Storys > Romane > Liebe > Absinthe

Absinthe

6
6.1.2019 10:07
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Zunächst siehst du die Welt, wie du sie dir ersehnst.

Danach siehst du sie, wie sie nicht ist.

Und letztlich siehst du die Welt so, wie sie wirklich ist.

Und das ist das wohl Schrecklichste auf der Welt.

- Frei nach Ada Leverson, 1930-

Kopfschmerzen.
Rasende Kopfschmerzen wüten hinter meiner Stirn, während ich den noch schwachen Sonnenstrahlen zuschaue, wie sie das Schwarz der vergangenen Nacht vertreiben. Kalt zieht die Feuchtigkeit zu mir hoch, setzt sich in meinen Kleidern fest und lässt mich erbärmlich frieren.
Verschwommen sehe ich die Stadt am Fuße des Hügels. In einen wohligen Dunstschleier gehüllt, döst sie leise atmend vor sich hin. In der Ferne steigen die unförmigen Rauchsäulen der zahllosen Fabrikschlöte gen Himmel, vermischen sich mit der pechschwarzen Rußwolke des ratternd in den Bahnhof Gare du Nord einfahrenden Nachtexpresses aus Lyon.
Das ist Paris.
Zumindest das, was ich von meiner sicheren Anhöhe am Rande der Stadt davon mitbekomme.
Das lautstark pulsierende Herz des Landes ist unheilbar infiziert von einem euphorischen Aktionismus, der jedoch aus einem unerfindlichen Grund vor mir Halt gemacht hat. Selbst damals war ich nicht euphorisch, als ich mit viel zu großen Hoffnungen hier ankam, nur um schnell festzustellen, dass große Hoffnungen stets verbunden sind, mit noch größeren Enttäuschungen.
Ich habe ihn so satt.
Einfach nur so dermaßen satt, diesen ewig in Bewegungen erscheinenden, niemals befriedigten Moloch, der stets mit sich selbst beschäftigt ist und dem dies vollkommen genügt.
Für Künstler, Freigeister und verrückte Idealisten aus aller Welt gibt es aber offenbar keinen besseren Ort, um ihr Glück zu finden.
Zumindest glauben sie das.
Zu Hauf strömen sie in die Stadt – keinen blanken Centime in der Tasche, dafür Unmengen an Träumen im Gepäck, die es erst noch zu Asche zu zermalmen gilt. Sie alle tummeln sich an diesem Ort auf dem Hügel nördlich der Großstadt. In den Straßen und billigen Absteigen, fernab von den glitzernden Lichtern und den schönen Kleidern auf dem Champs-Élysées.
Angeschwemmt wie Treibgut.
Montmartre.
In dessen irrgartengleichen Gassen zu meinen Füßen werden wie jeden Morgen lustlos die letzten Überbleibsel der vergangenen Nacht beseitigt. Fensterläden werden klappernd aufgeschlagen, Unrat mit müden Bewegungen zusammengekehrt – selbst die hartgesottenen Nachtschwärmer machen sich wankenden Schrittes auf den Weg in ihre Betten.
Mit matten Bewegungen stütze ich meinen vor Schlafmangel dröhnenden Kopf auf meine verschränkten Unterarme und starre weiter zur Stadt hinab, über der leise wabernd die Feuchtigkeit aufsteigt. Von hier aus betrachtet wirkt die Metropole Paris beinah wie das verschlafene Nest in der Bretagne.
Der Hügel des Montmartre ist wie die Klippe der Atlantikküste, Paris das kleine, an den Steilhang gepresste Dorf und der Horizont ist das graue Meer. Es ist erbärmlich, dass sich mein überarbeitetes Gehirn grade jetzt diese Ähnlichkeit einbildet. Grade jetzt, da ich es mehr denn je vermisse und zugleich nichts mehr fürchte, als zurückkehren zu müssen.
Wie spät ist es? Im Lauf der Nacht ist mir mein Zeitgefühl abhandengekommen. Das ist nichts Neues, aber dennoch ein jedes Mal entnervend. Ein schräger Blick über die Schulter auf den kleinen Taschenwecker auf dem Tisch. Die Zeiger stehen auf halb sieben.
Das gleichmäßige Pochen hinter meinen Schläfen bekommt Gesellschaft in Form eines beständig lauter werdenden Ohrensausens, das in einen schrillen Pfeiffton übergeht, als ich meinen Kopf in einer zu hastigen Bewegung von den Zeigern abwende.
Die mit einer undefinierbaren Geruchsmischung aus Essen, Ruß und Pferdemist durchsetzte Morgenluft lässt mich würgen. Hastig rapple ich mich auf und schließe das Dachfenster. Meine Beine fühlen sich vom langen Stehen taub und schwer an, durchzogen von einem unangenehmen Kribbeln, als würden Ameisen an ihnen heraufkrabbeln.
Und dort ist es.
Das große, weiße Quadrat unbemalter Leinwand steht inmitten eines heillosen Durcheinanders.
Weiß.
Wie ich diese Farbe mittlerweile hasse. Diese Nichtfarbe. Der unübersehbare Beweis, dass ich mir erneut eine Nacht vollkommen umsonst um die Ohren geschlagen habe.
Langsam gehe ich auf das weiße Ungetüm zu, beginne es zu umrunden, mit den Füßen dann und wann etwas auf dem Boden zur Seite schiebend.
Es ist einfach nur deprimierend. Mit eisern vor der Brust verschränkten Armen gehe ich zu meiner neuen Lieblingsbeschäftigung über. Dem zur tagtäglichen Gewohnheit gewordenen Starrwettbewerb mit der weißen Fläche. Und es ist ein jedes Mal von vorn herein klar, wer den längeren Atem haben wird. Seit Monaten geht dieses Elend nun schon so. Ich schlage mir die Nächte um die Ohren und vergeude meine Tage in der krampfhaften Anstrengung etwas – irgendetwas – Brauchbares auf das grobe Leinen zu bringen.
Doch nichts will mehr gelingen!
Leise aufseufzend den Blick abwendend, beschließe ich wenigstens etwas Sinnvolles zu tun und die Farben und Pinsel auf dem windschiefen Regal neben der Staffelei zu ordnen. Und während meine Finger über die Pulverfläschchen mit den unterschiedlichsten Pigmenten huschen und hier und dort einen Korken fester propfen, oder lustlos die Reihenfolge vertauschen, bahnt sich noch etwas anderes seinen Weg in mein Blickfeld. Ich hätte es längst aus dem Regal herausnehmen und an irgendeinem dunklen Fleck verstecken sollen. Die Sepiafarbe der Fotographie beginnt bereits durch zu viel Sonneneinstrahlung zu verblassen; allerdings war sie von Anfang an von keiner guten Qualität. Arm in Arm stehen meine Eltern vor dem Objektiv in der prallen Sonne eines drückenden Sommernachmittages. Die blonden Haare meiner Mutter wirken auf der Fotographie fast Weiß. Sie wirkt so viel älter, als sie eigentlich ist, wohingegen mein Vater hinter seinem undurchdringlichen, schwarzen Bart regelrecht zu verschwinden scheint. Als wolle er sich dahinter verstecken.
Es schnürt mir die Kehle zu und ich stelle das Fläschchen in meiner Hand hastig zurück auf das Regal.
Paris ist schrecklich. Doch das Fischerdorf in der Bretagne ist schlimmer.
Selbst in der prallen Sonne eines herrlichen Sommertages ist es schlimmer.
Die letzten Falschen verkorkt und sortiert, betrachte ich mit einer gewissen Genugtuung mein Werk, fahre jedoch durch das laute Zuschlagen der Haustür drei Etagen unter mir unweigerlich zusammen. Unwillkürlich ziehen sich meine Augenbrauen zusammen, während ich dem Tumult im Treppenhaus lausche. Die Treppe, welche ihre besten Tage seit Jahrzehnten hinter sich hat, ächzt unter jedem Schritt. Bestimmt ist es Madeleine, das Model aus dem ersten Stock, das nach einer durchzechten Nacht bei einem ihrer Freier zurück nach Hause torkelt.
Matt wende ich mich erneut der Staffelei zu, um das mittlerweile rostbraune Malwasser auf die vertrockneten Blumenreste neben der Staffelei zu gießen.
"Noël! Noël mein Freund!"
Verdammt!
Das Glas rutscht mir aus den Händen und zerspringt, das braune Wasser verteilt sich in einer Windeseile über den abgeschabten Boden, kriecht in jede Ritze.
"Eine Etage tiefer, Madeleine!", brülle ich wütend Richtung Tür, während ich das erstbeste Stück Stoff vom Tisch zerre und versuche der Überflutung Einhalt zu gebieten.
Das laute Krachen und Poltern im Treppenhaus, zusammen mit dem elendigen Quietschen der Stufen und diese Sintflut in meinem Atelier, all das zehrt wie kleine Teufel an meinen Nerven.
"Noël, Herrgott nochmal!"
Die ohnehin nur noch schräg in einer Angel hängende Tür wird mit einem Schlag so weit aufgestoßen, dass sie hallend gegen die Wand prallt und augenblicklich platzt etwas in den Raum, das frappante Ähnlichkeit mit einem wandelnden Zeitungsstand hat.
Ein einziger Wust aus Papieren und Plakaten, gehalten von einem zwergenhaft Mann, dessen dickliche Ärmchen sich fest um die ihm teilweise bis zum Kinn reichenden Papierrollen klammern. Man hätte genauer hinsehen müssen, um das Gesicht des Mannes zu erkennen, wohlwissentlich spare ich mir jedoch dieses genauere Hinsehen.
"Erkennst du etwa nach all der Zeit noch nicht einmal meine Stimme?", keucht der Mann schnippisch in der für ihn typischen hohen Stimmlage.
"Doch, doch natürlich... eine Sekunde", presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, da ich mit Schrecken feststelle, dass sich das Stück Stoff vom Tisch als mein einziges gutes Hemd entpuppt.
Hilflos sehe ich zu, wie der letzte Rest Wasser vom Leinen aufgesogen wird und rote Flecken auf dem ehemals weißen Stoff hinterlässt. Ein tonloses „Guten Morgen Toulouse" murmelnd, werfe ich mein ehemals bestes Hemd auf den Tisch zurück und gehe mit zwei eiligen Schritten zu ihm.
"Bist du aus dem Bett gefallen? Du stehst doch sonst nicht vor Mittag auf", stichle ich gereizt, während ich versuche meinen ungebetenen Gast so unbeschadet wie möglich ins Innere des Ateliers zu lotsen. Ich bin nicht auf noch mehr Scherben aus.
"Noël, mein Bester", dringt es erneut leicht angesäuert unter stoßweise hervorgebrachtem Japsen aus den Tiefen der Papierrollen. „Du weißt, dass ich ein nachtaktiver Mensch bin und als solcher brauche ich tagsüber Schlaf. Und nein, ich bin nicht aus dem Bett gefallen."
Unter lautem Rascheln wird mir ein Großteil des unhandlichen Gepäcks in die Hände gedrückt, sodass ich ein von Lachfältchen umringtes Auge erkennen kann. Durch die fest auf seine Nase geklemmte Brille nur umso größer wirkend.
"Abgesehen davon solltest du bei deinem nächsten Umzug eine Wohnung im Parterre in Betracht ziehen. Diese Treppe ist mörderisch! Vor allem für jemanden mit meinen kurzen Beinen."
Ich lächle schwach, antworte jedoch nicht. Mein nächster Umzug führt mich aller Wahrscheinlichkeit nach zurück zu Reusen, Fischernetzen und Kuttern.
"Du solltest mehr an deine Freunde denken!", schnauft Toulouse verächtlich und schielt mit einem schrägen Zug um die stark behaarten Mundwinkel zu mir hoch. Ein feiner, glänzender Schweißfilm hat sich auf seiner fliehenden Stirn gebildet und bringt die einzelnen, ungebändigt an ihr klebenden Strähnen zum kräuseln.
"Ich werd's mir merken", nuschele ich gepresst und ziehe mit meinem linken Bein die Tür hinter ihm ins Schloss.
"Das solltest du auch", fährt mein Besucher etwas mehr bei Atem fort. Für einen kurzen Augenblick bleibt mir die Luft weg, als er mir mit einer der Papprollen einen schmerzhaften Schlag in die Rippen versetzt.
"Hast du eine Ahnung, wie sehr es mir ein jedes Mal davor graut dich zu besuchen?", in einer achtlosen Geste wirft er sein Gepäck auf die Couch unterhalb des Dachfensters, sodass die Sprungfedern nur so quietschen.
"Und das liegt nicht daran, dass mir deine Gesellschaft zuwider wäre. Das liegt einzig und allein an dieser gottverdammten Treppe!"
Und mit diesen Worten lässt sich Toulouse geräuschvoll neben seine Plakate auf die Couch fallen, die im Verhältnis zu seinem eh schon nicht gerade hochgewachsenen Körper dennoch viel zu kurz wirkenden Beine demonstrativ überschlagend.
"Ich brauche das Licht. Das solltest doch grade du verstehen, oh größter Künstler der Bohème."
"Schon einmal was von Kerzen und Petroleum gehört, mein Bester?", gibt er betont gelassen zurück, sich den buschigen Bart mit wulstigen Fingern kraulend.
"Und welches Licht meinst du bitte?", er blickt sich suchend um.
"Diese erbärmlichen Strahlen, die es geschafft haben, sich ihren Weg durch das milchige Ungetüm in dein düsteres Kämmerlein zu bahnen?"
Ich zucke desinteressiert mit den Schultern. Ich hege nicht im Geringsten die Absicht auf die ewig gleichen und sich seit gut zwei Jahren ständig wiederholenden Vorhaltungen meines Freundes einzugehen. Toulouse scheint dies zu bemerken.
"Hast du in dieser Kaschemme auch etwas zu trinken?", mault er in den Raum hinein, mich noch nicht einmal ansehend, während er sich mit puppenhaften Bewegungen den Zylinder richtet.
Wortlos greife ich nach einer Flasche auf dem Tisch und lasse mich mit ihr stoisch schweigend neben Toulouse auf die Couch sinken. Ich bereue die Tat im selben Augenblick, rostige Eisenfedern bohren sich in meinen Rücken und meine Oberschenkel.
"Da, nimm!"
In einer schlaksigen Bewegung halte ich meinem ungebetenen Gast die Flasche schalen Apfelmosts unter die Nase.
"Trink und erzähl mir, was dich unter Einsatz von Leib und Leben veranlasst hat, mich in meiner Abstellkammer zu besuchen."
Mir die Flasche wortlos aus den Händen reißend und den Seitenhieb geflissentlich ignorierend, nimmt Toulouse einen großen Schluck, ehe er sie wohlig seufzend sinken lässt. Ich bezweifele, dass es ihm geschmeckt haben kann, so langsam aber sicher verwandelt sich der Apfelmost in Essig.
"Ich bin gekommen, weil ich dir etwas zeigen möchte", entgegnet er mit steifen Gesichtszügen gegen den beißenden Geschmack in seinem Mund ankämpfend. Er langt nach der längsten Papierrolle und beginnt den Knoten des Paketbandes zu lösen.
"Ohne weitere Übertreibungen kann ich dir nur eines garantieren", ein sich über die ganze Breite seines Gesichts erstreckendes Grinsen legt sich auf seine Züge, als er unbeholfen und mit wachsender Ungeduld an dem Band herumwerkelt.
"Du wirst hellauf begeistert sein!"
Die braunen Augen, die hinter seiner runden Brille eifrig hin- und her huschen, hätten problemlos die eines Zehnjährigen sein können, als er mit einem dröhnenden „Taadaa!" aufspringt, um das Plakat zu entrollen.
"Ein Werbeplakat", stelle ich nüchtern fest, während ich interessiert auf das gut einmeterzwanzig lange Poster in Toulouses Händen blicke. Toulouse drückt es mir so nah vor die Nase, als wolle er, dass ich in das Bild hineinkrieche. Der beißende Geruch der noch nicht lange getrockneten Farben steigt mir penetrant in die Nase und bringt die altbekannten Kopfschmerzen zurück.
Und obwohl mir absolut nicht danach zu Mute ist, kann ich es nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf meine Lippen schleicht, als mir die Motivwahl auffällt.
"Ganz genau, mein scharfsinniger Freund. Ein Werbeplakat", grinst Toulouse selbstgefällig, sodass seine Bartspitzen zucken. Seine Armspanne ist nicht weit genug, um das Poster gerade in seiner vollständigen Breite zeigen zu können, sodass er es unzufrieden grummelnd auf dem blanken Holzboden ausbreitet, ehe er das Papier sorgsam glattstreichend fortfährt:
"Und? Was sagst du?"
Seine Stimme wird schrill.
"Ich komme direkt von Charles."
"Oh, sieh mal einer an, ihr duzt euch?"
Nur halbherzig verkneife ich mir ein Lachen. Toulouse wirft mir einen bösen Blick zu, energisch die letzten Fältchen an den Ecken glättend.
Spöttisch eine Augenbraue hochziehend, betrachte ich das bunte Werk meines Freundes in seiner vollen Größe. Anlass des Plakats ist die Ankündigung der zweimal wöchentlich stattfindenden Tanz- und Maskenbälle, zu denen sich schier halb Paris im Innern des Moulin Rouges versammelt. In leuchtendem Rot prangt der Schriftzug des berüchtigten Varietés über dem freizügigen Abbild einer tanzenden Frau, die ihre langen Beine aufreizend in die Höhe streckt.
Des kauzigen Malers liebstes Motiv.
Die lediglich als unklarer Schattenriss gezeigte Gestalt im Hintergrund des Posters kommt im Vergleich allerdings gar nicht gut weg.
"Und was hat Zidler dazu gesagt?", hake ich schließlich gedehnt nach.
Sich selbstzufrieden in die Brust werfend und stolz den Rücken durchdrückend, platzt es aus Toulouse heraus, als hätte er die ganze Zeit über nur darauf gewartet, dass ich endlich diese Frage stellte.
"Ich habe um zehn einen Termin mit der Druckerei. Heute Abend schon wirst du um den Place Blanche keine einzige Wand mehr finden, an der es nicht hängen wird!"
"Heute Abend? Ist das nicht ein bisschen kurzfristig?"
"Ich habe es nicht früher fertigbekommen und Zidler will es für den heutigen Tanzball unbedingt als Werbung haben", antwortet er, gen Ende des Satzes wieder auffallend schrill.
"Die ganze Nacht habe ich daran gesessen. Von wegen aus dem Bett gefallen, mein Lieber."
Erst jetzt fallen mir die violetten Ringe unter seinen Augen auf. Wortlos sehe ich dabei zu, wie Toulouse grinsend beginnt das Plakat zusammen zu rollen.
"Ich bin gespannt was Louise sagen wird."
Sein Blick nimmt augenblicklich einen anderen Ausdruck an, als er zu der Cancan tanzenden Frau in den weiten, wallenden Röcken gleitet und mit dem Einrollen für einen kurzen Augenblick innehält.
"Sicherlich findet sich Nimmersatt gut getroffen", entgegne ich grinsend.
Anscheinend waren Toulouse und das Motiv seines Plakats endlich über die Phase des stummen, gegenseitig Anstarrens hinausgekommen.
Stoisch meinen letzten Kommentar ignorierend, zurrt Toulouse den Knoten des Paketbandes fest.
Sich mit knackenden Knien erhebend, streift sein schweifender Blick die weiße Leinwand. Das bärtige Kinn zwischen zwei Fingern reibend, tritt er näher an die Staffelei, bis seine Nasespitze beinah gegen den Holzrahmen stößt.
"Noch immer nichts, mh?"
Es ist diese Frage, die ich nicht von ihm hören will.
Und das weiß er.
Seine Hand schlägt einige Male bestätigend gegen den unteren Teil der Leinwand. Er zieht die Augenbrauen hoch, sodass sie sich wie dunkle Halbmonde über den Rand seiner Brille spannen. Ich zucke entschuldigend mit den Schultern, seinem fragenden Blick ausweichend.
Mitleid und ein diffuser Vorwurf spiegeln sich in ihm wider.
"Was hast du da eigentlich noch mitgebracht? Dieser Schwung an Papierkram?", wechsle ich hastig das Thema und ohne mein Zutun vollführen meine Arme eine viel zu ausladende Geste zu dem Stapel an Blättern auf dem Tisch. Toulouse zuckt müde mit den Achseln.
"Skizzen, Ideen, Impressionen. Wie auch immer du es nennen willst. Ich dachte mir, ich bringe dir mal ein wenig Leben in deine bescheidene Hütte."
"Du hast ausgemistet und dachtest dir, dass du bei mir deinen Müll abladen kannst", entgegne ich spitz und um einiges schnippischer, als beabsichtigt. Das Resultat ist, dass sich die buschigen Brauen erneut verärgert zusammenziehen.
"Ganz im Gegenteil, mein junger Freund, ich habe mit viel Bedacht ausgewählt", entgegnet er knapp und mit einer gewissen Kühle, geht zum Tisch und wirft mir anschließend einen Stapel an fein ausgearbeiteten Skizzen der Basilika Sacré-Cœur in den Schoß.
"Ich hätte dir auch Zeichnungen von wunderschönen, nackten Frauen mitbringen können, aber ich dachte mir, das hier passt besser zu dir."
Ich bekomme nichts weiter, als ein kurzes Nicken zustande, während ich in einem schnellen Abmessen die Skizzen durchblättere, seinen Seitenhieb wohlweißlich ignorierend. Meine Güte, wie lange bin ich denn nicht mehr aus meinem Atelier herausgekommen?
"Bedank dich bei mir, indem du endlich was damit anfängst und aus deiner Apathie erwachst!"
Toulouse verdreht theatralisch die Augen, als ich ihn verständnislos anblicke.
"Meine Güte, Junge mach' was draus, mehr kann ich dir nicht raten. Während du hier im Innern hockst, Grünspan ansetzt und Trübsal bläst, zieht draußen das Leben an dir vorbei!"
Wie zur Bestätigung seiner Worte deutet er zum Fenster, hinter dem auf der darunter befindlichen Straße just ein Kind anfängt lauthals nach seiner Mutter zu schreien.
"Mir würde ebensowenig einfallen, würde ich Tag um Tag nur die gleichen, abblätternden Tapeten anstarren."
Sein Blick bleibt kurz an den Trockengewächsen neben der Staffel hängen, verfinstert sich. Betreten tue ich es ihm gleich und betrachte abwesend die im vollen Tageslicht noch armseliger aussehenden Blumenreste. Ich sollte wirklich aufhören sie mit dem alten Malwasser zu gießen.
"Andererseits, warum abgelegte Inspirationen aus zweiter Hand aufwärmen, wenn du sie genauso gut erleben kannst?"
Er scheint dies mehr zu sich selbst, als an mich gerichtete gesagt zu haben. Gedankenverloren dreht er die Bartspitzen zwischen seinen schwieligen Fingern, bis es ihn wie ein Blitz durchfährt und sich sein ganzer Körper aufrichtet.
"Und ich kenne zufällig genau den richtigen Ort für ein solches Unterfangen!"
"Der da wäre?", echoe ich matt, mit dem flauen Gefühl im Magen, dass ich seine Antwort auf meine Frage bereits kenne und sie mir nicht gefallen wird.
"Das Moulin Rouge!"
"Ich weiß nicht."
"Wie bitte, du weißt nicht? Was zur Hölle gibt es beim Moulin Rouge nicht zu wissen?"
Er springt mir beinah ins Gesicht bei diesen Worten.
"Und was willst du stattdessen machen, mh? Hier in deiner Abstellkammer versauern und die weiße Leinwand hypnotisieren, in der Hoffnung, dass sich dein nächstes Bild von selbst malt?"
Toulouse vollführt eine wegwischende Handbewegung, als wolle er alle im Raum schwebenden Einwände mit einem Schlag zerstreuen.
"Du musst rauskommen, mein junger Freund. Leben! Du bist hier inmitten von Leben, der lebendigsten Stadt der Welt. Und was machst du?"
Schweigend weiche ich seinem Blick aus, tiefer in die harten Federn der Couch einsinkend, in der vagen Hoffnung, sie möge mich verschlucken.
"Diese Frage kann ich problemlos für dich beantworten, mein Lieber", poltert er weiter, sich mit jedem Wort mehr in Rage redend. "Nichts tust du. Rein gar nichts!"
Das weiße Quadrat.
Es fröstelt mich. Nichts.
Deutlich hörbar ausatmend, versucht sich mein Freund zu sammeln, unbeholfen geht er vor mir in die Hocke, ein wenig sanfter, jedoch nicht weniger vorwurfsvoll fortfahrend:
"Noël, das kann so nicht weitergehen. Warum bist du überhaupt noch hier, wenn du gar nicht mehr hier sein willst?"
Seine dunklen Augen versuchen unentwegt Blickkontakt mit den meinen aufzunehmen, doch lasse es das nicht zu.
Ich schüttle nur abwehrend den Kopf, den Blick unverwandt auf das weiße Nichts gerichtet, mit aller Macht die aufsteigenden Tränen unterdrückend.
Zwei warme Hände legen sich auf meine Knie, drücken sanft zu.
"Noël?"
"Ich weiß es nicht", mein Hals fühlt sich wund und kratzig an. "Ich weiß es einfach nicht."
Toulouse nickt nur. Die Wärme weicht von meinen Knien, als er sich mit steifen Bewegungen aufrichtet und beginnt lustlos das Zimmer zu durchmessen.
"Ich weiß zumindest eines. Du hockst hier und vergeudest deine Jugend und dein Talent. Und das ertrage ich nicht."
Das gerollte Poster fest unter seinen Arm geklemmt, rückt er den leicht verbeulten Zylinder zurecht, ehe er sich zur Tür wendet.
"Wie du weißt, habe ich noch einen Termin mit der Druckerei", gibt er im Gehen von sich und ich kann nicht in Worte fassen, wie erleichtert ich darüber bin.
"Viel Erfolg wünsche ich dir", rufe ich ihm nach und schaue verdutzt hoch, als er noch einmal innehält.
"Den Erfolg wirst du sehen. Wie ich bereits sagte, heute Abend wirst du keine Straße um den Place Blanche mehr finden, in der mein Poster nicht hängen wird", im Gehen winkt er mir noch kurz über die Schulter hinweg zu.
"Wir sehen uns heute Abend. Halb acht steht die Droschke vor deiner Tür, keine Widerrede. Und wenn das bedeutet, dass ich dich persönlich aus diesem Haus schleifen muss."
Zum Abschied schlägt er die Tür mit einer solchen Wucht hinter sich ins Schloss, dass die maroden Schrauben der Türscharniere gefährlich wackeln.
Mit einem Mal kommt mir die Stille in meinem Atelier unerträglich vor.

 

Wie ein rotes Leuchtfeuer drehen sie sich in der Ferne und stechen mir so penetrant in die Augen, dass ich sie schnell zukneife. Mit spielerischer Leichtigkeit ziehen sie die Aufmerksamkeit aller, die sie auch nur für einen kurzen Moment erblicken, auf sich. Die überdimensionierten Flügel der berühmt-berüchtigten roten Mühle, deren grelle Farben die Besucher anlocken, wie ein Irrlicht die Motten in der Dunkelheit. In der Länge beinah so hoch, wie die angrenzenden Häuser, drehen sich die Flügel wie von Geisterhand betrieben in einem stets gleichbleibenden, monotonen Rhythmus – Elektrizität. Ihr ist mit Sicherheit auch das warme und dennoch seltsam unwirkliche Licht der vielen kleinen Lämpchen geschuldet, die den Place Blanche an diesem angenehm kühlen Spätsommerabend erhellen.
Der Erfolg dieses Varietés ist in der Tat beeindruckend. Erst vor drei Jahren eröffnet, hat sich das Moulin Rouge in einer atemberaubenden Geschwindigkeit zu einem der Publikumsmagneten des Montmartre gemausert. Ein Anziehungspunkt für Männer und Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten - und mein werter Freund Toulouse stets mittendrin im Getümmel. Seinen Erzählungen zu Folge tanzen und schunkeln hier Fabrikbesitzer und Gewerkschaftsführer mit einem seligen Lächeln auf den Lippen Seite an Seite und vornehme Adlige erheben die Gläser mit hoffnungslos abgebrannten, jedoch auf ihre eigene, skurrile Art unterhaltsamen Schöngeistern. In dieser Halbwelt des frivolen Nervenkitzels gibt es offensichtlich keinerlei Klassenunterschiede mehr. Das ist auch der einzige Aspekt, in dem mir das Moulin Rouge nicht bis ins Mark suspekt ist. Ein jeder sei gleich dem anderen, haben sie doch allesamt ihren einen Franc für ein Ticket in eine farbenprächtige, für kurze Zeit die Realität übertünchende Traumlandschaft bezahlt.
So lauten die in den schillerndsten Farben ausgeschmückten Erzählungen, die man über diesen Ort in den Straßen des Montmartre zu hören bekommt und ich glaube ihnen, denn wenn einer wissen muss, wie es im Innern der roten Mühle wirklich zugeht, so ist es der kleine Mann neben mir, der sich gerade mit einem wohligen Murmeln tiefer in die zerschlissenen Ledersitze der Kalesche drückt. Seit seiner Eröffnung ist Toulouse beinah jeden Abend im Moulin Rouge anzutreffen, unter dem mehr als fadenscheinigen Vorwand neue Motive für seine Bilder finden zu wollen.
Wirklich mehr als fadenscheinig, denn nicht erst seitdem ich von Louise weiß, beschleicht mich der Verdacht, dass es ihm bei seiner Begeisterung für dieses Varieté längst nicht mehr nur um die Ausübung seiner Kunst geht. Sollte es ihm jemals wirklich nur darum gegangen sein.
Meinem Freund einen verstohlenen Seitenblick zuwerfend, frage ich mich allerdings, ob seine Chancen bei Louise wirklich so gut stehen, wie er es sich wünscht.
Mit Wohlwollen und auf hohen Absätzen an die 1,50 Meter reichend, hat er stets etwas Verhutzeltes, Zwergenhaftes an sich, was seine durchaus eigenwillige Form der Bekleidung - eine im wahrsten Sinne des Wortes bunte Mischung aus allen möglichen und unmöglichen Mode- und Stilrichtungen - eher unterstrichen, als kaschiert. Er ist noch jung, kann noch keine Dreißig sein, doch lassen ihn der wallende Bart und seine ganze verschrobene Art bedeutend älter wirken. Auf eine belustigende Weise distinguiert und altklug.
"Ich bin dir übrigens immer noch böse, dass du mich allen Ernstes in dieses Tollhaus schleifst."
Ich blicke nach vorne, hinaus auf die schnell vorbeihuschende Straße, doch erkenne ich aus dem Augenwinkel, wie sich ein selbstzufriedenes Lächeln auf den Lippen meines Freundes formt, ehe er antwortet:
"Manche Menschen muss man eben zu ihrem Glück zwingen, mein junger Freund. Finde dich damit ab. Du hast einen Tapetenwechsel bitternötig."
"Und manche Menschen vertrauen zu sehr darauf, dass man ihnen all ihre Faxen verzeiht."
"Natürlich. Und eigentlich hast du mir auch schon längst verziehen."
Auch wenn ich es nicht sehe, so weiß ich, dass sich seine Augenbrauen wieder fragend über die Brillenränder spannen.
Und das Schlimmste ist, dass er Recht hat. Eigentlich bin ich ihm längst nicht mehr böse. Die Wut ist bereits im Laufe des Tages abgeflaut und hat einem wesentlich ekligeren Gefühl Platz gemacht. Seit Stunden fühle mich fürchterlich aufgekratzt und auf kindliche Weise panisch nervös, dass es mir den Magen zusammenkrampft und ich meine Hände nicht mehr stillhalten kann. Daran ändert auch nichts, dass sich die Anzahl der von Toulouse gemalten Plakate, welche schemenhaft an uns vorbeijagen, innerhalb der letzten Minuten schier verzehnfacht hat. Wie von meinem Freund angepriesen, hängen sie in diversen Ausführungen an allen Wänden und an jeder Litfaßsäulen.
Wir kommen näher. Die roten Flügel werden größer.
Bedrohlicher.
Das schnelle, gleichmäßige Klappern der Hufe auf unebenem Kopfsteinpflaster und das Rattern der Räder gleicht einem beruhigendem, beständig gleichbleibendem Stakkato, einem dumpfen Herzschlag, der jedoch abrupt unterbrochen wird, als die Kalesche auf den Boulevard de Clichy einbiegt und auf Schritttempo abbremst.
"Da sind wir ja endlich!", frohlockt Toulouse in einem Tonfall, als sei dies die Überraschung des Tages und als habe er überhaupt nicht damit gerechnet. Ich wünschte aufrichtig, ich könnte seine Freude teilen. Meine Hände verkrampfen sich unwillkürlich in meinem Schoß, taube Finger krallen sich ineinander.
Sich in den von viel zu vielen Fahrgästen durchgesessenen Polstern mühsam aufrichtend, lehnt sich Toulouse bereits halb aus dem Innern des Wagens, selbst als dieser noch nicht ganz steht. Er kann es kaum mehr erwarten auszusteigen. Sich flink den schiefsitzenden Zylinder richtend, wirft sich Toulouse in Positur. Die Pferde halten mit leisem Schnauben einige Meter vom Eingang des Varietés entfernt hinter einer langen Schlange von weiteren Kutschen und Droschken.
Wir sind also angekommen.
Und wie ich es mir nicht anders in meinen schlimmsten Träumen hätte ausmalen können, scheint allgemeine Hektik und turbulente Aufregung diesen Ort fest im Griff zu haben. Sobald die Dämmerung einsetzt, kommen die Menschen von überall her wie Nachtfalter aus ihren Verstecken eingetrudelt. Im flackernden Licht der Gaslaternen vor dem Moulin Rouge schimmern die bunten Kleider der Frauen wie die Flügel eines Schmetterlings und das warme Licht bricht sich in den glänzenden Zylindern ihrer Begleiter.
Die metallene Trittleiter mit zwei für ihn sehr großen, federnden Schritten hinabspringend, richtet Toulouse sein etwas zerknittertes, schwarzes Cape, ehe er abwartend und mit einer nicht zu übersehenden Ungeduld zu mir hinaufblickt.
"Heute noch, Monsieur. Die Damen warten nicht!"
Sein kleiner Fuß trippelt bei diesen Worten ungeduldig auf das Kopfsteinpflaster.
Eilige versuche ich meine doch wesentlich längeren Beine aus dem engen Innern des Wagens zu befreien und als es mir schließlich gelingt, hat sich mein Begleiter bereits auf dem Absatz umgedreht und tapert schnellen Schrittes das Trottoir hinab, seinen Spazierstock dabei lässig in der linken Hand hin und her schwingend wie ein Dandy.
Ich folge ihm kopfschüttelnd.
Meine Güte, Toulouse hat wirklich nicht übertrieben als er sagte es würde um das Moulin Rouge keine Straße mehr ohne sein Plakat geben. Louise strahlt mir in zigfacher Ausführung von allen Seiten entgegen, das Rot der Schrift leuchtet warm und fällt sofort ins Auge.
Der Druck ist erstaunlich gut geworden. Das haben sich Oller und Zidler einiges kosten lassen.
"So mein lieber Freund, da wären wir", verkündet es Toulouse lautstark und vollführt eine ausladende Geste als sei er der Herr eines großen Anwesens, der Gäste geladen hat, als wir vor der Front des Moulin Rouge, direkt unter der sich leise surrend, fortwährend drehenden Mühle zum Stehen kommen.
"Danke Toulouse, das hätte ich ohne deine Hilfe niemals herausgefunden...", murmle ich abwesend und bin gänzlich fasziniert von den sich direkt über meinem Kopf drehenden bunten Lichtern. Bewundernd lege ich meinen Kopf in den Nacken, dass mir beinah der schlecht sitzende Zylinder vom Kopf fällt. Wie fast alles an meiner Ausstattung ist auch er eine Leihgabe eines von Toulouses zahlreichen Freunden. Wir haben nur leider nicht dieselbe Größe, weder was Zylinder, noch Jacketts anbelangt, woran mich der immer wieder von meinen Schultern rutschende Stoff stets aufs Neue erinnert.
Ohne mein Zutun schleichen sich mir die Bilder eines ausstaffierten Pudels in den Kopf...
"Was ist das für ein Turm?", frage ich in dem Moment, da ich mich umwende, um besser an meinem Jackett herumwerkeln zu können und den eindrucksvollen, mittelalterlich anmutenden Turm zur Linken des Varietés bemerke.
"Das ist der gotische Turm. Dort kannst du zu Abendessen, wenn du willst", entgegnet Toulouse trocken, für ihn ist am Äußeren des Moulin Rouge absolut nichts mehr neu oder interessant. Er hat bereits damit begonnen sich an der langen Schlange der Wartenden vorbei zu drängeln und bedeutet mir mit hektischen Handbewegungen ihm zu folgen. Er schwingt seinen auf Hochglanz polierten Gehstock dabei so wild hin und her, dass es einem der Herren neben ihm beinah den Zylinder vom Kopf schlägt. Den finsteren Blick, welchen sich Toulouse dafür einfängt, registriert er nicht.
Ich werfe noch einen letzten Blick auf den erkerhaften Vorbau, der sich wie die Turmspitze einer Kathedrale in den langsam dunkler werdenden Himmel erhebt und schon folge ich Toulouse widerwillig an der Warteschlange vorbei. Dieser Turm verleiht dem Ganzen wenigstens noch einen Hauch von Flair und Würde - ganz im Gegensatz zum restlichen, gedrungenen Erscheinungsbild der roten Mühle. Viel zu grell, viel zu bunt und vor allen Dingen hoffnungslos überfüllt.
Ein eiskalter Schauer jagt mir Gänsehaut über den Rücken und kriecht mir in alle Glieder. Das Gemurmel und die bösen Seitenblicke stoisch ignorierend, versuche ich mein Bestes, mich so schnell wie möglich an der wartenden Masse hinter Toulouse her zu schlängeln, der allein aufgrund seiner geringen Größe einen überwältigenden Vorteil hat.
Eines schönen Tages werde ich Toulouse schonend beibringen müssen, dass mir Veranstaltungen, auf denen sich viel zu viele Menschen in viel zu enge Räume drängen und in viel zu lauten Stimmen miteinander sprechen, ein absolutes Gräuel sind. Ich kann den sich zu einem greifbaren Etwas entwickelnden, bleiernen Knoten in meiner Magengrube bereits immer größer werden fühlen und er wächst noch einmal um ein beachtliches Stück, als wir uns an der Reihe vorbei durch das niedrige Eingangsportal quetschen und mir einer der Wartenden zur Begrüßung einen heftigen Stoß in die Rippen versetzt, dass mir kurz die Luft wegbleibt.
Ja, so macht man sich Freunde.
Das Innere des Eingangsbereichs ist schrecklich düster, nur hinter dem Glas des Ticketschalters brennt ein schwaches Petroleumlicht. Toulouse nickt dem hageren Mann mit der auffällig unauffälligen Miene am Schalter einmal kurz höflich zu und lüpft den Zylinder, das Raunen und Murmeln der anderen Besucher hinter sich mit gewohnter Gelassenheit ausblendend. Der Mann hinter dem Glas erwidert die Geste, doch selbst mit sehr viel Wohlwollen ist das Rucken der bärtigen Mundwinkel kaum als Lächeln auszumachen. Und selbst dieses kurze Rucken verschwindet augenblicklich wieder, als seine trüben Augen zu mir wandern und sofort die ausdruckslose Miene zurück auf sein Gesicht huscht.
"Ticket, Monsieur."
Mit einer ruckenden Geste streckt er seine knochige Hand auffordernd durch das kleine Loch in der Glasscheibe und hält sie mir wartend entgegen.
"Aber ich habe-"
Bevor ich auch nur noch ein weiteres Wort sagen kann, zieht mich Toulouse so heftig an meinem Ärmel von der Glasscheibe weg, dass mir das Jackett bis in die Armbeuge rutscht und das rostfleckige Hemd darunter entblößt.
"Das geht in Ordnung, Jaques. Unser junger Freund hier gehört zu mir", erklärt er lautstark im selben Moment, da er mich mit enormer Kraft endgültig am Sichtfenster vorbeizerrt und in den Vorhof das Varietés schubst.
Und erneut kommen mir die Bilder des prämierten Pudels in den Sinn.
Taumelnd finde ich mein Gleichgewicht wieder und fühle mich in diesem Moment so unglaublich verloren, dass mir die kurze Unterhaltung zwischen Toulouse und Jaques wie eine Ewigkeit vorkommt.
"Weißt du wo Zidler steckt?", fragt Toulouse im freundlichsten Plauderton. Jaques verzieht noch immer keine Miene.
"Gespräch mit Oller im Turm, kann nicht mehr lange dauern", erfolgt die geschnarrte Antwort und mit einem abrupten Kopfrucken weißt Jaques Toulouse ins Innere, jedoch nicht ohne mich noch eines abschätzigen Blickes zu würdigen. Offensichtlich ist er alles andere als erfreut darüber, mich ticketlos durchzuwinken.
"Herrje, ich hatte ja ganz vergessen, dass man dich hier noch gar nicht kennt", lacht Toulouse schallend sein sonores Lachen, als er sich bei mir unterhakt und mich gnadenlos weiter in den von vielen gespannten Lichterketten hell erleuchteten Innenhof schleift. Mein Arm fühlt sich an, als wäre er in einen Schraubstock gespannt.
"Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt ein Vor- oder ein Nachteil ist", entgegne ich tonlos, ich kann noch immer die bösen Blicke Jaques' spüren, wie sie sich wie Pfeifspitzen in meinen Rücken bohren.
Der parkartige Innenhof, der sich vor uns am Fuße eines kleinen Hügels erstreckt, quillt über vor Menschen, pulsiert und dröhnt vor Stimmengewirr, dass er einer einfahrenden Eisenbahn hätte Konkurrenz machen können. Und unweigerlich steuert Toulouse uns mitten hinein in den Tumult. Wie ein besoffener Schiffskapitän seinen Kutter in den Orkan.
Viel zu viele Eindrücke prasseln in viel zu kurzer Zeit auf mich hernieder und schlagen wie eine mannshohe Welle über meinem Kopf zusammen. Grade waren wir noch auf der schlecht beleuchteten, dreckigen Straße des Place Blanche. Doch sobald wir das schäbige Eingangsportal durchschritten, wurden wir wie Gulliver in eine andere, fremde Welt hineingeworfen.
"Ich warne dich Toulouse, wehe du lässt mich hier allein in diesem Chaos", zische ich gepresst, im Slalom weiterhin Armen, Beinen, Kleidern, Hüten und Stöcken ausweichend.
Es ist einfach nur unsäglich voll. Dicht an dicht gedrängt stehen Männer und Frauen vor einer kleinen, hölzernen Bühne, auf der eine Reihe von Mädchen in gefährlich durchsichtigen Tutus grade etwas aufführen, das nur mit sehr viel Phantasie Ähnlichkeit mit Ballett ausweist. Und neben der Bühne ragt etwas Graues, Großes in den Himmel und mir fallen vor lauter Starren bald die Augen aus dem Kopf.
"Toulouse, dort drüben steht ein Elefant!"
Mein Gott muss sich das dumm anhören!
Doch dort steht unzweifelhaft ein lebendiger Elefant. Riesig, grau und ungemein faltig, wie aus dem fernen Indien schnurstracks hierher transportiert.
Toulouse zu meiner Linken wendet jedoch noch nicht einmal den Kopf zu der Monstrosität, nur ein schiefes Lächeln verzieht seinen Mund.
"Der ist nicht echt", spricht er es in den allgegenwärtigen Trubel hinein, sodass seine Worte mich nur undeutlich erreichen.
"Nichts weiter als Tonnen und Tonnen von Stuck. Überbleibsel der Weltausstellung von vor zwei Jahren", er verdreht angenervt die Augen. "Noch etwas, das uns neben diesem scheußlichen Stahlskelett am Champ de Mars dauerhaft von der Ausstellung geblieben ist. Keine Ahnung für welches Land er ursprünglich hergestellt wurde, aber hinterher wusste keiner mehr wohin mit dem Ding, da hat Oller ihn für 'nen Apfel und 'nen Ei gekauft."
Mit einer von Gewohnheit zeugenden Gewandtheit bahnt sich Toulouse weiter mit mir im Schlepptau seinen Weg durch die Massen, als habe er eine imaginäre Landkarte vor Augen, denn er kann in diesem Wald aus schwarzgewandeten Rücken und Beinen unmöglich sehen, wohin er läuft.
"Ich wusste gar nicht, wie schnell man dich mit großen Dingen beeindrucken kann, Noël", setzt er gehässig nach und ich höre abrupt damit auf mir nach dem Stuckungetüm den Hals zu verrenken.
"Du kannst da auch reingehen. In den Elefanten meine ich, wenn- Jesus Christus, wenn du es schaffst an diesen Nilpferden vorbeizukommen, Herrgott nochmal! Machen Sie sich doch noch ein wenig breiter Madame, dann braucht Ihr Hinterteil bald sein eigenes Arrondissement!", giftete der kleine, fiese Gnom, als er einen haarscharfen Haken um eine Gruppe sich unterhaltener, älterer Damen schlägt, deren Brüste aus den viel zu engen Rüschenkleidern quellen und deren überaus breiten Hinterteile definitiv keine ausladende Tournüre mehr bedurft hätten. Da sie nicht zu Toulouse herabblicken, werfen sie mir einen zuerst irritierte, dann mörderische Blicke zu.
Eilig haste ich meinem Begleiter hinterher, mit Wangen so rot, dass sie den Mühlenflügeln Konkurrenz machen könnten.
Toulouse schlägt einen weiteren Bogen, diesmal um zwei Männer in feinen, gebügelten Anzügen und stocksteifen Zylindern.
Auch wenn er dies niemals zugeben würde, so nervt es ihn doch höllisch, dass er sich mit mir Bremsklotz am Bein nicht so schnell zum eigentlichen Eingang fortbewegen kann, wie es ihm lieb wäre. Unter gepresstem Schnaufen zerrt er mich an der Bühne vorbei und bleibt letztlich einige Meter vor der Schlange zum Innenraum des Varietés stehen, sich verhalten und mit verkniffenem Gesicht die Seite haltend.
"Meine Güte, das wird auch jedes Mal voller in dem Schuppen", nuschelte er gepresst im Versuch die Seitenstiche weg zu atmen. „Und ich einfach nicht jünger."
Nicht wissend, was ich darauf antworten soll, nicke ich lediglich zustimmend. All diese ungewohnten Eindrücke schwappen mit einer brachialen Intensität auf mich hernieder, dass mir der Kopf schwirrt.
Wo zur Hölle bin ich hier nur hineingeraten?
Die bunten Lichter flimmern und flirren vor meinen Augen wie aufgeschreckte Glühwürmchen, sie tanzen mal hier hin, mal dorthin...
"Ich denke einen Sitzplatz können wir getrost vergessen", sinniert Toulouse neben mir leise vor sich hin, auch wenn er nichts weiter sehen kann, als die Rücken seiner Vordermänner.
Die Schlange macht langsam Fortschritte und im Schneckentempo quält sich Mensch nach Mensch in den eh schon hoffnungslos überfüllten, schummrigen Innenraum, welcher aussieht wie ein Meer aus dunklen Hüten. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, um über die Köpfe der Menge hinweg zu schauen. Ein großer, bärtiger Mann kommt hakenschlagend auf uns zu.
"Toulouse, du alter Pinselschwinger!"
Es durchfährt mich wie ein Stromschlag, dieses laute, donnernde Rufen nach meinem Freund, welches selbst das Lärmen der Masse problemlos übertönt.
"Charles, wenn das kein Zufall ist dich hier zu treffen!"
Toulouses Bartspitzen zucken amüsiert.
Charles Zidler.
Selbst das Lachen des Inhabers dröhnt mit Leichtigkeit über das summende Stimmengewirr hinweg und mit einigen großen Schritten bahnte sich der Hüne von Mann einen Weg durch die erstaunt dreinschauende Menschentraube. Charles Zidler ist ein Riese von gut 1,90m, dessen ausladender, schlohweißer Backenbart ihm einen wilden Ausdruck verleiht.
"Geschäfte im Turm", entgegnet er sogleich entschuldigend und ohne weitere Erklärung in dem Moment, da er uns erreicht und sich in voller Größe vor uns aufbaut. Ein massiger Mann um die sechzig, mit dunklen, von buschigen Brauen umgebenen Augen, die strahlend auf den ihm gerade mal bis zum Gürtel reichenden Toulouse hinabblicken. Mich nimmt er nicht wahr.    "Habe davon gehört", entgegnet Toulouse wissend und stemmt die Hände herausfordernd in die Hüften.                                                                                                                                                                              "Und wie ich sehe wird meine Kunst ausreichend gewürdigt. Keine Wand, an der es nicht hängt, wie versprochen."
Zidler lachte erneut sein einnehmendes Lachen, das von seinem ganzen Körper Besitz ergreift und ihn zum Vibrieren bringt.
"Natürlich, Toulouse, natürlich. Abgemacht ist abgemacht. Und Louise ist schier außer sich vor Freude über das Poster, sie war drauf und dran mir um den Hals zu fallen, als ich es ihr heute Morgen gezeigt habe. Sie kann es kaum erwarten dir zu danken."
Toulouse scheint bei diesen so lapidar daher gesagten Worten um einige Zentimeter zu wachsen.
"Ist das so?", fragt er schließlich betont gelassen, doch ich erkenne, dass er sich ein verstohlenes Kichern kaum mehr verkneifen kann.
"Dann sollte ich wohl schnellstens mit ihr sprechen, damit sie mir wirklich um den Hals fallen kann, allerdings...", er unterbricht sich kurz, indem er seinen Blick abschätzend über die Menschenmenge wandern lässt.
"Allerdings wird das schwierig werden, bei der Schlange...", mit einem abgehackten Kopfrucken weist er vage in die Richtung der ebenfalls Anstehenden vor uns. Zidler  zwinkert seinem Maler verschwörerisch zu.
"Kein Problem, folg' mir, ich habe eh noch das ein oder andere Wörtchen wegen zukünftiger Werbung mit dir zu wechseln."
Ohne weitere Umschweife ist Zidler auch schon im Begriff auf dem Absatz Kehrt zu machen und in der sich allmählich in die Schlange einreihenden Menge zu verschwinden, als Toulouse ihn grade noch aufhalten kann. Ihn grob an den gestärkten Manschetten zurückhaltend, deutet Toulouse mit seiner freien Hand auf mich.
Pudel.
"Darf ich vorstellen, Noël Poissonnier. Ein junger, aufstrebender Künstler und enger Freund von mir. Er ist zum ersten Mal hier und ich kann ihn unmöglich allein umherirren lassen. Da finde ich ihn morgen früh nur völlig verkatert in der Gosse wieder."
Ich beiße mir auf die Lippen, um mir einen gepfefferten Kommentar zu verkneifen. Nur mit Müh und Not bekommen meine angespannten Gesichtsmuskeln ein angedeutetes Lächeln für Zidler zustande.
Dankenswerterweise übergeht Zidler Toulouses Kommentar mit der Gosse geflissentlich und macht sich uns voran auf den Weg quer über den Innenhof.
"Noch ein kunstschaffender Freigeist, meiner Treu! Ihr seid wie Motten, überall wo es bunt und was los ist, kann man sich sicher sein euch zu finden, nicht wahr?", er grinste schelmisch und es will nicht recht zu seinem einschüchternden Bart passen.
Unschlüssig rucke ich mit den Schultern. Ich weiß nicht, ob ich diesen Kommentar als Kompliment auffassen soll.
"Naja, als Künstler sollte man ja schon versuchen das Leben einzufangen..."
Toulouses Augenbrauen heben sich.
"Ebenfalls Maler?", fragt Zidler einigermaßen interessiert klingend nach, ohne sich dabei zu mir umzudrehen. Zielstrebig steuert er eine schmale Seitentür am Rande der Bühne mit den halbnackten Mädchen an.
"Ja, Maler."
Das Wort klingt so armselig aus meinem Mund. Es hat einen vollkommen anderen Beigeschmack und Klang, als wenn Toulouse dies über sich selbst sagt.
Der Betrieb um uns herum legt sich langsam, artig reihen sich auch die letzten verbliebenen Gruppen und Pärchen in die Schlange ein.
"Hätte ich gar nicht gedacht", fährt Zidler fort und ich zucke zusammen, ich hatte mit überhaupt keiner weiteren Reaktion mehr gerechnet. Er kramt und wühlt in den Taschen seiner feinen, weißen Hose und fördert schließlich einen Schlüsselbund zu Tage.
"Ich dachte ihr kreatives Volk würdet allesamt so extravagant aussehen wie unser werter Toulouse hier... du könntest fast als anständiger Kerl durchgehen, mein Junge."
Er bricht erneut in schallendes Gelächter aus und rammt den gefunden Schlüssel ins Schloss.
Das war nun definitiv kein Kompliment mehr.

Der Vorhof zur Hölle hätte nicht lauter, heißer und ausgelassener sein können, als das Innere des Moulin Rouge in dieser Nacht. Nach einem schier endlos erscheinenden Labyrinth aus schmalen Korridoren und spärlich beleuchteten Gängen platzen wir schließlich, noch immer angeführt von Charles Zidler, durch eine Seitentür mitten hinein ins Getümmel des Varietés. Es trifft mich wie ein Schlag in die Magenkuhle. Die Luft steht vor Rauch, billigem Parfüm und Schweißgeruch. Vibriert und knistert durch die wie statisch aufgeladene Stimmung. Überall elektrische Lichter, die sich hundertfach in den bunten Kleidern und Roben der Gäste brechen und billigen Tand zum Funkeln bringen, als seien es lupenreine Diamanten. Inmitten dieses überbrodelnden Hexenkessels sieht eine ausgelassene, wild feiernde Menge begeistert dabei zu, wie eine junge, blonde Frau mit dunklen Seidenstrümpfen in einem mehr als nur aufreizenden Spitzenhöschen auf dem Rücken liegt und die Beine in die Lüfte streckt und mit ihnen strampelt, als würde sie Hochrad fahren.
Die Meute tobt, als sie sich schließlich herumdreht und den mit einem roten Herzchen verzierten Allerwertesten in die Höhe reckt, dabei kokett über die Schulter einen Schmollmund formt und den Herren neckisch zuzwinkert, ehe ihr dunkel gekleideter Tanzpartner sie elegant zurück auf die Beine zieht und in einen schnellen Tango verwickelt. Mit einem kecken Lachen setzt sie sich sogleich den Zylinder ihres Begleiters auf die wallende Mähne.
"Das ist Louise! Virtuos wie immer!", schreit es Toulouse gegen die allgegenwärtige Geräuschkulisse an. Er grinst breit über das gesamte bärtige Gesicht.
Irgendwie dachte ich mir das schon...
Und auch, wenn ich ihn nicht absonderlich sympathisch finde, so bin ich in diesem Moment doch unsagbar froh darüber, dass wir Zidler folgen. Er ist wie ein Wellenbrecher. Nicht nur aufgrund seiner Größe, viel mehr noch aufgrund seines Status' als Teilhaber des Moulin Rouge springen ihm die Menschen aus dem Weg und bilden eine Gasse, wo immer er auch geht und steht. Ein Spalier, in welchen Toulouse und ich uns dankbar und eiligst einreihen.
Mit einem selbst durch den allgegenwärtigen Lärm hörbaren Seufzen lässt sich Toulouse letztlich in einen der zerschlissenen Ohrenbackensessel in der Loge fallen, in die Zidler uns zielstrebig manövriert hat. Mit wackeligen Beinen und wattigem Kopf tue ich es ihm gleich und lasse mich tief in die dunkelroten Polster sinken, die sich sogleich sanft um mich legen. Wenn sie mich doch nur verschlucken würden... Ich höre gar nicht mehr, was Toulouse und Zidler neben mir besprechen, höre nur noch das aufdringliche Gelächter der Damen und das Pfeifen der Männer und all das permanent überlagert durch diese schrecklich aufdringliche 2/4-Taktmusik.
Erst als die Musik verstummt und der tosende Beifall abebbt, blicke ich herüber auf die Tanzfläche, von der sich grade, unter vielen Luftküssen, Verbeugungen, Knicksen und weiteren Luftküssen Louise fürs erste von ihrer Anhängerschaar verabschiedet.
"Großartig, nicht wahr?!", schreit es Toulouse direkt in mein Ohr. Ihm ist offensichtlich noch nicht aufgefallen, dass die Musik zu spielen aufgehört hat.
Mit einem gekünstelten Lächeln nicke ich nur hektisch und nehme stumm das Glas aus seinen Händen entgegen. Mehr denn je sieht Toulouse aus wie ein Dandy, wie er sich so in den Tiefen des für seine Größe viel zu überdimensionierten Sessels fläzt, lässig seine langstielige Pfeife pafft und mit der anderen Hand das Glas Cognac schwenkt. Henri Toulouse Lautrec ist in seinem Wohnzimmer angekommen.
"Eine großartige Atmosphäre, so voller Leben und Ekstase", fährt mein Freund in einem etwas gemäßigterem Tonfall fort und seine Mundwinkel zittern verzückt.
„Und du wolltest allen Ernstes zuhause bleiben, mein Junge", er schüttelt verständnislos den Kopf.
"Ja es ist... interessant", lächle ich das wohl falscheste Lächeln meines Lebens und nippe abwesend an dem scharfen Getränk in meinem Glas, welches mir augenblicklich ein warmes Gefühl in den Beinen bereitet.
Die Augenbrauen Toulouses ziehen sich merklich verstimmt zusammen, doch in dem Moment, da er etwas Gepfeffertes antworten will, kommt etwas vollkommen anderes aus seinem Mund herausgeplatzt:
"Louise! Louise, meine Liebe! Hier her!"
Meine Ohren klingeln, als würde ich neben einem pfeifenden Teekessel sitzen. Wie kann so ein kleiner Mensch nur eine solch voluminöse Stimme haben?
Augenblicklich springt Toulouse aus dem Sessel.
Und selbst wenn er den Namen nicht in solch ohrenbetäubender Lautstärke hinausgeschrien hätte, es wäre mir dennoch sofort klar gewesen, weswegen er so freudig erregt die Hände in die Luft reißt und eifrig winkt, um von weitem besser gesehen werden zu können.
Aus dem undurchdringlichen Menschengewirr bahnt sich mit bedächtigen Schritten ein Paar seinen Weg zu unserer Loge. Mit einem feinen Lächeln auf den überaus angenehmen Zügen kommt die Dame näher und verwirrt mich zutiefst. Es scheint eine vollkommen andere Frau zu sein, als die, die sich noch vor wenigen Minuten lasziv der feiernden, kreischenden Menge präsentiert hat. Leicht den Arm ihres Begleiters umgreifend, schlendert sie mit zaghaftem Hüftschwung in einem wallenden, schwarz-weiß gestreiften Chiffonkleid zu uns herüber.
Ihr Lächeln wird ein wenig wärmer, als sie Toulouse begrüßt.
"Hat dir die Darbietung gefallen?", fragte sie unumwunden und knufft ihren Begleiter mit den finsteren Gesichtszügen und der markanten Nase scherzhaft in die Seite.
"Valentin war der Ansicht, wir hätten mit einer Quadrille anfangen sollen, aber Zidler war da anderer Meinung. Er hat sich den ganzen Abend fürchterlich darüber geärgert, nicht wahr?"
Das feine Lächeln bekommt einen spöttischen Hauch, als sie kokettierend mit den Wimpern klimpernd zu ihrem Tanzpartner mit der stoischen Miene aufblickt. Dessen dunkle Augenbrauen ziehen sich skeptisch zusammen, kräuselten sich noch ein wenig mehr, als sein starrer Blick zu Toulouse herübergleitet.
"Es hat ja auch so gut geklappt", entgegnet er knapp und blickt nach einem kurzen Abschätzen stoisch über den ihm grade einmal bis zum Bauchnabel gehenden Toulouse hinweg, was dieser jedoch schon längst nicht mehr bemerkt.
"Wie hat dir das Plakat gefallen?", stellt Toulouse auch sogleich die Frage, die ihm unter den Nägeln brennt wie siedendes Blei. Unruhig tippelt er von einem Fuß auf den anderen und wieder zurück. Louises Gesicht wird augenblicklich von einem bezaubernden Lächeln erhellt.
"Es ist großartig! Einfach phantastisch! Oh ich wusste, wenn wir jemanden für die Plakatwerbung engagieren, dann nur dich! Ich bin einfach wunderbar getroffen, findest du nicht auch, Valentin?"
Das warme Lachen seiner Begleiterin vermag den von Toulouse nicht absonderlich schmeichelhaft verewigten Valentin nicht anzustecken. Ein kurzes Nicken ist alles, was er sich abringen kann, ehe sein Blick wieder über Toulouse hinweg gleitet und somit auf mir hängen bleibt.
Wie ein Geier.
Dem eisigen Blick Valentins folgend, schaut nun auch Louise merklich interessiert zu mir herüber, ehe sie sich fragend an Toulouse wendet: „Und darf man erfahren, wer dieser junge Mann in deiner Begleitung ist, Toulouse?" Toulouse scheint erneut um einige Zentimeter zu wachsen.
"Aber natürlich darfst du, Louise. Darf ich vorstellen, mein Freund Noël Poisonnier. Ein überaus begabter junger Maler", gibt der Mentor Toulouse sofort freudig Auskunft über seinen dressierten Königspudel, ergreift meinen Arm und zerrt mich mit einer enormen Kraft aus dem Sessel, sodass ich nun halb über der unbequemen Lehne hänge und nur ein vages Lächeln in die Richtung der beiden Neuankömmlinge werfen kann. Louise scheint dies köstlich zu amüsieren.
"Ach du meine Güte, du nimmst das junge Gemüse also unter deine Fittiche?"
Ein einnehmendes Lachen erklingt und ich merke, wie es mir die Schamesröte ins Gesicht treibt.
"Muss auch sein, muss auch sein. Bei so einem guten Vorbild wie Toulouse müssen Sie einfach ein großer Maler werden, mein Lieber. Aber nehmen Sie sich bloß nicht seinen Lebenswandel zum Vorbild", kichert sie vergnügt, während sie mir verschmitzt zuzwinkert. Valentin indes scheint dies gar nicht zu gefallen, mit einem Ruck an ihrem Arm versucht er sie unsanft aus der Loge zu befördern.
"Wir sollten nun auch so langsam-"
"Ach Papperlapapp, sei nicht immer so kurz ab, Valentin", wiegelt sie ihn ab und macht sich kurzerhand von seinem Griff los. Mit der nun freien Hand auf ihren Begleiter deutend, wendet sie sich wieder Toulouse und mir zu.
"Darf ich nun wiederum vorstellen? Mein überaus begabter, wenn auch nicht besonders geselliger Partner Valentin le Désossé."
"Der Knochenlose", nicke ich anerkennend, habe ich doch bereits einiges von ihm gehört und ziehe unbeholfen meinen zu groß geratenen Zylinder.
Valentin ruckt das Kinn zu einem bestenfalls angedeuteten Nicken. Er hat eine mehr als nur kühle Art an sich, die es schwierig macht, ihn auf Anhieb zu mögen. Um nicht zu sagen, er ist mir von der ersten Sekunde an aus tiefster Seele unsympathisch und ich kann Toulouses Abneigung diesem Mann gegenüber nach nur wenigen Sekunden mehr als nur verstehen. Es ist schwer vorstellbar, dass er und Louise so gut miteinander auskommen, wie sie es offensichtlich tun.
Armer Toulouse.
"Wie ich sehe, haben Sie von mir gehört, Herr Künstler", entgegnet der Knochenlose schließlich in einem leicht nasalen Tonfall. Etwas an der Art und Weise, wie er das Wort Künstler betont, zieht etwas in mir zusammen. Aus seinem Mund klingt es wie eine Beleidigung.
Seinen Zylinder behält er auf dem Kopf.
Es krampft mir den Magen zusammen. Matt und mich mit einem Mal ungemein erschöpft fühlend, lasse ich mich zurück in die Polster sinken, während Toulouse das Gespräch erneut – und das sehr zum Missfallen Valentins –  auf das überaus gelungene Plakat lenkt. In mir brodelt es.
Nein, es ist nicht nur der knochenlose Valentin.
Für das gesamte Moulin Rouge, für Zidler, Louise, den miesepetrigen Kartenverkäufer, für all sie bin ich nichts weiter als das Anhängsel an Toulouses Rockzipfel. Ein namenloser Schatten an der Seite des großen Künstlers, irgendwo in der Gosse von Montmartre aufgelesen, den man – wie Louise es so treffend ausdrückte – unter die Fittiche nehmen muss.
Diese Erkenntnis lässt mir die Galle hochkommen. Siedend heiß brennt sie in meinem trockenen Rachen und verätzt mir die Kehle, während ich meine Gesichtsmuskeln dazu zwinge, sich zu einem der Höflichkeit geschuldeten Lächeln zu verziehen. Es misslingt mir gründlich.
"Würden Sie mich bitte für einen Augenblick entschuldigen?", formen meine Lippen wie von selbst diese Worte, während ich mich bereits aufrichte und hektisch nach einem Ausgang aus diesem chaotischen Sündenpfuhl suche.
Und natürlich entschuldigen sie mich. Louise lächelt mir noch ein letztes Mal verhalten zu, nickt sacht mit dem Kopf, während Valentin noch nicht einmal diese winzige Geste für angebracht hält. Lediglich Toulouse starrt mich aus weit aufgerissenen braunen Augen heraus an, während sein Mund ein tonloses: Wohin zur Hölle willst du? formen.
Ich beachte es nicht weiter. Mir schwirrt der Kopf. Der Tanzsaal ist wie ein aufgescheuchtes Bienennest. Überall laute Stimmen, Gekicher, Gekreische, Gegacker... es geht alles in einem monotonen Rauschen unter. Ich will hier nur noch raus, raus, raus! Und das so schnell wie möglich!
Mich eilig an Menschentrauben vorbeiquetschend und nicht im Geringsten darauf achtend, wessen Rocksaum ich so grade verdreckt habe, oder wessen Gehstock ich im Gehen mitreiße, platze ich hinaus auf den mittlerweile beinah menschenleeren Innenhof.
Gott sei Dank, endlich!
Die kalte Abendluft schlägt mir wie eine mannshohe Wand entgegen, während ich einem Ertrinkenden gleich heftig nach Luft schnappe und versuche so viel Sauerstoff auf einmal in mich aufzunehmen, wie eben möglich. Für einen kurzen Augenblick dreht sich alles, verschwimmen und verwackeln die hellen Lichter über dem Platz, surren umher wie kleine Glühwürmchen. Erst nach einigen weiteren tiefen Atemzügen wird die Welt um mich herum wieder ruhiger, das Wanken hört auf, die Leuchtkäfer verschwinden. Dumpf und schwer, wie aus einer metallenen Röhre dröhnt die Musik aus den Tiefen des Moulin Rouge zu mir herüber, doch das gottverdammte Summen hat endlich aufgehört.
Wie zur Hölle hältst du das nur Nacht für Nacht in diesem Wahnsinn aus, Toulouse?, frage ich mich im Stillen und richte mir den verrutschten und viel zu tief über meinen Augen hängenden Zylinder. Keine Stunde in diesem Tollhaus und mir brummt bereits der Schädel.
Kopfschüttelnd richte ich halbherzig mein schief sitzendes Jackett, bereits im Begriff den Ausgang anzusteuern, als mich doch noch etwas von diesem Vorhaben abhält.
Den Zylinder fest auf meinen Kopf drückend, lege ich selbigen in den Nacken und folge der schier endlos hohen Wand aus dunklem Stein, welche sich gegen den schwarzen Nachthimmel auftürmt, wie die Trutzwand einer Burg. Das spitz zulaufende und an einen Hexenhut erinnernde Dach und das beeindruckende Rosenfenster tun ihr übriges, um dem Gebäude eine gewisse Würde zu verleihen.
Der gotische Turm.
Das Einzige, was ich auf Anhieb an diesem Ort faszinierend fand.
Dort kannst du auch zu Abendessen, hallen Toulouses Worte in meinem Kopf nach. Essen wäre in meiner jetzigen Verfassung mit Sicherheit keine gute Idee, aber... mit einem leichten Lächeln erkenne ich den ausladenden, großen Balkon, welcher zur Straße hin das kleine Kassenhäuschen von Jaques überragt. Die Aussicht muss traumhaft sein... und die frische Luft erst.
Mir einen letzten innerlichen Ruck gebend, klemme ich mir meinen Zylinder fest hinter die Ohren und steuere die mit zwei Fackeln auf jeder Seite schummrig beleuchtete Treppenflucht zum Eingang des gotischen Turms an, wo mich zwei gänzlich in Rot gekleidete Männer mit einer tiefen Verbeugung begrüßen und die doppelflügelige Tür aufreißen.
Warmes Licht, Kerzen und ein angenehmer Geruch nach Süßspeisen empfängt mich, als ich das Innere des Turmes betrete und schnell von einer jungen Dame die Treppe hinauf in das Restaurant begleitet werde.
"Ich möchte eigentlich nichts essen", flüstere ich verlegen, als wir den Speisesaal erreichen. Selbst der Gedanke, der mich mit dem Konsum einer Tasse Kaffee spielen ließ, verschwindet augenblicklich aus meinem Kopf, da ich die Preise ausgeschlagen sehe. „Ich möchte eigentlich nur auf Ihren schönen Balkon. Ein bisschen die frische Luft genießen", setze ich hastig nach, als mich die junge Frau erst verwirrt, dann herabschätzend mustert. Verlegen nesteln meine Finger wieder und wieder an meinem Jackett herum, um die nicht zu übersehenden Rostflecken zu verstecken.
"Wie Sie wünschen, Monsieur", gibt sie mit professioneller Freundlichkeit, welche bereits so eingeübt ist, dass sie künstlich wirkt von sich und geleitet mich weiter Richtung Balkon.
"All unsere Gäste erhalten ein kostenloses Begrüßungsgetränk. Sie können es ja auf das Geländer stellen, wenn Sie es nicht möchten", setzt sie spitz nach und drückt mir im Gehen ein von einem Tablett gegriffenes kleines Gläschen in die Hand, ehe sie mich auf den Balkon hinausscheucht, um sich postwendend wieder der zahlenden Kundschaft zuzuwenden.
Mich krampfhaft an meinem Kristallgläschen festhaltend, betrete ich durch ein niedriges Portal den kolossalen Balkon. Eingerahmt von farbenprächtigen, hängenden Blumenkaskaden in mannshohen Steinschalen und flackernden Windlichtern, die den menschenleeren Balkon dennoch warm und einladend erscheinend lassen, bietet er einen atemberaubenden Blick auf das nächtliche Paris. Vorsichtig näher an die Balustrade herantretend, bis meine Finger den kalten, rissigen Sandstein unter ihren Kuppen spüren, lasse ich mir den angenehm kühlen Wind um die Nase wehen.
Paris.
Ein Lichtermeer breitet sich zu meinen Füßen aus, grenzt bis an den Horizont und darüber hinaus.
Lichtermeer.
Bald wirst du das echte Meer wiedersehen, sehr bald schon, schießen mir die dunklen Gedanken wie aus dem Nichts durch den Kopf.
Nein. Paris ist nicht schön.
"Was hat es mit dem langen Gesicht auf sich?"
Gänzlich perplex und zu Tode erschrocken zucke ich zusammen und lasse um ein Haar mein Glas auf die Straße fallen, als ich herumwirble und den Besitzer der fremden Stimme suche.
Ich finde ihn sofort.
Lässig an eine der großen, steinernen Blumenschalen gelehnt, steht ein junger Mann, dessen kohlrabenschwarzes Haar im vollkommenen Kontrast zu seinem strahlend weißen Anzug steht. Die Arme vor der Brust verschränkt haltend, blickt er mit einem spöttischen Grinsen um die scharf geschnittenen Mundwinkel zu mir herüber.

 

Autorennotiz

Alle Rechte an der Geschichte, den Charakteren, sowie der Storyline liegen bei mir. Ausnahmen stellen natürlich die historischen Charaktere dar, welche ich mir erlaube, in fiktionalisierter Weise in meiner Geschichte vorkommen zu lassen.

Coverbild: "Absinthe Robette" von Alphonse Mucha, 1896.
Creative Commons - commons.wikimedia.org/wiki/File:Privat-Livemont_-_Absinthe_Robette_-_1896.jpg

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

Eisteufels Profilbild Eisteufel

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Kapitel:4
Sätze:478
Wörter:10.330
Zeichen:62.209

Kurzbeschreibung

Paris zur Zeit der Belle Époque. Der junge Maler Noël ist verzweifelt, ihn plagt eine schwerwiegende Schaffenskrise. Wenn es ihm nicht bald gelingt, Erfolge mit seinen Bildern zu verzeichnen, wird er die Stadt verlassen müssen. Von seinem Freund Toulouse zu einem nächtlichen Ausflug ins Varieté Moulin Rouge überredet, trifft er dort auf den undurchsichtigen Thujon, der ihn mit seiner eigenwilligen Sicht auf die Welt wieder zu neuen Bildern inspiriert. Endlich stellt sich mit Thujons Hilfe der ersehnte Erfolg ein. Doch zu spät merkt Noël, welchen Preis er für seine Inspirationen zu zahlen hat.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Drama, Historik, Erotik und Angst gelistet.