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Die rechte Hand des Todes

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24.4.2018 0:31
18 Ab 18 Jahren
In Arbeit

28 Charaktere

Lucien Lachance

Lucien Lachance ist ein legendärer Assassine der Dunklen Bruderschaft. Zur Zeit des Helden von Kvatch ist er ein Sprecher der Schwarzen Hand. Ihm untersteht die Zuflucht von Cheydinhal. Während der Tragödie von Cheydinhal wird er fälschlicherweise als der Mörder unter Mördern verdächtigt und wird von der Schwarzen Hand gerichtet.

Mathieu Bellamont

Als Mathieu Bellamont ein kleiner Junge war, wurde seine Mutter von Lucien Lachance ermordet. Das hatte tiefgreifende Folgen für seine Psyche. Er schwor Rache an Lachance und der Dunklen Bruderschaft. Um ihr ihre Mutter zu nehmen, wurde er ein Teil der Bruderschaft und schaffte es, für viele Jahre unerkannt zu bleiben. Beinahe wären seine perfiden Pläne geglückt ...

Vicente Valtieri

Der Vampir Vicente Valtieri ist Mitglied der Dunklen Bruderschaft und Teil der Cheydinhal Zuflucht. Dort kümmert er sich um die Aufträge der neuen Mitglieder. Auch wenn Vampire normalerweise keine Schwäche auf Knoblauch haben, reagiert er allergisch darauf. Er stirbt während der Reinigung der Zuflucht.

Caius

Nur ein Junge aus der Gosse der Kaiserstadt wie so viele. Wie Lucien war er Anführer einer kleinen Bande von Straßenkindern, bis er nur wenige Wochen vor Lucien seinen Weg zur Dunklen Bruderschaft fand.

Cassius Proximo

Henker und Leiter der Zuflucht in Cheydinhal. Er ist der erfahrenste und fähigste der Assassinen der Zuflucht neben Vicente. Sein Gesicht ist von einigen schrecklichen Narben entstellt, Erinnerungsstücke an vergangene Taten.

Sares Areles

Ein Dunkelelf, der ursprünglich sein Glück mit der Diebesgilde versuchte und dort einiges Geschick mit dem Bogen und beeindruckende Fingerfertigkeiten erwarb. Allerdings war er nicht bereit, den Blutpreis zu zahlen, weshalb er sein Glück mit der bruderschaft versuchte und dort ein neues Heim fand.

Tshonashap

Ein Argonier und Schattenschuppe. Sein Name entstammt dem Jel und bedeutet Schwimmender Frosch, er wird allerdings nicht gern auf diese Bedeutung angesprochen. Er kocht hervorragende Fischsuppe - behauptet zumindest er.

Caelwen

Die Hochelfe Caelwen gehört der Cheydinhal Zuflucht an. Sie ist eine mächtige Magierin, die sich auf Pyromantie spezialisiert hat. Außerdem hat sie ein Händchen für Gifte.

Arela Drewani

Sie ist eine Dunkelelfe und Sprecherin der Schwarzen Hand. Ihr unterstehen unter anderem die Zufluchten in Cheydinhal und Falkenring. Sie wohnt in Festung Farragut.

Hilda

Nord und Werwölfin, welche den Rang eines Henkers bekleidet. Sie leitet die Zuflucht in Falkenring

Malik

Ein Rothwardone, der den Rang eines Assassinen bekleidet. Er ist Teil der Zuflucht in Falkenring.

Valdimar Hammerhand

Nord und Mitglied der Zuflucht in Falkenring, welcher den Rang eines Eliminator bekleidet.

Hjortkar

Nord und Schlächter, Mitglied der Zuflucht in Falkenring.

M‘raaj-Dar

M‘raaj-Dar ist ein Khajiit und Mitglied der Dunklen Bruderschaft. Er ist Teil der Zuflucht von Cheydinhal und ein Zauberer. Er ist von kratzbürstiger abweisender Natur und ist auf niemanden sonderlich gut zu sprechen.

Consantius Tituleius

Generall der Kaiserlichen Legion, der die Legion in Skyrim befehligt. Er führt einen persönlichen Feldzug gegen die Dunkle Bruderschaft und stellt für diese eine große Bedrohung dar.

Adamus Phillida

Adamus Phillida ist ein Legionär der Kaiserlichen Legion und Kommandant der Legion in der Kaiserstadt. Er führt seit vielen Jahren einen erbitterten Feldzug gegen die Dunkle Bruderschaft und versucht, sie auszulöschen. Dabei stellt er eine große Gefahr für die Bruderschaft dar, weshalb die Kaiserstadt lange für sie tabu war.

Mirabelle Fani

Sie ist eine junge Betronin, die in ungefähr demselben Alter zur Dunklen Bruderschaft kam wie Lucien. Sie ist eine flammende Bewunderin Luciens und eifert ihm mit größten Anstrengungen nach.

Andel Indarys

Der Dunkelelf Andel Indarys aus dem Haus Indarys ist der Graf Cheydinhals. Seine Frau Llathasa Indarys starb vor vielen Jahren offiziell durch einen Unfall, angeblich steckt jedoch die Dunkle Bruderschaft dahinter. Sein Sohn ist Farwil Indarys. Angeblich weiß der Graf vom Verlassenen Haus, doch die Bruderschaft hält seine Zunge durch Bestechung und Drohungen im Zaum.

Farwil Indarys

Der Dunkelelf Farwil Indarys ist der Sohn des Grafen Andel und der Gräfin Llathasa Indarys von Cheydinhal. Er ist ein junger Heißsporn, der die Ritter des Dornenordens gründete, mit denen zusammen er eigentlich nur zusammen säuft. Um sich jedoch ihre Sporen zu verdienen, stürmen sie das Oblivion-Tor vor der Stadt.

Telaendril

Telaendril ist eine aufgeweckte fröhliche Waldelfe, die der Dunklen Bruderschaft angehört. Sie wurde aus Valenwald verbannt und ihr Vater setzte die Dunkle Bruderschaft auf sie an. Doch sie bekam Wind davon und präsentierte Lucien Lachance, ihrem Vollstrecker, den Kopf ihres Vaters. Dies nahm er als Anlass, sie in die Bruderschaft aufzunehmen. Angeblich hat sie ein Verhältnis mit Gogron gro-Bolmog

Gogron gro-Bolmog

Gogron gro-Bolmog ist ein Ork, der der Dunklen Bruderschaft angehört, auch wenn der Anblick eines Orsimer bei der Bruderschaft eher selten ist. Ungewöhnlich für einen Dunklen Bruder liegt ihm die Heimlichkeit gar nicht. Er bricht lieber mit brachialer Gewalt ein und schlägt seinen Opfern den Schädel mit seiner Axt ein. Angeblich hat er ein Verhältnis mit Telaendril.

Teinaava

Teinaava ist eine Schattenschuppe aus Schwarzmarsch, das heißt, ein Argonier, der unter dem Zeichen des Schattens geboren wurde. Er begann schon früh mit seiner Zwillingsschwester Ocheeva die Ausbildung zur Schattenschuppe, welche später unter der Anleitung Lucien Lachances in der Dunklen Bruderschaft fortgesetzt wurde.

Ocheeva

Ocheeva ist eine Schattenschuppe aus Schwarzmarsch, das heißt, ein Argonier, der unter dem Zeichen des Schattens geboren wurde. Sie begann schon früh mit ihrem Zwillingsbruder Teinaava die Ausbildung zur Schattenschuppe, welche später unter der Anleitung Lucien Lachances in der Dunklen Bruderschaft fortgesetzt wurde. Später leitete sie die Zuflucht von Cheydinhal.

Maglir

Der Waldelf Maglir ist ein Mitglied der Dunklen Bruderschaft und dient als Ruhigsteller allen Arela Drewani. Er besitzt neben einem großen Talent für das Töten auch ein außergewöhnlich gutes Gespür für die Musik und beherrscht die Harfe meisterlich.

Ungolim

Der Waldelf Ungolim dient seit vielen Jahren der Dunklen Bruderschaft und schaffte es in der Zeit, bis zum Zuhörer aufzusteigen, der mit der Mutter der Nacht höchstselbst in Verbindung tritt. Als jedoch die Gefahr durch den Verräter in den Reihen der Bruderschaft abgewandt werden konnte, erfährt der Held von Kvatch, dass selbst die Mutter der Nacht Ungolim nie für einen starken Zuhörer hielt.

Severus Vipera

Ein hagerer Kaiserlicher, der der Dunklen Bruderschaft als Sprecher dient. Sein Ruhigsteller ist der Bretone Gasteau Blanchard.

Gasteau Blanchard

Er ist ein Bretone, der als Ruhigsteller Severus Viperas dient. Tatsächlich ist er nur halb ein OC, da wir wissen, dass der Mord an einem gewissen "Blanchard" dazu führt, dass die DB darauf aufmerksam wurde, dass es einen Verräter in ihren Reihen gibt.

Antonietta Marie

Die Bretonin Antonietta Marie ist das jüngste Mitglied der Zuflucht der Dunklen Bruderschaft in Cheydinhal, bevor der Held von Kvatch hinzustößt. Sie wurde von Lucien Lachance in der Gosse der Kaiserstadt aufgelesen und fand so ihren Weg zur Bruderschaft. Sie träumt davon, eines Tages selbst Zuhörer zu sein und zur Mutter der Nacht zu sprechen.
Prolog: Ein Ende

Lucien Lachance weiß, dass sein Ende unweigerlich bevorsteht. Er hat alles Menschenmögliche getan, um seine Familie zu retten, doch offensichtlich hat Sithis andere Pläne für ihn. Während er noch allein in der kleinen Hütte namens Apfelwacht kniet und sein Blut dem Fürchterlichen Vater opfert, überlegt er, ob er wütend sein oder einfach nur seinen Frieden finden soll.

Die Schwarze Hand jagt ihn, denn sie denkt, er sei der Verräter. Er weiß, dass der Verräter unter ihnen ist, dass er selbst der Betrogene ist.

Warum also verhindert Sithis nicht, dass seine Kinder sich gegenseitig abschlachten? Warum verhindert er, dass Lucien, sein treuester Diener, seine Familie rettet? Es kann nur eine Erklärung geben: Sithis hat andere Pläne. Mit Luciens Ruhigsteller Nandarel?

Sein Ruhigsteller ist jetzt seine letzte Hoffnung. Er hat sie entsandt, um den Verräter ausfindig zu machen, und sie ist zuverlässig, eines der talentiertesten Familienmitglieder, die Lucien jemals getroffen hat, viel mehr sogar noch als Ocheeva, Mirabelle oder Mathieu. Sie muss es schaffen, auf ihren Schultern lastet die Verantwortung für die gesamte Dunkle Bruderschaft.

Denn Lucien ist die Beute, und die Beute ist gestellt worden.

 Er weiß es schon, noch bevor die anderen Sprecher die Hütte betreten. Lautlos, wie Schatten, die sie sind. Meisterassassinen der Dunklen Bruderschaft, Werkzeuge des Todes und unfehlbar. Zumindest meist.

»Ich bin der Falsche«, sagt Lucien nüchtern, während er sich langsam erhebt und umwendet. Doch er sagt es mehr zu sich als zu den Sprechern. Es ist nutzlos, sie werden ihm keinen Glauben schenken.

Da sind Arquen die Hochelfe, nach Uvanis und G’Hastas Tod gerade erst zur Sprecherin ernannt, Mathieu Bellamont der Bretone, Banus Alor der Dunkelelf und Bellisarius Arius der Kaiserliche. Wer von ihnen ist es? Wer von ihnen hat die Dunkle Bruderschaft verraten und Nandarel benutzt, um die fähigsten Assassinen der Gegenwart ermorden zu lassen? Wer könnte Motive für diese Tat haben, wer nur, wer?

Lucien mustert jeden von ihnen genau und kann doch keine seiner Fragen beantworten. Nur eines weiß er: Er wird die Waffe nicht erheben. Er wird an diesem Abend, an diesem Ort sterben, egal ob mit oder ohne Gegenwehr. Doch würde er sich wehren, wäre er nicht der einzige, der hier stirbt. Und das kann er nicht verantworten. Was ist, wenn er einen Unschuldigen tötet und nicht den Verräter? So kann er nicht vor Sithis treten.

Er hat seinen Teil getan. Er hat Fehler begangen, ja, vielleicht auch zu spät reagiert und damit Ungolim mit seinem Leben bezahlen lassen. Ausgerechnet Ungolim, den Zuhörer höchstselbst! Vielleicht ist das hier nun seine Strafe für seine Fehltritte in den vergangenen Tagen und Wochen.

Lucien hat eines nie gemocht in seinem Leben: Fatalismus. Doch er weiß, dass er jetzt bereit ist, vor seinen Schöpfer, seinen Fürchterlichen Vater zu treten. Sein Gewissen ist rein, Nandarel auf den Verräter angesetzt. Er weiß, dass der Verräter, welche der anwesenden Personen es auch sein mag, schon bald sterben wird, niemand entkommt Nandarel. Sein Werk ist getan.

Er lässt seinen Dolch fallen, den eisernen, rostigen, schartigen Dolch, der ihn sein ganzes Leben begleitet hat, mit dem er sein erstes Blut im Namen Sithis‘ vergossen hat. Es ist, als würde er sich selbst den ersten Stoß mit der Klinge versetzen.

»Keine Gegenwehr, Lachance?«, zischelt Bellamont. »Komm schon, heb den Dolch auf und kämpfe. Oder willst du nicht nur als Verräter sterben, sondern auch als Feigling?«

Mathieu hat sich verändert in den letzten Jahren. Lucien hat nie gänzlich die Hoffnung aufgegeben, seinen Meisterschüler wieder auf die richtige Bahn zu lenken, doch es war ihm nicht gelungen. Die Kluft zwischen ihnen war stets nur immer größer geworden.

»Komm schon!«, versucht der Bretone ihn weiter zu reizen.

»Still, Bellamont!«, fährt Arquen ihn an. »Führt Euch nicht auf, sondern tut, wofür wir gekommen sind.«

Sie ist es auch, die Lucien den ersten Stich mit dem Dolch versetzt. Als sei dies das Zeichen, drängen auch die anderen Sprecher auf ihn ein, bohren ihre Klingen in sein warmes Fleisch. Er geht zu Boden, genießt den Schmerz und weiß, dass er es verdient hat.

Denn er hat seine Familie verraten. Schließlich und schlussendlich hat er sie verraten, alle, die ihm etwas bedeuten und die ihm lieb und teuer sind. Er hat ihr Blut an seinen Händen, denn er hat den Verräter nicht stellen können.

Aller Anfang hat sein Ende, und sein Ende ist hier erreicht, während er am Boden der Apfelwachtfarm liegt, sein Blut sich um ihn herum ausbreitet und er seine letzten Atemzüge tut. Es sind nur Momente, Augenblicke, die er stirbt, doch er genießt jeden einzelnen von ihnen, während die Klingen seiner Jäger ihn weiter durchbohren.

Gleich würde er vor seinen Fürchterlichen Vater treten, Rechenschaft für seine Taten ablegen und sein Gewissen reinwaschen können. Er hat sein Bestes getan, und doch fühlt er Reue, dass es nicht mehr hat sein können.

Sein Weg endet hier. Ein Weg voller Blut und Tod. Ein Weg, den er genossen hat, jeden einzelnen Schritt. Er diente seinem Fürchterlichen Vater mit einer Hingabe und Liebe wie kaum sonst jemand. Seine Familie war sein Leben, für sie hat er alles getan – und für sie stirbt er nun. Ein Ende, wie es einem Assassinen der Dunklen Bruderschaft wie ihm gebührt.

Kaum zu glauben, dass alles mit seinen Händen an der Kehle eines kleinen Waldelfen begonnen hat, damals in der Kanalisation der Kaiserstadt. So etwas Simples und Unbedeutendes. Doch für ihn hat es eine ganze Welt bedeutet.

Lucien Lachance lächelt, erinnert sich, schließt die Augen und versinkt in Schwärze und Nichts.

Updates kommen immer am 10.,20. und 30. jeden Monats.
Heimkehr

Die Nacht brach herein, und die ersten Sterne zeigten sich. Masser und Secunda, die beiden Monde am Himmel Nirns, erklommen allmählich das Himmelszelt und sandten ihr fahles Licht durch die Straßen der Kaiserstadt. Nur wenige Fackeln beleuchteten die engen, verwinkelten Gassen der Hauptstadt des Kaiserreiches, sodass zahlreiche Schatten den nächtlichen Gestalten Obdach boten.

Die Kaiserliche Legion patrouillierte selten abseits der Hauptstraßen. Ein Fehler, denn so konnte Kriminalität leicht unter ihren Augen hindurchschlüpfen. Kannte man zudem die Wege durch die Kanalisation, war es ein leichtes für die zahlreichen Straßenbanden, den Augen des Gesetzes zu entfliehen. Vorausgesetzt, man wagte es, den Gefahren in der Kanalisation zu begegnen …

Der kaiserliche Junge Lucien Lachance besah sich seine Bande von abgerissenen Straßenkindern mit strengem Blick. Er war ihr Anführer, ein berüchtigtes Waisenkind, das im Dreck der Kaiserstadt aufgewachsen war. Seine Mutter, eine Hure, hatte er noch kennen gelernt. Doch nachdem sie unfreiwillig mit ihm schwanger gegangen war, hatte sie nur noch wenige Jahre zu leben gehabt. Niemand wollte eine Hure mit einem schreienden Balg. Ihre Kunden waren weniger und weniger geworden. Schließlich hatte sie sich erhängt.

Nun stand Lucien hier als Kopf seiner Bande, welche mit angstgeweiteten Augen zu ihm aufsah, während er auf einem kleinen Kistenstapel im Hafenbezirk stand und den Blick über die Mitglieder seines Haufens schweifen ließ. Sie alle waren genauso abgerissen wie er, mager und mit dreckigen Gesichtern. Viele von ihnen hatten Messer an der Seite, auch wenn sie größtenteils nur zur Abschreckung dienten; meist wurden sie nur benutzt, um Ratten aus der Kanalisation abzuwehren, in einen ernsthaften Kampf war noch nie jemand von ihnen verwickelt worden.

»Ich halte es für keine gute Idee, Caius‘ Bande anzugreifen«, sagte Malvin, ein Waldelf. »Lucien, wir sollten es lassen, wir verbrennen uns nur die Finger daran.«

»Caius ist verschwunden«, hielt Lucien dagegen. »Seine Bande hat ihren Kopf verloren und ist nun geschwächt. Das ist für uns der perfekte Zeitpunkt, um sie zu übernehmen und unsere Macht zu verstärken. Stellt euch doch nur einmal vor, wie es wäre, wenn wir noch mehr Teile des Untergrundes der Kaiserstadt kontrollieren könnten! Wir würden mehr zu essen haben, genügend für alle, und wir wären vor allem auch keine elenden Straßenratten mehr, die sich jeden Brotkrumen hart erbetteln müssen, und immer noch nicht satt werden.«

»Erzähl keinen Unsinn«, blaffte Malvin. »Der Graufuchs und seine Diebesgilde kontrollieren die Stadt und keiner sonst. Nicht einmal Hieronymus Lex kann ihn fangen! Wir sind und werden es immer bleiben: Straßenratten, die der Wache maximal einen Fußtritt wert sind und einen Schlag, wenn sie uns beim Stehlen erwischen.«

Lucien schnaubte. »Und du willst für immer und ewig eine Straßenratte bleiben?«, konterte er.

»Zumindest will ich mein wahrscheinlich ohnehin kurzes Leben nicht sinnlos wegwerfen«, sagte Malvin und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. »Wenn du das durchziehst, dann ohne mich.«

»Wie du meinst.« Der Anführer der Bande wandte sich an die anderen. »Und was ist mit euch? Wollt ihr für immer feige Ratten bleiben? Oder wollt ihr stattdessen allen zeigen, dass mit uns zu rechnen ist?«

Er war aus einem Grund Anführer dieser Bande geworden: Er war skrupellos, gnadenlos und unerbittlich. Er zögerte nicht, andere Mitglieder seiner Bande auch einmal zu schlagen, wenn sie ihm nicht gehorchten, denn der Gewalt war er noch nie abgeneigt gewesen. Überhaupt war dies ein Wesenszug an ihm, der ihn von den anderen Straßenjungen unterschied. Während die meisten von ihnen nur mit ihren Messern herumfuchtelten, während sie hofften, dass es bedrohlich wirkte, scheute er nicht, es einzusetzen. Ein paar Schnitte hier und da und schon hatte jeder gelernt, dass er nicht lange fackelte. Jemanden umgebracht hatte er jedoch noch nie. Ob er es tun würde, fragte er sich, während er mit dem Messer an dem Strick herumspielte, welcher seinen Gürtel darstellte, um die Hose auf seinen dürren Hüften zu halten.

Niemand außer Malvin wagte es, noch einmal Widerspruch einzulegen. Der Waldelf sah sich unsicher um, während alle anderen Lucien zustimmend zunickten. Als er sah, dass er auf verlorenem Posten stand, ließ er niedergeschlagen die Schultern hängen und fügte sich in den Gruppenwillen ein.

»Wir gehen durch die Kanalisation«, sagte Lucien. »Das ist schneller und unauffälliger. Ich war schon oft dort unten, alleine zwar, aber das sollte keinen großen Unterschied machen. Dort unten gibt es nur Ratten, nichts weiter.«

Er verschwieg, dass er nur kleine Teile der Kanalisation erkundet hatte und dass Gerüchte besagten, dass dort unten weitaus schlimmeres als Kanalratten lauern sollte. Doch was sollte ihnen schon passieren? Sie waren eine große Gruppe und die meisten von ihnen waren zumindest im Faustkampf geübt. Ihnen würde schon nichts geschehen.

Die Gerüchte schienen jedoch noch andere gehört zu haben. Als er die Kanalisation erwähnte, verschwand mit einem Male die Zuversicht aus den meisten Gesichtern. Dennoch fügten sie sich, aus Angst oder Loyalität sei dahingestellt.

Lachance sprang von der Kiste herab und lief mit selbstbewusster Miene los. Es gab außerhalb der Stadt verschiedene Eingänge in die Kanalisation. Normalerweise waren die Gitter versperrt, damit allein der Dreck der Stadt in den Rumare-See abfließen konnte, jedoch nichts hinein gelangte. Doch er hatte ein rostiges Gitter entdeckt, das sicher leicht zu durchbrechen war, besonders, wenn mehrere der Jungen mit anpackten.

Die Aussicht auf mehr Einfluss in der Stadt lockte ihn sehr. Er mochte der Sohn einer Hure sein, die vielleicht von einer gelangweilten Wache oder einem besoffenen Hafenarbeiter bestiegen worden war, er wusste es nicht, und um ehrlich zu sein, war es ihm auch egal. Aber das schloss nicht aus, dass er ehrgeizig war. Er wollte weg aus diesem Loch, weg aus all dem Dreck und Gestank. Er wollte mehr aus seinem Leben machen als nur ein paar Straßenkinder herumzukommandieren. Das war keine Macht, nichts, das ihn befriedigte. Er wollte mehr, viel mehr. Nach und nach der Diebesgilde die Herrschaft über die Straßen streitig zu machen, war zumindest ein Anfang.

Sie packten ein, was ihnen für solch ein Unternehmen nützlich erschien: ihre Messer und Lucien sogar seinen kleinen Eisendolch, den er als besondere Trophäe nur zu bestimmten Anlässen herausholte. Man fand so einiges in den Abfällen der Stadt, eine echte Waffe aber war selten. Proviant steckten sie sich ebenfalls in die Taschen sowie einige Fackeln und Zunder, womit sie nun genügend ausgerüstet sein sollten, um zuerst der Kanalisation und dann Caius‘ Bande zu begegnen.

Entschlossenen Schrittes führte er nun seine kleine Schar aus dem Hafenbezirk. Da er ohnehin außerhalb der eigentlichen Stadtmauern lag, mussten sie keine großen Mühen auf sich nehmen, um den Stadtwachen auszuweichen. Die wenigen, die hierher beordert worden waren, waren ohnehin zumeist selbst so betrunken wie die Hafenarbeiter oder die Piraten, die gelegentlich hier ankerten, und somit keine Herausforderung für flinke Straßenkinder, die unbemerkt bleiben wollten.

Nur wenige Schritte und sie hatten das Hafengebiet verlassen. Hielten sie sich vom Wasser fern, dann hatten sie Schlammkrabben nicht zu fürchten und Wölfe waren klug genug, um eine so große Gruppe Menschen nicht zu attackieren.

Sie mussten nicht weit nach Osten gehen, um zu einem der Eingänge, dem südöstlichen, zu gelangen. Kurz, nachdem sie unter der Brücke entlang gegangen waren, die die Stadt mit der Magiergilde verband, schwenkte Lucien in Richtung des Sees ein und führte seine Gruppe die Böschung hinab. Weit und breit war kein Leben zu sehen. Der Rumare-See lag groß, dunkel und still da, nur erleuchtet vom Licht der beiden Monde, welche sich in seiner Oberfläche spiegelten. Lucien wusste, dass der Schein trog und sich unter der Oberfläche des Wassers Schlachterfische verbargen, boshafte (wenn auch schmackhafte) Raubfische, die alles angriffen, das sich bewegte. Doch sie wollten schließlich nicht ins Wasser, nur in die Kanalisation.

Unter einem kleinen Überhang fanden sie den Eingang. Leise plätscherte ein kleines Rinnsal Brackwasser aus dem Kanalisationsschacht in den See, ansonsten war nichts zu hören. Rasch sah sich Lucien um, um sich zu vergewissern, dass sie auf keinen Fall beobachtet wurden, egal, wie gering die Wahrscheinlichkeit dafür war. Doch niemand war zu sehen, ganz wie erwartet.

Einer der Jungen rüttelte am Gitter. »Verschlossen«, sagte er. »Aber nicht fest, wie es aussieht. Ich denke, wir können leicht durchbrechen.« Damit zückte er einen Dietrich und versuchte sein Glück. Es dauerte nicht lang und er hatte das Schloss aufgebrochen.

Lucien lächelte. Dies lief bis jetzt leichter, als gedacht. Mutig ging er voran und trat in den muffigen Gestank der Kanalisation. Dunkelheit umfing ihn, und er ließ sich eine Fackel reichen. Mit einiger Mühe war sie angezündet, und er hielt das rußende Ding in den Schacht vor ihm. Flackerndes Licht leckte an den feuchten Steinen, erhellte immerhin aber ein wenig von dem, was vor ihm lag.

Schon bald öffnete sich der Schacht in einen kleinen Raum. Langsam tappten sie durch das dreckige Wasser, während es zu allen Seiten von den Wänden tropfte. Schleimiges Moos bedeckte die Pflastersteine und dämpfte jedes Geräusch.

Lucien hatte seiner Bande noch eines verschwiegen: dass er die Kanalisation fürchtete. Es war nicht ungefährlich hier, doch bevor er dieser Gruppe von Straßenkindern beigetreten war, hatte er diesen Ort mehr als einmal als notdürftiges Versteck benutzen müssen. Nie war er weit vorgedrungen, doch manchmal hatte er in fernen Gängen schlurfende Schritte und gequältes Stöhnen gehört. Knochen hatte er hier auch gefunden, und er war sich sehr sicher, dass sie nicht von Ratten stammten.

Doch mit seiner Bande im Rücken fühlte er sich stark. Sie waren eine große Gruppe, nichts würde sie angreifen. Und selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, konnte er sich im Schutze ihrer Zahl verbergen und andere für ihn kämpfen lassen.

Manche der anderen waren nicht so zuversichtlich. Sie zögerten, ihm zu folgen, taten es aber doch, als er selbstbewusst den Rücken durchdrückte, die Fackel hob und voran ging. Sie alle hatte ein beklemmendes Gefühl befallen, und sie fühlten von allen Seiten Augen auf sich ruhen, auch wenn vielleicht gar keine da waren.

Ratten und Schlammkrabben und vielleicht doch der eine oder andere Schlachterfisch im Dreckwasser waren allenfalls lästige  Ärgernisse. Die Gerüchte hielten sich hartnäckig in ihren Gedanken. Jeder Schatten, den die flackernden Fackeln warfen, schien auf einmal tödliche Gefahren zu verbergen. Die Kinder und Jugendlichen aus Luciens Bande zuckten bei jedem noch so kleinen Geräusch, jeder noch so verdächtigen Bewegung zusammen. Ein jeder hatte die Messer in der Hand und alle Sinne geschärft.

Der Geruch nach Fäulnis war allgegenwärtig. Süßlich und ekelhaft klebte er in der Luft und war nicht aus der Nase zu bekommen. Unrat schwamm in den Kanälen, an welchem sich die Ratten gütig taten, die hier wie im Paradies zu leben schienen. Es waren nicht die großen Kanalratten, sondern kleinere Stadtratten, die zwar nicht davon huschten, sobald Licht auf sie fiel, aber zumindest niemanden anfielen.

Ihre großen Vettern waren da weitaus penetranter. Sie begegneten mehreren der Biester, und keines von ihnen war so leicht abzuwehren wie die kleineren Tiere. Jede der Ratten starrte sie aus boshaften, kleinen Augen an und schien zu überlegen, wie es seine Beute erlegen konnte. Nicht wenige Tiere setzten ihre Angriffspläne auch in die Tat um.

Mit den Fackeln fuchtelnd konnte die Bande die meisten Angreifer abwehren. Manche hingegen waren hartnäckiger. Die scharfen, gelblichen Nagezähne gebleckt, sprangen sie quiekend und kreischend auf die verängstigten, eng zusammengedrängten Kinder zu. Luciens Bande streckte die Messer aus und fuchtelte wenig koordiniert mit ihnen herum. Nur ihre Zahl bewahrte sie vor schlimmeren als tiefen Kratzern.

Schnell war klar: Sollten sich die Gerüchte bewahrheiten, würden sie hoffnungslos unterlegen sein.

Nachdem sie nun schon einige Zeit in der Kanalisation herumgeirrt waren, wurde der Drang nach einer kurzen Pause bei den meisten übermächtig. Lucien wählte einen Gang aus, der halbwegs geschützt wirkte vor den Bewohnern der Kanalisation, und ließ seine Gefolgsleute Rast machen. Rasch hatte er einige Befehle erteilt und Wachen aufgestellt, dann erlaubte er es sich selbst, sich hinzusetzten und durchzuatmen.

Erst jetzt bemerkte er, wie angespannt und ausgelaugt er war. Die stete Gefahr, die um ihn herum war, zehrte an seinen Nerven, selbst wenn es nur die bloße Androhung dessen war. Sein Blick war rastlos und die Hand stets am Dolch. Fühlte sich so die Beute, bevor der Jäger über sie herfiel?

Dann riss er sich zusammen. Er war schon früher hier unten gewesen, und damals hatte er nicht den Schutz einer eigenen Bande besessen. Nein, die Gerüchte waren nichts weiter als Gerüchte, und wenn etwas an ihnen dran war, dann hatten sich sicher nur die Skooma-Süchtigen nach hier unten verkrochen. Nichts weiter. Noch nie war er schlimmeren Kreaturen begegnet, und die Skooma-Süchtigen waren nun wirklich keine größere Gefahr als Ratten und Schlammkrabben. Er sollte aufhören, sich wie ein kleines Kind zu benehmen und wieder ein Anführer sein.

Die Bandenmitglieder sprachen nur leise und gedämpft miteinander. Während Lucien sie beobachtete, sah er, dass auch sie sich immer wieder gehetzt umsahen und dem Frieden nicht trauen wollten. Dann schüttelte er den Kopf und rief sich in Erinnerung, dass die meisten von ihnen genau solche feigen Hunde waren wie Malvin. Es bedurfte einer Person wie ihm, um sie zusammenzuhalten und vor allem auch sie alle dazu bewegen zu können, diesen Weg gemeinsam mit ihm zu gehen. Es bedurfte einer willensstarken und entschlossenen Person, entschlossen, alles zu tun, um ihre Ziele zu erreichen. Und das war er, niemand konnte das bestreiten.

»Wir hätten nicht hierher gehen dürfen«, hörte er Malvin leise vor sich hin murmeln. »Hätten uns nicht breitschlagen lassen sollen. Es war eine dumme Idee. Früher oder später passiert etwas.«

Lucien warf ihm einen Blick aus dem Augenwinkel zu, doch niemand schien auf die Worte des Waldelfen eingehen zu wollen. Manche warfen Lucien unsichere Blicke zu, die meisten aber ignorierten die Worte, wahrscheinlich aus Angst vor Konsequenzen. Lucien ließ sie ebenso kommentarlos im Raum stehen, merkte sie sich aber gut.

Da bemerkte er, wie eine der Wachen auf ihn zukam. Der Junge kniete sich vor ihn auf den Boden, und Lucien bemerkte Unsicherheit in seinem Blick.

»Was ist?«, fragte er. »Geh auf deinen Posten.«

»Wir haben dort hinten etwas bemerkt«, sagte der Junge. »Dort ist zwar eine Wand, aber am Boden des Kanals ist ein Gitter, um das Wasser durchzulassen. Es scheint so, als könne man das Gitter öffnen. Dahinter geht es weiter, wohl in einen anderen Abschnitt der Kanalisation. Wir haben seltsame Geräusche von dort gehört, ein Kreischen und Schreien, wie ich es noch nie gehört habe. Außerdem meinen wir Fackelschein gesehen zu haben. Ich glaube, dort hinten ist etwas, von dem wir nicht näher wissen wollen, was es ist.«

Malvin hatte bei diesen Worten den Kopf gehoben. »Ich habe ja gesagt, dass es eine schlechte Idee ist, hier hinunter zu gehen!«, rief er aus. »Jetzt sitzen wir in der Falle!«

»Sei still!«, zischte Lachance. »Wenn du Hirn zwischen deinen Segelohren hast, dann musst du doch wissen, dass dein Gekreische anlocken kann, was auch immer dort hinten lauert!«

»Auf einmal ist der große Anführer also auch verängstigt?«, fuhr Malvin unbeirrt fort.

»Malvin, Lucien hat Recht«, sagte die Wache mit Besorgnis in der Stimme. »Hör auf mit deinem Gezeter und sei still. Ich will nicht erfahren, was das dort hinten gewesen war.«

»Willst du also sagen, dass es klug war, hier herunter zu gehen und ins offene Messer zu rennen?«, hielt der Waldelf dagegen.

»Ich will damit sagen, dass du die Klappe halten sollst«, konterte der andere Junge.

»Malvin, das ist ein Befehl«, knurrte Lucien. »Sei still!«

»Oder was?«, frotzelte Malvin. »Schlägst du mir die Nase blutig?«

»Du weißt, dass ich damit nicht zögern werde, wenn du auch noch ein Wort sagst«, fauchte Lucien.

Es machte ihn rasend, wie sehr Malvin es wagte, ihn herauszufordern. Normalerweise wusste jeder, wo sein Platz in der Bande war, und sollte jemand doch nicht spuren, reichten meist einige harsche Worte Luciens, um denjenigen in seine Schranken zu verweisen. Malvin hingegen schien es sich auf einmal in den Kopf gesetzt zu haben, nicht nachgeben zu wollen. Dass er es ausgerechnet an diesem Ort getan hatte, machte die Sache nicht leichter. Dennoch musste Lucien Konsequenzen zeigen. Wenn er Malvin nur schnell und ordentlich genug verprügelte, würde schon niemand mit bösen Absichten etwas bemerken.

Oder?

Lucien besann sich. Ein Risiko bestand dennoch, sollte er jetzt eine Prügelei mit dem Waldelf beginnen, zumal er wusste, wie schnell dieser war, schneller als er, auch wenn er kräftiger war als der kleine, schmächtige Elf.

Malvin war inzwischen aufgestanden und hob herausfordernd die Fäuste. »Na los, komm!«, rief er. »Was ist jetzt, oh großer Anführer? Hast du die Hosen voll?«

»Malvin …«, mischte sich ein anderes der Straßenkinder ein. »Jetzt gib endlich Ruhe und kläre das, wenn wir hier fertig sind.«

»Nein, ich kläre das jetzt, denn ansonsten liefert der hier uns alle noch ans Messer!«

Als Malvin ihm einen nicht allzu kräftigen Tritt in die Seite verpasste, waren alle guten Vorsätze vergessen. Lucien sprang auf und versuchte den Waldelf zu packen. Der jedoch wich im letzten Moment aus, strauchelte jedoch. Sein Kontrahent nutze dies sogleich aus und setzte ihm nach. Nur Herzschläge später waren die beiden Jungen ineinander verkeilt.

»Scheiße!«, fluchte da mit einem Male eine der Wachen. »Malvin, du Idiot! Wir bekommen Besuch!«

Lucien bemerkte den Aufschrei nur am Rande. Das, was danach folgte, jedoch sehr wohl.

»Goblins!«, schrie jemand.

»Sie greifen an!«, ein anderer.

»Scheiße, ist das ein Zauberer?!«

Wutentbrannt schlug Lucien auf Malvins Gesicht ein. »Ich bring dich um!«, brüllte er. »Das ist alles deine Schuld!«

»Du hast uns hier herunter geführt!«, knurrte Malvin und spuckte Lucien ins Gesicht, um sodann nach seinen Fingern zu beißen.

»Und du hast angefangen zu brüllen!«, fauchte Lucien, während er den Zähnen auswich. Sein Gesicht war zornesrot und die Wut loderte in seinem Bauch. Dieser verdammte Waldelf würde für seine Dummheit zahlen. Mit aller Kraft schlug und trat er nach ihm, so voller Gewalt wie noch nie in seinem Leben. Er bemerkte kaum, wie das Chaos um ihn herum ausbrach. Die Kinder der Bande liefen in wilder Furcht durcheinander, während bewaffnete Goblins durch den Durchgang drängten und sich auf die leichte Beute stürzten. Schreie wurden laut, Panik verbreitete sich.

Malvin konnte der rohen Gewalt seines Kontrahenten kaum etwas entgegensetzen. Manchen der Schläge konnte er noch geschickt ausweichen, doch dann musste er immer mehr einstecken und konnte selbst kaum noch austeilen. Seine Nase war bereits gebrochen und blutete, ebenso seine Lippen, und eines seiner Augen begann zuzuschwellen. Er wurde immer mehr in die Defensive gedrängt.

Irgendwann hatte Lucien den Dolch gezückt. Mit einem Male wurde Malvins Gesicht aschfahl und Furcht wuchs in seinen Augen. Lucien holte mit der Waffe aus, während sein Gegner versuchte, seine Arme zu packen. Doch der stärkere Kaiserliche riss ihn mühelos zu Boden und konnte die von Angst befeuerten, unkoordinierten Versuche der Gegenwehr des Waldelfen leicht abfangen.

Das Gefühl, wie sich der Dolch das erste Mal in die Brust Malvins senkte, war unbeschreiblich. Lucien wusste nur eines mit großer Klarheit: Es fühlte sich gut an. Der Elf erstarrte und riss die Augen weit auf. Dann zerrte Lucien den Dolch wieder aus seiner Brust und stieß erneut zu. Und wieder. Und wieder.

Malvins Gegenwehr erstarb rasch.

Erst da bemerkte Lucien, dass er soeben jemanden umgebracht hatte. Sonderlich erschreckt war er davon jedoch nicht. Mit kühler Gelassenheit betrachtete er die blutenden Stichwunden in der Brust des Elfen unter ihm. Malvins Blick ging in die Leere, noch immer stand die Todesfurcht in seinen Augen.

Dann sah sich Lucien ruhig um und analysierte, was um ihn herum geschah.

All das hatte nur Augenblicke gedauert. Die Goblins begannen gerade erst, den Straßenkindern nachzusetzen, doch es wurde ersichtlich, dass sie den Kreaturen hoffnungslos unterlegen waren. Lucien wusste, dass er nichts tun konnte, um das Massaker zu verhindern. Vielleicht würden einige entkommen, und er würde sie erneut zusammenrufen und seine Bande neu gründen. Auf mehr konnte er nicht hoffen. Malvin hatte seine verdiente Strafe erhalten, das musste reichen.

Er erhob sich, sammelte sich kurz und rannte dann davon, die Rufe hinter ihm ignorierend, die ihn einen Feigling und Mörder schimpften. Es war ihm egal. Schlussendlich hatte jedes Straßenkind für sich selbst zu sorgen. Er war nicht für den Schutz eines jeden einzelnen aus seiner Bande verantwortlich, also mussten sie jetzt selbst zusehen, wie sie hier herausfanden.

Alleine durch die Kanalisation zu huschen war in gewisser Hinsicht einfacher. Eine größere Gruppe bot zwar mehr Sicherheiten, war aber auch auffälliger. Lucien war schon immer sehr verstohlen gewesen und wusste zudem, wie er sich hier unten bewegen musste, um nicht bemerkt zu werden.

Da es hier ohnehin kaum Licht gab, war es einfach, sich in den Schatten zu verbergen. Der Gestank überdeckte die allermeisten Gerüche, sodass kaum eine Ratte aus größerer Entfernung seine Witterung aufnehmen konnte. Und wenn er nicht wollte, dass er gehört wurde, dann war er ohnehin in der Lage, keinen Ton von sich zu geben.

Der Rückweg war weitaus einfacher als der Hinweg. Niemand bemerkte ihn, niemand verfolgte ihn. Die Schreie seiner Bande waren alsbald hinter ihm verblasst. Er würde in einigen Tagen beginnen, die Straßen der Stadt nach den Überlebenden abzusuchen und dann würden sie von neuem beginnen. Es ärgerte ihn, dass sein Plan so gründlich gescheitert war. Der Erfolg war zum Greifen nahe gewesen! Aber noch war nicht aller Tage Abend und damit auch nicht alles verloren. Wenn er jetzt nur nicht nachließ, würde er seinen Erfolg schon erhalten. Vielleicht sollte er die Zeit nutzen, um die verfeindete Bande auszuspionieren, dann würde er nicht nur auf der Straße lungern und Zeit ungenutzt verstreichen lassen.

Als er endlich wieder frische Luft atmen konnte, war die Nacht bereits weit fortgeschritten. Während sich Lucien rasch vom Kanalisationseingang entfernte und sich in einem Gebüsch verbarg, stellte er fest, wie erschöpft er war. Sein Unternehmen war kraftraubender gewesen, als er gedacht hatte. Also beschloss er, ein Versteck für die Nacht zu suchen und bis zum Morgen zu ruhen. Alles Weitere würde sich dann ergeben.

Er begab sich zurück zum Hafenviertel. Alles schlief bereits und selbst die Wachen verwendeten kaum noch Aufmerksamkeit auf ihren Dienst. In wenigen Stunden würde es dämmern, bis dahin schlief nun selbst das pulsierende Zentrum des Herzlandes.

Lucien fand einen Kistenstapel, welcher einen guten Sichtschutz bot. Er kroch zwischen die Kisten, rollte sich zusammen und war alsbald eingeschlafen.

 

Er wusste nicht, was ihn nur kurze Zeit später wieder aus seinem Schlaf gerissen hatte. Vielleicht war es das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Vielleicht war es auch das plötzliche Frösteln, das ihn befallen hatte. Etwas war anders als normal.

Alarmiert hob er den Kopf und sah sich um. Zunächst bemerkte er nichts Ungewöhnliches, doch dann entdeckte er, dass ein Schatten in der Nacht dunkler war als die anderen um ihn herum. Was war das? Es war bedrohlich, das spürte er. Er tastete nach dem Dolch an seiner Seite und zückte ihn.

»Steck das Spielzeug weg«, hörte er eine weibliche Stimme aus dem tiefschwarzen Schatten heraus.

»Wer bist du?«, verlangte Lucien zu wissen. Der Dolch blieb, wo er war.

»Jemand, der dein großartiges Potenzial zu schätzen weiß.« Plötzlich bewegte sich der Schatten und machte eine hochgewachsene, schlanke Gestalt sichtbar. »Man nennt mich Arela Drewani, eine Sprecherin der Dunklen Bruderschaft, und ich bin hier, um dich in unsere Familie aufzunehmen. Denn dein Herz ist schwarz wie die Nacht und kälter als der bitterste Winter in Himmelsrand. Du bist zum Morden geboren.«

Langsam sank der Dolch nun doch herab. Die Dunkle Bruderschaft! Freilich hörte man selbst in den Gossen der Kaiserstadt von der Gilde von Meuchelmördern, die ihrem blutrünstigen Gott huldigten und in seinem Namen und für Geld Auftragsmorde begingen. Ihr Ruf war legendär.

Lucien war sich unsicher, was er von der Situation halten sollte. Wurde ihm gerade eine Möglichkeit geboten, dem Leben in der Gosse zu entkommen, oder bedeutete das Erscheinen Arela Drewanis sein Ende? Nicht wissend, was er sagen sollte, schwieg er daher lieber.

»Schweigen ist oftmals die beste Antwort«, kommentierte Arela Drewani. »Und nicht selten die bedrohlichere. Gut, gut. Du hast einen Mord begangen, mit kaltem Herzen und ohne zu zögern. Du hast eine Seele Sithis übergeben und damit deine Seele unserem Vater geweiht. Du gehörst nun zu uns, bist einer der unseren. Doch noch ist das Ritual nicht zur Gänze vollzogen.«

Mit einem Male hatte das Leben des jungen Kaiserlichen völlig andere Bahnen eingeschlagen. Er erkannte, was für Möglichkeiten ihm hier geboten worden waren. Er käme weg von der Straße, müsste nicht mehr tagtäglich um sein Überleben kämpfen, keinen Hunger und keine Kälte mehr leiden. Das Leben eines Assassinen, wenn auch lange nicht sicher, war doch von weitaus weniger Gefahren geprägt als jenes eines mittellosen Straßenjungen. Der Preis dafür wäre Blut, doch Arela Drewani hatte Recht: Lucien mordete eiskalt. Er hatte es einmal getan, er würde es wieder tun, ohne zu fragen.

»Was muss ich tun?«, fragte er daher.

Er meinte ein leises Lachen unter der Kapuze zu vernehmen. »So ist’s gut, das gefällt mir«, sagte Arela Drewani. »Gehe nach Norden, an das nördliche Ufer des Rumare-Sees. Nahe der Festung Caractacus findest du eine Siedlung namens Bockbierquell. Jemand will den Argonier Seed-Neeus tot sehen und es ist an dir, ihn zu töten. Erst dann ist dein Kontrakt unterschrieben, unterschrieben mit dem Blut deines Opfers.«

»Wer ist Seed-Neeus?«, wollte Lucien wissen.

»Nur ein Bettler, der aufklaubt, was er findet, und die billigen Dienste in der Siedlung verrichtet, die sonst keiner übernehmen will«, erklärte Arela Drewani. »Er ist schwach und feige, ihn zu töten, sollte selbst für dich ein Kinderspiel sein.«

»Und dann?«, fragte der junge Kaiserliche weiter. »Was soll ich dann tun?«

»Schlafe, Kind der Finsternis, und ich werde dich aufsuchen«, versprach die Sprecherin ihm. »Ist die Tat vollbracht, wirst du alles Weitere erfahren und ein vollwertiges Mitglied der Dunklen Bruderschaft werden können.«

Lucien spürte Enttäuschung in sich aufkommen. Er hatte bereits ein Leben genommen, doch nun sollte er noch eines nehmen, um aufgenommen werden zu können? Er hatte für einen kurzen Moment gehofft, schon Malvins Tod würde genügen und der Dunklen Bruderschaft zeigen, dass er ihrer würdig war. Doch es war, wie es sein sollte. Die Beschreibung des Argoniers klang nicht sonderlich herausfordernd, er würde es sicherlich schaffen.

Als er wieder aufsah, um der Sprecherin mitzuteilen, dass er den Auftrag annehmen würde, war sie bereits verschwunden. Er blickte sich um, doch nirgends war eine Spur von ihr ausfindig zu machen. Nur ein schwach süßlicher Geruch hing noch in der Luft, der Lucien irgendwie an Verwesung erinnerte.

Dann schüttelte er den Kopf und legte sich wieder hin. Sobald er ausgeruht war, würde er sich auf den Weg machen und tun, was ihm befohlen worden war. Und dann würde sein neues Leben beginnen.

 

 

Lucien hatte die Kaiserstadt noch nie verlassen. Er hatte nicht einmal darüber nachgedacht, es zu tun, geschweige denn darüber, was jenseits dessen lag, was er von den Ufern der Insel aus sehen konnte. Sein altes Leben hinter sich zu lassen, fiel ihm leicht. Den Schritt in ein neues zu wagen, war etwas völlig Anderes. Eine Welt von ungeahnter Größe lag vor ihm, nicht begrenzt durch dicke Stadtmauern und Häuserfronten. Er würde tagelang laufen können und immer noch nur Wildnis um sich herum zu haben. Die ungewohnte Grenzenlosigkeit ängstigte ihn.

Dennoch lenkte er seine Schritte unbeirrt um das westliche Ufer des Rumare-Sees herum. Die Straßen waren leer, kaum ein Reisender oder ein Reiter der Kaiserlichen Legion begegneten ihm. Auch das war ungewohnt. Stets war er vom Stimmengewirr der Großstadt umgeben, immer waren da Menschen, vor deren Blicken er sich verborgen hatte oder deren Anwesenheit ihn vor den Blicken anderer geschützt hatte. Auf einmal jedoch umgab ihn die Einsamkeit.

Er sollte sich besser daran gewöhnen, sagte er sich selbst. Als Assassine würde er sicherlich viel Zeit in der Wildnis verbringen. Also ging er unbeirrt weiter entlang der Roten Ringstraße nordwestlich des Sees. So viele Bäume um ihn herum, so viele Vögel! Und erst der Wind! Nie hatte er Wind so rauschen gehört und wehen gespürt wie hier.

Er musste jedoch auch feststellen, dass die Wildnis ein gefährlicher Ort war. Es dauerte nicht lang, nachdem er die Stadt hinter sich gelassen hatte, da sah er bereits den ersten Wolf. Instinktiv wusste er, dass dies kein Gegner für ihn war, und er duckte sich hinter einige Felsen. Doch zu spät, der Wolf hatte bereits seine Witterung aufgenommen. Eine leichte Beute witternd sprang er laut bellend in seine Richtung. Voller Angst kletterte Lucien auf die Felsen, doch er musste feststellen, dass sie kaum hoch genug waren.

Zähnefletschend sprang der Wolf an ihnen hoch, während Lucien so weit oben wie möglich saß und die Beine anzog, während er seinen Dolch gezückt hatte und unbeholfen damit in der Luft herumfuchtelte.

»Verschwinde!«, schrie er in der Hoffnung, der Lärm würde das Tier verscheuchen. »Zieh Leine, ich schmecke nicht! Hörst du? Ich schmecke nicht, viel zu wenig dran an mir!«

Leider half dies nur bedingt. Der Wolf sprang zwar nun nicht mehr an den Felsen hoch, stattdessen schlich er, immer noch Zähne fletschend und knurrend, um ihn herum, lauernd und auf eine Gelegenheit wartend.

Luciens Hirn arbeitete auf Hochtouren. Er war nicht stark genug, um den Wolf zu überwältigen, ganz davon abgesehen, dass sein Dolch ein Witz gegen das Tier war. Was also konnte er tun? Herzlich wenig, leider.

Seine Rettung kam unverhofft alsbald darauf.

»Heda, Junge!«, hörte er jemanden aus einiger Entfernung von der Straße aus rufen.

Als er sich umdrehte, sah er einen Legionsreiter auf einem Pferd. Der Soldat schien mittlerweile selbst gesehen zu haben, dass Lucien in Bedrängnis geraten war, stieg vom Pferd und zückte sein Schwert. Mit einem lauten Schrei stürzte er sich auf den Wolf. Das Tier bemerkte die Gefahr und erkannte in ihr die weitaus größere Bedrohung als in dem Jungen.

Der Kampf dauerte nur kurz. Gegen die schwere Plattenrüstung des Soldaten kam der Wolf nicht an. Nach nur wenigen Schwerthieben, kniff er jaulend die Rute zwischen die Beine und rannte davon. Der Soldat wandte sich Lucien zu.

»Die Gefahr ist vorbei, du kannst herunter kommen«, sagte er.

Lucien kam dem eilends nach. »Danke«, presste er zwischen seinen Zähnen hervor. Er besaß ein gesundes Misstrauen gegenüber der Kaiserlichen Legion, aber vielleicht erkannte der Soldat nicht, dass er eine Straßenratte aus der Kaiserstadt war.

»Was machst du hier so allein und schutzlos in der Wildnis?«, fragte der Fremde.

»Ich suche Beeren für meine Mutter«, log Lucien. »Wir sind arm und sie krank und schwach, weshalb ich das allein machen muss.«

»Wohnt ihr weit von hier?«

»Wir haben eine Hütte im großen Forst, vielleicht eine Stunde von hier entfernt.« Lucien deutete in eine beliebige Richtung auf den Großen Forst. Irgendwo dort würde es sicherlich eine solche Hütte geben. Er hoffte nur, dass der Soldat es nicht nachprüfen musste.

Doch dieser nickte nur. »Dann pass auf dich auf. Wenn du noch einmal einem Wolf begegnest, schrei so laut, wie du kannst, und wirf Steine nach ihm. Die meisten Tiere verscheucht das«, riet er. Dann ging er zurück zu seinem Pferd, stieg auf und ritt weiter seine Patrouille.

Lucien sah ihm nach, um sicher zu gehen, dass er sich nicht weiter um ihn kümmerte. Erst dann wandte er sich ab und ging auch seines Weges.

Er würde noch viel lernen müssen, stellte er fest, wenn er sich nicht einmal gegen einen Wolf verteidigen konnte.

Nach einigen Stunden, die Sonne stand bereits hoch am Himmel und hatte ihren Zenit überschritten, sah er vor sich zwischen den Bäumen des Großen Forstes an der Straße die ersten Häuser auftauchen. Dies musste Bockbierquell sein, dachte er bei sich und überlegte, wie er nun weiter vorgehen sollte. In den letzten Stunden hatte er nicht wirklich darüber nachgedacht. Irgendwie hatte sich der Gedanke in ihm festgesetzt, dass er hierher gehen, Seed-Neeus töten und sich dann ein sicheres Plätzchen zum Schlafen suchen würde. Nun ging ihm auf, dass es sicherlich nicht so einfach werden würde. Er beschloss, sich in der Nähe des Dörfchens auf Lauer zu legen und es zu beobachten.

Ein wenig abseits der Straße fand er ein Gebüsch, das ihm geeignet schien. Hier hatte er einen guten Überblick über das Dorf und konnte gleichzeitig nicht so schnell entdeckt werden, besonders, wenn man nicht nach ihm suchte.

Schnell hatte er die Bewohnerschaft ausfindig gemacht: ein Dunkelelf, zwei Nord und eine Kaiserliche lebten hier in dem kleinen Dorf. Wahrscheinlich arbeitete noch jemand in der Taverne, die er nebst den beiden anderen Wohnhäusern ausmachen konnte. Die Bewohner Bockbierquells betrieben außerdem eine kleine Farm mit einem Gemüsefeld und einigen Tieren. Alles in allem überschaubar.

Seed-Neeus war der einzige Argonier im Dorf und daher ohne Probleme ausfindig zu machen. Er lungerte herum, tat mal dies, mal das. Die Dorfbewohner warfen ihm keine allzu freundlichen Blicke zu, tolerierten ihn aber ansonsten.

Lucien wartete bis zum Abend. Als die Sonne am Horizont zu verschwinden begann, begaben sich die Dorfbewohner in die Schenke. Nur Seed-Neeus blieb zurück. Er setzte sich an eine Feuerstelle im Dorfzentrum und begann, in einem kleinen, gusseisernen Kochtopf sich sein spärliches Abendessen zuzubereiten. Der angehende Mörder witterte seine Gelegenheit.

So leise, wie es ihm nur möglich war, schlich er aus seinem Versteck und in das Dorf, immer darauf bedacht, im Schatten zu bleiben. Ihm war nicht daran gelegen, dass die Dorfbewohner, sollten sie einen zufälligen Blick aus den Tavernenfenstern werfen, ihn sahen.

Seed-Neeus, nicht ahnend, dass seinem Leben Gefahr drohte, widmete sich ganz unbedacht seinem Essen, welches er schlürfend aus einer Schale löffelte. Er bemerkte den Jungen nicht. Leise zog dieser sein Messer und schlich sich von hinten an den Argonier heran. Sein Herz schlug so laut, dass er befürchtete, der Echsenmensch würde es hören können. Doch dem war nicht so.

Luciens Hand war ganz ruhig, als er das erste Mal in seinem Leben willentlich jemanden tötete. Er holte aus und senkte das Messer tief in den Rücken seines Opfers. Seed-Neeus keuchte auf, da stach Lucien auch schon ein weiteres Mal zu. Bevor sein Opfer schreien konnte, hieb er das Messer in dessen Hals. Er wusste nicht, wohin man zielen musste, weshalb das Blut wild herausprudelte, als er das Messer aus dem Fleisch zog. Der Argonier röchelte und versuchte vergeblich mit den Händen die Blutung zu stoppen, während er von seinem Hocker rutschte. Die Schüssel mit dem Eintopf war polternd zu Boden gefallen, doch niemand beachtete sie.

Schon war Lucien über den zu Boden gefallenen Argonier, wieder holte er aus und versenkte dieses Mal seinen Dolch in der Brust seines Opfers. Er genoss das Gefühl reißenden Fleisches und des warmen Blutes auf seiner Haut, während Seed-Neeus immer schwächer werdend unter ihm zappelte. Lucien drückte den Dolch so tief wie möglich in die Wunde und drehte ihn mehrmals um. Ein animalisches Grinsen lag auf seinem Gesicht, während er dem Argonier beim Sterben zusah. Er stellte fest, dass es ihm großes Vergnügen bereitete zu morden. Sicher wäre er bei der Dunklen Bruderschaft gut aufgehoben.

Der Todeskampf dauerte nicht mehr lange. Alsbald lag der Argonier still, Schrecken in seinen leeren Augen. Langsam erhob sich Lucien und betrachtete sein Werk. Die Tat war blutig und die Spuren des Kampfes unübersehbar. Erst überlegte er, ob er die Leiche fortschaffen solle, doch dann sagte er sich, dass dies kaum einen Unterschied machen würde. Das Blut würde verraten, dass Seed-Neeus umgebracht worden war. Wahrscheinlich würde es die Dorfbewohner ohnehin kaum stören, wenn der Bettler tot war.

Ohne zurückzublicken ging Lucien davon.

 

Er hatte irgendwo im Wald in einer laubigen Mulde ein Lager für die Nacht gefunden. Hielt die Sprecherin Wort, würde sie ihn hier finden. Und so kam es auch.

»Die Tat ist getan«, begrüßte sie ihn, nachdem er von ihrer kalten Präsenz geweckt worden war. »Woher ich das weiß? Du wirst sehen, dass die Dunkle Bruderschaft Mittel und Wege kennt, um zu erfahren, was sie will. Seed-Neeus ist tot, sein Blut die Tinte, und die Art der Exekution die Unterschrift. Du bist nun ein Mitglied unserer Familie, sie wird dich mit offenen Armen empfangen. Willkommen, Bruder.«

Lucien konnte nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf seine mageren Züge schlich. »Wie geht es nun weiter?«, fragte er.

»Gehe nach Cheydinhal zum verlassenen Haus. Im Keller findest du eine Schwarze Tür, versuche, sie zu öffnen. Man wird dich etwas fragen, und du antwortest so: ›Sanguin, mein Bruder.‹ Dann wird man dir Einlass gewähren. Sprich dort mit Cassius Proximo, er wird dich in deine neue Familie einführen und dich mit den anderen Mitgliedern der Zuflucht und, was noch wichtiger ist, mit unseren fünf Geboten vertraut machen. Für uns nun ist die Zeit des Abschiedes gekommen. Geh nun auf deinem finsteren Pfad und wate im Blute der Feinde Sithis‘. Ich werde über dich wachen, auch wenn wir uns nun für lange Zeit nicht mehr sehen werden.«

Mit diesen Worten war sie im Nichts verschwunden, einfach so, wie bei ihrem ersten Treffen. Lucien hatte noch so viele weitere Fragen, doch anscheinend mussten sie warten, bis er die Zuflucht erreicht hatte.

Cheydinhal. Er wusste nicht genau, wo das lag, nur, dass die kleine Stadt irgendwo im Osten Cyrodiils zu finden sein. Am besten, er folgte einfach weiter der Ringstraße und wartete, bis irgendwann ein Weg nach Osten abging. Sicherlich würde er sein Ziel dann schon finden.

Erst, als er Bockbierquell weit hinter sich gelassen hatte, wagte er sich wieder auf die Straße, überquerte sie und strebte dem Ufer des Sees zu. Noch immer klebte Blut an ihm, das er besser von sich abwusch, bevor er dem nächsten Reisenden begegnete.

Das Blut an seinen Kleidern war leider nur sehr schwer halbwegs gut zu entfernen. Er hoffte, dass es nicht weiter auffiel, und fluchte, weil seine Kleidung nun kalt und klamm war. Doch es musste gehen. Er hatte noch einen langen Weg vor sich und hoffte, noch vor Mittag sein Ziel zu erreichen.

Die Sonne ging bereits auf, als er endlich eine Weggabelung erreichte. Nahe einer alten Festungsruine, in deren Schatten Lucien Goblins ausmachen konnte, fand er einen Wegweiser. Er konnte nicht lesen, vermutete aber, dass der Weg, der nach links abging, sein Weg war. Geradeaus führte die Ringstraße weiter, und da das definitiv nicht die richtige Richtung war, wandte er sich nach Osten, die aufgehende Sonne im Gesicht.

Zu seinem Leidwesen musste er feststellen, dass in der Wildnis mehr lauerte als nur wilde Tiere. Es dauerte nicht lang, als er in einiger Entfernung das Lager einiger Wegelagerer ausmachte. Und dieses Mal würde er sicher nicht mehr so viel Glück haben, dass jemand ihm zu Hilfe eilte.

Die Banditen schienen ihn noch nicht bemerkt zu haben, was zu seinem Glück gereicht sein könnte. Hastig sah er sich um. Die Gegend hier war eine offene, hügelige Graslandschaft mit nur wenigen, spärlichen Bäumen, doch nördlich des Weges wuchs ein kleiner Hain. Darauf bedacht, keine hastigen, verräterischen Bewegungen zu machen, huschte er in diese Richtung. Vielleicht konnte er so die Gefahr umgehen.

Es gelang ihm tatsächlich. Die Gesetzeslosen schienen gerade erst erwacht zu sein und sich für den Tag vorzubereiten. Sie tranken und aßen und achteten nicht wirklich auf ihre Umgebung. Ihre Unachtsamkeit ermöglichte es Lucien, ihren Blicken zu entgehen.

Erst als er sie hinter sich kaum noch ausmachen konnte, wagte er sich wieder auf die Straße. Das Herzland schien wie ausgestorben, nur hin und wieder flogen einige Schmetterlinge und andere Insekten sowie von Zeit zu Zeit ein Vogel am Himmel entlang. In der Ferne sah er manchmal eine Gruppe Rehe, doch darüber hinaus konnte er kaum Leben ausmachen. Nur einmal begegnete ihm eine reisende Khajiit. Er fragte sie, ob das der Weg nach Cheydinhal sei und zu seiner Freude bestätigte sie dies. Froheren Mutes schritt er beschwingter aus.

Nach einer Weile tauchte er erneut in einen Wald ein, und dann dauerte es auch nicht mehr lang, bis er vor sich schwach durch die Bäume die Stadtmauern seines Ziels hindurch schimmern sah. Wieder konnte er ein Grinsen nicht unterdrücken. Sein Leben in der Kaiserstadt war Geschichte, denn bald führte er ein Leben in den Schatten und ganz sicher auch in Luxus und Wohlstand.

Der Vormittag war angebrochen und Lucien knurrte der Magen. Er war Hunger gewöhnt und so fiel es ihm nicht schwer, das Gefühl zu unterdrücken. Dennoch überlegte er kurz, ob er sich nicht, bevor er das verlassene Haus suchte, etwas zu essen besorgen sollte. Was wäre, wenn man ihn erneut prüfte, und er mit leerem Magen antreten musste? Dann entschied er sich jedoch dagegen. Sollte es so kommen, was er nicht glaubte, dann würde er auch das durchstehen. Außerdem hatte es für ihn oberste Priorität, tatsächlich in die Dunkle Bruderschaft aufgenommen zu werden.

Denn schon die ganze Zeit über hatte eine leise Stimme in ihm geflüstert, dass das alles doch ein Traum sein müsse. Wie konnte jemand wie er so viel Glück haben und tatsächlich durch einen simplen Mord Kontakt zur Bruderschaft aufnehmen? Wie konnte es so einfach sein, dem harten und zumeist kurzen Leben in der Gosse zu entkommen?

Die Wachen am Tor warfen ihm scheele Blicke zu, ließen ihn aber dennoch passieren. Und dann betrat er jene Stadt, die ihm ein neues Zuhause werden sollte.

Cheydinhal war gänzlich anders als die Kaiserstadt. Nicht nur die deutlich geringere Größe fiel sogleich ins Auge, sondern auch die Ordentlichkeit und Ruhe. Kaum jemand hetzte hier umher, schrie durch die Gassen und drängte sich mit Ellbogen und Knien durch die Massen. Ganz davon abgesehen, dass es hier keine Massen gab. Die Straßen waren im Vergleich zu denen der Kaiserstadt wie leergefegt und, so schien es Lucien jedenfalls, obwohl es nicht der Fall war, regelrecht wie geleckt. Noch nie hatte er einen so sauberen Ort wie diesen gesehen, er, der es gewohnt war, im Abfall der Gesellschaft zu leben.

Staunend und mit weit offenen Augen und Mund stand er am Tor und glotzte, bewunderte alles um ihn herum und nahm es in sich auf. Erst ein unsanfter Stoß gegen die Schulter brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.

»Pass doch auf, du Rotzbengel!«, fuhr ihn ein Bewohner der Stadt an. »Steh nicht rum und gaffe, sondern beweg dich!«

Lucien sah zu, dass er dem nachkam. Er wollte keinen Streit anfangen, und ohnehin war es immer besser, Leuten wie diesen aus dem Weg zu gehen.

Arela Drewani hatte keine Angaben gemacht, wo er das Haus finden würde, aber die Stadt schien ohnehin nicht allzu groß zu sein. Ein guter Orientierungspunkt war die Kirche im Zentrum der Siedlung, um die sich alle weiteren Häuser gruppierten. Er würde sie wahrscheinlich einfach umrunden müssen, um zu finden, was er suchte.

Es kam auch so, wie er es vermutet hatte. An der östlichen Seite der Stadt an einem kleinen Platz vor dem Kircheneingang fand er, was er suchte. Es gab sonst kein anderes Haus in der Stadt, welches so verfallen aussah wie dieses. Das musste das verlassene Haus sein, welches die Sprecherin gemeint hatte.

Lucien zögerte. Nur wenige Leute waren zwar anwesend, doch würden sie nicht Verdacht schöpfen, wenn er einfach so in das Haus spazierte? Also begann er, sich nach einem Hintereingang umzusehen. Bis auf einen Brunnen neben dem Haus fand er jedoch nichts, das nach einem getarnten Eingang aussah, und auch das Gitter des Brunnens saß fest und die Fenster im Erdgeschoss ließen sich nicht aufbrechen. Er würde wohl oder übel den Haupteingang nehmen müssen.

Auch dieser war verschlossen, doch das Schloss ließ sich knacken. Luciens kleine, zierliche Finger waren geschickt und geübt darin, ihm Zugang zu Orten zu verschaffen, die er eigentlich nicht betreten durfte. Schnell war das Schloss aufgebrochen. Er sah sich um, ob auch niemand in seine Richtung blickte, dann huschte er in das Haus.

Ein muffiger, staubiger Geruch schlug ihm entgegen. Im Haus war alles finster, kein Licht brannte und die meisten Fensterläden waren vorgeklappt. Das wenige Licht reichte gerade dazu aus, um ihm den Weg vorbei an Spinnenweben und Sperrmüll zur Kellertür zu zeigen.

Nichts schien an diesem Haus ungewöhnlich zu sein bis auf den Fakt, dass ein Haus in einer guten Wohngegend anscheinend schon so lange leer stand. Auch der Keller schien gewöhnlich, sogar ein paar alte Flaschen mit billigem Fussel fand er hier.

Sowie einen Durchbruch in der Mauer. Ein Gang schloss sich ihm an, der tiefer in den Fels zu führen schien, auf dem das Haus stand. Ein rotes Glühen drang daraus hervor.

Nervös zückte Lucien seinen Dolch. Alle Zuversicht war aus ihm geschwunden, und er musste sich eingestehen, dass er es mit der Angst zu tun bekam. Was war das hier für ein Ort? Was ging hier vor sich?

Dennoch betrat er den Gang. Er war kurz und abschüssig und nach nur wenigen Schritten bog er nach links ab. Dort sah sich Lucien dem gegenüber, was die Sprecherin wohl mit der Schwarzen Tür bezeichnet hatte.

Die Tür schien aus Oblivion selbst zu stammen. Ein rotes Glühen ging von ihr aus, durchsetzt von schwarzen Schatten. Sie schienen Figuren zu bilden, doch Lucien konnte nicht genau sagen, was sie taten. Auf der Schwelle vor der Tür war Blut, blutige Handabdrücke waren zu erkennen, als wäre jemand fortgeschleift worden, hätte sich aber versucht festzuhalten. Und überall waren Knochen und menschliche Schädel.

Er schluckte, und wahrscheinlich war es das Tapferste, was er jemals in seinem Leben tat und noch tun würde, als er dennoch weiterging.

Als er näher trat, erscholl eine mystische Stimme. »Welche Farbe hat die Nacht?«, wurde er gefragt. Er konnte nicht sagen, von woher die Stimme erklang oder welcher Art der Sprecher war. Es schien irgendwie, als wäre die Stimme nicht von dieser Welt.

Er erinnerte sich der Worte Arela Drewanis und gab die korrekte Antwort: »Sanguin, mein Bruder.«

Die Tür schwang knirschend auf und gab den Blick frei auf das Heiligtum.

»Willkommen daheim«, zischelte die Stimme.

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte dieses Textes: Tatsächlich ist er einer meiner ältesten. Die Idee trage ich quasi mit mir herum, seit ich Oblivion spiele (was so um 2007 herum gewesen war) und Lucien sich zu meinen Lieblingscharakter musterte. Sein Tod war lange Zeit das Ereignis in Spielen schlechthin, bei denen ich meinen Bildschirm anschrie, wie scheiße doch alles sei, das könne doch nicht sein. Na und so weiter. Jedenfalls begann ich diesen Text um 2009 oder 2010, damals noch mit dem Titel »Die bleiche Hand des Todes. Damals kam ich aber nie weiter als nur ein paar Absätze, was, wie sich dann 2015 zeigte, als ich hiermit erneut begann, auch gut so war. Damals hätte ich diesen Text gnadenlos in den Sand gesetzt, und darum wäre es echt schade gewesen. Jetzt kann man ihn immerhin halbwegs gut lesen. Aus Spaß folgt hier das, was ich damals schrieb:

„Vergiss es, es ist zu gefährlich!“

  „Halt die Klappe!“, fuhr der kaiserliche Junge mit Namen Lucien Lachance den jungen Waldelf vor ihm an. „Was verstehst du schon vom Stehlen, Malvin? Natürlich ist es nicht zu gefährlich, den Händler dort auszurauben! Ich frage mich, was du hier überhaupt noch machst, du Stümper und Angsthase!“ Was bildete sich das Langohr eigentlich ein? Er war hier der Anführer der Bande von Straßenjungen. Er allein! Er war der Herr der Straßen, der Beherrscher der Straßenkinder!

  „Bild dir bloß nichts ein!“, schnaubte Malvin.

  Er war mutig, das musste man ihm lassen, doch auch dumm. Aber das waren alle Elfen. Sich ihm in den Weg zu stellen! Jeder wusste, dass dies sehr schmerzhaft werden würde.

  Doch Malvin hatte den Bogen eindeutig überspannt.

Mit einem Wutschrei sprang Lucien auf ihn zu und prügelte auf ihn ein. Niemand hielt ihn auf, niemand wollte sich freiwillig mit ihm anlegen. Obgleich Malvin immerhin ein Elf war, konnte er Lucien nichts entgegensetzten. Er konnte sich lediglich so gut es ging verteidigen und sich unter den heftigen Schlägen wegducken, jämmerliche Schmerzenschreie ausstoßend. Das Messer, das plötzlich in Luciens Hand aufblitzte, sah er jedoch nicht kommen. Seine Schmerzensschreie gingen über in schreckliches Geheul, als Lucien ihm den blanken Stahl erst in die Seite rammte und dann immer und immer wieder zustieß, auch, als sich Malvin schon lange nicht mehr regte. Die Kinder seiner Bande standen mit verschreckten Gesichtern regungslos um ihn herum und starrten ihn entsetzt an. Stehlen, Beutel abschneiden, einbrechen, aber noch nie hatte jemand von ihnen getötet oder einem Mord beigewohnt!

Wissen ist Macht

Als er durch die Tür trat, wurde Lucien von einem Kaiserlichen in schwarz gefärbter Lederrüstung begrüßt. Über das ganze Gesicht strahlend kam der Mann auf ihn zu. Die Narben, die sein Gesicht verunstalteten, verzogen sein Lächeln jedoch zu einer hässlichen Grimasse, die Lucien instinktiv zurückweichen ließ.

»Oh, mach dir nichts aus den Narben, Junge«, sagte der Mann. »Ignorier sie einfach, Berufsrisiko, mehr nicht. Ich bin Cassius Proximo und du musst Lucien Lachance sein. Arela Drewani hat mir bereits von dir erzählt. Der neue, vielversprechende Bruder. Ich hatte jemanden erwartet, der … mehr hermacht. Aber wenn die Sprecherin einen Jungen aus der Gosse für vielversprechend erachtet, dann wird es wohl so sein.«

»Redet nicht so viel, Cassius, und kommt auf dem Punkt«, meldete sich eine Hochelfe aus dem Hintergrund.

Der Kaiserliche winkte ab und schnaubte. »Pah!«, machte er und wandte sich wieder Lucien zu. »Ich leite diese Zuflucht, wie dir Arela sicherlich bereits gesagt hat, und unterstehe dabei ihrem direkten Befehl. Aber alles der Reihe nach. Du bist neu hier, also werde ich dich den anderen Mitgliedern unserer Familie vorstellen und dich in unsere Regeln einweisen.«

Er führte Lucien in das, was wohl der Hauptraum der Zuflucht war, ein alter Bau inmitten des Erdreiches. Zu beiden Seiten gingen Türen ab und gegenüber des Einganges, durch welchen Lucien die Zuflucht betreten hatte, führte ein weiterer Gang ab, der jedoch alsbald nach rechts bog, sodass er noch nicht erkennen konnte, was dahinter lag. An den Wänden der Zuflucht hingen große Wandteppiche mit dem Zeichen einer schwarzen Hand auf rotem Hintergrund. Alles hier wurde von Fackeln und Kerzenleuchtern erhellt.

»Dies hier«, sagte Cassius und deutete um sich, »ist unsere Zuflucht, unser Heim und der Ort, von dem aus wir operieren. Hier trainieren wir und von hier ziehen wir in die Welt aus, um unsere Aufträge zu erfüllen. Ich werde dich nun nach und nach den anderen vorstellen. Du wirst im Laufe deiner Ausbildung mit ihnen sicherlich noch mehr zu tun bekommen.«

Er deutete auf die Hochelfe, die in einer Ecke des Hauptraumes in einer Sitzecke las, die Ankunft des Neuen jedoch mit finsterem Blick verfolgt hatte.

»Diese reizende Dame dort ist Caelwen«, sagte Cassius. »Sie ist eine Pyromanin, also pass auf, was du zu ihr sagst. Wenn du sie verärgerst, kann es sein, dass sie uns alle in einem riesigen Feuerball in die Luft jagt.«

Caelwen schnaubte. »Passt auf, dass ich Euch nicht zu Asche verbrenne«, drohte sie.

Cassius schien davon jedoch nicht weiter beeindruckt zu sein. Stattdessen trat er in den Gang, Lucien folgte ihm schweigend.

»Das Zimmer hier links ist meines«, sagte der Kaiserliche. »Wenn du irgendein Problem hast oder später, wenn du für schwierigere Aufträge bereit bist, für die ich zuständig bin, findest du mich hier.«

Lucien nickte und deutete den Gang weiter hinab. Er wurde alsbald abschüssig und bog wieder nach links. »Und dort unten?«

„Dor hat Vicente Valtieri sein Zimmer. Anfangs wirst du ihm unterstellt sein und von ihm wirst du auch deine ersten Aufträge erhalten, sobald du reif genug dafür bist. Komm, Stift, lass uns Hallo sagen.«

Cassius pochte an die Tür und trat auf ein leises »Herein!« hin ein.

Vicente war die erste wirklich große Überraschung hier. Es handelte sich bei ihm um einen großen, bleichen und vor allem sehr hageren Kaiserlichen. Doch die Augen, aus denen der stete Hunger sprach, waren das, was Lucien den letzten Hinweis gab.

»Ihr seid ein Vampir!«, stieß er aus und fasste sich instinktiv an den Hals. Er hatte nur Gerüchte gehört, doch sie genügten, um ihm Angst und Bange zu machen.

Vicente grinste und entblößte sein Raubgebiss. »Die halbe Portion denkt, ich würde ihn aussaugen wollen«, scherzte er.

»Vicente, sei nett zu ihm«, rügte Cassius. »Ich habe ihn noch nicht in die Gebote eingeweiht, er weiß nicht, dass du an sie gebunden bist.«

Das Lächeln verschwand nicht, wurde nun jedoch wärmer. Vicente wandte sich an den Jungen. »Du bist also der Neue. Ich bin gespannt, was du hergibst. Und nimm mir meinen Scherz bitte nicht übel, ja? Ich kann sehr nett sein, wenn ich will. Ich würde dir zur Begrüßung ja gerne einen Wein anbieten, aber …« Er deutete auf seinen Weinkelch, und es wurde sehr schnell ersichtlich, dass er nicht das enthielt, für das er geschaffen worden war.

»Aber wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, Cassius?«, bat der Vampir. »Ich bin gerade auf ein sehr spannendes Werk über die Ayleiden gestoßen. Ihr letzter König und dessen Krone und so weiter.«

Sie verabschiedeten sich und wandten sich wieder um. Wie Cassius erklärte, besaß die Zuflucht noch zwei weitere Räume: der Gemeinschaftsraum, in dem sie wohnten, aßen und schliefen, sowie der Übungsraum, in welchem sie ihre Fähigkeiten erproben und erweitern konnten. Wie der Leiter versprach, würde Lucien in letzterem noch sehr viel Zeit verbringen.

Sie gingen zuerst in den Gemeinschaftsraum, in welchen sich mittlerweile Caelwen begeben hatte und nun sehr gestenreich mit einem Dunkelelfen diskutierte, welcher Lucien als Sares Areles vorgestellt wurde.

»Er ist unser Anschleichkünstler«, erklärte Cassius. »Keiner kann sich besser ungesehen unerlaubten Zutritt verschaffen als er.«

»Und keiner sonst schießt einem Vogel im Flug das Auge aus«, brüstete sich Sares.

»Wie erbärmlich, müsst Ihr schon vor einem Kind angeben«, knurrte Caelwen.

»Caelwen, genug!«, fuhr Cassius sie scharf an. »Ich weiß, dass Ihr ihn am wenigsten von uns allen leiden kannst, aber Ihr seid wie jeder andere auch an die Gebote gebunden. Erinnert Euch ihrer! Noch ein Fehltritt und Ihr werdet uns eine Woche lang den Küchendienst abnehmen dürfen.«

Die Hochelfe funkelte ihn an, schwieg jedoch. Cassius schenkte ihr einen letzten strengen Blick, als wolle er sich vergewissern, dass sie ihm auch tatsächlich gehorchte, und wandte sich dann ab. Zwei weitere Mitglieder besäße diese Zuflucht noch, sagte er, davon einer fast ebenso frisch wie Lucien.

Sie fanden die beiden letzten Mitglieder und damit die zweite negative Überraschung nach dem Vampir im Trainingsraum. Ein Argonier übte hier mit Holzmessern den Kampf mit einem kleinen Jungen, der wohl ungefähr im selben Alter sein musste wie Lucien. Diesem fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als er den Jungen erkannte.

»Caius!«, rief er aus. Sein Rivale, den alle für tot geglaubt hatten! Dann hatte er also genau wie Lucien den Weg zur Bruderschaft gefunden.

Aus dem Konzept gebracht, starrte Caius zu seinem Rivalen, genauso überrascht wie dieser, ihn hier anzutreffen. Der Argonier nutzte dies und verpasste ihm einen kräftigen Schlag in die Seite, dass er keuchend die Luft ausstieß.

»Tot! Konzentration, Bengel!«, fuhr er den Jungen an.

»Das war hinterhältig!«, beschwerte sich Caius.

»Wir sind Assassinen, wir nutzen jede Finte, die sich uns bietet, egal, wie heimtückisch sie ist«, zischelte der Argonier. »Und das soeben war wirklich dumm von dir. Wäre das ein echtes Schwert, ich hätte dich glatt in zwei Hälften geteilt. Lasse dich niemals ablenken und aus der Bahn bringen, Junge!«

»Wie du siehst, ist die Schattenschuppe Tsonashap unser Schwertmeister«, sagte Cassius. »Er wird dir das Kämpfen mit Nahkampfwaffen beibringen.«

Doch Lucien hatte nur Augen für seinen Rivalen, welcher ihn ebenso finster anstarrte.

Tsonashap bemerkte die Blicke, die zwischen den Jungen ausgetauscht wurde. »Ihr kennt euch«, stellte er fest.

»Der da hatte genau wie ich seine Bande von Straßenkindern«, knurrte Caius.

»Ah, ich sehe. Und ihr seid Rivalen gewesen, verstehe.« Cassius nickte wissend. »Dann betone ich es für euch beide deutlich: Ihr seid an die Gebote gebunden. Caius, du kennst sie, Lucien werde ich sie gleich lehren. Für euch heißt dies, dass wir hier keine Rivalitäten mehr dulden. Was ihr vorher gewesen wart, spielt keine Rolle. Jetzt gehört ihr der Bruderschaft an und seid Teil der Familie.«

Beide Jungen verspürten denselben Widerwillen, aber obwohl Lucien die Gebote nicht kannte, die nun schon mehrmals zur Sprache gekommen waren, spürte er instinktiv, dass harte Strafen folgen würden, würde er gegen sie verstoßen. Dennoch schmeckte es ihm nicht, Caius hier vorzufinden, und schon überlegte er ganz klammheimlich, wie er dem Mistkerl eins auswischen konnte.

»Nun, damit hast du jedenfalls alle Personen dieser Zuflucht kennengelernt, Lucien«, sagte Cassius in einem sanfteren Tonfall. »Dennoch werden sicher noch sehr viele Fragen offen sein. Komm, ich will sie dir bereitwillig beantworten.«

Sie gingen wieder in den Hauptraum der Zuflucht und begaben sich in die Ecke, in der sie zuvor Caelwen lesend angetroffen hatten. Mehrere kleine Bücherregale standen hier und am Boden war ein roter Teppich ausgelegt, so weich, wie Lucien es noch nie in seinem Leben gefühlt hatte. Die Faszination des Jungen für den Teppich ignorierend, setzte sich der Zufluchtsleiter und griff hinter sich nach einem der Bücher. Er reichte es Lucien, ihm gleichzeitig bedeutend, sich zu setzen.

»Das sind die Fünf Gebote«, sagte er. »Sie leiten und führen uns auf unserem Weg als Assassinen.«

Lucien wusste sogleich, dass er noch nie in seinem Leben einen so wertvollen Gegenstand wie dieses in Leder und Pergament gebundene Buch in Händen gehalten hatte. Dabei war es sogar recht schmucklos, weder goldene Letter noch Illuminationen waren zu finden.

Er betrachtete es eine Weile und hob dann den Kopf. »Ich kann nicht lesen«, stellte er klar.

»Das dachte ich mir bereits«, erwiderte der Kaiserliche. »Dann wirst du es lernen und dieses Buch wird der Anfang sein. Vorerst muss es genügen, wenn ich dir die Gebote mündlich mitteile. Wisse, dass Verstöße gegen sie harte Strafen nach sich ziehen und wir in ihrer Ausführung keine Gnade kennen. Nur dank der Gebote kann die Bruderschaft bestehen. Höre also gut zu. Erstes Gebot: Entehrt niemals die Mutter der Nacht. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Zweites Gebot: Verratet niemals die Dunkle Bruderschaft oder ihre Geheimnisse. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Drittes Gebot: Missachtet niemals die Befehle eines höhergestellten Mitgliedes der Dunklen Bruderschaft. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Viertes Gebot: Stehlt niemals die Besitztümer eines Dunklen Bruders oder einer Dunklen Schwester. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Fünftes Gebot: Tötet niemals einen Dunklen Bruder oder eine Dunkle Schwester. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis.«

»Dieser Sithis scheint ja sehr leicht zu erzürnen zu sein, wenn so viele Handlungen seinen Zorn erwecken«, stellte Lucien fest.

»Scherze nicht über unseren fürchterlichen Vater!«, fuhr ihn Cassius streng an.

Erschrocken zog der Junge den Kopf ein.

Der Kaiserliche atmete durch und lehnte sich zurück. »Doch dieses eine Mal will ich es dir verzeihen. Du weißt noch nicht viel über Sithis.«

»Aber Ihr werdet mir doch sicherlich davon erzählen, oder?«, fragte Lucien nach.

»Gewiss. Doch wisse, dass es schwer ist, die Natur unseres fürchterlichen Vaters zu begreifen«, betonte Cassius. »Er trägt viele Namen: Chaos, Verdammnis, Zwietracht. Sithis ist die Leere und seine Braut die Mutter der Nacht. Die Dunkle Bruderschaft entstand aus ihrer Liebe, wir, ihre Kinder, dienen der Mutter, unserer unheiligen Oberin.

Doch haben wir auch weltliche Organe: die Schwarze Hand. Eines ihrer Mitglieder hast du bereits kennengelernt, Arela Drewani. Die Schwarze Hand hat fünf Mitglieder, vier Sprecher und einen Zuhörer. Vier Finger und ein Daumen also. Sie greifen nach der Welt und unterwerfen sie unserem Einfluss. Der Zuhörer ist unser oberstes Mitglied, er allein darf den Worten der Mutter der Nacht lauschen und gibt sie an seine Sprecher weiter. Sie handeln in seinem Namen und sorgen um ihre Zufluchten. Arela Drewani untersteht diese Zuflucht, von ihr erhalten wir unsere Aufträge. Sie leitet sie an mich weiter, und ich wähle die Mitglieder aus, die mir am geeignetsten dafür erscheinen.«

»Und die Mutter der Nacht? Welche Rolle hat sie dabei? Wie erfährt sie von den Aufträgen?«, fragte Lucien.

»Hast du noch nie vom Schwarzen Sakrament gehört?«, fragte Cassius. »Jenes Ritual, das die ausführen, die unsere Dienste wünschen. Tollkirsche, Menschenknochen und ein menschliches Herz. Die Mutter der Nacht erhört ihre Gebete und spricht zu ihrem Zuhörer. Dann ersucht ein Sprecher der Schwarzen Hand den Bittsteller und bespricht mit ihm die Details des Auftrages. So bekommen wir unsere Aufträge und so weißt du nun auch, woher wir all unser Wissen erhalten. Die Mutter der Nacht ist überall zugleich, sie sieht und hört alles und nichts entgeht ihr. Auch dich hat sie auserwählt, durch sie wissen wir bereits jetzt so viel über dich. Denn Wissen ist vor allem eines: Macht.«

Lucien erschauderte, als er erkannte, wie mächtig die Bruderschaft war. Wenn sie ihre Finger tatsächlich so allumfassend und überall im Spiel hatte, wie Cassius es hier andeutete, dann war sie eine nicht zu verachtende Größe in Tamriel.

»Wie kommt es aber, dass wir hier direkt unter den Augen der Bürger und des Fürsten von Cheydinhal leben und man uns dennoch nicht behelligt?«, fragte er.

»Wenn du eines sehr rasch lernen wirst, dann, dass die Bürger Tamriels sehr gut darin sind, die Dinge nicht zu sehen, die sie nicht sehen wollen«, erwiderte Cassius mit einem Grinsen. »Zudem ist der Fürst Gold sehr zugetan, und davon haben wir eine Menge. Womit wir auch schon beim Organisatorischen wären. Komm mit.«

Er erhob sich und bedeutete Lucien, dasselbe zu tun. Gemeinsam gingen sie in das Zimmer des Zufluchtsleiters. Dieser hielt direkt auf eine große Truhe zu, die in einer der Ecken stand, und öffnete sie. Heraus holte er eine Rüstung, wie Lucien sie schon bei den meisten anderen Zufluchtsmitgliedern gesehen hatte.

»Du bist dürrer als gedacht, Stift, weshalb die Rüstung vielleicht noch angepasst werden muss«, sagte Cassius. »Doch sie gehört nun dir. Jeder von uns besitzt eine solche Eingehüllte Rüstung, und ich denke, du wirst ihre Vorzüge sehr zu deinem Gefallen finden. Sie besitzt Verzauberungen, die deine Fähigkeiten als Assassine unterstützen. Auch wirst du von uns, sobald du bereit dazu bist, Waffen zur Verfügung gestellt bekommen. Sie werden im Gegensatz zur Rüstung zwar nicht die besten sein, doch wenn du deine Aufträge gut erfüllst, kann es durchaus sein, dass du zu der üblichen Belohnung noch einen Bonus bekommst. Die Belohnung selbst fällt üblicherweise in Gold aus, je nach Art des Auftrages mehrere hundert Septime.«

Lucien glaubte, sich verhört zu haben. Von so einer Menge Geld hatte er nicht einmal zu träumen vermocht! Auch die Rüstung in seinen Händen starrte er ehrfürchtig an. Sie bestand aus äußerst weichem und leichtem Leder und sicher würde er sich darin nahezu lautlos bewegen können, wenn er darin ein wenig geübter war. Zu der Rüstung gehörte eine schwarze, sein Gesicht verhüllende Kapuze aus etwas, von dem Lucien nur vermuten konnte, dass es Samt war, da er nie zuvor einen ähnlichen Stoff berührt hatte. Das sanfte Kribbeln auf seiner Haut ließ ihn vermuten, dass dies von den Verzauberungen herrührte, von denen Cassius gesprochen hatte.

Der Junge wollte sich lieber nicht vorstellen, was für einen Wert er hier in Händen hielt.

»Danke«, hauchte er völlig sprachlos. Er hätte nie damit gerechnet, dass man ihn so gut behandeln würde und ihm einfach so sündhaft teure Geschenke machte!

»Wir sorgen für unsere Mitglieder«, betonte Cassius, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. »Aber nun komm. Ich höre doch schon die ganze Zeit deinen Magen knurren. Du hast sicher Hunger. Iss so viel, wie du willst. Danach übergebe ich dich Vicente. Er wird sich um deine weitere Ausbildung kümmern.« Dann fügte er noch an: »Ah. Und du brauchst wirklich keine Angst vor ihm zu haben. Du kennst nun unsere Gebote und weißt, dass er genauso an sie gebunden ist wie alle anderen auch.«

Lucien nickte, die Rüstung fest an seine schmächtige Brust gedrückt. Wenn Cassius das so sagte, dann würde dies sicherlich auch stimmen.

Sie begaben sich in den Wohnraum der Zuflucht. Lucien setzte sich an einen Tisch, während Cassius ihm Brot, Käse und sogar Met brachte.

»Aus der Honigbräu-Brauerei in Weißlauf, Skyrim«, sagte er. »Koste mal, so etwas hast du bestimmt noch nie getrunken.«

Grinsend verfolgte er, wie Lucien gar nicht wusste, was er zuerst essen sollte. Am liebsten alles zugleich verschlang er Käse und Brot und kippte den Met hinunter, als sei es Wasser.

»Langsam, langsam, Stift«, lachte Sares, der ebenso noch immer anwesend war. »Sonst liegst du uns am Ende noch besoffen unter dem Tisch. Mit Caius hatten wir das Schauspiel neulich erst, und du bist noch dürrer als er.«

»Was ist eine Schattenschuppe?«, fragte Lucien mit vollem Mund nuschelnd. Ein paar Brotkrumen fielen ihm aus dem Mundwinkel. Hastig wischte er sich mit dem Handrücken darüber, um nichts von dem köstlichen Essen zu verlieren. Noch nie hatte er so frischen Käse und so süßes Brot gegessen. Und erst der Met! Der billige Fusel, den er manchmal auf der Straße aufgeschnappt hatte, war nichts im Vergleich dazu.

»Ich hatte es bei Tsonashap erwähnt, richtig«, sagte Cassius. »Vorerst aber eins: Sprich ihn nie auf die Bedeutung seines Namens in Jel an.«

»Wieso nicht?«, wollte Lucien wissen.

Sares prustete los. »Er heißt Schwimmender Frosch. Meiner Meinung nach ein sehr passender Name, aber er hört das ganz und gar nicht gern.«

»Er ist ein Argonier, also schwimmt er sehr gern«, erklärte Cassius. »Außerdem springt er, wenn er mit der Klinge kämpft, hin und her, wie sonst kaum wer. Das ist sein Vorteil im Kampf, da er so nur sehr schwer zu erwischen ist, aber es erinnert doch sehr an einen Frosch.

Aber nun zu den Schattenschuppen. Jeder Argonier, der im Zeichen des Schattens geboren wurde, ist eine solche Schattenschuppe. Sie sind die Agenden und Meuchelmörder Schwarzmarschs. Sind die jungen Argonier alt genug, werden sie zur Morag Tong oder, wie in Tsonashaps Fall, zur Dunklen Bruderschaft gebracht. Ihr Leben ist der Bruderschaft gewidmet und sie werden eins mit den Schatten.«

»Was ist mit der Morag Tong?«, fragte Lucien. Auch von dieser Organisation kannte er nur Gerüchte.

Sares sog zischend die Luft ein. »Ein schwieriges Thema, Stift, ein schwieriges«, sagte er. »Wir von der Bruderschaft hören nicht gern von der Morag Tong, da sie unsere Konkurrenten sind. Frag besser nicht weiter nach und gehe ihnen aus dem Weg, wenn du kannst.«

Inzwischen hatte Lucien seine Mahlzeit beendet und sah sich nach weiterem Essen um.

»Besser nicht«, hielt Cassius ihn auf. »Ich kann mir vorstellen, dass dein Magen es gewöhnt ist, die meiste Zeit leer oder nahezu leer zu sein. Mit einem Male so viel zu essen, ist kontraproduktiv.«

Verstimmt nickte Lucien. Er wollte nicht zugeben, dass sein Magen bereits schmerzhaft gedehnt war. Dennoch wollte er noch immer mehr Essen, allerdings sah er, dass er sich damit wohl würde gedulden müssen.

Cassius erhob sich. »Wenn du keine weiteren Fragen hast, dann suche dir eines der Betten aus und schlafe dich aus. Melde dich heute Abend bei Valtieri.«

Mit diesen Worten wandte sich Cassius ab. Nur Sares blieb, dieser widmete sich jedoch seiner Ausrüstung, die in einer Truhe vor einem der Betten verstaut war.

Unsicher ging Lucien zu den Betten, die an der anderen Seite des Raumes aufgereiht standen. Er hatte noch nie in einem richtigen Bett geschlafen, nicht mal auf einer Strohmatratze. Solch ein Luxus hatte sich in den Gossen der Kaiserstadt nicht gefunden.

»Nur zu, nimm irgendeines«, munterte der Dunkelelf ihn auf. »Bei den Betten erheben wir im Gegensatz zum Inhalt der Truhen keine Besitzansprüche.«

»Es ist nur … ich habe noch nie auf einem Bett gelegen«, nuschelte Lucien verlegen. »Geschweige denn, dass ich jemals so gut gelebt habe wie in der kurzen Zeit, die ich hier bin. Wenn ich mich hinlege, wache ich doch bestimmt auf und stelle fest, dass das alles nur ein Traum gewesen war.«

Sares lachte auf. »Pah, wenn’s weiter nichts ist!«, rief er aus. »Dann schlafe und stelle fest, dass deine Träume mit der Wirklichkeit nicht mithalten können. Weißt du, ich komme auch aus der Gosse, ich weiß, wie es da ist.«

Sogleich überlegte der Junge, ob er Sares nicht vielleicht kennen würde. Dann jedoch erkannte er, dass der Elf weitaus älter war als er, obgleich Dunkelelfen mit ihren grimmigen, zerfurchten Gesichtern stets reifer wirkten, als sie in Wirklichkeit vielleicht waren. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass Sares mit Garantie mindestens doppelt so alt war wie er, wenn nicht gar dreimal so alt. Nein, Sares hatte seine Zeit als Gossenbewohner mit Sicherheit schon lange hinter sich gelassen, bevor Lucien auf den Straßen gelandet war.

 »Mir erging es anfangs auch nicht anders«, fuhr der Elf fort, »aber dann fand mich die Bruderschaft und sagte sich, dass ein Dieb mit meinen Vorzügen bei ihnen besser aufgehoben sei als bei der Diebesgilde. Der Graufuchs weiß nicht, was ihm mit mir entgangen ist.«

Vom Graufuchs hatte Lucien freilich bereits gehört. Es war auch schwer, diesen Namen in der Kaiserstadt nicht zu kennen. Der Graufuchs sollte jener mysteriöse Anführer der Diebesgilde sein, die in den Schatten der Kaiserstadt agierte. Der Junge konnte bestätigen, dass es eine Diebesgilde gab, obwohl die Wachen das spottend abstritten, aber er wusste nicht, was an den Gerüchten ihres Anführers dran war. Angeblich hatte er der Daedrafürstin Nocturnal höchstselbst ein mächtiges Artefakt gestohlen. Unter ihren Augen! Lucien hielt das für völlige Übertreibung, um enthusiastische Neulinge anzuwerben.

»Warum bliebt Ihr nicht bei der Diebesgilde?«, wollte er wissen.

»Es ist langweilig, Leute auszurauben, wenn man ihnen kein Haar krümmen darf«, betonte der Dunkelelf. »Selbst, wenn man sich nachweißlich selbst verteidigen musste, muss man einen Blutpreis zahlen. Als es bei mir einmal zum Äußersten gekommen war, war ich zu dieser Zahlung nicht bereit (und bin es auch heute nicht), also wurde ich so lange verbannt, bis ich zahlte. Dann jedoch kam alsbald Arela Drewani, und ich pfiff auf den Blutpreis.«

»Könnt Ihr mir mehr von Arela erzählen?«, fragte Lucien.

»Jedem Sprecher untersteht mindestens eine Zuflucht«, sagte Sares. »Ich weiß nicht, ob Arela noch mehr Kommandos hat, doch zumindest diese Zuflucht steht unter ihrem Befehl. Cassius ist ihr ausführendes Organ, während sie als Sprecherin noch weitere Pflichten hat, wie Cassius dir sicherlich bereits erzählt hat.

Arela selbst ist sehr energisch und bestimmt. Wenn sie ein Ziel vor Augen hat, verfolgt sie es unerbittlich. Und das gleiche erwartet sie auch von ihrer Zuflucht. Wenn eines der Familienmitglieder nicht erfüllt, was sie verlangt, kann sie sehr ungemütlich werden. Sieh also zu, dass das nie passiert, Stift. Caelwen ist eine alte Hexe, Arela hingegen … ja, vor ihr solltest du dich fürchten, hast du sie erst einmal gegen dich aufgebracht. Aber was erwartet man auch von einer Dunkelelfe anderes?« Sares zwinkerte vielsagend und fuhr dann fort: »Unsere Gebote verbieten uns, uns gegenseitig zu töten, von Verletzungen aller Art war nie die Rede.«

Das war definitiv eine Information, die sich der Junge zu Herzen nehmen würde. Dass Caius ebenso ein Mitglied der Bruderschaft war, war ihm ein Dorn im Auge und bereitete ihm ein unangenehmes Ziehen im Magen. Aber wie er gegen seinen Rivalen vorgehen würde, konnte warten, bis er ausgeruhter war.

»Danke«, sagte er an den Dunkelelfen gewandt und begutachtete das Bett, vor welchem er die ganze Zeit gestanden hatte, nicht wagend, es mit seinen schmutzigen, kleinen Händen zu beflecken. Sares musterte ihn noch kurz und wandte sich dann wieder lächelnd seiner Ausrüstung zu, als er sah, dass das Gespräch beendet war.

Langsam, zögerlich, ließ sich Lucien auf die Matratze nieder, befürchtend, dass gleich ein Unheil geschehe, sobald er den Stoff auch nur berührte. Doch nichts passierte.

Das Bett war nicht das weichste und der Stoff auch nicht der feinste, doch da Lucien noch nie auf einem Bett gesessen hatte, geschweige denn darin gelegen, war ihm das egal. Manchmal, bei Einbrüchen, hatte er testweise mit den Fingern in die Matratzen der Bewohner des Hauses gestochen, um zu erahnen, wie es war, auf so etwas zu liegen, doch es tatsächlich zu tun, war etwas völlig anderes.

Langsam, noch immer mit Kleidung und Schuhen angetan, wie er es gewöhnt war, streckte er sich auf der Matratze aus. Sie war mit Stroh gefüllt und knisterte bei jeder Bewegung. Aber sie war für den Jungen, als würde er auf Wolken schweben. Er war es gewohnt, auf dem Boden oder zwischen Kisten zu schlafen, in einen alten Stofffetzen gehüllt, den er aus der Kanalisation gefischt hatte. Aber hier hatte er ein vollständiges Bett mit Matratze, Decke und Kissen! Er konnte es immer noch nicht fassen, was für ein Luxus ihm beschert worden war, und war dennoch alsbald eingeschlafen.

 

Die undurchdringlichen Schatten huschten lautlos durch die Dunkelheit. Er wusste nicht, wer sie waren, noch wo sie waren. Nur, dass eine Gefahr drohte. Was für eine? Woher stammte sie? Bedrohte sie ihn oder nur die Schatten? War sie tödlich oder nur bedrohlich?

Die Schatten wirbelten wild durcheinander, zu allen Seiten umschwirrten sie ihn. Waren sie vielleicht die Gefahr? Aber nein, sie schienen ihn schützen zu wollen.

Er rannte. Ein unbändiger Beschützerinstinkt flammte in ihm auf. Die Familie war in Gefahr. Etwas hatte er falsch gemacht. Oder jemand, der ihm nahe stand? Er rannte und rannte und rannte.

Auf einmal stand er auf einer vereisten Ebene. Der Wind heulte und trieb Eiskristalle schmerzhaft in sein Gesicht, schnitt seine Haut auf und brannte. Alsbald blutete er aus zahlreichen kleinen Wunden. Jede für sich genommen war nicht bedrohlich, doch in ihrer großen Menge trieben sie ihn auf die Knie.

Der Schnee um ihn herum färbte sich rot. Die Schatten hatten ihn mittlerweile verlassen und beobachteten, so schien es ihm, lediglich aus der Ferne. Er war allein, so allein. Kein lebendes Wesen weit und breit leistete ihm in der Eishölle Gesellschaft.

Die Kräfte verließen ihn in derselben Geschwindigkeit, wie auch sein Blut aus seinem Körper strömte. Über und über war er bereits damit bedeckt. Verzweifelt drückte er mit schwachem Druck seine schmächtigen Hände auf seinen Körper, doch sie waren zu klein, um etwas ausrichten zu können. Ohnmächtig musste er mitansehen, wie er starb.

Dann fiel er.

Er fiel durch einen Sumpf aus Hass, Angst, Verzweiflung und sämtlichen anderen, niederträchtigen Emotionen, die ein vernunftbegabtes Wesen nur empfinden konnte. Sie waren nicht seine, nicht alle jedenfalls, doch sie drängten von allen Seiten auf ihn ein, drangen in jede Pore seines Körpers, nutzten gnadenlos seine Verwundungen aus und nisteten sich in ihm ein. Sie wühlten sich in seine Gedärme, fraßen sich durch sein Hirn und raubten ihm den Verstand.

Mit einem Male … Stille. Frieden.

Samtene, wohltuende Schwärze umhüllte ihn. Er fühlte sich geborgen, wie in den Armen der Mutter, die er nie gekannt hatte. Er wusste genau, dass er nicht sagen konnte, wie sich Mutterliebe anfühlte, doch er konnte mit Gewissheit sagen, dass das hier die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern war.

Doch diese Mutter verlangte auch etwas von ihren Kindern. Blut, und Blut gab er seiner Mutter nur allzu bereitwillig.

Er badete in Seen voller Blut, tränkte sich darin und ertränkte sich. Das wunderschöne Karmesinrot auf unschuldigem Weiß. Die weinroten Brunnenfontänen der Paläste der Höfe Tamriels.

Da waren andere bei ihm, andere, wie er, die die Liebe ihrer Mutter suchten und dem Namen ihres Vaters zur Ehre gereichten.

Sithis. Die Leere. Das Nichts. Tod. Vernichtung.

Mit einem Male gab es nichts Größeres mehr, als diesem Namen zu dienen. Diesem Gott. Dem einzig wahren, dem wahren Gott Tamriels, der durch Schrecken und Tyrannei herrschte, doch jenen Großes zuteilwerden ließ, die ihm folgten. Seine Kinder waren ihm treu ergeben.

Geborgen im Kreise seiner Familie wurde er groß. Er wurde zu einem Mann und kannte fortan nur noch eines:

Alle Ehre Sithis!

Autorennotiz

Vor ganz, ganz langer Zeit, als ich noch davon ausging, dass dieser Text nach etwa 50K sein Ende finden würde (und nicht nach 226K, ja, ihr habt hier viel zu lesen, viel Spaß), war dieser Text Teil eines Projekts auf FF.de. Das waren die Vorgaben, über die sich der Text allerdings sehr schnell hinweg entwickelt hatte:
1. Die Nacht brach herein und die ersten Sterne zeigten sich. (Januar)
2. Die undurchdringlichen Schatten huschten lautlos durch die Dunkelheit. (Februar)
3. Das kannst du nicht machen! (März)
4. Dann übermannte sie die Müdigkeit und sie fiel in einen tiefen Schlaf. (April)
5. Mit großen Augen schaute die Kleine zu den Sternen hinauf. (Mai)
6. Und das Bankett sollte besser als alles werden, was man bisher gesehen hatte. (Juni)
7. Die Hitze flimmerte über dem brackigen, warmen Wasser des Sees. (Juli)
8. Interesse und Neugier huschten über sein/ihr Gesicht, doch dann kniff er/sie leicht die Augen zusammen. (August)
9. Knisternd verzehrten die Flammen ausgedorrtes Holz, fanden Nahrung im trockenen Gras, hell auflodernd und weithin zu sehen. (September)
10. Die Melodie des Regens vermischte sich mit den Farben des Laubs und spielte ein Lied, wie nur der Herbst es hervorzubringen vermochte. (Oktober)
11. Er/Sie blickte hinaus und die Welt war verschwunden. (bezogen auf Nebel) (November)
12. Der Winter hatte das Land in den/seinen Schlaf gezwungen. (Dezember)
forum.fanfiktion.de/t/29225/1

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Kapitel:3
Sätze:939
Wörter:14.164
Zeichen:83.078

Kurzbeschreibung

„Man nennt mich Arela Drewani, eine Sprecherin der Dunklen Bruderschaft, und ich bin hier, um dich in unsere Familie aufzunehmen. Denn dein Herz ist schwarz wie die Nacht und kälter als der bitterste Winter in Himmelsrand. Du bist zum Morden geboren.“ - Lucien Lachance ist einer der fähigsten Mörder, die die Dunkle Bruderschaft in der Gegenwart kennt. Engagiert und talentiert, wie er ist, war es für ihn ein Leichtes, hoch in den Rängen der Bruderschaft aufzusteigen. Doch jede Geschichte hat einen Anfang, und seine findet sich mit den Händen an der Kehle eines Waldelfs in der Kanalisation der Kaiserstadt.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Longfiction, Gen, Abenteuer, Familie, Mord, Dunkle Bruderschaft und Dunkle Bruderschaft - Mörder getaggt.

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