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Memories

62
05.06.22 16:48
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

 

Momentan ist Memories eine einzige Baustelle und ist daher bis auf dieses Kapitel zurückgezogen.

Nicht nur das Cover wurde bearbeitet, sondern auch der Klappentext geändert, da er zum Verlauf der Story nicht ganz gepasst hatte. Außerdem werden einige Kapitel ergänzt und enthalten später mehr Inhalt als vorher. Das passiert jedoch alles sehr langsam und daher nimmt Memories auch an keinem Award mehr teil. Ich will hier erst Ordnung hereinbringen, meine Kapitel ausarbeiten und ebenso meine Charaktere, die manchmal zu schnell vorkommen und einige vergessen wurden. Zudem habe ich das Ende bereits im Kopf, notiert und schreibe so, dass es hinterher zusammenpasst und nichts vergessen wird, was wichtig sein könnte. Wer die alte Fassung noch kennt, der darf gespannt sein, wie sehr hier einiges anders sein wird. Es dauert jedoch noch ein bisschen, da ich vorrangig anderes schreiben und beenden werde und dann Luft habe, um an dieser Geschichte wieder mehr arbeiten zu können.

 

⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜⚜

 

 

Midnight, not a sound from the pavement
Has the moon lost her memory?
She is smiling alone
In the lamplight, the withered leaves collect at my feet
And the wind begins to moan


Memory, all alone in the moonlight
I can dream of the old days
Life was beautiful then
I remember the time I knew what happiness was
Let the memory live again


Every street lamp seems to beat
A fatalistic warning
Someone mutters and the street lamp sputters
And soon it will be morning

Daylight, I must wait for the sunrise
I must think of a new life
And I mustn't give in
When the dawn comes, tonight will be a memory too
And a new day will begin

Burnt out ends of smoky days
The stale, cold smell of morning
A street lamp dies, another night is over
Another day is dawning

Barbra Streisand – Memory

 

 

 

Drei Tage hörte er nun schon dieses Lied und mit jedem gesungenen Wort, erkannte er, dass auch Barbra tiefen Schmerz fühlte und wusste, wovon sie sang.

Von Verlust, Gefühlen und einer Person, die sie nicht losließ. Kevin konnte es so sehr fühlen, verstehen und beinahe danach greifen. Doch er griff ins Leere, nach einer Person, die längst vergangen war und nie wieder zurück in sein Leben trat.

Seine letzten Worte hallten auch heute noch durch seine Gedanken, saßen tief, schienen ihn auszulachen und sich wie ein Mantra zu wiederholen.

Erinnerungen können mir niemals gerecht werden.

Ein Zitat aus dem Film Final Fantasy VII Advent Children stammend, welchen er neben dem Spiel GTA am meisten geschaut, gezockt und geliebt hatte.

Damit hatte er recht behalten, nachdem er vor zwei Jahren das Set für immer und ohne wirkliche Begründung verlassen hatte.

Zurückgeblieben war nichts außer Erinnerungen und alte Bilder, die ihm niemals genommen werden konnten. Ihn manches Mal verzweifeln ließen und doch hatte er Freunde, die zu ihm hielten, ablenkten und auffingen.

Ein kleiner Trost in schweren Tagen.

Ein kleiner Trost in schweren Tagen

 

 

Diese Augen.

Braun, einen Blick, der dem eines Hundes glich, welcher einen erwartungsvoll ansah und gekrault werden wollte.

Dann dieses Lächeln.

Dieses unschuldige Schmunzeln, welches nicht darauf hindeutete, was dieser Kerl bereits alles getrieben hatte und vor allem mit wem.

Kevin schmunzelte wissend vor sich hin, während er die Zimmerdecke über sich ansah und in Erinnerungen schwelgte.

Zwölf Jahre, fast schon dreizehn war es her, als er ihn zum ersten Mal sah.

Unschuldig auf einer Couch und keine Ahnung, wer er war und wie er hieß.

Kevin seufzte, er drehte sich um und auf den Bauch, um besser an seinen Laptop zu kommen.

Zielstrebig öffnete er einen selbst angelegten Ordner, klickte sich durch unzählige Bilder und blieb bei einem länger hängen.

Da war es.

Jenes Bild, welches sich tief in seine Netzhaut gebrannt hatte und noch schlimmer in sein Herz und seinen Verstand.

Den Wochentag selber wusste er nicht mehr, dafür aber das Datum, an jenem er früher als erwartet in der Agentur angekommen war und zielstrebig auf der Suche nach Lukas war. Einer der Fotografen, der bereits seit Jahren im Geschäft und früher auch Darsteller war.

***
 

Er konnte an den Stimmen nicht erkennen, ob da gerade Lukas oder Marty ein Shooting durchführte. Schwer für ihn zuzuordnen, die Stimmen. Kevin horchte daher auf, blieb einen Augenblick stehen und schlich bis zu der Tür, aus der die Stimmen kamen und linste um die Ecke. Doch ein Shooting und Marty, der die Kamera in der Hand hielt und dem Jungen auf dem Sofa Anweisungen gab. Er schien  gut zu sein, setzte vieles zu Martys Zufriedenheit um und noch immer  sah er nicht richtig, wer da geshootet wurde.


Lediglich braune Haare erkannte er,  gekleidet war der Junge mit einem weißen Shirt und verwaschene Bluejeans.

Das Gesicht sah er nicht wirklich, dafür stand er zu weit weg, wollte nicht stören und schon gar nicht erwischt werden.

Dennoch blieb er nicht unbemerkt, Marty hatte Augen wie ein Luchs und scheinbar konnte er zu seinem Nachteil um Ecken gucken.

„Was machst du da, Kevin?"

Ertappt und sichtlich verlegen trottete Kevin aus seiner Ecke heraus und grinste unbeholfen.

„Eigentlich suche ich ..." Kevin blieben die Worte im Hals stecken, sein Blick klebte förmlich an dem Jungen auf der Couch, an dessen Lippen, an seinen Augen, seinem unschuldig wirkenden Blick, der unsicher zu ihm herübersah.

„Ja?", hörte er zwar Marty fragen, doch er konnte sich nicht von diesem griechischen Gott abwenden, der plötzlich so süß zu lächeln begann, dass ihm ganz anders wurde.

„Kevin?"

„Hm?", brummte der Angesprochene lediglich und reagierte erst, als Marty kopfschüttelnd auf ihn zutrat und sich vor ihm aufbaute. „Raus jetzt, du Trantüte. Ich hab zu tun."

Kevin schmollte kurzzeitig, verließ jedoch das Zimmer und doch drehte er sich nochmals um, sah den Jungen auf dem Sofa an und lief beinahe gegen den Türrahmen.

Marty rollte mit den Augen, er schüttelte nochmals den Kopf und nahm sich schließlich wieder seine Kamera zur Hand.

„Wer war das?", wollte der braunhaarige Junge wissen und kam nicht umhin leise zu lachen.

„Dein Drehpartner für die nächsten Tage", erwiderte Marty knapp und nahm seine Arbeit wieder ganz auf.

Trotz der Entfernung konnte Kevin deutlich hören, was Marty gesagt hatte oder spielten ihm seine Ohren einen Streich? Nein, sicher nicht. Kevin hatte sehr wohl mitbekommen, dass dieser süße Junge sein Drehpartner sein sollte.

Ein schüchternes Lächeln umspielte seine Lippen und die zuvor sichere Haltung wich. Warum war er überhaupt in die Agentur gekommen? Alles  war weg, nur dieser Junge war in seinen Gedanken und dominierten diese.

„Kevin?", sprach ihn jemand an, doch er brauchte eine ganze Weile, um zu realisieren, dass Lukas rief und die Hand hob. „Kommst du? Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit und wir müssen noch einiges besprechen."

Ohne zu antworteten, folgte Kevin dem älteren Mann in sein Büro, setzte sich ihm gegenüber und sah ihn an. „Du hast in zwei Tagen einen Dreh mit einem Neuzugang und ich erwarte, dass du nett zu ihm bist."

„Wie heißt er?", wollte Kevin wissen.

„Andre. Er ist nur wenige Wochen jünger als du und hat gerade jetzt sein erstes Shooting. Wenn du willst, kann ich euch nachher kurz bekannt machen", schlug Lukas vor, während er sich durch seinen Dreitagebart strich. „Das Thema ist dir bereits bekannt?"

Ein Nicken folgte.

„Keine überdrehten Sachen. Nichts, was überfordert oder Andre abschrecken könnte. Sei natürlich ..."

Verschwommen drangen die restlichen Worte in seine Ohren. Kevin war in Gedanken schon wieder bei diesem süßen Jungen, der ihm von der ersten Sekunde an massiv den Kopf verdreht hatte. „Kevin, hörst du zu?"

Dümmlich grinsend nickte der Angesprochene, was zur Folge hatte, dass Lukas seufzte, eine Packung Taschentücher nahm und ihn an den Kopf warf. „Ich erwarte übermorgen ein gewisses Maß an Professionalität und jetzt komm, Andre hat nachher noch ein Interview", wies er Kevin an, der sich bereits erhob und ungeduldig wirkte. Lukas schüttelte den Kopf. Er kannte dieses Verhalten gut, hatte es bei  anderen  Jungs schon oft gesehen und wusste, was sich daraus entwickelte.

Oft nichts Gutes. Anfänglich vielleicht, danach endete es im Chaos, mit Tränen und nicht geplantem, vorzeitigem Ausstieg. Lukas folgte Kevin, holte ihn ein und hielt ihn kurz bevor er das Zimmer, in welchem Andre saß erreichte, zurück und sah ihn besorgt an. „Tu dir selber einen Gefallen und stürze dich nicht in ein Abenteuer, was euch beiden schadet. So etwas endet nie gut."

 

 

 

Ob die Bauchschmerzen vor Aufregung kamen oder er einfach etwas Falsches gegessen hatte, konnte Kevin nicht genau sagen. Es war nur so, dass sich sein Magen ständig zusammenkrampfte, der heutige Tag im Desaster enden würde und das nur, weil der Dreh mit diesem süßen Jungen endlich anstand. Kevin war sogar noch vor seinem Wecker aufgestanden, hatte ausgiebig geduscht, sich zurechtgemacht und nun stand er aufgeregt vor der Metrolinie und wollte Richtung Zizkov, dem dritten Stadtteil Prags fahren.

Ob der Andere auch so aufgeregt war? Bestimmt nicht, er wirkte schon bei seinem Shooting ruhig, besonnen und fast wie ein Profi. Auf ihn hatte Andre mächtig Eindruck hinterlassen, mehr noch ein Kribbeln im Bauch und Gedanken, die verschlossen gehörten. Kevin grinste frech, steckte sich seine Kopfhörer in die Ohren und betrat, nachdem die Metro eingefahren war, eines der Abteile. Voll war es nicht, dennoch stand er lieber, hielt sich an einer der Stangen fest und blickte raus. Auf Dunkelheit traf helles Licht, dann wieder ein Tunnel und schließlich erreichte er sein Ziel. Er hätte auch locker laufen oder sein Auto nutzen können, doch er war zu aufgeregt, wollte sich lieber sammeln und nicht die ganze Zeit an Andre denken. Die halbe Nacht hatte gereicht, ihm eine schöne Morgenlatte beschert.

Lukas hätte vermutlich gelacht, gesagt, dass der erste Druck weg wäre, aber dem war nicht so. Kevins Körper reagierte wie der eines Teenagers. Kaum schloss er die Augen, stand Andre vor ihm, blickte ihn an, leckte sich über die Lippen und trieb ihn in den Wahnsinn. Zu Hause kein Problem, aber in der Bahn sollte er sich unter Kontrolle haben und an etwas anderes denken. Nur woran? Kevin stellte sich vieles vor, aber nichts passte oder es lief wieder in die verkehrte Richtung. Omas Krampfadern halfen auch nicht sonderlich. Der Gedanke war uralt und nicht von Erfolg gekrönt. Kevin seufzte frustriert, verließ, nachdem die Metro seine Station erreicht hatte, aus und lief hastig die steinerne Treppe rauf.

Oben angekommen, traf ihn die Sonne mit voller Wucht, beförderte ihn zurück in die reale Welt und erinnerte daran, dass heute der heißeste Tag des Jahres gemeldet war. Passend, dachte er sich, schob seine Hände in die Hosentaschen und überquerte die Straße.Wie sollte er den heutigen Tag bloß überstehen? Entweder würde er Andre den Verstand heraus rammeln oder aber er würde vor lauter Nervosität ganz versagen. Letzteres wäre schlimmer. Bisher stand sein Schwanz immer wie eine Eins, aber vielleicht machte er sich auch einfach zu viele Gedanken.

Ruhig an die Sache gehen, tadelte er sich, atmete tief durch. So schwer kann es nicht sein und es ist nicht das erste Mal, dass ich drehe. Gedanken, die hoffentlich halfen und er sich nicht ganz blamierte. Es reichte schon, dass er wieder nicht auf dem Schirm hatte, wer heute hinter der Kamera stand und Regie führte. Kevin hoffte jedoch, dass es nicht Marty war. Seine Art würde ihm den Rest geben, ihn aus dem Konzept bringen und da wäre ein schlaffer Penis das kleinere Übel. "Man ey." Murrend raufte Kevin sich die Haare, holte seine Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche und zündete sich eine davon an.

Wenn alles nichts half, aber das half ganz sicher. Bei Adam funktionierte es auch und der hatte mehr Gründe nervös zu sein. Galant lehnte sich Kevin an die triste Fassade des Hauses, welches an alte, vergangene Zeiten erinnerte und dringend einen neuen Anstrich brauchte. Dieses verwaschene Altrosa war furchtbar und sah grauenhaft aus. Kurz schüttelte er sich, nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette und schnippte sie schließlich weg. Zeit hereinzugehen, auch, wenn die Nervosität nicht verschwunden war, noch immer lauerte.

Die Tür surrte, nachdem Kevin geklingelt hatte. Er drückte dagegen, betrat das Treppenhaus und lief die paar Stufen nach oben. Oben angekommen vernahm er Stimmen, darunter auch die von Andre. Er war bereits da, lachte einige male, ehe er sich weiter unterhielt. Kevin grinste, überwand die letzte Hürde und betrat schließlich das Zimmer, aus welchen die Stimmen kamen. Andre saß bereits auf dem hellblauen Sofa, trug ein pinkes T-Shirt und eine beige, kurze Hose. Kevin hingegen verwaschene Bluejeans und klassisch ein weißes Shirt. "Kevin, wie schön, dass du pünktlich bist." Wie hatte er? Marty konnte unmöglich Augen am Hinterkopf haben oder spiegelten die Fensterscheiben so sehr, dass er ihn sah? "Nun setz dich schon hin", forderte ihn der ältere Mann auf, deutete auf den Platz neben Andre. Kevin kam dem nur langsam nach, mogelte sich an einem kleinen Tisch und dem Kameramann vorbei.

Marty beobachtete ihn ganz genau dabei, wartete, dass er sich setzte und entspannte. Ihm war sehr wohl aufgefallen, wie nervös Kevin war. Emotionen, die er gut kannte, die gerade jetzt unpassend erschienen. "Entspann dich, Kevin. Es ist ein Dreh wie jeder andere und du kennst das." Martys Blick lag streng auf dem dunkelblonden Jungen, der sich langsam setzte, Andre von der Seite ansah, ehe er ihm die Hand reichte.
 

"Bin Kevin", stellt er sich knapp vor, während der Andere grinste und nickte. "Das weiß ich. Hab dich bereits gesehen und Marty hat mir gesagt, wie du heißt." Tatsächlich? Kevin blickte zum Kameramann, der die letzten Handgriffe tätigte und aufstand.


"Also gut, ihr habt freie Hand, könnt tun, was ihr wollt. Bedenkt aber, dass einer von euch die Jungfrau spielt." Beide Jungs sahen sich daraufhin an, schienen zu überlegen, wer diese Rolle einnahm. Letztendlich übernahm Kevin die Rolle, ließ Andre freie Hand. "Keinen Blödsinn", mahnte Marty nochmals. "Ich erwarte eine gewisse Ernsthaftigkeit." Lediglich kam ein Nicken der beiden, ehe sie sich erhoben, in das angrenzende Zimmer liefen, in welchem lediglich ein schmales Bett und ein Schrank standen. Marty gab ihnen ein Zeichen, dann lief die Kamera und ehe sich Kevin versah, hatte Andre ihn an sich gezogen, legte besitzergreifend seine Lippen auf die seinigen. Ein leidenschaftlicher Kuss zwischen beiden, der obendrauf ziemlich echt wirkte. Dennoch weigerte sich Andre auf den Zungenkuss einzugehen, entzog sich Kevin immer wieder oder er wich ihm geschickt aus.

"Cut", grummelte es sofort hinter der Kamera. "Absprache war, dass keine feuchten Küsse ausgetauscht werden. Nicht mit Neulingen und das weißt du sehr genau, Kevin."

Sofort wurde der Angesprochene rot um die Nase, genierte sich und doch war es Andre, der ihn sofort wieder einfing, mit seinen Lippen, seiner Zunge ablenkte. Marty ließ die Jungs ihr Ding machen, hatte nichts mehr anzumerken, außer einer späteren Pause, die beide für sich nutzen. Kevin, um eine zu rauchen, sich zu sammeln und Andre telefonierte.

Mit wem er das tat, konnte Kevin nicht hören, jedoch klebte er an seinen Lippen, die er vor wenigen Minuten noch heiß geküsst hatte. Könnte er sie beschreiben, sie wären weich, warm, voll und schmeckten süß. Vergleichbar wie die verbotene Frucht aus dem Garten Edens. Und Andre? So unschuldig, heiß, verdorben. Wie ein Engel, der im Teufelskostüm steckte. Reine Sünde, die pure Versuchung und sein Drehpartner, von dem er nichts wusste. Nur den Namen, das Alter und mehr war da nicht. Keine Ahnung, was er privat machte, ob er Single oder am Ende vergeben war.

"Bist du fertig? Ich würde dann gern weitermachen?" Eine Frage, die ihn aus den Gedanken riss und in das Gesicht Martys blicken ließ. Deutliche Ungeduld war zu erkennen und sagte Kevin, dass es besser war, zügig hereinzugehen und nicht zu diskutieren. Schweigend schritt er daher an dem älteren Mann vorbei, zurück zum Set, wo Andre bereits wartete.

 Schweigend schritt er daher an dem älteren Mann vorbei, zurück zum Set, wo Andre bereits wartete

 

CHROM - Loneliness

My loneliness is killing me

I'm waiting for you, can't you see

I see your face in front of me

I'm falling down right on my knees

This is the way that I should go

 

 

Wie oft stand er schon am Ufer der Moldau und machte sich Gedanken?

Oft genug, in seinem jungen Leben und immer brachte ihn das fließende Gewässer innerlich zur Ruhe, besänftigte sein aufgewühltes Inneres und gab ihm die Kraft weiterzumachen.

Er hatte schon oft darüber nachgedacht alles hinzuschmeißen, sich in sein Auto zu setzen und einfach quer durch die Tschechei zu fahren.

Aber wozu?

Um erneut vor den Kopf gestoßen zu werden und sich hinterher schlecht zu fühlen?

Kevin seufzte leise, setzte sich auf eine der Bänke nahe dem Wasser und sah einer Entenfamilie zu, die schnatternd über die Moldau schwamm.

Bis heute hatte er keinen wirklichen Anhaltspunkt, was vor gut zwei Jahren der Anlass war, dass sein Kollege einfach aufgehört hatte.

Auch Adam hatte darauf keine Antwort parat und war genauso mit dem rasanten Abgang überfordert, wie alle anderen auch.

Nur mit dem Unterschied, dass er noch Kontakt zu ihm hatte.

Herauszukriegen war aus ihm jedoch nichts.

Jedenfalls sagte Adam das und Kevin vertraute ihm, legte für ihn sogar die Hand ins Feuer und das trotz aller Umstände, die sie vor Jahren einmal hatten.

Damals hatte es ihm den Boden unter den Füßen weggerissen, einen Dolch in sein Herz gebohrt und die Luft zum Atmen genommen.

Er stand unter Schock, tagelang ging es ihm schlecht und in der Zeit war es Jack, der nicht von seiner Seite gewichen war und sich um ihn gekümmert hatte.

Auch jetzt noch meldete er sich regelmäßig, rief an, schrieb ihm oder aber man tauschte sich per Sprachnachrichten aus.

In Jack hatte Kevin neben Adam einen verdammt guten Freund gefunden und doch konnten die beiden eine gewisse Person nicht ersetzen.

Kevin seufzte, nahm sein Handy aus der Jackentasche und öffnete den Chatverlauf mit Jack.

Die letzten Tage hatten sie viel geschrieben, gestern sogar bis spät in die Nacht und doch fühlte sich Kevin nicht besser.

Nicht annähernd.

Wann immer er die Augen schloss, sah er ihn, sein Lächeln, seine Augen, die ihm keck entgegenblickten und den Verstand raubten.

Es war wie verhext und das seit Jahren.

Jahre, die er geschwiegen hatte und es bereute.

Real war er eben doch anders, als vor der Kamera.

Schüchterner und auf Distanz.

Jedenfalls dann, wenn er eine Person mochte, aber nicht wusste, ob das bei jener ebenfalls der Fall war.

Anzeichen hatte es dafür keine gegeben, auch nicht, als die Kamera schon lange aus war und sie Feierabend hatten.

"Hier steckst du? Ich dachte, wir treffen uns auf der Brücke?"

Kaum merklich zuckte Kevin zusammen, blickte von seinem Handy auf und direkt Jim an, der vor ihm stand und schief grinste.

"Sorry, hab's verpeilt", erwiderte er, erhob sich von der Bank und band sich seinen rechten Turnschuh zu.

"Kommt in letzter Zeit häufiger vor, wie mir scheint. Hast du Stress, oder was ist mit dir los?"

Kevin schüttelte auf Jims Frage den Kopf. "Stress würde ich das nicht nennen."

"Wie dann?" Jim ließ nicht locker, er machte unterstreichend ein besorgtes Gesicht und legte freundschaftlich seinen Arm um den Anderen. "Reden soll helfen und ich hör dir auch gerne zu, wenn dich irgendwas belastet."

Kevin lachte freudlos und kickte einen Stein weg. "Ich bin kein Mensch von großen Reden und das weißt du."

Jim rollte mit den Augen, boxte seinen Kollegen in die Seite und fixierte ihn. "Und genau das ist dein verdammtes Problem. Du redest nicht, du versteckst dich hinter einer Maske und denkst, es bekommt keiner mit."

Er versteckte sich, aber das ging Jim genauso wenig etwas an, wie Jamie oder Kieran.

Nicht alle zählten zu jenen Personen, mit denen er ganz dicke war.

Dazu gehörten nur Jack, Adam, Jerome und Helmut.

Gut, Paul und Sven mittlerweile auch, aber das hatte seine Zeit gedauert und doch setzte er auch bei ihnen die Maske auf, zeigte sich stets fröhlich und lächelte mittlerweile immer öfter falsch.

"Jim, lass gut sein, du kannst mir da genauso wenig helfen wie der Rest."

Jim sah ihm verdutzt nach, dann aber setzte er sich in Bewegung und holte Kevin ein. "Vielleicht kann ich es doch. Wenn du nicht redest, dann kann dir keiner helfen."

"Ich rede doch", erwiderte Kevin leicht genervt.

"Belangloses, dummes Zeug, ja. Aber ernsthaft über dein offensichtliches Problem nicht", maulte Jim beleidigt und fühlte sich vor den Kopf gestoßen.

"Mir kann da nicht mal Jack helfen, verstehst du?" Fast hätte Kevin ihn angebrüllt und riss sich in letzter Sekunde zusammen.

Jack? Was hatte Jack jetzt damit zu tun?

Jim war weiterhin ratlos, gab aber nicht auf. "Vielleicht ja dann Adam?"

"Der noch weniger", schnauzte Kevin zurück und da war sich nun auch Jim sicher, dass da irgendwas sein musste.

Jim überlegte, kam aber nicht drauf, was Kevin sein Problem war und wie nahe er diesem eigentlich war.

"Wenn du reden willst, du hast meine Nummer. Ich bin die nächsten Tage in Pilsen bei meiner Familie", bot Jim dennoch an. "Und jetzt zieh nicht so ne Fresse, wir wollen joggen."

Kevin sagte nichts, er setzte sich eher in Bewegung, joggte locker an der Moldau entlang und versuchte das Gefühl der Einsamkeit zu verdrängen.

 

Er war nicht wirklich bei der Sache, nicht bei Jim, dessen braune Augen ihn immer wieder skeptisch betrachteten und schon gar nicht beim Joggen, er war bei ihm und nur diese eine Person beherrschte seine Gedanken, sein Denken und Handeln.

Kevin hätte sich die Haare raufen können, aber das würde genauso wenig bringen wie alles andere, was er bereits versucht hatte, um zu vergessen.

Er bekam Andre einfach nicht aus dem Kopf und ihm war, als hätte sich ein kleiner, gemeiner Parasit in seinem Gehirn festgesetzt und lachte ihn jeden verdammten Tag aus.

Andre war überall und selbst Musik war etwas, was er mittlerweile nicht mehr hören oder fühlen konnte.

Besonders aber bestimmte Lieder und ganz weit vorne Gina von Doplex.

Vor Jahren hatten sie es ständig gehört, sogar im Fitnessstudio und es entpuppte sich als fieser Ohrwurm, der nicht wegzudenken war.

Kevin seufzte wie so oft, schob Gina in die hinterste Ecke seines Kopfes und ging noch eine Runde an der Moldau entlang.

Jim beachtete er gar nicht mehr oder war es umgedreht und sein Kollege lief weiter vorn, weil er die Faxen dicke hatte?

Möglich war es, er hatte ihn eben ziemlich angeraunzt und Jim konnte für Andres Verschwinden nichts.

Er kannte ihn nicht einmal und scheinbar war es genau das Gleiche wie bei ihm selber.

Neun Jahre Zusammenarbeit und lediglich den Geburtstag wusste er von Andre.

Alles andere glich der Büchse der Pandora, der Bundeslade, die man nicht öffnen konnte, weil sie nicht auffindbar war.

Ein Buch mit sieben Siegeln, welches noch zusätzlich durch den Datenschutz gesichert war.

Es war ja nicht so, dass er nicht daran gedacht hätte, einfach in Andres Vertrag zu gucken und sich dessen Adresse aufzuschreiben.

Fast war er so weit, doch Marty war schneller, mit seinen Adleraugen und beinahe hätte er ihn erwischt.

Hin und wieder hatte Kevin Glück, aber eher bei den falschen Dingen des Lebens.

Das Karma meinte es wirklich nicht gut mit ihm, ebenso Jim, der stehen blieb und ihn argwöhnisch ansah.

"Geh nach Hause, du Trantüte", beschwerte er sich der braunhaarige Tscheche mit der viel zu breiten Nase, stemmte die Hände seitlich in die Hüfte und schüttelte unterstreichend den Kopf. "Chill mal die Tage und lass den Kopf aus den Wolken. Oder fahr zu deiner Familie."

Kevin überlegte, ob das Sinn machte, zu seinen Eltern zu reisen, verwarf den Gedanken aber schnell wieder, da momentan seine kleine Schwester zu Besuch war und ihm das zu viel des Guten war.

Vielleicht sollte er zu Natuschka fahren, zu seinen beiden Neffen aufs Land und raus aus der stickigen Großstadt.

"Vielleicht mach ich das", erwiderte Kevin seinem Kollegen, der ihn daraufhin dankbar umarmte, sich aber genauso schnell wieder löste.

"Danke, Digga. Ich mach mir sonst echt Sorgen und ich mach das ungern, wie du weißt."

Kevin nickte, er wusste, dass Jim kein Freund davon war, wenn es anderen schlecht ging und normal hielt er sich dezent zurück.

Nicht aber, wenn es scheinbar offensichtlich war und da konnte Jim schon anders reagieren, oder vielmehr auch mal überreagieren.

Und das war etwas, was seine große Schwester genauso gut konnte.

Super, also doch zu Hause bleiben oder ...

Kevin kam die zündende Idee, er zog sein Handy aus der Trainingsjacke und rief kurze Zeit später Jack an.

Er wohnte selber auf dem Land, hatte zudem Pferde, einen Bauernhof und lebte unmittelbar am Waldrand.

Ein kleines Paradies mitten auf Erden, um das er seinen besten Freund schon beneidete.

Warum war er nicht früher darauf gekommen, einfach zu ihm zu fahren?

Jack hatte es ihm sogar vor Tagen angeboten und doch hatte er abgelehnt, wollte ihn nicht stören und mit seinem Kummer ersticken.

Jetzt aber sah er es doch anders, brauchte seinen besten Freund und da würde er auch die längere Autofahrt nach Milavče hinnehmen.

Zeit wurde es, Jack war schon oft bei ihm in Prag gewesen, aber Kevin war nie bei ihm, da er es mit dem Land nicht ganz so hatte.

Pferde hin oder her, es war nicht sein Ding überall mit dem Auto hinfahren zu müssen und nicht einfach spontan den Bus zu nehmen.

Die Aussicht auf ein bisschen Ruhe und Gesellschaft überwogen jedoch und Jack freute sich am anderen Ende der Leitung und konnte es gar nicht erwarten, dass er endlich mal den Arsch hochbekam und die Flucht nach vorne antrat.

Jim hingegen war verwirrt und dachte, Kevin würde zu seiner Familie fahren. "Du willst ernsthaft nach Milavče fahren? Weißt du überhaupt, wo das ist?"

"Nicht wirklich, aber ich werde es schon finden", antwortete er auf Jims Frage hin.

"Na ja, die nächste etwas größere Stadt wäre Domažlice", erklärte der braunhaarige Mann mit dem smarten Lächeln, setzte sich auf eine der Bänke und atmete die klare Frühlingsluft ein.

Doma – was?

Irritiert blinzelte Kevin seinem Kollegen entgegen. "Sagt mir so gar nichts."

"Liegt unweit von Pilsen." Jim scrollte durch sein Mobiltelefon, rief Google Maps auf und hielt Kevin schließlich sein Handy unter die Nase.

"Pilsen sagt mir dann doch was", erwiderte Kevin, nahm neben dem anderen Platz und streckte gelassen alle viere von sich, ehe er die Hände hinter dem Kopf verschränkte und die Augen schloss.

Aber nur kurz, Kevin fuhr hoch und sah aus, als hätte er einen Geist erblickt.

"Domažlice?", wiederholte er stockend.

"Jahaaa ..." Beinahe schon vorsichtig sprach Jim, denn Kevin sah aus, als würde er entweder gleich an die Decke gehen oder freiwillig in die Moldau springen.

"Da wohnt Adam."

"Echt? Deswegen hab ich ihn letztens gesehen, als ich durchgefahren bin", murmelte Jim und runzelte die Stirn. "Scheint wieder in festen Händen privat zu sein. Sah jedenfalls schwer danach aus."

Adam sollte in einer Beziehung sein?

So ganz glauben konnte Kevin das nicht, Adam hätte es erzählt und ebenso Jack. "Da musst du dich irren, Adam hätte uns das erzählt."

"Vermutlich", pflichtete Jim bei, doch hätte er schwören können, dass Adam mit der anderen Person Händchen gehalten hatte und ebenso hatte er beide in inniger Umarmung vorgefunden und wäre deswegen fast bei Rot über die Ampel gefahren.

"Dennoch sah das schwer nach etwas mehr als nur Freundschaft aus", überlegte Jim laut, ignorierte dabei Kevins Blick, der alles bedeuten konnte und legte stattdessen den Kopf in den Nacken. "Niedlich war der ja, also das, was ich so von Weitem sehen konnte."

Niedlich war ausschließlich einer in Kevins Augen und das war stets Andre, den er seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hatte und grübelte, ob er noch immer so unschuldig wirkte.

Vielleicht hatte er sich mit der Zeit verändert, hatte andere Interesse, wobei er von denen nur eine kannte und die galt damals Blechkisten.

Andre liebte es an Autos herumzuschrauben, sie aufzumotzen und aus alten Wracks abermals vorzeigbare Wagen zu zaubern.

Mehr Interessen kannte Kevin nicht und sofort kam ihm wieder das Buch mit den sieben Siegeln in den Sinn.

Unfassbar, dass man sich in einen Menschen verlieben konnte, ohne ihn je passend kennengelernt zu haben und hätte er die Möglichkeiten, er würde die Zeit zurückdrehen und noch einmal von vorne anfangen.

Es richtig machen.

Andre davon abhalten zu gehen, wie eine Seifenblase zu zerplatzen und nichts außer schmerzhafter Erinnerungen zu hinterlassen.

Jim riss ihn aus seinen Gedanken, hatte den Arm um ihn gelegt und dicht an seinen Körper gezogen. "Egal, was es ist, lass nicht zu, dass es dich auffrisst."

Auf die Worte hin konnte er nichts erwidern, er ließ die sorgende Geste einfach zu und konnte es nicht mehr verhindern, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb.

Jim bemerkte es dennoch, aber auch er sagte nichts, er kannte diese Seite von Kevin nicht und wollte sich kein Urteil erlauben.

"Soll ich dich nach Hause bringen?", fragte er dann aber, nachdem bereits eine Stunde vergangen war und es langsam kalt wurde.

"Du hast doch sicher noch was Besseres vor, als Babysitter zu spielen", erwiderte Kevin ironisch seinem Sitznachbarn, der jedoch nur leise lachte und ihm in die Seite pickte. "Ich nehme mir gerne die Zeit und so wie du wirkst, solltest du lieber nicht alleine gehen."

Kevin gab nach, Jim konnte verdammt hartnäckig sein, eine Eigenschaft, um die er ihn beneidete und sich wünschte, er hätte ebenfalls diesen Biss.

Er glänzte eher als guter Zuhörer, hatte schon oft Helmut sein Ohr geliehen und ebenso war er für ihn da.

Besonders dann, wenn zwischen ihm und Jerome mal wieder die Fetzen flogen, alles drunter und drüber ging und einer von beiden bereits den Auszug plante.

So lief das in der WG, dennoch war Kevin in dieser alleine, seine Mitbewohner waren allesamt im sonnigen Kalifornien und nicht in Prag.

"Lass uns gehen, ehe ich es mir noch anders überlege", murmelte Kevin, erhob sich von der Bank und reichte Jim die Hand, zog ihn hoch und mit einem leichten Lächeln hinter sich her.

 

 

Chrom - Memories

We know each other for so long

Traveled the world and returned home

We had no sorrows in these days

One day you turned around and left

My world broke down, it took my breath

These memories will never leave... They'll never leave

I know we'll never meet again

 

 

Reisetasche und Rucksack waren gepackt, standen bereits im Flur und noch einmal überlegte Kevin, ob er alles für die nächsten Tage zusammen hatte.

Ausreichend Wechselwäsche befand sich in der großen Tasche, ebenso Zahnbürste, Zahncreme und was man sonst für die tägliche Hygiene brauchte.

Alles andere wie Handy und Ladekabel hatte er in seinem Rucksack, ebenso etwas zu lesen, zu trinken und ganz weit oben eine gute Auswahl an Musik für sein Auto.

Im Großen und Ganzen hatte er alles, die Reise konnte losgehen, es fehlten nur noch die Autoschlüssel und seine Jacke, die er vom Haken nahm und schließlich überzog.

Seinen Rucksack schulterte er auf, die Reisetasche nahm er in die linke Hand, während er mit der rechten die Wohnungstür abschloss und sich auf den Weg zum Fahrstuhl machte.

Es dauerte, bis dieser oben im letzten Stockwerk ankam, sich mit einem leisen Pling öffnete, Kevin eintreten konnte, den Knopf zur Tiefgarage drückte und der Fahrstuhl schließlich nach unten fuhr.

Einen Moment schloss Kevin die Augen, ließ den gestrigen Tag Revue passieren und ungewollt schlich sich ein echtes Lächeln auf seine Lippen.

Jim hatte Wort gehalten, ihn zu seiner Wohnung begleitet und hatte einige Stunden noch bei ihm verbracht.

Wann genau Jim gegangen war, wusste er nicht, sein Kollege hatte sich nicht verabschiedet, hatte einfach mitten in der Nacht seine Sachen geschnappt und war abgehauen.

Vermutlich eine Art Flucht nach vorn, nachdem man den ersten Schock überwunden hatte und einem bewusst wurde, dass es ein Fehler war.

Kevin sah das anders, für ihn war es reine Ablenkung und doch hatte er sich dabei erwischt, an Andre und nicht an Jim selber zu denken.

Er war einfach da, hatte sich mitten im Akt in seinen Kopf geschlichen und Kevin wusste nicht mal, wann und warum und ob Jim irgendetwas davon mitbekommen hatte.

Normal war Kevin aber auch nicht so, hatte privat selten etwas am Laufen und schon gar nicht mit einem Kollegen.

Kevin seufzte, öffnete die Augen und blickte in die Tiefgarage, die wie ausgestorben wirkte.

Er war allein, konnte ungesehen zu seinem Auto gelangen, welches unweit vom Fahrstuhl parkte.

Zielstrebig steuerte er sein Auto an, öffnete den Kofferraum und verstaute die Reisetasche, während der Rucksack auf dem Beifahrersitz landete.

Noch eben den Schlüssel ins Zündschloss, eine Playliste aus Last Soldier und James Dymond in die Musikanlage und die knapp dreistündige Autofahrt nach Milavče konnte losgehen.

Zum Glück verfügte er neben der neuesten Musikanlage ein Navi, welches ihn schnell und problemlos aus der Stadt und auf die Autobahn lotste.

Kevin drehte die Musik lauter, Deadline dröhnte durch die Boxen, machte die lange Fahrt angenehmer und verhinderte zudem, dass er durch irgendwas abgelenkt oder gar gestört wurde.

Erst vor wenigen Wochen hatte er Trance für sich entdecken können, liebte die erst schnellen und dann wieder langsam werdenden Beats und so manches Stück lud nicht nur zum Tanzen, sondern auch zum Träumen ein.

Besonders in Kombination mit einem Piano, welches er sofort heraushörte und regelrecht in den Klängen versank.

Er fühlte regelrecht die Musik, entfloh dem Alltag und ihm war, als würde er eine ganz andere Welt betreten.

Eine, die vergessen ließ.

Wenn, auch nur für eine bestimmte Zeit.

Die Musik wechselte, Paul van Dyk hatte sich irgendwie eingeschlichen und Nothing But You erklang und noch bevor die Stimme der Sängerin richtig einsetzen konnte, hatte Kevin das Lied dreist übersprungen.

Wie gewohnt lief nun wieder James Dymond, dazu mit härteren Beats und einer männlichen Stimme im Hintergrund.

Die Fahrt verlief inzwischen entspannt, Landschaftsabstriche wechselten von kleinen Dörfern immer wieder zu dicht bewachsenen Baumabschnitten, zu Parkbuchten und Rastplätzen, von denen Kevin eine nutzte, um sich ausreichend die Füße zu vertreten.

Eine Stunde Autofahrt war dann doch erstmal genug und ein Kaffee musste her, den er in einer Thermoskanne mitgenommen hatte und sich in seinem Rucksack befand.

Kevin hielt an, nahm seinen Rucksack und verließ sein Auto, setzte sich unmittelbar auf eine Bank, die unweit neben dem roten Sportwagen stand und goss sich von seinem Kaffee ein.

Die Pause tat gut, ebenso der Kaffee, der seinen Dienst ziemlich gut machte, seinen fast eingeschlafenen Geist wieder zum Leben erweckte.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen, Kevin allein und doch war diese Ruhe, die lediglich von vorbeifahrenden Autos unterbrochen wurde, ganz angenehm.

Anders als die Ruhe in der Stadt, die dennoch hektisch und stickig wirkte und einem die Luft zum Atmen nahm.

Hier war er frei, hier konnte er atmen, die Seele baumeln lassen und das die nächsten Tage.

Angesetzt waren sechs Tage, dann würde er zurück nach Prag fahren und wieder anfangen zu arbeiten.

So war jedenfalls der Plan und noch etwas über eine Stunde musste er fahren, um sein Ziel, um seinen besten Freund zu erreichen, der ihm eine kurze Nachricht hatte zukommen lassen.

Typisch Jack.

Ungeduldig wie eh und je und scheinbar konnte er es kaum erwarten, dass Kevin die nächsten Tage bei ihm verbrachte.

So war er immer schon, so hatte Kevin seinen besten Freund kennengelernt und das vor Jahren schon.

Es hatte einfach gepasst, man verstand sich auf Anhieb und das nicht nur beruflich, sondern auch privat.

Damals waren sie gerade 18 Jahre alt, junge Erwachsene und oftmals steckte der Kopf noch in den Wolken und der Sinn nach Blödsinn wurde großgeschrieben.

Da kam es schonmal vor, dass sie übertrieben hatten, sich gegenseitig Streiche spielten und hinterher herzhaft darüber lachen konnten.

Jack hatte einmal versucht Andre einen Bleistift in die Nase zu stecken, ihn damit piercen zu wollen und dieser revanchierte sich sehr viel später mit einem Korken.

Kevin grinste still in sich hinein, hatte lebhaft das Gesicht seines besten Freundes vor Augen und ebenso den empörten Blick, als ihm klar wurde, was da genau aus seinem Hintern geschossen kam.

Zwei Tage hatte er geschmollt, mit keinem ein Wort gewechselt und sie gar manches Mal mit einem tödlichen Blick konfrontiert.

Heute war Jack deutlich entspannter, er nahm nicht mehr alles so ernst wie damals und konnte auch mal über Späße lachen.

Wobei diese deutlich zurückgegangen waren.

Sie beide wurden dieses Jahr bereits dreißig und da hatte man andere Dinge im Kopf, als Blödsinn machen.

Man war ruhiger, sah vieles nicht mehr so streng und doch unterschieden sie sich beide.

Kevin wohnte in einer WG mit seinen Kollegen und Jack wohnte noch immer auf dem Bauernhof seiner Eltern.

An sich nicht schlimm, immerhin hatte er sich wohl einen Teil der alten Scheune umbauen lassen und hatte somit sein eigenes Reich.

So jedenfalls hatte es Jack ihm erzählt und ebenso, dass sie einige Pferde hatten und er gerne ausritt.

Beneidenswert, Kevin selber hatte einmal in seinem Leben auf einem Pferd gesessen und das war eher wegen eines Shootings.

Vielleicht war es an der Zeit, sich auf neue Dinge einzulassen.

Zeit dafür war da und wenn Kevin genauer darüber nachdachte, so kam ihm in den Sinn, wie sehr Jack immer schwärmte, man fühle sich auf dem Rücken eines Pferdes frei.

Ebenso hatten sie ein feines Gespür, erkannten wohl, wenn es jemandem schlecht ging und verhielten sich dementsprechend.

Wenn dem wirklich so war, würde das Tier wohl nicht von seiner Seite weichen und das war etwas, was ihn dann doch ziemlich neugierig machte.

Kevin leerte seinen Becher, schnappte sich seinen Rucksack und stieg zurück in sein Auto.

"Sie haben ihr Ziel erreicht", ertönte die sanfte Frauenstimme des Navigationsgerätes nach gut eineinhalb Stunden weiterer Autofahrt, lotste ihn durch ein paar breitere Gassen, durch schmalen Straßen und schließlich zum Bauernhof seines besten Freundes.

Vorsichtig fuhr er den Hof rauf, parkte sein Auto vor dem Haupthaus, stieg aus und sofort stürmte ein großer, schwarzbrauner Hund auf ihn zu und sprang ihn freudig bellend an.

"Bingo, wo ..." Ein junger Mann, mit lichtem Haar, kam hinter dem Haus hervor, hielt inne und sah ihn eingehend an. "Du bist sicher, Max. Jack hat schon erzählt, dass du kommst."

Max, welcher Max?

Kevin war im ersten Moment verwirrt, dann aber sprang ihn erneut dieser Hund an, schleckte ihm über die Hand und animierte ihn dazu, ihn zu streicheln.

Schwanzwedelnd legte das Tier den Kopf schief, schloss die Augen und gab einen zufriedenen Laut von sich.

"Eigentlich heiß ich ja Kevin", erklärte er dem Mann vor sich, der ihn noch immer neugierig musterte und schließlich grinste. "Jack hat nur von einem Max erzählt. Sorry, bring da wohl gerade etwas durcheinander."

"Scheint so", murmelte Kevin, erwiderte das Lächeln, welches noch breiter wurde, als Jack um die Ecke kam und wie angewurzelt stehenblieb. "Du bist schon da? Wow, das ging ja echt schnell."

"Dabei hab ich zwischendrin eine Pause gemacht", erklärte Kevin, ehe er von dem Hund abließ, zu seinem Freund trat, der nur wenige Zentimeter kleiner als er war und ihn freundschaftlich an sich zog und umarmte. "Tut echt gut, hier zu sein."

Jack nickte, erwiderte die Geste der Umarmung und ließ es sich nicht nehmen, Kevin durch die Haare zu wuscheln. "Schön, dass du hier bist."

Eine Weile alberten die beiden einfach wie in alten Zeiten herum, dann aber wurde Jack wieder ernster, nahm seinen Freund an die Hand und zog ihn hinter sich her. "Na komm, ich zeige dir erstmal den Hof."

 

Chrom - Only you

I don't wanna feel like garbage

I don't wanna lose myself in you

I try to keep the courage

I try to separate the truth

It's not always my fault

Come on forget about your pride

If you don't the world could be cold

Come on it's time now to decide

All I ever waited for

Was the chance to reach your door

All I wanted you to do

Say these words

Only you

Now I'm lying on the floor

Sad and lonely more and more

 

Rustikales Bauernhaus traf auf Neubau, ringsherum waren riesige Koppeln, auf denen vereinzelt Pferde standen und grasten.

Angrenzend war direkt der Wald, welcher zu langen Spaziergängen einlud und doch zogen ihn vorerst die Pferde magisch an.

Kevin lächelte als er eine Stute mit ihrem Fohlen sah und doch sah er zu seinem besten Freund, der verträumt den Kopf auf das Gatter gelegt hatte. "Wer war der Typ vorhin?", wollte er von seinem dunkelblonden Freund wissen, der sich in Gedanken den Finger in seinen Tunnel steckte und den Blick zufrieden auf die Koppel gerichtet hatte.

"Mein älterer Bruder", erwiderte Jack ruhig, während er die Stute zu sich lockte, die jedoch skeptisch den Kopf hob und keinerlei Anstand machte, seiner Aufforderung nachzukommen.

"Und wer ist Max?", fragte Kevin weiter und kletterte auf den hölzernen Zaun.

"Ähm ..."

Kevin sah geduldig zu seinem Freund, der scheinbar die passenden Worte suchte, vorerst zu ihm kletterte und leise seufzte. "Max ist unser Max aus dem Büro und na ja, es hat sich da halt was entwickelt."

Daher wehte der Wind, es war scheinbar frisch und dennoch hatte Kevin nicht mitbekommen, dass sich zwischen den beiden etwas anbahnte.

Wie auch, er war selten im Büro, sah Max dementsprechend wenig und meist telefonierte er und dann hatte er entweder Elio am Telefon oder Philippe.

"Also alles noch frisch, wie mir scheint", erwiderte Kevin ohne wütend oder enttäuscht zu sein.

Grund dazu hätte er gehabt, immerhin war er Jacks bester Freund und normal redeten sie über alles.

Auch über Jungs, über Typen, die sie irgendwie interessant fanden oder aber einfach nur heiß.

Max zählte für Kevin allerdings eher zu den Jungs, die er als Kumpel sehen würde, vielleicht mal etwas mit ihm trank, aber für mehr war er nicht bereit.

Bei keinem.

"Sorry, dass ich es dir nicht erzählt habe. Aber wir wollten noch etwas warten und Max ist auch noch nicht so weit, dass er es ganz offiziell machen will", entschuldigte sich Jack.

Kevin nickte verstehend, zeigte Verständnis und ihm war klar, wie schwer das für beide sein musste.

Ihr Job war nicht ohne, nicht jeder verstand es und oftmals zerrissen sich die Leute unwissend ihren Mund und hatten keinerlei Ahnung wo der Hase lang lief.

Klischees hielten sich hartnäckig, besonders aber jenes, dass sie es nur wegen des Geldes taten oder aber schlichtweg gezwungen wurden.

Totaler Blödsinn, Kevin hatte damals schon wegen des Geldes angefangen, sah aber auch den Spaß dahinter, die vielen Reisen und schließlich sah er ihn.

Andre.

Sein Sternchen, sein Kollege und gemeinsam waren sie sehr schnell in die Elite aufgestiegen.

Ebenso Jack und Adam, die beide etwa zeitgleich mit Andre kamen und jahrelang nicht wegzudenken waren.

Vier Jungs, die sich nicht wirklich kannten, auf Anhieb aber verstanden und von denen einer schmerzlich fehlte.

Jack schien das zu merken, legte den Arm um Kevin und sah dennoch zu den Pferden. "Du musst nach vorn blicken. Andre wird nicht wiederkommen. Er hat seine Zelte abgebrochen und nicht nur in der Agentur selber."

Er verstand, was sein Freund sagen wollte, hatte es selbst mitbekommen und es war beinahe genauso schmerzhaft anzusehen, wie Andre auch aus den sozialen Netzwerken verschwunden war.

Erst Facebook, dann folgte Twitter und anschließend Instagram.

Ein Schock für sie alle, über Instagram waren sie alle verbunden gewesen, ebenso über Handy und selbst die Telefonnummer gab es nicht mehr.

Kevin biss heftig auf die Unterlippe, er wollte schreien, doch angesichts der Tatsache, dass recht scheue Tiere auf der Koppel standen, widerstand er dem Ausbruch und schluckte das ungute Gefühl herunter.

"Du hättest damals schon aufwachen müssen. Damals als ..."

"Verschone mich bitte mit weiteren Details, ich weiß, was du sagen willst", unterbrach Kevin ihn rabiat, ehe er langsam vom Zaun kletterte und neckisch an Jacks Shirt zupfte. "Zeig mir lieber endlich mal dein Reich. Ich brenne darauf, zu erfahren, wie du wohnst."

Jack schwang sich breit grinsend vom Zaun, legte den Arm um Kevin und lachend stolperten beide zu der alten Scheune, die er in liebevoller Kleinstarbeit mit seinem Bruder umgebaut hatte.

Außen war das riesige Scheunentor aus Holz, dahinter Platz für landwirtschaftliche Fahrzeuge und Geräte und die Treppe links der Wand entlang führte rauf zu Jacks Wohnung.

"Beeindruckend", flötete Kevin anerkennend und sah rauf zum alten Heuboden. "Da oben hast du dich bestimmt immer versteckt. Ich kenn dich doch."

Jack lachte herzlich, schüttelte jedoch den Kopf. "Nein, das war eher Andrej, der sich auf den Heuboden verzogen hat."

"Also kein Verstecken." Kevins Augen funkelten spitzbübisch, er steuerte die große Leiter an und ehe Jack etwas sagen konnte, kletterte er bereits hoch und ließ sich in einen riesigen Berg an Heu fallen.

Kaum später warf sich Jack neben ihn, blickte versonnen zur Decke rauf und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf. "Wenn du magst, können wir die Nacht auch hier oben pennen."

"Hab nichts dagegen", erwiderte Kevin, während er sich einen Halm in den Mund schob, darauf herumkaute und grinste.

Jack entging das Grinsen nicht, ebenso der Gedanke dahinter. "Irgendwann bestimmt mal, aber nicht sofort. Wir gehen das langsam an."

"Du und langsam. Ist klar", schmunzelte Kevin, wurde darauf hin mit Heu beworfen und eine wilde Rangelei entstand.

Man bewarf sich immer wieder mit Heu, welches auch schon mal in der Hose verschwand.

"Bor ne, das kitzelt überall", murrte Jack, fischte ein paar der Halme aus seiner Shorts und ebenso eine fette Kellerspinne.

"Immerhin keine Maus", stellte er fest, setzte das Tier ab und wandte sich Kevin zu. "Na komm, wir sollten was essen. Die ganze Balgerei macht hungrig."

Jack ging vor, kletterte die Leiter herunter und wartete auf Kevin, der ihm kaum später folgte. "Wir grillen. Meine Eltern wissen, dass du kommst."

"Dein Bruder wohl aber eher nicht, der dachte ernsthaft, ich wäre Max", erwiderte Kevin, zupfte dabei seinem Freund das Heu vom Shirt und sah ihn eingehend an. "Seit wann läuft da was zwischen euch und wieso hab ich davon nichts gemerkt? Normal reden wir doch immer über alles, warum nicht auch über Max?"

Deutlich sah Jack, wie enttäuscht der Andere war. "Ich hatte meine Gründe", entschuldigte er sich bei Kevin, nahm ihn an der Hand und zog ihn schließlich zu sich. "Allein, weil du immer noch an Andre hängst und da wollte ich für dich da sein und dich nicht mit meiner Verliebtheit zu Max belästigen."

Kevin antwortete nicht und es sah aus, als wäre er sauer, doch bei genauerem Hinsehen stellte Jack fest, dass er mit den Tränen kämpfte.

"Scheiße, dich hat's ziemlich heftig erwischt." Noch bevor es ganz vorbei war, Kevin emotional zusammenbrach, umarmte Jack ihn rasch, strich beruhigend über seinen Rücken und versuchte ihm eine Stütze zu sein. "Ich pack das nicht. Ich krieg ihn einfach nicht aus meinem Kopf heraus."

Tränen liefen ihm über die Wange, seine Nase vergrub sich an Jacks Hals und sein Körper begann zu zittern.

"Schhh ..." Immer wieder sprach Jack leise auf ihn ein. "Wir kriegen das hin, versprochen", wisperte er und hielt Kevin seinen bebenden Körper dicht an den seinigen gepresst.

Wie, sobald er schlief, sah er ihn, bekam die letzten Jahre immer wieder wie einen Film vorgeführt und selbst sein Lachen hatte sich wie ein Mantra in seinem Kopf festgesetzt.

Am schlimmsten aber waren seine Augen, unterstrichen mit diesem sinnlich, kecken Blick, den er vor Jahren das erste Mal sehen durfte und der ihn immer wieder aus der Fassung brachte.

Kevin versuchte sie sich nicht vorzustellen, wehrte sich dagegen und selbst Jack bekam mit, dass irgendwas in seinem Freund arbeitete.

"Lass uns erstmal essen, du brauchst Ablenkung und meine Eltern sind echt neugierig, was dich betrifft." Er ließ ab von ihm, nahm jedoch seine Hand und führte ihn zum Haupthaus, welches noch typisch wie ein Bauernhaus wirkte und einen gewissen Charme besaß.

 

Chrom • Morbid Mind

Now look at you....your so beautiful

Make me confuse.....no you make me crawl

And by the way.....it's our time to fall

I gotta say...........you break my will you take it all

I see your face.....it's like a miracle

Need your embrace....but it's impossible

I go insane......about the way you walk

Inside my brain.....you're naked now, don't wanna talk

I'm gonna hate today, 'cause I just love the way

I will be cruel to you, no matter what you do

I can't stand to wait, you always hesitate

This love is wrong I know, but I can't stop the show

I want to lick your sweat, you turn around instead

I guess I lose my mind, but I still try to find

My truth my destiny, the craving's constantly

I'm just a morbid mind, don't ever look behind

 

Vorwitzig kitzelte einer der Halme an seiner Nase, immer und immer wieder und das so lange, bis Kevin die Augen öffnete und den Störenfried aus seinem Gesicht beseitigte.

Einige Male blinzelte er, drehte schließlich den Kopf zur Seite und lächelnd betrachtete er seinen besten Freund neben sich.

Jack schien noch zu schlafen, wirkte entspannt und doch hatte Kevin bereits den Schalk im Nacken sitzen, griff sich einen Halm und kitzelte den Anderen damit unter der Nase.

Grummelnd kräuselte er die Nase, versuchte den Halm im Halbschlaf zu fangen, bekam ihn aber nicht zu fassen und packte sich stattdessen seinen Freund.

Knurrend drehte er ihn um, setzte sich frech auf sein Becken und sah ihn verschlafen von oben herab an. "Guten Morgen."

"Gu ..." Weiter kam Kevin nicht, Jack fasste blitzschnell zu, nach seinen empfindlichen Seiten und gnadenlos kitzelte er drauf los.

Lachend versuchte sich Kevin zu entziehen, die Hände seines Kollegen festzuhalten, die ihn frech attackierten und nicht vorhatten aufzuhören.

Jack unterband die Versuche alle, er setzte sogar noch einen drauf, beugte sich vor und schnappte nach Kevin seinem Ohr.

"Jack nicht", lachte dieser lauthals los, wandte sich im Heu und versuchte der feuchtwarmen, neckenden Zunge zu entkommen, die immer wieder frech über das Ohrläppchen leckte.

Jack dachte jedoch nicht daran aufzuhören, er neckte Kevin weiterhin und auch, wenn dieser sich heftig wehrte, so war die Stimmung ausgelassen.

"Selber schuld, wenn du mich derart mies weckst", knurrte es neben seinem linken Ohr, ehe das Ohrläppchen zwischen die Zähne genommen und angeknabbert wurde.

Er wusste, wie sein bester Freund werden konnte, dennoch lenkten ihn solche süßen Rangeleien dann doch gut ab und Andre hatte in diesem Moment keine Chance seine Gedanken in irgendeiner Form zu beherrschen.

Jack wusste das, hörte nach einiger Zeit jedoch auf und setzte sich breit grinsend neben ihn.

Eine Weile sah er Kevin einfach an, legte seinen Arm um ihn und zog ihn dichter zu sich und an seinen Körper. "So ausgelassen erlebt man dich immer seltener."

Lange schwieg der Andere, biss sich unterstreichend auf die Unterlippe und innerlich begann es in ihm zu arbeiten.

Kevin begann nachzudenken, darüber, ob es noch Sinn machte, einem Phantom hinterherzujagen und zurückholen zu wollen.

Zwei Jahre lebte er eine an den Nerven zerrende Einsamkeit, verstellte sich und es war eine Frage der Zeit, bis diese Mauer einriss und er ganz zusammenbrach.

Irgendetwas musste passieren und das schnell.

"Jack?", fragte er leise an.

"Hmmm?", brummte dieser, entließ ihn aus der Umarmung und ihm schwante bereits, dass Kevin etwas bedrückte.

Allein die Tonart verriet es, ebenso die Haltung und der Blick gen Boden gerichtet.

Und sicher auch wieder in Gedanken an Andre.

Verständlich, er hatte eine Art an sich gehabt, der man sich nur schwer entziehen konnte und doch hatte Jack selber das immer beruflich und nie privat gesehen.

Kevin war da anders, er hatte sich Hals über Kopf verliebt und das seit Andre seinem Shooting.

Die ständigen Blicke und Schwärmereien waren ihm sofort aufgefallen, ebenso Adam, der es hingenommen hatte und das, obwohl er mit Andre fest zusammen war.

Jack erinnerte sich jedoch genau daran, wie sehr Kevin gelitten hatte, wie sehr er auch heute noch litt und das nur, weil sich Gefühle entwickelt hatten, die scheinbar niemals erwidert wurden.

Ein schweres Laster, ein Zustand, der kaum auszuhalten war und an den Nerven nagte.

Mit den Jahren war aus Kevin ein anderer Mensch geworden und niemand außer ihm hatte diesen Prozess hautnah miterlebt und machte sich intensiv Gedanken darum.

Jack schon.

Er sorgte sich, war ihm eine Stütze und hatte immer ein offenes Ohr und eine Schulter zum Anlehnen. "Sprich dich ruhig aus, ich sehe, dass du etwas auf dem Herzen hast."

Kevin nickte, suchte erneut den nötigen Halt und lehnte sich an. "Es geht um Andre, darum, dass es so nicht weitergehen kann."

Wissend nickte Jack, antwortete jedoch nicht, da sein Freund noch nicht fertig war.

"Ich bin nicht mehr ich selber, stumpfe ab und versinke in einem Strudel von Einsamkeit. Das bin nicht ich, das passt nicht und ich kann mein Leben lang nicht unglücklich sein."

Auch das waren Worte, die Jack verstehen und nachempfinden konnte. Kevin hatte das Recht zu leben, zu lächeln und darauf endlich zufrieden zu sein.

Ohne Andre.

"Das heißt, du willst abschließen?"

Nun war es Kevin, der nickte, kaum später aufstand und sich ausgiebig streckte. "Dafür werde ich aber die Hilfe von Max brauchen und ich weiß jetzt schon, dass wir alle drei dafür in Teufels Küche kommen könnten."

Max besonders, er saß im Büro und hatte Zugang zu Daten und Adressen, auch zu jenen, die längst vergangen waren.

Ein hohes Risiko und sollte er erwischt werden, würde es ihm im schlimmsten Fall den Job kosten.

"Du willst die Hilfe von meinem Freund?" Jack war überrascht von der Tatsache und doch dämmerte es ihm, was genau der Plan dahinter war. Kevin wollte an Andres Adresse, ihn besuchen oder ihn zumindest anderseits kontaktieren.

Ein Fehler, ein ganz böser Fehler, den Jack dahinter erkannte, vorerst aber noch für sich behielt. "Ich kann dir nicht versprechen, dass er bei deinem Vorhaben mitmachen wird."

"Das versteh ich", lenkte Kevin ein, streckte sich nochmals und doch blieb er einen Moment stehen, fischte sich einen Grashalm aus den Haaren und betrachtete ihn.

Der Strohhalm, nach dem der Ertrinkende griff.

Die rettende Hand, die gereicht und verschmäht wurde.

Das letzte Rettungsboot der Titanic.

Restlos überfüllt, er mittendrin und mit dem Gedanken spielend wieder auszusteigen und umzukehren.

"Na komm, wir gehen." Jack riss ihn aus den Gedanken, aus dem Boot, weg vom eisigen Wasser und zurück in die Realität. Gerade noch rechtzeitig. Kevin wäre zurück an Bord und mit der Titanic untergegangen.

Jack zog ihn wie einen kleinen Jungen hinter sich her, die Treppe zu seiner Wohnung rauf, die er bisher noch gar nicht gesehen hatte.

Kevin war jedoch neugierig, ließ sich mitreißen nach oben und doch traf ihn im Flur angekommen, der Schock.

Überall Bilder, jene, die er selber kannte und doch zeigte keines Andre.

Es war, als hätte Jack ihn ausgelöscht, sämtliche Bilder verbrannt und jegliche Erinnerung bewusst verdrängt.

An einer Klippe zerschellen lassen, von tosenden Wellen weggespült und dem Tode überlassen.

Bilder, die Kevin wahrhaftig vor sich abspielen sah, das Ertrinken miterlebte und dennoch nicht helfen konnte.

Zu viel für ihn, Kevin brach in Jacks Armen zusammen und erlag weinend seinem Kummer und Schmerz der letzten Jahre.

Jack hielt ihn, war da, sprach beruhigend immer wieder auf ihn ein und wich nicht von seiner Seite. Nicht, solange er sich beruhigt und wieder gefangen hatte.

Ein Kraftakt für sie beide, ein schwerer Gang, den Kevin nicht alleine, sondern gemeinsam mit ihm ging.

Jack war da, die ganze Zeit über, ließ nicht ab und erwies sich wieder wie all die Jahre als Fels in der Brandung und gab Kevin das Gefühl nicht allein zu sein, es zu schaffen und neue Hoffnung zu schöpfen.

"Geht es wieder?" Eine Frage, die Kevin nur schwer erreichte, ihn schwach nicken ließ und als er den Kopf hob, sah er nicht nur Jack, sondern auch dessen Bruder und Max.

"Da helfen meine berühmten Pfannkuchen", grinste Andrej aufmunternd, betrat bereits die Küche, während Max Jack dabei half Kevin auf die Beine zu bekommen.

Besorgte Blicke wurden ausgetauscht, doch keiner sprach, während sie Kevin in die Küche und an den Tisch führten.

"Das wird schon wieder. Du bist jung und irgendwann kommst du darüber hinweg", plapperte Jacks Bruder beim Anrühren des Teigs. "Schau dir meinen kleinen Bruder an, der hat auch seinen Deckel gefunden und das hat einige Jahre gedauert."

"Was soll das denn heißen?", maulte Jack beleidigt, warf Max dabei einen vorsichtigen Blick zu, erkannte jedoch, dass der nur schief grinste und scheinbar keinerlei Bedenken hatte.

Andrej seufzte laut. "Darius sagt dir noch etwas?"

"Du hattest was mit Darius? Ich dachte, mit Billy?" Kevin sah seinen besten Freund beleidigt an, denn diese Information war selbst ihm neu.

"Das ging nicht lang. Darius und ich... es gab Probleme und kaum später fing das mit Billy an."

"Also war Billy das Problem?", fragte Kevin weiter, worauf Jack nickte und seinen Pfannkuchen entgegennahm.

"Wir waren damals zu jung und ich wollte nicht, dass irgendwer etwas Falsches von mir denkt", entschuldigte sich Jack, griff zur Gabel und stocherte auf seinem Teller herum.

Kevin schüttelte den Kopf, erhob sich langsam und umarmte seinen besten Freund. "Ich verurteile dich nicht wegen deiner Exfreunde. Das habe ich nie und das werde ich nie. Im Gegenteil. Es ist dein Leben und du entscheidest darüber."

Jack lächelte, zog Kevin zu sich runter und küsste dessen Wange."Danke, du bist der beste Freund, den man haben kann."

"Gott seid ihr süß", entfuhr es Andrej ironisch klingend. "Wie ein altes Ehepaar."

"Na ja, so schlimm sind die beiden nicht", mischte sich Max ein, schob sich den ersten Bissen in den Mund und sprach erst weiter, als dieser leer war. "Helmut und Jerome sind bereits unser altes Ehepaar. Obendrauf führen sie sich auch auf wie Eltern, die zu viele Kinder haben."

Schweigen, dazu irritierte Blicke von allen Seiten und schließlich lautes Gelächter, das noch sehr lange anhielt und Kevin mehr und mehr entspannen ließ.

 

OSING MYSELF - Chrom

I'm walking around

And all see is her

She is the one

The woman I prefer

It's taking my mind

The moment she is near

Finally I'm breaking inside

The time to disappear

I'm losing myself

For the last time

Try to find out

What it's like

I'm losing myself

For the last time

Hope that you will

Be mine ...

 

Ausgelassene Stimmung, viel Gelächter und das war es, was Kevin derzeit am meisten neben seinem besten Freund brauchte.

"Wer will den letzten Pfannkuchen haben?", wollte Max wissen und blickte fragend in die Runde.

"Ich bin voll bis oben hin", lehnte Kevin dankend ab, legte sein Besteck auf den Teller und schob diesen ein Stück weit von sich weg.

Jack lehnte ebenfalls ab. "Ich kann eher noch einen Kaffee vertragen."

Kaffee klang gut.

Nicht nur Max stimmte dem zu, sondern auch Kevin und während Jack sich darum kümmerte, stellten die beiden das Geschirr zusammen und trugen es vorerst zur Spüle.

"Und was machen wir heute noch mit dem angebrochenen Tag?"

"Gute Frage, Max. Soweit ich jedoch weiß, braucht Kevin deine Hilfe."

"Meine?" Max sah erst zu seinem Freund, dann zu Kevin, der nickte und sich bereits wieder setzte und sammelte.

Man sah deutlich, dass es ihm alles andere als leicht fiel und er nach den richtigen Worten suchte, um Max nicht ganz zu überfallen.

Unsicher biss Kevin sich daher auf die Unterlippe, er sah zu Jack, der ihm aufmunternd zunickte und schließlich eine Tasse Kaffee reichte.

Unterstreichend legte er seine Hand auf den Rücken seines besten Freundes und setzte sich neben ihn."Lass dir Zeit, ich weiß, es ist schwierig und alles andere als leicht."

Kevin nickte, drehte die Tasse vor sich auf dem Tisch von links nach rechts und von rechts wieder nach links.

Es fiel ihm nicht gerade leicht, zu reden.

Zwar kannte er Max, aber bei weitem nicht so gut, wie er Jack kannte und vertraute.

Max aber war genauso geduldig wie Jack auch, trank stattdessen seinen Kaffee und schaute kurz in sein Handy, welches kurz zuvor vibriert hatte.

"Schlechte Nachrichten?", fragte Jack besorgt.

Max schüttelte den Kopf, reichte seinem Freund grinsend das Handy und dieser sah erstaunt auf das Display. "Ist das? Das ist doch ..."

Jack sah fassungslos auf das Handy seines Freundes, dann zu Kevin, der nicht wirklich verstand, was los war.

"Du bist mit Andre befreundet und sagst mir das nicht?" Jack war nicht nur enttäuscht, er war auch angefressen, dass Max scheinbar die ganze Zeit ein Geheimnis hatte, von dem er nichts wusste.

"Hör mal, dass ...", setzte Max an, doch Jack fuhr ihm bereits eiskalt über den Mund. "Nein, du hörst mir jetzt zu!"

Kevin verstand noch immer nicht worum es ging, warum Jack so ungehalten und am Streiten war.

Irgendwas von Verrat hörte er heraus, ebenso immer wieder Andres Namen, der sich wie ein Mantra in seinen Kopf festsetzte und die lautstarke Diskussion der anderen beiden übertönte.

Andre.

Max hatte Kontakt zu Andre und das scheinbar seit Jahren.

Sie schrieben sich, schienen zu telefonieren und offenbar sahen sie sich auch regelmäßig, was Jack ganz und gar nicht gefiel.

"Du weißt genau, dass Andre ein Freund ist und war und du hältst es nicht für nötig, mir zu sagen, dass ihr befreundet seid? Wie arschig bist du bitte?", regte Jack sich weiterhin auf.

Kevin hörte gar nicht mehr richtig zu, er zuckte nicht mal weg, als Jack zu schreien begann, mit der Faust auf den Tisch schlug und das so heftig, dass sämtliche Tassen umkippten und sich dessen Inhalt auf seiner Hose verteilte.

Erst, als Max schlagartig die Küche verließ, reagierte auch Kevin, erhob sich und eilte ihm nach. "Max warte!"

Ein paar mal musste er ihn rufen, dann aber blieb der Gerufene endlich stehen und drehte sich um. "Was, Kevin? Willst du mir auch noch an den Kopf knallen, dass ich ein egoistisches Arschloch bin?"

"Nein, das will ich nicht", murmelte er leise zur Antwort und kam langsam näher, blieb jedoch mit etwas Abstand vor Max stehen und lächelte. "Lass uns ein Stück gehen, dann erklär ich dir was. Vielleicht verstehst du Jacks Ausbruch dann besser."

"Meinetwegen", gab sich Max brummend geschlagen, begleitete Kevin zu der Pferdekoppel und beobachtete die Pferde, die wild und ungezähmt über die saftigen Wiesen galoppierten und keinerlei Notiz von ihm nahmen.

Kevin sah dem lächelnd zu, er beneidete diese Freiheit, diese ungezwungene Art sich zu bewegen und vor allem aber, dass sie keinerlei Gedanken verschwendeten oder sich darum kümmern mussten, gewisse Dinge einfach zu vergessen.

"Du wolltest mir etwas erklären." Max stupste ihn seitlich an, holte seine Zigaretten aus der Hosentasche und zündete sie sich sogleich an. "Auch eine?"

Ohne zu antworten, nahm sich Kevin eine Zigarette aus der Schachtel, klemmte sie zwischen seine Lippen und zündete sie an.

Eigentlich hatte er damit aufgehört, doch jetzt erschien es ihm passend und wenn er ehrlich war, so beruhigt ihn das Nikotin und er entspannte sich zunehmend.

Er wirkte mit einem Mal so entspannt, dass er Max alles erzählen konnte und das von Anfang an bis zum heutigen Tag.

Nicht ein Detail ließ er aus, redete sich alles von der Seele und Max hörte zu, sagte nicht ein Wort, sondern war da und gab ihm das Gefühl verstanden zu werden.

Ähnlich wie Jack und vermutlich passten sie deswegen so gut zusammen. "Du solltest mit Jack reden. Streitet euch nicht wegen einer Sache, von der du keine Ahnung hattest."

Max seufzte. "Wenn ich es geahnt hätte, dann wäre es nicht so beschissen gelaufen. Ich fühle mich gerade echt schlecht. Schlecht im Sinne davon, dass ich weder dir noch Jack ein besonders guter Freund war."

Kevin begann zu schmunzeln. "Du warst ein schlechter Freund, ja, aber ich denke, du kannst ein sehr viel besserer sein, wenn du Jack hilfst. Wenn du mir hilfst."

Es war eine gewagte Bitte, unterstrichen von einem Blick, der nicht nur traurig, sondern auch verzweifelt war und all den Schmerz der letzten Jahre widerspiegelte.

Eine Wahl hatte er nicht, er wollte endlich abschließen, Andre noch einmal sehen, mit ihm reden und endgültig Abschied nehmen.

Max war sich dem durchaus bewusst, ebenso dass er sich eine Menge Ärger einfangen würde und doch wollte er gemeinsam mit Kevin und Jack diesen letzten Weg gehen.

"Gib mir mal dein Handy", bat er Kevin und streckte die Hand auffordernd aus.

Der Angesprochene blickte skeptisch zu Max, auf dessen Hand, die ausgestreckt war und insgeheim fragte er sich, was er jetzt vorhatte.

Kevin hatte zwar schon einen Verdacht, aber würde Max echt so weit gehen und ihm einfach so Andre seine Handynummer geben?

Seine eigene war doch sicher noch bekannt und wer weiß, ob Andre das so lustig fand, wenn jemand seine Nummer hatte und das ungefragt über dritte.

Max aber schien genau das zu planen, er verlieh seiner Geste nochmals Nachdruck und wackelte unterstreichend mit den Fingern. "Gib einfach her und lass mich den Rest machen, okay? Ich mach auch keinen Blödsinn."

"Max, ich weiß nicht ..." Kevin hatte Bedenken, dennoch reichte er ihm zögerlich sein Handy, kletterte wie einen Tag zuvor schon auf den Holzzaun und sah den Fohlen bei dem Versuch zu, sich zu jagen und hinter ihren Müttern zu verstecken.

Wie gern würde er jetzt tauschen, sich ebenfalls verstecken oder fluchtartig den Platz verlassen.

So aber blieb er sitzen, kaute nervös auf der Unterlippe und schielte hin und wieder zu Max herüber, der noch immer mit seinem Handy beschäftigt war und eifrig tippte.

"Bin gleich so weit", kam es von Max, dann schwieg und tippte er wieder und Kevin hätte schwören können, er legte irgendwie ein Profil an, da er in seinen Bildern etwas zu suchen begann.

"Denkst du das funktioniert?" Kevin hatte Bedenken, Andre war alles andere als dumm und irgendwann würde er dahinterkommen, was gespielt wurde.

Dann war nicht nur Max ein Arsch, sondern auch er selber und Andre?

Vermutlich sauer und enttäuscht, dass ein guter Freund ihn rücklings verraten hatte.

Max aber grinste gelassen, reichte Kevin sein Handy und erstaunt blickte dieser auf ein neues Instagram-Profil, dass so gar nicht passte.

Bei genauerem Hinsehen stellte er sogar fest, dass es sich bei dem verwendeten Bild um einen Avatar aus dem Internet handelte und einen niedlichen Hund zeigte.

Gar nicht so dumm.

"Du folgst ihm bereits, ebenso noch ein paar seiner und meiner Freunde. Sieht also danach aus, dass wir uns kennen", schmunzelte er und zwinkerte ihm aufmunternd zu.

Kevin erwiderte das Lächeln, wurde dann aber wieder ernst. "Geh und rede mit Jack. Er wird warten."

Max nickte, drehte sich aber nochmals um und warf Kevin seine Packung Zigaretten zu. "Die könntest du gebrauchen, aber übertreib es nicht."

Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen. "Geh schon und rede mit Jack. Ich hab nämlich keine Lust, seine Launen später zu ertragen."

Mehr als ein leises Brummen hörte er von Max nicht mehr, Kevin drehte sich aber auch nicht nochmal um, sondern betrachtete mehr sein neues Profil auf Instagram.

Nicht lange, dann öffnete er das von Andre und scrollte sich durch dessen Bilder, die er in letzter Zeit hochgeladen hatte.

Wie schon vermutet, darunter auch ein paar Schnappschüsse, wie er an diversen Autos schraubte und sie reparierte.

Hier und da ein Bild mit Adam, aber keines welches darauf hinwies, dass sie wieder ein Paar sein könnten.

Mehr sah es freundschaftlich und vertraut aus.

Das neuste Bild zog Kevin dann aber doch wie das Licht die Motte an.

Ein niedlicher weißer Hund blickte in die Kamera und Kevin war sich sicher, dass es sich hierbei um einen Spitz handeln musste.

Er öffnete das Bild ganz und fand heraus, dass es eine Hundedame namens Velvet war.

Kevin überlegte hin und her, dachte darüber nach, ob und was er unter das Bild schreiben konnte.

Würde Andre es überhaupt lesen oder darauf antworten?

Kevin war ratlos, sah sich andere Bilder an, die deutlich älter waren und stellte fest, dass Kommentare tatsächlich allesamt beantwortet waren.

Mit einigen schrieb er so sogar mehrfach, darunter auch eine Person, die ihm optisch recht ähnlich war.

Vielleicht Verwandtschaft, ein Cousin oder hatte Andre am Ende sogar einen Bruder?

Möglich war es, er wusste nie viel über ihn und doch war da noch immer dieses Herzklopfen, wenn er an ihn dachte oder eines seiner Bilder betrachtete.

Das Lächeln war noch immer gleich.

Süß, aber auch verwegen und auch, wenn Andre genau wie er erwachsen war, diese Unschuld im Blick war noch immer da.

Kevin begann zu lächeln, er öffnete erneut das Bild von Velvet, gab diesem ein Like und schrieb einfach das, was ihm bei dem Anblick dieser Knopfaugen durch den Kopf ging.

Instagram wurde geschlossen, das Handy steckte er in die Hosentasche und stattdessen atmete er tief durch, während sein Blick zu den Pferden schweifte.

Noch lange stand er einfach da, beobachtete die Pferde, atmete die klare Luft ein und drehte sich erst um, als er ein Bellen hörte und Bingo ihn bereits freudig ansprang und Aufmerksamkeit forderte.

"Kommst du ein Stück mit?"

"Sicher, ich muss doch aufpassen, dass ihr nicht wieder streitet", erwiderte Kevin auf die Frage seines besten Freundes, ehe er gemeinsam mit Bingo auf diesen zukam und ihn sanft gegen die Brust boxte.

 

SO HIGH -Chrom

Someone is calling out your name

These eyes are tired & ashamed

These eyes will burn out in your flames

So I let you be my destiny

Forget the time & what should be

There is no future I believe

There's only you & me

Only you & me

And I can't live without my pride

Can't stand the things that

I Have tried & failed in my life

And I didn't criticize So I arranged me with a lie

And time kept passing by Then

I got so high The last thing I tried

 

Die Nacht fiel für Kevin recht unruhig aus, er wälzte sich von einer Seite auf die andere, wachte immer wieder auf und stellte fest, dass er nur geträumt hatte.

Wieder von Andre, davon, wie sie sich kennengelernt und ihren ersten gemeinsamen Dreh hatten.

Es fühlte sich beinahe an, als wäre es gestern gewesen.

Unschuldige Blicke, Berührungen, die unkoordiniert passierten, weil man sich und den anderen Körper nicht besonders gut kannte.

Kevin seufzte auf, fühlte beinahe diese zarten Hände auf seinem Körper, die vorwitzige Zunge an seinem Hals, die sich lauernd wie eine Schlange weiter zu seinen Lippen vorarbeitete und unschuldig darüber leckte.

Wie gerne würde sie noch einmal schmecken, sie küssen und zu einem wilden Spiel auffordern? Seine Hände dabei an seinen Körper legen, ihn dicht an sich ziehen, ihn halten und nicht mehr loslassen.

Kevin wimmerte beinahe schon bei dem Gedanken, wandte sich in den Laken und fuhr erschrocken hoch, als die Tür aufging und sein bester Freund das Zimmer betrat.

"Jack", hauchte er beinahe so leise, dass man Mühe hatte, ihn überhaupt zu verstehen und doch hatte er ihn gehört.

Wortlos legte sich Jack zu ihm, zog ihn dicht zu sich und für einen Moment mischten sich seine Gedanken mit der Realität.

"Du zitterst", murmelte Jack leise und strich beruhigend durch das dunkelblonde Haar seines Freundes.

Kevin antwortete nicht, er lag einfach da, riss immer wieder die Augen auf und schob die süßen Erinnerungen an Andre weit von sich.

Sein Freund war allerdings nicht dumm, er ahnte bereits, was in dem Anderen vor sich ging und grinste wissend vor sich hin. "Entweder gehst du kalt duschen oder aber du lässt mich dir helfen."

"Jack nicht ..." Kevin versuchte von ihm wegzukommen, doch sein bester Freund war schneller, hatte bereits begonnen, sanft aber doch bestimmend über die empfindliche Haut an seinem Hals zu lecken, während seine rechte Hand frech unter sein Shirt krabbelte.

Zielstrebig reizte er eine der Brustwarzen, wusste sehr genau, welche Knöpfe er bei Kevin drehen musste, biss frech in den Nacken und lauschte dem ersten noch unterdrückten Keuchen.

"Lass dich gehen", raunte er ihm leise zu, malträtierte weiterhin Kevins Hals, ehe die zweite Hand ohne Umwege in seine Shorts wanderte und nach seinem bereits vollständig aufgerichteten Glied griff.

In seinem Kopf war es Andre, der ihn berührte, um den Verstand brachte und mit seinen schlanken Fingern dem Höhepunkt entgegenbrachte.

Kevin meinte sogar seine Stimme zu hören.

Leise und lauernd.

Sinnlich und verführerisch in sein Ohr wispernd.

Dinge sagten, die so derbe und vielversprechend klangen, dass Kevin sich heiß und leise wimmernd in Jacks Hand ergoss und heftig atmete.

Die Nachwehen seines Höhepunktes dauerten an, Kevin kam nur langsam wieder zu sich, öffnete die Augen und kniff sie im selben Moment doch wieder zusammen.

Ihm war, als hätte er sich selbst betrogen und schleichend überkam ihn das schlechte Gewissen, welches lachend aus der Ecke trat und spitz zu ihm sprach.

Kevin fühlte sich mit einem Mal schlecht, ihm kamen die Tränen, sein Körper schrie unaufhörlich, er habe etwas falsch gemacht und das mit einer Person, die sich sein bester Freund nannte.

Vorwurfsvolle Blicke schienen ihn zu strafen, eine Stimme sprach zu ihm und er konnte deutlich die Enttäuschung hören, die aus dieser kam.

Kevin wimmerte, er hielt sich die Ohren zu und wollte es nicht hören, wie sehr sie ihn tadelte und zornig wisperte.

Jack hielt ihn die ganze Zeit über im Arm, sprach leise auf ihn ein, versuchte ihn zurückzuholen und strich sachte über seinen Nacken. "Alles gut, ich bin da. Du bist nicht alleine."

Lediglich ein schwaches Nicken kam, während Kevin sich ganz langsam beruhigte, merkte, dass er gehalten und damit nicht alleine war.

Er fühlte sich mit einmal plötzlich sicher, geborgen und verstanden.

Nicht, dass Jack ihn je missverstanden hätte, eher war, dass das Gegenteil und er wusste stets, wann und wie er eingreifen und welche Worte er sprechen musste.

"Danke, dass du für mich da bist und mich mit meinen ganzen Macken erträgst", murmelte Kevin nach einer Weile des Schweigens.

Leise lachend küsste Jack ihn im Nacken. "Ich lieb dich so, wie du bist und anders will ich dich gar nicht haben."

"Nicht?" Kevin drehte sich grinsend in seinen Armen um und blickte ihn eingehend an. "Ich bin in letzter Zeit nicht gerade die beste Gesellschaft."

Wie zu erwarten antwortete sein bester Freund genau das, was er bereits ahnte, dass es nicht stimmte und es nur an Andre seinem Verschwinden lag.

"Bestimmt meldet er sich noch", murmelte Jack müde, verstummte und Kevin wusste, dass er eingeschlafen war.

Er selber lag noch länger wach, schlief aber mit den ersten Sonnenstrahlen endlich wieder ein und das traumlos bis zum Mittag.

So fest, dass er nicht mitbekam, wie Jack aufstand, auf leisen Sohlen aus dem Zimmer schlich und hinter sich die Tür schloss.

Kevin wurde erst wieder vom Duft frischen Kaffees wach, der ihm direkt in die Nase stieg, ihn wach kitzelte und auf dem Nachttisch platziert wurde, nachdem er endgültig die Augen aufgeschlagen und sich aufrecht hingesetzt hatte.

"Wie spät ist es?", wollte er wissen, während er zu der Tasse griff und zu seinem Handy.

"Kurz vor elf. Fast schon Mittag und ich würde sagen, dass wir heute auswärts essen", erwiderte Jack mit einem breiten Grinsen auf den Lippen, ehe er sich doch dazu entschied, sich noch etwas neben Kevin ins Bett zu setzen.

"Und hat er was geschrieben?" Jack steckte neugierig die Nase in das Handy seines besten Freundes, doch kein Kommentar war von Andre zu sehen.

Ein Seufzen entwich ihm, er kuschelte sich freundschaftlich an Kevin an. "Bestimmt wird er sich bald melden. Ist ja auch erst einen Tag her, dass du seinen Hund niedlich fandest."

Kevin musste auf die Worte hin leise lachen. "Ich finde den immer noch süß, besonders seinen Blick."

"Aja und wir sprechen hier noch von einem Hund?", fragte Jack frech, ehe er auswich, sich aus dem Bett versuchte zu retten, da Kevin die Tasse wegstellte und aussah, als würde er etwas Hinterlistiges planen.

Alles was folgte war ein erneutes Lachen, Kevin hatte lediglich das Kissen zurechtgerückt und es sich bequem gemacht.

Alles was folgte war ein erneutes Lachen, Kevin hatte lediglich das Kissen zurechtgerückt und es sich bequem gemacht

 

 

Chrom - Vision

We gotta make our own decisions

Nobody can tell us what to do

Keep your eyes on your strongest visions

The right people will see it too

The whole world just keeps on turning

But it's high time for a break

You've been tired but now you're burning

You still breathe & you're awake

There are things we can't explain

But the hope will still remain

Now it's time to make a change

In this world that seems so strange

And I'm sure that this could be

Our fate & destiny

Cause we're all the same right now

We've gotta make it somehow

Just try to keep your passion

Cause your light is shining through

Let this thought be your obsession

Cause your mind can make it true

The whole world just keeps on turning

But it's high time for a break

 

Einfach raus in die Stadt fahren war eine gute Idee, machte den Kopf frei und es lenkte davon ab, ständig auf das Handy blicken zu wollen.

Sollte wirklich eine Nachricht kommen, würde es schon Alarm schlagen und vibrieren.

"Was nimmst du?" Jack, der ihm gegenüber saß, legte die Karte zur Seite, zündete sich lässig eine Zigarette an und sah sich in dem kleinen Bistro um.

Viel war nicht los, aber es war auch eher ein Insider und die wenigsten wussten, dass man hier die besten Burger bekam, die Pilsen neben gutem Bier zu bieten hatte.

"Das übliche. Also einen normalen Burger, aber ohne Käse", erwiderte Kevin, der gar nicht erst nachgucken musste, was er genau haben wollte.

Jack nickte lediglich, ihm war durchaus bewusst, dass sein bester Freund eine Unverträglichkeit gegen Käse hatte und doch zogen ihn andere damit gerne mal auf.

Besonders Rocco, der sich vor Jahren einen bösen Scherz damit erlaubt hatte und von Marty jedoch einen Einlauf bekam, der sich gewaschen hatte.

Jack war es egal, er aß selber auch nicht alles, aber Käse war etwas, worauf er nur schwer verzichten konnte und wollte.

Dennoch nahm er Rücksicht auf Kevin und aß diesen selten, wenn sie untereinander waren.

Heute aber ging das, es gab genug Auswahl und beide erfreuten sich bester Laune und die konnte heute keiner stören oder ihnen madig machen.

Abgesehen von nicht beantworteten Nachrichten.

Kevin aber schien selbst das nicht zu stören, er saß einfach da, wartete auf seinen Burger und beachtete sein Handy gar nicht.

"Und dazu ein Bier", ergänzte Kevin nach einer Weile des Schweigens.

"Für mich aber nicht, ich fahr schließlich noch", erwiderte Jack, ehe er die Bestellung weitergab und neben dem Bier für sich ein Wasser bestellte.

Kevin grinste, es kam selten vor, dass Wasser getrunken wurde und den Anblick musste er dann doch bildlich festhalten und auf Instagram posten.

Ohne Gesicht, dafür aber mit Hand und die legte sich frech um das Wasserglas und setzte sich gekonnt in Szene, während Jack einfach nur den Kopf schüttelte und lachte. "Du hast echt mal einen Schaden."

"So wie du, wenn du Füße fotografierst."

Beide lachten auf, während Kevin das Bild mit nettem Text hochlud und öffentlich teilte.

Sofort wurde es geliket, darunter auch von Max, der einen lachenden Smiley unter das Bild setze und sein Beileid ausdrückte.

Jack zog eine Schnute, Kevin aber schmunzelte und antwortete Max, dass er ihn selber ebenfalls bedauerte und in Gedanken ein Bier für ihn mittrinken würde.

"Würdest du echt?" Jack sah seinen besten Freund aufmerksam an, während er sich aufrecht hinsetzte und seinen Burger in Empfang nahm.

"Würde ich", grinste Kevin, der nach seinem Bierglas griff und Jack aufmunternd zuprostete. "Auf den besten Freund, den man haben kann."

Jack erwiderte die Geste mit einem Nicken, mit Wasser wollte er dann doch nicht anstoßen, aber später könnte und würde er ebenfalls ein Bier trinken und damit den Tag ausklingen lassen.

"Dann lass dir mal deinen Burger schmecken."

"Danke, der sieht echt lecker aus", stimmte Kevin zu, ehe er seinen zwischen die Hände nahm, einmal abbiss und sich zufrieden zurücklehnte.

Jack hingegen aß seinen in einem Rutsch, dafür ließ er sich jedoch mit den Pommes als Beilage Zeit, die Kevin mehr aß und dazu sein Bier trank.

Gerade als er wieder zum Burger greifen wollte, vibrierte sein Handy, zeigte an, dass sein Bild erneut geliket und kommentiert worden war.

"Willst du nicht nachsehen?" Jack sah auf das Handy, dann zu Kevin, der lieber erstmal abbiss und genüsslich kaute. "Läuft nicht weg."

Jack nickte, dann aber schnappte er sich das Handy und sah erstaunt auf den Kommentar. "Den solltest du echt lesen, der ist von Andre."

Fast hätte sich Kevin verschluckt, räusperte sich und klopfte sich einmal gegen den Brustkorb, ehe er nach seinem Handy griff und sich den Kommentar durchgelesen hatte.

'Sieht aus wie Wodka, aber wem ist die Hand zu dem Glas Wasser?'

'Ist das wichtig, wessen Hand das ist?'

Jack musste grinsen als er die Antwort las und schob sich eine weitere Pommes in den Mund. "Ich hätte ihm gesagt, wessen Hand das ist."

Und vermutlich auch gleich, wer das Bild geschossen hatte.

Jack war direkter in solchen Dingen, ebenso wenn er flirtete und selbst im Job war es so, dass sich Jack mehr herausnahm als andere.

Kevin seufzte, während er sein Handy weglegte, seinen Burger aufaß und sein Bier leerte.

Ein paar Pommes lagen noch auf seinem Teller. "Willst du noch? Ich bin irgendwie schon satt."

Wortlos verschwanden diese kaum später in Jacks Mund, die letzte aber knabberte er nachdenklich, spannte sich dabei an und legte beobachtend den Kopf schief.

Wie ein Erdmännchen auf der Lauer.

Beinahe schon niedlich, wäre da nicht diese Schnute, die er zog und sich immer mehr zu einer hässlichen Fratze definierte.

"Hast du ein Alien gesehen, oder was soll mir dein Blick sagen?", fragte Kevin sichtlich verwirrt, drehte sich dann aber selber um und erstarrte mitten in seiner Bewegung.

Unmöglich.

Mit allem hatte er gerechnet, nicht aber damit und schon gar nicht hier.

"Denkst du, er hat uns gesehen?", murmelte Jack, nachdem er sich langsam gefasst hatte, sein Gesicht dennoch hinter der Speisekarte versteckte und immer wieder hinter dieser hervorsah.

"Ich denke nicht. Er ist mit seinem Handy beschäftigt", stellte Kevin bei genauerem Hinsehen fest und verdrängte es, aufstehen und einfach zu ihm hingehen zu wollen.

"Geh zu ihm, ich seh doch, dass du mit dir ringst."

Er rang nicht, er kämpfte und dieser Kampf glich jenem aus diesem Drachenfilm, wo am Ende alle gegen den Großen bestritten und gewannen.

Wo aber stand er?

Mittendrin, daneben oder war er am Ende jener Drache, der verloren hatte?

"Jetzt geh schon." Wieder Jack, dieses Mal energischer im Ton und unterstrichen von einem Tritt gegen sein Schienbein.

Kevin zischte leise, sah seinen besten Freund böse an, der jedoch aussah, als hätte er einen Geist vor sich stehen.

Oder den Drachen, seinen Drachen.

Kevin schluckte, er drehte sich langsam um und sah jene braunen Augen, die ihn vor Jahren in den Bann gezogen und nicht mehr losgelassen hatten.

"Hat es Jack mal ausnahmsweise die Sprache verschlagen?", fragte Andre keck heraus, schnappte sich einen der Stühle, die noch frei waren und setzte sich dreist neben ihn.

Kevin schwieg, ebenso Jack, der einige Male blinzelte. "Du redest? Noch dazu mit uns?"

"Für gewöhnlich singe ich ja eher, reden tu ich nur im äußersten Notfall." Andre grinste, dann aber fiel ihm das Glas auf dem Tisch auf und ebenso der Teller.

Automatisch sah er zu Jack, auf dessen Hände und schließlich sah er zu Kevin, der ihm automatisch auswich. "Keine Ahnung, was bei euch schiefläuft, aber witzig finde ich das nicht."

"Wir finden einiges auch nicht besonders witzig", erwiderte Jack. "Besonders dein Verhalten, deinen Ausstieg und, dass du den Kontakt zu uns abgebrochen hast."

Jack sah schließlich zu Kevin. "Von Kevin will ich nicht mal anfangen, denn dann säße ich womöglich noch Jahre hier fest und würde diskutieren."

Andre seufzte, das musste ja so kommen, ebenso die Fragen, die wie ein Vorschlaghammer auf ihn niedersausten. "Ich hab mir das auch nicht leicht gemacht."

"Du?" Kevin sah ihn das erste Mal wieder an, richtig an und musste vorerst schlucken.

Andre wirkte anders, seine Augen hatten nicht mehr dieses Leuchten, sein Lächeln wirkte eingefroren und die Haltung war einfach nur noch steif.

Er schien müde, dunkle Augenringe zeichneten sich unter den braunen Augen ab, welche glasig aussahen und gerötet.

Kevin wusste, was das bedeutete, es war kein Geheimnis, dass in ihrem Job hin und wieder Gras geraucht wurde und doch wirkte Andre, als würde er das täglich konsumieren und das nicht nur einmal.

"Andre, was ist passiert? Du siehst mehr als fertig aus." Sorge schwang in Kevins Blick wieder, ebenso in seiner Stimme und vorsichtig streckte er die Hand aus, welche jedoch harsch weggestoßen wurde. "Fass mich nicht an!"

"Kevin wollte doch nur ...", setzte Jack an, doch Andre ließ ihn gar nicht erst ausreden und sprang hastig auf.

Zu hastig.

Er taumelte, fasste sich an den Kopf und kämpfte gegen den Schwindel an, gegen das Zittern seines Körpers und bekam von seinem Umfeld nur noch wenig mit.

Bevor er jedoch zusammenbrach, umfassten ihn zwei starke Arme und fingen ihn auf.

 

Chrom- Let it go

I woke up just for today

And it started so confused

Too many sorrows in my way

I've gotta let it go

I don't know how to make my way

And I don't really care at all

I guess that this is just the day

I've gotta let it go

 

 

Jack und Kevin tauschten immer wieder besorgte Blicke untereinander aus, dann aber entschloss sich der junge Mann mit Tunnel im Ohr Andres Handy aus der Hosentasche zu ziehen.

"Ich schau mal, ob ich ..." Weiter kam Jack jedoch gar nicht mehr, tauchte neben ihm ein Junge auf, der doch eine viel zu offensichtliche Ähnlichkeit mit Andre hatte. "Ist er wieder umgekippt?"

"Ähm ..." Jack konnte nicht anders als zu starren und es lag nun eher an Kevin, mit dem fremden Mann vor sich zu reden und zu erklären, was genau vorgefallen war.

Geduldig wurde ihm zugehört, verstehend genickt und nicht ein böser oder vorwurfsvoller Blick.

Kevin war erleichtert, jedoch immer noch besorgt, als Andre sich langsam zu regen begann und die Augen aufschlug.

"Na, wieder wach?", fragte Jack mit einem schiefen Grinsen, doch Andre ging darauf nicht ein, sondern sah seinen Bruder an, der ihn tadelnd ansah.

"Jiri ...", murmelte er schwach, versuchte sich aufzurichten und doch wurde er sanft aber bestimmend von Kevin davon abgehalten. "Bleib liegen, du warst einige Minuten ganz weg und wir waren schon kurz davor, einen Krankenwagen zu rufen."

"Ich brauch keinen Arzt", fauchte Andre, versuchte dabei Kevin wegzuschieben, sich aus seinen Armen zu befreien und aufzustehen.

Kevin hielt ihn davon ab, spürte dabei wie schwach und abgemagert der Andere war und das rief nur noch mehr Sorge in ihm wach. "Andre ..."

Keine Reaktion, dafür aber ein Blick, der lange auf ihm lag und den Kevin so nicht kannte.

Es war fast, als würde Andre durch ihn hindurchsehen, ihn nicht wahrnehmen oder mitbekommen, dass er da war.

Vorsichtig strichen seine Finger durch das schwarze Haar, während er zu Jiri sah. "Weißt du, warum er einfach damals gegangen ist? Ich weiß, es geht mich nichts an, aber ich würde es gerne verstehen."

Jiri nickte auf Kevins Frage, dennoch war es nicht seine Aufgabe das zu erzählen, sondern die seines Bruders, der nur langsam begriff, was gesprochen wurde und sich hastig hochhievte.

So hastig, dass er mit Kevin zusammenprallte und sich vorerst die Stirn rieb. "Du hast einen ziemlichen Dickschädel, weißt du das?"

Kevin lachte darauf hin. "Das weiß ich selber, aber du bist dafür der sture Esel."

Jack und Jiri sahen sich an, sie grinsten sogar und doch schwiegen sie und beobachteten die beiden weiterhin.

Andre rieb sich nochmals die Stirn, ehe er Kevin gegen den Brustkorb boxte und ihn böse ansah. Es war nicht fest, eher war es ein Stupsen und keinerlei Kraft dahinter.

Sein Gegenüber nahm es gelassen hin, es war Spaß und dennoch kam er nicht umhin den Anderen an sich zu ziehen und festzuhalten. "Erzählst du mir nun endlich, was damals in dich gefahren ist?"

"Sollen wir euch alleine lassen?", mischte sich Jack ein, doch Andre schüttelte bereits den Kopf, versuchte sich erneut aus Kevins Umarmung zu befreien und knurrte ungehalten auf. "Kannst du mich endlich loslassen?"

Vorwurfsvolle Blicke lagen auf Kevin und sofort ließ er den Anderen los, setzte sich zu Jack und Jiri und alle drei sahen zu Andre, der noch mit sich kämpfte, ob es nicht doch die falsche Entscheidung war.

Andre biss sich auf die Unterlippe, etwas, was Kevin schon immer an ihm liebte, ihm dabei ganz anders wurde und er Probleme hatte, sich von diesem Anblick loszureißen.

Er starrte stattdessen auf den Bierdeckel, der vor ihm auf dem Tisch lag, nahm ihn in die Hand und legte ihn wieder weg.

Ganz offensichtlich war er nervös, während Andre angespannt wirkte, sich aber dennoch endlich setzte.

"Lass dir Zeit", murmelte sein Bruder leise, strich dabei seinen Rücken, hoch zu seinem Nacken und begann ihn lächelnd zu kraulen.

Es half, Andre entspannte, löste sich und doch dauerte es. "Keine Ahnung, wo ich anfangen soll."

"Wenn es dir hilft, dann können wir auch einfach Fragen stellen", schlug Kevin vor, wobei ihn nur eine Antwort interessierte und das sei Jahren schon.

Jack seufzte darauf hin, ahnte bereits, welche Frage seinem besten Freund auf der Seele brannte und hatte leichte Bedenken, wie er auf die Antwort, wenn sie käme, reagieren würde.

Was, wenn sie nicht die war, die er sich erhofft hatte?

Sorgenvoll legte sich seine Stirn in Falten. "Erwarte nicht zu viel", murmelte Jack leise an Kevin gewandt, schnappte sich dann aber die Karte auf dem Tisch und warf einen Blick rein. "Wollt ihr was trinken? Ich lad euch ein."

"Für mich nichts, danke", erwiderte Jiri auf Jacks Angebot, während sein Bruder sich für ein Wasser entschied und Kevin für eine Cola.

Jack selber bestellte für sich einen Kaffee, zündete sich, während er die Bestellung aufgab, eine Zigarette an und hielt Kevin die Schachtel entgegen. "Soll hin und wieder helfen", grinste er.

Dankend nahm Kevin an, legte sie jedoch vorerst auf den Tisch und knetete nervös seine Hände.

Andre erging es nicht anders, alle Blicke lagen auf ihm, verunsicherten ihn und er fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut. "Mein Augenlicht wird schlechter", begann er schließlich zu erzählen. "Ich müsste eigentlich eine Brille tragen, aber ich kann sie nicht leiden. Sie ist hässlich, macht mich hässlich und ..." Noch bevor Andre weiter reden konnte, griff sein Bruder nach seiner Hand und sah ihn ernst an. "Red dir nicht immer ein, dass du mit Brille hässlich bist."

Kevin und Jack sahen sich beide verwirrt an. Andre und hässlich?

Wie kam er darauf?

Kevin schluckte, er griff doch zu seiner Zigarette und zündete sie an. Jetzt war er am Zug, auch, wenn er Andre eigentlich reden lassen wollte.

"Hör mal, Andre", fing er leise an, stoppte kurz, da der Kellner mit den Getränken kam. Kurz wartete er, dann wandte er sich dem schwarzhaarigen Wuschelkopf wieder zu und schmunzelte.

Jack ahnte bereits, was folgen würde. Jetzt aber eingreifen war keine gute Idee und somit ließ er seinen besten Freund einfach ins offene Messer laufen.

Er hatte es so gewollt und ihm war bewusst, dass das hier kein gutes Ende nahm. Andre wirkte nicht bereit, unsicher, wie ein Tier, welches man in die Enge trieb und gleich ausbrechen und davonlaufen würde.

Dennoch legte Jack seine Hand unter dem Tisch auf Kevins Bein und gab ihm so zu verstehen, dass er da war und ihm Halt gab.

"Ich will diese Brille nicht", unterbrach Andre die kurze Stille und das so unvorbereitet, dass Kevin heftig zusammenzuckte.

"Du musst sie aber tragen und das weißt du."

"Ich muss gar nichts."

"Willst du blind werden, oder warum sträubst du dich dagegen?

"Mir egal. Lieber blind, als hässlich."

Blind und hässlich.

Zwei Worte, die zu viel waren.

"Du bist nicht hässlich. Mit Brille nicht und auch ohne nicht. Wie kommst du überhaupt darauf? Du hast echt nen Schaden, und zwar einen gewaltigen!"

"Jack lass es."

"Nein, ich lass es nicht. Ich fang gerade erst an und mir ist es verdammt noch mal egal, was du sagst oder ob das Andre passt." Jack war sauer, er kochte vor Wut und man sah es ihm deutlich an. Er wirkte wie ein brodelnder Vulkan, der erste Asche spuckte und kurz darauf im gewaltigen Ausmaß ausbrach.

Kevin schluckte, Andre hingegen sah Jack nicht einmal an. "Lassen wir das. Ich verschwende meine Zeit", murmelte er während er aufstand, jedoch von Jiri festgehalten und streng angesehen wurde. "Du bleibst und wirst dir das jetzt anhören!"

Andre zeterte. "Lass mich. Ich will ..."

"Du wirst und wenn ich dich festbinde. Immer nur weglaufen ist der falsche Weg", versuchte Jiri es weiter, redete mit Engelszungen auf seinen Bruder ein, der sich beide Hände an die Ohren legte und so tat, als würde er nichts hören. Jiri gab es auf, sein Bruder gab sich wie ein bockiges Kind.

Jack hingegen platzte endgültig der Kragen, er griff sich das Glas Wasser auf dem Tisch und schüttete es Andre mitten ins Gesicht. "Kein Wunder, dass sie dich Babygesicht nannten. Du hast nicht nur eins, du bist eins", regte er sich auf. "Und dir rennt Kevin seit Jahren nach? Wofür denn? Dafür, dass du hier sitzt und jammerst wegen einer beschissenen Brille?"

"Jack hör auf ..."

"Nein, Kevin, ich hör nicht auf. Ich hab die Schnauze voll und ich hab keinen Bock mehr. Schon gar nicht darauf, dass du dir die Nerven wegen eines uneinsichtigen Kleinkindes kaputt machst." Jack war noch nicht fertig, lange noch nicht und ihm war es egal, dass ihn andere Gäste ansahen und zu tuscheln begannen.

"Kevin ist seit Anbeginn in dich verknallt, er hat gelitten und das über Jahre. Immer wieder hat er nach dem Warum gefragt, hat sich bei mir ausgeheult, bei Helmut, bei Jerome und letztendlich sogar bei Jim, der dich nicht mal kennt."

Immer mehr redete sich Jack in Rage, trieb seinem besten Freund die Schamröte und Andre  Fassungslosigkeit ins Gesicht. Unsicher sahen sich beide an, keiner sagte irgendwas und doch sah Jiri deutlich, dass es in den Köpfen zu arbeiten begann.

 

Mohamed Ragab Feat Jaren 'Hear Me'

I'm everywhere you step but you step over me

every way you look but you don't see

and every single thing you say to me goes unanwsered

You're just out of reach

I can't let you go and I don't know

If you could hear me

I wish that I could touch you one last time

If you could hear me

If you could hear me you know that

I'm always here as you are on your journey no I'll never dissapear but I wish that

I could touch you one last time

If you could hear me...

 

 

Keiner sprach, alle Augenpaare waren auf Andre gerichtet, der noch immer fassungslos seinen Gegenüber ansah. Vom ersten Tag an sollte Kevin in ihn verliebt sein? Kaum zu glauben, alle Anzeichen dafür standen auf null und wenn Andre ehrlich war, rannten ihm ein paar Jungs zu viel nach. Damals und heute war es sicher nicht sehr viel anders.

So viel hatte Andre damals mitbekommen, sich anfangs nicht daran gestört, doch irgendwann kotzte ihn dieses ganze Gehabe einfach nur noch an. Es ging so weit, dass er sich deswegen mit Adam gestritten und anschließend von ihm getrennt hatte.

"Andre?" Jiri riss ihn aus seinen Gedanken, lächelte schwach und schob ihm ein Glas Wasser zu. "Du wirkst mir ein wenig zu blass."

"Geht schon", nuschelte er, während er verstohlen zu Kevin rüberschielte.

All die Jahre hatte er nur Augen für ihn. Wie dumm er war und sicher würden ihn viele darum beneiden. Ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen, während er nach dem Glas griff und einen großen Schluck trank. Ob er mit Kevin alleine reden sollte? Irgendwie traute er sich dann doch nicht und wenn er ehrlich war, kannten sie sich privat gar nicht. Er wusste von Kevin nichts und Kevin wusste von ihm nichts. Keine besonders gute Basis, um sich näherzukommen.

Andre seufzte leise, leerte sein Glas und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. Wie sollte er es bloß anstellen, mit Kevin zu reden? Soweit er wusste, war er noch immer aktiv in seinem Job unterwegs und tingelte von A nach B. Zeit blieb da nicht viel.

Und er? Zeit genug hatte Andre, hatte sich seinen Traum erfüllt von einer eigenen Werkstatt und meist fiel er abends total müde in sein Bett. Autos schrauben war anstrengend, aber einfacher im Vergleich zu Kevins Knochenjob. Immer gut aussehen, funktionieren, präsent sein und das machen, was verlangt wurde. Nicht zu vergessen, lächeln, freundlich sein, obwohl man am liebsten an die Decke gehen wollte oder einen scheiß Tag hatte. Genug Gründe, warum Andre aufgehört hatte. Den Hauptgrund behielt er jedoch für sich, hatte nie darüber gesprochen und auch Adam wusste davon nichts.

Viel reden war ohnehin nicht sein Ding, wurde ihm gerade wieder bewusst und noch ehe er ansetzen konnte, ergriff Jack das Wort. "Reden soll helfen. In Köpfe können wir schlecht reingucken." Frech zwinkerte er ihm zu und deutete somit an, dass er es nicht böse meinte. Andre nickte lediglich, kannte er die Art doch ziemlich gut noch.

"Kannst es ja mit der Bleistiftnummer nochmal probieren. Vielleicht funktioniert es ja." Unterstreichend streckte Andre dem blonden, jungen Mann vor sich die Zunge heraus und taute langsam auf.

"Hey, geil, du bist wieder da." Begeistert klatschte Jack in die Hände, feierte den kleinen Erfolg ganz groß und knuffte Kevin in die Seite. Ein Zeichen, dass er sich miteinbringen sollte, Andre weiter aus der Reserve zu locken. 

"Wir sollten das feiern, aber nicht hier", plapperte er emsig weiter, legte sich bereits einen Plan zurecht und hoffte, Andre würde dem zustimmen.

"Was genau schwebt dir vor?", fragte Kevin von der Neugier gepackt, ehe ihm wieder bewusst wurde, dass Jack sein kleines Geheimnis ausgeplaudert hatte. Schlagartig wurde er rot um die Nase, was Andre nicht entging.

Also doch. Da waren Gefühle. Anderenfalls würde Kevin sich nicht so genieren und versuchen seine Verlegenheit zu verstecken. Irgendwie süß und wenn er sich nicht irrte, war da vor Jahren eine ganz ähnliche Situation. War er damals nur zu jung und unerfahren, um zu bemerken? Andre biss sich überlegend auf die Unterlippe und genau das machte Kevin wahnsinnig. Damals wie heute. Wenn Andre sich selber biss, dazu diesen Blick draufhatte, dann...

Kevin rutschte tiefer in seinen Stuhl, atmete tief durch und versuchte sich die schlimmsten Dinge vorzustellen, um sich nicht gänzlich zu blamieren. Allerdings machte er die Rechnung ohne seinen besten Freund, der ihn gut genug kannte, um zu merken, was gerade passierte. "Oho." Ein fettes Grinsen hatte Jack ebenfalls auf den Lippen, während er dreist auf Kevins Schritt schielte.

Dem Blick folgte auch Andre, der erst verwirrt und schließlich selbst verlegen war. Wie peinlich. Kevin klappte das Zelt in der Hose auf und er schien die Ursache dafür zu sein. "Sorry", nuschelte er hastig, drehte den Kopf weg und sah lieber in eine völlig andere Richtung.

An sich war der Anblick nicht neu, jedoch Jahre her und beruflicher Natur. Andre hatte es jedenfalls immer geglaubt und jetzt hieß es, er war die ganze Zeit hinter ihm her. Vermutlich auch, als er mit Adam etwas Kurzes am Laufen hatte. Weiterhin Gedanken wollte er sich nicht machen, Jack hatte etwas gesagt, einen Vorschlag gemacht.

"Feiern willst du?", wiederholt er zaghaft. "Wann und wo denn?"

"Heute nicht mehr", antwortete der blondhaarige Mann ihm und hatte genau erkannt, dass Andre dafür gesundheitlich nicht in der Lage war. "Wir können das die Tage gerne machen, wenn du Lust und vor allem Zeit dazu hast."

Von allen Seiten wurde er angesehen, auch von Kevin, der sein Problem in den Griff bekommen hatte und die Antwort kaum erwarten konnte. Hoffentlich sagte er zu, verbrachte ein paar Stunden mit ihnen und was noch wichtiger war, ihm eine neue Chance gab. Er war nervös, rutschte hin und her, griff zur Zigarette und wurde von Andre komisch angesehen.

"Rauchst du wieder?"

"Nur, wenn ich nervös bin", rechtfertigte Kevin sich wie aus der Pistole geschossen und grinste schief.

Andre erwiderte die Worte mit einem Lächeln. "Wie mir scheint, muss ich dich echt neu und besser kennenlernen. Viel weiß ich nicht über dich und du weißt noch weniger."

"Dann bist du dabei?", mischte Jack sich hoffnungsvoll ein.

"Bin ich. Wann und wo steigt die Party?", wollte Andre wissen, während auch er sich eine Zigarette anzündete und diese langsam rauchte.

Kevin und Jack sahen sich kurz an, grinsten über beide Ohren. "Bei mir, also auf dem Hof. Kennst ihn ja noch."

Kennen? Wohl kaum, Andre war einmal da gewesen und das war Jahre her. Jack feierte damals seinen zwanzigsten Geburtstag. Viele waren da und wenn er es richtig in Erinnerung hatte, war er nach nicht mal zwei Stunden wieder verschwunden.

"Vage, Jack, ganz vage", winkte er deshalb ab, drückte seine Kippe im Aschenbecher aus und stand langsam auf. "Ich finde es aber schon und wenn nicht, frage ich Adam. Er war immerhin ja schon öfter bei dir."
 

Verstehend nickte der junge Mann mit den markanten Gesichtszügen. "Dann sehen wir uns übermorgen, so gegen sieben?"

Andre erwiderte darauf nichts, hob aber zum Abschied die Hand und folgte seinem jüngeren Bruder über die Straße. Zurück blieben Kevin und Jack, die kurz darauf die Rechnung verlangten und zahlten. "Denkst du, er kommt wirklich?" Jack sah seinen besten Freund an. Hoffnung schien neu aufzukeimen und inständig hoffte er, dass Kevin nicht wieder auf die Nase fiel. 

Nochmals würde er das nicht durchstehen. Da konnte er noch so sehr eine Mauer um sich bauen. Irgendwann bröckelte diese und riss ein. Jack legte freundschaftlich den Arm um seinen besten Freund und schmunzelte. "Warten wir es ab."

 

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Kapitel:13
Sätze:734
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Zeichen:100.237

Kurzbeschreibung

Ganze zwölf Jahre hatte er seine Gefühle für diesen ganz bestimmten Menschen versteckt. Er muss sich jedoch eingestehen, dass er nicht bereit ist, ihn hinter sich zu lassen und nach vorn in eine noch ungewisse Zukunft zu blicken.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Erotik und Alltag gelistet.