Storys > Romane > Krimi > Die Fälle der Charlotte Montan

Die Fälle der Charlotte Montan

29
21.7.2019 1:01
12 Ab 12 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

Halllo zusammen! Schön, dass ihr hereinschaut.

Diese Geschichte ist bald eine Dekade alt und entstand als der Versuch, eine weibliche Version des berühmtesten Dedektiv & Sidekick-Paares der Literaturgeschichte zu erschaffen. Da ich die Geschichte nie beendet habe, wäre sie eigentlich in meiner Schublade verstaubt, doch auf Wunsch einer einzelnen Dame lade ich das Fragmente hier hoch und setze sie auf agebrochen, sobald alle Teile online sind.

Da die Geschichte nicht mehr meinen heutigen Stil entspricht und wahrscheinlich von Anachronismen strotzt, möchte ich keine Reviews/Kommentare erhalten, aber ihr könnt sie gern bewerten. Ich habe außerdem Fem!Slash angegeben, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es ganz passt. Explizit wird es nämlich nicht, doch ist die Geschichte von zunehmendem UST und lesbischem Subtext geprägt. Auch wenn diese Geschichte hier unvollständig ist, wünsche ich euch doch zumindest ein wenig Spaß beim Lesen.

Warnung: Suizid

Die Luft war schneeklar an jenem Dezembermorgen 1895, als mich auf den Weg zur Fellburn Street 16 machte. Bittere Kälte stach mir ins Gesicht und ließ jeden Atemhauch zu einer weißen Dunstwolke gefrieren. In meinen fröstelnden Händen hielt ich noch immer die Zeitungsanzeige:

Biete Zimmer zur Untermiete (nur Frauen). Dachgeschosswohnung. Bad und Küche vorhanden. Telegramm Miss Charlotte Montan.

‚Dies musste ein Wink des Schicksals sein‘, dachte ich, als ich die Annonce vor wenigen Tagen entdeckte. Die letzten vier Monate hatte ich in einer billigen, heruntergekommenen Pension zugebracht. Und allmählich war ich es wirklich leid. Der nächtliche Lärm einer Nachbarin, die sich als Freudenmädchen verdingte, die beständige Gefahr, von herabfallenden Ziegeln erschlagen zu werden und von Schmutz gebräuntes Waschwasser waren nicht wirklich das, was ich von einer guten Herberge erwartete. Die Aussicht auf eine angenehmere Bleibe und etwas Gesellschaft in dieser mir fremden Stadt waren mir daher sehr willkommen. So beschloss ich, mir die Wohnung einmal anzusehen.

Hätte ich damals nur geahnt,  wie sehr mein Leben sich nach dem Schritt über jene Schwelle wandeln sollte, hätte ich nur gewusst, welche Abenteuer mir bevorstanden, ich hätte auf dem Absatz kehrt gemacht oder nicht gezögert, den Weg zur Fellburn Street sogar zu Fuß zurückzulegen. Ich hätte den Kutscher auf halber Strecke angewiesen umkehren oder ihm befohlen, den Pferden die Sporen zu geben, nur um schneller anzukommen. Was immer ich auch getan hätte: Ich hätte eine viel klarere Entscheidung getroffen. Eine, die einer existenziellen Situation angemessen gewesen wäre. So aber galten meine Gedanken einzig und allein der Aussicht auf ein neues Heim, als ich auf der ausgekühlten Kutschbank Platz nahm.

Mein heißer Atem benetze die Scheiben und ließ mich die Welt vor dem Kutschenfenster wie durch einen Schleier sehen. Die verschneiten Häuser und rauchenden Schornsteine rauschten flüchtig an mir vorüber, während ich die letzten Monate Revue passieren ließ. Ich sah das Gesicht John Normans wieder vor mir. Das liebevolle Gesicht meines Johns, der als Erster mein wahres Interesse wecken konnte, weil er mich nicht nur höflich wie eine Dame, sondern ebenbürtig wie einen Freund behandelte und mehr zu bieten hatte als einen schönen Körper und viel Geld. Und das hässliche Gesicht Mr. Normans, der mich mit dem Verlobungsring in diese Stadt gelockt und dann mit einem flüchtigen Abschiedsbrief sowie ein paar Banknoten hatte sitzen lassen für eine Dienstmagd eines Cousins dritten Grades. Ein Mädchen von 17 Jahren, vier Jahre jünger als ich. Das alles lag nun ein knappes halbes Jahr zurück. Kummer, Wut und Ärger auf meine eigene Naivität quälten mich seitdem abwechselnd. Wie oft dachte ich in an die Worte meiner Mutter zurück. Sie hatte mich vor John Norman gewarnt. Seinen Antrag sprach er in ihren Augen zu leichtfertig aus. Heute könnte ich mich ärgern, nicht auf sie gehört zu haben. Doch was würde es ändern? Ich wusste, dass ich einen Fehler begangen hatte und dennoch zuhause immer willkommen sein würde. Doch Zurückzukehren kam für mich nicht in Frage, selbst wenn die Einsamkeit an mir zehrte, die Wut mich allmählich zu verbittern drohte und ich finanzielle Sorgen hatte. Zu groß war mein Stolz, um reumütig zu Kreuze zu kriechen und das Damoklesschwert unausgesprochener Schuldsprüche über mir zu spüren. So blieb ich in der Stadt und begann, meinen eigenen Weg zu gehen. In mancher Hinsicht hatte meine Zwangslage nicht einmal nur negative Seiten. Freiheit und Unabhängigkeit, niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, waren Dinge, die ich nie gekannt hatte. Noch waren die Zeiten alles andere als rosig, doch ich glaubte fest daran, dass wenn ich nur lange genug ausharren würde, sich die Dinge zum Besseren ändern würden. Und tatsächlich schien es allmählich aufwärts zu gehen: Seit drei Wochen hatte ich meinen eigenen Broterwerb, der mir neben dem Erbe meines Vaters meine Existenz sichern würde. Ich illustrierte für einen Verlag Bücher und Wochenzeitschriften – unter männlichem Pseudonym.

Der Fluss meiner Gedanken brach augenblicklich ab, als das Straßenschild Fellburn Street in mein Sichtfeld trat. Sekundenschnell hatte mich die Gegenwart dieses kühlen Wintermorgens wieder. „Anhalten, bitte“ rief ich laut, drückte dem Kutscher der Mietkutsche das Fahrtgeld in die Hand und sprang auf die Straße. Die Hausnummer 16 war ein mehrstöckiges Mietshaus, wie es sie in England zuhauf gab. Ein hübsches, altes Gebäude mit schneebedeckten Giebeln, die im Sonnenlicht glänzten. Bald schon hatte ich die Eingangstüre hinter mir gelassen und blickte die hölzerne Wendeltreppe empor. Das oberste Stockwerk war das sechste. Ich strich meinen dunkelblauen Mantel glatt, schüttelte die blonden Locken aus und betrat das Treppenhaus. Auf halber Strecke ergriff mich plötzlich ein seltsames Gefühl von Einsamkeit. Aus keiner Türe drangen Stimmen auf den Flur; nicht ein Geräusch, außer meinen eigenen, schallte über die Dielen. Im aufgewirbelten Staub, der im Schein der Oberlichter aufglomm, lag etwas Gespenstisches über diesen Räumen. Es schien, als ob das gesamte Haus leer stünde. Tatsächlich konnte ich an vielen Türen kein Namensschild erkennen. Endlich hatte ich das Dachgeschoss erreicht und entzifferte auf einem angelaufenen Messingschild die Worte Charlotte Montan.  Ich atmete kurz durch und klopfte an die Türe.

Es dauerte einige Minuten, bis ich Schritte auf dem Flur vernahm. Doch als endlich geöffnet wurde, staunte ich nicht schlecht. Ich war mit der Erwartung, eine ältere Dame anzutreffen, in die Fellburn Street gefahren. Doch die Frau, die nun vor mir stand, war im Vergleich dazu erschreckend jung. Ich schätzte sie auf Ende 20 bis Anfang 30. Älter als 35 konnte sie keinesfalls sein. Wie ich später erfuhr war Miss Montan genau 30 Jahre alt. Ihre Aufmachung wirkte recht eigenwillig auf mich. Weder trug sie Schmuck noch hatte sie ihr Gesicht gepudert, wie andere Frauen es zu tun pflegten. Sie war von sehr zierlicher Gestalt: klein und schlank, das genaue Gegenteil zu mir. Ihr offenes, symmetrisches Gesicht wurde umrandet von dünnen, dunkelbraunen Locken. In ihren schwarzen, schimmernden Augen schien sich ein großer Geist zu spiegeln, so klar und wach war ihr Blick. Auf ihre eigene Art besaß diese Frau eine gewisse Schönheit, obgleich ihre schlichte Erscheinung alles zu verpönen schien, was man unter weiblichem Liebreiz verstand. Plötzlich beschlich mich das merkwürdige Gefühl, dass ich ihr schon einmal begegnet war. Doch ich konnte mich beim besten Willen nicht entsinnen, wann und wo dies gewesen sein sollte.

Dies war mein erster Eindruck von Charlotte Montan und ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich dieser ungewöhnlichen Frau das erste Mal gegenüberstand und den Fuß über die Schwelle ihrer Wohnung setzte, noch unwissend, dass ich hier niemals wieder ausziehen würde, ohne einen Koffer voller Erinnerungen mitzunehmen, die für ein ganzes Leben ausreichen würden.

 „Guten Tag, Elizabeth Whibby, ich komme wegen des Zimmers“, sagte ich eilig meinen Text auf.

Für einen Augenblick runzelte Miss Montan die Stirn. Konnte sie sich nicht an unsere Telegramme erinnern?

„Ach, Miss Whibby“ sprach sie schließlich, „das Mädchen aus dem East-End“. Ich nickte.

„Verzeihen Sie, Ich hatte Ihren Termin ganz vergessen. Kommen Sie doch herein“, bat mich die Frau mit einer einladenden Geste in die Wohnung. Es war die merkwürdigste, die ich je betreten hatte. Nicht nur die Unordnung stach mir sofort ins Auge, als mich Miss Montan durch die Räume führte. Immer wieder entdeckte ich Gegenstände, die ich überall, doch niemals in der Wohnung einer alleinstehenden Frau vermutet hätte. Ein Zimmer fiel mir besonders ins Auge, als Miss Montan die Türe öffnete und ich staunend im Türrahmen stehenblieb. Es war bis auf ihr eigenes Schlafzimmer der letzte Raum der Wohnung. In einer Ecke stand ein kleiner Tisch, auf dem ein Flammenwerfer, etliche Reagenzgläser und eine Kerze Platz fanden. Auf dem Boden daneben lagerte eine aufgeklappte Holzkiste, in der sich eine Lupe, eine Pipette und noch viele weitere Gerätschaften befanden. Ein schmales Regal voller Flakons mit merkwürdigen Flüssigkeiten und Pulvern hing darüber. Fast kam ich mir vor wie im Laboratorium eines Wissenschaftlers. Auf den Dielen waren noch die Reste halbverwischter Kreidespuren zu sehen, neben denen ein Zettel voller Notizen lag, die für mich keinen Sinn ergaben. Die Wand, von der bereits der Putz herab bröckelte, war regelrecht tapeziert mit Zeitungsausschnitten, die sich bei näherem Hinsehen als Berichte über Kriminalfälle erwiesen. Erpressungen, Diebstähle, ja sogar Morde waren darunter. Die Mitte dieses Wustes zierte eine Karte der Stadt, auf der mit Stecknadeln verschiedene Orte markiert waren. Nur eine grüne Couch auf der anderen Raumseite, auf der eine pummelige, graugescheckte Katze döste, war an diesem Zimmer gewöhnlich. Überrascht und unschlüssig, was ich von all diesen Dingen halten sollte, blieb ich für einige Sekunden still im Türrahmen stehen. Ein beklemmendes Gefühl schnürte mir die Kehle zu. Was hatte dies zu bedeuten?

Miss Montan war bereits eingetreten. „Dies wäre Ihr Zimmer, die Sachen werden natürlich noch heraus geräumt“, erklärte sie nüchtern, während sie sich langsam zu mir umdrehte.

„Mein Zimmer?!?“, antwortete ich geistesabwesend, „aber was ist…“

„Oh, nur eine kleine Schwäche meinerseits, nichts Weltbewegendes“, fiel sie mir ins Wort, „Sie haben selbst schon einmal Bekanntschaft damit gemacht“.

„Was?!?“, fuhr ich erschrocken zusammen und starrte ihr geradewegs in die dunklen, klaren Augen. Plötzlich wusste ich wieder, wo mir diese Frau schon einmal begegnet war.

Es war vielleicht ein paar Wochen her, als mir nicht weit von meiner Pension im East End meine Handtasche gestohlen wurde. Die Abenddämmerung war gerade hereingebrochen, als ich eine schmale, schattenverdunkelte Seitengasse betrat. Plötzlich tauchten wie aus dem Nichts zwei Männer hinter mir auf. Ich trug immer eine Waffe bei mir, wissend, dass ich in einer gefährlichen Gegend lebte. Doch der Angriff kam zu überraschend. Innerhalb weniger Sekunden hatten sie mir die Tasche entrissen. „Diebe, Diebe“ schrie ich so laut ich konnte durch die Dunkelheit. Doch die Gasse war leer. Niemand hörte mich. Eilig rannte ich dem Pack hinterher, doch meine Füße trugen mich nicht schnell genug voran. Bald schon würde ich die Bande verloren haben. Doch da plötzlich, ein Stolpern, ein unsichtbares Seil über die Gasse gespannt und die Männer lagen im Staub. Eine Sekunde, zwei Sekunden vergingen, dann bogen plötzlich drei Polizisten um die Ecke. Handschellen blitzen auf.  Einer der Herren führte die beiden Diebe ab. Ich konnte meinen Augen nicht trauen.

„Ist das Ihre Tasche, Madam?“ rief mir einer der verbleibenden Wachmänner zu.

„Ja, ja“, antwortete ich, noch völlig durcheinander. Mir der Stolperfalle bewusst, trat ich den Polizisten langsam entgegen. Doch es war seltsam, mit keinem Schritt stieß ich dagegen.

„Das war ein sehr geschickter Zug mit dem Seil, woher…“, begann ich zu sprechen.

Da sah ich, wie die Männer einen fragenden Blick austauschten. Ungläubig starrte ich sie an und begann die Geschichte zu erzählen. Die Züge der Polizisten verwandelten sich in pures Erstaunen. „Miss, ich glaube Ihr Dank gilt nicht uns“, unterbrach mich einer der Herren schließlich, „Wir erhielten lediglich eine anonyme Nachricht durch einen Gassenbuben, dass hier ein Raubüberfall stattgefunden hätte und machten uns sofort auf den Weg. Das ist eine Viertelstunde her“.

Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich davon ausgegangen, soeben Zeugin eines geschickten Polizeimanövers geworden zu sein. Blitzschnell wurde mir klar, dass wer auch immer jenen Gassenbuben losgeschickt hatte, über den Beutezug der beiden Taschenräuber genauestens Bescheid gewusst haben musste. Es schien an ein Wunder zu grenzen, dass sein Plan auf die Sekunde aufgegangen war. Vielleicht hatten wir es mit einem abtrünnigen Bandenmitglied zu tun? Am Gesichtsausdruck der beiden Polizisten erkannte ich, dass sie ähnliches dachten. Sofort begannen wir die Gasse abzusuchen. Doch nichts! Nichts war zu finden! An der Stelle, an der es über die Gasse verlaufen sein musste, befand sich auf einer Seite eine dunkle Nische zwischen zwei Häusern. Ein ideales Versteck für ein solches Manöver. Doch war der Boden dort von Schlamm bedeckt und kein einziger Fußabdruck war zu sehen. Eine andere Möglichkeit, unentdeckt ein Seil über den Weg zu spannen, gab es nicht. Keine Tür, kein Fenster zeigte zur Gasse. Vielleicht war das Seil schon vorher gespannt worden und die Wucht des Aufpralls hatte es zerrissen?  Zumindest glaubte dies einer der Polizisten. Also suchten wir jeden Winkel nach Fetzen eines Seils ab – abermals vergebens. Vom Seil und vom geheimnisvollen Unbekannten fehlte jede Spur. Fast schien es so, als wäre es blitzschnell eingeholt worden – und all das innerhalb weniger Minuten. Ich erschauerte. Allmählich wurde die Sache wirklich unheimlich. Jagten wir ein Phantom? Da sich weder ich noch die Polizisten einen Reim auf die Vorkommnisse machen konnten, blieb mir letztendlich nichts übrig, als in der Freude, dass alles glimpflich ausgegangen war, den Heimweg anzutreten. So setzte ich also meinen Weg durch die Gasse fort. Als ich wenig später wieder an eine größere Straße kam, war es bereits dunkel geworden. Die Gegend war nun menschenleer und nur vereinzelt huschte hier und da eine Gestalt über die Bürgersteige. In Gedanken versunken ging ich hinaus auf den Gehweg und bog um die Ecke. Zeitgleich trat aus der Türe des ersten Haus eine Frau auf die Straße. Ihr Blick war starr auf eine silberne Taschenuhr in ihrer Hand gerichtet, ihr zierlicher Körper von einem dunklen Mantel umschlossen. Fast wären wir zusammengestoßen, da keine so die andere bemerkte. Sofort zuckte ich zusammen. Der Schreck saß mir noch im Nacken. Dann trafen sich plötzlich unsere Blicke. Und nun sah ich es zum ersten Mal, das tiefe, klare und durchdringende Schwarz, in das ich auch jetzt blickte.

Ein plötzliches Schwächegefühl schoss augenblicklich in meine Glieder. Bleich und atemlos sank ich auf die grüne Couch nieder.

„Dann sind Sie also meine rätselhafte Helferin?“ schlussfolgerte ich verblüfft.

„Wenn Sie es so nennen möchten, ja“, entgegnete die Geheimnisvolle, während sie einige Sachen auf dem Tisch ordnete. Plötzlich erinnerte ich mich, wie Charlotte Montan mich an der Türe empfangen hatte ‚Ach Miss Whibby, das Mädchen aus dem East-End.‘ Schlagartig wurde mir die wahre Bedeutung ihrer Worte bewusst. Zutiefst verunsichert und zugleich völlig überwältigt, starrte ich sie an.  

„Wie haben Sie das gemacht, Miss Montan, ich meine, wie kann es sein, dass… ich bin Ihnen zu größtem Dank verpflichtet“, stammelte ich verwirrt, unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

„Keine Ursache, Miss Whibby, ich tat es gerne“, antwortete meine Retterin, blickte auf und lächelte. „Doch ich hoffe, Sie verstehen“, setzte Sie mit ernster Miene fort, „dass ich Ihre Frage nicht beantworten kann. Das Geheimnis ist wie ein schützender Mantel, den meine Arbeit immer erfordert“. Ich verstand nur die Hälfte von dem, was sie sagte. Doch beschlich mich auf einmal das unweigerliche Gefühl, dass sich hinter der kleinen Schwäche weit mehr verbarg, als ich zu begreifen fähig war. In was für eine seltsame Geschichte ich doch geraten war! Da wollte ich nur eine Wohnung besichtigen und stand auf einmal meinem geheimnisvollen Helfer gegenüber.

„Sollten Sie das Zimmer nehmen, hätten Sie natürlich vollkommen Ihre Ruhe vor mir.“, setzte Miss Montan unbeeindruckt fort, „Ich bin nicht auf der Suche nach einer Gesellschafterin. Wenn es meine finanzielle Lage nicht erfordern würde, würde ich das Zimmer  nicht vermieten. Miss Bastet allerdings“, sie blickte zur Katze, die neben mir noch immer friedlich döste, „dürfte über ein wenig Gesellschaft sicherlich erfreut sein. Ich hoffe, Sie mögen Katzen.“

„Mögen, Miss Montan? Ich liebe Katzen!“ brach es aus mir hervor. Augenblicklich hatte ich die Merkwürdigkeiten unserer Begegnung vergessen. Als ob sie uns gehört hätte, begann sich die Katze plötzlich zu räkeln, kam ein Stück näher und kuschelte sich schnurrend an mich.

„Nun, wie ich sehe, scheint zumindest von Miss Bastets Seite aus einem Mietvertrag nichts im Wege zu stehen“, antwortete Miss Montan. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Die Beklemmung, die ich in diesem Zimmer anfangs empfand war einem Gefühl bester Laune gewichen.

Da ich noch einige Fragen zur Wohnung hatte, bat Miss Montan mich ins Wohnzimmer, um bei einer Tasse Kaffee die Angelegenheiten in Ruhe zu besprechen. Es war ein schöner, großer Raum. Im Kamin prasselte und zischte das Feuer in allen Schattierungen und wohlige Wärme durchdrang das Zimmer. Vor den hohen Fenstern rieselten unablässig Schneeflocken zur Erde. Tief ließ ich mich in den bequemen Sessel sinken, den mir die Hausherrin anbot, und fühlte mich sofort geborgen. Das Gespräch neigte sich dem Ende, als Miss Montan mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, hier einzuziehen.

„Die Lage und der Preis stimmen für mich“, antwortete ich wahrheitsgemäß, „ich werde es auf jeden Fall näher in Betracht ziehen“.

„Gut“, antwortete Miss Montan und trat ans Fenster. „Und es stört Sie auch nicht, dass einige Dinge hier sonderbar sind?“

„Nicht im Geringsten“, antwortete ich und fühlte mich ertappt. Miss Montan drehte sich um, ihre durchdringenden, schwarzen Augen musterten mich genau. Schamesröte trat mir ins Gesicht.

„Gibt es denn viele Interessenten für das Zimmer?“, fragte ich hastig.

„Nein, Sie sind die einzige“, antwortete Miss Montan mit einem vielsagendem Blick und schenkte mir Kaffee nach.

„Die einzige?“, fragte ich erstaunt. Die Lage war gut, die Wohnung hübsch und die Miete niedrig. Eigentlich hätten die Interessentinnen bei ihr Schlange stehen müssen. Doch dann fiel mir wieder jene merkwürdige Stille ein, die das Haus erfüllte.

„Das hier scheint ohnehin ein sehr ruhiger Ort zu sein“, sprach ich weiter, „als ich zu Ihnen heraufkam, herrschte im gesamten Treppenhaus eine andächtige Stille, ich fühlte mich fast wie in einer Kapelle. Ihre Nachbarn scheinen wohl auf Reisen zu sein oder ziemlich verschwiegen zu sein“ „Weder noch“, antwortete Miss Montan kühl, „Das Haus steht so gut wie leer und dies wird sich auch nicht ändern“.

„Wie das?“, fragte ich verwundert. Und nun begann Miss Montan mir die Geschichte des „Fellburn Fluchs“ zu erzählen.   

„Vor etwa zwölf Jahren war das Haus noch vom Keller bis zum Dachboden vermietet. Zog eine Partei aus, standen die Nachmieter schon am nächsten Morgen mit gepackten Koffern vor der Türe. Doch dann ereignete sich eine schrecklich Tragödie Im vierten Stock wohnte ein junger, aufstrebender Geschäftsmann, der gute Chancen hatte, einen hohen Posten in der Firma eines entfernten Verwandten zu erwerben. Frisch verlobt war er im Begriff, ein Nest für seine zukünftige Familie einzurichten. Doch die Firma wurde durch die Misswirtschaft dieses unfähigen Industriellen in den Ruin getrieben und er verlor seine Anstellung. Das Mädchen, das er ehelichen wollte, stellte sich als Heiratsschwindlerin heraus und wurde eines Tages in Handschellen abgeführt. Vor den Scherben seines Lebenstraums stehend und mit der Mietkündigung in der Hand vergiftete sich der Unglückliche in einer Frühlingsnacht mit einer Überdosis Laudanum. Die Wohnung übergoss er mit Petroleum. Das ausgebrochene Feuer griff auf die Nachbarwohnung über und riss das schlafende Kind einer jungen Familie mit in den Tod. Seitdem geht im Hause das Gerücht um, dass nachts der Geist des jungen Mannes mit einem Baby auf dem Arm durch das Treppenhaus wandele um die Eltern des Kindes zu finden, das durch seine Tat umgekommen war, es ihnen zurückzubringen und die Sache somit rückgängig zu machen. Über die Jahre hinweg zog eine Partei nach der anderen aus und neue Mieter, die von dem Gerücht hörten, verließen das Haus quasi noch auf der Schwelle stehend.“ 

Der Ruf des Hauses hatte sich schon bald im Viertel herumgesprochen, berichtete Miss Montan weiterhin und es kamen erst gar keine neuen Interessenten mehr, um die leer stehenden Wohnungen zu besichtigen. Mr. Thomson, der Eigentümer, begann sie irgendwann zu einem Spottpreis als ungewöhnliche Lagerstätten an Fabriken zu vermieteten. Die Einzigen, die noch  im Haus wohnten, waren entweder nicht in der Lage dazu, es zu verlassen oder aber in irgendeiner Weise an den Umgang mit Geistern gewöhnt. Da gab es Mr. Thomson selbst im Erdgeschoss, der aus nachvollziehbaren Gründen die Gerüchte herunterspielte, doch dem nicht selten Schweißperlen auf die Stirne traten, wenn in einer stürmischen Herbstnacht der Wind an den Fensterläden rüttelte. Da gab es die alte Mrs. Hallay im Souterrain, die nicht nur bezeugte, dass der Geist ein armer Junge sei, der von tiefen Schuldgefühlen geplagt wurde, sondern auch jede Nacht mit ihrem längst verstorbenem Ehegatten Schach spielte und gegen ein kleines Entgelt jungen Damen aus Spielkarten vorhersagte, wann sie heiraten würden. Da gab es im zweiten Stock Edgar Willow, den ehemaligen Totengräber, der angesprochen auf den Hausgeist immer nur antwortete, bei dem, was er in seinem Beruf erlebt hätte, könne ihn so ein Geist auch nicht mehr erschrecken und da gab es natürlich noch Miss Montan im Dachgeschoss.

„Haben Sie denn keine Angst, hier zu leben? Die Geschichte klingt ziemlich unheimlich“, fragte ich neugierig.

„Nein“, antwortete Miss Montan entschieden, „ich glaube nicht an solche Spukgeschichten. Es gibt für alles eine rationale Erklärung. Ich wählte die Fellburn Street bewusst wegen der Ruhe und Abgeschiedenheit hier oben. Nichts ist störender als neugierige Nachbarn“.

Ich spürte, dass Miss Montan mir nicht die ganze Wahrheit erzählte. Es musste noch einen wichtigeren Grund geben, warum sie sich genau für diese Wohnung entschieden hatte. Doch dieser Grund lag tief hinter den Schatten ihrer schwarzen Augen verborgen.

„Und Sie, Miss Whibby“, fragte sie plötzlich, „Würden Sie sich in einem Geisterhaus fürchten?“ Ich dachte kurz nach. Gänsehaut breitete sich auf meinem Körper aus. Wie der Geist mit dem Kind auf dem Arm durchs Treppenaus irrte, es war gruselig.  Doch irgendwo hatte die Vorstellung auch etwas schauderhaft Inspirierendes an sich. Ich liebte Geschichten, die mich in Spannung versetzen konnten. Und Trotz aller Angst hatten gefahrenvolle und unheimliche Orte ihren  besonderen Reiz. Die großen Fenster, durch die das Sonnenlicht ins Zimmer strömte, boten zudem ideale Lichtverhältnisse zum Zeichnen.

„Nein, ich glaube nicht“, antwortete ich bestimmt. In diesem Moment fiel mein Blick auf eine hölzerne Uhr auf dem Kaminsims. Die goldenen Zeiger waren entsetzlich weit vorangekommen.

„Ich glaube, es wird Zeit für mich, zu gehen“, sagte ich ruhig und machte mich bereit zum Abschied, „Ich danke Ihnen sehr für Ihre Offenheit und nette Bewirtung, Miss Montan. Es hat mich sehr gefreut. Was das Zimmer angeht, würde ich gerne noch einmal in Ruhe darüber nachdenken und Ihnen dann meine Entscheidung telegraphieren, falls Sie sich mich als Untermieterin vorstellen könnten“.

„In Ordnung“, antwortete mir die Hausherrin und brachte mich zur Türe. Als ich im Begriff war ins Treppenhaus zu treten, fiel mir plötzlich auf, wie sonderbar gelassen sie auf die merkwürdigen Umstände unserer Begegnung reagierte. Es schien sie nicht im Geringsten irritiert zu haben, dass ausgerechnet ich ihre Interessentin war. Fast kam es mir so vor, als nähme sie den seltsamen Zufall als Alltäglichkeit hin.

„Ist es nicht erstaunlich, dass wir uns so wieder begegneten?“, bemerkte ich auf der Türschwelle, „welch merkwürdigen Zufälle es gibt. Hat Sie das nicht auch verwundert?“

„Nicht lange“, antwortete Miss Montan knapp. Ich warf ihr einen fragenden Blick zu. „Über Zufälle, wie Sie es nennen, wundert man sich nur, wenn man zu wenige Fakten bedenkt“, begann sie zu erklären, „Als ich mich auf die Suche nach einer Untermieterin begab, begann ich im HighPark Telegraph zu inserieren, wo ja auch Sie meine Annonce entdeckten. Die Zeitung ist vor allem bei bürgerlichen Frauen sehr beliebt. In Vierteln wie Morland, Westchurch und vor allem Highpark“, sie formte mit den Händen einen Kreis, der das Haus und seine Umgebung zu umfassen schien, „leben die meisten Leserinnen. Nun erhielt ich aber ein Telegramm von einer Poststation im East-End. Da nur wenige Arbeiterinnen den Highpark Telegraph lesen, konnte meine Interessentin eigentlich nur eine bürgerliche Frau sein, die aufgrund einer Notlage dort wohnte. Natürlich leben im East End nicht viele solcher Frauen. Und auch gibt es im Viertel nur drei Zeitungsstände, die den Highpark Telehgraph führen. Der größte von ihnen ist Mr. Pillows Corner in der Springbreak Street. Ich denke, Sie kennen ihn gut. Denn er liegt nur ein paar Schritte von der Gasse entfernt, in der die beiden Männer Sie überfielen. Sie, die mit ihrer eleganten Erscheinung nicht ins East End zu passen schienen und sich dennoch so sicher durch die Straßen bewegten, als würden Sie die Gegend gut kennen. So gut, wie jemand, der ganz in der Nähe wohnt. All diese Zusammenhänge erfassend, wusste ich augenblicklich, dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit gewesen war, bis Sie vor meiner Türe stehen würden. Kommen Sie gut nach Hause, Miss Whibby und lassen Sie mich bald Ihre Entscheidung wissen“. Sie lachte, winkte mir freundlich zum Abschied und schloss die Türe.

Völlig überrumpelt und unfähig einen klaren Gedanken zu fassen blieb ich minutenlang im Treppenhaus stehen und starrte auf das Türschild. Charlotte Montan stand dort geschrieben. Doch in geisterhafter Schrift fügte eine Hand vor meinem inneren Auge diesen Worten noch zwei weitere hinzu: Charlotte Montan. Allwissendes Genie. Im Sonnenlicht, das durch das runde Dachfester fiel und sich mit der Dunkelheit zu bizarrem Zwielicht vermengte, wusste ich nicht mehr, ob es Illusion oder Wirklichkeit war, was ich dort las.

Endlich riss ich mich los und visierte zielstrebig die Treppe an. Der Staub im Treppenhaus raubte mir die Luft. Erst im Innenraum der Mietkutsche konnte ich tief durchatmen. Neben den Rädern flohen im Schnee noch immer meine Fußspuren die Straße herab. Meine Gedanken drehten sich wild im Kreis. Wer war diese erstaunliche Frau? Wie konnte sie mich so schnell durchschauen? Ich war fasziniert, beunruhigt, überwältigt. Die Erlebnisse mit Miss Montan hatten etwas in mir angestoßen. Stunden und Tage vergingen, in denen ich meine Gedanken zu ordnen versuchte.

Sollte ich tatsächlich in die Fellburn Street ziehen?  Miss Montans schien mich als Untermieterin bereits akzeptiert zu haben. Es hing also nur noch von meiner eigenen Entscheidung ab. Die Befremdung, die jene zierliche Frau mit den durchdringenden Augen in mir auslöste, ließen mich zögern. Und auch der Fluch des Hauses stimmte mich nicht unbedingt willig, dort einzuziehen. Doch gab es auch noch die andere Seite in mir. Eine Seite voller Abenteuerlust, die sich nach dem Rätsel und dem Aufregenden sehnte. Das Geheimnisvolle, welches das Haus und seine Dachbewohnerin umgab, zog mich magisch an. Miss Montans sonderbare Aura und ihr scharfsinniger Verstand reizten mich auf ihre Weise. Jenseits aller Vorsicht war ich erfüllt von Neugier und Entdeckerfreude und der Gedanke, endlich etwas menschliche Gesellschaft zu haben, kam mir wie das Erwachen aus einem langen Alptraum vor. Im Schein dieser mächtigen Antriebe verblassten allmählich alle Schatten und Zweifel.

Nur wenige Tage später rauschte eine Kutsche beladen mit meiner Staffelei, mehreren Koffern und einer schweren, hölzerne Kiste, über das klirrende Eis die Straßen vom East End zum Highpark hinauf. Mister Thomson und Mister Willow halfen mir, meine Sachen in die Wohnung zu bringen. Der Staub, der zu diesem Treppenhaus zu gehören schien wie die hölzernen Stufen, zerfuhr im Sonnenlicht zu kleinen Wirbeln, als die beiden Männer die Kiste zum Dachgeschoss hinauf hievten.

„Sie ziehen also zu Miss Montan, Miss…“, fragte mich Mister Willow,

„Whibby“ ergänzte ich.

„Na da haben Sie sich ja ne schöne Bleibe ausgesucht. Ich hoffe, Sie haben starke Nerven. In dem Haus hier spukt es, sagt man sich zumindest auf der Straße“.

„Miss Montan hat mich schon vorgewarnt. Doch ich kann Sie beruhigen, Mister Willow, sollte ein Geist mich jemals nachts in meinem Zimmer aufsuchen… nun ja, ein Standspiegel ist doch immer ein nützliches Möbelstück“, antwortete ich feixend.

Mister Willow lachte laut auf.

„Oh ho, Miss Whibby, Sie haben wirklich Humor! Ich hoffe, Sie amüsieren uns noch öfter“

Mr. Thomson lachte ebenfalls. Der Vermieter war zwar zurückhaltender, doch nicht weniger sympathisch als Mr. Willow. Kurz nachdem auch die Staffelei heraufgebracht worden war, erschien auf der letzten Treppenstufe auf einmal die grauhaarige Mrs. Halley in ihrem dunklen Witwenkleid. Sie hatte durch das Kellerfenster gesehen, wie die Kiste ins Haus gebracht worden war und war heraufgekommen, um nachzusehen, was los sei. Als die Männer mich als neue Nachbarin vorstellten, schüttelte sie mir freundlich die Hände: „Herzlich Willkommen in der Fellburn Street, Miss Whibby, Mrs. Hallay mein Name, ich hoffe, Sie werden sich hier wohlfühlen. Wissen Sie, wir sind nicht allein in diesem Haus, manchmal…“

Ich warf Mr. Thomson und Mr. Willow einen kurzen Blick zu, den die beiden lächelnd erwiderten. „Ich weiß schon Bescheid, Mrs. Halley, vielen Dank für Ihre herzliche Begrüßung“, entgegnete ich dann.   

Die alte Dame lächelte. „Wenn Sie einmal etwas mehr über Ihre Zukunft wissen möchten, so kommen Sie mich doch einfach besuchen. Ich freue mich immer über Besuch“.

„Das werde ich“, versprach ich. Und tatsächlich kam ich sie öfter besuchen. Ihre Dienste nahm ich jedoch nie in Anspruch. Bald trat die betagte Wahrsagerin ihren Rückweg an. Die beiden Männer schlossen sich ihr an. Ich schaute der Gruppe für einen Augenblick hinterher. Nun hatte ich alle Nachbarn an einem Tag kennengelernt und alle schienen sie recht nett zu sein. Gemeinsam trugen Charlotte Montan und ich unter dem aufmerksamen Blick leuchtender Katzenaugen noch die letzten Koffer in mein Zimmer. Dann folgte ein leises Knarren und mein Sichtfeld auf den Flur schloss sich. Nun war ich alleine.

Die ersten Wochen in der Fellburn Street waren nicht leicht für mich. An die Abgeschiedenheit meines neuen Domizils musste ich mich erst gewöhnen. In meinem Zimmer in East End gab es kaum eine ruhige Minute. Die Wände waren dünn wie Papier und das Haus völlig überfüllt gewesen. Lärm war dort mein ständiger Begleiter. Hier hingegen umgab mich Tag und Nacht jene gespenstische Stille eines fast unbewohnten Hauses. Vier Stockwerke trennten die Wohnung von dem nächsten Menschen, der unter dem Dach mit den schweren Giebeln lebte. Fast kam ich mir vor wie Rapunzel, das Mädchen aus dem deutschen Märchen, in ihrem hohen, einsamen Turm. Und wie zum Beweis flatterten jedes Mal zwei bis drei verwilderte Tauben auf, wenn ich das große Fenster in meinem Zimmer aufstieß, um die Morgenluft herein zu lassen.

Mit Miss Montan hatte ich in jenen Wochen recht wenig zu tun, doch gerade genug, um Zeugin ihrer Eigensinnigkeiten zu werden. Wie ich bald feststellte, hegte meine Mitbewohnerin sehr sonderbare Angewohnheiten. Vermutlich war sie der einzige Mensch, der sich zwischen Bücherstapeln auf den Tischen, Staubtürmen in den Regalen und Zettelozeanen auf dem Boden pudelwohl fühlte. Auch von einem geregelten Lebensrhythmus hielt sie offenkundig recht wenig. Obwohl wir Bad und Küche teilten, konnte es geschehen, dass ich sie tagelang nicht zu Gesicht bekam. Dann wachte ich mitten in der Nacht auf, weil die Türe ging und schnelle Schritte über die knarrenden Stufen hinweg ins Erdgeschoss eilten. Über den Hausgeist, den zumindest Mrs. Halley ab und an nachts im Treppenhaus hörte, hatte ich bald meine ganz eigene Theorie. Manchmal trat meinte Mitbewohnerin auch mittags im Nachthemd aus dem Bad und knallte die Türe zu, sobald sie mich sah. Anstehende Termine behandelte sie mit erstaunlicher Ignoranz. Egal, ob es der Milchmann war, der uns die Flaschen vorbei brachte oder Mr. Thomson, der etwas in der Wohnung überprüfen wollte, Miss Montan hatte es garantiert vergessen.

Es war keine große Kunst, zu erraten, dass ihr merkwürdiges Verhalten mit ihrer Schwäche für das Verbrechen zusammenhing. Kriminalfälle, das wusste ich schon bald, waren Charlotte Montans große Leidenschaft. Die Zettel, die im Wohnzimmer, in der Küche, ja überall in der Wohnung auf Böden, Tischen und Regalen herumlagen waren allesamt Zeitungsausschnitte oder handschriftliche Notizen zu Verbrechen. Miss Montan schien sich damit viel zu beschäftigten. Und sie konnte in dem, was sie tat, völlig aufgehen. Wenn sie mit einem solchen Fall beschäftigt war, waren Raum und Zeit vergessen. Sie schien förmlich für ihre Sache zu brennen. Hunger, Durst, Müdigkeit – nichts konnte sie davon abhalten, weiterzumachen. Ich wusste nicht, ob ich diese Eigenart mit Sorge oder mit Bewunderung betrachten sollte. Ein solcher Elan war sicher beeindruckend, doch nicht selten überschritt Charlotte Montan dabei ihre Grenzen. Allzu häufig fand ich sie eingeschlafen über irgendwelchen Notizen oder Experimenten. Als ich von den Weihnachtstagen bei meiner Mutter zurückkehrte, war sie sogar zu geschwächt, um aufzustehen. Zwei Tage hatte sie weder gegessen, noch geschlafen und gerade mal vier Gläser Wasser getrunken. Ich eilte zum Markt, um etwas Essbares aufzutreiben und die gute alte Mrs. Hallay gab mir eine aufbauende Kräutermischung für sie mit.

Auch ihre Methoden waren manchmal sehr gewöhnungsbedürftig. Es kam häufiger vor, dass ich am Rande ungewollte Zeugin ihrer Arbeit wurde. Eigentlich hatte ich keinen Grund mich zu beklagen, hatte mich Charlotte Montan bei unserem ersten Treffen doch vorgewarnt. Doch als ich damals sagte, es mache mir nicht das Geringste aus, ahnte nicht im Ansatz, was mich in der Fellburn Street erwarten sollte. Kreidestriche auf den Dielen und mit Zeitungsartikel tapezierte Wände waren nicht alles, womit diese sonderbare Frau hantierte. Immer wieder entdeckte ich in der Wohnung Hinterlassenschaften ihres Tuns. Sei es, dass ich in der Küche plötzlich ein Einmachglas in den Händen hielt, in dem ein undefinierbarer Gegenstand in einem Meer von Alkohol schwamm. Sei es, dass ich ins Wohnzimmer trat und von einem stechenden Lichtblitz aus einem  Spiegel geblendet wurde. Oder sei es, dass ich aufpassen musste, wo ich hintrat, weil die Wohnung mit unsichtbaren Seilen durchzogen war. Einmal schreckte ich mitten in der Nacht hoch, weil ich plötzlich Schüsse in der Wohnung hörte. In heller Aufregung fuhr ich aus dem Bett. Wie wild raste ich durch die Räume. Dann kam ich zu Miss Montans Zimmer. In panischer Angst riss ich die Türe auf. Da stand meine Mitbewohnerin in einem schimmernd weißen Nachthemd, eine Pistole in der Hand haltend und sah mich mit überraschtem Gesichtsausdruck an. An der gegenüberliegenden Wand lehnte ein Brett, auf dem ein dickes Stück Speck befestigt war. Einschusslöcher klafften im Fleisch. Notizzettel bedeckten den Boden.

„Oh, Miss Whibby“, sprach meine Mitbewohnerin und lächelte irritiert, „ich hoffe, ich habe sie nicht geweckt“.

Meine Nerven lagen blank. Ich hätte wahnsinnig werden mögen, je länger ich mit dieser Frau unter einem Dach lebte. Und doch konnte ich mir beim besten Willen kein anderes Leben vorstellen. Es gab dafür keine Erklärung, doch lange konnte ich Charlotte Montan nie böse sein. Vielleicht war es der aufregende Hauch der Gefahr, der mich in diesem Haus immer umgab. Neugierde, Abenteuerlust und ein Lächeln ließen mich meinen Groll schnell vergessen. So nahm das Leben in der Fellburn Street seinen gewohnten Gang. Und je länger ich bei Charlotte wohnte, umso mehr gewöhnte ich mich an das Ungewöhnliche und lernte, das Unerwartete zu erwarten.

Nicht immer verlief unser Leben derart chaotisch. Es gab auch Phasen, in denen es schon fast die Normalität erreiche. Das waren Zeiten, in denen die Unterwelt schlummerte und es für Charlotte Montan nichts zu tun gab. Dann ging sie morgens aus dem Haus und kam abends heim, erinnerte sich an Termine, aß und trank und schlief. An vielen dieser ruhigen, kalten Winterabende feuerte sie den Kamin im Wohnzimmer an und setzte sich mit einer Petroleumlampe und einem Buch vor das prasselnde Feuer. Manchmal fand ich noch am Morgen eines dieser Bücher auf ihrem Sessel. Eines Tages lockte mich wunderschöne Musik ins Wohnzimmer. In den ersten Wochen in der Fellburn Street hielt ich das Klavier für ein Erbstück, das nicht benutzt würde. Denn zugegeben, traute ich einem Menschen mit einem solchen exakten, kühlen Verstand nicht zu, so kreativ und spielerisch sein zu können, wie es jede Form von Kunst erforderte. Dass sie Klavierspielen konnte, ja sogar selbst Stücke komponierte, gehörte zu den angenehmeren Überraschungen, die das Leben in der Fellburn Street für mich bereit hielt. Und es war nur der erste von vielen Widersprüchen in Miss Montans vielschichtigem Charakter, mit denen ich bald Bekanntschaft machen sollte.

Man könnte nun meinen, Charlotte Montan und ich hätten in jedem Winter viele gemütliche Abende miteinander verbracht. Doch dem war nicht so. Tatsächlich hatte Miss Montan keinesfalls gelogen, als sie mir erklärte, sie suche keine Gesellschafterin. Sie schien Einsamkeit jeder menschlichen Nähe vorzuziehen. Wir lebten Tür an Türe und doch wechselten wir kaum ein Wort miteinander. Allenfalls sprachen wir über Belanglosigkeiten. Zu gerne hätte ich ihrem Klavierspiel aus nächster Nähe gelauscht, hätte beobachtet, wie ihre schneeweißen Finger über die Klaviatur glitten. Oder mich still auf einem der Sessel niedergelassen, um im gleichen Feuerschein ein Buch zu lesen. Doch Miss Montan achtete penibel darauf, sich meiner Anwesenheit so gut zu entziehen, wie es die Wohnsituation nur zuließ. Hatte ich einen Raum betreten, zog sie sich alsbald zurück. Zuerst hielt es für eine nur anfängliche Scheu, doch die Monate veränderten nichts an ihrem Verhalten. Ihre kühle Unnahbarkeit ließ mich stets nur die Schatten, die vergessenen Reste ihrer Existenz erhaschen: Der verklungene Ton, der noch warme Sessel, das vergessene Buch, der verstohlene Blick auf ihre Silhouette in den Morgenmantel gehüllt am Ende des Flurs vor dem Badezimmer. Nicht einmal führten wir ein richtiges Gespräch. Dabei war sie nie unhöflich, doch sehr distanziert.  Zu den Nachbarn hatte ebenfalls sie kaum Kontakt. Nur Bastet, die auch mir öfter Gesellschaft leistete, durfte sich ihr unbegrenzt nähern. Allmählich begann ich, mir tausend Fragen über diese rätselhafte Frau zu stellen. Was brachte sie nur dazu, Menschen so zu meiden? Irgendein geheimnisvoller, dunkler Kummer lag wie ein Schatten auf ihr. Zu oft wirkte sie abwesend, in Gedanken versunken, nahezu apathisch. Ihre Augen, die vor Feuer glühten, wenn sie mit einem Kriminalfall beschäftigt war, wurden nicht selten stumpf und leer, wenn es nichts zu tun gab. Manchmal glaubte ich fast, dass Miss Montan ganze Tage damit verbrachte, dazusitzen und nichts zu tun. Und doch schien die Einsamkeit sie kein bisschen zu stören, sie suchte sie ja regelrecht. Ihr ganzes Wesen gab mir Rätsel auf. Warum hatte sie sich an diesen Ort zurückgezogen? Und warum verwendete sie so viel Zeit und Energie darauf, sich mit Kriminalfällen zu beschäftigen? Dass Charlotte Montan ihren Lebensunterhalt als Detektivin verdiente, ahnte ich, doch verwarf ich diesen Gedanken immer wieder. Waren doch alle erwerbstätigen Frauen, denen ich bisher begegnet war, Gouvernanten, Lehrerinnen oder Dienstmägde gewesen. Oder Mädchen die dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen.

Meine ersten Monate in Highpark wurden so zu einem Wechselbad der Gefühle: Verstörung und Abenteuerlust, Ärger und Sorge, Rätseln, Neugierde – alles war darunter. Die Einsamkeit zehrte ebenfalls an mir und Einsamkeit ertrug ich im Gegensatz zu Charlotte Montan nur schwer. Meine Stimmung verdüsterte sich zunehmend. Nicht einmal der Lärm des East Ends konnte mich nun mehr trösten. Und doch dachte ich nicht ein einziges Mal daran, die Fellburn Street wieder zu verlassen. Ich weiß nicht, was mich hielt.  War es vielleicht der Reiz des Rätsels? Denn trotz aller Widersprüche und Strapazen, faszinierte mich das Geheimnisvolle, das Miss Montan umgab. Obgleich ich einsam war, war ich doch niemals allein. Wie ein Geist verfolgte mich Charlotte Montan in diesen Räumen, umgab mich überall und bleib doch immer unsichtbar. Dabei wusste sie mehr, als ihre kargen Worte und ihre tiefen, schwarzen Augen preisgaben. Sie hatte mir einmal beweisen, dass sie mich durchschauen konnte und sie sollte es noch tausendfach beweisen. Ich wusste es damals noch nicht, doch Miss Montan hatte mich immer im Blick. Wenn ich mich umdrehte oder zur Türe ging, ruhten ihre durchdringenden Augen auf mir und registrierten jeden meiner Schritte. Wenn sie sich über ihre Notizen oder Experimente beugte und mich keines Blickes zu würdigen schien während ich bei ihr saß, so gab es immer irgendwo einen Löffel, ein geputztes Glas oder andere spiegelnde Oberflächen, durch die sie mich betrachtete. Sie war wie eine Katze, die aus der Dunkelheit heraus alle beobachtete, ohne sich selbst zu zeigen. Und es sollte Jahre dauern, bis ich hinter dieses Geheimnis kam.

Nur dass sie mich besser kannte, als ich ihr zutraute, das wusste ich, als ich eines Tages ein Glas meiner Lieblingsmarmelade auf meinem Schreibtisch fand. Nie hatte ich ihr davon erzählt, nie hatte ich sie verzehrt, seitdem ich in der Fellburn Street wohnte. Nur eine Visitenkarte des kleinen Feinkostladens von Madam Thunder, den ich vor ein paar Tagen verloren hatte und ihre Kombinationsgabe konnten mich verraten haben. Als ich mich bedanken wollte, zog Miss Montan sich zurück. Dieses geheime Wissen und ihre mysteriöse, dunkle Aura weckten in mir tiefe Faszination und Neugierde. Ich wusste, ich würde die Fellburn Street nicht verlassen wollen, ehe ich hinter den Schleier dieser geheimnisvollen Frau sehen durfte. Zu tief hatte Miss Montan mich in ihren Bann gezogen.

Mit dieser eigenartigen Mischung aus Faszination, Verstörung und geisterhafter Gemeinschaft gingen die Wintermonate ins Land. Der Kalender schüttelte seine letzten Blätter ab und füllte sich am ersten Januar mit 365 neuen Tagen. Die ersten beiden Monate des Jahres 1896 gingen ohne große Veränderungen dahin. Unter der Woche stand ich oft vor meiner Staffelei und tauchte den Pinsel in die Farben, während Bastet um meine Füße streifte.  Mit Mrs. Hallay und Mr. Willow hatte ich inzwischen ein regelmäßiges Teekränzchen etabliert und auch mein Verhältnis zu Miss Montan schien sich allmählich zu verändern. Ich weiß nicht mehr genau, wann es begann. Doch es muss zu der Zeit gewesen sein, in der ich meine neuen Lieblingsbücher, ein Gedichtband von Sappho und Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray verlegte. Seitdem duldete Miss Montan meine Anwesenheit, obwohl sie persönlichen Fragen immer noch auswich.

Inzwischen war es April geworden und die perlmuttfarbenen Eisblumen auf dem Fenster eiferten mit ihren Schwestern im Garten um die Wette. Miss Montan hatte einmal wieder nichts zu tun und so saßen wir schweigend und lesend im Wohnzimmer, gemeinsam und doch jede für sich alleine. Eigentlich hätte ich meinen Roman lieber beiseitegelegt, denn mein Interesse galt viel mehr Miss Montan als dem Buch. Ich genoss ihre Nähe, genoss das Gefühl, in diesen dunklen Abendstunden nicht ganz alleine zu sein, auch wenn wir kein Wort sprachen. Miss Montan hingegen war in ihr Buch vertieft und würdigte mich keines Blickes. Es stimmte mich traurig, denn ich hätte mir so viel mehr gewünscht. Doch ich wusste, dass ich nicht mehr von ihr erwarten konnte. Zum Glück bot mir ihre Ignoranz auch Gelegenheit zu einigen unbemerkten Beobachtungen. Im Feuerschein studierte ich die schmale Figur, die vom sanften Flackern umrissen wurde, eingehend.

Wie ich abermals bemerkte, hatte Miss Montan wenig von dem, was man gemeinhin unter weiblichem Liebreiz verstand. Dass eine Frau wie sie erröten würde, war noch unwahrscheinlicher als ein Sonnenaufgang zur Mitternacht. So herzlich sachlich, so wunderbar ungeschönt war ihr Wesen, das alles Weibische ihr fremd war. Schmuck und Schminke kannte sie nicht, ihre Kleidung war schlicht und praktisch. Und doch war Miss Montan auf ihre Art sehr feminin und hübsch. Ihre schwarzen Augen blickten wach und klar und klug in die Welt. Ihre zierliche Figur lehnte locker gegen die Sessellehne und die feingliedrigen Finger blätterten flink und geschickt die Seiten um. Ihr Aussehen hatte seine ganz eigene Ästhetik und vielleicht waren es gerade die Kontraste, die ihr Schönheit verliehen. Der Kontrast zwischen ihrer Weiblichkeit und dem Fehlen jedes schmückenden Beiwerks. Der Kontrast zwischen ihrer zierlichen Gestalt und der Größe, die aus ihren Augen sprach. Ich weiß es nicht, aber so oder so war Miss Montan ein inspirierendes Objekt für das Auge einer Künstlerin.

Schon in meiner alten Heimat zeichnete ich gerne Menschen, die mich faszinierten. Das faltige Gesicht einer lachenden, alten Dame, die großen Augen eines Kindes, die Hände eines jungen Mädchens, von Spitzenhandschuhen umhüllt. Miss Montans außergewöhnliche Erscheinung passte gut in die Reihe dieser Bilder. Mich unbeobachtet glaubend zog ich zwischen den Seiten meines Buches heimlich ein Blatt Papier hervor und begann sie zu portraitieren. Ihren Körper studierte ich genau, um jedes Detail zu erfassen. Langsam wanderte mein Blick von den gekräuselten, dünnen, Locken, die sie locker hochgesteckt hatte über ihre bleiche Stirn zu den ebenmäßigen Gesichtszüge und den tiefen, schwarzen Wogen ihrer intelligenten Augen, weiter zum blassroten, schmalen Mund, über den schlanken Hals hinweg, der vom Kragen ihres roten Kleides verdeckt wurde, weiter zu den Knöpfen ihrer Bluse, der sanften, leichten Wölbung ihrer Brüste bis hin zu den Armen, die sich schließlich in elegante, schlanke Finger ergossen. Leise seufzte ich. Es war erstaunlich, wie unterschiedlich wir waren.  Ich war groß, mollig, üppig und selten ungeschminkt, meine Augen waren blau und verklärt, meine Lippen voll, meine Haare blond. 

 „Ich hoffe, Sie haben mich gut getroffen“, erklang plötzlich eine Stimme. Erschrocken ließ ich den Stift fallen und blickte auf.

„Entschuldigen Sie, Miss Montan“, stammelte ich, „Ich wusste nicht, dass sie, ich meine, ich dachte, dass…“.

Charlotte Montan lächelte. „Gutes Kind, glauben Sie wirklich, ich hätte Sie nicht gesehen? Ich werde mein Handwerk wohl noch verstehen.“

Ich schwieg.

“Ich beobachte Sie schon eine Weile. Doch ich wollte Sie nicht stören. Es war recht amüsant, Ihnen zuzusehen. Ich werde nicht jeden Tag in meinem Wohnzimmer portraitiert.“

Sie sah auf und lächelte mich mit einem Zwinkern an. Ihre Stimme klang ungewohnt offen, vergnügt, fast schelmisch. Sofort verschwand die Röte aus meinem Gesicht. Ein lebendiges, frisches Gefühl ergriff mich. Noch nie hatte Miss Montan so herzlich mit mir gesprochen. Zu meiner Überraschung schlug sie im nächsten Augenblick auch noch das Buch zu und legte es beiseite.

„Ich habe genug gelesen für heute, mir ist mehr nach einem Gespräch zumute. Ich hoffe, Miss Whibby, Sie haben nichts dagegen mir ein wenig Gesellschaft zu leisten.“

Ich war noch zu verblüfft, um zu antworten, da sprang Miss Montan auch schon vom Sessel auf, lief zu einer der dunklen Vitrinen mit dem hübschen Glasfenstern und zauberte zwei Weingläser hervor. In den kleinen Kristallen der reichen Verzierung spiegelte sich das schummrige Licht des Feuers. Bastet, die auf einem Kissen nahe dem Kamin döste, sprang zu mir aufs Sofa. Sanft streichelte ich ihr den Kopf, bis das Knallen eines Weinflaschenkorkens sie verscheuchte. Dunkel wie Blut floss der Wein in die Gläser, während die Flammen im Kamin fortwährend an den Holzscheiten zehrten.

„Auf den Frühling“, stieß Miss Montan mit mir an, „Bald ist April“.

Ich begann gerade an meinem Weinglas zu nippen, als Miss Montan plötzlich meinte: „Sie wohnen schon so lange bei mir und doch kenne ich Sie kaum, Miss Whibby. Erzählen Sie mir doch ein wenig über ihre Arbeit“.

Ich verschluckte mich fast. War das wirklich Charlotte Montan, die da sprach? Jene stille Gestalt, die wie ein Phantom durch die Räume geisterte und vielleicht drei Worte am Tag mit mir wechselte? Ich erkannte meine Zimmergenossin nicht wieder. Halb abwesend vor Erstaunen begann ich von meiner Arbeit als Illustratorin zu berichten. Davon, dass meine Zeichungen unter männlichem Pseudonym veröffentlicht wurden, weil der Verlag es so wollte; davon, dass die Bezahlung vergleichsweise gut war und ich froh war, mein eigenes Auskommen zu haben; davon wie viel Spaß mir das Zeichnen machte, obgleich es manchmal einiges an Zeit in Anspruch nahm. Zunächst Heiterkeit, dann gespanntes Interesse und schließlich tiefe Nachdenklichkeit spiegelten sich in ihrem Gesicht, während ich sprach. Als ich ans Ende meiner Erzählung kam, wirkte Charlotte Montan auf einmal so abwesend, als sei sie nicht mehr bei der Sache. Ärger flammte in mir auf. Warum stellte sie mir Fragen, wenn sie nicht vorhatte, mir zuzuhören? Doch in diesem Moment blickte mir meine Zimmergenossin direkt in die Augen.

„Ihr Verlag scheint Ihre Arbeit sehr zu schätzen“, bemerkte sie, „Ich nehme an, Ihr Vertrag sieht es vor, dass sie ausschließlich für ihn arbeiten?“

„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete ich knapp. Plötzlich beschlich mich das Gefühl, dass Miss Montan etwas im Schilde führte. Doch was?

„Gut“, kommentierte diese meine Auskunft und lächelte geheimnisvoll, „Sehr gut“.

„Hätten Sie vielleicht Interesse daran, eine kleine Auftragsarbeit für mich anzufertigen, Miss Whibby? Ich könnte Sie nicht in Bargeld bezahlen, würde Ihnen aber eine halbe Monatsmiete erlassen.“

Wieder verschluckte ich fast am Rotwein. Ich hatte mit vielem gerechnet, doch nicht mit einer solchen Anfrage. Wofür braucht, eine Frau wie Miss Montan wohl die Dienste einer zweitklassigen Illustratorin, fragte ich mich. Der Gedanke, für sie zu arbeiten gefiel mir allerdings. Eine bessere Chance, mehr über diese faszinierende Frau zu erfahren gab es kaum und der Verdienst war für meine Verhältnisse nahezu fürstlich. Auch wenn es mich etwas kränkte, dass sie nur deshalb interessiert an mir war, weil sie mich für ihre Zwecke brauchte, willigte ich ein.

„Prima“ antworte Miss Montan und sank zufrieden lächelnd in ihren Sessel. Der Schein der Flammen tanzte im Wechselspiel von Licht und Schatten über ihr Gesicht.

„Worum soll es denn gehen?“, fragte ich neugierig.

„Das werden Sie noch rechtzeitig erfahren, Miss Whibby“, antwortete Miss Montan knapp, „Wenn alles gut geht, werden wir Morgen Nachmittag Besuch bekommen, der ihnen die Einzelheiten erklären wird.“

Nun wurde es erst richtig spannend. Noch nie hatte Miss Montan Besucher empfangen. Welch wichtige Persönlichkeit musste es wohl sein, dass sie eine solche Ausnahme machte? Ich wollte noch mehr erfahren, doch Miss Montan hüllte sich wieder in Schweigen. Es nützte nichts, ich würde warten müssen.

Bald ging jeder von uns wieder seiner Beschäftigung nach. Miss Montan las, Bastet schlummerte auf ihrem Lieblingsplatz und ich lag auf dem Sofa und kritzelte unablässig vor mich hin, während ich meinen Gedanken nachhing. Neben unserem geheimnisvollen Besuch beschäftigte mich noch immer der Tag, an dem Miss Montan mir im East End das erste Mal begegnet war. Es verging wohl eine Stunde, bis ich mich aufsetzte und nach dem Weinglas griff, das ich nur halb geleert hatte. Löcher in die Luft starrend nippte ich daran und warf von Zeit zu Zeit verlegene Blicke in Miss Montans Richtung. Meinen Blick spürend klappte diese langsam ihr Buch zu und legte es beiseite. Ohne mich anzusehen griff sie nach der Flasche und schenkte sich Wein nach.

„Was möchten Sie mir sagen, Miss Whibby“, sprach sie schließlich, „denken sie immer noch über den Auftrag nach?“

Ihre Stimme klang fürsorglich. Geistesabwesend stellte ich mein Weinglas zu ihrem und ließ auch mir nachschenken. Ich nahm mein Glas auf, da wandte sie sich um und schaute mich direkt an. Ihre dunklen Augen glitzerten im warmen Licht des Feuers.

„Es ist…“ ich brach ab und blickte ins Glas. „Nein, es ist nicht der Auftrag“, begann ich erneut, „ich muss immer noch an damals denken, an die Sache mit der Tasche. Wie konnten Sie das tun, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Ich verstehe das alles einfach nicht.“

„Armes Kind“, antwortete Miss Montan neckisch „so ein Kopfzerbrechen zu so später Stunde“.

Das sanfte Kerzenlicht ließ das Rot ihres Kleides aufleuchten, ihre Augen blitzen vor Stolz. Schweigend und geheimnisvoll erhob sie das Glas. Da bemerkte ich, wie ihr Blick auf einmal zur schlafenden Bastet wanderte, so als wollte sie mir damit andeuten, ich solle ihren Blicken folgen. Ich tat es.

„Ist das nicht ein wunderbares Bild, Miss Whibby, selbst im Schlaf versteht die Dame es noch, elegant zu sein“, hauche mir meine Zimmergenossin zu. Ich nickte wortlos. Sie hatte Recht. Der Anblick der schlummernden Bastet hatte etwas Anheimelndes. Doch warum wechselte sie so schnell das Thema? Ich war ihr doch hoffentlich nicht zu nahe getreten?!

„Sie sollten öfter Katzen beobachten“, fuhr Miss Montan im Flüsterton fort und beugte sich zu mir vor, „nichts ist inspirierender als einer Katze zuzuschauen. Sehen Sie nur diese weichen Pfoten, auf denen sie sich lautlos anzuschleichen weiß. Es gibt kein Hindernis, an dem eine Katze sich nicht vorbeistehlen könnte. Als Räuber der Nacht sind sie klug genug, sich die Dunkelheit zunutze zu machen. Katzen sind wirklich die faszinierendsten Tiere, finden Sie nicht, Miss Whibby? Ihre Augen haben stets alles im Blick und fangen jeden Lichtstrahl auf, den sie erhaschen können. Keine Türe und kein Schloss begrenzt ihre Freiheit, ihre Geschicklichkeit öffnet ihnen alle Wege. Ob auf breiten Straßen oder schmalen Stegen, ob auf den Gassen oder den Dächern des East Ends im Dämmerlicht“.

Kaum hatte sie ausgesprochen, lehnte sich Miss Montan zurück in ihren Sessel. Ihre Augen, die direkt in meine blickten, funkelten feuriger und schelmischer als je zuvor. Ich wusste nicht recht, wie ich die Situation deuten sollte. In ihren Worten lag mehr, als sie aussprach und doch konnte ich es nicht greifen. Diese sonderbare Frau wurde mir immer rätselhafter. Je näher ich ihr kam, umso dichter schloss sich der Nebel des Geheimnisvollen um mich. Ich glich einer Fliege im Netz einer Spinne.

„Ich glaube, ich verstehe Sie nicht ganz, Miss Montan. Sie wissen, dass ich Katzen liebe, doch es ist mir schleierhaft, worauf Sie hinauswollen“, gestand ich ihr.

„Dann denken Sie noch einmal darüber nach“, antwortete meine Mitbewohnerin mit einem mütterlichen Lächeln, „Wir werden das Gespräch ohnehin zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen müssen. Es ist schon spät und wenn unser Besuch Morgen erscheint, sollten wir beide ausgeschlafen sein. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Miss Whibby“

Sie entzündete eine Öllampe und begab sich auf den Weg in ihr Zimmer. Bald schon war ihre schlanke Gestalt hinter der Türe verschwunden. Ich blieb noch eine Weile vor dem prasselnden Kamin sitzen und richtete meine Augen unablässig auf Bastet, die im Schlaf leise schnurrte. Zu was sie mich wohl inspirieren würde? In meinem Kopf hämmerte es beständig auf den Gassen oder den Dächern des East Ends.

Feedback

Die Kommentarfunktion wurde für diese Story deaktiviert

Autor

Einselfs Profilbild Einself

Bewertung

Eine Bewertung

Statistik

Kapitel:2
Sätze:622
Wörter:9.205
Zeichen:55.337

Kurzbeschreibung

Winter 1895. Als die junge Elizabeth Whibby auf der Anzeige einer alleinstehenden Frau reagiert, die eine Untermieterin sucht, ahnt sie nicht in welches Abenteuer sie sich begibt. Charlotte Montan erscheint ihr zunächst nur als eine äußerst rätselhafte Frau, deren Kombinationsgabe sie sogleich in den Bann zieht. Doch dann kommt Elizabeth hinter das Geheimnis ihrer Mitbewohnerin: Charlotte Montan ist eine Dedektiv und braucht für einen Fall um mysteriöse Gemälde die Hilfe von niemand Geringerem als ihr selbst. Eine Hommage an Arthur Conan Doyle und seine berühmten Figuren Sherlock Holmes und John Watson.

Ähnliche Storys