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Die rechte Hand des Todes

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10.7.2018 14:38
18 Ab 18 Jahren
Asexualität
In Arbeit

28 Charaktere

Lucien Lachance

Lucien Lachance ist ein legendärer Assassine der Dunklen Bruderschaft. Zur Zeit des Helden von Kvatch ist er ein Sprecher der Schwarzen Hand. Ihm untersteht die Zuflucht von Cheydinhal. Während der Tragödie von Cheydinhal wird er fälschlicherweise als der Mörder unter Mördern verdächtigt und wird von der Schwarzen Hand gerichtet.

Mathieu Bellamont

Als Mathieu Bellamont ein kleiner Junge war, wurde seine Mutter von Lucien Lachance ermordet. Das hatte tiefgreifende Folgen für seine Psyche. Er schwor Rache an Lachance und der Dunklen Bruderschaft. Um ihr ihre Mutter zu nehmen, wurde er ein Teil der Bruderschaft und schaffte es, für viele Jahre unerkannt zu bleiben. Beinahe wären seine perfiden Pläne geglückt ...

Vicente Valtieri

Der Vampir Vicente Valtieri ist Mitglied der Dunklen Bruderschaft und Teil der Cheydinhal Zuflucht. Dort kümmert er sich um die Aufträge der neuen Mitglieder. Auch wenn Vampire normalerweise keine Schwäche auf Knoblauch haben, reagiert er allergisch darauf. Er stirbt während der Reinigung der Zuflucht.

Caius

Nur ein Junge aus der Gosse der Kaiserstadt wie so viele. Wie Lucien war er Anführer einer kleinen Bande von Straßenkindern, bis er nur wenige Wochen vor Lucien seinen Weg zur Dunklen Bruderschaft fand.

Cassius Proximo

Henker und Leiter der Zuflucht in Cheydinhal. Er ist der erfahrenste und fähigste der Assassinen der Zuflucht neben Vicente. Sein Gesicht ist von einigen schrecklichen Narben entstellt, Erinnerungsstücke an vergangene Taten.

Sares Areles

Ein Dunkelelf, der ursprünglich sein Glück mit der Diebesgilde versuchte und dort einiges Geschick mit dem Bogen und beeindruckende Fingerfertigkeiten erwarb. Allerdings war er nicht bereit, den Blutpreis zu zahlen, weshalb er sein Glück mit der bruderschaft versuchte und dort ein neues Heim fand.

Tshonashap

Ein Argonier und Schattenschuppe. Sein Name entstammt dem Jel und bedeutet Schwimmender Frosch, er wird allerdings nicht gern auf diese Bedeutung angesprochen. Er kocht hervorragende Fischsuppe - behauptet zumindest er.

Caelwen

Die Hochelfe Caelwen gehört der Cheydinhal Zuflucht an. Sie ist eine mächtige Magierin, die sich auf Pyromantie spezialisiert hat. Außerdem hat sie ein Händchen für Gifte.

Arela Drewani

Sie ist eine Dunkelelfe und Sprecherin der Schwarzen Hand. Ihr unterstehen unter anderem die Zufluchten in Cheydinhal und Falkenring. Sie wohnt in Festung Farragut.

Hilda

Nord und Werwölfin, welche den Rang eines Henkers bekleidet. Sie leitet die Zuflucht in Falkenring

Malik

Ein Rothwardone, der den Rang eines Assassinen bekleidet. Er ist Teil der Zuflucht in Falkenring.

Valdimar Hammerhand

Nord und Mitglied der Zuflucht in Falkenring, welcher den Rang eines Eliminator bekleidet.

Hjortkar

Nord und Schlächter, Mitglied der Zuflucht in Falkenring.

M‘raaj-Dar

M‘raaj-Dar ist ein Khajiit und Mitglied der Dunklen Bruderschaft. Er ist Teil der Zuflucht von Cheydinhal und ein Zauberer. Er ist von kratzbürstiger abweisender Natur und ist auf niemanden sonderlich gut zu sprechen.

Consantius Tituleius

Generall der Kaiserlichen Legion, der die Legion in Skyrim befehligt. Er führt einen persönlichen Feldzug gegen die Dunkle Bruderschaft und stellt für diese eine große Bedrohung dar.

Adamus Phillida

Adamus Phillida ist ein Legionär der Kaiserlichen Legion und Kommandant der Legion in der Kaiserstadt. Er führt seit vielen Jahren einen erbitterten Feldzug gegen die Dunkle Bruderschaft und versucht, sie auszulöschen. Dabei stellt er eine große Gefahr für die Bruderschaft dar, weshalb die Kaiserstadt lange für sie tabu war.

Mirabelle Fani

Sie ist eine junge Betronin, die in ungefähr demselben Alter zur Dunklen Bruderschaft kam wie Lucien. Sie ist eine flammende Bewunderin Luciens und eifert ihm mit größten Anstrengungen nach.

Andel Indarys

Der Dunkelelf Andel Indarys aus dem Haus Indarys ist der Graf Cheydinhals. Seine Frau Llathasa Indarys starb vor vielen Jahren offiziell durch einen Unfall, angeblich steckt jedoch die Dunkle Bruderschaft dahinter. Sein Sohn ist Farwil Indarys. Angeblich weiß der Graf vom Verlassenen Haus, doch die Bruderschaft hält seine Zunge durch Bestechung und Drohungen im Zaum.

Farwil Indarys

Der Dunkelelf Farwil Indarys ist der Sohn des Grafen Andel und der Gräfin Llathasa Indarys von Cheydinhal. Er ist ein junger Heißsporn, der die Ritter des Dornenordens gründete, mit denen zusammen er eigentlich nur zusammen säuft. Um sich jedoch ihre Sporen zu verdienen, stürmen sie das Oblivion-Tor vor der Stadt.

Telaendril

Telaendril ist eine aufgeweckte fröhliche Waldelfe, die der Dunklen Bruderschaft angehört. Sie wurde aus Valenwald verbannt und ihr Vater setzte die Dunkle Bruderschaft auf sie an. Doch sie bekam Wind davon und präsentierte Lucien Lachance, ihrem Vollstrecker, den Kopf ihres Vaters. Dies nahm er als Anlass, sie in die Bruderschaft aufzunehmen. Angeblich hat sie ein Verhältnis mit Gogron gro-Bolmog

Gogron gro-Bolmog

Gogron gro-Bolmog ist ein Ork, der der Dunklen Bruderschaft angehört, auch wenn der Anblick eines Orsimer bei der Bruderschaft eher selten ist. Ungewöhnlich für einen Dunklen Bruder liegt ihm die Heimlichkeit gar nicht. Er bricht lieber mit brachialer Gewalt ein und schlägt seinen Opfern den Schädel mit seiner Axt ein. Angeblich hat er ein Verhältnis mit Telaendril.

Teinaava

Teinaava ist eine Schattenschuppe aus Schwarzmarsch, das heißt, ein Argonier, der unter dem Zeichen des Schattens geboren wurde. Er begann schon früh mit seiner Zwillingsschwester Ocheeva die Ausbildung zur Schattenschuppe, welche später unter der Anleitung Lucien Lachances in der Dunklen Bruderschaft fortgesetzt wurde.

Ocheeva

Ocheeva ist eine Schattenschuppe aus Schwarzmarsch, das heißt, ein Argonier, der unter dem Zeichen des Schattens geboren wurde. Sie begann schon früh mit ihrem Zwillingsbruder Teinaava die Ausbildung zur Schattenschuppe, welche später unter der Anleitung Lucien Lachances in der Dunklen Bruderschaft fortgesetzt wurde. Später leitete sie die Zuflucht von Cheydinhal.

Maglir

Der Waldelf Maglir ist ein Mitglied der Dunklen Bruderschaft und dient als Ruhigsteller allen Arela Drewani. Er besitzt neben einem großen Talent für das Töten auch ein außergewöhnlich gutes Gespür für die Musik und beherrscht die Harfe meisterlich.

Ungolim

Der Waldelf Ungolim dient seit vielen Jahren der Dunklen Bruderschaft und schaffte es in der Zeit, bis zum Zuhörer aufzusteigen, der mit der Mutter der Nacht höchstselbst in Verbindung tritt. Als jedoch die Gefahr durch den Verräter in den Reihen der Bruderschaft abgewandt werden konnte, erfährt der Held von Kvatch, dass selbst die Mutter der Nacht Ungolim nie für einen starken Zuhörer hielt.

Severus Vipera

Ein hagerer Kaiserlicher, der der Dunklen Bruderschaft als Sprecher dient. Sein Ruhigsteller ist der Bretone Gasteau Blanchard.

Gasteau Blanchard

Er ist ein Bretone, der als Ruhigsteller Severus Viperas dient. Tatsächlich ist er nur halb ein OC, da wir wissen, dass der Mord an einem gewissen "Blanchard" dazu führt, dass die DB darauf aufmerksam wurde, dass es einen Verräter in ihren Reihen gibt.

Antonietta Marie

Die Bretonin Antonietta Marie ist das jüngste Mitglied der Zuflucht der Dunklen Bruderschaft in Cheydinhal, bevor der Held von Kvatch hinzustößt. Sie wurde von Lucien Lachance in der Gosse der Kaiserstadt aufgelesen und fand so ihren Weg zur Bruderschaft. Sie träumt davon, eines Tages selbst Zuhörer zu sein und zur Mutter der Nacht zu sprechen.
Prolog: Ein Ende

Lucien Lachance weiß, dass sein Ende unweigerlich bevorsteht. Er hat alles Menschenmögliche getan, um seine Familie zu retten, doch offensichtlich hat Sithis andere Pläne für ihn. Während er noch allein in der kleinen Hütte namens Apfelwacht kniet und sein Blut dem Fürchterlichen Vater opfert, überlegt er, ob er wütend sein oder einfach nur seinen Frieden finden soll.

Die Schwarze Hand jagt ihn, denn sie denkt, er sei der Verräter. Er weiß, dass der Verräter unter ihnen ist, dass er selbst der Betrogene ist.

Warum also verhindert Sithis nicht, dass seine Kinder sich gegenseitig abschlachten? Warum verhindert er, dass Lucien, sein treuester Diener, seine Familie rettet? Es kann nur eine Erklärung geben: Sithis hat andere Pläne. Mit Luciens Ruhigsteller Nandarel?

Sein Ruhigsteller ist jetzt seine letzte Hoffnung. Er hat sie entsandt, um den Verräter ausfindig zu machen, und sie ist zuverlässig, eines der talentiertesten Familienmitglieder, die Lucien jemals getroffen hat, viel mehr sogar noch als Ocheeva, Mirabelle oder Mathieu. Sie muss es schaffen, auf ihren Schultern lastet die Verantwortung für die gesamte Dunkle Bruderschaft.

Denn Lucien ist die Beute, und die Beute ist gestellt worden.

 Er weiß es schon, noch bevor die anderen Sprecher die Hütte betreten. Lautlos, wie Schatten, die sie sind. Meisterassassinen der Dunklen Bruderschaft, Werkzeuge des Todes und unfehlbar. Zumindest meist.

»Ich bin der Falsche«, sagt Lucien nüchtern, während er sich langsam erhebt und umwendet. Doch er sagt es mehr zu sich als zu den Sprechern. Es ist nutzlos, sie werden ihm keinen Glauben schenken.

Da sind Arquen die Hochelfe, nach Uvanis und G’Hastas Tod gerade erst zur Sprecherin ernannt, Mathieu Bellamont der Bretone, Banus Alor der Dunkelelf und Bellisarius Arius der Kaiserliche. Wer von ihnen ist es? Wer von ihnen hat die Dunkle Bruderschaft verraten und Nandarel benutzt, um die fähigsten Assassinen der Gegenwart ermorden zu lassen? Wer könnte Motive für diese Tat haben, wer nur, wer?

Lucien mustert jeden von ihnen genau und kann doch keine seiner Fragen beantworten. Nur eines weiß er: Er wird die Waffe nicht erheben. Er wird an diesem Abend, an diesem Ort sterben, egal ob mit oder ohne Gegenwehr. Doch würde er sich wehren, wäre er nicht der einzige, der hier stirbt. Und das kann er nicht verantworten. Was ist, wenn er einen Unschuldigen tötet und nicht den Verräter? So kann er nicht vor Sithis treten.

Er hat seinen Teil getan. Er hat Fehler begangen, ja, vielleicht auch zu spät reagiert und damit Ungolim mit seinem Leben bezahlen lassen. Ausgerechnet Ungolim, den Zuhörer höchstselbst! Vielleicht ist das hier nun seine Strafe für seine Fehltritte in den vergangenen Tagen und Wochen.

Lucien hat eines nie gemocht in seinem Leben: Fatalismus. Doch er weiß, dass er jetzt bereit ist, vor seinen Schöpfer, seinen Fürchterlichen Vater zu treten. Sein Gewissen ist rein, Nandarel auf den Verräter angesetzt. Er weiß, dass der Verräter, welche der anwesenden Personen es auch sein mag, schon bald sterben wird, niemand entkommt Nandarel. Sein Werk ist getan.

Er lässt seinen Dolch fallen, den eisernen, rostigen, schartigen Dolch, der ihn sein ganzes Leben begleitet hat, mit dem er sein erstes Blut im Namen Sithis‘ vergossen hat. Es ist, als würde er sich selbst den ersten Stoß mit der Klinge versetzen.

»Keine Gegenwehr, Lachance?«, zischelt Bellamont. »Komm schon, heb den Dolch auf und kämpfe. Oder willst du nicht nur als Verräter sterben, sondern auch als Feigling?«

Mathieu hat sich verändert in den letzten Jahren. Lucien hat nie gänzlich die Hoffnung aufgegeben, seinen Meisterschüler wieder auf die richtige Bahn zu lenken, doch es war ihm nicht gelungen. Die Kluft zwischen ihnen war stets nur immer größer geworden.

»Komm schon!«, versucht der Bretone ihn weiter zu reizen.

»Still, Bellamont!«, fährt Arquen ihn an. »Führt Euch nicht auf, sondern tut, wofür wir gekommen sind.«

Sie ist es auch, die Lucien den ersten Stich mit dem Dolch versetzt. Als sei dies das Zeichen, drängen auch die anderen Sprecher auf ihn ein, bohren ihre Klingen in sein warmes Fleisch. Er geht zu Boden, genießt den Schmerz und weiß, dass er es verdient hat.

Denn er hat seine Familie verraten. Schließlich und schlussendlich hat er sie verraten, alle, die ihm etwas bedeuten und die ihm lieb und teuer sind. Er hat ihr Blut an seinen Händen, denn er hat den Verräter nicht stellen können.

Aller Anfang hat sein Ende, und sein Ende ist hier erreicht, während er am Boden der Apfelwachtfarm liegt, sein Blut sich um ihn herum ausbreitet und er seine letzten Atemzüge tut. Es sind nur Momente, Augenblicke, die er stirbt, doch er genießt jeden einzelnen von ihnen, während die Klingen seiner Jäger ihn weiter durchbohren.

Gleich würde er vor seinen Fürchterlichen Vater treten, Rechenschaft für seine Taten ablegen und sein Gewissen reinwaschen können. Er hat sein Bestes getan, und doch fühlt er Reue, dass es nicht mehr hat sein können.

Sein Weg endet hier. Ein Weg voller Blut und Tod. Ein Weg, den er genossen hat, jeden einzelnen Schritt. Er diente seinem Fürchterlichen Vater mit einer Hingabe und Liebe wie kaum sonst jemand. Seine Familie war sein Leben, für sie hat er alles getan – und für sie stirbt er nun. Ein Ende, wie es einem Assassinen der Dunklen Bruderschaft wie ihm gebührt.

Kaum zu glauben, dass alles mit seinen Händen an der Kehle eines kleinen Waldelfen begonnen hat, damals in der Kanalisation der Kaiserstadt. So etwas Simples und Unbedeutendes. Doch für ihn hat es eine ganze Welt bedeutet.

Lucien Lachance lächelt, erinnert sich, schließt die Augen und versinkt in Schwärze und Nichts.

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Heimkehr

Die Nacht brach herein, und die ersten Sterne zeigten sich. Masser und Secunda, die beiden Monde am Himmel Nirns, erklommen allmählich das Himmelszelt und sandten ihr fahles Licht durch die Straßen der Kaiserstadt. Nur wenige Fackeln beleuchteten die engen, verwinkelten Gassen der Hauptstadt des Kaiserreiches, sodass zahlreiche Schatten den nächtlichen Gestalten Obdach boten.

Die Kaiserliche Legion patrouillierte selten abseits der Hauptstraßen. Ein Fehler, denn so konnte Kriminalität leicht unter ihren Augen hindurchschlüpfen. Kannte man zudem die Wege durch die Kanalisation, war es ein leichtes für die zahlreichen Straßenbanden, den Augen des Gesetzes zu entfliehen. Vorausgesetzt, man wagte es, den Gefahren in der Kanalisation zu begegnen …

Der kaiserliche Junge Lucien Lachance besah sich seine Bande von abgerissenen Straßenkindern mit strengem Blick. Er war ihr Anführer, ein berüchtigtes Waisenkind, das im Dreck der Kaiserstadt aufgewachsen war. Seine Mutter, eine Hure, hatte er noch kennen gelernt. Doch nachdem sie unfreiwillig mit ihm schwanger gegangen war, hatte sie nur noch wenige Jahre zu leben gehabt. Niemand wollte eine Hure mit einem schreienden Balg. Ihre Kunden waren weniger und weniger geworden. Schließlich hatte sie sich erhängt.

Nun stand Lucien hier als Kopf seiner Bande, welche mit angstgeweiteten Augen zu ihm aufsah, während er auf einem kleinen Kistenstapel im Hafenbezirk stand und den Blick über die Mitglieder seines Haufens schweifen ließ. Sie alle waren genauso abgerissen wie er, mager und mit dreckigen Gesichtern. Viele von ihnen hatten Messer an der Seite, auch wenn sie größtenteils nur zur Abschreckung dienten; meist wurden sie nur benutzt, um Ratten aus der Kanalisation abzuwehren, in einen ernsthaften Kampf war noch nie jemand von ihnen verwickelt worden.

»Ich halte es für keine gute Idee, Caius‘ Bande anzugreifen«, sagte Malvin, ein Waldelf. »Lucien, wir sollten es lassen, wir verbrennen uns nur die Finger daran.«

»Caius ist verschwunden«, hielt Lucien dagegen. »Seine Bande hat ihren Kopf verloren und ist nun geschwächt. Das ist für uns der perfekte Zeitpunkt, um sie zu übernehmen und unsere Macht zu verstärken. Stellt euch doch nur einmal vor, wie es wäre, wenn wir noch mehr Teile des Untergrundes der Kaiserstadt kontrollieren könnten! Wir würden mehr zu essen haben, genügend für alle, und wir wären vor allem auch keine elenden Straßenratten mehr, die sich jeden Brotkrumen hart erbetteln müssen, und immer noch nicht satt werden.«

»Erzähl keinen Unsinn«, blaffte Malvin. »Der Graufuchs und seine Diebesgilde kontrollieren die Stadt und keiner sonst. Nicht einmal Hieronymus Lex kann ihn fangen! Wir sind und werden es immer bleiben: Straßenratten, die der Wache maximal einen Fußtritt wert sind und einen Schlag, wenn sie uns beim Stehlen erwischen.«

Lucien schnaubte. »Und du willst für immer und ewig eine Straßenratte bleiben?«, konterte er.

»Zumindest will ich mein wahrscheinlich ohnehin kurzes Leben nicht sinnlos wegwerfen«, sagte Malvin und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. »Wenn du das durchziehst, dann ohne mich.«

»Wie du meinst.« Der Anführer der Bande wandte sich an die anderen. »Und was ist mit euch? Wollt ihr für immer feige Ratten bleiben? Oder wollt ihr stattdessen allen zeigen, dass mit uns zu rechnen ist?«

Er war aus einem Grund Anführer dieser Bande geworden: Er war skrupellos, gnadenlos und unerbittlich. Er zögerte nicht, andere Mitglieder seiner Bande auch einmal zu schlagen, wenn sie ihm nicht gehorchten, denn der Gewalt war er noch nie abgeneigt gewesen. Überhaupt war dies ein Wesenszug an ihm, der ihn von den anderen Straßenjungen unterschied. Während die meisten von ihnen nur mit ihren Messern herumfuchtelten, während sie hofften, dass es bedrohlich wirkte, scheute er nicht, es einzusetzen. Ein paar Schnitte hier und da und schon hatte jeder gelernt, dass er nicht lange fackelte. Jemanden umgebracht hatte er jedoch noch nie. Ob er es tun würde, fragte er sich, während er mit dem Messer an dem Strick herumspielte, welcher seinen Gürtel darstellte, um die Hose auf seinen dürren Hüften zu halten.

Niemand außer Malvin wagte es, noch einmal Widerspruch einzulegen. Der Waldelf sah sich unsicher um, während alle anderen Lucien zustimmend zunickten. Als er sah, dass er auf verlorenem Posten stand, ließ er niedergeschlagen die Schultern hängen und fügte sich in den Gruppenwillen ein.

»Wir gehen durch die Kanalisation«, sagte Lucien. »Das ist schneller und unauffälliger. Ich war schon oft dort unten, alleine zwar, aber das sollte keinen großen Unterschied machen. Dort unten gibt es nur Ratten, nichts weiter.«

Er verschwieg, dass er nur kleine Teile der Kanalisation erkundet hatte und dass Gerüchte besagten, dass dort unten weitaus schlimmeres als Kanalratten lauern sollte. Doch was sollte ihnen schon passieren? Sie waren eine große Gruppe und die meisten von ihnen waren zumindest im Faustkampf geübt. Ihnen würde schon nichts geschehen.

Die Gerüchte schienen jedoch noch andere gehört zu haben. Als er die Kanalisation erwähnte, verschwand mit einem Male die Zuversicht aus den meisten Gesichtern. Dennoch fügten sie sich, aus Angst oder Loyalität sei dahingestellt.

Lachance sprang von der Kiste herab und lief mit selbstbewusster Miene los. Es gab außerhalb der Stadt verschiedene Eingänge in die Kanalisation. Normalerweise waren die Gitter versperrt, damit allein der Dreck der Stadt in den Rumare-See abfließen konnte, jedoch nichts hinein gelangte. Doch er hatte ein rostiges Gitter entdeckt, das sicher leicht zu durchbrechen war, besonders, wenn mehrere der Jungen mit anpackten.

Die Aussicht auf mehr Einfluss in der Stadt lockte ihn sehr. Er mochte der Sohn einer Hure sein, die vielleicht von einer gelangweilten Wache oder einem besoffenen Hafenarbeiter bestiegen worden war, er wusste es nicht, und um ehrlich zu sein, war es ihm auch egal. Aber das schloss nicht aus, dass er ehrgeizig war. Er wollte weg aus diesem Loch, weg aus all dem Dreck und Gestank. Er wollte mehr aus seinem Leben machen als nur ein paar Straßenkinder herumzukommandieren. Das war keine Macht, nichts, das ihn befriedigte. Er wollte mehr, viel mehr. Nach und nach der Diebesgilde die Herrschaft über die Straßen streitig zu machen, war zumindest ein Anfang.

Sie packten ein, was ihnen für solch ein Unternehmen nützlich erschien: ihre Messer und Lucien sogar seinen kleinen Eisendolch, den er als besondere Trophäe nur zu bestimmten Anlässen herausholte. Man fand so einiges in den Abfällen der Stadt, eine echte Waffe aber war selten. Proviant steckten sie sich ebenfalls in die Taschen sowie einige Fackeln und Zunder, womit sie nun genügend ausgerüstet sein sollten, um zuerst der Kanalisation und dann Caius‘ Bande zu begegnen.

Entschlossenen Schrittes führte er nun seine kleine Schar aus dem Hafenbezirk. Da er ohnehin außerhalb der eigentlichen Stadtmauern lag, mussten sie keine großen Mühen auf sich nehmen, um den Stadtwachen auszuweichen. Die wenigen, die hierher beordert worden waren, waren ohnehin zumeist selbst so betrunken wie die Hafenarbeiter oder die Piraten, die gelegentlich hier ankerten, und somit keine Herausforderung für flinke Straßenkinder, die unbemerkt bleiben wollten.

Nur wenige Schritte und sie hatten das Hafengebiet verlassen. Hielten sie sich vom Wasser fern, dann hatten sie Schlammkrabben nicht zu fürchten und Wölfe waren klug genug, um eine so große Gruppe Menschen nicht zu attackieren.

Sie mussten nicht weit nach Osten gehen, um zu einem der Eingänge, dem südöstlichen, zu gelangen. Kurz, nachdem sie unter der Brücke entlang gegangen waren, die die Stadt mit der Magiergilde verband, schwenkte Lucien in Richtung des Sees ein und führte seine Gruppe die Böschung hinab. Weit und breit war kein Leben zu sehen. Der Rumare-See lag groß, dunkel und still da, nur erleuchtet vom Licht der beiden Monde, welche sich in seiner Oberfläche spiegelten. Lucien wusste, dass der Schein trog und sich unter der Oberfläche des Wassers Schlachterfische verbargen, boshafte (wenn auch schmackhafte) Raubfische, die alles angriffen, das sich bewegte. Doch sie wollten schließlich nicht ins Wasser, nur in die Kanalisation.

Unter einem kleinen Überhang fanden sie den Eingang. Leise plätscherte ein kleines Rinnsal Brackwasser aus dem Kanalisationsschacht in den See, ansonsten war nichts zu hören. Rasch sah sich Lucien um, um sich zu vergewissern, dass sie auf keinen Fall beobachtet wurden, egal, wie gering die Wahrscheinlichkeit dafür war. Doch niemand war zu sehen, ganz wie erwartet.

Einer der Jungen rüttelte am Gitter. »Verschlossen«, sagte er. »Aber nicht fest, wie es aussieht. Ich denke, wir können leicht durchbrechen.« Damit zückte er einen Dietrich und versuchte sein Glück. Es dauerte nicht lang und er hatte das Schloss aufgebrochen.

Lucien lächelte. Dies lief bis jetzt leichter, als gedacht. Mutig ging er voran und trat in den muffigen Gestank der Kanalisation. Dunkelheit umfing ihn, und er ließ sich eine Fackel reichen. Mit einiger Mühe war sie angezündet, und er hielt das rußende Ding in den Schacht vor ihm. Flackerndes Licht leckte an den feuchten Steinen, erhellte immerhin aber ein wenig von dem, was vor ihm lag.

Schon bald öffnete sich der Schacht in einen kleinen Raum. Langsam tappten sie durch das dreckige Wasser, während es zu allen Seiten von den Wänden tropfte. Schleimiges Moos bedeckte die Pflastersteine und dämpfte jedes Geräusch.

Lucien hatte seiner Bande noch eines verschwiegen: dass er die Kanalisation fürchtete. Es war nicht ungefährlich hier, doch bevor er dieser Gruppe von Straßenkindern beigetreten war, hatte er diesen Ort mehr als einmal als notdürftiges Versteck benutzen müssen. Nie war er weit vorgedrungen, doch manchmal hatte er in fernen Gängen schlurfende Schritte und gequältes Stöhnen gehört. Knochen hatte er hier auch gefunden, und er war sich sehr sicher, dass sie nicht von Ratten stammten.

Doch mit seiner Bande im Rücken fühlte er sich stark. Sie waren eine große Gruppe, nichts würde sie angreifen. Und selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, konnte er sich im Schutze ihrer Zahl verbergen und andere für ihn kämpfen lassen.

Manche der anderen waren nicht so zuversichtlich. Sie zögerten, ihm zu folgen, taten es aber doch, als er selbstbewusst den Rücken durchdrückte, die Fackel hob und voran ging. Sie alle hatte ein beklemmendes Gefühl befallen, und sie fühlten von allen Seiten Augen auf sich ruhen, auch wenn vielleicht gar keine da waren.

Ratten und Schlammkrabben und vielleicht doch der eine oder andere Schlachterfisch im Dreckwasser waren allenfalls lästige  Ärgernisse. Die Gerüchte hielten sich hartnäckig in ihren Gedanken. Jeder Schatten, den die flackernden Fackeln warfen, schien auf einmal tödliche Gefahren zu verbergen. Die Kinder und Jugendlichen aus Luciens Bande zuckten bei jedem noch so kleinen Geräusch, jeder noch so verdächtigen Bewegung zusammen. Ein jeder hatte die Messer in der Hand und alle Sinne geschärft.

Der Geruch nach Fäulnis war allgegenwärtig. Süßlich und ekelhaft klebte er in der Luft und war nicht aus der Nase zu bekommen. Unrat schwamm in den Kanälen, an welchem sich die Ratten gütig taten, die hier wie im Paradies zu leben schienen. Es waren nicht die großen Kanalratten, sondern kleinere Stadtratten, die zwar nicht davon huschten, sobald Licht auf sie fiel, aber zumindest niemanden anfielen.

Ihre großen Vettern waren da weitaus penetranter. Sie begegneten mehreren der Biester, und keines von ihnen war so leicht abzuwehren wie die kleineren Tiere. Jede der Ratten starrte sie aus boshaften, kleinen Augen an und schien zu überlegen, wie es seine Beute erlegen konnte. Nicht wenige Tiere setzten ihre Angriffspläne auch in die Tat um.

Mit den Fackeln fuchtelnd konnte die Bande die meisten Angreifer abwehren. Manche hingegen waren hartnäckiger. Die scharfen, gelblichen Nagezähne gebleckt, sprangen sie quiekend und kreischend auf die verängstigten, eng zusammengedrängten Kinder zu. Luciens Bande streckte die Messer aus und fuchtelte wenig koordiniert mit ihnen herum. Nur ihre Zahl bewahrte sie vor schlimmeren als tiefen Kratzern.

Schnell war klar: Sollten sich die Gerüchte bewahrheiten, würden sie hoffnungslos unterlegen sein.

Nachdem sie nun schon einige Zeit in der Kanalisation herumgeirrt waren, wurde der Drang nach einer kurzen Pause bei den meisten übermächtig. Lucien wählte einen Gang aus, der halbwegs geschützt wirkte vor den Bewohnern der Kanalisation, und ließ seine Gefolgsleute Rast machen. Rasch hatte er einige Befehle erteilt und Wachen aufgestellt, dann erlaubte er es sich selbst, sich hinzusetzten und durchzuatmen.

Erst jetzt bemerkte er, wie angespannt und ausgelaugt er war. Die stete Gefahr, die um ihn herum war, zehrte an seinen Nerven, selbst wenn es nur die bloße Androhung dessen war. Sein Blick war rastlos und die Hand stets am Dolch. Fühlte sich so die Beute, bevor der Jäger über sie herfiel?

Dann riss er sich zusammen. Er war schon früher hier unten gewesen, und damals hatte er nicht den Schutz einer eigenen Bande besessen. Nein, die Gerüchte waren nichts weiter als Gerüchte, und wenn etwas an ihnen dran war, dann hatten sich sicher nur die Skooma-Süchtigen nach hier unten verkrochen. Nichts weiter. Noch nie war er schlimmeren Kreaturen begegnet, und die Skooma-Süchtigen waren nun wirklich keine größere Gefahr als Ratten und Schlammkrabben. Er sollte aufhören, sich wie ein kleines Kind zu benehmen und wieder ein Anführer sein.

Die Bandenmitglieder sprachen nur leise und gedämpft miteinander. Während Lucien sie beobachtete, sah er, dass auch sie sich immer wieder gehetzt umsahen und dem Frieden nicht trauen wollten. Dann schüttelte er den Kopf und rief sich in Erinnerung, dass die meisten von ihnen genau solche feigen Hunde waren wie Malvin. Es bedurfte einer Person wie ihm, um sie zusammenzuhalten und vor allem auch sie alle dazu bewegen zu können, diesen Weg gemeinsam mit ihm zu gehen. Es bedurfte einer willensstarken und entschlossenen Person, entschlossen, alles zu tun, um ihre Ziele zu erreichen. Und das war er, niemand konnte das bestreiten.

»Wir hätten nicht hierher gehen dürfen«, hörte er Malvin leise vor sich hin murmeln. »Hätten uns nicht breitschlagen lassen sollen. Es war eine dumme Idee. Früher oder später passiert etwas.«

Lucien warf ihm einen Blick aus dem Augenwinkel zu, doch niemand schien auf die Worte des Waldelfen eingehen zu wollen. Manche warfen Lucien unsichere Blicke zu, die meisten aber ignorierten die Worte, wahrscheinlich aus Angst vor Konsequenzen. Lucien ließ sie ebenso kommentarlos im Raum stehen, merkte sie sich aber gut.

Da bemerkte er, wie eine der Wachen auf ihn zukam. Der Junge kniete sich vor ihn auf den Boden, und Lucien bemerkte Unsicherheit in seinem Blick.

»Was ist?«, fragte er. »Geh auf deinen Posten.«

»Wir haben dort hinten etwas bemerkt«, sagte der Junge. »Dort ist zwar eine Wand, aber am Boden des Kanals ist ein Gitter, um das Wasser durchzulassen. Es scheint so, als könne man das Gitter öffnen. Dahinter geht es weiter, wohl in einen anderen Abschnitt der Kanalisation. Wir haben seltsame Geräusche von dort gehört, ein Kreischen und Schreien, wie ich es noch nie gehört habe. Außerdem meinen wir Fackelschein gesehen zu haben. Ich glaube, dort hinten ist etwas, von dem wir nicht näher wissen wollen, was es ist.«

Malvin hatte bei diesen Worten den Kopf gehoben. »Ich habe ja gesagt, dass es eine schlechte Idee ist, hier hinunter zu gehen!«, rief er aus. »Jetzt sitzen wir in der Falle!«

»Sei still!«, zischte Lachance. »Wenn du Hirn zwischen deinen Segelohren hast, dann musst du doch wissen, dass dein Gekreische anlocken kann, was auch immer dort hinten lauert!«

»Auf einmal ist der große Anführer also auch verängstigt?«, fuhr Malvin unbeirrt fort.

»Malvin, Lucien hat Recht«, sagte die Wache mit Besorgnis in der Stimme. »Hör auf mit deinem Gezeter und sei still. Ich will nicht erfahren, was das dort hinten gewesen war.«

»Willst du also sagen, dass es klug war, hier herunter zu gehen und ins offene Messer zu rennen?«, hielt der Waldelf dagegen.

»Ich will damit sagen, dass du die Klappe halten sollst«, konterte der andere Junge.

»Malvin, das ist ein Befehl«, knurrte Lucien. »Sei still!«

»Oder was?«, frotzelte Malvin. »Schlägst du mir die Nase blutig?«

»Du weißt, dass ich damit nicht zögern werde, wenn du auch noch ein Wort sagst«, fauchte Lucien.

Es machte ihn rasend, wie sehr Malvin es wagte, ihn herauszufordern. Normalerweise wusste jeder, wo sein Platz in der Bande war, und sollte jemand doch nicht spuren, reichten meist einige harsche Worte Luciens, um denjenigen in seine Schranken zu verweisen. Malvin hingegen schien es sich auf einmal in den Kopf gesetzt zu haben, nicht nachgeben zu wollen. Dass er es ausgerechnet an diesem Ort getan hatte, machte die Sache nicht leichter. Dennoch musste Lucien Konsequenzen zeigen. Wenn er Malvin nur schnell und ordentlich genug verprügelte, würde schon niemand mit bösen Absichten etwas bemerken.

Oder?

Lucien besann sich. Ein Risiko bestand dennoch, sollte er jetzt eine Prügelei mit dem Waldelf beginnen, zumal er wusste, wie schnell dieser war, schneller als er, auch wenn er kräftiger war als der kleine, schmächtige Elf.

Malvin war inzwischen aufgestanden und hob herausfordernd die Fäuste. »Na los, komm!«, rief er. »Was ist jetzt, oh großer Anführer? Hast du die Hosen voll?«

»Malvin …«, mischte sich ein anderes der Straßenkinder ein. »Jetzt gib endlich Ruhe und kläre das, wenn wir hier fertig sind.«

»Nein, ich kläre das jetzt, denn ansonsten liefert der hier uns alle noch ans Messer!«

Als Malvin ihm einen nicht allzu kräftigen Tritt in die Seite verpasste, waren alle guten Vorsätze vergessen. Lucien sprang auf und versuchte den Waldelf zu packen. Der jedoch wich im letzten Moment aus, strauchelte jedoch. Sein Kontrahent nutze dies sogleich aus und setzte ihm nach. Nur Herzschläge später waren die beiden Jungen ineinander verkeilt.

»Scheiße!«, fluchte da mit einem Male eine der Wachen. »Malvin, du Idiot! Wir bekommen Besuch!«

Lucien bemerkte den Aufschrei nur am Rande. Das, was danach folgte, jedoch sehr wohl.

»Goblins!«, schrie jemand.

»Sie greifen an!«, ein anderer.

»Scheiße, ist das ein Zauberer?!«

Wutentbrannt schlug Lucien auf Malvins Gesicht ein. »Ich bring dich um!«, brüllte er. »Das ist alles deine Schuld!«

»Du hast uns hier herunter geführt!«, knurrte Malvin und spuckte Lucien ins Gesicht, um sodann nach seinen Fingern zu beißen.

»Und du hast angefangen zu brüllen!«, fauchte Lucien, während er den Zähnen auswich. Sein Gesicht war zornesrot und die Wut loderte in seinem Bauch. Dieser verdammte Waldelf würde für seine Dummheit zahlen. Mit aller Kraft schlug und trat er nach ihm, so voller Gewalt wie noch nie in seinem Leben. Er bemerkte kaum, wie das Chaos um ihn herum ausbrach. Die Kinder der Bande liefen in wilder Furcht durcheinander, während bewaffnete Goblins durch den Durchgang drängten und sich auf die leichte Beute stürzten. Schreie wurden laut, Panik verbreitete sich.

Malvin konnte der rohen Gewalt seines Kontrahenten kaum etwas entgegensetzen. Manchen der Schläge konnte er noch geschickt ausweichen, doch dann musste er immer mehr einstecken und konnte selbst kaum noch austeilen. Seine Nase war bereits gebrochen und blutete, ebenso seine Lippen, und eines seiner Augen begann zuzuschwellen. Er wurde immer mehr in die Defensive gedrängt.

Irgendwann hatte Lucien den Dolch gezückt. Mit einem Male wurde Malvins Gesicht aschfahl und Furcht wuchs in seinen Augen. Lucien holte mit der Waffe aus, während sein Gegner versuchte, seine Arme zu packen. Doch der stärkere Kaiserliche riss ihn mühelos zu Boden und konnte die von Angst befeuerten, unkoordinierten Versuche der Gegenwehr des Waldelfen leicht abfangen.

Das Gefühl, wie sich der Dolch das erste Mal in die Brust Malvins senkte, war unbeschreiblich. Lucien wusste nur eines mit großer Klarheit: Es fühlte sich gut an. Der Elf erstarrte und riss die Augen weit auf. Dann zerrte Lucien den Dolch wieder aus seiner Brust und stieß erneut zu. Und wieder. Und wieder.

Malvins Gegenwehr erstarb rasch.

Erst da bemerkte Lucien, dass er soeben jemanden umgebracht hatte. Sonderlich erschreckt war er davon jedoch nicht. Mit kühler Gelassenheit betrachtete er die blutenden Stichwunden in der Brust des Elfen unter ihm. Malvins Blick ging in die Leere, noch immer stand die Todesfurcht in seinen Augen.

Dann sah sich Lucien ruhig um und analysierte, was um ihn herum geschah.

All das hatte nur Augenblicke gedauert. Die Goblins begannen gerade erst, den Straßenkindern nachzusetzen, doch es wurde ersichtlich, dass sie den Kreaturen hoffnungslos unterlegen waren. Lucien wusste, dass er nichts tun konnte, um das Massaker zu verhindern. Vielleicht würden einige entkommen, und er würde sie erneut zusammenrufen und seine Bande neu gründen. Auf mehr konnte er nicht hoffen. Malvin hatte seine verdiente Strafe erhalten, das musste reichen.

Er erhob sich, sammelte sich kurz und rannte dann davon, die Rufe hinter ihm ignorierend, die ihn einen Feigling und Mörder schimpften. Es war ihm egal. Schlussendlich hatte jedes Straßenkind für sich selbst zu sorgen. Er war nicht für den Schutz eines jeden einzelnen aus seiner Bande verantwortlich, also mussten sie jetzt selbst zusehen, wie sie hier herausfanden.

Alleine durch die Kanalisation zu huschen war in gewisser Hinsicht einfacher. Eine größere Gruppe bot zwar mehr Sicherheiten, war aber auch auffälliger. Lucien war schon immer sehr verstohlen gewesen und wusste zudem, wie er sich hier unten bewegen musste, um nicht bemerkt zu werden.

Da es hier ohnehin kaum Licht gab, war es einfach, sich in den Schatten zu verbergen. Der Gestank überdeckte die allermeisten Gerüche, sodass kaum eine Ratte aus größerer Entfernung seine Witterung aufnehmen konnte. Und wenn er nicht wollte, dass er gehört wurde, dann war er ohnehin in der Lage, keinen Ton von sich zu geben.

Der Rückweg war weitaus einfacher als der Hinweg. Niemand bemerkte ihn, niemand verfolgte ihn. Die Schreie seiner Bande waren alsbald hinter ihm verblasst. Er würde in einigen Tagen beginnen, die Straßen der Stadt nach den Überlebenden abzusuchen und dann würden sie von neuem beginnen. Es ärgerte ihn, dass sein Plan so gründlich gescheitert war. Der Erfolg war zum Greifen nahe gewesen! Aber noch war nicht aller Tage Abend und damit auch nicht alles verloren. Wenn er jetzt nur nicht nachließ, würde er seinen Erfolg schon erhalten. Vielleicht sollte er die Zeit nutzen, um die verfeindete Bande auszuspionieren, dann würde er nicht nur auf der Straße lungern und Zeit ungenutzt verstreichen lassen.

Als er endlich wieder frische Luft atmen konnte, war die Nacht bereits weit fortgeschritten. Während sich Lucien rasch vom Kanalisationseingang entfernte und sich in einem Gebüsch verbarg, stellte er fest, wie erschöpft er war. Sein Unternehmen war kraftraubender gewesen, als er gedacht hatte. Also beschloss er, ein Versteck für die Nacht zu suchen und bis zum Morgen zu ruhen. Alles Weitere würde sich dann ergeben.

Er begab sich zurück zum Hafenviertel. Alles schlief bereits und selbst die Wachen verwendeten kaum noch Aufmerksamkeit auf ihren Dienst. In wenigen Stunden würde es dämmern, bis dahin schlief nun selbst das pulsierende Zentrum des Herzlandes.

Lucien fand einen Kistenstapel, welcher einen guten Sichtschutz bot. Er kroch zwischen die Kisten, rollte sich zusammen und war alsbald eingeschlafen.

 

Er wusste nicht, was ihn nur kurze Zeit später wieder aus seinem Schlaf gerissen hatte. Vielleicht war es das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden. Vielleicht war es auch das plötzliche Frösteln, das ihn befallen hatte. Etwas war anders als normal.

Alarmiert hob er den Kopf und sah sich um. Zunächst bemerkte er nichts Ungewöhnliches, doch dann entdeckte er, dass ein Schatten in der Nacht dunkler war als die anderen um ihn herum. Was war das? Es war bedrohlich, das spürte er. Er tastete nach dem Dolch an seiner Seite und zückte ihn.

»Steck das Spielzeug weg«, hörte er eine weibliche Stimme aus dem tiefschwarzen Schatten heraus.

»Wer bist du?«, verlangte Lucien zu wissen. Der Dolch blieb, wo er war.

»Jemand, der dein großartiges Potenzial zu schätzen weiß.« Plötzlich bewegte sich der Schatten und machte eine hochgewachsene, schlanke Gestalt sichtbar. »Man nennt mich Arela Drewani, eine Sprecherin der Dunklen Bruderschaft, und ich bin hier, um dich in unsere Familie aufzunehmen. Denn dein Herz ist schwarz wie die Nacht und kälter als der bitterste Winter in Himmelsrand. Du bist zum Morden geboren.«

Langsam sank der Dolch nun doch herab. Die Dunkle Bruderschaft! Freilich hörte man selbst in den Gossen der Kaiserstadt von der Gilde von Meuchelmördern, die ihrem blutrünstigen Gott huldigten und in seinem Namen und für Geld Auftragsmorde begingen. Ihr Ruf war legendär.

Lucien war sich unsicher, was er von der Situation halten sollte. Wurde ihm gerade eine Möglichkeit geboten, dem Leben in der Gosse zu entkommen, oder bedeutete das Erscheinen Arela Drewanis sein Ende? Nicht wissend, was er sagen sollte, schwieg er daher lieber.

»Schweigen ist oftmals die beste Antwort«, kommentierte Arela Drewani. »Und nicht selten die bedrohlichere. Gut, gut. Du hast einen Mord begangen, mit kaltem Herzen und ohne zu zögern. Du hast eine Seele Sithis übergeben und damit deine Seele unserem Vater geweiht. Du gehörst nun zu uns, bist einer der unseren. Doch noch ist das Ritual nicht zur Gänze vollzogen.«

Mit einem Male hatte das Leben des jungen Kaiserlichen völlig andere Bahnen eingeschlagen. Er erkannte, was für Möglichkeiten ihm hier geboten worden waren. Er käme weg von der Straße, müsste nicht mehr tagtäglich um sein Überleben kämpfen, keinen Hunger und keine Kälte mehr leiden. Das Leben eines Assassinen, wenn auch lange nicht sicher, war doch von weitaus weniger Gefahren geprägt als jenes eines mittellosen Straßenjungen. Der Preis dafür wäre Blut, doch Arela Drewani hatte Recht: Lucien mordete eiskalt. Er hatte es einmal getan, er würde es wieder tun, ohne zu fragen.

»Was muss ich tun?«, fragte er daher.

Er meinte ein leises Lachen unter der Kapuze zu vernehmen. »So ist’s gut, das gefällt mir«, sagte Arela Drewani. »Gehe nach Norden, an das nördliche Ufer des Rumare-Sees. Nahe der Festung Caractacus findest du eine Siedlung namens Bockbierquell. Jemand will den Argonier Seed-Neeus tot sehen und es ist an dir, ihn zu töten. Erst dann ist dein Kontrakt unterschrieben, unterschrieben mit dem Blut deines Opfers.«

»Wer ist Seed-Neeus?«, wollte Lucien wissen.

»Nur ein Bettler, der aufklaubt, was er findet, und die billigen Dienste in der Siedlung verrichtet, die sonst keiner übernehmen will«, erklärte Arela Drewani. »Er ist schwach und feige, ihn zu töten, sollte selbst für dich ein Kinderspiel sein.«

»Und dann?«, fragte der junge Kaiserliche weiter. »Was soll ich dann tun?«

»Schlafe, Kind der Finsternis, und ich werde dich aufsuchen«, versprach die Sprecherin ihm. »Ist die Tat vollbracht, wirst du alles Weitere erfahren und ein vollwertiges Mitglied der Dunklen Bruderschaft werden können.«

Lucien spürte Enttäuschung in sich aufkommen. Er hatte bereits ein Leben genommen, doch nun sollte er noch eines nehmen, um aufgenommen werden zu können? Er hatte für einen kurzen Moment gehofft, schon Malvins Tod würde genügen und der Dunklen Bruderschaft zeigen, dass er ihrer würdig war. Doch es war, wie es sein sollte. Die Beschreibung des Argoniers klang nicht sonderlich herausfordernd, er würde es sicherlich schaffen.

Als er wieder aufsah, um der Sprecherin mitzuteilen, dass er den Auftrag annehmen würde, war sie bereits verschwunden. Er blickte sich um, doch nirgends war eine Spur von ihr ausfindig zu machen. Nur ein schwach süßlicher Geruch hing noch in der Luft, der Lucien irgendwie an Verwesung erinnerte.

Dann schüttelte er den Kopf und legte sich wieder hin. Sobald er ausgeruht war, würde er sich auf den Weg machen und tun, was ihm befohlen worden war. Und dann würde sein neues Leben beginnen.

 

 

Lucien hatte die Kaiserstadt noch nie verlassen. Er hatte nicht einmal darüber nachgedacht, es zu tun, geschweige denn darüber, was jenseits dessen lag, was er von den Ufern der Insel aus sehen konnte. Sein altes Leben hinter sich zu lassen, fiel ihm leicht. Den Schritt in ein neues zu wagen, war etwas völlig Anderes. Eine Welt von ungeahnter Größe lag vor ihm, nicht begrenzt durch dicke Stadtmauern und Häuserfronten. Er würde tagelang laufen können und immer noch nur Wildnis um sich herum zu haben. Die ungewohnte Grenzenlosigkeit ängstigte ihn.

Dennoch lenkte er seine Schritte unbeirrt um das westliche Ufer des Rumare-Sees herum. Die Straßen waren leer, kaum ein Reisender oder ein Reiter der Kaiserlichen Legion begegneten ihm. Auch das war ungewohnt. Stets war er vom Stimmengewirr der Großstadt umgeben, immer waren da Menschen, vor deren Blicken er sich verborgen hatte oder deren Anwesenheit ihn vor den Blicken anderer geschützt hatte. Auf einmal jedoch umgab ihn die Einsamkeit.

Er sollte sich besser daran gewöhnen, sagte er sich selbst. Als Assassine würde er sicherlich viel Zeit in der Wildnis verbringen. Also ging er unbeirrt weiter entlang der Roten Ringstraße nordwestlich des Sees. So viele Bäume um ihn herum, so viele Vögel! Und erst der Wind! Nie hatte er Wind so rauschen gehört und wehen gespürt wie hier.

Er musste jedoch auch feststellen, dass die Wildnis ein gefährlicher Ort war. Es dauerte nicht lang, nachdem er die Stadt hinter sich gelassen hatte, da sah er bereits den ersten Wolf. Instinktiv wusste er, dass dies kein Gegner für ihn war, und er duckte sich hinter einige Felsen. Doch zu spät, der Wolf hatte bereits seine Witterung aufgenommen. Eine leichte Beute witternd sprang er laut bellend in seine Richtung. Voller Angst kletterte Lucien auf die Felsen, doch er musste feststellen, dass sie kaum hoch genug waren.

Zähnefletschend sprang der Wolf an ihnen hoch, während Lucien so weit oben wie möglich saß und die Beine anzog, während er seinen Dolch gezückt hatte und unbeholfen damit in der Luft herumfuchtelte.

»Verschwinde!«, schrie er in der Hoffnung, der Lärm würde das Tier verscheuchen. »Zieh Leine, ich schmecke nicht! Hörst du? Ich schmecke nicht, viel zu wenig dran an mir!«

Leider half dies nur bedingt. Der Wolf sprang zwar nun nicht mehr an den Felsen hoch, stattdessen schlich er, immer noch Zähne fletschend und knurrend, um ihn herum, lauernd und auf eine Gelegenheit wartend.

Luciens Hirn arbeitete auf Hochtouren. Er war nicht stark genug, um den Wolf zu überwältigen, ganz davon abgesehen, dass sein Dolch ein Witz gegen das Tier war. Was also konnte er tun? Herzlich wenig, leider.

Seine Rettung kam unverhofft alsbald darauf.

»Heda, Junge!«, hörte er jemanden aus einiger Entfernung von der Straße aus rufen.

Als er sich umdrehte, sah er einen Legionsreiter auf einem Pferd. Der Soldat schien mittlerweile selbst gesehen zu haben, dass Lucien in Bedrängnis geraten war, stieg vom Pferd und zückte sein Schwert. Mit einem lauten Schrei stürzte er sich auf den Wolf. Das Tier bemerkte die Gefahr und erkannte in ihr die weitaus größere Bedrohung als in dem Jungen.

Der Kampf dauerte nur kurz. Gegen die schwere Plattenrüstung des Soldaten kam der Wolf nicht an. Nach nur wenigen Schwerthieben, kniff er jaulend die Rute zwischen die Beine und rannte davon. Der Soldat wandte sich Lucien zu.

»Die Gefahr ist vorbei, du kannst herunter kommen«, sagte er.

Lucien kam dem eilends nach. »Danke«, presste er zwischen seinen Zähnen hervor. Er besaß ein gesundes Misstrauen gegenüber der Kaiserlichen Legion, aber vielleicht erkannte der Soldat nicht, dass er eine Straßenratte aus der Kaiserstadt war.

»Was machst du hier so allein und schutzlos in der Wildnis?«, fragte der Fremde.

»Ich suche Beeren für meine Mutter«, log Lucien. »Wir sind arm und sie krank und schwach, weshalb ich das allein machen muss.«

»Wohnt ihr weit von hier?«

»Wir haben eine Hütte im großen Forst, vielleicht eine Stunde von hier entfernt.« Lucien deutete in eine beliebige Richtung auf den Großen Forst. Irgendwo dort würde es sicherlich eine solche Hütte geben. Er hoffte nur, dass der Soldat es nicht nachprüfen musste.

Doch dieser nickte nur. »Dann pass auf dich auf. Wenn du noch einmal einem Wolf begegnest, schrei so laut, wie du kannst, und wirf Steine nach ihm. Die meisten Tiere verscheucht das«, riet er. Dann ging er zurück zu seinem Pferd, stieg auf und ritt weiter seine Patrouille.

Lucien sah ihm nach, um sicher zu gehen, dass er sich nicht weiter um ihn kümmerte. Erst dann wandte er sich ab und ging auch seines Weges.

Er würde noch viel lernen müssen, stellte er fest, wenn er sich nicht einmal gegen einen Wolf verteidigen konnte.

Nach einigen Stunden, die Sonne stand bereits hoch am Himmel und hatte ihren Zenit überschritten, sah er vor sich zwischen den Bäumen des Großen Forstes an der Straße die ersten Häuser auftauchen. Dies musste Bockbierquell sein, dachte er bei sich und überlegte, wie er nun weiter vorgehen sollte. In den letzten Stunden hatte er nicht wirklich darüber nachgedacht. Irgendwie hatte sich der Gedanke in ihm festgesetzt, dass er hierher gehen, Seed-Neeus töten und sich dann ein sicheres Plätzchen zum Schlafen suchen würde. Nun ging ihm auf, dass es sicherlich nicht so einfach werden würde. Er beschloss, sich in der Nähe des Dörfchens auf Lauer zu legen und es zu beobachten.

Ein wenig abseits der Straße fand er ein Gebüsch, das ihm geeignet schien. Hier hatte er einen guten Überblick über das Dorf und konnte gleichzeitig nicht so schnell entdeckt werden, besonders, wenn man nicht nach ihm suchte.

Schnell hatte er die Bewohnerschaft ausfindig gemacht: ein Dunkelelf, zwei Nord und eine Kaiserliche lebten hier in dem kleinen Dorf. Wahrscheinlich arbeitete noch jemand in der Taverne, die er nebst den beiden anderen Wohnhäusern ausmachen konnte. Die Bewohner Bockbierquells betrieben außerdem eine kleine Farm mit einem Gemüsefeld und einigen Tieren. Alles in allem überschaubar.

Seed-Neeus war der einzige Argonier im Dorf und daher ohne Probleme ausfindig zu machen. Er lungerte herum, tat mal dies, mal das. Die Dorfbewohner warfen ihm keine allzu freundlichen Blicke zu, tolerierten ihn aber ansonsten.

Lucien wartete bis zum Abend. Als die Sonne am Horizont zu verschwinden begann, begaben sich die Dorfbewohner in die Schenke. Nur Seed-Neeus blieb zurück. Er setzte sich an eine Feuerstelle im Dorfzentrum und begann, in einem kleinen, gusseisernen Kochtopf sich sein spärliches Abendessen zuzubereiten. Der angehende Mörder witterte seine Gelegenheit.

So leise, wie es ihm nur möglich war, schlich er aus seinem Versteck und in das Dorf, immer darauf bedacht, im Schatten zu bleiben. Ihm war nicht daran gelegen, dass die Dorfbewohner, sollten sie einen zufälligen Blick aus den Tavernenfenstern werfen, ihn sahen.

Seed-Neeus, nicht ahnend, dass seinem Leben Gefahr drohte, widmete sich ganz unbedacht seinem Essen, welches er schlürfend aus einer Schale löffelte. Er bemerkte den Jungen nicht. Leise zog dieser sein Messer und schlich sich von hinten an den Argonier heran. Sein Herz schlug so laut, dass er befürchtete, der Echsenmensch würde es hören können. Doch dem war nicht so.

Luciens Hand war ganz ruhig, als er das erste Mal in seinem Leben willentlich jemanden tötete. Er holte aus und senkte das Messer tief in den Rücken seines Opfers. Seed-Neeus keuchte auf, da stach Lucien auch schon ein weiteres Mal zu. Bevor sein Opfer schreien konnte, hieb er das Messer in dessen Hals. Er wusste nicht, wohin man zielen musste, weshalb das Blut wild herausprudelte, als er das Messer aus dem Fleisch zog. Der Argonier röchelte und versuchte vergeblich mit den Händen die Blutung zu stoppen, während er von seinem Hocker rutschte. Die Schüssel mit dem Eintopf war polternd zu Boden gefallen, doch niemand beachtete sie.

Schon war Lucien über den zu Boden gefallenen Argonier, wieder holte er aus und versenkte dieses Mal seinen Dolch in der Brust seines Opfers. Er genoss das Gefühl reißenden Fleisches und des warmen Blutes auf seiner Haut, während Seed-Neeus immer schwächer werdend unter ihm zappelte. Lucien drückte den Dolch so tief wie möglich in die Wunde und drehte ihn mehrmals um. Ein animalisches Grinsen lag auf seinem Gesicht, während er dem Argonier beim Sterben zusah. Er stellte fest, dass es ihm großes Vergnügen bereitete zu morden. Sicher wäre er bei der Dunklen Bruderschaft gut aufgehoben.

Der Todeskampf dauerte nicht mehr lange. Alsbald lag der Argonier still, Schrecken in seinen leeren Augen. Langsam erhob sich Lucien und betrachtete sein Werk. Die Tat war blutig und die Spuren des Kampfes unübersehbar. Erst überlegte er, ob er die Leiche fortschaffen solle, doch dann sagte er sich, dass dies kaum einen Unterschied machen würde. Das Blut würde verraten, dass Seed-Neeus umgebracht worden war. Wahrscheinlich würde es die Dorfbewohner ohnehin kaum stören, wenn der Bettler tot war.

Ohne zurückzublicken ging Lucien davon.

 

Er hatte irgendwo im Wald in einer laubigen Mulde ein Lager für die Nacht gefunden. Hielt die Sprecherin Wort, würde sie ihn hier finden. Und so kam es auch.

»Die Tat ist getan«, begrüßte sie ihn, nachdem er von ihrer kalten Präsenz geweckt worden war. »Woher ich das weiß? Du wirst sehen, dass die Dunkle Bruderschaft Mittel und Wege kennt, um zu erfahren, was sie will. Seed-Neeus ist tot, sein Blut die Tinte, und die Art der Exekution die Unterschrift. Du bist nun ein Mitglied unserer Familie, sie wird dich mit offenen Armen empfangen. Willkommen, Bruder.«

Lucien konnte nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf seine mageren Züge schlich. »Wie geht es nun weiter?«, fragte er.

»Gehe nach Cheydinhal zum verlassenen Haus. Im Keller findest du eine Schwarze Tür, versuche, sie zu öffnen. Man wird dich etwas fragen, und du antwortest so: ›Sanguin, mein Bruder.‹ Dann wird man dir Einlass gewähren. Sprich dort mit Cassius Proximo, er wird dich in deine neue Familie einführen und dich mit den anderen Mitgliedern der Zuflucht und, was noch wichtiger ist, mit unseren fünf Geboten vertraut machen. Für uns nun ist die Zeit des Abschiedes gekommen. Geh nun auf deinem finsteren Pfad und wate im Blute der Feinde Sithis‘. Ich werde über dich wachen, auch wenn wir uns nun für lange Zeit nicht mehr sehen werden.«

Mit diesen Worten war sie im Nichts verschwunden, einfach so, wie bei ihrem ersten Treffen. Lucien hatte noch so viele weitere Fragen, doch anscheinend mussten sie warten, bis er die Zuflucht erreicht hatte.

Cheydinhal. Er wusste nicht genau, wo das lag, nur, dass die kleine Stadt irgendwo im Osten Cyrodiils zu finden sein. Am besten, er folgte einfach weiter der Ringstraße und wartete, bis irgendwann ein Weg nach Osten abging. Sicherlich würde er sein Ziel dann schon finden.

Erst, als er Bockbierquell weit hinter sich gelassen hatte, wagte er sich wieder auf die Straße, überquerte sie und strebte dem Ufer des Sees zu. Noch immer klebte Blut an ihm, das er besser von sich abwusch, bevor er dem nächsten Reisenden begegnete.

Das Blut an seinen Kleidern war leider nur sehr schwer halbwegs gut zu entfernen. Er hoffte, dass es nicht weiter auffiel, und fluchte, weil seine Kleidung nun kalt und klamm war. Doch es musste gehen. Er hatte noch einen langen Weg vor sich und hoffte, noch vor Mittag sein Ziel zu erreichen.

Die Sonne ging bereits auf, als er endlich eine Weggabelung erreichte. Nahe einer alten Festungsruine, in deren Schatten Lucien Goblins ausmachen konnte, fand er einen Wegweiser. Er konnte nicht lesen, vermutete aber, dass der Weg, der nach links abging, sein Weg war. Geradeaus führte die Ringstraße weiter, und da das definitiv nicht die richtige Richtung war, wandte er sich nach Osten, die aufgehende Sonne im Gesicht.

Zu seinem Leidwesen musste er feststellen, dass in der Wildnis mehr lauerte als nur wilde Tiere. Es dauerte nicht lang, als er in einiger Entfernung das Lager einiger Wegelagerer ausmachte. Und dieses Mal würde er sicher nicht mehr so viel Glück haben, dass jemand ihm zu Hilfe eilte.

Die Banditen schienen ihn noch nicht bemerkt zu haben, was zu seinem Glück gereicht sein könnte. Hastig sah er sich um. Die Gegend hier war eine offene, hügelige Graslandschaft mit nur wenigen, spärlichen Bäumen, doch nördlich des Weges wuchs ein kleiner Hain. Darauf bedacht, keine hastigen, verräterischen Bewegungen zu machen, huschte er in diese Richtung. Vielleicht konnte er so die Gefahr umgehen.

Es gelang ihm tatsächlich. Die Gesetzeslosen schienen gerade erst erwacht zu sein und sich für den Tag vorzubereiten. Sie tranken und aßen und achteten nicht wirklich auf ihre Umgebung. Ihre Unachtsamkeit ermöglichte es Lucien, ihren Blicken zu entgehen.

Erst als er sie hinter sich kaum noch ausmachen konnte, wagte er sich wieder auf die Straße. Das Herzland schien wie ausgestorben, nur hin und wieder flogen einige Schmetterlinge und andere Insekten sowie von Zeit zu Zeit ein Vogel am Himmel entlang. In der Ferne sah er manchmal eine Gruppe Rehe, doch darüber hinaus konnte er kaum Leben ausmachen. Nur einmal begegnete ihm eine reisende Khajiit. Er fragte sie, ob das der Weg nach Cheydinhal sei und zu seiner Freude bestätigte sie dies. Froheren Mutes schritt er beschwingter aus.

Nach einer Weile tauchte er erneut in einen Wald ein, und dann dauerte es auch nicht mehr lang, bis er vor sich schwach durch die Bäume die Stadtmauern seines Ziels hindurch schimmern sah. Wieder konnte er ein Grinsen nicht unterdrücken. Sein Leben in der Kaiserstadt war Geschichte, denn bald führte er ein Leben in den Schatten und ganz sicher auch in Luxus und Wohlstand.

Der Vormittag war angebrochen und Lucien knurrte der Magen. Er war Hunger gewöhnt und so fiel es ihm nicht schwer, das Gefühl zu unterdrücken. Dennoch überlegte er kurz, ob er sich nicht, bevor er das verlassene Haus suchte, etwas zu essen besorgen sollte. Was wäre, wenn man ihn erneut prüfte, und er mit leerem Magen antreten musste? Dann entschied er sich jedoch dagegen. Sollte es so kommen, was er nicht glaubte, dann würde er auch das durchstehen. Außerdem hatte es für ihn oberste Priorität, tatsächlich in die Dunkle Bruderschaft aufgenommen zu werden.

Denn schon die ganze Zeit über hatte eine leise Stimme in ihm geflüstert, dass das alles doch ein Traum sein müsse. Wie konnte jemand wie er so viel Glück haben und tatsächlich durch einen simplen Mord Kontakt zur Bruderschaft aufnehmen? Wie konnte es so einfach sein, dem harten und zumeist kurzen Leben in der Gosse zu entkommen?

Die Wachen am Tor warfen ihm scheele Blicke zu, ließen ihn aber dennoch passieren. Und dann betrat er jene Stadt, die ihm ein neues Zuhause werden sollte.

Cheydinhal war gänzlich anders als die Kaiserstadt. Nicht nur die deutlich geringere Größe fiel sogleich ins Auge, sondern auch die Ordentlichkeit und Ruhe. Kaum jemand hetzte hier umher, schrie durch die Gassen und drängte sich mit Ellbogen und Knien durch die Massen. Ganz davon abgesehen, dass es hier keine Massen gab. Die Straßen waren im Vergleich zu denen der Kaiserstadt wie leergefegt und, so schien es Lucien jedenfalls, obwohl es nicht der Fall war, regelrecht wie geleckt. Noch nie hatte er einen so sauberen Ort wie diesen gesehen, er, der es gewohnt war, im Abfall der Gesellschaft zu leben.

Staunend und mit weit offenen Augen und Mund stand er am Tor und glotzte, bewunderte alles um ihn herum und nahm es in sich auf. Erst ein unsanfter Stoß gegen die Schulter brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.

»Pass doch auf, du Rotzbengel!«, fuhr ihn ein Bewohner der Stadt an. »Steh nicht rum und gaffe, sondern beweg dich!«

Lucien sah zu, dass er dem nachkam. Er wollte keinen Streit anfangen, und ohnehin war es immer besser, Leuten wie diesen aus dem Weg zu gehen.

Arela Drewani hatte keine Angaben gemacht, wo er das Haus finden würde, aber die Stadt schien ohnehin nicht allzu groß zu sein. Ein guter Orientierungspunkt war die Kirche im Zentrum der Siedlung, um die sich alle weiteren Häuser gruppierten. Er würde sie wahrscheinlich einfach umrunden müssen, um zu finden, was er suchte.

Es kam auch so, wie er es vermutet hatte. An der östlichen Seite der Stadt an einem kleinen Platz vor dem Kircheneingang fand er, was er suchte. Es gab sonst kein anderes Haus in der Stadt, welches so verfallen aussah wie dieses. Das musste das verlassene Haus sein, welches die Sprecherin gemeint hatte.

Lucien zögerte. Nur wenige Leute waren zwar anwesend, doch würden sie nicht Verdacht schöpfen, wenn er einfach so in das Haus spazierte? Also begann er, sich nach einem Hintereingang umzusehen. Bis auf einen Brunnen neben dem Haus fand er jedoch nichts, das nach einem getarnten Eingang aussah, und auch das Gitter des Brunnens saß fest und die Fenster im Erdgeschoss ließen sich nicht aufbrechen. Er würde wohl oder übel den Haupteingang nehmen müssen.

Auch dieser war verschlossen, doch das Schloss ließ sich knacken. Luciens kleine, zierliche Finger waren geschickt und geübt darin, ihm Zugang zu Orten zu verschaffen, die er eigentlich nicht betreten durfte. Schnell war das Schloss aufgebrochen. Er sah sich um, ob auch niemand in seine Richtung blickte, dann huschte er in das Haus.

Ein muffiger, staubiger Geruch schlug ihm entgegen. Im Haus war alles finster, kein Licht brannte und die meisten Fensterläden waren vorgeklappt. Das wenige Licht reichte gerade dazu aus, um ihm den Weg vorbei an Spinnenweben und Sperrmüll zur Kellertür zu zeigen.

Nichts schien an diesem Haus ungewöhnlich zu sein bis auf den Fakt, dass ein Haus in einer guten Wohngegend anscheinend schon so lange leer stand. Auch der Keller schien gewöhnlich, sogar ein paar alte Flaschen mit billigem Fussel fand er hier.

Sowie einen Durchbruch in der Mauer. Ein Gang schloss sich ihm an, der tiefer in den Fels zu führen schien, auf dem das Haus stand. Ein rotes Glühen drang daraus hervor.

Nervös zückte Lucien seinen Dolch. Alle Zuversicht war aus ihm geschwunden, und er musste sich eingestehen, dass er es mit der Angst zu tun bekam. Was war das hier für ein Ort? Was ging hier vor sich?

Dennoch betrat er den Gang. Er war kurz und abschüssig und nach nur wenigen Schritten bog er nach links ab. Dort sah sich Lucien dem gegenüber, was die Sprecherin wohl mit der Schwarzen Tür bezeichnet hatte.

Die Tür schien aus Oblivion selbst zu stammen. Ein rotes Glühen ging von ihr aus, durchsetzt von schwarzen Schatten. Sie schienen Figuren zu bilden, doch Lucien konnte nicht genau sagen, was sie taten. Auf der Schwelle vor der Tür war Blut, blutige Handabdrücke waren zu erkennen, als wäre jemand fortgeschleift worden, hätte sich aber versucht festzuhalten. Und überall waren Knochen und menschliche Schädel.

Er schluckte, und wahrscheinlich war es das Tapferste, was er jemals in seinem Leben tat und noch tun würde, als er dennoch weiterging.

Als er näher trat, erscholl eine mystische Stimme. »Welche Farbe hat die Nacht?«, wurde er gefragt. Er konnte nicht sagen, von woher die Stimme erklang oder welcher Art der Sprecher war. Es schien irgendwie, als wäre die Stimme nicht von dieser Welt.

Er erinnerte sich der Worte Arela Drewanis und gab die korrekte Antwort: »Sanguin, mein Bruder.«

Die Tür schwang knirschend auf und gab den Blick frei auf das Heiligtum.

»Willkommen daheim«, zischelte die Stimme.

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte dieses Textes: Tatsächlich ist er einer meiner ältesten. Die Idee trage ich quasi mit mir herum, seit ich Oblivion spiele (was so um 2007 herum gewesen war) und Lucien sich zu meinen Lieblingscharakter musterte. Sein Tod war lange Zeit das Ereignis in Spielen schlechthin, bei denen ich meinen Bildschirm anschrie, wie scheiße doch alles sei, das könne doch nicht sein. Na und so weiter. Jedenfalls begann ich diesen Text um 2009 oder 2010, damals noch mit dem Titel »Die bleiche Hand des Todes. Damals kam ich aber nie weiter als nur ein paar Absätze, was, wie sich dann 2015 zeigte, als ich hiermit erneut begann, auch gut so war. Damals hätte ich diesen Text gnadenlos in den Sand gesetzt, und darum wäre es echt schade gewesen. Jetzt kann man ihn immerhin halbwegs gut lesen. Aus Spaß folgt hier das, was ich damals schrieb:

„Vergiss es, es ist zu gefährlich!“

  „Halt die Klappe!“, fuhr der kaiserliche Junge mit Namen Lucien Lachance den jungen Waldelf vor ihm an. „Was verstehst du schon vom Stehlen, Malvin? Natürlich ist es nicht zu gefährlich, den Händler dort auszurauben! Ich frage mich, was du hier überhaupt noch machst, du Stümper und Angsthase!“ Was bildete sich das Langohr eigentlich ein? Er war hier der Anführer der Bande von Straßenjungen. Er allein! Er war der Herr der Straßen, der Beherrscher der Straßenkinder!

  „Bild dir bloß nichts ein!“, schnaubte Malvin.

  Er war mutig, das musste man ihm lassen, doch auch dumm. Aber das waren alle Elfen. Sich ihm in den Weg zu stellen! Jeder wusste, dass dies sehr schmerzhaft werden würde.

  Doch Malvin hatte den Bogen eindeutig überspannt.

Mit einem Wutschrei sprang Lucien auf ihn zu und prügelte auf ihn ein. Niemand hielt ihn auf, niemand wollte sich freiwillig mit ihm anlegen. Obgleich Malvin immerhin ein Elf war, konnte er Lucien nichts entgegensetzten. Er konnte sich lediglich so gut es ging verteidigen und sich unter den heftigen Schlägen wegducken, jämmerliche Schmerzenschreie ausstoßend. Das Messer, das plötzlich in Luciens Hand aufblitzte, sah er jedoch nicht kommen. Seine Schmerzensschreie gingen über in schreckliches Geheul, als Lucien ihm den blanken Stahl erst in die Seite rammte und dann immer und immer wieder zustieß, auch, als sich Malvin schon lange nicht mehr regte. Die Kinder seiner Bande standen mit verschreckten Gesichtern regungslos um ihn herum und starrten ihn entsetzt an. Stehlen, Beutel abschneiden, einbrechen, aber noch nie hatte jemand von ihnen getötet oder einem Mord beigewohnt!

Wissen ist Macht

Als er durch die Tür trat, wurde Lucien von einem Kaiserlichen in schwarz gefärbter Lederrüstung begrüßt. Über das ganze Gesicht strahlend kam der Mann auf ihn zu. Die Narben, die sein Gesicht verunstalteten, verzogen sein Lächeln jedoch zu einer hässlichen Grimasse, die Lucien instinktiv zurückweichen ließ.

»Oh, mach dir nichts aus den Narben, Junge«, sagte der Mann. »Ignorier sie einfach, Berufsrisiko, mehr nicht. Ich bin Cassius Proximo und du musst Lucien Lachance sein. Arela Drewani hat mir bereits von dir erzählt. Der neue, vielversprechende Bruder. Ich hatte jemanden erwartet, der … mehr hermacht. Aber wenn die Sprecherin einen Jungen aus der Gosse für vielversprechend erachtet, dann wird es wohl so sein.«

»Redet nicht so viel, Cassius, und kommt auf dem Punkt«, meldete sich eine Hochelfe aus dem Hintergrund.

Der Kaiserliche winkte ab und schnaubte. »Pah!«, machte er und wandte sich wieder Lucien zu. »Ich leite diese Zuflucht, wie dir Arela sicherlich bereits gesagt hat, und unterstehe dabei ihrem direkten Befehl. Aber alles der Reihe nach. Du bist neu hier, also werde ich dich den anderen Mitgliedern unserer Familie vorstellen und dich in unsere Regeln einweisen.«

Er führte Lucien in das, was wohl der Hauptraum der Zuflucht war, ein alter Bau inmitten des Erdreiches. Zu beiden Seiten gingen Türen ab und gegenüber des Einganges, durch welchen Lucien die Zuflucht betreten hatte, führte ein weiterer Gang ab, der jedoch alsbald nach rechts bog, sodass er noch nicht erkennen konnte, was dahinter lag. An den Wänden der Zuflucht hingen große Wandteppiche mit dem Zeichen einer schwarzen Hand auf rotem Hintergrund. Alles hier wurde von Fackeln und Kerzenleuchtern erhellt.

»Dies hier«, sagte Cassius und deutete um sich, »ist unsere Zuflucht, unser Heim und der Ort, von dem aus wir operieren. Hier trainieren wir und von hier ziehen wir in die Welt aus, um unsere Aufträge zu erfüllen. Ich werde dich nun nach und nach den anderen vorstellen. Du wirst im Laufe deiner Ausbildung mit ihnen sicherlich noch mehr zu tun bekommen.«

Er deutete auf die Hochelfe, die in einer Ecke des Hauptraumes in einer Sitzecke las, die Ankunft des Neuen jedoch mit finsterem Blick verfolgt hatte.

»Diese reizende Dame dort ist Caelwen«, sagte Cassius. »Sie ist eine Pyromanin, also pass auf, was du zu ihr sagst. Wenn du sie verärgerst, kann es sein, dass sie uns alle in einem riesigen Feuerball in die Luft jagt.«

Caelwen schnaubte. »Passt auf, dass ich Euch nicht zu Asche verbrenne«, drohte sie.

Cassius schien davon jedoch nicht weiter beeindruckt zu sein. Stattdessen trat er in den Gang, Lucien folgte ihm schweigend.

»Das Zimmer hier links ist meines«, sagte der Kaiserliche. »Wenn du irgendein Problem hast oder später, wenn du für schwierigere Aufträge bereit bist, für die ich zuständig bin, findest du mich hier.«

Lucien nickte und deutete den Gang weiter hinab. Er wurde alsbald abschüssig und bog wieder nach links. »Und dort unten?«

„Dor hat Vicente Valtieri sein Zimmer. Anfangs wirst du ihm unterstellt sein und von ihm wirst du auch deine ersten Aufträge erhalten, sobald du reif genug dafür bist. Komm, Stift, lass uns Hallo sagen.«

Cassius pochte an die Tür und trat auf ein leises »Herein!« hin ein.

Vicente war die erste wirklich große Überraschung hier. Es handelte sich bei ihm um einen großen, bleichen und vor allem sehr hageren Kaiserlichen. Doch die Augen, aus denen der stete Hunger sprach, waren das, was Lucien den letzten Hinweis gab.

»Ihr seid ein Vampir!«, stieß er aus und fasste sich instinktiv an den Hals. Er hatte nur Gerüchte gehört, doch sie genügten, um ihm Angst und Bange zu machen.

Vicente grinste und entblößte sein Raubgebiss. »Die halbe Portion denkt, ich würde ihn aussaugen wollen«, scherzte er.

»Vicente, sei nett zu ihm«, rügte Cassius. »Ich habe ihn noch nicht in die Gebote eingeweiht, er weiß nicht, dass du an sie gebunden bist.«

Das Lächeln verschwand nicht, wurde nun jedoch wärmer. Vicente wandte sich an den Jungen. »Du bist also der Neue. Ich bin gespannt, was du hergibst. Und nimm mir meinen Scherz bitte nicht übel, ja? Ich kann sehr nett sein, wenn ich will. Ich würde dir zur Begrüßung ja gerne einen Wein anbieten, aber …« Er deutete auf seinen Weinkelch, und es wurde sehr schnell ersichtlich, dass er nicht das enthielt, für das er geschaffen worden war.

»Aber wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, Cassius?«, bat der Vampir. »Ich bin gerade auf ein sehr spannendes Werk über die Ayleiden gestoßen. Ihr letzter König und dessen Krone und so weiter.«

Sie verabschiedeten sich und wandten sich wieder um. Wie Cassius erklärte, besaß die Zuflucht noch zwei weitere Räume: der Gemeinschaftsraum, in dem sie wohnten, aßen und schliefen, sowie der Übungsraum, in welchem sie ihre Fähigkeiten erproben und erweitern konnten. Wie der Leiter versprach, würde Lucien in letzterem noch sehr viel Zeit verbringen.

Sie gingen zuerst in den Gemeinschaftsraum, in welchen sich mittlerweile Caelwen begeben hatte und nun sehr gestenreich mit einem Dunkelelfen diskutierte, welcher Lucien als Sares Areles vorgestellt wurde.

»Er ist unser Anschleichkünstler«, erklärte Cassius. »Keiner kann sich besser ungesehen unerlaubten Zutritt verschaffen als er.«

»Und keiner sonst schießt einem Vogel im Flug das Auge aus«, brüstete sich Sares.

»Wie erbärmlich, müsst Ihr schon vor einem Kind angeben«, knurrte Caelwen.

»Caelwen, genug!«, fuhr Cassius sie scharf an. »Ich weiß, dass Ihr ihn am wenigsten von uns allen leiden kannst, aber Ihr seid wie jeder andere auch an die Gebote gebunden. Erinnert Euch ihrer! Noch ein Fehltritt und Ihr werdet uns eine Woche lang den Küchendienst abnehmen dürfen.«

Die Hochelfe funkelte ihn an, schwieg jedoch. Cassius schenkte ihr einen letzten strengen Blick, als wolle er sich vergewissern, dass sie ihm auch tatsächlich gehorchte, und wandte sich dann ab. Zwei weitere Mitglieder besäße diese Zuflucht noch, sagte er, davon einer fast ebenso frisch wie Lucien.

Sie fanden die beiden letzten Mitglieder und damit die zweite negative Überraschung nach dem Vampir im Trainingsraum. Ein Argonier übte hier mit Holzmessern den Kampf mit einem kleinen Jungen, der wohl ungefähr im selben Alter sein musste wie Lucien. Diesem fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als er den Jungen erkannte.

»Caius!«, rief er aus. Sein Rivale, den alle für tot geglaubt hatten! Dann hatte er also genau wie Lucien den Weg zur Bruderschaft gefunden.

Aus dem Konzept gebracht, starrte Caius zu seinem Rivalen, genauso überrascht wie dieser, ihn hier anzutreffen. Der Argonier nutzte dies und verpasste ihm einen kräftigen Schlag in die Seite, dass er keuchend die Luft ausstieß.

»Tot! Konzentration, Bengel!«, fuhr er den Jungen an.

»Das war hinterhältig!«, beschwerte sich Caius.

»Wir sind Assassinen, wir nutzen jede Finte, die sich uns bietet, egal, wie heimtückisch sie ist«, zischelte der Argonier. »Und das soeben war wirklich dumm von dir. Wäre das ein echtes Schwert, ich hätte dich glatt in zwei Hälften geteilt. Lasse dich niemals ablenken und aus der Bahn bringen, Junge!«

»Wie du siehst, ist die Schattenschuppe Tsonashap unser Schwertmeister«, sagte Cassius. »Er wird dir das Kämpfen mit Nahkampfwaffen beibringen.«

Doch Lucien hatte nur Augen für seinen Rivalen, welcher ihn ebenso finster anstarrte.

Tsonashap bemerkte die Blicke, die zwischen den Jungen ausgetauscht wurde. »Ihr kennt euch«, stellte er fest.

»Der da hatte genau wie ich seine Bande von Straßenkindern«, knurrte Caius.

»Ah, ich sehe. Und ihr seid Rivalen gewesen, verstehe.« Cassius nickte wissend. »Dann betone ich es für euch beide deutlich: Ihr seid an die Gebote gebunden. Caius, du kennst sie, Lucien werde ich sie gleich lehren. Für euch heißt dies, dass wir hier keine Rivalitäten mehr dulden. Was ihr vorher gewesen wart, spielt keine Rolle. Jetzt gehört ihr der Bruderschaft an und seid Teil der Familie.«

Beide Jungen verspürten denselben Widerwillen, aber obwohl Lucien die Gebote nicht kannte, die nun schon mehrmals zur Sprache gekommen waren, spürte er instinktiv, dass harte Strafen folgen würden, würde er gegen sie verstoßen. Dennoch schmeckte es ihm nicht, Caius hier vorzufinden, und schon überlegte er ganz klammheimlich, wie er dem Mistkerl eins auswischen konnte.

»Nun, damit hast du jedenfalls alle Personen dieser Zuflucht kennengelernt, Lucien«, sagte Cassius in einem sanfteren Tonfall. »Dennoch werden sicher noch sehr viele Fragen offen sein. Komm, ich will sie dir bereitwillig beantworten.«

Sie gingen wieder in den Hauptraum der Zuflucht und begaben sich in die Ecke, in der sie zuvor Caelwen lesend angetroffen hatten. Mehrere kleine Bücherregale standen hier und am Boden war ein roter Teppich ausgelegt, so weich, wie Lucien es noch nie in seinem Leben gefühlt hatte. Die Faszination des Jungen für den Teppich ignorierend, setzte sich der Zufluchtsleiter und griff hinter sich nach einem der Bücher. Er reichte es Lucien, ihm gleichzeitig bedeutend, sich zu setzen.

»Das sind die Fünf Gebote«, sagte er. »Sie leiten und führen uns auf unserem Weg als Assassinen.«

Lucien wusste sogleich, dass er noch nie in seinem Leben einen so wertvollen Gegenstand wie dieses in Leder und Pergament gebundene Buch in Händen gehalten hatte. Dabei war es sogar recht schmucklos, weder goldene Letter noch Illuminationen waren zu finden.

Er betrachtete es eine Weile und hob dann den Kopf. »Ich kann nicht lesen«, stellte er klar.

»Das dachte ich mir bereits«, erwiderte der Kaiserliche. »Dann wirst du es lernen und dieses Buch wird der Anfang sein. Vorerst muss es genügen, wenn ich dir die Gebote mündlich mitteile. Wisse, dass Verstöße gegen sie harte Strafen nach sich ziehen und wir in ihrer Ausführung keine Gnade kennen. Nur dank der Gebote kann die Bruderschaft bestehen. Höre also gut zu. Erstes Gebot: Entehrt niemals die Mutter der Nacht. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Zweites Gebot: Verratet niemals die Dunkle Bruderschaft oder ihre Geheimnisse. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Drittes Gebot: Missachtet niemals die Befehle eines höhergestellten Mitgliedes der Dunklen Bruderschaft. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Viertes Gebot: Stehlt niemals die Besitztümer eines Dunklen Bruders oder einer Dunklen Schwester. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis. Fünftes Gebot: Tötet niemals einen Dunklen Bruder oder eine Dunkle Schwester. Diese Handlung erweckt den Zorn von Sithis.«

»Dieser Sithis scheint ja sehr leicht zu erzürnen zu sein, wenn so viele Handlungen seinen Zorn erwecken«, stellte Lucien fest.

»Scherze nicht über unseren fürchterlichen Vater!«, fuhr ihn Cassius streng an.

Erschrocken zog der Junge den Kopf ein.

Der Kaiserliche atmete durch und lehnte sich zurück. »Doch dieses eine Mal will ich es dir verzeihen. Du weißt noch nicht viel über Sithis.«

»Aber Ihr werdet mir doch sicherlich davon erzählen, oder?«, fragte Lucien nach.

»Gewiss. Doch wisse, dass es schwer ist, die Natur unseres fürchterlichen Vaters zu begreifen«, betonte Cassius. »Er trägt viele Namen: Chaos, Verdammnis, Zwietracht. Sithis ist die Leere und seine Braut die Mutter der Nacht. Die Dunkle Bruderschaft entstand aus ihrer Liebe, wir, ihre Kinder, dienen der Mutter, unserer unheiligen Oberin.

Doch haben wir auch weltliche Organe: die Schwarze Hand. Eines ihrer Mitglieder hast du bereits kennengelernt, Arela Drewani. Die Schwarze Hand hat fünf Mitglieder, vier Sprecher und einen Zuhörer. Vier Finger und ein Daumen also. Sie greifen nach der Welt und unterwerfen sie unserem Einfluss. Der Zuhörer ist unser oberstes Mitglied, er allein darf den Worten der Mutter der Nacht lauschen und gibt sie an seine Sprecher weiter. Sie handeln in seinem Namen und sorgen um ihre Zufluchten. Arela Drewani untersteht diese Zuflucht, von ihr erhalten wir unsere Aufträge. Sie leitet sie an mich weiter, und ich wähle die Mitglieder aus, die mir am geeignetsten dafür erscheinen.«

»Und die Mutter der Nacht? Welche Rolle hat sie dabei? Wie erfährt sie von den Aufträgen?«, fragte Lucien.

»Hast du noch nie vom Schwarzen Sakrament gehört?«, fragte Cassius. »Jenes Ritual, das die ausführen, die unsere Dienste wünschen. Tollkirsche, Menschenknochen und ein menschliches Herz. Die Mutter der Nacht erhört ihre Gebete und spricht zu ihrem Zuhörer. Dann ersucht ein Sprecher der Schwarzen Hand den Bittsteller und bespricht mit ihm die Details des Auftrages. So bekommen wir unsere Aufträge und so weißt du nun auch, woher wir all unser Wissen erhalten. Die Mutter der Nacht ist überall zugleich, sie sieht und hört alles und nichts entgeht ihr. Auch dich hat sie auserwählt, durch sie wissen wir bereits jetzt so viel über dich. Denn Wissen ist vor allem eines: Macht.«

Lucien erschauderte, als er erkannte, wie mächtig die Bruderschaft war. Wenn sie ihre Finger tatsächlich so allumfassend und überall im Spiel hatte, wie Cassius es hier andeutete, dann war sie eine nicht zu verachtende Größe in Tamriel.

»Wie kommt es aber, dass wir hier direkt unter den Augen der Bürger und des Fürsten von Cheydinhal leben und man uns dennoch nicht behelligt?«, fragte er.

»Wenn du eines sehr rasch lernen wirst, dann, dass die Bürger Tamriels sehr gut darin sind, die Dinge nicht zu sehen, die sie nicht sehen wollen«, erwiderte Cassius mit einem Grinsen. »Zudem ist der Fürst Gold sehr zugetan, und davon haben wir eine Menge. Womit wir auch schon beim Organisatorischen wären. Komm mit.«

Er erhob sich und bedeutete Lucien, dasselbe zu tun. Gemeinsam gingen sie in das Zimmer des Zufluchtsleiters. Dieser hielt direkt auf eine große Truhe zu, die in einer der Ecken stand, und öffnete sie. Heraus holte er eine Rüstung, wie Lucien sie schon bei den meisten anderen Zufluchtsmitgliedern gesehen hatte.

»Du bist dürrer als gedacht, Stift, weshalb die Rüstung vielleicht noch angepasst werden muss«, sagte Cassius. »Doch sie gehört nun dir. Jeder von uns besitzt eine solche Eingehüllte Rüstung, und ich denke, du wirst ihre Vorzüge sehr zu deinem Gefallen finden. Sie besitzt Verzauberungen, die deine Fähigkeiten als Assassine unterstützen. Auch wirst du von uns, sobald du bereit dazu bist, Waffen zur Verfügung gestellt bekommen. Sie werden im Gegensatz zur Rüstung zwar nicht die besten sein, doch wenn du deine Aufträge gut erfüllst, kann es durchaus sein, dass du zu der üblichen Belohnung noch einen Bonus bekommst. Die Belohnung selbst fällt üblicherweise in Gold aus, je nach Art des Auftrages mehrere hundert Septime.«

Lucien glaubte, sich verhört zu haben. Von so einer Menge Geld hatte er nicht einmal zu träumen vermocht! Auch die Rüstung in seinen Händen starrte er ehrfürchtig an. Sie bestand aus äußerst weichem und leichtem Leder und sicher würde er sich darin nahezu lautlos bewegen können, wenn er darin ein wenig geübter war. Zu der Rüstung gehörte eine schwarze, sein Gesicht verhüllende Kapuze aus etwas, von dem Lucien nur vermuten konnte, dass es Samt war, da er nie zuvor einen ähnlichen Stoff berührt hatte. Das sanfte Kribbeln auf seiner Haut ließ ihn vermuten, dass dies von den Verzauberungen herrührte, von denen Cassius gesprochen hatte.

Der Junge wollte sich lieber nicht vorstellen, was für einen Wert er hier in Händen hielt.

»Danke«, hauchte er völlig sprachlos. Er hätte nie damit gerechnet, dass man ihn so gut behandeln würde und ihm einfach so sündhaft teure Geschenke machte!

»Wir sorgen für unsere Mitglieder«, betonte Cassius, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. »Aber nun komm. Ich höre doch schon die ganze Zeit deinen Magen knurren. Du hast sicher Hunger. Iss so viel, wie du willst. Danach übergebe ich dich Vicente. Er wird sich um deine weitere Ausbildung kümmern.« Dann fügte er noch an: »Ah. Und du brauchst wirklich keine Angst vor ihm zu haben. Du kennst nun unsere Gebote und weißt, dass er genauso an sie gebunden ist wie alle anderen auch.«

Lucien nickte, die Rüstung fest an seine schmächtige Brust gedrückt. Wenn Cassius das so sagte, dann würde dies sicherlich auch stimmen.

Sie begaben sich in den Wohnraum der Zuflucht. Lucien setzte sich an einen Tisch, während Cassius ihm Brot, Käse und sogar Met brachte.

»Aus der Honigbräu-Brauerei in Weißlauf, Skyrim«, sagte er. »Koste mal, so etwas hast du bestimmt noch nie getrunken.«

Grinsend verfolgte er, wie Lucien gar nicht wusste, was er zuerst essen sollte. Am liebsten alles zugleich verschlang er Käse und Brot und kippte den Met hinunter, als sei es Wasser.

»Langsam, langsam, Stift«, lachte Sares, der ebenso noch immer anwesend war. »Sonst liegst du uns am Ende noch besoffen unter dem Tisch. Mit Caius hatten wir das Schauspiel neulich erst, und du bist noch dürrer als er.«

»Was ist eine Schattenschuppe?«, fragte Lucien mit vollem Mund nuschelnd. Ein paar Brotkrumen fielen ihm aus dem Mundwinkel. Hastig wischte er sich mit dem Handrücken darüber, um nichts von dem köstlichen Essen zu verlieren. Noch nie hatte er so frischen Käse und so süßes Brot gegessen. Und erst der Met! Der billige Fusel, den er manchmal auf der Straße aufgeschnappt hatte, war nichts im Vergleich dazu.

»Ich hatte es bei Tsonashap erwähnt, richtig«, sagte Cassius. »Vorerst aber eins: Sprich ihn nie auf die Bedeutung seines Namens in Jel an.«

»Wieso nicht?«, wollte Lucien wissen.

Sares prustete los. »Er heißt Schwimmender Frosch. Meiner Meinung nach ein sehr passender Name, aber er hört das ganz und gar nicht gern.«

»Er ist ein Argonier, also schwimmt er sehr gern«, erklärte Cassius. »Außerdem springt er, wenn er mit der Klinge kämpft, hin und her, wie sonst kaum wer. Das ist sein Vorteil im Kampf, da er so nur sehr schwer zu erwischen ist, aber es erinnert doch sehr an einen Frosch.

Aber nun zu den Schattenschuppen. Jeder Argonier, der im Zeichen des Schattens geboren wurde, ist eine solche Schattenschuppe. Sie sind die Agenden und Meuchelmörder Schwarzmarschs. Sind die jungen Argonier alt genug, werden sie zur Morag Tong oder, wie in Tsonashaps Fall, zur Dunklen Bruderschaft gebracht. Ihr Leben ist der Bruderschaft gewidmet und sie werden eins mit den Schatten.«

»Was ist mit der Morag Tong?«, fragte Lucien. Auch von dieser Organisation kannte er nur Gerüchte.

Sares sog zischend die Luft ein. »Ein schwieriges Thema, Stift, ein schwieriges«, sagte er. »Wir von der Bruderschaft hören nicht gern von der Morag Tong, da sie unsere Konkurrenten sind. Frag besser nicht weiter nach und gehe ihnen aus dem Weg, wenn du kannst.«

Inzwischen hatte Lucien seine Mahlzeit beendet und sah sich nach weiterem Essen um.

»Besser nicht«, hielt Cassius ihn auf. »Ich kann mir vorstellen, dass dein Magen es gewöhnt ist, die meiste Zeit leer oder nahezu leer zu sein. Mit einem Male so viel zu essen, ist kontraproduktiv.«

Verstimmt nickte Lucien. Er wollte nicht zugeben, dass sein Magen bereits schmerzhaft gedehnt war. Dennoch wollte er noch immer mehr Essen, allerdings sah er, dass er sich damit wohl würde gedulden müssen.

Cassius erhob sich. »Wenn du keine weiteren Fragen hast, dann suche dir eines der Betten aus und schlafe dich aus. Melde dich heute Abend bei Valtieri.«

Mit diesen Worten wandte sich Cassius ab. Nur Sares blieb, dieser widmete sich jedoch seiner Ausrüstung, die in einer Truhe vor einem der Betten verstaut war.

Unsicher ging Lucien zu den Betten, die an der anderen Seite des Raumes aufgereiht standen. Er hatte noch nie in einem richtigen Bett geschlafen, nicht mal auf einer Strohmatratze. Solch ein Luxus hatte sich in den Gossen der Kaiserstadt nicht gefunden.

»Nur zu, nimm irgendeines«, munterte der Dunkelelf ihn auf. »Bei den Betten erheben wir im Gegensatz zum Inhalt der Truhen keine Besitzansprüche.«

»Es ist nur … ich habe noch nie auf einem Bett gelegen«, nuschelte Lucien verlegen. »Geschweige denn, dass ich jemals so gut gelebt habe wie in der kurzen Zeit, die ich hier bin. Wenn ich mich hinlege, wache ich doch bestimmt auf und stelle fest, dass das alles nur ein Traum gewesen war.«

Sares lachte auf. »Pah, wenn’s weiter nichts ist!«, rief er aus. »Dann schlafe und stelle fest, dass deine Träume mit der Wirklichkeit nicht mithalten können. Weißt du, ich komme auch aus der Gosse, ich weiß, wie es da ist.«

Sogleich überlegte der Junge, ob er Sares nicht vielleicht kennen würde. Dann jedoch erkannte er, dass der Elf weitaus älter war als er, obgleich Dunkelelfen mit ihren grimmigen, zerfurchten Gesichtern stets reifer wirkten, als sie in Wirklichkeit vielleicht waren. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass Sares mit Garantie mindestens doppelt so alt war wie er, wenn nicht gar dreimal so alt. Nein, Sares hatte seine Zeit als Gossenbewohner mit Sicherheit schon lange hinter sich gelassen, bevor Lucien auf den Straßen gelandet war.

 »Mir erging es anfangs auch nicht anders«, fuhr der Elf fort, »aber dann fand mich die Bruderschaft und sagte sich, dass ein Dieb mit meinen Vorzügen bei ihnen besser aufgehoben sei als bei der Diebesgilde. Der Graufuchs weiß nicht, was ihm mit mir entgangen ist.«

Vom Graufuchs hatte Lucien freilich bereits gehört. Es war auch schwer, diesen Namen in der Kaiserstadt nicht zu kennen. Der Graufuchs sollte jener mysteriöse Anführer der Diebesgilde sein, die in den Schatten der Kaiserstadt agierte. Der Junge konnte bestätigen, dass es eine Diebesgilde gab, obwohl die Wachen das spottend abstritten, aber er wusste nicht, was an den Gerüchten ihres Anführers dran war. Angeblich hatte er der Daedrafürstin Nocturnal höchstselbst ein mächtiges Artefakt gestohlen. Unter ihren Augen! Lucien hielt das für völlige Übertreibung, um enthusiastische Neulinge anzuwerben.

»Warum bliebt Ihr nicht bei der Diebesgilde?«, wollte er wissen.

»Es ist langweilig, Leute auszurauben, wenn man ihnen kein Haar krümmen darf«, betonte der Dunkelelf. »Selbst, wenn man sich nachweißlich selbst verteidigen musste, muss man einen Blutpreis zahlen. Als es bei mir einmal zum Äußersten gekommen war, war ich zu dieser Zahlung nicht bereit (und bin es auch heute nicht), also wurde ich so lange verbannt, bis ich zahlte. Dann jedoch kam alsbald Arela Drewani, und ich pfiff auf den Blutpreis.«

»Könnt Ihr mir mehr von Arela erzählen?«, fragte Lucien.

»Jedem Sprecher untersteht mindestens eine Zuflucht«, sagte Sares. »Ich weiß nicht, ob Arela noch mehr Kommandos hat, doch zumindest diese Zuflucht steht unter ihrem Befehl. Cassius ist ihr ausführendes Organ, während sie als Sprecherin noch weitere Pflichten hat, wie Cassius dir sicherlich bereits erzählt hat.

Arela selbst ist sehr energisch und bestimmt. Wenn sie ein Ziel vor Augen hat, verfolgt sie es unerbittlich. Und das gleiche erwartet sie auch von ihrer Zuflucht. Wenn eines der Familienmitglieder nicht erfüllt, was sie verlangt, kann sie sehr ungemütlich werden. Sieh also zu, dass das nie passiert, Stift. Caelwen ist eine alte Hexe, Arela hingegen … ja, vor ihr solltest du dich fürchten, hast du sie erst einmal gegen dich aufgebracht. Aber was erwartet man auch von einer Dunkelelfe anderes?« Sares zwinkerte vielsagend und fuhr dann fort: »Unsere Gebote verbieten uns, uns gegenseitig zu töten, von Verletzungen aller Art war nie die Rede.«

Das war definitiv eine Information, die sich der Junge zu Herzen nehmen würde. Dass Caius ebenso ein Mitglied der Bruderschaft war, war ihm ein Dorn im Auge und bereitete ihm ein unangenehmes Ziehen im Magen. Aber wie er gegen seinen Rivalen vorgehen würde, konnte warten, bis er ausgeruhter war.

»Danke«, sagte er an den Dunkelelfen gewandt und begutachtete das Bett, vor welchem er die ganze Zeit gestanden hatte, nicht wagend, es mit seinen schmutzigen, kleinen Händen zu beflecken. Sares musterte ihn noch kurz und wandte sich dann wieder lächelnd seiner Ausrüstung zu, als er sah, dass das Gespräch beendet war.

Langsam, zögerlich, ließ sich Lucien auf die Matratze nieder, befürchtend, dass gleich ein Unheil geschehe, sobald er den Stoff auch nur berührte. Doch nichts passierte.

Das Bett war nicht das weichste und der Stoff auch nicht der feinste, doch da Lucien noch nie auf einem Bett gesessen hatte, geschweige denn darin gelegen, war ihm das egal. Manchmal, bei Einbrüchen, hatte er testweise mit den Fingern in die Matratzen der Bewohner des Hauses gestochen, um zu erahnen, wie es war, auf so etwas zu liegen, doch es tatsächlich zu tun, war etwas völlig anderes.

Langsam, noch immer mit Kleidung und Schuhen angetan, wie er es gewöhnt war, streckte er sich auf der Matratze aus. Sie war mit Stroh gefüllt und knisterte bei jeder Bewegung. Aber sie war für den Jungen, als würde er auf Wolken schweben. Er war es gewohnt, auf dem Boden oder zwischen Kisten zu schlafen, in einen alten Stofffetzen gehüllt, den er aus der Kanalisation gefischt hatte. Aber hier hatte er ein vollständiges Bett mit Matratze, Decke und Kissen! Er konnte es immer noch nicht fassen, was für ein Luxus ihm beschert worden war, und war dennoch alsbald eingeschlafen.

 

Die undurchdringlichen Schatten huschten lautlos durch die Dunkelheit. Er wusste nicht, wer sie waren, noch wo sie waren. Nur, dass eine Gefahr drohte. Was für eine? Woher stammte sie? Bedrohte sie ihn oder nur die Schatten? War sie tödlich oder nur bedrohlich?

Die Schatten wirbelten wild durcheinander, zu allen Seiten umschwirrten sie ihn. Waren sie vielleicht die Gefahr? Aber nein, sie schienen ihn schützen zu wollen.

Er rannte. Ein unbändiger Beschützerinstinkt flammte in ihm auf. Die Familie war in Gefahr. Etwas hatte er falsch gemacht. Oder jemand, der ihm nahe stand? Er rannte und rannte und rannte.

Auf einmal stand er auf einer vereisten Ebene. Der Wind heulte und trieb Eiskristalle schmerzhaft in sein Gesicht, schnitt seine Haut auf und brannte. Alsbald blutete er aus zahlreichen kleinen Wunden. Jede für sich genommen war nicht bedrohlich, doch in ihrer großen Menge trieben sie ihn auf die Knie.

Der Schnee um ihn herum färbte sich rot. Die Schatten hatten ihn mittlerweile verlassen und beobachteten, so schien es ihm, lediglich aus der Ferne. Er war allein, so allein. Kein lebendes Wesen weit und breit leistete ihm in der Eishölle Gesellschaft.

Die Kräfte verließen ihn in derselben Geschwindigkeit, wie auch sein Blut aus seinem Körper strömte. Über und über war er bereits damit bedeckt. Verzweifelt drückte er mit schwachem Druck seine schmächtigen Hände auf seinen Körper, doch sie waren zu klein, um etwas ausrichten zu können. Ohnmächtig musste er mitansehen, wie er starb.

Dann fiel er.

Er fiel durch einen Sumpf aus Hass, Angst, Verzweiflung und sämtlichen anderen, niederträchtigen Emotionen, die ein vernunftbegabtes Wesen nur empfinden konnte. Sie waren nicht seine, nicht alle jedenfalls, doch sie drängten von allen Seiten auf ihn ein, drangen in jede Pore seines Körpers, nutzten gnadenlos seine Verwundungen aus und nisteten sich in ihm ein. Sie wühlten sich in seine Gedärme, fraßen sich durch sein Hirn und raubten ihm den Verstand.

Mit einem Male … Stille. Frieden.

Samtene, wohltuende Schwärze umhüllte ihn. Er fühlte sich geborgen, wie in den Armen der Mutter, die er nie gekannt hatte. Er wusste genau, dass er nicht sagen konnte, wie sich Mutterliebe anfühlte, doch er konnte mit Gewissheit sagen, dass das hier die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern war.

Doch diese Mutter verlangte auch etwas von ihren Kindern. Blut, und Blut gab er seiner Mutter nur allzu bereitwillig.

Er badete in Seen voller Blut, tränkte sich darin und ertränkte sich. Das wunderschöne Karmesinrot auf unschuldigem Weiß. Die weinroten Brunnenfontänen der Paläste der Höfe Tamriels.

Da waren andere bei ihm, andere, wie er, die die Liebe ihrer Mutter suchten und dem Namen ihres Vaters zur Ehre gereichten.

Sithis. Die Leere. Das Nichts. Tod. Vernichtung.

Mit einem Male gab es nichts Größeres mehr, als diesem Namen zu dienen. Diesem Gott. Dem einzig wahren, dem wahren Gott Tamriels, der durch Schrecken und Tyrannei herrschte, doch jenen Großes zuteilwerden ließ, die ihm folgten. Seine Kinder waren ihm treu ergeben.

Geborgen im Kreise seiner Familie wurde er groß. Er wurde zu einem Mann und kannte fortan nur noch eines:

Alle Ehre Sithis!

Das Jahr des Jammers

Blinzelnd erwachte Lucien. Regungslos starrte er noch eine Weile zur Decke und fragte sich, was für ein seltsamer Traum das gewesen war. Er träumte selten, und wenn, dann war es meist zusammenhangsloser Schwachsinn. Auch das war zusammenhangsloser Schwachsinn gewesen, keine Frage. Doch nur auf den ersten Blick. Sah er genauer hin, erkannte er, dass der Traum trotz seiner wirren Bilder erstaunlich klar gewesen war. Das gab ihm zwar nicht mehr Sinn, aber das Gefühl, dass er Sinn ergeben musste.

Eines jedoch war klar: Die Dunkle Bruderschaft war zentraler Teil des Traumes und hatte ihm gezeigt, dass er fürwahr ein Mitglied ihrer Familie war. Sie hatte ihn mit einem warmen und herzlichen Willkommen aufgenommen und hatte auch nicht vor, ihn so schnell wieder auf die Straße zu setzen.

Denn seine Ankunft in der Zuflucht war entgegen seiner Befürchtungen kein Traum gewesen.

Er war nicht mehr allein im Gemeinschaftsraum. Sares, Tsonashap und (zu Luciens Missfallen) auch Caius hatten sich an eine Bank gesetzt und aßen gemeinsam etwas, von dem der Junge annahm, da er die genaue Uhrzeit nicht kannte, dass es ihr Abendessen war.

»Ah, Stift, du bist munter!«, begrüßte der Dunkelelf ihn, als Lucien Anstalten machte, sich von seinem Bett zu erheben.

»Komm, setz dich zu uns. Tsonashap hat gekocht, was heißt, dass es Fischsuppe gibt.«

Der Argonier zischelte verstimmt, sagte aber nichts weiter. Caius warf seinem Rivalen einen von den Erwachsenen nicht bemerkten Blick zu, der deutlich machte, dass er weder Lucien duldete, noch, dass er so bereitwillig aufgenommen worden war.

Der Kaiserliche lehnte das Angebot vorsichtshalber ab, um Caius aus dem Weg zu kommen. »Danke, aber ich denke, Vicente Valtieri wartet auf mich. Sagte jedenfalls Cassius vorhin zu mir.«

»Normalerweise«, zischelte Tsonashap, »würde ich betonen, dass das eine sehr gute Einstellung ist, Mörder. Dem Wort Proximos ist Folge zu leisten. Aber dieses eine Mal entgeht dir dadurch meine Spezialität! Geh nur, ich hebe etwas auf, aber warm schmeckt die Suppe einfach viel besser.«

Lucien konnte nicht verstehen, wie die beiden Erwachsenen die eisige Stimmung nicht bemerken konnten, die sich zwischen ihm und Caius aufgebaut hatte.

»Das ist wirklich nett, Tso… Tsoscha…«, sagte er eilig.

»Tsonashap«, half ihm dieser auf die Sprünge.

»Genau. Aber ich muss jetzt wirklich gehen.«

»Auf dass dein Jahr des Jammers beginnen möge«, hörte er hinter sich den Argonier seufzen. »Du hättest wirklich die Suppe essen sollen.«

Das Jahr des Jammers … Was der Argonier damit wohl meinte? Er würde Vicente danach fragen müssen. Auch wenn er ein flaues Gefühl im Magen hatte, sich freiwillig in die Gegenwart eines Vampires begeben zu müssen. Gebote hin oder her, das Wissen über Vampire, womit er sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, legte er nicht so rasch ab.

Valtieri wartete in seinem Gemach im untersten Teil der Zuflucht auf ihn. Er las noch immer und hatte eine Weinkaraffe und einen Kelch neben sich auf dem Tisch stehen. Wie auch vorhin war beides mit Sicherheit nicht mit Wein gefüllt.

»Ich habe dir etwas Wasser hingestellt«, begrüße der alte Vampir ihn. »Bitte, setz dich.« Er wies auf einen weiteren Stuhl.

Etwas steif setzte sich Lucien und harrte schweigend der Dinge, die da kommen mochten.

»Du wirst dich schon an meine Gegenwart gewöhnen«, versprach der Vampir mit einem durchaus als warm zu bezeichnenden Lächeln. Insofern dies bei einer Fratze wie seiner möglich sein konnte. Sein Gesicht war bleich wie der Mond und so hager, dass sich die Knochen nur allzu deutlich darunter abzeichneten. Die Lippen waren schmal und blutleer und entblößten die Fangzähne, die zum Aufreißen von Arterien wie geschaffen waren.

Er nahm einen weiteren Becher aus einem Regal hinter ihm, griff zu einer Keramikkaraffe und goss dem Jungen ein, ehe er ihm das Getränk reichte. Lucien rang sich ein dankendes Lächeln ab und zwang sich dazu, nicht allzu intensiv in das unmenschliche Gesicht zu starren.

»Ich muss mich wohl entschuldigen«, sagte Vicente. »Die Kräfte eines Vampirs nehmen zu, wenn er hungert. Allerdings hat dies auch gewisse … Auswirkungen auf sein Äußeres, wie du siehst. Normalerweise bevorzuge ich diesen Zustand, um seine Vorzüge zu nutzen; jeder in der Bruderschaft weiß, was ich bin, und da ich ohnehin selten unter das normale Volk gehe, brauche ich mich nicht zu verstecken. Aber ich hätte mir denken können, dass ich einen befremdlichen Eindruck auf neue Mitglieder mache, ständig vergesse ich es. Bei Caius war es nicht anders und er kam erst einige Wochen vor dir zu uns!« Er seufzte. »Ich werde anscheinend alt.«

Dann winkte er ab. »Aber darum soll es jetzt nicht gehen«, wechselte er das Thema. »Cassius Proximo hat dich sicherlich bereits in alles Grundlegende eingeweiht, nun bin ich an der Reihe.«

»Er sagte, dass Ihr Euch um meine Ausbildung kümmern werdet«, sagte Lucien. Vorsichtig schnüffelte er am Wasser und befand es für unbedenklich. Als er es trank, war er wieder einmal im höchsten Maße erstaunt. Noch nie hatte er so klares und reinliches Wasser getrunken! In der Kaiserstadt hatte er meist nur brackiges Pfützenwasser oder die Brühe aus dem Hafen bekommen und war nicht selten krank davon geworden. Regenwasser war selten lange genug frisch geblieben, bis er es hatte trinken können.

»Ich werde sie anleiten, ja, und die richtigen Impulse setzen«, sagte Vicente Valtieri. »Dich ausbilden werden die anderen Mitglieder der Zuflucht. Du hast vielleicht schon mitbekommen, dass jeder von uns gewisse Talente hat. Du wirst wie alle anderen auch davon profitieren können, wo allerdings deine Stärken liegen, wird sich noch zeigen.«

»Und wann bekomme ich Aufträge?«, fragte Lucien eilfertig.

Der Vampir lachte in sich hinein. »So ein eifriges Bürschchen«, kommentierte er. »Wenn du reif genug dafür bist, freilich! Du wirst natürlich zu Beginn noch nicht selbständig töten dürfen, sondern nur andere Mitglieder der Zuflucht bei ihren Aufträgen begleiten. Auch das wird noch zu deiner Ausbildung gehören, Mörder.«

»Aber wenn ich noch gar nicht töten darf, warum nennt Ihr mich dann schon Mörder?«, wunderte sich der Junge.

»Weil das nun dein Rang ist, einer von sieben«, sagte Vicente. »Er ist freilich der unterste der Ränge. Ihm folgen in aufsteigender Reihenfolge der Schlächter, Eliminator, Assassine, Henker und schließlich die Hand: die vier Sprecher und ihr Zuhörer. Die meisten Mitglieder unserer Zuflucht sind bereits Assassinen, ein Umstand, für den unsere Zuflucht hoch gelobt wird, da wir einige der besten Brüder und Schwestern stellen. Cassius Proximo ist bereits ein Henker, ebenso wie ich. Cassius erreichte diesen Rang früher als ich, weshalb er, nachdem unser voriger Zufluchtsleiter getötet wurde, zu seinem Nachfolger ernannt wurde. Ich, da ich denselben Rang besitze, bin Proximos Stellvertreter und kümmere mich in seinem Namen um die Angelegenheiten der Zuflucht, für die er keine Zeit aufbringen kann. Daher bin ich auch für die Ausbildung der Neulinge zuständig. Später, wenn du einen höheren Rang erreicht hast, wird Proximo für dich und deine Aufträge verantwortlich sein.«

Das klang vielversprechend.

»Und wie steige ich im Rang auf?«, fragte er zugleich.

»Indem du unsere Gebote achtest und dein Können unter Beweis stellst«, erklärte Vicente. »Es liegt in meinem und in erster Linie Cassius Proximos Ermessen, wann dies soweit sein wird. Beweise dich mir, und ich werde an unseren Zufluchtsleiter herantreten und ihm den Vorschlag unterbreiten, dich im Rang zu erheben. Stimmt er mit meinen Ansichten überein, wird dies erfolgen.«

Luciens Ehrgeiz war geweckt. Der beste Assassine bekam die höchsten Ränge in der Bruderschaft. Wenn er sein Bestes gab, würde er eines Tages auch der Beste sein. Ob er es bis zu einem Mitglied der Hand schaffen könnte? Die Macht, die die Hand besaß, war im höchsten Maße verlockend.

»Tso… Tsoschaschnap erwähnte vorhin ein Jahr des Jammers«, sagte Lucien. »Was meinte er damit?«

»Er heißt Tsonashap«, korrigierte Vicente. »Merke es dir besser. Er mag weder auf die Bedeutung seines Namens noch überhaupt falsch angesprochen werden. Das als gut gemeinter Rat, da die Echse sehr ungemütlich werden kann. Was er meinte, ist dein erstes Jahr hier. So nennen wir spaßeshalber das erste Jahr der Ausbildung eines jeden Neulings. Du wirst große Mühen durchmachen müssen und höchste Disziplin an den Tag legen. Das erste Jahr ist immer das schwerste. Sozusagen die Auslese, die die Spreu vom Weizen trennt. Daher das Jahr des Jammers.«

Das wiederum klang weniger verlockend. Dennoch straffte Lucien tapfer den Rücken und machte ein ernstes Gesicht.

Der Vampir schmunzelte über die Körpersprache des Jungen. „»Du scheinst sehr entschlossen zu sein«, stellte er fest. »Das ist gut, denn das musst du auch sein, um hier bestehen zu können. Du musst mit Herz und Seele der Bruderschaft angehören und wahrlich ein Teil der Familie werden. Deine Vergangenheit hast du hinter dir gelassen, als du diese Zuflucht betratst, nun musst du sie auch loslassen. Sie ist nicht mehr wichtig, denn wir sind deine neue Familie, deine neue Heimat.«

Unwirsch fuhr der Mann mit einer Geste durch die Luft. »Eigentlich bin ich solchen Worten nicht sonderlich zugetan, sie klingen so propagandistisch. Aber sie treffen nun einmal den Nagel auf den Kopf, daher rate ich dir ausdrücklich, sie dir zu Herzen zu nehmen, mein kleiner Dunkler Bruder.

Für dich ist nun wichtig, wie du ausgebildet wirst. Wie ich bereits erwähnte, wirst du von unseren anderen Brüdern und Schwestern lernen. Ja, du wirst selbst von Caelwen unterrichtet werden, ob sie dir nun zusagt oder nicht, denn obgleich sie eine Meisterin der Pyromantie, der Feuermagie, ist, versteht sie sich auch auf andere Schulen der Magie und der Alchemie. Sie hat eine Vorliebe dafür entwickelt, Essen ein wenig … aufzubessern, wie sie es nennt. Solltest du jemals jemanden auf einem Bankett ermorden sollen, dann bitte sie um einen vergifteten Apfel.«

Es boshaftes Lächeln breitete sich auf Vicentes Gesicht aus. »Du glaubst gar nicht, wie viel Spaß diese Art von Mord machen kann!“ Dann fing er sich wieder. »Lassen wir das und greifen nicht voraus. Als erstes wirst du die Grundlagen erlernen. Caius ist ebenso neu wie du und dir daher in seinen Lernerfolgen kaum voraus. Du wirst gemeinsam mit ihm lernen; einen Altersgenossen zu haben, wird dir guttun, denke ich. Ihr lernt als erstes von Tsonashap den Umgang mit verschiedensten Klingenwaffen. Gleich morgen wirst du beginnen. Einen Dolch hast du schon einmal, weiteres wirst du von uns bereitgestellt bekommen.«

Lucien konnte das zufriedene Grinsen nicht unterdrücken. Er war wirklich und wahrhaftig ein Mörder der Dunklen Bruderschaft! Endlich war all das Gerede vorbei und er konnte sich auf das wirklich Wesentliche stürzen: seine Ausbildung.

Lediglich Caius war ein Störfaktor, der ihm ein Dorn im Auge war.

 

Schon am nächsten Tag sollte Lucien erfahren, dass die Bezeichnung »Jahr des Jammers« nicht einmal im Ansatz eine Übertreibung war. Es musste noch früher Morgen sein, als er unsanft geweckt wurde, jedenfalls vermutete er das, da er sich keineswegs ausgeschlafen fühlte.

»Ein Familienmitglied der Dunklen Bruderschaft muss immer bereit sein«, zischelte Tsonashap, welcher den Jungen geweckt hatte. »Egal, welche Uhrzeit es ist. Also steh auf und iss etwas. Ich erwarte dich in zehn Minuten im Übungsraum.«

Mürrisch brummte Lucien, sagte sich aber, dass die Echse wohl schon Recht hatte. Also quälte er sich aus seinem Bett und legte seine Kleidung an, ehe er sich das Gesicht in einer Wasserschale wusch und dann ein spärliches Frühstück zu sich nahm – spärlich im Vergleich zu dem, was er am Vortag bekommen hatte, jedenfalls.

Zu seinem Missfallen traf er bereits Caius im Übungsraum an, als er hinzustieß. Tsonashap stand mit verschränkten Armen in der Mitte des mit Übungsgeräten und Waffen vollgestopften Raumes und musterte den Neuankömmling von oben bis unten. Sein Lehrling stand neben ihm und konnte sich ein verschlagenes Grinsen nicht verkneifen, das Lucien ganz und gar nicht gefiel. Heckte der Junge etwa etwas aus?

»Du trägst nicht die richtige Kleidung«, stellte der Argonier mit einem missfallenden Unterton in der Stimme fest.

Lucien sah an sich herab, wusste aber nicht, was an den Kleidungsstücken, die er schon sein ganzes Leben lang getragen hatte, auszusetzen war: eine zerlumpte Hose, die mit einem Seil an Ort und Stelle gehalten wurde, und ein ebenso zerlumptes Hemd. Er hatte sie aus Gewohnheit wieder angezogen. Vielleicht hätte er die Rüstung anlegen sollen, die ihm Cassius Proximo am Vortag gegeben hatte.

»Soll ich mich umziehen?«, fragte er. Auch Tsonashap und Caius neben ihm trugen ihre Eingehüllten Rüstungen.

»Dieses Mal nicht, aber das wird dir nicht noch einmal unterkommen!«, drohte der Argonier. »Die Rüstung ist das Wertvollste, was du besitzt. Du musst dir angewöhnen, sie immer und überall zu tragen, wenn du nicht gerade in der Zuflucht bist, auch beim Schlafen. Sie schützt und unterstützt dich und verstärkt auf magische Weise deine Fähigkeiten. Sie macht uns zu den gefürchteten Meuchelmördern, die wir sind. Ohne sie sind wir nichts weiter als gewöhnliche Banditen, die für Geld töten.«

Lucien schluckte seinen Ärger über die Zurechtweisung hinunter und nickte. Es gefiel ihm nicht, gemaßregelt zu werden. Als Anführer seiner eigenen Bande von Straßenratten war er es nicht gewohnt, dass jemand ihm ungestraft Widerworte leisten konnte. Aber er wollte sich beweisen und seinen Wert zur Schau stellen, also musste er spuren und dem gehorchen, was seine Lehrer ihm sagten.

»Du bist neu», sagte Tsonashap, »und weißt noch nichts. Caius ist zwar schon einige Wochen länger hier, aber auch er ist noch nicht sonderlich weit in seinem Training. Daher werde ich euch zusammen unterrichten. Du kannst dennoch schon einiges von deinem Bruder lernen, was gut ist, wie ich denke. Es ist immer besser, voneinander zu lernen, statt alles von einem Lehrer vorgesetzt zu bekommen.«

»Ich hab einen Dolch und kann ihn einsetzen«, behauptete Lucien und hielt besagte Waffe stolz hoch. Er hatte bereits zweimal bewiesen, dass er sehr wohl in der Lage war, damit jemanden umzubringen.

Caius lachte auf.

»Still!«, zischte Tsonashap ihn sogleich an. »Ich höre Spott aus diesem Lachen, und das toleriere ich nicht.«

Caius kniff die Augen unwillig zusammen, fügte sich aber.

»Ob du mit diesem Spielzeug umgehen kannst, werden wir sehen«, wandte sich der Argonier wieder an das jüngste Mitglied der Zuflucht. »Er ist aus Eisen und setzt schon Rost an. Das ist das erste, was du lernen wirst: Pflege deine Rüstung und deine Waffen, denn sie sind das Handwerkszeug, mit denen du Sithis dienst! Wie du das anstellst, zeige ich dir nach dem Training. Nun soll es um euren Umgang mit den Waffen gehen.«

Tsonashap bedeutete Lucien, seinen Dolch wieder wegzustecken. Es hatte den Jungen mehr verletzt, als er zugeben wollte, dass der Argonier mehr oder weniger direkt gesagt hatte, dass er eigentlich noch nichts wusste und sein Dolch bei weitem nicht das Wundermittel war, für das er ihn immer gehalten hatte.

Langsam musste er umdenken, bemerkte Lucien. Er war nicht mehr auf der Straße. Er war jetzt einer Gilde von Mördern beigetreten, die selbst für Könige mordeten – und manchmal ebenjene selbst erdolchten. Sie hatten völlig andere Maßstäbe als ein Straßenjunge, der im Dreck der Gosse großgeworden war.

Tsonashap gab ihnen Holzdolche und ließ sie beide vor Puppen Aufstellung nehmen. Caius schien die Grundhaltung bereits recht gut zu beherrschen, freilich ganz im Gegensatz zu Lucien.

»Steh nicht da wie ein Sack Kartoffeln!«, rügte er den Jungen. »In deinen Beinen ist keinerlei Bewegung, so wirst du nie Beinarbeit lernen, das A und O im Kampf. Tänzeln musst du, wirbeln, springen und deinen Gegner damit verwirren. So schlägt er dich einmal, und du bist hinüber, weil du viel zu steif da stehst.

Und wie hältst du denn deine Waffe? Das ist kein Knüppel, mit dem du blind zuschlägst! Deine Waffe ist die natürliche Verlängerung deines Armes, merk dir das. Du musst eins mit ihr werden, vergessen, dass sie eine Waffe ist, und akzeptieren, dass sie ein Teil von dir ist wie dein Arm oder dein Bein.«

Und so weiter und so fort. Tsonashap hatte an nahezu allem etwas auszusetzen. Lucien war sehr bald sehr frustriert und begann Widerworte zu geben. Er lernte jedoch ebenso schnell, dass das eine ausgesprochen dumme Idee war. Tsonashap duldete keinerlei Widerspruch und verlangte absoluten Gehorsam. Ging etwas nicht schnell genug, fuhr er seine Lehrlinge sogleich an. Mit einiger Befriedigung bemerkte Lucien jedoch, dass auch Caius, obgleich er zu Beginn eine große Selbstsicherheit ausgestrahlt hatte, ebenso noch fast so viele Fehler machte wie der blutige Anfänger Lucien Lachance.

Zu Beginn übten sie lediglich, wie sie stehen und ihre Waffe halten mussten. Zu allen erdenklichen Waffen besaß die Bruderschaft Attrappen aus Holz, die ihren Vorbildern verblüffend ähnlich waren. Dennoch brannte Lucien darauf, mit richtigen Waffen zu üben. Das ewige Stehen und Drehen der Waffenhand ermüdete ihn schon am ersten Tag. So viel Theorie! Wozu war das alles wichtig? Doch Tsonashap war unerbittlich und ließ nicht zu, dass seine Lehrlinge ungeduldig und vorschnell wurden.

Stunde um Stunde ging dies so, und selbst, als die Mägen der beiden Jungen vernehmlich grummelten, gönnte er ihnen keine Pause. Seine Übungen waren anspruchsvoller, als es zunächst den Anschein hatte, und Luciens Muskeln schmerzten. Der Hunger, obgleich er ihn gewohnt war, machte die Sache kaum besser.

»Geratet ihr in einen offenen Kampf und könnt so schnell nicht fliehen, nimmt euer Gegner keine Rücksicht auf eure körperliche Befindlichkeit«, indoktrinierte der Argonier ihnen. »Ganz im Gegenteil wird er sie sogar zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen!«

Er hatte noch viele solcher schlauen Sprüche, deren Nützlichkeit Lucien teils erst viele Jahre später begreifen sollte. Im Moment war er jedoch nur ein vorlauter, ungeduldiger Junge, der keine Lust auf irgendwelche Theorie hatte und lieber gleich zum Ernst der Sache kommen würde. Doch er zähmte sein ungestümes Gemüt und ließ über sich ergehen, was die Bruderschaft für ihn angedacht hatte.

Tagtäglich hieß es nun für ihn: früh aufstehen, wann immer es Tsonashap befahl, schnell etwas essen, die Rüstung überwerfen und im Übungsraum erscheinen. Es entstand eine Art Wettbewerb zwischen den beiden Jungen, welcher von ihnen als erster vor ihren argonischen Lehrer treten konnte. Ebenjener schien den Konkurrenzkampf der Jungen um seine Gunst bis zu einem gewissen Grad zu tolerieren, da er der Ansicht war, dass dies ihren Ehrgeiz zum Lernen förderte.

Waren sie angetreten, übten sie sich an den verschiedensten Waffen, übten, wie sie sie zu halten und zu führen hatten, bis Lucien schließlich sogar davon träumte.

»Du hältst deine Waffe falsch.«

»Das mache ich gar nicht!«

»Natürlich! Wo gehört der Daumen hin?«

»Au!«

»Dort schon einmal nicht. Siehst du, was dann passiert, wie leicht ich ihn dir hätte abschlagen können?«

»Das war hinterhältig! Das könnt Ihr nicht machen!«

»Wir sind Assassinen, Stift, wir kämpfen nicht mit lauteren Mitteln. Merk dir das endlich. Hier gibt es kein gerecht und ungerecht. Hier gibt es nur den Tod unseres Auftragszieles oder unser eigenes Versagen. Willst du versagen?«

»Nein …«

»Lauter!«

»Nein!«

Doch auch ihre Kraft und Ausdauer bildete Tsonashap aus. Sie verließen dazu die Stadt durch das hintere Tor nahe dem verlassenen Haus. Es wurde seltener frequentiert, als das Tor an der Hauptstraße, womit es nicht so auffällig war, wenn sie es benutzten. Dann führte der Argonier die beiden jungen Rekruten in den Wald und jagte sie die Valus Berge hinauf und hinab. In den ersten Wochen war es eine reine Tortur.

»Ich kann nicht mehr!«

»Weiter!«

»Tsonashap, ich sterbe, wenn ich noch einen Schritt weiter mache!«

»Weiter!«

»Nein! … Aua!«

»Wenn du mir noch einmal Wiederworte gibst, dann gibt es eine härtere Strafe als nur einen Schlag auf den Hintern, verstanden? Du rennst jetzt weiter, trink dabei etwas. Wir machen erst eine Pause, wenn ich es befehle. Denk an das dritte Gebot und hüte dich, den Zorn Sithis‘ zu erwecken!«

Tsonashap war unerbittlich und auch ein wenig grausam in seiner unnachgiebigen Art. Doch er richtete die Jungen nicht zuschanden. Immer, wenn Lucien glaubte, er würde jeden Augenblick tot umfallen, drängte der Argonier ihn zum Weitermachen. Und siehe da, von irgendwoher fand er in seinem schmächtigen Körper die Kraft dazu. Auch Caius war in gewisser Weise ein Ansporn dazu. Auch wenn sein Rivale noch kaum länger bei der Bruderschaft war, so war er dennoch schon ein wenig weiter im Training. Lucien konnte es nicht auf sich sitzen lassen, dass Caius besser war als er, und tat alles, um ihn alsbald einzuholen und zu überflügeln.

Der Wettbewerbsgeist beider Jungen trieb sie zu ungeahnten Leistungen. Selbst Tsonashap konnte irgendwann einmal nicht mehr nur schweigend zusehen, sondern musste (durchaus etwas widerwillig) zugeben, dass seine beiden Schüler bessere Fortschritte machten, als er erwartet hätte.

Ihr Frühstück fiel im Allgemeinen mager aus, da Tsonashap der Ansicht war, dass es sich mit leerem Magen besser trainieren ließ. Lucien hatte sich einmal nicht daran gehalten, und mehr gegessen als üblich. Irgendwie hatte die Schattenschuppe dies mitbekommen und sie an diesem Tag besonders hart ran genommen. Das Ergebnis war, dass es Lucien alsbald speiübel geworden war und er den Rest des Tages mit leerem und schmerzenden Magen zubringen musste. Er aß nie wieder zu viel.

Dafür gab es am Abend umso mehr. Tsonashap kümmerte sich anfangs selbst um ihr Essen, da sie anscheinend Sonderkost vorgesetzt bekamen, sagte ihnen aber nach einiger Zeit, wie sie sich zu ernähren hatten.

»Das richtige Essen ist genauso essenziell wie das kontinuierliche und ausdauernde Üben eurer Fertigkeiten«, predigte er. »Daraus zieht ihr eure Kraft, setzt kein übermäßiges Fett an und bildet an den richtigen Stellen und im richtigen Maße Muskeln aus.«

Lucien hatte das anfangs für Humbug gehalten, sah aber rasch ein, dass Tsonashap Recht behalten sollte. Es dauerte nur knapp einen Monat, bis er die ersten Veränderungen an seinem Körper bemerkte. Er war nicht nur ausdauernder geworden, sondern auch deutlich kräftiger. Aus dem Strich in der Landschaft wurde allmählich ein sehniger Junge. Er wurde dennoch von den anderen Mitgliedern Stift genannt, ein Spitzname, der ihm wahrscheinlich für den Rest seines Lebens anhaften sollte.

Seine Beine wurden muskulöser, seine Arme kräftiger. Er konnte immer weiter und schneller laufen, sein Umgang mit den Übungswaffen war nicht mehr so linkisch. Auch wenn Tsonashap beide Jungen immer noch spielend im Übungskampf besiegte, sagte er, dass sie deutliche Fortschritte machten. Für einen richtigen Kampf würde es noch lange nicht reichen, betonte er, aber für den Anfang sei ihr Können nicht schlecht. Ihre Übungskämpfe gegeneinander waren zumindest mittlerweile sehr ausgeglichen. War Caius seinem Rivalen zu Anfang noch stets überlegen, so konnten sie nun nicht mehr von Beginn an voraussagen, wer von ihnen den Übungskampf gewinnen würde.

Gut drei Monate nach seiner Ankunft in der Zuflucht war der Tag gekommen, an dem Tsonashap ihnen das erste Mal richtige Waffen in die Hand gab, zwei Kurzschwerter aus Stahl. Richtiger, echter Stahl! Die einzige Waffe, die Lucien jemals in der Hand gehalten hatte, war sein rostiger Eisendolch aus der Gosse.

»Diese Waffen sind Eigentum der Zuflucht«, sagte Tsonashap und sah jedem von ihnen ernst in die Augen. »Sie sind Ersatzwaffen, sollte einem Bruder oder eine Schwester seine oder ihre eigene Waffe aus welchen Gründen auch immer abhandenkommen. Außerdem sind sie Übungswaffen, die wir in unseren täglichen Übungen benutzen.

Doch nichtdestotrotz sind sie echte Waffen, keine mit Stoff umwickelten Holzimitate, die euch lediglich ein paar Knochen brechen können. Nein, diese Klingen sind scharf und sie können töten. Ihr besitzt mittlerweile genug Geschick, dass ich euch zutraue, sie zu führen ohne euch ernsthaft dabei zu verletzen. Missbraucht mein Vertrauen nicht, indem ihr Unfug und Dummheiten damit anstellt.«

»Ja, Meister«, antworteten Lucius und Caius im Chor. Ihre Herzen schlugen vor Aufregung höher und ihre Brüste waren stolzgeschwellt.

Der Argonier gab jedem von ihnen eines der Schwerter. Lucien, der bis jetzt nur die Holzwaffen gewohnt war, war überrascht von dem unerwartet großen Gewicht des Stahls in seinen Händen. Beinahe hätte er die Waffe fallen gelassen, konnte es aber gerade noch verhindern, sich diese Blöße zu geben. Etwas linkisch zog er die Waffe aus ihrer Scheide und bewunderte die kalte, im Schein der Fackel blitzende Klinge.

Sie durften die Waffen noch nicht gegeneinander, sondern lediglich gegen die Holzattrappen führen, die im Übungsraum standen. Auf diese Weise sollten sie sich an das ungewohnte Gewicht gewöhnen und die neuen Bewegungsabläufe verinnerlichen, die damit einhergingen. Es dauerte noch einmal einige Wochen, bis Tsonashap ihnen erlaubte, die Waffen in einem Übungskampf gegeneinander zu führen.

Lucien fühlte, wie die Waffe ein Teil von ihm wurde, eine natürliche Verlängerung seines Armes. Das Leder des Griffes schmiegte sich wunderbar in seine Hand, war weich und griffig. Die Klinge schnitt wie von selbst durch die Luft und alsbald musste er sie schon nicht mehr mit seinem Willen zwingen, das zu tun, was er von ihr wollte. Es geschah wie von selbst.

Auch seine Reflexe und Instinkte wurden immer besser. Es bedurfte nicht mehr einer bewussten Entscheidung, um einen Schwertstreich von der Seite abzuwehren, es geschah von selbst. Die Bewegungsabläufe des Kampfes wurden ein Teil von ihm, fühlten sich so natürlich an wie das Gehen, Schlafen, Atmen.

Sicher, in den ersten Wochen seit seiner Ankunft hatte er fürchterlich gelitten. Ständig hatte er Schmerzen, trug Prellungen und Schnitte davon und wurde dennoch unerbittlich von Tsonashap vorangetrieben. Außerdem hatte er Caelwen im Verdacht, dass sie ihre heilenden Tränke für ihn aus reiner Bosheit nur halbherzig zubereitete, sodass sie nicht richtig wirkten, da die Wirkung weit schwächer ausfiel, als er erwartet hatte.

Es verging kein Tag, an dem er sich nicht eine neue Verletzung zuzog, sei es, weil er von Tsonashap oder Caius im Übungskampf geschlagen worden war, oder sei es, weil er mit den Übungswaffen noch nicht richtig umgehen konnte. Seine Muskeln schmerzten, und seine Haut war übersäht mit Blessuren und Schnitt- und Schürfwunden. Jeder Millimeter seines Körpers wurde gefordert und gestählt. Abends ging er mit Schmerzen ins Bett und erwachte am Morgen mit Schmerzen.

Doch fast unmerklich ließ dies nach. Noch immer waren die Übungsstunden bei Tsonashap nicht schmerzfrei, noch immer erhielt er fast täglich neue Blessuren. Doch mit der Zeit plagten ihn die Schmerzen immer weniger, konnte er besser mit ihnen umgehen. Ihm ging auf, dass genau darin der Sinn der Quälereien lag, die Tsonashap ihnen auferlegte.

Doch er lehrte sie nicht nur den Kampf, sondern auch, wie man sich auf solch einen Kampf vorbereitete. Er lehrte sie, wie man seine Waffen und Rüstungen pflegte, erzählte ihnen von den verschiedensten Gegnertypen und wie man ihnen am besten begegnete. Selbst einige alchemistische Dinge zeigte er ihnen und grundlegende Magie, um nach dem Kampf selbst für eine erste Versorgung der erhaltenen Wunden aufzukommen.

 

In den ersten Wochen hatte Lucien lediglich bei dem Argonier Unterricht. Als er sich allmählich in das Leben in der Zuflucht eingewöhnt hatte, rief Vicente ihn erneut zu sich.

»Du machst gute Fortschritte und wirst allmählich ein vollwertiges Mitglied unserer Familie«, sagte der Vampir zur Begrüßung. »Dennoch bist du noch immer ein Kind der Gosse, ungebildet und hilflos in der Welt da draußen. Dein Wissen reicht, um dich einige Jahre in der Gosse am Leben zu halten, doch mehr auch nicht. Wenn du ein erfolgreicher Mörder der Dunklen Bruderschaft sein willst, musst du so viel mehr lernen.«

Lucien hörte schweigend zu.

»Wir bringen nicht nur Leute um, indem wir irgendwo einbrechen und unserem Ziel ein Messer ins Herz bohren«, fuhr Vicente fort. »Die wenigsten Aufträge sind so einfach. Im Regelfall hat der Kunde besondere Wünsche, will, dass der Mord auf eine ganz bestimmte Art und Weise geschieht. Ein Unfall, unbekömmliches Essen auf einem Bankett, ja, manchmal müssen wir sogar die Gunst unserer Opfer in monatelanger Vorarbeit erlangen, um sie dann eines Tages hinterrücks im Bett zu erstechen, nachdem wir sie verführten. Ja, auch solche Aufträge hatten wir bereits.

Du siehst also, dass ein Mörder viele Talente haben muss.«

»Er muss sich tarnen können«, sagte Lucien. »Er muss seine Absichten verschleiern und sich als jemand anderes ausgeben können, als er eigentlich ist.«

»Sehr gut«, lobte Vicente ob des Schlusses des Jungen. »Mit anderen Worten: Du musst in der Lage sein, in den verschiedensten Gesellschaften bestehen zu können. Es beginnt damit, dass du lesen und schreiben lernst. Nicht immer sind unsere Ziele einfache Bauerntölpel, das ist sogar recht selten der Fall, da sie viel zu selten das Geld aufbringen können, um uns zu bezahlen. In der Regel heuern uns reiche Kaufleute und Adelige an, um ihre Intrigen zu spinnen und ihre Komplotte auszuführen. Du musst in der Lage sein, dich als einen der ihren auszugeben, sollte ein Auftrag erfordern, sich unter sie zu mischen. Und wo kämen wir da hin, wenn du nicht einmal lesen und rechnen kannst?«

Also lernte er genau das. Anfangs fiel es Lucien sehr schwer. Er war es nicht gewohnt, seinen Geist auf eine so verdrehte, abstrakte Weise zu benutzen, und er lernte nur schwer, was Vicente ihm vermitteln wollte. Sein erstes Buch waren die Fünf Gebote. Anhand derer lehrte der Vampir ihn erst das Lesen und dann das Schreiben. Lucien war enttäuscht über seine krakelige Schrift, die einfach nicht so aussehen wollte wie die elegante Handschrift, in welcher das Buch der Gebote verfasst worden war. Sein Ehrgeiz ließ ein solches Hindernis nicht zu.

Doch Vicente hielt ihn im Gegensatz zu Tsonashap zurück und sagte ihm immer wieder, dass er sich in Geduld üben solle. Wenn er erzwang, was er erreichen wollte, dann würde er nichts erreichen, betonte der Vampir immer wieder. Im Gegensatz zum Kampf ging es hier um nichts, das umso schneller besser wurde, umso vehementer man es versuchte. Kontinuierlich und gemächlich musste man vorgehen, war seine Devise.

Es ging nur schwer in Luciens Kopf, dass er etwas nicht durch bloße Willensanstrengung und Muskelkraft erlangen konnte. Bisher war dies immer sein Weg zum Erfolg gewesen. Geduld und Mäßigung waren definitiv keine seiner Stärken.

Seine Gedanken waren zäh und langsam, so kam es ihm vor, wenn er sich zwang, mühsam Buchstabe für Buchstabe zu entziffern und zu lesen. Als Vicente merkte, dass Lucien die Gebote mehr aus dem Gedächtnis rezitierte statt tatsächlich zu lesen, gab er ihm andere Werke, Märchen und Sagen aus ganz Tamriel, ja, sogar Kindergeschichten der Nord. »Olaf und der Drache« mochte Lucien aus irgendeinem Grund sehr. Ihm gefielen die Heldensagen der Nord aus dem eisigen, wilden Skyrim.

Nun, sie würden ihm jedenfalls weitaus mehr gefallen, würde er nicht solche Mühen haben, sie zu entziffern. Wochenlang waren die Buchstaben auf dem Pergament ein Buch mit sieben Siegeln für ihn. Ständig vergaß er die Bedeutung des einen oder anderen und musste ihn immer wieder neu lernen. Selbst einfachste Texte wie Kindergeschichten waren eine Qual für ihn.

»Du versuchst es mit Gewalt«, mahnte Valtieri auch nach Wochen noch immer. »Gedulde dich. Ich weiß, dass es dir schwer fällt, aber hier geht es auch nicht um Muskelkraft.«

Lucien verzweifelte an der Aufgabe, die ihm gestellt worden war. Lesen und Schreiben war in seinen Augen schon immer etwas für reiche Schnösel gewesen, und für die hatte er nichts als Verachtung übrig.

»Wie soll ich sonst jemals lernen, was Ihr mir hier beizubringen versucht?«, jammerte er.

»Indem du deinen Geist nicht verkrampfst und mir zuhörst, was ich dir zu sagen habe«, war die Standartantwort des Vampires.

Irgendwie, gestand sich Lucien ein, konnte er ja durchaus lesen. Er konnte laut und nur arg stockend vorlesen, welche Abenteuer Olaf mit dem Drachen Numinex erlebte. Es war keinesfalls schön, wie er las, das konnte er sich sehr wohl denken, und sicher war es auch unheimlich schwer zu verstehen, was er las. Aber er las.

Vicente war offensichtlich nicht sonderlich zufrieden mit den Fortschritten des jüngsten Familienmitgliedes, aber er war geduldiger und umsichtiger als Tsonashap. Er peitschte den Jungen nicht mit Gewalt voran, sondern hielt ihn durchaus dazu an, auch einmal inne zu halten und etwas anderes zu machen, als lesen und schreiben zu üben.

Und er belohnte Lucien sogar manchmal, wenn er wieder einmal einen Fortschritt gemacht hatte. Manchmal brachte er aus der Stadt kleine Süßigkeiten mit, Zuckergebäck und andere Naschereien. Als Lucien das erste Mal eines der kleinen Gebäcke in der Hand hielt, traute er seinen Augen kaum.

»Für mich?«, hatte er ganz erstaunt gefragt.

Vicente, der an diesem Tag (wahrscheinlich für den Einkauf) recht erfrischt und eindeutig menschlich aussah, musste lachen. »Natürlich!«, sagte er. »Deine Schrift ist endlich kein unleserliches Geschmiere mehr, sondern lässt deutlich Buchstaben erkennen. Ich finde, dafür solltest du belohnt werden.«

Als der Junge endlich verinnerlicht hatte, dass die Belohnung tatsächlich für ihn war, verschlang er sie gierig. Es war ihm in der Kaiserstadt nur höchst selten gelungen, Süßigkeiten vom Bäcker zu stehlen und noch seltener waren diese noch frisch.

Gerade als Lucien begann, das Gefühl zu bekommen, sich nicht mehr ganz so sehr mit Sprache und Schrift abquälen zu müssen, traf Vicente den Beschluss, nun auch zum Rechnen überzugehen. Es zeigte sich, dass Lucien hierbei ein nahezu hoffnungsloser Fall war. War es für ihn schon eine Qual gewesen, das Lesen und Schreiben halbwegs zu erlernen, so war das Rechnen für ihn wie ein Ritt über die Ebenen von Oblivion, verfolgt von Merunes Dagon höchstselbst. Selbst der Vampir, der bis jetzt eine enorme Geduld an den Tag gelegt hatte, war nach nur einer Handvoll Wochen entnervt von dem völligen Unverständnis, das der Junge selbst für die einfachste Mathematik zeigte.

»Es kann ja nicht jeder für alles geboren sein«, seufzte er. »Deine Talente liegen eindeutig anderswo. Nichtsdestotrotz musst du auch das erlernen!«

Hierbei geschah es auch, dass Lucien das erste Mal seit seiner Ankunft in der Zuflucht sein Temperament nicht mehr zügeln konnte. Irgendwann ging er förmlich durch die Decke, als er einfach nicht mehr konnte. Die Strafe folgte auf den Fuß und bestand aus fünf Hieben mit dem Rohrstock, einem Tag ohne Essen und einer besonders harten Lehrstunde bei Tsonashap.

Es war, als sei ein Knoten geplatzt. Nachdem sich all die angestaute Frustration gelöst hatte, fiel es Lucien auf einmal weitaus leichter zu lernen, als all die Wochen und Monate zuvor. Vicente war sehr erstaunt darüber, nahm diese Veränderung aber freilich wohlwollend auf und nutzte auch sogleich die Gunst der Stunde, um nun endlich seinem Schüler das nötige mathematische Grundverständnis zu vermitteln.

Lucien wunderte sich all die Zeit darüber, dass er allein lernte. Auch Caius nahm denselben Unterricht bei Vicente, wie er wusste, doch nie lernten sie zusammen, wie es bei Tsonashap der Fall war. Er überlegte lange, bis er den Grund dafür erahnen konnte. Es konnte lediglich daran liegen, dass Caius wesentlich bessere Fortschritte im Lesen, Schreiben und Rechnen machte als er und somit sein Wissensstand umso größer war.

Er fragte Valtieri nie nach dem Grund, dieser wunderte sich jedoch über den plötzlichen Lerneifer, den sein Schüler an den Tag legte. Der Unterricht bei dem Vampir machte dem Jungen noch immer überhaupt keine Freude und war für ihn beinahe eine noch schlimmere Qual als die ersten Tage unter den Fittichen des Argoniers, aber nun war sein Ehrgeiz geweckt. Er wollte besser sein als sein Rivale. Er wollte ihn in allen Dingen überflügeln und schneller in den Rängen der Bruderschaft aufsteigen, um ihn nach Lust und Laune herumkommandieren zu dürfen.

Freilich sagte er niemandem etwas davon, da er sich denken konnte, dass seine Ambitionen nicht gern gesehen waren.

 

Es waren gut drei Monate ins Land gegangen, als für die Jungen die Zeit gekommen war, eine neue Disziplin zu erlernen. Mittlerweile beherrschten sie beide die Grundlagen des Nahkampfes und konnten auf einem einfachen Niveau rechnen, lesen und schreiben. Nebst ihrem täglichen Unterricht bei Tsonashap und Vicente Valtieri erhielten sie nun auch Sares Areles als Lehrer. Der Dunkelelf sollte ihre Geschicklichkeit trainieren und ihnen das Bogenschießen beibringen.

»Auf dass ihr überall unbemerkt Zugang findet und euren Opfern aus den Schatten heraus auflauern könnt«, sagte er fröhlich. »Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viel Spaß es macht, dem Auftragsziel dabei zuzusehen, wie es vollkommen überrascht auf den Pfeil in seiner Brust starrt und sich fragt, woher dieser nur gekommen sein mag, bevor es stirbt!«

Irgendwie war der Dunkelelf sonderbar, beschloss Lucien nach dieser Ansage.

Überhaupt war Sares eine ausgesprochene Frohnatur und sprach über seine neuesten Aufträge wie über Tee und Kuchen bei der Nachbarin. Auch die anderen Familienmitglieder sprachen über ihre Morde, als seien sie das Normalste der Welt, doch Sares schien dabei eine überbordende Freude zu empfinden, die beinahe schon der Begeisterung eines kleinen Kindes glich. Er war wirklich sonderbar. Und irgendwie war er Lucien sehr sympathisch.

»Tsonashap ist ein Draufgänger«, sagte er am ersten Tag ihres Unterrichtes bei ihm. »Er schlägt zu und verlässt sich auf seine Geschwindigkeit. Ich hingehen bin ein stilles und umso tieferes Wasser.«

Er nahm sich einen der Bogen, die an einem Gestell an der Wand lehnten und präsentierte ihn den beiden Jungen.

»So ein Bogen will wie ein Lebewesen behandelt werden«, sagte er. »Er hat Gefühl und will mit Verstand angefasst werden. Wenn dies nicht der Fall ist, kann euch der Bogen sehr schmerzhafte Prellungen zufügen.«

Er nahm zwei weitere, kleinere Bogen von der Wand und gab sie den Jungen.

»Jeder Bogen ist anders«, fuhr er fort. »Es gibt verschiedene Typen, jeder unterschiedlich in Material, Handhabung und vor allem Schaden. Doch auch innerhalb eines Typs kann es Unterschiede geben, je nachdem, von welchem Bogenbaumeister er geschnitzt und bespannt wurde. Probiert es aus, spannt die Sehnen.«

Die Jungen probierten es. Lucien hatte schon vorher Sares seinen Bogen benutzen sehen, und war daher überrascht, wie schwer es ihm fiel, den Bogen nennenswert zu spannen. Bei dem Dunkelelfen hatte es stets so leicht ausgesehen.

»Der Umgang mit dem Bogen erfordert viel Ruhe und Konzentration, besonders, wenn man einen gut platzierten Schuss setzen will«, sagte Sares. »Seid ihr hektisch, verreißt ihr den Schuss und platziert ihn weit neben eurem anvisierten Ziel. Nur Ruhe und Gelassenheit führen zum gewünschten Ergebnis, besonders inmitten eines Kampfes. Eure ersten Versuche werden kaum die Zielscheibe treffen, das kann ich euch schon jetzt prophezeien. Euch werden die Arme und Schultern schmerzen, euer Kopf wird euch mit der Zeit wehtun. Doch all das verfliegt irgendwann, wenn ihr nur konzentriert und kontinuierlich bei der Sache bleibt.«

Sares Areles gab jedem von ihnen einen Köcher mit einer Handvoll Pfeile. Die Spitzen waren abgestumpft, sodass die Verletzungsgefahr vermindert wurde, dennoch ermahnte der Dunkelelf sie, dass sie nicht wild mit den Pfeilen oder einem gespannten Bogen herumfuchteln sollten. Dann gab er ihnen verschiedene Lederschoner für die Hände und die Schulter, die sie vor der harten Sehne aus Pferdehaar schützen sollten.

Als sie fertig ausgerüstet waren, ließ er sie vor einer Zielscheibe Aufstellung nehmen. Die Entfernung war nicht groß und maß maximal sieben Schritt, die Breite des Übungsraumes. Lucien lachte innerlich darüber und dachte sich, dass es wohl ein Leichtes werden musste, das Ziel zu treffen.

Doch ehe sie den ersten Schuss abgeben durften, ließ auch Sares sie lange die Grundhaltung beim Bogenschießen üben. Immer wieder mussten sie den Bogen ohne eingelegten Pfeil spannen, die Schultern und Arme richtig halten, die Beine in der korrekten Position halten und das Zielen üben.

Das Treffen würde wohl doch nicht so leicht, gab Lucien seinem anfänglichen Eifer einen Dämpfer. Trotz all der Übungen mit Tsonashap, die ihm Kraft verliehen hatten, schmerzten schließlich seine Arme und, trotz der Schoner, auch irgendwann seine Finger. Erst gegen Abend gestattete es Sares ihnen, einige Probeschüsse auf die Zielscheibe abzugeben.

Erst waren die ermüdeten Jungen froh darüber, endlich etwas anderes als immer nur trockene Theorie machen zu müssen, doch die Ernüchterung verflog schnell. Der Wettbewerbsgeist war schon immer stark zwischen ihnen gewesen, und so funkelten sie sich nun herausfordernd an und versprachen sich stumm gegenseitig, den anderen zu überbieten.

Doch keiner ihrer Schüsse landete sonderlich weit mittig. Vor allem trafen sie aber die Wand hinter der Zielscheibe, selten einmal den Rand der Strohscheibe.

»Wie soll das jemals in einem Kampf funktionieren?!«, beklagte sich am Ende der ersten Unterrichtsstunde Caius frustriert.

Sares sagte nichts und grinste nur.

Nebst ihrem Unterricht bei Tsonashap und Vicente hatten sie nun täglich auch einige Stunden bei Sares. Er brachte ihnen nicht nur das Bogenschießen bei, sondern auch das Schleichen und verbesserte ihre Fingerfertigkeiten. In letzterem waren beide Jungen bereits jetzt sehr talentiert, das Leben auf der Straße hatte sie einiges in dieser Hinsicht gelehrt. Doch sie waren erstaunt, was Sares alles zustande brachte. Er konnte ihre Taschen ausräumen, während sie vor ihm standen und sich mit ihm unterhielten.

»Bei der Diebesgilde lernt man so einiges, wie man die Leute um unnützen Krempel erleichtert, von dem sie nur noch nicht wissen, dass sie ihn nicht mehr brauchen«, kommentierte er.

Auf die Zeit mit dem Dunkelelfen freute sich Lucien stets am meisten. Auch Areles war streng, wie wahrscheinlich jeder hier, doch er lockerte seine Stunden stets mit Scherzen und kreativen Übungen auf. Auch machten sie nicht immer dasselbe. Hin und wieder gestaltete Sares die Übungsstunden auf eine lockerere Art und Weise, indem er ihnen beispielsweise hieß, durch die Zuflucht zu schleichen, ohne dass er sie bemerkte, oder ihm diesen oder jenen Gegenstand zu stehlen, den er entweder bei sich trug oder weggeschlossen hatte. Als sie ihre Fähigkeiten, die sie als Straßenkinder erworben hatten, schon weit übertroffen hatten (denn sie lernten schnell und begierig noch mehr von dem, was ihr ganzes Leben geprägt hatte), erlaubte es Sares ihnen sogar, auf den Straßen Cheydinhals umherzustreunen und die Händler um so manches Gut zu erleichtern. Sie wurden nie erwischt.

»Wenn ihr eines wirklich hervorragend beherrscht, dann das Leben auf den Straßen«, lobte Sares. »Kein Wunder bei eurer Vergangenheit. Ich hatte selten so gute Schüler. Ich werde Cassius davon erzählen, sicher werden wir Verwendung für eure Fähigkeiten finden.«

Lucien spitze die Ohren bei diesen Worten. Hieß das, dass sie endlich nicht mehr blutige Novizen waren, die noch nicht einmal die Grundlagen beherrschten?

Mit dem Bogenschießen machten sie weniger Fortschritte als mit ihren Fähigkeiten in Heimlichkeit und Fingergeschick. Sares kannte verschiedenste Methoden, um Körper und Geist zu beruhigen und hieß sie, diese stets vor dem Schlafengehen und in ihren wenigen Pausen durchzuführen.

»Nur so haben sie einen andauernden Effekt und lassen euch durchgehend ausgeglichener und ruhiger sein«, sagte er. »Und das ist überhaupt das Wichtigste beim Umgang mit dem Bogen.«

Dementsprechend dauerte es seine Zeit, bis sie die Waffe wirklich nennenswert händeln konnten. Anfangs gingen mehr Schüsse daneben, als auf der Scheibe landeten. Lucien war zu seiner eigenen Freude jedoch er erste, der zuverlässiger in die Nähe des Zentrums traf. Sichtlich zu Caius‘ Ärgernis, was diesen jedoch zu noch größerem Ehrgeiz antrieb. Als Lucien jedoch das erste Mal die Mitte der Zielscheibe traf, war die Freude bei ihm groß. Vielleicht war das Bogenschießen ja doch kein so großes Mysterium, wie anfangs gedacht.

Als sie schließlich immer zuverlässiger die Mitte der Scheibe trafen, hielt es Sares für an der Zeit, sie mit in die Wälder zu nehmen.

»Wir gehen jagen«, sagte er. »Eigentlich benötigen wir das nicht, die Bruderschaft verdient genug Geld, um alles Nötige einzukaufen. Aber ich gehe gern in die Wälder hinaus, genieße die Stille und Einsamkeit – und trainiere hier meine Fähigkeiten als Bogenschütze. Wild zu jagen, ist wunderbar dafür geeignet, bewegte Ziele sind weitaus schwerer zu treffen. Dann auch noch einen tödlichen Schuss zu landen, das ist eine hohe Kunst.«

Hier wurden all ihre Fähigkeiten im Schleichen und Schießen gefordert. Schnelligkeit als auch Heimlichkeit waren gefragt. Es genügte nicht, nur die Beute auszumachen. Oftmals musste man sie über Stunden hinweg verfolgen, stets darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, auf Wind und Umgebung Acht geben. Alles musste stimmen, um den perfekten Schuss zu landen.

Es war verständlich, dass Lucien und Caius anfangs nicht ein Tier schießen konnten. Ihr Geschick war noch nicht weit genug ausgeprägt, sodass sie viel zu oft eine unbedachte Bewegung machten. Ein knackender Ast, eine zuckende, nach Gleichgewicht suchende Hand und schon war der Hase oder das Reh auf und davon. An Eichhörnchen versuchten sie sich anfangs gar nicht erst, zu klein und flink waren die Tierchen.

Lucien merkte, dass der Bogen keine Waffe für ihn war. Er war eindeutig nicht dafür geschaffen, stundenlang an ein und derselben Stelle zu hocken, regungslos darauf wartend, dass die Beute zu ihm kam oder er eine günstige Position für einen Schuss hatte. Es war wie mit dem Lesen und Rechnen: Er besaß einfach nicht die nötige Ruhe dafür.

»Ihr seid geschickt«, sagte Sares. »Aber nicht geschickt genug. Innerlich tobt es in euch. Die Energie quillt förmlich über und verlangt nach Freilassung. Ihr seid jung, da ist das normal. Aber ihr werdet lernen müssen, euch zu zügeln. Das Ungestüm der Jugend muss der Gelassenheit des Alters weichen. Ihr seid Mörder der Dunklen Bruderschaft, eure Kindheit habt ihr schon lange hinter euch gelassen.«

Lucien ärgerte sich über diese Worte. Überhaupt hatte jeder der Erwachsenen immer solch schlaue Sprüche auf Lager. Er konnte sie langsam nicht mehr hören und wollte sich nicht eingestehen, dass ebenjene Sprüche eigentlich der Schlüssel zu seinem Erfolg war.

Als er dennoch seinen ersten Hasen schoss, war die Freude groß. Caius grollte noch Tage später, dass es Lucien vor ihm gelungen war, einen solchen Erfolg zu erzielen. Sares jedenfalls freute sich für den Jungen und richtete sich für den Abend mit den beiden in der freien Natur ein.

»Wir machen uns eine schöne Nacht unter dem freien Himmel«, sagte er. »Ihr werdet sehen, wie wunderschön das sein kann, wenn man sonst immer nur unter der Erde in diesem Loch haust.«

»Die Zuflucht ist kein Loch«, hielt Lucien dagegen.

»Wenn man die Gossen der Kaiserstadt gewohnt ist, dann wohl kaum«, stimmte der Dunkelelf ihm zu. »Aber das habe ich schon so lange hinter mir gelassen, dass ich mich nicht mehr daran erinnern will. Kommt, heute Abend gibt es Hasenbraten.«

Er zeigte ihnen, wie man ein Feuer macht, ein Lager einrichtet und schließlich ein Tier ausnimmt und zubereitet. Es war ein blutiges Handwerk, aber Lucien fand seine Freude daran. Er musste daran denken, wie es gewesen war, Malvin und Seed-Neeus zu töten. Ein Tier zu töten, war keine so große Befriedigung, doch noch immer ein sehr gutes Gefühl. Er vergrub seine Hände in den blutigen Innereien des Hasen.

Das Tier war recht mager, aber das, was an ihm dran war, war durchaus bekömmlich. Für Lucien schmeckte es noch einmal viel besser, da er es gewesen war, der für ihr Abendessen gesorgt und seinen Teil zur Zubereitung beigetragen hatte. Nach vielen Tagen an der frischen Luft war der Appetit groß.

Nun ging es stets bergauf mit ihren Schützenkünsten. Immer häufiger konnten sie Rehe und Hasen schießen und einmal gelang es Caius sogar, ein Eichhörnchen im Sprung vom Ast zu schießen. Es war ein Glückstreffer, den er so schnell würde nicht wiederholen können. Dennoch erblasste Lucien vor Neid und Eifersucht, und nun war er es, der in den nächsten Tagen noch weniger Worte mit seinem Rivalen wechselte als ohnehin schon.

 

Lucien war nun schon fast ein dreiviertel Jahr bei der Bruderschaft, als es für ihn und Caius an der Zeit war, in der letzten Disziplin unterrichtet zu werden: Magie und Alchemie. Das hieß leider auch, dass sie nun auch von Caelwen unterrichtet wurden, eine Aussicht, auf die sie nicht sonderlich begierig waren.

Lucien hatte sie in all der Zeit gemieden, wo er nur konnte, was nicht schwer war, da er nahezu vollkommen mit seiner Ausbildung in den Grundlagen seines neuen Handwerkes beschäftigt war, und zum anderen, weil auch Caelwen ihn (wie den Rest der Familie) mied, wo sie nur konnte.

»Unterschätze sie nicht«, warnte Vicente ihn vor. »Sie mag zwar keine sonderlich angenehme Zeitgenossin sein, aber sie ist eine mächtige Magierin.«

Lucien nahm sich diesen Rat zu Herzen und hoffte, dass er nicht allzu viele Brandblasen davontragen würde.

Caelwen machte aus ihrer Abneigung allem und jedem gegenüber keinen Hehl. Sie mochte die Jungen deswegen umso weniger, da sie nun gezwungen war, sie zu unterrichten.

»Ihr habt keinerlei magisches Talent«, waren ihre ersten Worte gleich am ersten Tag. »Ihr werdet niemals in der Lage sein, mehr als nur Lehrlingszauber zu erlernen, also macht euch keine großen Hoffnungen. Doch Cassius Proximo will, dass ihr von mir wenigstens die grundlegenden Zauber und Basisalchemie erlernt, wie jeder Dunkle Bruder und jede Dunkle Schwester. Also werde ich das wohl tun müssen …« Sie seufzte und funkelte die Jungen aus ihren schräg stehenden, goldenen Augen von oben herab böse an, als seien sie an ihrem Leiden schuld.

Der Unterricht wurde genau das, was Lucien von ihm erwartet hatte: eine Zumutung. Caelwen war nicht sonderlich erpicht darauf, sie in irgendeiner Weise zu fördern, war jedoch über jeden Misserfolg im höchsten Maße unerfreut. Und derer gab es gerade zu Beginn allzu viele.

Die Grundlagen ihrer spärlichen Zauberei, die die Jungen erlernten, bestanden aus einfachsten Heilungszaubern für die allergröbste Erstversorgung nach einer Verletzung, sowie einfachen Zerstörungszaubern. Caelewen lehrte sie vor allem die Feuermagie, zu welcher sie eine ganz besondere Affinität hatte. Feuerbälle aus dem Nichts entstehen zu lassen und gezielt zu werfen, sah definitiv einfacher aus als Bogenschießen und war weitaus schwerer als dieses. Mittlerweile war es Lucien dank Vicentes Unterricht etwas gewöhnter, seine Gedanken auf seltsame Art und Weise zu benutzen, doch Magie war so verdreht, dass er schon glaubte, ihm würde jegliches Verständnis dazu fehlen. Er war sogar weitaus überzeugter davon, als davon, zu Beginn seiner Lehrstunden bei Vicente überhaupt jemals lesen und schreiben zu können.

Caelwen kehrte ihre immer größer werdende Verachtung für das Unvermögen der Jungen immer deutlicher hervor. Irgendwann jedoch nahm es so große Ausmaße an, dass Cassius Proximo höchstselbst einschreiten musste.

Lucien bekam nicht mit, was der Zufluchtsleiter zu der arroganten Hochelfe sagte, doch hinterher gab sie sich zumindest etwas mehr Mühe mit ihrem Unterricht.

Sie lehrte sie vor allem die Zerstörung, ihre beste und beeindruckendste Disziplin. Ständig spielte sie mit kleinen Flämmchen herum, die sie auf ihren Fingern tanzen ließ, und wenn sie ihre Schüler besonders verblüffen wollte, zauberte sie wahre Kunstwerke aus Feuermagie.

»Es gibt zwar auch Frost und Schock«, sagte sie, »aber was will man damit anfangen? Feuer ist weitaus beeindruckender und wirkungsvoller. Von Elsweyr nach Skyrim hat die Feuermagie die durchschlagendste Wirkung.«

Lucien merkte zwar, dass er durchaus nicht so untalentiert für die Magie war, wie Caelwen behauptete, aber ein Naturtalent machte das aus ihm immer noch nicht. Er war eindeutig den körperlichen Kampfkünsten mehr zugetan als den arkanen. Aber vielleicht war es durchaus von Vorteil, auch ein wenig Magie zu beherrschen. Vielleicht musste er eines Tages einen Zauberer töten, dann konnte er sich immerhin gegen ihn wehren.

Etwas widerwilliger verlegte sich Caelwen nach einiger Zeit auch auf andere Schulen der Magie, Veränderung, Illusion und auch Heilung.

»Die Heilung ist die vielleicht schwerste Schule der Magie«, sagte sie. »Wenn man sich genauer mit ihr auseinandersetzten will, erfordert sie tiefere Kenntnisse der Anatomie, und das bedeutet ein jahrelanges Studium. Ihr werdet von mir daher nur die Grundlagen erfahren und lernen, wie ihr euch selbst heilen könnt. Die Zauber zehren sehr von eurer arkanen Energie, daher verlasst euch nicht auf sie und erwartet nicht, schwerere Wunden von alleine heilen zu können.«

Auch leichte Zauber anderer Schulen lehrte sie sie. Einfache Schlösser zu öffnen beispielsweise, aber auch Telekinese und die Möglichkeit, kleine Magierlichter herbeizuzaubern sowie magische Schilde zu erzeugen, die magischen und physischen Schaden dämpften. All das eben, was einem Assassinen von Nutzen sein konnte auf seinem Weg zu seinem Ziel. Der Zauber, den Laut der eigenen Schritte fast nahezu zu dämpfen, bereitete Lucien besonderen Spaß. Fortan nutzte er ihn häufig, um sich unbemerkt an Caius heranzuschleichen und ihn zu erschrecken.

Überhaupt war, wenn er der Magie überhaupt etwas abgewinnen konnte, die Schule der Illusion seine liebste und daher auch jene, in welcher er die besten Fortschritte machte. Widerwillig musste Caelwen eingestehen, dass sie selbst bis auf Zerstörungszauber kaum mehr als Gesellenzauber der anderen Schulen beherrschte.

Doch nicht nur Magie lehrte sie sie, sondern auch die Alchemie und aus irgendeinem Grund fand Lucien diese Disziplin höchst interessant. Während Caius eher nur mit mäßigem Interesse dem gesamten Unterricht bei Caelwen folgte, so war Lucien zumindest hier mit Feuereifer dabei. Der Gedanke, jemandem vergiftetes Essen unterzujubeln und dann genüsslich dabei zuzusehen, wie er stirbt, während er nicht weiß, von wo der Anschlag erfolgte, bereitete ihm ein großes Entzücken.

Er teilte diese Ansicht mit Caelwen, was ihm allerhand Sympathiepunkte bei der Elfe einbrachte.

»Vergiftete Äpfel sind meine Spezialität«, sagte sie. »Lege ihn einfach zu anderen Äpfeln auf einen Tisch und warte, was passiert. Es hat diese gewisse bittersüße Romantik wie aus einem Märchen. Nur aus der Sicht des Bösen.«

Ein boshaftes Grinsen stahl sich bei diesen Worten auf ihr Gesicht.

 

So verging die Zeit in der Zuflucht. Lucien lernte das Leben hier kennen und wurde ein Teil der Familie. Bald schon war sein altes Leben in der Kaiserstadt vergessen, ja, er fragte sich nicht ein einziges Mal mehr, was aus seiner ehemaligen Bande geworden war. Es war ihm egal, ob sie alle bei dem Goblinüberfall getötet worden waren oder ob vielleicht manche überlebt hatten. Es war ihm auch egal, was aus den Überlebenden hätte werden können, ob sie sich wieder zusammengetan hatten oder vielleicht einsam in der Gosse verreckt waren.

Er war jetzt ein Dunkler Bruder wie alle anderen Familienmitglieder auch, und damit diente er einzig und allein Sithis.

Das Leben in der Zuflucht folgte steten Mustern. Für Lucien hieß dies: aufstehen, etwas essen, Unterricht bei Tsonashap, danach bei Vicente, eine kleine Mittagspause, danach weiter zu Sares und am Ende des Tages Unterricht bei Caelwen. Es gab lediglich dann Abweichungen von diesem Plan, wenn eines der Zufluchtsmitglieder einen Auftrag erhielt und ihn ausführte.

Stets sah Lucien ihnen dann sehnsuchtsvoll hinterher und träumte davon, endlich selbst einen Auftrag ausführen zu dürfen, endlich seinen Status als Lehrling der Dunklen Bruderschaft hinter sich lassen zu können.

Er hatte dennoch nur selten freie Zeit. Wenn ein Unterrichtsfach ausfiel, bekam er davon umso mehr Stunden in einem anderen. Seine Talente lagen nach diesem einen Jahr des Jammers fest. Seine Fingerfertigkeiten, Akrobatik und Schleichen waren seine Musterfächer, ebenso Alchemie. Auch im Umgang mit der Klinge war er sehr geschickt, fast ebenso mit dem Bogen. Nur mit der Magie tat er sich nach wie vor schwer, auch wenn sich zeigte, dass er durchaus intelligent war und sein Gehirn sich lediglich an die ungewohnten Denkmuster hatte gewöhnen müssen. Allein die Illusion, eine der schwereren Schulen, fiel ihm paradoxerweise vergleichsweise leicht.

Es war wahrlich ein Jahr des Jammers. Zwar beklagte sich Lucien selten, aber sein Unterricht war nichtsdestotrotz hart und unerbittlich. Er hatte lediglich einen freien Tag in der Woche, den Sundas, doch auch diesen nutzte er oft, um selbstständig seine Studien zu vertiefen und sich vor allem für den Unterricht bei Vicente vorzubereiten.

Nach und nach hatte dieser ihm nicht nur das Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht, sondern fing an, ihn auch in Historie und Geografie zu unterrichten. Auch über die zahlreichen Adelsfamilien und Dynastien Tamriels klärte er ihn auf.

Lucien fühlte sich oft ausgelaugt und leer und musste sich an manchen Tagen regelrecht dazu zwingen, aus dem Bett zu kommen. Doch wenn er es nicht tat, würde er Stockhiebe kassieren, das wusste er. Also stand er dennoch auf. Es gab ihm zumindest einige Befriedigung, als er sah, dass es Caius oft nicht anders erging. Auch wenn sie durch all die Kampfübungen gestählt waren, würde es noch Jahre dauern, bis sie auch nur annähernd so gut waren wie die anderen Assassinen der Zuflucht. Und das hieß für sie: Schmerzen, Schmerzen und noch mehr Schmerzen. Trotz des Faktes, dass sie nicht zuletzt auch durch Caelwens Unterricht schließlich dem ein wenig entgegenwirken konnten, waren sie nie gänzlich befreit davon.

Auch die Verletzungsgefahr war nie gänzlich ausgeschlossen. Auch wenn ihre Lehrer darauf achteten, sie keinen unnötigen Risiken auszusetzen, fingen sie sich etliche Blessuren ein. Waffen waren nun einmal Waffen, und daran änderte sich nichts, wenn man ihre Klingen stumpfte.

Irgendwie gewöhnte Lucien sich jedoch an die Schmerzen. Sie verschwanden dadurch nicht, doch er konnte sie zumindest besser ertragen und ließ sich von ihnen immer weniger ablenken.

Manchmal kam die Sprecherin Arela Drewani in die Zuflucht, um nach dem Rechten zu sehen. Sie sprach mit den Assassinen und zog sich danach oft stundenlang mit Cassius Proximo in dessen Zimmer zurück. Die beiden Lehrlinge beachtete sie selten und fragte sie meist nur aus Höflichkeit nach ihren Fortschritten. Lucien lief dennoch hinterher stets mit stolzgeschwellter Brust herum, und berichtete ihr mit Feuereifer von dem, was er bereits gelernt hatte. Sie lächelte stets milde und hielt ihn an, weiter so fleißig zu üben, sodass er alsbald Sithis‘ Namen alle Ehre machen konnte.

So hart es auch war, Lucien gefiel sein Leben in der Bruderschaft. Er hatte oft zu leiden und es ging ihm manchmal sogar elender als zu der Zeit, als er noch in der Gosse gelebt hatte. Doch er hatte nun die Gewissheit, dass auch diese Momente vorübergehen würden und bessere Zeiten bevorstanden. Außerdem wusste er: Wenn er sich nur weiter anstrenge, die Gebote befolgte und fleißig lernte, hatte er die Gewissheit, in den Reihen der Bruderschaft aufzusteigen und sich einen Namen zu machen. In der Gosse hatte er nur eine Gewissheit gehabt: ein hartes, freudenloses Leben zu führen und einen frühen und wahrscheinlich schmerzhaften Tod zu sterben.

Sein Streben wurde nach über einem Jahr endlich belohnt. Als Proximo ihn und Caius unerwartet zu sich rief (was er selten und nur dann tat, wenn er von ihnen selbst hören wollte, wie ihre Sicht zu ihren Fortschritten war), hatte Lucien dieses Gefühl. Er konnte es nicht genau benennen, aber irgendwie wusste er, dass der Leiter dieses Mal nicht nur einen kleinen Plausch über seinen Unterricht führen wollte.

»Setzt euch«, sagte der Mann mit einem Lächeln. Mittlerweile hatte sich Lucien an die entstellenden Narben gewöhnt und konnte die Freundlichkeit hinter der verzerrten Miene erkennen.

Die beiden Jungen setzten sich Proximo gegenüber an den kleinen runden Tisch, der in dessen Zimmer stand. Dieser schenkte ihnen beiden Wein ein. Es war nicht das erste Mal, dass Lucien hier in den Genuss eines für ihn solch außergewöhnlichen Luxus kam, doch es war jedes Mal aufs Neue überwältigend und eigentlich kaum zu fassen. Er hatte sich an vieles hier gewöhnt, aber dass er Wein trinken durfte (wenn auch selten und nur zu besonderen Anlässen), das hatte er noch immer nicht wirklich realisiert.

Dementsprechend ehrfurchtsvoll nippte er an seinem Kelch. Cassius beobachtete ihn schmunzelnd.

»Du bist ganz schön groß geworden in dem Jahr, das du nun bei uns bist«, sagte er. »Auch dein Körper wird nun langsam erwachsen und lässt die Kindertage hinter sich. Das ist gut, das ist sehr gut. Außerdem sehe ich, dass du dich sehr gut bei uns eingelebt hast. Selbst Caelwen hat dich nun akzeptiert, und ich möchte behaupten, dass gerade das eine recht beachtliche Leistung war.«

Er grinste, was auch Lucien dazu veranlasste, die letzte Aussage als Scherz aufzufassen und ebenfalls ein wenig zu lächeln. Caius verzog den Mund, gab aber keinen Laut von sich; Caelwen behandelte ihn noch immer fast genauso geringschätzig wie zu Beginn.

»Ihr habt nun die Grundlagen gelernt«, fuhr Cassius ernster fort. »Ihr seid natürlich noch weit davon entfernt, ein Meisterassassine zu werden, und das wisst ihr auch. Es steht euch noch ein langer und mühsamer Weg bevor, auf dem ihr viel lernen müsst. Ihr werdet Erfolge haben und ihr werdet scheitern, doch mit jedem Sturz werdet ihr wieder aufstehen und gestärkt daraus hervorgehen.

Daher denke ich«, und bei diesen Worten schlug Luciens Herz mit einem Male höher, »dass es nun an der Zeit ist, den nächsten Schritt zu wagen. Wir können euch beide nicht auf ewig hier unten einsperren und dabei denken, dass ihr alles Nötige lernen werdet. Nein, es ist nun an der Zeit, eure Fähigkeiten auch in der Praxis zu erproben und zu verbessern.«

Lucien blieb der Atem weg. »Heißt das …?«, fragte er mit trockenem Mund. »Heißt das, ich darf richtige, echte Aufträge ausführen?«

»Mach den Mund zu, Stift«, mahnte Proximo ihn.

Eilig klappte der Junge den Mund zu.

Auch Caius riss die Augen weit auf und lehnte sich erwartungsvoll vor.

»Ja und nein«, beantwortete Proximo nun die Frage. »Wir können euch noch lange nicht allein auf Missionen schicken, aber ihr werdet in der nächsten Zeit eure Brüder und auch eure Schwester auf manchen ihrer Aufträge begleiten. Und ich denke, ich habe auch schon einen passenden Auftrag für dich und Caius.«

Zirkusspaß für die ganze Familie

Lucien war schon Tage im Voraus völlig aus dem Häuschen. Die Neuigkeit, dass er nun endlich an einem echten Auftrag für die Mitglieder der Bruderschaft mitwirken durfte, erfüllte ihn mit überbordender und kaum zu bändigender Freude. Er konnte an kaum etwas anderes mehr denken, was sogar so weit ging, dass er bei seinen täglichen Unterrichtsstunden unkonzentriert war und Fehler beging, die ihm eigentlich nicht mehr hätten passieren dürfen. Er wurde zu Recht dafür getadelt.

Nun endlich erfuhr er auch, was es hieß, sich auf einen Auftrag vorzubereiten. Sares Areles und Tsonashap waren diejenigen, die den Auftrag erhalten hatten, und somit auch für die Jungen zuständig.

»Unser Auftrag lautet, eine Gruppe Wanderschauspieler zu überfallen und zu töten«, sagte Tsonashap. »In der Regel erfahren wir einfachen Mörder nichts über die Beweggründe des Auftraggebers, ebenjene sind meist jedoch recht simpel gestrickt. In diesem Falle beispielsweise kann ich mir denken, dass diese Schauspieler irgendjemanden in ihren Stücken beleidigt oder bloßgestellt haben. Das machen sie gern, wenn sie mit den politischen Zuständen irgendwo in einer der Provinzen des Kaiserreiches nicht zufrieden sind. Also folgt die Rache auf den Fuß und die Bruderschaft wird angeheuert.«

»Aber so etwas spielt eigentlich keine Rolle«, betonte Sares. »Wir sind Mörder und als solche haben wir das Ziel zu eliminieren und nichts anderes. Nichtsdestotrotz ist es immer wieder interessant, über die Beweggründe der Kunden nachzudenken.«

»Und eben weil die Beweggründe irrelevant sind, kommen wir nun zu den eigentlich wichtigen Dingen: den Details unseres Auftrages«, wechselte Tsonashap das Thema. »Der Kunde will nichts weiter, als die Schauspieler tot zu sehen, wie, ist ihm egal. Da es sich um eine kleine Gruppe von gerade einmal fünf Schauspielern und Musikern handelt, wird es ein recht einfacher Auftrag. Zumal es heißt, dass sie lediglich von zwei Söldnern bewacht werden. Inwiefern diese etwas taugen, werden wir vor Ort feststellen.«

»Indem wir hingehen und sie überfallen?«, fragte Caius.

»Nein«, hielt Sares dagegen. »Aufträge sind selten so einfach: hingehen, Ziel lokalisieren und eliminieren, um danach wieder zu verschwinden. Nein, viel häufiger ist es, dass ein Auftrag genaue Vorbereitungen erfordert. Wir werden sie nicht gleich überfallen, wir werden sie zunächst über mehrere Tage hinweg beschatten, um mehr über sie herauszufinden. Ihr beiden werdet dabei nur eine beobachtende Rolle innehaben und nicht selbst in das Geschehen eingreifen.«

»Aber wie sollen wir etwas lernen, wenn wir nur zuschauen können?«, protestierte Lucien.

»Hast du etwa angenommen, wir würden euch gleich beim ersten Mal an einem Auftrag voll beteiligen?«, sagte Tsonashap. »Ihr seid noch immer in der Ausbildung, und damit ist das Risiko zu groß, dass wir durch euch den Auftrag nicht zur Zufriedenheit des Kunden ausführen können.«

Die Ernüchterung war dementsprechend groß. Lucien erkannte nun, dass er eine naive Hoffnung gehegt hatte, jetzt tatsächlich ein vollwertiges Mitglied zu sein, wenn er aktiv an Aufträgen mitwirken durfte. Natürlich war das illusorisch, und er schallt sich einen Narren und Kindskopf, dass er das nicht schon eher erkannt hatte.

Einen Auftrag auszuführen erforderte zahlreiche Vorbereitungen. Auch darum kümmerten sich Tsonashap und Sares gemeinsam mit den Jungen. Die Waffen und Rüstungen wollten ausgesucht und gepflegt und das Vorgehen geplant werden.

»Wir haben bereits gesagt, was uns wahrscheinlich erwarten wird«, sagte Sares. »Was würdet ihr vorschlagen?«

»Ich bin für einen Frontalangriff aus dem Verborgenen heraus«, sagte Caius. »Wir beschatten sie und spähen dabei aus, wo wir einen guten Ort für einen Überfall finden.«

Sares nickte und sagte nichts weiter dazu. »Und du, Lucien, was würdest du meinen?«

»Wir verkleiden uns und schleichen uns in ihre Reihen, indem wir uns ebenfalls als Wanderer ausgeben, die für eine Weile Gesellschaft suchen«, sagte dieser im Brustton der Überzeugung.

Auch das bestätigte Sares lediglich mit einem Nicken.

Tsonashap jedoch hatte mehr dazu zu sagen: »Ein kreativer Ansatz«, meinte er. »Jedoch etwas kompliziert. Warum schwer, wenn es auch einfach geht? Es werden nicht immer kreative Lösungen gefragt. Caius‘ Vorschlag gefällt mir schon eher, doch auch ihm würde ich nicht vorbehaltlos zustimmen. Sares und ich werden diesen Auftrag ausführen, und Sares‘ Stärke liegt eher in der Heimlichkeit und im Umgang mit dem Bogen. Wir sollten effektiv unsere Stärken nutzen und ausspielen, was heißt, dass wir zwar aus dem Verborgenen angreifen, doch nicht mit einem Frontalangriff. Zuerst wird Sares mit seinem Bogen für Verwirrung und Panik sorgen, und dann greife ich aus dem Nahkampf heraus an.«

Die Jungen nickten verstehend, auch wenn es Lucien ärgerte, dass sein tatsächlich recht kreativer Ansatz nicht anerkannt wurde.

»Fasst zusammen, was ihr daraus gelernt habt«, sagte Sares.

»Wir sollen nicht zu kompliziert, sondern dem Auftrag gemäß denken«, sagte Caius sogleich und fiel damit Lucien ins Wort, welcher ebenfalls angesetzt hatte zu antworten. »Außerdem müssen wir darauf achten, welche Assassinen den Auftrag ausführen und dementsprechend ihre Stärken ausnutzen.«

Die beiden Assassinen waren zufrieden. »Sehr gut«, lobte Tsonashap.

Lucien unterdrückte seine Abneigung gegenüber Caius. Er hasste es, wenn dieser sich hervortat und ihn dabei in den Schatten stellte. Das zufriedene und selbstgerechte Grinsen des anderen Jungen entging ihm freilich nicht und verleitete ihn zu einem finsteren Blick.

Die Tage vergingen wie im Flug und trotz der kleinen Ärgerei mit Caius und der Ernüchterung über seine lediglich passive Rolle an dem Auftrag war Luciens Vorfreude noch immer groß. Am Vorabend jedoch konnte er eher unfreiwillig ein Gespräch zwischen Cassius und Sares im Gemach des Zufluchtsleiters belauschen.

»Proximo, wollt Ihr wirklich beide Jungen zusammen mit uns schicken?«, fragte der Dunkelelf. Besorgnis schwang in seiner Stimme mit.

»Ich sehe keinen Grund, warum ich es nicht tun sollte«, hielt Cassius Proximo dagegen. »Wie lauten Eure?«

»Sie sind Hitzköpfe und haben ihre Vergangenheit als Rivalen in der Gosse der Kaiserstadt noch immer nicht hinter sich gelassen«, sagte Sares. »Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie das auch so schnell nicht tun werden, und solche Rivalitäten sind oftmals Blutfehden bis aufs Messer. Sie waren beide Bandenführer und damit Gegner. Bisher hielten sie sich ganz gut und wurden nur selten auffällig, doch ich spüre, wie es unter ihrer Oberfläche brodelt.«

Lucien stutzte. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass auch andere Familienmitglieder bemerkt hatten, welche Feindschaft noch nach über einem Jahr zwischen ihm und Caius herrschte.

»Ich kann Eure Bedenken nachvollziehen«, sagte Proximo. »Jedoch sehe ich keinen Grund zum Handeln. Wie gesagt, bis auf einige kleinere Ausfälligkeiten sind sie musterhafte Mitglieder unserer Familie, und die wenigen Übertretungen führe ich auf ihre Jugend zurück.«

»Ich bitte Euch dennoch, ein Auge auf die Sache zu haben«, fügte Sares noch an.

»Das werde ich machen, und wenn es nur Euer Gewissen beruhigt«, bestätigte Cassius. »Aber ruft Euch eines ins Gedächtnis: Die Mutter der Nacht selbst wählte diese beiden Jungen aus und sandte Arela Drewani, um sie zu uns und in die Arme unserer Familie zu holen. Unsere Unheilige Oberin irrt sich nie. Heil Sithis!«

»Heil Sithis!«

Das Gespräch war damit offenbar beendet und Lucien sah zu, dass er unauffällig verschwand. Dank Sares beherrschte er das mittlerweile durchaus sehr gut.

 

Noch am nächsten Tag gab ihm das belauschte Gespräch zu denken. Was hieß das für ihn? Was musste er daraus mitnehmen und welche Schlüsse treffen? Doch das musste warten, bis er wieder kam. Vorerst tat er, als wüsste er von nichts.

An diesem Tag durften sie etwas länger schlafen, um Kraft zu schöpfen für den bevorstehenden Auftrag. Auch ihr Frühstück fiel reichhaltiger aus, als sonst üblich. Danach galt es, ihre Sachen zu packen.

Weder Caius noch Lucien besaßen sonderlich viele persönliche Dinge. Lediglich Lucien konnte seinen eigenen Dolch einpacken. Sowohl ihre Rüstung, auch wenn diese ihnen bei ihrer Ankunft geschenkt worden war, als auch ihre Waffen wurden von der Dunklen Bruderschafft gestellt. Sie bekamen für die Dauer des Auftrages je ein Kurzschwert für die Selbstverteidigung. Es wurde nicht erwartet, dass mehr von Nöten war, da sie selbst keinen Anteil am Überfall haben würden. Dennoch packten sie nebst ihrem Bettzeug und Proviant auch einige Heiltränke und auch je einen Manatrank ein. Sie hatten die Zutaten dafür selbst gesammelt und die Tränke ebenso selbst gemischt. Caelwen hatte sie angehalten, stets einen Vorrat der grundlegendsten Tränke zu unterhalten.

Tsonashap und Sares Areles waren freilich entsprechend stärker bewaffnet. Sares führte seinen großen, mit einigen Verzauberungen belegten Eibenholzbogen Schwarze Flamme sowie mehrere Dolche und ein elfisches Kurzschwert bei sich. Tsonashap hatte sich schlicht auf mehrere Schwerter verschiedener Machart und Verzauberungen festgelegt. Die meisten ihrer Waffen waren Belohnungen für Sonderaufträge gewesen, und Lucien staunte nicht schlecht, als ihm so wieder einmal der Reichtum der Bruderschaft vor Augen geführt wurde. Die Waffen mussten ein Vermögen gekostet haben!

»Lerne fleißig und führe deine späteren Aufträge gewissenhaft aus«, sagte Cassius Proximo bei ihrer Verabschiedung zu ihm. »Dann wirst du schnell ebenso in den Genuss solcher Waffen kommen.«

Dann wandte er sich an die gesamte Gruppe. Lucien stand mit stolzgeschwellter Brust zwischen Tsonashap und Sares, während er versuchte, Caius auszublenden, um sich seine Stimmung nicht trüben zu lassen.

»Ihr zieht nun aus, um der Mutter der Nacht zur Ehre zu gereichen und das Wort der Dunklen Bruderschaft zu verbreiten«, sagte Cassius Proximo. »Ihr werdet Blut vergießen und im Namen unseres Fürchterlichen Vaters Leben nehmen. Auf dass ihre Seelen auf immer in der Leere leiden mögen. Heil Sithis!«

»Heil Sithis!«, riefen die ausziehenden Assassinen im Chor.

Lucien hatte dieses kleine Zeremoniell schon oft beobachtet und die Assassinen darum beneidet, im Namen ihres Fürchterlichen Vaters morden zu dürfen. Und nun endlich hatte er selbst einen Anteil an einem Auftrag der Dunklen Bruderschaft. Er würde sogar einen kleinen Teil des Lohns behalten dürfen! Das war überhaupt das Beste daran. Er hatte noch nie eigenes, selbst erworbenes Geld besessen, sondern stets nur gestohlene Septime in der Hand halten können. Wie es wohl sein würde, wenn er erst einmal eigen erspartes Geld ausgeben konnte für was auch immer er wollte? Bestimmt großartig! Bisher hatte er stets auf Kosten der Bruderschaft gelebt und von ihr bekommen, was er benötigte. Zurückzahlen musste er davon nichts; anscheinend waren seine späteren Dienste als Mitglied der Bruderschaft Gegenleistung genug.

Er konnte das Grinsen einfach nicht unterdrücken, während auch die anderen Mitglieder in die Lobpreisung des Fürchterlichen Vaters einfielen und sich somit verabschiedeten.

Lucien hatte schnell gelernt, dass die Zuflucht zwei Zugänge hatte: jenen für die Neuzugänge durch die Schwarze Tür und einen Geheimgang. Hinter dem verlassenen Haus befand sich ein Brunnen, welcher über eine Leiter mit der Zuflucht verbunden war. Er besaß noch keinen eigenen Schlüssel für das Gitter über dem Brunnen, aber hatte diesen Weg dennoch schon oft zusammen mit seinen Lehrern benutzt. Es war einfach sicherer und unauffälliger, wenn sie auf diese Weise die Zuflucht verließen.

Die beiden Mörder in Ausbildung und die beiden Assassinen hatten darauf verzichtet, Tarnkleidung anzulegen. Sie würden die Straßen und Siedlungen Cyrodiils meiden, sodass keine Notwendigkeit dazu bestand. Als sie die Zuflucht verließen, dämmerte es bereits, da ihre letzten Vorbereitungen, ganz erstaunlich für Lucien, viel Zeit in Anspruch genommen hatten.

Tsonashap und Sares hatten, obwohl sie sicherlich ganz Cyrodiil und vielleicht sogar die eine oder andere angrenzende Provinz des Kaiserreiches wie ihre Westentasche kannten, dennoch noch einmal genauestens die Karten konsultiert, die die Zuflucht besaß. Dann hatten sie mehrere Male ihr Gepäck überprüft, manches umgepackt, neu hinzu getan oder wieder verworfen. Lucien war erstaunt über die Akribie, die die beiden an den Tag legten, und nahm sich diese Erkenntnis zu Herzen. Die beiden bekleideten nicht umsonst den Rang der Assassinen, einen der höchsten Ränge, die ein einfaches Mitglied der Familie besitzen konnte. Lediglich die Henker, also Cassius Proximo und Vicente Valtieri, waren ihnen übergeordnet.

»Der Wanderzirkus, den wir überfallen werden, ist auf der Durchreise von Skyrim nach Elsweyr mit Zwischenhalten in Bravil und Leyawiin«, hatte Tsonashap während ihrer Vorbereitung gesagt. »Er wird auf jeden Fall in Bruma Halt machen und ebenso auch in der Kaiserstadt. Ob sie weitere Zwischenhalte einlegen werden, wissen wir nicht. In den Städten werden sie aber auf jeden Fall längere Aufenthalte haben, um Aufführungen zu machen und so Geld einzuheimsen, um ihre Reisekosten zu decken.«

»Unsere Spur beginnt also in Bruma«, schloss Lucien daraus.

»Exakt.«

Und das hieß für sie nun: abgelegene Pfade durch die Wildnis und oftmals nicht einmal das. Die einzigen, die sich manchmal noch in die Wildnis wagten, waren kaiserliche Legionsförster und der eine oder andere Jäger. Ansonsten fanden sich hier draußen nur wilde Tiere und Gesetzeslose. Es war gefährlich, sie wussten es, aber jeder von ihnen konnte sich inzwischen verteidigen.

Lucien scheute die Gefahr nicht. Sicheren Schrittes ging er seinen Weg hinter Sares her, gefolgt von Caius und schließlich Tsonashap. Außerdem freute sich der Junge, jetzt endlich etwas mehr von Cyrodiil zu sehen. Nachdem er vor über einem Jahr den Schritt hinaus aus der Kaiserstadt gewagt hatte, hatte er festgestellt, dass die Welt viel größer war, als er es sich bis dahin jemals hätte erträumen können. Nicht zuletzt durch Vicentes Unterricht war seine Neugierde nach mehr geweckt worden. Er wollte wissen, wie es an all den fremden Orten mit den sonderbaren Namen aussah, von denen der Vampir ihm erzählt hatte. Die Bruderschaft gab ihm genau diese Möglichkeit.

Die Landschaft änderte sich gemächlich. Schon im Hinterland Cheydinhals stieg das Land langsam an und türmte sich auf zu den Valus-Bergen, die sich weiter nördlich mit den Jerall-Bergen vereinigten, welche die Grenze zwischen Cyrodiil, dem Herzland, und Skyrim, dem Himmelsrand, Land der Nords, markierte. In Bruma sollten viele Nord leben, hatte Lucien gelernt, da das Klima dort zwar noch immer milder als weiter im Norden, aber trotzdem dem in Skyrim am ähnlichsten war. Die Nord sollten ein wildes, trinkfreudiges und kampflustiges Volk sein, ein bärbeißiger Menschenstamm. Lucien hatte in seiner Bande selbst einen Nord gehabt, dieser war allerdings kaum ein mustergültiger Vertreter seines Volkes gewesen.

Auch wenn sie Brüder der Dunklen Bruderschaft waren, so mieden die vier Kämpfe, wo sie nur konnten. Sares, seines Zeichens ein geschickter Mann der Wildnis, ging voraus und kundschaftete ihren Weg aus, las Spuren und deutete die Zeichen der Natur. So konnte er die Gefahren schon lange im Vorfeld ausmachen. Kein Wolf oder Bär, kein Bandit sah sie kommen und auch sie schlugen einen Bogen um die unerwünschte Gesellschaft.

»Wir wollen kein Risiko eingehen«, sagte Tsonashap. »Ein Kampf, egal wie überlegen man selbst ist, ist immer ein Risiko. Es gibt so viele Ungewissheiten, die eine Konfrontation zu einem unerwarteten Ausgang bringen können. Wir wollen uns nur in einen Konflikt bringen: in den mit unserem Auftrag. Mehr zählt nicht, darauf müssen wir uns konzentrieren.«

Am Abend schlugen sie im Schutze einer Felsformation ihr Lager auf. Auf ein Feuer verzichteten sie, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, und aßen stattdessen nur etwas Brot und Käse. Dann wurden die Wachen eingeteilt und sie schliefen.

Nachdem sie am nächsten Tag bereits einige Meilen gewandert waren, bemerkte Lucien, dass die Temperaturen mittlerweile empfindlich gesunken waren und die Pflanzen einen leichten weißen Schimmer auf ihren Blättern trugen. Schnee. In der Kaiserstadt war es selten so kalt geworden, dass der Schnee liegen blieb, in Cheydinhal jedoch hatte er bereits seinen ersten wirklichen Winter mit Schnee erlebt, der durchaus über Tage hinweg liegen blieb. Dennoch faszinierte ihn der Gedanke, dass es Orte gab, an denen der Schnee über Wochen und Monate liegen blieb. Ganz im Norden von Skyrim, an der Küste des Eismeeres, sollte er angeblich sogar nie tauen. Einfach unvorstellbar!

Dies war jedenfalls für sie das Zeichen, dass sie sich nun in den Jerall-Bergen befanden. Ihr Weg selbst wurde nun zusehends steiler und zerklüfteter. Rings um sie herum wurden die Pflanzen immer spärlicher und die Landschaft wilder, ein Vorankommen wurde mühseliger. Lucien, der bis jetzt nur das Umland der Kaiserstadt und das Hinterland Cheydinhals kannte, war fasziniert vom Wechsel der Landschaft. Durch seinen Unterricht bei Vicente hatte er viel von den raueren nördlichen Regionen Tamriels gelesen, und er war neugierig, wie es da sein mochte.

Sie suchten sich kleine Trampelpfade und Wildwechsel, um besser voran zu kommen, da ein direkter Weg kaum noch möglich war und sich als sehr beschwerlich herausstellen würde. Ebenso stellten sie fest, dass sie, wenn auch immer noch selten, so doch häufiger auf Gesetzeslose stießen. Wahrscheinlich nutzten sie die unwegsame Gegend als Versteck, da sie sich hier leichter verbergen konnten.

Es wurde Abend, als sie endlich in der Ferne Bruma ausmachen konnten, nachdem sie einen großen Bergrücken umgangen und einen sonderbaren Felsen in Form einer riesigen Klaue passiert hatten. Der Felsen hatte Lucien fasziniert und er hatte gefragt, was es damit auf sich hatte. Tsonashap hatte eine seiner Pfoten gehoben und gezeigt, dass sie verblüffende Ähnlichkeit mit der Form des Felsens hatte.

»Er wird der Drachenklauenfels genannt«, sagte der Argonier, »weil er aussieht wie, nun, wie die Klaue eines Drachen. Zumindest so, wie die Legenden einen Drachen beschreiben. Niemand hat seit langer Zeit einen Drachen gesehen.«

»Auf dem Talos-Platz steht eine Drachenstatue«, sagte Lucien. »Ich finde, er sieht sehr echt aus. Vielleicht hatte der Erbauer einen echten Drachen als Vorbild.«

Tsonashap zuckte mit den Schultern. »Wer weiß. Ich jedenfalls nicht, Geschichte interessierte mich nie wirklich über das hinaus, was ich benötige.«

Es war danach vielleicht nur noch eine Meile, wenn überhaupt, bis sie vor den Toren der Stadt ankamen. Sie würden die Stadt nicht betreten, sondern hielten sich möglichst verborgen. Die Stadtwachen vor dem Tor würden sie sofort angreifen, wenn sie sie sahen und erkannten.

Ihr Plan war daher, Sares Areles im Schutz der Dämmerung vorauszuschicken. Er würde sich zu den Ställen schleichen und den Stallbesitzer ausfragen.

Als es soweit war, schlich der Dunkelelf nahezu lautlos davon. Wenn Lucien nicht wüsste, worauf er achten musste, er hätte ihn fast augenblicklich aus den Augen verloren. Wahrlich ein Meister der Verstohlenheit! Dann war es eine Weile still. Angespannt beobachteten sie aus ihrem Versteck heraus die Ställe. Der Stallmeister saß eine ganze Weile Pfeife rauchend auf der kleinen Veranda seiner Hütte, die an die Koppel angrenzte, und beobachtete den Abend. Sares hatte sich irgendwo weiter hinten im Heu verborgen und schien auf den richtigen Moment zu warten.

Als der Nord, der die Stallungen betrieb, sich erhob, war der Augenblick gekommen. Der Mann hatte beschlossen, zum Feierabend noch einmal nach den Pferden zu sehen, und betrat die Koppel. Als er am Heuhaufen vorbei ging, sah Lucien nur kurz einen verschwommenen Schemen, von dem er annahm, dass es Sares war, dann war auch von dem Stallmeister nichts mehr zu sehen.

»Hat er ihn niedergeknüppelt?«, hauchte Caius.

Tsonashap zischte ihn als Antwort nur missbilligend an.

Die Jungen hielten den Atem an und beobachteten das weitere Geschehen, dieses Mal jedoch mucksmäuschenstill und der Dinge harrend, die da kamen.

Es dauerte einige Minuten, bis der Stallmeister wieder auftauchte, taumelnd und anscheinend benommen, jedoch am Leben. Ein Schatten huschte davon und kurz darauf tauchte Sares wieder bei ihnen auf.

»Und jetzt lasst uns rasch verschwinden, bis der alte Mann zu den Wachen rennt«, sagte er. »Ich erzähle euch alles auf dem Weg.«

»Wo müssen wir hin?«, fragte Tsonashap.

»Zur Kaiserstadt.«

Sie verschwendeten keine Zeit und sahen zu, dass sie von hier verschwanden.

»Er sprach nicht ganz freiwillig«, sagte Sares Areles schließlich. »Deshalb hatte ich ein wenig nachgeholfen. Die Wirkung sollte noch eine kleine Weile andauern und uns Zeit kaufen, aber wir wären besser beraten, wenn wir uns dennoch beeilen, ehe er zu den Wachen geht und diese auf dumme Gedanken kommen.«

»Der Nord weiß doch jetzt, dass die Dunkle Bruderschaft hier war, oder?«, fragte Caius. »Warum habt Ihr das gemacht, Meister Areles?«

»Die Existenz der Bruderschaft ist ein offenes Geheimnis«, sagte der Elf. »Wenn es der Auftrag nicht anders erfordert, geben wir uns daher keine Mühen, uns zu verstellen. Nur dann, wenn es uns anderweitig in Schwierigkeiten bringen könnte. Aber welchen Schaden entsteht für uns dabei, wenn der alte Mann seine Schlüsse zieht und erkennt, dass wir den Wanderzirkus jagen? Das sind nur einige arme Künstler ohne Rang und Namen. Sie werden nicht einmal von einem Patron beschützt.«

»Keine unnötigen Mühen also«, schloss Lucien.

»Exakt.« Dann wechselte Sares das Thema: »Was ich erfahren habe, ist folgendes: Der Wanderzirkus kam hier durch. Jedoch ist dies schon zwei Tage her. Sie haben also einen ordentlichen Vorsprung, den es aufzuholen gibt. Ihr nächstes Ziel ist die Kaiserstadt. Wie lange sie sich dort aufhalten werden, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.«

»Eile ist geboten«, sagte Tsonashap. Mehr nicht.

Also boten sie Eile. Noch in dieser Nacht wanderten sie mehrere Meilen, um einen gehörigen Abstand zwischen sich und die Stadt zu bringen. Dieses Mal nahmen sie die Straße, der schnellste und direkteste Weg zur Kaiserstadt von Bruma aus. Tagsüber würden sie achtgeben müssen, dass sie sich rechtzeitig verbargen, sollte ihnen jemand begegnen, doch das war so spät in der Nacht nicht mehr zu fürchten.

Erst gegen Mitternacht machten sie Rast und schlugen ihr Lager auf. Lucien schaffte es gerade noch, sein Bettzeug auszurollen. Dann übermannte ihn die Müdigkeit und er fiel in einen tiefen Schlaf.

Der nächste Morgen kam viel zu früh für seinen Geschmack. Nur seine über ein Jahr lang aufgebaute Kondition ließ ihn aufstehen. Die Sonne war gerade im Aufgehen begriffen und zeigte sich gerade erst am östlichen Horizont: ein blasser roter Streifen, der sich allmählich gegen das dunkle Blau der Nacht durchsetzte und sich am Himmel ausbreitete.

Sie aßen etwas und gingen so bald als möglich weiter. Ihr Weg führte sie nun stets bergab, heraus aus den Jerall-Bergen. Noch in der Nacht zuvor hatten sie die Schneefallgrenze hinter sich gelassen und kamen nun allmählich in wärmere Gefilde. Und auch obwohl sie die Augen danach offen hielten, schien es nicht so, als ob sie verfolgt wurden.

 

Die Silberne Straße war recht selten benutzt, wenige nur wollten nach Bruma und in den kalten Norden. Wenn sie genutzt wurde, dann vor allem als Durchgangsstraße nach Skyrim. Das änderte sich erst, als sie die Rote Ringstraße betraten, die große Straße, welche sich in einem Ring um den Rumare-See und die Kaiserstadt schloss und die meisten anderen Straßen zu den anderen Städten Cyrodiils miteinander verband. Da das Gelände hier auch besser zugänglich war, beschlossen die vier Dunklen Brüder, sich ab hier wieder in den Großen Forst zu schlagen, um so unangenehmen Begegnungen zu entgehen, zumal die Kaiserliche Legionsreiterei auf ebendieser Straße verstärkt patrouillierte.

Unweigerlich kamen sie auf ihrem Weg, da sie den See in nordwestlicher Richtung umrundeten, auch an Bockbierquell entlang. Sie hielten nicht an, da die anderen drei keinerlei Interesse an der kleinen Siedlung hatten. Nur Lucien erging sich für einen Moment in seinen Erinnerungen. Hier war sein erster Mord für die Bruderschaft gewesen, hier hatte sein Weg begonnen, den er heute beschritt. In Dorf selbst hatte sich nach Seed-Neeus‘ Tod anscheinend nichts geändert, für Lucien hatte damit jedoch ein neues Leben angefangen.

Am Nachmittag erreichten sie die Kaiserstadt. Da bis auf Tsonashap jeder einen Einwand hatte, durch den See zu schwimmen, nahmen sie die Brücke, welche direkt über den See zum Haupttor der Kaiserstadt führte.

»Wir werden natürlich nicht durch das Haupttor hineinspazieren«, hatte Sares im Vorfeld noch betont. »Aber nein, Tsonashap, ich werde auch nicht schwimmen und die Jungen sind sicherlich ebenso nicht sonderlich darauf erpicht. Ihr könnt es gern tun, wenn Ihr wollt.«

Der Argonier hatte gezischt.

Stattdessen sah ihr Plan aus, dass sie ein wenig auf ihr Glück setzten und hofften, dass gerade keine Wache am Haupttor postiert war. Und das Glück war ihnen hold. Kaum, dass sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten, schwenkten sie nach Süden ab und steuerten den Hafen an.

»Wenn man weiß, wie, dann gibt es einige Schleichwege in die Stadt«, sagte Sares zu den Jungen. »Ihr beiden wisst das sicherlich so gut wie ich.«

Wieder einmal hielten sie sich in der Nähe des Hafens verborgen und warteten auf den Schutz der Dunkelheit, bis sich erneut Sares vorwagte. Er hatte noch immer Kontakte zur Diebesgilde. Die meisten Mitglieder hatten ihn zwar verstoßen, als er sich weigerte, den Blutpreis zu zahlen, doch manche Freunde hatte er noch. Und auch so, wie Lucien gelernt hatte, arbeitete die Bruderschaft nicht selten mit dem Graufuchs und seinen Leuten zusammen.

Dieses Mal konnten sie nicht so leicht mitverfolgen, was der Dunkelelf im Hafenviertel trieb. Zudem dauerte es auch länger. Doch Tsonashap schien die Ruhe selbst, weshalb die beiden Jungen keinen Grund zur Besorgnis sahen. Schließlich tauchte Sares wieder auf.

»Hrjalskar hatte mich in einen kleinen Plausch über alte Zeiten verwickelt, bitte entschuldigt«, begrüßte er sie.

»Ich nehme an, es handelt sich dabei um einen alten Freund«, schloss Tsonashap.

Sares nickte.

»Der Name klingt nach einem Nord«, fuhr der Argonier fort. »Ungewöhnlich für einen aus seinem Volk, ein Dieb zu sein, der geschickt genug ist, um bei der Diebesgilde mitzumachen. Aber erzählt uns: Was habt Ihr in Erfahrung gebracht?«

»Unser Ziel ist uns wieder voraus«, sagte Sares. »Doch wir kommen ihm näher. Sie haben die Stadt erst heute Nachmittag verlassen, anscheinend nur kurz, bevor wir ankamen. Was für ein Pech aber auch! Sie steuern nun Bravil an.«

»Dann werden wir sie bald eingeholt haben«, schloss Tsonashap. »Das ist gut. Dann haben wir noch genügend Zeit sie auszukundschaften, ehe sie den Schwarzforst erreichen und wir sie aus dem Dickicht des Sumpflandes heraus überfallen können. Perfekt!«

Er schien über diese Aussicht höchst erfreut zu sein.

In dieser Nacht reisten sie nicht weiter. Sie hatten einen ordentlichen Teil des Rückstandes aufgeholt und waren nun nahe dran an ihrem Ziel. Das hieß, dass sie keine so große Eile zeigen mussten wie noch einen Tag zuvor. Stattdessen wollten sie lieber Kraft schöpfen und sich für das Kommende ausruhen.

Dennoch brachen sie am nächsten Tag wieder früh auf. Wenn die Schätzung der beiden Assassinen richtig war, so würden sie noch am nächsten Tag, nämlich dann, wenn sie Bravil erreichten, ebenfalls die wandernden Spielleute eingeholt haben.

Auch an diesem Tag mieden sie die Straßen und suchten sich ihren Weg durch den Großen Forst. Auf diese Weise kamen sie zwar nicht ganz so schnell voran, aber sie gingen zumindest kein allzu großes Risiko ein. Wilde Tiere mussten sie so oder so auf den Straßen und abseits davon fürchten, doch dank Sares Areles konnten sie jede unerwünschte Gefahr umgehen.

Noch immer war die Aufregung bei Lucien so groß wie am Tag ihres Aufbruches. Er hatte nun viel Zeit gehabt, über alles nachzudenken und das bisher Geschehene Revue passieren zu lassen. Mittlerweile war er zu dem Schluss gekommen, dass all das ihm sogar noch viel mehr zusagte, als er bisher angenommen hatte. Ein Jahr der Lehre, ein Jahr des Jammers war kein Zuckerschlecken. Lehrjahre waren keine Herrenjahre, wie er so oft zu hören bekommen hatte von seinen Lehrern. So war es eine wunderbare Abwechslung, das Gelernte nun endlich durch Taten und Praxis zu verfeinern.

Und in der Tat hatte er bereits vieles gelernt. Es war ein wahrer Genuss, zwei erfahrenen Assassinen wie Tsonashap und Sares bei der Arbeit zuzusehen. Sie gingen routiniert, ruhig und überlegt vor. Sie wussten ganz genau, was zu tun und was besser zu vermeiden war. Und das machte sie zu tödlichen Waffen. Lucien brannte darauf, die beiden in voller Aktion beim Überfall auf die Spielleute zu erleben.

Bravil war noch heruntergekommener als selbst das Hafenviertel der Kaiserstadt. Das erkannte der junge Mörder gleich, als sie am zweiten Tag nach ihrem Aufbruch von der Kaiserstadt dort ankamen. Dreckig und verfallen ragten die Mauern aus einer kleinen Bucht im Nieben auf. Der Modergeruch drang sogar über die Mauern hinaus bis zu ihnen.

»In den warmen Jahreszeiten sind die Mücken eine wahre Plage hier, noch schlimmer als im Dunkelforst«, sagte Sares, während sie sich in einer nahezu komplett verfallenen Festungsruine niederließen, die unmittelbar vor den Stadttoren stand. Nicht einmal mehr der Name der Festung war bekannt, noch ihre einstigen Ausmaße. Vielleicht war es einst eine riesige Wehranlage gewesen, vielleicht auch nur ein alter, aufgegebener Wachtturm.

Wieder war es der Dunkelelf, der Informationen einholte. Doch dieses Mal zeigte er sich niemandem. Es reichte, dass er ein Gespräch zwischen der Wache an der Brücke und dem hiesigen Stallmeister belauschte, um in Erfahrung zu bringen, dass die Spielleute in der Tat momentan in der Stadt verweilten.

»Wir müssen nur noch warten, bis sie sie morgen wieder verlassen«, sagte er. »Dann heften wir uns an ihre Fersen und beobachten.«

Und das taten sie dann auch. Lucien konnte in der Nacht vor Aufregung kaum noch schlafen. Bald war es endlich so weit, bald! Bald würden sie ihr Ziel vor Augen haben und zuschlagen können. Sein erster richtiger Mordauftrag für die Dunkle Bruderschaft!

Trotz des Faktes, dass er kaum geschlafen hatte (ein Umstand, der bedingt durch seine harte Ausbildung nicht selten bei ihm war), fühlte sich Lucien am nächsten Morgen erstaunlich frisch und ausgeruht. Er brannte vor Tatendrang und konnte es kaum abwarten, dass sie endlich ihrem Ziel von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen konnten. Die beiden Assassinen mussten ihn und schließlich auch Caius regelrecht zurückhalten, als dieser auch noch von Luciens Überschwang angesteckt wurde.

»Ruhig und gesittet«, mahnte Sares sie. »Das habe ich euch doch beigebracht.«

Entschuldigend senkten sie die Blicke, hatten jedoch Mühe, ihren Übermut im Zaum zu halten.

Erst gegen Mittag tat sich etwas. Die Assassinen hatten derweil geduldig aus ihrer Deckung heraus das Stadttor beobachtet, den einzigen Zugang über Land zur Stadt. Vielleicht hatte die Schauspieltruppe noch eine Aufführung gegeben oder sie hatten es einfach nicht sonderlich eilig. Doch nun endlich kamen sie.

Wie die beiden Assassinen ihnen bereits gesagt hatten, war es nur eine kleine Truppe. Vier Schauspieler und Musiker und zwei Leibwächter, Söldner aus Elsweyr. Die Söldner flankierten den kleinen Zug, der sein ganzes Besitztum auf zwei von Maultieren gezogenen Karren geladen hatte: einen anscheinend für die Bühne, Kostüme und Requisiten und einer für die persönlichen Gegenstände, hauptsächlich Zelte, Vorräte und Kochmaterial. Die Schauspieler waren offenbar nicht sonderlich reich. Trotz allem zogen sie singend und scherzend aus der Stadt, verfolgt von einer Horde Kinder, die johlend um eine kleine Privatvorstellung baten.

Die Assassinen sahen sich rasch um und prüften die Lage. Als sie diese für geeignet erachteten, winkten sie den jungen Mördern in Ausbildung und huschten mit diesen davon. Mit einem kleinen Bogen zurück nach Norden und vorbei an der Ayleidenruine vor den Mauern der Stadt setzten sie sich nun auf die Fährte der Truppe.

Vorsicht war nun geboten. Lucien wusste, wie er sich zu verhalten hatte. Dennoch war er gespannt wie eine Sprungfeder und hätte am liebsten gleich zugeschlagen. Er konnte sich nur deswegen zurückhalten, weil er wusste, dass er ansonsten große Probleme bekäme und ihre gesamte Mission gefährdete.

Vor allem die beiden Khajiit, die die Truppe als Leibwächter begleiteten, mussten ausgekundschaftet werden. Sie wussten nicht, wie die beiden Katzenmenschen einzuordnen waren, wie gut oder wachsam sie waren und was sie allgemein als Leibwächter taugten. Außerdem galt es herauszufinden, ob auch die Schauspieler selbst sich eventuell nennenswert zu verteidigen wussten. Die Dunklen Brüder gaben sich für all diese Informationen maximal einen Tag, dann wollten sie einen passenden Hinterhalt finden, bevor die Truppe am nächsten Tag Leyawiin erreichen würde.

Es war leicht, die Schauspieler zu verfolgen ohne von ihnen bemerkt zu werden. Die Khajiit gaben sich zwar Mühe, wachsam zu sein, doch sonderlich gut waren sie darin nicht. Die Schauspieler selbst führten sorglos ihre Wagen die Straße entlang, darauf vertrauend, dass ihre Wächter ihre Arbeit erledigten, während sie selbst weiter fröhlich ihre Lieder weithin durch den Wald hallend sangen.

Narren, dachte Lucien und wähnte leichte Beute.

Tsonashap und Sares waren geduldig. Sie gingen nicht vorschnell vor, sondern wussten, wann der rechte Augenblick gekommen war. Und noch war dieser nicht erreicht.

Als es dämmerte, machte die Truppe am Wegesrand Rast. Sie schlugen die Zelte auf und entfachten ein Lagerfeuer. Die Assassinen und ihre jungen Begleiter suchten sich in sicherer, aber nicht zu großer Entfernung selbst ihr Nachtlager und stellten dann die Wachen auf. Noch bis lange in die Nacht hinein, verfolgten sie das Treiben der Schauspieler und analysierten es.

Erst kurz vor Mitternacht hielten sie damit inne.

»Wir wissen nun einiges über unser Ziel«, sagte Tsonashap. »Lucien, Caius, fasst zusammen.«

»Die Leibwächter sind ehrgeizig, aber nicht sonderlich talentiert«, sagte Lucien sogleich und freute sich, Caius das Wort abgeschnitten zu haben. »Sie sind jedoch große Katzen, was dennoch zu einem Problem werden könnte. Die Schauspieler selbst, unser Ziel, scheinen nicht sonderlich erpicht darauf zu sein, unauffällig zu sein. Sie sind laut und unaufmerksam.«

»Sie verlassen sich voll und ganz auf die Khajiit«, ergänzte Caius, als Lucien für einen Moment inne hielt, um Luft zu holen. »Ich sehe darin ihre Schwachstelle und würde zuerst die Khajiit aus dem Verborgenen heraus angreifen und dann über den Rest der Truppe herfallen.«

»Und die Schauspieler selbst?«, fragte Sares. »Was denkt ihr von denen, wenn wir sie im Kampf konfrontieren?«

»Sie machen nicht viel her«, war dieses Mal Caius der erste. »Ich glaube nicht, dass sie mehr als nur Dolche dabei haben.«

»Du glaubst oder du weißt?«

Caius stutzte und überlegte.

»Du hast nicht gut genug beobachtet«, sagte Sares. »Aber du wirst es lernen. Der Anführer der Truppe, der ältere bärtige Mann, hat ein Schwert hinter sich auf dem Wagen verborgen. Es ist keine Attrappe für die Bühne, daher ist anzunehmen, dass er es benutzen wird.«

»Ich habe mir den Mann genauer angesehen«, teilte Tsonashap mit. »Er ist alt und seine Arme schwach, aber es hat den Anschein, als hätte er einmal Umgang mit Waffen gehabt. Vielleicht war er in die Legion eingezogen worden. Da er auf einem Bein leicht lahmt, halte ich es daher für wahrscheinlich, dass er aufgrund einer Verletzung wieder ausgemustert wurde und irgendwann bei den Schauspielern hier landete. Er wird mit dem Schwert umgehen können, jedoch nicht sonderlich gut. Sind die Khajiit ausgeschalten, ist er das nächste Opfer. Die anderen drei haben in der Tat nicht mehr als einfache Dolche bei sich.«

»Und was ist mit Magie?«, fragte Lucien. »Ist es denkbar, dass sie Magie als Verteidigung einsetzen werden?«

»Sehr gut!«, lobte der Argonier. »Magie ist immer ein recht unkalkulierbarer Faktor, das stimmt. Allerdings sind alle sechs, die Schauspieler wie ihre Khajiit-Leibwachen, ein raues Leben gewöhnt. Magier der Universität sind grundsätzlich Bücherwürmer, die ihr Lebtag zu wenig Sonnenlicht bekommen. Die wenigsten von ihnen forschen im Feld, und selbst diese haben ein unverwechselbares Auftreten. Nichts davon trifft auf unser Ziel zu, daher ist höchstens mit Basismagie zu rechnen.«

»Und dagegen gibt es Tränke«, sagte Sares. Er selbst hatte ein Sammelsurium an Giften und Tränken dabei. Noch während ihres Gespräches hatte er begonnen, verschiedene Pfeile mit diversen Giften zu behandeln.

Am nächsten Tag standen sie, obwohl ihr Ziel sich damit mehr Zeit ließ als sie, früh auf. Sie wollten einen Vorsprung zur Schauspieltruppe aufbauen, um einen geeigneten Ort für einen Hinterhalt auszukundschaften. Mittlerweile hatten sie den Dunkelforst erreicht, östliche Ausleger der Sümpfe Schwarzmarschs und damit ein unwegsames und nahezu undurchdringliches Land. Die Bäume standen dicht an dicht und warfen mit ihren ausladenden, lianenbehangenen Ästen dunkle Schatten auf den Waldboden. Immer wieder kreuzten Wasserarme und Tümpel ihren Weg, sodass sie vorsichtig darum herum gehen mussten. Denn noch immer mieden sie die Straße, hielten sich aber nahe von ihr. Lucien vermerkte für sich, dass er diese Ecke Cyrodiils nicht mochte.

Tsonashap hingegen schien aufzublühen. Die Heimat der Argonier, Schwarzmarsch, bestand nahezu ausschließlich aus solchen Wäldern und Sümpfen und war damit wie geschaffen für das wasserliebende Echsenvolk. Hier war er eindeutig im Vorteil.

Daher war auch er es, der ihren Hinterhalt aussuchte: einen dichteren Abschnitt des Waldes wenige Meilen nördlich von Leyawiin. Mehrere große Bäume standen hier direkt am Weg und streckten ihre dicken Äste über diesen hinweg. Am Wegesrand selbst wuchs dichtes Gestrüpp, das eine gute Deckung bot, gleichzeitig aber, wenn man das Geäst geschickt anordnete, eine passable Sicht auf die Straße bot.

Tsonashap versteckte sich mit den Jungen im Gebüsch, während Sares in das Geäst der Bäume kletterte und sich dort ein geeignetes Versteck suchte, auch wenn er vorher noch gescherzt hatte, dass er doch kein baumliebender Bosmer sei, sondern ein Dunkelelf aus Morrowind.

Dann warteten sie. Nichts war mehr zu hören, die Stille des Waldes legte sich um sie. Nur der Nieben rauschte nicht weit von ihnen entfernt und der Wind säuselte in den Blättern des Waldes.

Es dauerte eine Weile, ehe sie in der Ferne den Spielmannszug hörten. Einige weitere Minuten vergingen, in denen Lucien angespannt auf jene Stelle des Grünen Weges starrte, wo die Schauspieler bald erscheinen mussten. Seine Hand wanderte immer wieder zu dem Dolch an seiner Hüfte, ehe er sich besann und sie wieder zurückzog. Er war nicht derjenige, der den Auftrag ausführte. Er war nur der Lehrling, der beobachtete und lernte.

Es war schwer, es war sehr schwer, sich zurückzuhalten. Das, was er vor über einem Jahr in sich verspürt hatte, als er Malvin den Dolch in die Brust getrieben hatte, kochte wieder in ihm hoch und verlangte nach Aufmerksamkeit, nach Raum, um sich zu entfalten. Nach Blut.

Endlich kam der Spielmannszug in Sicht. Lucien warf einen Blick nach oben in die Bäume, doch von Sares Areles war nichts mehr zu sehen, nicht einmal das Aufblitzen von Metall im matten Licht des regnerischen Tages. Auch Tsonashap starrte angespannt zu ihrem Ziel hinüber und wirkte hochkonzentriert.

Lucien erinnerte sich der verschiedenen Übungen, die ihnen der Argonier und der Dunkelelf gezeigt hatten, um sich mental auf einen Kampf vorzubereiten. Bis jetzt hatte er die Techniken nur zu Übungszwecken in Duellen gegen seine Lehrer und Caius anwenden müssen. Doch das hier war echt, wirklich und wahrhaftig. Sie lauerten im Namen der Dunklen Bruderschaft ihrer Beute auf, um ihr Blut dem Fürchterlichen Vater Sithis zu opfern.

Die kleine Karawane kam näher und wusste nichts von dem drohenden Unheil, das ihnen bevorstand. Der Moment des Überfalls kam jedoch auch für Lucien überraschend.

Plötzlich sauste ein Pfeil wie aus dem Nichts und traf einen der Khajiit-Leibwachen mitten in die Brust. Die Spitze war mit einem der Gifte bestrichen, denn zuckend und mit Schaum vor dem Maul ging die Katze zu Boden. Es blieb keine Zeit zu sehen, ob sie dort auch verendete, denn schon wurde die zweite Wache nach hinten geschleudert, einen Pfeil mitten im Auge.

Panik brach aus, Schreie wurden laut.

»Ein Überfall!«, brüllte der Anführer der kleinen Schauspieltruppe und zog sein Schwert.

Da stürzte Tsonashap aus ihrem Versteck, seine Schwerter ebenfalls gezückt, und stürmte auf ihre Opfer zu.

»Heil Sithis!«, brüllte er ihnen mit einem echsenhaften Fauchen entgegen.

Ehe sie reagieren konnten, denn der Schreck über die Erkenntnis, dass die Dunkle Bruderschaft sie soeben ermordete, saß zu tief in den Knochen, wurde auch schon der Anführer von einem weiteren Pfeil des Dunkelelfen niedergestreckt. Er war unglaublich schnell und treffsicher! Lucien, obgleich er seinen Lehrer kannte, war verblüfft von den verborgenen Talenten, die dieser hier zeigte.

Dann war Tsonashap mitten unter den verbliebenen drei Schauspielern. Einem Wirbelwind aus todbringenden Klingen gleich, fegte er über sie hinweg und machte sie nieder.

Da bemerkte Lucien eine Bewegung neben sich. Blitzschnell war Caius aufgesprungen und rannte Tsonashap nach. Luciens Gedanken rasten. Sein Rivale wollte sich doch nicht etwa gegen ihren Befehl an dem Überfall beteiligen? Das konnte er so nicht auf sich sitzen lassen! Er zückte seinen Dolch und das geliehene Kurzschwert und rannte Caius nach. Am Rande bemerkte er noch einen spitzen Schrei aus dem Geäst, der wohl von Sares stammen musste, doch er beachtete ihn nicht.

Mit gezückten Klingen stürzten sich die beiden Jungen auf einen der Schauspieler. Er, überrascht von ihrem Auftauchen, war völlig überrumpelt und brachte es nicht einmal mehr fertig, seinen spärlichen Dolch zu einer passablen Verteidigung zu heben. Mit einem Aufschrei sprang Lucien auf ihn zu und rammte sein Kurzschwert in die Seite des Mannes. Caius sprang ihr Opfer zeitgleich frontal an und riss es von den Beinen, während er seinerseits sein Schwert dem Mann in die Brust trieb und ihn damit mit Wucht an den Boden nagelte. Der Verwundete röchelte todesnah, doch da hatte Lucien schon seinen Dolch gehoben und ihn in die Kehle ihres Opfers getrieben. Mit einem präzisen Schnitt schlitze er den Hals auf, das Blut spritzte ihm ins Gesicht.

Ein Schauder der Lust rann durch seinen Körper. Welch wunderbares Gefühl! Unbeschreiblich! Großartig!

Plötzliche Stille breitete sich um sie herum aus. Der Überfall hatte nur Augenblicke gedauert, nicht einmal eine Minute, und schon waren sechs Personen von der Hand zweier Assassinen und zweier junger Mörder Sithis geopfert worden.

»Was haben wir gesagt?«, brüllte Tsonashap in die Stille hinein. »Ihr habt gegen unsere Befehle verstoßen und euch in unnötige Gefahr gebracht! Ihr habt das Gelingen unseres Auftrages gefährdet!«

Erst da kam Lucien durch den Blutrausch wieder zur Besinnung und realisierte, dass sie gewaltigen Ärger bekommen würden.

Die Strafe folgt auf den Fuß

Es war ein groteskes Bild, das sie boten. Das Blut ihrer Opfer haftete noch an ihnen und der Kluft der Bruderschaft. Inmitten des Schauplatzes des blutigen Überfalls standen die beiden jungen Mörder mit gesenkten Köpfen, während sich die Assassinen vor ihnen aufbauten und sie wie die kleinen Kinder schalten, die Unfug angestellt hatten und die sie nun einmal waren.

»Ihr habt gegen das dritte Gebot verstoßen und den Zorn von Sithis erweckt«, knurrte Sares Areles. »Dies war kein leichtes Vergehen. Über manche Kindereien der Vergangenheit konnten wir hinwegsehen und ein Auge zudrücken, doch das war ein klarer Bruch unserer Gebote. Die Gebote leiten und führen uns und geben der Dunklen Bruderschaft Schutz, das wisst ihr! Indem ihr sie verraten habt, habt ihr uns alle in Gefahr gebracht! Und das nur, weil ihr euch ungestüm mitten in den Kampf stürzten musstet.«

»Dachtet ihr, ihr würdet ungeschoren davon kommen?«, zischte Tsonashap. »Ihr könnt von Glück reden, dass nichts passiert ist …«

»Eben! Es ist nichts passiert!«, fiel ihm Caius aufbrausend ins Wort.

»Unterbrich mich nicht!«, fauchte der Echsenmensch. »Das macht alles nur schlimmer, dummes Küken.« Dann holte er tief Luft. »Es ist nicht an uns, über euch zu richten«, fuhr er gesitteter fort. »Dies obliegt Cassius Proximo oder, sollte euer Vergehen als so weitreichend eingestuft werden, gar der Sprecherin Arela Drewani.«

Lucien schluckte und spürte, wie Angst in ihm hochkroch. Die Strafen, die er bisher bei der Bruderschaft erfahren hatte, hatten allerhöchstens aus ein oder zwei Hieben mit dem Stock bestanden. Er wollte nicht wissen, was es hieß, von der Sprecherin höchstselbst bestraft zu werden. Zumal er wusste, dass er hier einen wirklich weitreichenden Verstoß gegen ihre Gebote begangen hatte.

Wie dumm er doch war! So unbeherrscht und ungestüm!

»Warum habt ihr das getan?«, fragte der Dunkelelf erneut.

»Das ist doch nicht von Belang«, zischte Tsonashap, eindeutig wütend. Die Schuppen an seinem Hals hatten sich regelrecht aufgeplustert und verliehen ihm ein noch bedrohlicheres Aussehen als ohnehin schon mit seinem hornbesetzten Schädel und dem Echsenmaul. »Wir sollten stattdessen zusehen, dass wir so schnell wie möglich wieder in die Zuflucht kommen und es hinter uns bringen.«

»Nein, ich will es wissen«, widersprach Sares und wandte sich an die Jungen. »Also? Caius, du bist als erster losgerannt. Erzähl du also auch zuerst.«

Caius schluckte schwer und deutlich hörbar. Herumdrucksend kratzte er mit dem Fuß am Boden und verschmierte etwas Blut.

»Ich wollte nicht nur zusehen«, sagte er. »Nicht nur der unbeteiligte Lehrling sein, der immer noch nichts weiß und ein nichtskönnender Mörder ist. Über ein Jahr Ausbildung sind eine so lange Zeit. Ich wollte sein wie Ihr, wie Meister Tsonashap und Meisterin Caelwen.«

Eine dunkle Augenbraue fuhr in die Höhe. »Und du, Lucien?«, fragte Sares.

Unsicher sah Lucien von Caius zu seinem Lehrer. Es verblüffte ihn, dass Caius ihm ähnlicher war, als er angenommen hatte. »Eigentlich … dasselbe wie er«, sagte er leise und zögerlich. »Ich … ich wollte wieder ein Leben nehmen. Wie damals, als Herrin Drewani mich holen kam, und danach, als ich meinen ersten Auftrag ausführte, den ich von ihr erhalten hatte. Das hatte mir sehr gefallen und ich wollte es endlich wieder tun.«

Stille senkte sich über sie.

»Ich denke, das besprechen wir wirklich lieber in Ruhe gemeinsam mit Proximo«, schloss Sares schließlich.

Lucien schwante nichts Gutes. Hatte er es zu weit getrieben? Hatte er zu viel von seinen tiefsten Bedürfnissen gesprochen? War er selbst für einen Mörder der Dunklen Bruderschaft zu weit gegangen?

Der Rückweg war unangenehm und von einem unguten Schweigen überschattet. Die ganze Zeit über sagte niemand etwas, und die Jungen trauten sich nicht, auch nur den kleinsten Mucks von sich zu geben. Die Assassinen legten ein straffes Tempo vor und wollten anscheinend den Weg zurück nach Cheydinhal so schnell wie möglich zurücklegen.

Wieder nahmen sie die Grüne Straße in Richtung Bravil und schließlich zur Roten Ringstraße. Dort bogen sie nach Osten ab, folgten dem Verlauf der Straße in einem weiten Bogen nach Norden um den Rumare-See herum und bogen schließlich erneut nach Osten in Richtung Cheydinhal und damit ihrer Heimat auf die Blaue Straße ein. Gerade einmal drei Tage brauchten sie für diesen Weg und forderten damit die jungen Mörder trotz deren mittlerweile gut ausgeprägten Kondition sehr.

An ihrem ersten Abend nach dem Zwischenfall konnte Lucien jedoch ein Gespräch zwischen den beiden Assassinen belauschen. Die Jungen hatten sich bereits zur Ruhe begeben, und Tsonashap und Sares dachten wohl, dass sie bereits schliefen, weshalb sie sich etwas abseits leise unterhielten.

»Mir gibt zu denken, was Lucien gesagt hat«, meinte Sares leise.

Lucien hatte Mühe, ihn zu verstehen, doch bei der Nennung seines Namens spitze er die Ohren und lauschte angestrengt und möglichst unauffällig.

»Mir fiel das Ungestüm der beiden schon von Anfang an auf«, fuhr der Dunkelelf fort. »Ich hatte Proximo meine Bedenken mitgeteilt, beide Jungen gemeinsam auf diese Mission mitzunehmen, aber er meinte, dass ihr Verhalten lediglich ihrer Jugend zuzuschreiben ist.«

»Sie sind ehrgeizig und übereifrig, ja«, stimmte Tsonashap zu. »Jedenfalls, was manche Disziplinen angeht. Vor allen den physischen Kampf betreffend jedoch. In vielem würde ich Proximo ebenfalls zustimmen. Sie sind jung, und wer von uns war nicht auch in dem Alter übereifrig und wollte sich beweisen? Aber du hast Recht. Was Lucien sagte, stimmt auch mich nachdenklich. Drewani hatte uns bereits im Vorfeld gesagt, dass der Junge ebenso wie Caius zur Gewalt neigt; auf diese Weise hatten sie sich wohl die Herrschaft über ihre Banden gesichert. Ich hielt das jedoch für nicht allzu bedenklich. Wer von uns hat nicht ebenfalls Gefallen am Töten?«

»Aber sie können sich nicht zügeln. Nicht immer jedenfalls«, fügte Sares an.

»Und das ist gefährlich«, bestätigte der Argonier. »Aber es ist müßig, jetzt darüber zu reden. Warten wir ab, was Proximo dazu sagt. Alles andere führt zu nichts.«

Und dieser Moment kam schneller, als es Lucien lieb war. Am dritten Tag gegen Abend erreichten sie Cheydinhal und betraten die Stadt wie gewohnt durch das östliche Tor. Lucien verspürte den unbändigen Drang, seine Schritte zu verlangsamen, den Moment herauszuzögen, in dem er dem Zufluchtsleiter gegenübertreten musste und über ihn und Caius gerichtet wurde. Er hatte Angst, dass er womöglich sogar aus der Bruderschaft verbannt würde, dass er wieder auf der Straße landen würde, mittellos, verwahrlost und ohne ein Dach über dem Kopf.

Doch er musste sich den Tatsachen stellen, unweigerlich, ob er nun wollte oder nicht.

Sie betraten die Zuflucht wie gewohnt über den geheimen Zugang. Ein Gitter versperrte den Brunnen, gesichert mit einem Schloss. Tsonashap sperrte es auf, und sie kletterten hinein. Es gab ungefähr eine halbe Mannslänge weiter unten einen Zwischenboden, der den eigentlichen Zugang zur Zuflucht markierte und verhindern sollte, dass verräterische Geräusche und Lichter nach außen drangen. Auch diesen öffnete der Argonier, und sie kletterten durch eine Falltür und eine Leiter nach unten.

Lucien hatte das Gefühl, dass jeder in der Zuflucht Bescheid wusste, bevor sie überhaupt angekommen waren, dass schon jetzt missbilligende Blicke auf ihnen ruhten.

Vicente begrüßte die Rückkehrenden als erster.

»Willkommen daheim!«, rief er freudig aus, doch als er ihre finsteren Mienen sah und womöglich auch noch die Aura des Unheils spürte, die über ihnen zu hängen schien, hielt er inne.

»Später, Valtieri, später«, hielt ihn Sares sogleich hin. »Wir haben Dringendes mit Proximo zu besprechen.«

Ein Blick zu den Jungen, und der Vampir nickte. »Ich verstehe. Geht. Er erwartet Euch sicher bereits.«

Lucien wollte am liebsten im Boden versinken, und Caius ging es offensichtlich nicht anders. Dennoch folgten sie den beiden Assassinen zum Gemach des Zufluchtsleiters. Tsonashap klopfte an die schwere Tür und trat auf das Wort Proximos hin ein.

Der Kaiserliche saß an einem Schreibtisch und schien an einigen Konversationen unbestimmter Art zu schreiben. Er legte die Feder beiseite, als die Zurückkehrenden eintraten, und kam ihnen entgegen. Das Lächeln auf seinem Gesicht fiel mäßig aus.

»Berichtet«, sagte er nur und hieß ihnen, an seinem Tisch Platz zu nehmen.

»Der Auftrag wurde wie gewünscht ausgeführt«, sagte Tsonashap. »Wir begannen die Spur in Bruma aufzunehmen, dort, wo sie begonnen hatte. Über die Kaiserstadt und Bravil verfolgten wir sie und holten das Ziel bei Bravil schließlich ein. Als es weiter nach Leyawiin reiste, beschatteten wir unser Ziel und warteten auf einen geeigneten Moment, um zuzuschlagen.«

»Dies war von Erfolg gekrönt, doch etwas ist passiert«, schloss Proximo.

Sares nickte, und Lucien wünschte sich in diesem Moment ans andere Ende Tamriels.

»Die jungen Mörder hielten sich nicht an unseren Befehl, sich zurückzuhalten«, sagte der Dunkelelf geradeheraus und schonungslos. »Sie verließen ihre Deckung und griffen eigenmächtig eines der Ziele an.«

Proximo blieb entgegen den Erwartungen Luciens ruhig, welcher davon ausgegangen war, dass er ebenso aus der Haut fahren würde wie Tsonashap und Sares. Er lehnte sich lediglich zurück und musterte die Jungen.

»Soso«, sagte er. »Ihr wisst, was das bedeutet: ein Verstoß gegen unser drittes Gebot. Wart ihr wenigstens erfolgreich mit eurer Aktion?«

Lucien und Caius waren gleichermaßen verblüfft über diese Worte. Wie es aussah, Tsonashap und Sares ebenso.

»Sie töteten einen der Schauspieler«, sagte der Argonier langsam. »Ihnen selbst geschah dabei nichts.«

»Immerhin etwas«, brummte Proximo und verschränkte die Arme vor der Brust. »Nichtsdestotrotz ist dies zum einen ein Verstoß gegen euren Befehl und zum anderen gefährdetet ihr trotz eures Erfolges den Auftrag und damit die Bruderschaft. Das versteht ihr doch, oder?«

Artig nickten die Jungen.

»Nein, das tut ihr nicht«, fuhr Cassius Proximo fort. »Ihr nickt, weil ihr denkt, dass ich das sehen will. In diesem Fall hatten wir alle Glück im Unglück. Doch gehen wir von dem Fall aus, dass ihr gescheitert wäret. Tsonashap und Sares Areles hätten euch aus dem Schlammassel herausschlagen müssen und sich dabei selbst in Gefahr begeben. Dies hätte zur Folge haben können, dass der Auftrag scheitert, im schlimmsten Falle wäre einer der beiden verletzt oder gar getötet worden. Unser Auftraggeber wäre sehr unzufrieden, wenn wir nicht erfüllt hätten, wofür er uns bezahlte. Und das war immerhin eine Menge Geld, immerhin heuerte er gleich mehrere Assassinen an. Unser Auftraggeber ist mächtig, sehr mächtig sogar. Er wäre vielleicht sogar so erzürnt über unser Scheitern gewesen, dass er Hebel in Gang gesetzt hätte, die uns erheblich schaden könnten. Nicht zuletzt der Fakt, dass Arela Drewani für eure Verfehlungen hätte gerade stehen müssen. Und sie wollt ihr ganz gewiss nicht verärgern.«

Lucien blieb die Luft weg. So weit hatte er gar nicht gedacht!

»Ich sehe es euch an, dass ihr damit nicht gerechnet hattet«, fuhr der Kaiserliche fort. »Natürlich nicht. Ihr seid jung und damit voller Energie, die herausgelassen werden will. Da denkt man nicht so weit, sondern immer nur an sich, egoistisch, wie Kinder in eurem Alter nun einmal sind. So, nun will ich aber eure Version der Dinge hören. Einer von euch muss ja als erstes auf diese ausgesprochen dumme Idee gekommen sein. Wer war es?«

»I-ich …«, stammelte Caius. »I-ich … es … also … Es, es tut mir leid.«

Proximo fuhr ihm mit einer Geste über den Mund. »Ich will keine lausigen Entschuldigungen hören, ich will Erklärungen!«

Schweren Herzens widerholte erst Caius und dann Lucien, was sie bereits ihren Lehrern gebeichtet hatten.

Proximos Mine wurde immer finsterer. »Ich hätte auf Areles hören sollen«, brummte er. »Vielleicht hätte das die Lage etwas entspannt. Dennoch, was ich höre, gibt mir zu denken. Wie seht Ihr die Lage, Tsonashap, Areles?«

»Wir wollen es nicht wagen, in dieser brisanten Angelegenheit eine Entscheidung zu äußern«, sagte Tsonashap. »Die Worte der Jungen sollten dennoch zu denken geben. Sie wurden von der Mutter der Nacht auserwählt, der Zuhörer selbst sandte Sprecherin Drewani, um sie in unsere Reihen zu holen. Sie werden ihre Gründe dafür haben, doch nach diesen Erkenntnissen fällt es mir zunehmend schwerer, sie zu erkennen. Die Jungen, besonders beide zusammen, stellen ein Sicherheitsrisiko dar.«

Das war hart. Lucien machte ein langes Gesicht und kaute auf seiner Unterlippe herum. Nein, er würde jetzt nicht anfangen, wie ein kleines Kind zu heulen! Das hörte sich gewiss alles schlimmer an, als es tatsächlich war!

»Ich sehe, dass ihr betroffen seid«, sagte Cassius. »Gut, denn das solltet ihr auch sein. Über manche Kindereien kann man hinwegsehen, aber das ging zu weit. Es werden Maßnahmen ergriffen werden müssen, Maßnahmen, auf die ich eigentlich nicht hatte zurückgreifen wollen. Zehn Schläge mit dem Stock sind das Mindeste. Außerdem werde ich die Sprecherin Arela Drewani kontaktieren, sie soll bestimmen, wie wir weiterhin mit euch verfahren werden.«

Er sah jedem Einzelnen von ihnen fest in die Augen. »Ihr seid schon früher auffällig geworden, wisst ihr das?«, offenbarte er ihnen. »Wir wissen um eure Vergangenheit, und wir wissen, was euch dort verbunden hat: eine tiefe Rivalität und Hass. Ich hatte gehofft, dass ihr beide vernünftig genug seid, um das alsbald abzulegen, nachdem ihr an unsere Gebote gebunden worden seid. Doch dem war nicht so. Es hat sich kaum etwas gebessert. Oftmals wart ihr einfach zu verausgabt von eurem Unterricht, doch wenn ihr es nicht gewesen wart, hattet ihr nur im Kopf, dem anderen eins auszuwischen. Und glaubt nicht, dass ich nicht wüsste, wer von euch die Streiche angezettelt hat, egal, ob ihr versucht hattet, es dem jeweils anderen in die Schuhe zu schieben. Ich bin nicht umsonst Leiter dieser Zuflucht. Ich weiß vieles, mehr als euch vielleicht bewusst ist.«

Langsam erhob der Mann sich. »Mitkommen«, befahl er. »Wenigstens die Stockschläge sollt ihr jetzt schon bekommen.»

Lucien merkte, wie er es mit der Angst zu tun bekam. Er hatte schon früher den Stock zu spüren bekommen, ja. Aber zehn Schläge waren nicht gerade wenig. Mit zitternden Knien folgte er Caius und Proximo, verfolgt von den finsteren Blicken seiner beiden Lehrer. Er duckte sich instinktiv weg.

Sie begaben sich in den Hauptraum der Zuflucht, nachdem Proximo den Stock aus einer Truhe in seinen Gemächern genommen und die anderen Mitglieder der Zuflucht zusammengerufen hatte.

»Die auszubildenden Mörder Lucien Lachance und Caius haben gegen das Dritte Gebot verstoßen und den Befehl eines höhergestellten Mitgliedes der Dunklen Bruderschaft missachtet«, sagte Proximo, während er sich vor den beiden Jungen aufbaute und die anderen Assassinen sich um sie herum versammelten, um der Bestrafung beizuwohnen. »Caius war es, welcher als erstes gegen ihren Befehl verstieß, der ihnen sagte, in ihrem Versteck zu bleiben und sich aus der finalen Ausführung des Auftrages herauszuhalten. Lucien war lediglich ein Mitläufer. Daher soll er als erstes bestraft werden und Caius zusehen, auf dass er einen Vorgeschmack auf das bekommt, was ihm sogleich blüht. Aufstellen!«

Das letzte galt Lucien. Flehend warf er einen Blick in die Runde, doch niemand zeigte Mitleid oder gar Ambitionen, ihm beizustehen. Ganz im Gegenteil schien jedermann mit dem Folgenden einverstanden zu sein.

Cassius zwang den Jungen, sich vorzubeugen, und entblößte sein Hinterteil. Luciens Kopf lief knallrot an, denn bisher war er noch nie vor der versammelten Zuflucht bestraft worden. Es war eine Bloßstellung, die tief einschnitt.

Der Stock pfiff und klatschte auf sein Hinterteil. Lucien heulte auf und Schmerz durchfuhr ihn. Sogleich wurde der zweite Schlag gesetzt, präzise auf den ersten, sodass es gleich noch mehr brannte. Der Junge kniff die Augen zusammen und verkrampfte seinen Kiefer. Augen zu und durch. Je eher alles vorbei war, desto besser.

Wieder und wieder pfiff der Stock auf seine Kehrseite und stets präzise auf dieselbe Stelle. Es brannte höllisch, sicher würde er auf Tage später nicht mehr sitzen können, ehe die Platzwunden verheilt war. Denn er blutete, das spürte er; Cassius schlug nicht sanft zu.

Eines war sich Lucien sicher: So schnell würde er nicht mehr gegen die Gebote verstoßen. Und das sagte er jetzt, noch ehe er überhaupt der Sprecherin übergeben worden war!

Trotz seiner Bemühungen konnte er nicht verhindern, dass ihm alsbald Tränen über das Gesicht liefen. Sein Kiefer schmerzte, so sehr biss er die Zähne zusammen.

Beinahe hätte er nicht gespürt, dass es vorüber war.

»Beiseitetreten«, befahl Proximo scharf.

Lucien blinzelte und brauchte einen Augenblick, ehe er begriff. Dann jedoch war er umso schneller bei der Sache. Hastig zog er seine Hose wieder hoch und zischte auf, als das weiche Leder über die wunde Haut scheuerte. Dann stolperte er zur Seite und wurde sogleich von Caelwen fortgeführt.

»Ich werde dir lediglich eine Paste gegen Entzündungen geben«, sagte sie gleich. »Nicht dass du denkst, dass ich dir die Schmerzen nehmen und eine schnelle Heilung gewähren werde! Nein, du sollst schön in deinem eigenen Saft schmoren.«

Im Hintergrund schrie nun auch Caius auf, als der erste Schlag klatschend niederging.

»Ungezogene Bengel«, schimpfte die Hochelfe halblaut vor sich hin. »Nur Ärger mit ihnen.«

Sie verfrachtete ihn auf eines der Betten im Wohnraum und versorgte seine Wunden. Alsbald wurde auch Caius dazu gebracht, und nachdem Caelwen mit Lucien fertig war, kümmerte sie sich um ihn. Beide Jungen weinten leise vor sich hin und versuchten gleichermaßen vergeblich, ihr Weinen in den Kissen zu ersticken. Sie wussten ganz genau, dass sie kein Mitleid zu erwarten hatten.

Die Mitglieder der Zuflucht gingen weiter ihrem Tagwerk nach, als sei nichts gewesen. Nur Proximo verschwand für einige Zeit, vermutlich, um persönlich der Sprecherin von dem Vorfall zu berichten; sie hatte ihren Sitz gleich hinter der Stadt in der Ruine der Festung Farragut.

Schon am nächsten Tag noch vor dem Frühstück trat Proximo an die Jungen heran. »Die Sprecherin Drewani will euch heute so bald als möglich sehen«, sagte er gerade heraus. Seine Miene war ausdruckslos, sodass Lucien nicht sagen konnte, ob er noch immer böse auf sie war oder sich sein Ärger bereits gelegt hatte. »Esst etwas, Caelwen wird danach nach euren Wunden sehen und dann seht ihr zu, dass ihr so schnell wie möglich zur Sprecherin gelangt.«

Lucien schluckte. Dies klang nach Ärger, nach sehr großem, nahezu gewaltigem Ärger, wenn die Sprecherin höchstselbst mit ihnen reden wollte.

»Was … was will sie von uns?«, fragte er daher zaghaft und leise.

»Euer Fall ist brisant, brisanter, als mir lieb ist«, sagte Proximo nur und ging dann ohne ein weiteres Wort.

Unsicher sahen sich die Jungen an. Mit einem Male stecken sie beide im selben Schlammassel, etwas, das ihnen noch nie zuvor passiert war. Sie waren unsicher, wie sie damit umzugehen hatten.

Ihr Frühstück bestand nur aus etwas Brot, Wasser und je einem Stück Käse. Sie hatten eindeutig schon reichhaltiger gegessen in der Zuflucht. Danach kam Caelwen zu ihnen und erneuerte die Paste. Wie sie es angekündigt hatte, tat sie nichts weiter, um die Wundheilung zu fördern oder die Schmerzen zu lindern.

Lucien konnte tatsächlich nicht mehr sitzen, lediglich liegen, und wenn er doch aus Versehen auf seine Verwundungen kam, jaulte er vor Schmerzen auf. Er hatte in der Nacht kaum geschlafen, da entweder das oder das Brennen der Striemen ihn wach gehalten hatte. Dementsprechend gerädert fühlte er sich. Es würde sicher noch viele Jahre dauern, bis er genügend Kondition besaß, um auch so etwas halbwegs spurlos wegstecken zu können. Wenn er daran dachte, wie manche der Assassinen zurück in die Zukunft gefunden hatten … Er hatte schon beim Anblick ihrer Wunden Schmerzen verspürt, und dennoch hatte es oft den Anschein gehabt, als würden sie kaum etwas davon mitbekommen. Und er heulte schon nach einigen Stockschlägen …

Nachdem sie gegessen und sich wenigstens etwas Wasser ins Gesicht gespritzt hatten, um sich frisch zu machen, erwartete sie bereits Cassius Proximo im Hauptraum.

»Ich werde euch zu Festung Farragut begleiten«, sagte er. »Seit jeher steht sie unter dem Schutz der Dunklen Wächter, und ihr kommt an ihnen nicht so ohne weiteres vorbei.«

Lucien wusste, dass Festung Farragut die Heimat der Sprecherin war. Dennoch hatte er von diesem Ort, den er fast täglich von außen hatte begutachten können, immer stets als ein großes Mysterium gedacht. Die alte Festungsruine strahlte etwas aus, dem er nicht näher begegnen wollte. Dennoch hauste die Sprecherin dort unten, und das hieß, dass dieser Ort sehr wohl wohnlich sein musste.

Er schluckte und nickte als Bestätigung, dass er verstanden hatte.

»Was ist ein Dunkler Wächter?«, fragte Caius.

Er wurde nicht weiter beachtet.

Wie üblich führte der Zufluchtsleiter sie durch den Brunnenzugang nach draußen. Noch kaum eine Seele war zu so früher Stunde unterwegs und auch das Osttor wurde wieder einmal nicht bewacht. Lucien wusste nicht, wieso das so war, doch er vermutete, dass die Bruderschaft irgendwie ihre Hände im Spiel hatte. Es gingen Gerüchte umher, dass der Graf von Cheydinhal, Andel Indarys, sehr wohl von der Zuflucht wusste, Drohungen und das Gold der Bruderschaft jedoch seine Lippen versiegelten.

Überhaupt war die Bruderschaft enorm mächtig, mächtiger, als Lucien es jemals für möglich gehalten hätte. Immer wieder hatte sie Aufträge von reichen und einflussreichen Kunden bekommen, manchmal sogar von den herrschenden Familien Tamriels höchstselbst. War wieder einmal solch ein Auftrag eingegangen und damit eine Flut von Geld, so war die Stimmung groß, egal, welche Zuflucht dazu auserkoren worden war, den Auftrag auszuführen.

Sie waren wahrlich eine Familie, die zusammenhielt und sich gemeinsam freute. Und Lucien fürchtete nun erneut, aufgrund seines Verstoßes, von dieser Familie ausgeschlossen zu werden.

Der Gang zu Festung Farragut war wie der Gang auf das Schafott des Henkers. Alles in Lucien sperrte sich dagegen, den nächsten Schritt zu tun, und doch tat er ihn, aus Angst davor, alles nur noch schlimmer zu machen.

Der Innenhof der Festung war verfallen und überwuchert von Unkraut. Der Wald holte sich zurück, was ihm einst genommen worden war. Üblicherweise hatten Festungen jedoch auch einen weitläufigen unterirdischen Teil. Wahrscheinlich lagen irgendwo in ihm die Wohnbereiche der Sprecherin.

Ohne zu zögern ging Proximo auf die schwere, alte Eichentür zu, die den Eingang zu den Kellergewölben verschloss. Anscheinend ging er hier öfters ein und aus, denn er besaß einen Schlüssel für die Tür. Kalte, muffige Luft schlug ihnen entgegen, als er das Portal öffnete und eintrat.

Drinnen war es duster und die Luft roch feucht und modrig. Nur wenige Fackeln erhellten den Gang, der sich vor ihnen auftat, und ließen tanzende Schatten an den Wänden entstehen. Dies war definitiv kein Ort, an dem Lucien sein wollte, hier lauerten Gefahren, denen er nicht gewachsen war. Wie konnte man nur in solch einem Loch hausen?!

Cassius nahm eine der rußenden Fackeln von den Wänden. »Macht die Tür zu und bleibt dann dicht bei mir«, befahl er ihnen. »Ich weiß, wie man mit den Dunklen Wächtern umgeht, doch das heißt noch lange nicht, dass sie dadurch ungefährlich werden.«

Lucien und Caius waren sich einig: Sie wollten so schnell wie möglich wieder von hier weg.

Unbeirrt von ihrer fast schon greifbaren Angst ging Proximo voran. Er schien wachsam zu sein, jedoch nicht zögerlich, und er schien genau zu wissen, wohin er sich wenden musste. Zielstrebig ging er die Gänge entlang und musste kein einziges Mal überlegen, welcher der richtige Weg war.

Es dauerte nicht lang, bis Lucien irgendwo im Dunkeln ein seltsames Klackern und Knirschen ausmachte. Was das wohl war? Er wollte es sicherlich nicht wissen. Dennoch sollte er es bald herausfinden, denn Proximo hielt genau darauf zu.

Als der Ursprung des Geräusches ins Licht trat, konnten beide Jungen einen panischen Aufschrei nicht  verhindern. Ein widererwecktes Skelett war vor ihnen erschienen, angetan in eine schwarze, halb vermoderte Lederkluft und mit einer Axt bewaffnet.

»Ruhig!«, fuhr Proximo sie an und wandte sich sogleich dem Skelett zu. Er hob die Hand und rief einen Zauberspruch. Sogleich legte das Skelett sein aggressives Gebaren ab und ließ von seinem geplanten Angriff ab.

»Das ist ein Dunkler Wächter«, sagte Proximo, als sicher war, dass sein Zauber gewirkt hatte. »Sie sind untote Brüder und Schwestern, die auch im Tod ihrem Fürchterlichen Vater dienen und nun diesen Unterschlupf hier bewachen. Es ist geplant, dass auch unsere Zuflucht einen solchen Wächter bekommt, aber noch ist es Arela Drewani nicht gelungen, dass einer ihrer Wächter nicht nur nicht auf sie aggressiv reagiert, sondern auch auf andere Dunkle Brüder oder Schwestern, egal, ob er sie kennt oder nicht.«

Luciens Zähne klapperten hörbar.

»Nimm dich zusammen!«, herrschte Proximo ihn an. »Benimm dich nicht wie ein feiges Waschweib, er kann dir nichts mehr tun, so lange er unter meinem Zauber steht.«

Lucien war ernsthaft bemüht, seine Furcht im Zaum zu halten, aber es war schwer, so schwer.

Sie gingen weiter, auch wenn die beiden Jungen vor Furcht ganz steif waren und eigentlich keinen Finger krümmen wollten. Doch Proximo war unerbittlich. Vielleicht war er ja noch immer wütend auf sie.

Bei jedem Dunklen Wächter, dem sie begegneten, wendete er den gleichen Zauber an, stets rasch und zielsicher. Keines der Skelette kam ihnen gefährlich nahe, sondern ließ sie unter Einfluss des Zaubers passieren. So kamen sie erstaunlich rasch voran. In Anbetracht ihres Zieles wusste Lucien allerdings nicht, ob er sich darüber freuen sollte.

Am Ende ihres Weges erwartete sie erneut eine Eichentür. Proximo trat heran und betätigte den schweren, gusseisernen Klopfer. Nach kurzer Zeit schwang die Tür einen Spalt weit auf und entblößte eine in ein schwarzes Gewand gehüllte Person, deren Gesicht vollständig von einer Kapuze beschattet wurde. Dennoch konnte es sich hier nur um Drewani handeln.

»Ihr hättet auch den einfachen Weg nehmen können, Proximo«, sagte die Dunkelelfe und ließ sie herein.

Sie traten in einen erstaunlich wohnlichen Bereich der Festung. Ein kleiner Gang führte zu mehreren Räumen, deren größter der Wohnbereich war. Ein Feuer brannte hier in einem Kamin. Ein Bett war ebenfalls aufgestellt, sowie einige Schränke, Bücherregale, ein Tisch und Stühle. An den Wänden hing das Banner der Schwarzen Hand.

»Ich wusste nicht, ob auch die Jungen dazu befugt sind«, sagte Proximo.

»Wenn sie klug genug wären, ihn zu finden, dann ja.« Sprecherin Drewani wandte sich den Jungen zu. Unter ihrer Kapuze hervor musterte sie sie. »Ihr bereitet einigen Ärger«, sagte sie. »Proximo, Ihr könnt wieder gehen. Ich danke Euch.«

»Wie werdet Ihr mit ihnen verfahren?«, fragte der Kaiserliche.

»Das weiß ich noch nicht«, gestand Arela Drewani. »Es ist vorerst besser, wenn ich sie in Gewahrsam nehme und in Ruhe darüber nachsinne. Ihr werdet von meiner Entscheidung erfahren, sobald ich sie getroffen habe.«

Proximo nickte und verbeugte sich. Dann wandte er sich in Richtung des Wohnraumes, doch Lucien konnte ihm nicht weiter folgen. Hatte Drewani dort etwa einen geheimen Zugang zu ihrer Unterkunft? Die Vermutung lag nahe, da er nicht davon ausging, dass sie stets den langen Weg durch die Festung nahm, wenn sie heimkehrte.

Dann jedoch spürte er wieder den strengen Blick der Dunkelelfe auf sich ruhen, und seine Gedanken waren wieder ganz bei seiner momentanen Lage.

»Ich nehme euch vorerst in Gewahrsam, einzeln«, sagte sie noch einmal. »Ihr bekommt zweimal am Tag Brot und einen Krug Wasser von mir, das muss reichen und soll ein Teil eurer Strafe für den Verstoß gegen unsere Gebote sein. Proximo hat mir außerdem von eurem … Ausbruch eures Temperaments erzählt. Ich habe bereits den Zuhörer kontaktiert, sodass er mit unserer geliebten Mutter in Verbindung tritt. Sie weiß, was zu tun ist.«

Lucien schluckte. Der Zuhörer! Die Mutter der Nacht! All dies waren mythische Namen für ihn; bis jetzt hatte er kein weiteres Mitglied der Familie kennengelernt als jene aus der Zuflucht sowie Arela Drewani. Der Zuhörer sollte ein legendäres Mitglied ihrer Familie sein, der Beste der Besten und damit derjenige mit dem Privileg, der Stimme der Mutter der Nacht zu lauschen. Es war nun an dieser Person, über ihn und Caius zu entscheiden.

»Was meint Ihr damit, dass Ihr uns in Gewahrsam nehmen wollt?«, fragte Caius.

»Dies ist eine Festung, und jede Festung hat Verließe«, erinnerte Drewani ihn.

Lucien lief es eiskalt den Rücken hinab. Er kannte Gefängnisse von innen, einige Male hatte er als Langfinger die Gefängnisse der Kaiserstadt von innen sehen müssen. Kein Gefängnis war ein schöner Ort, doch dieses hier gewiss eines der schlimmsten, egal, was Drewani mit ihnen anstellen würde.

»Kommt mit«, befahl sie ihnen. »Ich will nicht ewig hier herumstehen und eure Fragen beantworten müssen.«

Schnell erkannte Lucien, dass dieser Ort nur wenig Wohnraum bat. Das, was er zunächst für weitere Zimmer gehalten hatte, waren in Wahrheit die Verließe. Arela steuerte zwei der Zellen an und kramte aus ihrem Gewand ein großes, klapperndes Schlüsselbund. Nacheinander schloss sie zwei der Zellen auf.

»Rein mit euch, und es sei euch angeraten, keinen Ärger zu machen«, drohte sie. »So lange der Zuhörer mir nicht befiehlt, euch kein Haar zu krümmen, kann ich im Rahmen der Gebote mit euch tun und lassen, was ich will. Und die Gebote hindern mich nicht daran, die da zu verwenden.«

Sie deutete hinter sich auf ein Brett. Mit Schrecken erkannte Lucien, dass dort Folterwerkzeuge angebracht waren, die eindeutig rostrot von noch nicht allzu lange getrocknetem Blut waren.

Immerhin bewirkte das, dass die Jungen tatsächlich schnell in ihren Zellen waren. Zufrieden mit ihrer Gehorsamkeit schloss Drewani hinter ihnen ab. Das Zuschnappen der schweren, alten Schlösser klang unheilschwanger.

Dann ließ die Elfe sie allein und verschwand in ihrem Wohnbereich. Eine Weile legte sich Stille über sie, nur gestört vom leisen Knistern der Fackeln, von denen in jeder Zelle eine angebracht war. Gelegentlich löste sich ein Tropfen von der Decke und landete leise raschelnd im Stroh, das in den Zellen ausgebreitet war. Ansonsten hatten sie nur einen Hocker und einen Eimer für ihre Notdurft.

Eine Weile brachten es die Jungen fertig, sich anzuschweigen. Die einzelnen Zellen waren nur  mit Gitterstäben voneinander getrennt, sodass sie sich sehen konnten. Gerade deswegen lagen sie so weit voneinander entfernt, wie es ihnen nur möglich war.

Ihre Wunden waren noch nicht abgeheilt, das Blut jedoch bereits festgetrocknet. Bewegten sie sich allzu viel, brach es auf und frisches Blut sickerte nach. Caelwen hatte zwar die Salbe erneuert, aber allzu große Linderung hatte sie nicht verschafft.

 Lucien versank in seine Gedanken und versuchte, sich mit seiner momentanen Lage abzufinden. Er hatte schon öfters in Gefängnissen eingesessen, und wenn er es genau nahm, war das hier gar nicht so viel schlechter, als andere, vor allem, wenn kein Dunkler Wächter hierher käme.

Caius hingegen schien über irgendetwas zu brüten.

»Das ist alles deine Schuld«, knurrte er irgendwann in die Stille hinein.

Lucien schreckte hoch. Ärger wallte in ihm hoch. »Ach, erzähl bloß! Du bist losgerannt!«, erinnerte er den unliebsamen Dunklen Bruder.

»Und du bist überhaupt zur Bruderschaft gekommen!«, schimpfte Caius weiter. »Ich war vor dir da und alles war gut. Ich war der einzige Lehrling und hatte die ungeteilte Gunst der anderen. Aber nein, du musstest ja unbedingt dazu kommen und alles kaputt machen!« Er spuckte aus.

»Das tut mir jetzt aber leid«, spottete Lucien. »Was für ein Pech aber auch, dass die anderen auf einmal sahen, dass es bessere als dich gibt.«

»Ach ja?«, zischte der andere Junge und packte die Gitterstäbe, die sie trennten, so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. »Bildest du dir etwas darauf ein, dass Caelwen nicht mehr so arrogant dir gegenüber ist? Bist wohl scharf auf sie?!«

Das ging zu weit. Lucien sprang auf und hieb durch die Gitterstäbe nach Caius. Natürlich konnte dieser mühelos ausweichen und lachte ihm ins Gesicht.

»Da habe ich wohl einen wunden Punkt getroffen, wie?«, spottete er weiter. »Na, wart ihr schon im Bett? Du Sohn einer Hure und eines bretonischen Hurenbocks! Zu mehr ist deinesgleichen nicht gut!«

»Das sagt der richtige! Was bist du denn? Deine Eltern waren Straßenratten wie du, verreckt in der Gosse, kaum dass du laufen konntest!«

»Aber ich vögle nicht meine Lehrer«, spuckte Caius aus. »Perverses Schwein!«

»Schweigt, beide!«

Wie aus dem Nichts war die Sprecherin Drewani vor ihren Zellen aufgetaucht. Ein unheilvolles Leuchten glomm auf ihrer Hand, ein Zauber, bereit, gegen die Jungen geschleudert zu werden. Erschrocken fuhren die Jungen zusammen und machten sich sogleich so klein, wie sie nur konnten.

»Kaum lässt man euch aus den Augen, schon geratet ihr aneinander!«, zischte sie. »Ihr sprecht von lästerlichen Dingen, und wenn ich nicht wüsste, dass ihr sie im Zorn gesprochen habt, so wäret ihr jetzt nur noch blutiges Fleisch. Ich will kein Wort mehr davon hören! Ich will überhaupt keinen Laut mehr von euch hören! Bei Sithis, ansonsten werdet ihr noch um Gnade winseln.«

Drewani war keine Person, die leere Versprechungen machte. Die Jungen wussten sofort, dass sie besser taten, was sie ihnen sagte, egal, wie groß der Hass aufeinander war. Die Furcht vor dem, was die Sprecherin ihnen antun würde, war noch größer. Sie war nicht aus Langeweile heraus grausam wie die Wachen im kaiserlichen Gefängnis. Sie war berechnend, kalt und erfahren. Sie wusste genau, was sie tun konnte und wie lange, um den maximalen Schmerz herauszukitzeln.

Lucien hatte sie noch nie in Aktion gesehen, aber eine Dunkle Schwester von ihrem Rang war ein tödliches Werkzeug. Er wusste instinktiv, dass sie nicht ohne Grund ein Mitglied der Schwarzen Hand war.

Danach gaben die Jungen keinen Mucks mehr von sich. Selbst das Rascheln des Strohs, wenn sie sich ein wenig bewegten, schien ihnen schon laut wie ein Donnerschlag in ihrem Verließ.

Auch Arela Drewani scherte sich vorläufig nicht mehr um sie. Sie schien allein hier unten zu leben, sodass sie sich auch selbst um die beiden Gefangenen kümmerte. Am ersten Tag ließ sie sie hungern, wahrscheinlich als Strafe für ihren dummen, kindischen Streit, doch ab dem zweiten Tag brachte sie ihnen, wie sie es gesagt hatte, zweimal am Tag je einen Laib Brot und einen Krug Wasser. Es war nicht viel, jedoch genug, um den Hunger und Durst in Grenzen zu halten.

Lucien konnte von seiner Zelle aus nicht viel sehen. Lediglich ein Teil des Ganges und eine kleine Ecke des Wohnbereiches war für ihn einsehbar. Zu seiner Rechten lag eine weitere, leere Zelle – leer bis auf ein anscheinend menschliches oder elfisches Skelett. Zu seiner Beruhigung machte es keinerlei Anstalten, sich zu rühren. Links von seiner Zelle lag Caius‘ sowie einige weitere. Das Bild wiederholte sich auf der anderen Seite des Flurs erneut.

Dunkelheit herrschte hier unten, lediglich die zwei Fackeln in ihren Zellen spendeten etwas Licht. Sie brannten jedoch recht schnell ab und Drewani war nicht immer geneigt, die Fackeln auch zu erneuern. Lucien behalf sich mit einem einfachen Magierlicht, wenn die Dunkelheit zu drückend wurde. Durch seinen Aufenthalt in der Zuflucht war er es gewohnt, tagelang ohne Sonnenlicht auszukommen, doch dort brannten die Fackeln stets hell und vor allem stetig. Selten war es stockfinster.

Lediglich vom Wohnbereich der Sprecherin drang stets etwas Licht in den Gang, half jedoch kaum, sollten ihre Fackeln und ihre magischen Lichter erloschen sein.

Was Drewani die ganze Zeit über machte, wusste Lucien nicht. Er konnte lediglich versuchen, anhand dessen, was er hörte, seine Schlüsse zu ziehen. Doch das war leichter gesagt als getan. Die Dunkelelfe war leiser als eine Eule und bewegte sich so verstohlen wie ein huschender Schatten. Er bekam es sogar oft nicht einmal mit, wenn sie vor ihren Zellen stand, um ihnen Wasser und Brot zu bringen.

Einmal jedoch hörte er leise Stimmen. Sie waren nur wenige Schritte von ihnen entfernt, dennoch waren sie kaum zu verstehen, vielleicht gedämpft von einem Zauber; Lucien wusste es nicht.

Doch mit wem konnte Drewani sprechen? Zumindest erkannte er, dass die Stimme niemandem aus der Zuflucht gehörte. War es ein weiterer Dunkler Bruder oder eine Dunkle Schwester, die er noch nicht kannte? Jemand aus einer anderen Zuflucht? Ein Mitglied der Hand, der Sprecher höchstselbst gar?! Lucien strengte all seine Sinne an, doch es half nichts. Die Stimmen waren eindeutig magisch gedämpft.

Manchmal nahm sich Drewani einen Hocker und setzte sich damit vor ihre Zellen. Sie sagte nichts, sondern saß nur da, betrachtete sie und schien nachzudenken, vielleicht darüber, was sie mit ihnen anstellen sollte.

»Euer Fall ist delikat«, sagte sie jedoch einmal. »Ihr seid beide fähige Mörder und zu hohem bestimmt, die Mutter der Nacht hat es vorausgesehen. Und doch habt ihr so große Schwächen, die euch beide zu Fall bringen können und werden, wenn ihr sie nicht überwindet. Was machen wir mit euch, Geschenk und Fluch zugleich für die Bruderschaft?«

Das überraschte Lucien. Hieß das, dass sie großes Potenzial besaßen und tatsächlich beide von Wert für die Dunkle Bruderschaft waren? Das erfüllte ihn wieder mit etwas Zuversicht. Wenn er von Wert war, konnte die Bruderschaft ihn nicht einfach so beseitigen. Zwar waren sie noch immer alle an die Gebote gebunden, doch die Schwarze Hand besaß sicher Mittel und Wege, sie in einem gewissen Rahmen zu umgehen.

Drewani erwartete offenbar keine Antwort, sodass die Jungen schwiegen, wie schon seit Tagen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen, das den Zorn der Sprecherin erwecken könnte.

Um ehrlich zu sein, wusste Lucien nicht, wie spät es war. Eine ungefähre Zeiteinteilung war Drewanis Kommen und Gehen, wenn sie sich um ihre Grundbedürfnisse kümmerte. Sie brachte ihnen nicht nur Essen und Trinken, sondern tauschte auch die Eimer mit ihrer Notdurft aus. Sie stellte sie jedoch lediglich vor die Tür zu ihren Gemächern und kam nach einer Weile mit einem leeren Eimer wieder. Lucien konnte nur vermuten, dass sie den Dunklen Wächtern befahl, sich darum zu kümmern.

»Muss den Zauber weiterentwickeln«, hörte er einmal die Sprecherin murmeln. Daher vermutete er, dass sie sich nur deswegen selbst um sie kümmerte, weil die Wächter sie sonst angreifen würden. Proximos Zauber hatte lediglich bewirkt, dass die Wächter friedfertig wurden, nicht jedoch, dass er ihnen Befehle erteilen konnte.

Doch auch Drewanis Kommen und Gehen war keine verlässliche Zeiteinheit. Es hatte den Anschein, dass sie es manchmal vergaß und ihnen erst später das Essen brachte. Ein, zweimal fiel es sogar gänzlich aus. Lucien merkte es daran, dass sein Magen lauter knurrte als sonst.

Drewani wiederholte ihr nachdenkliches Starren mehrere Male, offenbar stets dann, wenn sie den Kopf dafür frei hatte und die Muse besaß, sich mit den Jungen zu befassen. Nachdem die Jungen nun geschätzt eine Woche bei ihr einsaßen, änderte sich jedoch etwas daran.

»Ich hielt eine briefliche Konversation mit dem Zuhörer und unterrichtete ihn über euren Fall«, eröffnete sie an diesem Tag (oder Abend, mittlerweile war sich Lucien selbst da nicht mehr sicher). »Er brachte mir die Worte der Mutter der Nacht. Sie will euch weiterhin in der Bruderschaft wissen, sie sagt, dass ihr es weit bringen werdet. Doch sie sagt auch, dass es so nicht weiter gehen kann. Eure Hitzköpfigkeit ist ein Problem und kann allzu leicht dazu führen, dass ihr die Bruderschaft und all ihr Geheimnisse verraten werdet. Dagegen muss etwas unternommen werden.

Eure Strafe für euren Verstoß gegen unsere Gebote habt ihr bekommen, doch das war nicht das Letzte, das wir unternehmen werden müssen. Ihr müsst lernen, ruhiger und ausgeglichener zu sein. Und das lernt ihr am besten, wenn ihr euch nicht ständig seht. Lucien wird nach Falkenring gehen und unsere Brüder und Schwestern dort kennen lernen. Du wirst von Vicente Valtieri dorthin  begleitet. Caius geht nach Morrowind zu einer unserer dortigen Zufluchten und ebenfalls frischen Wind um die Nase bekommen.«

»Aber ich will nicht …!«, begann Caius mit seinem Protest, wurde jedoch sofort von einem strengen und eisigen Blick Drewanis zum Schweigen gebracht. Er kuschte und zog den Kopf ein.

Lucien bekam große Augen. Er war sich nicht sicher, ob dies eine Strafversetzung war oder ob er sich darüber freuen sollte, Caius endlich los zu sein. Auf der anderen Seite bedauerte er es schon jetzt sehr, von seiner neuen, liebgewonnenen Familie getrennt zu sein.

»Wo liegt Falkenring?«, fragte er vorsichtig.

»Es handelt sich dabei um ein kleines Fürstentum in Himmelsrand, das südlichste, um genau zu sein«, erklärte die Sprecherin kurz angebunden.

»Himmelsrand!«, entfuhr es dem Jungen halb entsetzt, halb entgeistert. »Gibt es dort Drachen?« Er wusste sofort, dass das eine dumme Frage war. »Entschuldigt, Meisterin«, nuschelte er sogleich.

Drewani überging dies. »Vicente Valtieri wird in der Abenddämmerung hier erscheinen«, sagte sie. »Er wird euch zurück in die Zuflucht bringen, wo Lucien sein Sachen packen und noch heute aufbrechen wird. Caius wird später von einem Dunklen Bruder seiner neuen Zuflucht abgeholt; er ist bereits auf dem Weg hierher.«

Wie üblich erhob sie sich ohne ein weiteres Wort und verschwand.

Caius war wohl ebenso verblüfft von der Wendung der Dinge wie Lucien selbst. »Skyrim«, murmelte er. »Der erfrorene Arsch der Welt. Und erst Morrowind! Ödes Aschland und ein Haufen Dunkelelfen.«

Lucien spürte die Spitze, aber aus Angst vor Drewani und einer damit womöglich einhergehenden Verlängerung ihrer Haft, schluckte er seinen Ärger hinunter. Stattdessen beschloss er, noch einige Kräfte zu sammeln und zu schlafen, bis der Vampir kam, um ihn abzuholen.

Die Zeit verging schneller als gedacht, nachdem sie in den letzten Tagen vor Langeweile beinahe umgekommen waren. Lucien wurde durch das Quietschen der Scharniere der Gittertür geweckt. Er hatte schon immer einen leichten Schlaf gehabt und seit er bei der Bruderschaft war, hatte sich das noch verstärkt. Manchmal war er sogar vom Rascheln der Mäuse im Stroh munter geworden. Sich den Schlaf aus den Augen reibend erhob er sich und sah sich der Sprecherin gegenüber, an ihrer Seite Vicente Valtieri, erstaunlich erfrischt für seine Verhältnisse.

Arela Drewani bedeutete den Jungen, dass sie nun endlich aus ihren Zellen treten durften. Sogleich streckten sie ihre steifen Glieder und sahen zu, dass sie dem nachkamen.

»Ihr habt einigen Unfug angestellt«, wurden sie sogleich von Valtieri begrüßt. »Es ist dennoch gut, euch wieder zu sehen!« Er entblößte seine Fangzähne, seine Art des Lächelns. Er glaubte, dass das tatsächlich freundlich wirkte. Die Realität sah so aus, dass Lucien selbst jetzt noch einen Fluchtreflex dabei verspürte, obwohl er wusste, dass er von dem Vampir nichts zu befürchten hatte.

»Nehmt den einfachen Weg«, sagte Drewani, offensichtlich froh, die Jungen endlich wieder los zu sein.

»Wir danken Euch«, sagte Vicente sogleich mit einer leichten Verbeugung. Dann wandte er sich an die Jungen. »Kommt. Ihr wisst sicherlich schon, wie mit euch verfahren werden soll. Lucien soll sein hitziges Gemüt im kalten Himmelsrand abkühlen und ich soll ihn hinbringen. Ehrlich gesagt freut es mich; ich habe Babette schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.«

Vicente steuerte die Wohnbereiche an, während Drewani unbeteiligt folgte und sich wieder ihrem Tagwerk widmete. Die Jungen beeilten sich, dass sie hinter dem Vampir her kamen. Zu ihrem Erstaunen hielt er auf eine Leiter zu, die an einer der Wände angebracht war. Als sei es selbstverständlich, kletterte er hinauf. Die Jungen folgten ihnen und fanden sich alsbald in einem Schacht wieder. Die Wände wechselten bald von Stein zu Holz. Über ihnen öffnete Vicente eine Falltür und willkommene, kühle Luft strömte herein. Als er herausgeklettert war, beeilten sich die Jungen, dass sie ihm folgten. Endlich nicht mehr nur die modrige Luft ihres Gefängnisses atmen!

Sie waren aus einem alten Baumstumpf herausgekommen. Ein Baumriese schien hier einst umgefallen, als sein Inneres schon ganz vermodert und hohl gewesen war. Seine Überreste waren als Versteck für den Geheimgang genutzt worden.

Mit großen Augen schaute Lucien zu den Sternen auf. Er hätte niemals gedacht, dass er einmal so froh darüber sein würde, sie zu sehen. All die vertrauten Sternbilder schienen über ihm und funkelten wie kleine Juwelen am Nachthimmel.

»Kommt, nicht bummeln«, drängte Vicente sie. »Ich will heute noch einiges an Weg zurücklegen mit Lucien. Bis nach Skyrim ist es ein weiter Weg.«

Skyrim … Plötzlich fühlte sich Lucien wieder heimatlos. Ob er jemals wieder an den Ort zurückkehren würde, der ihm Heimat und Familie geschenkt hatte? Schwermut befiel ihn, dennoch folgte er dem Vampir.

Glitzerndes Purpur auf weißen Feldern

Nur widerstrebend packte Lucien seine Sachen. Er besaß ohnehin zusätzlich zu seiner Eingehüllten Rüstung nur ein Set ziviler Kleidung sowie seinen Dolch, nebst der Rüstung sein wertvollster Besitz. Darüber hinaus packte er ein wenig Werkzeug ein, um Waffe und Rüstung unterwegs zu pflegen, sowie Proviant. Doch egal, wie langsam er packte, es ging nicht langsam genug und das Ende ließ sich nicht auf ewig hinauszögern.

  Anscheinend wussten die anderen Mitglieder der Zuflucht bereits von dem Urteil, das über ihn verhängt worden war. Zunächst sprach niemand ihn darauf an, doch alle warfen ihm vielsagende Blicke zu. Zwar schien sein Verstoß nicht vergessen zu sein, doch die meisten schienen ihn tatsächlich zu vermissen. Einzig Sares sprach ihn darauf an.

  »Du weißt um deine Fehler«, sagte der Dunkelelf. »Deine Strafe war und ist angemessen, daran wird sich in meinen Augen nichts ändern. Wisse dennoch, dass ich dich vermissen werde, Stift.«

Lucien wurde der Hals eng. In der Vergangenheit hatte er seinen Spitznamen gehasst, doch nun ging ihm mit einem Male auf, dass er eher liebevoll und freundlich gemeint war.

»Danke«, brachte er mit halb erstickter Stimme hervor.

»Es wird dir gut tun, ganz sicher«, betonte Sares noch einmal. »Und dass du uns jetzt verlässt, heißt nicht, dass du nicht wiederkehren kannst. Früher oder später werden wir uns schon wiedersehen.«

  Der Junge lächelte dankbar, und zumindest ein Teil des Gewichts, das auf ihm und seinen schmalen Schultern lastete, wurde von ihm genommen. Er bedeutete seiner Familie immer noch etwas und war nicht gänzlich aus ihren Reihen verstoßen.

  Doch Vicente wartete auf ihn und wäre sicherlich nicht erfreut über eine weitere Verzögerung ihres Aufbruchs. Lucien sah zu, dass er den Vampir nicht allzu sehr verärgerte, schnappte sich sein kleines Bündel und begab sich in den Hauptraum. Wie gedacht, wartete der Vampir bereits auf ihn.

  »Hast du alles? Gut«, sagte er. »Ich will heute noch einige Meilen zurücklegen, ehe die Sonne aufgeht. Sie brennt immer so unangenehm auf der Haut, egal ob ich gesättigt bin oder nicht.«

  Lucien hatte mittlerweile erfahren, dass Vampire nicht zwangsläufig von der Sonne geschädigt wurden. Sie verminderte zwar ihre Kräfte, verbrannte sie jedoch erst dann, wenn sie lange keine Nahrung mehr zu sich genommen hatten. Dennoch schien Vicente nicht allzu erpicht darauf zu sein, übermäßig bei Tage zu reisen. Der Junge stellte sich auf durchwachte Nächte und Rasten bei Tage ein.

  Sie machten sich unverzüglich auf den Weg. Sobald sie die Stadt verlassen hatten, begann Vicente, ein Lied vor sich hin zu pfeifen. Anscheinend empfand er es als nicht allzu schlimm, den Aufpasser für Lucien spielen zu müssen, sondern nahm die ganze Angelegenheit locker. Daher wagte es Lucien auch eine Frage zu stellen.

  »Wer ist Babette?«, wollte er wissen.

  »Oh, du wirst sie mögen, denke ich«, sagte Vicente. »Sie ist ein Vampir, ähnlich wie ich, wenn auch erst einige Jahrzehnte alt. Und sie hat es faustdick hinter den Ohren.« Vicente zwinkerte zwar, schien aber ansonsten nicht geneigt, weiter darauf einzugehen.

  Lucien vertröstete sich damit, dass er Babette in wenigen Tagen kennen lernen würde. »Wer lebt noch alles in der Zuflucht?«, fragte er stattdessen.

  »Auch die Zuflucht in Skyrim untersteht der Führung Arela Drewanis«, antwortete der Vampir. »Daher wurde sie als dein neues Zuhause auserkoren. Die Zuflucht wird von Hilda geleitet, eine Nord und Werwölfin, angeblich sehr fähig, aber auch sehr wild, ihrer wölfischen Natur entsprechend. Dann gibt es noch Malik, ein Rothwardone und Assassine, Valdimar Hammerhand, ebenfalls ein Nord und Eliminator, und Hjortkar, Nord und Schlächter. Ehrlich gesagt kenne ich selbst bis auf Babette und Hilda keines der anderen Mitglieder persönlich, daher kann ich dir nicht viel über sie sagen. Aber ich denke, dass du dennoch nicht allzu sehr mit Met abgefüllt und dich gut mit den vielen Nord verstehen wirst, wenn du dich auf ihre bärbeißige Art eingelassen hast.«

  Irgendwie hatte Lucien genau drauf keine Lust. Das, was er von Nord kannte, hatte ihm nie wirklich zugesagt. Sie waren ihm trotz der interessanten Dinge, die er mittlerweile zu ihrem Land kannte, zu grob, zu streitlustig und zu laut. Er konnte sich nicht vorstellen, wie eine Zuflucht, bewohnt fast ausschließlich von Nord, funktionieren konnte. Seine Laune sank weiter, doch er hütete seine Zunge.

  Vicente legte ein straffes Tempo vor. Er war in der Tat bestrebt, in dieser Nacht noch ein gutes Stück Weg hinter sich zu bringen, und nahm zunächst keine Rücksicht auf Lucien. Erst als dieser deutlich fußlahm wurde und hinterherzuhinken begann, drosselte er sein Tempo und legte schließlich auch, als die Morgendämmerung einsetzte, eine Pause ein. Sie suchten sich einen geschützten Ort und breiteten dort ihre Lager aus. Lucien schaffte es kaum noch, etwas zu essen, bevor er nahezu augenblicklich einschlief.

  Anscheinend störte es den bretonischen Vampir nicht wirklich, denn er ließ den Jungen schlafen. Erst am Nachmittag weckte er ihn, um selbst ein wenig zu ruhen. Lucien, der nun deutlich ausgeruhter war, ging auf, dass er noch nie einen Vampir hatte schlafen sehen. Er hatte angenommen, dass sie auch wie normale Mer schlafen würden, doch stattdessen war es der Schlaf eines Toten. Vicente lag regungslos da, die schmalgliedrigen Hände über der Brust gefaltet und die leeren, offenen Augen gen Himmel gerichtet. Es war durchaus als verstörend zu bezeichnen.

  Auf den Punkt genau, als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, regte sich Vicente erneut, als würde er von den Toten wiederauferstehen. Was, so überlegte Lucien, so verkehrt gar nicht sein mochte. War man vom Vampirismus befallen, so führte man, suchte man keine Heilung, fortan ein untotes Leben.

  Sie aßen etwas, was eigentlich hieß, dass Vicente dasaß und Lucien dabei zusah. Dem Jungen fiel auf, dass der Vampir nicht mehr ganz so frisch wie am Abend zuvor aussah. Ob er als Blutspender herhalten musste oder hatte sein Begleiter seine eigenen Vorräte dabei? Er hoffte auf letzteres.

  Nachdem Lucien sein kleines Mahl beendet hatte, packten sie ihre Sachen und machten sich wieder auf den Weg. Wie schon einige Zeit zuvor schlugen sie eine Strecke in Richtung Bruma ein. Von dort führte ein Bergweg über die Jerall-Berge nach Skyrim und damit auch nach Falkenring. Dies war die einzig halbwegs sichere und gangbare Strecke durch die Berge, solange man keine Bergziege war oder Flügel besaß.

  Vicente pfiff entweder weiter fröhlich vor sich hin oder erzählte gelegentlich dieses oder jenes aus seinem Leben. Lucien war positiv überrascht, denn bis jetzt hatte er noch keines seiner Dunklen Geschwister so gesprächig erlebt.

  »Ich habe ein Allergie gegen Knoblauch«, sagte der Vampir irgendwann im Laufe der Nacht. »Der Volksmund behauptet, dass das alle Vampire hätten, aber das stimmt nicht. Die Wahrheit ist, dass ich der einzige Vampir mit dieser Abneigung bin, von dem ich weiß. Ich hatte die Allergie schon immer, sie war aber wider Erwarten nicht mit meiner Transmutation verschwunden.«

  Irgendwo schuhute eine Eule, gefolgt vom fernen Heulen eines Wolfes.

  »Warum sagen dann die Leute, dass Knoblauch Vampire fernhält?«, fragte Lucien erstaunt. Es war auch ihm neu, dass Knoblauch nutzlos war.

  Vicente zuckte mit den Schultern. »Weil er stinkt, vielleicht?«, schlug er vor. »Sie mögen den Geruch nicht, also denken sie vielleicht, dass auch Vampire mit ihren viel feineren Sinnen ihn erst recht nicht mögen. Manche behaupten auch, Weihwasser würde helfen.« Er lachte auf. »Das ist nur Wasser! Ihre sogenannten Neun Göttlichen sind eine Lüge, denn einzig und allein Sithis existiert in der Leere. Hast du jemals zu den Göttern gebetet? Oder den Daedra?«

  Und wieder war Lucien erstaunt. Selten hatte einer seiner Lehrer ihn etwas gefragt, das über ihren Unterricht hinaus ging, und so gut wie nie hatten sie sich nach seiner Vergangenheit erkundigt.

  Etwas verwirrt über das plötzlich aufgekeimte Interesse seines Begleiters schüttelte er daher den Kopf. »Nein, ich hatte andere Sorgen, bis mich Herrin Drewani fand«, sagte er. »Man sorgt sich auf der Straße nicht um irgendwelche Aedra und Daedra, wenn man nicht verenden will.«

  Vicente nickte. »Ich verstehe«, sagte er. »Nach meiner Ansicht hast du damit auch nichts verpasst. Die Existenz höherer Mächte außer der Sithis‘ ist anzuzweifeln.«

  Im Laufe ihres weiteren Weges mieden sie Bruma gänzlich und marschierten gleich weiter gen Norden. Wie sich herausstellte, hatte Vicente tatsächlich seine eigenen Blutkonserven dabei, die er in verkorkten Weinflaschen bei sich trug und von denen er an jedem zweiten Morgen einige Schlucke trank. Irgendetwas war dem Blut beigemischt, sodass es nicht gerann und halbwegs frisch blieb. Lucien wollte ehrlich gesagt nicht wissen, woher er all das Blut hatte.

  Schon als Lucien das erste Mal in diesen Gefilden gewesen war, hatte er die Kälte empfindlich gespürt, auch wenn seine Rüstung einiges abgehalten hatte. Dieses Mal hatte Vicente für sie beide kältetauglichere Kleidung eingepackt, und eine der Garnituren würde er auch Lucien für seinen Aufenthalt in Skyrim überlassen. Und Lucien merkte bald, dass das auch bitternötig war.

  Sie mussten schon wenige Meilen hinter Bruma die Felle um sich wickeln, um sich gegen den Wind und die beißende Kälte zu schützen. Winzige Eiskristalle, aufgewirbelt von den Schneewehen, schnitten schmerzhaft in ihre Haut, wenn sie nicht aufpassten und nicht möglichst alles bedeckten.

  »Ich beneide Babette«, kommentierte Vicente. »Die Vampire Skyrims haben, egal, welchem Clan sie angehören, eine gewisse Resistenz gegen Kälte, sicher eine Anpassung an das raue Klima des Landes. Aber ich bin ein verwöhnter Südländer, der sich die Porphyrische Hämophilie in Cyrodiil einfing.« Er sagte letzteres nicht ohne einen gewissen Humor, weshalb Lucien daraus schloss, dass er es als nicht allzu schlimm empfand, keinem der Vampirclans Skyrims anzugehören.

  »Um dich zu warnen«, sagte der Vampir unerwartet. »Ohnehin solltest du dich vor fremden Vampiren in Acht nehmen. Nur weil Babette und ich an die Gebote gebunden sind, sind wir vergleichsweise zahm gegenüber anderen Mitgliedern der Bruderschaft. Kein anderer Vampir würde ohne weiteres einen friedlichen Plausch ohne heimtückische Hintergedanken mit dir halten, wie ich es gerade tue. Und in Himmelsrand lebt ein ganz besonderer Vampirclan. Die Vampire von Burg Volkihar nehmen sich heraus, die ersten Vampire überhaupt zu sein, erschaffen von Molag Bal höchstselbst. Ihr Fürst, Harkon, ist ein tödlicher Meistervampir und seine Frau und Tochter sind Töchter Kalthafens. Niemand, nicht einmal ein noch so mächtiger Vampir, würde wagen, sich ihnen und ihren Lakaien in den Weg zu stellen. Meide jeglichen Kontakt mit irgendeinem anderen Vampir außer Babette und außer, man traut es dir zu, ihn unbeschadet zu töten. Und selbst dann solltest du kein Risiko eingehen.«

  Skyrim mit all seinen Sagen und Legenden zeigte schon jetzt immer mehr seine grausamen und harten Seiten. Dieses Land war wild und rau und ungebändigt und voller Gefahren für jene, die sich ihm unwissend stellten.

  Lucien nickte. »Ich werde es mir merken, danke.«

  Die Überquerung der Berge dauerte mehrere Tage. Es war mühsam und kräftezehrend, denn ein Sturm kam auf, zwar nicht so stark und gefährlich, dass sie gezwungen waren, für seine Dauer einen sicheren Unterschlupf zu suchen, doch stark genug, um ihr Vorankommen erheblich zu erschweren. Laut den Aussagen des Vampirs waren Stürme keine Seltenheit im Gebirge und sie konnten von Glück reden, dass sie nur in einen vergleichsweise kleinen geraten waren.

  Die Grenze zu Skyrim überschritten sie beinahe unmerklich. Dass sie es überhaupt getan hatten, bemerkte Lucien eigentlich nur dadurch, dass Vicente es ihm gesagt hatte. Nachdem es nun tagelang lediglich bergauf gegangen war, davon ein nicht unerheblicher Teil im Kampf gegen das Wetter, führte ihr Weg nun auch gelegentlich in Serpentinen abwärts. Nun fiel es Lucien auch auf, dass die Luft anders war. Erst hatte er es den hochgelegenen Gefilden zugeschrieben, doch die kühle, würzige und vor allem klare Luft blieb auch, nachdem sie wieder allmählich die höheren Regionen verließen. Die typische Luft Skyrims.

  Lucien war mit sich im Zwiespalt, ob er sich auf Himmelsrand freuen sollte oder nicht. Drachen würde er keine sehen und legendäre Nord wie Olaf Einauge aller Voraussicht auch nicht. Viel blieb dann nicht mehr, was er aus dem, was er bereits wusste, an diesem Land mochte. Er beschloss, dass es besser war, alles einfach auf sich zukommen zu lassen und zu sehen, wie die Dinge wirklich standen, statt gleich so pessimistisch an die Sache heranzugehen, wie er es eigentlich fast die ganze Zeit über getan hatte. Er erinnerte sich der Worte Sares‘, dass es nicht ausgeschlossen war, dass er auch wieder zurück nach Cheydinhal kommen konnte, wenn die Zeit reif dazu war.

  Nachdem sie nun bereits gut eine Woche unterwegs waren, tauchte vor ihnen die erste Siedlung im fremden Land auf. Helgen, ein kleines Dorf im Fürstentum Falkenring, obwohl nach Aussage Vicentes die gleichnamige Hauptstadt des Fürstentums, Falkenring, nur unwesentlich größer war.

  »Manche der sieben Fürstentümer besitzen riesige Zentren der Macht, Markarth beispielsweise im Reach«, sagte er. »Die Dwemer erbauten die Stadt vor vielen, vielen Jahren, ehe sie spurlos verschwanden, und auch heute ist sie der Sitz einer mächtigen Silberindustrie. Andere Jarls in Himmelsrand regieren wie Jarl Sterngeir Bärenfaust nur unbedeutende Gebiete.«

  Es führte kein Weg an Helgen vorbei. Sie befanden sich zwar nicht mehr in den allerhöchsten Gebirgslagen, doch noch immer weit genug im Gebirge, dass es oft keine anderen Wege gab als die bereits angelegten. Helgen war zwar klein, aber dennoch von einer wehrhaften Mauer umgeben, die klar machte, dass unerwünschte Besucher in Himmelsrand nichts zu suchen hatten. Sie wechselten vorsichtshalber ihre Kleidung und verbargen alles Verräterische möglichst unter ihren Fellen. So würden sie durchaus als Vater und Sohn durchgehen.

  Die Bewohner Helgens waren es gewohnt, dass ihr Dorf eine Transitstation für Reisende von und nach Cyrodiil war. Für die Wirtschaft des Fürstentums Falkenring war das durchaus von Vorteil, da es Geld in die Kassen spülte. Skyrim war zwar ein Teil des Kaiserreiches und stand damit unter der Oberherrschaft Kaiser Uriel Septims VII., doch es war noch immer ein eigenes Reich mit einem Hochkönig in Einsamkeit und sechs weiteren Fürstentümern, regiert von ihren eigenen Jarls. Aufgrund dessen war Zoll zu entrichten, und Vicente äußerte die in seinen Augen eigentlich nahezu sichere These, dass nicht alle Zolleinnahmen in den Staatskassen von Hochkönig Fyrnir landeten.

  Der Vampir murrte, während er die Septime aus seinem Geldbeuten kramte und sie dem Nord aushändigte. Ebenso murrend wurden sie nach ihren Namen gefragt, und Vicente log wie gedruckt Namen für sie herbei. Mit griesgrämiger Mine notierte der Nord alles Erfragte und winkte sie dann durch.

  »Ihr kennt hoffentlich die Gesetze der Nord«, brummte der Mann mit dem riesigen Bart ihnen hinterher. »Unwissen schützt euch nicht vor den Gefängnissen der Jarls. Benehmt euch!«

  Vicente lächelte möglichst freundlich und nickte zur Bestätigung. Ehe sie sich vollends abwandten, schickte er noch einen Gruß hinterher. Der bärbeißige Nord schien davon nichts wissen zu wollen.

  »Meine Menschenkenntnisse rosten anscheinend langsam ein«, murmelte Vicente vor sich hin. »Ohne einen Zauber hätte ich ihn nicht freundlicher stimmen können.«

  »Habt Ihr ihn etwa bezaubert?«, wunderte sich Lucien.

  »Nein, aber ich hätte es tun können«, erwidere der Vampir. »Meinesgleichen kann auf magische Weise viele Leute dazu bringen das zu tun, was wir wollen. Aber man muss ja nicht immer gleich auf die eigenen besonderen Fähigkeiten zurückgreifen, finde ich.«

  Sie hielten sich in Helgen nicht länger als nötig auf. Ihre Vorräte waren noch nicht aufgebraucht und bis Falkenring war es nicht mehr weit. Wahrscheinlich würden sie das Dorf noch vor Mitternacht erreichen.

  Ein weiterer Weg führte wieder aus Helgen heraus und schlängelte sich weiter durch die Berge. Die Landschaft wurde mittlerweile wieder grüner und die kargen Felsen wichen. Gelegentlich sprang ein Schneehase vor ihnen davon, doch ansonsten waren sie allein mit sich und der Natur um sie herum.

  »Die Nord reisen sehr wenig«, sagte Vicente. »Die Straßen Himmelsrands sind gefährlich und nur wenige wagen es, sich den Kreaturen dieses Landes zu stellen. Vor allem trifft man jedoch auf den Straßen auf Handelskarawanen der Khajiit. Sie sind oftmals gut genug ausgerüstet, um sich Wölfen, Bären, Banditen und anderen Gefahren dieses Landes zu stellen.«

  »Aber die Nord sollen doch ein so kriegerisches Volk sein«, erinnerte sich Lucien. »Sie wissen sich doch sicher auch zu wehren.«

  »Tritt jeder Kaiserliche in die Legion ein?«, hielt der Vampir dagegen. »Genauso wenig ist jeder Nord ständig vom Met betrunken oder führt stets eine monströse Streitaxt bei sich. Wenn die Dienste von Soldaten benötigt werden, wenden sich die Bewohner Himmelsrands oft an die Gefährten, eine Organisation ähnlich unserer Kämpfergilde. Sie haben ihren Sitz in Jorrvaskr in Weißlauf. Vielleicht siehst du ihre Methalle eines Tages.«

  Die Dunkelheit war noch nicht lange über sie hereingebrochen, als sie vor sich zwischen dem dünnen Baumbestand erste Lichter auftauchen sahen. Falkenring.

  Vicente hatte nicht vor, sich auch in diesem Dorf zu zeigen, sondern wollte es nördlich umrunden. Die Zuflucht befand sich, anders als in Cheydinhal, nicht direkt in der Siedlung, sondern lag etwas außerhalb unter einer Böschung nahe der Straße.

  »Gut versteckt und doch in einer komfortablen Lage«, kommentierte er. »Angeblich weiß der Jarl nicht einmal davon, sodass diese Zuflucht nicht wie wir zu gewissen Mitten greifen muss, um sich vor unliebsamen Besuchern zu schützen.«

  Auch wenn sie sich dafür die Füße nass machen mussten, als sie einen kleinen Bach querten, welcher ein Mühle betrieb, schwenkten sie noch vor dem kleinen Schutzwall von der Straße ab und suchten sich ihren Weg nördlich von Falkenring durch den Wald, welcher hier mittlerweile recht dicht stand. Als Lucien jedoch nahe bei sich einen Grabstein im Dunkeln auftauchen sah, beschienen vom Mondlicht, hielt er inne und sah sich etwas genauer im wenigen Licht der nächtlichen Gestirne um.

  »Der Friedhof ist groß«, stellte er leise fest.

  »In der Tat«, bestätigte Vicente. »Der Friedhof von Falkenring gelangte bereits zu einer gewissen Berühmtheit, da hier viele gefallene Helden der Nord begraben liegen. Die Geschichten kannst du dir jedoch auch später anhören. Wir haben es jetzt nicht mehr weit. Komm.«

  Es waren nur noch wenige Minuten, bis sie ihr Ziel erreichten. Vorsichtig kletterte Vicente, gefolgt von Lucien, einen kleinen Abhang hinab. Sie befanden sich nun in einer recht tiefen Mulde im Waldboden, die teils von einem kleinen Tümpel ausgefüllt war. Unter einem Überhang aus Fels und Erde drang ein rötliches Licht hervor, das Lucien nur allzu gut kannte. Als er näher trat, erkannte er die Schwarze Tür.

  »Was ist die Musik des Lebens?«, fragte ihn eine mysteriöse Stimme.

  Lucien, da er wusste, was es mit diesen Türen auf sich hatte, wandte sich etwas ratlos an Vicente, welcher bereits an ihn herangetreten war.

  »Stille, mein Bruder«, gab dieser die korrekte Antwort.

  »Willkommen daheim«, begrüßte sie die Stimme und erlaubte ihnen damit den Eintritt.

  »Immer hinein in die gute Stube!«, kommentierte der Vampir fröhlich und trat durch die Tür. Lucien, nun durchaus neugierig, was ihn erwartete, folgte hinterdrein.

  Sie traten in einen Gang, wie ein Teil der Zuflucht zu einer alten Ruine der Nord gehörend, wie Vicente bereits auf ihrem Weg hierher erzählt hatte, welcher kurz darauf in einen ersten Raum führte. Ein Tisch mit einer großen Karte darauf stand hier nebst einem morsch wirkenden Regal, und an diesem Tisch stand eine Frau, gekleidet in die Eingehüllte Rüstung der Bruderschaft und mit einer Axt auf ihrem Rücken bewaffnet. Als sie die Neuankömmlinge bemerkte, hob sie den Blick von der Karte und kam ihnen entgehen.

  »Willkommen, willkommen!«, begrüßte sie sie. »Wir haben uns wirklich lange nicht mehr gesehen, Valtieri. Und das da an Eurer Seite muss unser jüngster Zuwachs sein, den Drewani uns zuteilte.«

  »Überschwänglich wie eh und je, Hilda«, erwiderte Vicente die Begrüßung.

  Die Nord schob ihre Kapuze zurück und enthüllte dabei eine blonde Lockenpracht, die durch die Zöpfe und Bänder kaum zu bändigen war. Ihre dunkelblauen Augen funkelten und ließen etwas Wildes, Animalisches durchscheinen, das unter der scheinbar ruhigen Oberfläche zu lauern schien: der einzige Hinweis darauf, dass Lucien sich soeben das erste Mal in seinem Leben einem Werwolf gegenüber sah.

  Die Zufluchtsleiterin trat auf ihn zu und beugte sich zu ihm herab, um ihn genauer zu mustern. »Oh, ich sehe schon, ich werde dich zum Fressen gern haben!« Dann lachte sie meckernd und aus vollem Halse über ihren eigenen Witz.

  »Und ich sehe, dass Eure Witze ebenfalls keinen Deut besser wurden«, kommentierte Vicente trocken.

  »Ach, was habt Ihr nur?«, hielt Hilda dagegen. »Ihr seid ein alter, vertrockneter, humorloser Vampir und versteht das nicht.«

  Lucien stockte ob dieser Respektlosigkeit seinem Mentor gegenüber, doch dieser hob nur eine Augenbraue und sagte nichts dazu, obgleich sie beide als Henker vom gleichen Rang waren.

  Hilda schien das ganze schon wieder vergessen zu haben, denn sie bedeutete den beiden, ihr zu folgen, und führte sie tiefer hinein in die Zuflucht. Sie gingen einen weiteren Gang entlang, der sie in eine natürlich entstandene Höhle führte. Ein Wasserfall von einem unterirdischen Gewässer stützte hier in ein Becken. Mehrere Durchgänge zweigten von der Höhle ab und schienen zu weiteren Bereichen der Zuflucht zu führen. Im hinteren Bereich der Höhle machte Lucien eine große Felsmauer aus, in welche seltsame Zeichen geritzt waren.

  Doch ehe er sich danach erkundigen konnte, stürmte ein kleines Mädchen auf ihn zu.

  »Helft mir! Helft mir!«, schrie es. »Ich wurde von den Meuchelmördern gefangen genommen und entführt!« In Panik klammerte sie sich an Lucien, welcher davon völlig überrumpelt war. Etwas stimmte hier nicht …

  »Babette, Ihr ward auf jeden Fall schon kreativer, was das Begrüßen neuer Mitglieder anbelangt«, rügte Hilda.

  Erst da ging Lucien ein Licht auf. Das Mädchen, das sich zwar immer noch an ihn klammerte, nun aber vor sich hin kicherte, war also Babette, der Vampir, den wiederzusehen Vicente sich so sehr gefreut hatte. Er hätte nicht damit gerechnet, dass Babette noch so jung war. Nun, jung war wohl nicht das richtige Wort, sein Lehrer hatte erwähnt, dass sie bereits einige Jahrzehnte alt war. Doch sie musste gebissen worden sein, als sie ungefähr zehn Jahre alt gewesen war, schätzte der Junge.

  Babette löste sich nun doch von ihm und trat vor die Neuankömmlinge. »Du musst Lucien sein«, stellte sie fest. »Schön, dich kennen zu lernen! Ich bin Babette. Aber lass dich nicht von meiner Erscheinung täuschen. Ich bin sehr bissig, siehst du?« Sie bleckte ihr Vampirgebiss und schnappte spielerisch nach dem Jungen.

  »Den Spieltrieb habt Ihr aber dennoch nicht abgelegt«, kommentierte Vicente mit einem Grinsen auf dem Gesicht.

  »Und Ihr seid wirklich ein vertrockneter alter Vampir!«, konterte Babette. »Das gehört alles zu meiner Rolle, wisst Ihr? ›Oh, guter Mann, bitte helft mir, ich habe meine Puppe dort hinten in der Gasse verloren!‹ Versteht ihr? Und dann überfalle ich sie!« Sie kicherte boshaft in sich hinein.

  Lucien nahm sich felsenfest vor, sich nicht von Babettes kindlichem Äußeren täuschen zu lassen. Sie schien ein verschlagenes Biest zu sein, das es faustdick hinter den Ohren hatte.

  »Vicente, Ihr kennt Euch hier ein wenig aus«, sagte Hilda und überging Babettes Auftritt damit weitestgehend. »Fühlt Euch hier wie zu Hause. Ich werde derweil den Jungen herumführen und den anderen Familienmitgliedern vorstellen. Babette hat sich ja bereits von ihrer besten Seite gezeigt.«

  »Was hat es mit dieser seltsamen Wand dort hinten auf sich?«, fragte Lucien rasch, ehe sich vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu bot.

  »Die Nord nennen das eine Wortmauer«, sagte Babette. »Die Drachenpriester aus den Legenden sollen sie errichtet haben. Der Text darauf ist in der Schrift und Sprache der Drachen verfasst, aber keiner kann sie heute mehr lesen. Angeblich birgt der Text große Macht. Aufregend, oder?«

  Das Vampirmädchen verstand es wirklich meisterlich, das unschuldige, unbedarfte Mädchen zu geben.

  »Komm, Junge«, erinnerte Hilda ihn. »Babette kann dir später noch Ammenmärchen erzählen. Davon kennt sie eine Menge.«

  Sie ging voran und Lucien sah zu, dass er sich beeilte ihr zu folgen. Sie gingen in einen weiteren Raum, wahrscheinlich ein Aufenthalts- und Essensraum, da sich hier eine Kochstelle sowie ein langer Tisch mit mehreren Stühlen daran befand. Ein Rothwardone stand gerade vor der Feuerstelle und schien einem jungen Khajiit etwas über das Kochen zu erzählen. Als die Zufluchtsleiterin mit dem jungen Mörder eintrat, hoben sie jedoch die Köpfe und wandten sich ihnen zu.

  »Das sind Malik, unser selbsternannter Koch, und sein Kochgehilfe M‘raaj-Dar«, sagte sie. »Malik,  M‘raaj-Dar, das ist Lucien, unser neuer Mörder in Ausbildung.«

  Der Khajiit schien nicht besonders glücklich über seine Bezeichnung. Malik hingegen begrüßte Lucien mit einem strahlenden Lächeln. Seine Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht besonders deutlich auf.

»Eigentlich ist M‘raaj-Dar ein Mörder wie du, wenn auch schon etwas erfahrener, wie man hört«, sagte der Rothwardone zu Lucien. »Er ist noch nicht so lange bei uns, ich glaube, Vicente wusste auch noch nicht über unseren Zuwachs Bescheid.«

»Die Gebote verbieten mir, dich zu töten«, stellte der Khajiit sogleich dar. »Aber sie zwingen mich nicht, dich zu mögen.«

»Sehr freundlich«, kommentierte Lucien ungehalten. »Bist du zu allen so?«

»Sehe ich so aus, als wollte ich Freundschaft mit dir schließen und Ringelreigen mit dir tanzen?«, knurrte die Katze.

»Es ist gut, M‘raaj-Dar«, erinnerte Hilda ihn. »Wir wissen alle, dass du niemanden leiden kannst. Und wenn ich böse bin, könnte ich dir dein provokatives Verhalten irgendwann einmal als Verstoß gegen die Gebote auslegen. Sei nett zu Lucien, das ist ein Befehl.«

M‘raaj-Dar knurrte und bauschte den Schwanz auf, fügte sich aber.

»Lass uns kochen«, lenkte Malik ihn ab. »Wir wollen schließlich unser Apfelmus nicht anbrennen lassen. Erwähnte ich, dass ich Kartoffelpuffer mit Apfelmus liebe?«

»Ja!«, knurrte M‘raaj-Dar ungehalten, doch da entfernten sich Hilda und Lucien bereits wieder. Der Junge beschloss, den anderen Mörder weitestgehend zu meiden. Er wollte nicht schon wieder Streit anfangen.

Die beiden letzten Mitglieder der Zuflucht in Falkenring fanden sie in den Wohnquartieren, an einem Tisch sitzend und Schach spielend.

»So ein Schwachsinn!«, brauste soeben ein wahrer Bär von Mann auf. Er trug nicht einmal mehr die sonst übliche Eingehüllte Rüstung sondern mehrere zu einer Rüstung aufgebesserte Felle. Eine wahrlich gigantische Streitaxt ragte über seiner Schulter auf.

Ihm gegenüber saß ein weiterer Nord, immer noch kräftig, doch im Vergleich zu seinem Gegenüber wirkte er zierlich und klein. Er trug zwei Schwerter an der Seite.

»So schwer ist das nicht, Valdimar, glaub mir«, sagte er.

Der Bär schnaubte. »Du tänzelst mit deinen Schwertern umher und faselst immer etwas von Taktik und klugem Vorgehen«, brummte er. »Ich gehe hin, schlag mit meiner Axt ein paar Schädel ein und verschwinde wieder. So einfach ist das. Das ist ein Spiel für imperiale Weicheier, nicht für Nord!«

Hilda seufzte, als sie zu der Szene hinzustießen. »Streitet ihr euch immer noch wegen diesem dummen Spiel?«, fragte sie.

»Valdimar will nicht verstehen, welch klugsinniger Geist hinter diesem Spiel steht«, sagte der Nord, von dem Lucien annahm, dass es sich um Hjortkar handelte, das letzte Mitglied der Zuflucht, das er noch nicht beim Namen kannte.

»Dann lasst es doch einfach, Hjortkar«, erinnerte Hilda ihn und bestätigte damit Luciens Vermutung. »Valdimar ist ein Holzkopf, der für die grobe Arbeit zuständig ist. Er wird das Spiel nie verstehen.«

»Und das gegenüber einem ehemaligen Offizier der Kaiserlichen Legion!«

Das wiederum erstaunte Lucien. »Ihr wart bei der Legion?«, platzte er heraus.

Der dunkelhaarige Nord nickte stolz. »Siehst du? Das Schwert habe ich noch.« Er präsentierte eine seiner beiden Waffen. »Brachte es weit, aber das Töten machte viel zu viel Spaß. Eines Tages besuchte mit die Sprecherin Drewani und offenbarte mir eine Möglichkeit, die mir deutlich mehr zusagte. Und so bin ich hier gelandet, ist erst wenige Jahre her, daher bin ich noch nicht so weit gekommen im Rang.«

»Was ist das denn für ein Hänfling?«, brummte Valdimar geradeheraus. »An dem ist doch nichts dran, den breche ich wie ein Streichholz in der Mitte durch.«

»Es muss ja auch nicht jeder so ein Grobian wie Ihr sein, Valdimar.« Hilda stemmte die Hände in die Hüften und baute sich vor dem riesigen Nord auf. Es sah grotesk aus, da sie neben ihm wie eine Puppe wirkte. »Das ist Lucien Lachance, unser Neuzugang. Drewani will, dass wir ihn weiter ausbilden, bis sie andere Pläne mit ihm hat. So lange gehört er zu uns und ist Teil unserer Familie. Verstanden? Weitermachen!«

»Ich werde das Gefühl nicht los, dass auch Ihr etwas gegen Schach habt, verehrteste Hilda«, kommentierte Hjortkar.

Hilda warf einen skeptischen Blick auf das Brett. »Kommt nicht auf die Idee, es mir auch beibringen zu wollen«, sagte sie. »Wir sind Assassinen der Dunklen Bruderschaft, keine Soldaten.«

»Aber es schadet nicht, wie ein Soldat denken zu können«, erinnerte der einstige Offizier sie.

»Ich werde darauf zurückkommen.« Der Ton der Zufluchtsleiterin machte deutlich, dass sie nichts dergleichen vorhatte. Stattdessen wandte sie sich wieder an Lucien. »Los, komm, du halbe Portion. Ich will sehen, was an dir dran ist, jetzt, wo du deine neue Familie kennst.«

Halbe Portion, Hänfling, Stift. Innerlich seufzend fragte sich Lucien, ob er jemals die Spitznamen loswerden würde.

Hinter ihnen lachte Valdimar wiehernd los. »Halbe Portion, der war gut!«

Hilda winkte seufzend ab. »Idiot«, brummte sie.

Als sie außer Hörweite waren, fragte Lucien: »Ist Valdimar wirklich so dumm oder tut er nur so?« Er wusste, dass dies ihm als große Respektlosigkeit ausgelegt werden konnte, aber irgendwie spürte er, dass er es sich dem Bär gegenüber leisten konnte.

»Nein, er ist wirklich so dumm«, sagte Hilda, während sie ihn wieder zurück in die Haupthöhle führte. »Hat als Kind zu viel Met gesoffen und wahrscheinlich auch ein, zweimal die Axt seines Vaters auf den Schädel bekommen. Ist grobe Arbeit zu leisten, ist er jedoch der Mann dafür. Du kannst dir denken, warum. Er ist dumm, aber nett. Jedenfalls seiner Familie gegenüber. Zwar tut er immer so grob, aber er würde es niemals, nicht einmal im Traum, wagen, jemanden von uns zu grob anzufassen.«

Mittlerweile waren sie im Hauptraum angekommen. Hilda nahm Stellung ein, als wollte sie sich auf einen Kampf vorbereiten und wahrscheinlich hatte sie genau das vor.

»Drewani gab mir zwar einen Bericht über dich, aber Taten sagen mehr als Worte«, meinte sie. »Ich will sehen, was du bereits kannst. Dann sehen wir weiter. Zieh deinen Dolch.«

Etwas überrumpelt, aber dennoch mehr oder weniger bereit kam Lucien dem nach. Die Nord ließ ihm keine Zeit mehr, sich auf einen Angriff vorzubereiten. Mehr schlecht als recht wehrte er den Schlag mit ihrer Axt ab; immerhin griff sie mit einer kleineren Handaxt an ihrem Gürtel an und nicht mit der großen Streitaxt. Gegen diese würde er nicht bestehen können, das wusste Lucien.

Dennoch traf ihn der Schlag hart. Sein Arm erzitterte, und er befürchtete, dass sein Dolch brechen würde. Rasch wechselte er seine Taktik und lenkte den Schlag ab, statt ihn bis zum Ende zu blocken. Hilda ließ sogleich von ihm ab, um zum nächsten Schlag anzusetzen. Doch dieses Mal wich der Junge gänzlich aus, statt sich des Angriffes zu erwehren. Sich duckend gelangte er hinter die Nord und griff nun seinerseits an.

Irgendwie schaffte sie es jedoch, mit einer geschickten Drehung ihres Handgelenks (wie hatte sie das nur gemacht?!) seinen Schlag abzuwehren. Noch in der Bewegung nahm sie Kraft daraus und setzte sie gegen seinen Dolch ein. Nicht mit dieser eigenwilligen Taktik rechnend, verlor er die Kontrolle über den Dolch, und er flog ihm aus der Hand. Nahe des Wasserbeckens blieb er liegen, und Lucien spürte die kalte Klinge der Axt an seinem Hals.

»Tot. Aber nicht übel«, sagte Hilda. »Du bist natürlich kein Gegner für mich, aber für einen Mörder in Ausbildung bist du wirklich nicht schlecht. Ich nehme an, dass du auch den Bogen beherrschst, sowie grundlegende Magie und Alchemie.«

Lucien nickte. »Aber ich mag Alchemie und Klingenwaffen am meisten«, fügte er noch an.

»Ganz der Assassine.« Hilda nickte. »Ich denke, dass aus dir etwas werden könnte, das Potenzial hast du. Aber erst einmal will ich, dass du mit mir kommst und einen kleinen Privatplausch mit mir hältst. Dein Aufenthalt hier ist zu regeln.«

Lucien tat, wie ihm befohlen worden war, und folgte der Nord in deren privates Zimmer. Ein erstaunlich großes und luxuriöses Bett stand hier, und auch sonst hatte sie sich recht komfortabel eingerichtet. Der Junge bemühte sich, nicht allzu sehr zu starren und rief sich ins Gedächtnis, dass die Bruderschaft einflussreich und wohlhabend war und sich Luxus daher sehr wohl leisten konnte.

Hilda setzte sich an einen Tisch und hieß Lucien, dasselbe zu tun. Er kam dem rasch nach und wartete aufmerksam, was sie von ihm wollen mochte.

»Mir ist egal, was du angerichtet hast, dass dich Drewani hierher strafversetzte«, sagte sie. »Und sind wir ehrlich: Es ist eine Strafversetzung. Wir sind ein ziemlich bunter Haufen nicht unbedingt fähiger Mörder; denken wir nur an Valdimar, und M‘raaj-Dar macht auch nicht sonderlich viel her. Skyrim selbst ist auch nicht gerade das gastlichste Land. Du hast bis auf die Jerall-Berge wahrscheinlich noch nicht viel vom Land gesehen, jedoch sicher schon einiges gehört. Dann weißt du, dass Himmelsrand nicht sonderlich freundlich zu allen ist, die keine Nord sind. Und das bist du nun wirklich nicht. Du bist in der Gosse der Kaiserstadt groß geworden. Sicher hart, doch nichts im Vergleich zur Wildheit dieses Landes. Auch wenn gerade in dieser Wildheit seine Schönheit liegt.« Das letzte sagte sie in einem leicht verträumten Ton.

Dann fing sie sich rasch wieder. »Lassen wir das«, fuhr sie fort. »Du wirst hier wie gewohnt deine Ausbildung fortsetzen. Wir haben nicht so gute Möglichkeiten wie in Cheydinhal, aber Malik gibt sein bestes. Er wird dich weiter mit dem Bogen und Klingenwaffen unterrichten (sowie wahrscheinlich dem Kochen), Babette in Alchemie. Mit Magie können wir leider nicht dienen, aber da auch der Khajiit eine Affinität dazu zeigt, bin ich momentan bemüht, eine Lösung dafür zu finden; ich sorge immerhin für meine Familienmitglieder. Bis ich damit weiter gekommen bin, solltest du besser auf eigene Faust üben. Wenn du irgendwelche Daedra beschwören willst oder dich in jeglicher Form der Zerstörungsmagie erprobst, geh bitte vor die Tür und übe draußen.

Ansonsten verlasse die Zuflucht am besten nur dann, wenn es sicher ist, sprich nachts oder in Verkleidung, aber das wirst du sicher auch von Cheydinhal kennen. Es sei dir auch angeraten, dich allein nicht allzu weit zu entfernen, Wölfe und Bären sind noch eines der geringeren Übel. Spriggans sind hier auch eine ziemliche Plage, von Frostbisspinnen gar nicht zu reden, zumal man selten das Glück hat, an eine kleine zu geraten. Jedenfalls geht es mir so, vielleicht hast du ja mehr Glück. Ich an deiner Stelle würde es aber nicht austesten.«

»Ändert sich ansonsten irgendetwas für mich außer, dass ich nun andere Lehrer habe?«, fragte Lucien.

»Malik wird morgen schauen, wie gut du wirklich bist, und ich denke, dass auch Babette mit dir reden will«, sagte Hilda. »Anhand dessen beurteilen wir, wozu du taugst und was wir mit dir anfangen können. Erst dann kann ich dir sagen, ob du weiterhin unsere Familienmitglieder auf Aufträge begleiten darfst oder nicht.

Und wenn ich dir einige Ratschläge geben darf: Reize den Khajiit nicht und unterschätze erst recht nicht Babette! Aber auf beides wirst du sicher bereits selbst gekommen sein. Babette ist fast so lang bei uns, wie sie ein Vampir ist. Sie ist verteufelt schlau, wenn es darum geht, ihre Rolle auszuspielen und zu verfeinern. Und M‘raaj-Dar … Nun, du hast ihn erlebt. Ignoriere sein Verhalten am besten, dann nimmst du ihm den Wind aus den Segeln. Er hat einen Hang zu Beleidigungen, aber ich denke nicht, dass er sie wirklich oft auch so meint, wie er sie sagt.

Nun, mir ist es jedenfalls so lange gleich, wie kein Streit angefangen wird. Ich mag eine Frau sein, aber ich kann hart durchgreifen, wenn es sein muss!«

»Ihr seid die Leiterin der Zuflucht«, stellte er klar. »Damit seid Ihr hier die beste.«

Das schien ihr zu gefallen, denn sie plusterte sich ein wenig auf. »Exakt so, mein Junge!« Dann kam sie jedoch rasch wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. »Wie wahrscheinlich auch in Cheydinhal wirst du dein eigenes Bett und eine Truhe für deine persönlichen Gegenstände erhalten. Was nicht viele sind, wie ich sehe. Aber sei’s drum. Wir haben ansonsten auch noch einige Garnituren in verschiedenen Größen und für die verschiedenen Witterungslagen des Landes. So lange du sie immer nach Gebrauch zurücklegst, kannst du dir jederzeit davon nehmen. Und wenn du sie gewaschen hast, versteht sich. Ich putze ganz bestimmt nicht euch allen hinterher! Schlimm genug, dass Valdimar nicht versteht, wozu ein Besen gut ist …«

Anscheinend war dies alles für’s Erste. Hilda entließ ihn, sodass er sich nun auf eigene Faust in der Zuflucht umsehen konnte. Grob war ihm zwar bereits alles gezeigt worden, aber er wollte sich nun die Zeit nehmen, um sich etwas in Ruhe umzusehen und sich mit seinem neuen Heim vertraut zu machen. So wirklich warm war er damit noch nicht geworden, zumal ihn die Anwesenheit der Nord irgendwie nervös machte. Und erst Hilda! Sie gab sich wie ein Mensch und doch war etwas in ihrem Gebaren, das stets an den Wolf in ihr erinnerte. Sie hatte Recht, wenn sie andeutete, dass sie nicht umsonst Leiterin dieser Zuflucht geworden war, und das konnte nur bedeuten, dass sie eine besonders gefährliche Assassine war. Axt und Wolf, das war wahrlich eine kampfstarke Mischung, der man sich nicht in den Weg stellen wollte. Sie verstand die Dinge anzupacken und durchzusetzen, auch gegen eine Gruppe sturer Nordmänner. Und dabei schwang sie ganz gewiss nicht das Nudelholz.

Eine Weile wanderte Lucien durch die Zuflucht und blieb schließlich im Gemeinschafstraum hängen. Dieser befand sich etwas oberhalb des Wasserbeckens. Ein großes rundes Glasfenster war hier eingebracht und zeigte nach draußen in die Haupthöhle. Das Fenster selbst war mit Buntglas angefüllt und zeigte das Gesicht ihres Fürchterlichen Vaters Sithis. Ob ihm hier gelegentlich gehuldigt wurde? Mehrere Bänke und ein Rednerpult standen hier, welche diese Vermutung zuließen. Das wäre Lucien jedoch neu, da er solch eine Art der Verehrung Sithis‘ nicht aus Cheydinhal kannte. Dort hatte es immer nur geheißen, dass sie zu Ehren Sithis‘ mordeten.

Er bemerkte Vicente erst, als dieser neben ihn getreten war. Lautlos hatte sich der Vampir genähert.

»Diese Zuflucht ist alt, eine der ältesten, heißt es«, sagte er.

Lucien zuckte erschrocken zusammen, doch Vicente schien sich daran nicht zu stören.

»Angeblich waren hier früher Blutopfer dargebracht worden, aber diese Praxis ist nicht mehr gängig«, fuhr er fort. »Wobei ich mir schon manchmal einen Folterkeller wünsche. Manche Zufluchten haben das. Was für ein Spaß das wäre!«

»Einfach so irgendwelche Leute foltern?«, fragte Lucien nach.

»Natürlich«, versicherte sein Mentor ihm. »Es macht sogar sehr viel Spaß, einfach so, aus reinem Vergnügen heraus Leuten Schmerzen zuzufügen. Ohnehin sollte man gelegentlich, wenn gerade die Aufträge etwas knapp sind, einfach so auf die Straßen Tamriels gehen und den erstbesten Wanderer töten. Übung macht den Meister. Merk dir diese Worte, Stift.«

Der Junge nickte. Er war unter Mördern, natürlich mordeten sie auch rein zum Vergnügen und nicht nur, um Sithis zu huldigen. Warum hatte er also erst bei Vicentes Worten gestutzt? Dieser war zudem ein Vampir, und Vampire waren dazu geschaffen zu töten, sie waren die geborenen Jäger, ausgestattet mit übermenschlicher Intelligenz Stärke und Geschicklichkeit.

»Auch die kleinen Dinge im Leben helfen«, betonte Vicente noch einmal. »Wenn du dich in Skyrim eingelebt hast, solltest du wirklich öfters auf die Straßen gehen und den erstbesten Wanderer abstechen, der dir begegnet.«

Das brachte den angehenden Mördern jedoch auf einen anderen Gedanken. »Ihr geht bald wieder, oder?«

»Ja, morgen Abend«, sagte Valtieri. Weil er anscheinend spürte, wie geknickt der Junge war, fügte er noch an: »Und soll ich dir ein kleines Geheimnis anvertrauen, Stift? Ich werde dich vermissen. Stell keine Dummheiten an und mache der Bruderschaft Ehre. Wir sehen uns bestimmt in ein paar Jahren wieder, und du wirst feststellen, dass das keine allzu lange Zeit ist. Für dich nicht, und für einen Vampir erst recht nicht. Du wirst hier neue Freunde finden und ein komplett neues Land kennenlernen! Findest du das nicht aufregend? Überhaupt finde ich, dass du noch viel zu wenig in der Welt herumgekommen bist. Es gibt so viel zu entdecken dort draußen, so viele Abenteuer, die auf dich warten, und unheimlich viele Schätze, die gefunden werden wollen. Sei auch einmal ein ganz normaler, kleiner Junge und nicht immer nur ein Mörder der Dunklen Bruderschaft.«

Die letzten Worte erstaunten Lucien in der Tat sehr. Bis jetzt hatte noch nie jemand ihn mit so etwas konfrontiert. Immer waren alle darauf bedacht, seine Ausbildung bestmöglich voranzutreiben. Dennoch lächelte er dankbar. Mit einem Male fühlte er sich sehr mit Vicente verbunden.

»Das mache ich. Versprochen«, sagte er.

»Dann bin ich beruhigt.« Valtieri lächelte und fuhr mit der Hand durch das dunkle Haar des Jungen, um es ein wenig in Unordnung zu bringen. »Und wenn wir uns wieder sehen, bist du groß und stark geworden.«

»Ihr nennt mich dann bestimmt immer noch Stift!«, brauste der Junge auf, wenn auch nur gespielt.

»Natürlich! Daran wird sich auch nie mehr etwas ändern, weil du einfach ein Stift bist«, stellte sein Gegenüber klar. »So etwas bleibt haften.

Aber nun genug Geschwätz. Es ist spät und dir steht morgen viel bevor. Ab ins Bett!«

»Ich bin groß, ich muss nicht wie ein Baby ins Bett geschickt werden!«, protestierte Lucien. Klischeehafterweise musste er jedoch ein Gähnen unterdrücken.

Dennoch hatte Vicente Recht. Er sollte schlafen gehen und seine Kräfte für die kommenden Tage sammeln.

Eines der Betten in den Wohnbereichen war frisch aufgezogen. Wahrscheinlich war dies für ihn bestimmt. Sicherheitshalber fragte er zwar noch einmal Hjortkar (und stellte für sich im Stillen fest, dass der Mann mit der feuerroten Mähne einen furchtbaren Namen hatte), doch dieser bestätigte ihn. Lucien entkleidete sich, schlüpfte unter das Baumwolllaken und war trotz des ereignisreichen Tages recht bald eingeschlafen.

Nun hatte er erneut ein neues Zuhause.

Von Köchen und Gehilfen

Luciens Träume waren wirr, auch wenn er sich nach dem Aufwachen nicht mehr an sie erinnern konnte. Sie verblassten rasch, hinterließen jedoch einen fahlen Nachgeschmack. Verschlafen blinzelte er und wusste im ersten Moment nicht, warum alles um ihn herum so anders aussah, roch und klang. Es dauerte einige Momente, bis die Erkenntnis durch sein noch schlaftrunkenes Hirn gesickert war, dass er nicht mehr zu Hause in Cheydinhal war. Sein Zuhause war jetzt Falkenring in Skyrim. Ein plötzlicher Anflug von Heimweh und Einsamkeit befiel ihn, ehe er ihn niederringen konnte. Er war kein kleines Kind, das die Obhut der Eltern daheim brauchte!

Der süßlich-säuerliche Geruch von Met stieg ihm in die Nase, und unwirsch verzog er das Gesicht. Wo kam so viel davon her, dass es so stark roch? In seine Decke gewickelt stand er auf und schlüpfte in seine Stiefel. Lange brauchte er jedoch nicht zu suchen.

»Halbe Portion, komm mal her«, hörte er Valdimars brummende Stimme. Der Nord saß nahebei an einem Tisch und schien darauf gewartet zu haben, dass er aufwachte. »Ich hab was für dich, ein Willkommensgeschenk. Kam leider gestern nicht mehr dazu, Hjortkar wollte unbedingt dieses dämliche Spiel spielen.«

Etwas skeptisch näherte sich Lucien. Valdimar schob ihm einen Krug zu, von dem der Geruch des Mets ausging. »Für dich. Eine besondere Variante des Honigbräu-Mets. Der beste, den es gibt! Nur für dich.« Der Nord präsentierte durch seinen rabenschwarzen Rauschebart ein zahnlückiges Lächeln.

»Danke«, nuschelte Lucien in Ermangelung einer passenden Erwiderung. Etwas zaghaft griff er nach dem Met und stellte fest, dass der Krug, der in Valdimars riesigen Händen völlig normal gewirkt hatte, für ihn kaum zu heben war. Mehr schlecht als recht die Decke um sich geschlungen griff er mit beiden Händen danach und hatte selbst dann noch Probleme, den Krug zu heben. Möglichst vorsichtig kostete er von dem Met.

Er schmeckte, wie er roch, und war definitiv kein Getränk für den frühen Morgen und auf leeren Magen. Lucien verzog das Gesicht und war versucht, das Getränk wieder auszuspucken. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass das Valdimar mit Sicherheit enttäuschen würde. Also rang er sich zu einem Lächeln durch. »Sehr … nett«, sagte er. »Aber ich glaube, ich esse lieber erst etwas.«

Der riesige Nord strahlte über das ganze Gesicht. »Nimm das hier!«, sagte er und schob ihm sogleich ein Gebäck nach. »Honigkuchen. Nichts ist besser zu Met!«

Das klang schon eher nach Luciens Geschmack. Dankend nahm er auch dieses Geschenk an und kostete davon. Und dieses Mal war er wahrlich positiv überrascht. Das Gebäck war süß vom Honig und klebte an den Fingern. Tsonashap würde ihm wahrscheinlich dafür den Kopf abreißen, dass er mit einem solchen Hochgenuss die Nascherei verzehrte, doch der Nord hatte ihm lediglich eine Freude machen wollen, und das war es wert, hin und wieder eine kleine kulinarische Sünde zu begehen.

»Das ist total lecker!«, nuschelte er mit vollem Mund, während er vergeblich versuchte, den Honig von seinem Mund und seinen Fingern abzulecken.

»Selbstgemacht«, verkündete Valdimar voller Stolz. »Das kann ich sogar besser als Malik, und der kann eigentlich alles. Hat mir meine Mama beigebracht.«

Irgendwie war Valdimar ein höchst liebenswerter Geselle trotz (oder gerade wegen) seines Erscheinungsbildes. Wahrscheinlich konnte er zu einem wilden Berserker werden, ansonsten wäre er nicht bei der Bruderschaft, doch momentan war das für den Jungen nur schwer vorstellbar.

Er verabschiedete sich von dem sanften Riesen, nachdem er dessen geschenktes Frühstück verzehrt hatte. Er wagte sogar noch einige Schlucke mehr von dem Met, jetzt, wo sein Magen gefüllt war. Dann machte er sich auf die Suche nach Malik und Babette. Sicher waren sie es, die ihn heute am ehesten sprechen wollten. Er fand die beiden im Speiseraum, wo Malik, wie wahrscheinlich immer, am Kochen war.

»Ihr müsst das Essen mit Tollkirsche und Todesglocke verfeinern«, warf Babette in diesem Moment ein. »Ansonsten macht das ganze doch keinen Spaß!«

»Ich will aber nicht ständig Leute mit meinem Essen meucheln«, hielt der Rothwardone dagegen. »Ah, seht da. Unser neuer Schützling. Komm her, Lucien, das passt wunderbar! Willst du meine neueste Kreation versuchen? Süßrolle mit Karotte.«

Langsam hatte Lucien das Gefühl, dass hier jeder bestrebt war, ihn mit Essen vollzustopfen. »Valdimar hatte mir schon sein Honiggebäck aufgeschwatzt«, sagte er daher. »Ich denke, das ist an Nascherei erst einmal genug. Aber danke dafür!«

Malik seufzte. »Herrje, nicht einmal du weißt meine Kochkünste zu schätzen!«, kommentierte er. »Babette war seit jeher ein hoffnungsloser Fall, aber ich hatte gehofft, dass du besser bist. Aber lassen wir das. Setz dich.«

Die drei setzten sich an den Tisch. Babette nahm sich eine Weinflasche und einen Kelch und goss sich ein. Lucien war es mittlerweile von Vicente gewohnt und wusste daher, dass kein Wein enthalten war. Malik hingegen gönne sich zum Frühstück ein erstaunlich schlichtes Essen aus Brot, Käse, etwas Wurst und Wasser.

»Immerhin hast du schon gegessen«, sagte Babette nun, nachdem sie einige Schlucke getrunken hatte. »Wahrscheinlich wird das auch für den ganzen Tag vorreichen. Du willst nicht wissen, was Valdimar alles hineinmischt … Aber ich nehme an, du weißt, was wir heute mit dir vorhaben.«

Lucien nickte. »Ihr wollt sehen, wie gut ich bereits bin«, sagte er.

»Taten sagen mehr als Worte«, rezitierte Malik die Zufluchtsleiterin. »Sie ist da sehr pedantisch und will immer am liebsten alles selbst machen.«

»Also werden wir dich heute auf Herz und Nieren testen«, sagte Babette. »Ich werde den Anfang machen, damit Malik dich erst nachher in Ruhe malträtieren kann.«

»Ich werde mich ganz gewiss anstrengen«, versprach der Junge eifrig.

»Das wird sich zeigen«, blieb die Vampirin skeptisch.

Nachdem die beiden Assassinen ihr Frühstück beendet hatten, begab sich Lucien mit Babette in deren Alchemielabor. Er war erstaunt über ihre hervorragende Ausrüstung, nicht einmal Caelwen war so gut ausgestattet gewesen. Zahlreiche Destillierkolben und Retorten standen hier, sowie Mörser und Stößel in den verschiedensten Ausführungen und zahlreiche Ingredienzien und Phiolen. In einem der vielen Regale standen dutzende Bücher, deren Titel beim Überfliegen alle alchemistische Themen andeuteten.

»Fangen wir an«, sagte Babette. »Erst die Grundlagen. Misch mir einen einfachen Heiltrank.«

Rasch und sicher wählte Lucien die Zutaten aus, verarbeitete sie und mischte sie mit der richtigen Menge Wasser. Nach nur wenigen Minuten war er damit fertig und reichte das Ergebnis der Vampirin. Diese nahm die Phiole entgegen und begutachtete sie eingehend, schwenkte sie hin und her, roch daran und kostete schließlich auch davon. Zufriedenheit breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

»Sehr gut!«, lobte sie. »Wenn auch noch nicht perfekt, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Dennoch, für den Anfang nicht übel. Jetzt will ich einen einfachen Gifttrank sehen, mit dem ich meine Waffen behandeln kann.«

Auch das war keine allzu schwere Übung für Lucien. Gifte mochte er ohnehin weitaus mehr als heilende Tränke.

Wieder war Babette mit dem Ergebnis höchst zufrieden. Dieses Mal musste jedoch eine vorbeihuschende Ratte als Versuchsobjekt herhalten. Nachdem sie ihre ersten Untersuchungen des Ergebnisses abgeschlossen hatte, schnappte sie sich das Tier und zwang es, den Trank zu sich zu nehmen. Das Tier fiepte ängstlich, als wüsste es, was da auf es zu kam. Doch es blieb ihm keine Wahl. Nachdem einige Tropfen in das kleine Maul gefallen waren, wurde das Fiepen zu einem schrillen Kreischen. Das Tier wand sich in Babettes Griff, begann zu zucken und verendete bald darauf mit Schaum vor dem Maul.

»Ich bin beeindruckt!«, sagte Babette, während sie die tote Ratte begutachtete. »Das würde ich schon nicht mehr nur als das Werk eines Lehrlings bezeichnen. Ich sehe, da liegen eindeutig deine Stärken. Aber machen wir weiter, du bist noch lange nicht fertig.«

Und so ging es nun für einige Stunden weiter. Babette hieß Lucien, die verschiedensten Tränke zuzubereiten, und wurde dabei immer anspruchsvoller. Nebst Tränken für Lebensenergie, Mana und Ausdauer sollte er zahlreiche Tränke zubereiten, die verschiedenste Eigenschaften stärkten wie den Mut oder die Kraft, aber auch dutzende Gifte mit den verschiedensten Wirkungsbildern. Lucien merkte zwar, dass er schon einiges wusste, doch anhand dessen, was Babette von ihm forderte, erkannte er, dass es noch so viel mehr zu lernen gab. Wann er all das wohl meistern würde? Es gab so viel, das er noch nicht wusste, so viel zu beachten und zu wissen. Für nahezu alles schien es einen Trank zu geben.

Sie entließ ihn erst, als sein Magen vernehmlich knurrte.

»Das ist genug, denke ich«, sagte sie. »Ich weiß jetzt in etwa, was du bereits kannst und was du noch lernen wirst.«

»War ich gut?«, wollte Lucien wissen.

»Besser, als erwartet, um ehrlich zu sein«, räumte Babette ein. »Du bist auf dem besten Wege, kein Lehrling mehr zu sein. Du weißt bereits viel, vor allem von den Grundlagen, die du sehr sicher beherrscht. Gifte liegen dir am meisten, doch auch stärkende Tränke beherrschst du ganz gut. Damit kann man arbeiten, denke ich.«

Lucien konnte ein zufriedenes Grinsen nicht unterdrücken. Das Lob baute ihn auf und stärkte ihm den Rücken.

»Geh jetzt und such dir etwas zu essen«, sagte Babette. »Danach melde dich bei Malik.«

Eilig kam Lucien dem nach. Sein Magen knurrte wirklich laut und er hatte Hunger. Das ganze Brauen und Nachdenken hatte ihn geistig recht angestrengt und er wollte gestärkt in Maliks Unterricht gehen.

Rasch war etwas zu essen im Speiseraum gefunden. Hastig schlang er es herunter, spülte mit einem Becher Wasser nach und beeilte sich, dass er zu dem Rothwardonen kam. Er wartete sicher bereits auf ihn, nachdem Babette ihn so lange in Beschlag genommen hatte.

Er traf Malik in der Haupthöhle an. Dieser hatte bereits mehrere Übungswaffen bereitgelegt und den Übungsgrund bereitet. In der Tat wirkte er bereits etwas ungeduldig, als Lucien endlich eintraf.

»Babette hatte dich wirklich lange in Anspruch genommen«, sagte der dunkelhäutige Mann. »Nun, dafür kannst du nichts, aber das nimmt mir etwas die Zeit. Was soll’s, machen wir das Beste daraus. Nimm dir von diesen da deine Lieblingswaffe und nimm die Grundkampfhaltung ein.«

Lucien wählte einen Dolch und tat, wie ihm geheißen.

»Interessante Wahl«, kommentierte Malik und besah sich den Jungen genau. »Deine Haltung ist auch sehr gut, kaum Mängel und sicher. Warum hast du den Dolch genommen?«

»Ich bin am vertrautesten mit ihm«, antwortete Lucien sogleich. »Noch bevor ich zur Bruderschaft kam, hatte ich einen Dolch gefunden. Er hatte es mir ermöglicht, ein Teil der Familie zu werden.«

»Also eher emotionale Werte.« Der Rothwardone nickte. »Nimm das Kurzschwert da und gehe wieder in Haltung.«

Auch dem kam Lucien nach.

»Aha«, machte Malik. »Dachte ich es mir doch fast. Das passt besser zu dir. Und jetzt der Bogen.«

Nachdem Lucien auch dem nachgekommen war, nickte der Rothwardone wieder. »Du meinst zwar, dass der Dolch am besten zu dir passt, aber ich denke, dass es viel mehr das Kurzschwert ist, das dir am ehesten liegt. Mit Bogen und Dolch machst du aber eine fast ebenso gute Haltung. Jetzt lass uns sehen, wie du mit den Waffen kämpfst.«

Malik griff zu einem Langschwert und hieß Lucien, ihn anzugreifen. Wie Tsonashap ihm geheißen hatte, griff er stets auch seine Lehrer in der vollen Absicht an, sie zu verletzen. Anfangs hatte er dies bei Tsonashap etwas zurückhaltender gemacht, doch mittlerweile wusste er, dass er immer mit vollem Einsatz dabei sein musste, um besser zu werden. Er konnte seine Lehrer nicht verletzen, da sie ohnehin weitaus besser waren als er, aber er musste es versuchen. Und irgendwann würde es auch klappen.

Lucien spielte sein ganzes Geschick aus, da er ahnte, dass es bei den Übungskämpfen genau darauf ankam, die Malik nun mit ihm abhielt. Sie probierten die verschiedensten Waffen durch, Klingenwaffen wie stumpfe, ein- und zweihändige. Schließlich vollführten sie auch diverse Übungen mit dem Bogen.

Nach gut anderthalb Stunden hielt Malik eine Pause ab. Während dem Jungen der Schweiß in Strömen hinab lief, schien der Assassine kaum außer Atem zu sein. Dennoch hielt sich Lucien weiterhin tapfer auf den Beinen. Er war von seinen Lehrern in Cheydinhal noch weitaus härtere Übungsstunden gewohnt.

»Lass mich zusammenfassen«, sagte Malik. »Kurze Klingenwaffen sind wirklich dein Spezialgebiet. Auch mit dem Bogen bist du bereits nicht zu verachten. Ich würde es zwar nicht empfehlen, dass du dich bereits in einen ernsthaften Kampf stürzt, bei dem du nicht genügend Deckung von erfahreneren Kämpfern hast, aber du bist in der Lage, dich deiner Haut zu erwehren. Andere Waffen wie längere Schwerter, Äxte und Hämmer beherrscht du jedoch nur grundlegend. Du weißt sie zu führen, jedoch nicht wirklich zu einem nennenswerten Vorteil. Du bist eher der huschende, wendige Kämpfer, der aus dem Verborgenen heraus angreift und den offenen Kampf vermeidet.«

Nachdem die Praxis vorbei war, setzten sie sich auf den Boden und Malik begann, den Jungen zu diversen Themen auszufragen. Er wollte wissen, wie Lucien bei verschiedenen Gegnertypen vorgehen würde, erschuf dutzende imaginäre Situationen und Aufträge und ließ jedes Mal den Neuling minutiös durchgehen, wie dieser an die ihm gestellten Aufgaben herangehen würde.

Fragen zu Waffen und Rüstungen folgten. Malik wollte wissen, wie Lucien an die Pflege seiner Ausrüstung heranging, wie sich diese änderte, besäße er Ausrüstung anderer Art. Auch wollte er die Schwachpunkte und Stärken von Waffen und Rüstungen wissen und fragte den Jungen auch dazu aus.

So gut und gewissenhaft wie möglich gab Lucien wieder, was er wusste. Er wollte auch hier mit seinem Wissen und Können glänzen und sich möglichst am ersten Tag bereits heraustun. Hilda sagte zwar, dass es ihr egal war, warum er hier war, aber er hatte dennoch das Gefühl, dass sein Verfehlen kurz vor Leyawiin auch hier noch über ihm schwebte und ihn wie ein ungewollter Schatten verfolgte. Er wollte seinen Fehler so schnell wie möglich vergessen machen und zeigen, dass er dennoch zu einem fähigen Assassinen der Bruderschaft taugte.

Malik kommentierte seine Antworten nicht. Er saß lediglich da, hörte zu und nickte nichtssagend. Er gab kein Anzeichen dafür, ob Luciens Antworten nun richtig waren oder nicht oder ob er sich vielleicht gar gänzlich blamierte.

»Nehmen wir folgende Situation an, die letzte für heute«, sagte Malik, nachdem sie auch das bereits eine ganze Weile gemacht hatten. »Du siehst dich einem wütenden Mob gegenüber, beispielsweise, weil du aus welchen Gründen auch immer gerade entdeckt wurdest. Dieser Mob besteht aus mit Mistgabeln bewaffneten Bauern und einigen Soldaten der Legion. Wie gehst du vor?«

»Wie sieht die Umgebung aus?«, stellte Lucien die Gegenfrage.

Wieder nickte Malik nur. »Du befindest dich in einem Dorf, ringsum sind Felder, jedoch stehen auch einige Bäume nahe des Dorfes. Das Dorf selbst ist ein ganz gewöhnliches: ein paar Bauernhütten, diverse Scheunen und naheliegende Tierweiden. Die Soldaten sind dort lediglich auf der Durchreise und haben in der örtlichen Taverne Rast gemacht.«

»Ich fliehe«, sagte Lucien sogleich. »Jedoch nicht geradewegs über die offenen Felder. Dort kann ich ihnen nicht lange genug entkommen. Ich suche mir einen verworrenen Weg durch das Dorf und schaue dabei nach einem geeigneten Versteck, wahlweise wahrscheinlich in irgendeiner Scheune oder einem Heuhaufen. Irgendwo, wo sie lange suchen müssen, bis sie mich gefunden haben.«

»Ha!«, rief der Rothwardone aus. »Kluge Antwort. Ich hätte ehrlich gesagt damit gerechnet, dass du dich dem Kampf stellen wirst; den Eindruck hattest du bisher auf mich gemacht. Aber du bist ein cleveres Bürschchen, Kleiner.«

In dem Moment näherten sich Stimmen. Hilda und Vicente kamen aus Richtung der Wohnquartiere und betraten die Haupthöhle. Als sie der beiden gewahr wurden, hielten sie in ihrem Gespräch inne und wandten sich ihnen zu.

»Lucien, es ist Abend und Valtieri will damit wieder nach Cyrodiil aufbrechen«, sagte Hilda. »Ich denke, du möchtest dich vorher noch von ihm verabschieden. Du wurdest genug von Babette und Malik geschunden, Schluss damit für heute. Ich will mit den beiden jetzt über deine Ergebnisse sprechen.«

Malik begab sich zu Hilda und verschwand mit ihr, wahrscheinlich auf der Suche nach Babette. Derweil trat Vicente an Lucien heran, welcher die Schultern hängen ließ.

»Bist du traurig, weil ich gehe?«, fragte der Vampir.

Der Junge nickte und kaute auf seiner Lippe herum. Es war ihm peinlich, dass er Tränen unterdrücken musste und er wollte nicht vor seinem Mentor anfangen zu weinen. Er wollte ihn nicht entehren!

»Es ist doch nicht für immer«, sagte Vicente, legte seinem Schützling eine Hand auf die Schulter und ging vor ihm in die Hocke, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. »Sehe ich da Tränen in deinen Augen?«

Tapfer schüttelte Lucien den Kopf. »Nein, überhaupt nicht!«, versicherte er.

Vicente hob eine Augenbraue, lächelte aber. »Wenn du meinst«, sagte er. »Doch ich muss jetzt wirklich gehen. Der Weg ist weit und unsere Zuflucht braucht mich. Ich passe auf, dass alles beim Alten bleibt, bist du wieder kommst, versprochen. Und du bist schön brav und gibst dir Mühe beim Lernen, auch versprochen?«

»Versprochen!«, rief Lucien sogleich aus. »Ich werde der beste Assassine, den die Bruderschaft je gesehen hat!«

Vicente lachte und brachte wieder einmal Luciens Haar durcheinander. »Das will ich sehen«, sagte er, während er sich wieder erhob. »Begleitest du mich noch bis zum Ausgang?«

Freilich tat Lucien das. Ihm ging mit einem Male etwas auf. Vicente ging und hinterließ damit in ihm eine größere Leere, als der Abschied vom Rest seiner Familie in Cheydinhal. Der Vampir war ihm sehr ans Herz gewachsen, so sehr, dass er vielleicht zu etwas wie einem Vaterersatz für ihn geworden war.

Und ausgerechnet jetzt, wo er diese Erkenntnis gewonnen hatte, wurde er alleine gelassen. Das schnitt tiefer als jede Entehrung, die ihm sonst durch die Schwarze Hand oder andere Mitglieder der Bruderschaft hätte widerfahren können. Er würde ganz gewiss nie wieder gegen die Gebote verstoßen.

Beim Ausgang angekommen, kniete sich Vicente noch einmal vor dem Jungen nieder und sah ihm fest in die Augen. »Ich bin stolz auf dich«, sagte er. »Du magst deine Fehler haben, aber gerade das macht dich so einzigartig. Du bist ein würdiges Mitglied der Familie und wirst es noch weit bringen, Stift.«

In einer letzten Geste des Abschieds fuhr er mit der Hand durch Luciens Haar und brachte es in Unordnung. Kurz zögerte er, als wollte er noch etwas hinzufügen, doch beließ er es dabei. Schließlich schenkte er ihm ein letztes Lächeln.

 »Bis bald«, sagte Vicente und ließ dem Jungen keine Zeit für eine Erwiderung. Dann war er in die Nacht entschwunden.

 

Lucien war erstaunt darüber, dass ihm hier so viel Freizeit vergönnt war. Sicher würde sich das bald ändern, doch noch hatte niemand ihm einen genauen Zeitplan auferlegt, anders als in Cheydinhal. Nachdem Vicente gegangen war, war er dazu übergegangen, noch ein wenig seine Zauberei zu üben. Doch der Tag war lang und anstrengend gewesen und so blieb es nur bei einigen halbherzigen Versuchen. Lucien begab sich alsbald darauf zu Bett und schlief so lange, bis er von selbst erwachte.

Erholt und erfrischt stand er auf und suchte sich etwas zu Essen. Hilda hatte am Vorabend erwähnt, dass sie noch mit Babette und Malik über Luciens Fertigkeiten, die er bereits erlangt hatte, reden wollte. Was dabei wohl herausgekommen war?

Er sollte es bald erfahren, als kurz darauf die Zufluchtsleiterin ihn zu sich in ihre privaten Gemächer rufen ließ.

»Ihr wolltet mich sprechen, Herrin?«, begrüßte er sie.

»Babette und Malik haben mir erzählt, zu was du bereits fähig bist«, sagte sie. »Ich bin positiv überrascht. Ich hatte einen Dorftrampel erwartet, der kaum ein Messer halten kann und auch sonst nichts weiß, aber das bist du ganz offensichtlich doch nicht. Ganz ehrlich: Würdest du mehr Erfahrung besitzen, ich würde nicht zögern, dich bereits jetzt zum Schlächter zu befördern.«

Lucien glaubte, sich verhört zu haben. »Wirklich?!«, rief er aus. »Das würdet Ihr tun?« Er war baff. Mit einer Beförderung hätte er frühestens in einigen Monaten bis Jahren gerechnet.

»Natürlich noch nicht jetzt, das muss warten«, sagte sie. »Wie gesagt, dir mangelt es noch signifikant an praktischer Erfahrung. Und genau die sollst du erlangen. Du bekommst noch keine eigenen Aufträge, sondern wirst unsere Familienmitglieder vorerst auf ihren Aufträgen begleiten. Wie du es bereits einmal tatest, du solltest es also kennen. Folge ihnen, halte Augen und Ohren offen, tu, was sie dir sagen, und lerne. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Ich … Ich, ähm … Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was ich sagen soll«, stammelte Lucien einen nichtssagenden Dank zurecht.

»Ha, da bleibt dir die Luft weg, was?«, kommentierte Hilda breit grinsend. »Und weißt du, was das Beste daran ist? Ich habe bereits einen Auftrag für dich!«

Der Junge machte große Augen. »Worum geht es?«

»Du wirst bei uns nicht umhin kommen, das Kochen entweder zu hassen oder zu lieben«, sagte sie. »Malik sei es gedankt. Der Mann hätte besser Koch statt Assassine werden sollen. Nun, jedenfalls will unser Kunde eine Feier in Festung Unterstein ein wenig … würzen.« Sie lachte über ihren eigenen Witz. »Er will, dass wir das Essen vergiften, und wer wäre da besser geeignet als Babette und Malik? Malik wird kochen und Babette dem Essen das gewisse Etwas verleihen, wenn du verstehst. Du und der Vampir werdet die Gehilfen sein, während der Meisterkoch seine Arbeit tut. Das klingt lustig, oder?«

Lucien beeilte sich zu nicken. Der Auftrag klang in der Tat sehr interessant. »Ich danke für das Vertrauen, das mir gegeben wird«, sagte er.

»Spar dir deine Floskeln, ich will Taten sehen«, wimmelte Hilda ihn ab» „Und jetzt geh und pack deine Sachen, denn ihr brecht noch heute auf.«

Die Trauer über Vicentes Abschied war für einen Moment völlig vergessen und wich der Aufregung ob des neuen Auftrages. Lucien machte, dass er davon kam und eiligst seine Sachen packte.

»Da ist jemand aber sehr übereifrig«, kommentierte Babette, als sie ihn in den Wohnquartieren fand, wie er eiligst seine wenige Habe in einen Reisesack stopfte.

Das Vampirmädchen setzte sich auf sein Bett. »Du brauchst ehrlich gesagt nicht viel«, sagte sie. »Nur ein wenig Grundausrüstung. Wir erwarten keinen Kampf, und wenn es doch zu einem kommen sollte, rennen wir. Alles andere machen schon Malik und ich. Du schaust nur zu und assistierst uns. Wir haben dafür bereits alles Nötige.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich so bald wieder an einem Auftrag teilhaben darf, nachdem ich den letzten so sehr vermasselt habe«, plapperte Lucien darauf los. »Das ist toll! Eine wirklich große Ehre!«

»Das kann ich verstehen«, sagte Babette. »Ich war anfangs auch so wie du. Alles war neu und toll und ich wollte unbedingt zeigen, was ich alles kann. Das ist gut so. So lange du es nicht übertreibst, bringt dich genau diese Einstellung weit. Vicente meinte, dass du großes Potenzial besitzt, und wir nur deine Schwächen in die richtigen Bahnen lenken müssen. Ehrlich gesagt freue ich mich daher auch, dich so ein wenig näher kennen zu lernen.«

»Wann brechen wir auf?«, wollte er wissen. Der Tatendrang brannte in ihm und er wollte endlich aktiv werden.

»Du scheinst fertig zu sein«, sagte Babette. »Das ist gut, denn ich wollte ohnehin nach dir sehen. Malik und ich können jederzeit aufbrechen. Da du nun auch bereit bist, heißt das, dass wir jetzt gehen können.«

Sogleich war der Junge aufgesprungen und hatte sich sein Gepäck über die Schulter geworfen. Babette reichte ihm ein weiteres kleines Bündel.

»Du solltest dich warm anziehen«, sagte sie. »Wirf dir einige Felle über. Außerdem sind hier drin diverse Kleidungsstücke, die du anlegen solltest, sobald wir Markarth erreichen. Schließlich wollen wir glaubhafte Gehilfen abgeben.« Sie lächelte boshaft. »Das wird ein Kinderspiel!«

Lucien packte auch das in sein Bündel und ging sodann mit Babette. In dieser Zuflucht war es anscheinend nicht üblich, dass ein großes Trara darum gemacht wurde, wenn eines der Familienmitglieder die Zuflucht für einen Auftrag verließ. Hjortkar und Valdimar sagten ihnen lediglich im Vorbeigehen Lebewohl und wünschten ihnen viel Glück und Erfolg. Hilda trat gar nicht erst aus ihrem Gemach, sondern widmete sich ganz irgendeinem Buch, das vor ihr lag.

Der Tag war bereits angebrochen, doch ein graues Zwielicht lag über allem. Über Nacht war Regen aufgekommen, und nun war es diesig und feucht, während der Regen leise durch die Bäume plätscherte. Ansonsten war alles still, selbst die Tiere des Waldes schwiegen und suchten Deckung vor der Nässe.

»Das kann so noch für Stunden, wenn nicht gar Tage gehen«, seufzte Malik. »Manchmal frage ich mich, warum ich die weiten Sandlandschaften der Alik’r Wüste verlassen habe.«

»Es ist doch bezaubernd hier!«, hielt Babette fröhlich dagegen. »All die Blumen und Tiere und die gruseligen Ruinen der alten Nord! Ist das nicht toll? Sand ist langweilig, aber Skyrim hat viele Gesichter!«

»Die hat Hammerfell auch«, betonte Malik.

Ihre Diskussion ging noch weiter, doch Lucien hörte nur mit halbem Ohr hin. Er beobachtete lieber die Landschaft und wollte sicher gehen, dass er jede Gefahr schon im Voraus bemerkte. Schließlich wollte er auch im Feld zeigen, was er alles konnte. (Obgleich er bezweifelte, dass seine Sinne mit denen von Babette mithalten konnten, selbst, wenn sie abgelenkt war mit einem Gespräch.)

Ihm gefiel Falkenring, wahrscheinlich deswegen, weil es ihn an seine Heimat erinnerte. Das Fürstentum war überwiegend bewaldet und nicht allzu steil und bergig. Einige Bergrücken zogen sich zwar durch die Landschaft, doch im Vergleich zu den Jerall-Bergen waren sie winzig.

Skyrim war im Westen, Süden und Osten von Gebirgen begrenzt und an den Nordküsten grenzte die Geistersee an. Schreckliche Kreaturen sollten in den Tiefen des Eismeeres lauern, hieß es, aber Lucien hatte von Vicente erfahren, dass das wohl nur Ammenmärchen und Seemannsgarn waren. Dennoch: Skyrim besaß damit eine recht abgeschiedene Lage, abgegrenzt vom Rest Tamriels. Das hatte diesem Land zu einer recht außergewöhnlichen Flora und Fauna verholfen, welche nicht selten von Riesenwuchs geprägt war.

Viele der Bäume waren zwar ihren südlicher lebenden Verwandten recht ähnlich, wenn auch angepasst an das raue Klima, doch manche unter ihnen ragten hoch in den Himmel auf. Angeblich sollte es sogar Riesen und Mammute in Himmelsrand geben! Lucien wollte unbedingt einen Tundraschreiter und seine Herde von Mammuten sehen, die er hütete wie ein Schäfer seine Schafe.

Auch so gab es viel zu entdecken für denjenigen, der die Augen offen hielt. Viele unbekannte Pflanzen wuchsen entlang ihres Weges und nach jeder, die er nicht kannte, fragte er Babette. Das Vampirmädchen kannte sie alle und wusste viel zu ihnen zu erzählen, sodass der Junge eine Menge von ihr lernen konnte.

Gegen Abend verließen sie Falkenring und betraten die weiten, offenen Tundren von Weißlauf. Lucien war jedoch nur ein kurzer Blick über die Landschaft vergönnt, denn sie bogen sodann auf die Straße nach Westen und zum Reach ab.

»Das ist eine recht eigene Ecke Skyrims«, sagte Malik. »Skyrim war nicht immer nur von den Nord besiedelt, jedenfalls nicht das heutige Skyrim. Auf dem Gebiet des Reach lebten und leben noch immer jene Menschen, die sich selbst Reachmenschen nennen. Sie sehen sich als Ureinwohner Skyrims, besonders aber des Reach. Manche von ihnen verteidigen ›ihr‹ Land gegen alles und jeden, das kein Reachmensch ist, sogar mit Waffen. Sie werden langsam zu einer echten Landplage, schlimmer als Banditen. Wir müssen also aufpassen.«

An diesem Tag gingen sie jedoch nicht mehr weit. Da die Dämmerung bereits hereingebrochen war, suchten sie sich einen geeigneten Platz für ihr Nachtlager und machten dort Rast. Die Wachen wurden eingeteilt und dann begaben sie sich nach einem kalten Mahl zur Ruhe.

»Wie ist es in Markarth?“, fragte Lucien am nächsten Morgen, nachdem sie wieder aufgebrochen waren.

»Jede Stadt in Himmelsrand ist einzigartig«, sagte Babette. »Aber Markarth sticht sogar unter ihnen heraus. Die Stadt wurde von den alten Dwemer, Zwergen, erbaut, direkt in den Berg hinein. Ein Teil ist oberirdisch und wird noch heute bewohnt. Aber Festung Unterstein, der Sitz des Jarl, ist der Eingang zur eigentlichen Stadt. Diese ist heute nur noch eine Ruine, gefährlich und kaum erforscht. Kaum jemand wagt sich dort herunter, da Falmer noch immer dort hausen und die Maschinen der Dwemer funktionieren wie eh und je; sie sind beide gefährliche Wächter.«

»Was sind Falmer?«, fragte Lucien sodann.

»Kennst du die Geschichte der Dwemer und Falmer?«, wollte Babette wissen. Als der Junge verneinte, fuhr sie fort: »Die beiden Völker lebten einst in Frieden miteinander: die Falmer oder Schneeelfen auf der eisigen Oberfläche dieses Landes, die Dwemer darunter. Doch eines Tages kam eine große Katastrophe über die Falmer und zwang sie zur Flucht. Sie suchten Schutz bei ihren Verbündeten, den Dwemer, und flohen in deren unterirdische Hallen. Doch die Dwemer betrogen sie. Sie gaben den Schneeelfen giftige Pilze, die sie erblinden ließen und sie zu den degenerierten Wesen machten, die sie heute sind, und versklavten sie, um sie für sich arbeiten zu lassen. Die Dwemer jedoch verschwanden eines Tages spurlos, und niemand weiß, wohin, doch die Falmer blieben und machten sich die Heimstätten ihrer Sklavenmeister zu eigen.«

»Angeblich haben sie eine eigene Kultur«, sagte Malik, »und es gibt Magier der Magiergilde, die sich mit deren Erforschung befassen, aber wenn du mich fragst, dann sind Falmer kaum mehr als stumpfsinnige Tiere, die gerade dazu in der Lage sind, sich primitive Waffen herzustellen.«

»Aber hat dann keiner Angst, dass eine der Maschinen oder so ein Falmer nach Festung Unterstein kommt?«, wollte Lucien weiter wissen.

»Nicht wirklich«, sagte Babette. »Falmer scheuen die Oberfläche im Regelfall. Außerdem besitzen sie immer noch genug Intelligenz, um zu wissen, dass eine Stadt voller Wachen und wehrhafter Nord sehr schmerzhaft für sie enden wird. Und was die Maschinen angeht: Sie bewachen nur ihr Gebiet, nicht mehr und nicht weniger, und werden erst aufgeweckt, wenn man sie stört, was nicht passiert, wenn die Bewohner Markarths nicht weiter gehen als bis Festung Unterstein.«

Nun war Lucien nach all den Geschichten von vergessenen Völkern erst recht neugierig, endlich nach Markarth zu kommen. Er fragte noch weiter nach der Stadt und erfuhr so, dass sie das wohl am besten erhaltene Bauwerk der Dwemer war. Selten standen noch so ausgedehnte oberirdische Anlagen wie in Markarth. Der oberirdische Teil der Stadt war wohl einst die Wehranlage des Herzens eines mächtigen Reiches der Dwemer gewesen. Was wohl für Schätze so tief unter der Erde verborgen liegen mochten, fragte sich er Junge und erlaubte sich einige Träumereien über ganze Landstriche tief unter der Erde voll mit absonderlichen Pflanzen und Tieren, die im ewigen Dunkel leuchteten.

Des Weiteren war auch dieser Tage Markarth und ganz Reach von großer Bedeutung für Himmelsrand aber auch das angrenzende Hochfels. Die Berge unter dem Reach waren voller Silber, und passenderweise war es die Silberblutfamilie, die dieser Tage groß raus kam im Minengeschäft. Sie hatte beträchtlichen Reichtum und damit auch Macht angehäuft und war dabei, ihr Imperium noch weiter auszubauen.

»Das sind alles korrupte Schweine«, sagte Malik verächtlich. »Wenn auch leider sehr gute Auftraggeber; sie heuern uns des Öfteren an, um ihre Konkurrenz auszuschalten.«

»Ihr mögt sie nicht«, stellte Lucien fest.

»Wir töten Leute für Geld, ja, manchmal auch aus reinem Vergnügen, gelegentlich garniert mit Folter und Quälerei«, sagte Malik. »Aber Sklaverei und unmenschliche Arbeitsbedingungen in gefährlichen Bergwerken, das ist etwas gänzlich anderes. So sehe ich das jedenfalls. Andere aus der Zuflucht sehen das neutraler. Dennoch scheint es, dass gerade deswegen die Silberblutfamilie noch richtig groß raus kommen wird. Sie haben das Geld dank ihrer Silberminen, um die richtigen Hebel in Gang zu setzen und um sich das Ohr des Jarls zu erkaufen. Ich denke nicht, dass sie so schnell wieder untergehen und von der Konkurrenz ausgeschaltet werden.«

»Obwohl sie die Konkurrenz bereits ordentlich gegen sich aufbrachten«, sagte Babette. »An einem Tag morde ich für einen Silberblut und kassiere sein Geld und am nächsten meuchle ich ihn. Ich mag so etwas!«

Der Reichtum der Bewohner des Reach lag unter ihren Füßen. Doch ein Teil dessen zu sein, hieß, über Leichen zu gehen. Die Dunkle Bruderschaft arbeite für alle Seiten vorbehaltslos, solange nur die Bezahlung stimmte.

»Hat sich damit nicht auch die Bruderschaft Feinde gemacht?«, wollte Lucien wissen.

»Natürlich«, sagte Babette. »Aber bis auf die Morag Tong haben wir schlicht und ergreifend keine nennenswerte Konkurrenz. Freiberufliche Mörder werden von uns nicht geduldet und damit gejagt und zur Strecke gebracht. So sichern wiederum wir uns unsere Macht.«

Wieder dieser Name. Lucien hatte ihn bereits in seiner Anfangszeit bei der Bruderschaft gehört, aber nie viel über diese andere, geheimnisvolle Organisation von Meuchelmördern erfahren. Man sprach bei der Dunklen Bruderschaft nicht viel darüber. Er wollte weder Malik noch Babette brüskieren, indem er sie jetzt danach fragte, also beschloss er, bei Gelegenheit selbst nachzuforschen.

Das Gelände wurde rasch felsiger, steiler und zerklüfteter. Ihr Weg schlängelte sich durch die bergige Landschaft, durchschnitt scharfkantige Felsen und schwang sich über schwindelerregende Abgründe. Meist folgten sie dabei dem Lauf eines großen Flusses, dem Karth, welcher sich ein tiefes Tal in die Landschaft gegraben hatte.

Die Vegetation war karg, die Pflanzen, die hier wuchsen, krallten ihre Wurzeln mit aller Macht zwischen die Felsen und duckten sich ansonsten so nahe wie möglich an den Boden, um dem kalten Wind wenig Angriffsfläche zu bieten, während er über sie entlangpfiff.

Reach war lebensfeindlich. Ein unvorsichtiger Wanderer konnte schnell abstürzen und sich alle Knochen brechen, wenn er nicht aufpasste, selbst wenn er den Hauptwegen folgte. Lebensraum gab es hier kaum, denn Felsen dominierten die Landschaft auf Meilen in jede Himmelsrichtung. Es gab wenig, an dem sich das Auge sattsehen konnte, und so begannen Luciens Gedanken zu schweifen.

»Wie sieht eigentlich der Plan aus?«, wollte er irgendwann wissen.

»Ich bin der Meisterkoch«, sagte Malik. »Ich habe bereits dank unserer Kontakte in Riften eine gefälschte Identität; darin sind Diebe Meister, musst du wissen. Diese gibt mich als exzellenter Koch aus, eine wärmste Empfehlung aus Hammerfell, die auf keinen Fall fehlen darf. Und als solcher durfte ich es mir herausnehmen, meine eigenen Gehilfen mitzunehmen. Das sind du und Babette.«

»Im Prinzip sieht unser Plan nichts weiter vor, als das zu machen, was Malik uns sagt, und dabei die Suppe eines anderen Kochs heimlich zu versalzen. Wir sind nicht die einzigen da, sodass wir den Mord leicht einem anderen in die Schuhe schieben können. Ich habe bereits alles, was wir dazu brauchen, fertig gemischt. Es bedarf, während wir in der Küche stehen, nur eines günstigen Momentes, in welchem wir das Mahl eines anderen etwas verfeinern können. Ich mag ja Kochen allgemein nicht so sehr, aber so macht es mir sehr viel Spaß!«

Manchmal fragte sich Lucien, ob Babette mit Sheogorath, dem daedrischen Prinzen des Wahnsinns, in Verbindung stand. Allerdings konnte er sie sehr gut verstehen. Dieser Plan klang in der Tat nach sehr viel Spaß.

»Wie es in Großküchen am Hofe eines Jarls üblich ist, hat jeder Koch seinen eigenen Aufgabenbereich«, sagte Malik. »Daher wäre es zu einfach, uns zu erkennen, wenn wir unsere eigene Suppe versalzen. Je nach dem, was zubereitet werden soll, müssen wir also herausfinden, ob etwas davon persönlich für unser Ziel zubereitet werden soll oder ob es wahrscheinlicher ist, wenn es von verschiedenen Dingen probiert. In letzterem Fall ist es unter Umständen nicht umgänglich, dass mehr Leute sterben als nur unser Auftragsziel.«

»Das Gift wirkt daher erst nach einigen Stunden, wenn entweder alle schon schlafen oder betrunken unter den Tischen liegen«, erklärte die Vampirin weiter. »Ehrlich gesagt finde ich es reizvoller, wenn auf mysteriöse Weise auf einmal eine Reihe von Gästen stirbt. Unser Auftraggeber hat deutlich gemacht, dass er das weniger wünscht, es aber auch als nicht sonderlich hinderlich ansieht.«

Der Auftrag klang in der Tat recht einfach. Hingehen, kochen, Gift in das Essen mischen und warten.

»Und ich soll nur zusehen und ansonsten nichts tun?«, versicherte sich Lucien noch einmal seiner Rolle.

»Du zeigst Tatendrang«, sagte Malik. »Ich denke nicht, dass du also tatenlos dabei zusehen sollst. Eine kleine Rolle könnte ich dir durchaus auftragen. Aber lass uns vor Ort sehen, welche das sein kann.«

Lucien freute sich sehr, dass seine neue Familie so viel Vertrauen in ihn setzte, und er war bestrebt, dieses nicht zu enttäuschen. Nicht schon wieder.

Im Laufe des nächsten Morgens, nachdem sie bereits tief in die Druadach-Berge vorgedrungen waren, erreichten sie Markarth. Die Stadt tauchte ganz plötzlich vor ihnen auf, Lucien hatte nicht damit gerechnet. Zwar fanden sich in ihrer Umgebung einige Farmen, dennoch hatten die hoch aufragenden Felswände nicht so gewirkt, als könnten sie eine ganze Stadt beherbergen. Lucien wusste nicht genau, was er erwartet hatte, doch ganz sicher nicht das.

Eine Felswand, die ganz eindeutig nicht natürlichen Ursprunges war, ragte vor ihnen auf. Mehrere Türme waren ihr aufgesetzt und ein großes Tor aus einem seltsam goldenen Metall verschloss die Mauern. Mit großen Augen besah sich Lucien dieses Wunderwerk der Architektur und bestaunte, wie wunderbar es in den natürlichen Felsen eingefügt war. Und dahinter sollte sich eine ganze Stadt verbergen? Es war schwer vorstellbar!

Doch genau das sollte er sehen, als sie die Stadttore passierten. Sie hatten bereits ihre Verkleidungen angelegt und Malik zeigte seine gefälschten Papiere. Sie wurden anstandslos durch gewunken und eine der Wachen war sogar so freundlich und sagte ihnen den Weg zur Festung Unterstein: immer geradeaus zum anderen Ende der Stadt.

Die Stadt selbst war verblüffend. Anscheinend war das natürlich gewachsene Gestein genutzt worden, um darauf Wohnungen und Häuser zu schneiden. Wenige der Häuser standen teils oder gänzlich frei, die meisten waren in den Fels eingearbeitet.

»Selbst die Betten sind aus Stein«, brummte Malik. »Darauf freue ich mich am wenigsten.«

Lucien kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Überall gab es etwas zu entdecken und zu bewundern. Alles wirkte so fremdartig und sonderbar!

»Und das haben alles die Dwemer gebaut?«, fragte er.

»Ja. Kaum etwas wurde hier nachträglich hinzugefügt oder verändert«, bestätigte Malik. »Leider betrifft das auch die Betten … Manchmal, wenn ich hier bin, glaube ich, dass die Dwemer selbst auch aus Stein gewesen sein mussten.«

Der Weg zur Feste war in der Tat leicht zu finden, sie mussten einfach dem Weg folgen, der vom Haupttor aus weiter in die Stadt führte. Es war, als würden sie durch tiefe, enge Schluchten gehen, denn zu allen Seiten ragten die Felswände und Häuser hoch in den Himmel auf. Auf einem kleinen Grundriss hatten es die Dwemer fertig gebracht, erstaunlich viel Wohnraum zu schaffen, indem sie einfach in die Höhe bauten.

In der Stadt herrschte reger Betrieb. Die Festlichkeit in Festung Unterstein, die in wenigen Tagen stattfinden sollte, war in aller Munde. Lucien sperrte die Ohren auf und hoffte, etwas Nützliches aufzuschnappen. Der Jarl, um die Beziehungen zu den Menschen vom Reach zu stärken, hatte zu einer Feier eingeladen, zu der Gäste beider Parteien kommen sollten. Die Meinung darüber war gespalten in der Stadt. Die einen waren erbitterte Gegner der Menschen vom Reach, andere wiederum begrüßten den Schritt, den Jarl Maltheim damit wagte. Es sei ein Schritt in die richtige Richtung, um die Spannungen zwischen beiden Parteien beizulegen.

Lucien überlegte, was er mit diesen Informationen anfangen konnte.

Festung Unterstein wirkte von außen auf den ersten Blick recht unspektakulär. Doch je länger man die Frontseite (denn mehr war von außen nicht zu sehen) betrachtete, desto genauer erkannte man die Ausmaße der Feste. Wie alles hier war auch Festung Unterstein in den Felsen hineingearbeitet. Doch allein die Größe der Front ließ die eigentlichen Ausdehnungen der Festung in den Berg hinein erahnen. Mit großen Augen stand Lucien davor und bestaunte mit weit in den Nacken gelegtem Kopf den Anblick, der sich ihm bot. Babette, obgleich sie bereits mehrmals in der Stadt gewesen war, schloss sich ihm an, um ihre Rolle als junge Küchenhilfe zu spielen.

»Nicht trödeln, ihr faulen Säcke!«, herrschte Malik sie an. »Wir haben uns in der Küche zu melden!«

Er hatte indes auch den Wachen am Festungseingang seine Papiere gezeigt und die Erlaubnis zum Eintreten erhalten. Die beiden Gehilfen sahen zu, dass sie zu ihm kamen, und ihm folgten.

Festung Unterstein versprach, was es hielt. Sie betraten eine riesige Halle, größtenteils natürlichen Ursprungs, die jedoch nur ein Teil des Komplexes war. Einige Wachen und grimmig wirkende Nord, wahrscheinlich persönliche Krieger des Jarl, hielten sich hier auf, widmeten ihnen jedoch nur kurze, geringschätzige Blicke. Besonders Malik wurde für seine auffällige Hautfarbe besonders misstrauisch beäugt. Dennoch wurden sie nicht behelligt.

Malik ließ Lucien keine Zeit für weiteres Staunen, sondern führte sie sogleich in die nächste und weitaus größere Halle. Der Junge wusste langsam nicht mehr, wie man noch erstaunter über das sein konnte, was die Dwemer vor vielen Äonen hier erschaffen hatten.

Diese Halle schien die Haupthalle zu sein, denn eine lange Treppe führte zu einem erhöhten Teil der Höhle, wo sich der Sitz des Jarls befand. Dieser war umgeben von seinen Beratern und Wachen, Thanen, wie Lucien gelernt hatte, Helden des Fürstentums, die sich durch besondere Taten hervorgehoben hatten.

Doch sie waren für alle anderen hier nur einfache Bedienstete ohne Bedeutung. Daher hielten sie sich nicht lange mit dem Hofstaat des Jarl auf, welcher ohnehin keinen Blick für sie übrig hatte. Es blieb bei dem flüchtigen Blick, den Lucien für sie erübrigen konnte, dann führte Malik sie bereits in den Teil der Festung, welcher für die Bediensteten zuständig war. Zielstrebig machte er die Küche und den Chefkoch aus.

Ein fetter Bretone stand hier an einer Kochstelle und rührte wenig ambitioniert in einem Eintopf herum.

»Dorian Festinius?«, fragte Malik.

»Hm?«, brummte der Mann und schenkte ihnen lediglich einen gelangweilten Blick über die Schulter.

»Ich bin Shadr, der Koch aus Hammerfell, der für die Feier übermorgen bestellt wurde«, stellte Malik sich vor. »Das sind die Gehilfen, die ich mitbrachte. Wir melden uns bereit zum Dienst und warten auf unsere Einteilung.«

»Hm«, brummte der Mann wieder. »Lästige Bürokratie. Mitkommen.« Er schlurfte davon.

Die drei Attentäter folgten ihm in einen angrenzenden Raum, anscheinend ein Büro oder etwas in der Art, da hier mehrere große Aktenbücher in einem Regal standen und eine Geldkassette nebst Feder und Tinte und einem Stapel Papier auf einem Tisch stand. Festinius griff nach einem Dokument auf dem Tisch und drückte es Malik in die Hände, während er seine fettigen Finger an dessen Kleidung abschmierte.

»Da. Lies. Steht alles drauf«, brummte er und schlurfte wieder zu seinem Eintopf.

Sehr freundlicher Mann, dachte Lucien still bei sich. Statt uns ordentlich einzuweisen, bekommen wir lediglich einen Wisch präsentiert.

Anscheinend besaß der Wisch jedoch genügend Aussagekraft, denn Malik wirkte informiert. Er sagte freilich nichts zu ihnen, da sie nur einfache Gehilfen waren, die so etwas nichts anging. Stattdessen verließ er den Küchenbereich und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Rasch kamen sie dem nach und ließen sich von ihm zu den Quartieren der Bediensteten führen.

»Hier, das ist eure Kammer«, sagte er. »Meine ist direkt nebenan.«

Babette und Lucien sahen sich gegenseitig an.

»Siehst so als, als dürften wir uns die Unterkunft teilen«, sagte sie und trat ein.

Die Kammer bot gerade einmal Platz für einen kleinen Tisch mit Stuhl, einem Bett, das gerade groß genug für sie beide war, sowie einer Truhe für ihre Habseligkeiten. Ein Fenster gab es nicht, dafür sorgten eine Fackel an der Wand und eine Kerze auf dem Tisch für etwas Helligkeit. Dieser Ort war für nichts mehr als schlafen gedacht.

Probeweise setzte sich Babette auf das Bett. »Das ist steinhart!«, beschwerte sie sich und lachte sogleich über ihren eigenen Witz. »Hier liegt gerade einmal ein dünnes Kissen für jeden, eine Decke und ein Fell. Wirklich sehr gemütlich.«

Lucien verzog das Gesicht. »Mir tut jetzt schon der Rücken weh …«

»Sieh es so«, vertröstete Babette ihm. »Es ist zwar nicht weicher, als wenn wir unter freiem Himmel nächtigen würden, aber wir haben ein Dach über dem Kopf und Wände um uns herum! Das heißt: weder kalter Wind noch Regen. Das ist zumindest eine kleine Verbesserung.«

Da hatte sie allerdings Recht.

Sie verstauten ihre Sachen in der Truhe, und Babette schloss ihr Zimmer ab. Dann meldeten sie sich bei Malik. Er rief sie herein und schloss die Tür hinter ihnen.

»Wir sind für mehrere Gäste eingeteilt«, sagte er. »Unser Auftragsziel, Sterngeirs Thane Maven Sternseher, ist nicht darunter. Zudem sollen wir einen Teil des Buffets herrichten.«

»Wenn wir den Thane des Jarls töten sollen«, sagte Lucien, »warum haben wir das nicht bereits in Falkenring getan? Es ist nahe der Zuflucht und bestimmt einfacher, als wenn wir all das hier durchziehen.«

»Der Kunde wollte es so«, sagte Malik nur mit einem Schulterzucken. »Und der Kunde ist König, wie du weißt. Und wenn immer alles so einfach wäre, dann bedarf es keiner zwei hochrangigen Assassinen.

Wie dem auch sei«, wechselte er das Thema. »Es gilt herauszufinden, wer Maven bedient. Das übernimmt Babette. Lucien wird sie dabei unterstützen. Ihr seid Kinder (oder seht zumindest so aus), da sollte es euch leicht fallen, die Leute auszuhorchen. Babette wird sich übermorgen beim Bankett darum kümmern, dass Mavens Essen verfeinert wird, während Lucien unseren Gast bewirtet. Du wirst seine Bestellungen entgegennehmen und sie ihm bringen. Ich mache derweil das, was ein Meisterkoch eben so tut.«

»Ihr habt den einfachsten Teil von uns allen!«, beschwerte sich Babette. »Das finde ich nicht gerecht. Ich muss schuften und Ihr steht da und rührt mit Eurem Löffel in der Suppe.«

Ihr Tonfall machte jedoch deutlich, dass sie ihre Worte eher als Scherz verstand.

»Dann wisst Ihr eindeutig nicht, was für eine große Kunst das Kochen ist!«, hielt Malik dagegen. »Der Gast hat vielleicht Sonderwünsche oder einen ganz besonderen Geschmack, dann muss ich alles zu seiner Zufriedenheit richten. Außerdem muss ich mich parallel dazu auch noch um das Büfett kümmern. Das alles zusammen ist sehr viel Arbeit. Da kann ich mich nicht auch noch um das Ermorden von Leuten kümmern.«

Nachdem die beiden noch einige freundschaftliche Neckereien ausgetauscht hatten, machten sie sich auf den Weg in die Küche. Malik wollte mit den Vorbereitungen seiner Mahlzeiten beginnen und Babette und Lucien halfen ihm dabei, während sie gleichzeitig die anderen Köche aushorchen wollten.

In der Großküche am Hofe eines Jarls war stets eine Menge los. Der Hofstaat wollte bewirtet werden und der Jarl selbst stets das feinste Essen serviert bekommen. Hinzu kamen immer wieder irgendwelche Festivitäten; die Nord fanden immer einen Anlass, um ihren Met in Massen zu trinken. Jagten waren ebenso nicht selten, und deren Ergebnisse wollten ebenso zubereitet werden.

Schon auf ihrem Marsch hierher hatte Malik Babette und vor allem auch Lucien eine kurze Einweisung in die Arbeiten eines Kochgehilfen gegeben. Natürlich waren sie damit noch weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber es sollte genügen, um sie nicht als völlige Stümper zu enttarnen.

Es galt einiges vorzubereiten, Malik brauchte dutzende Zutaten für das, was ihm aufgetragen worden war, und davon wollte nun eine Liste erstellt werden. Mit dieser eilte Lucien zum Küchenmeister und gab die Bestellung in Auftrag. Der Mann murrte und meinte, dass Shadr über seine Verhältnisse leben würde. Der Junge beschloss, dass es im Rahmen seiner Rolle war, wenn er seinen Meister verteidigte, und erinnerte den Mann daran, dass sie nur ihre Aufträge erfüllten. Wenn Meister Shadr so viel auferlegt worden war, war es nicht seine Schuld. Sie bekamen, was sie brauchten.

Während sie Malik dabei halfen, alles vorzubereiten, was es vorzubereiten gab, sperrten sie ihre Ohren auf. Es gab viel zu hören und zu erfahren, wenn man nur aufmerksam war. Köche und deren Gehilfen waren ein geschwätziges Volk, und auch wenn sie meist über kulinarische Vorlieben irgendwelcher Personen redeten, so erzählten sie auch manch anderes.

Lucien sperrte die Ohren vor allem nach Maven Sternenseher auf, doch es war schwer, aus dem Stimmengewirr der vielen Personen einzelne Wörter gezielt herauszuhören. Stattdessen erfuhr er, dass das Fest morgen nicht nur dazu diente, um die politischen Verhältnisse zu den Menschen von Reach zu festigen, sondern auch, um Bündnisse mit den angrenzenden Fürstentümern zu stärken. Das Reach war reich durch sein Silber, und viele hatten ein Interesse daran. Manche waren stark genug, um ihre Interessen gegen Markarth notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen. Um das zu verhindern, wollte Jarl Ulfgar, der Jarl des Reach, Freundschaft mit seinen Nachbarn schließen. Deswegen waren auch Abgesandte der anderen Jarlshöfe anwesend.

Wie es Lucien heraushörte würde am morgigen Tag viel getrunken werden, wahrscheinlich würde es im Verlaufe des Abends auch zahlreiche Alkoholleichen geben, die sabbernd in ihrer eigenen Kotze unter dem Tisch lagen. Raues Land, raue Sitten. Die Nord nahmen an so etwas kaum Anstoß, jedenfalls die meisten nicht. Vor allem würde es Braten geben, Spanferkel und Ochse, sowie zahlreiche andere Fleischgerichte. Eine Feuerstelle würde morgen errichtet werden, über der ein ganzer Ochse gebraten werden sollte, von dem sich jeder nehmen konnte, was er wollte. Dazu würde aber noch anderes gereicht, und dafür waren unter anderem sie zuständig.

Es war ein langer Tag. Anscheinend war Maliks Reputation als Meisterkoch sehr gut gefälscht worden, denn es lagen hohe Erwartungen auf ihm und er hatte zahlreiche Aufträge für den morgigen Tag, die er erledigen oder zumindest vorbereiten musste. So wurde es ein langer Tag für sie, und Lucien, der sich sogleich auf die Anweisungen Maliks und das Geschwätz um ihn herum konzentrierte, ohne unaufmerksam wirken zu wollen, war am Ende ziemlich ausgelaugt und müde. Dennoch begaben sie sich nach getaner Arbeit in Maliks Quartiere und besprachen ihre Ergebnisse.

»Morgen wird viel los sein«, begann Babette. »Es sind noch nicht einmal alle Köche da. Das heißt für uns: viel Gewühl, in dem wir untertauchen können. Das ist gut. Keiner wird auf zwei kleine Kinder achten, die lediglich Gehilfen sind und nichts weiter tun als Hilfsarbeiten.«

»Habt Ihr herausfinden können, wer Maven bedient?«, fragte Malik. »Ich muss zugeben, dass ich mich ganz auf Euer feines Gehör verließ und mich lieber auf das Essen konzentrierte. Es soll schließlich gelingen!«

Babette seufzte. »Immer bleibt die Arbeit an mir hängen«, kommentierte sie und setzte das freundschaftliche Streitgespräch vom Morgen fort. »Aber ja, das konnte ich. Praktischerweise hat der Koch seinen Platz nicht weit weg von unserem. Ich habe ihn ein wenig beobachtet und denke, dass es nicht allzu schwer sein sollte, ihm das Gift unterzujubeln. Ich habe alles bereit, sodass wir morgen damit keine Sorgen mehr haben müssen.«

»Gut, gut«, kommentierte Malik. »Und du, Lucien? Was hast du herausfinden können?«

Etwas verlegen ob seiner mageren Ergebnisse senkte er den Kopf. »Leider nicht so viel«, gestand er. »Es wird morgen viel los sein und ein einzelner wird nicht sehr auffallen. Mehr Relevantes konnte ich leider nicht heraushören.«

»Nun, das ist doch ein Anfang«, munterte der Rothwardone ihn auf. »Mach dir nichts daraus, gegen Babettes feine Vampirsinne kann ohnehin kein Mensch bestehen. Und dafür und in Anbetracht der Umstände ist das durchaus ein Ergebnis. Außerdem kannst du jetzt hervorragend Kartoffeln schälen und Gemüse putzen!« Er lachte auf. »Das ist eine sehr wichtige Fähigkeit, mein Junge!«

»Pah!«, schnaubte Babette. »Kochen ist nicht das einzige in der Welt.«

»Ihr seid ein Vampir, Ihr könnt das nicht wertschätzen«, konterte Malik.

Da die beiden ihr Gezänk anscheinend fortsetzen wollten, schaltete Lucien geistig ab und entspannte sich. Er war wirklich müde und sein Magen knurrte. Außerdem waren seine Hände ganz aufgeweicht und schrumpelig. Den ganzen Tag hatte er kaum etwas anderes gemacht als Gemüse zuzubereiten und abzuwaschen. Das war eindeutig zu viel für einen ganzen Tag, wenn er dabei auch noch seine Arbeit als Dunkler Bruder vollbringen musste. Pausen hatte es kaum gegeben, und so war der Feierabend sehr willkommen gewesen.

Malik, der merkte, dass Lucien sehr müde war, entließ ihn. Der Junge begab sich in sein Zimmer, das er mit Babette teilte, aß und trank etwas und schlief sogleich ein.

Der nächste Tag begann unerwünscht früh. Nur widerwillig quälte sich Lucien aus dem harten Bett und begann seinen Tag. Doch als er sich ins Gedächtnis rief, dass heute der Tag war, an dem sie ihren Auftrag ausführen würden, waren aller Widerwille und alle Müdigkeit vergessen. Enthusiastisch machte er sich fertig und trat zur Arbeit an.

Es herrschte bereits reger Betrieb in der Großküche und auch im Rest der Festung. Alles wollte vorbereitet und hergerichtet werden. Der Festsaal wurde geschmückt und eingerichtet und das Essen vorbereitet. Für sie hieß das: erneut eine Menge Arbeit und viel Hektik und Stress. Denn das Bankett sollte besser als alles werden, was man bisher gesehen hatte.

Wahrscheinlich gerade deswegen verflog die Zeit rasend schnell. Der Tag schien kaum begonnen zu haben, als auch schon der Abend kam und die Feier begann. Lucien merkte dies nur daran, dass auf einmal noch mehr Betrieb in der Küche war als ohnehin schon. Zahlreiche Gehilfen eilten umher und taten dies und jenes, während die Köche ihnen Anweisungen zubrüllten, die sie grundsätzlich nicht schnell genug ausführten.

Dann wurde es anscheinend Zeit, dass das Festessen eröffnet wurde, denn die Gehilfen wurden abberufen, die für die Aufnahme der Bestellung und Bedienung der Gäste zuständig waren. Jeder von ihnen erhielt dazu eine Uniform, damit sie nicht in den schmuddeligen Küchenkleidern zwischen all den feinen Gästen herumlaufen mussten.

Luciens Uniform war ihm zu eng und kniff an unangenehmen Stellen. Doch er ertrug es, es war ja nur für wenige Stunden. Dann bekam er noch ein Tablet und wurde auch schon losgeschickt.

Laute Musik von Trommeln und Lauten scholl ihm aus dem Bankettraum entgegen. Er fühlte, wie die Angst in ihm hoch kam. Anscheinend hatte man sich darauf verlassen, dass die geladenen Köche Gehilfen mitbrachten, die auch servieren konnten. Malik hatte ihm das zwar bereits im Vorfeld gesagt und ihm grobe Anweisungen gegeben, wie er es anzustellen hatte, aber dennoch verhielt es sich so, dass Lucien soeben das erste Mal hohen Herrschaften Speis und Getränk reichen sollte. Er hoffte, nichts falsch zu machen und damit nicht ihre Mission zu gefährden.

Doch dann überlegte er, was schon passieren sollte, wenn er einen Fehler machen sollte. Er würde wahrscheinlich dafür gescholten und je nach Schwere seines Fehlers würde Shadr eine Zurechtweisung bekommen, dass er den Falschen für diese Aufgabe ausgewählt hatte. Das beruhigte Lucien wieder ein wenig, und seine Hände zitterten nicht mehr ganz so sehr.

Die höhergestellten Gäste bekamen ihre eigenen Kellner. Ansonsten gab es auch einige Diener, die herumstanden und warteten, dass einer der anderen Gäste an sie heran trat und seinen Wunsch äußerte. Lucien gehörte zu seinem Leidwesen nicht zu ihnen, erkannte aber bald, dass er wohl doch in einer komfortableren Lage war, als zunächst gedacht. Während die anderen oft hin und her rennen mussten, musste er einfach nur warten, bis der ihm zugeteilte Gast, ein fetter Adeliger aus Markarth, ihn herbeiwinkte und seine Bestellung aufgab.

Dann eilte der Junge zurück zur Küche, holte das Bestellte oder gab den Essenswunsch, insofern es etwas größeres war, das mehr als nur einen neuen Krug Met oder Wein oder einen Happen vom Büfetttisch beinhaltete, bei Malik ab. Dieser fluchte dann stets ausgiebig und versuchte, die Bestellung irgendwie in seinen Arbeitsablauf einzubinden.

Babette schien ebenfalls alle Hände voll zu tun zu haben und stand Malik mit fliegenden Händen bei. Lucien hatte kaum Zeit, um auch mit ihr zwei, drei Worte zu wechseln, dann musste er wieder an seine Arbeitsstelle. Was er jedoch mitbekam, war, dass sie guter Dinge war und alles so lief, wie es laufen sollte.

Er gab sich alle Mühe, seine Aufgabe zu erfüllen und seinen Gast gut zu bewirten. Da dieser aber nur möglichst viel Fleisch und Met im Sinn zu haben schien, war dies nicht sonderlich schwer, weitaus leichter sogar, als gedacht. Der Junge war erleichtert.

Die ganze Zeit über versuchte er, interessante Dinge aus den Gesprächen um ihn herum herauszuhören, aber es ging stets entweder nur um Frauen, Met und die Jagd oder um Belanglosigkeiten der täglichen Geschäfte. Gelegentlich wurden Geschichten und Gerüchte erzählt, doch nichts davon erschien Lucien wirklich interessant und merkenswert. Er ärgerte sich darüber, da er so keine neuen Informationen der Bruderschaft bereitstellen konnte, was ihm sicher gut zu Gesicht gestanden hätte. Und auch so merkte er, dass er noch kaum etwas über die Politik in Himmelsrand wusste. Die meisten der Namen waren ihm unbekannt und viele der Kamellen waren für ihn völlig ohne Zusammenhang, obgleich selbst der Rest der Dienerschaft darüber Bescheid zu wissen schien.

Je später der Abend wurde, desto betrunkener wurden die Gäste. Lucien musste immer öfters torkelnden Nord ausweichen und aufpassen, dass sie ihm nicht zu nahe kamen. Es kam sogar zu zwei kleineren Zwischenfällen, die jedoch niemanden zu stören schienen. Bei beiden gerieten zwei der Gäste aneinander und begannen eine Prügelei. Es handelte sich dabei wohl um Thane und Huscarls, Krieger von Rang und Namen. Die Adeligen mischten sich zwar nicht ein, sahen aber amüsiert zu oder befeuerten die jeweiligen Streithähne sogar mit Zurufen.

Lucien stellte fest, dass er die Nord nicht mochte. Er war froh, wenn all das hier vorbei war.

»Es ist getan«, wisperte ihm Babette nur kurze Zeit später zu. »Ein wirklich feines Gewürz, ich sag‘s dir. Halt die Augen offen.«

Das war eine Neuigkeit, die Lucien sehr wohl zusagte. Er hatte derweil herausgefunden, wer Maven Sternenseher war, und behielt sie nun näher im Auge. Schwankte sie ein wenig? Stutzte sie ob eines unerwarteten Geschmacks in ihrem Essen? Verdrehte sie vielleicht gar die Augen?

Die Nord wirkte nicht, als sei sie bereits besonders angetrunken. Anscheinend gehörte sie zu denen, die noch den klarsten Verstand hatten. Ob Babette das berücksichtigt hatte? Aber wahrscheinlich war es ohnehin gut, dass sie noch nicht allzu betrunken war, da so die Gefahr vermindert wurde, dass sie das Gift aufgrund des zu hohen Alkoholgehaltes in ihrem Blut wieder erbrach, wie es bereits einige Male an diesem Abend passiert war. Lucien war froh, dass er servierte und nicht putzen musste.

Dennoch warf er nun ein Auge mehr auf Maven. Er wollte wissen, was passierte. Doch dafür musste er noch eine ganze Weile warten.

Mittlerweile merkte er auch an sich die Erschöpfung. Es war ihm zwar gelungen, ein paar Kleinigkeiten zu stibitzen, um seinen gröbsten Hunger zu stillen, aber dennoch schlug sich seine Arbeit nieder. Schon den ganzen Tag über hatte er rotiert und kaum Zeit zum Luftholen gehabt. Seine Konzentration schwand allmählich und er hatte immer größere Mühe, bei der Sache zu bleiben.

Da bemerkte er zu bereits fortgeschrittener Stunde, wie Maven Anzeichen von Schwäche zeigte. Lucien war nicht nah genug bei ihr, um zu hören, was sie sagte, doch es schien, als würde sie sich nicht mehr wohl fühlen. Ihr Nachbar beugte sich zu ihr und fragte sie etwas, woraufhin sie den Kopf schüttelte. Sie verzog das Gesicht, als sei ihr übel, und legte eine Hand auf den Bauch. Eindeutige Zeichen, dass das Gift allmählich zu wirken begann. Lucien lächelte heimlich in sich hinein und verschwand in die Küche.

»Es wirkt«, wisperte er Malik und Babette zu.

»Gut«, sagte der Koch. »Und unser Gast? Was macht er?«

»Liegt betrunken unter dem Tisch, wie eine ganze Menge andere mittlerweile«, berichtete der Junge.

»Dann machen wir Feierabend und verschwinden, so lange noch alles ruhig ist«, beschloss Malik. »Der Großteil der Arbeit ist getan, und wir arbeiten ohnehin seit dem Vormittag. Zeit für Feierabend!«

Das waren Worte, die Lucien gerne hörte! Einige der Köche waren für die späteren Stunden eingeteilt, diese sollten nun ihren Platz übernehmen.

»Und das Beste daran ist: Wir werden zweimal bezahlt!«, freute sich Babette auf dem Weg zu ihren Zimmern. »Immerhin gibt es für unsere Arbeit in der Küche auch einen Lohn. Hast du ordentlich Trinkgeld bekommen, Lucien?«

»Ein bisschen«, sagte er und kramte die Septime, die er bekommen hatte, aus seiner Tasche. Gut zwanzig waren es geworden. 

»Nicht schlecht für den Anfang«, meinte sie.

»Muss ich es abgeben?«, fragte er. Er hatte sich gefreut, als er die ersten paar Septime in seine Tasche stecken durfte und hoffte sehr, dass er sie für sich behalten durfte, aber er würde freilich nicht mosern, wenn dem nicht so war.

»Natürlich nicht!«, hielt das Vampirmädchen dagegen. »Ehrlich verdientes Geld für ehrliche Arbeit. Behalte sie im guten Andenken, du kommst selten an solche Septime. Unser Geld ist meist eher nicht so ehrlich – sagt jedenfalls die Allgemeinheit. Wenn ich mir so ansehe, was wir in den letzten Tagen geleistet haben, sehe ich das jedenfalls anders.«

»Bitte, Babette, lassen wir das«, sagte Malik. »Ich weiß nicht, wo Ihr die Energie für so viele Worte noch hernehmt, aber ich bin zu müde dafür. Reden wir morgen darüber.«

Lucien war überrascht, denn auf ihn hatte Malik noch einen sehr energiegeladenen Eindruck gemacht. Aber er konnte sich vorstellen, dass auch dessen Arbeit ihn sehr geschlaucht hatte. Sie begaben sich rasch zu Bett und verloren kaum noch Worte über ihren Auftrag.

Am nächsten Morgen war die Aufregung groß in Festung Unterstein. Maven Sternenseher war tot aufgefunden worden in ihrem Gemach, offensichtlich vergiftet. Noch wusste niemand etwas genaueres, aber dennoch pfiffen es bereits die Spatzen von allen Dächern und die Gerüchteküche brodelte. Alle wollten sie etwas gesehen haben und äußerten teils wilde und krude Gerüchte. Der Jarl versprach natürlich, das Verbrechen so schnell wie möglich aufzuklären.

Doch als die Wachen begannen, die Stadt nach Spuren zu durchkämmen, waren die wahren Täter schon längst verschwunden.

Unter Dieben

»Das war hervorragende Arbeit!«, lobte Malik sie alle, als die Stadtmauern Markarths schon lange hinter ihnen verschwunden waren. »Glatter hätte es nicht laufen können. Beinahe schon regelrecht langweilig, so einfach, wie das war! Unser Kunde wird sehr zufrieden sein.«

»Was wohl der Bonus sein wird?«, malte sich Babette bereits aus. »Den bekommen wir auf jeden Fall. He, Lucien, das ist klasse, oder? Dein erstes selbst verdientes Geld!«

Der Junge strahlte so breit bei diesem Gedanken, dass er nur nicken konnte.

Malik klopfte ihm auf die Schulter. »Das hast du wirklich gut gemacht«, lobte er. »Es war eine sehr gute Entscheidung, so viel Vertrauen in dich zu stecken. Du hast dich dessen als würdig erwiesen. Ich freue mich!«

Lucien fühlte sich, als sei er soeben vor lauter Stolz und Lob gerade um mehrere Fingerbreit gewachsen.

Auf dem Rückweg gingen sie beschwingten Schrittes. Ihre Stimmung war gut und sie waren bereits in Feierlaune. Lucien hatte es selten erlebt, dass Mitglieder der Bruderschaft nach erfolgreicher Erfüllung eines Auftrages so ausgelassen waren, sodass er annahm, dass der Auftrag sogar ein recht bedeutender gewesen war, welcher die Kassen der Bruderschaft reichlich gefüllt hatte und ihrem Ansehen zu einem ordentlichen Aufschwung verholfen hatte. Das machte ihn nur umso stolzer darauf, dass er ein Teil dessen hatte sein dürfen.

Die Zeit, bis sie wieder in der Zuflucht gewesen waren, verging wie im Fluge. Lucien konnte es kaum noch erwarten, endlich wieder zurück zu sein und die strahlenden Gesichter der anderen zu sehen. Er malte sich bereits aus, wie sie ihm auf die Schulter klopfen würden, und er einen prall gefüllten Sack voller Septime sein eignen nennen durfte. Was er sich davon alles kaufen konnte? Er konnte sich kaum entscheiden! Es gab so vieles, das man mit Geld erreichen konnte, und alles wollte er am liebsten zugleich ausprobieren. Eine neue Waffe vielleicht? Sein Dolch war nun wahrlich nicht mehr als ein Spielzeug, eines Mörders wie ihn kaum würdig. Vielleicht aber auch eigenes Alchemiezubehör? Dann musste er sich nicht ständig des Allgemeingutes bedienen, welches ohnehin nicht von bester Qualität war.

Doch nichts dergleichen war, als sie zurückkamen. Ganz im Gegenteil war die Stimmung sogar recht bedrückt, sodass Lucien gleich spürte, dass etwas vorgefallen sein musste. Aber was? Hilda konnte es ihm bestimmt sagen.

Sie war es auch, die sie sogleich nach ihrer Rückkehr aufsuchten.

»Genau zum rechten Augenblick – oder auch nicht, wie man es nimmt«, begrüßte sie die Rückkehrer. »Wie ist es gelaufen?«

»Reibungslos«, berichtete Malik. »Wir konnten uns unbemerkt in Festung Unterschein einschleichen und bekamen unsere Anstellung in der Küche, wie geplant. Am Tag des Festes gelang es uns ohne Probleme, unser Ziel zu töten, indem wir sein Essen vergifteten. Zum Zeitpunkt unserer Flucht schöpfte niemand Verdacht, aber wie es mit Gerüchten so sind, gibt es in Falkenring vielleicht schon die ersten Gespräche dazu. Wir sollten uns in den nächsten Tagen vielleicht im Fürstentum umhören und sehen, was die Leute dazu meinen, dass ein Mitglied von Jarl Sterngeir Bärenfausts Hof in Markarth ermordet wurde.«

»Sicher wird es aber zu politischen Spannungen kommen«, sagte Babette. »Was aber entweder unserem Auftraggeber egal oder gar in seinem Anliegen ist. Wie dem auch sei, Maven Sternenseher ist tot und kniet nun in der Leere vor Sithis! Heil Sithis!«

»Heil Sithis!«, antworteten die anderen im Chor.

»Erzählt mir von Lucien«, wollte nun Hilda wissen. »Wie schlug er sich?«

»Ich hielt es für angebracht, ihm eine kleine Rolle in der Maskerade zukommen zu lassen«, sagte Malik. »Ich weiß, das war gegen meine Anweisungen, aber es war berechtigt. Der Junge zeigt Engagement und Zielstrebigkeit. Er besitzt einen starken Willen sowie Durchhaltevermögen, dazu einen raschen Verstand und Anpassungsfähigkeit. Seine Aufgabe war es, einen weiteren Küchengehilfen zu spielen sowie einen der Servierjungen am Abend des Festes. Er machte seine Arbeit hervorragend und mir kamen keine Beschweren über ihn zu Ohren.«

»Aha, dann weiß ich, was du jetzt bei uns machen kannst!«, lachte Hilda. »Malik wird sich über einen Gehilfen am Herd freuen, da bin ich mir sicher.«

Sie fand das offensichtlich höchst amüsant, doch Lucien war gekränkt. Er rang sich zu einem halbherzigen Lächeln durch und knirschte mit den Zähnen.

Babette, die seine Verstimmung bemerkte, intervenierte. »Er hat wirklich gute Arbeit geleistet«, sagte sie. »Vor allem für einen blutigen Anfänger, der er nun einmal ist. Ich war zwar nicht davon ausgegangen, dass er noch einmal einen solchen Fehler machte wie bei seinem ersten Auftrag, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass es dieses Mal so reibungslos mit ihm klappt. Er hat zudem aufmerksam die Gäste beim Festmahl belauscht und konnte diverse nicht unbedingt uninteressante Dinge herausfinden über die politischen Verhältnisse in Skyrim. Eine, wie ich finde, durchaus bemerkenswerte Sache.«

Hilda fand zurück zum Ernst der Sache. »Nun, der Auftrag wurde zur vollen Zufriedenheit unseres Kunden erfüllt, was heißt, dass es für euch beide zur üblichen Belohnung noch einen ordentlichen Bonus gibt. Für Lucien habe ich fünfzig Septime angedacht. Das ist in Anbetracht seiner Aufgabe und Leistung als erstes eine mehr als angemessene Leistung.«

Fünfzig Septime! Lucien wusste, dass höherrangige Assassinen weitaus mehr bekamen, hunderte, wenn nicht gar tausende Septime für einen erfolgreich ausgeführten Auftrag, den Bonus nicht mitgerechnet. Aber für ihn waren bereits fünfzig Septime ein wahres Vermögen.

»Aber sprecht, Hilda, was ist in unserer Abwesenheit passiert?«, wechselte Babette das Thema, während Lucien sich schon über das Geld freute, welches Hilda soeben für sie bereitlegte und die Boni für die beiden Assassinen dazu packte.

»Ah, eine etwas unschönere Angelegenheit, das ganze«, sagte die Werwölfin. »Unsere Feinde in der Legion rücken uns wieder einmal auf den Pelz. Kurz nach eurem Aufbruch kam General Consantius Tituleius höchstselbst mit einem Trupp Soldaten vorbei, nistete sich in Falkenring ein und begannt, mit der Hilfe des Jarls herumzuschnüffeln. Wir haben uns bedeckt gehalten und getarnt, was zu tarnen war, aber ich glaube dennoch, dass er etwas herausgefunden hat, was er nicht wissen soll. Wir müssen nun endlich Schritte gegen ihn unternehmen und verhindern, dass er zu einer wirklichen Gefahr wird. Wir sind nur eine Handvoll Assassinen, doch er hat die Legion von Himmelsrand an der Hand.«

Das erklärte selbst für Lucien die bedrückte Stimmung, obgleich er nicht wusste, wer dieser General war. Doch er gehörte der Legion an, bekleidete einen verdammt hohen Rang und schien die Dunkle Bruderschaft zu verfolgen. Das reichte, um sich den Rest zusammenzureimen.

»Wisst Ihr bereits, was Ihr unternehmen werdet?«, fragte Malik, sichtlich besorgt.

»Wir müssen ihn ausschalten, so viel steht fest, aber auf subtilere Weise, als wir es üblicherweise tun«, sagte Hilda. »Ich werde mich dafür unserer Kontakte zur Diebesgilde bedienen. Vernon Roche wird uns sicher weiterhelfen können.«

»Es wurde Zeit, dass wir etwas gegen diesen eitlen Vogel unternehmen«, sagte Babette. »Er ist schon viel zu lange hinter uns her und bedrängt uns. Er ist so hoch aufgestiegen und sucht immer noch mehr Ruhm, indem er die Bruderschaft auszulöschen versucht.«

»Und genau das wird nun ein für alle Male sein Fall.« Hilda lachte boshaft und war damit Babette auf einmal erschreckend ähnlich. »Lucien«, wandte sie sich an den Jungen. »Du hattest zwar gerade erst einen Auftrag ausgeführt, und eigentlich wollte ich, dass du nun eine Weile in der Zuflucht verweilst, dich hier einlebst und deine Ausbildung fortsetzt, aber die Gelegenheit ist zu günstig. Du wirst mit mir kommen und die Diebesgilde in Riften kennenlernen. Vernon Roche ist ihr momentaner Anführer, und du sollst zu ihm und den anderen Dieben dort Kontakte knüpfen. Es ist immer nützlich, ein gutes Wort bei den Dieben zu haben.«

Lucien nickte. »Wie Ihr befehlt«, sagte er.

Hilda schnaubte und lachte auf. »Wir sind nicht bei der Armee!«, kommentierte sie. »Aber gut, wie du willst: wegtreten und ausruhen!«

Lucien beherzigte diesen Rat und sah zu, dass er ein wenig Rast und Ruhe bekam, um sich von dem Auftrag zu erholen.

Im Laufe der nächsten Tage bemerkte er verstärkt die Unruhe unter den Mitgliedern der Zuflucht. Niemand sprach es direkt an, doch sie alle waren rastlos und bedrückt. Sie machten sich Sorgen wegen General Consantius Tituleius und dem, was er vielleicht anstellen könnte. Hilda zog sich oft mit Malik und Babette zurück und besprach sich offenbar über ihr weiteres Vorgehen.

Auch Lucien überlegte, was die momentane Situation für ihn bedeutete, kam jedoch zu dem Schluss, dass sich für ihn wahrscheinlich kaum etwas ändern würde. Er konnte ohnehin nichts tun und war daher in der Beseitigung dieses Problems herzlich nutzlos.

Es stellte sich heraus, dass Consantius Tituleius die Bruderschaft schon seit einiger Zeit verfolgte. Anscheinend hatte er sie zu seiner persönlichen Hydra erklärt, und es war ihm bereits gelungen, einige unbedeutendere Köpfe der Hydra abzuschlagen. Es schmerzte der Bruderschaft zwar, hatte ihr aber bis jetzt noch keinen ernsthaften Schaden zugefügt. Doch die Gefahr wuchs stets, dass er eines Tages vielleicht doch den Körper traf und ihnen wirklich ernstlichen Schaden zufügte. Die Zeit drängte, dass endlich etwas gegen ihn unternommen und er außer Gefecht gesetzt wurde.

Wenige Tage später saß Hilda die Zeit für günstig genug, dass sie mit Lucien nach Riften aufbrach. Es widerstrebte ihr offenbar, die Zuflucht zu verlassen und damit nicht mehr unter ihrem Schutz zu lassen, doch anscheinend war es von Bedeutung, dass sie persönlich bei dem Anführer der Diebesgilde von Skyrim, Vernon Roche, erschien und mit ihm besprach, was es zu besprechen gab, um Consantius Tituleius zu beseitigen. Für Lucien hieß das, dass er erneut seine Sachen packte.

Er packte ebenso seinen Lohn ein, den auszugeben er noch nicht die Gelegenheit gefunden hatte. In den letzten Tagen hatte bis auf Malik niemand die Zuflucht verlassen; der Rothwardone hatte den Auftrag gehabt, die Umgebung im Auge zu behalten und nach Anzeichen von Gefahren Ausschau zu halten. Lucien hoffte, dass er in Riften die Gelegenheit dazu haben würde, sein Geld auszugeben, auch wenn er sich immer noch nicht entschieden hatte, was er mit dem Lohn anfangen wollte. Vielleicht war es besser, wenn er das einfach spontan entschied.

Babette sollte Hilda in ihrer Abwesenheit vertreten. Das Vampirmädchen versicherte ihr tausendmal, dass sie sich nach bestem Wissen und Gewissen um die Familie kümmern würde, erst dann konnte Hilda sie verlassen, um ihre Mission anzutreten. Bis jetzt hatte Lucien keine allzu hohe Meinung von Hilda als Zufluchtsleiterin gehabt, egal, was er ihr gesagt hatte, aber er erkannte nun, dass sie sich sehr wohl um ihre Familie sorgte und stets um ihr Wohl bemüht war. Sie war Cassius Proximo also doch nicht so unähnlich, wie zunächst gedacht.

Sie wandten sich zunächst nach Norden, wandten sich dann jedoch an den südlichen Ufern des Illinalta Sees nach Osten in Richtung Flusswald und Weißlauf. Ihr weiterer Weg sollte sie dem Lauf des Weißflusses folgen lassen, bis dieser sich mit dem Dunkelwasserfluss verteilte. Dann würden sie diesem ein Stück stromaufwärts folgen, ihn aber in weiterhin östlicher Richtung überqueren und schließlich vor den Velothi Bergen nach Süden in Richtung Shors Stein und Riften abbiegen. Wie immer freute sich Lucien, einen weiteren Teil dieses sonderbaren Landes kennen zu lernen, und da sie nun gleich vier Fürstentümer zu durchqueren hatten, versprach es durchaus eine abwechslungsreiche Reise zu werden.

Die Fürstentümer in Himmelsrand waren unabhängiger voneinander, als es in Cyrodiil der Fall war. Beging man in einem Fürstentum ein Verbrechen, so wurde man in Himmelsrand in jedem anderen dafür nicht behelligt. Jedes der Fürstentümer des rauen Landes hatte seine eigene Gesetzgebung und Regierung. Es gab zwar in Einsamkeit, der Hauptstadt des Fürstentum Haafingar, einen Hochkönig, doch dieser besaß vor allem repräsentative Funktion. Doch über allem stand noch immer das Gesetz des Kaisers in Cyrodiil, und so gab es in jeder Hauptstadt der neun Fürstentümer Repräsentanten des Kaiserreiches sowie Vertretungen der Legion.

Während sie noch dem sich durch eine kleinere Bergkette schlängelnden Weg folgten, der von Flusswald aus nach Weißlauf führte, lichtete sich auf einmal der Wald, und während zu ihrer Rechten der Weißfluss einen Abhang hinabdonnerte, wichen die Berge zu beiden Seiten zurück und vor ihnen tat sich plötzlich eine weite Gradebene  auf. Und vor ihnen ragte auf einem kleinen Hügel Weißlauf auf.

Die Stadt war wohl das, was sich Lucien unter dem Inbegriff einer Nordstadt vorstellte. Die Stadt war ringsum von einer alten, bröckelnden Steinmauer umgeben. Die Häuser im Inneren der Mauer waren überwiegend aus Holz und Lehm gebaut, und die Dächer strohgedeckt. Über allem thronte die Feste des Jarls: die Drachenfeste, ein großer Komplex aus Holz, Stein und Strohdächern, der mit zahlreichen Giebeln in Form von Drachenköpfen verziert war.

»Ich würde sehr gerne eines Tages den Schädel von Numinex sehen«, murmelte Lucien vor sich hin und wandte sich dann direkt an Hilda. »Stimmt es, dass er Drachenkopf über dem Thron des Jarls hängt?«

»Ja«, sagte sie kurz angebunden. »Aber dafür haben wir keine Zeit. Komm, wir sollten nicht trödeln.«

Lucien war enttäuscht, moserte allerdings nicht. Hilda hatte Recht, ihre Mission war wichtiger als ein Abstecher aus Vergnügen nach Weißlauf.

Sie querten den Fluss Weißlauf und wandten sich allmählich nach Osten. Der Weg macht hier einen weiten Bogen erst nach Norden und dann nach Osten um den Hals der Welt genannten Berg herum, der höchste Berg in Skyrim und ein wahrlich beeindruckender Anblick. Immer mehr wurde der Verdacht in dem Jungen groß, dass dieses Land allgemein zu etwas größeren Dimensionen neigte, jedenfalls in mancherlei Hinsicht; die Kaiserstadt war mit ihrem Weißgoldturm noch immer die größte Stadt, die er bisher gesehen hatte.

»Was ist das dort oben kurz unter der Spitze des Berges?«, fragte er und deutete auf etwas, das aus der Ferne aussah wie ein Gebäude, das sich an die Bergflanke krallte.

»Hoch Hrothgar, der Sitz der Graubärte«, erklärte Hilda. »Manche Nord pilgern alle paar Jahre die Siebentausend Stufen zu ihnen hinauf, um die Weisheit ihrer falschen Götter zu erlangen. Außerdem sind sie Meister des Thu’um, der alten Magie der Drachen.«

»Drachen!« Lucien war baff. »Also gibt es sie doch noch!«

»Es hat sie gegeben, Junge«, erinnerte sie ihn. »Jetzt sind sie alle tot und nur noch ein Haufen Knochen. Manches ist jedoch geblieben. In manchen alten Nord Ruinen sollen noch heute die untoten Drachenpriester hausen, daher sei dir angeraten, ihre Gräber besser zu meiden; sie sind Gegner, denen keiner von uns begegnen wollen würde.«

Bei den Valtheimer Türmen gerieten sie das erste Mal in Bedrängnis. Schon von weitem konnten sie ausmachen, dass die alte Ruine von Banditen besetzt war, die sich die zwei Türme und die Brücke, die sich zwischen ihnen über den Weißlauf spannte, zum Wohnsitz auserkoren hatten und von dort aus arglosen Reisenden auflauerten.

Hilda fluchte. »Es führt kein Weg daran vorbei, die Berge sind abseits der Wege hier nicht gangbar.« Sie knurrte. »Wir werden bis zum Einbruch der Nacht warten und uns dann vorbei schleichen müssen.« Sie schien definitiv nicht über diese Verzögerung erfreut.

Sie suchten sich einen geeigneten Lagerplatz etwas abseits der Straße, wo sie nicht allzu schnell gesehen werden konnten. Dann warteten sie. Erst als auch der letzte Sonnenstrahl verschwunden war, beschloss Hilda, dass es Zeit war.

Der Weg war hier zu ihrer rechten Seite von hohen Felswänden begrenzt, nach Norden hin fiel die Böschung jedoch zum Ufer des Weißflusses ab. Wenn sie sich vorsichtig und nicht allzu schnell bewegten, dann konnten sie vielleicht unbemerkt unter den Augen der Banditen davon schlüpfen. Lucien hatte Hilda gefragt, wie stark ihre Werwolfform war, doch sie hatte deutlich gemacht, dass sie notfalls auch im Alleingang die Banditen töten konnte, da Luciens Kampfkraft noch nicht sonderlich nennenswert war, darauf anlegen wollte sie es jedoch nicht unbedingt. Dennoch war er im Stillen neugierig, einen Werwolf im Kampf zu sehen.

Doch dann verbannte er diese Gedanken. Jetzt war Vorsicht angebracht! Sie beide waren sehr geschickt in der Heimlichkeit, selbst Hilda, die mit ihrer riesigen Axt eigentlich nicht diesen Eindruck erweckte. Sie war hingegen sogar so talentiert, dass Lucien aufpassen musste, dass er sie nicht aus den Augen verlor, obwohl er sich nahe bei ihr hielt. Ob er jemals so gut werden würde wie sie?

Schritt um Schritt setzten sie in geduckter Haltung, Fuß vor Fuß, darauf bedacht, keine hastigen und schnellen Bewegungen zu machen, die sie im Dunklen verraten könnten. Sie hatten ihre Kaputen übergezogen und ihr Masken vor die Gesichter gelegt, damit ihre Haut sie im Schein der Monde nicht verriet. Tatsächlich waren sie sogar so leise, dass sie einen nahen Schneehasen erst dann aufschreckten, als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt waren und er zufällig zum Schnuppern seine Nase in ihre Richtung hielt.

Luciens Herz raste vor Aufregung, denn auch er war nicht wirklich erpicht auf einen Kampf. Er wusste, dass dies nur schlecht für ihn ausgehen konnte, wegrennen würde er allerdings dennoch so lange nicht, wie Hilda es ihm nicht befahl.

Die Zufluchtsleiterin hielt immer wieder inne und beobachtete die Türme und die Banditen, die auf ihnen Wache hielten. Doch niemand schien etwas bemerkt zu haben, so verblüffend es auch schien. Lucien war über sich selbst erstaunt, denn er hätte nicht erwartet, dass sie in der Tat völlig unbehelligt davon kamen. Nachdem sie die Türme hinter sich gelassen hatten, schlugen sie sich in die Büsche und betraten erst wieder die Straße, als die Banditen sie von ihrem Lager aus nicht mehr sehen konnten.

»Sehr gut, halbe Portion«, lobte Hilda. »Ich hätte nicht erwartet, dass du dich so gut schlägst. In dir steckt mehr, als man meinen mag.«

Der Junge lächelte stolz.

»Aber bilde dir nicht zu viel darauf ein!«, schwächte sie sogleich ab. »Außerdem müssen wir die verlorene Zeit aufholen. Komm, nicht trödeln. Wir haben noch ein, zwei Meilen zu gehen.«

Dies versprach wieder einmal eine lange Nacht zu werden, doch er nahm es klaglos hin und folgte Hilda. Diese legte einen strammen Schritt vor und machte den Eindruck, mehr als nur ein oder zwei Meilen in dieser Nacht zu schaffen.

Erst als Mitternacht schon seit geraumer Zeit vorüber war und Luciens Beine bereits brannten und schmerzten von dem straffen Wandern, hielten sie und machten für den Rest der Nacht Rest. Fast augenblicklich schlief der Junge ein.

In seinem Schlaf träumte er sonderbare Dinge. Er stand in einem lichten Birkenwald, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Ringsum waren in der Ferne Berge zu sehen, und von ihnen hallte ein seltsames Geräusch wieder, eine Art Rauschen wie von einem Wasserfall, nur … wilder. Er konnte es kaum beschreiben und einordnen, worum es sich dabei handelte, erst recht nicht.

Doch dann machte er am Himmel einen sonderbaren Schemen aus. Erst dachte er, es handelte sich dabei um einen großen Vogel, doch als das Wesen von den Bergen herabflog und immer näher kam, erkannte er, dass es kein Vogel war. Außerdem schien es die Quelle der sonderbaren Geräusche zu sein.

Und dann war es heran, ein riesiges Ungetüm aus Schuppen, Klauen und Hörnern. Ein Drache! Er sah genauso aus wie die Statue im Talos-Platz-Bezirk, nur wilder und vor allem viel lebendiger. Immer wieder brüllte der Drache, kreiste in weiten Bahnen über den Birkenwald und schien etwas zu suchen. Beute? Etwas anderes? Als er donnernd über Lucien hinweg zog, ignorierte er den Jungen jedoch, obwohl er sicher war, dass der Drache ihn bemerkt hatte.

Nach einiger Zeit, in der er nichts anderes gemacht hatte als zu kreisen und gelegentlich zu brüllen, zog der Drache ab. Er flog in Richtung des Halses der Welt und schien dessen Gipfel anzustreben. Ob er dort sein Nest hatte?

Fast bedauerte es Lucien, dass er wieder aufwachte. Er hatte einen richtigen, echten Drachen gesehen, und es war ihm egal, dass es nur im Traum geschehen war. Ein Drache, wie aufregend! Der Traum war irgendwie sonderbar gewesen, aber dennoch freute er sich über ihn sogar so sehr, dass er seine Müdigkeit und den mangelnden Schlaf ignorieren konnte.

Sie aßen rasch etwas, packten ihre Sachen und zogen dann weiter. Hilda machte klar, dass sie noch am Abend Riften erreichen wollte, auch wenn der Weg noch weit war. Dies bedeutete also ein weiterer langer Tag mit einem straffen Marsch. Lucien klammerte sich an die Erinnerung an seinen Traum, um sich bei Laune zu halten. Hilda sagte er nichts davon, da er spürte, dass sie ihn nur auslachen würde und das als die Träumerei eines Jungen abtun. Und wahrscheinlich war es auch nicht mehr als das. Lucien beschloss, bei Gelegenheit mehr über die Drachen herauszufinden, die so eng mit der Geschichte dieses Landes verbunden zu sein schienen.

Nach wenigen Meilen lichteten sich die Bäume zu ihrer linken und gaben den Blick frei über ein weites ebenes Gebiet, das jedoch anderes als die Tundren von Weißlauf von allem von nackter Erde und blankem Fels geprägt war. Nur vereinzelt standen die Bäume hier, doch die Landschaft war geprägt von vielen kleineren Gewässern, von denen Dampf aufstieg. Die Hitze flimmerte über dem brackigen, warmen Wasser der Sees.

»Die Thermalseen von Ostmarsch sind bei vielen beliebt, die Gelenkschmerzen haben«, warf Hilda ein. »Das warme Wasser, das hier zusammen mit den Dämpfen an die Oberfläche steigt, soll dabei sehr behilflich sein.«

In diesem Moment stieg von einem der Tümpel in der Ferne eine hohe Wassersäule explosionsartig in die Höhe. Lucien stieß einen Laut der Überraschung aus.

»Was war denn das?«, rief er begeistert.

»Beruhig dich, halbe Portion«, lächelte Hilda. »Das war ein Geysir, die findest du hier öfters.«

Damit befand sie die Rundschau über das Gelände für beendet und ging weiter. Lucien, obgleich er gern die sonderbare Landschaft genauer untersucht hätte, statt nur an ihrem südlichen Rand vorbei zu laufen, folgte ihr dennoch. Immer wieder wanderte sein Blick jedoch nach Norden, in der Hoffnung, noch einen Geysir zu beobachten. Doch seine Hoffnung wurde enttäuscht, anscheinend war dieses Naturphänomen sehr launisch und zeigte sich nur selten.

Eine ganze Weile marschierten sie nördlich einer großen Felsformation entlang und arbeiteten sich langsam immer höher an ihr empor. Riften lag auf einer Hochebene zwischen mehreren Gebirgen, diese hohe Felsmauer markierte das nördliche Ende der Ebene. Schließlich bogen sie nach Süden ab, woraufhin der Weg begann, sich das letzte Stück in Serpentinen die Felswand emporzuarbeiten. Er schnitt teils tief in den Fels ein und es wurde deutlich, dass an manchen Stellen mit Pickäxten hatte nachgeholfen werden müssen, um Platz zu schaffen.

Doch schließlich war auch das geschafft und sie befanden sich nun im Herzstück des Rift, des Fürstentums um Riften herum. Ein lichter Birkenwald erstreckte sich durch fast das gesamte Fürstentum, und mit Erstaunen stellte Lucien fest, dass es jener Wald aus seinem Traum gewesen war. Quasi schon automatisch wanderte Luciens Blick zum Hals der Welt, der auch hier noch freilich sehr gut zu sehen war.

»Lebt dort oben ein Drache?«, fragte er und deutete auf den Berg, ehe er merkte, was er da gefragt hatte. Doch da war es schon zu spät und die Worte waren gesprochen. Wie peinlich!

»Blödsinn«, schnaube Hilda. »Ich sagte doch, dass es keine Drachen mehr gibt. Schlag dir solche Flausen aus dem Kopf, du hast Wichtigeres, um das du dir Gedanken machen solltest.«

»Natürlich, Herrin«, sagte er eilig. »Das war dumm von mir.«

Und das war es in der Tat. Er nahm sich fest vor, seine Nachforschungen zu den Drachen von Skyrim auf einen unbestimmten späteren Zeitpunkt zu legen, wenn nicht so wichtige Dinge wie seine Ausbildung anstanden. Selbst, wenn dies bedeutete, dass er damit noch lange warten musste. Doch es eilte ja nichts und Bücher rannten nicht weg.

Die Wanderung durch Rift war sehr angenehm. Gelegentlich sprangen Hirsche oder auch der eine oder andere Elch vor ihnen davon, Hasen und Vögel bevölkerten zahlreich die Wälder des Fürstentums. Es war sehr schön hier, befand Lucien, denn der Wald stand nicht so dicht wie in Falkenring und ermöglichte damit einen deutlich weiteren Blick.

Lucien hatte leider nicht so viel Zeit und Ruhe, um die Landschaft genießen zu können, wie er gerne hätte, denn ungeachtet der Natur um sie herum legte Hilda noch immer ein straffes Tempo vor. Sie war anscheinend wirklich felsenfest davon überzeugt, heute noch Riften zu erreichen, egal, wie müde sie dann waren. Es dämmerte schon, aber sie schien sich davon nicht beirren zu lassen.

Doch da hielt sie mit einem Male an. Sie hatten bereits die kleine Bergbausiedlung Shors Stein umgangen und hinter sich gelassen. »Still!«, zischte sie. »Hörst du das?«

»Stimmen!«, wisperte Lucien. »Vor uns.«

In der Ferne war ein Wachtturm zu sehen, der das Banner des Fürstentums trug. Zu dessen Füßen erschienen hinter einer großen Felsformation mehrere Wachtsoldaten des Rift. Hastig sah sich Hilda um, doch es gab keine Versteckmöglichkeit. Zudem schien es, dass die Soldaten sie bereits gesehen, wenn auch noch nicht erkannt hatten. Doch das war nur eine Frage der Zeit, denn zu ihrem eigenen Schutz trugen sie ihre Eingehüllten Rüstungen, um gegen Angriffe von wilden Tieren gewappnet zu sein. Die Soldaten brauchten also nur nahe genug zu kommen, um sie als Mitglieder der Dunklen Bruderschaft auszumachen. Wenn sie sich nun hastig zu verstecken oder zu tarnen suchten, wäre dies ebenfalls sehr verdächtig.

»Ach, scheiß drauf«, knurrte Hilda.

Und dann begann sie sich zu verwandeln. Ihre Glieder wurden länger und kräftiger, Fell wuchs ihr mit einem Male am ganzen Körper und auch ihr Kopf verformte sich. Er wurde größer und größer und ein Maul wuchs ihr mitten aus dem Gesicht.

Lucien wusste, was hier passierte, und dennoch war er erschrocken, als er den Werwolf das erste Mal in seiner natürlichen Form sah. Hilda brüllte animalisch auf, dass es ihm eiskalt den Rücken hinab lief, und dann stürmte sie auf die ebenso erschrockenen Soldaten zu.

Es war nur eine Sache von Augenblicken. Die Handvoll Soldaten, die die Straße patrouillierten, waren völlig überrumpelt, einige konnten noch nicht einmal ihre Waffen ziehen, ehe Hilda über sie her fiel. Der Werwolf hieb mit seinen langen Klauen wild um sich und schnappte nach den Männern. Deren Fleisch riss wie Papier, und sie wurden von den Hieben teils mehrere Schritte weit durch die Luft geschleudert. Ihre Schreie waren kurz und schmerzvoll und zeugten von ihrer Pein und Angst.

Lucien sah dem Schauspiel stocksteif zu. Der Anblick des Todes war ihm mittlerweile sehr vertraut und unter normalen Umständen hätte er darauf gebrannt, sich am Kampf zu beteiligen. Doch dort vor ihm zerriss ein Werwolf die Soldaten in der Luft wie Spielzeug! Das war ein Anblick, an dem er sich definitiv nicht so schnell gewöhnen würde.

Nachdem alles vorbei war, tappte Hilda wieder zu ihm, als sei nichts gewesen.

»Angst?«, fragte sie. Ihre Stimme hatte sich ebenso verändert, klang wilder und ein gutturales Knurren schwang in mir mit.

Kleinlaut nickte Lucien und hoffte, dass sie ihre wilde Natur ihm gegenüber beherrschen konnte.

»Gut so.« Sie schien amüsiert darüber. »Das solltest du auch. Aber komm jetzt und hilf mir, die Leichen zu verstecken.«

Noch während sie sich umdrehte, um zum Schauplatz des Kampfes zurückzukehren, endete die Verwandlung, und es war wieder Hilda, die in aller Seelenruhe die Straße entlang ging. Lucien brauchte einige Momente, bis er sein rasendes Herz beruhigt hatte und seine steifen Glieder ihm wieder gehorchten. Werwolf hin oder her, es war noch immer Hilda, seine Zufluchtsleiterin, und als solche würde sie, gebunden an die Gebote, ihn nicht töten, selbst wenn sie ihre Biestform trug. Hatte er sich wirklich noch einen Tag zuvor gewünscht, sie einmal in Aktion zu sehen? Nach dem soeben Gesehenen erschien ihm das recht sonderbar.

Sie schleiften die Leichen von der Straße weg und versteckten sie in einem Gebüsch, wie sie die Körper zusätzlich mit Laub bedeckten. Dann versuchten sie bestmöglich das Blut auf dem Boden mit Staub zu bedecken und die Spuren des Kampfes zu verwischen. Wirklich optimal war es nicht, aber es sollte reichen, um nicht sofort aufzufallen.

»Wie kommen wir dann eigentlich nach Riften hinein?«, fragte Lucien.

»Riften ist seit jeher die Stadt der Diebe«, sagte Hilda. »Und die Diebe sind ein gewitztes Volk. Sie haben diverse Geheimwege angelegt, um unbemerkt die Stadt betreten und verlassen zu können. Unter den Straßen Riftens zieht sich ein weit verzweigtes Kanalisationssystem entlang, Rattenweg genannt. Die Unterwelt der Stadt hatte den Rattenweg schon vor Zeiten erweitert und an ihre eigenen Bedürfnisse angepasst. Es ist dennoch Vorsicht geboten. Manche Ecken sind schon lange nicht mehr benutzt worden und wer weiß, was dort heute alles haust.«

Noch ehe sie in Sichtweite des Stadttores kamen, schlugen sie sich nach Westen in die Wälder. Nach einem weiten Bogen, um sicher zu gehen, dass keine Torwache sie trotz der mittlerweile hereingebrochenen Nacht gesehen hatte, näherten sie sich der Stadtmauer. Hilda schien nach etwas Bestimmten Ausschau zu halten, und Lucien vermutete, dass es einer der Eingänge war, von dem sie gesprochen hatte.

Sie wurde recht bald bei einer kleinen Felsgruppe fündig. Gut verborgen unter einem Busch fanden sie hier eine Falltür. Sie war verschlossen, doch ein kräftiger Hieb mit der Axt löste das Problem rasch. Hilda schob die Holztrümmer beiseite und offenbarte damit eine Leiter, die in die dunkle Tiefe hinab führt.

»Roche wird nicht erfreut sein«, murmelte sie vor sich hin. »Er hätte mir eben den Schlüssel geben sollen, seine Schuld.«

Damit machte sie den Anfang und stieg die Leiter hinab. Mit einem kleinen Illusionszauber sorgte sie für Licht. Lucien folgte ihr. Ein kalter Wind wehte ihnen entgegen und die Luft roch muffig. Gelegentlich löste sich ein Tropfen von der Wand und fiel weiter unten platschend auf den Boden.

Sie kletterten nur wenige Schritt in die Tiefe hinab, dann erreichten sie den schlammigen Boden, der mit allerlei Unrat bedeckt war. Lucien verzog angewidert das Gesicht, ehe ihm auffiel, dass es einst eine Zeit gegeben hatte, wo ihm all der Dreck nichts ausgemacht hatte, da er in ihm gelebt hatte. Es schien ihm wie ein anderes Leben, jetzt, wo er sich an die Annehmlichkeiten der Zufluchten gewöhnt hatte. Ein wenig erstaunte es ihn, wie verwöhnt er geworden war.

Hilda hatte indes eine Fackel an der Wand ausgemacht und löste sie aus ihrer Halterung. Mit einem einfachen Feuerzauber entzündete sie die Fackel und erhellte so auf konventionelle Weise den Gang.

»Blöde Magie«, murrte sie. »Kein Nord nutzt sie.«

»Sie hat ihren Nutzen«, warf Lucien ein. »Oder?«

»Aber ein Nord zaubert nicht«, hielt sie dagegen. »Das machen nur verweichlichte Kaiserliche. Nun, du hast dennoch Recht. Lass uns gehen.«

Damit war für sie das Thema beendet und sie ging zielstrebig den Gang entlang. Sie wusste anscheinend, wo es lang ging, denn wenn sie andere Gänge kreuzten, zögerte sie meist nicht mit ihrer Wahl des Weges. Lage Zeit wanderten sie abgesehen vom Fackelschein im Dunkeln, doch nach einer Weile wurden die Anzeichen menschlicher Anwesenheit deutlicher, und wenn es nur ein Haufen feuchten, schimmeligen Strohs in irgendeiner Ecke sowie ein paar Lumpen waren. Es schien den Abschaum der Gesellschaft nach hier unten verschlagen haben, aber auch die kriminelle Unterwelt.

»Hat die Bruderschaft gute Beziehungen zur Diebesgilde?«, fragte Lucien irgendwann.

»Ich weiß ja nicht, wie es in anderen Provinzen des Kaiserreichs aussieht, aber Roche und ich verstehen uns wirklich gut«, sagte Hilda. »Nun, wie man sich eben gut mit einem Dieb verstehen kann, aber er weiß, dass ich ihm die Hand abhake, wenn er mir mein Geld stehlen will. Du bist übrigens gut beraten, gut auf deine Wertsachen aufzupassen, während du in der Stadt bist. Diebe stehlen nicht voneinander, aber wir sind ja keine Diebe. Du darfst allerdings auch ruhig einen Dieb abstechen, wenn er dir etwas zu stehlen versucht. Roche mag das zwar nicht, aber wenn seine Diebe dumm genug sind, von uns zu stehlen, ist das sein Problem und nicht unseres.«

»Ist der Anführer der Diebesgilde nicht der Graufuchs?«, fragte Lucien.

»Das ist er«, bestätigte sie. »Allerdings kann er nicht in allen Stützpunkten seiner Gilde zugleich sein, also braucht er an anderen Orten Repräsentanten. Hier ist es Vernon Roche.«

Mittlerweile häuften sich die Zeichen menschlicher Anwesenheit. Anscheinend waren sie zu so etwas wie Wohnquartieren für die Armen gekommen. Gelegentlich gingen Türen von den Gängen ab und auch sonst fanden sie immer wieder den einen oder anderen Tisch und Stuhl, gelegentlich auch dekoriert mit etwas Essen.

Plötzlich bemerkte Lucien einen huschenden Schatten und nur kurz darauf ein leichtes Ziehen an seinem Gürtel, wo seine Geldbörse hing. Hastig griff er danach, doch da war es schon zu spät.

»Dieb!«, schrie er erbost.

Hilda reagierte geistesgegenwärtiger. Sie sprang vor und schnappte den Dieb, kaum dass er drei Schritte hatte tun können. »Ha! Hab ich dich!«, rief sie aus. »Na, was habe ich dir gesagt, Lucien? Diebe sind dreist und im Regelfall auch dumm.« Sie wandte sich an den Dieb, ein schmächtiger Junge, der sich verzweifelt in ihrem Griff wandte. »Weißt du, wen du gerade bestohlen hast?«, fragte sie ihn und hielt ihn spielend hoch.

Er versuchte nach ihr zu boxen und zu treten, doch mit wenig Erfolg. »Irgendwelche Idioten, die nicht wissen, wo sie hingehören!«, fauchte er. »Lass mich los, du Schnepfe!«

»Gerne, aber vorher überlasse ich dich Lucien«, sagte sie seelenruhig. »Er scheint sehr böse darüber zu sein, dass du ihn bestehlen wolltest.«

Das war Lucien in der Tat. Er kochte vor Wut. Das war sein Geld, das er sich selbst erarbeitet hatte! Sein erstes eigenes Geld, das er sich nicht einfach so von einer dahergelaufenen Kanalratte stehlen ließ! Ein klein wenig ärgerte er sich auch über sich selbst, dass der Dieb ihn so einfach hatte bestehlen können.

»Hier, Lucien«, sagte Hilda und schob ihm den Dieb entgegen. »Wie ich es sagte, du darfst mit ihm machen, was du willst.«

Ein boshaftes Grinsen legte sich auf Luciens Züge. Rache war süß! Es tat gut, seinen Ärger über den Dieb an diesem selbst auszulassen. Also zog er seinen Dolch und näherte sich dem Jungen langsam.

»Man bestiehlt nicht einfach so ein Mitglied der Dunklen Bruderschaft«, sagte er und ergötzte sich daran, wie das Gesicht des jungen Diebs bleich und bleicher wurde.

»Ich denke, ich stech‘ dir die Augen aus, das ist eine angemessene Entschädigung«, sagte er.

»Nein, bitte nicht!«, begann der Dieb nun zu betteln. »Ich … ich wusste doch nicht … Ich wollte doch nicht …! Bitte, nimm dein Geld und lass mich gehen!«

Doch Lucien dachte gar nicht daran. Der Dieb hatte ihn bestohlen, also sollte er dafür nun zahlen. Der Idiot würde niemanden mehr bestehlen. Es brauchte nur zwei präziser Stiche dafür. Der Dieb schrie schrill auf, während ihm Blut und seine zerstörten Augen über das Gesicht liefen. Es war ein herrlicher Anblick und die Rache sehr befriedigend.

»Das hast du davon«, verhöhnte Lucien ihn.

Hilda ließ den Jungen los, welcher zu Boden stürzte und sich schluchzend die Hände vor sein zerstörtes Gesicht hielt.

»Meine Augen! Meine Augen!«, wimmerte er immer wieder.

»Nette Sache«, kommentierte sie. »Ich hätte darauf getippt, dass du ihm eher ein paar Finger abschneidest. Aber das ist definitiv … nachhaltiger. Du gefällst mir immer mehr, halbe Portion, wirklich. Aber komm, lass uns gehen.«

Nun wieder mit deutlich besserer Laune ließ Lucien sein Opfer hinter sich zurück, nachdem er sein Geld wieder an sich genommen hatte, und folgte Hilda weiterhin durch das Tunnellabyrinth des Rattenwegs. Nach einer Weile hielt sie vor einer bestimmten Tür an und öffnete sie. Als sie hindurchtraten, fanden sie sich im Inneren einer Zisterne wieder, anscheinend das Wasserreservoir für einen der Brunnen der Stadt über ihnen, denn ein Wasserbecken befand sich in der Mitte des Raumes. Auf der anderen Seite der Zisterne befand sich etwas, das Lucien bei genauerem Hinsehen als Schenke ausmachte. Entlang der Wände des großen Raumes waren zudem mehrere Nischen eingelassen, die sich Händler zu ihrem Sitz auserkoren hatten. Lucien war erstaunt. Damit entpuppte sich der Rattenwegs endgültig als Stadt unter der Stadt, wie faszinierend!

Hilda hielt sich nicht lange mit irgendwelchem Staunen auf, da sie all das offenbar bereits kannte. Sie hielt geradewegs auf die Schenke zu.

»Willkommen in der Zerbrochenen Flasche«, sagte sie zu Lucien, »dem Operationszentrum der Diebesgilde in Himmelsrand. Fühl dich wie zu Hause, wie Roche dir sicherlich auch gleich sagen wird.«

Die Schenke war gut besucht. Der Schankwirt stand hinter seinem Tresen und verschmierte mit einem ranzigen Lappen die Flecken auf der Theke, während mehrere Leute, Menschen wie Mer, an den Tischen der Bar saßen und verschiedene Speisen und Getränke genossen. Entgegen dem ersten Eindruck, den all das machte, wirte das, was hier ausgeteilt wurde, durchaus hochwertig.

Ihre Ankunft schien niemanden weiter sonderlich zu stören; anscheinend war man es gewohnt, dass gelegentlich ein Mitglied der Bruderschaft vorbei sah. Lediglich Lucien erhielt einige längere Blicke, als wolle man herausfinden, wer dieses neue Gesicht an Hildas Seite war. Ebenjene hielt zielstrebig auf einen der Tische zu, an welchem ein Bretone mittleren Alters, dunklem Haar und auffallend unauffälligen Gesicht saß, klopfte auf den Tisch und setzte sich dann ungefragt dazu. Der Mann gehörte zu jener Sorte Mensch, die man eigentlich sogleich wieder vergaß, sobald man ihn sah. Und doch war etwas an ihm, das Lucien nicht benennen konnte und das ihn sehr wohl sehr besonders machte.

»Ah, Hilda, direkt wie eh und je!«, begrüßte sie der Mann offenbar keineswegs erbost über ihr Verhalten. »Was verschlägt Euch zu uns und wer ist der junge Mann an Eurer Seite? Ein neues Familienmitglied?«

»Exakt«, bestätigte sie. »Lucien, komm setz dich zu uns. Das ist Vernon Roche. Sei höflich, ihm kannst du nicht so leicht die Augen ausstehen, wenn er dir etwas stiehlst, weil du ihn verärgert hast.«

Lucien beherzigte diesen Rat und bemühte sich, möglichst unauffällig zu sein. Er murmelte eine Begrüßung und setzte sich zu den beiden Erwachsenen. So wirklich wohl fühlte er sich hier nicht. Er war unter Garantie von Dieben umgeben, was ihm das Gefühl gab, dass jeder von ihnen ein Auge auf sein Geld geworfen und sicher auch schon einen Finger, wenn nicht gar die ganze Hand daran gelegt hatte.

»Augen ausgestochen?«, wiederholte Roche mit hochgezogener Braue. »Habt Ihr schon wieder einen meiner Diebe malträtiert? Ihr wisst, dass ich das nicht mag.«

»Ihr werdet es auch nicht mögen, wenn ich Euch sage, dass ich den Westeingang mal wieder offengelegt habe«, konterte Hilda. »Ich habe Euch aber auch oft genug gesagt, dass Ihr mir einfach den Schlüssel geben sollt, ebenso, dass Ihr endlich Euren Leuten einbläuen sollt, keinen Dunklen Bruder oder keine Dunkle Schwester zu beklauen. Lucien hat nur gleiches mit gleichem vergolten.«

Roche musterte den Jungen. »Du hast einem meiner Diebe die Augen ausgestochen?«, fragte er durchaus mit Verwunderung in der Stimme. »Sieh einer an. Traut man dir gar nicht zu. Andererseits bist du Teil von Hildas Familie. Aber ich vergesse meine Manieren. Wirt, etwas zu essen und zu trinken für die beiden auf meine Rechnung!«

Der Mann kam dem rasch nach. Als er serviert hatte, wandte sich Roche wieder an die Neuankömmlinge.

»So, nun noch einmal«, sagte er. »„Was lässt Euch uns beehren? Sicher nicht nur ein netter Plausch.«

»Wir haben ein Problem, das  sich da General Consantius Tituleius nennt«, eröffnete Hilda.

»Dann stecht ihn ab«, sagte der Dieb geradeheraus. »Ist es nicht das, was Ihr für gewöhnlich tut?«

»Durchaus«, bestätigte Hilda. »Doch dieses Mal bedarf es etwas anderer Methoden – subtilere, um genau zu sein. Ihn einfach zu ermorden, wäre zu offensichtlich und würde nur den Zorn seiner Männer gegen uns erwecken, was uns damit kein Stück weiter bringt. Nein, Tituleius muss auf andere Weise verschwinden. Und da kommt Ihr ins Spiel.«

»Wie viel zahlt Ihr?«, fragte Roche sogleich.

»Tausend Septime«, nannte sie ihr Startgebot.

Der Dieb schnaubte. »Pah! Das würdet Ihr nicht einmal Euren eigenen Assassinen zahlen, wenn Ihr ihn doch ermorden lassen würdet. Nein, da muss etwas drauf gelegt werden, ein ziemlicher Batzen, ehrlich gesagt. Ein so hohes Tier wie Tituleius aus dem Rennen zu werfen, ist sehr kostspielig. Ich brauche Diebe, Kontaktmänner und Material. Es müssen zig Fälschungen angefertigt, Bestechungen vorgenommen werden. So einfach ist das nicht, was Ihr da von uns verlangt.«

»Und wenn ich die Zusammenarbeit mit der Bruderschaft anbiete, würde das euren Preis senken?«, fragte sie. »Immerhin könntet Ihr so Material sparen, um es einmal so auszudrücken. Eure Gilde hat Fähigkeiten und Möglichkeiten, über die wir nicht verfügen, doch umgekehrt gilt dasselbe.«

»Das hängt von den Details ab, die wir noch besprechen müssen«, sagte Roche. »Aber einen gewissen Preisnachlass könnte ich mir durchaus vorstellen, nur die Höhe bleibt abzuwarten. Ich gehe ohne das jedoch von dreitausend Septimen aus.«

»Da kann man sicherlich noch etwas machen«, hielt Hilda weiterhin dagegen. »Zweitausendfünfhundert.«

»Zweitausendneunhundert.«

»Zweitausendsiebenhundert.«

»Zweitausendsiebenhundertfünfzig. Unter Vorbehalt, sollten die Bedingungen mehr verlangen.«

»Abgemacht.«

»Abgemacht.«

»Und über den Preisnachlas sprechen wir, wenn wir die Details haben und wir wissen, wie wir uns am besten gegenseitig unterstützen«, fügte Hilda noch an.

Roche seufzte, schmunzelte aber. »Hart wie eh und je«, kommentierte er. »Aber ja, das tun wir. Ihr sollt jedoch erst einmal ruhen, der Weg war sicherlich weit und dieser Tage nicht ohne Gefahren. Nicht, dass Euch das arg in Bedrängnis bringen würde. Fühlt Euch dennoch wie zu Hause. Das gilt natürlich auch für Euren jungen Begleiter.«

Als Hilda sich bedankt hatte für die Gastfreundlichkeit, und sie beide schon im Gehen begriffen waren, fügte Roche noch an: »Ah, Hilda, und irgendwann stelle ich Euch die Kosten für die Falltür in Rechnung.«

»Gebt mir einfach den Schlüssel«, flötete sie und entschwand in den Nachbarraum.

Lucien folgte ihr. Es handelte sich hierbei um eine weitere Zisterne. Die anscheinend den Kern des Diebesversteckes ausmachte. Zahlreiche Diebe verweilten hier, schwatzten miteinander oder pflegten ihre Ausrüstung. An den Wänden waren verschiedene Wohnparteien aufgestellt, Betten, Regale, Truhen, Tische. Alles, was es brauchte, um dieses feuchte Loch in der Erde erstaunlich wohnlich zu machen.

Anscheinend kannte man Hilda unter den Dieben sogar sehr gut. Sie wurde freundlich aufgenommen und man gab ihr und Lucien bereitwillig einen Platz zum Schlafen. Selbst die Betten waren durchaus als komfortabel zu bezeichnen.

»Alles in allem ein guter Tag«, sagte Hilda. »Roche hat es nicht gesagt, aber er hat mir einen Freundschaftspreis angeboten. Eigentlich hätte ich nicht feilschen sollen, aber das hätte er mir wahrscheinlich sogar noch verübelt. Nun, du jedenfalls hast ebenso ganz schön Eindruck geschunden.«

»Wirklich?«, Lucien war erstaunt. »Ich habe doch nichts weiter getan als dazusitzen und schweigend zuzuhören.«

»Aber du hast dem Dieb, der dich bestehlen wollte, die Augen ausgestochen«, erinnerte Hilda ihn. »Zwar mag es Roche nicht, wenn wir seine Diebe auf diese Weise zurichten, wie gesagt, aber jetzt weiß er, aus welchem Holz du geschnitzt bist und dass mit dir zu rechnen ist. Genau das solltest du hier zeigen, halbe Portion. Du siehst ja, unsere Kontakte zur Diebesgilde sind durchaus zum beiderseitigen Nutzen, daher ist es auch für dich von Vorteil, wenn du hier bekannt bist. Und das bist du nach dieser Nummer auf jeden Fall.«

Die Logik gefiel Lucien durchaus sehr. Wenn er sich auf diese Weise den Respekt der Leute erarbeiten konnte, dann war das eine sehr angenehme Weise. Er fühlte sich stark und überlegen und malte sich bereits aus, was erst sein würde, wenn er im Rang aufgestiegen war und er sich einen Namen in der Unterwelt des Kaiserreiches gemacht hatte. Die Bruderschaft war sehr mächtig, wie er mittlerweile wusste. Kam er in ihren Reihen zu einem Namen, würde das auch über ihre Grenzen hinaus gehört werden.

»Ich danke Euch für diese Gelegenheit, die Ihr mir gegeben habt«, sagte er daher.

Hilda winkte ab. »Ich mag dieses katzbuckelige Gesülze nicht, das weißt du. Aber ja, gern geschehen. Du bist Teil der Familie, und um die Familie kümmert man sich eben. Und jetzt schlaf, der Tag war lang und ich habe morgen noch vieles mit Roche zu besprechen.«

Mit diesen Worten zog sie ihre Stiefel aus, legte sich auf ihr Bett, zog die Decke bis zu den Ohren und schnarchte schon wenige Augenblicke später. Lucien schmunzelte, tat es ihr dann aber nach. Der Tag war in der Tat lang gewesen, und er war froh, endlich Ruhe zu finden. Und so war auch er rasch eingeschlafen.

Hilda war so freundlich und ließ ihn ausschlafen. Als er erwachte, sah er, dass sie bereits aufgestanden und verschwunden war. Nachdem er sich gestreckt und sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, sah er sich um. Es herrschte bereits reger Betrieb im Heim der Gilde, jeder schien etwas zu tun zu haben, und kaum jemand achtete auf den Jungen. Dieser nutzte die Gelegenheit, um sich etwas umzuhören und unauffällig einige Gespräche zu belauschen. Er fand mittlerweile einigen Gefallen daran, andere Leute auf diese Weise auszuhorchen. Wie es sich herausstellte, fiel ihm das recht einfach, da niemand so recht auf ihn zu achten schien. Er brauchte einfach so tun, als würde er etwas genauer begutachten, und sperrte die Ohren auf.

Die Diebe sprachen vor allem über ihre Diebstähle. Anders als die Bruderschaft schienen Diebe oftmals auf eigene Faust zu arbeiten. Sie suchten sich ein Haus aus, stiegen ein und nahmen mit, was ihnen die Mühe wert schien. Die Gilde hatte zahlreiche Hehler, an welche sie ihr Diebesgut verkaufen konnten und so zu ordentlich Geld machten. Auf diese Weise schien die Gilde einen beträchtlichen Gewinn machen zu können, nicht nur durch Aufträge wie jenen, den Hilda an Vernon Roche herangetragen hatte.

Doch dann beschloss Lucien, dass er seine Zufluchtsleiterin nicht allzu lange warten lassen sollte. Wer wusste schon, wie lange sie schon auf den Beinen war. Er betrat also die Zerbrochene Flasche und fand hier in der Tat Hilda und Roche in ein Gespräch vertieft vor.

»Setz dich zu uns, Lucien«, sagte Hilda zu ihm, als sie ihn bemerkte. »Der Wirt soll dir ein Frühstück bringen.«

Die kleine Unterbrechung schien die beiden nicht weiter gestört zu haben. Nachdem Lucien sein Essen bekommen hatte, hörte er zu, was sie zu besprechen hatten. Es ging anscheinend nun um die Details des Auftrages, General Consantius Tituleius zu beseitigen.

Lucien war erstaunt, wie viel für so etwas besprochen werden konnte, denn es brauchte tatsächlich den ganzen Tag dafür. Hilda nannte, was sie sich in etwa vorgestellt hatte, und Roche bestätigte, ob dies im Rahmen der Diebesgilde möglich war oder nicht. Sie legten sich mögliche Vorgehensweisen und erste grobe Pläne zurecht und überlegten, was alles benötigt werden könnte und wie ihre Zusammenarbeit aussehen konnte.

Der Junge hörte aufmerksam zu und überlegte, was er daraus lernen konnte, denn dafür war er schließlich mitgekommen. Es galt, Kontakte zur Diebesgilde zu knüpfen und, wie eigentlich immer, seine Fähigkeiten als Mörder der Bruderschaft zu schulen. Hilda und Roche gingen sehr überlegt vor und spielten duzende Szenarien durch, die sich potenziell ereignen könnten, während sie gegen den General vorgingen.

Stets waren aber gefälschte Dokumente und Bestechungen Kern ihrer Planungen. Den General einfach zu ermorden, würde viel zu leicht zur Dunklen Bruderschaft zurückzuführen sein, also musste er irgendwie aus dem Weg geschafft und ersetzt werden durch einen Nachfolger, der die Ambitionen Consantius Tituleius‘ nicht teilte und somit die Bruderschaft in Ruhe ließ. Ein geeigneter Nachfolger musste daher gefunden und mithilfe der Diebe an die richtige Position gesetzt werden, nachdem Tituleius aus dem Weg geräumt worden war, am besten versetzt in eine weit entfernte Provinz des Kaiserreiches, wo er die Bruderschaft nur noch schwer behelligen konnte.

Ihre Planungen gingen sogar so weit, dass sie den Zuhörer in Bravil in Cyrodiil kontaktieren wollten, um ihn zu bitten, die Mutter der Nacht zu befragen, ob sie hilfreiche Informationen für sie besaß. Des Weiteren wollte Roche sein Netz von Spionen und Mittelsmännern mobilisieren. So mächtig die Bruderschaft auch war, sie besaßen solche Mittel nicht, denn sie erhielten ihre Aufträge über die Mutter der Nacht. Wenn das Schwarze Sakrament vollzogen wurde, wurde damit zu ihr gebetet und sie gab die Informationen an ihren Zuhörer weiter. Das machte ein weit ausgefächertes und gut ausgebautes Netz von Informanten unnötig, denn die Mutter der Nacht hörte alles, was für die Bruderschaft von Belang war.

Lucien erfuhr so viele interessante Dinge, wie vor allem die Diebesgilde aber auch die Bruderschaft arbeiteten. Es war sehr viel auf einmal, doch mittlerweile war er recht gut geübt drin, sich viele Informationen auf einmal zu merken. Dies war Wissen, das ihm sicherlich irgendwann noch einmal von Nutzen sein würde.

In den Abendstunden waren Hilda und Vernon Roche fertig mit ihren Planungen und alle weiteren Schritte zur Beseitigung General Consantius Tituleius‘ konnten in die Wege geleitet werden. Es würde höchstens noch einige Wochen dauern, bis die Bruderschaft endlich Ruhe vor ihm hatte.

Der Barde von Weißlauf

Obgleich Lucien einige interessante Dinge von ihrem Ausflug nach Riften hatte mitnehmen können, nicht zuletzt tiefe Einblicke in die Unterwelt des Landes, so fragte er sich dennoch auf ihrem Rückweg, ob es wirklich so nötig gewesen wäre, dass er mitgekommen war. Im Prinzip hatte er kaum etwas anderes getan, als stillschweigend zuzuhören und kaum drei Worte am Stück zu sprechen, weil es nichts gegeben hatte, bei dem er mitreden konnte. Dennoch war Hilda der Ansicht, dass er sehr wohl einen großen Gewinn daraus hatte ziehen können, vor allem, da er dem jungen Dieb die Augen ausgestochen hatte. Er glaubte ihr, aber so wirklich sah er seinen Nutzen noch nicht. Vielleicht musste er einfach die Zeit abwarten und sehen, was passierte, sollte er einmal mehr mit der Diebesgilde zu tun bekommen.

Als sie wieder die Zuflucht erreichten, waren sie sofort von neugierigen Familienmitgliedern umringt. Jeder wollte wissen, wie es nun mit ihnen weitergehen würde. Hilda kam kaum dazu, zwei zusammenhängende Sätze zu sprechen.

»Jetzt ist aber gut!«, donnerte sie irgendwann. »Ihr seid wie eine Horde Kleinkinder!«

Erst da konnte sie in Ruhe aussprechen. Was sie berichtete, schienen für die ganze Familie gute Neuigkeiten zu sein, sie waren alle in Hochstimmung.

»Und für uns gibt es ebenfalls etwas zu tun!«, freute sich Hjortkar.

»Ihr werdet wahrscheinlich sogar eine recht wichtige Rolle bekommen«, sagte Hilda zu ihm. »Ihr seid ein ehemaliger Offizier der Legion und könntet daher durchaus von Bedeutung für die Mission sein. Doch die Einzelheiten diesbezüglich können erst festgelegt werden, wenn wir die nötigen Informationen besitzen. Und darum können sich nur Roches Diebe kümmern. Ich werde derweil den Zuhörer über unser Unternehmen informieren.«

Es kehrte wieder halbwegs Normalität in der Zuflucht ein. Die Spannungen legten sich etwas, nun, da Schritte in die Wege geleitet waren, um die Gefahr zu bannen, die von General Consantius Tituleius ausging. Für Lucien hieß das, dass er nun endlich wieder zu einem geregelten Übungsablauf kam. Hilda hatte bereits einige Pläne für ihn angefertigt und war momentan noch dabei, für ihn und auch M‘raaj-Dar einen Arkanen Verzauberer zu organisieren. Keiner in der Zuflucht war sonderlich magiebegabt oder besaß mehr als grundlegendes Wissen, sodass sie insbesondere dem Khajiit damit keine große Hilfe waren. Dennoch wollte sie ihm wenigstens die Hilfe anbieten, zu der sie in der Lage war, ohne ihn zur Magiergilde zu schicken. Und das hatte M‘raaj-Dar immerhin selbst abgelehnt. Zu sicher, zu viele Regeln, zu wenig Zerstörung, sagte er.

Hilda überlegte deswegen seit einiger Zeit, ihn nach Cheydinhal zu schicken. Jetzt, da Lucien von dort für eine ganze Weile weg war, war dort Platz für den Khajiit, und Caelwen war ihm sicher eine größere Hilfe, als versuchte Selbststudien hier in Falkenring, wo er keinen fähigen Lehrer hatte.

Lucien zumindest wäre froh, wenn M‘raaj-Dar ginge. Er behandelte ihn noch immer genauso herablassend wie am ersten Tag, vielleicht sogar mehr, weil er anscheinend der Liebling aller war. Es herrschte keine Liebe zwischen ihnen, und das würde es auch nie tun. Von daher war es wohl besser, wenn einer von ihnen ging, denn es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis die beiden ernsthaft aneinander gerieten.

Sooft es ihnen möglich war, erteilten Babette und Malik Lucien Unterricht, der Rothwardone in den Kampfkünsten mit Klingenwaffen und dem Bogen, und das Vampirmädchen in der Alchemie. Lucien tat es gut, endlich wieder einen geregelten Alltag zu haben. Er hatte sich in seinem ersten Jahr bei der Bruderschaft daran gewöhnt und es sehr zu schätzen gelernt. Eine Unterbrechung davon gab es nun nur noch, wenn entweder Malik oder Babette wieder einmal einen Auftrag bekamen und auszogen, um ihn zu vollstrecken. Dies kam seltener vor als bei den anderen, doch dafür waren ihre Aufträge umso größer und umfangreicher und nahmen daher auch mehr Zeit in Anspruch.

Gelegentlich durfte auch Lucien eines der anderen Familienmitglieder auf seinem Auftrag begleiten und strich dabei jedes Mal einen kleinen Teil des Lohns ein. Allmählich wurde auch das zu seinem Alltag, obgleich es jedes Mal wieder aufs Neue ein Abenteuer und eine große Aufregung für ihn war. Ihm wurde immer mehr bewusst, wie sehr er hierher, in den Schoß der Bruderschaft, und an keinen anderen Ort gehörte.

Und dann, einige Monate waren bereits vergangen, war es schließlich so weit. Hilda ließ ihn irgendwann zu sich rufen und eröffnete ihm die Nachricht, auf die er so lange gewartet hatte.

»Du schlägst dich hervorragend, weitaus besser, als jeder von uns erwartet hätte«, begann sie. »Aber das bekommst du eigentlich schon oft genug zu hören. Um es kurz und schmerzfrei zu machen: Ich habe einen Auftrag für dich.«

Lucien riss die Augen weit auf und wagte kaum zu hoffen. »Für … mich?«, fragte er. »Ganz für mich allein?«

»Du hast noch sehr viel zu lernen, bilde dir also ja nichts auf all das Lob ein«, dämpfte sie seinen Enthusiasmus. »Aber ja, ganz für dich allein. Du wirst nie all das lernen, was du brauchst, um ein erfolgreicher Assassine zu sein, wenn du nicht endlich selbst etwas Erfahrung sammelst. Du warst jetzt bei genug Aufträgen dabei, um zu wissen, wie so etwas im Grunde abläuft, und, dass es aus mehr als nur hingehen, abstechen und wieder verschwinden besteht. Zeit, dass du dich selbst daran versucht.«

»Das ist … das ist wirklich großartig!« Lucien stammelte vor lauter Begeisterung. »Wer soll sterben? Was muss ich tun?«

»Aber stürm nicht gleich davon, sobald ich fertig bin!«, erinnerte sie ihn. »Du sollst einen Barden in Weißlauf ermorden. Nichts Besonderes, ihn einfach irgendwie zu töten, wie es dir beliebt, reicht vollkommen. Gunnar Seiden-Zunge lebt in einer kleinen Hütte im Wolkenbezirk, verbringt aber viel Zeit in der Drachenfeste. Wenn ich dir einen Rat geben darf, dann such ihn des Nachts in seiner Hütte auf und ermorde ihn dort. Sauber und ohne Zeugen, die Wahrscheinlichkeit von Zwischenfällen ist gering.«

»Und ich muss sonst nichts weiter beachten?«, hakte er nach.

»Nein. Wie gesagt, es ist ein einfacher, schlichter Auftrag«, widerholte sie. »Du bekommst den Bonus, wenn du es schaffst, keine Komplikationen hervorzurufen. Niemand bemerkt dich, niemand verfolgt dich, du tötest völlig unbemerkt dein Ziel. Allerdings rate ich dir, dass du vorher mit den anderen Familienmitgliedern über deinen Auftrag redest. Sie können dir oft hilfreiche Hinweise geben.«

Er nickte und beherzigte diesen Rat. Die Aufregung war groß bei ihm. Sein erster eigener Auftrag! Er durfte auf eigene Faust morden und einen Kontrakt der Dunklen Bruderschaft erfüllen! Endlich, endlich war es so weit und seine Karriere konnte nun erst richtig beginnen. Lucien war hoch ambitioniert und machte sich sogleich daran, mit den anderen Familienmitgliedern zu reden.

»Dein erster Auftrag, eh?«, sagte Valdimar und klopfte ihm auf die Schulter. Der Junge wurde fast von den Füßen gerissen. »Dann mal viel Erfolg, das wird schon.«

»Habt Ihr vielleicht einen hilfreichen Hinweis für mich?«“, hakte Lucien nach.

»Das ist die Sorte Auftrag, die ich liebe«, sagte der Nord. »Hin gehen, kalt machen, weggehen. So einfach ist das.«

Der Junge seufzte innerlich. Aus Valdimar schien nichts weiter herauszubekommen zu sein.

Hjortkar, der das Gespräch mit angehört hatte, mischte sich nun ein. »Das Schöne an solchen Aufträgen ist, dass du nah an dein Opfer kommst und ihm etwas wirklich Gruseliges ins Ohr flüstern kannst, bevor zu es abstichst«, sagte er. »Sei kreativ! Es ist wunderbar, wenn du zusiehst, wie bei ihnen die Erkenntnis angelangt, dass sie soeben einen Besuch der Dunklen Bruderschaft erhalten haben!« Er lachte herzhaft, doch dann kam er wieder zum Boden der Tatsachen. »Als ein alter Soldat kann ich dir sagen, dass die Mauern Weißlaufs alt und bröckelig sind. Sie bieten sicher genug Möglichkeiten, um über sie hinweg zu klettern.«

Dies war definitiv ein Hinweis, der nützlich war. Auch Babette und Malik konnten ihm weiter helfen.

»Das Wichtigste ist, dass du dich nicht aus der Ruhe bringen lässt«, sagte der Rothwardone. »Egal, was passiert, sei immer Herr der Sache. Ich weiß, das ist dein erster eigener Auftrag, da ist man immer aufgeregt; ich erinnere mich noch an meinen ersten, das war eine Nummer, kann ich dir sagen! Aber ein Assassine der Dunklen Bruderschaft stellt sich grundsätzlich immer mit kalter Logik und noch kälterem Stahl vor.«

»Du bist ein Junge«, fügte Babette an. »Auch das kannst du dir zu Nutze machen. Du weißt, dass wir verschiedene Verkleidungen vorrätig haben, etwas Passendes ist für dich da sicher auch dabei. So kommst du vielleicht einfacher in die Stadt.«

»Hjortkar riet mir, einfach über die Stadtmauern zu klettern«, gab Lucien zu bedenken.

»Ein Versuch wert, aber hoch ist immer leichter als runter«, hielt Babette dagegen. »Andererseits bist du sehr wendig und gelenkig, also wäre das durchaus eine Möglichkeit, wenn auch die gefährlichere. Du musst es selbst wissen: Bist du der bessere Schauspieler oder der bessere Kletterer?«

Lucien war sich recht bald mit sich selbst im Klaren, dass er der bessere Kletterer war. Er hatte sich zwar in Markarth recht gut geschlagen als Servierjunge, doch wohl hatte er sich dabei nicht gefühlt. Er hatte stets befürchtet, dass seine Maskerade aufflog. Also wählte er lieber den direkten Weg über die Mauern und packte entsprechendes Werkzeug ein. Ebenso verzichtete er auf Verkleidungen für die Reise und wählte schlicht und ergreifend seine Eingehüllte Rüstung. Zudem lieh er sich keine Waffen der Bruderschaft aus, sondern wählte seinen eigenen Dolch. Die Wahl schien ihm angemessen in Anbetracht der Geschichte, die ihm mit dem Dolch verband. Er packte jedoch zusätzlich einen Heil- und einen Manatrank ein, für den Notfall, dass er in eine Situation geriet, die seinen Bonus verwirkte, auch wenn er freilich nicht darauf hoffte. In seinem Gepäck landeten jedoch auch einige Gifte sowie einfaches Alchemistenzubehör für die Reise und einige Zutaten, aus denen er weitere hilfreiche Tränke mischen konnte. Das war als Ausrüstung definitiv genug, sagte er sich.

Da Hilda jedoch keine genaue Zeit genannt hatte, bis wann der Auftrag erledigt werden musste, schlief Lucien lieber noch eine Nacht darüber, ruhte sich aus und sammelte seine Kräfte. Erst dann machte er sich auf den Weg, allein, sein Gepäck in verschiedenen handlichen Taschen an seiner Kleidung verstaut, sodass es nicht im Weg war und ihn nicht in seiner Beweglichkeit hinderte.

Es war ein großartiges Gefühl, endlich einen ersten Schritt in die Selbstständigkeit als Mitglied der Dunklen Bruderschaft tun zu können. Bis jetzt war er stets angeleitet worden, hatte seine Lehrer und Vorgesetzten, die ihm stets gesagt hatten, was er wann zu tun hatte. Es war, so einfach es auch gewesen war, manchmal doch ein wenig einengend gewesen, nachdem er zuvor sein ganzes bisheriges Leben selbstbestimmend auf der Straße zugebracht hatte. Doch nun wurden seine Ketten allmählich gelockert und seine Leine länger gelassen.

Während er also so mit sich allein die Straßen Skyrims entlang wanderte, ließ er seine Gedanken schweifen. In letzter Zeit waren seine Gedanken nur selten nach Cheydinhal gegangen, da er, wie schon dort, so sehr mit seiner Ausbildung beschäftigt gewesen war. Ihm war kaum Raum für etwas anderes gelassen worden.

Doch nun fragte er sich, wie es um seine Familie dort stand. Um Caius, der mittlerweile wohl in Morrowind sein musste, war es ihm nicht sonderlich schade, doch die anderen bevölkerten seine Gedanken sehr wohl, vor allem Vicente. Ihn vermisste er am meisten von allen, sein Mentor und, ja, auch sein Vater. Vicente schien ihm ebenfalls sehr zu mögen, doch so sehr wie der Junge ihn? Diese Frage beschäftigte ihn ein ganzes Stück seines Weges, doch ohne, dass er zu einem Ergebnis kam, das nicht mit zu vielen Eventualitäten gespickt war.

Er hatte zu seiner eigenen Schande auch kaum nach Nachrichten aus Cheydinhal gefragt, doch anscheinend gab es auch kaum welche. Er nahm sich dennoch vor, genau das nachzuholen, sobald er seinen Auftrag ausgeführt hatte.

Sein Auftrag. Vicente wäre bestimmt stolz, wenn er ihn jetzt sehen könnte! Lucien jedenfalls war es auf sich selbst. Das Leben in der Bruderschaft war nicht ungefährlich, das wusste er. Nicht selten waren die anderen mit Verletzungen Heim gekommen, doch er war bisher weitestgehend ungeschoren davon gekommen. Zugegebenermaßen war er auch nie in eine Situation geraten, in der er in ernsthafte Gefahr hätte kommen können, doch man wusste nie, was hinter der nächsten Ecke lauern mochte. Von daher war das nur eine Frage der Zeit. Lucien war gespannt, wie er sich dann schlagen würde. Malik meinte zwar, dass er ein durchaus guter Kämpfer war, aber die Theorie war das eine, Praxis hingegen das andere.

Es dämmerte bereits, als Lucien Weißlauf erreichte. Er hatte ein wenig getrödelt, merkte er nun, und war zudem am Morgen später als gewollt losgekommen, da er seine Sachen noch dutzende Male durchgesehen hatte, um sicher zu gehen, dass er auf jeden Fall alles Notwendige eingepackt hatte. Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste, hatte Malik ihm einmal gesagt.

Dennoch kam ihm die Tageszeit gelegen. Vielleicht würde sein Auftrag ja wirklich darauf hinaus laufen, dass er bei Gunnar Seiden-Zunge einbrach, ihn ermordete und wieder verschwand. Ganz einfach. Das würde ein Kinderspiel werden. Er malte sich bereits seinen Bonus aus, während er sich der Stadt näherte und dabei den Lichtpunkten in der Dunkelheit auswich, die die Wachen kennzeichneten, die auf den Straßen zwischen den Bauernhöfen vor der Stadt patrouillierten.

Als er nun jedoch bereits im Schatten der Mauern stand, fiel ihm ein essenzieller Fehler in seiner Planung ein. Er kannte den Stadtplan nicht und ebenso wusste er nicht, wo sein Auftragsziel wohnte! Er wusste nur, dass es irgendwo im Windbezirk war, dem mittleren der drei Bezirke der Stadt, und dass es eine kleine Hütte war, die er sein Eigen nannte. Lucien fluchte stumm, aber leidenschaftlich. Und natürlich hatte ihn auch niemand auf seinen Fehler hingewiesen.

Kurz ärgerte er sich über seine unkooperativen Familienmitglieder, doch dann besann er sich der Worte Maliks. Ruhig und besonnen sollte er vorgehen, egal, was passierte. Also tat er genau das. Ihn hatte wahrscheinlich deswegen niemand auf seinen Fehler hingewiesen, damit er selbst daraus lernte. Immerhin wusste er jetzt auf jeden Fall, dass er sich im Vorfeld möglichst gut über unbekannte Orte erkundigen sollte.

Doch was war zu tun? Es war noch nicht so spät, dass die gesamte Stadt bereits schlief. Vielleicht hatte er Glück und irgendjemand ließ eine nützliche Information fallen. Leute zu belauschen, war eine seiner herausragendsten Fähigkeiten. Gunnar war ein Barde, der am Hof des Jarls ein und ausging. Das hieß, dass er kein Niemand war. Barden waren ebenso oft in Tavernen anzutreffen. Weißlauf war eine große Stadt und als solche würde sie mit Sicherheit eine Taverne besitzen. Er sollte dort sein Glück versuchen.

Luciens spontan gefasster Plan sah also vor, wie ursprünglich gedacht an einer geeigneten Stelle über die Mauer zu klettern, sich dann jedoch im Schatten der Häuser zu halten. Von Dort würde er mit Sicherheit an einen Ort gelangen, von dem aus er die nötigen Informationen aufschnappen konnte. Er machte sich an die Arbeit, seine Zeit war gezählt.

Es dauerte eine Weile, bis er im schwachen Licht der Gestirne einen Ort ausmachte, an dem er die Mauern erklettern konnte. Sie waren durchweg brüchig, doch oftmals bröckelte der Stein zu leicht, wenn er belastet wurde. Lucien fragte sich, warum eine Stadt eine so schlampig unterhaltene Stadtmauer besaß, doch für ihn war es insofern ein Vorteil, dass das ihm den Zugang zur Stadt erleichterte.

Er ließ sich Zeit für den Aufstieg, denn er wollte vor allem in der Dunkelheit keinen Fehltritt und damit womöglich noch einen Absturz riskieren. Die Mauern waren hoch … Dank seiner Vorsicht kam er unbeschadet oben an und stellte fest, dass die Mauerkrone angenehm breit war. Er konnte gut auf ihr balancieren und gelangte so zu einem Aussichtspunkt. Er hatte diese bereits vom Boden aus ausgespäht und gesehen, dass keiner von ihnen besetzt war. Anscheinend fürchtete der Jarl momentan keinen bewaffneten Konflikt mit anderen Fürstentümern, dass er die Sicherheit seiner Stadt so vernachlässigte. Jedenfalls führte von diesem Turm aus ein bequemer Weg hinab auf den Boden der Stadt und direkt hinein in die Schatten zwischen den Häusern. Ideal!

Lucien hatte es geschafft, er war in Weißlauf und niemand hatte ihn bemerkt. Nun galt es herauszufinden, wo er zuschlagen musste. Nach einem kurzen Umschauen erkannte er, dass er sich wahrscheinlich im Tiefenlandbezirk befand, dem untersten der drei. Nachdem er zwischen den Häusern hervorlugte, sah er die Hauptstraße, die sich vom Haupttor aus zu einem Markplatz und weiter hinauf in den Windbezirk und den Palastbezirk schlängelte. Und wo ein Markt war, da war eine Taverne sicher nicht weit. Er schlich los.

Der Tiefenlandbezirk war voller kleiner Hütten, die keinen sonderlich wohlhabenden Eindruck machten. Doch keine davon war sein Ziel, dieses stand einen Bezirk weiter oben. Daher machte er sich gar nicht erst die Mühe, diese Hütten zu untersuchen und damit eine Entdeckung zu riskieren. Stattdessen schlich er gleich entlang der Mauer in Richtung Norden und damit in Richtung des Marktes, den er bereits erspäht hatte.

Wie er vermutet hatte, wurde er hier fündig. Um den Markt herum standen mehrere Verkaufsstände, aber auch zwei Läden, anscheinend ein Gemischtwarenhändler und ein Alchemist, wie der Junge an den Schildern erkannte. Eine einzelne Wache wanderte über den Platz und umrundete soeben den Brunnen, doch sie schien ihn nicht bemerkt zu haben. Überhaupt trugen die Wachen in Skyrim sonderbare Helme, die fast ihr gesamtes Gesicht bedeckten, sodass sie mit Garantie kaum etwas darunter sehen konnten. Lucien war dies schon sehr zeitig aufgefallen und hatte sich darüber gewundert, aber es war zu seinem Vorteil.

Eilig huschte er davon und hinter das Gebäude, das er für die Taverne hielt, denn Gesang, Gelächter und laute Stimmen drangen daraus hervor. Mit ein bisschen Glück fand er einen Ort, an dem er belauschen konnte, was innen vor sich ging.

Das Glück war ihm auch dieses Mal hold. Ein Küchenfenster stand offen. Lucien hockte sich in den Schatten direkt unter dem Fenster und wartete. Es war noch nicht allzu spät und in der Taverne herrschte reger Betrieb. Sicher war auch die Küche da noch genutzt.

Er brauchte in der Tat nicht lange zu warten, bis zwei Mägde schnattern den Raum betraten.

»Dieser Grobian!«, empörte sich soeben die eine. »Fasste mir einfach so an den Hintern!«

»Was hast du erwartet, als du die Stelle angetreten hast? Dass man dich ganz lieb um alles bittet, was die Gäste wollen? Wir sind zwar kleine Huren, aber dass man uns gelegentlich an die Kehrseite fasst oder in den Ausschnitt starrt, gehört zum Geschäft. Lass es dir gefallen, und wenn du sogar mitmachst, bekommst du Trinkgeld – und vielleicht mehr.«

»Ich bin kein lasterhaftes Luder!«

»Dann bist du im Tavernengeschäft an der falschen Adresse, Liebes.«

»Gunnar Seiden-Zunge würde das nie machen. Er wird zu Recht Seiden-Zunge genannt, denn er redet galant und wortgewandt wie kein anderer Mann.«

»Gunnar ist flatterhafter als das leichteste Tavernenmädchen! In einem Moment macht er dir schöne Augen und im anderen liegt er mit der nächsten im Heu. Nein, mach dir bei dem Holzkopf keine Hoffnung. Er musste ja unbedingt allen zeigen, dass er besser ist als das gemeine Fußvolk, aber dennoch konnte er sich nur die erbärmlichste Bruchbude im Windbezirk leisten. Angeberischer Idiot!«

Lucien bemühte sich nicht um den Ausgang des Streits der beiden Waschweiber. Er wusste nun, was er wissen musste, und das genügte ihm. Gunnars Stunden waren ab sofort gezählt. Zwar wusste er nicht, wo diese »erbärmlichste Bruchbude im Windbezirk« stand, aber deren gab es sicherlich nur eine.

Er machte sich erneut daran, die Mauer zu erklimmen und von außen in den Windbezirk zu gelangen; eine Mauer trennte die beiden unteren Bezirke. Einfach durch das Tor in ihr konnte Lucien nicht spazieren und er wollte keine Entdeckung riskieren, während er den inneren Mauerring erklomm. Also musste es eben der Weg außen herum tun.

Lucien war ein geübter Kletterer, jedoch hatte er seine Fähigkeiten noch nie so sehr aufgereizt. Es war eines, in den Bäumen der umliegenden Wälder herumzuklettern und gelegentlich auch das Kind in sich herauszukehren und dort oben Verstecken zu spielen. Doch es war etwas anderes, mitnutenlang an einer bröckeligen Mauer zu hängen und sich Hand über Hand voranzuhangeln. Seine Muskeln brannten alsbald, zumal bereits vorher die komplette Mauer erklommen hatte, um in die Stadt zu gelangen. Ihm graute es mittlerweile vor dem Rückweg, und auch wenn er zwischendurch mehrmals auf die Mauerkrone kletterte, wenn er die Luft rein wähnte, so wollte er doch in dieser Zeit nicht seinen Heiltrank verschwenden, nur um seine müden Muskeln zu entspannen. Also biss er die Zähne zusammen und stand es durch.

Herunterzuklettern war, wie Babette es gesagt hatte und er auch selbst wusste, das schwierigste. Dennoch nahm Lucien all seine Disziplin zusammen und stand auch das ohne große Zwischenfälle durch. Sicher am Boden angekommen, lehnte er sich dennoch für einige Momente an die Mauer und beruhigte seinen Atem und sein rasendes Herz. Erst, als er sich sicher war, wieder zu einem halbwegs normalen Pulst und zu neuen Kräften gekommen zu sein, wagte er es, mit seiner Mission fortzusetzen. Mittlerweile war die Nacht weiter fortgeschritten, womit sich nun auch die Nachtschwärmer allmählich nach Hause begaben. Stille legte sich immer weiter über die Stadt und nur ein paar Katzen und Hunde waren noch zu hören.

Lucien sah sich um und freute sich, als er anscheinend einen Volltreffer gelandet hatte. Direkt vor ihm stand eine Hütte, die durchaus einen spärlichen und recht verfallenen Eindruck machte. Der Windbezirk wurde überwiegend von Kaufleuten und reichen Familien bewohnt, und dementsprechend waren auch die Häuser hier ausgestattet. Also konnte die Hütte vor ihm keine andere als die Gunnar Seiden-Zunges sein. Er lächelte in sich hinein und schlich sich an die Hütte heran.

Durch die kleinen Fenster drang kein Licht. Entweder hieß das, dass sein Auftragsziel noch nicht da war, oder es schon schlief. Er überlegte. Gunnar war ein Barde, und Barden sorgen normalerweise für die abendliche Unterhaltung. Er arbeitete zudem am Jarlshof in der Drachenfeste, dort konnten die Abende durchaus länger werden. Also kam Lucien zu dem Schluss, dass einfach noch niemand da war.

Dies stellte sich als günstige Wendung heraus, da er so einfach nur in das Haus einsteigen und warten musste, bis sein Opfer ihm ins offene Messer lief. Er hatte einiges an Werkzeug mitgenommen, um in Häuser einsteigen zu können. Sie waren zwar keine Diebe, aber einbrechen konnten die meisten Familienmitglieder dennoch hervorragend. Auch Lucien hatte schon noch aus seiner Zeit als Straßenkind einiges aus dem Handwerk gelernt und seine Fähigkeiten in der vergangenen Zeit stets verfeinert. Er war gut darin, irgendwo einzusteigen, wo er nicht hin gehörte.

Rasch war eines der Fenster mit einem Fensterheber aufgebrochen. Lucien schob es hoch und kletterte flink in das kleine Haus hinein. Vorsichtig und so leise wie möglich schloss er es wieder hinter sich und sah sich dann im kleinen und bescheidenen Heim des bald toten Mannes um.

Die Inneneinrichtung war auf das Nötigste reduziert: ein Bett, eine Kochstelle und ein kleiner Tisch mit wackeligem Stuhl. All das sollte Platz schaffen für Unmengen an Regalen voller Bücher. Lucien trat näher, um sich die Werke anzusehen. Interesse und Neugier huschten über sein Gesicht, doch dann kniff er leicht die Augen zusammen. Er war nicht hier, um zu lesen, zumal die meisten Werke solche waren wie »Die argonische Magd«, anzügliche und schlüpfrige Pamphlets. Er war hier, um die Wände dieser Hütte mit dem Blut ihres Besitzers rot zu streichen.

Hm, dieser Spruch gefiel ihm, überlegte er. Das wäre doch etwas für Gunnar, bestimmt gruselig genug.

Er war drinnen, niemand war da außer ihm. Das hieß also für ihn, zu warten, bis Gunnar wiederkam. Bis dahin konnte er sich etwas überlegen, wie er sein Opfer am besten empfing.

Die Nacht war schon weit fortgeschritten und Lucien begann sich bereits zu langweilen, als er endlich Schritte vor der Tür hörte. Er räkelte sich gerade genüsslich auf dem Bett und spielte mit dem Dolch. Ja, diese Position könnte er beibehalten, beschloss er spontan. Stimmen waren draußen zu hören, jedoch mehr als nur eine. Anscheinend handelte es sich bei jenen, die soeben die Hütte betreten wollten, um einen Mann und eine Frau. Lucien fluchte. Das war nicht in seinem Plan inbegriffen gewesen. Es würde schon irgendwie gut gehen.

Er wartete selenruhig, bis die beiden eingetreten waren. Sie waren offenbar betrunken und sehr intensiv miteinander beschäftigt. Lucien räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen. Erschrocken fuhren der Barde und seine Liebschaft auseinander und sahen verdutzt zu dem jungen Meuchelmörder, der sich hier unerlaubt häuslich niedergelassen hatte.

»Was machst du hier, du Bengel?!«, fuhr Gunnar ihn an. »Verschwinde hier, bevor ich die Wachen rufe!«

»Aber nicht, bevor ich erledigt habe, wozu ich gekommen bin«, leitete Lucien voller Genuss seinen zurechtgelegten Spruch ein. Welch Spaß das alles machte! »Vorher male ich die Wände deines Hauses mit deinem eigenen Blut rot.«

Die beiden wurden kreidebleich, das sah er selbst im Dunkeln der Hütte.

»Freda, tritt hinter mich, das hier ist ein besonders dreister Einbrecher«, sagte Gunnar und zückte nun seinerseits einen Dolch elfischer Machart.

»Einbrecher? Nein, das ganz bestimmt nicht«, korrigierte Lucien ihn. »Du hast doch sicher schon von der Dunklen Bruderschaft gehört.«

»D-die D-dunkle B-b-bruderschaft?!«, stammelte Gunnar, nun endlich wirklich entsetzt. »Jemand will mich ermorden lassen?«

»Und der Vollstrecker steht direkt vor dir, tadaa!«, sagte Lucien fröhlich und erhob sich nun endlich von dem Bett. »Ist das nicht toll?«

»Mich bekommst du nicht, du lausiger Kehlenschneider!«, drohte Gunnar und fuchtelte mit dem Dolch vor sich.

Er hatte eine Waffe von weitaus besserer Machart als Lucien, doch die Art, wie er sie führte, machte deutlich, dass er sie nicht zu führen wusste. Das würde ein Spaziergang werden! Und wenn Lucien eine Leiche mehr gratis dazu bekam, war es umso besser. Mit einem teuflischen Grinsen sprang er vor.

Ungeschickt wehrte Gunnar den Schlag ab und versuchte gleichzeitig Freda zu decken. Diese begann hysterisch zu kreischen. Nicht gut, Lucien musste sich beeilen. Flink duckte er sich unter Gunnar hinweg und gelangte mit einer geschickten Drehung hinter den Mann.

Freda fuchtelte wild mit den Armen, um den Jungen abzuwehren, freilich ohne Erfolg. Sie zog sich nur zahlreiche Schnitte zu und büßte wahrscheinlich sogar den einen oder anderen Finger ein, während Lucien nach ihr schlug und stach. Und dann endlich landete der Dolch mitten in ihrer Kehle.

Für einen Moment herrschte Stille inmitten der Panik, die ausgebrochen war. Freda erstarrte und riss die Augen weit auf. Luciens Grinsen wurde immer breiter und boshafter. Mit einem Ruck drehte er den Dolch um und zerfetzte ihr damit Halsschlagader und Luftröhre. Dann zog er seine Waffe heraus, und das Blut spritzte pulsierend aus der tödlichen Wunde. Die Frau sank an der Wand zu Boden und presste verzweifelt die Hände an ihren Hals. Doch nichts half, um die Blutung zu stoppen.

»NEIN! FREDA!«, brüllte Gunnar auf und stürzte sich wie wild geworden auf den Jungen. »Du Ratte!«

Es wurde brenzlig für ihn. Sicher hatte bereits irgendwer den Tumult bemerkt und war alarmiert worden. Die Wildheit des Nord brachte ihn zusätzlich in Bedrängnis. Doch er hatte hervorragende Lehrer gehabt und wusste daher, wie er auch mit solch einem Gegner umgehen musste.

Eile war geboten und Eile zeigte Lucien. Eile und Genauigkeit. Jeder seiner Schläge fügte Gunnar eine weitere Wunde zu, während er selbst keinen einzigen Kratzer davon trug. Keine der Wunde Gunnars war zunächst tödlich, doch jede schwächte ihn rasch. Das machte die Sache für Lucien wesentlich einfacher.

Und endlich konnte er den tödlichen Hieb ansetzen. Er durchbrach Gunnars ohnehin dürftige Deckung, trat direkt an ihn heran und hieb ihm den Dolch tief in die Brust hinein. Gunnar röchelte und japste nach Luft, denn der Stich hatte seine Lunge durchbohrt. Mit einem Ruck zog Lucien den Dolch wieder heraus und hieb noch einmal zu. Und noch einmal, und noch einmal. Der große Nord fiel zu Boden und riss den Jungen mit sich. Doch dieser hieb immer weiter auf sein Opfer ein, auch dann noch, als dieses schon längst blutüberströmt und regungslos unter ihm lag.

Es war das herrlichste Gefühl von allen! Lucien jubilierte innerlich und genoss in vollen Zügen, was er hier tat.

Erst, als er Stimmen von draußen vernahm, kam er wieder zu Besinnung. Der Lärm, die Wachen. Er musste so schnell wie möglich hier weg! Lucien erhob sich und bückte sich nach dem Dolch des Nord.

»Den nehme ich mit, ich bin ein besserer Besitzer«, sagte er zu der Leiche.

Dann hechtete er durch das Fenster und huschte zur Mauer, um daran empor zu klettern. Gerade rechtzeitig, wie es schien, denn von der Straße vor der Hütte her drangen Stimmen zu ihm, wahrscheinlich die von besorgten Bürgern und Wachen, die von dem Lärm des Kampfes aufgeschreckt worden waren. Gerade, als Lucien mit fliegenden Händen die Hälfte der Mauer erklommen hatte, alle Vorsicht fallen lassend, betraten sie den Schauplatz des Verbrechens.

»Er wurde ermordet, seht!«

»Das Blut ist noch warm, der Mörder kann also nicht weit sein. Schwärmt aus, fangt ihn!«

Lucien streckte sich, so sehr er konnte.

»Dort oben auf der Mauer, ein Schatten! Das muss er sein!«, rief ein Mann weit unter ihm.

Ein Pfeil zischte an Luciens Ohr vorbei. Erschrocken zuckte er zusammen und schwang sich sogleich auf der anderen Seite der Mauer hinab. Mehr fallend als kletternd näherte er sich dem Boden und hoffte inbrünstig, dass er nicht fehlgreifen würde. Doch wenn er fiel oder sich nicht genug beeilte, war es so oder so um ihn geschehen.

Er musste das Fürstentum so schnell wie möglich verlassen. Flusswald! Es war nur wenige Meilen von hier entfernt und gehörte dennoch schon zu Falkenring. Wenn er es erreichte, war er vor den Wachen Weißlaufs sicher. Jetzt kam ihm die recht unabhängige Gesetzgebung der Fürstentümer Skyrims sehr gelegen.

Den letzten Abschnitt ließ er sich fallen, sobald er es wagte. Er kam hart auf und kurz blieb ihm die Luft weg, während er sich abrollte. Doch sogleich rappelte er sich wieder auf und stürmte davon. Tsonashap und Malik hatten ihn gut ausgebildet, denn seine Ausdauer und Kraft war besonders für einen seines Alters groß. Er war sich sicher, dass er den Wachen davon sprinten konnte. Sie hatten die Stadt sicher durch das Haupttor verlassen und würden ihn auf der Straße erwarten. Lucien setzte alle auf die eine Karte seiner Geschwindigkeit und Ausdauer. Die Männer waren groß und schwerfällig und trugen Waffen und Rüstungen. Er hingegen war leichtfüßig und wendig und führte nur leichtes Gepäck bei sich. Er würde es schaffen. Er musste es schaffen.

Wie ein Hase flitzte er über die Ebene. Bei der Honigbräu-Brauerei sah er bereits Wachen, die in Alarmbereitschaft versetzt waren. Das brachte ihn auf eine Idee. Wenn er einfach weiter blind drauf zu stürmte, würde er auf jeden Fall auf sich aufmerksam machen. Doch die Wachen hatten allesamt Fackeln bei sich, was sie blind für die Schatten in der Nacht machte. Außerdem wusste niemand, in welche Richtung er geflohen war, nachdem er die Mauer überwunden hatte. Das hieß für ihn, dass er momentan unsichtbar für seine Verfolger war.

Er hatte sich hinter ein niedriges Gebüsch gehockt, während ihm diese spontanen Gedanken durch den Kopf gegangen waren. Jetzt änderte er seinen Plan. Einfach darauf los zu stürmen, wäre eine Möglichkeit, wenn auch wahrscheinlich nicht die klügste. Es wäre besser, er ging überlegter und vorsichtiger an die Sache heran. Er war ein Mörder, kein Soldat, und das hieß, dass er besser sein Heil in der Flucht suchte und dabei möglichst jeder Konfrontation aus dem Weg ging.

Der Entschluss war gefasst, Lucien verlegte sich voll und ganz auf die Heimlichkeit. Also begann er die Wachen zu beobachten, überlegte, wann er den rechten Moment abpassen konnte, und nutzte den kleinsten Hauch einer Möglichkeit. Es gelang ihm.

Wie ein Schatten, lautlos und rasch, huschte er über die Straße und war sogleich im Schutz der Brauerei verschwunden. Niemand schien etwas bemerkt zu haben. Lucien triumphierte, doch besann sich rasch wieder. Noch war er lange nicht aus der Gefahr, noch hatte er Flusswald nicht erreicht. Er beeilte sich, dass er von hier weg kam.

Die Stimmen der Wachen, die ihn noch immer vergeblich suchten, verblassten allmählich hinter ihm. Lucien lief geduckt den Hang hinauf, der in den Ausläufer des Halses der Welt führte. Immer wieder hielt er inne und sah sich vorsichtig um. Rings um Weißlauf schwärmten nun die Wachen wie ein aufgeschrecktes Ameisenvolk herum, doch niemand fand eine Spur von ihm. Nichtsnutzige Trottel, verspottete Lucien sie in Gedanken und lächelte in sich hinein.

Es wirkte, als könnte er die Sache nun etwas entspannter angehen, womit seine Gedanken nun auch wieder freien Lauf hatten. Den Bonus hatte er damit verwirkt, das wusste er. Er könnte lügen und sagen, dass alles glatt gelaufen war, doch dann überlegte er es sich anders. Die Bruderschaft wusste alles, was sie wissen musste, und damit war Hilda bestimmt noch vor seiner Rückkehr über die Ereignisse informiert. Außerdem würden sich Gerüchte verbreiten, und nach dem, für was für einen Wirbel er gesorgt hatte, würde dies rasch von statten gehen. Spätestens da würde seine Lüge ohnehin aufgedeckt werden. Nein, es war besser, wenn er einfach bei der Wahrheit blieb und auf den Bonus verzichtete. Es würde immer noch eine ganze Menge Geld für ihn dabei heraus springen und außerdem hatte er den Elfendolch mitnehmen können.

Zufrieden betrachtete er die Waffe. Es war gute Handwerksarbeit, leicht und scharf und elegant verziert wie alles von elfischer Machart. Die Klinge war weitaus besser als sein alter Dolch. Dennoch würde er auch diesen behalten, rein aus nostalgischen Gründen.

Nun deutlich entspannter machte sich Lucien auf den Weg zurück zur Zuflucht. Alles in allem war es trotz der Komplikationen ein gelungener Auftrag, fand er. Erschöpfung machte sich jedoch langsam in ihm breit. Noch am Morgen dieses Tages hatte er sich in Falkenring in der Zuflucht befunden. Nun war er nach Weißlauf gereist, hatte Gunnar ermordet und war den Wachen entkommen. Das war ein ordentliches Tagwerk, wie er befand. Er sollte die Grenze zum benachbarten Fürstentum überqueren und sich dann einen Schlafplatz suchen, beschloss er. Erst dann würde er das letzte Stück Weg zurück zur Zuflucht antreten.

Es war ein wunderbares Gefühl, nach erfolgreich verrichteter Arbeit zur Zuflucht zurückkehren zu können. Das erste Mal überhaupt! Lucien nahm sich vor, sich diesen Moment gut zu bewahren, denn mit Sicherheit würde er in späteren Jahren mit Freuden daran zurückdenken. Der erste verrichtete Mord, das erste im Namen von Sithis vergossene Blut. Der Anfang eines langen Weges im Schatten. Lucien, der eine blühende Kariere in den Reihen der Dunklen Bruderschaft bereits vor sich sah, konnte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht ahnen, was ihm in den kommenden Jahren alles bevorstehen würde.

Nur eines war sicher: Sein Weg war mit Blut übergossen.

Autorennotiz

Vor ganz, ganz langer Zeit, als ich noch davon ausging, dass dieser Text nach etwa 50K sein Ende finden würde (und nicht nach 226K, ja, ihr habt hier viel zu lesen, viel Spaß), war dieser Text Teil eines Projekts auf FF.de. Das waren die Vorgaben, über die sich der Text allerdings sehr schnell hinweg entwickelt hatte:
1. Die Nacht brach herein und die ersten Sterne zeigten sich. (Januar)
2. Die undurchdringlichen Schatten huschten lautlos durch die Dunkelheit. (Februar)
3. Das kannst du nicht machen! (März)
4. Dann übermannte sie die Müdigkeit und sie fiel in einen tiefen Schlaf. (April)
5. Mit großen Augen schaute die Kleine zu den Sternen hinauf. (Mai)
6. Und das Bankett sollte besser als alles werden, was man bisher gesehen hatte. (Juni)
7. Die Hitze flimmerte über dem brackigen, warmen Wasser des Sees. (Juli)
8. Interesse und Neugier huschten über sein/ihr Gesicht, doch dann kniff er/sie leicht die Augen zusammen. (August)
9. Knisternd verzehrten die Flammen ausgedorrtes Holz, fanden Nahrung im trockenen Gras, hell auflodernd und weithin zu sehen. (September)
10. Die Melodie des Regens vermischte sich mit den Farben des Laubs und spielte ein Lied, wie nur der Herbst es hervorzubringen vermochte. (Oktober)
11. Er/Sie blickte hinaus und die Welt war verschwunden. (bezogen auf Nebel) (November)
12. Der Winter hatte das Land in den/seinen Schlaf gezwungen. (Dezember)
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Kapitel:10
Sätze:4.631
Wörter:71.710
Zeichen:425.664

Kurzbeschreibung

„Man nennt mich Arela Drewani, eine Sprecherin der Dunklen Bruderschaft, und ich bin hier, um dich in unsere Familie aufzunehmen. Denn dein Herz ist schwarz wie die Nacht und kälter als der bitterste Winter in Himmelsrand. Du bist zum Morden geboren.“ - Lucien Lachance ist einer der fähigsten Mörder, die die Dunkle Bruderschaft in der Gegenwart kennt. Engagiert und talentiert, wie er ist, war es für ihn ein Leichtes, hoch in den Rängen der Bruderschaft aufzusteigen. Doch jede Geschichte hat einen Anfang, und seine findet sich mit den Händen an der Kehle eines Waldelfs in der Kanalisation der Kaiserstadt.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Longfiction, Gen, Abenteuer, Familie, Mord, Dunkle Bruderschaft und Dunkle Bruderschaft - Mörder getaggt.

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