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Unkraut vergeht nicht

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29.01.20 16:26
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
Homosexualität
In Arbeit

2 Charaktere

Abigail

Eine Bewohnerhin von Pelikan im Sternentau-Tal und mögliche Junggesselin für den/die Farmer*In. Sie ist abenteuerlustig und mit einem gesunden Appetit gesegnet und fällt durch ihre violett gefärbten Haare auf.

Leah

Eine Bewohnerin von Pelikan im Sternentau-Tal und mögliche Jungesellin für den/die Farmer*In. Sie ist Künstlerin und kam nach ihrer Trennung ins Tal, um dort Inspiration für ihre Kunstwerke zu finden.
Triggerwarnungen: Sex, Drogen, Depressionen


Drei Mal musste ich die Tür zuschlagen, jedes Mal ein bisschen fester, bis sie endlich krachend ins Schloss fiel. Das Innere der Wohnung war dunkel, die Rollos waren heruntergelassen, so dass nur wenige Strahlen Tageslicht in den kargen Raum fielen. Der beißende Geruch, der in der Luft lag, zeugte von den Ereignissen, die letzte Nacht hier stattgefunden haben mussten. Ich musste die Nase rümpfen. In unserer Wohnung roch es, als hätte die Fischtheke in einem JoJa-Markt mit dem Billigpuff die Straße runter ein uneheliches Kind gezeugt.
"Verdammte Scheiße, Kal!", fluchte ich lauthals und ließ meine Handtasche auf die zerschundene Schuhkommode fallen, die ich vom Sperrmüll gerettet hatte, nahm sie aber sofort wieder hoch, als ich merkte, dass etwas darunter lag. Beim näheren Hinsehen erkannte ich, dass es sich um den BH meiner Mitbewohnerin handeln musste. Aber nicht nur auf dem Schuhschrank lagen Klamotten -  "Wenn du dich schon durch diese verschissene Wohnung ficken musst, dann reiß hinterher wenigstens die scheiß Fenster auf!"
Genervt ging ich zu den Fenstern, lichtete die Rollos und sorgte dafür, dass die kühle Morgenluft den ekligen Gestank aus unseren vier Wänden vertrieb.
Erst jetzt merkte ich, was für ein Chaos Kal wirklich hinterlassen hatte. Ihre Wäsche und die ihres Lovers lag quer im Wohnzimmer verteilt. Ihren Slip fand ich auf meinem Lieblingssessel, eine Unterhose lag auf dem Fernsehtisch, eine zweite ...
"Ach scheiße, Kal. Ist das dein verfickter Ernst?"
Kal und ich wohnten seit etwas über fünf Jahren zusammen. Wir kannten uns von der Universität, hatten mit Biologie dasselbe Hauptfach gewählt, hatten ähnliche Interessen und waren uns so recht schnell einig, dass es im Mietmoloch von Zuzu das Schlaueste wäre, eine Wohngemeinschaft zu gründen. Wir waren nie besonders enge Freunde, was vor allem daran lag, dass Kal nur Augen für ihre Freundin Leah hatte, doch seit sie sich vor knapp einem halben Jahr getrennt hatten, war Kal in ein tiefes Loch gefallen – was sie mit anonymem Sex stopfte.
Viel viel anonymem Sex.
"Was schreist du hier 'rum, meine Fresse? Die Wände sind dünn, die Nachbarn hören doch alles."
Ich drehte mich um und sah Kal vor mir stehen. Bis auf ein paar Strapse war sie komplett nackt – ein Anblick, der mich keineswegs schockierte, wenn sie auch nicht wirklich meinen Geschmack traf. Kal war dünn, nicht mager, aber sehr schmal gebaut, was sich auch an ihrem quasi nicht vorhandenen Vorbau bemerkbar machte. In weiten Klamotten konnte man sie durch ihr recht kantiges Gesicht auch schnell mit einem Jungen verwechseln – was mir an unserem ersten Studientag auch passiert war.
Ich zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. "Oh ja, mein Geschrei ist garantiert das Verstörendste, was sie in letzter Zeit aus diesem Drecksloch hier gehört haben. Schon klar."
Kal verdrehte die Augen und sah mich entnervt an. "Du bist 'ne verfickte Heuchlerin, Lesley, weißt du das?"
"Was willst du mir jetzt damit sagen?!"
"Sieh dich doch an. Du hattest auch eine wilde Nacht hinter dir, wie du aussiehst. Und da war vermutlich mehr, als nur ein Schwanz im Spiel, wenn ich mir deine Augen ansehe."
Lose Fetzen der Erinnerung sprangen mir durch den Kopf. Nach der Arbeit wollte ich noch etwas runterkommen, also war ich im Club. Eigentlich wollte ich nur ein oder zwei Bier trinken, aber irgendwann musste es eskaliert sein. Heute morgen wachte ich nackt neben einem Kerl auf. Ich kannte weder seinen Namen, noch konnte ich mich daran erinnern, dass er mit mir geredet hatte. Aber das Gefühl, das ich nach dem Aufwachen hatte – diese fürchterliche Leere, dieses Brennen, diese Übelkeit – waren viel schlimmer, als ein einfacher Kater. Ich hatte keinerlei Ahnung, was wir da genommen hatten, aber allein der Gedanke reichte, um mich der Verzweiflung nahe zu bringen.
"Fick dich, Kal, das geht dich gar nix an", sagte ich und drehte den Kopf zur Seite.
"Ha, wusste ich es doch! Was war es diesmal? Crack? Badesalz? Meth?"
"Ich sagte fick dich!"
Kal prustete. "Brauch ich nicht. Meine Lover sind noch da, die erledigen das."
Gerade konnte ich noch verhindern aufzuschreien, die Wut nahm mir jedoch die Kraft in den Beinen und ich ließ mich in den Sessel fallen.
"Fuck!", fluchte ich leise und schlug mit voller Wucht auf die Armpolster von Großvaters Sessel. "Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck!" - Ein Schlag mit jedem Wort. Tränen liefen mir über die Wangen.
Ich war clean, verdammte scheiße! Drei Jahre lang hatte ich keine illegalen Substanzen mehr genommen, nicht einmal Cannabis geraucht und nun hatte ich mir irgend einen Scheiß reingezogen, von dem ich weder wusste, was es war, noch, was es mit mir gemacht hatte!
Kal legte mir eine Hand auf die Schulter und riss mich aus den Gedanken. "Hey Lesley, das war dumm von mir. Tut mir Leid." In ihren Augen erkannte ich eine gewisse Regung, wie Mitleid sah es aber nicht aus, viel mehr wirkte sie genervt.
Ich winkte ab. "Passt schon ..."
Kals Finger drückten sich etwas stärker in meine Schultern. "Du Les, sag mal ... könntest du diesen Monat die Hälfte meiner Miete mit übernehmen? Ich bin etwas knapp bei Kasse."
Kaum ausgesprochen, richtete sich Kal wieder auf und ging, ohne auf eine Antwort zu warten, in Richtung ihres Raumes zurück.
"Schon wieder? Willst du mich verarschen? Das ist der dritte Monat in Folge, dass ich deine Scheiße übernehme! Ist das dein verfickter scheiß Ernst?!" Dieses Mal konnte ich nicht an mich halten und schrie Kal so laut ich nur konnte hinterher, rechnete jedoch mit keiner Antwort mehr – wusste, dass ich mit keiner Antwort rechnen brauchte.
Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinem Zorn und schürte stattdessen Unmut. Am Klingelton hörte ich, dass es die Arbeit sein musste. Ich seufzte schwer und holte das Handy aus meiner Tasche. Tatsächlich stand der Name meines Chefs auf dem Display.
"Bryn?", meldete ich mich und versuchte dabei ruhig und neutral zu klingen.
"Lesley, wo zum Teufel stecken Sie?", schrie mich eine aggressive Stimme an. "Sie hätten vor über einer Stunde an Ihrem Platz sein müssen!"
"Entschuldigung?", entgegnete ich eingeschüchtert und verwirrt.
"Mit einer Entschuldigung kommen Sie nicht durch, verdammt!"
"Aber ich hatte doch heute meinen freien Tag?", versuchte ich den Zorn meines Chefs zu lindern.
"Ich habe Ihnen gestern Abend eine E-Mail geschrieben, dass Ihr freier Tag verschoben werden muss! Aber anscheinend hatte ich ja Recht mit meinen Zweifeln, als ich sie eingestellt hatte! Sie sind unzuverlässig und schlecht für's Geschäft! Lesley, Sie sind hiermit fristlos entlassen!" Er legte ohne auf ein weiteres Wort zu warten auf und ließ mich vollkommen perplex zurück.
Das konnte doch nicht wahr sein? Bereits drei Monate nach Studienbeginn hatte ich gemerkt, dass ich den Anforderungen der Zuzu-Universität nicht gewachsen war und entschied mich, das Studium abzubrechen. Seitdem – mittlerweile über viereinhalb Jahren – arbeitete ich im Einkauf bei JoJa, immer pünktlich, immer freundlich! Ich leistete jede Überstunde – und davon gab es reichlich – ohne zu murren und ohne auch nur einen Gedanken an Ausgleich oder Bezahlung zu denken und nutzte lediglich die paar wenigen freien Tage während des Fests des Wintersterns zur Erholung!
Ich war verschissen noch einmal die beste Mitarbeiterin in dieser ganzen verfickten Abteilung!
Mit vor Zorn zitternden Händen wählte ich den Rückruf. Es klingelte, zwei Mal, drei Mal, dann wurde mein Anruf weggeklickt.
Schweiß trat mir auf den Nacken, mein Blick starrte leer und verständnislos auf das Display, kurzzeitig hatte ich das Gefühl, mein Herz bliebe stehen. Noch einmal versuchte ich, meinen Chef anzurufen, doch er wies das Telefonat wieder ab.
War es das? War das sein letztes Wort?
Vor Wut schmiss ich mein Telefon durchs Wohnzimmer. Mit einem lauten Scheppern krachte es gegen das Bücherregal und sprang in seine Einzelteile auseinander. "Verdammte Scheiße!" Ich vergrub mein Gesicht in meinen Fingern, spürte, wie mir die Tränen unkontrolliert über die Hand liefen und dann hörte ich meine eigene Stimme in unendlicher Ferne schreien.

"Du könntest auf der Farm deines Großvaters eine Auszeit nehmen, Schatz." Die Stimme meiner Mutter am anderen Ende der Festnetzleitung klang fürsorglich und liebevoll, ich hörte jedoch auch Furcht und Trauer in ihr heraus. Es war schon wieder dunkel, als ich mich aus der Starre meiner Verzweiflung gelöst hatte. Kal war gegangen, ohne nach mir zu schauen, was typisch für sie war.
"Opa ist seit vier Jahren tot, Mum. Was soll ich auf einem verlassenen Bauernhof?"
"Vielleicht tut dir der Abstand zu Zuzu etwas gut. In den letzten zwei Jahren hast du kaum auch nur einen Fuß aus der Stadt gewagt. Wann warst du denn das letzte Mal hinter der Stadtgrenze? Selbst zum Fest des Wintersterns bist du ja nicht aus der Stadt rausgekommen. Willst du nicht mal wieder das Sternentau-Tal besuchen? Das ist nur zwei Fahrstunden mit dem Bus entfernt. Du warst als Kind so oft bei deinem Großvater zu Besuch! Ich bin mir sicher, wenn wir uns bei Bürgermeister Lewis in Pelikan melden, würde er alles für dein Kommen vorbereiten. Wir können dich Ende des Monats dann besuchen kommen und ..."
"Mum!", unterbrach ich ihren Redeschwall, der wohl sonst nie geendet wäre. "Das ist wirklich äußerst lieb von dir, aber ich glaube das Leben auf dem Bauernhof ist nichts für mich. Ich denke, ich werde ein wenig jobben. Kellnern, putzen, oder so. Irgendwann wird sich schon wieder ein Job für mich finden."
Eine kurze Pause am Ende der Leitung, dann hörte ich meine Mutter seufzen. "Ach Schatz, du mutest dir einfach zu viel zu. Ich und dein Vater machen uns Sorgen um dich. Nicht, dass du irgendwann noch zusammenbrichst, oder dir irgendwas antust. In der Stadt kommt man ja an alle möglichen Sachen ran, habe ich gehört."
Wenn sie wüsste, dachte ich mir. Ich hatte meinen Eltern nie etwas von meinen Eskapaden erzählt. Nicht von den Drogen, nicht von meinen Liebschaften. Ich liebte meine Eltern, ganz ohne Frage, aber ich war ihr einziges Kind und sie entsprechend überfürsorglich. Zu wissen, dass ich mich Jahre lang mit allen möglichen Giften zugedröhnt hatte, hätten sie niemals verstanden.
"Ich werde darüber nachdenken, Mum, ja? Aber heute bin ich einfach nur müde."
"Das verstehe ich, mein Schatz. Das muss ein harter Tag für dich gewesen sein. Mach dir einen Tee, schlaf' eine Nacht darüber und morgen wird die Welt garantiert wieder ganz anders aussehen, glaub mir. Und wenn alle Stränge reißen, kannst du auch gerne wieder erst einmal zu uns kommen. Dein Vater und ich würden uns freuen, dich zu sehen!"
Stumm schüttelte ich den Kopf. Nein, definitiv nicht. Die Blöße, zu ihnen zurückzugehen, würde ich mir nicht geben.
Zu meiner Erleichterung öffnete sich genau in diesem Moment die Wohnungstür. "Oh, ich muss schlussmachen, Mum. Kal kommt wieder nach Hause."
"In Ordnung, Schatz. Hab einen schön..." Ich legte auf, bevor sie zu Ende reden konnte. Wahrscheinlich hätte sie in fünf Minuten immer noch geredet.
"Ah, du bist wieder wach, Lesley!", begrüßte Kal mich. Hinter ihr stand ein Kerl, der beinahe doppelt so breit war, wie sie. Sportler ganz offensichtlich, vermutlich Footballspieler.
Ich nickte lediglich kurz, war ich doch ziemlich sauer auf meine Mitbewohnerin. Obwohl wir nur lose Freunde waren, nahm ich ihr es dennoch übel, dass sie gegangen war, ohne mich auch nur zu beachten. Hätte sie es überhaupt mitbekommen, wenn mir etwas zugestoßen wäre? Oder ich mir gar etwas getan hätte?
"Du sag mal", säuselte sie mit süßlicher Stimme und schaute zwischen ihrem Lover und mir hin und her, "er fand den Gedanken, dass ich eine schwarze Mitbewohnerin habe, ganz ansprechend. Er hatte noch nie etwas mit einer Farbigen, meint er."
Der Kerl nickte. "Aber ich steh auf Schokolade."
Mir schauderte, als ich diesen Satz hörte. Mit hochgezogener Augenbraue sah ich Kal und ihre Eroberung an. War das ihr verfickter ernst? Vorhin erst hatte ich einen Nervenzusammenbruch und meine eigene Mitbewohnerin, die blöde Trulla, die mir von all den Menschen in dieser beschissenen Stadt noch am nächsten stand, hatte sich einen Scheiß dafür interessiert und jetzt kam sie mit der grenzdebilen Idee, mir ihren Lover andrehen zu wollen? Was hatte sie vor? Wollte sie ihn nicht? Oder wollte sie einen Dreier?
Ich nahm kommentarlos das Festnetztelefon zur Hand und wählte die Nummer meiner Mutter. "Mum, ich bräuchte etwas Startkapital. Anfang kommender Woche ziehe ich auf Opas Farm." Dann legte ich wieder auf.
Ohne ein weiteres Wort stand ich auf und ging in mein Zimmer. Kal und ihr Lover schauten mir verwirrt hinterher. Ich drehte mich um und zog mein Top über den Kopf.
"Wisst ihr, mir ist gerade einfach alles scheiß egal."
Während Kal und ihr Kerl mein Zimmer betraten, war ich in meinen Gedanken schon mehrere Stunden entfernt. Viele Jahre in der Vergangenheit. Damals, als mein Opa noch lebte und ich die vermutlich schönste Zeit meines Lebens verbracht hatte.

Triggerwarnungen: Überfall



Der Bahnhof von Zuzu war brechend voll. Montag morgens war hier immer die Hölle los. Hunderte Menschen pendelten mit den Bussen und Zügen von Zuzu hinaus zur Arbeit, tausende kamen vom Land in die Stadt, um zu arbeiten. Dazu kamen Tagestouristen, Urlauber und natürlich die Einwohner, die die zentrale Lage und das vielseitige Warenangebot in der Ladenstraße unterhalb der Gleisanlage wahrnehmen wollten.
„Hast'e ma' 'ne Fluppe?“
Ich seufzte tief. Natürlich, wie konnte ich nur die Punks und Obdachlosen vergessen, die hier herumlungerten. In diesem ständigen Wechsel der Menschenmassen aller Altersstufen, Ethnien und Hautfarben, bildeten diese beiden Gruppen die einzige Konstante im Bahnhof. Viele von ihnen lebten schon länger hier, als die meisten der Läden ihre überzogenen Mietpreise an die Stadt abdrücken konnten.
„Ich nehm' auch 'n paar Münzen“, versuchte der gepiercte Jungspund es erneut. Dieses Mal schaute ich ihn an. Er war einige Jahre jünger als ich, konnte nicht einmal genau sagen, ob er überhaupt schon volljährig war. Er erinnerte mich ein kleines bisschen an mich noch vor einigen Jahren. Nach der High School war ich so oft zugedröhnt, dass ich mich wirklich zusammenreißen musste, nicht ebenfalls hier zu landen.
„Such dir jemand anderen zum Schnorren, Kumpel“, entgegnete ich ihm gelassen, aber distanziert. Ich wusste genau, wie diese Typen tickten. Sie suchten sich immer gezielt Leute, die von der Norm abwichen. Ich hatte einen Piercing in der rechten Augenbraue, in meinem linken Ohrbogen staken drei Ringe und einen Snakebite hatte ich mir ebenfalls vor Jahren stechen lassen. Dass ich schwarz war, ich mir mühevoll einen violetten Schimmer in die Haare geblichen hatte und dazu in einem Festivalshirt und Lederjacke am Gleis saß, taten wohl ihr übriges, um auffällig genug zu wirken.
„Ey, ich brauch' echt was zu rauchen, bitte!“, versuchte er es dringlicher. Er klang sogar ein klein wenig verzweifelt.
Ich zeigte ihm die Innentasche meiner Jacke und schüttelte den Kopf. „Ich habe nichts, Kollege. Ich rauche seit Jahren nicht mehr.“ Das war gelogen.
Er ließ den Kopf hängen und trottete endlich davon. Ich hatte das Gefühl, dass ich ihn mich noch habe beschimpfen hören, doch war mir das mittlerweile egal. Mein Bus sollte laut Anzeigetafel in weniger als fünf Minuten ankommen. Dann war ich weg aus der Stadt, weg von diesen Menschen, weg aus diesem Stress.
Ich hatte Kal erst gestern Abend gesagt, dass ich aus unserer Wohnung ausziehen würde – nun, was hieß 'gesagt', es war eher ein Mitteilen. Per Brief, eigentlich eher ein Post It. An ihrer Tür.
Nachdem sie und ihr Kerl mein Zimmer verlassen hatten, hatte ich sie bis zum gestrigen Abend nicht wieder gesehen gehabt. Keine Ahnung, wo sie das Wochenende verbracht hatte, und um genau zu sein, wollte ich auch gar nicht so genau darüber nachdenken. Als sie wiederkam, hatte sie zumindest noch immer dieselben Klamotten an, mit denen sie verschwunden war – was dafür sprach, dass sie allgemein nicht lange Kleidung getragen hatte.
Eigentlich hatte ich vor, am Abend mit ihr zu reden, ihr unter Tränen zu berichten, wie eingeengt ich mich in Zuzu fühlte, wie hart diese Stadt an meiner Psyche nagte und Existenzängste in mir schürte, vor allem jetzt, da ich keinen Job mehr hatte, um meine Miete zu zahlen.
Aber Kal bewies wieder einmal, dass sie nun Mal Kal war und ihr alle anderen Menschen an ihrem dürren, weißen Arsch vorbei gingen. Darum entschied ich mich, ihr mit der selben Aufmerksamkeit entgegenzukommen.
Der Gedanke daran, wie Kal verzweifelt versuchen würde, mich anzurufen, mir die Hölle heiß zu machen, dass ich sie so mir nichts, dir nichts mit der fälligen Monatsmiete alleine ließ, erheiterte mich – noch mehr, weil sie nicht wusste, dass mein Handy den Wurf gegen das Bücherregal nicht überlebt hatte und sie demnach ständig nur die Mailbox erreichen würde.
„Hast du 'ne Kippe für mich?“
Ich hob den Kopf wieder an, als ich die mir bekannte Stimme unweit von mir hörte. Gerade wollte ich den Mund öffnen und dem Kerl von eben die Leviten lesen, da erkannte ich, dass er eine andere junge Frau angesprochen hatte, die davon sichtlich überrascht schien.
„B – Bitte?“, stotterte sie und sah den Kerl aus ihren großen, blauen Augen an. Ich wusste nicht, ob ihre Haut von Natur aus so kreidebleich war, oder ob er sie einfach nur erschrocken hatte, aber man musste kein Meisterdetektiv sein, um zu erkennen, wie unangenehm sie sich der ganzen Situation ausgeliefert fühlte.
„Ach komm, du hast doch bestimmt 'ne Fluppe für 'nen Kumpel.“
„Ich … Ich kenne dich doch gar nicht“, gab sie zu verstehen und senkte den Blick zu Boden.
Dass er zwei Mal abgewiesen wurde, schien dem Typen nicht zu gefallen. Ich erkannte an seiner Körpersprache, dass er langsam ungehalten wurde.
„Dann gib mir wenigstens 'n paar Münzen, ey! Lass 'nen armen Schlucker wie mich nicht hängen! Ich brauch echt was zu rauchen!“
Das Mädchen spielte nervös mit ihren Fingern, während der Kerl weiter auf sie einredete. Sie zögerte, versank beinahe im Boden, dann jedoch wanderte ihre Hand zu der Tasche ihres ärmellosen Mantels und holte eine kleine Geldkatze hervor.
Fehler, ein ganz großer Fehler!
Ich sprang sofort auf, doch es war schon zu spät. Als der Kerl den Geldbeutel erblickt hatte, ging alles extrem schnell. Mit einer gezielten Bewegung schnappte er sich mit der rechten Hand das Etui und stieß das Mädchen mit der linken nach hinten. Sie schrie und fiel zu Boden, der Typ drehte sich um und rannte von Dannen.
„Ey, haltet ihn auf, verdammte Scheiße!“, schrie ich, doch niemand schien sich dafür zu interessieren. Kurz darauf verschwand er in der riesigen, sich ständig verändernden Menschenmenge.
Was erwartete ich auch? Es hat sich niemand dafür interessiert, dass dieser Kerl erst mich und dann dieses Mädchen belästigt hatte – wieso also sollte sich dann jemand für einen Diebstahl interessieren.
Meine Fresse, man hätte hier jemanden abstechen können und es hätte vermutlich keine Sau einen feuchten Schiss interessiert!
Ein Schlurzen erregte meine Aufmerksamkeit. Ich drehte mich um und sah, dass das Mädchen noch immer am Boden saß und mit den Tränen kämpfen musste. „Mist!“, hörte ich sie fluchen. Sie zitterte am ganzen Körper und atmete schnell und unregelmäßig.
Vorsichtig ging ich auf sie zu und kniete mich vor ihr hin. „Hey, alles in Ordnung? Hast du dir wehgetan?“
„Ich …“, mehr bekam sie nicht heraus, dann schüttelte sie den Kopf.
Ich reichte ihr meine Hand und versuchte mir ein Lächeln abzugewinnen. Wir hatten dieselbe Haarfarbe – gut, mit dem Unterschied, dass ihr Violett auch als solches wahrgenommen wurde, während meine Haare allenfalls im direkten Sonnenlicht farbig schimmerten – und sie hatte einen Piercing in der Nase. Sie war unsicher und wirkte irgendwie verloren in der großen Stadt.
Ja, sie erinnerte mich an mich selbst, als ich damals nach Zuzu kam. Jung, unerfahren und wohlbehütet aufgewachsen. Für ein Landei, wie ich es war, war die Metropole faszinierend und erschreckend zugleich. Ich hatte mir nach der High School mühevoll einige tausend Gold zusammengespart, um mich über die ersten Wochen zu bringen, doch war ich den Reizen und Angeboten hier so erlegen, dass ich bereits nach fünf Tagen auf dem Zahnfleisch kroch. Drei Nächte lang hatte ich mit den Punks und Obdachlosen hier am Bahnhof verbracht, bis ich einen kleinen Job an Land hatte ziehen können, der mich von der Straße holte.
Ich dufte in einem Nachtclub kellnern. Eine Oben-Ohne-Tanzbar. Es war anfänglich etwas ungewohnt für mich, meine Brüste zu präsentieren, aber die Bezahlung war gut und den Männern war es verboten, uns Angestellte anzufassen. Die meisten nahmen diese Regelung auch ernst und die wenigen, die ihre Finger nicht bei sich lassen konnten, bekamen sehr schnell sehr viel Ärger, was den Job doch erträglich machte.
Weniger erträglich – zumindest, wenn ich es rückblickend betrachtete – waren die Partys, zu denen man mich nach den Schichten überredete. Denn diese trieben mich in Richtungen, die ich mir vorher nie auch nur vorgestellt hätte und machten mir schnell klar, wie klein und unbedeutend ich in Zuzu war.
„Mein Name ist Lesley“, sagte ich zu dem Mädchen und bewegte meine Hand noch einmal ein wenig. „Ich helfe dir auf, komm.“
Endlich griff sie nach meinen Fingern und ließ sich aufhelfen. „Danke“, flüsterte sie leise.
„Solche Wichsknoten findest du hier leider an jeder Ecke. Zuzu ist 'n ausgedehntes Drecksloch. Was machst du hier eigentlich?“
„Ich war mit meinen Freunden hier. Wir wollten shoppen und feiern gehen, aber wir wurden getrennt“, sagte sie leise, den Blick immer noch gen Boden gerichtet.
„Hast du sie nicht angerufen?“
„Ich habe kein Handy.“
Oh oh, dachte ich mir. In Zuzu gab es schon ewig keine öffentlichen Telefone mehr, da war man ohne Handy total aufgeschmissen.
„Und nun wolltest du alleine nach Hause fahren?“
Sie nickte, dann sah ich, dass sie wieder zu zittern begann und ihre Augen glasig wurden. „Ich wollte mir von meinen letzten Münzen ein Busticket nach Pelikan kaufen und jetzt weiß ich nicht mehr weiter!“
Ich spitzte die Ohren, als ich Pelikan hörte. „Moment, du kommst aus Pelikan?“
Das Mädchen schlurzte kurz und nickte. „Ja, bin dort geboren und aufgewachsen. Wieso?“
Dieses Mal holte ich meine Geldbörse hervor und kramte in ihr herum. Meine Eltern hatten mir etwas Startkapital geschickt, nachdem ich meine ganzen Ersparnisse unserem Vermieter gegeben hatte, damit ich aus dem Mietvertrag gestrichen wurde.
„Ich will auch ins Sternentau-Tal“, sagte ich, während ich meine Münzen zählte. Es war nicht viel, aber ausreichend für einige Tage. Vermutlich könnte ich in Pelikan irgendwie auch ein bisschen Geld dazuverdienen und wenn es mit Holzhacken war. „Ich nehm' dich mit.“
„Du – was?“, fragte sie erstaunt.
Ich schaute auf und lächelte sie an. „Hey, du sitzt hier fest, oder? Ich kann dich unmöglich hier lassen, wenn wir schon in dieselbe Richtung reißen.“
Wieder wurden ihre Augen glasig, doch dieses Mal zitterte sie nicht. Das Wasser, das ihr aus den Augenwinkeln quoll waren ehrliche Tränen der Dankbarkeit. „Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Wie wäre es, wenn du mir erst einmal deinen Namen verrätst?“
„Oh natürlich!“, schreckte sie auf und stand kerzengerade. „Mein Name ist Abigail!“

Eine viertel Stunde später saßen Abigail und ich in der hintersten Reihe des Busses, der die einzelnen Dörfer des Sternentau-Tals abfuhr. Ich war eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr hier und hatte die Schönheit der Landschaft durch die ständigen Impressionen des Beton- und Asphaltdschungels beinahe vergessen. Bereits der bloße Anblick der wild wachsenden Bäume und Pflanzen – etwas, dass es in Zuzu nirgends gab; selbst in den Parks folgte die Anordnung der Pflanzen einem strengen Muster – löste den Knoten, der sich um mein Herz gelegt hatte ein wenig. Ich war mir sofort sicher, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, die Stadt hinter mir zu lassen – und wenn es auch erst einmal nur für eine kurze Zeit sein sollte.
„Was willst du eigentlich in Pelikan?“, fragte Abigail, die sich ebenfalls die Landschaft aus dem anderen Fenster ansah. „Ich meine, das Dorf ist schön und die Landschaft auch, aber wenn man aus der Stadt kommt, wird das doch alles bestimmt schnell langweilig.“
„Meinem Großvater gehörte ein Bauernhof bei Pelikan. Ich war Jahre nicht mehr dort und wollte einfach mal schauen, wie sich alles so entwickelt hat.“
„Du bist die Enkelin des alten Farmers?“, fragte sie überrascht und rückte wieder näher zu mir. „Ist nicht wahr! Was für ein Zufall! Mein Paps und er waren früher richtig große Geschäftspartner. Es war ein großer Schock für meinen Paps, als er ...“ Abigail hielt inne. Ich sah ihr im Gesicht an, wie unangenehm es ihr war, über den Tod meines Opas zu reden.
Ich schüttelte den Kopf. „Passt schon. Das ist Jahre her.“
„Und du möchtest die Farm wieder bewirtschaften?“
Ich seufzte tief. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich darüber noch gar nicht so wirklich nachgedacht. Ich habe auf seinem Hof immer nur gespielt, während mein Opa gearbeitet hat. Ich würde vermutlich nicht einmal einen Rasenmäher ohne BroadTube-Tutorial anschmeißen können.“
Abigail lachte. Sie hatte ein schönes, klares Lachen, das sie meiner Meinung nach öfter erklingen lassen sollte. Es stand ihr so viel besser zu Gesicht, als die traurige Miene.
„Ich bin mir sicher, dass die Bewohner von Pelikan dir helfen können, Fuß zu fassen. Du bist eine nette Person Lesley. Ich wette, du wirst dich gut einleben.“
Ich lächelte still und schaute aus dem Fenster. Die Berge, die das Umland von Zuzu und das Sternentau-Tal trennten, kamen in greifbare Nähe. Eine seltsame Mischung aus Gefühlen tanzte durch meine Magengegend. Neugier und Nervosität gaben sich die Klinke in die Hand, Vorfreude und Angst wetteiferten um die Vorherrschaft. Was würde mich erwarten? Würden die Dorfbewohner mich überhaupt akzeptieren? In meiner Heimatstadt war man Fremden gegenüber immer erst einmal misstrauisch. Ob Pelikan genauso war? Oder erinnerte man sich vielleicht sogar noch an mich?
Einen Weg zurück gab es für mich jetzt jedoch nicht mehr. Der Bus fuhr auf seiner vorherbestimmten Route und würde nicht mehr umdrehen.
Ich sah zu Abigail hinüber. Sie hatte ihren Kopf an die Scheibe gelehnt und döste. Es zauberte mir ein kurzes Lächeln auf die Lippen.
Eigentlich könnte es ja nur besser werden.

Triggerwarnungen: Panikattacke

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als der Bus mit lautem Gerumpel die letzten hundert Meter über die staubigen Straßen nach Pelikan donnerte. Die alten Ledersitze in Kombination mit der quasi nicht vorhandenen Federung des Bus ließen in mir die Vorfreude wachsen, endlich am Ziel anzukommen. Abigail hingegen ließ sich nicht durch die wilde Achterbahnfahrt, die die Busfahrerin an den Tag legte, beeindrucken. Sie hatte die gesamte Fahrt über seelenruhig geschlafen. Seit gut einer Stunde hatte sie ihren Kopf auf meiner Schulter ausgeruht. Zuerst war ich überrascht. Ich war kein großer Freund von Körperkontakt – zumindest wenn man dabei seine Klamotten noch anhatte. Als ich aber sah, wie friedlich sie schlummerte, konnte ich es nicht übers Herz bringen, sie zu wecken oder wegzudrücken.
„He Kiddies, Endstation“, knurrte die Stimme der Busfahrerin, deren charakteristischer Ton von den dutzenden und aberdutzenden von Zigaretten zeugte, die ihrer Kehle einen Besuch abgestattet hatten.
Abigail und ich waren die einzigen beiden Menschen, die noch im Bus saßen. Vorsichtig tippte ich sie an, doch sie zeigte keine Reaktion. Erst, als ich ihr an der Nase kitzelte, schreckte sie auf. „Aufwachen Dornröschen, wir sind da.“
„W – Was? Bin ich etwa eingeschlafen?“
Ich lächelte schräg. „Nicht lange. Zwei, zweieinhalb Stunden vielleicht.“
Abigail errötete. „Oh, das tut mir leid. Du warst so nett zu mir und ich schlafe einfach ein.“
„Mach dir keine Gedanken“, sagte ich gleichgültig, stand auf und holte die beiden Taschen vom Gepäckträger über uns. Die kleinere reichte ich Abigail. „Wenn in den letzten fünfzehn Jahren hier kein Wirtschaftsmonopol entstanden ist, sollte Pelikan noch immer ein kleines, verschlafenes Dörfchen sein. Von daher werden wir uns wohl kaum aus dem Weg gehen können.“
Zögerlich nahm Abigail ihre Handtasche entgegen. „Ist das eine Drohung, oder ein Versprechen?“ Dann mussten wir beide lachen.
Erst, als wir aus dem Bus ausstiegen, änderte sich die Stimmung schlagartig. Abigails Lachen verstummte angesichts des Mannes, der an der Haltestelle stand. Seine Augenbrauen krümmten sich finster und seine Lippe bebte.
„D – Dad ...“
„Junges Fräulein, was denkst du dir eigentlich dabei?! Weißt du etwa nicht, was deine Mutter und ich uns für Sorgen gemacht haben?“
„Dad, ich ...“
Ihr Vater hörte ihr nicht zu. Er hatte sich in Rage geredet. In diesem Punkt unterschied er sich nicht von meinem eigenen. Und ebenso wie mein Paps beherrschte Abaigails Dad diesen Zustand nahezu perfekt. „Du brauchst gar nicht versuchen, dich rauszureden! Sebastian und Sam haben mir erzählt, was du gemacht hast! Was hast du dir nur dabei gedacht?“
An Abigails Körper bewegte sich keine Zelle. Kurz befürchtete ich sogar, sie hätte das Atmen eingestellt, in eine solche Starre war sie verfallen. „Ich weiß gar nicht ...“
„Tu nicht so, Fräulein! Was wenn man dich ausgenutzt hätte? Was wenn man dir Drogen gegeben hätte? Vergewaltigt hätte? Hast du darüber mal nachgedacht?“
„Moment Mal“, schritt ich ein, gerade noch rechtzeitig, bevor Abigail die erste Träne über die Wange lief. Dass ich seinen Redefluss unterbrach, schien nicht nur Abigails Vater, sondern auch sie selbst zu verwundern. „Wollen Sie sich nicht wenigstens auch einmal die Version ihrer Tochter anhören, bevor sie sie zur Sau machen?“
Der Mann funkelte mich an. „Und wer bist du?“
„Lesley hat das Busticket für mich gezahlt, nachdem mir meine Geldbörse gestohlen wurde.“
„Du wurdest ausgeraubt?“ Das Gesicht ihres Vaters, eben noch hochrot vor Zorn, wurde schlagartig bleich wie Kreide. „Geht es dir gut, Abigail? Hat man dir irgendetwas getan?“
Abigail schüttelte den Kopf. „Nein, alles gut.“
„Es war einer dieser Bahnhofsschnorrer. Hat ihr die Geldbörse aus der Hand gerissen und ist abgehauen. Ärgerlich, aber immerhin gewaltlos.“
Er sah mich an. Langsam gewann sein Gesicht wieder an Farbe. Ich konnte sehen, wie er mit seinen Gefühlen ringen musste. Schließlich aber nickte er und räusperte sich. „Ich muss dir aufrichtig für deine Hilfe danken. Abigail ist mein einziges Kind, ich könnte mir nie verzeihen, wenn ihr etwas zustieße.“
„Kann ich verstehen. Bin auch Einzelkind. Meine Eltern wollen auch immer nur das Beste.“ Ich grinste schief. „Aber dazu muss man seinem Kind auch mal zuhören.“ Diese Spitze konnte ich mir nicht nehmen lassen.
Abigails Vater errötete und räusperte sich erneut.
„Na das nenne ich doch einen äußerst gelungenen Empfang.“ Ein älterer Mann, der ebenfalls an der Haltestelle gewartet hatte, meldete sich nun zu Wort. Er rieb sich seinen grauen Schnauzbart und rückte sich seine Schiebermütze zurecht.
Sein herzensgutes Lächeln weckte eine gewisse Vertrautheit in mir. Ich hatte das Gefühl, diesen Mann zu kennen. „Onkel Lewis?“
Lewis lächelte nun noch breiter und nahm mich herzlich in die Arme. „Lesley! Es ist eine schiere Ewigkeit her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben! Groß bist du geworden!“
Ich nickte, nachdem er die Umarmung löste, die mich beinahe erdrückt hätte. „15 Jahre, mindestens. Und du bist grau geworden.“
„Graue Haare machen einen Mann doch erst richtig interessant“, konterte er meine Neckerei.
„Ihr kennt euch?“, warf sich Abigails Vater ins Gespräch ein.
„Lesley ist das Enkelkind des alten Bryn und will dessen Farm übernehmen!“
„Woah, Onkel Lewis mach mal halblang!“, nahm ich ihm den Wind aus den Segeln. „Keine Ahnung, was dir meine Mutter gesteckt hat. Ich wollte lediglich hier raus kommen, um wieder runterzukommen, mich zu sammeln und neu zu organisieren.“
Lewis zuckte mit den Schultern. „Na ja, und in der Zwischenzeit kannst du dich ja um die Farm deines Großvaters kümmern, hab ich Recht? Die Felder freuen sich bestimmt darüber, mal wieder bewirtschaftet zu werden. Der gute Pierre hier zeigt sich sicherlich auch dankbar dafür, dass du seiner Tochter geholfen hast!“
Überrascht zuckte Pierre zusammen. „Ich – was?“
Lewis funkelte ihn an, was Pierre nur noch nervöser zu machen schien. Kurz darauf streckte er mir die Hand entgegen, auch wenn es wohl eher der konventionellen Gepflogenheiten geschuldet war, denn ehrlicher Dankbarkeit. Ich ergriff sie. „Du kannst dir morgen ein paar Tüten Pastinakensamen aus meinem Laden abholen. Als Dankeschön.“
„Pierre?“ Lewis Stimme hatte diesen typischen Tonfall, den Eltern extra für ihre Kinder entwickelt haben, wenn sie mit einer Antwort nicht zufrieden waren.
Pierre seufzte. „In Ordnung, du kannst dich frei mit Samen für deine ersten Wochen eindecken.“
Lewis lächelte zufrieden und legte einen Arm um meine Schulter. „Na wenn das mal kein guter Start in dein neues Leben ist, nicht wahr?“ Er hatte sich kein Stück verändert, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Zumindest hatte ich ihn genauso in Erinnerung.
„Wir gehen nach Hause, Abigail.“ Pierre hatte wieder diese Härte in der Stimme, die auch zuvor im Gespräch mit seiner Tochter mitschwang.
Abigail nickte. „Einen Moment noch.“ Zögerlich kam sie ein paar Schritte auf mich zu und war nicht imstande, mir ins Gesicht zu sehen. „Lesley, vielen Dank für deine Hilfe. Das war wirklich nett von dir. Ich freue mich wirklich, dass du jetzt noch eine Weile hier bleiben möchtest. Hoffentlich treffen wir uns bald mal wieder.“
So machte sie auf den Hacken kehrt und schloss zu ihrem Vater auf, der schon ein paar Schritte vorausgegangen war.
Lewis verschränkte die Arme und seufzte. Seine fröhliche Fassade war auf einmal wie weggeblasen. „Die Kleine hat es nicht einfach.“
„Was meinst du?“
Er winkte ab. „Ach, mach dir keine Gedanken darum. Dorfgerüchte eben. Wir sind eine kleine Kommune, hier kommt so was schnell in Umlauf und man kann das auch nur schwer wieder aus den Köpfen der Leute rausbekommen.“
Fragend sah ich ihn an, doch Lewis wandte sich von mir ab, als er eine Frau sich nähern sah. „Oh sieh mal einer an, da ist sie ja!“
„'Tschuldigung, bin etwas zu spät!“, meldete sich die rotblonde Frau zu Wort und begrüßte uns mit einem Winken. „Lesley! Schön, dich wiederzusehen!“
Kurz musterte ich die Frau. Sie war sehr hübsch, leichte Falten an den Augen verrieten allerdings, dass sie ungefähr im Alter meiner Mutter sein musste. Auch dieses Gesicht hatte ich bereits als Kind einmal gesehen, allerdings war es mir weniger im Gedächtnis geblieben, als Lewis. „R ... Riley?“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Fast. Robin.“
„Robin! Genau!“ Jetzt erinnerte ich mich wieder. Robin war die beste Freundin meiner Mutter. Sie hatten damals beide für die Liebe das Tal verlassen, Robin hatte es aber nicht lange in der Ferne ausgehalten.
„Ich freue mich so! Als mich deine Mutter anrief und sagte, dass du hier herkommen würdest, hab ich alles in die Wege geleitet, um dir den Einstieg in dein neues Leben möglichst gut zu gestalten.“
„Wow“, sagte ich falsch, „meine Mutter hat echt nichts anbrennen lassen oder? Hat sie euch noch etwas versprochen, was ich wissen müsste?“
Robin lachte. „Deine Mutter sorgt sich eben um dich! Sie weiß, dass dieses Tal voller Wunder steckt. Warte nur erst mal ab, Lesley.“
Ich seufzte und ergab mich meinem Schicksal. Anscheinend wollte man mir hier ja wirklich helfen. „In Ordnung, dann kümmere ich mich erst einmal um Opas Farm.“

Triggerwarnungen: Alkohol

 

„Ach du heilige Scheiße!“ Als ich die Farm in der Entfernung erahnen konnte, hatte ich bereits die erste böse Vorahnung. Obwohl es bereits dämmerte und sich nur mehr Schemen am Ende der Straße abzeichneten, zeugten die Schatten von nichts Gutem. Doch meine Fantasie reichte nicht annähernd aus, um mir die Realität auszumalen.
„Deine Mutter hat mich erst am Donnerstag Abend angerufen. Ich hatte nur drei Tage, um was an der Hütte auszubessern“, erklärte mir Robin.
Das sah ich. Am kompletten Haus hatte der Zahn der Zeit schon viel zu lange genagt. Holzwürmer hatten zahllose Muster in die Fassade genagt, Moos bedeckte die Veranda, dem Holzlager fehlte ein Stützpfeiler, wodurch sich das Dach verzogen und einige Schindeln abgeworfen hatte. Nur die Fenster waren in beispiellosem Zustand. Nicht einmal Staub hatte sich auf den Fensterbrettern abgelagert.
„Das schwierigste war es, das Dach neu zu decken. Ich musste es beinahe abdecken, um die Löcher zu flicken, neuen Teer auftragen, ...“
„Robin. Ich bin handwerklich ein Krüppel. Du kannst mir gerne erzählen, dass du da oben Schleime gezüchtet hast – ich würde es dir glauben.“
Robin musste lachen. „Eine Schleimhütte kann ich dir auch bauen, wenn du möchtest, aber das überschreitet dann doch die Kosten eines Freundschaftspreis.“
Ich seufzte und sah mich um. „Ich denke eher weniger.“ Bis auf die Hütte stand nicht mehr viel auf Opas Farm. Einige Meter unweit der Hütte lag die Ruine des Gewächshauses, auch den stillgelegten Stall konnte ich sehen und kam nicht drum herum, mir vorzustellen, wann wohl das letzte Tier dort gelebt hatte. Ich liebte es, mit den Hühnern zu spielen, mich in die Wolle der Schafe zu kuscheln und die Kühe zu streicheln.
„Wehmütig?“ Lewis riss mich aus den Gedanken. Er musste meinen Gesichtsausdruck gedeutet haben.
Ich zuckte mit den Schultern. „Hatte einige schöne Wochen hier auf der Farm. Aber wenn ich so sehe, was hier seit seinem Tod passiert ist ...“ Bäume und Unkraut wucherten über den Acker, den ich noch mit Kartoffeln, Rüben und Karotten bewachsen kannte. Der Bach, aus dem Großvater uns fürs Abendessen frischen Fisch gefangen hat, war nun mit Blättern und Zweigen verstopft, dass es aussah, als hätte ein Biber sich hier eingenistet.
Lewis rieb sich am Kinn. „Seit dein Großvater bettlegerig wurde, hat sich hier leider nicht mehr viel getan. Marnie und ich haben uns noch ein bisschen um die Farm gekümmert, aber als das letzte Gemüse geerntet und die letzte Kuh gestorben ist ...“
„Verstehe“, nickte ich ab. „Ist 'ne Menge Arbeit. Ihr habt ja auch andere Dinge zu tun und so 'ne Farm ist 'ne Menge Arbeit.“
„Umso schöner, dass sich jetzt wieder einige begabte Hände darum kümmern.“ Lewis grinste mich vielsagend an.
Ich musste seufzen. Wie war das gleich nochmal mit der Idee, auf Opas Farm auszuruhen und mich auf mich selbst zu konzentrieren? „Scheint so.“

Robin und Lewis verabschiedeten sich, nachdem sie mir noch gezeigt hatten, wo sich die Werkzeuge meines Opas fanden und ließen mich in Ruhe die Farm inspizieren.
Zumindest sollte das der Plan sein – nachdem ich aber bereits nach wenigen Schritten über die dritte Wurzel gestolpert und beinahe mit dem Gesicht voran im Matsch gelandet war, wollte ich nur noch ins Haus.
Anders als von Außen zu vermuten, war das Haus im Inneren zwar spartanisch, aber gemütlich eingerichtet. Ein Tisch, zwei Stühle, eine kleine Kommode für Klamotten, ein Bett mit kleinem Teppich davor und ein alter Röhrenfernseher – alles, was man bräuchte, wenn man ohnehin den ganzen Tag auf dem Feld arbeitete. Von einer Küche keine Spur – ich wusste noch, dass wir jeden Tag ins Dorf gegangen sind, um dort im Gasthof zu essen. Lediglich eine kleine Kaffeemaschine hatte sich mein Großvater irgendwann mal gegönnt. Sie stand noch immer mit der einzigen Tasse, die er besaß auf dem Tisch.
Großvaters Geist lebte an diesem Ort noch immer weiter. Ein wenig tat es mir im Herzen weh, dieses Haus zu sehen. Ich liebte ihn, von ganzem Herzen und ich wusste, dass er mich genauso liebte, auch wenn er nie wirklich in der Lage war, dies zu zeigen. Er war ein stiller Mann, ein Einzelgänger, traditionell und verbohrt. Ich weiß noch, wie meine Mutter mir damals erzählte, wie wütend er war, als sie ihm offenbart hatte, dass sie ihn und die Farm wegen eines Mannes verlässt – eines schwarzen Mannes! Aber als er erfuhr, dass er ein Enkelkind bekommen hatte, ließ er die Farm für ganze zwei Wochen alleine, nur um mich zu sehen. Weder er noch meine Mutter haben es mir je gesagt, aber sie waren mir dankbar, dass ich ihre Beziehung zueinander gerettet hatte – auch wenn ich dafür gar nichts getan hatte.
Und nun hier zu stehen, seine Sachen zu sehen – und zu realisieren, dass er wirklich nie mehr hier sein würde, brach mir das Herz noch schlimmer, als an dem Tag, als er starb.
Jedoch musste ich auch feststellen, dass es seit meinem letzten Besuch hier doch einige Veränderungen gab. Die Tür an der linken Wand, in der Großvater früher immer die Schlachtwurst zum Reifen aufgehangen hatte, zierte nun ein eindeutiges Porzellanschild. Zum Einen fand ich es Schade, dass der Geruch geräucherter Wurst nicht mehr in der Luft lag, zum anderen beruhigte es mich zu wissen, das Großvater in den letzten Jahren dann doch den Komfort eines Badezimmers erkannt hatte. Als ich früher hier war, mussten wir immer draußen in eine extra eingerichtete Holzhütte gehen, um unser Geschäft zu verrichten und gewaschen haben wir uns mit Seife am Brunnen. Wie er da im Winter durchgestanden hatte, wollte ich mir gar nicht vorstellen.
Ich ließ mich auf dem Bett nieder. Die Matratze war hart, wie ich es von meinem Großvater auch nicht anders erwartet hatte. Das Bettzeug war frisch bezogen. Auf dem Tisch stand ein verpacktes Päckchen Kaffee und über den Stuhl lagen zwei weiße Handtücher. Man hatte wirklich alles für mich vorbereitet. Mit einem lächeln ließ ich mich auf den Laken nieder. Eine solche Aufmerksamkeit wurde mir schon lange nicht mehr zu Teil.
Und ehe ich mich versah, schlief ich ein.

Nur nicht lange.
Ein unheimliches Heulen ließ mich aufwachen. Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte, konnte auch nicht nachsehen, aber die Dämmerung hatte bereits gegen die finstere Nacht verloren.
„Ganz ruhig, Les“, sprach ich mir gut zu, „das war nur der Wind. Das Haus ist alt und Morsch.“
Es heulte wieder. Nur der Wind.
Es knackte. Äste, die sich im Wind verbiegen.
Ein Tier schreite. Bestimmt nur ein lauter Vogel.
Ein unheilvolles Klirren. Und es war so verflucht dunkel hier. Ganz anders, als in der reklameüberfluteten Stadt.
Verdammter Mist, so würde ich nie einschlafen können! In der Stadt gab es solche Geräusche nicht. Das knattern der Motoren, das Surren der Straßenlaternen, hie und da mal eine kleine Schießerei oder das Geräusch, wenn die Nachbarn sich betrunken in den Haaren lagen oder sich Kal wieder einmal bis zur Besinnungslosigkeit vögeln ließ – das waren Geräusche, mit denen ich gelernt hatte zu leben.
Aber das hier? Das war einfach gruselig!
Ich stand auf, schlüpfte in meine Schuhe und rieb mir die Schläfen um wieder richtig wach zu werden. Ich brauchte etwas zu trinken. Wasser, oder noch besser: Bier. Etwas, das müde macht und die Gedanken zum Schweigen bringt. Nur ein einziges, um besser einschlafen zu können.
Ob der Gasthof noch offen hatte?
Ich verließ das Haus und begab mich in Richtung des Dörfchens. Da es auf dem Weg nur wenige Bäume gab, reichte das Mondlicht, um mir den Weg zu erhellen, auch wenn mich das Fehlen künstlicher Lichtquellen doch irgendwie beunruhigte.
Pelikan war ein verschlafenes Fischerdorf irgendwo am gefühlten Ende von Nirgendwo. Diesen Charme hatte es in den letzten fünfzehn Jahren niemals abgelegt und würde es wahrscheinlich auch niemals machen. Ich war der Überzeugung, dass man diesen Ort irgendwann in hundert Jahren als historisches Museumsdorf vermarkten würde.
Den Gasthof zu finden war nicht sehr schwer. Nicht nur, dass im gesamten Dorf nur knapp zehn Häuser standen – es war auch das einzige, in dem noch Licht brannte.
Der Gasthof machte auf den ersten Blick den Eindruck einer typischen Fischerkneipe. Eine rustikale Einrichtung aus Holz, ein langer Tresen mit einer langen Wand voller Spirituosen dahinter, der Geruch von Fisch, Fleisch und anderer kräftiger Speisen lag in der Luft.
„Oh willkommen zu so später Stunde!“, begrüßte mich der Barmann mit einer aufrichtigen Freude in der Stimme. Er machte einen äußerst sympathischen Eindruck. Ein wenig pummelig, aber dadurch ein ungemein freundliches Gesicht, ein weltoffenes und fröhliches Lächeln, das durch seinen gezwirbelten Schnauzbart unterstrichen wurde. Er war der Typ Onkel, der auf der Geburtstagsfeier immer für einen Lacher gut war. „Ach, du musst dann Lesley sein, oder? Lewis hat mir davon berichtet!“
Ich wusste nicht, ob ich lächeln oder die Augen verdrehen sollte. Wusste schon das ganze Dorf von meiner Anwesenheit? Vermutlich. Es war schließlich ein Dorf. Hier wussten wahrscheinlich alle schon, welche Farbe meine Unterwäsche morgen haben wird, bevor ich sie aus der Tasche geholt hatte. Ich gab nur ein kurzes „Hi“ von mir, bevor ich mich an den Tresen setzte und mich versuchte möglichst unauffällig umzusehen.
Die Kneipe war gut besucht, was ich in erster Linie auf einen Mangel an Möglichkeiten zur Abendgestaltung zurückführte. Aber vielleicht gab es ja auch andere Gründe.
„Was darf es denn sein?“
„Ich hätte gern ...“
„Lesley?“ Eine dritte Stimme schaltete sich ins Gespräch ein. Aber sie kam mir bekannt vor.
Ich drehte mich um und traute meinen Augen kaum, als ich das mir so bekannte weiche Gesicht und diese naturroten Haare erkannte. „Leah?!“
„Oh bei Yoba! Du bist es wirklich!“ Ihr Lächeln wurde immer breiter. Leah nahm mich unverstohlen in die Arme und setzte sich sofort neben mich auf einen freien Stuhl. „Was treibt dich denn in diese abgelegene Gegend?“
„Das könnte ich dich genauso fragen“, sagte ich und konnte mir ein kleines Lächeln abgewinnen. Leah war einige Jahre lang Kals Freundin. Auch ich kam wunderbar mit ihr aus, besser sogar als mit Kal selbst, doch als sie sich trennten, verschwand Leah aus Zuzu und ließ mich mit Kal zurück. Ich hatte es immer noch nicht ganz verdaut, dass sie von heute auf morgen einfach verschwunden war, ohne mir wenigstens Bescheid zu geben – oder wenigstens Kontaktdaten zu übermitteln.
„Emily, ich glaube, wir brauchen hier zwei Bier“, lachte der Barmann.
„Danke, Gus.“ Leah nickte ihm zu, ehe sie sich wieder an mich wandte. „Nachdem es mit Kal und mir aus war, musste ich einfach weg. Sie war eine gigantische Belastung für mich, mein Leben, meine Träume. Sie hatte nie verstanden, dass ich Künstlerin bin und nicht glücklich wäre, wenn ich mich durch einen Job einzwängen lassen würde.“
„Also dachtest du, du lässt alles stehen und liegen und fliehst, ohne jemandem auch nur etwas zu sagen?“ Unmut klang in meiner Stimme mit.
Leah schaute mich traurig an. „Ich weiß, das war dumm von mir. Wir waren Freunde, du hättest es verdient, mehr zu wissen.“
Ich winkte ab und nahm einen großen Schluck von dem Bier, das Gus uns hingestellt hatte. Es war kühl und schmeckte angenehm süffig. „Ach egal. Ich hab schließlich dasselbe gemacht.“
„Du hast deine Freunde ohne ein Wort zu sagen verlassen?“
Jetzt grinste ich schief. „Nö, nur Kal.“ Sie musste ja nicht wissen, dass ich bis auf Kal eigentlich keine Freunde hatte. Und selbst in dieser Beziehung war Freunde ein sehr dehnbarer Begriff.
Leah prustete und verschluckte sich beinahe am Bier, als sie das hörte. „Oh herrlich! Mir scheint, dass sich Kal kein Deut verändert hat.“
Ich schüttelte den Kopf, hob den Krug und wir stießen an. „Oh doch. Noch schlimmer geworden.“
Wir lachten und unterhielten uns seit diesem Moment, wie alte Freunde, als seien wir beide nie fortgegangen.
Und natürlich blieb es nicht bei dem einen Bier.
Gus bat uns weit nach zwei Uhr morgens freundlich, langsam das Lokal zu räumen. Leah und ich waren die letzten Gäste. Als ich aufstand, musste Leah mich festhalten und nach draußen bringen.
Die kühle Nachtluft, die meine Nase umwehte, tat gut und ließ mich den strengen Geruch in der Schenke vergessen. Sie belebte meine Sinne – und auch meinen Magen.
Und so ließ ich mir den Abend noch einmal durch den Kopf gehen.

Triggerwarnungen: Alkoholkonsum und Nachwirkungen, Erbrechen

 

Der nächste Morgen begrüßte mich mit einem kräftigen Schlag direkt ins Gesicht. Als die ersten Sonnenstrahlen durch die heruntergelassenen Rollladen schienen, spielte mein Kopf bereits eine mir nur allzu wohlbekannte Kakophonie aus Empfindungen. Meine Zunge fühlte sich an, als hätte ich erst jüngst eine Perserkatze im Fellwechsel abgeleckt, meine Kehle ächzte nach Wasser – aber am Schlimmsten war das Gefühl unter meiner Schädeldecke. Ich konnte den Schmerz nicht definieren, er änderte sich von Drücken zu Ziehen zu Reißen im Sekundentakt. Selbst mit geschlossenen Augen hatte ich das Gefühl, dass die ganze Welt sich um mich herum viel zu schnell drehen würde. Ich traute mich nicht, sie zu öffnen, doch als ein schrilles Schallen an mein Ohr drang, war es vorbei.
Ich richtete mich schlagartig auf, öffnete die Augen – alles um mich herum war verschwommen und unscharf -, drehte mich nach links und griff nach dem erstbesten Gegenstand, den ich fassen konnte und hielt ihn mir vor den Mund. Schon sekundenbruchteile später entleerte ich meinen Mageninhalt – oder zumindest das, was davon übrig war, denn bis auf Magensäure zeigte sich nichts mehr.
In der anderen Ecke des Raumes konnte ich die Schemen einer Person sehen, die wild gestikulierte. Ihre Worte klangen erbost, ich konnte sie jedoch nur dumpf und fern erahnen. Nach und nach klärte sich mein Blick wieder und ich erkannte, dass es sich um Leah handelte und die Erinnerungen an den letzten Abend kamen mir wieder ins Gedächtnis. Wir hatten über die gemeinsame Zeit an der Universität geredet, über unsere Freundschaft und natürlich über Kel – Leahs Exfreundin und meine Mitbewohnerin. Wobei, wenn ich mich recht erinnerte, „reden“ eine sehr freundliche Umschreibung für das war, was wir getan hatten.
Langsam wurde mir klar, was passiert sein musste. Diese Geselligkeit, die mir all die Monate so gefehlt hatte, hatte mich in alte Laster zurückfallen lassen und ich hatte anscheinend meine eigenen Grenzen falsch eingeschätzt.
Mit anderen Worten, ich hatte einen Filmriss.
Einen ziemlich heftigen sogar.
Um genau zu sein, erinnerte ich mich an rein gar nichts mehr, was nach unserem ersten Anstoßen in der Kneipe geschehen war.
„Was denkst du dir eigentlich dabei?!“ Leah klang zornig und ließ mich zusammenzucken. Ich schaute in meine Hände und erkannte, dass eine Vase Opfer meiner Übelkeit geworden war.
„Oh, sorry. Das wollte ich nicht.“
„Ich habe dir gesagt, du sollst mich nie wieder anrufen!“
Anrufen? Verwirrung zeichnete sich auf meinem Gesicht ab, dann aber bemerkte ich, dass Leah ein altes Telefon am Ohr hielt. Jetzt wurde mir auch klar, welch durchdringendes Geräusch mir vorhin den Magen umgedreht hatte.
„Was? Mir ist vollkommen egal, welches Problem du hast! Ich dachte, ich habe dir damals deutlich gemacht, dass ich mit dir nichts mehr zu tun haben will!“ Wer auch immer am anderen Ende der Leitung war, musste Leah schwer zugesetzt haben. Ich kannte sie schon eine Weile, aber so aufgebracht hatte ich sie noch nie erlebt.
„Lesley? Was?“ Ich horchte auf. So langsam dämmerte es mir, mit wem sich Leah unterhielt. Leah und ich hatten nur wenige gemeinsame Bekannte. „Weißt du was? Fick dich einfach! Deine scheiß Eifersucht hat mir schon damals gezeigt, was für ein furchtbarer Mensch du bist!“
Wieder eine kurze Stille. Ich setzte mich auf die Bettkante und berührte mit den Füßen den Boden. Noch immer drehte sich alles um mich, aber sitzen fühlte sich jetzt definitiv besser an als liegen.
„Und selbst wenn ich Lesley gefickt hätte, wäre das nicht mehr dein Problem, du Psycho!“ Mit diesen harten Worten warf Leah den Hörer auf die Gabel. Sie atmete schnell, ihre Brust bebt.
„Kel?“
Leah atmete tief durch. Ihr Gesicht, das bis eben puderrot angelaufen war, nahm gemächlich wieder seine normale Hautfarbe an. „Kel.“
„Woher hat sie deine Nummer?“
Leah schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat sie bei meiner Mutter angerufen oder so. Dieses Weib schreckt anscheinend vor nichts zurück.“
Ich lächelte und versuchte mich aufzurichten. Die ersten Momente waren noch sehr wackelig, aber langsam aber sicher konnte ich mein Gleichgewicht finden. „Hast du deshalb dieses Kuhkaff am Arsch der Welt gewählt, um Künstlerin zu werden?“
„Unter anderem. Ja. Ich wollte einfach weg von allem und jedem. Zuzu hätte mich beinahe vernichtet. Ich konnte das einfach nicht mehr.“
Ich nickte bei ihren Worten – eine furchtbare Idee. Sofort drehte sich wieder alles um mich und ich fiel rückwärts auf die Matratze zurück. Ein leises Fluchen entkam meiner Kehle, doch ich fasste mich schnell wieder. „Kann dich nur all zu gut verstehen. Zuzu ist ein verdammtes, nach Pisse stinkendes Dreckloch. Ich war auch kurz davor, dort zu Grunde zu gehen. Du willst lieber gar nicht wissen, was für eine Scheiße ich dort miterlebt habe.“
Leah kam auf mich zu und setzte sich neben mich aufs Bett. Sie reichte mir ein Glas voll Wasser, welches ich dankend entgegennahm. Ich war für gewöhnlich kein Freund geschmackloser Getränke, aber nach einer durchzechten Nacht lernte ich es immer wieder aufs Neue zu schätzen.
„Ach, ich denke du hast mir gestern Nacht genug Storys anvertraut, Lesley“, grinste Leah süffisant.
„Oh fuck, was hab ich erzählt?“
Ein helles Lachen ließ meinen Schädel dröhnen. „Keine Sorge. Es war nichts, was ich nicht ohnehin schon von dir wusste, oder mir zumindest denken konnte. Hier eine Eskapade, da ein One Night Stand, Drogen, Diebstahl, Körperverletzung. Nichts außergewöhnliches.“
Ich schüttelte den Kopf – langsam! Bewegungen waren immer noch sehr sehr unangenehm – und holte tief Luft. „Scheiße, ich hab dir echt von der Schlägerei erzählt?“
„Nein, das habe ich mir gerade ausgedacht. Aber schön, dass du meine Vermutung bestätigt hast.“
Peinlich. Aber ich musste zugeben, dass es diese Intelligenz war, die ich damals bereits an Leah äußerst zu schätzen wusste.
„Und was war diese Nacht?“, hakte ich vorsichtig nach.
Leah schaute mich an, ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. „Lesley ...“
„Oh Shit“, zischte ich und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. „Also ...“
Urplötzlich brach Gelächter aus Leah aus. „Ich verarsch dich nur, Lesley! Wir haben nichts gemacht die Nacht, keine Sorge!“
„Oh“, gab ich von mir und versuchte irgendwie trocken zu lachen. Ich konnte nicht genau sagen, ob ich erleichtert, oder enttäuscht war. Leah war eine wundervolle Frau und ich konnte nicht abstreiten, dass ich damals oft eifersüchtig auf Kel war, dass Leah sich für sie interessierte. Es war schon ein merkwürdiger Gedanke. Hier waren wir nun, sie und ich, alleine, Single, irgendwo am Arsch der Welt – fast so, als wäre es ... Schicksal?
„Lesley? Geht es dir gut? Du wirkst abwesend.“
Leahs Worte ließen mich aufschrecken. Ein kühler Schauer jagte mir über den Körper. „Ja, alles gut. Alles gut, keine Sorge. Ich muss nur erstmal wieder einen klaren Kopf bekommen. Das war gestern einfach zu viel.“
„Das versteh ich. Du hast Gus' Ale-Vorrat erschöpft. Pam wird fuchsteufelswild sein, wenn sie heute Abend in die Kneipe kommt.“
Ein weiteres Mal versuchte ich mich aufzurichten, dieses Mal gelang es besser. „Ach verdammte Scheiße, ich hab doch gar nicht das Geld, um so etwas zu bezahlen.“
„Keine Sorge, Gus ist sehr geduldig, wenn es darum geht, seine Rechnung zu begleichen.“
Ich schüttelte den Kopf. Langsam aber sicher bereitete mir die Bewegung keinen Brechreiz mehr. „Aber ich hab keinen Job mehr. Wie soll ich Gus jemals auszahlen?“
Leah lehnte sich auf dem Bett zurück und betrachtete gedankenverloren die Decke. „Also ich verkaufe ab und an mal eine Skulptur, um ein paar Münzen zu machen.“
„Ich bin nicht so begabt wie du, wenn es um Kunst geht Leah.“
„Du bist wirklich noch nicht ganz wach, oder Lesley?“ Leah lachte sich in die Faust. „Du hast eine Farm, Lesley. Du kannst Pflanzen anbauen und Gemüse verkaufen. Du kannst Holz hacken, Nutzsteine abbauen, Schätze in der Natur oder aus den Mienen bergen. Es gibt dutzende Möglichkeiten, sich hier im Dorf etwas Geld zu verdienen.“
„Uff, das klingt nach einer Menge Arbeit“, lache ich humorlos.
„Impliziert das Wort Arbeit, meinst du nicht auch?“
Ich seufze. „Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich mich hier von der Arbeit erholen kann.“
„Weißt du, als ich hier ins Dorf kam, war ich nur auf der Flucht. Ich wollte weg aus Zuzu, weg von Kel, weg von allem, was mich belastete. Aber dann lernte ich dieses Dorf zu lieben. Und auch wenn ich manchmal tagelang Holz sammeln muss, um etwas brauchbares zu finden, oder mir stundenlang die Finger am Sandpapier wundreibe, um meine Werkstoffe vorzubereiten, möchte ich das Leben hier nicht mehr missen. Es mag arbeitssam sein, aber es ist trotz allem entspannend und erfüllend.“
„Und wie lange hast du an diesem Werbeslogan gearbeitet?“, grinste ich, musste aber im selben Moment zugeben, dass es gar nicht so verkehrt klang. „Kannst du mir eventuell helfen?“
„Wir sind doch Freunde, oder Lesley? Da ist es doch selbstverständlich. Wann immer du eine helfende Hand oder einen Rat brauchst, kannst du auf mich zählen.“
Mehr als ein kurzes 'Danke' bekam ich nicht heraus. Ohne es selbst zu merken, trugen mich meine Füße in Richtung der Tür. Was war los mit mir? Mein Herz schlug schneller, als ich es gewohnt war. Als meine Finger sich um den Türgriff klammerten, hielt ich inne und sammelte meine Gedanken.
Wie lange war es her, dass ich eine solche Herzlichkeit von einem Menschen erfahren hatte? Je länger ich darüber nachdachte, umso trauriger machte es mich. Hatte ich je zuvor wirklich Freunde?
„Leah ...“, seufzte ich tief, „... wie komme ich zu Opas Farm?“

Wie sich herausstellte, stand Leahs Hütte nur unweit der Farm meines Großvaters. Ich brauchte nicht einmal eine viertel Stunde, um die brachliegenden Felder zu erreichen und bereits zehn Minuten später stand ich vor der Hütte.
Oder zumindest, was man von ihr übriggelassen hatte ...

Triggerwarnungen: Misgendering, Vandalismus

 

Mit einem mitleidigen Lächeln stellte mir Caroline eine dampfende Tasse Kakao auf den Tisch. Abigails Mutter musste ihre Tochter schon in jungen Jahren bekommen haben, oder aber sie hatte sich gut gehalten. Auf jeden Fall wirkte sie deutlich jünger als ihr Ehemann und machte im Vergleich zu Pierre einen unheimlich liebevollen und fürsorglichen Eindruck auf mich. Als ich verzweifelnd und schreiend durch die Stadt stampfte, nachdem ich das Chaos vorgefunden hatte, das irgendein Wichser auf der Farm meines Opas angerichtet hatte, war sie es, die mich mit zu sich in den Gemischtwarenladen nahm, um mir zu helfen.
Ich durfte bei der Polizei anrufen und Pierre hielt sogar davon ab, mir etwas für den Anruf in der Stadt zu berechnen – zumindest, nachdem Caroline ihn mit einem bösen Blick gestraft hatte. Allerdings machte man mir auch gleich klar, dass die Streife mindestens eine Stunde brauchen würde, um bis ins Tal zu kommen.
Nicht auszudenken, was hier los wäre, wenn mal ein ernsthaftes Verbrechen geschehen würde …
„Hach, das tut mir so leid, dass du eine solche Begrüßung hier in unserem bescheidenen Dorf hast erfahren müssen. Und das, nachdem du unserer Tochter so geholfen hast.“
Ich winkte ihre Worte ab. „War ja nicht das erste mal, dass man mir mein Zuhause verwüstet.“ Und das war nicht einmal gelogen. Kurz nachdem ich mit Kel zusammengezogen war, hatten sich ein paar rabiate Diebe Einlass in unsere Wohnung verschafft, während wir in der Uni waren. Sie hatten meine Spielekonsole und meinen Fernseher, sowie einen Großteil meiner Ersparnisse mitgehen lassen. Noch heute war ich der Überzeugung, dass es wohl einer von Kels Lovern gewesen sein musste, denn im Vergleich zu meinem Raum, war ihrer beinahe unangetastet.
„Ich frage mich nur, wer zu sowas in der Lage ist“, seufzte Caroline und setzte sich zu mir. „Hier im Dorf sind wir alle eine große Familie und helfen einander. Ich kann mir nicht vorstellen, wer so etwas hätte tun können. Außer vielleicht ...“
Meine Ohren spitzten sich. „Außer?“
Caroline schüttelte den Kopf. „Ach nein, das ist absurd. Vergiss es wieder.“
„Du redest doch von Morris, oder?“ Pierre stampfte in den Raum, Zorn im Gesicht. „Dieser barschgesichtige, widerliche, kleine, ekelhafte Hu...“
„Pierre!“
„... Halsabschneider! Ich wollte Halsabschneider sagen, Caroline!“
„Aber natürlich, Schatz.“
„Wer ist Morris?“, fragte ich.
Pierre setzte sich zu uns an den Tisch. „Vor fünf Jahren hat ein JoJa-Markt im Norden des Dorfs aufgemacht. Morris ist der Filialleiter und ein widerwärtiger ...“
„Ich glaube, Lesley hat verstanden, was für ein Mensch er ist, Schatz.“
Und wie ich das hatte. Schon als ich JoJa-Markt hörte, war mir klar, dass es nur ein Arschloch sein könnte – egal, was er getan hatte.
Pierre kaute auf seiner Lippe herum. „Ich wette, Morris ging der Arsch auf Grundeis, als er hörte, dass da jemand Neues auf der Farm lebt. Mit der Qualität von lokalem Obst und Gemüse kann der ihr exportierter Ramsch einfach nicht mithalten! Ha!“
„Meinst du nicht, dass du dir das etwas einfach gestaltest, Schatz?“
„Hörst du da eigentlich, was du da redest, Weib?“, knurrte Pierre und schlug auf den Tisch. Caroline zuckte zusammen. Ich erkannte das Unbehagen in ihrem Gesicht. Ein ungleiches Paar. „Erinnerst du dich denn nicht mehr, was dieser alte Schmierlappen mit dem Gemeindezentrum gemacht hat?“
„Was war denn mit dem Gemeindezentrum?“, fragte ich, bevor sich Pierre abermals über Morris in Rage reden würde.
„Das Gemeindezentrum war Herz und Seele von Pelikan“, fing Caroline an zu erzählen. Ihre Stimme klang wehmütig, aber ich erahnte bittersüße Erinnerungen in ihren Worten. „Fast jeden Abend traf sich das ganze Dorf, um gemeinsam zu musizieren, Spiele zu spielen und eine gute Zeit miteinander zu genießen.“
„Dann kamen diese Schmarotzer von JoJa und zimmerten diesen Schandfleck in unsere Gemeinde und keine drei Tage später gab es die ersten Streitigkeiten unter uns.“
„Wegen eines Supermarktes?“, fragte ich skeptisch.
„Wir alle hatten uns darauf geeinigt, dass niemand in diesem gottverdammten Laden einkaufen würde, aber Pam sah nur die billigen Preise und war seitdem jeden Tag dort. Dann fing auch noch Marnies Neffe Shane an, dort zu arbeiten und seitdem ihr Mann in den Krieg gezogen ist, kauft selbst Jodi dort ein, anstatt ihren Kindern anständige Lebensmittel hier zu kaufen.“
Pierre warf mit Namen um sich, die ich nie zuvor gehört hatte, aber ich begann langsam zu verstehen, warum er so schlecht auf Morris und den JoJa-Markt zu sprechen war. Er war eine Gefahr für sein Geschäft. Zwar kannte ich Pierre noch nicht lange, aber mich ließ das Gefühl nicht los, dass er an diesen Streitigkeiten im Dorf nicht ganz unbeteiligt war.
Caroline seufzte. „Lange Rede, kurzer Sinn: es trafen sich immer seltener und immer weniger Leute im Gemeindezentrum und mittlerweile verfällt es einfach. Es ist traurig. Wir haben einige unserer schönsten Momente in diesem alten Gemäuer erlebt.“
Mein Magen drehte sich bei dem Gedanken um, dass ich trotz meiner Flucht aus der Stadt trotzdem nicht vor JoJa hatte fliehen können.
Das Klingeln des Windspieles an der Eingangstür ließ Pierre aufspringen. „Willkommen, einen Moment, ich bin sofort da!“, rief er und stürmte nach vorn, doch noch im Flur blieb er abrupt stehen. „Oh, Herr Wachtmeister. Schönen guten Tag. Bitte kommen Sie doch mit.“
Zwei Uniformierte traten in die Wohnung von Pierre und Caroline ein und kamen zum Tisch, an dem wir saßen.
„Detective Stone“, stellte sich der höher dekorierte Beamte vor und zeigte dann auf seinen jüngeren Kollegen, „Deputy Jackson. Sie sind Lesley Bryn?“
Ich nickte.
„Dann zeigen Sie uns doch bitte einmal, was geschehen ist.“

Wir fuhren die wenigen hundert Meter zur Farm mit dem Streifenwagen. Beim zweiten Blick auf die Hütte, sahen die Schäden noch einmal schlimmer aus. Die Fenster, die Robin erst jüngst eingebaut hatte, waren eingeworfen wurden, die Tür mit einer Axt eingeschlagen, um nicht zu sagen entzwei geschlagen. Auch im Inneren wurde genüsslich gewütet. Opas alten Fernseher hatte man demoliert – und wer je einmal versucht hatte, einen Röhrenfernseher zu zerstören, wusste, dass man dazu einiges an Kraft brauchte -, die Decke und Matratze mit einem spitzen Gegenstand aufgerissen.
Wahrscheinlich konnte ich von Glück sprechen, dass man mir keinen Molotov-Cocktail in die Hütte geworfen hatte.
„Den Innenarchitekten würde ich feuern“, scherzte Deputy Jackson. Ein Scherzkeks – gerade das, was ich jetzt nicht gebrauchen konnte. Am liebsten wäre ich diesem Kerl sofort an den Hals gesprungen, aber der strafende Blick seines Vorgesetzten war zumindest eine kleine Genugtuung.
Mit einem kleinen Notizblock in der Hand machte sich Officer Stone daran, jeden einzelnen Schaden aufzunehmen – teilweise sogar Schäden, die nicht durch den nächtlichen Angriff herrührten. Jackson stampfte – nach der nonverbalen Standpauke deutlich in sich zusammengesunken – treudoof Stone hinterher und machte Fotos mit seiner Handykamera.
Nach ungefähr fünf Minuten steckte der Officer seinen Block weg. „Sieht für mich nach Vandalismus aus.“
Seine Worte ließen mich beinahe vom Glauben abfallen. Ich versuchte an mich zu halten – vergebens. „Ist das Ihr verschissener Ernst? Das ist doch auf den ersten Blick erkennbar. Was sollte sonst geschehen sein? Ein Wildschwein reißt die Tür ein? Ein Schwarm Vögel schießt durch die Fenster? Ein Berglöwe, der sich an meiner Bettwäsche zu schaffen macht?! Haben Sie ihren Rang im Lotto gewonnen, oder was soll dieser Scheiß?“
„Frau Bryn“, hob er beschwichtigend die Arme.
„Es ist nicht Fr... ach auch egal!“, knurrte ich. Es half ja doch nichts, mit solchen Leuten zu diskutieren. Ich atmete tief durch und versuchte meinen Zorn verpuffen zu lassen, ehe sich noch irgendeiner der Polizisten von mir bedroht fühlte. Wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Schuss löst, weil ein weißer Polizist sich bedroht fühlt. „Sagen Sie mir einfach, wie es jetzt weitergeht.“
Stone behielt die Fassung. Er verzog die ganze Zeit über keine Miene. „Wir nehmen Ihren Fall auf, leiten ihn an die zuständige Stelle weiter und erstatten dann eine Anzeige gegen Unbekannt.“
„Und das war's dann? Keine Zeugenbefragung? Kein Versuch, einen Verdächtigen festzusetzen?“
Der Officer seufzte. „Sehen Sie, auch wenn es mies klingt – aber ihr Fall hat leider keine besonders hohe Priorität. In Zuzu ereilen uns täglich hunderte Fälle von Einbruch und Vandalismus, mehr als die Hälfte davon hat keinerlei Anhaltspunkte, wer der oder die Täter sein könnten. Wir könnten nie und nimmer auf alle Fälle Beamte ansetzen, die sich stundenlang Zeugenaussagen anhören und Hinweisen nachgehen.“
„Ich habe euch Bullen also vollkommen grundlos angerufen.“
„Nein, natürlich nicht!“, meldete sich Jackson zu Wort. Stone rollte mit den Augen, was ich als Bestätigung meiner Aussage verstand. „Sehen Sie, wenn Sie oder jemand anderes hier im Ort Hinweise hat, können Sie sich jederzeit im ZPD melden. Mit handfesten Hinweisen können wir den Fall auch bearbeiten.“
Ich schnaufte verächtlich. „Als ob. Wenn ich herausfinden sollte, wer das gemacht hat, brauch ich auch keine Polizei mehr.“
Stone räusperte sich. „Das habe ich jetzt überhört. Jackson, wir fahren zurück.“ Er griff in seine Jackentasche und reichte mir eine Visitenkarte, auf der sein Name, seine Dienstnummer und die Durchwahl zu seinem Arbeitsplatz stand. „Melden Sie sich, wenn Ihnen etwas auffallen sollte.“
Stone und Jackson stiegen in ihren Wagen und fuhren mit quietschenden Reifen davon. Noch bevor sie aus meiner Sicht verschwanden, hatte ich die Visitenkarte bereits zerrissen.
Wieder einmal hatte sich für mich bewiesen, wie unnötig dieser Staatsapparat war, der sich Polizei schimpfte.
Ein Blick auf den Schandfleck, der einst das Heim meines Großvaters darstellte, trieb mir die Tränen in die Augen. Sollte dies mein neues Leben sein? Wie sollte ich so je wieder auf die Beine kommen? Meine Kehle schnürte sich zu, bei dem Gedanken.
„Lesley?“ Plötzlich vernahm ich eine Stimme von hinter mir. Ich drehte mich um und sah in das traurig lächelnde Gesicht von Abigail. „Ich habe mit meinen Eltern geredet. Du kannst erst einmal ein paar Nächte bei uns schlafen.“
Ich wischte meine Tränen aus den Augenwinkeln und versuchte mir ein Lächeln auf die Lippen zu setzen. Meine Stimme versagte mir noch immer, doch ich nickte.
Immerhin gab es doch noch ein paar gute Menschen hier. Vielleicht würde ich in ihnen neue Kraft schöpfen können.
Ich wünschte es mir.

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LaylaMalfoys Profilbild
LaylaMalfoy Am 09.12.2019 um 13:54 Uhr Mit 1. Kapitel verknüpft
Lieber Cylan,
ich habe im Rahmen der Aktion 0 gegen 0 das erste Kapitel deiner Geschichte gelesen. Mir gefällt, wie du das Innenleben deiner Protagonistin wiedergibst. Schon im ersten Kapitel bekommt man eine Idee von der Gegenwart und Vergangenheit deiner Prota. Besonders ihre unschuldige Verbindung zu ihrem Opa gefiel mir. Als etwas unauthentisch jedoch, empfand ich das inflationäre Fluchen der Charaktere. Ich verstehe sehr gut, warum du es als Stilelement gewählt hast und dass es gut zu der Story und der Umwelt passt, in der die Prota steckt. Allerdings hätte ich die Wirkung als stärker empfunden, wenn das Fluchen gezielter an bestimmten Stellen eingesetzt worden wäre.
Liebe Grüße, Layla
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Autor

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Kapitel:6
Sätze:906
Wörter:11.638
Zeichen:67.811

Kurzbeschreibung

Dem Burn Out nahe entschließt sich Lesley dem Großstadtmoloch von Zuzu zu entfliehen, und auf der Farm des verstorbenen Großvaters im Sternentau-Tal wieder Kraft zu sammeln. Blöd nur, wenn Neid, Missgunst und Mobbing in der friedlichen Idylle des Landes ebenso omnipräsent ist, wie in der Stadt. In der gepeinigten Abigail sieht Lesley jedoch eine frühe Version von sich selbst - und dem möchte Lesley ersparen, dieselben Abgründe zu erleben.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit LGBT+, (romantische) Beziehungsentwicklung, Humor und Drama (Genre) getaggt.