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Gute Nacht, kleine Ente

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17.6.2017 19:35
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Vielleicht macht mich das Wasser betrunken?

In der Holzschale vor mir auf dem Tisch liegen träge und perfekt arrangiert die Wachs-Surrogate echter Früchte wie Schrumpfköpfe, stumme, unbelebte Zeugen dieser Kammer und ihrer Geheimnisse. Es riecht nach Apfelaroma. In den Kerzen dort am Fenster muss Parfum enthalten sein. Sie schwimmen auf der Wasseroberfläche eines keimfreien Aquarium, aus dem jedes Leben wegdestilliert wurde. Wie tote Fische treiben sie bewusstseinslos hin und her, bis sie an die engen Grenzen ihres Universums stoßen und ihnen das völlig egal ist, denn sie sollen nicht meinen, sondern bloß brennen und verglühen und so tun, als würden sie nach echten Äpfeln riechen.

Und wir sind so an die chemischen Duftstoffen gewöhnt, dass der Geruch eines echten Apfels uns anekelt. Da draußen gibt es Äpfel. Sie fallen von Bäumen und verfaulen auf dem Boden, während wir unsere Nasen von dieser Wirklichkeit fernhalten.

Das Fenster hier sieht aus wie das Fenster am Ende des Gangs. Ich weiß es, weil ich alle Fenster dieses Hauses kenne. Besser als die Flure und mit Sicherheit besser als die Zimmer. Es hat die selbe Größe und der Rahmen ist vom selben cremigen Weiß, bei dem man nicht genau erkennen kann, ob das einfallende Sonnenlicht es verfärbt hat oder ob die Farbe einst mit Absicht so gewähnt worden ist.

Die Wände sind in ermutigenderen Farben gestrichen und sollen wohl die Frische von Beeren oder Frühlingstagen vermitteln. Alles hier wirkt wie ein großer, äußerlich ansehnlicher und innerlich verfaulter Obstkorb. Und wir kriechen darin herum wie die Maden. Aber zu was kann einen eine Wand schon ermutigen? Niemand geht wirklich „die Wände hoch“. Man kann höchstens dagegen laufen, aber was soll das bringen?

Fenster. Wir sollten ihnen größere Aufmerksamkeit schenken. Türen sind zu offensichtlich. Sie markieren nur die Wege, die wir gehen sollen. Fenster aber sind Schwachstellen in den Ordnung, kleine Schlupflöcher hinein ins Chaos.

Vielleicht macht das Wasser mich betrunken.

Nein ganz sicher nicht…

Wir wissen beide, dass es nicht wahr ist, aber vielleicht mischen sie etwas ins Wasser hinein.

Vielleicht macht die Luft mich krank.

Kann man den Wind vergiften?

Wieso bist du aus dem Fenster geklettert?

Der Raum ist zu eng und zu voll. Nichts davon gehört mir. Nichts davon hat irgendeinen Wert oder irgendeinen Nutzen. Dieses Haus ist eine Müllhalde und ein Irrgarten, ein Gehirn voller unnötiger Gedanken, die einen nirgendwo hin führen. Ich möchte nicht in meinem Bett schlafen. Ich möchte über die Dächer klettern und sehen, wie weit ich komme, bevor ich herunterfalle.

Wenn man nichts sehen kann, spürt man die Schmerzen umso deutlicher. Vielleicht macht das Wasser mich blind? Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Ich weiß nicht, was geschehen ist.

Der Raum ist zu stickig und voller Menschen. Keiner davon ist mein Feind. Was kann ich also mit ihnen anfangen? Ich kann ihre Gesichter nicht sehen. Sie sind zu klein. Ich kann sie in ein Regal stellen und herausholen wie Ideen oder Gedanken. Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich kann nicht atmen, wenn die Fenster geschlossen sind. Vielleicht ist der Wind vergiftete.

Sie haben meinen Teddybären aufgehängt. Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Ich möchte eine Ente sein, die nicht gekettet ist an die Erde unter ihren Füßen, die untertaucht oder hinweg fliegt über dieses Irrenhaus, die all die Irrwege von außen betrachtet, die auf Dächern schläft und die von echten Früchten mit echten Farben und echtem Duft lebt.

Warum bist du aus dem Fenster geklettert?

Ich weiß nicht, wovor ich davon gelaufen bin. Ich weiß nicht, was ich gesehen habe. War es ein Gesicht in der Dunkelheit oder der Regen und ein Blitz in der Nacht. Gewalt von oben. Ich weiß nicht, was geschehen ist. Die Wände sind feucht, der Fußboden glitschig.

Aufgehängt. Aus den Wunden am Hals tropft träge gerinnendes Blut. Erdbeersaft. Jemand hat ihn angemalt. Stofftiere haben keinen Blutkreislauf. Ich weiß nicht, ob es geschehen ist, aber er wünschte mir eine Gute Nacht.

Ich konnte nichts sehen. Es war zu laut. Vielleicht macht Musik mich benommen. Vielleicht macht sie mich taub. Schnelle, rhythmische Schnitte. Licht aus. Licht an. Schritte. Wunden. Flitterkram. Ich schrumpfe in der Mitte, rundherum von Angst umrahmt. Und dann ist der Saal leer bis auf die Schwärze des Sturms. Vielleicht bin ich betrunken vom Wasser. Ich drehe mich um mich selbst und kurz sehe ich verschwommen den Hass an.

Unten Auf der Straße saß eine Ente. Sie legte sich zum Schlafen hin. Freiwillig. Sie kuschelt an gegen das Wachen. Ich renne an gegen die Alpträume. Ich will nicht aufwachen. Ich will wissen, was ich gesehen habe.

Diese Nostalgie macht mich krank. An den Wänden hängen Erinnerungen wie Vorwürfe. Da ist viel Schrott im Keller. Ich behandele die Dinge zu gut und das Leben zu schlecht. Wie konnte ich es draußen in der Hitze vergessen. Im Sturm? Ich war zu müde. Sogar dort bin ich zu müde. Sogar von dort möchte ich mich fortschlafen.

Es tropft von der Decke. Klebrig und süß. Die Wände schwitzen. Sie kleiden einen Hohlraum ein. Sie halten die Verwirrung in Form. Behaltet die Fenster im Auge. Nur von dort kommt Licht herein. Staub tanzt in der Luft. Man muss ihn ansehen, damit er da ist. Ansonsten ist da nur ein Vakuum.

Da steckt eine Scherbe in meinem Fuß. Sie erinnert mich daran, dass ich auf dem Boden stehe, der ebenfalls klebt, als wäre er mit Sirup geflutet worden. Wenn ich nur fallen könnte, dann müsste ich nicht so hilflos hier herumliegen und ins Nichts starren. Ich weiß nicht, was ich gesehen habe.

Ich muss husten. Es ist zu viel Luft in mir. Zu viele Lügen. Ich habe nichts gesehen. Am Ende müssen wir alle gestehen: Ich hatte die Augen geschlossen. Da ist nichts gewesen. Nur das falsche Obst und die gelangweilt dahintreibenden Duftkerzen. Ich kann nicht atmen. Da ist zu viel Wasser in mir. Ich spucke Blut in meine Hände und ich verliere die Angst. Jetzt ist es sicher tödlich. Ich kann fallen. Nach vorne. Köpfchen in das Wasser.

Autorennotiz

Der ganze Text funktioniert mit Traumlogik, also versucht gar nicht erst einen Plot zu erkennen. Es geht um Bilder, Eindrücke und Verbindungen zwischen diesen.

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Autor

suedeheads Profilbild suedehead

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Kurzbeschreibung

Ich habe versucht, einen Alptraum in Text zu übersetzen.