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Vom Verlieren und Finden

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6.5.2018 20:37
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Die Bar war gerammelt voll und nachdem Clemens eingetreten war, dauerte es einen Moment, bis er zwischen all den dichtgedrängten Leuten Florian entdeckte, der in der hintersten Ecke an einem winzigen Tisch saß.

Zuverlässig wie immer in den letzten zwanzig Jahren beschleunigte sich Clemens' Puls bei seinem Anblick, sein Herz machte einen Satz und er hatte das altbekannte Kribbeln im Bauch  Und zuverlässig wie in den letzten zwanzig Jahren ließ er sich nichts davon anmerken während er sich an den redenden und lachenden Menschen vorbei zu Florian durchquetschte, der ihm mit einem strahlenden Lächeln entgegen sah und es Clemens so nicht wirklich einfacher machte.

Genau so wenig wie er es mit der üblichen kurzen Umarmung zur Begrüßung inklusive des kurzen Klopfers auf die Schulter machte. Aber all diese Dinge waren Clemens wohlvertraut und sorgten nicht für eine Sekunde dafür, dass er die Contenance verlor.

"Setz dich, setz sich!" rief Florian danach und ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen. Er wirkte ziemlich aufgeräumt und Clemens richtete sich schon einmal auf den sehr harten symbolischen Schlag in den Magen ein, der garantiert gleich kommen würde.

"Ich hab uns schon den besten Whiskey bestellt, den die hier haben, denn es gibt tolle Neuigkeiten!" Florian lehnte sich im Stuhl zurück und sah Clemens mit leuchtenden Augen an, während der einmal tief einatmete und sich innerlich bereit machte.

"Katja ist schwanger," sagte Florian begeistert und hieb einmal mit der Faust auf den Tisch. "Es war zwar nicht geplant und erst mal ein ganz schöner Schock weil wir ja immer alles gemacht haben, um es zu verhindern, aber jetzt ist es einfach nur einmalig schön." Er lachte einmal und auch Clemens zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. "Das ist ja super, herzlichen Glückwunsch!" rief er freudig, denn auch, wenn er sich innerlich grade so elend fühlte, wie noch nie vorher in seinem Leben, war das nichts, was seiner jahrelang trainierten Selbstbeherrschung einen Riss verpasste.

Aber trotzdem war es gut, dass in diesem Moment ein Keller mit dem Whiskey kam. Nicht nur, dass Clemens Alkohol in diesem Augenblick mehr als gebrauchen konnte, er hatte jetzt auch das Glas, an dem er sich festhalten konnte.

"Auf den zukünftigen Papa," sagte er mit einem perfekten Grinsen auf dem Gesicht, sie stießen an und ohne Rücksicht darauf, dass man Whiskey in kleinen Schlucken trinken sollte, stürzte Clemens den Inhalt des Glases herunter und genoss die betäubende Wirkung des Alkohols. Betäubung war genau das, was er jetzt brauchte.

Denn Florian, restlos begeistert von seiner zukünftigen Rolle, hatte noch Einiges mehr zu berichten. "Katja ist auch schon aus der kritischen Phase raus, wir wollten es vorher keinem sagen, für den Fall, dass vielleicht doch etwas passiert. Aber alles ist gut gelaufen und du als mein bester Freund bist natürlich einer der Ersten, die es erfahren." Er legte die Hand auf Clemens' Arm und sah ihn so liebevoll an, dass sich alles in Clemens schmerzhaft zusammenzog.

Glücklicherweise dauerte die Berührung nur ein paar Sekunden, dann machte Florian mit den Hiobsbotschaften weiter. Denn was gehörte traditionell zu einem Kind noch dazu? Genau, eine Hochzeit. "Den Verlobungsring hab ich schon gekauft," berichtete er mit glänzenden Augen. "Ich weiss nur noch nicht, wann ich ihr den Antrag mache. Es soll natürlich was ganz Besonderes werden. Irgendwelche Ideen vielleicht, so ganz spontan?"

"Nein, leider grade keine," antwortete Clemens bedauernd und dieses Bedauern, genau wie die Fröhlichkeit von grade, fühlten sich für ihn so mechanisch an, dass er sich vorkam wie ein Roboter.

"Schade," seufzte Florian. "Aber eigentlich muss ich das auch alleine schaffen. Und das werde ich auch." Er ballte die Faust und machte ein entschlossenes Gesicht. Dann lehnte er sich wieder im Stuhl zurück und zeigte auf Clemens. "Aber du, mein Freund, wirst dir über einen ganz besonderen Junggesellenabschied Gedanken machen, denn du bist natürlich mein Trauzeuge!"

Clemens blickte gespielt ernst drein und legte feierlich die Hand auf die Brust. "Mein Freund, ich fühle mich außerordentlich geehrt, Trauzeuge auf Ihrer Hochzeit zu sein und ich verspreche Ihnen, Sie werden die beste und originellste Party Ihres Lebens feiern!" sagte er mit verstellter Stimme so blasiert wie möglich und Florian lachte einmal schallend über dieses Schauspiel.

Sein Lachen versetzte Clemens einen heißen Stich. Es war immer noch dieses glucksende Lachen, das Florian schon hatte, seitdem sie sich kannten und das schon damals immer genau das in Clemens ausgelöst hatte, das es heute immer noch auslöste. Natürlich lachte er mit, laut und ungezwungen und war dankbar für den Whiskey.

In diesem Moment brummte es in seiner Hosentasche und jetzt war er auch dankbar für seine Arbeit, denn das war natürlich ein geschäftlicher Anruf. Glücklicherweise kannte Florian das Prozedere schon und nickte nur, als Clemens sein Handy hochhob, ,Tut mir Leid' sagte, aufstand und sich zwischen den Menschen hindurch nach draußen quetschte.

Auch, wenn es erst 19 Uhr war, war im Kneipenviertel der Großstadt trotzdem schon eine Menge los und als Clemens aus der Tür kam musste er sich auch erst einmal an einigen Rauchern vorbeimanövrieren. Auf dem Kirchplatz auf der anderen Straßenseite war weniger Betrieb. Er suchte sich eine ruhige Ecke, schloß für einen Moment die Augen und atmete einmal tief durch. Die frische Luft tat unglaublich gut, auch, wenn sein Kopf sich nach wie vor wie Watte anfühlte.

Allzulange durfte er so aber doch nicht hier stehen, denn je länger er mit sich alleine war, desto wahrscheinlicher wurde es, dass seine Selbstbeherrschung dann doch nicht mehr aufrecht erhalten konnte.

Also rief er den unglaublich wichtigen Mandanten zurück, der grade versucht hatte, ihn zu erreichen. Er arbeitete grade an dessen komplizierter Scheidung und da der Mandant so wichtig war, hatte nicht nur sein Chef ständig ein Auge auf ihn, der Mandant hatte auch Clemens' Privatnummer bekommen, von der er, auch am Wochenende, gerne Gebrauch machte.

Clemens war zwar ziemlich genervt von diesem arroganten Kerl, aber die Arbeit und der gute Ruf der Kanzlei ging nun mal vor. Das Gespräch dauerte dann auch zwanzig Minuten und bestand im Grunde daraus, dass Clemens dem Mandanten versicherte, dass alles gut werden und er auf keinen Fall von seiner Frau ausgenommen werden würde.

Nachher legte der Mandant dann zufrieden auf und das war das Wichtigste, auch, wenn Clemens während des Gesprächs mehr als einmal gereizt die Hand zur Faust geballt hatte.

Als er zurück in die Bar kam war es noch voller und Florian machte den Eindruck, auf dem Sprung zu sein. "Tut mir Leid," sagte er, kaum, dass Clemens wieder auf seinem Stuhl saß. "Katja hat grade geschrieben, dass sie von ihrer Mutter wieder da ist und na ja..." Er zuckte einmal verlegen mit den Schultern. "Ich will im Moment eigentlich nur die ganze Zeit bei ihr sein und gucken, dass es ihr gut geht. Also wenn es für dich in Ordnung ist, dann würd ich jetzt gehen.Bezahlt hab ich schon."

Clemens lächelte. "Na klar ist das ok. Geh schon und kümmer dich um die zukünftige Mama, Papa."

Florian grinste und drückte einmal kurz Clemens' Schulter. "Bis demnächst," sagte er und ging.

Clemens sah ihm zu, wie er sich eilig Richtung Ausgang drängelte. Nachdem er weg war, starrte er sein leeres Glas an und kam zu der Erkenntnis, dass er noch ein paar mehr davon gebrauchen konnte. Und das auf keinen Fall hier. Also nahm er sich seine Jacke und ging ein Haus weiter.

Jetzt war es nicht die elegante Bar sondern eine alte verrauchte Kneipe die so vollgepackt war, dass die Leute bis draußen standen. Aber Clemens war das egal. Rücksichtslos drängte er sich zwischen den Menschen hindurch bis zur Theke wo er einen Wodka bestellte. Die Geräuschkulisse bestand aus Stimmengewirr und Rockmusik und war so laut, dass Clemens den Barmann kaum verstand. Was auch genau das war, was er gesucht hatte, denn er dachte, wenn es um ihn herum laut und voller Menschen war, dann würde er nicht nachdenken müssen.

Aber nach dem zweiten Glas Wodka kamen die Gedanken trotzdem und er war nicht mehr in der Lage, sie zurückzudrängen. Er stützte den Kopf in die Hand und schloss die Augen. Stimmen und Musik rauschte an ihm vorbei während er versuchte mit der Erkenntnis klar zu kommen, dass er den Kampf, den er eigentlich nie wirklich gekämpft hatte, weil er sowieso von Anfang an aussichtslos gewesen war, nun endgültig verloren hatte.

Unerbittlich schickte sein in Wodka getränktes Hirn ihn auf eine Reise in die Vergangenheit. Angefangen mit der fünften Klasse des Gymnasiums, wo er und Florian zufällig nebeneinander gesetzt wurden und sich gleich glänzend verstanden und ihre Freundschaft immer enger und für Clemens immer wichtiger wurde. Dann die siebte Klasse, in der Clemens klar wurde, dass es andere Gründe als eine enge Freundschaft hatte, wieso er ständig bei Florian sein wollte und ihn gerne ansah, besonders, wenn er lachte. Und dass er nicht einfach nur wütend war, wenn Florian lieber was mit Mädchen unternahm anstatt mit ihm.

Sondern, dass es furchtbare Eifersucht war, die ihn nachts nicht schlafen ließ und dafür sorgte, dass er sich niemals mit diesen Mädchen verstand, egal, wie nett sie auch waren. In der achten Klasse wurde die Eifersucht dann noch größer, denn jetzt unternahm Florian nicht mehr einfach nur was mit diesen Mädchen. Einige von ihnen wurden auch seine Freundinnen aber diese Beziehungen hielten nie lange. Florian litt danach dann immer unter furchtbarem Herzschmerz und wer durfte dann die tröstende Schulter sein?

Selbstverständlich Clemens, sein bester Freund, der sich alles geduldig anhörte, tröstete und Ratschläge gab während alles in ihm danach schrie, Florian zu sagen, dass er es doch endlich mal mit ihm versuchen sollte und dass sie definitiv glücklich werden würden, weil Clemens ihn abgöttisch liebte. Aber natürlich sagte er nichts, denn er wusste ganz genau, dass das sowieso nichts bringen würde. Florian fühlte für ihn nicht das Gleiche und würde es auch nie tun, da er definitiv nicht schwul war.

Ganz anders als Clemens, der sich am Ende der achten Klasse dann selbst eingestehen konnte, dass sich sein Interesse nicht auf Florian beschränkte, sondern auch für andere Kerle galt. Die zwar nie auch nur ansatzweise an Florian herankamen, aber die er sich dann doch gerne ansah.

Auf der Feier, die die Schule immer zum Ende des Jahres vor den Sommerferien für die Schüler veranstaltete, fasste Clemens sich dann ein Herz und outete sich vor Florian. Natürlich ohne ihm zu gestehen, dass er auch den Weg gegangen war, den vor ihm schon so viele andere eingeschlagen hatten, und sich in seinen besten und heterosexuellen Freund verknallt hatte.

Florian sagte ,Alles klar', klopfte Clemens auf die Schulter und damit war die Sache für ihn erledigt. Und Clemens aus irgendeinem Grund ab dann in der Lage, sich die Jungs nicht nur anzusehen, sondern auch auch mit einigen ihnen auszugehen, sie zu küssen und mit ihnen zu schlafen. Aber da Florian nach wie vor sein Ideal war und keiner auch nur ansatzweise da herankam, blieb es bei diesen Dingen und er hatte nie Herzschmerz, wegen dem er sich ausheulen musste.

Auch auf der Uni blieb das Bild das Gleiche: Florian versuchte die große Liebe zu finden und scheiterte ständig grandios und Clemens hatte schon die große Liebe gefunden, die er nicht haben konnte und versuchte sich stattdessen mit lockeren Bettgeschichten davon abzulenken. Und je öfter bei Florian erneut eine Beziehung nach ein paar Monaten scheiterte, weil es wieder einmal doch nicht die große Liebe war, desto größer wurde in Clemens der Glaube, dass es bei ihm deswegen nicht klappte, weil Florian und er dann doch füreinander bestimmt waren und er es einfach noch nicht wusste.

Ein zutiefst kitschiger und absolut unrealistischer Gedanke, aber Clemens konnte sich einfach nicht dagegen wehren. Und genau so wenig wie das Herzklopfen und das Kribbeln wenn er mit Florian zusammen war im Laufe der Zeit verschwand, so wenig verschwand auch diese leise Hoffnung.

Sie wurde auch nicht im Mindestens davon beeinträchtigt, als vor einem Jahr, kurz vor Florians 30. Geburstag, zum ersten Mal der Name Katja in seinen Erzählungen auftauchte und er zuerst, wie sonst auch immer bei Schema F, zuerst auf Wolke sieben schwebte und sie als die perfekte Frau anpries.

Clemens lernte sie kennen, fand sie auch sehr nett, aber den eifersüchtigen Teil in sich konnte er einfach nicht loswerden. Also freute er sich dann auch ein bisschen als es weiterging wie sonst auch immer und es nach einem Monat tiefrosa Brille zwischen Florian und Katja dann so richtig krachte. Denn nach Schema F würde Florian diesen Streit zum Anlass nehmen, die Beziehung zu beenden.

Doch leider hatte Clemens sich zu früh gefreut, denn auch, wenn der Streit nach Florians Bericht hässlicher und übler war als jeder Streit, den er davor gehabt hatte, rauften sie sich dann doch wieder zusammen. Damit war Schema F dann durchbrochen. Es gab zwar noch Streit und Florian beschwert sich häufig bei Clemens über ein paar Eigenschaften, die er an Katja nicht ausstehen konnte, aber das war alles für ihn trotzdem kein Grund, die Beziehung zu beenden.

Clemens kam schließlich zu der sehr schmerzhaften Erkenntnis, dass Florian offensichtlich die unrealistische Erwartung der großen makelosen Liebe inklusive perfekter Beziehung aufgegeben hatte. Und auch Clemens' leise Hoffnung fing an zu bröckeln. Nicht aber seine tiefen Gefühle für Florian. An denen hatte sich, wider besseren Wissens, immer noch rein gar nichts geändert. Sie blieben auch völlig ungerührt von folgenden Tiefschläge.

Egal, ob es sich nun darum handelte, dass Florian und Katja sich gegenseitig ihren Eltern vorstellten oder dass sie zusammenzogen; Clemens konnte einfach nicht loslassen. Das Einzige, was sich änderte war, dass er seine Selbstbeherrschung nahezu bis zur Perfektion ausbaute, sodass er sie auch heute, wo die kleine Flamme der unrealistischen Hoffnung endgültig ausgelöscht wurde, kein einziges Mal verloren hatte. Denn was sollte Clemens deutlicher zeigen, dass er Florian verloren hatte, als ein Baby und eine Hochzeit? Vermutlich würden sie sich dann auch ein Haus kaufen, noch ein Kind kriegen und sich einen Hund anschaffen- die perfekte kleine Familie eben.

Als Clemens soweit mit seinen zutiefst frustrierenden Gedanken gekommen war, rammte irgendjemand ihm seinen Ellbogen so unsanft in die Rippen, dass er hochschreckte und fast das halbvolle Glas in seiner Hand fallen gelassen hätte. Mit einem ,'schuldigung' war der Übeltäter dann auch schon in der Menge verschwunden, aber Clemens was sowieso nicht zu mehr in der Lage, als sich seine schmerzenden Rippen zu reiben und festzustellen, dass er dringend pinkeln musste.

Mühsam und schwankend stieg er von dem irgendwann ergatterten Barhocker und stellte fest, dass es besser war, nach dem Pinkeln sofort nach Hause zu gehen, bevor er es nicht mehr schaffte.

Obwohl sich alles um ihn herum drehte und er, außer an Florian, kaum an etwas anderes denken konnte, schaffte Clemens es, die richtige Bahn nach Hause zu nehmen und nach zehn Fehlversuchen dann doch das Schlüsselloch der Haus- und der Wohnungstür zu treffen. Dann stand er da, mit dem Rücken an die Tür gelehnt und starrte in den dunklen Flur.

Er hatte seine Wohnung damals nicht selbst eingerichtet, sondern die erste professionelle Inneineinrichterin damit beauftragt, die ihm bei einer Internetsuche angezeigt worden war. Sie war eher von der kühleren Sorte und so hatte Clemens jetzt überall weiße Wände, schwarze Ledermöbel, eine dunkle Küche, aufdringliches Licht in jedem Raum und ein paar ausgesuchte abstrakte Kunstwerke in dunklen Bilderrahmen.

Eigentlich mochte er die Wohnung gar nicht und fand sie kalt und ungemütlich, aber er war ja auch kaum hier, weil er die meiste Zeit in der Kanzlei verbrachte. Einmal hatte er sogar am Schreibtisch geschlafen. Und das, obwohl er eigentlich gar kein Anwalt hatte werden wollen. Seine Eltern hatten ihm damals vorgeschlagen, Jura zu studieren und er hatte einfach ja gesagt. Weil Jura auch an der Uni angeboten wurde, auf die Florian wechselte.

Natürlich konnte Clemens sich jetzt noch weiter in seinen Gedanken vergraben und sich  mies fühlen, aber er hatte jetzt keine Lust mehr auf sowas. Deswegen holte er sein Handy aus der Hosentasche und blätterte durch seine Kontakte bis er Daniels Nummer gefunden hatte.

Daniel, den er vor einigen Monaten in einem Club kennengelernt hatte, wohnte praktisch nebenan und hatte gegen eine schnelle Nummer noch nie etwas einzuwenden gehabt. Er war auch jetzt bereit, sofort vorbeizukommen. Die fünf Minuten, die es dauerte, verbrachte Clemens weiterhin im dunklen Flur an der Tür stehend und mit leerem Kopf  vor sich hinstarrend. Erst, als es klingelte, knipste er das Licht an und betätigte den Türöffner.

Daniel eilte die Treppe hoch, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. "Hallo," sagte er lächelnd als er oben angekommen und in den Wohnungsflur getreten war. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich trafen, sie verstanden sich und der Sex war auch immer gut gewesen. Das hatte wohl ausgereicht, um zumindest ein bisschen Emotionalität zwischen ihnen aufkommen zu lassen, denn als er das Häufchen Elend erblickte, das Clemens grade darstellte, runzelte er die Stirn und fragte: "Alles in Ordnung bei dir?"

"N...nein," erwiderte Clemens leiernd und hielt sich an der Türklinke fest. "Es ist alles verdammte Scheiße! Und diese verdammte Scheiße muss ich jetzt vergessen! Also los, zieh dich aus!"

"Mit dem größten Vergnügen," erwiderte Daniel grinsend warf seine Jacke auf den Boden und fing an, sein Hemd aufzuknöpfen.

Das Aufwachen am nächsten Morgen war alles andere als angenehm.
 
Clemens war schon bei Bier nicht besonders trinkfest, aber Bier hätte gestern definitiv nicht den Effekt gehabt, den er hatte haben wollen. Die Gläser Wodka, von denen er sich nicht mehr erinnern konnte, wieviele es letztendlich gewesen waren, hatten ihn zwar auch nicht komplett davon abgehalten, an Florian zu denken, aber zumindest hatten sie am Ende den Schmerz ein wenig betäuben können.
 
Noch bevor Clemens die Augen öffnete, hatte er schon das Gefühl, jemand würde mit einem Messer in seinem Hirn herumbohren. Und als er die Augen schließlich geöffnet hatte, taten die Sonnenstrahlen, die durchs Fenster direkt auf sein Bett fielen, noch ihr Übriges dazu. Die Rolladen runterzulassen bevor er schlafen gegangen war, war gestern absolut das Letzte gewesen, an das er gedacht hatte.

Er blieb für einen Moment auf dem Rücken liegen, starrte an die Decke und rieb sich gelegentlich die Stirn, bis er sich schließlich sicher war, dass er nicht gleich kotzen würde, wenn er aufstand. Dann schlug er die Decke zurück und erhob sich abrupt, ohne vorher noch einen kurze Stop auf der Bettkante einzulegen.

Zu den Schmerzen in seinem Kopf und dem flauen Gefühl in seinem Magen gesellte sich nun noch eine Gänsehaut auf seinem ganzen Körper. Und als er an sich herunterblickte und feststellte, dass er komplett nackt mitten in seinem unbeheizten Schlafzimmer stand, während es langsam aber sicher Richtung Herbst ging, war das auch nicht überraschend. Er ging zu seinem Schrank und zog sich schnell Boxershorts und ein T-Shirt an.

Daniel war natürlich schon weg. In der Zeit, in der sie sich jetzt kannten, war er erst einmal über Nacht geblieben, vor einigen Wochen, als sie bis halb sechs im Club durchgetanzt hatten. Sie waren danach so müde gewesen, dass sie noch nicht einmal Kraft für Sex gehabt hatten, sondern nur geschlafen hatten, als sie schließlich im Bett lagen. Als Clemens am nächsten Morgen aufgewacht war, hatte er grade noch mitbekommen, wie Daniel sich seinen Pulli über den Kopf gezogen und aus dem Schlafzimmer gegangen war. Sekunden danach war die Wohnungstür in Schloß gefallen.

Eigentlich hatte Clemens es bis jetzt immer ganz praktisch gefunden. So waren wenigstens nie unangenehme Situationen entstanden. Aber heute dachte er für einen Moment, dass es doch vielleicht nicht schlecht gewesen wäre, wenn Daniel dageblieben wäre.
 
Clemens hatte noch mit niemandem über seine Gefühle für Florian gesprochen. Was in erster Linie daran lag, dass alle seine Freunde immer gleichzeitig auch Florians gewesen waren und das Risiko einfach zu groß war, dass doch irgendwas Florians Ohren erreichte. Und bis jetzt war er auch prima damit zurecht gekommen, alles immer nur in sich hineinzufressen. Aber nach der Sache mit gestern hätte er doch gerne darüber gesprochen. Und Daniel wäre ideal gewesen, weil er weder Florian noch irgendjemanden von Clemens' anderen Freunden kannte.

Für einen kurzen Moment spielte Clemens mit dem Gedanken, ihn anzurufen und ihn auf einen Kaffee einzuladen. Aber das würde dann nur an ihrer reinen Bettbeziehung rütteln, was sowohl positiv als auch negativ ausfallen konnte, und auf beides hatte Clemens grade keine Lust.

Also machte er Kaffee nur für sich selbst und setzte sich mit der Tasse in der Hand im Wohnzimmer in einen von den ungemütlichen und kalten Sesseln und starrte auf das hässliche ,Kunstwerk' in seinem ebenso hässlichen Rahmen, das gegenüber an der Wand hing.

Es war Samstag. Zehn vor elf, wie ihm die Uhr an der Kaffeemaschine mitgeteilt hatte. An einem normalen Samstag würde er sich jetzt anziehen und für ein paar Stunden ins Büro fahren, denn es wurde ganz selbstverständlich von ihm erwartet, auch am Wochenende zu arbeiten. Clemens wusste, dass sein Chef auch sonntags im Büro war, aber er selbst sah es nicht ein, sein ganzes Wochenende für die Arbeit zu opfern. Ein paar Stunden am Samstag konnte er einrichten, mehr aber auch nicht.

Nach der Arbeit würde er sich dann mit seinem seit Jahren bestehenden Freundeskreis treffen und entweder sie gingen in einen Club oder sie blieben bei irgendwem zuhause, tranken Wein, redeten und spielten Brettspiele. In Clubs zu gehen wurde aber immer seltener, Katja und Florian waren nicht die ersten, die Eltern wurden, zwei Paare hatten bereits kleine Kinder und blieben deswegen lieber zuhause.

Clemens hatte nie so wirklich drüber nachgedacht, aber jetzt war er fast erschüttert, wie erwachsen sie alle geworden waren. Früher hatten sie die Nächte durchgesoffen und durchgetanzt, jetzt saßen sie zusammen, tranken moderat ein paar Gläser Wein, redeten und spielten Monopoly. Das war vermutlich der Lauf der Dinge und das war es auch nicht, weswegen er auf einmal so geschockt war. Sondern, dass ihm erst jetzt so richtig klar wurde, wie sehr sein Leben bis jetzt an ihm vorbeigelaufen war.

Weil sich für ihn immer alles nur um Florian gedreht hatte und um die Unmöglichkeit, vielleicht irgendwann mal mit ihm zusammen zu kommen. Weder hatte Clemens sich die Mühe gemacht, einen eigenen Freundeskreis aufzubauen, noch hatte er sich je darüber Gedanken gemacht, welchen Beruf er eigentlich ergreifen wollte. Er war nur Anwalt wegen Florian geworden, und nicht, weil er es selbst gewollt hatte.
Wenn er Florian jetzt also erst einmal aus dem Weg gehen wollte, so, wie er es eigentlich geplant hatte, dann bedeutete das, dass er entweder alleine zuhause oder auf der Arbeit sitzen würde.

Auf einmal fühlte er sich so niedergeschlagen und isoliert, dass er am liebsten einfach nur losgeheult hätte. Aber dabei wäre er sich nur blöd vorgekommen. Erst einmal würde es sowieso nichts ändern und zweitens musste er ja jetzt auch nicht überdramatisch werden. Er war erst 32 und konnte sein Leben noch ändern. Und er würde jetzt gleich mal klein anfangen. Er stellte die Tasse auf den Couchtisch, stand auf, ging zu dem hässlichen Kunstwerk hin und nahm es von der Wand. Und genau das tat er auch mit den anderen drei in diesem Zimmer.

Dann ging er ins Badezimmer, beugte sich über die Wanne und fing an, eins nach dem anderen kaputt zu schlagen. Eigentlich war das schwachsinnig, er hätte sie sicher für einen guten Preis verkaufen können. Aber es fühlte sich grade einfach nur gut an, das Glas zu zerschlagen, die Leinwand zu zerreißen und an den Holzrahmen zu zerren bis er sie auseinandergebrochen hatte, was er bei allen vier Bildern tat und das sehr gründlich.

Danach war ihm wirklich ein wenig leichter zumute. Er entfernte das Glas aus der Wanne, ohne sich auch nur einmal zu schneiden und räumter die kaputten Rahmen und die Papierschnipsel weg. Währenddessen entschied er sich, dass es wirklich besser war, jetzt noch arbeiten zu gehen und sich weiter abzulenken. Bloß nicht rumsitzen und nachdenken.

Nachdem die Folgen seiner Zerstörungswut beseitigt worden waren, zog er sich einen seiner Anzüge an, die alle sehr teuer gewesen waren und von dem ihn keiner so richtig gefiel, nahm seinen Aktenkoffer und fuhr ins Büro.

Die Kanzlei Hasselbeck und Partner, in der Clemens der jüngste Anwalt, nicht nur vom Alter sondern auch an Dienstjahren war, lag in der Nähe der Universität und, wie Herr Hasselbeck, Gründer und trotz fast siebzig Jahre immer noch ein sehr aktiver Anwalt, immer wieder betonte, bemüht darum, Studenten mit guten Noten als ein Sprungbrett in die Anwaltswelt zu dienen. Daher wimmelte es in der Kanzlei immer von Praktikanten jeglichen Semesters und auch Clemens hatte mit ihnen zu tun.

Sie ersetzten teilweise die Rechtsanwaltsfachangestellten, verteilten die Post, tippten Bänder, saßen am Empfang und stellten Telefonate durch. Das Praktikum war natürlich unbezahlt und eine praktische Maßnahme, Personalkosten zu sparen. Dafür ging die Kanzlei aber auch fair mit ihren Praktikanten um und die Studenten rissen sich darum, hier arbeiten zu können.

Auch, als Clemens um halb eins durch den Personaleingang auf den Kanzleiflur trat war Stimmengewirr zu hören. Er packte seinen Aktenkoffer in seinem Büro, das direkt gegenüber vom Eingang lag, auf den Schreibtisch und ging dann in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Es war nicht so, dass er unbedingt Lust darauf hatte, er war kein großer Kaffeetrinker und der eine vorhin reichte erst einmal für ein paar Stunden. Aber wie üblich herrschte in der Küche Betrieb und es war ihm wichtig, dass er von mindestens einem anderen Anwalt gesehen wurde. Denn er war schon einmal durch die Blume gefragt worden, wieso er denn samstags so selten arbeitete.

Er hatte Glück, es waren sogar zwei in der Küche, davon einer der Sozien und es war immer empfehlenswert, sich mit denen gutzustellen. Also blieb Clemens auf ein bisschen Anwalts-Smalltalk, was hieß, es wurde gewetteifert, wer die schlimmsten Fälle, die nervenaufreibensten Mandanten und die unfähigsten Richter hatte, garniert mit der immer wiederkehrenden Frage, wieso man diesen furchtbaren Job überhaupt ausübte.

Mit seiner anstrengenden Scheidung und dem nicht weniger anstrengenden Mandanten hatte Clemens absolute Berechtigung, mitzujammern, wobei der die Frage, warum er das alles machte, überging. Schließlich wusste er, dass die richtige Antwort auf diese Frage ,weil wir die Arbeit trotz allem lieben' war und er diese Antwort definitiv nicht geben konnte. Allerdings, nachdem er seinen Kaffee ausgetrunken, die Küche wieder verlassen hatte und an seinem Schreibtisch saß, versuchte er seine eigene Antwort auf diese Frage zu finden.

Denn irgendetwas musste ihn ja, abseits von Florian, hier festhalten. Denn sonst hätte er ja heute schon seine Kündigung einreichen und sich statt der unbeliebten Arbeit eine spaßige Tätigkeit suchen können, um sich abzulenken. Aber stattdessen saß er jetzt hier und hatte Scheidungsfall-Akte Nummer fünf in der Hand, die er erst letzten Mittwoch hatte anlegen lassen und die bereits jetzt schon wieder ziemlich dick war. Was zum größten Teil an der äußerst schreibwütigen Gegenseite lag.

Während er den Papierwust in seiner Hand wog fand er sogar gleich zwei Antworten. Die erste war, dass er noch nie wirklich drüber nachgedacht hatte, was er tatsächlich wollte. Und so lange er das noch nicht wusste, wäre es ziemlich dumm, jetzt einfach alles hinzuschmeißen und dann gar nichts zu haben. Was seinen Eltern absolut nicht gefallen würde. Zwar würden sie ihn trotzdem weiter unterstützen, wie sie es bis jetzt immer getan hatten, obwohl er ihnen, was seine Karriere anging, da nie wirklich Schwierigkeiten bereitet hatte, aber
Clemens wusste, wie stolz sie auf ihn waren. Und er enttäuschte sie ungerne. Das war die zweite Antwort und machte ihm etwas klar, dass er schon länger aus den Augen verloren hatte: es gab ein Leben abseits von Florian.

Clemens seufzte einmal tief, klatschte die Akte auf den Schreibtisch und griff nach seinem Diktiergerät. Zeit, der Gegenseite auf ihr zehnseitiges Schriftstück die entsprechende Antwort zu geben.

Er hatte grade das erste Wort in das Gerät gesprochen, als es an der Tür klopfte. Auf Clemens' ,Herein' betrat Martin den Raum, ein zurückhaltender höflicher Student im dritten Semester, bei dem Clemens etwas daran zweifelte, ob Anwalt der richtige Beruf für ihn war. Außerdem sprang bei Martin sofort sein Radar an und er lag selten falsch.
 
Martin war auch ganz niedlich, vorallem sein scheues Lächeln, aber insgesamt fand Clemens, dass er viel zu jung war. Er hatte sich selbst geschworen, nicht weiter runterzugehen als zwei Jahre. Und mit jemandem aus der Kanzlei würde er erst recht nichts anfangen, auch, wenn es nur ein Praktikant war.

Niemand hier wusste, dass Clemens schwul war und er hütete sich, es irgendjemandem zu sagen. Er hatte schon genug homophobe Witze und Sprüche aufgeschnappt um zu wissen, dass das absolut keine gute Idee war. Aber vielleicht würde er es ja machen, wenn er hier seinen letzten Tag hatte. Auf die Gesichter von einigen wäre er sehr gespannt.

Aber gucken schadete ja nichts und so genoß Clemens das scheue Lächeln, mit dem er bedacht wurde.

Obwohl sie sich gut verstanden und auch schon über Dinge außerhalb der Kanzlei geredet hatten, blieb Martin trotzdem auf Distanz. "Guten Tag," sagte er förmlich. "Ich wollte fragen, ob Sie irgendwelche Aufgaben für mich haben."

Clemens erwiderte sein Lächeln und auch, wenn er sich mit so gut wie allen Praktikaten dutzte, bei Martin blieb er genau so distanziert, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. "Im Moment noch nicht," sagte er. "Aber wenn ich was habe, dann werde ich mich vertrauensvoll an Sie wenden."

Martins Lächeln vertiefte sich. "Okay." Und er hatte bereits die Türklinke in der Hand, um das Büro wieder zu verlassen, als Clemens sich zu seiner eigenen Überraschung sagen hörte: "Gibt echt bessere Dinge die man samstags machen kann, als zu arbeiten, nicht wahr?"

Martin drehte sich wieder um und zuckte mit den Schultern. "Eigentlich ist es gar nicht so schlimm. Es ist ruhig und ich kann mich besser mit den Dingen befassen, weil nebenbei nicht das Telefon klingelt oder mir jemand beim Vorbeilaufen etwas auf den Schreibtisch wirft."

Clemens wusste genau, wen er damit meinte. "Es tut mir Leid, kommt nicht wieder vor. Ist zwar keine Entschuldigung, aber ich war ganz schön in Eile an dem Tag."

Wieder lächelte Martin. "An sich ist es gar nicht so verkehrt, denn schließlich ist der Anwaltsberuf auch ziemlich stressig, da kann ich mich jetzt schon mal dran gewöhnen."

"Hauptsache, man hat nachher etwas, an dem man sich abregen kann," meinte Clemens. "Ich tanze gerne. Aber nur indem ich die Arme in die Luft werfe und ruckartige Bewegungen mache."

Martin lachte, das erste Mal das Clemens ihn richtig lachen sah und stand seinem scheuen Lächeln in nichts nach. "Ich... ich spiele in einer Band," entgegnete er dann und wurde, aus irgendeinem Grund, knallrot im Gesicht.

Clemens hob beide Augenbrauen. Sowas hatte er definitiv nicht erwartet. Aber es war vermutlich richtig was man sagte: stille Wasser sind tief. "Nicht schlecht," meinte er, lehnte sich im Stuhl zurück und versuchte sich Martin auf einer Bühne vorzustellen. "Darf ich raten? Sie spielen doch sicher Schlagzeug." Das war als Scherz gemeint gewesen, denn eigentlich stellte er sich Martin eher mit einer Gitarre vor, aber die Antwort "Nein, ich singe," warf Clemens dann völlig aus der Bahn. Er wusste für einen Moment nicht, was er sagen sollte und diesen Moment nutzte Martin: "Also wir spielen heute in einem kleinen Club. Vielleicht haben Sie ja Lust, vorbeizukommen."

Clemens' unbewusster Plan, für heute abend etwas anderes zu finden, als mit den üblichen Verdächtigen zusammenzusitzen, Florian direkt vor der Nase zu haben und still vor sich hinzuleiden, war tatsächlich aufgegangen. "Aber klar, ich komm gerne," erwiderte er. "Wie ist die Adresse?"

Der kleine Club war eher eine kleine Kneipe und lag am Rande des Industriegebiets, also ziemlich weitab vom Schuss. Trotzdem war es brechend voll und Clemens musste ziemlich kämpfen um erst an ein Bier und dann in die Nähe der Bühne zu kommen. Er umklammerte sein Glas und kämpfte sich verbissen durch die Menge, bis er fast ganz vorne stand. Er war wirklich gespannt, wie sich Martin als Sänger einer Band verhielt und wollte keine Sekunde davon verpassen. Und er war gespannt ob es ihm bei all diesen vielen Menschen die sich an der Bühne drängten auffiel, dass er auch da war.

Unter johlendem Beifall kam die fünfköpfige Truppe auf die Bühne und als Martin ans Mikrofon trat wurde Clemens bewusst, dass er bis jetzt geglaubt hatte, dass er ihn die ganze Zeit nur verarscht hatte. Aber dann begann der Gitarrist zu spielen, Martin öffnete den Mund und fing dann an mit einer tiefen und rockigen Stimme loszuschmettern, die Clemens nie bei ihm erwartet hatte. Und er hatte zwar den sehr sperrigen Bandnamen gelesen, aber nie erwartet, dass es Rockmusik geben würde. Etwas, das auch so gar nicht zu Martin passen wollte, aber Clemens hatte ja schon vorher feststellen dürfen, wie absolut falsch er ihn eingeschätzt hatte.

Das Konzert dauerte fast zwei Stunden, ein Lied war besser als das andere, die Menge tanzte wie wild herum und Clemens, der immer noch eingeklemmt war, machte begeistert mit,

Als Martin dann eine kurze Pause nutzte, um einen langen Schluck aus einer Wasserflasche zu nehmen, trafen sich dann doch ihre Blicke und Clemens nutzte den Moment, um ihm einmal anerkennend zuzunicken.

Nach dem Konzert verstreute sich der Großteil der Menge recht schnell wieder, aber Clemens, der es hier sehr gemütlich fand, hatte nicht vor, es ihnen gleich zu tun. Stattdessen ging er zur Theke, die jetzt wieder gut erreichbar war, und bestellte sich erst einmal ein Glas Wasser, das er in einem Zug austrank. Als er dann noch ein Bier bestellt hatte, das letzte für diesen Abend, schließlich kämpfte er immer noch ein wenig mit seinem Kater, tauchte die Band auf und war sofort von einer Menschenmenge umrundet. Grinsend stellte Clemens fest, dass sie sogar Autogramme schrieben.

Er sah sich das Spektakel einen Moment an, dann vibrierte es in seiner Hosentasche und mit einem Seufzer zog er sein Handy heraus. Natürlich war es eine Nachricht von Florian. Bevor Clemens sich auf den Weg zum Konzert gemacht hatte, hatte er eine Nachricht in ihren Gruppenchat geschrieben, dass er heute nicht zu Stefan und Lisa mitkommen würde, da er etwas mit einem Arbeitskollegen unternahm. Was ja noch nicht einmal gelogen war.

Seitdem hatte er schon zwei Nachrichten von Florian bekommen: dass er es wirklich schade fand, dass Clemens nicht kam, dann noch einmal, dass er es schade fand, weil sie den anderen von dem Baby erzählt hatten. Florian hätte Clemens auch gerne das Ultraschallbild gezeigt und ihm stattdessen dann ein Foto davon geschickt. Clemens hatte nur einen flüchtigen Blick drauf geworfen und dabei nicht wirklich was erkannt. Er hatte absolut kein Interesse daran, irgendetwas von Florians und Katjas Baby zu sehen, weil jede Erwähnung davon sowieso nur ein weiterer Stich in sein Herz war.

Nachricht Nummer drei war nun die Mitteilung, dass es ohne ihn einfach nur langweilig gewesen war und Katja und er inzwischen schon auf dem Nachhauseweg waren und er hoffte, dass sie sich bald mal wieder trafen.

Clemens warf einen Blick auf die Handyuhr: kurz nach zwölf. Angesichts der Tatsache, dass diese Treffen meistens nur bis ein Uhr gingen waren sie ja eigentlich gar nicht so früh gegangen. Was hieß, dass es doch nicht so langweilig gewesen sein konnte.

Clemens erkannte rechtzeitig, wohin ihn seine Gedanken bringen würden und er befahl sich selbst, sofort damit aufzuhören. Er steckte das Handy zurück in die Jeanstasche, wobei er sich, wie bei den Nachrichten zuvor, wieder eine Antwort sparte, seufzte einmal tief und trank einen Schluck. Florian heute aus dem Weg zu gehen hatte nur bedingt geklappt, er hatte ihn zwar nicht gesehen, aber er war trotzdem da gewesen. Und das würde er auch immer bleiben, denn schließlich waren sie beste Freunde schon seit Jahren und bei allem Schmerz war das etwas, das Clemens absolut niemals aufgeben konnte.

Etwas Distanz okay, komplette Distanz niemals! Also würde er sich wohl einfach damit abfinden müssen, dass es immer etwas weh tun würde. Aber das wäre sicher leichter zu verkraften, wenn er sich ab jetzt darauf konzentrierte, was ihm selbst gut tat und nicht, was ihn am besten in Florians Nähe hielt.

"Sie sind ja echt gekommen," ertönte da eine Stimme rechts neben ihm und als er den Kopf wandte stand Martin da und strahlte ihn an. Clemens kannte ihn nur in seinem billigen Anzug und jetzt, in Jeans und T-Shirt, mit knallroten Wangen, dem aufgeräumten Gesichtsausdruck und der Wasserflasche in der Hand machte er den Eindruck nochmal zehn Jahre jünger als überhaupt schon zu sein.

Clemens hatte nicht erwartet, ihn doch noch zu teffen und sah über seine Schulter hinweg, dass die Fanmasse sich inzwischen auch verlaufen hatte.

"Natürlich!" sagte er dann. "Es war ehrlich gesagt etwas schwierig für mich, Sie mich als Sänger einer Band vorzustellen, deswegen hätte ich es um nichts in der Welt versäumt, mir das Spektakel anzusehen. Aber Sie haben mich jetzt echt völlig überzeugt!"

Martin strahlte noch mehr. "Und, wie hat es Ihnen gefallen?"

"Es war wirklich super," antwortete Clemens und war damit völlig aufrichtig, denn die Musik hatte absolut seinen Geschmack getroffen und der ganze Auftritt war ziemlich professionell gewesen. "Allerdings würde ich sagen, dass wir ab jetzt doch mit dem förmlichen Sie aufhören können. Ich bin Clemens." Er hielt Martin das Bierglas hin, der beinahe enthusiastisch mit seiner Flasche Wasser anstieß. "Ich bin Martin," sagte er und sah Clemens für einen Moment tief in die Augen. Noch etwas an diesem Tag, das für Clemens völlig unerwartet kam.

Dann wurde Martin aus der anderen Ecke der Kneipe gerufen und entschuldigte sich für einen Moment.
Er ließ einen ziemlich verwirrten Clemens zurück, der sich fragte, ob Martins ständiges scheues Lächeln doch immer anders gemeint war, als er es gedacht hatte und er einfach unfähig gewesen war, die Zeichen richtig zu deuten. Und dass Martins Radar wohl genau so gut funktionierte wie sein eigenes.

Er nahm sich zum ersten Mal die Zeit Martin von Kopf bis Fuß zu mustern und kam zu der Erkenntnis, dass er eigentlich ziemlich gut aussah. Was nichts an Clemens' selbstgemachten Regeln ändern würde. Martin war zu jung und arbeitete außerdem in der Kanzlei. Aber von einem jungen gutaussehenden Kerl angemacht zu werden, wenn auch auf eine eher subtile Art, war definitiv etwas, das das Ego stärkte und was Clemens grade ziemlich gut gebrauchen konnte.

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Kapitel:2
Sätze:253
Wörter:6.702
Zeichen:39.098

Kurzbeschreibung

Fast zwanzig Jahre lang war Florian der einzige Mann in Clemens' Leben - auch, wenn ihm eigentlich klar gewesen ist, dass er von ihm niemals mehr als eine gute Freundschaft bekommen würde. Doch als Florian ihm dann eröffnet, dass seine Freundin schwanger ist und er sie heiraten will, muss Clemens sich eingestehen, dass er für ihn endgültig verloren ist. Was ihm absolut nicht leicht fällt, denn sein ganzes bisheriges Leben hat er immer nur nach Florian ausgerichtet.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch im Genre Freundschaft gelistet.