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Von der Gezeiten Wechsel

719
16.10.20 21:50
12 Ab 12 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

9 Charaktere

Legolas

Legolas ist der Sohn des Waldelbenkönigs Thranduil. Seine Heimat ist der Düsterwald, ein riesiges Waldgebiet östlich der Nebelberge. Als Waldelb versteht er hervorragend mit dem Bogen umzugehen. Sein Name bedeutet Grünblatt.

Thranduil

Thranduil ist der König der Waldelben des Düsterwaldes. Er erbte die Krone von seinem Vater Oropher nach dessen Tod im ersten Ansturm auf Mordor im Krieg des Letzten Bündnisses am Ende des Zweiten Zeitalters. Er ist Legolas

Gimli

Gimli ist der Sohn Glóins. Er begleitet den Ringträger als der Stellvertreter der Zwerge. Als einziger der Gefährten trägt er Rüstung, ein leichtes Kettenhemd. Zusätzlich ist er mit einer Axt bewaffnet.

Aragorn

Aragorn ist Isildurs Erbe. Aufgewachsen in Bruchtal wusste er lange nichts davon, doch seit seinem zwanzigsten Lebensjahr strebt er nach dem Thron Gondors, der rechtmäßig ihm zusteht. Zudem ging er mit Arwen, der Tochter Elronds, einen Bund ein.

Rochanion

Einer meiner ersten eigenen Charaktere. Ein alter Kindheitsfreund Legolas'. Befehligt die Reiterei des Düsterwalds.

Túvial

Weiblicher OC, Waldelbin. Verliebt in Legolas, heiratet ihn auch später.

Nínim

Weiblicher OC, Waldelbin. Gemahlin Thranduils und Legolas' Mutter, ältere Schwester Ellindes

Ellinde

OC, Sinda und jüngerer Bruder Nínims. Er ist Orophers, später Thranduils General und mit Thranduil schon seit vielen Jahren befreundet.

Oropher

Oropher ist ein Sindar-Herr. Im zweiten Zeitalter war er der Fürst von Lórien. Er verübelte jedoch Galadriel und Celeborn ihre Einmischung in die Angelegenheiten des Landes und zudem verachtete er die Zwerge von Moria, weshalb er in den Grünwald zog und dort sein Königreich gründete. Er fiel im ersten Ansturm auf Barad-dûr. Er ist Thranduils Vater und Legolas' Großvater.
Teil Eins: Von einem Neubeginn

Genussvoll hatte Thranduil die Augen geschlossen und ließ sich die Sonne auf das Gesicht scheinen. Eine leise Brise ließ das Laub des Baums rascheln, auf dessen Äste er geklettert war. Eryn Galen lag friedlich unter ihm da, in der Ferne schimmerte das silberne Band des Anduin.

»Alles ruhig dieser Tage«, bemerkte Ellinde neben ihm, während er die Füße über den Rand des talan baumeln ließ. Wie immer hatte er seine Harfe dabei und spielte eine liebliche Melodie.

»Zu ruhig«, bemerkte Thranduil und besann sich wieder des Grunds, warum er zur Grenze des Reichs seines Vaters gegangen war. »Mir will nicht aus dem Kopf gehen, dass Sauron nach dem Krieg des Zorns entkam.«

Ellinde winkte ab. »Das ist Geschichte, mellon nín«, beschwichtigte er. »Er ist irgendwo in die Wildnis weit im Osten verschwunden und wird nie wieder unsere Sorge sein.«

»Ach so, dann braucht Vater seine Grenzen also gar nicht zu bewachen und die Orks bilden wir uns nur ein«, spottete Thranduil, jedoch in einem freundschaftlichen Ton.

Ellinde war Orophers General und schon lange mit dem Prinzen befreundet. Sie waren gemeinsam ausgezogen, um die Grenzen zu patrouillieren und ein Auge auf die Wachen zu werfen. Dieser Tage herrschte größtenteils Frieden im wilden Norden Mittelerdes, doch vom Gebirge her wehte ein unguter Wind.

»Ich hörte, dein Vater will weiter in den Norden ziehen«, wechselte Ellinde das Thema. »Wirst du mit ihm gehen?«

»Das weiß ich nicht«, gestand Thranduil. »Mir gefällt es hier auf dem Amon Lanc. Gleichzeitig teile ich Vaters Unruhe in Bezug auf Moria. Die Zwerge graben tief und fördern große Schätze zu Tage. Ihr Bündnis mit Celebrimbor gibt mir zu denken.«

Als würde er jemals vergessen können, welches Blutbad die Zwerge und später die Feanorer in Menegroth angerichtet hatten! Es machte ihn misstrauisch, in so großer Näher mit diesen Schlächtern zu leben. Dieser Tagte erstarkten die Reiche von Moria und Eregion und waren zu noch nie dagewesener Macht gekommen. Einer, der sich Annatar nannte, war nach Eregion gekommen und lehrte Celebrimbor geheime Schmiedekünste. Ausgerechnet den letzten der Feanorer! Nicht nur Orks waren es, die Thranduil dieser Tage Sorgen bereiteten, dafür erinnerte er sich zu gut noldorischer Schwerter an seiner Kehle.

»Du machst dir zu viele Sorgen«, sagte Ellinde, während er sich erhob. »Celebrimbor hat sich von seiner Familie losgesagt, weißt du nicht mehr?«

»Das bringt meine Mutter auch nicht mehr zurück ins Leben.« Thranduil ballte die Hände zu Fäusten.

Ellinde schwieg für einen Moment. »Warum will dein Vater in den Norden ziehen?«, kam er darauf zurück. »Doch nicht nur wegen Moria.«

»In der Tat, es ist nicht nur wegen der naugrim«, sagte Thranduil. »Er hat ein Gebirge im Norden des Waldes gefunden und schon lange redet er davon, ein zweites Doriath zu errichten. Diese Berge wären hervorragend geeignet, um Hallen wie die Menegroths zu graben.«

Ellinde musste grinsen. »Dein Vater war schon immer sehr ambitioniert. Ein Wunder, dass er Thingol nie die Krone streitig gemacht hatte.«

Das brachte nun auch Thranduil zum Lachen. »In der Tat!«

Ellinde ließ den Blick über die Ebenen des Anduin schweifen. »Also, was meinst du? Sind die Lande des Königs sicher?«

Thranduil folgte seinem Blick. »Nichts regt sich auf den Ebenen und die Vögel singen von keiner Bedrohung. Vielleicht mag es ruhig in diesen Landen sein und vielleicht muss dies ja kein schlechtes Zeichen sein. Wir sollten dennoch nicht in unserer Wachsamkeit nachlassen.«

Ellinde nickte bestätigend und nahm dies als Befehl. Thranduil war noch immer sein Prinz.

Sie stiegen wieder vom Baum herab. Einer von Ellindes Männern hatte ihnen etwas Wein gebracht, den sie nun tranken, während sie durch den Wachtposten gingen und ihn inspizierten. Alles in allem war Thranduil zufrieden mit der Verteidigung des Reiches. Sie waren wachsam und stark und der Zusammenschluss von Sindar, Nandor und Avari unter Orophers Führung hatte den Eryn Galen zu einem der einflussreichsten Reiche Mittelerdes werden lassen. Nichts geschah in diesen Wäldern, ohne dass der König davon erfuhr.

Da sie also sichergestellt hatten, dass ihre Wälder auch weiterhin geschützt waren, war es an der Zeit, wieder zurück in die Heimat zu gehen. Oropher erwartete ihren Bericht. Thranduil freute sich vor allem darüber, Nínim wiederzusehen, Ellindes Schwester. Er hatte bemerkt, dass er in letzter Zeit immer unlieber längere Zeit von ihr getrennt war und ihre Gesellschaft zunehmend genoss. Sie kannten sich schon lange, fast ebenso lange, wie er mit Ellinde befreundet war, doch all die Jahre war ihre Bekanntschaft nur flüchtig und oberflächlich gewesen. Er begann zunehmend zu bereuen, was er versäumt hatte.

Am nächsten Tag erreichten sie den Amon Lanc und die gleichnamige Stadt, die Oropher hatte errichten lassen, als sie nach dem Untergang Beleriands hierher gezogen waren. Damals war es nur eine kleine, bedeutungslose Siedlung der Avari gewesen, doch hatten sie die Flüchtlinge aus dem Osten bereitwillig aufgenommen. Oropher hatte ihnen gezeigt, wie man feste Behausungen baute, dafür lehrten sie seinen Leuten, im wilden Wald zu überleben. Mit der Zeit waren beide Völker zu einem verschmolzen und dieser Tage spürte man kaum noch einen Unterschied in ihrer Gesellschaft. Beide Kulturen waren ineinander übergegangen.

Vielleicht war es kein zweites Doriath, vielleicht würde es das auch niemals werden, doch Oropher war bestrebt, die Erinnerungen an Thingols verlorenes Reich in Erinnerungen zu halten. Es verwunderte Thranduil daher wenig, dass sein Vater nach einem geeigneten Ort für unterirdische Hallen Ausschau gehalten hatte. Auch wenn auch er seine alte Heimat vermisste, so hatte er es in ihrer kurzen Zeit in Ossiriand doch schätzen gelernt, an der frischen Luft zu leben. Ob er also wirklich mit Oropher in den Norden ziehen würde, blieb noch zu entscheiden.

Nínim war erfreut, sie wieder zu sehen. Sie kam ihnen auf den Stufen vor dem Palast entgegen und machte vor Thranduil einen artigen Knicks. Dann umarmte sie ihren Bruder.

»Der König ist wieder einmal viel zu beschäftigt, um seinen Sohn und seinen tapferen General persönlich in Empfang zu nehmen, aber er erwartet euch bereits«, sagte sie.

»Vater ist immer viel zu beschäftigt«, bemerkte Thranduil.

»Entweder das oder er lässt eine Feier ausrichten. Oder beides«, scherzte Nínim. »In den nächsten Tagen soll es einen Ball geben.«

Sie brauchten keinen Anlass zum Feiern. Wenn dem König der Sinn danach stand, dann wurde eben gefeiert. Thranduil hatte nichts dagegen einzuwenden.

Oropher erwartete sie im Thronsaal, wo er sich soeben von seinem Schatzmeister Gwailin die Zahlen ihrer Finanzen vortragen ließ. Als er sah, dass sein Sohn von seiner Patrouille wiedergekehrt war, winkte er Gwailin davon.

»Berichte«, forderte er Thranduil auf.

Keine Begrüßung, kein Zeichen der Freude, dass sein Sohn wohlbehalten wiedergekehrt war.

»Alles ruhig, aran nín«, begann Thranduil. »Die Soldaten sind wachsam und sichern die Grenzen. Nichts kommt in Euer Reich hinein oder hinaus, ohne dass wir davon wissen. Es gibt jedoch Gerüchte über Orks in den Nebelbergen, aber darum sollen sich die Zwerge scheren.«

»In der Tat. So lange sie nicht den Anduin überqueren, ist das nicht mein Problem«, stimmte Oropher zu, während er Thranduil einen Weinkelch anbot.

Dieser nahm dankend an. »Ich vernahm, Ihr wollt einen Ball ausrichten lassen?«

»Dem ist so«, sagte Oropher. »Es wird Zeit, dass du eine Frau findest. Solche Bälle sind eine hervorragende Gelegenheit dafür. Deine Alternative ist, dass ich dich an Celebrían verheirate.«

Thranduil erstarrte und starrte seinen Vater groß an. Meinte er das ernst?

Hinter ihnen konnte Ellinde nur schlecht ein Lachen unterdrücken.

»Was ist daran so witzig, General?«, verlangte Oropher zu wissen.

Ellinde stand stramm. »Nichts, Euer Majestät. Absolut nichts. Eine großartige Idee.«

»Gut.« Oropher warf seinem General einen strengen Blick zu. »Damit ist alles gesagt. Ich sehe keinen Handlungsbedarf an den Grenzen. Ihr könnt gehen.«

Thranduil neigte leicht den Kopf, während sich Ellinde und Nínim verbeugten. Dann wandten sie sich zum gehen.

Als sie außer Hörweite waren, beugte sich Ellinde zu Thranduil herüber. »Es ist eine Schande, dass er nicht mal für seinen eigenen Sohn ein freundliches Wort übrig hat«, wisperte er.

»Vater war nicht immer so, aber die Ereignisse in Doriath haben ihn gebrochen«, erwiderte Thranduil. Er hatte in all den Jahren irgendwie seinen Frieden damit geschlossen, aber ganz tief in sich drinnen nagte es dennoch an ihm.

»Lassen wir die Vergangenheit ruhen«, warf Nínim ein. »Freuen wir uns lieber auf das kommende Fest.«

»Ich will euch beide tanzen sehen!«, rief Ellinde lachend aus. »Das ergäbe sicher ein wunderbares Bild.«

»Oh ja! Bitte, Thranduil. Ich würde mich so freuen, wenn du mich zum Tanz bitten würdest. Was wirst du anziehen? Ich muss es wissen, damit ich das passende Kleid wählen kann!« Nínim war Feuer und Flamme und ihre Augen strahlten. In ihrer Begeisterung ergriff sie Thranduils Hände und sah hoffnungsvoll zu ihm auf.

Verlegen starrte er auf seine Hände. Er räusperte sich.

»Nun …«, begann er. »Ich weiß es noch nicht. Aber ich lasse es dich wissen, wenn ich mich entschieden habe, in Ordnung? Aber ich muss dazu sagen, dass ich nicht sicher bin, wie gern es mein Vater sähe, wenn ich den Abend nur mit dir verbringe.«

»Oh …« Enttäuscht ließ sie die Hände sinken. »Ich überlasse euch dann wohl besser eurem Tagwerk.«

Mit diesen Worten und einem weiteren höflichen Knicks vor Thranduil wandte sie sich zum Gehen. Bedauernd sah er ihr hinterher.

»Du Trampeltier! Wie kann man nur so blind sein?«, zischte Ellinde erbost.

»Was meinst du damit?«, verlangte Thranduil zu wissen.

»Hast du nicht einmal gemerkt, wie sehr deine Worte meine Schwester verletzt haben?« Ellinde baute sich vor ihm auf. »Sie ist dir sehr zugetan, seit Jahren schon. Und du speist sie mit so etwas ab!«

»Wir sind nur Freunde. Und jetzt beruhige dich wieder!« Nun ließ Thranduil doch seine Autorität spielen.

»Nur Freunde, pah!« Der General schnaubte. »Ich will, dass du auf dem Ball mit ihr tanzt und ihr nicht den Abend versaust.«

»Du kannst mir nicht befehlen!«

»Aber sie ist meine Schwester!«

Die Beiden starrten sich für einen Moment lang schweigend an.

»Ich weiß, dass du sie auch magst, sehr sogar«, fuhr Ellinde ruhiger fort. »Fass dir ein Herz, der Ball wäre eine hervorragende Gelegenheit. Und dein Vater würde endlich Ruhe geben.«

Thranduil ging in sich und schwieg für eine Weile. »Ist es so offensichtlich?«, fragte er schließlich leise.

Ellinde lachte in sich hinein. »So offensichtlich, wie ich hier in diesen Augenblick vor dir stehe, mellon nín.« Etwas ernster fuhr er fort: »Sie ist meine Schwester, und ich will nur das beste für sie. Bitte verletzte sie nicht noch einmal so sehr.«

»Du hast Recht. Bitte vergib mir.«

»Bitte nicht mich um Vergebung, sondern Nínim.«

 

Wie Oropher es angekündigt hatte, gab es einige Tage später ein großes Fest in Amon Lanc. Viele Elben aus dem Umland kamen in die Stadt und sogar manche, die von weiter her kamen. Es hatte sich herumgesprochen, dass Oropher auf der Suche nach einer Braut für seinen Sohn war. Das löste natürlich so einige Aufregung unter den Adeligen aus, weil viele Töchter angesehener Häuser ihre Gelegenheit witterten.

Thranduil selbst konnte nur an Nínim denken. Immer und immer wieder gingen ihm Ellindes Worte durch den Kopf und er schallt sich selbst einen Narren. Ja, wie hatte er nur so blind sein können? Der Gedanke, sich ihr zu offenbaren, löste dennoch ungeahnte Schrecken in ihm auf.

Der Tag des Balls war ein ganz furchtbarer und wundersamer zugleich. Es war ein Ball, wie Thranduil ihn schon hunderte, gar tausende Mal erlebt hatte. Man kam zusammen, trank Wein plauderte, zeigte sich am Hof. Doch Ellindes Worte hatten etwas in Thranduil wachgerüttelt und mit einem Mal kam er sich vor wie ein Grünschnabel und nicht wie der Prinz eines großen Reiches.

Er saß an der Seite seines Vaters am Ende der Festhalle und beobachtete mit dem Weinkelch in der Hand die Feierlichkeiten. Sein Blick glitt über die Feiernden, während er nach Nínim suchte.

»Ich hörte, dass du einiges Interesse an der Schwester meines Generals entwickelt hast«, bemerkte Oropher.

»Nínim. Ihr Name ist Nínim.« Aus irgendeinem Grund ärgerte es Thranduil, dass sein Vater sie nicht beim Namen genannt hatte.

»Es wird Zeit, dass du unsere Linie sicherst«, betonte Oropher wieder einmal.

»Im Leben geht es nicht nur um Einfluss und Politik, Vater«, hielt Thranduil dagegen. »Für Euch ist selbst eine Feier wie diese eine Gelegenheit, um aller Welt Eure Macht zu zeigen.«

Oropher warf ihm einen strengen Seitenblick zu.

Thranduil senkte den Blick. »Verzeiht.«

Es war nicht angebracht gewesen, seinen Vater daran zu erinnern, dass es auch einmal andere Zeiten gegeben hatte. Eine Zeit, in der er eine glückliche Ehe mit Thranduils Mutter hatte führen dürfen und unbeschwert in Doriath unter der Regentschaft Elu Thingols und Melians der Maia lebte.

Doch mit einem Male seufzte Oropher und sein Blick wurde weicher. »Nein, du hast ja Recht, Sohn«, gestand er. »Warum halte ich überhaupt solche Feiern ab, wenn ich mich ihrer nicht einmal erfreue? Geh und vergnüge dich.«

Thranduil blieb noch einen Moment sitzen und behielt seinen Vater im Blick. Doch Oropher hatte bereits wieder die Maske des strengen, reservierten Königs aufgesetzt und ließ sich nicht anmerken, was in ihm vor sich gehen mochte. Thranduil beschloss, dass es in der Tat Zeit war, dass zumindest er etwas Freude an diesem Fest fand. Der Wein war zu gut, um ihn nicht zu genießen!

Er begab sich unter die Feiernden. Getuschel folgte ihm, doch er scherte sich nicht darum. Stattdessen suchte er zielstrebig nach Nínim und fand sie an der Seite ihres Bruders. Ellinde wirkte erfreut, als sich Thranduil endlich zu ihnen begeben hatte.

»Hat dich dein Vater endlich auf Beutefang geschickt?«, scherzte er, während er gleichzeitig wie beiläufig Nínim vor sich schob.

Wie sie es gewünscht hatte, hatte Thranduil ihr seine Kleiderwahl für diesen Abend übermitteln lassen. Er hatte sich für ein silbernes Gewand entschieden, auf das weiße Edelsteine gestickt worden waren. Nínim hatte daraufhin ein goldenes Kleid mit langer Schleppe und einem weißen Gürtel gewählt. Auf ihrem dunklen Haar saß ein bronzener Reif, der über ihrer Stirn einen Rubin einfasste.

»Du siehst bezaubernd aus, Nínim«, begrüßte er sie, während er ihre Hand ergriff und einen Kuss darauf hauchte.

Sie knickste und errötete leicht. »Vielen Dank.«

Ellinde legte jedem von ihnen eine Hand auf die Schulter. »Ihr seid wunderbar zusammen! Und daher lasse ich euch jetzt für ein paar Augenblicke allein.«

Als er gegangen war, atmete Thranduil einmal tief durch. Dann sagte er: »Ich muss mich für neulich entschuldigen. Das war wirklich nicht sehr taktvoll von mir.«

»Oh, alles gut«, beschwichtigte sie ihn lachend. »Du bist ja sogar meiner Bitte nachgekommen und hast mir sagen lassen, was du an diesem Abend tragen wirst; eigentlich war das nur ein Scherz.«

Thranduil sah gespielt empört zu ihr herab. »Du hast mich also nur zum Narren halten wollen?«

Sie verbarg ihr Lachen hinter einem Fächer und gab sich kokett. »Es hat offensichtlich funktioniert. Sieh einmal, wie die Leute schon zu uns herüberschauen. Du in deinem edlen Gewand, silbern wie der Mond, und ich strahlend wie die Sonne! Möchtest du mich jetzt um einen Tanz bitten?«

Erneut griff er nach ihrer Hand und verbeugte sich tief vor ihr. »Würde die hohe Dame mir die Ehre erweisen?«

»Wer mich so artig fragt, dem kann ich keinen Korb geben.«

Er reichte ihr den Arm und sie hakte sich unter. Dennoch war es eigentlich sie, die ihn zur Tanzfläche führte. Sie legte sich ihre Schleppe elegant über einen Arm, dann wandte sie sich ihm zu. Er konnte sich die neidischen Blicke all der anderen Damen nur allzu gut vorstellen, die auf ihre Gelegenheit zu einem Tanz mit ihm gehofft hatten. Doch er schenkte all seine Aufmerksamkeit der wunderschönen elleth in seinen Armen und war nicht gewillt, auch nur einen Gedanken an Politik zu verschwenden.

Sie tanzten lange zur Musik, umkreisten einander wie der Mond die Sonne und verloren sich kein einiges Mal aus dem Blick. Schon längst hatte man ihnen Platz gemacht, und Thranduil spürte die wachsamen Augen seines Vaters auf sich ruhen. Er schob den Gedanken an ihn zur Seite.

Nínim strahlte ihn all die Zeit glücklich an und genoss augenscheinlich jeden Augenblick mit ihm.

Thranduil erinnerte sich Ellindes Worte. Er wischte alle Furcht zur Seite und beugte sich zu ihr herab.

»Ich liebe dich«, wisperte er ihr ins Ohr.

Sie hielt inne in ihrem Tanz und sah voller Staunen zu ihm auf.

»Und … es tut mir leid, dass ich so blind war«, fügte er verlegener an.

Das brachte sie zum Lachen. »Ach, meleth nín, was für ein Narr du doch bist! Ja, ich liebe dich. Hörst du? Ich liebe dich!«

»Wirklich?!«, fragte er verwundert. Ihm schwirrte der Kopf. Schon längst hatte er vergessen, wo er war.

Als Antwort nahm sie nur sein Gesicht zwischen ihre Hände und küsste ihn.

»Wirklich«, hauchte sie, während sie ihm sanft über die Wange strich.

»Möchtest du mich heiraten?«, fragte er, bevor ihn der Mut verließ.

»Nichts lieber wünsche ich mir, als die Ewigkeit mit dir zu verbringen.« Überglücklich lächelte sie ihn an. Liebe schien aus ihren Augen.

»Meleth nín«, hauchte er und genoss den Klang dieser Worte auf seiner Zunge.

 

Doch die Tage ihres Glücks waren gezählt. Nur wenige Tage nach diesem Ball erhielten sie die Nachricht, dass Eregion angegriffen worden war. Sauron war aus den Schatten getreten und hatte sich zu erkennen gegeben. Er war Annatar, der Herr der Geschenke, der sich in das Herz der Gwaith i-Mírdain geschlichen und sie betrogen hatte. Nun belagerte er Eregion. Und nicht nur das: Er hatte einen Teil seiner Truppen in den Osten geschickt, den Anduin hinauf, und belagerte nun Orophers Reich.

»Er bindet unsere Kräfte hier«, schloss Oropher, als er die Berichte seiner Späher gehört hatte. »Er setzt mich in meinen eigenen Wäldern fest und verhindert so, dass ich ihm in den Rücken falle.«

»Celebrimbor war ein Narr, Annatar zu vertrauen. Elrond und Gil-galad hatten ihn gewarnt!«, fluchte Thranduil.

»Werden wir angreifen, mein König?«, wollte Ellinde wissen.

Für einen Moment schwieg Oropher und besah sich die Karten, die vor ihm auslagen. Kleine Figuren waren darauf aufgestellt, die die Truppen des Feindes und ihre eigene Heeresstärke darstellten. Die Kräfte, die sich östlich des Anduin gegenüber standen, waren beinahe ausgeglichen, doch Sauron hatte lediglich einen Teil seiner eigentlichen Stärke gegen Oropher entsandt. Wenn er es verlangte, konnten diesen Orks noch unzählige weitere folgen.

»Nein«, sagte Oropher schließlich. »Wir werden abwarten und in unseren Wäldern bleiben. Sauron hätte eine größere Streitmacht entsendet, wenn er mich wirklich für eine Gefahr halten würde. Soll er in dem Glauben bleiben. Mag sein, dass er so verhindert, dass wir Eregion zur Hilfe kommen, aber ich hatte es ohnehin nicht vor. Das ist Celebrimbors Problem, nicht meines.«

Und damit war es beschlossene Sache. Die Waldelben blieben in der Deckung ihrer Bäume und die Orks machten die Ebenen des Anduin unsicher. Über die kommenden Jahre gab es immer wieder Scharmützel an den Grenzen, wenn einzelne Orkverbände sich zu nah an den Wald heranwagten. Doch die Elben wussten ihnen das Fürchten zu lehren. Sie lockten sie in den Schatten der Bäume und schossen sie aus dem Verborgenen heraus mit tödlicher Präzision nieder. Sie ließen nur wenige entkommen, gerade genug, um Gerüchte über namenlose Schrecken zu streuen, doch nie zeigten sie ihre wahre Stärke. Die hielt Oropher verborgen, um Sauron nicht zu einem offenen Angriff zu provozieren. Er wusste, dass dies ein Krieg wäre, den er nicht unbedingt gewinnen würde.

Thranduil war dieser Tage oft zusammen mit Ellinde an den Grenzen, um die Sicherheit des Reiches zu gewährleisten. Ellinde gab hin und wieder vorsichtige Bedenken an Orophers Vorgehen, doch Thranduil stand hinter seinem Vater. Was kümmerte es sie, was in Eregion geschah? Celebrimbor hatte die Schlange an seiner Brust genährt, nun hatte sie ihn gebissen. Er war ein Sohn von Mördern, Thranduil empfand kein Mitleid mit ihm.

Sie vernahmen, dass der Hohe König Gil-galad eine große Streitmacht unter dem Befehl seines Herolds Elrond entsendete, um Eregion zu verteidigen. Dann blieb es für lange Zeit ruhig. Die Orks, die sich im Anduin-Tal eingenistet hatten, verhinderten nicht nur, dass Oropher Truppen zur Hilfe Eregions entsandte, sondern auch, dass sie Nachrichten von jenseits des Gebirges erreichten. Sie waren blind und taub im Angesicht des Feindes.

Einige Jahre gingen ins Land und an ihrer Pattsituation änderte sich nichts. Nínim zeigte sich zunehmend besorgter, dass ihr Bruder und Thranduil sich so oft den Gefahren an den Grenzen stellten. Was würde geschehen, wenn Eregion fiel und Sauron entschied, sich nun doch gegen das Waldreich zu wenden?

»Dann werden seine Orks zu tausenden unter unseren Pfeilen sterben und wir lehren ihn, dass es ein Fehler war, uns zu unterschätzen«, tröstete Thranduil sie.

»Ich fürchte um dich, melethron«, gestand sie. »Es bedarf nur eines schwarzen Pfeils, um dich mir zu rauben. Bitte bleib bei mir. Geh nicht mehr an die Grenze.«

Als Antwort gab er ihr nur einen Kuss auf ihr Haar. Dann griff er dennoch wieder zu Bogen und Schwert und zog mit Ellinde aus, um Orks an den Grenzen des Reichs zu jagen.

Wenn all dies vorbei war, schwor er sich, dann würde er Nínim zur Frau nehmen.

Im Jahre 1697 erreichte sie die Nachricht, dass Eregion gefallen sei. Sauron hatte seine gesamte Macht gegen Ost-in-Edhil geworfen und die Festung geschliffen. Celebrimbor war in Verteidigung seiner Schmieden und ihrer Geheimnisse gefallen, während die letzten Reste seiner Truppen unter der Führung Elronds und Celeborns nach Norden flohen. Anscheinend war es Elrond jedoch gelungen, Sauron so sehr zuzusetzen, dass dieser die Verfolgung mit all seiner Macht aufnahm. Die Truppen, die bis jetzt östliches des Gebirges gelauert hatten, wurden abgezogen. Die Waldelben atmeten auf.

»Zumindest ist nun auch die letzte Wurzel dieses Übels Feanor ausgebrannt«, war alles, was Oropher dazu zu sagen hatte.

Mit der Zerstörung Eregions hatte Sauron nun nahezu freie Hand im Norden Mittelerdes. Doch Elrond war ihm ein zu großer Dorn im Auge, als dass ihm bereits jetzt der Sinn danach stand, auch die Waldelben von der Landkarte zu fegen. Während er Gil-galads Herold im Norden belagerte, befestigten die Waldelben ihre eigenen Grenzen. Sobald es Sauron gelingen würde, Elrond niederzuwerfen, würde ihre Stunde in den Plänen des Feindes schlagen. Sie mussten sich darauf vorbereiten, denn dieser Schlag würde früher oder später kommen.

Doch er kam nie. Gemeinsam mit den Soldaten Númenors gelang es Gil-galad, die Belagerung zu sprengen und Sauron aus dem Norden zu vertreiben. Es sollten lange Jahre des wachsamen Friedens folgen.

Ruhe kehrte wieder in das Reich der Waldelben ein, doch auch sie ließen in ihrer Wachsamkeit nicht nach. Eregion war gefallen und die Tore Morias geschlossen. Wilde Orks trieben sich im Gebirge umher, nicht selten kamen sie herab.

Oropher ging erneut seine Pläne an, im Norden des Waldes ein zweites Menegroth errichten zu wollen. Er erinnerte sich zu gut des einstigen Glanzes ihrer alten Heimat und war bestrebt, zumindest ein Echo dessen wieder aufleben zu lassen. Auch wenn Thranduil zunächst skeptisch gewesen war, so ging er am Ende doch mit seinem Vater in den Norden. Viele ihres Volkes folgten ihnen und über die Jahre wurde der Amon Lanc verlassen.

Die Jahre des Friedens hielten an und allmählich lernten die Orks, den Wäldern der Elben nicht zu nahe zu kommen. Es kamen Gerüchte aus dem Süden über einen namenlosen Schatten, doch sie blieben nichts weiter als das: Gerüchte, die man Kindern abends erzählte, um sie zu erschrecken. Oropher sah keinen Anlass, sich darum zu sorgen, nicht einmal, als sich dieser Schatten auf Númenor ausweitete.

Thranduil nahm die Zeit des Friedens zum Anlass, um endlich Nínim zu ehelichen, wie er es ihr vor so langer Zeit versprochen hatte. Im Jahr 3420 gebar sie ihren ersten Sohn. Sie nannten ihn Legolas.

talan - Fläche, Oberfläche, Plattform; Sindarin
Ellinde - Sternensänger, Sindarin
mellon nín - mein Freund, Sindarin
naugrim - Zwergenvolk, Sindarin
Nínim - Schneeglöckchen (wörtl. weiße Träne), Sindarin
elleth - Elbenfrau, Sindarin
meleth nín - mein Herz, Sindarin
melethron - Liebender, Freund, Sindarin

 

Es folgt das damals erste Kapitel. Ich habe die Aufteilung der Kapitel bei der Neubearbeitung des Textes ein wenig anders gestaltet, zudem plane ich, ein paar der Charaktere neu zu gestalten. Daher kann es passieren, dass die alten Kapitel ggf. den neuen vorausgreifen oder teils komplett gestrichen werden.
Teil Eins: Vom letzten Bündnis und der Belagerung Barad-dûrs

Im Jahre 3441, zu Zeiten des Letzten Bundes, fand die Belagerung von Barad-dûr dank großer Taten ihr Ende und mit ihr das Zweite Zeitalter. Doch diese Geschichte beginnt sieben Jahre zuvor mit dem Beginn der Belagerung, denn in diesem Jahre 3434 war es, dass es begann, dass das Übel die Elben vom Eryn Galen, vom Grünwald, heimsuchte.

  Oropher war ein Sindar-Fürst und König der Waldelben vom Eryn Galen, und obwohl er es nicht befürwortete, dass Galadriel und Celeborn sich in die Angelegenheiten von Lórien einmischten, so herrschte doch ein festes Bündnis zwischen seinem Volke und seinen Verwandten jenseits des Flusses. Doch genauso war er bestrebt, sich nicht in die Angelegenheiten irgendeines der anderen Völker Mittelerdes einzumischen, war jedoch klug genug, dennoch mit dem Letzten Bündnis in die Belagerung um Barad-dûr zu ziehen, obgleich sie unabhängig und nicht gewillt waren, sich dem Oberbefehl Ereinion Gil-galads zu unterstellen. Oropher wusste, dass es erst Friede in Mittelerde geben konnte, wenn Sauron endgültig vernichtet war; der Krieg dauerte schon zu lange. Eine große Armee war es, die er zusammenstellte und mit ihr gen Süden zog. Sein oberster Herold war sein Sohn Thranduil.

  Und ebenjener war es, der dem König diesen Feldzug ausreden wollte.

  „Vater, es nicht so klug, wie du denkst, in diese Schlacht zu ziehen“, versuchte er seinen Vater zu überzeugen. „Sicher stimmt es, dass wir erst dann wieder Frieden haben, wie du sagt, wenn Sauron vernichtet ist, doch Elendil und Gil-galad werden dies auch ohne unsere Hilfe gelingen. Wir verfügen nicht über die Mittel, einen Kampf von solchen Ausmaßen ohne zu große Verluste zu überstehen. Sicher, unsere Kämpfer sind tapfer und verwegen, doch im Vergleich zu den Eldar des Westens ist unsere Ausrüstung mehr schlecht als recht. Geh nicht!“

  Doch Oropher ließ sich nicht umstimmen, und Thranduil wäre nicht sein Sohn, würde er nicht wider besseres Wissen mit ihm kommen.

  Und wie er staunen sollte, als sie beim Großen Strom Anduin zum Heere Elendils und Gil-galads zusammen mit ihrem Verwandten Malgalad aus Lórien und seinen Mannen stießen! Prächtiger gerüstet und schöner anzusehen und größer als jedes Heer Mittelerdes je zuvor war es anzusehen, außer als die Valar am Ende des Ersten Zeitalters gegen Thangorodrim zogen. Soweit das Auge reichte, erstreckte sich vor ihnen eine Stadt aus vielen tausend Zelten, einem Meer aus Blumen gleich. In der Mitte dessen oben auf einem Hügel flatterten die Standarten Gil-galads und Elendils, der beiden Heerführer, im Wind. Goldene Panzer klirrten und Schwerter blitzten in der Sonne auf. Bei diesem Anblick stocke Thranduil der Atem. Doch gleichzeitig verfestigte sich seine Meinung, dass sie hier nicht gebraucht würden; zu viele waren es und zu gut waren sie gerüstet (im Vergleich zu ihnen kam er sich schäbig vor).

  Und doch wurden sie herzlich und mit Freuden empfangen, denn ganz gleich, was Thranduil behaupten mochte: Sie waren sehr wohl vonnöten. Freudig war daher ihr Empfang und der ihrer zahlreichen Krieger, Oropher aber gab sich kühl und stolz, wie es seit jeher seine Art den Noldor gegenüber war.

  Lange Tage zogen sie weiter nach Süden, alle Völker der Elben vereint, und mit ihnen waren viele Menschen, ja selbst Tiere und Vögel und Durins Volk und einige andere Zwerge. Alles Leben, so hieß es, ergriff in diesem Kriege Partei für beide Seiten, ausgenommen die Elben. In der Dagorlad stießen sie dann auf Saurons Heer vor dem Schwarzen Tor von Mordor.

  Die Orks, wild schreiend und wüste Verwünschungen ihren Feinden entgegenschleudernd, ließen ebenjenen kaum Gelegenheit, ihre Reihen zu ordnen, und gingen rasch zum Angriff über. Unglücklicherweise wurden gleich bei diesem ersten Sturm Malgalad und sein Heer von Hauptheer abgeschnitten und in die Totensümpfe getrieben. Malgalad kam ums Leben und mit ihm mehr als die Hälfte seines Gefolges. Doch auch die Verluste der Waldelben fielen schmerzlicher aus, als sie hätten sein müssen; sie waren nicht gut genug gerüstet.

  „Ach, Vater, hättest du nur auf mich gehört!“, klagte am Abend nach der Schlacht Thranduil.

  „Du hast die Horden Saurons gesehen“, entgegnete Oropher. „Hunderttausende sind es! Es ist nur rechtens, dass wir hier sind und unseren Beitrag zum Frieden für Mittelerde beisteuern.“

  Thranduil seufzte resigniert.

  „Komm“, sagte sein Vater in beschwichtigenden Tonfall. „Elendil will Kriegsrat halten mit den anderen Heerführern. Wir sollten dabei sein und uns anhören, was er zu sagen hat.“

  Allen war an diesem Tage das Herz schwer, doch machte ihnen Elendil wieder Mut, dass sie nicht schon jetzt verzagen sollten. Malgalads Beispiel sollte ihnen eine Lehre sein. Ja, Saurons Heer war mächtig, doch sie kämpften um ihr Land und nicht um das seine, ihr Wille sei frei, der der Orks gebunden an Knechtschaft und Furcht. Sich endgültig einig sein mussten sie sich, jeden Zwist, der in der Vergangenheit war, zumindest für diesen Krieg vergessend. Einen obersten Heeresführer bräuchten sie, und Elendil schlug Gil-galad vor, denn von seinem Volk waren die meisten in ihrem Heer vertreten.

  Als dies gesprochen ward, da lachte Oropher voller Hohn, und er rief aus: „Ein Noldo, ein sogenannter Weiser?! Bedenket doch die Taten ebenjener in der Vergangenheit! Verrat und Lug und Trug und übles Zauberwerk brachten sie unter jene des vergangenen Beleriand, mordeten sogar andere Elben! Dem werde ich nicht folgen, der von solchen Leuten abstammt.“

  Gil-galad ertrug all den Spott schweigend und sagte nichts dazu.

  Doch war Oropher der Einzige, der dies so sah, selbst Thranduil hielt zunächst zu Gil-galad. Sein Vater zürnte ihm deswegen sehr. „Warum tust du dies? Du kennst du die alten Geschichten!“, rief er aus.

  „Du hast doch gesehen, was mit Malgalad geschah“, entgegnete sein Sohn. „Sollte dir dies nicht Lehre genug sein? Schon jetzt fielen unsere Verluste größer aus, als sie hätten sein müssen, und um dies in Grenzen zu halten, fehlt es uns an Mitteln dazu. Von Anfang an war ich dagegen, mitzuziehen, nun versuche ich, das Beste daraus zu machen.“

  Schlussendlich musste sich der störrische Waldelenkönig geschlagen geben.

  Und so war es beschlossene Sache. Gil-galad erhielt den Oberbefehl, Elendil aus seinen Stellvertreter ernennend, und ordnete zunächst die Truppen neu. Dann, als sie ihre Wunden genügend geleckt hatten, da gingen sie ihrerseits zum Angriff auf Mordor über. An vorderster Front stand unter anderem Oropher. Thranduil argwöhnte, dass der König etwas im Schilde führte, und er ahnte nichts Gutes.

  Wie Recht er behalten sollte!

  Derweil nahmen auch die viel zu zahlreichen Orks und finstere Menschen, allesamt beseelt vom Hass auf die Freien Völker, Stellung auf. Oropher ließ seinen Blick über ihre Reihen gleiten. „Wie, der Verräter Sauron wagt sich nicht aus seinem Versteck in Barad-dûr?“, rief er ihnen Spott entgegen. „Na, das wollen wir ändern!“

  Und noch ehe Gil-galad den Befehl zum Vorrücken gegeben hatte, so stürmte er mit seinen Mannen voran.

  „Vater, nicht!“, rief ihm Thranduil noch hinterher. Welch Narretei! Noch eine letzten Blick auf seinen Heeresführer werfend eilte er seinem Vater hinterher und zur Hilfe.

  „Oropher ist vom Wahnsinn gepackt, wir müssen ihn da heraus holen“, rief Elendil entsetzt aus, als er die Reiterei der Waldelben voranstürmen sah, allen vornweg Oropher und sein Sohn.

  Gil-galad, den Waldelbenkönig verfluchend und einen Irren schimpfend, gab endlich den Befehl zum Angriff; vielleicht konnten sie ja noch retten, was zu retten war.

  Doch zu spät, ach zu spät sollten sie kommen.

  Mit Mut, der Irrsinn war, trieb Oropher sein stolzes Schlachtross unbarmherzig an, sein Schwert weit ausholend schwingend. Mit donnernden Hufen folgten ihm seine Mannen, und sein Sohn war an seiner Seite. Mitten in die Reihen der Feinde ritten sie, weder auf Mann noch auf Tier achtend. Alles, was ihnen vor ihre Klingen und die Hufe der Pferde kam, wurde niedergemacht. Doch sah Oropher die Lanze nicht, die ein Ork ihm entgegenhielt, und sie traf ihn tief in die Brust, Panzer wie Fleisch gleichermaßen durchdringend, und riss ihn vom Pferde. Schreckensstarr zügelte Thranduil sein Pferd und wollte zu seinem zu Tode verwundeten Vater eilen, doch wurde er aufgehalten von einem der Herolde des Feindes. Ein hitziger Kampf wurde es, doch schließlich gelang es Thranduil, schwer verletzt, seinen Gegner niederzustrecken. Rasch eilte er zu seinem Vater, doch kam jede Hilfe zu spät. Bitter weinend beugte er sich über den Leib Orophers und betrauerte seinen schmerzlichen Verlust. Die tobende Schlacht um ihn herum beachtete er nicht mehr. Und so wäre es auch beinahe um ihn geschehen gewesen, wenn nicht eine Elbin aus Orophers Gefolge sich mutig dem Ork in den Weg stellte, der Thranduil hinterrücks überfallen wollte, und ihn erschlug.

  „Komm mit, mein Prinz, du musst fort von hier!“, rief sie ihn an.

  Wie in Trance ließ er sich von ihr fortführen, überwältigt von Kummer und Schmerz, jedoch nur unter der Bedingung, dass der Leichnam seines Vaters geborgen würde. Sie brachte ihm in Sicherheit hinter die eigenen Linien und versorgte seine Wunden, blieb auch in den nächsten Tagen stets bei ihm. „Wer bist du, schöne Fremde?“, fragte er daher, als er wieder klar denken konnte.

  „Aramiel ist mein Name, und ich bin Heilerin und Kriegerin“, antwortete sie.

  Und so geschah es, dass sich sein Herz dem ihrem zuwandte, und ihres ihm, trotz all der Schrecken oder gerade deswegen. Noch wussten sie jedoch nichts von den Gefühlen des jeweils anderen zueinander.

  Doch die Schlacht sollte sobald noch kein Ende nehmen und Thranduil, der nun der König der Waldelben war, musste alsbald an seines Vater Platz treten. Oftmals kämpften sie tagelang ohne Unterbrechung, bis Freund wie Feind vor Erschöpfung beinahe tot umgefallen wären. Hin und her wogte das Schlachtenglück, die Verluste waren zahlreich und schmerzlich. Doch niemand gab auf, wollte es nicht tun. Die einen kämpften aus Furcht vor dem Verlust der geliebten Heimat und die anderen aus Furcht vor dem gehassten Sauron, ihrem Feldherren. So gingen die Jahre ins Land, und Blut tränkte die Erde.

  Wieder einmal hatte der Letzte Bund eine, wenn auch nur kurze, Verschnaufpause vor den erbarmungslosen Kämpfen. Thranduil hatte zahllose aber kleine Wunden aus dem letzten Kampf davongetragen, die nun Aramiel sorgsam versorgte. Nur sie tat dies, und er wollte es auch nicht anders; ihre Nähe gefiel ihm. Die Dunkelheit seines Zeltes und die Stille darin wurden nur von einer Schale mit einem knisterndem Feuer darin verdrängt, mehr brauchte er nicht an Licht und Wärme in den Nächten, die verdunkelt wurden von Saurons Schatten. Die beiden waren allein.

  „Ach, sag mir, Aramiel, warum müssen wir nur so viel Grausames erleiden?“, seufzte er schließlich. „Viele meiner Kameraden mussten bereits ihr Leben lassen, und ihre Leiber wurden zerhackt und geschändet von den Orks, der niederen Brut Saurons. Und dann, gleich beim ersten Angriff auf Mordor, fiel auch noch mein Vater. Nicht einmal ein ordentliches Begräbnis konnten wir ihm geben. Welch furchtbares Schicksal hat mich ereilt! Womit bloß verdiene ich es?“

  Sie hielt inne, seine Wunden zu waschen, und sah ihm in die Augen. Schmerz und Kummer und großes Leid sah sie in ihnen und doch lächelte sie, denn er war immer noch ihr König. „Verdient hast du es bei weitem nicht“, sagte sie. „Doch solange du uns in die Schlacht führst, werden wir dir folgen und nichts wird vergebens sein. Sauron wird fallen!“

  „Wie kannst du dir da so sicher sein?“, fragte er.

  „Höre auch dein Herz“, entgegnete sie und legte ihm seine Hand darauf. „Was sagt es dir?“

  Eine Weile schwieg er. Doch dann begegnete er ihrem Blick und sagte: „Dass du wunderschön bist, das sagt es mir.“ Und er beugte sich vor und küsste sie, und nun fanden sie endlich zueinander.

  Von nun an zog Thranduil wieder mit Hoffnung und neu gewonnener Stärke in die Schlacht. Die Belagerung Barad-dûrs wurde immer drückender, und schlussendlich musste der Hexer doch hervorkommen, wo doch schon alles gewonnen schien, den Einen Ring an seiner schwarzen Pranke. Er focht mit Elendil und Gil-galad und erschlug sie und ward nicht niederzuwerfen. Da ergriff Isildur die Bruchstücke seines Vaters, Elendils, Schwert Narsil und schnitt mit dem Heftstück dessen Sauron den Ring vom Finger und behielt ihn. Da war Sauron, der Feind aller Völker Mittelerdes, doch besiegt, wie es schien.

  Doch zu welchem Preis war dieser Sieg erkauft? Gil-galad und Elendil waren gefallen im Zweikampf mit Sauron und Anárion, Isildurs Bruder, fiel mit vielen der Seinen in der Ebene von Gorgoroth. Auch die Waldelben hatten schmerzliche Verluste zu verzeichnen; Thranduil, der seinen Vater verlor, kehrte mit kaum einem Drittel seiner Armee in die Heimat zurück. Lange hatten sie danach Frieden, und die Zahl der Waldelben mehrte sich wieder. Doch sie waren unruhig und ängstlich und spürten die Veränderung, die das aufkommende Dritte Zeitalter bringen würde.

 

Einige Jahre später heiratete Thranduil Aramiel, und sie wurde seine Königin. Viele Jahre nach dem Beginn des Dritten Zeitalters dann wurde ihr erster und einziger Sohn geboren. Legolas nannte Thranduil ihn.

Teil Zwei: Von Schnee und anderen großen und kleinen Übeln

Legolas kannte keine Gnade. Wenn er etwas wollte, dann forderte er es vehement ein. Nínim behauptete, dass er darin ganz nach seinem Großvater schlug, der ebenfalls immer seinen Willen durchsetzen musste. Thranduil bekam dies wieder einmal an diesem Morgen zu spüren, als sein Sohn in das Schlafgemach seiner Eltern stürmte und auf ihr Bett sprang. Unwillig schob Thranduil ihn von sich; es war am Vortag ein langer Abend geworden, und er hatte noch nicht ausgeschlafen. Nínim hingegen zog lächelnd ihren Sohn in ihre Arme, um ihn zu knuddeln. Legolas zappelte, weil er jetzt nicht kuscheln wollte, und riss seinen Vater damit endgültig aus dem Schlaf.

»Ada, nana! Es ist Winter und immer noch liegt kein Schnee!«, jammerte der Junge. »Ich will, dass ihr Schnee macht!«

Thranduil seufzte und ermahnte sich zur Geduld.

Nínim lachte leise und gab ihren Sohn frei. »Ach, Lebin, das geht nicht so einfach«, erinnerte sie ihn. »Niemand kann dem Wetter befehlen.«

Legolas stemmte die kleinen Fäuste in die Seite und versuchte grimmig zu schauen. Thranduil befürchtete, dass er sich das von ihm abgeschaut hatte.

»Ioradar kann das, ganz bestimmt!«, war Legolas sich sicher. Dann stürmte er davon.

»Legolas, bleib hier!«, rief ihm Thranduil hinterher. Vergebens. Der Junge war auf und davon. Thranduil seufzte schwer. Kleines Monster. Oropher würde seinen Sohn mal wieder in der Luft zerreißen, weil dieser Legolas nicht unter Kontrolle hatte. Sie hatten so ihre Differenzen, was ihre Ansichten in Bezug auf Kindererziehung anging. Als Legolas vor zehn Jahren geboren worden war, hatte er sich geschworen, niemals ein verbitterter alter Elb zu werden und es an seinem Sohn auszulassen. Oropher sah die Sache freilich anders und war der Meinung, Legolas müsse so früh wie möglich auf die Rolle vorbereitet werden, die er Orophers Meinung nach in der Welt einzunehmen hatte. Ihn auch einfach einmal Kind sein zu lassen, passte nicht in Orophers Weltbild.

Zu Thranduils größtem Erstaunen kam es jedoch nicht zum Eklat. Ellinde hatte sie errettet, als er den Jungen abgefangen hatte, wie dieser zu Oropher hatte stürmen wollen. Er hatte sich seinen Neffen unter den Arm geklemmt und kitzelte ihn ordentlich durch, als er ihn zurück zum Gemach seiner Eltern brachte. Legolas quietschte vergnügt und versuchte vergeblich, sich aus Ellindes Griff zu winden. Anscheinend war die Sache mit dem Schnee damit erst einmal vergessen.

Auch wenn es noch früh am Morgen war, so hatte Ellinde bereits seinen Dienst anzutreten und konnte daher nicht bleiben, um mit ihnen gemeinsam zu frühstücken. Thranduil bedauerte dies, denn Ellinde war hervorragend dazu geeignet, Legolas bei ihm abzuschieben, damit er den Jungen bespaßte. Manchmal fragte er sich doch noch, warum sie sich gegen eine Amme entschieden hatte. Dann erinnerte er sich wieder daran, dass er nicht wie sein Vater werden wollte.

»Ada, was machen wir heute?«, fragte Legolas mit großen Augen. »Gehen wir raus in den Wald?«

»Nein, denn wir besprechen wichtige Dinge mit dem König«, hielt Thranduil dagegen.

»Das ist langweilig!«, protestierte Legolas. »Nie haben du oder Onkel Ellinde Zeit zu spielen.«

»Dann gehen wir eben in den Wald, lebin nín«, vertröstete ihn Nínim.

»Nein, ada soll mitkommen!« Legolas schlug einen trotzigen Tonfall an.

Thranduil fühlte sich schuldig. Eigentlich hatten sie sich gemeinsam in die Erziehung ihres Sohnes reinteilen wollen, doch in letzter Zeit blieb es viel zu oft allein an Nínim hängen. So sollte es nicht sein! Über die Jahre war sie an der Seite ihres Gemahls zu einem wichtigen Teil der Politik des Grünwalds geworden und daraus nicht mehr wegzudenken. Doch nun stand erneut Krieg vor ihren Türen und der Hohe König Gil-galad hatte sie um ein Bündnis gegen Sauron ersucht. Thranduil hatte alle Hände voll damit zu tun, zwischen den Boten der Noldor und seinem Vater zu vermitteln. Ihm blieb immer weniger Zeit für seinen Sohn.

Er versuchte, die Dinge, die da ins Rollen gekommen waren, von Legolas fernzuhalten, doch so wirklich gelang es ihm nicht. Legolas verstand vielleicht noch nicht, was das Bündnis zwischen Elendil und Gil-galad bedeuten mochte oder welche Rolle den Waldelben darin zuteil wurde. Aber er verstand, dass sich die Noldor zwischen sich und seinen Vater gedrängt hatten und auch Oropher kein Freund der fremden und stolzen Elben war, die in sein Reich gekommen waren.

Sein Schweigen schien Legolas zu erzürnen.

»Nie hast du Zeit für mich, adar!«, schimpfte er. Dann sprang er auf und rannte davon.

Thranduil wollte ihm streng hinterher rufen, unterließ es dann jedoch. Legolas hatte ja Recht. Dass er sich ausgerechnet von einem kleinen Kind daran erinnern lassen musste! Er fühlte sich hilflos.

Nínim legte ihm mitfühlend eine Hand auf den Arm. »Soll ich mich heute deines Vaters annehmen?«, bot sie an. »Ich bin sicher, dass auch ich ihn davon abhalten kann, die Noldor Gil-galads hochkant aus seinen Hallen zu werfen.«

Er lächelte schwach. »Nein, es ist schon in Ordnung. Ich schaffe das.«

»Nein, das tust du nicht«, hielt sie bestimmt dagegen. »Seit Wochen schon stellst du dich zwischen die Fronten und versuchst, deinen Vater davon zu überzeugen, sich Gil-galad und Elendil anzuschließen, und gleichzeitig Orophers Interessen zu vertreten. Was wiederum Gil-galads Boten verhindern wollen. Ich sehe doch, wie das an dir nagt. Ich bin immer noch deine Gemahlin und damit die Prinzessin dieses Reichs. Und Legolas sollte wirklich mehr von seinem Vater haben dürfen. Er ist in letzter Zeit nur deswegen so quengelig, weil er deine Aufmerksamkeit will.«

Er hob skeptisch eine Augenbraue. »Woher willst du das wissen?«

»Weil mein kleiner Bruder in dem Alter genauso war.« Sie kicherte. Dann wurde sie wieder ernst. »Thranduil, melethron. Du überlässt mir heute die Wölfe des Hofs und gehst mit unserem Sohn spielen. Krieg zieht auf und wer weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt.«

Sanft strich er ihr über das Gesicht. »Manchmal denke ich, dass du Vaters General hättest werden sollen und nicht dein Bruder. Wer kann dir schon widersprechen?«

Lächelnd schmiegte sie sich in die Geste.

Vielleicht wäre es ja in der Tat die sanfte Bestimmtheit seiner Gemahlin, die eine Brücke schlagen konnte zwischen dem König und Gil-galads Boten.

Sie beendeten ihr Frühstück. Da Legolas erst ein paar Mal von seinem Marmeladenbrot abgebissen hatte, packte Thranduil ihm etwas zu essen ein und und ging dann auf die Suche nach ihm. Auch wenn Legolas pfiffig war, so war noch immer sein Großvater der König und die Wachen der Hallen wussten zu verhindern, dass er spurlos verschwand – jedenfalls für längere Zeit. Thranduil fand ihn schnell am Eingang zu den unterirdischen Hallen, wie er dort auf die Wachen einredete, ihn nach draußen zu lassen. Die Soldaten wirkten erleichtert, als sie Thranduil kommen sahen.

»Ada!«, rief Legolas glücklich, als er seinen Vater ausmachte. Er rannte zu ihm und schlang ihm die Arme um die Hüften. Lächelnd strich Thranduil ihm über das Haar, goldblond wie sein eigenes.

»Wolltest du nicht raus in den Wald, ion nín

Das strahlende Lächeln, das Legolas ihm schenkte, war unbezahlbar.

Thranduil merkte, wie gut ihm die Aussicht tat, zumindest für diesen Tag kein Prinz sein zu müssen, sondern einfach nur ein Vater, der seit Langem wieder einen schönen Tag mit seinem Sohn verbringen konnte.

Er nahm Legolas an der Hand, während die Wachen ihnen bereits die Tore öffneten. Draußen erwartete sie eine Überraschung: Es hatte zu schneien begonnen. Große dicke Flocken fielen vom Himmel und hatten bereits alles fingerdick mit Schnee bedeckt. Legolas‘ Augen strahlten, als ihm sein Wunsch nach Schnee doch so überraschend erfüllt worden war. Der kleine Junge quietschte vergnügt und rannte davon, um die Schneeflocken zu fangen. Thranduil folgte ihm langsamer, ein Lächeln auf den Lippen.

Legolas rannte in den Wald und war rasch auf einen Baum geklettert, dessen Äste niedrig genug waren, dass der Junge sie erreichen konnte. Thranduil machte sich keine Sorgen, dass ihm etwas geschehen könnte. Sie waren Waldelben, der Pfad in den Baumwipfeln war ihnen ebenso vertraut wie ihre ebenerdigen Wege.

Geschwind war Legolas nach oben geklettert und machte sich einen Spaß daraus, den Schnee, der auf den Ästen lag, auf seinen Vater herabzuschütteln.

»Na warte!«, drohte Thranduil spielend. »Ich bekomme meine Rache!«

Er griff nach einer Handvoll Schnee und formte ihn zu einem Ball, den er in die Wipfel warf.

»Daneben! Daneben!«, höhnte Legolas lachend.

Eine weitere Ladung Schnee fiel herab und Thranduil mitten auf den Kopf.

So ging es eine ganze Weile weiter und sie tollten durch den verschneiten Winterwald. Thranduil wurde leicht um‘s Herz. Ja, er hatte das wirklich gebraucht, Nínim hatte Recht. Und auch Legolas schien so glücklich wie seit Wochen nicht mehr, während er mit seinem Vater durch die Wälder streifte. Und die ganze Zeit schneite es weiter.

Irgendwann einmal war die Schneedecke dick genug, dass Thranduil den Vorschlag machte, rodeln zu gehen. Natürlich war Legolas Feuer und Flamme. Er liebte seinen kleinen Schlitten – und er liebte es, wenn sein Vater ihn zog.

Also gingen sie zurück zum Palast, um den Schlitten zu holen. Danach dirigierte Legolas seinen Vater zu seiner liebsten Rodelbahn. Während Thranduil den Schlitten durch den Wald zog, überlegte er, dass er in den kommenden Tagen den großen Pferdeschlitten vorbereiten lassen sollte, um Nínim mit auf einen Ritt durch den verschneiten Wald zu nehmen. Auch mit seiner Gemahlin hatte er zu wenig Zeit verbracht in den letzten Wochen, zu sehr hatten ihn die Verhandlungen vereinnahmt. Es war sträflich, wie sehr er seine Familie dahinter zurückgestellt hatte.

An dem Hügel angekommen, stürmte Legolas sogleich den Schlitten hinter sich her ziehend den Berg hinauf. Thranduil erstaunte es immer wieder, wie viel Energie dieses Kind in sich trug. Es war gut, dass Legolas sich endlich wieder so richtig austoben konnte. Kurz darauf fuhr er johlend den Hang hinab, den Schnee, der ihm ins Gesicht wehte, ignorierend. Schmunzelnd beobachtete Thranduil ihn.

Da bemerkte er ein weiteres Kind, welches sich anscheinend ebenfalls diesen Hügel zum Rodeln auserkoren hatte. Einen flüchtigen Blick hinab werfend setzte sich der Junge auf seinen Schlitten und brauste sogleich den Hang hinab. Legolas schien noch nicht bemerkt zu haben, dass sie nicht mehr allein waren, und so kam es, wie es kommen musste: Er wurde über den Haufen gefahren. Die beiden Jungen purzelten übereinander und blieben im Schnee liegen.

Erschrocken eilte Thranduil zu ihnen, doch als er sich neben sie kniete, um zu sehen, ob ihnen etwas geschehen war, fand er sie lachend und mit zerzausten Haaren vor. Erleichtert atmete er auf. Keiner von ihnen war verletzt.

»Das war sehr unachtsam von euch!«, ermahnte er die Jungen.

Legolas ignorierte ihn und lachte nur. »Das war lustig!«, rief er aus. »Lass uns das gleich noch mal machen.«

»Au ja!«, stimmte der andere Junge zu. »Ich bin Rochanion. Und du?«

»Legolas.«

Sie reichten sich die Hände. Es sollte der Beginn einer langen Freundschaft werden.

 

Lebin – Kleines Blatt; Zusammensetzung aus leg (Blatt) und pîn (klein); Sindarin; Nínims Kosename für Legolas
ioradar – Großvater (wörtlich Alt-Vater); Sindarin
adar - Vater (Koseform ada); Sindarin
naneth - Mutter (Koseform nana); Sindarin
ion nín - mein Sohn; Sindarin
Rochanion - Sohn des Ritters (Ich hab's getan und Findrilas umbenannt! War lange überfällig); Sindarin

 

Es folgt das alte Kapitel.
Teil Zwei: Von den Nöten und Schrecken eines jungen Lebens

Es war die Zeit des Wachsamen Friedens, in die der kleine Elbenjunge, Sohn von Königen, hineingeboren worden war. Schatten legten sich kriechend über die Welt, alles belauerte sich und wartete, was nun kommen möge. Freilich waren auch die Waldelben des Eryn Galen nicht untätig. Unentwegt rüstete Thranduil, König unter Eiche und Buche, sein geschwächtes Heer und beäugte misstrauisch die Lande um sein Reich. Er wusste so gut wie jeder andere, dass dieser schleichende Friede nicht von Dauer sein würde.

  Außerdem sah er es als seine oberste Pflicht an, seinem kleinen Sohn eine so unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen, wie es nur ging. Und dafür würde er durch die Feuer des Orodruin gehen.

  Legolas liebte es, draußen zu spielen. Sein Vater erlaubte es ihm bis zu einer gewissen Entfernung von seinen teils unterirdischen Hallen an den Bergen, jedoch gab er ihm jedes Mal eine kleine Gruppe junger Soldaten mit, die auf den Jungen aufpassen sollten. Der König legte besonderen Wert darauf, dass diese Elben auch tatsächlich noch jung waren, denn für ein kleines Kind war es wohl kaum angenehm, ständig von altgedienten Kriegsveteranen verfolgt zu werden. Seine Rechnung ging auf.

  Freilich gelang es Thranduil nicht, dass sein Sohn ganz so wie jeder andere Elbenjunge, der kein Prinz war, aufwachsen konnte, auch wenn er sich die größte Mühe gab. Legolas bekam es eben doch zu spüren, dass sein Vater ein König war. Eigentlich machte er sich nicht wirklich etwas daraus, für ihn war es ja normal. Doch was für ihn freilich nicht sonderlich schön war, war die respektvolle und teils sehr distanzierte Behandlung, die er von so manchem erfuhr und die ihn weitestgehend von den ohnehin wenigen Gleichaltrigen fern hielt.

  Also suchte er sich kurzerhand selbst Freunde. Und das waren nun einmal diese jungen Elben, die Tag und Nacht um seine Sicherheit besorgt waren. Zudem waren sie genau in dem Alter, in dem jeder Halbstarke, egal ob Elb oder nicht, anfängt, sich nicht mehr und noch wieder nicht um Regeln und Normen zu scheren. Für sie war Legolas ein kleiner und ziemlich aufgeweckter, süßer Bursche, mit dem man allerhand Blödsinn zusammen aushecken konnte. Das mit dem Blödsinn gefiel Thranduil zwar weniger, doch verzichtete er weitestgehend darauf, die Jungspunde zur Resonanz zu rufen, lediglich, wenn sie es zu bunt trieben. Es war im Prinzip eine perfekte, idyllische Kindheit für Legolas.

  Wäre da nur nicht die lauernde Gefahr in der Welt.

  Zwar war Sauron geschlagen und würde in absehbarer Zeit nicht zu seiner alten Macht zurückfinden, doch seine Orks sollten nicht vergessen werden. Bei der Belagerung von Barad-dûr waren bei weitem nicht alle Orks vernichtet worden. Sie waren lediglich in alle Winde zerstreut und verkrochen sich nun in finsteren Löchern und an den Wurzeln der Berge. Dort  leckten sie ihre Wunden und warteten geduldig auf den Ruf ihres Herrn und Meisters. Lediglich ihre eigene Bosheit trieb sie für den Moment an, und diese war nicht zu unterschätzen.

  Eine kleine Gruppe von Orks war tatsächlich verwegen genug gewesen, sich in den Eryn Galen zu wagen, denn auch dort gab es schließlich Berge. Und da sie nur so wenige waren, gelang es ihnen, selbst an Thranduils Spähern vorbei zu schleichen, und diese waren immerhin Waldelben und damit mit dem Wald vertrauter als jeder anderer. An diesem Tag sollte Thranduil erfahren, was es heißen kann, auch nur einen winzigen Augenblick unachtsam zu sein, als sein kleiner wehrloser Sohn unversehens in allerhöchster Gefahr war. Wie aus dem Nichts hatte diese kleine Bande von Orks ihn und seine Freunde überfallen.

  Niemand hatte etwas gehört, denn niemand konnte etwas gehört haben. Wie auf Kommando verstummten die Tiere des Waldes. Dann sprangen die Orks aus ihrem Versteck und fielen über die ahnungslosen Elben her. Hätten sie nicht das Überraschungsmoment auf ihrer, wäre ihr Unternehmen vielleicht sogar gescheitert, doch so hatten sie rasch die Oberhand gewonnen.

  Legolas schrie erschrocken auf, als die Orks so unvermittelt wie Ungeheuer aus einem Alptraum auftauchten. Leider war es nur kein Alptraum sondern blutige Wahrheit. Er wusste nicht was er tun sollte und stand vor Schreck stocksteif da. Ihm kamen die Tränen.

  „Los, beweg dich endlich! Lauf in den Wald, Kleiner!“, rief einer der Elben.

  Legolas schreckte auf und befolgte eilig seinen Rat. Doch noch ehe der Elb kaum zu Ende gesprochen hatte, sprang ein Ork von hinten auf ihn zu und spießte ihn vor den Augen des kleinen Jungen auf. Dieser schrie erneut auf, dieses Mal untersetzt mit einem Schluchzen, und nahm die Beine in die Hand.

  Er achtete nicht wirklich darauf, wo lang er lief. Nur bloß weg von hier! Erst hinterher sollte er sich Vorwürfe machen, dass er seine Freunde im Stich gelassen hatte. Doch was sollte ein so kleiner Elb wie er schon ausrichtet? Im Moment rannte er einfach nur, so schnell ihn seine kleinen Beine trugen, in den Wald hinein. Niedrig hängende Äste und Gesträuch griffen nach seiner Kleidung und seinen Haaren und rissen daran. Er kümmerte sich nicht darum, ja, er fragte sich nicht einmal (was Kinder hin und wieder in den absurdesten Situationen taten), was sein Vater zu seiner zerrissenen Kleidung und seinem wirren Haar mit den kleinen Ästen und Blättern darin sagen würde. Nur weg von hier!

  Der Schreck und die Angst hatten ihm ungeahnte Kräfte verliehen und er war weiter gerannt, als er es jemals für möglich gehalten hätte. Schließlich blieb er dann doch keuchend irgendwo in einem fremden Waldstück am Boden liegen und konnte sich keinen Millimeter mehr rühren. Ohne dass er es gemerkt hätte, liefen ihm die Tränen über die Wangen und er schluchzte. Die Dinge, die er hatte mit ansehen müssen, wollten ihn einfach nicht in Frieden lassen! Immer und immer wieder sah er die hässliche Fratze des Orks, wie er seinen Freund umgebracht hatte. Mit einem Wimmern drückte er Junge sich an einen Baum und machte sich ganz klein. Er dachte nicht einmal daran, auf den Baum zu klettern, wie man es ihm immer und immer wieder eingebläut hatte. Aber wer dachte schon in solchen Momenten an Ratschläge, die einem daheim vorm gemütlichen Kaminfeuer gegeben wurden?

  Legolas wusste nicht, wie lang er so dasaß, doch musste es sehr lange gewesen sein. Kurzzeitig musste ihn auf die Erschöpfung übermannt haben und er musste eingeschlafen sein. Nun war es dunkle Nacht, und nur vereinzelt schien hier und da ein Stern durch das Blätterdach. Legolas sah kaum die Hand vor den Augen so dunkel war es. Er zog ängstlich die Knie noch enger an sich, schniefte und wischte sich dann die Nase am Ärmel ab. Nächtliches Getier kam nun hervor und beäugte ihn aus beunruhigend leuchtenden Augen, die ihn an die Orks erinnerten. Er vergrub das Gesicht unter seinen Armen und wünschte sich seinen Vater und seine Mutter herbei. Er wusste ja nicht einmal wo er war! Sie würden ihn bestimmt nie finden!

   Der einzige Anhaltspunkt, den er hatte, war die Lichtung, auf der er heute Vormittag noch so unbeschwert mit seinen Freunden gespielt hatte. Doch die waren jetzt tot. Er schniefte erneut, nahm all seinen Mut zusammen und schlich zurück, die Schneise, der er bei seiner Flucht hinterlassen hatte, war ja selbst bei diesen Sichtverhältnissen nicht zu übersehen. Wahrscheinlich war es am Ende das einzig Richtige, was er hatte tun können.

  Vorsichtig machte Legolas sich auf den Weg; er wusste ja nicht, ob einer der Orks sich noch in der Umgebung herumtrieb. Ob überhaupt einer seiner Freunde überlebt hatte? Mittlerweile kamen Vorwürfe in ihm hoch, dass er nichts unternommen hatte. Dass er noch ein kleines Kind war, spielte für ihn keine Rolle. Sein Vater hatte schließlich auch schon allen möglichen Gefahren getrotzt! Und er war einfach weggerannt…

  Am Ort des Geschehens angekommen, sollte er die ernüchternde Antwort erhalten: All seine Freunde waren tot, zerhackt von den Orks, die ach so wenig Erbarmen kannten und selbst kaum Opfer zählten. Der Junge bracht schluchzend zusammen und konnte nicht begreifen, dass dies das wahre Gesicht der Welt war. Die Starken fielen über die Schwachen her…

  „Na, wen haben dir denn da?“, hörte er eine boshafte Stimme zischeln.

  Erschrocken fuhr Legolas herum und sah direkt in die hässliche Fratze eines Orks. Er hatte ihn für tot gehalten. Hätte er doch nur genauer hingesehen! Erschrocken kroch Legolas zurück, doch der Ork war natürlich schneller als er und rasch über ihm. Ängstlich drückte sich der kleine Elb an den Boden und befürchtete schon das Schlimmste. Seine Eltern waren bestimmt enttäuscht, wenn sie von seinem Ende erfuhren, so ganz und gar nicht tapfer und heldenhaft!

  „Du scheint mir das kleine Prinzlein zu sein“, fuhr der Ork mit boshaftem Grinsen fort. „Da wird dein lieber Vater aber ganz bestimmt nicht erfreut sein, wenn er erfährt, dass du so spät noch ganz allein draußen bist.“

  Legolas verstand ihn, denn Thranduil bestand darauf, dass sein Sohn nebst seiner Muttersprache auch Westron perfekt beherrschen sollte. „Er kommt bestimmt gleich mit ganz vielen Soldaten und macht dich tot, wie du meine Freunde tot gemacht hast!“ Legolas hatte all seinen Mut zusammengenommen, um diese Worte zu sagen, doch viel schien es nicht gebracht zu haben.

  Der Ork lachte nur. „Oh je, da habe ich aber Angst! Das wird er ganz bestimmt, vor allem, wenn er erfährt, dass du vorher ein kleines Tänzen für mich aufführen durftest.“ Das Grinsen wurde noch boshafter, und er hob das scheußliche Messer.

  Legolas rutschte noch ein Stück zurück, doch viel mehr konnte er nicht mehr ausweichen. Da stieß seine Hand gegen ein glattes Stück Holz. Doch halt, das war nicht bloß ein Stück Holz, sondern vielmehr der Griff eines weißen Elbenmessers. Er schloss seine Hand fest darum. Gerade als der Ork zuschlagen wollte, ließ er das Messer vorschnellen und traf den Ork seinerseits mitten in die Brust.

  Der Ork machte große Augen. Der Junge ebenso. Beide sahen erschrocken auf das Messer, das in dem Ork steckte. Dann kippte Besagter tot um und landete auf dem Jungen. Legolas schrie erschrocken, angeekelt und vor allem verängstigt auf und zappelte. Doch was er auch versuchte, er kam nicht frei. Der Ork war zu schwer.

  Es war vielleicht Legolas’ Glück, dass der Tag schon so weit fortgeschritten war, denn dadurch war er nicht zur vereinbarten Zeit wieder daheim gewesen. Als seine Eltern dann auch noch Nachricht erhielten, vereinzelte Orks wären gesichtet worden, hatten sie das Schlimmste geahnt und waren sogleich höchstselbst ausgeritten, um ihren Sohn zu suchen. Legolas musste zu seiner unendlichen Erleichterung nicht lang warten, da fanden sie ihn.

  „Nana! Nana!“, schrie er schon in Panik, ihre eigenen Rufe erwidernd.

  Sogleich sprangen König und König von ihren Pferden, und Thranduil zerrte nicht gerade umsichtig den Ork von seinem Sohn. Dieser hielt jedoch noch immer das Messer fest in der Hand, und da der Ork noch nicht allzu lange tot war, besudelte dessen Blut ihn, als das Messer aus seiner Brust glitt. Legolas zog angeekelt das Näschen kraus, doch seine Eltern kümmerte das nicht weiter, als sie ihn sodann fest in die Arme nahmen. Weinend und überglücklich erwiderte er ihre Umarmung.

  „Ach, mein Sohn!“, rief Aramiel überglücklich aus und war noch einmal um Einiges mehr erleichtert, als sie sah, dass Legolas nichts weiter geschehen war als ein gehöriger Schrecken.

  Alsbald waren sie zurückgeritten. Legolas wurde sodann in eine Wanne gesteckt und ordentlich abgeschrubbt, danach in eine weiche Decke eingewickelt und zu seinen Eltern gesetzt. Ebenjene waren freilich ganz und gar nicht erbost, dass er weggerannt war, ganz im Gegenteil! Sie wollten sich lieber nicht ausmalen, was hätte geschehen können, wäre ihr Sohn geblieben. Doch nun war ja alles wieder gut, auch wenn der Tod der jungen Elben bedauerlich war.

  Legolas hatte sich alsbald wieder halbwegs beruhigt und erstaunlich rasch eingesehen, dass er für den Tod seiner Freunde nicht verantwortlich gewesen war. Das Messer wollte er dennoch behalten. Als Andenken an seine Freunde, sagte er.

Teil Drei: Vom Krieg des Letzten Bündnisses (Teil 1)
Aufgrund der Länge habe ich dieses Kapitel geteilt und das folgende Kapitel eingeschoben.
CN Krieg, Tod, Kriegsverletzungen, Blut, Verlust von Angehörigen

Die Noldor kündeten ihr Kommen mit Trompeten und Fanfaren an: Bescheidenheit hatte noch nie zu ihren Stärken gehört und auch Gil-galad schmückte sich nicht damit. Missbilligend betrachtete Thranduil die Hundertschaft an Menschen und Eldar, die den Hohen König und seinen Herold in das Waldlandreich begleitet hatten. Ebenjene ritten ihren Soldaten voran, Gil-galad, unverkennbar mit Aeglos und seinem schimmernden Brustpanzer, auf einem Apfelschimmel und Elrond, düster die Waldelben musternd, auf einem schwarzen Schlachtross von beeindruckenden Ausmaßen. Elendil und sein ältester Sohn Isildur begleiteten sie.

»Sie sind so viel besser gerüstet als wir«, sagte Nínim leise neben ihm und ergriff seine Hand. Sorgenvoll sah sie zu ihm auf.

Er lächelte ihr zu und hoffte, damit ihre Sorgen zerstreuen zu können. Doch Nínim hatte Recht: Die Noldor besaßen dicke Rüstungen und breite Schilde, während Orophers Leute ein Waldvolk waren, bewaffnet zumeist nur mit kurzen Bögen und geschützt durch Leder, nicht Metall. Und so wollten sie nach Mordor ziehen … Oropher hatte in den vergangenen Jahren die Schmieden befeuern lassen, doch es hatte nicht gereicht. Und jetzt waren die Heerführer des Letzten Bündnisses hier und forderten die Gefolgschaft der Waldelben ein.

»Nana, ich habe Angst«, flüsterte Legolas, als er die Soldaten über die Brücke und auf die Palasttore zukommen sah. Er klammerte sich an seine Mutter.

Thranduil seufzte schwer und legte seinem Sohn eine Hand auf den Kopf. Gerade einmal vierzehn Sommer zählte er und schon musste er mit ansehen, wie sein Vater in den Krieg zog.

Oropher trat vor, um die Heerführer in Empfang zu nehmen. Gil-galad stieg von seinem Pferd, um dem König auf Augenhöhe zu begegnen. Dann ließ er den Blick über die versammelten Waldelben schweifen. Oropher hatte einen Teil seines Heeres Aufstellung nehmen lassen und präsentierte seine Schützen. Nur widerwillig hatte er damals zugestimmt, ein Bündnis mit Gil-galad einzugehen, und Thranduil wusste, dass sein Vater sich nicht einfach so dem Oberbefehl eines Noldo beugen würde. Dass er seine Schützen auf diese Weise präsentierte, war gleichsam eine Drohung, ihn nicht zu unterschätzen.

Gil-galad ließ nicht durchblicken, was er von Orophers Machtdemonstration hielt. Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken.

»Ich freue mich, Euch persönlich in unserem Bündnis begrüßen zu dürfen«, sagte der Hohe König. »Eure Schützen sind von unschätzbarem Wert für uns.«

»Eine große Sache, dieses Bündnis«, bemerkte Oropher und wies auf Elendil. »Wir hörten, was im Süden in Gondor geschah.«

»Umso wichtiger, dass Ihr uns angeschlossen habt«, betonte nun auch noch einmal Elendil, der hinzugetreten war.

Thranduil kam nicht umhin, die beeindruckende Größe des Mannes zu bemerken.

Gil-galad wandte sich nun ihm zu und kniete sich vor Legolas hin. Dann zauberte er von irgendwoher ein kleines Süßgebäck hervor, das er dem Jungen überreichte. Legolas sah fragend zu Nínim auf. Sie lächelte aufmunternd.

»Nur zu«, ermutigte sie ihn. »Und bedanke dich schön artig.«

Zögernd nahm Legolas das Geschenk des Hohen Königs an und biss hinein. Thranduil bemerkte schmunzelnd, dass sein Sohn trotz seiner Scheu seine Freude über die Süßigkeit doch nicht ganz verbergen konnte.

»Danke«, nuschelte Legolas, während er sich den Zucker von den Fingern leckte.

Gil-galad lächelte. »Das ist das Rezept meines Großvaters«, sagte er. Dann wurde er ernst: »Ich bringe dir deinen ada wieder, versprochen.«

Legolas sah zwischen ihm und seinem Vater hin und her. Seine großen Kinderaugen füllten sich mit Tränen, als ihm wohl aufging, dass dies der Moment ihres Abschieds war.

»Ich binde Euch an dieses Versprechen«, sagte Nínim und fasste Gil-galad fest in den Blick, während sie gleichsam ihren Sohn an sich drückte.

Gil-galad erhob sich wieder. »Ich verlange viel, nicht nur von Euch. Doch werde ich alles in meiner Macht stehende tun, um uns zum Sieg zu führen. Kommt nun, es ist Zeit aufzubrechen!« Das letzte war an Thranduil gerichtet. Dann wandte er sich zum Gehen und stieg wieder auf sein Pferd.

Thranduil kniete sich vor Legolas hin und zog ihn in seine Arme. »Ich mache das, um dich zu beschützen, mein Sohn.«

»Geh nicht, ada«, schniefte Legolas und schlang ihm die Arme um den Hals. »Geh nicht mit den bösen Elben in den Süden.«

»Ich liebe dich, ion nín.« Ein letztes Mal drückte Thranduil ihn an sich und prägte sich dieses Gefühl so gut ein, wie er es nur vermochte. Dann löste er vorsichtig aber bestimmt die Umarmung und erhob sich wieder. Legolas schlang ihm stattdessen die Arme um die Hüfte, als wolle er so verhindern, dass sein Vater ging.

Nínim gab sich tapfer, dennoch konnte sie nicht verhindern, dass Tränen ihre Augen füllten.

»Komm zu mir zurück, melethron«, bat sie. »Gib auf dich Acht. Und auf Ellinde. Ich könnte es nicht ertragen, auch nur einen von euch zu verlieren.«

Thranduil küsste sie zärtlich, doch Worte fand er keine. Wie hätte er ihr auch den Schmerz nehmen können? Sie zogen in den Krieg, und niemand wusste, wie ihr Unterfangen enden würde.

»Lass Legolas nicht ohne seinen Vater aufwachsen«, wisperte sie. Dann gab sie ihn frei.

Schweren Herzens wandte sich Thranduil ab und trat zu seinem Vater. Dieser gab den Marschbefehl. Gemeinsam führten sie das Waldvolk in den Süden und in den Krieg.

Oropher ließ nur einen kleinen Teil seiner Streitkräfte zurück, um seine eigenen Grenzen sicher zu halten. Zudem würde sich Amdír von Lórien ihnen anschließen. Zusammen gaben sie eine schlagkräftige Armee ab, die sich durchaus mit dem großen Herr der Noldor und der Dúnedain messen konnte. Zumindest behauptete dies Oropher.

Thranduil war beeindruckt, wie es Gil-galad und Elendil gelungen war, solch gewaltige Truppenstärken zusammenzuziehen. Er hatte gedacht, dass das Heer seines Vaters eine beachtliche Größe besaß, doch im Vergleich zu den Noldor und den Dúnedain kam er sich nichtig vor.

Nínim hatte Recht: Sie waren nicht auf diesen Krieg vorbereitet. Sie waren ein Waldvolk, kein Vergleich zu den kriegserprobten Noldor.

Dennoch ritt Oropher stolz erhobenen Hauptes seinem Heer voran. Thranduil tat es ihm gleich. Nur weil sie keine schimmernden Rüstungen trugen, hieß dies noch lange nicht, dass ihre Krieger nicht minder fähige Kämpfer waren.

Lange Jahre war die Gegend um den Oberlauf des Anduin immer wieder von Orkbanden aus dem Gebirge unsicher gemacht worden. Doch jetzt, als das Heer des Letzten Bündnisses den Fluss entlang marschierte, flohen die Feinde vor ihnen in Schrecken. Der Norden Mittelerdes wurde leer, Freund wie Feind zogen nach Mordor.

Amdír von Lórien stieß zu ihnen und vergrößerte ihre Streitmacht noch einmal. Doch stellte er sich unter den Befehl Orophers, welcher selbst nicht den Oberbefehl Gil-galads und Elendils anerkannte. Von Beginn an hatte das zu Spannungen zwischen den Heerführern gesorgt, doch bisher war noch kein offen böses Wort zwischen ihnen gefallen. Schwieriger wurde es, als die Zwerge Morias unter der Führung Durins IV zu ihnen stießen.

Das einzige Mal, bei dem sich Oropher tatsächlich dazu hinreißen ließ, offen gegen Gil-galad zu sprechen, war der Moment, als er sah, welche Elben sich in Elronds Gefolge befanden. Es waren zwei alte Noldor, die seinem direkten Befehl unterstanden und auf die Namen Ceomon und Rethtulu hörten. Und sie trugen noch dieser Tage den Stern Feanors.

»Das sind Sippenmörder!«, tobte Oropher. »Diese Leute haben Menegroth niedergebrannt, meine Frau ermordet und ganz Beleriand dem Untergang preisgegeben!«

»Das ist dreieinhalbtausend Jahr her«, konterte Gil-galad beherrscht ruhig. »Sie erhielten schon vor langer Zeit ihre Strafe. Jetzt dienen sie meinem Herold, und Elrond dient mir.«

»Dann hättet Ihr wohl besser hingeschaut bei der Wahl Eurer Untertanen.«

Thranduil warf seinem Vater einen warnenden Blick zu. Auch er fühlte sich in der Anwesenheit zweier Sippenmörder nicht wohl, doch die Worte seines Vaters drohten, zu weit zu gehen.

»Vorsicht!«, warnte Gil-galad.

»Und Ihr habt nichts dazu zu sagen, Elrond Peredhel?«, wandte sich Oropher an ihn. »Immerhin sind das Eure Leute.«

»Was soll ich dazu auch sagen?«, erwiderte Elrond gelassen. »Ihr habt Eure Meinung über mich doch schon längst gefasst, obwohl wir bisher noch keine drei Worte miteinander gewechselt haben und unsere letzte Begegnung am Fuße des Amon Ereb war. Ich erinnere mich daran. Ihr habt von Maglor verlangt, dass er meinen Bruder und mich Euch aushändigt, und ihn einen Kindsräuber geschimpft. Statt sich einfach zu weigern, hat er uns gefragt, was wir wollen, und wir entschieden uns, bei ihm zu bleiben. Ich weiß, dass die Welt das gern anders sehen würde, aber wir waren nie seine Gefangenen. Und Ihr könnt noch immer nicht akzeptieren, wenn Ihr nicht Euren Willen bekommt.«

Das schien Oropher gehörig aus der Bahn zu werfen. Sprachlos starrte er Elrond an; er hatte zielgenau Orophers wunden Punkt getroffen. Auch Thranduil war verblüfft. Er erinnerte sich wage an den Tag, als er wider besseren Wissens mit seinem Vater zum Amon Ereb gegangen war, um von Maglor die Herausgabe von Elwings Söhnen zu fordern. Wie alt mochten sie da gewesen sein? Auf keinen Fall älter als zehn Jahre. Dass Elrond sich daran erinnerte, erstaunte ihn.

Dann hatte sich sein Vater wieder gefangen.

»Sohn, komm mit«, grollte er, dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging davon. Thranduil folgte.

Als sie außer Hörweite waren, wandte er sich erneut an Thranduil: »Ich will, dass du ein Auge auf Elrond hast.«

Thranduil sah ihn skeptisch an. »Er ist Gil-galads Herold.«

»Und umging sich mit Sippenmördern. Ich traue ihm nicht.«

Thranduil seufzte, stimmte dann jedoch zu. Schlussendlich bekam Oropher immer seinen Willen.

Von nun an achtete Elrond darauf, seine Diener nicht bei sich zu haben, wenn er sich in Orophers Nähe befand, und auch der König der Waldelben vermied es, dieses Thema in der Öffentlichkeit anzusprechen. So zogen sie also weiter nach Süden in Richtung Mordor. Doch Sauron blieb nicht untätig und ließ sie nicht ungehindert vor seinen Toren aufmarschieren. Als sie vor dem Heer des Letzten Bündnisses flohen, taten die Orks alles nur Erdenkliche, um das Vorankommen ihrer Feinde zu hindern. Bald schon sahen die Elben und Menschen und Zwerge die ersten Früchte dieser schrecklichen Tat.

Ein endloses Brachland erstreckte sich vor dem Heer, Ödland soweit das Auge reichte. Ein fauliger Geruch waberte in dicken Schwaden über die verbrannten Hügel dessen, was einst ein fruchtbarer Garten gewesen war. Früher hatten hier prächtiger Obstbäume und weite goldene Felder gestanden. Nun war es nur noch eine verbrannte Ödnis, in der sich nichts mehr regte. Leise fuhr der Wind in die Banner des Heeres und trug den süßlichen Gestank nach Verwesung unter sie. Die Stille des Todes lag über allem.

»Was ist hier nur geschehen?«, fragte sich Gil-galad leise.

»Das Werk des Feindes«, sagte Oropher düster, während er an die Seite des Hohen Königs ritt. Er sah nicht zu ihm, sondern ließ den Blick über das verwüstete Land schweifen. »Hier standen die Gärten der Entfrauen, ein blühendes, fruchtbares Land, das sie hegten und pflegten, seit sie aus dem Westen kamen. Sie lehrten den Völkern des Anduin den Ackerbau und gaben ihnen bereitwillig die Früchte ihrer Hände Arbeit als Geschenk der Freundschaft. Diese Lande blühten unter ihrer sorgsamen Pflege in nie dagewesener Pracht.« Sein Blick wanderte nach Süden, ihrem Ziel entgegen. »Sauron! Dies muss sein Werk sein. Ein Krieg der verbrannten Erde. Er kennt nichts als Zerstörung all dessen, was gut und schön ist.«

Gil-galad hatte ihm schweigend gelauscht und dabei das Land vor ihnen betrachtet. Thranduil fragte sich einmal mehr, was im Kopf des Hohen Königs vor sich gehen mochte, während ihm selbst das Herz schwer war vor Trauer. Als sie noch auf dem Amon Lanc gelebt hatten, waren die Entfrauen gute Nachbarn gewesen, welche oft ihre Wälder besucht hatten und ihnen die Früchte ihrer Felder schenkten. Auch die Waldelben waren oft gekommen, um in ihren Gärten zu wandeln und sich ihrer Schönheit zu erfreuen. Es war eine gute Nachbarschaft gewesen.

»Ein Krieg der verbrannten Erde, fürwahr«, sagte Gil-galad schließlich. »Sauron will uns aufhalten, was in gewisser Weise gut ist, denn dann fürchtet er uns. Dennoch liegt unser Weg nach Mordor durch diese Lande.«

»Wir müssen wissen, was vor uns liegt«, ergriff nun Elendil das Wort. »Sauron wird sich sicher nicht nur damit begnügt haben, die Gärten zu verbrennen. Wer weiß, welche Teufeleien er noch entsonnen hat.«

Gil-galad nickte und wandte sich an seinen Herold. »Elrond, ich will, dass du mit einer Gruppe Späher unseren Weg auskundschaftest. Oropher, Eure Leute kennen das Land vor uns. Würdet Ihr Elrond einige Eurer Waldläufer zur Seite stellen?«

Auch wenn Gil-galad und Elendil die Oberbefehlshaber ihrer Streitmächte waren, so wandte sich der Hohe König nie mit Befehlen an Oropher. Stets formulierte er es als Bitten. Thranduil war dies schon am ersten Tag aufgefallen, als sie sich den Heeren der Noldor und der Dúnedain angeschlossen hatten. Oropher hatte es deutlich genug gemacht, dass er kein Freund der Noldor war, und Gil-galad bemühte sich, ihm auf Augenhöhe zu begegnen. Thranduil fragte sich dennoch, wie lange es noch dauern würde, bis es bis zum unausweichlichen Eklat zwischen den beiden kommen würde. Die Spannung war beinahe greifbar.

Oropher zögerte sichtlich, doch dann nickte er schließlich. »Thranduil, such dir eine Handvoll deiner besten Leute und geh mit Elrond.«

Thranduil atmete auf. Noch blieb er verschont mit Streitereien zwischen seinem Vater und Gil-galad.

Gil-galad und Elendil befahlen eine Rast, bis ihre unmittelbare Lage ausgekundschaftet war und sie eine ungefähre Ahnung hatten, was sie erwarten mochten. Erst dann wollten sie weiter marschieren und weitere Kundschafter aussenden. Ein wenig erstaunte es Thranduil, dass sein Vater ihn dafür abbestellt hatte, seinen kostbaren Sohn und Erben. Wahrscheinlich war es schlicht deswegen, weil Gil-galad Elrond geschickt hatte und Oropher nicht wollte, dass die Noldor in dieser Sache die Oberhand behielten.

Insgesamt waren sie zu zehnt, als sie zu Fuß aufbrachen. Elrond brachte seinen Hund Garahû mit, von dem Thranduil wusste, dass er der persönlichen Zucht des Herolds entstammte. Zudem befand er sich in Begleitung seiner obligatorischen Schatten Ceomon und Rethtulu. Thranduil kam nicht umhin zu bemerken, dass er sich unruhig in ihrer Gegenwart fühlte. Er achtete darauf, sie im Blick zu behalten und seine Hand nahe seines Schwertes zu belassen.

Die Waldelben schwärmten aus, um ein weiteres Areal absuchen zu können, und Elrond ließ seinen Hund umher schnüffeln, damit er verdächtige Fährten ausmachen konnte. Eine Weile stapften sie schweigend nebeneinander her und gaben sich Mühe, bloß nicht in die Richtung des anderen zu blicken.

»Ihr kanntet also die Entfrauen, die hier lebten?«, wollte Elrond irgendwann wissen. Vielleicht einfach nur, um die unangenehme Stille zwischen ihnen zu füllen.

»Ja«, war Thranduils knappe Antwort.

»Ich frage mich, was aus ihnen geworden ist«, sinnierte Elrond.

»Seid Ihr schon einmal einem onod begegnet?«, fragte Thranduil. Da der Herold eine Zeitlang in Ossiriand gelebt hatte, war dies nicht allzu unwahrscheinlich. Auch wenn Thranduil immer noch die Worte zu denken gaben, die zwischen Elrond und seinem Vater gefallen waren. Er konnte einfach nicht begreifen, warum Elrond sich den Noldor angeschlossen hatte, die ihm das angetan hatten.

»Ja, vor sehr langer Zeit in Ossiriand«, bestätigte Elrond. »Mein Vat… Ich meine, Maglor nahm meinen Bruder und mich mit auf einen Ausflug in die Wälder, wo wir Fangorn begegneten. Ich war damals noch ein kleiner Junge, aber ich erinnere mich bis heute gut daran, wie er von Fimbrethil sprach. Er wirkte sehr traurig dabei, eine Trauer, die weit über das hinaus geht, was ich zu begreifen vermag.«

Hatte er soeben den Sippenmörder seinen Vater genannt? Thranduil warf ihm einen scheelen Seitenblick zu, beschloss aber, es schweigend hinzunehmen. Er wollte diese Diskussion nicht vom Zaun brechen, nicht jetzt und hier jedenfalls.

»Sie trennten sich schon vor langer Zeit von ihren Frauen«, sagte er stattdessen. »Fangorn lief oft durch die Ulmenwälder Ossiriands und sang von ihnen; sie vermissten sie schmerzlich.«

»Umso abscheulicher ist es, was Sauron hier tat«, sagte Elrond grimmig. »Vielleicht können wir ja auch Spuren von ihnen ausfindig machen und herausfinden, was mit ihnen geschehen ist.«

Thranduil stimmte ihm zu. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Sauron dieses Land so gründlich hatte zerstören können, dass nichts mehr von den Frauen der onodrim zu finden war. Vielleicht wollte er es sich auch nicht vorstellen.

Sie verfielen wieder in Schweigen. Thranduil dachte über das Gesagte nach und beobachtete verstohlen Elronds Diener Ceomon und Rethtulu. Sie waren bekennende Feanorer, und Elrond hatte Maglor als seinen Vater bezeichnet. Thranduil verstand zwar nicht, was Elrond dazu veranlasst haben könnte, sich von Earendil abzuwenden. Aber eines war ihm klar: Wer zu Feanors Söhnen hielt, konnte nicht vertrauenswürdig sein. Sobald sie zurück im Lager waren, sollte er mit seinem Vater darüber sprechen und ihm mitteilen, was er herausgefunden hatte.

Mit einem Mal schlug Garahû an und sprang davon. Sie eilten dem Hund nach. Er führte sie zu einem verbrannten Hügel, auf welchem knotige, verdrehte Silhouetten verstreut lagen. Schwanzwedelnd sprang Garahû um sie herum und eilte dann zu seinem Herrn, um sich Lob für seinen Fund abzuholen. Elrond kraulte ihm die Ohren und besah sich dann, was der Hund gefunden hatte. Thranduil folgte ihm.

Es waren die verkohlten Überreste alter Bäume, welche noch nicht völlig zu Asche verfallen waren. Thranduil beunruhigte jedoch ihre Form: Sie erinnerten wage an Elben, hingestreckt und liegen gelassen, wo sie gefällt worden waren.

Elrond strich vorsichtig über die verkohlte Borke. Mit einem Mal lag ein seltsamer Glanz in seinen Augen.

»Nein, die onodrim werden in dieser Welt ihre Frauen nicht mehr sehen«, sagte er mit verblüffender Gewissheit. »Sie sind für sie auf immer verloren, und Fangorn wird den Verlust über Fimbrethil noch lange mit sich tragen müssen, lang selbst für den Ältesten unter den Alten dieser Welt.«

Thranduil wich irritiert zurück. Er hatte davon gehört, dass Elrond die Gabe der Voraussicht besaß, doch mit eigenem Auge Zeuge dessen zu werden, war etwas völlig anderes.

Dann jedoch bemerkte er mit einem Mal eine Bewegung unter den verkohlten Überresten des Baumes. Er kniete sich ungeachtet der Asche, die an seiner Kleidung haften blieb, nieder und sah nach, was er da gefunden hatte. Es war eine kleine Maus, die ihn mit ihren Knopfaugen beobachtete. Behutsam streckte er eine Hand aus, damit sie sich darauf setzen konnte, und hob sie auf. Sie begann leise zu fiepen.

Verwundert trat Elrond an seine Seite und besah sich das Tier. »Dann hat Sauron doch nicht alles Leben hier auslöschen können.«

»Sie hat gesehen, was hier geschehen ist«, berichtete Thranduil. »Sauron ließ die Gärten niederbrennen und die Entfrauen töten oder versklaven. Nur wenige sind entkommen und nun in alle Himmelsrichtungen verstreut.«

Elrond wirkte traurig über diese Kunde. »Dann sind sie verloren für diese Welt, und ihre Gärten werden nie wieder erblühen. Kommt, lasst uns gehen und Galad Bericht erstatten, was wir hier fanden.«

Ein letztes Mal betrachtete Thranduil traurig den verkohlten Baum. Dann setzte er sich die Maus auf die Schulter, um sie von diesem scheußlichen Ort fortzubringen, und folgte Elrond zurück zum Lager.

Noch lange sollten die traurigen Lieder der Ents von ihren Frauen künden, die sie für immer verloren hatten.

Gerade die Menschen, doch auch viele der Noldor zeigten sich erstaunt über die Nachricht, die sie brachten. Für sie waren die Ents nur Wesen aus alten Kindergeschichten, und sie hatten nicht damit gerechnet, wohl jemals Spuren ihrer Kultur zu erblicken.

Elendil zeigte sich weniger verwundert als besorgt. Er veranlasste, dass der Weg, der vor ihnen lag, weiter ausgekundschaftet wurde, da er eine Falle des Feindes witterte.

Noch am Abend desselben Tages bat Thranduil seinen Vater, unter vier Augen mit ihm zu reden.

»Was ist es, das du unbedingt unter vier Augen mit mir bereden musst?«, wollte er wissen.

»Ihr hattet Recht mit Eurer Vermutung zu Elrond«, eröffnete Thranduil.

Oropher sah ihn an, als wolle er sagen: »Ich habe es von Anfang an gesagt!«

»Er sprach davon, wie Maglor ihn einst zu den Ents Ossiriands führte, und dabei nannte er ihn Vater.«

»Verräter am eigenen Blut!«, knurrte Oropher. »Unbegreiflich, wie er sich mit so jemanden verbrüdern und seine eigene Mutter verraten kann!« Er fasste seinen Sohn fest in den Blick. »Erinnerst du dich, was nach Arvernien geschah?«

»Ich weiß noch, dass Maglor uns davonjagte. Wie alt waren Elrond und Elros da? Zehn? Höchstens! Zu jung, um solch eine Entscheidung zu treffen. Das Ergebnis sehen wir ja nun.«

»Ich hätte mich nicht von Maglors Drohungen abschrecken lassen sollen«, räumte Oropher ein. »Doch eigentlich sprach ich von Gil-galad und wie er auf den Sippenmord reagierte. Statt sie zu verbannen und sie Morgoths Folterknechten zu überlassen, hat er Maedhros und Maglor die Köpfe getätschelt, ihnen ihre Armee genommen und sie zahlen lassen.«

»Es war eine harte Strafe, ihre Wirtschaft war vollkommen ruiniert danach«, sagte Thranduil, der noch nicht so recht wusste, worauf sein Vater hinaus wollte.

»Nun ist die Politik der Noldor deren Sache, aber das war die Strafe für drei Sippenmorde. Ich hörte, dass bei den Menschen schon ein Mord mit dem Tode bestraft wird. Damals war Gil-galad noch jung, mit gerade einmal einhundert Jahren zu jung, um König zu sein. Aber mittlerweile müsste er es besser wissen. Sohn, ich denke nicht, dass wir so jemandem trauen sollten, wenn er sich mit solchen Leuten verbrüdert.«

Thranduil nickte grimmig.

 

Sauron gab sich alle Mühe, das Heer aufzuhalten. Doch nicht einmal die Verwüstung der Gärten vermochte dies, zu groß war ihre Stärke. Er zog sich immer weiter nach Mordor zurück und streute Salz auf die Erde, doch schlussendlich erreichten sie die Ebenen vor dem Morannon. Sauron erwartete sie.

Gil-galad gab den Befehl, das Heer Aufstellung nehmen zu lassen. Gerade hatte er die Heerführer zu sich in das Kommandozelt berufen lassen, als sie ein helles Hornsignal ertönen hörten.

»Das ist kein Horn Mordors«, stellte Elrond fest.

»Nein, denn dies ist das Horn meines Sohnes Anárion«, erwiderte Elendil.

Gondor war gekommen.

Sauron zog einen Teil seiner Truppen ab, um Anárion zu begegnen. Doch Anárions Ansturm war so groß, dass Sauron ihm nicht viel entgegenzusetzen hatte und er konnte nicht verhindern, dass Anárion zu ihnen stieß, nicht ohne sich Gil-galad preiszugeben.

Der Hohe König beobachtete das Geschehen eine Weile, doch schnell wurde ersichtlich, dass Anárion nicht seiner Hilfe bedurfte.

»Wir werden warten«, bestimmte er.

»Und ich sage, wir sollten jetzt angreifen«, hielt Oropher dagegen.

»Noch immer steht nicht unser ganzes Heer«, sagte Gil-galad. »Während wir hier sind, marschieren noch immer die letzten unserer Truppen. Ohne meine volle Stärke wage ich es nicht, Saurons Tore anzugreifen. Dies ist sein Land, vollkommen durchdrungen von seiner Bosheit.«

»Waren es nicht die Noldor, die sich stets ihrer militärischen Stärke brüsteten?«, spottete Oropher. »Anárion hat einen Teil von Saurons Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wenn wir jetzt nicht angreifen, verpassen wir eine Gelegenheit, wie sie sich uns kein zweites Mal bieten wird.«

»Das ist kein Wettstreit«, betonte Elendil. »Das da draußen sind keine marodierenden Orks aus dem Gebirge, die Euch an Euren Grenzen piesaken. Das sind die Orks Mordors. Die Peitschen ihrer Meister treiben sie an und der Wille ihres Herrn ist in ihnen. Ihre Waffen und Rüstungen sind kein rostiges Plündergut, sondern in den Schmieden Mordors gefertigt.«

»Wir warten«, wiederholte Gil-galad nur, doch in einem Ton, der deutlich machte, dass er keinen Widerspruch duldete.

Oropher machte den Eindruck, als wolle er noch etwas sagen, doch Thranduil legte ihm eine Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf. Mit finsterer Miene streifte Oropher die Hand ab und wandte sich ohne ein weiteres Wort zum Gehen, um zu seinen Leuten zurückzukehren. Sein Sohn und Amdír folgten.

»Wir werden angreifen«, sagte Oropher auf dem Weg zurück zu ihrem Lager.

»Majestät, Ihr habt gehört, was Elendil gesagt hat«, widersprach Thranduil.

»Ihr habt Recht, mein König«, warf Amdír ein. »Wir würden sonst eine günstige Gelegenheit verpassen. Meine Galadhrim stehen zu Eurer Verfügung.«

Oropher warf seinem Sohn einen finsteren Blick zu. »Sehr gut, Amdír. Macht Eure Galadhrim bereit zur Schlacht. Und du, Sohn, führst meine Befehle aus, wenn ich sie dir erteile, und gibst keine Widerworte.«

In der Ferne kämpfte noch immer Anárion, doch es sah aus, als würde er schon bald durchbrechen.

In Eile ließ Oropher seine Truppen zusammenrufen und aufmarschieren, bevor Gil-galad oder Elendil darauf reagieren konnten. Flankiert von Thranduil und Amdír ritt er seinem Heer voran, um Anárion in die Schlacht zu folgen. Als Thranduil jedoch zum Lager zurückblickte, sah er, wie sich ein einzelner Reiter ihnen näherte. Es war Elrond.

»Oropher, hört sofort damit auf!«, rief er ihnen zu, als er in Hörweite war. »Der König verbietet es!«

»Bin ich nicht auch ein König und mein eigener Herr?«, sagte Oropher stolz, als Elrond sein Pferd vor ihnen zum Halten gebracht hatte. »Ich nehme keine Befehle entgegen von Sippenmördern oder jenen, die sich mit ihnen verbrüdert haben.«

»Elender Narr!«, fuhr Elrond ihn zornig an. »Euer Stolz und Starrsinn wird Euch den Tod bringen. Seht Euch an! Eure Soldaten sind nicht für einen solchen Kampf gerüstet, Ihr werdet untergehen.«

»Geht mir aus dem Weg«, knurrte Oropher und trieb ohne ein weiteres sein Pferd weiter.

»Thranduil!«, rief Elrond. »Denkt an Euren Sohn! Haltet Euren Vater davon ab, es wird sein sicherer Tod sein.«

Thranduil stählte sein Herz. »Ich folge dem Befehl meines Königs.« Doch insgeheim wollte er Elrond Recht geben. Der Gedanke an Legolas ängstigte ihn. Er tat das hier für ihn, erinnerte er sich, um der Furcht in seinem Herzen Herr zu werden.

Lass Legolas nicht ohne seinen Vater aufwachsen, wisperte Nínim in seinem Ohr.

Elrond ließ sie ziehen, dann ritt er zum Lager zurück.

Mittels Hornsignalen ließ Oropher seine Befehle erteilen. Seine Soldaten nahmen Aufstellung, seine Schützen legten auf den Feind an. Dann griffen sie an. Und alles verkam zu einer Katastrophe.

Hinterher konnte Thranduil nicht mehr sagen, wie es dazu gekommen war. Die Waldelben fanden sich mit einem Mal abgeschnitten vom Hauptheer in der sumpfigen Gegend weiter im Süden wieder und kämpften um ihr Leben. Die großen Orks Mordors schnitten durch ihre Reihen wie Butter, mit ihren kurzen Bögen und leichten Rüstungen hatten die Waldelben dem nur wenig entgegen zu setzen. Bereits jetzt sah Thranduil, dass ihr Verluste erheblich ausfielen. Und dann …

»König Amdír ist gefallen! Der König ist tot!«

Thranduil gelang es, sich zu Ellinde durchzukämpfen. »Warum bist du nicht bei meinem Vater?!«, keuchte er. »Du sollst ihn beschützen!«

Ein Ork endete auf ihren Schwertern.

»Wir wurden getrennt!«, rief Ellinde über den Schlachtlärm hinweg.

»Zu ihm!«, befahl Thranduil. »Wir müssen uns sammeln!«

Ellinde ließ sein Horn ertönen, doch das sumpfige Marschland, in das die Orks sie getrieben hatten, erwies sich als Todesfalle. Jeder Schritt musste erkämpft werden und viele fielen ins Wasser, weil sie die Wege nicht kannten. Die Orks kannten sie und trieben die Elben nur allzu oft in die Enge, um sie dann abzuschlachten. Das Waldvolk verkaufte sein Leben teuer, doch es war nicht genug.

Verbissen kämpfte sich Thranduil voran. Sein Blick flackerte, er steckte immer mehr Schläge ein. Der Gedanke an Legolas trieb ihn voran. Und dann endlich sah er die hochgewachsene, silberhaarige Gestalt seines Vaters, umringt von Feinden. Nach allen Seiten teilte er aus, so schnell, dass das Auge kaum folgen konnte. Schon hatte er etliche Orks erschlagen, doch es folgten immer mehr.

Eine Bogensehne surrte.

Oropher strauchelte.

Die Welt hielt inne.

Vor Entsetzen wie gelähmt starrte Thranduil auf den schwarzen Pfeil, der seinem Vater aus dem Hals ragte, und sah den Unglauben, der sich auf Orophers Zügen ausbreitete. Langsam sank der König auf die Knie, eine Hand an der Kehle. Die Orks johlten.

Mit einem Schrei voller Zorn stürzte sich Ellinde auf die Orks. Seine Wut war so gewaltig, dass die Orks jammerten und winselten. So manch einer floh vor dem General.

Erst da konnte sich Thranduil aus seiner Lethargie reißen. Er rannte zu seinem Vater, strauchelte und fiel neben ihm auf die Knie. Verzweifelt tasteten Orophers Finger nach dem Pfeil in seiner Kehle, während ihm das Blut aus dem Mund rann. Er versuchte zu sprechen, doch kam ihm nur ein jämmerliches Gurgeln über die Lippen.

Thranduil wusste nicht, was er tun sollte. Ihm wurde schwindelig, beinahe wäre er der Länge nach neben seinen Vater gefallen, konnte sich aber gerade noch mit einer Hand abfangen. Mit der anderen griff er nach der seines Vaters.

Oropher sah zu ihm.

In dem Moment fegte eine kräftige Sturmböe über sie hinweg und riss die Orks von den Füßen. Voller Schrecken flohen sie. Ein kühler, tröstender Geist tastete nach Thranduils Gedanken.

Dann kniete auf einmal Elrond neben ihm, die Soldaten des Fürsten schwärmten aus und trieben die Orks vor sich her.

»Thranduil, Ihr müsst mit mir kommen, Ihr seid schwer verwundet«, drängte Elrond.

»Nein, helft meinem Vater!«, befahl Thranduil ihm. »Ihr seid doch angeblich so ein großartiger Heiler, helft ihm!«

»Er ist tot …«, sagte Elrond sanft.

»Nein!« Thranduil krallte die Hände in den Umhang des Herolds, als wolle er ihn so bei seinem Vater halten, damit er ihn rettete.

Dann schwanden ihm die Sinne und er wusste von nichts mehr.

 

Als er erwachte, lagt er auf dem Bauch auf einer Pritsche. Etwas zupfte an seinem entblößten Rücken. Der scharfe Geruch nach Medizin stieg ihm in die Nase. Wo war er hier? Wie war er hierhergekommen?

Dann fiel es ihm wieder ein.

All seine verbliebenen Kräfte sammelnd, versuchte er sich hoch zu stemmen.

»Bliebt liegen!«, befahl ihm jemand streng und drückte ihn wieder auf die Liege.

Es war Elrond, der nun damit fortfuhr, Thranduils größte Wunden zu nähen. Ermattet ließ es Thranduil über sich ergehen. Er hatte nicht mehr die Kraft, sich dagegen zu wehren. Elrond war gnädig genug, ihm die Vorwürfe zu ersparen.

Thranduil sah sich um. Er befand sich in einem spärlich eingerichteten Zelt. Seine Rüstung und Waffen sowie Teile seiner Kleidung lagen am Boden, wo sie fallen gelassen worden waren. Neben der Pritsche stand nur ein kleines Tischchen, auf dem Elrond seine Instrumente ausgebreitet hatte. Außerdem lag dort auch Orophers Blätterkrone.

Thranduil erstarrte.

»Wo ist mein Vater?«, verlangte er zu wissen.

»Tot«, sagte Elrond schlicht. »Er war unrettbar verloren.«

Thranduil war nicht in der Lage, die Ungeheuerlichkeit dieser Aussage zu begreifen.

»Nach ersten Schätzungen habt Ihr mindestens ein Drittel Eures Heeres verloren, wahrscheinlich mehr«, fuhr Elrond fort. »Dreht Euch um, damit ich weiter nähen kann.«

Lethargisch kam Thranduil dem nach, und Elrond fuhr fort, den Schnitt über seinem Brustkorb zu versorgen. Er sagte nichts weiter, und Thranduil war froh um dieses Schweigen. Mehr Worte hätte er nicht ertragen, nur immer mehr Katastrophen.

Als Elrond schließlich fertig war, legte er ihm die Krone in die Hände.

»Leben vor Tod. Stärke vor Schwäche. Reise vor Ziel*«, sagte er. »Erinnert Euch dieser Worte.« Dann ging er.

Thranduil starrte auf das Ding in seinen Händen. Sein Verstand stand still.

Es stimmte, zuletzt hatte nicht mehr viel Liebe zwischen ihnen gestanden. Trotzdem war Oropher noch immer sein Vater und König gewesen. Es konnte einfach nicht sein, dass er nicht mehr sein sollte!

Nach einer Weile trat Ellinde in das Zelt. Auch er war von Elrond zusammengeflickt worden, doch seine Wunden waren nicht so tief und zahlreich wie die Thranduils. Er sagte nichts, als er sich neben die Pritsche kniete und den Kopf senkte.

»Aran nín«, wisperte er schließlich mit erstickter Stimme.

*“Life before death. Strength before weakness. Journey before destination. Speak again the ancient oaths and return to men the Shards they once bore. The Knights Radiant must stand again.” Ich habe mir an dieser Stelle einmal die Freiheit genommen, Brandon Sandersons Stormlight Archive zu zitieren. Er hat auf seiner Webside das Knights Radiant quiz, das ich spaßeshalber mit meinem Headcanon für Elrond ausgefüllt habe. Das Ergebnis ist ausgesprochen passend: 80% Edgedancer (Lift), 78% Windrunner (Kaladin), 71% Bondsmith (Dalinar).
 Es folgt das alte Kapitel.
Teil Drei: Von Schnee und anderen großen und kleinen Übeln

Winter war schön. Welcher kleine Junge dachte nicht so? Wäre da nur nicht das Problem, dass es zwar kalt war aber kein Schnee lag. Klein-Legolas stellte sich auf die Zehnspitzen, hüpfte auf und ab und versuchte verzweifelt, aus dem Fenster gucken zu können. Mit wenig Erfolg. Frustriert stampfte er mit dem Fuß auf und sah sich im Raum um. Hier musste es doch irgendetwas Brauchbares geben! Da entdeckte er einen Stuhl und schob ihn unter das Fenster. Jetzt konnte er endlich nach draußen sehen. Doch da war noch immer kein Schnee!

  „Legolas, raus aus meinem Arbeitszimmer! Du solltest schon längst im Bett sein!“, hörte er da hinter sich die erboste Stimme seines Vaters.

  Legolas ließ sich auf den Stuhl plumpsen und sah Thranduil mit großen Kinderaugen an. „Aber, ada, ich hab doch kein Fenster in meinem Zimmer, da kann ich doch nicht gucken, wann Schnee fällt. Wann ist es denn endlich soweit? Ich will rodeln gehen!“ Er zog eine Schnute. Ja, da der Palast seines Vaters teilweise unterirdisch angelegt war, existierte das Problem, dass bei weitem nicht jeder hier das Privileg des Sonnenlichtes durch ein Fenster hatte.

  Thranduil verdrehte die Augen. Womit bloß hatte er solch einen Quälgeist verdient! Ständig bereitete ihm Legolas Kopfschmerzen, dachte man doch nur an den Vorfall mit dem Ork vor einigen Jahren zurück. Erfreulich war das beileibe nicht gewesen. Er bemühte sich um ein möglichst kinderfreundliches Gesicht und wuschelte seinem Sohn durch die Haare (wie konnte man auch solchen treubraven Augen wiederstehen?). „Der Schnee wird schon kommen, keine Sorge. Aber jetzt ab ins Bett, es ist schon viel zu spät.“

  „Ich will aber nicht!“, quengelte Legolas und musste noch im selben Atemzug ein Gähnen unterdrücken.

  „Legolas“, mahnte Thranduil schon mit einem etwas strengeren Ton.

  Der Junge zog den Kopf ein –  manchmal war es nicht leicht, einen König zum Vater zu haben – und leistete Folge. „Aber, ada, du bist doch der König, da kannst du doch dem Schnee befehlen, dass er kommen soll.“

  Und wieder konnte sich Thranduil seine Strenge nicht bewahren und musste lächeln. „So leicht ist es nicht immer“, sagte er. „Aber ich werde sehen, was ich tun kann.“

  „Ui, toll!“, jubilierte der kleine Elb.

 

Am nächsten Morgen hatte ihn dieses Thema jedoch noch immer nicht in Ruhe gelassen. „Ada, ist der Schnee schon da?“, fragte Legolas beim Frühstück.

  Thranduil seufzte innerlich und ließ die Schultern hängen. „Ich weiß es nicht.“ Quälgeist! Aber er konnte ihm einfach nicht böse sein. Aramiel jedenfalls schmunzelte fröhlich vor sich hin.

  „Komm, las und doch nachschauen“, sagte sie. „Dein Vater hat heute eh noch so viel zu tun.“

  Thranduil warf seiner Gemahlin einen dankbaren und erleichterten Blick zu.

  Die Königin nahm ihren Sohn bei der Hand und ging mit ihm nach draußen vor die Hallen des Elbenkönigs. Legolas war ganz aufgeregt und hüpfte wie wild auf und ab. Aramiel musste lachen. Ein Segen war ihr Sohn! Auch wenn er in der Tat manchmal etwas stressig war, doch hatte Thranduil einfach nicht so viele Nerven wie sie. „Nerven aus Stahl hast du“, behauptete er manchmal. „Und du welche aus Porzellan“, entgegnete sie dann.

  Die beiden erreichten das große Tor, der prachtvolle Eingang zu den Hallen. Und kaum waren sie draußen, da konnte Legolas auf einmal sein Glück kaum fassen. Schnee, so viel Schnee! Mit einem Jauchzer warf er sich in die erstbeste Schneewehe und tollte eine ganze Weile ausgelassen umher. Aramiel und die Wachen am Tor beobachteten ihn dabei amüsiert.  Nach einer Weile jedoch kam Legolas zu seiner Mutter zurück, breit grinsend und über und über mit Schnee bepudert.

  „Na, du kleines Schneemonster?“, sagte Aramiel und klopfte ihm den Schnee ab.

  „Das ist herrlich!“, jubilierte Legolas. „Das muss ich unbedingt ada sagen!“

  „Legolas, das ist jetzt keine gute Idee, dein Vater hat Wichtiges zu besprechen“, mahnte Aramiel, doch da war ihr Sohn schon davon gestoben. Sie seufzte. Warum bloß hatte sie keine Amme für ihn?

  „Sollen wir ihn zurückholen?“, erbot sich eine der Wachen.

  „Nein, es ist schon gut“, entgegnete Aramiel und eilte selber hinter Legolas her.

  Jener war indessen in den Thronsaal gestürmt und mitten in eine wirklich wichtige Besprechung zwischen Thranduil und seinen Beratern hinein geplatzt und umarmte seinen Vater überschwänglich – wobei er ihm kaum bis zur Hüfte reichte. „Ada, du bist der Beste!“, rief der kleine Elbenjunge aus.

  Der König hingegen sah etwas überrumpelt aus, als er auf einmal dieses kleine, tropfende Anhängsel vorzuweisen hatte. Seine Berater schmunzelten; Legolas, dieser kleine quirlige Wirbelwind, war der Liebling aller. Thranduil, der wieder zu seiner Würde zurückgefunden hatte, räusperte sich streng.

  Wovon sein Sohn erst gar nicht Notiz nahm. „Draußen ist ganz viel Schnee! So viel hab ich noch nie gesehen! Das musst du dir unbedingt anschauen!“

  „Legolas, ich versuche hier zu arbeiten, falls dir das entgangen sein sollte“, sagte Thranduil mit möglichst viel Stränge in der Stimme.

  Legolas’ Unterlippe begann, gefährlich zu zittern.

  „Also Thranduil, wirklich, das kannst du doch nicht machen!“, entrüstete sich einer seiner Berater mit einem Augenzwinkern.

  Der König sah zwischen ihm und seinem Sohn, dessen Augen mittlerweile ebenfalls anfingen zu glitzern vor ungeweinten Tränen, hin und her. „Na gut“, räumte er ein.

  „Jippie!“, rief Legolas aus und warf die Hände in die Luft. „Gehen wir jetzt rodeln?“

  „Ja, kleiner Teufel.“ Thranduil zwackte ihn in die Seite.

  „Wir kommen hier schon zurecht“, beteuerte der Berater.

  „Und das auf meine alten Tage“, seufzte der König.

 

Kurze Zeit später befanden sich Vater und Sohn auf der Rodelbahn. Schon hatte sich Legolas auf seinen Schlitten geschwungen und stürzte sich todesmutig mit dem Schlachtruf „Bahn frei, Kartoffelbrei!“ den Abhang hinab. Thranduil grinste verschmitzt.

  Als Legolas sich wieder den Berg hoch kämpfte, den Schlitten im Schlepptau, bekam er auch schon einen Schneeball von seinem Vater entgegengeschleudert, der ihn mitten auf die Brust traf. Der kleine Elb strauchelte auf dem glatten Schnee und kollerte den Berg wieder herab. „Das ist gemein!“, schimpfte er.

  Thranduil lachte. „Na, warte erst einmal ab!“, drohte er an. Und schon balgten sich die beiden fröhlich und lieferten sich eine Schneeballschlacht, die ihresgleichen sucht. Die jedoch ein jähes Ende fand, als Thranduil sich in seinem königlichen Mantel verhedderte und strauchelte, sodass Legolas die Gunst der Stunde nutze und ihn im Schnee vergrub. Aramiel, die nahebei stand, lachte herzlich. Ja, selbst Thranduil konnte noch immer manchmal wie ein kleines Kind sein.

  In dem Moment kam ein anderer Elbenjunge dazu. Er war ungefähr in Legolas’ Alter. „Du? Kann ich mit dir spielen?“, fragte der Neuankömmling den anderen Jungen.

  „Ja klar. Ich bin Legolas“, sagte Legolas, während sein Vater noch immer mit den Schnee kämpfte, in dem er ihn vergraben hatte.

  „Und ich Findrilas.“

  Und so wurden die beiden Freunde. Und zwar so dicke Freunde, dass nichts sie mehr auseinanderbringen konnte.

Autorennotiz

Diese Geschichte gehört zu meinen ältesten: 2009 begonnen, bis 2011 weitestgehend fertig, mit letzten Änderungen 2012 und mein erster Text, den ich gezielt für die Veröffentlichung schrieb. Abgesehen von ein paar Kleinigkeiten, wo es mir heute die Fußnägel kringelt, repräsentiert dieser Text meinen Hauptheadcanon zu Legolas, mit der Ausnahme, dass ich mit Túvial eigentlich gern mehr gemacht hätte. Ebenjene wurde nämlich in der letzten Änderung 2012 eingearbeitet und ich wollte nicht den ganzen Text ändern, weshalb ich mich dann für die in diesem Text präsentierte Lösung entschied. 2020, als ich eigentlich meine Bachelor Arbeit schreiben sollte, hatte ich dann die Schnappsidee, mir diesen alten Text noch einmal zur Burst zu nehmen. Normalerweise mache ich das nicht. Beendet ist beendet. In dem Fall erschien es mir jedoch lohnend, das ganze noch einmal in Angriff zu nehmen. Ich habe mir den Spaß gemacht, die alten Texte zusammen mit den neuen zu posten.
Noch etwas zum Aufbau: Der Text besteht aus zusammenhängenden OneShots. Selbige wurden ursprünglich nicht in chronologischer Reihenfolge geschrieben, von daher schwankt die Qualität mitunter. Als ich es überarbeitete, ging ich chronologisch vor.
Eine Spielerei mit meinem Headcanon findet sich hier: storyhub.de/fanfictions/b%C3%BCcher/der-herr-der-ringe/mad-world

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Autor

Elellores Profilbild Elellore

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Kapitel:3
Sätze:1.240
Wörter:17.186
Zeichen:101.414

Kurzbeschreibung

Die Pfade der Zeit halten viele Windungen bereit und manchmal wird aus einem Prinz eines Waldlandreiches ein Held im Ringkrieg. Dies ist Legolas' Geschichte.

Crossover

Diese Fanfiction wird neben Der Hobbit auch im Fandom Der Herr der Ringe gelistet.
Sie wurde außerdem mit Drittes Zeitalter, Longfiction, OneShot-Sammlung, Zweites Zeitalter, Gen, Freundschaft und Familie getaggt.