde im Krieg des Roten Diamanten ausgelöscht, als sie sich dafür entschied, auf der Seite der Wolfskönigin Potema in den Krieg gegen die Kaiserin Kintyra II zu ziehen, daher ist dieser Name nun, dreihundert Jahre später, nur noch Schall und Rauch.

Wie so gut wie jeder junge adelige Bretone war auch ich begeisterter Anhänger der gelehrten Wissenschaften. Besonders Geschichte und Archäologie hatten es mir angetan, was wiederum etwas ungewöhnlicher war, da Bretonen, wie du weißt, vor allem wegen ihrer Politiker bekannt sind. Ich liebte es einfach, die Spuren längst Vergangenem zu erforschen, im Dreck der Jahrtausende zu wühlen und lang vergessene Geheimnisse zu enthüllen.

Dann brach der Krieg aus, im welchem Potema den Drachenthron der Kaiser von Tamriel für sich erobern wollte, genauer für ihren Sohn Uriel III. Die Jungen stürmten mit Begeisterung voran, um der Wolfskönigin die Macht zu erkämpfen, die sie meinte rechtmäßig zu besitzen. Auch ich bewarb mich für den Einsatz im Feld, aber man beschloss, dass ich besser in der Aufklärung platziert wäre.

Also tat ich das, es lag mir ohnehin viel besser, wie sich bald zeigen sollte. Zum Kriegsverlauf will ich gar nichts groß weiter sagen, die Daten und Fakten kennst du ja.«

Lucien behielt lieber für sich, dass er so viel davon gar nicht mehr wusste.

»Es war um das Jahr 124 der Dritten Ära herum, als ich Befehl erhielt, mit einigen weiteren Aufklärungstrupps nach Morrowind zu gehen. Es ging das Gerücht um, dass kaiserliche Spione der feindlichen Heerführer Cephorus und Magnus, der Brüder Potemas, dort unsere Linien unterwanderten und nun Gerüchte ausstreuten, um Morrowind dazu zu bewegen, die Seiten zu wechseln. Wir sollten sie ausfindig machen und beseitigen.

Also suchten wir, gingen den Spuren nach, wie wir es all die Jahre zuvor ebenfalls taten.

Das Aschland von Vvardenfell war der Ort, wo es geschah, wo unsere Truppe von einer Gruppe Vampire überfallen wurde. Sie töteten uns nicht, sondern infizierten uns nur mit der porphyrischen Hämophilie. Ich glaube, sie wollten uns zu ihren willfährigen Dienern machen und nicht einfach nur als Nahrungsquelle nutzen.

Daraus wurde allerdings nicht viel. Meine Gefährten überlebten die Infektion nicht. Entweder starben sie gleich an Schwäche oder fielen dem Wahnsinn anheim und fanden auch alsbald den Tod. Nur ich überlebte – allerdings nicht im Sinne der Vampire, die uns überfallen hatten. Ich war stärker, als sie angenommen hatten, weitaus stärker, und besaß genügend Willensstärke, mich ihrem Bann zu widersetzen. Es war mir ein leichtes, mit meinen neu gewonnenen Fähigkeiten und meiner Stärke sie zu überwinden und einen nach dem anderen in Stücke zu reißen, denn ich war wütend über das, was sie mit mir geplant hatten.

Mir gefiel ausnehmend, was sie mir zum Geschenk gemacht hatten. Oh, sicher, ich hörte Gerüchte, dass eine Heilung möglich sei, aber ich hatte keinerlei Interesse daran. Ich verlor recht schnell das Interesse am Krieg und merkte, worin meine wahre Leidenschaft lag: in der Jagd.

So vergingen nahezu einhundert Jahre, in denen ich wild und unabhängig durch ganz Tamriel streifte und Jagd auf alles machte, was warmes, köstliches Blut in sich trug. Nach Hause kehrte ich nie wieder zurück, ich erfuhr erst lange danach, dass mein Haus ausgelöscht worden war.

Schließlich fand mich die Dunkle Bruderschaft. Es war der damalige Zuhörer höchstselbst, der mir sein Angebot unterbreitete, seiner Familie beizutreten. Er erkannte, welch unschätzbaren Wert meine Fähigkeiten für die Familie hatten. Auch ich sah, dass ich nur gewinnen konnte. Teil der Familie zu sein, bedeutete Schutz, Akzeptanz und vor allem: geregeltes Essen. So wunderbar es als Vampir auch ist, den normalen Sterblichen überlegen zu sein wie der Wolf in der Schafherde, solch ein Leben barg auch nicht zu unterschätzende Gefahren. In der Bruderschaft konnte ich meine Fähigkeiten hingegen frei entfalten und jeder nahm mich so, wie ich war. Ich glaube, meine eigene Familie damals in Wegesruh hatte mich nie so geliebt, wie es meine Dunkle Familie nun tut.«

Vicente endete, und es wurde deutlich, dass er nichts mehr hinzuzufügen hatte. Eine Weile wanderten sie durch den Schneefall und die Menschengruppen in den Straßen. Niemand sagte ein Wort.

»Danke«, sagte schließlich Lucien. »Danke, dass Ihr mich daran habt teilnehmen lassen.«

Vicente quittierte es mit einem Lächeln.

An einer Straßenecke nahe der Magiergilde zu Cheydinhal hatte eine weitere Schauspieltruppe ihre Bühne aufgebaut. Sie führten gerade ein Stück auf, welches Kaiser Uriels Septims Gefangenschaft in den Reichen von Oblivion behandelte. Darin kämpfte soeben der Kaiser gegen einen grässlich verkleideten Dremora. Dieser eher bemitleidenswerte denn furchterregende Anblick verleitete einen nahebei stehenden Magier der Gilde, selbst einen Zauberspruch zu skandieren und einen waschechten Dremora direkt von den Ebenen von Oblivion zu beschwören.

Die umstehenden Menschen stöhnten wie ein Mann auf, als sie den Daedra erblickten. Viele wichen zurück und einige flohen auch. Auch Lucien zupfte Vicente aufgeregt am Ärmel und zeigte auf die beschworene Kreatur, die mit herablassendem Blick die Sterblichen um sie herum betrachtete und dann ihrem Meister einen finsteren Blick zuwarf.

»Das ist doch gefährlich!«, protestierte Lucien. »Das darf er doch nicht machen! Er kann doch nicht einfach so einen Daedra mitten auf einer Straße beschwören.«

Vicente lachte auf und legte seinem jungen Schützling beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Eine beschworene Kreatur ist entweder bis zu ihrem Tod oder ihrer Entlassung an den Beschwörer gebunden«, erinnerte er. »Sie muss seinen Befehlen gehorchen. Außerdem sind nur sehr wenige Magier mächtig genug, um die Kreaturen Oblivions dauerhaft an Nirn zu binden. Der Dremora wird gleich wieder verschwunden sein.«

Lucien sah unsicher erst zu Vicente auf und dann zu dem Magier, der mittlerweile zufrieden die Arme vor der Brust verschränkt hatte und triumphierend zu den Schauspielern herüberblickte. Diese drohten ihm mit wüsten Gesten, dass er sie aus dem Mittelpunkt des Interesses gedrängt und ihre Zuschauer und Kunden verscheucht hatte.

Wie der Vampir gesagt hatte, verschwand der Dremora alsbald wieder und die Umstehenden entspannten sich rasch. Scheinbar gelangweilt begann der Magier, mit beschworenen Feuerbällen zu jonglieren. Die Beschimpfungen der Schauspieler wurden immer wüster, bis sie schließlich erbost abzogen und sich einen anderen Posten in der Stadt suchten.

»Wann willst du eigentlich bemerken, dass wir seit geraumer Zeit verfolgt werden?«, fragte Vicente unvermittelt mit einem spöttischen Ton in der Stimme.

»Werden wir? Von wem denn?« Es war Lucien peinlich, so etwas nicht bemerkt zu haben. Andererseits: Er hatte auch nicht die Sinne eines Vampires.

»Deiner kleinen Freundin Mirabelle Fanis«, erklärte ebenjener. »Du hast gestern noch mit ihr geredet. Erzähl, wie findest du sie?«

»Sie ist nett«, sagte Lucien rasch. »Eben eine Dunkle Schwester.«

»Mein kleiner Freund, ich merke doch, wenn du lügst.« Doch Vicente sagte es nicht in einem strengen Ton.

Verlegen senkte der Junge den Blick. »Na gut«, brummte er. »Sie ist eine nervige, kleine Zicke, die mich grundlos angepflaumt hat. Ich wollte nur nett sein, aber sie wurde gleich kratzbürstig wie eine Katze. Dabei habe ich ihr nichts getan!«

»Außer vielleicht etwas zu forsch nachgebohrt?«, schmunzelte der Vampir.

Wie machte er das bloß? Lass er etwa seine Gedanken?

»Ja, das tue ich.«

»Das macht Ihr mit Absicht!«, protestierte Lucien.

Nun konnte sich Vicente nicht mehr zurückhalten und brach in schallendes Gelächter aus. »Verzeih bitte, aber es macht zu viel Spaß! Du müsstest dich sehen können!«

Lucien versuchte ein möglichst finsteres Gesicht zu ziehen, aber das Zucken seiner Mundwinkel war sehr schwer zu unterdrücken.

»Und du, junge Dame, kannst nun endlich hervorkommen«, wandte sich Vicente an jemanden hinter ihm.

Lucien hörte ein erschrockenes Keuchen und dann das leise Tappen von jemandem, der nicht bemerkt werden wollte. Mirabelle kam geduckt hinter einer Hauswand hervor und sah sich nervös um. Offensichtlich fühlte sie sich so offen auf der Straße nicht wohl.

»Hat es einen Grund, dass du uns gefolgt bist?«, fragte Vicente. »Wenn du auch den Markt besuchen willst, hättest du nur fragen müssen und ich hätte dich ebenfalls eingeladen. Willst du vielleicht Zuckerwatte?«

Anscheinend war Zuckerwatte Vicentes neueste Geheimwaffe.

Mirabelle deutete auf Lucien. »Er ist derjenige, der für General Tituleius‘ Absetzung gesorgt hat«, sagte sie leise. »Außerdem hat er bei Meister Areles gelernt. Da Meister Areles jetzt tot ist, will ich von ihm lernen. Ich will ihn beobachten.«

Vicente musterte sie genau und runzelte kaum merklich die Stirn. »Du bist also hier, um zu lernen«, sagte er. »Löblich, aber ausnahmsweise einmal nicht angebracht. Wir sind nur hier, um uns ein wenig zu vergnügen. Das solltest du vielleicht auch machen. Soll ich dir wirklich keine Zuckerwatte kaufen?«

Mirabelle war ganz offensichtlich aus dem Konzept gebracht. Man sah ihr förmlich an, dass sie nicht begreifen konnte, dass Mitglieder der Dunklen Bruderschaft auf einem geselligen Fest waren, um sich zu vergnügen und nicht etwa Beute zu machen.

Da das Mädchen schwieg, ergriff Vicente nun die Initiative. »Los, komm, ich kauf dir ebenfalls Zuckerwatte. Und wenn du willst, kannst du auch auf einem Pony reiten. Ich habe dort hinten wirklich hübsche ausgemacht, du wirst sehen.«

Mirabelle fand keine Gelegenheit zur Gegenwehr. Vicente schnappte sie kurzerhand und bugsierte sie zielstrebig durch die Straßen. Es dauerte nicht lang, da war auch Mirabelle stolze Besitzerin einer prächtigen Zuckerwatte.

Lucien selbst hatte jedoch nicht weniger zu staunen. Am gestrigen Tag hatte es noch den Anschein erweckt, dass sie ihn nicht ausstehen konnte und nun schien es, als habe sie ihn zu ihrem Vorbild erkoren. Warum, war ihm allerdings schleierhaft. Er war ihr lediglich einen Rang voraus, es gab weitaus fähigere Brüder und Schwestern in der Familie. Vicente Valtieri zum Beispiel.

Der jedoch nötigte das Mädchen soeben regelrecht, auf einem der Ponys zu reiten, die auf einer kleinen Wiese nahe der Kapelle standen. Es hatten sich bereits zahlreiche andere Kinder mit ihren Eltern eingefunden, hauptsächlich Mädchen, die alle ebenfalls auf den kleinen Pferden mit den kurzen Beinen und dicken Fellen reiten wollten.

»Willst du auch, Lucien?«, fragte Vicente obligatorisch.

Lucien sah zu, dass er rasch und heftig den Kopf schüttelte. Das war Mädchenkram, damit wollte er nichts zu tun haben!

Erstaunlicher Weise ließ der Vampir ihm seinen Willen. Mirabelle hatte weniger Erfolgsaussichten. Es dauerte nur Minuten, da saß sie auf einem Pony, das von seinem Besitzer an der Loge im Kreis geführt wurde. Das Mädchen wirke zunächst völlig überfordert mit der Situation, taute aber recht schnell auf und fand sichtlichen Gefallen an dem Ritt.

»Na, das Reiten muss sie noch lernen«, kommentiere Vicente trocken und mit kritischem Blick. »Du übrigens auch, Lucien, da führt kein Weg daran vorbei.«

Mein heimliches Lieblingskapitel. Vielleicht gibt es eines Tages ein Spin-off zu Vicente. Wie wäre das?
Die Morag Tong

Nachdem Lucien allmählich die Zehen und Finger kalt geworden waren, hatten sie sich wieder auf den Heimweg gemacht. Die Trauer um Sares Areles war nicht vergessen, doch Vicente war es dennoch gelungen, Lucien einen wunderschönen Tag zu schenken. Der Junge war ihm unendlich dankbar dafür.

Auch Mirabelle schien es gefallen zu haben. Zu Anfang schien sie mit dem Gesamtkonzept nicht wirklich viel anfangen zu können, doch nach und nach war sie aufgetaut und hatte sich wie jedes normales Mädchen über den Jahrmarkt gefreut.

Gegen Abend war es besonders schön geworden, als die Händler überall bunte, leuchtende Girlanden aufgehangen hatten und ihre Stände mit Kerzen dekorierten. Feuerschalen waren an den Straßenecken entzündet worden, um Wärme und Licht zu spenden.

Doch das Vergnügen konnte freilich nicht ewig währen, die Arbeit rief. Um nicht allzu viel vom nächsten Tag zu verschwenden und genügend Kraft für ihn zu haben, ging Lucien zeitig zu Bett. Er wollte morgen mit Vicente ihre Pläne für die Reise durchsprechen und ihr Gepäck zusammenstellen. Das war eine Routine, die ihm mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen war.

»Wir werden uns tief in das Herz von Nibenay hineinbegeben«, sagte Vicente am Morgen. »Das heißt, in eine bergige und dicht bewaldete Region. So weit abseits der Wege ist die Wildnis undurchdringlich und es lauern viele Gefahren, allen voran hier vor allem wilde Tiere. Auch mit Banditen ist zu rechnen, doch seltener als in anderen Regionen Cyrodiils.«

»Es ist also unwegsames Gelände, mit dem wir es zu tun haben«, schloss Lucien, während sie sich gemeinsam erneut über die Karte des Herzlandes beugten. »Das gefällt mir nicht unbedingt, kann aber auch zu unserem Vorteil sein.«

Vicente nickte. »Genau«, bestätigte er. »Die Morag Tong Assassinen wissen nicht, dass wir kommen. Sie ziehen die Möglichkeit wahrscheinlich in Betracht, können es aber nicht genau wissen. Also haben wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite. Doch dafür müssen wir sie erst einmal genau lokalisieren. Meine Quellen waren dahingehend leider nicht allzu aufschlussreich. Aber du, Lucien, hast den Vorteil, dass du mich an deiner Seite hast. Das heißt, dass wir nur bei Nacht und abseits der Wege reisen werden und den Vorteil meiner Nachtsicht nutzen. Bei Nacht bin ich am stärksten und unsere Gegner am schwächsten.«

»Werden wir uns aufteilen, sobald wir einmal den See Canulus erreicht haben?«, fragte der Junge.

Vicente schüttelte den Kopf. »Nein, denn du würdest dabei den Vorteil verlieren, den du durch mich genießt.«

»Verstanden.« Er überlegte kurz. »Was wird uns erwarten?«, fragte er dann.

»Die Mitglieder der Morag Tong arbeiten wie wir vorwiegend allein«, sagte der Vampir. »In Anbetracht dessen, dass unsere Wurzeln gewisse Parallelen haben, kann man von einem ähnlichen Vorgehen wie bei uns üblich ausgehen. Da ihr Ziel es augenscheinlich ist, uns anzugreifen und zu schwächen, wird die ausgekundschaftete Zelle, die wir ausräuchern werden, nur eine von mehreren seien. Ich gehe von einer kleinen Gruppe aus, drei, höchstens vier Gegner, unter Umständen sogar weniger. Sie werden dafür gut ausgebildet sein, Vorsicht und überlegtes Vorgehen sind also angebracht.

Lucien, erzähl mir, wie du anhand dessen planen würdest.«

»Wie Ihr sagtet, werden wir zusammenbleiben und gemeinsam bei Nacht das Gebiet um den See herum auskundschaften«, sagte Lucien. »Ich denke, dass, wenn sie sich nicht unter die Erde verkrochen haben, die Morag Tong sich ein Lager geschützt zwischen den Hügeln und Bäumen errichtet haben. So oder so werden sie nicht leicht zu finden sein. Vielleicht wäre also auch der eine oder andere Zauber hilfreich. Wirklich magisch begabt bin ich nicht, aber ich kann den einen oder anderen einfachen Zauber mittlerweile wirken. Um Leben in naher Umgebung zu entdecken, beispielsweise. Ihr selbst seid ein Vampir, Eure Sinne sind sowieso selbst in finsterster Nacht wesentlich besser als die meinen.

Haben wir unser Ziel erst einmal ausgemacht, werden wir uns auf die Lauer legen und sie beobachten, bis sich ein günstiger Augenblick zum Angreifen bietet. In Anbetracht unseres Gegners würde ich die Heimlichkeit vorziehen, einen Angriff aus der Ferne mit Bogen und Fernkampfzaubern, um genau zu sein.«

»Vielleicht sollten wir ja doch Caelwen mitnehmen«, sinnierte Vicente. »Sie hatte mir neulich von einer höchst unterhaltsamen Spielart der Illusionsmagie erzählt, mit der man andere erzürnen und damit dazu bringen kann, blindlings alles und jeden um sich herum anzugreifen. Das stelle ich mir sehr amüsant vor.

Aber nein, das würde die ganze Sache zu einfach machen. Normalerweise würde ich genau diesen Weg gehen, doch dann kann ich nicht sehen, was du gelernt hast, Lucien.«

Lucien grinste. »Ihr seid manchmal schon recht eigen, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf«, stellte er fest.

»Ich weiß gar nicht, wie du darauf kommst.« Vicente mimte einen Heiligen der Neun Göttlichen. Er war die Unschuld in Person und musste doch ebenso breit grinsen. »Aber gut, lassen wir das. Wir sind noch nicht fertig. Ausrüstung?«, kam er auf ihr eigentliches Thema zurück.

Lucien wollte erst das Naheliegendste nennen, doch dann kam ihm ein anderer Gedanke. »Vergiftete Äpfel«, sagte er.

»Vergiftete Äpfel?«, wunderte sich sein Mentor. »Hm, das hast du von Caelwen, oder? Das ist eine ihrer Lieblingsmethoden, wenn sie nicht offensiv vorgehen kann. Eigentlich eine wirklich lustige Idee. Sie wird zwar etwas mehr Zeit und Geduld in Anspruch nehmen und vor allem auch die entsprechenden Vorbereitungen, aber uns hetzt ja niemand. Also ja, lass uns das probieren. Aber war das schon alles?«

»Nein, Herr Valtieri«, sagte Lucien sogleich. »Es ist immerhin immer ratsam, auch einen Plan B bereit zu haben. Plan B wäre in diesem Fall der offensive Kampf. Denn wenn es uns nicht gelingt, den Proviant der Morag Tong zu vergiften oder sie die Manipulation bemerken, erachte ich es als für wenig wahrscheinlich, dass wir nicht gleichzeitig auch auffliegen. Also sollten wir uns nicht nur auf die Heimlichkeit verlegen, sondern auch auf den Kampf. Wir sollten also entsprechende Waffen und Tränke einpacken.«

Vicente nickte wieder, doch dieses Mal stand ganz eindeutig der Stolz in seinen Augen. »Ich sehe, du hast wirklich gut gelernt, mein Junge. Das gefällt mir.«

Lucien strahlte. Es war wunderbar, die ungeteilte Aufmerksamkeit Vicentes zu besitzen und das ganze Lob einzufahren, ohne irgendetwas mit Caius teilen zu müssen.

»Du hast einen neuen Dolch, wie ich sehe«, kam Vicente auf Luciens erste Beute zu sprechen.

Der Junge nickte eifrig. »Ich sollte in Weißlauf einen Barden ermorden, mein erster eigener Auftrag«, sagte er stolz und wuchs um mehrere Fingerbreit an. »Den Bonus habe ich leider vermasselt, dafür habe ich zu viel Aufmerksamkeit erregt. Aber den hier konnte ich erbeuten. Hilda hat ihn mir als Abschiedsgeschenk sogar verzaubern lassen!«

Vicente schmunzelte. »Zeig mal her, das gute Stück«, bat er.

Das ließ sich Lucien nicht zweimal sagen. Stolz überreichte er die kostbare Klinge, sodass der Vampir sie genau in Augenschein nehmen konnte. Dieser hielt die Klinge mal so, mal so in das Licht der Fackeln, besah sie sich genau von allen Seiten.

»Er ist gute Arbeit, wie alles von den Elfen«, fällte er schließlich sein Urteil. »Dieser Dolch wurde zwar eigentlich eher für die Schau angefertigt, aber er wird seinen Zweck erfüllen. Die Verzauberungen jedoch machen ihn in der Tat zu einem tödlichen und einem Dunklen Bruder würdigen Instrument. Achte gut auf ihn, Lucien. Hast du ihm denn schon einen Namen gegeben?«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Nein. Malik meinte, dass ich ihn mir gut überlegen soll, aber bis jetzt fiel mir noch nichts Passendes ein. Ich fürchte, ich bin nicht sonderlich kreativ, was solche Dinge angeht.«

Sein Mentor legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Das würde ich so nicht sehen«, tröstete er ihn. »Habe nur Geduld. Früher oder später findet sich schon ein guter Name. Dich eilt ja nichts.«

Dann richtete er sich wieder auf und schien kurz über etwas nachzudenken. »Mit dem Schwert hast du es aber anscheinend nicht so, ebenso wenig mit Äxten oder Streitkolben, nicht wahr?«, stellte er fest.

»Ich glaube, der Dolch liegt mir am meisten«, sagte Lucien. »Sowohl Tsonashap als auch Malik haben mich den Umgang mit allen Nahkampfwaffen gelehrt, aber wenn ich einen Dolch halte, fühle ich mich am wohlsten. Ist das sehr schlimm?«

»Ach, Lucien, schau doch nicht so bedröppelt!«, rief Vicente mit einem Male aus. »Natürlich ist das nicht schlimm. Ich wollte nur sicher gehen. Denn ich werde ganz gewiss mein Claymore mitnehmen.«

Lucien war zugegebener Maßen sehr beeindruckt. Zum einen war er durchaus gespannt darauf, den Vampir in Aktion zu sehen, und zum anderen würde er ausgerechnet solch eine Waffe führen!

»Wir werden unser Gepäck so minimal wie möglich halten«, fuhr Vicente fort. »Das heißt, dass wir nebst unseren Waffen und Rüstungen nur wenig mitnehmen werden. Die Gifte werden wir im Vorfeld vorbereiten, solange wir noch hier sind, ebenso unsere Tränke – besser haben als hätten. Darüber hinaus werden wir also nur noch etwas Proviant mitnehmen müssen sowie die Dinge, um ein halbwegs winterfestes Lager errichten zu können. Pack dir also besser Decken ein, Stift.«

Lucien knurrte missmutig. »Ich bin kein Stift«, erinnerte er.

Vicente musterte ihn von oben bis unten. »Wirklich gewachsen bist du in Skyrim aber auch nicht gerade«, konterte er. »Also bist und bleibst du doch ein Stift.« Er lachte und fuhr Lucien durch das Haar.

Es passte Lucien nicht wirklich, dass er Vicente nun erst recht nicht böse sein konnte wegen des Spitznamens.

»Weißt du, Lucien, ich freue mich wirklich, mit dir dieses kleine Abenteuer zu bestreiten«, bemerkte Vicente. »Wir werden unterwegs so viel Zeit haben miteinander zu reden. Und dann will ich alles über deinen Ausflug nach Himmelsrand erfahren. Hörst du, wirklich alles!«

 

Und Lucien hatte in der Tat eine Menge zu erzählen.

Sie brachen am nächsten Tag auf, als die Abenddämmerung bereits vorbei war und die Stadt schon wieder großen Teilen schlief. Vom Fest war kaum noch etwas zu sehen außer ein paar Überresten der Stände und schlammigen Wegen, die aufgewühlt waren von all den Füßen, die über sie hinweggetreten waren.

Als sie die Stadt verlassen hatten und sich gen Süden wandten, begann Lucien von all den Dingen zu erzählen, die er mit der Dunklen Bruderschaft in Skyrim erlebt hatte. Wie er das Land anfangs sehr befremdlich fand, doch nach und nach seine raue Schönheit erkannte – bis zu dem Moment, wo es seine wirklich rauen Seiten zeigte. Ebenso berichtete er davon, wie das Leben in der Zuflucht von Falkenring war, so abseits von allem und doch für ihre Zwecke ideal gelegen. Ebenso ließ er freilich nicht seine Aufträge aus. Ihnen schenkte er besonders Augenmerk in seinem Bericht.

Vicente war besonders begierig darauf zu hören, wie sich Lucien in dem Bordell in Riften angestellt hatte. Dem Jungen war das hochgradig unangenehm und er versuchte, sich davor zu drücken. Doch sein Mentor ließ nicht locker.

»Lucien, aus dir machen wir noch einen ganzen Mann«, sagte Vicente am Ende lachend.

Der Junge senkte rot werdend den Kopf und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

Gleich südlich der Stadt Cheydinhal begann Nibenay, eine der großen Regionen des Herzlandes. Nibenay war eine waldige Region, geprägt von den Ausläufern der Valus Berge einerseits und vom großen Fluss Niben andererseits. Sie war dünn besiedelt und dafür umso wilder. Lediglich die Gelbe Straße zog sich hier von der Roten Ringstraße ausgehend östlich des Niben nach Süden in Richtung Leyawiin und verband die Stadt auf direktem Wege mit dem Herzland.

Dadurch, dass sie nur nachts reisten, sah Lucien recht wenig von der Landschaft. Er merkte, dass er vor allem zu Beginn häufig in Büsche stolperte. Nach gut einer Handvoll Kollisionen beschloss Vicente, ihn bei der Hand zu führen, um zukünftige Stürze zu vermeiden. Der Vampir selbst schien exzellent zu sehen und keinerlei Probleme mit der Finsternis zu haben.

Seit dem Fest hatte es immer wieder geschneit, doch die Temperaturen waren selten unter den Gefrierpunkt gesunken. So lag nur eine dünne Schneeschicht, doch das Unterholz, die Gräser und Kräuter, waren von der Feuchtigkeit des geschmolzenen Schnees und den vor allem in der Nacht doch frostigen Temperaturen mit einer dünnen Eisschicht bedenkt, die bei jedem ihrer Schritte unter ihren Schuhen knirschte. Sie achteten darauf, vorsichtig aufzutreten, um nicht allzu viele unnötige Geräusche zu machen, doch es fiel Vicente bedeutend einfacher als Lucien. Wieder einmal war es auf seine vampirische Natur zurückzuführen.

Es war am dritten Tag ihrer Reise, als Lucien bemerkte, dass sie nicht mehr allein waren. Leise machte er Vicente darauf aufmerksam.

»Sehr gut«, wisperte dieser. »Ich habe es auch soeben bemerkt. Sei still und bewege dich nicht. Mal sehen, wen wir da haben.«

Lucien erstarrte augenblicklich und harrte der Dinge. Vicente begann, die Umgebung mit all seinen Sinnen abzusuchen, er schnüffelte sogar, wie Lucien erstaunt feststellte.

Dann ging alles schnell. Mit einem Male sprang der Vampir so schnell davon, dass Lucien seinen Bewegungen nicht mehr folgen konnte. Hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen, er hätte es nicht für möglich gehalten. Vicente sprang in ein Gebüsch, es raschelte kurz und ein spitzer Schrei ertönte.

Dann …

»Mirabelle!«, hörte er seinen Mentor erstaunt ausrufen.

Da damit anscheinend Entwarnung gegeben worden war, löste sich Lucien aus seiner Starre und eilte hinzu. Und siehe da, Vicente war in der Tat das Mädchen in die Fänge geraten. Es sah sie aus erschrocken geweiteten, aber doch entschlossen wirkenden Augen an.

»Mirabelle, was machst du hier?!«, knurrte Vicente erbost. »Es ist dir noch nicht erlaubt, dich ungefragt von der Zuflucht zu entfernen, und ich habe dir auch keinen derlei lautenden Befehl gegeben. Ganz im Gegenzug solltest du zu Hause bleiben und weiter bei Tsonashap lernen!«

Nun schlich sich auch Trotz in die Mine des Mädchens. Es stand hell vor dem dunklen Hintergrund ab, denn das Licht der beiden Monde Masser und Secunda spiegelte sich in ihm.

»Aber Lucien ging mit Euch«, sagte sie. »Ich habe gesagt, dass ich ihn beobachten will, um von ihm zu lernen, was Meister Areles mich nicht mehr lehren kann.«

»Dafür hätte es noch duzende andere Gelegenheiten gegeben, die sich besser geeignet hätten, als ausgerechnet dieser Auftrag hier! Wen es denn überhaupt sein muss!«, fauchte Vicente so wütend, dass es selbst Lucien kalt den Rücken hinab lief. »Verdammt, müssen all unsere Neuzugänge solche hitzigen Sturköpfe sein, die nicht auf das hören können, was man ihnen sagt? Geh nach Hause, Mirabelle, in der Wildnis ist es noch zu gefährlich für dich, und unser Auftrag ist es erst recht. Ach, verdammt, bei Sithis! Es ist überhaupt irrsinnig, dass du allein hierhergekommen bist, ich kann dich nicht allein wieder zurück schicken!«

Mit einem erneuten Fauchen ließ er von dem Mädchen ab, richtete sich auf und lief wie ein eingesperrter Tiger auf und ab. »Ich kann dich weder allein zurückschicken noch mitnehmen«, fluchte er weiter vor sich hin. »Selbst umkehren oder Lucien zurückschicken kann ich auch nicht, das würde alles nur unnötig verzögern.«

»Ihr … könntet mich zurückschicken, es würde keinen großen Unterschied machen«, erinnerte Lucien seinen Mentor vorsichtig.

»Nein, das will ich aber nicht«, entgegnete dieser unwirsch.

»Ich gehe nicht zurück«, kommentierte Mirabelle trotzig.

»Du sei ja still!«, fuhr Vicente sie an.

Lucien war froh, dass der Vampir noch nie auf ihn so wütend gewesen war.

Eine Weile war nichts zu hören außer dem wütenden Gemurmel des Vampires, wie er überlegte, was mit Mirabelle zu tun sei. Schließlich schnaubte er, als er anscheinend zu einem Ergebnis gekommen war.

»Na schön, dann komm eben mit«, sagte er. »Dafür setzt es allerdings auch eine Tracht Prügel, sobald wir wieder in der Zuflucht sind!«

Mirabelles triumphierendes Grinsen war nicht zu übersehen. Die Aussicht auf Hiebe mit dem Stock schien sie bei weitem nicht zu stören, wenn sie dafür nur ihren Willen bekam.

Die ganze Situation wirkte höchst befremdlich auf Lucien. Er kannte das Mädchen erst seit wenigen Tagen, doch aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund schien sie im großen Maß auf ihn fixiert zu sein. Aber warum? Es war ihm ein Rätsel.

Vicente anscheinend auch, denn er schwieg für den Rest der Nacht. Nachdenkliche Stille hüllte ihn ein und er musterte die beiden Jugendlichen immer wieder, als könne er so herausfinden, was Mirabelle zu ihrem Handeln trieb. Anscheinend kam er ebenso wenig wie Lucien zu einem Ergebnis, und das Mädchen schien nicht gewillt, das Geheimnis zu lüften.

Also marschierten sie schweigend weiter. Lucien war froh, dass die beiden Monde mittlerweile hell am Himmel standen, sodass er halbwegs gut sehen konnte und nicht mehr gänzlich auf die Hilfe des Vampirs angewiesen war.

Mirabelle führte sich gut. Sie machte keinerlei Umstände und half, wo sie nur helfen konnte, was vor allem beim Aufbauen ihres Lagers für den Tag war. Ebenjenes nahm stets einige Zeit in Anspruch. Sie konnten nicht mehr nur in einfachem Bettzeug auf der Erde schlafen. Es bedurfte dicker Schlafsäcke aus Fell und in Öl getränkten Leders sowie eines kleinen Zeltes, dessen besonders behandelte Wände sie vor den kalten Winden schützten. Zu dritt wurde es in dem Zelt zwar sehr eng, dafür aber auch umso wärmer. Gerade Lucien war dankbar dafür, denn die Kälte war in der Tat ein Problem. Wenn sie liefen, ging es, doch bei ihren Rasten kroch sie rasch in die Glieder. Er kam jedoch besser damit zu Recht als das Mädchen, wie es den Anschein hatte, sei es durch seine längere Ausbildung, die ihn abgehärtet hatte, oder sei es durch seinen Aufenthalt in Skyrim.

Vicente war von den dreien derjenige, der am besten mit den Witterungsbedingungen zurechtkam. Es war auch kein Wunder. So langsam begann Lucien ihn um seine vampirische Natur zu beneiden. Es musste wirklich wunderbar sein, übermenschliche Fähigkeiten zu besitzen.

Wie Babette hatte auch Vicente Blutrationen bei sich. Anders als das Vampirmädchen trank er jedoch nicht davon. Er wollte sich seine Kräfte bis hin zur Konfrontation bewahren und hatte das Blut nur für den Notfall dabei. Denn ein Mangel an Nahrung machte ihn auch gleichzeitig anfälliger für das Sonnenlicht.

Es war für sie alle daher wichtig, dass sie rechtzeitig genug einen Rastplatz suchten und ihr Lager für den Tag aufschlugen. Sobald auch nur der erste Sonnenstrahl hinter dem Horizont auftauchte, war Vicente im Zelt verschwunden, weshalb es Lucien und Mirabelle oblag, für die Wache zu sorgen. Lucien könne ihr ja dabei gleich etwas über das Leben in der Wildnis beibringen, kommentierte Vicente bei ihrer ersten Rast zu dritt, nachdem er sich bereits zurückgezogen hatte.

Also tat Lucien genau das. Mirabelle hing an seinen Lippen und sog alles wie ein Schwamm in sich auf, was er sagte. Er strengte sein Hirn nach einer Antwort für das Rätsel an, doch er konnte sich einfach nicht erklären, warum sie so an ihm hing. Als er sie danach fragte, sagte sie nur, was sie stets widerholte: dass sie von ihm lernen wollte, was Sares Areles sie nicht mehr lehren konnte.

Die Erinnerungen an den Dunkelelfen schmerzten. Lucien vermisste ihn schrecklich und hätte liebend gern eine Gelegenheit gehabt, sich von ihm zu verabschieden. Areles hätte sicher mit Freuden gehört, was Lucien in Skyrim geleistet hatte. Vielleicht hatte er es ja? Immerhin hatte Hilda regelmäßig Berichte über Luciens Fortschritte nach Cyrodiil geschickt. Aber es wäre sicher schöner gewesen, wenn er es seinem Freund selbst hätte berichten können.

Doch alles Trauern half ja nichts, Vicente hatte Recht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mitglied ihrer Familie im hohen Alter friedlich in seinem Bett entschlummerte, tendierte gen Null.

Das wiederum brachte ihn dazu, sich an den Moment zu erinnern, als Vicente ihn umarmt hatte, um ihn über den Tod Areles‘ hinwegzutrösten. Es hatte Lucien ausnehmend gefallen und er fragte sich seitdem immer wieder, wie er Vicente dazu bewegen könnte, die Geste noch einmal zu widerholen. Sollte er einfach fragen? Aber nein, das würde sicher seltsam wirken. Oder doch nicht? Er war sich unsicher.

Wenige Tage später erreichten sie schließlich ihr Ziel, den See Canulus. Ab hier hieß es, Vorsicht walten zu lassen. Sie wussten nicht genau, wo die Morag Tong zu finden war, nur, dass sie irgendwo hier ihr Lager aufgeschlagen hatten. Doch wo genau? Nun hieß es, ihre Pläne in die Tat umzusetzen.

Vicente verbat es dem Mädchen unter Androhung schwerer Strafe, sich weiter an der Suche nach der Morag Tong zu beteiligen.

»Du bist noch nicht lange bei uns«, sagte er. »Du weißt noch nicht genug, um solch einen Auftrag auszuführen.«

»Aber wie soll ich denn dann lernen, wenn ich nicht daran teilhaben darf?«, protestierte sie.

Vicente knurrte unwirsch. »Indem du genau das tust, was du die ganze Zeit tun wolltest: beobachten. Und zwar aus der Ferne. Verstanden? Die Mitglieder der Morag Tong sind keine gewöhnlichen Straßenbanditen. Sie sind wie wir ausgebildete Mörder, durch und durch eine Waffe. Du begibst dich in große Gefahr – und uns gleich mit –, wenn du beschließt, dich in irgendeiner Weise aktiv daran zu beteiligen, was wir vorhaben.«

Sie sah zu Lucien, schwieg und schien zu überlegen. Entsann sie sich soeben Luciens eigenen ersten und möglichst auch letzten Fehltritt auf seinem ersten Auftrag? Es schien so, denn nach einer Weile nickte sie doch gehorsam und tat, was Vicente ihr befohlen hatte.

Die beiden machten sich nun daran, die Umgebung systematisch nach Spuren der Anwesenheit ihrer Feinde abzusuchen. Erwartungsgemäß würden sie entweder keine oder nur sehr unmerkliche finden. Die Morag Tong verstand es, ihre Anwesenheit zu verschleiern. Lucien war froh, dass er Vicente an seiner Seite hatte, denn er selbst fühlte sich blind und ahnungslos. Die Nacht war ihm eindeutig zum Nachteil gereicht.

Doch der Vampir war wie ein Schatten. Er hatte auf ihrer Reise nicht seine übliche schwarze Kleidung angelegt, sondern sich selbst in die Rüstung der Dunklen Bruderschaft gehüllt. Das machte ihn selbst zu einem perfekten Jäger der Nacht, lautlos und absolut tödlich. Jetzt, wo es Vicente besonders darauf anlegte, nicht gesehen zu werden, hatte selbst Lucien Mühe, ihm zu folgen – und er lief direkt neben ihm. Es war im höchsten Maße beeindruckend.

Vicente hielt den Blick abwechselnd auf den Boden und seine Umgebung gerichtet. Er ging langsam, sah sich genauestens um, um ja nichts zu übersehen. Unter Umständen würden sie zwar so mehrere Tage benötigen, um ihr Ziel ausfindig zu machen, aber das hatten sie eingeplant.

Um nicht völlig nutzlos zu sein, strenge Lucien seine Ohren an und bemühte seine Nase, die Sinne, die nicht von der Dunkelheit der Nacht gehemmt waren. Wie er wusste, waren sie nun, da der Gesichtssinn gehemmt war, sogar umso empfindsamer für Reize. Zu seinem Bedauern fand er jedoch nichts.

Der Vampir war wie ein Spürhund. Unablässig suchte er, wirkte stets aufmerksam und war wie fixiert darauf, sein Ziel zu finden. Und ebenso präzise wie ein Spürhund fand er auch, was er suchte.

Es kostete sie lediglich zwei Nächte, bis sie das Lager der Morag Tong zwischen den Bäumen und Hügeln fanden. Verwunderlicher Weise hatten sie sich nicht in einer der Ruinen oder Minen niedergelassen, die sie um den See herum ausfindig gemacht hatten. Lucien wunderte sich zwar darüber, ging dem aber nicht weiter nach.

Es war Vicente, der den Rauchgeruch als erstes bemerkte. Kurz darauf nahm auch Lucien ihn wahr. Viel mehr war von dem Lager auch nicht zu sehen, wenn man nicht darauf achtete oder durch Zufall darüber stolperte. Letzteres war in Anbetracht der Abgelegenheit der Region sehr unwahrscheinlich.

Die Mitglieder der Morag Tong hatten sich ein besonders geschütztes Tal zwischen den Hügeln gesucht, um dort ihr Lager aufzuschlagen, von dem aus sie gegen die Dunkle Bruderschaft in Cyrodiil operieren wollten. Eine kleine Gruppe Zelte stand um ein niedrig gehaltenes Lagerfeuer herum und schirmte selbiges so zugleich ab, um möglichst kein Licht nach außen dringen zu lassen. Soweit es Lucien sehen konnte, hatten sie es mit vier Personen zu tun, gekleidet in sonderbare Rüstungen, deren Machart er noch nie gesehen hatte.

»Aus Chitinpanzern«, wisperte Vicente. »Gewonnen aus den großen Insekten, die das Aschland von Vvardenfell bevölkern. Die Rüstungen sind darauf ausgelegt, sich durch die Aschestürme der Insel zu bewegen. Es wundert mich ein wenig, dass sie nicht Unauffälligeres gewählt haben. Doch was ist das?«

Er stutzte und kniff die Augen zusammen. Vorsichtig kroch er näher, steuerte einen Busch an, in dem er sich verbergen und gleichzeitig gut beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Dann winkte er Lucien.

»Komm her, sieh dir das an«, sagte er ihm leise. »Sie haben einen Gefangenen bei sich, und du wirst staunen, wer es ist.«

Lucien legte sich neben seinen Mentor in den Busch und spähte. Plötzlich keuchte er auf. Dieses Gesicht, so zerschunden es auch war, kannte er doch!

»Das ist Caius!«, knurrte er.

»Die Morag Tong haben jüngst unsere Zuflucht in Ald‘ruhn angegriffen und dabei viele der Familienmitglieder dort getötet«, erklärte Vicente. »Unter anderem auch Caius, hieß es.«

»Aber warum haben sie ihn leben gelassen und als Gefangenen hierher gebracht?«, wunderte sich Lucien.

»Ich kann es mir nur so erklären, dass sie ihn als Druckmittel einsetzen wollen«, mutmaße der Vampir. »Sie wollen uns mit ihm erpressen, um irgendetwas zu ihrem Vorteil auszuhandeln.«

»Aber das heißt auch, dass sie nicht damit rechnen, uns allein mit Waffengewalt in die Knie zu zwingen«, bemerkte Lucien. »Das ist doch gut, oder?«

»Nur dann, wenn es uns gelingt, ihnen ihr Druckmittel zu nehmen«, sagte Vicente. »Wir müssen also versuchen, Caius zu befreien, auch wenn es mir nicht wirklich schmeckt. Zwei Assassinen wären kein Problem gewesen, drei wären auch noch möglich. Aber vier, ergänzt durch die Aufgabe, Caius zu befreien, verkompliziert das ganze erheblich.«

Dann fasste er Lucien fest in den Blick. »Mein Junge, ich weiß, dass dich und Caius keine Freundschaft verbindet, nicht einmal gegenseitige Toleranz«, sagte er. »Ihr seid Feinde in den Straßen der Kaiserstadt gewesen, und ihr habt diese Feindschaft auch nicht abgelegt, als ihr Brüder wurdet. Daher sage ich es dir jetzt noch einmal in aller Eindringlichkeit: Es ist wichtiger denn je, dass du genau das vergisst. Kannst du das?«

Lucien ließ sich Zeit für die Antwort. Doch dann nickte er. »Ich habe aus meinen Fehlern gelernt«, sagte er. »Ich will nicht noch einmal eine Verbannung oder gar eine härtere Strafe verdienen. Die Gebote zwingen mich nicht, Caius zu mögen, aber ich kann ihn akzeptieren. Er gehört zur Familie wie jeder andere Dunkle Bruder und jede Dunkle Schwester auch.«

Vicente lächelte. »Solche Worte höre ich gern«, sagte er. »Also dann, mach mich stolz heute Nacht.«

Sie legten sich auf die Lauer, beobachteten das Lager unter ihnen und legten sich ihren Plan zurecht.

»Hast du Sares Bogen bei dir?«, fragte Vicente nach einer Weile.

Lucien verneinte.

»Welche Fernkampfzauber beherrscht du?«

»Nur einfache Feuerbälle, nichts also, das nennenswert großen Schaden anrichtet.«

Vicente verfiel wieder in Schweigen. Lucien wartete geduldig ab, wie sein Plan lauten würde.

»Nun denn«, sagte der Vampir nach einer Weile. »Pass auf, wir machen es so: Du schleichst dich in das Lager. Siehst du dort ihren Vorrat? Er liegt recht günstig. Du nimmst ein wenig von ihrem Proviant heraus und tauscht es mit unserem präparierten Essen aus. Achte darauf, dass du möglichst gleiches mit gleichem austauscht. Ich traue ihnen zu, dass sie ihren Proviant genau abgezählt haben. Dann kommst du wieder und wir warten ab. So können wie einen vielleicht sogar zwei oder mehr von ihnen sofort ausschalten. Sobald sie merken, was vor sich geht, werden sie eins zu eins zusammenzählen können. Dann stiftest du mit dem Maß an Magie Verwirrung, zu dem du in der Lage bist, und ich greife die Überlebenden frontal an. Achte bitte nur darauf, dass du mir nicht die Haare versengst, das wäre sehr freundlich.«

Lucien nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

»Du schaffst das, Stift«, sprach ihm Vicente Mut zu. »Ich habe nicht umsonst dich mitgenommen.«

Dankbar lächelte Lucien ihm zu. Dann verhüllte er sein Gesicht, prüfte seine Waffen und Rüstung sowie den Inhalt seiner Taschen, dass er auch alles griffbereit hatte. Alles war dort, wo es sein sollte. Er schlich los.

Die Morag Tong hatte eine Wache aufgestellt, die zudem nicht den Fehler machte, sich von dem Feuer blenden zu lassen. Lucien schlich langsam und durch die dunkelsten Schatten, die er finden konnte. Nichts verriet seine Anwesenheit, es war, als sei er unsichtbar. Er hielt inne, wenn die Wache in seine Richtung sah, und schlich weiter, wenn sie den Blick wieder in eine andere Richtung lenkte. Der Junge wurde eins mit den Schatten.

Die anderen drei Mitglieder der verfeindeten Mördersekte saßen entweder um das Feuer oder hatten sich bereits in eines der Zelte zurückgezogen. Es ging auf Mitternacht zu, sicher würden sie müde sein. Das war gut, denn so waren sie weniger aufmerksam.

Lucien kam problemlos bis an das Lager heran. Er nutzte die Zelte als Deckung, um sich weiter voran zu arbeiten. Fuß vor Fuß setzen, keine schnellen Bewegungen, ruhiger und kontrollierter Atem, achten auf das, was unmittelbar vor einem lag.

Kein Grashalm, kein trockenes Blatt knirschte unter den weichen Ledersohlen. Kein Lufthauch verriet ihn.

Unbemerkt konnte er sich bis an das Lager mit dem Proviant heranschleichen, einen Sack voller Essen. Es war eine ganze Menge, als hätten die Dunmer (denn um sie handelte es sich ausschließlich bei der Morag Tong, wie er nun sah) vor, länger hier zu campieren.

Er linste hinein. Dörrobst, Dörrfleisch, Brot, Käse. Das Übliche, was man auf einer längeren Reise mitnahm. Er nahm das eine oder andere heraus und tauschte es durch das vergiftete Essen aus. Er hatte zusätzlich eine kleine Phiole mit Gift mitgenommen, das er eigentlich aufgehoben hatte, um damit seinen Dolch zu behandeln, hätten sie sich entschlossen, die Morag Tong bei Nacht und Nebel zu erdolchen. Da es dazu nicht mehr kommen würde, tröpfelte er das Gift auf ein Laib Brot.

Seine Arbeit war getan, also sah er zu, dass er rasch wieder verschwand und den Ort des Geschehens zu hinterließ, wie er ihn vorgefunden hatte. Nichts sollte auf seine Anwesenheit hindeuten.

Ebenso bedacht, wie er herangeschlichen war, schlich er auch wieder davon. Immer wieder hielt er inne, beobachtete das Lager und schätze die Lage ab. Niemand schien Verdacht zu schöpfen. Sollte es so einfach sein? Es sah ganz danach aus. Zufrieden lächelte er und freute sich auf das Massaker, das alsbald folgen würde.

Es gelang ihm, ebenso unbemerkt wieder zurück in Vicentes Versteck zu schleichen, wie er es verlassen hatte.

»Hervorragend!«, lobte der Vampir wispernd. »Das war wunderbare Arbeit. Sares war dir ein wirklich erstklassiger Lehrer.«

Lucien liebte das Gefühl des Stolzes, wenn er in so hohen Tönen gelobt wurde. Es war ihm ein enorm großer Ansporn.

Jetzt hieß es für sie zu warten, doch sie brauchten sich nicht lange zu gedulden. Anscheinend war die Morag Tong an einem Mitternachtsimbiss interessiert, denn sie begaben sich zu ihrem Proviant. Lucien achtete darauf, was sie herausnahmen, um abzuschätzen, wer von ihnen gleich vergiftet sein würde und wer nicht. Auch Vicente beobachtete das Geschehen aufmerksam und wie gebannt. Seine Finger zuckten, bereit, jeden Augenblick das mächtige Schwert auf seinem Rücken zu ziehen und voranzustürmen, um das Blut der Verräter zu vergießen.

Lucien hatte sich für ein grausames uns schnell wirkendes Gift entschieden. Es lähmte die Muskulatur seines Opfers in Sekundenschnelle und rief kurz darauf heftige Krämpfe hervor. Im Ergebnis wurden dem Opfer die Knochen gebrochen, und wenn eine geborstene Rippe nicht gleich die Lunge zerstach, so erstickte der Unglückliche aufgrund seiner gelähmten Atemmuskulatur. Lucien hatte das Gift noch nicht in Aktion gesehen, jedenfalls nicht an Humanoiden. Babette hatte es ihn lediglich an Skeevern ausprobieren lassen, und das auch nur in geringeren Konzentrationen. Für die Morag Tong jedoch hatte er eine besonders Starke Mixtur zusammengestellt.

Er lächelte grausam.

Plötzlich begann einer der Dunmer zu röcheln. Er wollte sich noch an die Kehle fassen, doch da versagte schon seine gesamte Muskulatur. Atemlos kippte er nach vorn, praktischerweise direkt ins Feuer. Seine Kameraden konnten ihn herausziehen, bevor seine Kleidung Feuer fing, doch da fing er schon an, von den Krämpfen geschüttelt zu zucken und wie wild mit den Gliedmaßen zu zappeln. Es war ein grausam schöner Anblick.

Nur Augenblicke später ging auch der zweite Dunkelelf zu Boden.

Die Morag Tong begriff, was vor sich ging, und zückte die Waffen.

»Lucien, jetzt!«, schrie Vicente, sprang im selben Atemzug mit der gezogenen Waffe auf und stürmte mit einem Kampfschrei nach vorn.

Die Magie des Jungen war nicht sonderlich stark, aber um Verwirrung zu stiften, reichte es. Feuerball um Feuerball war er, zielte möglichst auf die Zelte und auch direkt auf die Morag Tong

»S’wit!«, spuckte einer der Dunmer dem angreifenden Vampir entgegen und starb mit einer neu geordneten Visage. Mit einem mächtigen Hieb spaltete Vicente ihm den Schädel, dass Blut und Hirnmasse nur so spritzten.

Die Verwirrung dauerte nicht lang, die Morag Tong war diszipliniert. Es blieb bei dem einen Toten, welcher im ersten Moment der Überraschung starb, dann sah sich Vicente einer geordneten Gegenwehr gegenüber. Wie sich herausstellte, waren es nicht nur vier Mitglieder der Morag Tong gewesen, sondern fünf. Einer der ihren hatte sich bis jetzt in den Zelten verborgen gehalten.

Lucien sah, dass er mit seinen kleinen Zaubertricks nicht mehr viel anstellen konnte. Also zückte er seinen Dolch und stürmte ebenfalls den Abhang hinab. Er würde sich nicht in unmittelbare Nähe Vicentes begeben, um Seite an Seite mit ihm zu kämpfen, dafür holte der Vampir viel zu weit mit seinem Zweihänder aus. Sie würden sich nur gegenseitig behindern. Stattdessen hielt er direkt auf Caius zu, welcher geknebelt an einen Pfahl gebunden war.

Caius, der den Angriff mit angstgeweiteten Augen beobachtet hatte, schien über Luciens Anwesenheit und dessen Rettungsversuch höchst verblüfft zu sein. Jedenfalls insofern Lucien seine zerschundene Mimik deuten konnte. Man hatte dem Jungen übel zugespielt. Sein Gesicht war übersäht mit Schnitten, das eine Auge war teilweise zugeschwollen, das andere komplett.

Es waren nicht die einzigen Blessuren, wie es schien, doch darum kümmerte sich Lucien jetzt nicht. Er schnitt so schnell, er konnte, die Fesseln durch. Kraftlos kippte Caius nach vorn und stöhnte unwillig auf. Da er offenbar nicht in der Lage war, sich großartig aus eigener Kraft zu bewegen, nahm Lucien ihm den Knebel aus dem Mund.

Doch sie kamen nicht mehr dazu, miteinander zu reden. Einer der verbliebenen beiden Dunkelelfen bemerkte den Fluchtversuch des wertvollen Gefangenen, löste sich aus dem Kampf mit Vicente und stürmte heran. Mit einem Aufschrei stürzte er sich auf sie, trat Caius beiseite und schwang seinen Streitkolben gegen Lucien.

Mit einer flinken Bewegung duckte er sich weg und sprang zurück, versuchte, so viel Abstand zwischen sich und den Gegner zu bringen, wie nur irgend möglich. Jetzt sah er die fremdartige Rüstung auch aus der Nähe und erkannte, dass sie wenig Angriffsfläche für seinen Dolch bot. Die Halsberge schien verletzbar zu sein, ebenso die Gelenke an Schultern, Armen und Beinen. Der Dunkelelf war deutlich größer als Lucien, also blieb dem Jungen nichts anderes übrig, als seinen Gegner zu Fall zu bringen.

Wieder schwang der Streitkolben heran, schnell und mit großer Kraft geführt. Lucien war überrascht, wie schnell sein Gegner tatsächlich war, und das hätte ihm beinahe den Kopf gekostet. Wieder duckte er sich unter dem Schlag weg, doch statt zurückzuspringen, drängte er dieses Mal nach vorn. Er warf sich mit aller Kraft gegen den Dunmer und brachte ihn in der Tat zum Straucheln. Das nutzte er aus, um nach den Gelenken der Rüstung zu schlagen.

Er konnte einen Schlag anbringen, ehe er aus dem Augenwinkel eine gepanzerte Faust heranfliegen sah. Er warf sich zu Boden, rollte sich ab und gelangte so hinter den Dunmer. Der Junge verschwendete keine Zeit darauf, wieder aufzustehen, sondern stach noch am Boden nach den Fersen seines Gegners.

Dieses Mal hatte er Erfolg. Die Dolchklinge schrammte über das Chitin, fand eine Lücke zwischen den Rüstungsteilen und drang bis auf den Knochen ein. Der Elf schrie auf, doch da begann schon die Verzauberung des Dolches zu wirken. Gelähmt, mit durchschnittener Ferse und von dem Frostzauber geschwächt ging er zu Boden. Lucien verlor keinen Augenblick. Wie eine Wildkatze sprang er auf den Elfen und hieb ihn mit aller Macht den Dolch in den Hals.

Es war das wunderbarste Gefühl überhaupt.

Blut spritzte ihm ins Gesicht und lief ihm über die Hand, als er dem Dunmer ein zweites, blutrotes Lächeln in den Hals schnitt. Wie wunderbar es doch war zu fühlen, wie das Leben aus seinem wehrlosen Opfer floss! Während des Sturzes war dem Dunmer der Helm von seinem Kopf geflogen. Nun konnte Lucien ihm mit einem diabolischen Grinsen ins Gesicht lachen und mit jedem Detail gestochen scharf beobachten, wie sein Opfer begriff, dass es starb. Getötet von einem Jungen, der noch grün hinter den Ohren war.

»Heil Sithis!«, zischte Lucien dem Mann entgegen, hob erneut seinen Dolch und trieb ihn tief ins Hirn. Er drehte die Klinge noch einige Male hin und her, drückte fester zu und spürte, wie sie am Hinterkopf den Knochen durchdrang und sich in das Erdreich bohrte. Der Dunmer zuckte noch ein paarmal, doch er war bereits tot.

Hinter ihm platzte etwas feucht und Vicente brüllte triumphierend auf.

Stille legte sich über sie, nur durchbrochen vom Prasseln des Feuers.

Langsam kam Lucien wieder zu sich, der rote Nebel des Blutdurstes lichtete sich vor seinen Augen. Er erhob sich, zock den Dolch aus dem Schädel des Dunkelelfen und wischte die Klinge an dessen Kleidung ab. Dann urinierte er auf die Leiche. Zufrieden betrachtete er sein Werk.

»Scheiße!«, fluchte mit einem Male Vicente hinter ihm.

Lucien wandte sich zu ihm um und sah seinen Mentor neben Caius knien. Dieser lag seltsam verdreht da und zuckte spastisch. Lucien eilte hinzu und sah die Ursache. Caius‘ gesamtes Gesicht war eingedrückt. Im Zentrum der Katastrophe war seine Nase, die sich tief in seinen Schädel gedrückt hatte. Es musste der Tritt gewesen sein, den der Dunmer ihm verpasst hatte, um ihn aus dem Weg zu räumen und sich auf Lucien zu drücken.

»Splitter des Nasenbeins müssen sich in sein Gehirn gebohrt haben«, sagte Vicente. »Wenn er es denn überleben sollte, was ich bezweifle, dann wird er nie mehr klar denken können. Er wird sein Lebtag gezeichnet sein, ein vollwertiges Mitglied unserer Familie wird er nie wieder sein können. Das übersteigt meine Heilfähigkeiten bei weitem, und auch Tränke helfen hier nicht mehr.«

Bedauernd sah er zu Lucien auf.

Der Junge bemerkte zu seinem eigenen Erstaunen, dass er ebenfalls bedauerte, was mit Caius geschehen war. So sehr er den anderen Jungen auch ablehnte, seinen Tod hatte er sich nicht gewünscht, nicht mehr.

»Dann … sollten wir ihm den Gnadenstoß geben«, schlug er leise vor.

»Ja, das sollten wir«, pflichtete Vicente ihm bei. »Das wäre menschlich. So muss er nicht mehr leiden.«

Der Anblick Caius‘ war ekelerregend. Sein ganzes Gesicht war eine blutige Masse. Eines seiner Augen war ebenfalls zerstört worden und lief nun in einer gallertartigen Masse über seine Wange – oder das, was davon noch übrig war. Schaum stand dem Junge vor dem Mund.

Lucien nahm seinen Dolch zur Hand und kniete sich neben Vicente. Er wusste nicht nur, wie man effizient tötete, er wusste auch, wie man rasch und schmerzlos tötete. Er wusste, wo er die Klinge ansetzen musste und wie er sie zu führen hatte. Rasch stieß er zu und sah dabei Caius in das eine verbliebene Auge. Erkannte er ihn noch oder war er bereits weggetreten? Erkannte er, dass Lucien in diesem Moment Frieden mit ihm schloss und ihm all ihre vergangenen Konflikte vergab? Er wusste es nicht.

Mit einem leisen Seufzen lag Caius still.

Mit gesenkten Köpfen knieten Vicente und Lucien neben ihm und verabschiedeten den gefallenen Bruder.

So fand Mirabelle sie. Lucien sah nicht auf, als er die tapsenden Schritte des heraneilenden Mädchens hörte. Sie musste die Kampfgeräusche gehört haben und war sicher nun gekommen, um zu sehen, warum nichts mehr zu hören war. Er sah ebenfalls nicht auf, als er hörte, wie sie sich hinter ihnen übergab.

Vicente jedoch stand auf und ging zu ihr. Anders, als Lucien jedoch erwartet hatte, bestrafte er das Mädchen nicht für seinen Ungehorsam, sondern führte sie ein Stück weg und redete dabei beruhigend auf sie ein.

Erst da erhob auch Lucien sah und besah sich den Ort des Kampfes. Er konnte sich denken, warum Mirabelle sich hatte übergeben müssen, auch wenn er es nicht nachfühlen konnte. Sie hatten ein Schlachtfest angerichtet. Nicht nur Lucien hatte sein Opfer böse zugerichtet. Vor allem Vicentes Claymore hatte erheblichen Schaden unter seinen Feinden angerichtet. Er hatte sie wortwörtlich in blutige, kleine Stückchen zerhackt und ihre Schädel zu Brei gehauen.

Unbeeindruckt von dem grausigen Bild machte sich Lucien daran, die Leichen und die Überreste des Lagers nach nützlichen Informationen zu durchsuchen. Nebst einigen Septimen, mit denen er sich die eigenen Taschen füllte, und einem rubinbesetzten Goldring fand er in der Tat etwas von tatsächlichem Wert. In einem der Zelte fand er in einem Rucksack einige Schreiben, die mit einem Wachssiegel verschlossen waren. Er kannte das Siegel nicht und beschloss daher, es Vicente zu zeigen. Vielleicht ließ sich ja etwas mit den Dokumenten anfangen, wenn sie schon so offiziell wirkend verschlossen waren.

»Herr Valtieri, seht hier!«, rief er, während er aus dem Zelt heraustrat, und wedelte mit den Papieren.

Sogleich war Vicentes Aufmerksamkeit erregt. »Das sieht interessant aus«, sagte er. »Zeig her, was du da gefunden hast.«

Lucien überreichte ihm die Papiere, welche sodann einer genauen Musterung unterzogen wurden.

»Das ist eindeutig das Siegel der Morag Tong«, sagte er und zeigte es Lucien und Mirabelle im Schein des Feuers genauer.

Das Mädchen zögerte, zwischen die Leichen zu treten, doch dann schien es sich ein Herz zu fassen und trat heran.

Das Siegel zeigte eine Art aufrecht stehende Krabbe mit einem dicken Panzer und mehreren Scheren, die die drohend in die Höhe reckte.

»So stilisieren sie sich«, erklärte Vicente und brach die Siegel auf. Dabei jedoch hielt er sie weit von sich, achtete darauf, dass er das Pergament nur mit Handschuhen anfasste. Anscheinend rechnete er damit, dass die Schriften vergiftet waren. Doch nichts schien zu passieren.

Lucien war froh, dass er die kleine, geschwungene Handschrift nicht lesen musste. Sie wirkte schwer zu entziffern.

Vicente las schweigend und mit gerunzelter Stirn. Nachdenklich rieb er sich das Kinn.

»Interessant«, sagte er. »Das hier ist einer der Vollstreckungsbescheinigungen, die die Morag Tong benutzen, um die Legalität ihrer Attentate zu belegen. Der Schein ist auf die gesamte Schwarze Hand ausgelegt.«

Lucien keuchte erschrocken auf. »Sie wollen alle vier Sprecher und den Zuhörer töten?«, fragte er schockiert. Sicher, etwas in der Art war zu vermuten gewesen, aber es nun tatsächlich schwarz auf weiß zu haben, war etwas gänzlich anderes. Ihm lief es kalt den Rücken hinab.

»Das hier war nicht die einzige Terrorzelle«, berichtete Vicente weiter den Inhalt des Schreibens. »Ich entnehme dem hier, dass sie momentan in ganz Tamriel agieren, um jede unserer Zufluchten anzugreifen oder zumindest zu schwächen. Ungewöhnlich für die Morag Tong, die sonst nur innerhalb Morrowinds agiert. Wir müssen jemanden dort wirklich sehr verärgert haben, dass er zum einen so große Mittel aufbringen kann, um die Morag Tong in solch einem umfangenden Maß zu organisieren und zum anderen sie überhaupt dazu zu bewegen, auch außerhalb der Landesgrenzen zu operieren. Jemand aus dem Tribunal? Aber nein, voreilige Schlüsse zu ziehen wäre falsch.«

Er steckte die Papiere ein. »Lasst uns Caius begraben und dann von hier verschwinden«, sagte er. »Die Elfen lasst den Wölfen. Hoffen wir, dass sie sich nicht an dem Aas verschlucken.«

Sie besaßen nicht die nötigen Werkzeuge, um ein Grab in dem angefrorenen Boden auszuheben, daher beschlossen sie, große Steine zu sammeln, um Caius darunter zu begraben. Es war nicht wirklich schön, aber es sollte ausreichen. Sie schufteten lange, beinahe bis zum Morgen, sodass es knapp wurde, ihr Lager zu errichten, damit Vicente vor der Sonne geschützt war. Doch sie schafften es rechtzeitig.

Für einen Moment hielten sie vor dem kleinen Grab inne, um des Verstorbenen zu gedenken.

»Armer Junge«, kommentierte Vicente. »Da entkam er dem langsam und qualvollen Tod in der Gosse, nur um dann so hingeschlachtet zu werden. Eine Schande. Er hatte gutes Potenzial.«

Lucien enthielt sich eines Kommentares, wünschte im Stillen jedoch Caius alles Gute dort, wo er jetzt war.

»Was passiert mit uns, wenn wir sterben?«, fragte Mirabelle nach einigen Augenblicken der Stille.

»Wir gehen in die Leere zu Sithis, um unserem Fürchterlichen Vater in der Ewigkeit zu dienen«, erklärte der Vampir. »Die Leere ist nicht für alle ein schrecklicher Ort, vor allem nicht für die treuen Diener unseres Fürchterlichen Vaters. Je besser du ihm im Leben gedient hast, desto angenehmer wird dir die Leere erscheinen.«

Schließlich zogen sie sich für den Tag zurück. Es war eine anstrengende und aufregende Nacht für sie gewesen, und sie waren froh um die Ruhe. Alsbald jedoch wollten sie sich wieder auf die Heimreise machen.

Kreaturen in der Finsternis

Vicente zeigte sich im höchsten Maße zufrieden mit Luciens Leistungen, worauf der Junge wieder einmal im ebenso großen Maße (wenn nicht gar mehr) stolz war. Und das zu Recht, wie ihm von Vicente quittiert wurde.

»Deine Technik ist noch nicht die allerbeste«, sagte er. »Aber das war auch nicht zu erwarten gewesen. Trotz allem gefiel mir ausnehmend, was ich gesehen habe. Keine Fehler, die nicht zu erwarten gewesen wären von jemandem mit deinem Können, und selbst die Schnitzer, die ich bemerkte, waren nur klein und unbedeutend. Du hast eine wirklich schöne Technik, Stift.«

Lucien platzte förmlich vor Stolz.

Mirabelle hingegen bekam ihr Tracht Prügel, und damit war die ganze Angelegenheit für sie vergessen. Sonderlich reumütig wirkte sie jedoch nicht.

Die anderen Mitglieder der Zuflucht zeigten sich ebenso erfreut über den Erfolg ihrer Mission, der unnötige Tod Caius‘ bestürzte jedoch auch sie. Es hätte nicht sein müssten, doch zu verhindern war es auch nicht. Lucien traf keinerlei Schuld.

»Überhaupt, ich bin wirklich, wirklich sehr stolz auf dich, Lucien, mein Junge«, betonte Vicente nun zum widerholten Male. »Du hast gezeigt, dass du dich für deine Familie einsetzt, ungeachtet deiner persönlichen Ansichten und Konflikte.«

»Hilda gab auch mir einen ausführlichen Bericht deiner Leistungen in Skyrim«, sagte wenig später Cassius Proximo, dessen Gesicht mittlerweile die eine oder andere Narbe mehr zierte. »Auch in Hinblick des Lobs, das Vicente nie müde wird, über dich auszuschütten, habe ich erneut mit Sprecherin Drewani gesprochen. Sie zögerte zunächst, dir einen höheren Rang zu geben und begründete es mit deinem Alter und der damit einhergehenden Unreife. Aber viele hier sind der Ansicht, dass du deine Reife sehr wohl unter Beweis gestellt hast. Sie hat nun also zugestimmt, dir den Rang des Eliminators zu verleihen.«

Lucien riss die Augen vor Verblüffung, Erstaunen und Freude zugleich weit auf. Ihm stand wohl auch der Mund offen. »W-wirklich?«, stammelte er und fand wieder einmal keine Worte.

»Wirklich«, widerholte Proximo. »Dementsprechend ist hier auch dein Lohn: Fünfhundert Septime und der Bonus. Vicente bestand darauf, um deine Leistung zu untermalen. Er hat wirklich einen Narren an dir gefressen, das habe ich noch nie bei ihm erlebt. Nun, der Bonus. Es handelt sich hierbei um einen magischen Ring, der dir sehr nützlich erscheinen wird, solltest du dich wieder einmal auf die Heimlichkeit verlegen wollen. Ich hörte, das sei eine deiner Stärken.«

Er überreichte beides dem Jungen. Ehrfürchtig befühlte dieser den Ring, ein einfaches, unscheinbares Goldband, das, sobald er es jedoch berührte, eindeutig magisch war. Er das Schmuckstück an. Zunächst spürte er keine Veränderung, doch sobald er versuchte, möglichst leise aufzutreten, bemerkte er den Effekt: Das Schleichen fiel ihm wesentlich einfacher als ohnehin schon. Und wahrscheinlich waren auch andere Fähigkeiten betroffen.

»Der Ring verstärkt deine Fähigkeiten zum Schleichen sowie deine Fingerfertigkeit, was dir Taschendiebstahl und das Knacken von Schlössern erheblich erleichtern sollte«, erklärte Proximo. »Und noch etwas, Stift. Du bist nun in der Tat nennenswert in unseren Rängen aufgestiegen. Dein Name bedeutet etwas, und einen Verehrer hast du ja bereits wie es mir scheint. Vicente ist nur für die Aufträge der Frischlinge zuständig. Von nun an verwalte ich deine Aufträge und teile dir deinen Lohn aus.«

Lucien zog ein langes Gesicht. »Das heißt …?«, begann er vorsichtig.

»Das heißt nicht, dass du gar nichts mehr mit ihm zu tun haben wirst«, beruhigte ihn Proximo sogleich schmunzelnd. »Ich sehe, das Ganze beruht auf Gegenseitigkeiten. Ich habe schon den nächsten Auftrag für dich. Für euch beide, um genau zu sein. Bei eurem kleinen Feldzug gegen die Morag Tong, welcher in der Tat für die Schwarze Hand interessante Informationen erbrachte, handelte Vicente zwar mit meiner Erlaubnis, aber auf eigene Faust. Nun habe ich für ihn einen neuen Auftrag, bei dem er jedoch wünschte, dass du mit von der Partie bist. Erstaunlich, denn Graf Janus Hassildor von Skingrad bat ausdrücklich um Valtieri als Auftragsausführenden und um keinen anderen. Nicht, dass er großartig andere Mitglieder dieser Zuflucht kennen würde.«

»Der Graf von Skingrad ist der Auftraggeber?«, fragte Lucien verblüfft.

»Es ließ sich wohl nicht verheimlichen, dass Valtieri ein Vampir ist, als er einen Auftrag in der Weinstadt ausführte«, sagte Proximo. »Graf Hassildor duldet keine anderen Vampire in seiner Stadt, obwohl oder vielleicht gerade, weil er selbst einer ist. Ein gut behütetes Geheimnis, und wir tun gut daran, es für uns zu behalten, da er uns sonst erheblich schaden könnte. Nun, jedenfalls duldete er zum allgemeinen Erstaunen Valtieri. Er sieht es zwar nicht gerne, wenn wir innerhalb seiner Mauern morden und drückt für uns kein Auge zu, sollten wir erwischt werden, aber er hat gelegentlich ein paar Stammesgenossen in der Stadt und ihrer Umgebung zu Gast. Dann ruft er gerne einmal Vicente, um sich des … Problems anzunehmen. Wir nennen ihn deswegen mittlerweile im Scherz den Kammerjäger Hassildors.«

Das verblüffte Lucien nun in der Tat. Er war es mittlerweile fast schon gewohnt, dass die Dunkle Bruderschaft zu wahrlich ungewöhnlichen Taten fähig war, doch was er hier hörte, war selbst für seine Familie nicht wirklich alltäglich.

»Also ist der Graf von Skingrad ein Vampir, und er ruft gelegentlich einen Vampir aus den Reihen der Dunklen Bruderschaft zu Hilfe, um andere Vampire zu töten, obwohl er ansonsten die Morde unserer Familie nicht duldet«, fasste er zusammen.

»Exakt. Übrigens ein sehr lukratives Geschäft«, bemerkte Proximo. »Der Graf zahlt ausgesprochen gut. Gelegentlich gibt es als Bonus eine Flasche Wein für jeden von uns, den besten, den er hat. Vampire kommen immer wieder in seine Stadt, wie Motten in der Dunkelheit. Sie werden vermutlich von seiner Macht angezogen und hoffen, davon profitieren zu können. Graf Janus Hassildor, der sehr darauf bedacht ist, seine wahre Natur zu verschleiern, schmeckt das allerdings ganz und gar nicht, wahrscheinlich weil er eine Bedrohung seiner Identität in ihnen sieht. Und wer als ein Vampir wüsste besser, wie man seinesgleichen umbringt?«

Lucien nickte. »Aber eines verstehe ich nicht: Warum will Meister Valtieri ausgerechnet mich dabei haben?«, fragte er.

»Wer weiß?« Cassius Proximo zuckte mit den Schultern. »Wie gesagt, er hat wirklich einen Narren an dir gefressen. Wenn du wissen willst, warum er wieder dich dabei haben will, musst du ihn fragen.«

Vicente zeigte sich höchst erfreut über Luciens Rangaufstieg. Als Lucien ihn jedoch nach dem Grund für seinen Wunsch fragte, warum er erneut den Jungen dabei haben wollte, gab er lediglich eine reicht diffuse Antwort:

»Die Zusammenarbeit mit dir gefällt mir. Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht. Außerdem will ich dir ein paar spannender Aufträge ermöglichen, als die die Proximo üblicherweise für Familienmitglieder deines Ranges hat. Glaub mir, sie sind manchmal wirklich sehr ermüdend.« Er zwinkerte vielsagend.

Anscheinend eilte es nicht allzu sehr, ehe sie nach Skingrad aufbrechen mussten. Vicente gönnte sich einige Tage Ruhe und somit hatte auch Lucien Zeit, sich ein wenig zu sammeln. Immerhin war er, kaum dass er wieder in der Heimat angekommen war, gleich wieder mit Vicente aufgebrochen, um die Agenten der Morag Tong auszuschalten.

Also nutzte er die Zeit, um mit den anderen Zufluchtsmitgliedern zu reden und zu horchen, wie es ihnen während seiner Abwesenheit ergangen war – was effektiv hieß, dass er eigentlich lediglich ein längeres Gespräch mit Tsonashap führte. Caelwen war nicht an einem geselligen Gespräch mit ihm interessiert und kam gleich auf die Magie und Alchemie zu sprechen. Sie wollte sehen, was Babette Lucien alles hatte lehren können. Zumindest lobte sie ihn für seinen Fortschritt, betonte aber, dass er noch viel zu lernen haben, zumindest war die Alchemie anginge. In der Magie sei er ein hoffnungsloser Fall, der nie über einfache Zauber hinwegkäme. Vielleicht der eine oder andere Gesellenzauber, aber zu mehr sei er nicht befähigt.

Es war also alles beim Alten.

Tsonashap jedenfalls zeigte sich durchaus interessiert, was Lucien aus Skyrim zu berichten hatte. Der Junge vermutete jedoch, dass es hauptsächlich aus Höflichkeit geschah. Er erzählte trotzdem bereitwillig. Im Gegenzug hatte auch der Argonier so manche Geschichte zu erzählen.

M’raaj-Dar war noch immer so unfreundlich wie eh und je und zeigte sich nicht gewillt, etwas darüber zu berichten, wie er sich hier einlebte. Stattdessen tat er so, als sei er höchst vertieft in seine magischen Studien. Caelwen schwirrte die meiste Zeit über begeistert um ihn herum und zeigte sich höchst erfreut über das magische Talent der Katze.

Mirabelle Fanis war selten anzutreffen und wenn, dann im Schatten Luciens. Ansonsten wurde sie die meiste Zeit über von Tsonashap in Beschlag genommen. Lucien erinnerte sich an sein erstes Jahr bei der Bruderschaft, sein Jahr des Jammers. Rückblickend war er froh, dass er es hinter sich gebracht hatte, war aber auch dankbar für die schönen Augenblicke und Momente, die er hatte erleben dürfen.

Es wurde viel geredet dieser Tage in der Zuflucht. Die Neuigkeiten, die Vicente Valtieri und Lucien Lachance in Erfahrung hatten bringen können, hatten für einigen Wirbel gesorgt. Cassius Proximo hatte viele Korrespondenzen zu klären und auch die Sprecherin Arela Drewani kam höchstselbst zu Besuch, um mit Vicente zu besprechen, was dieser aus den Schreiben der Morag Tong entnommen hatte.

Die Dunkle Bruderschaft, insbesondere ihre Schwarze Hand, war sichtlich beunruhigt. Lucien witterte, dass sie hier einen ganz großen Fisch an Land gezogen hatten. Gleichzeitig bedauerte er, dass selbst der Rang eines Eliminators, den er mit Stolz und Ehre trug, nicht ausreichen würde, um groß Anteil nehmen zu können an den kommenden Ereignissen.

Denn es stand fest, dass die Schwarze Hand zurückschlagen würde. Anders als die Morag Tong agierten sie stets über ganz Tamriel hinweg und hatten so ein wesentlich besser ausgebautes Netz auch über die Landesgrenzen hinaus. Das verschaffte ihnen einen enormen Vorteil. Sie würden ausschwärmen, herausfinden, wer die Morag Tong auf sie angesetzt hatte, ihn ermorden und dann gegen ihre Erzfeinde höchstselbst vorgehen. Der Jäger wurde zum Gejagten.

Zu Luciens allergrößten Bedauern war dies kein Auftrag für ihn. Er hatte mit Vicente derweil einen kleineren Fisch an Land zu ziehen. Vicente, der anscheinend die Enttäuschung des Jungen bemerkte, vertröstete ihn, dass auch hierbei der eine oder andere Ruhm einzufahren sei. Immerhin arbeiteten sie für einen Grafen, der ganz auf sie vertraute, damit seine eigene Sicherheit gewährleistet werden konnte.

»Man fängt schließlich immer ganz unten an und arbeitet sich allmählich auf der Leiter empor«, sagte der Vampir. »Und du bist immerhin schon ein ganzes Stück höher gekommen.«

»Das Glas ist halbvoll«, erinnerte sich Lucien des Spruches.

»Genau«, lobte Vicente. »So musst du denken. Und nun komm, wir müssen Sachen packen.«

»Keine große Planung?«, wunderte sich der Junge.

»Nein. Graf Hassildor beliebt es, mit mir persönlich zu sprechen«, sagte sein Mentor. »Sprecherin Drewani sagte einmal, dass es dem Grafen so lieber sei. Er missbilligt unsere Arbeit, obgleich er sich dennoch gelegentlich ihrer bedient, um seine Sicherheit zu gewähren, wo seine Wachen ihm nicht weiterhelfen können – zu seiner eigenen Sicherheit. Anscheinend will er mit keinem von uns mehr zu tun haben, als unbedingt nötig, aber es scheint, als würde er mit mir besser auskommen als mit der Sprecherin. Also klärt er mit mir persönlich die Details seines Auftrages ab, obwohl dies üblicherweise die Aufgabe des Sprechers ist.«

Lucien bemerkte, dass ihm der Graf suspekt vorkam. Er hatte eigenwillige Macken.

»Aber wird er denn dann überhaupt mich akzeptieren?«, fragte er.

»Er wird dich mit Sicherheit nicht akzeptieren«, betonte der Vampir. »Aber schließlich will er auch etwas von uns, also muss er sich auch an unsere Bedingungen halten, Graf hin oder her. Und mein Wort hat in unserer Familie immerhin ebenso Gewicht, das weiß er. Also: Sei nett zu ihm und mach es ihm nicht allzu schwer. Er ist ein sehr misstrauischer Mann – zu Recht, will ich meinen. Der getarnte Wolf allein unter Schafen hat es nie leicht, besonders nicht ein Wolf mit der Position eines Grafen.«

Wieder reisten sie bei Nacht und wieder hatte Vicente seine Blutkonserven nur pro forma dabei. Er hatte sich kurz vor ihrer Abreise stattgetrunken, doch während ihrer Reise wollte er fasten, um Kräfte zu sammeln.

Ihr Weg führte sie stets nach Südwesten. Sie hielten sich abseits des Weges, um nächtlichen Patrouillen der kaiserlichen Legion zu entgehen. Es war ein Phänomen, dass sie so auch leichter Banditen und Wegelagerern entgingen. Denn diese achteten im Regelfall auf die Straße und nicht auf das, was in ihrem Rücken geschah.

Lucien erinnerte sich immer wieder, wenn er die Blaue Straße entlang ging, des ersten Males, als er sie beschritt, in östlicher Richtung nach Cheydinhal. So lange schien es ihm nun her, aus einem anderen Leben und einer anderen Zeit.

Sie wählten den südlichen Abschnitt der Roten Ringstraße, um die Kaiserstadt und den Rumare See zu umgehen. Es war eine gemütliche, schöne Reise, auch wenn sich das Wetter immer noch nicht gebessert hatte. Ganz im Gegenteil wurde es nun sogar merklich kälter und der Schnee  begann, in immer dickeren Lagen liegen zu bleiben. Auch wenn sie sich Zeit mit dem Aufbruch gelassen hatten, schritten sie nun zügig aus.

Als sie sowohl die Gelbe als auch die Grüne Straße passiert hatten, führte sie der Weg allmählich wieder nach Norden. Nach wenigen Meilen schon, kam jedoch erneut eine Abzweigung nach Westen: die Goldene Straße nach Skingrad. Es dauerte lediglich eine weitere Nacht, bis sie vor den Toren der Weinhauptstadt der Provinz Cyrodiil standen. Sie hatten mittlerweile den Großen Forst verlassen und betraten nun die ersten Ausläufer Colovias, des Steppenlandes im westlichen Teil von Cyrodiil, welches sich bis zur Goldküste erstreckte und bei Skingrad seinen Anfang nahm.

»Wir sind genau richtig«, sagte Vicente, welcher mittlerweile wieder ganz und gar nicht aussah wie ein nobler Edelmann der Bretonen. Da er darum wusste, hatte er sich wohlweißlich einen weiten Umhang um die Schultern gelegt und eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Auch Lucien hatte sich verhüllt. Jetzt zur Winterszeit waren die Temperaturen eine gute Erklärung für Vermummungen derlei Art, sodass sich die Wachen sicher kaum fragen würden, warum sie sich verbargen.

Überhaupt stellten die Wachen Skingrads keinerlei Fragen, bis sie nicht vor dem Schloss ankamen. Erst hier wurden sie misstrauisch beäugt.

»Bettler sind im Schloss nicht erwünscht«, knurrte der Wachmann.

»Wir sind keine Bettler«, wies Vicente ihn darauf hin.

»Besucher sind ebenso wenig willkommen«, unterbrach ihn der Mann. »Der Graf empfängt niemanden und erst recht nicht mitten in der Nacht. Zieh Leine, Alter.«

Wortlos hielt ihm Vicente ein Schreiben unter die Nase, das ihm der Graf schon bei früheren Gelegenheiten hatte ausstellen lassen, um ihm jederzeit den Zugang zum Schloss zu ermöglichen. Es war mit dem Siegel und der Unterschrift des Grafen Hassildor versehen und eindeutig amtlicher Natur.

»Der Träger dieses Schreibens hat zu jeder Tages- und Nachtzeit uneingeschränkten Zugang zum Schloss Skingrad«, lass der Wachmann ungläubig. Dann sah er zu Vicente und musterte ihn genauestens. »Ihr seid der Träger, aber nicht der da«, sagte er. »Ihr gefallt mir beide nicht, aber Euch muss ich wohl durchlassen. Auch wenn Ihr ausseht, als hättet Ihr jemanden überfallen, um an das Schreiben zu gelangen. Der da darf aber nicht mit, das ist mein letztes Wort.«

Lucien hörte ein leises Seufzen unter der Kapuze seines Mentors hervorkriechen. »Na schön, Ihr wollt es nicht anders«, murmelte er und trat flink an den Mann heran. Lucien sah nicht, was er da machte, die Kapuze verdeckte es, doch als er wieder zurücktrat, wirkte der Wachmann irgendwie … verändert.

»Gut. Dürft passieren«, murmelte er mit benommener Stimme, als wüsste er nicht wirklich, was er da eigentlich sagte.

»Warum nicht gleich so?« Vicente hörte sich höchst zufrieden an.

Als sie das Tor passiert hatte, fragte Lucien: »Was habt Ihr mit ihm gemacht?«

»Vampire haben ihre Mittel und Wege, um ihre Mitmenschen dazu zu bringen, zu tun, was sie von ihnen wollen.« Das dreiste Lächeln war förmlich aus seiner Stimme herauszuhören.

Anstandslos kamen sie bis in den Thronsaal. Nur: Hier stand nirgends ein Thron. Die Haupthalle des Schlosses Skingrad war ein großer, leerer Raum, dessen hohe Wände jedoch zahlreiche Wandteppiche, Wappen und Bilder zierten. Unter anderem auch ein Porträt des Grafen und seiner Frau, wie Lucien vermutete.

»Komm, Lucien, der Graf erwartet uns wahrscheinlich bereits«, sagte Vicente. »Wir brauchen nicht erst auf seinen Vogt Hal-Liurz zu warten, um uns anzukündigen. Wahrscheinlich schläft sie ohnehin.«

Zielstrebig ging Vicente eine Treppe nach oben, die in den Teil des Schlosses führte, welcher die privaten Gemächer des Schlossherrn beherbergte. Es war offensichtlich, dass er nicht das erste Mal hier war, denn er wusste genau, wohin er sich begeben musste. Zielstrebig fand er den Speisesaal des Grafen.

Lucien war verwundert. Sie fanden hier eine reich gedeckte Tafel, doch aufgetischt war für eine einzige Person: den Grafen, welcher an der Stirnseite etwas verloren zwischen einem Krug Wein sowie Fasan und Weintrauben saß. Als er sie sah, sprang er erst überrascht auf, entspannte sich jedoch wieder, als Vicente seine Kapuze abstreifte, um sich zu erkennen zu geben, und Lucien bedeutete dasselbe zu tun.

Graf Janus Hassildor war in bester Verfassung. Wenn man nicht wüsste, worauf man achten musste, erkannte man nicht, dass er ein Vampir war. Sicherlich, denn er nährte sich gut und regelmäßig, um nicht die Züge eines ausgehungerten Vampires anzunehmen wie Vicente. Der Graf war in edle schwarze Samtkleidung gehüllt und hatte sich seine Haare ordentlich zurückgekämmt. Alles in allem machte er den unmissverständlichen Eindruck eines Herrschers, der sowohl viel von Etikette als auch Politik wusste.

»Ich habe Euch erwartet, Valtieri«, sagte er, während er sich wieder setzte. »Euch, aber nicht den Jungen an Eurer Seite. Wer ist das?«

»Mein Schützling, mein Herr«, antwortete Vicente, ohne jedoch Luciens Namen zu nennen, worüber dieser sehr froh war. »Er genießt mein vollstes Vertrauen und ist somit auch Eures Vertrauens würdig.«

Hassildor schien nicht überzeugt zu sein. »Ich kooperiere nicht gern mit Euch und Eurer … Familie«, sagte er. »Das wisst Ihr.«

»Und Ihr wisst, mit Verlaub, ebenso, dass wir wissen, dass ein Bruch Eures Vertrauens für uns unangenehme Folgen haben wird«, sagte Vicente. »Solche Mittel haben in der Regel dauerhaften Bestand. Ich fände es bedauerlich, wenn sich also erweisen sollte, dass das Vertrauen doch nicht gegenseitiger Natur ist.«

Der Graf musterte ihn scharf und schien über die Gesamtsituation ganz und gar nicht erfreut. »Setzt Euch«, bot er ihnen an. »Und bitte: Meldet Euch das nächste Mal über meinen Vogt an. Ihr seid käufliche Auftragsmörder. Wer weiß, ob Ihr nicht das nächste Mal mit dem Geld meiner Feinde in den Taschen hier erscheint.«

»Mein Herr, Ihr verletzt meine Ehre«, zeigte sich Vicente entrüstet. »Ihr seid ein wundervoller Verbündeter, das kann ich Euch versichern. Niemals würden wir es wagen, Euch derart zu brüskieren.«

Lucien merkte die scharfen Blicke des adeligen Vampires auf sich, während er sich an die Seite seines Mentors setzte.

»Mein Herr, Ihr habt wieder einmal Probleme mit den Wilden«, begann Vicente das Geschäftliche. »Berichtet mir davon.«

Mit einem skeptischen Seitenblick auf Lucien begann Graf Janus Hassildor. »Sie haben sich in der Stadt eingenistet«, begann er. »Nicht mehr nur vor den Toren, sondern innerhalb meiner Mauern. Sie werden dreister und damit auch gleichzeitig mir eine größere Gefahr, die ich noch nie tolerieren konnte und es auch dieses Mal nicht tun werde.

Jagd sie also, bringt sie zu Strecke wie das Vieh, das sie sind. Sie ernähren sich auf meine Kosten von meiner Herde und nutzen wie Schmarotzer meinen Schutz aus, den ich ihnen vermeidlich geben kann. Schlachtet sie ab, damit ihre Nachfolger endlich erkennen, dass ich ihresgleichen nicht dulden kann und werde.«

»Ich nehme an, eine Straffreiheit werdet Ihr mir und meinem Schützling wieder nicht ausstellen?«, fragte Vicente trocken.

»Nein, und ich werde es auch in Zukunft nicht tun«, erinnerte ihn der Graf. »Wenn meine Wachen Euch ergreifen, weiß ich von nichts uns sehe in Euch gewöhnliche Verbrecher, die ihrer gerechten Strafe zugeführt werden müssen. Ich kann nicht anders handeln, wenn ich nicht Verdacht erregen will.«

Vicente seufzte theatralisch. »Es wäre auch zu schön«, meinte er. »Und nun erzählt mir von den Details. Womit haben wir es zu tun.«

»Die Wilden sind schlau, schlauer als das gewöhnliche Vieh, das meine Stadt beschmutzt«, berichtete Hassildor. »Sie sind geschickt genug, um sich unter Sterblichen zu tarnen, daher wird es wohl nicht leicht, sie zu finden. Fragt in den Gasthäusern der Stadt nach, ob in letzter Zeit Fremde eingekehrt sind.«

»Derer wird es viele geben, denke ich«, wies Vicente ihn darauf hin. »Habt Ihr weitere Anhaltspunkte, die auf die Anwesenheit der Wilden hindeuten?«

»Es wurden in letzter Zeit vermehrt tote Bettler in den Gassen gefunden«, sagte Hassildor. »Sie alle waren blutleer und wiesen die charakteristischen Bisswunden auf. Es wird bereits gemunkelt, obwohl ich versuche, alle Gerüchte totzuschweigen. Beeilt Euch. Je eher Ihr fertig werdet, umso zufriedener werde ich sein und ebenso auch gewillter, über eine eventuelle Zulage nachzudenken.«

»Es ist nicht viel, was Ihr uns geben könnt«, sagte Vicente. »Ihr lasst uns mehr aufgrund von Gerüchten handeln, denn aufgrund von Tatsachen. Mit Euren Wachen werden wir ebenso wenig reden können, um in Erfahrung zu bringen, was sie wissen, denn das wird ganz gewiss nicht in Eurem Interesse sein. Die Aussicht auf einen schnellen Erfolg ist also eher gering. Wir werden selbst Nachforschungen anstellen müssen, uns umhören, Spuren suchen. Ich denke, ein Bonus ist deswegen angebracht und nicht dann, je eher wir damit fertig sind. Eine Aufwandsentschädigung sozusagen.«

Der Graf wirkte verärgert. »Ihr seid dreist, Valtieri«, sagte er scharf. »Ihr nehmt Euch gern viel heraus, aber denkt daran, wen Ihr vor Euch habt. Ich bin ein Graf und Ihr nur eine Bande von Mördern.«

»Und Ihr beleidigt schon wieder unsere Ehre«, seufzte Vicente. »Ich dachte, wir hatten uns gerade erst auf gegenseitiges Vertrauen geeinigt.«

Hassildor schwieg eine Weile und schien mit sich zu ringen. »Ich bleibe dabei: Den Bonus bekommt Ihr, je eher Ihr den Auftrag erfüllt. Das ist mein letztes Wort. Und nun hinfort! Ihr bekommt Euer übliches Gemach in meinem Schloss. Versucht, möglichst wenig gesehen zu werden.«

Mit einem aalglatten Lächeln erhob sich Vicente und verbeugte sich. »Euer Wunsch sei mir Befehl«, sagte er und entfernte sich.

Luciens ah zu, dass er es seinem Meister nachtat.

Sobald sie den Speisesaal verlassen hatten, konnte Vicente sein Lachen nicht mehr zurückhalten. Etwas verwundert sah der Junge zu ihm auf.

»Ach, Lucien, du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich mich jedes Mal auf dieses Katz und Maus Spiel mit dem werten Herrn Grafen freue!«, sagte er. »Er weiß, dass er viel Macht besitzt, aber er weiß auch, dass die Bruderschaft ihn auslöschen kann, wenn sie nur will. Also lässt er die Muskeln spielen und hofft, uns damit einzuschüchtern. War es nicht ein herrliches Theaterstück, das wir boten?«

»Ich verstehe nur nicht ganz«, sagte Lucien betrübt. »Erst hieß es, dass wir in ihm einen guten Geschäftspartner sehen, denn er zahlt gut. Er will uns ja sogar freiwillig einen Bonus geben. Aber dann drohen wir ihm doch, zeigen ihm unsere Überlegenheit und gehen das Risiko ein, ihn als Kunden zu verlieren.«

»Oh, nein, ganz und gar nicht«, widersprach Vicente.

Mittlerweile hatten sie das ihm zugewiesene Zimmer erreicht und betraten es. Wie sich zeigte, war es klein, mit dem nötigsten eingerichtet, aber auch nicht zu spartanisch.

»Du wirst wohl auf dem Boden schlafen müssen, mein junger Freund«, sagte Vicente. »Dafür wirst du bald eine ganz bestimmte Annehmlichkeit dieses Zimmers feststellen dürfen. Aber alles zu seiner Zeit.«

Jemand hatte ein Feuer in dem kleinen Kamin angezündet, welcher komfortabler Weise zu dem Zimmer gehörte. Sie setzten sich vor dem Feuer auf den Teppich und wärmten sich die Hände.

»Nein, wir verlieren den Grafen nicht als Kunden, indem wir ihm drohen«, kam Vicente auf ihr ursprüngliches Thema zu sprechen. »Ganz im Gegenteil zeigen wir ihm sogar damit, dass wir immer noch Biss haben. Denn was wäre eine Mördersekte ohne Durchschlagskraft, ohne das gewisse Etwas, die Aura der Furcht und Einschüchterung? Psychologie, mein Kleiner, nichts weiter. Solltest du es jemals so weit bringen, dass du selbst mit unseren Kunden in Kontakt trittst, dann wirst du das sehr nützlich finden.«

Es schien Lucien zunächst widersinnig, doch je länger er darüber nachdachte, desto mehr Sinn machte es.

»Wir haben also unser, hm, Profil«, sagte er. »Wir werben sozusagen Kunden damit, dass wir ihnen zeigen, dass man mit uns rechnen muss. Dass wir gefährlich sind und damit die optimalen Henker für ihre Opfer.«

»Du hast es erfasst.«

»Das klingt mir zu profan.«

Vicente schwieg für einen Moment. »Nun, jeder muss von etwas leben. Ich sehe keinen Widerspruch zu unseren religiösen Motiven. Wir töten im Namen von Sithis und wollen gleichzeitig unser täglich Brot verdienen. Warum nicht beides miteinander verbinden? Unserem Fürchterlichen Vater schadet es nicht und er hat uns auch nie vermittelt, dass er mit diesem Weg nicht einverstanden ist.«

Nun war es Lucien, der schwieg und darüber nachdachte. Ihm gefiel dieser Denkansatz mit einem Male nicht mehr so wirklich. Bis jetzt hatte er Geld als etwas Wunderbares gesehen, etwas, das er bis dahin nie besessen hatte, das ihm aber nun Tür und Tor öffnete. Auf der anderen Seite wollte er Sithis dienen. Immerhin war es er, der ihn aus der Gosse der Kaiserstadt geholt und ihm ein neues und vor allem besseres Leben ermöglicht hatte.

Konnte er zwei Herren dienen? Sithis und dem Geld? Er bezweifelte es. Also sollte er besser wählen. Geld war nur Mittel zum Zweck, worin seine eigentlichen Leidenschaft lag, war das Töten. Und das tat er zu Ehren seines Fürchterlichen Vaters Sithis. Damit war die Wahl einfach.

»Lassen wir das, Lucien«, sagte Vicente und erhob sich. »Die Sonne geht bald auf und ich bin müde. Lass uns schlafen gehen.«

Da es nur ein Bett in dem Raub gab, das bei weitem nicht genug Platz bot für zwei Personen, blieb Lucien nur der Platz vor dem Kamin. Er nahm es ohne zu klagen hin, immerhin hatte er schon weitaus unbequemer geschlafen. Außerdem war der Teppich durchaus weich, zusätzlich gepolstert durch das Bettzeug, das sie für ihre Reise ohnehin mitgenommen hatten. So konnte es sich der Junge durchaus bequem einrichten, rollte sich zusammen, genoss die Wärme des verglimmenden Feuers und war alsbald eingeschlafen.

 

Als er in der Abenddämmerung aufwachte, sah er, dass Vicente bereits munter war. Die letzten Sonnenstrahlen meidend, stand er seitlich am Fenster und sah hinaus. Sicher hatte er bemerkt, dass der Junge bereits munter war, doch er ließ sich nichts anmerken.

Lucien streckte sich und gähnte. Er hatte durchaus gut geschlafen.

Da bemerkte er auf dem kleinen Tisch neben dem Bett das Essen. Es zwar für zwei gedeckt, aber noch nicht angerührt.

Nun wandte sich Vicente doch zu ihm um. »Guten Abend, mein kleiner Freund«, sagte er. »Du hast geschlafen wie ein Stein, ich wollte dich nicht wecken. Das Essen steht schon bereit, Hal-Liurz hat es vorhin gebracht. Nimm, was du willst.«

»Warum hat sie für zwei Personen gebracht?«, fragte Lucien. »Ihr scheint nichts davon haben zu wollen, Meister Valtieri – und nützen würde es Euch ja nicht viel.«

»Der Schein, Stift, der Schein. Keiner in Schloss Skingrad außer dem Grafen weiß, wer oder was ich bin.«

Das leuchtete ein. Lucien freute sich, da er umso mehr Essen abbekam. Da sein Magen bereits seinen Hunger anmeldete, zögerte er nicht lang.

»Habt Ihr schon irgendeine Idee, wie wir vorgehen können?«, fragte er mit vollem Mund, während er sich auf die Pasteten stürzte.

Vicente beobachtete ihn mit hochgezogener Braue und einem Schmunzeln auf seinen schmalen Lippen. »Pass bloß auf, dass du deine Finger nicht mitisst.«

»Das schmeckt!«, protestierte der Junge.

»Na, dann ist ja gut. Und ja, so in etwa. Wirklich ausgereift ist meine Idee noch nicht, aber daran können wir ja zusammen arbeiten.«

»Was schwebt Euch denn vor?«

»Vampire sind, wie du weißt, Meister der Täuschung. Selbst ihresgleichen können sie hinter’s Licht führen. Ich spüre lediglich ihre Anwesenheit irgendwo in der Stadt, kann sie aber nicht genau lokalisieren. Da ich ehrlich gesagt den Bonus ungern verschenken möchte, habe ich mir überlegt, dass wir uns einfach von ihnen finden lassen, statt sie zu suchen.«

»Das könnte gefährlich werden«, warf Lucien ein.

Vicente nickte. »Durchaus. Aber wir werden schließlich auch nicht durch die Straßen marschieren und verkünden, dass wir Vampirjäger sind. Das wäre zu auffällig. Nein, wenn wir sie anlocken, dann zu unseren Bedingungen. Wir werden uns umhören, vorsichtig Nachforschungen anstellen und möglichst viel über unser Ziel herausfinden. Ich hörte, dass du darin einiges Talent gezeigt hast.«

Lucien war skeptisch. »Malik und die anderen in Skyrim sind dieser Ansicht, ja. Aber ich weiß nicht …«, sagte er. »Aber das ist doch nicht wirklich der Grund, warum Ihr mich unbedingt dabei haben wolltet, oder? Ich mein, ich habe lediglich den Rang eines Eliminators und ein wirklich guter Kämpfer bin ich auch nicht. Ich sehe ehrlich gesagt meinen Nutzen auf dieser Mission nicht.«

Die letzten Sonnenstrahlen verblassten mittlerweile. Vicente betrachtete das schwindende Licht auf dem Boden. Dann hob er zu Luciens Verblüffung eine Hand und hielt sie in das Licht. Rauch stieg von seiner Haut auf, sie rötete sich und begann aufzuplatzen. Er verzog das Gesicht und senkte seine Hand wieder. Sofort begann seine verbrannte Haut zu heilen.

»Nein, von wirklich großem Nutzen bist du mir hier nicht«, stimmte er zu. »Es hat … persönliche Gründe.“«

Er setzte sich auf das Bett, um mit Lucien auf Augenhöhe zu sein.

Lucien war verwirrt und schwieg lieber, um abzuwarten, was nun passieren würde.

»Ich will dir zeigen, was es heißt, ein Vampir zu sein«, eröffnete Vicente. »Das hier«, er hob seine Hand, auf der sich mittlerweile rosafarbene Haut gebildet hatte, »ist nur ein kleiner Teil. Ich habe seit Tagen kein Blut mehr getrunken, weshalb mich selbst meine Kleidung nur noch bedingt vor der Sonne schützt. Gleichzeitig sind meine Kräfte nun am stärksten, Kräfte, wie kein Mensch oder Mer sie jemals besitzen könnte.«

»Und … warum wollt Ihr mir das zeigen?«, fragte Lucien nach. Ihm war das alles ziemlich suspekt.

»Weil du mir sehr am Herzen liegst, Stift«, eröffnete sein Mentor ihm. »Ich würde es sehr bedauern, wenn du eines Tages nicht mehr unter uns weilen würdest.«

In Luciens Kopf arbeitete es. Mit dieser unerwarteten Offenbarung war er definitiv überfordert. Vicente schien so schnell keine Antwort zu erwarten, worum der Junge froh war, denn er wusste nicht, was er darauf hätte sagen sollen.

Nach einer Weile des Schweigens, fügte Vicente an: »Ich erwarte natürlich nicht, dass du dich jetzt schon festlegst. Aber vielleicht behältst du mein Angebot im Kopf und kommst in ein paar Jahren darauf zurück. Mich würde es freuen.«

Mit diesen Worten erhob er sich. »Aber nun ruft die Arbeit«, sagte er. »Hast du genug gegessen?«

Lucien nickte, froh, dass das Thema für den Moment durch war und er sich auf etwas konzentrieren konnte, das ihn nicht völlig überforderte.

»Gut. Dann pack deine Sachen, zieh dir etwas Unauffälliges über deine Rüstung und komm. Wir wollen in die örtliche Taverne, etwas trinken und mit den Leuten dort reden.«

»Fallt Ihr nicht auf?«

Vicentes Lächeln war raubtierhaft. »Nicht, wenn ich ein wenig nachhelfe. Und vielleicht schon das unsere Beute hervor.«

Er wandte sich dem Kamin zu und untersuchte ihn kurz. Dann drückte er gegen einen der Ziegelsteine. »Und da haben wir das Herzstück dieses Zimmers«, sagte er.

Zu Luciens größtem Erstaunen glitt die Feuerstelle zur Seite und verschwand in der Wand. Dahinter wurde ein dunkler Gang sichtbar.

»Schloss Skingrad ist durchzogen mit etlichen Geheimgängen«, sagte Vicente. »Das sind viele der Fürstensitze in Cyrodiil. Die meisten Fürsten wissen nicht, dass ihre kleinen Geheimnisse für uns keine Geheimnisse sind. Graf Hassildor muss sich wirklich sehr sicher sein, dass seine Feine uns nicht anheuern werden, wenn er mir freiwillig dieses Wissen in die Hände gibt. Fast schon etwas leichtsinnig von ihm.«

Lucien lugte in den Gang. Muffige Luft schlug ihm entgegen. »Was ist eigentlich mit der Gräfin?«, fragte er. »Hat Hassildor überhaupt eine Frau?«

Vicente nahm eine Fackel von der Wand des Ganges und entzündete sie mit einem einfachen Feuerzauber. Dann ging er voran. Der Junge folgte.

»Ja, er hat eine Frau, aber sie ist angeblich schwer krank«, sagte der Vampir. »Mir gegenüber hat er sie nie erwähnt, aber ich habe aus reiner Neugierde ein paar Nachforschungen angestellt. Sie ist ebenfalls eine Vampirin, anders als ihr Graf Gemahl lehnt sie ihr Geschenk jedoch ab. Sie verweigerte zu lange jegliche Nahrungsaufnahme und verfiel vor wenigen Monaten in einen tiefen Schlaf, aus dem sie seitdem nicht mehr erwacht ist.«

»Sie ist … verhungert?«, fragte Lucien. Konnte man das so sagen? Oder musste es eher »verdursten« heißen?

»Nein, sie lebt noch«, sagte sein Mentor. »Ich weiß allerdings nicht, wie lange ein Vampir in diesem Zustand überdauern kann, schließlich habe ich es nie auf einen Versuch ankommen lassen. Der Graf sucht ein Heilmittel, aber ich glaube nicht, dass er fündig wird. Hat die porphyrische Hämophilie ihr Endstadium, den ausgewachsenen Vampirismus, erreicht, ist sie nicht mehr zu heilen. Fast tut mir der Graf leid.«

Wirklich Mitleid für Graf Hassildor konnte Lucien nicht empfinden. Er zuckte nur mit den Schultern.

»Hat denn schon einmal jemand versucht, Vampirismus im Endstadium zu heilen?«, wollte er wissen.

Nun war es an Vicente, mit den Schultern zu zucken. »Warum sollte man das wollen?«, sagte er. »Ich wüsste von nichts dergleichen. Es ist ein Geschenk, Lucien, und ich würde niemals wollen, dass es mir irgendwer wegnimmt.«

Der Gang war offenbar nicht oft benutzt. Staub lag auf dem Boden und hatte sich in den Fugen zwischen den Mauersteinen abgesetzt. Lucien hatte schnell die Orientierung in dem engen, sich windenden Gang verloren, doch Vicente wusste anscheinend, wo er hin wollte. Zielstrebig ging er voran und bog mal hier, mal da ab. Er war definitiv nicht das erste Mal hier.

»Habt Ihr eine Vermutung, warum der Graf ausgerechnet Euch an sich heranlässt?«, fragte Lucien nach einer Weile des Schweigens.

»Ganz ehrlich: Keine Ahnung«, gestand Vicente. »Cassius hat bestimmt schon den Witz mit dem Kammerjäger angebracht, oder? So wirklich weiß es keiner, und gefragt habe ich den werten Herrn Grafen auch nie. Immerhin darf ich manchmal auf seinen Banketten sein, und das ist es wert, ein paar Fragen dafür offen zu lassen, finde ich. Vielleicht hast du auch einmal die Gelegenheit dazu, dann wirst du sehen, was ich meine. Seine Köche wissen wirklich exzellentes Perlhuhn zuzubereiten!«

Manchmal fragte sich Lucien, ob sich alles im Grunde genommen nur ums Essen drehte. Nun, es stimmte schon, dass gutes Essen ein wahrer Hochgenuss war, aber er kannte Freuden, die weit jenseits dem waren. Außerdem bezweifelte er, dass irgendwer so gut kochen konnte wie Malik. Er vermisste dessen Linseneintopf durchaus ein wenig.

Er wusste nicht genau, wie viel Zeit sie in dem unterirdischen Gangsystem zugebracht hatten. Als sie es jedoch verließen, umschloss sie dunkle Nacht. Es musste also bereits eine ganze Weile vergangen sein, kein Sonnenlicht war mehr am Himmel zu sehen.

Sie befanden sich in der Stadt, anscheinend in einer abgelegenen Ecke hinter der Kapelle. Lucien befand die Anlage der Gänge mit einem Schlag für äußerst klug, denn so konnten sie unbemerkt ein- und ausgehen. Sicher gab es auch Gänge, die gänzlich aus der Stadt herausführten. Schlau.

»Und nun, Lucien, auf zur Herberge Zur Westebene«, sagte Vicente. Er schlug sich die Kapuze über den Kopf und hieß Lucien, dasselbe zu tun.

So vermummt waren sie nichts weiter als nächtliche Reisende, die ein Bett für die Nacht suchten. Die weiten Umhänge verbargen ihre Rüstungen und Waffen vor neugierigen Augen. Vicente trug lediglich sein Claymore offen zur Schau; da die Wildnis ein gefährlicher Ort zum Reisen war, würde niemand Fragen stellen.

»Denk daran, wir sind unauffällig wie ein Schatten«, erinnerte der Vampir seinen Schützling. »Wir stellen keine Fragen, wir beobachten nur und hören zu. Vorerst. Wir wollen ja nichts überstürzen.«

Vicente führte Lucien sicher durch die Stadt. Nur ein paar Wachen und Nachtschwärmer waren momentan ihre Weggefährten, ansonsten war alles still in der Stadt. Lediglich die Taverne hörte Lucien bereits aus einiger Entfernung, Stimmengewirr, durchdrungen von Musik.

Der Vampir zögerte nicht, als sie ihr Ziel erreichten, öffnete die Tür und trat ein. Lucien schlüpfte hinter ihm in die gute Stube.

Warte Luft schwappte ihnen entgegen, geschwängert mit den Gerüchen einer belebten Taverne: die Ausdünstungen vieler Leiber auf beengtem Raum, Essen, Bier und auch Tabaksrauch.

Niemand hatte die Neuankömmlinge bemerkt, denn anscheinend war gerade irgendeine Feier im Gange. Die Leute tanzten auf den Tischen und sangen ausgiebig, während eine Musikergruppe auf ein paar Fässern eine flotte Melodie fiedelte. Es war laut, es war stickig und es war hektisch. Lucien fühlte die Energie förmlich, die in der Luft im Takt der Musik schwang.

Vorsichtig drängte sich Vicente durch die Leibermassen, und Lucien war bemüht, dichtauf zu bleiben. Der Vampir strebte eine etwas ruhigere Ecke des Schankraumes an, die weitestgehend in Schatten gehüllt war. Mit einem Seufzen setzte er sich. Unter seiner Kapuze blitzen kurz die gebleckten Fangzähne hervor und er schnüffelte. Doch dann schien er sich wieder zu besinnen.

»Diese Stadt braucht wirklich dringend eine zweite Taverne«, kommentierte er nur.

Lucien setzte sich neben ihm auf die Bank und war froh, aus dem Gedränge heraus zu sein. Zufrieden betrachtete er seine Beute, eine Handvoll Septime, eher sie sie in seinem Umhang verschwinden ließ.

»Gewitztes Bürschchen, du«, sagte Vicente, dem das freilich nicht entgangen war.

»Das war nicht wirklich schwer«, schwächte der Junge ab und zuckte mit den Schultern.

Sie beendeten das Thema, als eine leicht bekleidete Schankmagd vorbei kam. Sie wackelte auffallend vor Vicente mit ihrem offenherzigen Dekolleté, doch diesen schien es nicht wirklich zu interessieren. Unbeeindruckt gab er seine Bestellung auf. Anscheinend beleidigt zog sie wieder ab.

»Frauen sind seltsam«, kommentierte Lucien, der der Waldelfe nachdenklich nachsah.

»Lucien, weißt du, wir sollten wirklich demnächst in Betracht ziehen, aus dir einen ganzen Mann zu machen«, beschloss Vicente. »Elfen sind definitiv nicht nach meinem Geschmack, aber abgesehen davon ist sie doch wirklich ansehnlich. Dass du kein Auge für so etwas hast, tse, tse, tse.«

Der Junge wurde wieder einmal rot bis hinter die Ohren. »Ich sehe keinen Bedarf dafür«, warf er hastig ein. »Was bringt es mir denn?«

»Eine Menge Freunden, glaub mir.«

Lucien war sich nicht sicher, ob er froh sein sollte oder nicht, dass Vicente das nicht näher erläuterte.

Die Kellnerin kam indes mit Vicentes Bestellung wieder. Dieses Mal wirkte sie kühl und distanziert und kokettierte nicht mit Vicente.

»Elfen«, murmelte er. »Sie wirken immer so arrogant und distanziert. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur zu sehr von Caelwen geprägt. Sie ist eine Schreckschraube, oder?«

Lucien sah seinen Mentor groß an. »So etwas könnt Ihr doch nicht über unsere Schwester sagen!«, empörte er sich.

Doch der Vampir winkte nur ab. »Kein Gebot verbietet es mir«, sagte er nur, während er zu seinem Bierkrug griff. »Und sind wir ehrlich: Es lässt sich nicht schönreden, sie ist es. Aber sie ist eine exzellente Magierin, daran lässt sich nicht rütteln und nicht schütteln.«

Lucien hatte ebenfalls einen Krug Bier bekommen, sowie einen Laib Brot und Käse. Beides war frisch und sehr schmackhaft. Er biss herzhaft hinein und spülte es dann mit einem ordentlichen Schluck Bier hinter.

Als er den Krug wieder absetzte, musste der Vampir neben ihm herzhaft lachen. »Wenn wir jetzt einen Spiegel hätten!«, kommentierte er. »Du hast einen wunderschönen Bart aus Bierschaum.“«

Lucien wischte sich hastig über den Mund. Wie peinlich! »Wir sollten uns besser auf die Gäste und unseren Auftrag konzentrieren», murmelte er hastig.

»Stimmt«, wurde Vicente wieder ernst. »Ich vergaß wieder einmal, dass du nicht so feine Sinne hast wie ich und dich nicht auf beides konzentrieren kannst.«

Lucien widmete sich dankbar seiner Umgebung. Manchmal fragte er sich, warum er sich noch nicht völlig blamiert hatte. Und dann hielt sein Mentor auch noch so hohe Stücke auf ihn! Eine große Ehre für ihn, das ja, aber gelegentlich zweifelte Lucien, ob es auch wirklich angemessen war.

Die Gesellschaft, die an diesem Abend hier versammelt war, war wohl ein Junggesellenabschied. Die Meisten der Anwesenden waren junge Männer, die ausgelassen feierten. Gelegentlich wurden Trinksprüche erhoben, ansonsten aber wurde die meiste Zeit wild gelacht und getanzt. Sie alle waren ausnahmslos mehr oder weniger betrunken. Solange die Inneneinrichtung allerdings nicht allzu sehr beschädigt wurde, schien es den Wirt nicht allzu sehr zu stören. Er konnte ordentlich ausschenken.

Lucien sinnierte, wie es wohl wäre, einer Hochzeit das gewisse Etwas zu geben. Man könnte den Ehering vergiften oder die Braut im Hochzeitsbett erstechen. Das würde sicher ein großer Spaß sein! Knifflig, keine Frage, aber ausgesprochen delikat.

Dann riss er sich wieder zusammen. Konzentration! Er musste auf die Anwesenden achten sowie das, was sie sagten.

»Lucien«, sagte Vicente unvermittelt. »Ich glaube, wir haben Besuch. Unser Bonus ist nahe.«

Lucien musste einen Augenblick überlegen, ehe er verstand, was Vicente damit meinte. Dann sagte er nur: »Oh!«

Vicente selbst strahlte keine Begeisterungsstürme an. Er erhob sich lediglich ruhig und bedeutete dem Jungen, ihm nachzufolgen, ehe er sich umwandte und nach oben zu den Gästezimmern ging.

»Habt Ihr einen Plan, Meister?«, fragte Lucien leise. Er hielt seine Stimme lieber bedeckt, denn er fürchtete, dass die Vampire, die sie jagten, ihn sonst hören könnten. Wahrscheinlich eine dumme Befürchtung, aber sicher war sicher.

»Sie sind im Hinterhof«, sagte der Vampir und schnüffelte, als wolle er noch einmal sicher gehen. »Von einem der Gästezimmer aus können wir sie hoffentlich ungesehen beobachten. Mir ist nicht wohl dabei, dass sie uns beinahe unvorbereitet erwischt hätten – und eigentlich sind wir auch nicht genügend vorbereitet, sind wir ehrlich. Zeige also höchste Vorsicht, Lucien.«

Der Junge nickte und trat noch leiser auf als ohnehin schon.

Vicente untersuchte die Türen der Gästezimmer, ehe er eine für geeignet hielt, das Schloss kackte und eintrat. Der Raum war bis auf ein Bett und eine Truhe leer, ein Fenster ging jedoch zum Hinterhof hinaus. Geduckt huschten sie zum Fenster und lugten vorsichtig hinaus, darauf bedacht, dass niemand von draußen sie würde sehen können.

Drei dunkle Gestalten standen dort, allesamt in weite Umhänge gehüllt, die ihre Gestalten verschleierten. Sie betrachteten das Gasthaus und schienen etwas miteinander zu bereden.

»Das sind sie«, wisperte Vicente. »Sie wissen wahrscheinlich, dass ich da bin, aber dich werden sie unter all den anderen Sterblichen nicht ausmachen können.«

»Wissen sie, dass wir sie jagen?«, fragte Lucien.

»Schwer zu sagen«, räumte Vicente nach einem kurzen Überlegen ein. »Sicher ist nur, dass sie mich als Konkurrenz betrachten. Ein anderer Vampir in ihrem Territorium, der nicht absolut sicher auf ihrer Seite steht, ist für Wilde immer erst einmal eine Bedrohung. Wir müssen auf unser Glück hoffen, dass sie nicht wissen, dass der Graf uns auf sie angesetzt hat, das könnte uns einen Vorteil bringen.«

Eine der Gestalten deutete auf das erste Stockwerk ungefähr in ihre Richtung.

Erschrocken duckte sich Lucien weg. »Haben sie uns bemerkt?«, wisperte er.

Vicente, obgleich auch er sich geduckt hatte, schüttelte den Kopf. »Ihre Sinne werden durch die vielen Reize der Gäste im Schankraum getrübt und irritiert. Sie wissen nur, dass ich in der Nähe bin, können mich aber nicht genau ausmachen.«

Erleichtert atmete der junge Assassine auf.

Für einen Moment hüllte sich sein Mentor in nachdenkliches Schweigen und runzelte die Stirn. Dann merkte er auf. »Pass auf, Lucien, wir machen es so«, sagte er. »Sicher gibt es einen Weg hinauf auf’s Dach, ohne dass wir dabei von ihnen bemerkt werden. Vielleicht eine Dachluke oder etwas in der Art. Von dort aus kann ich angreifen. Ich will nicht, dass du dich direkt am Kampf beteiligst, hast du das verstanden, Lucien?«

Er nickte.

»Gut. Denn alles Andere wäre eine zu große Gefahr für dich. Was du machen kannst und wirst, ist, mit Feuerzaubern für Verwirrung zu sorgen. Vampire haben eine gewisse Anfälligkeit dafür. Das wird sie also hoffentlich genug aus dem Konzept bringen, dass ich mit ihnen kurzen Prozess machen kann. Sollte mir irgendwer von ihnen entwischen und sich dir zuwenden, nimm die Beine in die Hand und renn so schnell wie der Wind. Hast du auch das verstanden?«

Dafür, dass sein Mentor ihm eigentlich nur zeigen wollte, was es hieß, ein Vampir zu sein, setzte er ihm einiger Risiken aus, stelle Lucien im Stillen für sich fest. Dennoch nickte er freilich wieder. Er würde alles machen, was Meister Valtieri von ihm verlangte. Dennoch war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, Vicente notfalls zurückzulassen und selbst von einem anderen Vampir verfolgt zu werden.

Nachdem sich Vicente also der Gehorsamkeit seines Schülers versichert hatte, wandte er sich lautlos vom Fenster ab und schlüpfte zur Tür hinaus. Lucien folgte ihm wie immer wie ein Schatten.

Am Ende des Ganges im oberen Stockwerk führte eine Leiter zu einer Falltür hinauf. Sie kletterten hinauf und befanden sich nun anscheinend auf einem Dachboden, vollgestellt mit allerlei Möbeln und anderer Inneneinrichtung des Gasthauses.

Vorsichtig, um nicht versehentlich irgendwo anzuecken, schlichen sie im spärlichen Licht der Monde, das durch die Dachschindeln hereinfiel, über den staubigen Dachboden. Lucien musste seine Augen sehr anstrengen, um überhaupt etwas zu erkennen, doch er hielt sich dicht an Vicente, der augenscheinlich keine solchen Probleme hatte.

Unter der Führung des Vampirs fanden sie schließlich, was sie suchten. Mit aller Vorsicht öffnete Vicente die Luke und kletterte hinaus. Dann wandte er sich um und streckte die Arme aus, um Lucien nach oben zu helfen, da der Junge zu klein war, um selbst hinauszuklettern.

»Du musst mehr essen, damit du wächst, Stift«, scherzte Vicente wispernd.

Lucien widmete ihm nur einen langen Blick, behielt seine Gedanken jedoch für sich. Sehr witzig …

Flach auf das Dach gepresst, kletterten sie vorsichtig zum First und spähten hinüber und hinab in den Hof. Noch immer schienen die drei Vampire nicht bemerkt zu haben, dass sich ihr Jäger soeben an sie anschlich.

»Du weißt, was du zu tun hast, Lucien«, wisperte Vicente. »Auf mein Zeichen hin, bewirfst du sie mit Feuer.«

Lucien nickte, woraufhin sein Meister sich entfernte, um einen besseren Ausgangspunkt für seinen Angriff zu suchen. Der Junge folgte ihm mit dem Blick, behielt dabei aber auch die feindlichen Vampire im Auge. Ihm schlug das Herz bis zum Halse. Wie konnten sie das nur nicht hören? Außerdem bemerkte er, dass seine Hände zitterten. Er atmete mehrmals tief durch, um wieder zur Ruhe zu kommen. Es konnte doch nicht sein, dass er vor Angst schlotterte! Dies war zudem nicht sein Auftrag, sondern der Vicentes, er war nur der Beobachter und Unterstützer.

Vicente hatte indes auf einem niedriger gelegenen Dach am Hof seine Position bezogen. Er sah zu Lucien und nickte. Das nahm dieser zum Anlass, um seine Zauber zu wirken.

Die Wirkung war die versprochene. Einem der Vampire brannte er den Umhang ab, welchen dieser sofort erschrocken abwarf. Die drei Vampire stoben auseinander und sahen alarmiert zu den Dächern auf, um auszumachen, von wo die Gefahr drohte. Schon flogen weitere Feuerbälle heran. Mit einem Brüllen stürzte sich Vicente mit gezogenem Claymore wie ein Raubvogel auf Beutefang von oben auf die Vampire herab. Er konnte keinem von ihnen den Schädel spalten, dafür wichen sie ihm zu schnell aus. Dennoch erwischte er sie auf kaltem Fuße.

Dann ging alles rasend schnell.

Der untreue Graf

Graf Hassildor hatte sich ausgesprochen erfreut gezeigt, als sie ihm die Köpfe der Vampire präsentierten. Anscheinend hatte selbst er nicht damit gerechnet, dass sie noch in der Folgenacht ihren Erfolg erzielen konnten. Also hatte er zum versprochenen Bonus, eine gehörige Portion Goldes, noch mehrere Flaschen seines besten Weines dazu gelegt. Vicente zeigte sich im höchsten Maße erfreut.

»Am besten trinken wir den Wein gleich jetzt«, schlug er vor. »Ansonsten macht ihn und Cassius noch streitig. Er ist bloß neidisch, weil ich kostenlos so guten Wein bekomme und er nicht, ich sag’s dir!«

»Ihr musstest aber auch ganz schön dafür schuften!«, erinnerte Lucien. »Ich finde das nur gerecht.«

Der Kampf war beeindruckend gewesen – aber zugleich auch furchteinflößend. Es waren Gewalten aufeinander getroffen, die weit über das menschliche Maß hinausgingen, die sogar weit über das hinausgingen, was Lucien jemals erreichen würde. Er hatte bis jetzt von Vicente bisher zumeist nur als einen aristokratischen Bücherwurm gedacht, der nur gelegentlich zur Waffe griff, um seine Familie zu verteidigen. Hier, in der direkten Konfrontation mit Gegner, die ihm mehr als gewachsen waren, zeigte er, dass er mehr war, so viel mehr als nur das.

Der Junge war noch immer am überlegen, was er daraus mitnehmen wollte. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er nun auch ein bisschen Angst vor seinem Mentor.

Vicente war seit jenem Abend nicht mehr auf sein Angebot eingegangen, ein Umstand, um den Lucien sehr froh war. Er hätte sonst nicht gewusst, was er sagen sollte. Wäre der Vampir brüskiert gewesen, wenn er es ausgeschlagen hätte? Hätte er ihn zu einer Entscheidung gedrängt, wenn er um mehr Bedenkzeit gebeten hätte? Doch Vicente schien alle Geduld der Welt und kein Problem damit zu haben, vielleicht durchaus Jahre auf eine Antwort seines Schülers zu warten.

Wie Vicente prophezeit hatte, machte Cassius ihnen den Wein streitig.

»Ihr werdet nie im Leben die ganzen zehn Flaschen allein saufen!«, protestierte er. »Kommt, Vicente, wenigstens eine Flasche, bitte.«

Doch der Vampir blieb unerbittlich. Er hob lediglich mit ansonsten ausdruckslosem Gesicht eine Augenbraue. »Die Arbeit hatten immer noch Lucien und ich«, sagte er. »Ich finde, uns gebührt der Lohn.«

»Eure Sturheit in manchen Angelegenheiten ist wirklich bemerkenswert – manchmal zu unserem Leidwesen«, mischte sich nun auch Tsonashap ein. »Seht Ihr, Ihr seid ein Vampir. Eine bemerkenswerte Eigenschaft, durchaus. Aber was nützt es Euch, wenn Ihr außer Blut keine anderen Genüsse in ihrer Ganzheit wertschätzen könnt.«

Lucien hielt sich grinsend im Hintergrund. Am Ende war der Wein noch immer Vicentes Lohn, den er hier verteidigen musste. Er hatte lediglich einen Teil davon abbekommen.

»Und Ihr seid ein Argonier, der kaum etwas anderes isst außer Fisch«, konterte Vicente. »Ich denke, damit haben wir die gleichen Grundbedingungen und ich immer noch ein größeres Recht auf den Wein.«

Die anderen Familienmitglieder waren wie eine Meute hungriger Hunde, als sie spitzbekommen hatten, mit welcher Beute sie nach Hause gekommen waren. Lucien amüsierte das Schauspiel köstlich, Vicente hingegen war sichtlich genervt von dem Theater, das um den Wein gemacht wurde.

Schlussendlich mussten sie jedoch nur eine einzige Flasche der gierigen Meute opfern, alles in allem also eine gute Bilanz. Damit war die Sache durch und alles ging wieder seinen gewohnten Lauf.

Wenige Tage später jedoch rief Proximo Lucien in einer, wie sich herausstellen sollte, ungewöhnlichen Sache zu sich.

»Nein, es ist kein neuer Auftrag für dich«, sagte der Zufluchtsleiter sogleich. »Ich hätte zwar ein paar, aber die können auch warten.«

Lucien runzelte die Stirn und schwieg abwartend, was nun kommen würde.

»Sares ist tot und jemand muss seinen Platz füllen, nicht zuletzt auch, um Mirabelle weiter auszubilden«, sagte Proximo. „Meisterin Drewani äußerte ihre Bedenken, aber schlussendlich argumentierte sie nur mit deinem Alter. Dass du kaum älter seiest als das Mädchen und so weiter. Sie sah ein, dass das ein schwaches Argument ist.«

Lucien fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. »Habe ich … das richtig verstanden?«, fragte er zögerlich. »Ich soll an der Stelle Meister Areles‘ Mirabelle unterrichten?!« Seine Stimme überschlug sich beinahe.

»Du brauchst deswegen kein Fass aufzumachen, Stift«, erinnerte Proximo ihn schmunzelnd. »Früher oder später hättest du ohnehin die eine oder andere Ausbilderrolle bekommen. Ich verstehe ja das Argument deines jungen Alters – und auch deines kometenhaften Aufstieges, und sind wir ehrlich, das ist er. Noch keiner hatte in deinem Alter den Rang eines Eliminators. Aber schlussendlich hast du immer und immer wieder deinen Wert unter Beweis gestellt.«

Lucien klappte erst einige Male erfolglos den Mund auf und wieder zu, ehe er einen Ton herausbekam. »Aber ich bin nicht einmal annähernd so gut wie Meister Areles!«, protestierte er.

»Allein, was den Bogen betrifft«, erinnerte der vernarbte Kaiserliche ihn. »Und dagegen lässt sich einiges unternehmen. Aber schlussendlich bist du äußerst geschickt, was die Künste der Heimlichkeit angeht. Vor allem sie sollst du dem Mädchen lehren. Zeige ihr auch, was du mit dem Bogen bereits gelernt hast, das wird gleichzeitig dir auch ein wenig weiterhelfen.«

»Und … und was ist, wenn ich gar nicht weiß, wie man jemandem etwas beibringt?«, stammelte Lucien weiter.

»Und was ist, wenn ich dir befehle zu tun, was ich dir sage?« Proximo lächelte beschwichtigend, dann klopfte er dem Jungen auf die Schulter. »Wir sollten aufhören, von dir als Jungen zu denken. Du bist kein Kind mehr, schon lange nicht. Du hast im Namen unseres Fürchterlichen Vaters Sithis Leben genommen und Blut vergossen, hast die Dunkelheit über unsere Feinde gebracht. Du bist ein wirklich bemerkenswertes Bürschchen, Stift.«

Aber das blieb hängen. Lucien machte ein langes Gesicht. Den Spitznamen würde er wohl nie wieder loswerden.

Er sah ein, dass er wohl nicht darum herum kam, den Lehrer für Mirabelle zu geben. Er sah ebenso ein, dass das eine große Auszeichnung für ihn war. Und es stimmte ja: Er war ein Eliminator, nur einen Rang unter dem des Assassinen und damit eigentlich kaum schlechter als die meisten Mitglieder der Familie. Er hatte bis jetzt nicht wirklich darüber nachgedacht, aber jetzt stand es ihm deutlich vor Augen. Was er getan hatte, um diesen Rang einzunehmen, war ihm selbstverständlich erschienen, aber das war es bei weitem nicht. Er war jung und hatte bereits einmal gezeigt, dass er den Übermut und die Heißblütigkeit der Jugend besaß. Aber er hatte ebenso gezeigt, dass er aus seinen Fehlern lernen konnte. Während er in den nächsten Tagen vermehrt auf die Gespräche mit seinen Dunklen Geschwistern achtete, wurde ihm deutlich, dass er damit eine große Reife gezeigt hatte, die man von jemandem wie ihm nicht unbedingt erwartete.

Mirabelle zeigte sich ausgesprochen erfreut, dass Lucien sie nun in den Künsten der Heimlichkeit und des Bogenschießens unterrichtete. Sie war zudem ausgesprochen wissbegierig und hing förmlich an seinen Lippen. Lucien wusste zunächst nicht so wirklich, wie er an die ganze Sache herangehen sollte, doch mit den Tagen und Wochen wurde er vertrauter mit seiner neuen Aufgabe. Zudem halfen ihm Tsonashap und Vicente, wenn es darum ging, seinen Lehrmethoden mehr Schliff zu verleihen.

»Du bist zu nachlässig mit dem Mädchen«, war dabei der häufigste Satz, der fiel.

»Aber sie ist doch ein Mädchen!«, protestierte Lucien.

»Na und? Macht ihr Opfer einen Unterschied, ob es von einem Jungen oder einem Mädchen erstochen wird? Es wird wohl kaum sanfter mit ihr umgehen, nur weil sie ein Mädchen ist.«

Lucien ging auf, dass genau darin Mirabelles Stärke lag: Sie war ein Mädchen, klein und unschuldig, mit großen, rehbraunen Augen, einer Stubsnase und Sommersprossen. Wäre da nicht der harte Zug um ihren Mund, man hätte sie glatt für die Unschuld in Person halten können.

»Gut«, lobte Vicente, als Lucien ihm seine Überlegungen mitteilte. »Und genau das müssen wir weiter herausformen. Wenn sie lernt, ihr Äußeres in der richtigen Weise zu nutzen, kann es sie zu einer ausgesprochen tödlichen Waffe machen.«

Es war auch für Lucien ein Lernprozess herauszufinden, was der beste Weg war, jemanden etwas beizubringen. So einfach, wie er zunächst gedacht hatte, war es nicht. Ihr einfach zu sagen, was sie machen sollte, war nicht immer zielführend, das erkannte er schnell, die Dinge seiner Schülerin so zu erklären, dass sie es auch verstand, keine Selbstverständlichkeit. Zu Beginn war es eine Geduldsprobe für ihn. Seine Anweisungen waren glasklar gewesen, hatte er sie gerne einmal entnervt angeherrscht, warum also tat sie nicht, was er von ihr verlangte?

Und dann erinnerte er sich der Zeit, in der er sich in derselben Lage wie sie befunden hatte.

Generell half es sehr, an Sares zu denken. Wie würde er es anstellen? Wie würde er vorgehen, Mirabelle zu vermitteln, was sie können musste?

In der Tat brachte der Unterricht auch Lucien enorm voran. Mirabelle hinterfragte Dinge, auf die Lucien teils von allein niemals gekommen wäre. Dann war es an ihm, ihr ihre Fragen zu beantworten, was sich durchaus als Herausforderung herausstellen konnte; sie wollte alles ganz genau wissen. Und wenn sie diesen und jenen Handgriff etwas veränderte? So etwa? Würde das von Nutzen sein? Und warum etwas auf genau diese Art und Weise machen? Gab es dafür etwa irgendeine Regel?

Sie war ein bodenloses Fass voller Fragen. In gewisser Weise lernten sie beide viel voneinander.

Mirabelle war eine ungemein wissbegierige Schülerin. Bald schon folgte sie Lucien wie ein Schatten überall hin, es sei denn, er verbot es ihr ausdrücklich. Er empfand ihr Verhalten als unangenehm, zumal seine Familienmitglieder in der Zuflucht alsbald scherzten, er hätte eine Verehrerin. Freilich wollte er davon nichts wissen. Insgeheim sah er sehr wohl, dass das Bretonenmädchen an ihm hing wie eine Klette. Nicht einmal er hing so sehr an den Rockschößen Vicentes. Glaubte er zumindest.

Gelegentlich gab sie sich dennoch sehr … mädchenhaft. Ihre »fünf Minuten« nannte es Lucien, in denen sie aufmüpfig und besserwisserisch wurde. Sie schien manchmal zu vergessen, dass er, obwohl kaum älter, deutlich höher im Rang stand als sie. Erinnerte er sie jedoch daran, dann spurte sie sofort, wieder durch und durch eine stille Bewunderin seines Können. Er nahm es hin, wie es war.

Ganz unvermittelt stolperte er in Sprecherin Drewani.

Es waren bereits mehrere Monate vergangen, seit Lucien ein Teil der Ausbildung Mirabelles übertragen worden war, als die Sprecherin unvermittelt in der Zuflucht auftauchte.

Erschrocken sprang Lucien zurück und murmelte hastig eine Entschuldigung. Wie peinlich!

Die Sprecherin schien davon jedoch nur wenig beeindruckt. Sie musterte ihn nur schweigend von oben bis unten, während sie ihre Kapuze zurückschlug. Ihr Blick war ausdruckslos.

Lucien ging auf, dass er die Sprecherin bisher noch nie ohne ihre Kapuze gesehen hatte. Ihr Gesicht war für ihn lediglich ein schattenhafter Schemen gewesen. Irgendwie überraschte es ihn jedoch, als er ein ganz gewöhnliches Gesicht einer Dunkelelfe erblickte. Lediglich eine kleine Narbe verunzierte ihr Gesicht und verzog ihren Mund, sodass es aussah, als würde sie jederzeit spöttisch lächeln.

»Der jüngste Eliminator, den wir haben, und dazu auch noch mit einem Bildungsauftrag belegt«, sagte sie, nachdem die Musterung beendet war. »Du hast dich gut gemacht, auch äußerlich. Dünn bist du immer noch, aber nicht mehr ganz so mickrig. Und der erste Schatten eines Bartes ist ebenfalls auf deinem Kinn zu sehen, sieh an. Das hätte wohl keiner geglaubt, als du den Weg in den Schoß unserer Familie gefunden hattest.«

Verlegen senkte Lucien den Blick und errötete. »Ihr ehrt mich, Sprecherin Drewani«, nuschelte er. Ausgerechnet sie belebte ihn mit so viel Lob!

Nun schien sich doch der Hauch eines Schmunzelns auf ihr Gesicht zu legen. »Doch genug des Geschwätz«, sagte sie. »Ich bin hier, um mich in ernsten Angelegenheiten direkt an alle Mitglieder der Zuflucht zu wenden. Bringe mir Cassius Proximo herbei.«

Lucien sah zu, dass er eilig nickte zum Zeichen, dass er verstanden hatte, und den Zufluchtsleiter herbeirief.

Dass Arela Drewani höchstselbst in die Zuflucht kam, um zu ihren Mitgliedern zu sprechen, sorgte für einigen Wirbel. Lucien lebte lange genug hier, um zu wissen, dass die Sprecherin nur höchst selten und in wichtigen Angelegenheiten die Zuflucht aufsuchte. Sie waren also alle sehr angespannt, als sie sich im Hauptraum der Zuflucht versammelten, um zu hören, was die Sprecherin ihnen zu sagen hatte.

»Unsere Brüder und Schwestern in Morrowind wurden vollends zerschlagen«, begann sie geradeheraus. Beunruhigtes Gemurmel erhob sich sogleich, das jedoch sofort verstummte, als sie fortfuhr: »Nach dem Angriff auf die Zuflucht in Ald’ruhn durch die verräterischen Morag Tong rotteten sich die Überlebenden um Sprecher Ak’ari zusammen und suchten in Balmora ein Versteck. Lange konnten sie dort nicht ausharren, die Schlagen fanden sie und vernichteten jeden, dessen sie handhabt wurden.«

»Und Sprecher Ak’ari? Was ist mit ihm geschehen?«, fragte Cassius. Die Besorgnis war aus seiner Stimme herauszuhören.

»Er wurde ebenso wie alle anderen bei dem Überfall getötet«, sagte Drewani mit harter Stimme. Ihre Mine verfinsterte sich, und Lucien meinte für einen kurzen Augenblick, ein loderndes Inferno in ihren roten Dunmer-Augen zu sehen.

»Tot?«, murmelten manche entsetzt. Das Blut wich ihnen allen aus den Gesichtern.

»Banus Alor übernahm bereits seinen Posten, ein enger Vertrauter des Sprechers«, fuhr die Sprecherin fort. »Doch in Morrowind ist niemand mehr, den er leiten könnte. Er befindet sich momentan unter dem Schutz der Schwarzen Hand, ehe wir uns in Morrowind neu formieren können.«

»Nichtdestotrotz ist dies ein uneinnehmbarer Affront, der nicht unbeantwortet bleiben kann«, verkündete Cassius. Er schien seine Stimme nur noch mühsam beherrschen zu können.

»Und es auch nicht wird«, versprach die Sprecherin. »Die Morag Tong hat in den letzten Wochen vermehrt Aktivitäten gegen unsere Familie gezeigt, nicht nur in Morrowind. Nach ihrem ersten Rückschlag in Cyrodiil zogen sie sich zwar vorerst zurück, doch haben sie sich anscheinend neu formiert. Und das Beunruhigendste daran ist wohl, dass sie in vielen der Fürstentümer des Landes agieren, offensichtlich bestrebt, die Fürsten auf ihre Seite zu ziehen. Einer, der dabei anscheinend gewillt ist, ganz vorne mitzuspielen, ist der junge Graf Andel Indarys.«

Proximo schnaubte. »Glaubt er in seinem jugendlichen Übermut, er könne uns ausspielen?«, stichelte er.

»Nicht nur er«, sagte Drewani. »Auch in anderen Städten gibt es Anzeichen feindlicher Aktivität. Unsere Feinde suchen Verbündete in ihrem sinnlosen Krieg gegen uns, und wir müssen zurückschlagen!«

Zustimmende Rufe erschollen. Wahre Worte der Sprecherin! Lucien hatte es zunächst mit der Angst zu tun bekommen, als er vom Schicksal der Bruderschaft in Morrowind hörte. Ein Sprecher war ermordet worden? Einer der Besten der Besten, die die Bruderschaft zu bieten hatte? Doch Drewanis Worte machten ihm wieder Mut, dass sie zurückschlagen und damit auch Erfolg haben würden.

»Ich werde mit Proximo die Feinheiten unseres weiteren Vorgehens besprechen«, sagte Drewani. »Doch hört: Die Schwarze Hand heißt es nicht gut, dass die Morag Tong die Adeligen dieses Landes gegen uns aufbringen will. Wir werden sie daran erinnern, wer der Meister der Schatten und des stillen Mordes ist. Und wenn wir einige von ihnen demonstrativ zu Sithis schicken müssen.«

Das waren Worte, die jeder hier gern hörte, und dementsprechend groß fiel auch die Zustimmung für Sprecherin Drewani aus.

Sie zog sich sodann mit dem Zufluchtsleiter zurück, um, wie sie angekündigt hatte, mit ihm die Details auszuarbeiten. Indes begann unter den übrigen Mitgliedern der Zuflucht aufgeregtes Gerede.

»Wir sind mächtiger als die Morag Tong«, zischelte Tsonashap. »Sie sind nur irgendeine Sekte in Morrowind, aber wir beherrschen ganz Tamriel!«

Caelwen nickte, wenn auch zögernd. »Ich sage es nicht gern, aber: Die Echse hat Recht. Lasst sie uns zu Asche verbrennen.«

»Genau!«, pflichtete ihr M’raaj-Dar bei.

Der Argonier zischelte erst, bleckte dann jedoch die Zähne, was seine Art des Grinsens war.

»Wir sollten nichts überstürzen«, beschwichtigte sie Vicente. »Es sind noch immer Proximo und Drewani, die unser weiteres Vorgehen festlegen.« Und etwas leiser fügte er an: »Aber es stimmt schon, das darf nicht ohne Gegenschlag bleiben.«

»Es macht mich wütend zu sehen, wie jemand so … herablassend mit unserer Familie umgeht«, warf nun auch Lucien ein.

»Die Zeit der Rache wird kommen, da bin ich mir sicher«, beschwichtigte Vicente sie alle. »Und ebenso sicher bin ich mir, dass wir alle in ihren Genuss kommen. Aber wie ich bereits sagte: Wir sollten nichts überstürzen.«

Da er der Ranghöchste der Anwesenden war, war das für sie das Schlusswort. Sie zerstreuten sich und gingen ihrem üblichen Tagwerk nach. Oder versuchten es zumindest. Die Neuigkeit, dass einer ihrer Sprecher von der Morag Tong getötet worden war, saß tief in ihren Knochen. Damit wurde die ganze Affäre mit der konkurrierenden Mördersekte nicht nur lästig, sondern zu einem ernsten Problem. Als Lucien damals zusammen mit Vicente das Lager der Morag Tong eliminiert hatte, hätte er nicht gedacht, dass es so weit kommen würde.

Stunden vergingen, und dann Tage. Drewani ging ein und aus, doch wenn sie kam, dann schloss sie sich meist für den Rest des Tages zusammen mit Proximo in dessen Zimmer ein. Keiner der beiden verlor ein Wort über das, was sie besprachen, sodass sie alle auf heißen Kohlen saßen. Das Bedürfnis nach Rache brannte in ihnen allen, und untätig die Hände in den Schoß zu legen, war definitiv nichts, woran sie große Freude fanden.

Lucien lenkte sich damit ab, indem er Mirabelle stärker forderte als ohnehin schon. Manchmal jedoch fanden sie die Zeit, um ein wenig über etwas Anderes als ihre Lektionen zu reden. Dann sponnen sie zusammen, wie sie gegen die Morag Tong vorgehen würden, und in gewisser Weise war auch das für Mirabelle eine Lektion. Das Ergebnis war stets dasselbe: Von den feigen Dunkelelfen würde am Ende keine Spur mehr übrig bleiben, nicht in ganz Tamriel.

Nachdem wohl eine Woche vergangen war, kam erneut Bewegung in die Szenerie. Die Aufregung in der Zuflucht war groß, als Drewani an diesem Tag mit weiteren Personen in der Zuflucht erschien, allesamt in die gleichen Roben gehüllt wie die Sprecherin. Die Schwarze Hand stattete ihrer Zuflucht einen Besuch ab.

Lucien kam nicht umhin zu gaffen, obgleich die anderen drei Sprecher und der Zuhörer ihm keine große Beachtung schenkten, und sich nur, wie auch Drewani die Tage zuvor, in Proximos Gemächer zurückzogen.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter, und als er erschrocken herumfuhr, sah er in Vicentes grinsendes Gesicht.

»Das war ein Anblick, oder?«, sagte der Vampir. »Die gesamte Schwarze Hand in unserer bescheidenen Zuflucht.«

Lucien nickte eifrig. »Sogar der Zuhörer!«, sagte er begeistert. »Ich hätte nie gedacht, ihn jemals zu sehen. Er war beeindruckend!«

Im Grunde hatte er eigentlich nur eine von oben bis unten in schwarze Roben gehüllte, etwas kleine Figur gesehen. Aber was machte es schon? Darunter verbarg sich niemand geringeres als der Zuhörer! Der Beste der Besten, derjenige, der der Mutter der Nacht höchstselbst sein Ohr lieh!

»Nun übertreib es nicht, Stift«, beschwichtigte Vicente ihn, immer noch grinsend. Dann wurde er jedoch ernst. »Dass die Schwarze Hand sich ausgerechnet hier versammelt, sollte jedoch zu denken geben«, sagte er.

Lucien fiel es wie Schuppen von den Augen. »Das heißt wohl, dass gerade wir ein wirklich ernstes Problem haben?«, hakte er nach.

»Vielleicht war es sogar abzusehen«, bestätigte der Vampir. »Der Zuhörer lebt in Bravil, um jederzeit nahe der Gruft der Mutter der Nacht zu sein, und wir hier in Cheydinhal sind eine starke Zuflucht. Cyrodiil ist damit sehr … interessant für die Morag Tong. Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber gerade auf uns könnten ernste Probleme zukommen.«

»Nicht, dass uns dasselbe passiert wie unseren Geschwistern in Morrowind!«, meinte Lucien besorgt.

Vicente tätschelte ihm beruhigend die Schulter. »Ganz bestimmt nicht«, sagte er. »Wir sind stark und zudem nun auch vorgewarnt.«

Vicentes Zuversicht beruhigte Lucien wieder. Nichtsdestotrotz blieb ein wenig Restbesorgnis.

Nun, da die gesamte Schwarze Hand versammelt war, kam man anscheinend rasch zu einem Ergebnis. Schon am nächsten Tag zogen die Sprecher und der Zuhörer wieder ab, wieder, ohne ein Wort zu verlieren. Nur Arela Drewani blieb, um zu den Mitgliedern ihrer Zuflucht zu sprechen.

»Im Gespräch mit der Schwarzen Hand zeigte sich, dass Cyrodiil momentan der Schwerpunkt der Aktivitäten unserer Feinde ist«, begann sie.

Vicente nickte wie zum Zeichen, dass er es vorausgeahnt hätte.

»Wir werden uns also hier am stärksten mobilisieren«, fuhr die Sprecherin fort. »Jeder von uns wird seinen Anteil an der Beseitigung dieses Problems haben, selbst die jüngsten.« Hier warf sie Mirabelle einen Blick zu. »Ich werde auch Kräfte aus Skyrim abziehen, um Euch, meine Brüder und Schwestern, zu stärken. Erst dann werden wir uns verstärkt anderen Provinzen zuwenden. Gemeinsam werden wir die Maden vom Angesicht Tamriels tilgen! Sie werden danach nie wieder die Hand gegen uns erheben und es wagen, uns gefährlich werden zu wollen.«

Hochrufe wurden laut und der eine oder andere schien bestrebt, sofort loszustürmen und jeden Anhänger der Morag Tong zu meucheln, dessen er habhaft werden konnte.

Im Nachfolgenden erläuterte Sprecherin Drewani jedem einzelnen seine Rolle in ihrem Plan. Dabei eröffnete sich Lucien auch das erste Mal, wie umfassend die Morag Tong anscheinend in ganz Cyrodiil und über die Grenzen hinaus agierte. Eine gewisse Unruhe nistete sich in seinem Magen ein.

Seine Aufgabe würde der junge Graf Indarys sein, sagte die Sprecherin ihm. Er solle ihn einschüchtern und daran erinnern, wer hier von wem profitierte. Lucien wusste, dass sie den Grafen mit nicht gerade wenig Geld bestachen, damit er den Mund hielt und ihre Zuflucht nicht verriet. Er solle noch nicht zum Äußersten greifen und gleich jemanden abstechen, bläute ihm die Sprecherin, aber er könne durchaus damit drohen und, sollte der Graf sich nicht kooperativ zeigen, notfalls seine Drohungen auch in die Tat umsetzen. Die Botschaft sollte in jedem Fall klar sein: Die Bruderschaft war diejenige, die der Graf fürchten sollte, auf dass er besser ihrem Willen als dem der Morag Tong folgen sollte. Er, ein Abkömmling des Hauses Hlaalu, war nicht mehr in Morrowind und damit hatte er kein Anrecht mehr auf die Sitten und Gebräuche der Heimat der Dunkelelfen. Hier hielt die Dunkle Bruderschaft die Fäden in den Händen.

Es war ein Auftrag ganz nach Luciens Geschmack. Er musste sich nicht verstellen und er konnte böse und gemein sein. Schlussendlich hatte ihm die Sprecherin freie Hand gewährt, solange er es nicht übertrieb.

In den nächsten Tagen herrschte rege Betriebsamkeit in der Zuflucht. Jeder bereitete sich auf seinen Teil der Mission vor und schmiedete seine Pläne. Arela Drewani hatte sich mittlerweile wieder nach Festung Farragut zurückgezogen, um von dort aus wohl ihre anderen Zufluchten zu koordinieren.

Auch Lucien konsultierte verschiedene Karten, um sein weiteres Vorgehen auszuarbeiten. Die Zuflucht besaß etliches Kartenmaterial, und so auch einen Grundriss der Festung Cheydinhal. Wie er es erhofft hatte, waren hier all die Geheimnisse der Festung eingetragen, die er wissen wollte, um ungesehen zum Grafen vorzudringen. Er hatte eine junge Familie, wusste der Junge, das konnte er ausnutzen. Zusätzlich fragte er die anderen Mitglieder über Andel Indarys aus, sobald sie ihm ein Ohr leihen konnten.

Bald meinte er genug zu wissen, um endlich zur Tat zu schreiten. Er freute sich zugegebener Maßen darauf, eine Aufgabe ganz nach seinem Geschmack zu erfüllen und dabei gleichzeitig zum Ruhme der Familie zu arbeiten.

Mit der nötigen Ausrüstung versehen machte er sich wenige Nächte später auf den Weg. Sein erstes Ziel war, mit den nötigen Informationen den Grafen ein wenig zu beschatten und vielleicht, sollte sich eine günstige Gelegenheit ergeben, auch schon in Aktion treten.

Es kribbelte ihm in den Fingern vor lauter Aufregung. Doch dann riss er sich zusammen.

Seine Ausrüstung war im astreinen Zustand, das Tuch vor seinem Gesicht verschleierte gewohnheitsgemäß seine Identität. So fühlte er sich am wohlsten, eine Einheit mit den Schatten um ihn herum und ein tödliches Messer in den Händen. Graf Indarys wäre sicher sehr erfreut, wenn er ihn etwas näher kennen lernen durfte.

Lucien hatte sich die Lagepläne der Burg genau eingeprägt und fand seinen Zugang schnell, ein Lüftungsschacht im Schatten von Festung Cheydinhal. Durch den engen Schacht kletternd, gelangte er in das Innere der Festung und hatte nun quasi freien Zugang zu allen Räumlichkeiten.

Nach einer anfänglichen Phase der Orientierungslosigkeit fand er sich doch recht schnell zurecht, als er sein räumliches Gedächtnis bemühte und gelegentlich linste, wo genau er sich befand.

Die Lüftungsschächte knüpften an einem bestimmten Punkt an die Geheimgänge an, die sich durch die Burg zogen. Lucien empfand die Paranoia vieler Fürsten als ausgesprochen angenehm, da sie ihm solch exzellente Möglichkeiten bot. Sicher zweckentfremdete er die Gänge, aber warum sollte er nicht nutzen, was ihm geboten worden war?

Es war einfach, bis zu den Gemächern des Fürsten vorzudringen. Der Geheimgang, der die Flucht der fürstlichen Familie ermöglichen sollte, sollte es zum Äußersten kommen, begann direkt hinter einem schweren Wandteppich. Von der Rückseite konnte Lucien nicht genau erkennen, welches Motiv der Teppich darstellte, aber es war ihm auch egal. Wichtig war nur, dass er halbwegs gut hindurchsehen konnte.

Der Fürst vergnügte sich soeben mit seiner Gemahlin.

Lucien wusste, obwohl er es freilich nicht sehen konnte, dass er bis hinter die Ohren feuerrot im Gesicht wurde. Seine Wangen brannten förmlich. Er atmete mehrmals tief durch und riss sich dann am Riemen. Er war beruflich hier, da würde ihn so eine Peinlichkeit doch nicht aufhalten!

Also setzte er sich in den Gang und wartete.

Er musste recht lange warten und bekam dabei eine vielfältige Mischung an Geräuschen mit, auf die er liebend gern verzichtet hätte. Seine Geduld wurde auf eine Probe gestellt, als griff er zur altbewährten Methode, seine Phantasie zu bemühen. Wenn er schon nichts Besseres zu tun hatte, dann konnte er sich wenigstens überlegen, was er am besten dem Fürsten mitteilte, um ihm einen gehörigen Schrecken einzujagen. Ob er das soeben Gesehene nutzen konnte?

Die Fürstin stieß einen lauten Schrei aus. Lucien überlegte, ob sie wohl Schmerzen hatte. Aber nein, das klänge anders. Seltsam. Zumindest kehrte danach Ruhe ein. Nach einer Weile des Schweigens begann das Fürstenpaar leise miteinander zu tuscheln. Lucien bemühte einen Zauber, um zu hören, was sie miteinander besprachen, löste ihn aber sofort wieder. Wieder schoss ihm Blut in die Wangen.

Am liebsten würde er jetzt irgendwen abstechen, stellte er verärgert fest. Sein Auftrag hatte viel Spaß versprochen und jetzt das! Frustriert begann er mit seinem Dolch zu spielen. Vielleicht sollte er ein Hündchen auftreiben, es schlachten und der Fürstin präsentieren. Vielleicht besaß sie sogar ein Hündchen! Hm, die Idee gefiel ihm.

Mittlerweile hatte das Getuschel geendet und Kleiderrascheln war zu vernehmen. Das klang gut! Lucien begab sich wieder zu seinem Beobachtungsposten, um nachzusehen, was soeben geschah. Das Fürstenpaar kleidete sich soeben an und erfrischte sich mit etwas Obst und Wein. Sie waren also fertig. Endlich! Wenig später verließ die Fürstin das Gemach ihres Gemahls und Andel Indarys war endlich allein. Lucien wartete noch einen Moment, ehe er seinen großen Auftritt begann.

Dann hielt er inne. Nein, nein, das war keine gute Idee. Wenn er jetzt einfach so in den Raum platzen würde, würde der Fürst sicher schneller die Wachen rufen, als er gucken konnte.

Kurz darauf verließ auch der Fürst den Raum. Das war eine gute Gelegenheit. Lucien schlüpfte hinter dem Wandvorhang hervor und huschte zur Tür. Er positionierte sich so, dass sie, wenn sie geöffnet wurde, ihn hinter sich verbarg. Dann konnte er sicher gehen, dass der Fürst ihm nicht einfach so wegrannte, sondern sich anhörte, was er zu sagen hatte.

Kurz darauf kehrte Fürst Indarys wieder. Lautlos glitt Lucien hinter ihn und schloss ebenso lautlos die Tür, die der Elf beim Eintreten hinter sich hatte offen stehen lassen. Dann lehnte er sich lässig dagegen und wartete, bis sein Gast ihn bemerkte.

Andel Indarys war mit irgendwelchen Papieren beschäftigt, die er sich wohl aus einem anderen Zimmer seiner Gemächer geholt hatte. Nachdenklich sah er darauf, während er in seinem Zimmer auf und ab lief.

Dann endlich bemerkte er Lucien. Einen erschrockenen Laut ausstoßend stolperte er zurück und ließ dabei die Papiere fallen.

»Scheiße!«, fluchte er und tastete dabei nach irgendetwas, das ihm als Waffe dienen konnte. »Wach…«

Doch Lucien war schneller. »Na, na, na. Wir wollen doch nicht nach den Wachen rufen und dafür mit einem Messer zwischen den Rippen enden«, fiel er dem Grafen zurück. »Das wäre für mich zugegebener Maßen der schnellste Weg zu beenden, wofür ich gekommen bin, hätte aber nicht so nachhaltige Folgen, wie meine Familie sich das wünscht.«

Andels Gesicht wurde hellgrau, als das Blut aus ihm wich. »Verschwinde!«, drohte er ihm wenig einfallsreich.

Lucien beantwortete das mit einem spöttischen Hochziehen einer Braue. »Mir kam zu Ohren, dass Ihr in letzter Zeit nicht mehr gewillt wart, die gute Zusammenarbeit mit meiner Familie fortzuführen«, begann er. »Das hat uns alle sehr verletzt, müsst Ihr wissen, mein Herr. Wie konnte es nur dazu kommen, dass ein so guter Partner wie Ihr und seine Gunst verwehrt, möchte ich wissen.«

»Ihr seid Mördergesindel, allesamt!«, zischelte der Fürst erbost, während sein Gesicht wieder etwas an Farbe bekommt. »Die Dunkle Bruderschaft ebenso wie die Morag Tong. Aber wenigstens ist letztere eine legale Organisation!«

»Und Ihr denkt wirklich, das sei eine Beleidigung für mich? Mördergesindel, ha! Das trifft den Nagel doch auf den Kopf!« Lucien konnte nicht anders als lachen. Andel benahm sich einfach lächerlich!

»Dummerweise überseht Ihr da etwas, mein Herr, wenn ich so frei sein darf«, fuhr er nun wieder ernster fort. »Die Morag Tong ist allein auf dem Grund und Boden Morrowinds legal und allein dort hat sie Macht.«

»Oh ja«, spöttelte Andel. »Ich hörte, sie tilgte deinesgleichen vom Angesicht der Heimat.«

Lucien knirschte mit den Zähnen. »Eine dreiste Lüge«, konterte er. Der Graf sollte nicht wissen, dass sie bereits einen herben Rückschlag erlitten hatten. »Ein Stachel im Fleisch, mehr nicht. Wir sind die Dunkle Bruderschaft, und Ihr wisst nur zu gut, wie mächtig wir sind. Oder soll ich Euch daran erinnern? Das wäre kein Problem für mich, glaubt mir, auch wenn ich es sehr bedauern würde, einem einstmals so guten Verbündeten wehtun zu müssen.«

»Du drohst mir also«, fuhr Andel im immer noch spöttischen Tonfall fort. »Wie alt bist? Dreizehn? Vierzehn? Ein Kind, mehr nicht!«

»Und ein hochrrangiger Mörder meiner Familie», fügte Lucien stolz an. »Oder was denkt Ihr, wie es mir gelingen konnte, unbemerkt hier einzudringen? Ich weiß, was Ihr Eurer Göttergemahlin vor wenigen Minuten noch ins Ohr gesäuselt habt.«

Andels Gesicht wurde erst weiß, dann dunkelblau. Das Farbspeckturm von Dunkelelfen war bemerkenswert, stellte Lucien fest.

»Das … ähm, also … das … das geht zu weit!«, stammelte er im Versuch, irgendwie energisch und herrschaftlich zu wirken.

Lucien grinste unter seinem Gesichtstuch. Er hatte ins Schwarze getroffen. »Und Ihr wollt doch sicherlich nicht, dass ich das gegen Euch verwende, oder?«, erinnerte er den Fürsten. »Das würde Euch ganz gewiss nicht gefallen. Also, mein Lieber, überlegt es Euch gut. Wollt Ihr lieber unser Geld in Euren Taschen oder unsere Messer im Rücken, solltet Ihr weiter mit der Morag Tong sympathisieren wollen?«

»Scheiße!«, fluchte Andel erneut. »Drecksratten!« Er machte eine wütende Bewegung und rang deutlich mit sich. »Verdammte Erpressung!«

»Seid froh, ich hätte Euch auch einfach abstechen können«, meinte Lucien lässig. »Seht Ihr, wie sehr Ihr uns am Herzen liegt? Ihr bekommt sogar eine Sonderbehandlung!«

Andel schnaubte vor Wut. »Los, scher dich weg!«, knurrte er. »Ihr werdet schon noch von mir hören.«

»Denkt daran: Geld oder Messer«, trällerte Lucien, während er sich dieses Mal für den Weg durch das Fenster entschied. Indarys sollte immerhin nicht wissen, wie Lucien wirklich in sein Zimmer hatte gelangen können.

Das Fenster zeigte zur Außenseite der Burg und bot damit, wäre es denn Tag, einen schönen Ausblick über die Landschaft des Fürstentums. Lucien wusste, dass, sobald er den Boden erreichte, in der Mauer ein geheimer Durchlass war, der ihn wieder in das Gangsystem in den Mauern der Burg führte. Von dort aus konnte er wieder schnell und ungesehen in die Stadt gelangen.

Alles in allem sah der Abend nach einem Erfolg aus. Der Fürst hatte nicht direkt gesagt, dass er wieder zu ihnen statt zu ihren Feinden halten würde, aber er wusste nun um die Konsequenzen, die sein momentanes Handeln für ihn haben könnte. Dennoch überlegte Lucien, ob er nicht doch besser seine Idee mit dem Hündchen in die Tat hätte umsetzen sollen. Später, sagte er sich, später. Erst einmal abwarten, ob Andel Indarys wirklich spurte. Wenn nicht, würde Lucien schon zu drastischeren Mittel zu greifen wissen.

In den nächsten Tagen hieß es für Lucien abzuwarten und zu sehen, was geschehen würde. Damit hatte er mehr oder weniger Freizeit, in der er die meiste Zeit durch die Straßen der Stadt schlenderte und den Gesprächen der Leute lauschte oder durch das Schloss schlich und das Dienstpersonal aushorchte. Gelegentlich drang er auch bis in die Gemächer des Fürsten vor, um zu überprüfen, ob Andel tat, was er tun sollte. Lucien wusste nicht, ob es ihn beruhigen oder beunruhigen sollte, dass er keinerlei Hinweise auf die Gedanken des Fürsten bezüglich der Dunklen Bruderschaft fand.

Mittlerweile war der Frühling über das Land gekommen und die Tage wurden stets wärmer und sonniger. Die ersten Frühblüher waren bereits erschienen und die Bäume trieben Knospen. Lucien genoss das schöne Wetter und war wieder einmal äußerst froh, dass er den Weg in den Schoß der Dunklen Bruderschaft gefunden hatte. Wer wusste schon, ob er, wäre er noch in der Gosse der Kaiserstadt, jetzt überhaupt noch leben würde.

Mirabelle war die einzige der Zufluchtsmitglieder, die nur kleine Nebenaufgaben in ihrem großen Plan zum Gegenschlag gegen die Morag Tong besaß. Da ihre Ausbilder bis auf Lucien momentan alle selbst mit Aufträgen belegt waren, nahm er sich ihr in dieser Zeit an. Ein wenig Feldarbeit konnte nicht schaden, und so konnte sie lernen, wie man Leute unauffällig beobachtete und ausspionierte.

Der Corbolo-Fluss, der durch die Stadt floss, war in den Sommertagen ein beliebter Ort der Abkühlung. Mirabelle, selbst noch fast ein Kind, liebte es, an warmen Tagen in ihm zu baden, und da man sie dann tatsächlich für nichts anderes als ein normales Kind halten konnte, beschloss Lucien, dies auszunutzen. Ein Badeausflug eines Jungen mit seiner jüngeren Schwester. Wer würde da schon Verdacht schöpfen?

Er selbst hatte zwar unter der strengen Knute Tsonashaps das Schwimmen gelernt, es aber nie wirklich gemocht. Daher ließ er nur die Beine im Wasser baumeln, während Mirabelle ausgelassen im Wasser planschte. Es hatten sich sogar ein paar andere Kinder zu ihr gesellt. Lucien ließ sie gewähren, während er selbst seine Aufmerksamkeit auf seine Umgebung richtete.

Beinahe hätte er es übersehen, doch eben nur beinahe. Als die Wachen begannen, überall in der Stadt Anschläge anzubringen, wurde er aufmerksam. Er runzelte die Stirn, während er gleichzeitig unauffällig Mirabelle bedeutete, zu bleiben, wo sie war. Dann ging er der Sache nach.

Es war stets ein und derselbe Anschlag: eine blutrote Hand prangte auf den Pergamenten, sonst nichts. Die Bewohner Cheydinhals runzelten die Stirn, da sie die Botschaft nicht verstanden. Doch für Lucien war sie klar.

Der Fürst verlangte eindeutig nach deutlicheren Worten.

Lucien hatte sich in den letzten Tagen ein wenig erkundet, was denn Schwachpunkte der fürstlichen Familie sein könnten, und nun zeigte sich, dass seine Vorsorge angebracht war. Er wollte zunächst die Idee mit dem Hündchen umsetzen. Fürstin Indarys würde sich sicherlich freuen, wenn sie ihren liebsten Fiffi stranguliert in ihrem Zimmer hängen sähe.

Mirabelle erhielt den Befehl, sich den Rest des Tages in der Zuflucht aufzuhalten. Er erläuterte ihr seinen Plan, vielleicht nahm sie das eine oder andere daraus mit. Dann traf er seine Vorbereitungen.

Die Fürstin spielte gelegentlich mit ihrem Hund auf der Wiese vor dem Schloss, häufiger jedoch sah man, wie ein Diener dem Hund Auslauf verschaffte. Lucien musste nur versuchen, möglichst unauffällig den Hund fort zu locken und schon konnte es loslegen.

Den Hund von seiner Herrin wegzulocken, war einfacher, als gedacht. Lucien verbarg sich in einem nahen Gebüsch mit einer Wurst in der Hand. Allzu treu schien der kleine Schoßhund ja nicht zu sein, dass er sich schon allein vom Geruch der Wurst verführen lies – oder auch einfach nur verfressen. Mit einem schnellen Stich des Messers mitten ins Herz war das Tier rasch getötet.

Während die Fürstin noch aufgeregt nach ihrem entlaufenen Hund suchte und seinen Namen rief, huschte Lucien mit dem toten Tier in Händen davon.

Wieder ermöglichten ihm die Geheimgänge einen schnellen Zugang zum Schloss. Rasch huschte er durch die Gänge und in Richtung des Gemachs der Fürstin. Er grinste in sich hinein, während er sich die Reaktion der Fürstin auf sein Werk ausmalte. War es nicht wirklich und wahrhaftig Kunst?

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er allein war, betrat er die Gemächer der Fürstin. Sie unterschieden sich kaum von denen ihres Gemahls, bis auf dass sie allerlei Frauenzeug hier herumstehen hatte. Ganze Regale voller Duftöle, Salben und Seifen und allerhand mehr Firlefanz.

Die Vorhänge des Himmelbettes, in welchem die Fürstin nächtigte, wurde von Kordeln zusammengehalten. Lucien entwendete mehrere und knotete sie zu einem kurzen Seil zusammen. Er legte es zu einer Henkersschlaufe, die er dem toten Hund um den Nacken legte, und knotete das andere Ende an einen der Querbalken des Himmelbettes. Zufrieden betrachtete er sein Werk.

»Hm«, machte er skeptisch.

Ein letzter Handgriff und die Zunge des Tieres hing ihm zum kleinen Maul heraus, während sein Kopf auf der Seite baumelte.

»So ist es besser«, kommentierte er zufrieden und lächelte. Wie schön es aussah!

Da vernahm er mit einem Male Stimmen vor den Gemächern der Fürstin. Hastig zog er sich wieder in die Geheimgänge zurück, doch er ging nicht allzu weit, sondern suchte sich vielmehr einen Beobachtungspunkt. In der Tat schien ein Teil des Gangsystems hier genau dafür eingerichtet worden zu sein, ein schmaler Spalt im Mauerwerk erlaubte es, den Raum ungesehen auszukundschaften. Lucien fragte sich, warum jemand das hier tun wollen würde, wenn er nicht gerade in unlauteren Machenschaften unterwegs war. Schlussendlich war es ihm jedoch egal.

In einer Traube von Hofdamen fegte die Fürstin aufgelöst schnatternd in den Raum. Ihr Hund war ihr entlaufen, und es schien, als sei für sie die Welt untergegangen. Dann entdeckte sie den Kadaver. Ihr Schrei klang Lucien noch Stunden danach in den Ohren.

Der Junge grinste schief. Das hatte sicher Eindruck hinterlassen, und seine Botschaft war ebenso klar: »Ich mache keine halben Sachen. Macht, was die Dunkle Bruderschaft will, und Euch wird nichts passieren. Dies war eine erste Warnung, doch wir sind zu weitaus mehr fähig.«

Der Fürst war nicht dumm, er würde es sicher verstehen. Allerdings hatte Lucien nicht mit seiner Sturköpfigkeit gerechnet, als sich das ganze schon am nächsten Tag zu einem Kräftemessen auszuweiten schien.

Die Flugblätter waren nicht verschwunden, ganz im Gegenteil. Als Lucien am nächsten Tag auf seinem gewohnten Gang durch die Stadt die Zuflucht verlassen wollte, fand er am Brunnen ein weiteres Flugblatt. Es war gezielt dort platziert worden, mit einem Dolch an das Holzgerüst über dem Brunnen genagelt.

»So, so, der werte Fürst will also die Muskeln spielen lassen«, murmelte er vor sich hin. »Nun, das kann ich auch.«

Die Sache wurde von Mal zu Mal unterhaltsamer. Um sich den Spaß noch eine Weile zu erhalten, beschloss Lucien, es kleinschrittig anzugehen. Er musste ja nicht gleich zur letzten Stufe greifen und direkt diejenigen aus Indarys‘ engstem Kreis angreifen.

Sein erstes Ziel war der Kammerdiener des Fürsten. Es liefen so viele Diener auf dem Schloss herum, einer weniger würde sicher kein Problem sein, sagte er sich. Also beschattete er sein Ziel für die nächsten Tage. Es erstaunte ihn dabei immer wieder, wie wenig Leute auf Gesichter achteten. Er hatte sich für diese Zeit die Kleidung eines einfachen Küchengehilfen ausgewählt und schon war er quasi unsichtbar für die Bewohner des Schlosses – es sei denn, sie hatten gerade Muse, einen wehrlosen Jungen herumzukommandieren.

In einem günstigen Moment schlug Lucien zu. Für einen Kammerdiener war der Mann erstaunlich fett – Lucien hatte von Dienern aus irgendwelchen Gründen stets das Bild einer schlanken Person mit unauffälligem Gesicht und ausdrucksloser Mine. Das feiste, aufgeblähte Äußere wollte da so nicht wirklich dazu passen. Sicher wären ihm etliche dankbar, wenn er Tamriel von dieser Person befreite.

Es war nicht ganz ohne, den fetten Mann von den Füßen zu reißen und ihm sein Messer in die Brust zu treiben. Um genau zu sein, schnitt er ihm die Fersen durch und stach das Messe dann in eine Kniekehle. Mit einem Grunzen und einem schmerzerfüllten Schrei ging der Mann zu Boden. Lucien stellte sich ein mittelschweres Erdbeben vor und sprang dem Mann auf die Brust, um ihm die Kehle durchzuschneiden und ihm zusätzlich noch einige Stiche in die Brust zu versetzen. Letztere wären wahrscheinlich nicht einmal tödlich gewesen, wäre seine Waffe nicht verzaubert. Der Mann war einfach zu fett!

Er hatte beschlossen, auch hieraus Kunst zu machen. Das Hackbeil hatte er der Küche entwendet. Er holte es hervor, zielte, holte aus und schlug mit aller Kraft zu. Dennoch brauchte er mehrere Schläge und richtete eine ziemliche Schweinerei an, ehe er seinem Opfer den Kopf abgeschnitten hatte. Eigentlich hätte Lucien die Leiche gern noch anschaulicher drapiert, aber dafür besaß er nicht die Kraft. Also legte er ihr lediglich den abgetrennten Kopf in die Hände. Dann verschwand er. Dieses Mal wartete er nicht ab, ehe irgendwer kam und bemerkte, was er tat; im kleinen Zimmer des Mannes gab es keinen geeigneten Beobachtungspunkt. Er würde sich mit dem Gerede auf der Straße begnügen müssen.

Es entwickelte sich zu einem Katz und Maus Spiel, das sich über mehrere Wochen hinweg zog. Natürlich machte der Mord schnell die Runde, und der Graf nannte öffentlich die Dunkle Bruderschaft als Täter. Noch scheute er sich, seine Wachen zum Verlassenen Haus zu schicken, aber Lucien wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er sich nicht mehr vor dem offenen Konflikt scheute. Der Druck musste erhöht werden.

Der junge Eliminator ließ all seine Kreativität spielen. Hier ein abgetrenntes Körperteil im Schreibtisch, da ein blutiger Handabdruck an der Wand und gelegentlich ein weiterer Mord. Lucien arbeitete sich allmählich voran und machte immer deutlicher, dass er sich auch nicht scheute, selbst bedeutsame Personen zu Sithis zu schicken.

»Spiel unserem Feind in die Hände, und es wird dir übel ergehen.« Es war stets die gleiche Botschaft.

Lucien war regelrecht berauscht, als es immer deutlicher wurde, dass die Bevölkerung mehr und mehr Angst bekam. Es war offensichtlich, dass der Graf der Lage nicht Herr wurde. Wie ein Aal schlüpfte Lucien ihm immer und immer wieder durch die Finger und war nicht zu fangen. Wahrscheinlich hatte der Graf nicht einmal die Identität des Störenfrieds ermitteln können.

Das Spiel bereitete dem Jungen unbändige Freude.

Der Druck auf den Grafen wuchs auch aus seiner Bevölkerung heraus. Niemandem gefiel es, dass die Dunkle Bruderschaft ganz offensichtlich schalten und walten konnte, wie es ihr beliebte. Lucien beschloss, sich das Ganze zu Nutze zu machen und nicht nur im Umfeld des Grafen zu wüten.

Natürlich wusste er, dass sein Spiel, so unterhaltsam es auch war, auch ein riskantes war. Die Situation konnte schnell zu seinen Ungunsten kippen, wenn die Bewohner der Stadt beschlossen, zur Selbstjustiz zu greifen. Er sollte nicht allzu sehr in ihren Reihen wüten.

Als er jedoch wenige Wochen später erste Aktivitäten der Morag Tong in der Stadt bemerkte, wusste er, dass er nun wirklich zum letzten Schritt greifen musste. Wer nicht hören will, der muss fühlen, lautete ein Spruch. Und Graf Indarys hatte anscheinend nicht nur seine Ohren mit Stroh verstopft, sondern auch seine Augen.

Fremde waren in die Stadt gekommen, zwielichtige Gestalten aus Morrowind. Wenn das nicht verdächtig war, dann würde er einen Besen fressen, nahm sich Lucien vor. Er beschattete sie, doch es wurde rasch ersichtlich, dass hier die Morag Tong ihren Schritt auf feindliches Gebiet gewagt hatte. Lucien hätte sie nicht bis in die geheimen Keller von Burg Cheydinhal verfolgen und ihre Gespräche mit dem Grafen belauschen müssen.

Ihm war klar: Nun musste er rasch handeln, ansonsten würde er die Kontrolle verlieren. Wenn es nicht schon längst geschehen war.

Die Familie des Grafen war sein letztes Ziel. Schon längst focht der Graf einen Kampf auf einsamen Posten. Es gab im Schloss nur noch wenige, die seine Koalition mit der Morag Tong gut hießen, wenn es denn hieß, sich dadurch die Bruderschaft zum Feind zu machen und diese ein Schlachtfest anrichten zu lassen. Wenn der Graf nicht schon auf seine Berater hörte, dann würde er die Weisheit ihrer Worte vielleicht erkennen, wenn er an seiner empfindlichsten Stelle verletzt werden würde.

Natürlich musste es wie ein Unfall aussehen. Der Verdacht würde zwar naheliegen, dass die Dunkle Bruderschaft dahinter steckte, aber so lange keine Beweise vorlagen und das Beil der Bruderschaft noch immer über ihren Köpfen schwebte, würde hoffentlich niemand offene Anschuldigungen vorbringen und noch mehr Öl ins Feuer gießen.

Sechs Morde hatte Lucien zu verzeichnen. Eine stolze Summe, wie er fand. Ein siebter sollte nun noch hinzukommen, und es sollte etwas ganz Besonderes werden.

Er hatte sich in den letzten Wochen bereits Gedanken darum gemacht und Pläne angefertigt, sollte es so weit kommen. So bedurfte es nicht viel der Vorbereitung. Ein wenig Gift in das Essen, ein Stolpern über das Kleid, ein Sturz von der Treppe und ein gebrochenes Genick. Fast schon Poesie, wie Lucien befand.

Für Lucien stand von Anfang an fest, dass die Gräfin sein letztes Ziel sein würde, wenn alle anderen Mittel nicht geholfen hatten. Nachdem er nun genug Zeit gehabt hatte, die Familie Indarys auszuspionieren und ihre Tagesabläufe zu studieren, war er zu der Erkenntnis gelangt, dass der Verlust seiner Frau den Grafen brechen und ihn endlich in die Knie zwingen würde.

Das Gift, das er für Gräfin Indarys angedacht hatte, war nicht tödlich, verursachte aber Unwohlsein und Schwindel. Lucien hielt jedoch noch eine weitere Möglichkeit des Unfalls in der Hinterhand, sollte die Gräfin nicht wie gewünscht von der Treppe stürzen und sich das Genick brechen. Würde alles nach Plan laufen, würde er aber nicht darauf zurückgreifen müssen.

Die Kunst der Unsichtbarkeit beherrschte er mittlerweile recht gut, ohne dabei einen Illusionszauber anwenden zu müssen. Magie machte zwar vieles leichter – und manches zu leicht –, aber Lucien mochte den Nervenkitzel und verzichtete gern einmal auf magische Kniffe.

Niemand nahm sonderlich Notiz von dem Jungen, als er die Küche der Burg betrat. Was Kleidung doch alles bewirkte. Er war noch immer erstaunt darüber, wie oberflächlich die Leute doch waren, sobald der erste Blick ihnen bestätigte, dass er keines weiteren Blickes würdig war. Es gab etliche Küchengehilfen, sich eine ihrer Kleidungen zu besorgen, war nicht sonderlich schwer. So fiel er zwischen den zumeist Gleichaltrigen nicht auf.

Die Küche kannte er mittlerweile gut; er hatte sich auf seinen Beutezügen durch Burg Cheydinhal des Öfteren hier bedient. Daher kannte er die Schlupfwinkel und Schleichwege an den Köchen vorbei, die mit ihren Kochlöffeln über dem Essen wachten, damit ihre Gehilfen nichts stibitzen. Wenn man zudem noch zu einem Mörder ausgebildet war wie er, war es ein Leichtes, an ihnen vorbei zu kommen.

Schnell war das Gift in das Essen der Gräfin getan und er wieder verschwunden. Hinterher würde man denken, der Koch hätte verdorbene Nahrung in das Essen getan, würde man überhaupt auf die Idee kommen, dass etwas mit dem Mahl der Gräfin nicht so war, wie es sein sollte. Das Essen seiner Beute etwas aufzuhübschen, bereitete Lucien nach wie vor die größte Freude.

Die Kleidung des Küchengehilfen wurde durch die eines Pagenjungen ausgetauscht, und Lucien machte sich auf den Weg in den Speisesaal. Um der Notwendigkeit zu entgehen, selbst beim Decken für das gräfliche Mahl helfen zu müssen, hielt er sich allerdings versteckt und trat erst dann in eine dunkle Ecke, als das Grafenpaar kam, um sein Mahl zu sich zu nehmen. Mit diebischer Freude verfolgte der junge Mörder jede Bewegung Gräfin Indarys‘. Ehe das Gift anfing zu wirken, würde noch einige Zeit vergehen, er konnte es kaum noch abwarten.

Nachdem Graf und Gräfin Indarys ihr Mahl beendet hatten, hieß es für sie, sich den Tagesgeschäften zu widmen. Wie jeden Tag hielten sie Audienz und widmeten einige Stunden den Sorgen und Nöten der Bewohner ihrer Grafschaft.

Die Pagenkleidung ermöglichte es Lucien, sich unauffällig durch die Burg zu bewegen. Er musste sich jedoch das hinterlistige Grinsen verkneifen, denn das wäre durchaus aufgefallen. In einer dunklen Ecke des Thronsaales bezog er Posten und verfolgte das weitere Geschehen.

Es hatten sich bereits etliche Bittsteller eingefunden, die sich Hilfe in ihren Angelegenheiten erhofften. Der Graf und die Gräfin schenkten jedem mit einem Lächeln ein Ohr. Mal wurde ihnen Hilfe gewährt, mal nicht, doch bemühte sich das Grafenpaar, ihre Entscheidung gut zu begründen. Lucien schüttelte nur den Kopf über sie. Wie konnten sie nur solch eine Engelsgeduld selbst für den dümmsten Bauerntrottel aufbringen?

Die Gräfin hielt sich tapfer. Es dauerte erstaunlich lange, ehe sie das Unwohlsein, das sich zweifelsfrei bereits eingestellt haben musste, nicht mehr unterdrücken konnte. War sie ein wenig blasser als noch beim Frühstück? Lucien war sich nicht sicher, denn die Schminke der Gräfin war trügerisch.

Zunächst versuchte sie es noch zu kaschieren. Sie fächelte sich Luft zu, und die Linien um ihren Mund verhärteten sich und zeugten von ihrem Unwohlsein. Schließlich bemerkte es auch ihr Gemahl. Er beugte sich zu ihr und wisperte ihr etwas zu. Sie nickte, erwiderte etwas und erhob sich dann.

»Die Gräfin Indarys verspürt ein leichtes Unwohlsein«, verkündete der Graf. »Sie wird sich nun in ihre Gemächer zurückziehen.«

Sie sollte nie dort ankommen.

Lucien verspürte ein aufgeregtes Kribbeln in den Fingerspitzen, während er jeden Schritt der Dame Indarys verfolgte. Noch immer stolz erhobenen Hauptes und auf einen nahezu schwebenden Gang bedacht, bewegte sie sich auf die Treppe zu den oberen Stockwerken zu. Nun hob sie den Fuß, um die erste Stufe zu erklimmen, zögernd, als fiele es ihr schwer, gegen die Schwerkraft anzukommen. Ein zweiter Schritt, dann ein dritter.

Da! Ein leichtes Wanken! Lucien musste große Anstrengungen vornehmen, um ruhig zu bleiben.

Gräfin Indarys zögerte für einen winzigen Moment, dann ging sie weiter. Sie nahm sogar die Hand vom Geländer, als wolle sie ihre Stärke demonstrieren. Ein Schritt, noch ein Schritt. Fast war sie oben. Lucien biss sich nervös auf die Lippe. Sollte etwa alles für die Katz‘ sein?

Seine Hoffnungen wurden nicht zerstört. Plötzlich verharrte die Gräfin für einen winzigen Moment, dann taumelte sie plötzlich. Ihre Hand fuhr hoch, doch verfehlte sie das rettende Geländer. Ihre Zofe, die sie begleitete, sprang herbei, doch auch sie griff ins Leere. Für die Dauer eines Herzschlages schien die Welt den Atem anzuhalten.

Mit einem entsetzten Schrei auf den Lippen fuhr Gräfin Indarys mit den Armen haltlos durch die Luft, während sie hinten über fiel. Für einen Augenblick schwebte sie, ihr Kleid wehte um sie herum.

Es gab ein lautes Krachen, als sie auf den Boden auftraf. Sie überschlug sich mehrere Male laut polternd, während der Graf von seinem Thron aufsprang und ein Stöhnen durch den Saal ging. Jeder hier wusste: Das konnte nicht gut enden. Doch noch waren alle schockstarr.

Erst, als die Gräfin am Boden ankam und regungslos liegenblieb, kam Bewegung in die Anwesenden. Graf Indarys sprang mitsamt den nahebei stehenden zu seiner Gemahlin. Lucien reckte aufgeregt den Kopf, um zu sehen, was er sehen musste, doch zu schnell war ihm die Sicht versperrt worden. Er fluchte stumm und huschte durch die Masse der aufgeregt miteinander redenden Leute. Niemand bemerkte ihn, alle waren sie von dem Unfall zu erschrocken.

»Einen Heiler, rasch!«, hörte er den Grafen brüllen.

»Bei den Neun, sie blutet!«, kreischte eine Frau.

Das klang doch vielversprechend, dachte Lucien im Stillen bei sich.

Dann hielt er inne. Was machte er hier eigentlich?, schalte er sich selbst. Er war gedankenlos vorgestürmt und hatte seiner Aufregung freie Bahn gelassen, nur um mit eigenen Augen zu sehen, ob sein Werk vollbracht war. Er hatte sich gehen lassen, und es war ausgesprochen unklug gewesen.

Lucien sah sich rasch um, doch noch immer nahm niemand von ihm Notiz, noch immer waren alle zu aufgewühlt von dem Unfall, der sich vor ihren Augen abgespielt hatte. Er nutzte die Gunst des Augenblicks und verschwand ungesehen von der Szenerie.

In den nächsten Stunden hielt er Augen und Ohren offen, hielt sich an prominenten Plätzen auf und versuchte, alles aufzuschnappen, was ihm einen Hinweis auf den Zustand der Gräfin geben konnte. Die Bevölkerung war unruhig, bemerkte er, und alsbald machten die verschiedensten Gerüchte die Runde. Ein Unfall, sagten einige, ein Mordanschlag, andere. Doch auf Tage hinaus wurde nichts Genaues von der gräflichen Familie bekanntgegeben. Lucien deutete das als gutes Zeichen, dass sein Plan aufgegangen war und man die Bevölkerung nicht mit der schlechten Kunde nicht noch mehr in Unruhe versetzen wollte. Gerade jetzt, wo der Unmut über die Mordserie ohnehin schon groß war …

Er beschloss, auf eigene Faust Informationen einzuholen. Zu seinem Missfallen jedoch bemerkte er, dass die Wachen verstärkt worden waren. Also ahnte der Graf zumindest, was tatsächlich hinter dem Sturz seiner Frau stecken mochte. Doch Lucien hatte die Burg in den letzten Wochen gut genug kennengelernt, um darin kein allzu großes Hindernis zu sehen. Im Schutze der Dunkelheit gelangte er in die Festung.

Es war alles still, selbst auf seinem Weg durch die Geheimgänge bemerkte er es. Als würden die Burgbewohner in Trauer versinken. Normalerweise würde jedoch, obwohl der Abend bereits weiter fortgeschritten war, noch immer Leben in der Burg herrschen. Doch niemand regte sich. Er grinste.

Sein Weg führte ihn in die gräflichen Gemächer. Er hatte Gänge gewählt, die nicht von Wachen beobachtet wurden und die anscheinend nicht einmal der Graf zu kennen schien. Es hatte ihm zwar ein paar Umwege beschert, aber der Ausblick seines Spähpostens entschädigte ihn allemal dafür.

Da lag sie, bleich und regungslos, in ein weißes Totengewand gehüllt. Mit gramgesenktem Kopf kniete ihr Gatte neben ihrem Totenlager, hielt ihre Hand und trauerte in Stille gehüllt um sie.

Lucien lächelte boshaft in sich hinein. Noch einmal prüfte er, ob keine Wachen in der Nähe waren, die ihm in den Rücken fallen könnten, dann trat er lautlos in den Raum hinein.

»Wie tragisch aber auch«, kommentierte er mit gespieltem Mitleid in der Stimme. »Ich hörte von dem Sturz. Was war es? Ein gebrochener Hals? Unglücklich gebrochene Rippen? Oder gar etwas noch Ausgefalleneres?«

Erschrocken fuhr Indarys auf. Sein Gesicht war vom Kummer gezeichnet, seine Augen noch geröteter als ohnehin schon.

»Du!«, zischte er mit rauer Stimme. Doch dann sackte er sogleich wieder kraftlos zusammen. »Du hast sie umgebracht, oder?«, krächzte er.

Lucien wusste: Er sah einen gebrochenen Mann vor sich. Unter seinem Tuch breitete sich ein zufriedenes Lächeln aus.

»Ihr wolltet und wolltet meine Botschaften nicht verstehen, mein Herr«, erinnerte er den Grafen. »Ich dachte, wir hätten das bereits wie zivilisierte Menschen, Verzeihung, Menschen und Elfen bereden können. Aber Ihr wolltet es so weit kommen lassen. Dabei wisst Ihr doch, dass wir die Dunkle Bruderschaft sind, Ihr wisst es nur zu gut. Tse tse tse.«

Graf Inadrys warf sich vor ihm auf die Knie und rang die Hände. Lucien hob nur eine Augenbraue. Da war jemand aber sehr verzweifelt, dachte er spöttisch.

»Bitte, verschont meinen Sohn!«, flehte der Dunkelelf. »Er ist doch noch ein Kind. Ich verspreche, nein, schwöre, dass ich jegliche Zusammenarbeit mit der Morag Tong unterlassen werde! Aber bitte, lasst nur Farwil am Leben!«

»Euer Wort? Mehr habt Ihr nicht zu bieten?«, blieb Lucien hart. »Das erscheint mir eine schwache Gegenleistung in Anbetracht des Umstandes, dass Ihr so bereitwillig unsere gute Zusammenarbeit beendet hattet.«

»Dann tötet mich, wenn Euch mein Wort nicht genug ist. Nehmt mein Leben als Unterpfand für das meines Sohnes!«, bettelte Andel Indarys.

»Wäre es nicht grausam, einen Jungen seiner Mutter und seines Vater zu berauben, nur weil dieser eine törichte Dummheit beging?«, sinnierte der junge Mörder.

Der Graf vor ihm nickte eifrig, als er meinte, einen Anflug von Menschlichkeit in Lucien zu erkennen. »Ja, grausam, fürwahr«, beeilte er sich zu sagen. »Das reicht als Unterpfand, oder? Bitte!«

Lucien ließ ihn noch ein wenig zappeln und weidete sich am Leid des Dunkelelfen. »Ihr werdet die Morag Tong aus Eurer Grafschaft verbannen und ihr nie wieder Einlass gewähren. Sollte sie es gewaltsam versuchen, werdet Ihr jegliche Anstrengung unternehmen, um sie daran zu erinnern. Wenn Ihr Euer Word haltet, wird die Dunkle Bruderschaft alles vergessen, was in den letzten Wochen vorgefallen ist. Können wir uns so einig werden?«

Andel nickte eifrig, während er noch immer vor der Gestalt in Schwarz kniete und die Hände rang. »Ja, ja! Alles, nur verschont meinen Sohn!«

Lucien zückte seinen Dolch und hielt die Spitze an die Wange des Dunkelelfen. Sacht drückte er zu, bis ein wenig Blut austrat. »In diesem Fall wird meine Familie sehr erfreut sein, Euch wieder als verlässlichen Kunden begrüßen zu dürfen«, sagte er. »Habt noch einen schönen Abend.«

Dann verschwand er, als sei er nie da gewesen.

Liebste Mutter

Lucien war sehr zufrieden mit seiner Arbeit. Er hatte mit dem Feuer gespielt und sich nicht die Finger verbrannt. Der Graf hielt sein Wort – zumindest für den Moment – und unterließ sämtliche Zusammenarbeit mit der Morag Tong. Er unterließ sogar sämtliche öffentliche Tätigkeit in den nächsten Wochen. Stattdessen saß er einfach nur in seinem Schloss und trauerte um seine Frau. Die Fahnen hingen auf Halbmast und die Palastangestellten trugen alle Schwarz, um ihre Anteilnahme zu zeigen.

In der Stadt kamen freilich alsbald Gerüchte auf. Dass es kein Unfall gewesen sei, munkelte man hinter vorgehaltener Hand. Offen wagte sich jedoch niemand zu äußern. Lucien hatte den Bewohnern der Stadt Furcht eingeflößt und genoss seine Macht. Von offizieller Seite schwieg man zu den Gerüchten, doch dass Anstrengungen unternommen wurden, sie zu unterbinden, sprach eine eigene Sprache. Dennoch saß Lucien keine weitere Gefährdung seiner Familie. Angst war eine wirkungsvolle Waffe, wie er nun endlich erstmals in der Praxis hatte erfahren dürfen. Sie gefiel ihm ausgesprochen gut.

Seine Dunklen Brüder und Schwestern beglückwünschten ihm zu seinem Erfolg, nachdem auch sie von ihren Missionen heimgekehrt waren. Freilich hatte Proximo jedoch seine Bedenken.

»Es hätte auch nach hinten losgehen können«, gab er zu bedenken.

»Hätte«, betonte Lucien.

»Ja, hätte. Dennoch: Was hättest du gemacht, wenn Indarys Rache für seine Gemahlin geschworen hätte? Noch einen Kampf um unsere Zuflucht hätten wir uns nicht erlauben können.« Dann winkte er ab. »Ich erwähne es nur. Es war sehr heikel, was du getan hast, und vielleicht hast du dich auch etwas gehen lassen. Aber was spielt es für eine Rolle, wenn Indarys wieder nach unserer Rolle tanzt?«

»Genau, Proximo!«, warf Vicente ein. »Gönnt der Jugend ihre Erfolge und lasst sie sich erproben. Es war gut, dass Ihr Euer Vertrauen in Lucien gesetzt habt, und er hat es wieder einmal nicht enttäuscht. Wir sollten alle mehr akzeptieren, dass er, obgleich jung, den meisten von uns in kaum etwas nachsteht. Alter ist nicht immer ein Argument.«

Lucien grinste. Das waren Worte, die er gern hörte.

Auch die anderen waren mehr oder minder erfolgreich gewesen. Allein Tsonashap hätte seine Mission fast sein Leben gekostet. Schwer verletzt hatte er es zurück in die Zuflucht geschafft und wurde nun von Caelwen und M‘raaj-Dar versorgt. Doch auch er hatte seinen Auftrag zu seinem Ziel bringen können.

Natürlich wurde ihr Sieg über die Morag Tong gebührend gefeiert. Proximo hatte sogar die Dreistigkeit besessen, von Graf Indarys als Beweis seines erneuten guten Willens Schadensersatz herauszuhandeln. Die Gelder wurden nun angemessen verprasst und versoffen.

»Diese feigen Hunde von der Morag Tong haben wir zurück nach Oblivion geschickt!«, lallte der Anführer ihrer Zuflucht in seiner Siegesrede. »Mit einem kräftigen Tritt in den Arsch, liebe Brüder und Schwestern!«

Er schwenkte seinen Bierkrug, wobei er selbst ins Taumeln geriet und beinahe vom Tisch gefallen wäre, auf dem er stand.

Sie hatten im Hauptraum der Zuflucht einen langen Tisch und mehrere Bänke aufgestellt. Darauf hatten sie ein Bankett hergerichtet, das sich sehen ließ. Feines Fleisch, das sie in den Wäldern der Grafschaft gewildert hatten, sowie gute Weine und exotische Früchte bogen die Planken bedenklich durch.

So ließ es sich leben.

Sie zechten bis weit in die Nacht hinein, und selbst Tsonashap beteiligte sich für einige Augenblicke am Gelage, ehe ihn seine Kräfte wieder vollends verlassen hatten und Caelwen ihn zurück in sein Bett schickte.

Dabei wurden zahlreiche Geschichten ausgetauscht über ihre Erlebnisse und ihre Missionen. Wahrscheinlich war, was wohl dem Wein und dem Freudentaumel geschuldet war, auch allerlei erfunden, aber niemand störte sich daran. Auch Lucien malte seine Mordserie ein wenig blutiger, als sie eigentlich gewesen war, und ergänzte sie um ein oder auch zwei kleine Details. Vielleicht könnte er sie ja zu einem späteren Zeitpunkt zur Anwendung bringen, sagte er sich, dann wären sie immerhin nicht mehr erfunden.

Zwischen all den gesponnenen Geschichten und auch durch den Alkohol hindurch war jedoch eines deutlich: Sie hatten über die Morag Tong gesiegt. Die Dunkle Bruderschaft hatte sich erneut als stark erwiesen, gar als überlegen. Sie hatten gezeigt, dass man mit ihnen nicht scherzte und sich erst recht nicht mit ihnen anlegte, wenn man sich nicht böse die Finger verbrennen wollte.

In Morrowind mochten sie vorläufig Boden verloren haben, doch mit diesem Rückschlag würde die Morag Tong ihnen wenig entgegensetzen können, wenn sie sich zurückholten, was ihnen genommen worden war – und vielleicht sogar etwas mehr. Es war ihre Möglichkeit, ihre Position in Morrowind nicht nur zu festigen, sondern auch auszubauen.

Natürlich wurde auch viel geträumt und fabuliert. Man sprach von einem totalen Sieg über die Morag Tong, dass es sogar in ihrem Machtbereich läge, sie endgültig von der Landkarte zu tilgen und auch Morrowind der Liebe ihres Fürchterlichen Vaters Sithis zuzuführen. Nachdem sie alle ihren Rausch ausgeschlafen hatten, sahen sie natürlich alle ein, dass das völlig utopische Vorstellungen waren – für den Moment jedenfalls. Es würde einen offenen Krieg mit der Morag Tong bedeuten, ja, sogar mit der Regierung Morrowinds selbst, was ihnen sicherlich etliche Feinde einbringen würde. Wenn sie es überhaupt jemals wagten, dieses Projekt anzugehen, dann erst weit in der Zukunft.

Lucien hatte am nächsten Morgen den Kater seines Lebens. Allerdings hatte er auch noch nie einen besseren Grund zum Feiern gehabt. Er beschloss, einfach über den Dingen zu stehen und mit dem Alltag fortzufahren. Seine erste Handlung bestand also darin, Mirabelle Fani mit einem Schwall kalten Wassers ins Gesicht zu wecken.

Keuchend saß das Mädchen in ihrem Bett. Sie wollte schon lauthals protestieren, als sie ihren Lehrer registrierte. Sofort sprang sie aus dem Bett und signalisierte ihre Bereitschaft, den Unterricht fortzusetzen. Lucien kommentierte es nur mit einem wohlwollenden Nicken, obgleich er sah, dass das Bretonenmädchen noch lange nicht wieder im Vollbesitz ihrer Kräfte war. Sie musste eindeutig noch besser konditioniert werden.

»Genug der Völlerei hingegeben«, sagte Lucien. »Ich erwarte dich in einer viertel Stunde bereit zum Unterricht.«

»Wie Ihr wünscht, Meister!« Mirabelle schoss davon.

»Na, schon wieder dabei, Eurer Hündchen zu dressieren?«, frotzelte M‘raaj-Dar, der die Szene beobachtet hatte.

Lucien kniff warnend die Augen zusammen. Der Khajiit hatte die Höflichkeitsform nur verwendet, weil Lucien mittlerweile einen höheren Rang bekleidete als er selbst, was offenbar an ihm nagte. Eigentlich sollte er von genau diesem Rang Gebrauch machen, um M‘raaj-Dar zu maßregeln, aber er hatte keine Muße, sich mit der Katze anzulegen.

Also beließ er es dabei, und besorgte sich selbst etwas zu essen, ehe Mirabelle erneut bei ihm anstand, um ihre heutigen Lektionen zu erwarten.

Es war beinahe zu erwarten gewesen, dass Mirabelle keine viertel Stunde benötigte, um sich trotz ihrer Müdigkeit und wahrscheinlich auch ihres Katers für den Tag vorzubereiten. Der Ehrgeiz des Mädchens war immer wieder auf ein Neues zu bewundern. Auch für Lucien hieß dies allerdings, wieder mit dem Alltag zu beginnen. Mit Mirabelle die Aufträge ihrer Dunklen Brüder und Schwestern durchzusprechen, war ein guter Anfang, wie er befand.

Das Mädchen machte gute Fortschritte. Mittlerweile hatte sie nicht mehr nur bei Lucien Unterricht, sondern arbeitete sich wie er in seinem Jahr des Jammers allmählich durch alle Disziplinen, die die Zuflucht ihr bot. Ihr Ehrgeiz war nach wie vor ungebrochen und beeindruckte so manchen von ihnen.

Nachdem in den letzten Wochen der Ruf der Dunklen Bruderschaft eine Talfahrt hatte durchleben müssen, ging es nun langsam wieder bergauf mit ihnen. Auch aus anderen Provinzen des Kaiserreiches vernahmen sie, dass die Zufluchten wieder an Stärke gewannen, und das Schwarze Sakrament wurde wieder vollführt. Bald sogar mehr als jemals zuvor. Sie hatten nicht nur die Morag Tong besiegt, sie hatten Tamriel gezeigt, dass die Bruderschaft ein verlässlicher Vertragspartner ist. Sithis wurde dieser Tage alle Ehre gereicht.

Auch Lucien bekam den einen oder anderen Auftrag. Noch immer wusste er nicht so recht etwas mit dem Geld anzufangen, aber es spielte für ihn auch keine Rolle. Solange er im Namen Sithis‘ Blut vergießen und seinem Fürchterlichen Vater Ehre bereiten konnte, war für ihn die Welt in Ordnung.

Einer seiner Aufträge sollte jedoch Folgen haben, die weit über den Mord hinausgehen sollten. Vielleicht wusste nur die Mutter der Nacht um die Folgen des Auftrages, doch sie sprach niemals darüber, oder zumindest ließ der Zuhörer seine Familie nicht daran teilhaben.

»Du sollst die Matrone des Hauses Bellamont töten«, eröffnete ihm Cassius Proximo.

»Der Name klingt nach einem bretonischen Adelsgeschlecht«, schloss Lucien.

»Exakt«, bestätigte der vernarbte Kaiserliche. »Sie besaßen einst einiges an Macht, nun ist davon nicht mehr viel übrig. Ihr einstiges Handelsimperium liegt in Trümmern und mehr als ein kleines Landgut an der Goldküste besitzen sie ebenso nicht mehr. Was auch immer unseren Kunden dazu bewog, die alte Dame des Hauses ermorden zu lassen, spielt keine Rolle. Er will jedoch, dass du ihr den Kopf abschneidest und ihrer Familie auf einem silbernen Tablett servierst.«

Lucien runzelte die Stirn.

»Ich konnte heraushandeln, dass du dich dabei nicht persönlich zeigen musst«, fügte Proximo an. »Es reicht, wenn du die Platte samt Kopf irgendwo im Haus platzierst, wo man ihn schnell findet.«

»Das klingt weitaus angenehmer und unterhaltsamer – zumindest für mich.«

»Ich nehme also an, dass du den Auftrag annimmst?«

»Was ist das für eine Frage? Natürlich!«

Proximo grinste, was dank seiner Narben wie immer in einer Grimasse endete. »Du bist ein guter Junge, Lucien, wirklich!« Dann hielt er inne. »Ah, ich werde alt. Ich sollte aufhören, dich Junge zu nennen. Du bist ein Eliminator und hast dir in verblüffend kurzer Zeit einen beachtlichen Namen in unserer Familie gemacht. Ich vertraue dir nicht um sonst auch delikatere Aufträge an. ›Junge‹ ist da bei weitem keine angemessene Bezeichnung mehr.«

»Wirklich, Meister, ich bin sehr stolz über all das Lob, das ich bekomme«, warf Lucien etwas irritiert ein. »Aber so ganz verstehe ich es nicht. Ist es nicht selbstverständlich, dass ich mein Bestes für die Familie gebe?«

»Das sollte es, ja«, sagte Proximo. »Aber nicht jeder zeigt es und hat dabei auch noch so viel Talent wie du. Bei dir vermischen sich Leidenschaft und Können und verhelfen dir gemeinsam zu noch mehr. Aber sehen wir uns nur einmal dein Mündel an, Mirabelle. Sie ist ebenso ehrgeizig wie du, aber bei ihr spielt es eine viel größere Rolle, dir zu imponieren. Ja, dir. Ich weiß nicht, warum sie sich ausgerechnet dich dafür ausgewählt hat und nicht, sagen wir, Vicente. Sie tut es jedenfalls, zeigt dabei aber weniger Talent als du. Sie muss sich, um dieselben Resultate zu erzielen, weitaus mehr bemühen als du.«

»Die Beobachtung habe ich noch nicht gemacht«, gestand Lucien ein. »Aber ich werde es im Kopf behalten.«

»Das solltest du, und du solltest dir auch überlegen, was du damit anfängst«, betonte der Kaiserliche. »Nun, darum soll es uns aber nicht gehen. Zurück zu den Bellamonts.«

»Was muss ich alles über den Auftrag wissen?«, erkundigte sich der junge Mörder.

»Wie bereits erwähnt wünscht unser Auftraggeber, dass sein Ziel auf eine bestimmte Weise getötet wird. Wie du dazu kommst, der Familie den Kopf ihrer Matrone zu präsentieren, bleibt dir überlassen. Dein Ziel heißt Anna Bellamont. Sie steht als älteste Frau im Haus dem Haushalt vor – der nicht allzu groß ist, wohlgemerkt, lediglich eine Handvoll Diener –, nachdem in den vergangenen Jahren sowohl ihre Eltern als auch die ihres Ehemannes starben. Hohes Alter und die üblichen Krankheiten, nichts von Interesse. Annas Ehemann ist dem Glücksspiel verfallen und säuft, nachdem abzusehen gewesen war, dass der Abstieg der Familie nicht mehr abzuhalten war. Absteigender Stern eines einst mächtigen Imperiums, das Übliche.

Das eventuell Wichtigste ist, dass die Familie weiß, dass du kommst.«

»Oh.« Lucien ging sofort im Kopf duzende Möglichkeiten durch, was dies für ihn hieß. »Wie kann es dazu gekommen sein? War der Auftraggeber nicht vorsichtig genug, als er das Schwarze Sakrament vollführte, oder warum?«

»Er war wieder einmal besoffen und tönte herum, dass er seine Frau von der Dunklen Bruderschaft ermorden lassen wird.«

»Der Auftraggeber ist also der Ehemann meines Zieles«, schloss Lucien. »Das macht die Sache interessant.«

»In der Tat. Er ist unberechenbar. Unsere verehrte Sprecherin Arela Drewani hatte bereits das zweifelhafte Vergnügen mit ihm und sie berichtete mir so manches davon. Mal drohte er ihr, mal schmeichelte er. Sie schätzt ihn als unberechenbar ein, was heißt, dass ich dir nicht sagen kann, wie er reagieren wird, wenn der deine Anwesenheit bemerkt. Vielleicht ignoriert er dich, vielleicht schreit er es durch das ganze Haus, vielleicht greift er dich sogar an. Besser, wenn du versuchst, unbemerkt zu bleiben.«

»Ein sehr freundlicher Geselle …«, murmelte Lucien. »Ich nehme an, dass ihm kein Haar gekrümmt werden darf.«

»Exakt«, bestätigte Proximo. »Es liegt nahe, dass er nicht gewillt ist, uns zu zahlen, selbst wenn du dich nur in Selbstverteidigung gegen ihn wendest. Wenn du ihn tötest, sieht ohnehin niemand von uns Geld. Und das wollen wir ja nicht, oder?«

»Auch die Bruderschaft muss von irgendetwas leben«, bestätigte Lucien.

»So ist es, Lachance. Und nun ab an die Arbeit! Dein Vergnügen soll nicht länger auf dich warten!«

Im Folgenden gab Proximo alles Wissen weiter, das er sonst noch über die Familie besaß. Sie hätten drei Kinder, zwei davon lebten noch daheim, der älteste Sohn diente in der Legion. Weitere Verwandte wohnten verstreut über alle Provinzen des Kaiserreiches. Der Zufluchtsleiter besaß sogar einige Informationen über das Gut, die über die bloße Lage selbigen hinausgingen. Lucien nahm jedes Detail dankend an, das er bekommen konnte, um so viel wie möglich bereits im Vorfeld zu erfahren.

In den nächsten Tagen bereitete er, wie immer, seinen Auftrag gründlich vor und plante seine Vorgehensweise. Mittlerweile war ihm die Routine in Fleisch und Blut übergegangen, er wusste, wie wichtig gründliche Vorbereitung war. Die Karten wurden studiert und alte Folianten durchgesehen, um Hinweise zum Adelsgeschlecht der Bellamonts zu finden.

Als er das Gefühl hatte, genügend Informationen gesammelt zu haben, zog er aus in Richtung Goldküste. Wie immer verspürte er das Kribbeln der Aufregung in seinen Fingerspitzen, wenn er sich daran machte, einen neuen Auftrag zu erfüllen. Dann stellte er sich vor, wie Sithis wohlwollend lächelnd auf ihn herabschaute und seine Hand führte, um seinem Namen Ehre zu bereiten. Wie hatte er nur jemals ein anderes Leben führen können? In der Gosse der Kaiserstadt? Unvorstellbar!

Über die Blaue Straße und dann die Rote Ringstadt südlich an der Kaiserstadt vorbei gelangte er schließlich auf die Goldstraße in Richtung Skingrad. Das erinnerte ihn wieder an Vicentes Angebot, ihm ein zwar unsterbliches aber auch untotes Leben zu schenken.

Er liebte seinen Mentor von ganzem Herzen wie ein Sohn seinen Vater liebte. Aber würde er so weit gehen wollen? Sicher, er hatte gesehen, welche Macht ein Vampir besaß, und es war beeindruckend und verlockend. Doch zugleich hatte er auch Furcht verspürt und schämte sich ihrer nicht einmal. Einmal entfesselt, war ein Vampir eine wilde Bestie, ganz wie ein Werwolf; er erinnerte sich noch zu gut an Hilda und ihre Bestienform.

Vicente hatte ihm Zeit gelassen für seine Entscheidung. Lucien hatte in der letzten Zeit nicht mehr daran gedacht, doch eventuell sollte er doch wieder mehr darüber nachdenken. Die mehrtägige Reise zur Goldküste wäre ein idealer Zeitpunkt.

Doch am Ende seines Weges war er noch immer nicht zu einem Ergebnis gelangt. Vielleicht sollte er mit Vicente darüber reden, sinnierte er, und fragte sich zugleich, ob das eine gut Idee wäre. Der Vampir würde sicher wollen, dass er sein Angebot annahm, auch wenn er ihn zu nichts drängen würde. Nein, er war zu voreingenommen. Proximo? Er war Lucien bisher nie wirklich als Vertrauensperson erschienen, aber freilich war er es. Er war der Leiter ihrer Zuflucht und nicht nur für ihre Einkünfte und Aufträge verantwortlich, sondern auch für das Wohlergehen seiner Schützlinge. Ja, er sollte wohl mit Cassius Proximo darüber reden.

Seine Reise verlief unspektakulär. Solange er nur die Augen offenhielt und seine Rüstung verhüllte, brauchte er keine Probleme fürchten. Banditen umging er großzügig und auch vereinzelte Legionsreiter vermied er, obgleich niemand genau genug hinsah, um nachzuforschen, was sich unter dem weiten Umhang des Reisenden verbarg. Nur einmal auf dem Weg zwischen Skingrad und Kvatch erlebte er eine Kuriosität.

Er wusste, dass sich in der Nähe eine Höhle befinden musste. Mit einem Male hörte er den wilden Kampfschrei eines Mannes, gefolgt von einem Stöhnen und Kampfgeräuschen. Er huschte in das nächstbeste Gebüsch, da er den offenen Konflikt meiden und warten wollte, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte.

»Elender Abschaum!«, hörte er den Mann schreien.

Fußgetrappel war zu hören, als würde jemand barfüßig durch das Gras stolpern. Erneut stöhnte jemand. Nun roch Lucien auch den Gestank von Leichenfäule. Er rümpfte die Nase. Das war doch nicht etwa …?

Er lag mit seiner Vermutung richtig. Nur Augenblicke später rannte nicht weit an seinem Versteck vorbei ein Zombie, gefolgt von einem Kaiserlichen Legionsförster, der den Untoten quer über die Straße und auf der anderen Seite erneut ins Gebüsch jagte, wo sie ihren Kampf fortsetzen. Er hob eine Augenbraue und wollte gar nicht wissen, wie ein kaiserlicher Soldat dazu kam, Zombies zu jagen, geschweige denn, was diese bei Tageslicht an der Oberfläche machten. Lucien sah zu, dass er Abstand zwischen sich und das sonderbare Gespann brachte. Zombies waren keine Gegner, denen er nur mit ein paar Giften und einem Dolch begegnen wollte.

Rings um Anvil befanden sich ausgedehnte Grasfelder, die mit ihrer goldenen Farbe der Region ihren Namen verliehen hatten. Lucien musste sich eingestehen, dass die Goldküste zusammen mit der frischen, salzigen Seeluft ihren Reiz hatte. Das Meer war hier, im Westen von Tamriel, nicht so rau und ungebändigt wie an den eisigen Küsten Skyrims. Er kam sogar dazu, dem unendlichen Blau, das sich vor ihm ausstreckte, einige bewundernde Blicke zu schenken.

Er beschloss, sich für ein paar Tage ein Zimmer in einem Gasthof Anvils zu mieten und sich unter der örtlichen Bevölkerung ein wenig über die Bellamonts umzuhören. Matrosen neigten schließlich dazu, allerlei Seemannsgarn zu erzählen, wenn der Abend lang war. Vielleicht war ja etwas Brauchbares darunter.

Die Hafenspelunke vermietete zwar nur Zimmer an Matrosen, wie er rasch erfuhr, dafür widersprach aber niemand, als er sich einfach mit in den Schankraum setzte und seine Bestellung aufgab. Dann sperrte er die Ohren auf.

Es war laut und stickig hier drinnen. Rohe Sitten herrschten unter den Seemännern, wenngleich ihr Umgang miteinander dennoch herzlich war. Die Muskeln wurden spielen gelassen und es wurde mit allerlei verrücktem Zeug angegeben. Die Geschichten über irgendwelche Schlachten gegen Seeungeheuer interessierten Lucien nur mäßig, dafür der lokale Klatsch und Tratsch umso mehr.

Wer hatte wen geheiratet oder hatte eine Affäre? Welches war das hübscheste Mädchen? Welche war am leichtesten herumzukriegen?

Der junge Mörder verdrehte innerlich die Augen. Dachten Seemänner wirklich nur daran?

»Das schwarze Sakrament?«, schnappte er da mit einem Male auf.

»Psst, bist du irre? Nicht so laut!«, zischte einer der Männer, die nahe seinem Tisch saßen.

»Du verarscht mich doch«, raunte der andere Mann zurück, und Lucien musste einen Zauber wirken, um sie überhaupt noch zu verstehen. Es forderte jedoch einige Konzentration, um die Stimmen der beiden aus dem Tumult herauszuhören.

»Ja, Mann, so wahr ich hier sitze! Der alte Bellamont hat das Schwarze Sakrament vollführt und die Dunkle Bruderschaft gerufen, um seine Frau zu ermorden.« Den Namen der Bruderschaft sprach er besonders verschwörerisch aus

Sein Gegenüber prustete los. »Ich hätte erwartet, dass sie diejenige sein wird, die sich des alten Saufkopps erledigt! Aber jetzt lässt er sie abstechen, weil er im Suff die Meuchelbande gerufen hat. Das ist mal ‘ne Geschichte!«

»Aber überleg doch mal. Hast du schon mal gehört, wie man das Schwarze Sakrament durchführt? Mit Menschenfleisch! Wo er das wohl her hat?«

Der Zweite zischte auf und spuckte dann auf den Boden. »Was du nicht sagst! Suchen die Wachen nicht einen Vermissten?«

»Dem alten Säufer traue ich alles zu. Er soll sehr gewalttätig geworden sein, seit es mit seinem Haus den Bach heruntergeht. Soll nicht damit leben können, dass er mit seiner Spielsucht und Sauferei nur noch mehr dazu beigetragen hat. Ich kenn ein Mädchen, das mal in seinem Haus gearbeitet hat. Sie ist geflohen, als er anfing, alle grundlos zu schlagen.«

Vielleicht hätte er mit Proximo heraushandeln sollen, dass er auch den Hausherren töten sollte, überlegte Lucien. Die Welt wäre ein besserer Ort ohne den Tyrannen. Sicher hätte er irgendwo schon das Geld gefunden, das Bellamont ihnen für den Auftrag schuldete.

»Jemand sollte ihn abstechen«, bestätigten die Männer seine Gedanken. »Für so jemanden kann man nur Verachtung haben. Mädchen behandelt man ordentlich und nicht wie ein Grobian!«

»Sag das dem alten Sack. Er hat sogar mehrere Wachen angeheuert, die sein Haus bewachen sollen, damit ihm niemand mehr wegrennt. Das ist ja wie in einem Gefängnis!«

Diese Information behielt sich Lucien gut im Gedächtnis. Die Wachen würden sicher nicht nur verhindern, dass niemand aus dem Haus entkam, sondern auch, dass niemand Unerwünschtes hineingelangte. Und die Männer hatten sicher mehr Hirn als ihr Herr und würden auch einen Gesandten der Dunklen Bruderschaft nicht hereinlassen, wenn sie ihn erkannten, Wunsch des Hausherrn hin oder her.

»Hoffentlich sind das keine Saufköppe wie der alte Bellamont.«

»Nee, Söldner sollen das sein. Harte Kerle, die für Geld alles machen.«

Es wurde erneut ausgespuckt. »Das ist genau so ein Lumpenpack wie der alte Sack! Bestimmt haben sie schon ein Auge oder zwei auf seine Mädchen geworfen!«

»Jetzt mal‘ mal nicht Merunes Dagon an die Wand. Ich hab ein paar Söldner in Elsweyr kennengelernt, die waren ordentliche Kerle.«

Söldner dienten demjenigen, der die vollste Geldbörse besaß. Leiter nütze Lucien dieses Wissen herzlich wenig, denn auch wenn er sich mittlerweile ein kleines Vermögen  angespart hatte und mit ihm nicht viel mehr anfangen konnte, als gelegentlich neue Ausrüstungsgegenstände zu kaufen, so hatte er doch davon nicht genügend mitgenommen, als dass er sich die Söldner hätte erkaufen können. Dieser Weg, der freilich einfachste, blieb ihm also verwehrt.

»Keine Ahnung, was das für Kerle sind«, fuhr der Mann derweil fort. »Gut möglich, dass das Schweinehunde sind, aber die gibt es überall. Ich denke, dass die mit Sicherheit ganz in Ordnung sind.«

»So lange man mit ihnen saufen kann, ist im Grunde alles in Ordnung«, fügte sein Kumpan an und ruderte damit etwas zurück.

»Da sagst du was!«

Mit diesen Worten hoben sie die Humpen, stießen an und ließen sich die Kehlen volllaufen.

Das Gespräch wandte sich wieder Belanglosigkeiten zu, die für Lucien wenig von Interesse waren, und er richtete seine Aufmerksamkeit auf andere Gäste. Schließlich wurde jedoch ersichtlich, dass niemand mehr Informationen für ihn bereithielt, die ihn interessieren könnten.

Der Gedanke an die Söldner beschäftigte ihn. Was waren das für Kerle, wie viele waren es und besaßen sie außer dem Gold noch andere Schwachstellen, die er nutzen konnte? Er musste sich umhören, und er wusste, wo er eine wunderbare Quelle der Information finden würde.

Er verließ kurz darauf die Taverne am Hafen. In einer dunklen Gasse zog er sich um, und legte zerlumpte Reisekleidung an, die ihn abgerissen und arm wirken ließ. Von seinen Dunklen Geschwistern wusste er, dass dies die beste Kleidung für sein Vorhaben war.

Einer der Bettler der Stadt hatte sich nahe der Kapelle niedergelassen, um die letzten Betenden des Tages um ein paar Almosen zu bitten.

Schweigend setzte sich Lucien neben ihn und schweigend verharrten sie für einige Zeit. Der Bettler hatte ihn zunächst skeptisch angesehen, doch nachdem Lucien keine Anstalten gemacht hatte, ihm das Geld streitig zu machen, hatte er es dabei belassen.

»Guter Platz, nicht wahr?«, begann der junge Mörder schließlich das Gespräch.

»Wenn sie vermeidlich geläutert aus der Kapelle kommen, dann sind sie schneller bereit, mehr als nur den einen oder anderen Septim zu geben«, sagte der in Lumpen gehüllte Mann. »Jeder Bettler weiß das. Darum kämpfen wir um die besten Plätze und Zeiten. Aber du scheinst keine Konkurrenz zu sein, du kannst bleiben und mir Gesellschaft leisten.«

»In Gesellschaft lebt es sich immer besser, alter Freund.« Der Konversationsunterricht bei Vicente zahlte sich aus.

»Du klingst noch recht jung, Kerl. Was machst du auf der Straße?«, wollte der Obdachlose wissen.

»Schickt es sich denn, jemanden so etwas Persönliches zu fragen, wenn man gerade einmal drei Worte mit ihm gewechselt hat?«, stellte Lucien die Gegenfrage.

»Entschuldige. Ich bin schon so lange auf der Straße, da vergesse ich doch glatt meine Manieren.« Die raue Stimme des Bettlers klang unangenehm in den Ohren, von seinem Geruch in Luciens feiner Nase gar nicht zu reden. Wahrscheinlich hatte er zu viel billigen Fusel getrunken und zu oft in den Abfällen der Stadt auf der Suche nach etwas Essbarem gewühlt.

»Ich kenne das, mein Freund, ich kenne das«, bekräftigte Lucien ihn. »Und weil du mir ein guter Kerl zu sein scheinst, will ich es dir sagen: Ich bin ein Lehrling auf der Suche nach einer Anstellung.«

»Ich schnappe das ein oder andere auf, weißt du«, eröffnete der Bettler ihm. »Vielleicht kann ich dir ja helfen. Also, sag mir: Was für eine Anstellung suchst du?«

»Vielleicht mag ich nicht danach aussehen, aber ich kann gut kämpfen«, sagte Lucien. Jede Lüge sollte einen Funken Wahrheit im Kern tragen. »Ich hörte, dass das Gut Bellamont jemanden wie mich braucht.«

»Da würde ich dir von abraten«, sagte der Bettler. »Der Mann hat bereits einige Söldner als Wachen angeheuert, und überhaupt: Mit seinem Haus geht es zu Ende. Von ihm wirst du nicht viel Geld sehen. Wenn überhaupt.«

»Aber klingt nicht gerade das nach einer Herausforderung? Etwas, woran ich lernen kann?«, ließ er nicht locker.

»Versuch es lieber bei der Stadtwache«, riet ihm sein Gegenüber.

»Pff. Ich habe die Wachen hier gesehen. Sie stehen nur herum und sehen schmuck aus, doch sonderlich etwas zu taugen scheinen sie nicht. Nein, ich will mehr.«

Der Mann seufzte. »Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!«

»Du wirst mich nicht jammern hören, das versichere ich dir.« Lucien zeigte ein selbstsicheres Grinsen. »Aber jetzt erzähle mir von den Söldnern. Was sind das für Männer?«

»Harte Kerle, mein Junge, einzig und allein dem Geld verpflichtet. Ich habe keine Ahnung, wie Bellamont sie hatte anheuern können, muss ihn aber sicher sein letztes Vermögen gekostet haben. Lange werden sie daher nicht mehr bei ihm bleiben, wenn er sie nicht mehr bezahlen kann, da bin ich mir sicher. Sie lieben ihr Geld, so viel steht fest, denn sie kommen gelegentlich in die Stadt und huren mit den Hafendirnen herum – und meist nicht mit den billigen Mädchen.«

In Luciens Kopf arbeitete es. Vielleicht sollte er Bellamont sein Geld stehlen, sodass er keines mehr für seine Söldner hatte.

»Klingt, als seien sie keine sonderlich guten Wachleute«, sagte er.

»Das kann man so nicht sagen. Ich habe sie reden hören, und auf mich machten sie den Eindruck, als seien sie durchaus fähige Wachen, so lange sie nur gut genug bezahlt werden, damit sie nach dem Dienst huren und saufen können.«

»Vielleicht kann ich ja doch etwas von ihnen lernen!«

»Du lässt nicht, locker, was? Aber behalte dennoch besser deine Sachen bei dir und lege vor dem Schlafen einen Dolch unter dein Kissen. Besser haben als hätten.«

»Ich danke dir für deine Auskünfte, guter Mann«, beendete Lucien das Gespräch und holte einen Septim aus seinem Geldbeutel. »Hier, für das nette Gespräch.«

Sofort trat ein Leuchten in die Augen des Bettlers. »Mögen die Neun mit dir sein!«, bedankte er sich.

Geld regierte eben immer noch die Welt. Lucien konnte förmlich die Gedanken des Mannes sehen, wie er überlegte, was er mit dem Geld anfangen konnte oder besser noch: wie er mehr bekam.

Ehe es jedoch dazu kam, erhob sich Lucien und verabschiedete sich mit einem leichten Nicken. Dann verschwand er in der Nacht. Er musste nachdenken, und das tat er am besten in seinem stillen Kämmerlein in der Herberge.

Die Dinge, die er an diesem Abend gehört hatte, waren aufschlussreich gewesen. Ohne sich das Anwesen bisher mit eigenen Augen zu besehen, beschloss Lucien, bereits jetzt sein grobes Vorgehen zu planen.

Vielleicht war es ja doch eine Überlegung wert, ob und wie er Bellamont sein Wachen abspenstig machen konnte. Würde er herausfinden, wo er seine letzten Geldreserven versteckte, wäre alles kein Problem mehr, und das Geld könnte Lucien hinterher immer noch der Bruderschaft geben. Somit hätte er einen leichten Weg zu Anna Bellamont und sein Familie das Geld.

Der Nachteil an der Sache lag jedoch auf der Hand: Er war kein Dieb. Das einzige, was er bei seinen Einbrüchen stahl, war das Leben seiner Opfer. Würde er erst das Geld stehlen, könnte er sich gleich zu Anna begeben und ihr die Kehle aufschlitzen. Das wäre wesentlich schneller.

Etwas kam ihm an der Sache jedoch verdächtig vor. Immer wieder wurde gesagt, dass Bellamont wesentlich zum Untergang seines Hauses beigetragen hatte, ein Teufelskreislauf, der sich immer mehr verschlimmert hatte. Woher aber nahm er das Geld, um einen Söldnertrupp zu beschäftigen?

Es war das wohl Naheliegendste, dass Lucien der Sache auf den Grund gehen würde, eher er auch nur daran dachte, in die Nähe seiner Beute zu kommen.

 

Gut Bellamont lag nördlich von Anvil inmitten der goldenen Grasfelder, die die westliche Küste Cyrodiils prägten. Von seinem Stand auf einem Hügel aus hatte man einen schönen Blick auf das Umfeld und auch auf das Meer. Lucien ließ den Anblick für einen Augenblick auf sich wirken, ehe er einen guten Beobachtungspunkt suchte. In einer Baumgruppe wurde er fündig. Dort legte er sich auf die Lauer und wartete.

  Das Gut zeigte mittlerweile deutliche Spuren der Verwahrlosung. Die Gärten wuchsen allmählich mit Unkraut zu und Efeu wucherte wild an der Fassade. In den Hütten nahe des eigentlichen Gut, die wohl einst für die Bediensteten gewesen waren, schien schon lange niemand mehr zu leben.

  Die Söldner waren nicht zu übersehen. Sie hatten sich rings um das Gut positioniert und liefen Patrouille. Nachdem Lucien ihre Wege eine Weile studiert hatte, kam er zu dem Schluss, dass sie durchaus etwas von ihrer Aufgabe verstanden. Es würde also kein Leichtes sein, an ihnen vorbei zu kommen. Sicher jedoch hatten sie irgendwo eine Schwachstelle. Es galt, diese herauszufinden.

  Er verbrachte den ganzen Tag damit, das Gut in Augenschein zu nehmen und nach Auffälligkeiten zu suchen. Gegen Abend kannte er das Gelände in- und auswendig und noch immer hatte er keinen Weg nach innen gefunden.

  Offener Kampf kam nicht in Frage. Auch wenn Tsonashap nie müde wurde zu betonen, dass er ein guter Nahkämpfer war, lagen seine Stärken doch definitiv in der Heimlichkeit. Der Dolch war keine Waffe für den offenen Kampf. Sie alle nach und nach zu meucheln, wäre fast ebenso riskant, aber vielleicht bliebe ihm keine andere Möglichkeit. Gift wäre freilich seine Wahl, damit hatte er bisher stets gute Erfahrungen gemacht.

  Der Auftrag entpuppte sich mittlerweile als herausfordernder als zunächst gedacht. Ihm gefiel das ausgesprochen.

  Er musste lediglich bis zum Einbruch der Nacht warten, bis er erste Hinweise auf sonderbare Aktivitäten bemerkte. Den ganzen Tag über hatten die Söldner ihren Dienst getan und aufmerksam das Gelände bewacht. Nachdem sie jedoch an einem kleinen Lagerfeuer im Garten ihr Abendessen eingenommen hatten, zogen sich einige der gut ein Dutzend Söldner in eine Scheune zurück, wo früher wohl einmal Tiere gehalten worden waren.

  Lucien runzelte die Stirn. Was taten sie da? Kurz entschlossen schlich er sich näher, um das sonderbare Treiben genauer in Augenschein nehmen zu können.

  Es sollte sich zeigen, dass sie nicht allein waren. Eine Gruppe grau gewandeter Gestalten, die Lucien durch die Bretter der Scheune kaum erspähen konnte, war ebenfalls anwesend. Sie besahen sich ausgiebig einige gestapelte Kisten sowie deren Inhalt. Als die Söldner dazu kamen, wandten sie sich ihnen zu.

  »Die Wahre ist gut gelagert«, sagte einer der grauen Männer. »Die Kisten sind sicher, die Schlösser unversehrt. Ihr erfüllt eure Aufgaben gut, es sind keine Spuren von Einbruch sichtbar.«

  »Wer würde schon von der Diebesgilde stehlen wollen?«, entgegnete einer der Söldner.

  »Eben, wer würde es tun?« Die Stimme des ersten Sprechers war leise, fast samtig, und doch schwang ein Hauch von Gefahr in ihr mit.

  Die Diebesgilde! Lucien ging ein Licht auf. Wie es aussah, war er hier auf ein Schmugglerversteck gestoßen. Wurde Bellamont also von der Diebesgilde dafür bezahlt, dass er ihre Wahren deckte und bewachen ließ? War es das? Wenn dem so war, dann hatte er eine Möglichkeit an der Hand, Bellamont seiner Wachen zu berauben. Die Beziehungen der Dunklen Bruderschaft zur Diebesgilde waren nach wie vor gut. Vielleicht könnte er mit den Dieben verhandeln, dass sie die Zusammenarbeit mit Bellamont unterließen. Proximo würde es ihm hoffentlich nicht übel nehmen, wenn einige Nebenkosten anfielen, und wenn doch, könnte er sie vielleicht auch aus eigener Tasche decken. Genug Geld hatte er in den letzten Jahren immerhin angesammelt.

  Lucien behielt die Diebe weiterhin im Auge. Sie waren mittlerweile damit beschäftigt, jede Kiste einzeln in Augenschein zu nehmen, als wollten sie sich versichern, dass alles noch am rechten Platz war. Dann begannen sie, einzelne Kisten auszuwählen und beim Eingang zur Scheune zu stapeln.

  »Wird Zeit, dass wir etwas Umsatz machen«, sagte der mit der weichen Stimme, der offenbar ihr Anführer war. »Wollen schließlich nicht auf den Lagerkosten sitzen bleiben. Ab damit in die Höhle.«

  Lucien bemühte seine Magie und warf einen Unsichtbarkeitszauber über sich. Es war gleichsam eine gute Übung für ihn, den Zauber für den Weg aufrecht zu erhalten, da er mit ihm noch nicht allzu gut umgehen konnte. Er wollte herausfinden, von welcher Höhle der Dieb gesprochen hatte. Wenn es ihm gelang, ihnen unauffällig zu folgen, dann konnte er die Diebe vielleicht davon überzeugen, dass die Wachen ihr Geld doch nicht Wert waren, und sie besser eine Übereinkunft mit der Dunklen Bruderschaft trafen.

  Mithilfe der Söldner trugen die Diebe die Kisten aus dem Lager. Sie schienen nirgends einen Wagen zu haben, auf den sie ihre Fracht verlagern konnten. Stattdessen strebten sie der Küste zu, immer zu zweit eine Kiste tragend. Lucien huschte trotz des Unsichtbarkeitszaubers möglichst unauffällig hinter ihnen her; unsichtbar hieß nicht gleichzeitig lautlos und er war noch nicht geschickt genug, zwei Zauber gleichzeitig aufrecht zu erhalten.

  Als sie sich dem Ufer näherten, sah Lucien, dass sie in der Böschung ein Boot versteckt hatten. Er fluchte. Wenn sie ihren Weg zu Wasser fortsetzen würden, würde er ihnen nicht mehr folgen können. Dennoch beobachtete er das weitere Treiben so lange wie möglich und mied dabei den Sand, um keine verräterischen Spuren zu hinterlassen.

  Nachdem die Kisten zum Strand getragen worden waren, wurden zwei Männer zurückgelassen, um das Gut zu bewachen und auch bereits mit dem Verladen zu beginnen, nachdem das Boot zu Wasser gelassen worden war. Der Rest ging zurück zum Lager und kam einige Zeit später mit weiteren Kisten wieder. Auch diese wurden verladen. Anscheinend war damit die Arbeit getan, denn die Söldner zogen sich zurück, um mit ihren Kammeraden erneut ihren Wachdienst aufzunehmen, und die Diebe kletterten in das Boot. Sie hissten ein kleines Segel, packten aber zusätzlich die Ruder aus, um in offenes Fahrwasser zu gelangen. Dann schwenkten sie nach Süden in Richtung Anvil ein.

  Vielleicht könnte er ihnen ja dennoch folgen, bemerkte Lucien. Sie schienen sich in Sichtweite zum Ufer zu halten. Wenn er schnell ausschritt, würde er ihnen folgen können. Mit ein paar Tränken würde er seine Ausdauer aufrechterhalten und seine Magie schützte ihn noch immer vor unliebsamen Blicken. Es wäre also kein Problem, mit ihnen Schritt zu halten, zumal keine allzu steife Brise wehte.

  Er nahm die Beine in die Hand. Schnell zeigte sich, dass er gut mit dem gemächlich dahingleitenden Boot mithalten konnte. Die Diebe schien nichts anzutreiben, während ihr Boot über die sanften Wellen schaukelte und das Licht der beiden Monde Masser und Secunda sich auf den Wellen spiegelte.

  Nach einer Weile zeigte sich, dass die Diebe in der Tat Anvil anstrebten. Irgendwo dort musste sich ein Diebesversteck befinden. Lucien fluchte stumm. Sie hier im Auge zu behalten, konnte mitunter problematisch werden.

  Er musste nun rennen, um den Anschluss nicht zu verpassen. Über Stock und Stein huschte er. Die Diebe umschifften soeben großzügig die Halbinsel, die dem Hafen von Anvil vorgelagert war und auf welcher der Leuchtturm errichtet worden war. Statt jedoch in den Hafen einzufahren, fuhren sie an ihm vorbei und hielten auf die Schlossinsel zu. Lucien fluchte. Er, der den Umweg über den Hafen machen musste, würde ihnen nicht schnell genug folgen können. Also stellte er sich an die Spitze der Halbinseln und versuchte zumindest so, das Boot im Auge zu behalten.

  Nachdem es die Schlossinsel erreicht hatte, schwenkte es südöstlich ein. Angestrengt behielt Lucien die Insel im Auge, doch als das Boot nirgends mehr auftauchte, war für ihn klar, dass irgendwo dort das Schmugglerversteck sein musste. Er rannte los.

  Die Schlossinsel lag in derselben Bucht, wie auch der Hafen, sodass Lucien, wenn auch mit einigem Klettern über Felsen und Steine, die Insel gut umrunden konnte. Das Boot jedoch war nirgends zu sehen. Für einen Augenblick war Lucien verwundert. Er hatte mit Sicherheit gesehen, dass die Diebe nicht an der Seeseite angelegt hatten. Wohin waren sie also verschwunden?

  Dann ging ihm ein Licht auf. Unter der Schlossinsel musste sich eine Höhle befinden, er brauchte sie nur noch zu finden. Wenn er Pech hatte, hieß dies jedoch, dass er nasse Füße bekäme.

  Jetzt, da er wusste, wo die Diebe ihr Versteck hatten, konnte er sich Zeit nehmen und in Ruhe seine nächsten Schritte durchdenken. Zunächst erkundete er vom Hafen aus die kleine Schlossinsel. Es sah ganz danach aus, dass der einzige Zugang über eine Brücke von der Stadt aus verlief. Das passte ihm nicht wirklich, da er so kaum unbemerkt von potenziellen Wachen an den Schlosstoren zu seinem Ziel gelangen konnte. Er bezweifelte zwar, dass es auf der von ihm abgewandten Seite noch einen weiteren Zugang zur Insel gab, dennoch beschloss er, auch diese Eventualität zu prüfen.

  Niemand stellte Fragen, als er die Stadt durch das nördliche Tor verließ. Er tat so, als wolle er sich nahe zur Stadt etwas die Beine vertreten, ohne dabei der Hektik der Straßen ausgesetzt zu sein, während er dabei einem kleinen Weg nach Osten folgte, der kurz hinter dem Tor von der Hauptstraße abbog. Als er außerhalb der Sichtweite der Torwachen war, legte er seinen schlichten Umhang ab, den er für seine Verkleidung als angehender Lehrling trug, und versteckte ihn unter einem Gebüsch. Darunter trug er seine Rüstung; vor den Dieben wollte er sich nicht verstellen, es wäre sogar besser, wenn er es nicht tat. Dann wandte er sich in Richtung Bucht.

  Die Bucht von Anvil war von einer steilen Felsküste umrahmt, das Schloss selbst stand mehr auf einem großen Brocken im Meer als alles andere. Lucien war somit schnell klar, dass er um nasse Füße nicht herumkam. Tsonashap hätte es sicherlich gefreut, ein kaltes Bad im Meer zu nehmen, doch der junge Mörder war darauf bedacht, die Strecke so kurz wie möglich zu halten. Er fragte sich, ob er den Eingang zum Diebesversteck von der Küste ausmachen konnte, ehe er ins Wasser stieg.

  Wie zu erwarten war der Eingang gut versteckt, gut genug, dass man nicht zufällig darüber stolpern konnte. Lucien machte jedoch einen Felsüberhang am der Brücke gegenüberliegenden Ende aus, der ihm verdächtig vorkam. Er beschloss sein Glück zu versuchen.

  Er sollte nicht enttäuscht werden.

  Tropfnass und zitternd trat er unter den Felsvorsprung und entdeckte darunter eine kleine Holztür. »Volltreffer«, murmelte er vor sich hin und beschloss, sich höflich anzukündigen. Er klopfte an.

  Hinter der Tür erklangen Schritte. »Losung?«, fragte jemand.

  Lucien hatte keine Ahnung, was für eine Losung das sein sollte; bis auf seine Abenteuer in Skyrim hatte er kaum Kontakt mit der Diebesgilde gehabt. Also versuchte er es auf andere Art und Weise.

  »Sithis«, sagte er einfach nur.

  Ihm antwortete eine Weile nur Schweigen. Er stellte sich vor, wie es im Hirn der Türwache arbeitete. Innerhalb des kriminellen Untergrunds war bekannt, dass die Dunkle Bruderschaft und die Diebesgilde gute Beziehungen hegten. Und sollte Luciens Familie aus welchen Gründen auch immer dennoch beschließen, diese Zusammenarbeit durch einen Mord zu beenden, würde sie mit Sicherheit nicht vorher höflich anklopfen.

  »Name?«, fragte die Wache nach einer Weile des Schweigens schließlich.

  »Lucien Lachance«, antwortete dieser wahrheitsgemäß. Er fragte sich, ob sich sein Name bereits bis hierher herumgesprochen hatte. Er würde es gleich erfahren.

Mehrere Schlösser klackerten. Lucien meinte auch zu hören, wie eine Waffe gezogen wurde. Ganz dumm waren sie also auch nicht. Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet und das wettergegerbte Gesicht eines Rothwardonen erschien im Spalt. Hinter ihm brannte eine Fackel, weshalb Lucien ihn nicht richtig erkennen konnte.

Er lächelte und hoffte dass es freundlich und vertrauenserweckend wirkte. »Hallo«, sagte er.

  »Du bist wirklich Lucien?«, fragte der Rothwardone und öffnete die Tür ganz. »So ‘ne halbe Portion? Von jemandem, der einen von unseren Jungs für das Stehlen der Geldbörse absticht, hätte ich mehr erwartet.«

  Lucien klopfte sich innerlich für seine spontane Idee damals auf die Schultern.

  »Man sollte nie nach Äußerlichkeiten urteilen«, sagte jemand hinter dem Rothwardonen. »Dieses keine Kerlchen hier hat jüngst ganz Cheydinhal in Angst und Schrecken versetzt, wie man hört.«

  Der Mann war ein Kaiserlicher und trug eine einfache Lederrüstung. Über seinen Kopf hatte er eine Kapuze gezogen, die er nun zurückschlug. Darunter kam das Allerweltsgesicht eines Mannes zum Vorschein, dessen Gesicht bei flüchtiger Betrachtung niemand im Gedächtnis behalten würde. Anscheinend waren Diebe für solche Gesichter prädestiniert.

  »Ich bin Quintus Horatius«, stellte er sich vor, »der Herr dieses kleinen Diebeshäuschens. Horaz tut es auch. Dass ausgerechnet bei uns ein Mitglied von Arelas Familie hier aufschlägt, wo der alte Bellamont herumtönt, sein Weib ermorden zu lassen, ist interessant. Zufall? Aber ich vergesse mich. Komm herein und wärme dich am Feuer.«

  Horaz trat beiseite und winkte den Rothwardonen davon. Lucien trat in die kleine Höhle ein, die sich an den Eingang anschloss. Sie war mehr oder weniger annehmlich ausgestattet mit einem Lagerfeuer, mehreren Tischen mit Bänken und allerlei Truhen und Kisten. Lucien konnte im hinteren Teil einen Gang ausmachen, der von der Höhle abführte, wahrscheinlich zum Hauptteil des Schmugglerverstecks. Jedenfalls hätte es ihn sehr gewundert, wenn das hier alles für ein so clever gelegenes Diebesversteck sein sollte.

  Er nahm sich eine Kiste und stellte sie Horaz‘ Beispiel folgend an das Lagerfeuer.

  »Ich danke Euch«, sagte er und meinte es so. Er streckte seine Hände dem Feuer entgegen. Selbst eine so kurze Strecke zu schwimmen, war kein Zuckerschlecken gewesen. Man mochte meinen, dass er durch seine Zeit als Straßenkind und in Skyrim an Kälte gewöhnt war, aber dem war nicht so. Wenn nasse Kleidung hinzukam, wurde es noch einmal bedeutend unangenehmer.

  »Ich habe mich bereits vorgestellt, und wer uns hier beehrt, wissen wir ebenfalls«, sagte Horaz, ehe er auf den Rothwardonen zeigte. »Das ist Isran, ein Pirat. Wir arbeiten mit seiner Mannschaft zusammen. Gemeinsamer Profit.«

  War Horaz einfach nur höflich oder verfolgte er einen Hintergedanken, indem er Lucien so viel verriet?

  Während Isran erneut seinen Posten an der Tür bezog, brachte Horaz dem Gast einen Krug Bier und ein halbes Laib Brot. Dann setzte er sich neben ihn.

  »Nun, magst du das Geheimnis deines Besuches verraten?«, kam er auf den Punkt. »Wir sind wohl kaum hier, um Höflichkeiten auszutauschen, und Arela hatte in letzter Zeit ebenfalls niemanden angekündigt.«

  Lucien spielte seinen Trumpf aus. »Die Gerüchte über die Ermordung von Bellamonts Frau sind wahr, und ich soll sie vollstrecken«, eröffnete er. »Leider ergaben sich auf meinem Weg ein paar Schwierigkeiten.«

  »Du hast von unseren Geschäften mit seinen Söldnern erfahren«, schloss Horaz nach einem kurzen Moment des Überlegens.

  »Ja.«

  »Wie?«

  »Ganz einfach: Ich bin ihnen bis hierher gefolgt. Ich glaube, sie sind doch keine so guten Söldner, wie alle zu denken scheinen«, stupste Lucien das Gespräch in die gewünschte Richtung. »Leider sind sie zahlreich.«

  Horaz legte eine missbilligende Mine auf. Ganz offensichtlich gefiel ihm nicht, dass seine Schmuggelgeschäfte so leicht aufgedeckt werden konnten, ohne dass er es wünschte. »In der Tat«, stimmte er Lucien zu. »Sie sollen unsere Wahre bewachen, und offensichtlich sind sie nicht allzu gut darin. Was ich noch nicht verstehe: Welche Rolle spielen wir im Kontrakt?«

  »Gute Wachen hin oder her: Sie sind zahlreich und ich allein«, sagte Lucien. »Und damit stehen sie zwischen mir und meinem Auftragssziel.«

  Wieder schwieg Horaz eine Weile nachdenklich. »Das wird teuer. Die Söldner sind nicht billig, und wir müssen eine andere Zwischenlagerstätte finden«, bemerkte er.

  »Meine Familie ist reich.« Proximo würde ihn köpfen, besonders dann, wenn er keinen guten Preis heraushandeln konnte. Und er war ein miserabler Händler. »Außerdem scheinen die Söldner doch nicht so gut zu sein …«, versuchte er den Preis niedrig zu halten.

  »Ja, ja, du erwähntest es bereist«, murmelte Horaz. »Zumindest sind sie ihr Geld nicht wert, da gebe ich dir Recht. Das hätte ihnen nicht passieren dürfen. Ich will zumindest wissen, wie du es angestellt hast.«

  »Ganz einfach: Magie«, eröffnete Lucien.

  »Illusionisten.« Horaz schnaubte abfällig. »Billige Tricks.«

  »Aber ganz offenbar effizient.«

  »Vielleicht sollte ich dem Graufuchs vorschlagen, unsere Rekruten ebenso umfassend auszubilden«, murmelte Horaz vor sich hin.

  »Dann ist es also wahr?«, fragte Lucien. »Den Graufuchs gibt es wirklich? Ich hielt es immer für ein Gerücht, etwas, das man sagt, um den Leuten mehr Respekt vor der Diebesgilde einzuflößen und Neulinge zu beeindrucken.«

  »Natürlich ist es wahr!«, betonte Horaz. »Und im Gegensatz zu eurem Fürchterlichen Vater ist er auch sehr real. Ich habe bereits mit ihm gesprochen.«

  Irgendetwas sagte Lucien, dass Horaz soeben kräftig übertrieb.

  »Aber lassen wir das«, sagte Horaz, »und kommen wir zum Geschäftlichen. Du willst deinen Kontrakt erfüllen und dafür willst du, dass wir dir helfen. Die Hilfe beinhaltet jedoch, dass wir auf die eine oder andere Annehmlichkeit hier in Anvil werden verzichten müssen. Der alte Bellamont war stets eine schöne Ablenkung, um die Aufmerksamkeit von uns wegzuführen. Alle glaubten, er würde die eine oder andere kriminelle Machenschaft am Laufen haben, aber noch war es nicht bedeutsam genug, als dass die Obrigkeit auf den Trichter kam, mal in seine Kisten zu schauen. Und so kommt niemand auf die Idee, dass die Diebe direkt unter ihnen hocken. Wortwörtlich.«

  »Ihr habt Zugänge zum Schloss«, schloss Lucien daraus.

  »Genau.« Horaz grinste. »Sehr praktisch. Nun ja, jedenfalls siehst du, dass du uns bittest, auf ein sehr nützliches Handelsgeschäft zu verzichten. Wir müssen uns eine neue Lagerstätte für unsere Schmuggelgeschäfte mit den Piraten der Abecanischen See suchen und zudem vielleicht sogar noch selbst Wachen organisieren. Bisher hatte Bellamont das für uns mit dem Geld übernommen, das wir ihm für die Lagerkosten zahlen.«

  »Wie viel zahlt ihr im Monat?«, wollte Lucien wissen.

  »Tausend Septime.«

  Lucien machte eine anerkennende Geste. »Viel Geld. Die Geschäfte laufen gut?«

  »Blühend!«, mischte sich nun erstmals Isran ein. »Viele Händler kreuzen diese Gewässer auf dem Weg in die Kaiserstadt und andere Handelszentren und das heißt auch viel Beute.«

  Lucien überlegte. Proximo hatte sicher keine Lust auf laufende Kosten, die er an die Diebesgilde zu zahlen hatte. Das Angebot musste also verlockend genug sein, als dass die Diebe dennoch bereit waren, ihr derzeitiges Geschäft aufzugeben und sich eine andere Möglichkeit zu suchen. Er selbst besaß momentan ein Vermögen von etwa fünftausend Septimen, was durchaus ein kleines Vermögen war. Ob es reichen würde?

  »Ich zahle euch alles, was ich habe«, schlug er vor. »Fünftausend Septime. Das sind mit den derzeitigen Bedingungen ganze fünf Monate, und ich wage zu behaupten, dass die Söldner euch über den Tisch gezogen haben und sich für mehr verkauften, als sie wert sind. Es könnte also gut möglich sein, dass ihr mit einem neuen Arrangement billiger wegkommt und dieselbe Leistung erhaltet.«

  Horaz überlegte und murmelte leise vor sich hin, während er etwas an seinen Fingern abzählte. »Das Doppelte«, verlangte er schließlich. »Wir gehen ein ziemliches Risiko ein mit diesem Geschäft.«

  »Wenn ich scheitere, könnte ich Arela sagen, dass es deswegen war, weil die Diebe von Anvil nicht zur Kooperation bereit waren.« Drohen hatte schon immer geholfen.

  Der Dieb lachte. »Mein Junge, glaub mir, ich weiß, wie die Dinge in deiner hübschen kleinen Familie laufen. Wenn du scheiterst und deinen Auftrag nicht ausführen kannst, dann liegt es ganz allein bei dir und nicht wegen der nicht vorhandenen Hilfe von Unbeteiligten.«

  »Mehr als fünftausend habe ich aber nicht.« Vielleicht die mitleidige Schiene? Er hatte immer noch ein süßes Kindergesicht, wurde ihm regelmäßig von Vicente bestätigt, um ihn damit aufzuziehen.

  »Du hast eine reiche Familie und bist ein eiskalter Mörder. Glaubst du wirklich, die Masche zieht bei mir?« Horaz musste grinsen. »Du bist nett, wirklich. Aber so nett nun auch wieder nicht. Nein, wir bleiben bei zehntausend Septimen.«

  Proximo würde ihn nicht nur um einen Kopf kürzer machen, da war sich Lucien sicher. Wahrscheinlich hatte er gerade sämtliche Gehälter für seine nächsten Großaufträge verspielt. Seufzend nickte er. »Abgemacht.«

  »Abgemacht«, bestätigte Horaz mit einem triumphierenden Grinsen. »Du solltest öfters auf den Markt gehen und mit den Marktschreiern feilschen. Du bist ein miserabler Händler.«

  »Ich weiß.«

  Horaz reichte ihm noch ein Laib Brot und einen würzigen Käse. »Hier, als Trost. Und wenn du magst, kannst du für die nächsten Tage unser Gast sein.«

  »Danke, aber ich habe bereits eine Bleibe in der örtlichen Herberge«, lehnte Lucien höflich ab.

  »Ich nehme an, dass du ab sofort wirst sparen müssen …«, warf der Kaiserliche ein.

  Verdammt, er wusste wirklich zu viel über die Familie! »Eventuell …«

  »Ach, tu nicht so! Natürlich wirst du sparen müssen, ich habe dir gerade die Taschen ausgeräumt!«

  Erschrocken faste sich Lucien an den Gürtel und stellte fest, dass seine Geldbörse verschwunden war. »Was …? Wie …?«, stammelte er irritiert. Wie war das möglich?

  Horaz grinste, während er Luciens Geldbeute in Händen hielt. »Du bekommst es wieder, wenn du für ein paar Tage unser Gast bist und ich es dir beigebracht habe, wie man Leute über’s Ohr haut.«

  Nein, der Mann hatte sicher keine bösen Absichten, da war sich Lucien seltsamerweise sicher. Er schien ehrliches Interesse an ihm zu besitzen und wollte ihn nicht noch mehr über den Tisch ziehen, als er es ohnehin schon getan hatte. Immerhin war seine einzige Bedingung dafür, dass Lucien von ihm einige Taschentricks lernte, dass er ihr Gast war. Lucien konnte, wenn er es recht bedachte, also eigentlich nur profitieren. Und Anna Bellamont wollte sicher noch für ein paar Tage ihren Kopf auf den Schultern behalten.

  Horaz führte ihn in den hinteren Teil der Grotte, wo ein weiterer, durch eine Tür verschlossener Gang in einen neuen Bereich führte. Er schloss die Tür auf und hieß Lucien eintreten. Was er dahinter entdeckte, verschlug ihm die Sprache.

  Anscheinend war die gesamte Schlossinsel von Anvil eine einzige riesige Höhle. Das erstaunlichste war jedoch das Schiff, das inmitten der Grotte in einem kleinen Tümpel schwamm. Bei näherem Hinsehen erkannte Lucien jedoch, dass man kaum noch von schwimmen reden konnte. Das Schiff lag offenbar auf Grund und wurde mit Planken und Balken gestützt, sodass es nicht zur Seite kippte.

  »Wie kommt das Schiff hierher?«, fragte er erstaunt.

  »Ich darf dir die Schwarze Flagge vorstellen«, sagte Horaz übertrieben feierlich, »das Schiff des berühmten Piraten Torradan ap Dugal. Vor vielen, vielen Jahren hatte es hier in der Bucht von Anvil eine Schlacht gegeben, in der er und seine Mannschaft vom Herrscher von Anvil besiegt wurden. Dabei stürzte ein Teil der Küste nahe Anvil ein und formte sowohl diese Grotte als auch die Schlossinsel. Wir befinden uns unter Schloss Anvil. Der ganze geschichtliche Kram ist uninteressant. Wichtig ist, dass wir hier unten sowohl einen großen Schatz fanden, also auch Zugang zum Schloss haben. Wenn du willst, kannst du von hier aus direkt vom Tisch der Gräfin stehlen. Toll, oder? Wir achten jedoch darauf, dass wir es nicht übertreiben. Mal hier ein Silberkelch, der verschwindet, mal da ein verlegter Ohrring. Leute glauben lieber an ihre eigene Vergesslichkeit, als daran zu glauben, dass sie bestohlen wurden. Lustig, nicht?«

  Lucien verstand nun, warum Horaz und die seinen so darauf bedacht waren, jegliche Aufmerksamkeit von diesem Ort fernzuhalten. Er war wirklich ideal als Diebesversteck!

  Die Grotte war so wohnlich eingerichtet, wie es nur irgend ging. Überall waren Fackeln angebracht, an den besonders nassen Orten Bohlen ausgelegt, sodass man sich nicht ständig feuchte Füße holte. Das Schiff selbst schien als Wohnort zu dienen. Auch wenn es sicher nicht mehr seetauglich war und man ihm sein Alter ansah, war es so gut wie möglich geflickt worden.

  Lucien konnte etliche Leute ausmachen, wohl Diebe und Piraten, die den verschiedensten Beschäftigungen nachgingen. Manche festigten ihre Fertigkeiten in den verschiedensten Disziplinen, manche erledigten die Aufgaben des Alltags, und manche hatten sich zusammengefunden, um zu spielen.

  Zunächst schenkte niemand ihnen groß Beachtung, doch dann bemerkten die Leute Luciens Rüstung und erkannten, dass er ein Mörder der Dunklen Bruderschaft war. Plötzlich erregte er durchaus einige Aufmerksamkeit.

  »Er ist für ein paar Tage unser Gast, bis seine Geschäfte erledigt sind«, stellte Horaz immer wieder klar, wenn die erstaunte Frage kam, warum die Dunkle Bruderschaft zu ihnen kam.

  Er führte den jungen Mörder zum Schiff. Es musste einmal einen beachtlichen Eindruck gemacht haben, einst, als es noch die Weltmeere Nirns befuhr. Wenig war davon noch geblieben und erinnerte an den Schrecken vieler Seefahrer. Jetzt war es vor allem ein großer Haufen zerfressenen Holzes, der einer Bande Gesetzesloser ein ganz annehmliches Heim geworden ist.

  »Die Schwarze Flagge ist und bleibt ein Schiff«, sagte Horaz, »auch wenn wir versucht haben, das Beste aus ihr zu machen. Das heißt, es wird sehr kuschelig eng hier drinnen am Abend. An den Hütten arbeiten wir noch, aber das wird schon. Da du aber unser Gast bist, sollst du eine Kajüte für dich allein bekommen. Die Kapitänskajüte ist meine, du sollst die des Ersten Maats vom alten Torradan bekommen.«

  Lucien hatte nicht viel erwartet und viel bekam er auch nicht, aber es sollte genügen, und er wusste die Geste zu schätzen. Ein Zimmer für sich war immerhin ein Luxus, den er in der Zuflucht nicht genießen konnte, auch wenn es ihm sonst an nichts fehlte. Er könnte sich daran gewöhnen.

  »Mach’s dir gemütlich«, sagte Horaz. »Ich schicke jemanden los, der dir deine Sachen aus der Herberge holt. Sollte nicht lange dauern, meine Jungs sind flink wie die Wiesel.«

  Damit empfahl er sich und ließ Lucien zunächst allein.

  Er musste tatsächlich nur erstaunlich kurz warten, ehe es erneut klopfte und einer von Horaz’ Jungs vor der Tür stand, ein Bündel mit den bescheidenen Habseligkeiten Luciens.

  »Für einen so reichen jungen Burschen hast du dir echt ’ne billige Spelunke ausgesucht«, sagte der Mann, als er ihm die Sachen überreichte.

  »Bleibt mehr für euch.«

»Eventuell habe ich ein, zwei Tränke eingesteckt«, gestand der Mann. »So aus Reflex.«

  Lucien schenkte ihm einen finsteren Blick. »Gib sie mir«, sagte er kalt. Diebe waren vielleicht doch nicht so umgänglich, wie er geglaubt hatte. Das war doch nicht zu fassen!

  Der Mann schien zu ahnen, dass er von Luciens Tränken kosten durfte, wenn er sie nicht herausrückte, und packte sie rasch zu dem Bündel dazu.

  »Danke«, sagte Lucien. »Und schön, dass es so schnell ging.«

  »Der Cäpt’n scheint ’nen Narren an dir gefressen zu haben«, sagte er Mann, sichtlich erleichtert, dass er sich doch nicht Luciens Zorn auf sich gezogen hatte. »Keine Ahnung, wieso. Man spricht von dir immerhin nur von dem kleinen Bastard, der unseren Leuten die Augen aussticht, wenn sie sich an seinen Sachen vergreifen. Das mit den Tränken war wirklich nicht Absicht!«, fügte er hastig an.

  »Ja, ja, verstanden. Ich behalte meine Dolche bei mir«, wimmelte Lucien ab. »Aber erzähl mir von Horaz. Er scheint mir ein eigenwilliger Mann zu sein.«

  Er winkte in freundschaftlicher Geste den Mann herein und lud ihn ein, sich zu ihm in seine vorläufige Unterkunft zu setzen. Dankend nahm dieser an und begann zu erzählen, nachdem sich Lucien auf das mit einer harten Strohmatratze ausgestattete Bett und er sich auf den einzigen Stuhl im Raum niedergelassen hatten.

  »Horaz ist ein guter Anführer, vor allem aber auch ein großer Visionär«, begann er seine Erzählung. »Er hat das hier alles entdeckt und die Mannschaft des alten Torradan zur letzten Ruhe geschickt. Soll ganz schön versifft gewesen sein mit Untoten, heißt es. Ich bin noch nicht so lang dabei, daher der Laufburschenauftrag für dich. Daher kann ich das nicht aus erster Hand erzählen. Aber mir schaudert’s bei dem Gedanken.« Er schüttelte sich demonstrativ. »Die Legende besagt, dass Torradan hier unten mit seinen Leuten lebendig begraben wurde. Am Ende haben sie sich angeblich selbst aufgefressen und hatten seitdem diesen Ort als Gespenster und Skelette heimgesucht. Tja, bis Horaz kam, wie gesagt. Irgendwie hat er spitzbekommen, dass hier unten eine Menge zu holen ist, und die Höhle ein hervorragendes Versteck abgibt. Er knüpfte Verbindungen und schon florierte die Gilde in Anvil.«

  Er redete ganz schön fiel, befand Lucien, hörte aber geduldig weiter zu. »Und euer Anführer? Wie ist er so?«

  »Wie gesagt ein Visionär. Er hat große Pläne, und ist ein tüchtiger Geschäftsmann. Vielleicht hat er auch in dir profitablen Gewinn gesehen, dass er so interessiert an dir ist.«

  »Er will mir kostenlos ein paar Taschentricks zeigen und mir im Austausch mein Geld wiedergeben. Ich glaube kaum, dass das ein gewinnbringender Handel für ihn ist.«

  »Ich verstehe auch nicht immer, was er alles bezweckt, aber meistens macht es hinterher Sinn – jedenfalls für ihn. Ich vertraue ihm, er hat uns noch nie in die Irre geleitet. Na ja, und du siehst ja, wie clever er ist. Direkt unter der Nase der Geldsäcke da oben hocken wir! Wie die Ratten im Loch, würden manche sagen, aber ich finde, wir haben uns hier unten sehr gemütlich eingerichtet. Man braucht kein Seidenpapier, um sich damit den Arsch abzuwischen, wie meine alte Mam immer sagte.«

  So ganz konnte Lucien nicht verstehen, wenn andere auf ihre Mütter zu sprechen kamen. Seine hatte ihn in der Gosse ausgesetzt, weil eine Nutte ohne Balg besser dran war. Wenn er es sich genau überlegte, sollte er ihr sogar dankbar sein, ohne sie wäre er heute nicht dort, wo er war.

  Er hatte für’s erste genug erfahren und bat den Mann, ihn allein zu lassen, sodass er sich einrichten konnte. Viel war es ja nicht. Nachdem er sich ein wenig auf das Bett gelegt hatte und feststellen musste, dass schon eindeutig zu viele das Stroh festgelegen hatten, beschloss er, sich ein wenig in der Höhle umzusehen. Da seine Rüstung sichtliches Unbehagen bei den Gesetzeslosen ausgelöst hatte, beschloss er, etwas kooperativer als sonst zu sein und seine abgeschlissene Reisetarnung anzulegen. Ebenso trug er keine sichtbaren Waffen, lediglich seinen Dolch hatte er unter seiner Kleidung angelegt. Ihn ließ er besser nicht aus den Augen, er war nebst seiner Rüstung sein wertvollster Besitz. Zudem hatte er bereits zweimal an diesem Tag erfahren, wie flink die Finger der Diebe in der Tat waren. Aus reiner Gewohnheit zu stehlen … Das war ja fast, als würde er wie beiläufig irgendeinen Passanten erstechen!

  Wobei … Lucien hielt kurz inne. Vielleicht sollte er das wirklich zu seiner Gewohnheit machen. Das übte und hielt die Reflexe und Instinkte frisch.

  Wie Horaz versprochen hatte, zeigte er Lucien einige nützliche Tricks. Seine Lehrmeister bei der Dunklen Bruderschaft gehörten zwar zu den besten der besten, doch verstanden sie sich hauptsächlich auf das Handwerk des Mordens. Diebe hingegen kannten so einige Kniffe, bei denen sich auch ein Mörder der Dunklen Bruderschaft noch einiges abschauen konnte.

  »Ebenso flink, wie Ihr mir die Geldbörse entwunden habt, kann ich jemanden ermorden«, sagte Lucien, als er endlich verstanden hatte, wie Horaz es angestellt hatte. »Nur eine kleine Nadel genau hier, mit etwas Gift bestrichen, und mein Opfer wird nicht einmal merken, dass es stirbt. Oder ein Dolchstoß mit einer scharfen und schmalen Klinge an dieser Stelle, und der arme Tropf wird leise, still und heimlich und ganz ohne Schmerzen entschlafen.«

  »Ich will dich nicht zum Feind haben«, stellte Horaz fest. »Du magst wie ein unschuldiger Junge aussehen, aber du verbirgst viel mehr, als man von dir erwarten mag. Selbst wenn man weiß, dass du ein Mörder der Dunklen Bruderschaft bist.«

  »Eliminator, bitte.«

  Horaz sah ihn verwundert an. »Ein hoher Rang. Du steckst voller Verblüffungen, junger Freund.«

  »Vor allem aber mache ich Euch reich«, stellte Lucien klar.

  Sich der Söldner und des Vertrags mit Bellamont zu entledigen, war nicht von heute auf morgen getan. Horaz musste Arrangements treffen und seine Schmuggelgeschäfte neu organisieren. Die Zeit nutzte Lucien, um Gut Bellamont genauer in Augenschein zu nehmen.

  Er sah sich das Grundstück so gut es ging an und prägte sich jedes Detail genau ein. Das konnte wichtig werden, sollte er fliehen müssen. Außerdem musste er den Moment abpassen, in denen Bellamont seine Söldner gerade erst verloren hatte und damit ohne Schutz war. Horaz hatte ihm zwar versprochen, dass der alte Mann nichts spitz bekommen würde, bis es zu spät war, aber man konnte ja nie wissen, welche Gerüchte an seine Ohren drangen und ob wirklich alle ihr loses Mundwerk hielten.

  Das alte Gut war verwinkelt, und was er aus der Ferne und durch vorsichtiges Spähen durch die Fenster im Erdgeschoss hatte ausmachen können, traf das auch auf das Haus selbst zu. Viele Möbel standen nicht mehr in den Zimmern, dafür gab es derer viele, sodass sich noch immer genügend Versteckmöglichkeiten für einen Einbruch boten.

  Gelegentlich plauderte Lucien auch mit Horaz über die Bellamonts. Schließlich beschloss dieser, auch Luciens Einbruchkünste zu prüfen und gegebenenfalls einer Schärfung zu unterziehen.

  »Das ist ebenso nützlich wie flinke Finger und die richtige Ablenkung«, sa