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Eisinsel - Wildnis

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27.09.20 09:01
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Was ihn am meisten erstaunte und am meisten zusetzte, war die Tatsache, dass sie nicht in der Nacht kamen, sondern am helllichten Tag.
Die Schmiede ruhte. Das Dorf döste im Licht des Frühnachmittags. Menschen hielten ihre Hände auf den Bäuchen gefaltet, schaukelten auf Matten im Schatten der Bäume und Häuser, saßen vor ihren Werkstätten. Frauen und Mädchen waren von den Feldern zurückgekehrt, hatten die Mahlzeiten zubereitet und sie zu den Männern gebracht, die sich im Gras an den Feldrändern zu einem Schwatz niedergelassen hatten.
Das rhythmische Pling, mit dem sein Hammer tagein, tagaus auf das Metall fiel, war verstummt. Der Amboss stand unberührt, die Blasebälge hingen an Haken an der Wand. Von draußen hörte er das Lachen und Kreischen der Kinder, die durch das seichte Deltawasser tobten. Ihm war heiß und er hatte Durst. Gern hätte er das staubige Halbdunkel der Schmiede gegen das Flusswasser eingetauscht, doch er war zu müde, um sich zu bewegen.
Jonoypret hatte ihm Wasser und ein Stück Fleisch in dunkler Soße gebracht, ihm einen schmatzenden Kuss gegeben und war lachend der Schar ihrer Freunde hinterhergerannt. Er hatte der Kindermeute nachgesehen, bis sie im Schatten des Wäldchens verschwand, den Staub der Straße mit nackten Füßen aufwirbelnd. Dann hatte er sich noch im Stehen über das Essen hergemacht.
Nun ruhte er. Träge kreiselten seine Gedanken um Erinnerungen, in denen er sich in letzthin gern verlor, bis die Männer in die Schmiede stürzten, die einen lautlos, die anderen trampelnd, mit ihren Waffen klirrend.
Minderwertiges Material, schoss ihm in den Sinn, bevor er die Augen aufriss. Was er sah, ließ ihn verstummen, und so kam kein Wort der Warnung über seine Lippen.
Festgefroren lag er da, kalten Stahl spürend, die Spuren betrachtend, die ein stümperhafter Schmied auf der Klinge hinterlassen hatte. Er vernahm das Fauchen der Tiere und die Flüche der Männer, bewegte keinen Muskel, auch nicht, als der Stahl in seinen Körper eindrang. Er war kräftig, stark vom Schmieden. Zwei, drei hätte er überwältigen können, doch er lag still, fand keinen Sinn in dem, was um ihn herum vorging.
Er kämpfte lange gegen das Schwinden seiner Sinne, gegen Ohnmacht und Schmerz, aber niemand kam, niemand half, niemand schrie oder schlug Alarm.
Die Eindringlinge flogen so schnell davon, wie sie gekommen waren, dem Geräusch der planschenden Kinder nach.
Nein, dachte er. Nein.
Zitternd lag er im Dunkel, sein Herzschlag flatternd.
Als der Morgen die Schmiede in graues Licht tauchte, war er unterwegs. Nach Westen. Dort, wo die Sonne unterging, lag die Wüste. In ihr glühendes Herz führte sein Weg.

Der Junge am Eingang der Hütte hieß Akim. Er war mager und klein. Der Nahrungsmangel ließ seinen Körper nur langsam wachsen. Oft saß er so wie jetzt am Boden, rupfte Halme aus dem Sandboden und zerkaute sie bedächtig. Wenn er Glück hatte, fand sich ein verirrtes Insekt zwischen den Grashalmen.
Die Stimme seiner Mutter drang sanft aus der gegenüberliegenden Ecke. „Früher gab es im Winter kein Gras mehr“, wies sie auf den Stängel in Akims Mundwinkel.
„Warum nicht?“
„Weil Schnee es bedeckte.“
„Schnee?“, fragte er, warf den zermalmten Stängel beiseite und schlang die schmächtigen Arme um seinen Speer.
„Wo kam der Schnee her?“, erklang die Kinderstimme seines Bruders aus der Dunkelheit.
„Aus dem Himmel, Kian-dol.“
„Wie sieht er aus?“
„Weiß wie eine Hühnerfeder. Tausende Federn. Er fällt vom Himmel und bedeckt alles Land.“
Mit gerunzelter Stirn lugte der Kleine zum Strohdach, durch das die Sterne funkelten. „Tut er nicht weh auf dem Kopf?“, fragte er und Akim liebte ihn für seine Ernsthaftigkeit.
„Nein, er ist sanft. Wie meine Finger auf deinem Kopf“, lächelte die Mutter, Kians schwarze Locken aus der Stirn streichend. Ihre Bewegung war so zart, dass sie Akim schmerzte. Vor Jahren war er Akim-dol gewesen, hatte sich im Schutz der Hütte in den Schlaf wiegen lassen. Nun war er Akim-fal, ein Fährtensucher und Fallensteller, der hoffte, in zwei Monaten mit einer der Salzkarawanen in die Hauptstadt ziehen zu dürfen. Längst schlug er sein Lager allein am Eingang der Unterkunft auf.
Bald würde er mit Gradh aufbrechen. Allerdings würden sie nicht gemeinsam wandern. Der in die Jahre gekommene Fährtenleser würde den Spuren seines Schülers folgen, ostwärts über die Dünen bis ans große Wüstenbecken. Die Ausbildung verlangte, dass Akim die Sandhölle allein durchquerte, während die Vegetation mit jedem Tag spärlicher wurde. Sträucher, Flechten, verkrüppelte Bäumchen, die kaum Schatten spendeten. Die letzte Prüfung seiner Lehrzeit. Gras würde ihn nur einige Zeit ernähren. Bald war er auf seine Vorräte und auf das, was er erbeuten konnte, angewiesen.
Anderthalb Tagesmärsche nach Ranand kam der Sand. Glühend heiß. So fein, dass er sich in jede Pore des Körpers grub. Er würde Durst leiden, über Tage, Wochen hinweg. Das jagte ihm am meisten Angst ein. Er durfte nur Tropfen trinken, musste seinen Urin auffangen, Schweißperlen von seinem Leib lecken. Am Ende des Großen Beckens lag Puard, die größte Oase Berlens, mit einem Dach aus Houssa-Palmen. Erst dort würde er Gradh wiedertreffen.
„Wer macht den Schnee?“, drang Kians schläfrig gewordene Stimme aus dem Inneren der Hütte.
„Die alten Götter. Sagt man.“
„Warum?“
Akims Mutter schloss die Augen, grub in ihren Erinnerungen nach den Geschichten, die sie von ihrer Mutter gehört hatte, als sie in Kians Alter gewesen war.
„Man sagt, das Land der Madif war vor vielen Zeiten nicht überall von Sand bedeckt, sondern von Erde und Gras wie die Oasen. Wenn die Götter den Madif gnädig waren, sandten sie ihnen das Himmelswasser, damit alle, Mensch, Tier und Pflanze, davon trinken konnten.“
Akim sah die nächste Frage seines Bruders kommen. „Warum schicken die Götter keinen Regen mehr?“
Seine Mutter seufzte. „Die Madif müssen die Götter verärgert haben, denn der Regen wurde immer weniger, bis er ausblieb. Zuerst verdursteten die Pflanzen, später die Tiere, die sich von ihnen ernährten. Wenige blieben übrig. Die Madif zogen sich in die vier Oasen zurück. Außerhalb der Wasserstellen ist alles Leben erloschen.“
„Nicht alles. Es gibt Gras, Flechten auf Steinen, Sandwürmer, Skorpione.“ Akim rezitierte aus dem Gedächtnis. Er kannte das Leben jenseits Ranands nur aus den Erzählungen seines Lehrmeisters. Weiter als bis zur Warad-Düne im Osten, der Huoun-Hügelkette im Norden und Westen und dem ausgetrockneten Barlag-See im Süden war er bisher nicht gekommen. Diese Landmarken bildeten die Grenzen seiner Heimat.
„Du hast gut gelernt“, lobte seine Mutter. „Bloß kann man Flechten kaum Leben nennen.“
Akim schwieg. Sein Bruder war der Unterhaltung aufmerksam gefolgt. „Warum trinken wir nicht das Wasser aus dem Meer und begießen die Pflanzen damit?“, fragte er neugierig.
Akim lächelte. Als er in Kians Alter gewesen war, hatte er dieselben Fragen gestellt.
Auch seine Mutter schmunzelte. Akim konnte das Weiß ihrer Zähne aufblitzen sehen. „Es ist Salz im Wasser. Das Salz macht krank.“
„Aber die Karawanen schaffen es in die Hauptstadt“, wandte Kian ein. „Die Menschen dort essen es.“
„Darüber könnt ihr morgen reden. Es ist spät“, sagte die Mutter.
Akim entbot Mutter und Bruder eine angenehme Nacht. Er begab sich nach draußen, um eine letzte Runde durch das Dorf zu drehen, bevor auch er sich zur Ruhe legte. Während er in der Dunkelheit herumwanderte und seinen Gedanken nachhing, hielten seine Augen Ausschau nach Skorpionen und anderen Gifttieren. Gleichzeitig reagierten seine Ohren auf jedes Geräusch. Seine Nase hatte er in die Nachtluft gereckt wie die Wildtiere, die die Bodensenken außerhalb Ranands bewohnten.
„Er riecht den Wind eines Fuchses, noch bevor dieser den Leib verlässt“, pflegte Gradh über seinen Zögling zu berichten. „Hört, wie zwei Sandwürmer sich unter der Düne paaren.“ Letzteres erzählte er erst nach mehreren Bechern Sarou, wenn seine Augen in Tränen schwammen und seine Stimme vor unbestimmter Sehnsucht triefte.
Mühelos unterschied Akim die Töne der Menschen in ihren Verschlägen. Atmen, Schnarchen, Stöhnen, Winseln, Husten. Die schleichenden Tritte der Männer, die eine Kontrollrunde drehten. Das Scharren der Ziegen. Das schläfrige Gackern der Hühner. Das Säuseln der Grasstängel in der Nachtbrise, das Knacken der Feuer, das Klappern der Sarou-Becher, das Knistern des Strohs. Zahllose andere mehr. In seinem Herzen nistete Sorge. Schnee, Regen, Wasser, sinnierte er, den Blick auf die Sterne gerichtet. Der lange Marsch nach Osten. Wie gelegen ein einziger Regenguss ihm auf dieser Reise käme!
Der Arm schoss ohne Vorwarnung aus dem Dunkeln. Der Junge hörte die Bewegung der Luft, noch bevor er etwas sah. Zeitgleich roch er den Schweiß im Nacken des Angreifers und duckte sich. Der Arm schwang über seinen Kopf hinweg. Akim ließ sich auf seine Hände fallen, rammte beide Füße gegen die Beine des Mannes, spürte den Schmerz des Aufpralls bis in seine Oberschenkel. Er verlor den Halt und stürzte der Länge nach in den Sand. Der Gegner ächzte und schwankte, doch er fiel nicht. Starke Hände krallten sich in Akims Kopftuch und in seinen Umhang. Verzweifelt keuchend versuchte er, sich aus dem Griff des Mannes zu befreien. Vergeblich. Hilflos fühlte er sich hochgehoben und durch die Luft gewirbelt. Unsanft landete er auf dem Hintern.
„Du bist klein. Du bist schwach. Was tust du, wenn jemand dich aus dem Hinterhalt angreift?“
„Gradh!“, rief Akim, verdrossen und erleichtert zugleich.
„Antworte!“
Akim hörte, dass sein Lehrmeister enttäuscht war. „Ich greife nicht an“, brachte er heraus. „Ich flüchte. Bringe mich in Sicherheit. Überlege mein Vorgehen aus dem Abstand heraus.“
„Was hast du getan?“ Gradhs zerfurchtes Gesicht tauchte aus der Dunkelheit auf, sein Atem nach Sarou riechend. Akim nahm nicht mehr wahr als einen Becher. Betrunken war der Alte nicht.
„Ich griff an“, sagte Akim beschämt. Er hatte aus Instinkt, ohne Überlegung, gehandelt. Dabei hatten sie so oft die Strategie besprochen! Gesäß und Beine schmerzten, die Niederlage noch mehr.
„Ein stärkerer Mann hätte mich zu Fall gebracht. Mich überwältigt“, gab Gradh zu. „Deine Beine sind schwach. Trainiere sie, sobald du die Möglichkeit hast, ausreichend zu essen. Genug Essen gibt genug Kraft.“
„Wie Ihr meint“, stimmte Akim kleinlaut zu.
„Deine erste Reaktion war richtig. Ducken, wegrollen, weglaufen. Haken schlagen. Du bist nicht der schnellste Läufer, aber flink, wendig und ausdauernd. Greife niemals einen stärkeren Gegner direkt an. Ich bin alt und meine Kraft ist verbraucht, aber ich hatte keine Mühe mit dir.“
Akim schluckte. Gradhs Worte verletzten seinen Stolz, doch tief in seinem Inneren wusste er, dass sie sein Leben retten konnten.
„Weshalb warst du unaufmerksam?“ Gradhs Lehrmeisterton wechselte zu sanfter Neugier.
„Meine Mutter berichtete vom Himmelswasser und ich dachte, welch Segen es wäre. Ich weiß, dass diese Gedanken dumm sind, meines Bruders würdig. Unangebracht für einen fal.“
„Wünsche und Träume sind nicht dumm“, erwiderte Gradh nach kurzem Nachdenken. „Ihnen blind nachzurennen vielleicht. Der Gedanke an Regen mitten in der Wüste kann dich retten, weil er letzte Kräfte in dir weckt. Genauso kann er dich töten, indem er dich in den Wahnsinn treibt.“
„Wie weiß ich, wann ich den Gedanken abwehren muss?“
„Du musst in der Situation die Wahl treffen. Immer aber musst du aufmerksam sein. Niemals darfst du zulassen, dass Nachdenken deine Sinne ausschaltet oder schwächt.“
Akim nickte und rappelte sich vom Boden hoch.
„Gradh“, fragte er, während sie zu dem Rund der Hütten zurückgingen, „habt Ihr schon einmal Schnee gesehen? Auf einer Eurer Reisen?“
„Man sagt, dass es auf einer Insel weit oben im Norden Schnee und Eis gäbe. Doch ich war nie dort. Meines Wissens gibt es nur sehr wenige Menschen im Dran’bara, die einen Fuß auf sie gesetzt haben. Noch weniger kehrten zurück, um von ihr zu berichten. Außerdem existieren Geschichten über Schnee auf Kaadaa. Dort ragt ein Gebirge in den Himmel, so hoch, dass die Gipfel nicht mehr zu sehen sind.“
„Wart Ihr dort?“
„Das mögen die Götter verhüten! Wer nach Kaadaa kommt, stirbt. Entweder verrottet er in der Boragha oder erfriert in den Bergen.“
„Also habt Ihr niemals Schnee gesehen?“
„Ich bin mir nicht sicher“, brummelte er.
Lange musterte Akim seinen Lehrmeister, der sein zerfurchtes Gesicht in den Tiefen seines Kopftuchs versenkte. „Ich höre eine Eidechse“, stieß er mürrisch hervor. „Finde sie!“
Akim war verwirrt. Deutlich nahm er unter dem Befehlston eine andere Tonlage wahr. Während er darüber nachdachte, horchte er in die Nacht. „Es ist keine Echse“, meinte er ruhig. „Die Beine eines Skorpions haben die abgestreifte Haut einer Natter berührt. Steht still, er ist an Eurem linken Fuß.“
Gradh erstarrte augenblicklich zu Stein. Akim bückte sich, hob den Skorpion blitzschnell am Giftstachel an und zerschmetterte ihn an einer Hüttenwand. Er teilte das Tier in zwei Hälften, die Gradh und er sich schmecken ließen, während sie den Weg zu Gradhs Verschlag zurücklegten.
„Vergiss die Sache mit dem Schnee, sie ist ein Hirngespinst“, sagte Gradh am Eingang leise und ließ seinen Schüler stehen.
Akim sah ihm nach, wie er hinter dem Strohvorhang verschwand. Kurz darauf rollte er sich am Eingang seiner eigenen Hütte zusammen und schloss die Augen. Kian schlief, aber der Atem seiner Mutter war ungleichmäßig. Der Gedanke, dass sie auf ihn gewartet hatte, verdrängte die seltsame Stimmung, die Gradhs ausweichende Antworten heraufbeschworen hatten, und ließ Akim augenblicklich einschlafen.

Er erwachte verwirrt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Während des Schlafens hatte er sich nicht bewegt, obwohl er glaubte, intensiv geträumt zu haben. Lautlos drehte er sich auf den Rücken. Die Sterne schimmerten durch das Strohdach. Er konnte höchstens einige Stunden geschlafen haben. Seine Augen brannten vor Müdigkeit. Mühsam versuchte er, die Mattigkeit abzustreifen.
Was hatte ihn geweckt? Ein Geräusch? Ein Gedanke?
Es war dunkel in der Hütte, stockdunkel, viel dunkler als sonst. Die Feuer im Dorf mussten ausgegangen sein. Zog ein Sturm auf? Warum warnten die Wachen dann nicht?
Leise fasste er nach seinem Speer, den er stets in seiner Nähe behielt. Das Holz des Griffs fühlte sich vertraut an. Er schielte zum Eingang. Alles ruhig. Nur der Strohvorhang bewegte sich sacht im Wind. Hatte der Wind ihn geweckt?
Er sah hinüber zu Kian und der Mutter, sah die Umrisse der beiden, hörte ihre Atemzüge. Wenn es ein Geräusch gewesen war, musste es sehr leise gewesen sein, denn auch seine Mutter besaß die Instinkte der Madif. Da sie friedlich weiterschlief, hatte er wohl geträumt. Beruhigt wollte er die Augen schließen, als ein Flattern ihn erneut aufschreckte. Schlagartig schwand die Müdigkeit. Ein Blick zu seiner Mutter bestätigte seine Vermutung. Sie atmete flacher und hatte die Augen geöffnet.
Seine Gedanken rasten, während sein Mund austrocknete und seine Hand sich um den Speerschaft krampfte. Woher war das Flattern gekommen? Vögel gab es auf Berlen zwar, doch sie verirrten sich nicht in die Dörfer, schon gar nicht nachts.
Angreifen, täuschen, wegrennen, rief er sich Gradhs Anweisungen ins Gedächtnis. Aber wie konnte er weglaufen, wenn Kian und seine Mutter in Gefahr waren? Und die Gefahr war da, das witterte er. Nur war ihm nicht klar, wo sie lauerte. Wahrscheinlich sollte er um Hilfe rufen. Aber was, wenn er sich täuschte? Was, wenn es doch nur ein verletzter Vogel war?
Unschlüssig spitzte er die Ohren, um herauszufinden, wo die Ursache des Geräusches sich befand. Er bemerkte, dass auch seine Mutter nun hellwach war und ihre Sinne schärfte. Kian wälzte sich unruhig im Schlaf hin und her. Seine Bewegungen überdeckten andere Geräusche. Akim schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Hören, blendete unwichtige Töne aus. Das half ihm, gefasster zu werden. Schließlich hörte er erneut das Flattern, so verhalten, dass selbst die Dorfhunde nicht anschlugen. Es kam von der anderen Seite des Strohvorhangs.
Akim öffnete seine Augen einen Spalt, sah den Schatten jenseits der Tür, nur Zentimeter entfernt.
Er ist immens.
Wie konnte etwas so Großes so geräuschlos sein? Selbst Raubtiere, die auf der Lauer lagen, verrieten sich durch das Schlagen ihrer Schwänze oder das Klopfen ihrer Herzen. Dieses Ding da draußen war kein Raubtier, jedenfalls keines, das Akim kannte.
Sein Herz wurde zu Eis. Einen winzigen endlosen Augenblick lang stand die Zeit still.
Dann geschah alles gleichzeitig.
Akims Körper spannte sich, als der Schatten den Strohvorhang zerfetzte. Ein schrilles Fauchen mischte sich in den Schrei seiner Mutter, die zu ihrem jüngeren Sohn hechtete und ihrem älteren zugleich ein Messer zuwarf. Akim fing das Messer und schaffte es, seinen Speer dem Angreifer entgegen zu richten, bevor ein einziger Flügelschlag ihn zur Seite wischte. Die Wucht riss ihm das Kopftuch herunter und die Waffen aus den Händen. Sein Kopf begann zu dröhnen; nicht nur wegen des Schlages, sondern auch wegen des anhaltenden Kreischens seiner Mutter und der heftigen Flügelstöße des Ungeheuers.
Der Fährtenleser begriff, dass seine Mutter brüllte, um das Dorf zu alarmieren, das sich anschickte, ihnen zu Hilfe zu eilen. Er hörte Trappeln und besorgte Rufe.
Dann schrie Kian. Sein Schrei gellte voller Angst und Entsetzen und fuhr Akim durch die Knochen. Er raffte sich auf. Mit bloßen Händen stürzte er sich auf den in der Hütte wütenden Schatten, der allen Sand aufwirbelte und Akims Mutter mit einem Fauchen zu Boden geworfen hatte. Er erinnerte sich an die Worte seines Ausbilders, wusste, dass er verlieren würde. Doch es bestand die Möglichkeit, das Ungetüm aufzuhalten, bis die Männer des Dorfes die Schlafstätte erreichten.
Als seine Hände den gefiederten Körper des Wesens berührten, barst das Strohdach auseinander und ein zweites Ungeheuer stürzte hinab. Akim sah sechs dolchartige Krallen im Mondlicht aufblitzen und riss die Arme schützend über den Kopf. Dennoch warf der Aufprall ihn so heftig zu Boden, dass ihm die Sinne schwanden und er das Bewusstsein verlor.

 

Der Pfeil sirrte im Schutz der Dunkelheit heran. Ein kurzes Aufglimmen im Schwarz der Nacht, gefolgt von einem halblauten Plong, ein Ächzen, ein dumpfer Aufprall.
Stille.
Die eigenen Atemstöße hallten in seinen Ohren, unnatürlich laut, unnatürlich schnell. Er presste seinen Körper an den Boden, versenkte den Kopf im Schlamm, atmete Bläschen in den modrigen Untergrund. Zwang sich zu warten. Seine nackten Arme brannten von zahllosen Insektenstichen. Moskitowolken umschwärmten ihn. Er biss die Zähne zusammen, befahl sich, nicht an die gierigen Blutsauger zu denken, still zu sein, ganz still.
Er musste sich beherrschen, nicht den Kopf zu heben, nicht nach dem lautlosen Angreifer Ausschau zu halten. Stattdessen atmete er flach ein, ignorierte das Hämmern seines Herzens, das Pochen seines Blutes.
Leicht, ganz leicht, bewegte er seinen rechten Arm in Richtung Hüfte. Langsam schoben sich seine Finger in den Schlamm, tasteten sich an seinem Gürtel entlang, bis sie sich um den hörnernen Griff des Jagdmessers schlangen.
Als er das Messer endlich aus dem Morast gezogen hatte, schmerzten seine Muskeln. Die unnatürliche Starre, in der sein Körper verharrte, setzte ihm mehr zu als harte Übungsrunden in der Arena oder Hetzjagden auf Alligatoren.
Der Gedanke an die Reptilien ließ ihn zusammenzucken. Er sprach sich stumm Mut zu, redete sich ein, dass Alligatoren winzige Gehirne besaßen, dass sie aus reinem Instinkt reagierten, dass allein seine Körpergröße sie von ihm fernhielt. Solange er nicht die Gestalt eines kleineren Tieres annahm, hatte er nichts zu befürchten.
Trotz der schmerzenden Muskeln hob er den Kopf zentimeterhoch aus dem Schlamm, nur so weit, dass er über den schwankenden Boden sehen konnte. Braunes Wasser lief ihm aus den Haaren, rann seine Stirn hinunter, raubte ihm die Sicht.
Er blinzelte die Brühe weg, erkannte Umrisse: Bäume, Büsche, Wasserlöcher, Biberbauten. Bizarre Schemen, in ein eigentümliches grünliches Licht getaucht, das aus dem Sumpf hervor zu sickern schien und die Dunkelheit noch dämonischer färbte. Dunstschleier vernebelten die Umgebung, benetzten sie mit einem Sprühfilm. Alles schien unentwegt in Bewegung, sogar der Körper seines Partners wenige Schritte neben ihm. Der Sumpf selbst war ein Lebewesen. Eines, das atmete, stöhnte, schwankte, schmatzte, knarrte und röchelte.
Oder war es das Röcheln seines Kameraden? Lebte Burdan noch?
Er konzentrierte sich auf den Freund, versuchte, Anzeichen von Leben auszumachen. Fand keine. Suchte die Umgebung weiterhin ab, während seine Gefühle in ihm rasten wie die Irrlichter im Morast.
Er biss die Lippen aufeinander und befahl sich, nachzudenken. Zu denken. Nicht zu fürchten. Sich an seine Ausbildung zu erinnern, an die unzähligen Stunden im Übungsraum und in der Arena, an die Lektionen seiner Vorgesetzten.
Sein Partner war wie ein morscher Stamm gestürzt, aufgespießt von einem armlangen Pfeil, der seine Brust in der Mitte durchbohrt hatte. Noch bevor Burdan in den Boden sank, hatte er selbst sich in den Sumpf geworfen.
Burdan war ein besserer Jäger gewesen als er, trainiert auf das Überleben in der Wildnis, ein seinen Instinkten vertrauender Mann. Doch auch er hatte den Pfeil nicht kommen sehen. Der Schütze hatte vor ihnen gelauert, weit genug entfernt, um von ihnen nicht entdeckt zu werden.
Ein Hinterhalt.
Verfluchte Sumpfratten.
Er unterdrückte den Impuls, mit der Faust auf den Boden zu dreschen.
Denke.
Der Schütze konnte sich von vorn nicht weiter nähern, denn zwischen ihnen lag eine Teergrube, schwarz, stinkend, gefüllt mit zähem Schlammwasser. Der Angreifer musste einen Bogen schlagen und sich von der Seite anschleichen. Oder von hinten.
Vorsichtig schob er sich die Messerklinge zwischen die Zähne, stützte sich auf seine schmerzenden Arme und drehte sich langsam im Kreis. Jetzt hatte er die knorrigen Baumstümpfe im Blick, die den kaum wahrnehmbaren Zickzackweg säumten.
Nun hieß es warten, auf den unsichtbaren Schützen oder das Tageslicht. Ruhe hatte ihn erfasst, seine Ausbildung die Oberhand gewonnen. Seine Atmung ging regelmäßig, das Blut jagte nicht mehr durch seine Venen, sein Herz drohte nicht mehr, ihm den Brustkorb zu sprengen. Er ließ das Messer mit der langen Klinge in seine rechte Faust zurückgleiten, entspannte seine Muskeln, schloss die Augen bis auf einen Schlitz, drängte alle Empfindungen zurück, wurde Soldat. Wurde hellwach.

Als die Schlange geflogen kam, war er verdutzt.
Warum kommt sie von hinten?
Er reagierte blitzartig, warf sich auf den Rücken, streifte das sich windende Reptil ab, sprang auf die Füße und zertrampelte es unter seinen Stiefeln. Energie fuhr durch seinen Körper, machte seine Muskeln auf einen Schlag geschmeidig, beschleunigte seine Reaktionen. Mehrfach wirbelte er um die eigene Achse, das Messer in der Hand.
Aus dem Dunkel schossen Gegenstände. Keine Pfeile, zumindest keine, die er kannte. Eher Pfeilspitzen, ohne Schaft und nicht gefiedert. Einer der Stacheln fuhr in seinen Hals, dicht unter dem Ohr, ein anderer in seinen Oberschenkel. Ein dritter traf ihn am Knöchel, prallte aber am Leder seines Stiefels ab.
Er wankte, riss sich den Dorn aus dem Hals, glotzte in die Dunkelheit. Sah noch immer nichts.
„Wo bist du?“ Sein Schrei klang gedämpft, blieb in den grünen Geisterschwaden stecken. „Komm heraus, Feigling! Zeige dich!“
Statt einer Antwort raste ein Stein auf ihn zu, traf ihn an der Stirn und schlug ein Loch. Blut lief ihm in die Augen. Keine tödliche Wunde, diagnostizierte er, nicht einmal gefährlich. Aber sie behinderte ihn. Augenblicklich warf er sich zu Boden, rollte zur Seite, rieb sich Blut aus den Augen, sprang wieder auf die Beine und wog das Messer abwartend in der Hand.
Unvermutet hob sich die Wasserfläche. Seine Augen weiteten sich. Was schwamm durch ein Sumpfloch? So geräuschlos? Unter der schillernden Wasseroberfläche gab es Schlingpflanzen; im Teer hauste giftiges Getier, bildeten sich Gasblasen. Er hatte keine Zeit mehr, über all dies nachzudenken, denn das Wasser stob in Sprühnebeln auseinander und entließ eine Gestalt, die ihm entgegen hechtete. Mit gehobenem Messer wappnete er sich für den Aufprall, doch kurz vor ihm tauchte die Gestalt unter dem Messer hindurch und stieß ihm beide Hände in die Gurgel. Er taumelte würgend und nach Luft schnappend zurück.
Eine Frau.
Mühelos glitt sie an ihm vorbei, trat ihm kräftig in die Kniekehlen. Als seine Beine wegknickten, sprang sie gegen seinen Rücken und schlug ihm das Messer aus der Hand. Es schlitterte in die Dunkelheit.
„Eine Frau“, knirschte er mit zusammengebissenen Zähnen, während er sich auf den Rücken wälzte.
Sie sah ihn an. Keine Regung war in ihrem schlammbedeckten Gesicht zu sehen, kein Geräusch kam über ihre Lippen. Sie atmete ruhig.
Er griff sie unvermittelt an. Schlang seine Stiefel um ihre nackten Knöchel und zog sie mit einem Ruck zur Seite. Sie fiel zu Boden, wand sich indessen, ölig vom Morast, aus seinen Händen. Er schaffte es, ihr eine Faust in die Rippen zu rammen, was ihr für einen Moment die Luft nahm. Doch sie entglitt ihm, rutschte auf allen vieren von ihm weg, viel schneller, als er reagieren konnte. Sekunden später hielt sie eine dünne Lederschnur und sah ihn abwartend an.
„Na komm, Schätzchen“, krächzte er herausfordernd.
Sie legte den Kopf schief, schien einen Augenblick nachzudenken. Ohne Vorwarnung sprang sie in die Höhe, überschlug sich in der Luft und landete auf seinem Brustkorb. Ihre Knie trafen seine Rippen wie ein Hammerschlag, eine erbarmungslose Vergeltung für den Faustschlag. Er brüllte und begann, auf sie einzuprügeln. Sie beachtete die Schläge kaum, schlang die Lederschnur um seinen muskulösen Nacken, kreuzte sie vor seiner Kehle und zog zu.
Sie war kräftiger, als ihr schmalgliedriger Körper vermuten ließ, offensichtlich kampferprobt, gelenkig, stürmisch. Gefährlich. Doch auch wild und undiszipliniert, erkannte sein Kämpferverstand. Sie ließ sich von Gefühlen leiten. Gefühle waren hinderlich.
Er spannte seine Nackenmuskeln an, sodass sein Halsumfang sich weitete und sie fester an der Schnur ziehen musste. Gleichzeitig hob er seine Beine und ließ sie mit voller Wucht auf ihren Rücken krachen. Sie fiel nach vorn, der Druck auf seine Kehle lockerte sich. Tief einatmend, hob er sie hoch und schleuderte sie von sich. Er hörte den Aufprall und ein leises Stöhnen.
Dann war sie fort.
Sich die schmerzenden Rippen haltend und den aufgeschürften Hals massierend, starrte er ungläubig auf die Stelle, an der sie einen Augenblick zuvor noch gelegen hatte. Er sah Blutstropfen, schwarze Punkte auf dem zerwühlten Schlamm.
Als der Stein ihn am Hinterkopf traf, taumelte er erneut. Diesmal sprang sie auf seinen Rücken und schlang die Lederschnur um seine Handgelenke. Sekunden später lag er gefesselt am Boden.
Kein Mensch ist so schnell.
Zwei schlammverkrustete Beine schoben sich in sein Blickfeld.
„Nicht schlecht, Schlange“, hustete er verächtlich.
„Wo ist sie?“ Ihre Stimme klang rau, als sei sie es nicht gewohnt, zu reden. Sie sprach kühl und emotionslos, ganz im Gegensatz zu ihrem unbändigen Kampfstil.
Er legte den Kopf in den Nacken. Hoch und gerade gewachsen ragte sie vor ihm in die Nacht. „Wo ist wer?“
Sie blieb gelassen. „Wo ist sie?“
Es war nicht ihre Sprache. Mühsam klaubte sie die Worte zusammen, die fremden Laute schienen in ihrem Hals festzustecken.
„Ich wette, du bist eine von denen“, erwiderte er und schnaubte angewidert.
Erneut legte sie den Kopf auf die Seite und sah ihn wortlos an. Teerdurchsetzter Schlamm klebte in ihrem Gesicht und ihrem Haar, an ihrem Hals, ihrem Körper, verhüllte sie.
„Eine von den Schlammfressern“, fuhr er fort. „Den Fischleuten, den Sumpfratten. Dachte, ihr habt euch längst selbst aufgefressen oder die Miliz hätte euch Missgeburten ausgerottet.“
Sie sah ihn aus unergründlichen Augen an. Ihre Lippe blutete. „Wo ist sie?“
„Du langweilst mich, Schlammschuppe.“ Er senkte den Kopf und schien nachzudenken. Als er ihn wieder hob, stand ein gehässiges, von Schmerz und Hohn verzerrtes Grinsen in seinem Gesicht. „Was kriege ich für meine Antwort?“, fragte er, sich betont langsam mit der Zunge über seine rissigen Lippen fahrend.
Ihr nackter Fuß, der ohne Vorwarnung aus dem Boden schoss, brach ihm die Nase und trieb ihm Tränen in die Augen. Er brüllte seinen Schmerz in die Einsamkeit der verrottenden Sumpfwälder und strampelte mit seinen Beinen, während er sie mit einer Flut von Schimpfwörtern bedachte.
Als sein Kopf erschöpft zu Boden sank, zog sie ihn an seinem Haarschopf wieder empor. Raubkatzenaugen, durchfuhr es ihn, als ihr Gesicht vor seinem auftauchte. Es war ebenmäßig unter all dem Dreck, unnahbar, starr wie eine Maske. In ihm brannten Augen von einem durchdringenden Grün. Selbst das Weiße schimmerte grünlich. Wie die Dunstschwaden, wie der Sumpf.
„Wo ist sie?“ Sie sprach jedes Wort wie einen Befehl. „Antworte, und dein Tod wird ein rascher sein.“
Er zuckte zurück, suchte in ihren Augen nach Gnade. Dann dachte er an Burdan, daran, wie schnell dessen Leben ausgelöscht worden war. Und er glaubte ihr.
„Warum willst du das wissen?“, krächzte er.
„Wo?“
Er zögerte, dann lachte er. Lachte wie ein Wahnsinniger, während die Tränen aus seinen Augen liefen und das Blut aus der Nase.
Sie zauderte nicht. Ihr Fuß traf seinen Mund. Er spürte, wie seine Zähne in seine Wangen trieben, Lippen und Zunge taub wurden. „Wie willst du deine Antwort kriegen, wenn ich nicht mehr sprechen kann?“, nuschelte er, Blut und Zähne spuckend, und lachte weiter.
Sie beugte sich zu ihm. „Wo?“, flüsterte sie.
Er meinte, einen Hauch von Verzweiflung zu hören. „Sie ist längst weg. War nie hier. Du hast ihn umsonst umgebracht“, spie er aus. „Und jetzt verschwinde.“
Lange starrte sie ihn an, ungerührt von den Blutblasen, die aus seinem Mund platzten, unbeeindruckt von dem roten Rotz, den er aus seiner verschobenen Nase ausschnaubte. Sah ihn an und dachte nach, die Augen in seine versenkt. „Eine Ablenkung.“ Ihre Frage war Antwort zugleich.
Angst stahl sich auf ihr Gesicht. Ihr Blick flatterte. Für einen Wimpernschlag lang sackten ihre Schultern nach vorn, schien ihr Körper unter einem unsichtbaren Gewicht zusammen zu brechen.
Einen Atemzug später hatte sie sich wieder unter Kontrolle . Starrte ihn ausdruckslos an und verschwand in der Dunkelheit.
Er zerrte an seiner Lederfessel.
Zu seinem Erstaunen wuchs sie plötzlich wieder vor ihm empor. Sie behielt ihn im Blick, während sie Blasrohr und Schleuder in ihrem Gürtel verstaute, einen Köcher auf ihren Rücken schnallte, sich den Bogen über die Schulter warf, ein langes Messer aus dem Bund ihrer Hose zog.
„Vier Männer kommen ins Dorf. Soldaten. Männer wie du“, wies sie mit der Messerspitze auf ihn. „Sie kommen am Tag. Die Dorfbewohner sind auf der Jagd, die meisten Männer, viele Frauen. Die Soldaten meucheln zwei alte Frauen und rauben ein Kind. Sie teilen sich auf. Eine Gruppe hat das Kind.“
Sie hielt inne, musterte ihn, wartete auf eine Reaktion, nickte, als keine kam. „Drei Soldaten sind tot. Keiner hatte das Kind“, fuhr sie fort.
Diesmal weiteten sich seine Augen. Sie nickte erneut. „Wo also ist sie?“, fragte sie ihn, mit dem Messer spielend. Er erkannte, dass sie wusste, wie man ein Messer hielt, auch wenn es noch so sorglos aussah.
„Von mir erfährst du nichts, Schlange“, zischte er. „Du hast kein Druckmittel. Du tötest mich sowieso.“
„Die Frage ist, ob ich nur dich töte oder auch deine Frau, deine Kinder, deine Eltern, deine Geschwister. Sei versichert, ich werde sie finden.“
Er erbleichte. Dann fing er an zu fluchen und zu brüllen, verdammte sie und zerrte an seiner Fessel, die ihm ins Fleisch schnitt. Sie stand regungslos da und beobachtete ihn.
Er tobte bis in das fahle Morgengrauen hinein.
Schließlich begann er zu reden.
„Wir waren vier Männer. Soldaten aus der Garnison in Frarn. Ich nehme an, das weißt du schon.“
Sie senkte schweigend den Kopf.
„Es waren noch zwei bei uns.“
Sie runzelte die Stirn.
„Wir trafen sie außerhalb des Dorfes. Sie nahmen das Mädchen und verschwanden. Wir teilten uns auf.“
„Ich habe keine weiteren Spuren gefunden.“
„Tja, sie sind niemals gelandet.“ Mit diesen Worten zerriss er den letzten Streifen Leder und robbte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Blitzartig erwachte sie aus ihrer Starre, sprang nach vorn, stützte sich mit beiden Händen auf seinem Rücken ab, rollte über ihn und verschwand im Wasser, in dem sie sofort untertauchte.
„Ich finde dich“, brüllte er hinter ihr her. „Und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“
Langsam glitt ihr Kopf aus dem Wasser, unerreichbar für ihn. Wie konnte sie in Sekunden so weit schwimmen?
„Siehst du?“, höhnte er mit ausgebreiteten Armen. „Ich bin frei. Du machst zu viele Fehler, das wird dein Untergang sein. Ich werde dich finden!“ Er unterstrich seine Drohung, indem er ein imaginäres Messer an seinen Hals setzte. Hass flutete über sein zerschlagenes Gesicht.
Sie zuckte nicht mit der Wimper. „Nein, tust du nicht.“
„Ach ja?“ Speichelfetzen flogen durch die klamme Morgenluft. „Hast du es nicht gemerkt, Natternbrut? Im Kampf bist du mir unterlegen! Und deine Wurfspielereien jagen mir keine Angst ein. Was also sollte mich aufhalten?“
„Das Gift. In der Spitze. In deinem Bein.“
Eiseskälte in ihrer Stimme, Eiseskälte in seinem Herzen. Er fiel auf die Knie. „Wie?“, stammelte er.
„Ich habe die Schlange vorher gemolken“, sagte sie und tauchte unter.

Füße in Riemensandalen. Scharrend auf Sandboden. Murmeln, Raunen, Flüstern. Rascheln von Stroh, knackende dürre Halme. Dazwischen das Weinen seiner Mutter.
Akim schlug die Augen auf. Die Umgebung schwankte. Sofort wurde ihm übel. Mühsam zwang er den Brechreiz hinunter und brachte seinen Oberkörper in eine aufrechte Position. Er wankte wie ein Rohr im Wind, schaffte es aber, nicht wieder umzufallen, indem er sich mit ausgestreckten Armen auf dem Boden abstützte.
Blassgraues Dämmerlicht waberte über das Dorf. Sandschwaden, von zahllosen Füßen aufgewirbelt, trübten es, verzerrten den Anblick der zerstörten Hütte.
Von seinem Zuhause stand nicht mehr viel. Als das zweite Ungeheuer in das Dach gestürzt war, hatte es zwei der lehmverstärkten Wände eingerissen, die verbliebenen ragten verloren in den Himmel. Das Dach war geborsten, seine Strohteile lagen verstreut am Boden. Tönernes Geschirr und Weidenkörbe, zerschmettert und zerfasert, türmten sich in einer Ecke. Ein Teil der kärglichen Einrichtung hatte Feuer gefangen, als Stroh in die Feuerstelle geflogen war. Lediglich zwei Lederschläuche waren unversehrt.
Die Hütte war ärmlich wie alle Behausungen des Dorfes; sie wieder aufzurichten oder eine neue zu bauen würde nicht länger als einen Tag dauern. In der Wüste lebte man zweckgerichtet. Ein Dach und vier Wände gegen Wind, Sandstürme und Nachtkühle; eine Feuerstelle in der Mitte, Strohhaufen und leichte Decken als Bettstatt. Dennoch bedauerte Akim die Zerstörung. Das Geschirr hatte sein Onkel von einer Reise mitgebracht, die Weidenkörbe ebenso. In der Umgebung Ranands wuchsen keine Bäume, aus denen man Körbe hätte flechten können.
Sein Speer lag in der Nähe, der Schaft entzweigebrochen. Als hätte ein Kind einen Grashalm geknickt. Den Speer hatte er mit Gradh zusammen hergestellt und ihn mit Sorgfalt behandelt. Kein Mann hätte ihn zerbrechen können, selbst wenn er gegen ihn gesprungen wäre.
Ein Wimmern riss ihn aus seiner Benommenheit. Er sah Adan, seinen jüngeren Onkel. Adan hielt seine Mutter umarmt, sprach ihr tröstende Worte zu. Akim erschrak, als er die Furchen im Gesicht seiner Mutter entdeckte. Im Laufe der letzten Stunden war sie vor Schrecken und Kummer gealtert.
Als Madifa vergoss sie keine einzige Träne, auch wenn sich ihr lang gezogenes Wimmern mit Schreikrämpfen abwechselte. Brua hatte viele Stunden ihrer Kindheit außerhalb des Dorfes verbracht. Ein Jagdunfall, der sie beinahe ihren linken Fuß gekostet hatte, verhinderte, dass sie weiterhin mit ihrer Mutter durch die Wüste streifte. Stattdessen wurde sie zur Geschichtenerzählerin des Dorfes, wie ihre Mutter vor ihr. Niemals beklagte sie sich über die Unannehmlichkeiten, die ein nutzloser Fuß mit sich brachte. Brua war hart wie ein Sandkorn, wenngleich aus ihren Augen und aus ihrer Stimme Wärme und Freundlichkeit sprachen. Ihr Geschrei und ihre erloschenen Augen entsetzten Akim. Stumm zog er seinen Umhang um seinen Körper.
Menschen blieben stehen, sahen mitleidig auf seine Mutter und ihn. Männer hatten damit begonnen, Teile der Hütte wegzubringen. Gradh und Bruas älterer Bruder Jol redeten gestikulierend auf die Dorfbewohner ein. Kinder und Frauen sah er kaum. Akim ahnte, dass sie sich in den Behausungen verbargen aus Angst vor weiteren Angriffen.
Angriffen von wem?
Der Junge runzelte die Stirn. Was genau hatte er gesehen? Niemals zuvor war er solchen Ungeheuern begegnet, in keiner Geschichte hatte er je von ihnen gehört.
Was hatten sie gewollt? Erneut blickte er sich in den Überresten seines Zuhauses um. Hier gab es nichts Wertvolles. Worauf hatten sie es abgesehen? Bis auf Schrammen und heftige Kopfschmerzen war er unverletzt. Seine Mutter hatte Blut an den Fingernägeln und auf den Händen, wahrscheinlich selbst herbeigeführt. Schockwunden.
Kian war … Akim stockte. Wo war Kian? Hatte einer seiner Onkel ihn aus der Gefahrenzone gebracht? War er verletzt?
„Wie geht es Kian?“, fragte Akim und wunderte sich über seine heisere Stimme.
Schlagartig verstummte seine Mutter. Sie löste sich aus der Umarmung ihres Bruders und sah ihn lange an. Dann senkte sich ihr Kopf.
Mit einem Mal begann Akim unkontrolliert zu zittern. In seinem Inneren öffnete sich ein Abgrund. Aber er durfte nicht fallen. Er war Akim-fal, Fährtenleser und Fallensteller, ein Mann, der in naher Zukunft seine eigene Familie gründen würde. Er war verantwortlich für seine Mutter. Er durfte nicht weinen. Kein Madif weinte. Niemals, niemals vergoss ein Madif kostbare Tränen. Verzweifelt schluckte Akim den Kloß in seiner Kehle hinunter, wieder und wieder, bis er glaubte, an seinem Kummer zu ersticken.
„Was ist geschehen?“, brachte er hervor.
„Er ist weg. Als wir herkamen heute Nacht, sahen wir einen Schatten und ein heilloses Durcheinander. Deine Mutter und du lagt am Boden. Durch die Hütte fegte ein Sturm“, erklärte Adan stockend.
„Und Kian?“, drängte Akim.
„Ich habe nicht auf ihn geachtet“, gestand Adan. „Ich sah Feuer und es roch … Ich weiß nicht, wonach. Seltsam. Ich löschte das Feuer, Jol kümmerte sich um Brua und Gradh um dich. Es war alles so durcheinander.“ Sein Onkel warf ihm einen betrübten Blick zu. „Verzeih. Kian … ich habe ihn nicht gesehen. Ich war so beschäftigt.“
Akim nickte. Nur zu gut erinnerte er sich an die Vielzahl von Geräuschen, die schaurigen Schattengestalten, seine Angst.
„Niemand hat etwas gesehen. Alle glauben, sie hätten einen Schatten gesehen, manche sagen, es waren riesenhafte Vögel, wieder andere, dass Wölfe und Hyänen Kian auf ihrem Rücken fortgetragen hätten. Die Leute widersprechen sich. Gradh und Jol gehen herum und fragen. Es gibt keine wirkliche Antwort. Nur die, dass der Junge spurlos verschwunden ist.“
In Adans Augen spiegelte sich die Furcht. Akims Onkel war Ziegenhirt, ein gutmütiger und arbeitsamer Mann, doch voller Aberglauben und Unwissenheit. So wie er waren viele. Ranand lebte von Ziegen und dem bisschen Gras, das der Boden hergab. Die meisten Bewohner waren Halbnomaden, die von Oase zu Oase zogen und ihre Handwerkswaren eintauschten. Manche Männer verdingten sich als Fährtenleser bei den Handelskarawanen oder hatten als Fallensteller ein mageres Auskommen. Ranand war ein Dorf der Frauen und Kinder. Die Männer, die ständig hier lebten, waren alt, versehrt oder Hirten wie Adan.
Akim warf einen letzten Blick auf seine in Trauer erstarrte Mutter, rappelte sich auf und kam schwankend zum Stehen. Noch immer brummte sein Kopf. Er klopfte sich den Staub von der Kleidung und wandte sich an Adan. „Passt Ihr auf sie auf?“
„Gewiss. Ist mit dir alles in Ordnung?“
„Ich schaue, ob ich Gradh und Jol helfen kann. Einigen meiner Erinnerungen kann ich trauen.“

Gradh musterte den sich nähernden Jungen. Sein Schüler hinkte und biss sich auf die Lippen. Den Blutergüssen auf Brust und Stirn nach zu urteilen, litt er unter Schmerzen. Es erfüllte Gradh mit Stolz, dass sein Schützling sich davon kaum etwas anmerken ließ. Als er respektvoll in einiger Entfernung stehen blieb, sah Gradh einen Ausdruck von Verlorenheit und Trauer in den dunklen Augen.
Jol als dem Viath des Dorfes kam es zu, seinen Neffen heranzuwinken. Er strich dem Jungen derb über das schwarze krause Haar.
„Akim.“ Jols Stimme knarrte, aber längst nicht so dunkel wie die Gradhs. „Du bist erwacht. Wie geht es dir?“
„Es geht mir gut“, murmelte Akim mit gesenktem Blick. „Habt Ihr etwas herausgefunden?“
„Jeder glaubt, etwas gesehen zu haben“, bestätigte Jol die Einschätzung seines Bruders.
„Die Auswahl an Angreifern ist groß“, fügte Gradh düster hinzu. „Wir haben Riesenvögel, Ungeheuer, Kraken, Hyänen und den Dämon im Angebot. Die alte Regirth glaubt, eine Windhexe hätte Kian entführt. Mehrere Leute bezeugen, sie hätten deinen Bruder mit einem Feuerschweif am Hintern in den Himmel steigen sehen.“ Verärgert wies er auf die Überreste der Hütte und den Dorfplatz. „Schau dir das Durcheinander an. Wenn es Spuren gab, sind sie längst zerstört. Dein Onkel und ich haben versucht, den Schaden zu begrenzen und die Leute fernzuhalten, doch vergeblich.“
„Ich habe etwas gesehen, Meister“, warf Akim leise ein. „Ich muss die Dinge in meinem Kopf nur ordnen. Es war alles ein wenig … viel.“
Gradh nickte und blickte Jol an. Der Viath verstand die stumme Aufforderung. „Begleitet mich in mein Haus“, befahl er und führte Lehrmeister und Schüler zum größten Gebäude des Dorfes, dessen Wände aus Lehmziegeln bestanden und nicht nur aus lehmverschmierten Grasbüscheln.
Im morgendlich kühlen Halbdunkel begrüßte Akim seine Tante Vanasse und die drei Kinder, indem er seine Hände zu einem Dach faltete und sich verneigte. Vanasse seufzte, nahm seine Hände in die ihren und sah ihm stumm in die Augen.
Akim bedankte sich für den Trost mit der Andeutung eines Lächelns, bevor Jol seine Familie nach draußen schickte, um Adan und Brua zur Hand zu gehen. „Bringt das, was noch unversehrt ist, zu uns und richtet das kleine Zimmer her“, wies er an.
Nachdem seine Frau die Kinder hinaus gescheucht hatte, entkorkte der Dorfälteste einen Lederschlauch und goss zwei Fingerbreit eines milchigen Getränks in ein ausgehöhltes Ziegenhorn, das er Akim reichte. „Trinke langsam und mit Bedacht. Es wird dich beruhigen und die Schmerzen lindern.“
Akim griff nach dem Becher. Der Sarou schmeckte widerlich. Es kostete ihn alle Anstrengung, ihn nicht sofort wieder auszuspucken. Die den Madif von Kindesbeinen anerzogene Ehrfurcht vor allem Flüssigen und mühsam erlernte Willenskraft bewahrten ihn vor einer Sünde.
Nachdem er den Alkohol hinuntergewürgt hatte, spürte er dessen wohltuende Wirkung. Sein Kopf wurde leichter und die Schmerzen ließen tatsächlich nach.
Jol dirigierte seine Gäste auf die Strohmatten um die Feuerstelle in der Mitte des Hauses. Die beiden Männer und der schmächtige Junge ließen sich mit gekreuzten Beinen nieder. Akim schloss die Augen, nahm noch einen Schluck und begann von den nächtlichen Ereignissen zu berichten. Seine Stimme klang ruhig, beinahe teilnahmslos. Doch Gradh kannte seinen Schützling seit dessen Geburt. Er wusste, dass Akim all seine Beherrschung aufbringen musste, um nicht die Fassung zu verlieren. Er wusste, dass der Junge sich vom Geschehen distanzierte. Er selbst hatte ihm diese Technik beigebracht.
„Vögel, sagst du? Was um alles in der Welt sollten das für Vögel sein?“, fragte Jol, nachdem Akim verstummt war. Wie seine Mutter war der Viath herumgekommen, hatte die Wüste und den Westen Stalephs bereist. Sogar in der Hauptstadt war er gewesen. Von solch riesigen, aggressiven Vögeln hatte er niemals gehört.
„Auf Staleph leben Adler und andere große Raubvögel“, berichtete Gradh nachdenklich. „Auf Berlen gibt es Vryghs, die in Notzeiten Menschen anfallen, doch sie gelten als ausgerottet. Man erzählt sich von ähnlichen Vögeln und Fledermäusen auf Kânegg. Keins dieser Tiere greift derart zielgerichtet an. Allein der Geruch des Feuers hielte sie auf.“
„Zielgerichtet? Warum sollte Kian ein Ziel sein?“, fragte Akim erschauernd. „Für wen? Er ist doch nur ein Junge.“ In seinen Worten lag so viel Schmerz, dass selbst Gradh schluckte.
„Möglicherweise abgerichtete Tiere“, mutmaßte Jol.
„Deren Beute Menschen sind?“, warf Akim ein.
„Welchem Tier kann man beibringen, einen Menschen von seiner Schlafstatt zu rauben?“, murmelte Gradh. „Aus einem Dorf, dessen Bewohner für ihre außergewöhnlich scharfen Sinne bekannt sind, die dennoch viel zu spät erwachten?“
„Jeden anderen Vogel hätte ich früher gehört“, sagte Akim. „Bei diesen schlug keiner der Hunde an. Und alle Fackeln waren aus.“
Die drei hingen eine Weile ihren Gedanken nach, bis Gradh sich an seinen Schüler wandte. „Wie lautet deine Vermutung?“
Akim sammelte sich, wie immer, wenn Gradh ihn prüfte. „Ich glaube, es handelt sich nicht um einheimische Tiere. Diese Wesen mögen abgerichtet und von tierischer Gestalt sein, aber Tiere sind es nicht. Sie folgen einem Plan, und der sah den Raub Kians vor.“
„Warum?“
Akim straffte sich. „Das gilt es herauszufinden. Ich beginne an der Hütte. Es muss Spuren geben. Ich versuche, den Fluchtweg zu finden.“
„Und dann?“, fragte Gradh mit vorgebeugtem Oberkörper.
„Folge ich ihnen. Hole Kian zurück.“
Gradh lehnte sich zurück und sah seinen Schützling lange an. Schließlich blickte er zu Jol und nickte zustimmend. „Iss etwas. Wir beginnen in einer Stunde, wenn die Sonne aufgegangen ist.“

Im Schatten seines Hauses stehend, beobachtete Jol den sehnigen Mann, der sich trotz seiner vielen Lebensjahre noch aufrecht hielt und imstande war, lange Wegstrecken ohne ein Keuchen zurückzulegen. Gradh war der Schüler seiner Mutter gewesen. Auch nach seiner Ausbildung hatte er sie oft in ihrem Haus besucht. Trotzdem hatte er lange gezögert, Bruas Erstgeborenen zum Fährtenleser und Wüstenläufer auszubilden.
Der Blick des Viaths wanderte zu Akim, der, unter Kopftuch und Umhang vor den Sonnenstrahlen geschützt, durch den Sand kroch und jedes Korn inspizierte. Er stützte sich dabei nur auf Zehen und Fingerspitzen ab. Diese kraftraubende Tätigkeit nahm ihn schon mehrere Stunden in Anspruch. Gradh stand abseits, beschränkte sich auf gelegentliche Hinweise und Ratschläge.
„Wie geht es Brua?“, fragte Jol seine Frau, die aus dem Inneren des Hauses an seine Seite glitt.
„Sie schläft“, antwortete seine Gemahlin und reichte ihm ein Schälchen Wasser und ein daumendickes Stück Houssa-Rinde.
Jol tunkte die Rinde ins Schälchen und wartete, bis sie sich mit dem Wasser vollgesogen hatte. Dann steckte er sie in den Mund und saugte daran. Auf diese Weise konnte er stundenlang Nahrung und Wasser zu sich nehmen.
„Wird sie darüber hinweg kommen?“, fragte er.
„Sie ist stark, aber der Verlust eines Kindes kann den stärksten Menschen brechen. Gibt es denn Hoffnung?“
„Warum fragst du?“, sah er seine Frau erstaunt an.
Sie lächelte unter dem Kopftuch, dann nickte sie in Akims Richtung. „Heute Morgen war er am Boden zerstört, an Körper und Seele verletzt. Nun kriecht er seit Stunden über den Sand. Seine Augen sind wieder scharf und klar, ebenso sein Verstand.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Er hofft. Er hofft, dass sein Bruder am Leben ist und er ihn findet. Rettet er Kian, rettet er auch seine Mutter und letztlich sich selbst. Die Spuren werden ihn leiten.“
„Wenn er welche findet“, warf Jol ein, wie immer angetan vom Verstand seiner schönen Frau.
„Wenn sie jemand findet, dann er.“
„Hmm. Der Junge scheint begabt als Fährtenleser. Aber er ist zu schmal, zu zart, zu ängstlich. Ihm fehlt der Biss.“
„Gradh ist ein guter Lehrer. Er bringt Akim mehr bei, als er selbst beherrscht.“
„Ho! Jetzt übertreibst du. Gradh war Chadas Schüler. Er hatte die beste Lehrmeisterin der Wüste, war am Ende beinahe so gut wie sie.“
„Akim ist Chadas Enkel, er ist von ihrem Blut.“
Dazu schwieg Jol.

Akim fühlte sich elend. Seine Augen brannten vom unablässigen Absuchen des Bodens. Die Muskeln waren verkrampft und brannten ebenfalls. Der Sand hatte ihm die Fingerkuppen versengt und unter dem Kopftuch juckte sein Schädel vom Schweiß. Der kurze Umhang, der ihn vor der Sonne schützen und Schweiß aufsaugen sollte, behinderte ihn. Trotz der spärlichen Bekleidung war ihm unsäglich heiß.
Am schlimmsten war die schwindende Hoffnung.
Zentimeter für Zentimeter war er um die Reste der Hütte gekrochen, ohne den Hauch eines Ergebnisses. Er hatte seine eigenen Spuren gefunden, die der Dorfbewohner und die seiner Familie, sonst nichts. Es war frustrierend.
„Trink etwas“, trat Gradh zu ihm.
Akim löste den Umhang, streckte die Arme aus und leckte sie ab. Der Alte reichte ihm Tarouf und Prelor, um Schweiß von Brust, Bauch und Beinen zu schaben, übernahm seinen Rücken. Durstig setzte Akim anschließend den Prelor an seine Lippen und trank die winzige Menge Körperflüssigkeit. Dann nahm er sein Kopftuch ab. Es war so nass geschwitzt, dass er daran saugen konnte.
Gradh reichte ihm zwei Sandwürmer, die er hungrig verspeiste. „Vielleicht solltet Ihr Euer Glück versuchen“, schlug Akim kauend vor.
Gradh schüttelte den Kopf. „Du hast deine Sache gut gemacht. Ich hätte nichts anderes getan und nichts anderes gefunden.“
Verzweifelt sah Akim zu ihm auf. „Wie kann etwas so Großes keine Spuren hinterlassen?“
In Gradhs Furchen begann es zu arbeiten. „Komm mit!“
Akim rannte hinter Gradh her auf Jols Haus zu, doch zu seiner Verblüffung lief sein Lehrer nicht hinein, sondern schwang sich mit einem Satz auf das strohgedeckte Dach. Der Junge krallte seine wunden Fingerspitzen in die Ritzen zwischen den Ziegeln und kletterte mühsam hinterher.
Gradhs Hand schloss sich um seinen astdürren Arm und zog ihn hinauf. Akim stammelte einen verlegenen Dank, doch Gradh beachtete ihn nicht. „Sieh dort“, befahl er.
Akims Blick folgte dem ausgestrecktem Arm, bis sich seine Augen weiteten und sein Herzschlag für einen Moment aussetzte.
Von hier oben sah man undeutliche Spuren. Direkt neben dem Eingang der zerstörten Hütte erkannte er einen Abdruck, flach, verwischt und unscharf. Er maß mehr als einen Meter. Unzählige Fußspuren führten durch ihn hindurch, allesamt tiefer als der Abdruck selbst.
„Das ergibt keinen Sinn“, murmelte Akim. „Ich bin mir sicher, dass die Bestien Krallen hatten. Drei an jeder Klaue. Doch ich sehe keine Umrisse, die Krallen ähneln. Haben sie gesessen? Können sie so leicht sein, dass sie kaum Spuren hinterlassen?“
„Du hast den ganzen Tag nach etwas Kleinem Ausschau gehalten. Deine Augen auf Krümel fokussiert und dabei das Große vor deiner Nase nicht gesehen“, entgegnete Gradh. Weiße Zähne blitzten in seinem dunklen Gesicht auf.
„Ihr freut Euch über die Spuren“, stellte Akim fassungslos fest. „Ihr solltet Euch ängstigen.“
„Oh, sie sind beängstigend, diese Wesen. Lautlos, aggressiv, intelligent. Jedes Kind ist schwerer als sie, dafür sind diese Vögel fünfmal so groß. Und doch freue ich mich. Wir haben eine Spur, einen Anfang. Schau, man sieht noch zwei schwächere Abdrücke in Richtung Osten. Dorthin führt unsere Suche. In die Große Wüste. Wir folgen ihnen. Diesmal entgehen sie mir nicht.“
„Was? Ihr sagtet, Ihr kennt diese Wesen nicht. Wieso ...“
„Ich habe mich eben erst erinnert“, schnitt Gradh seinem Schützling das Wort ab. „Genauer gesagt rotiert eine Erinnerung seit heute Morgen in meinem Kopf herum, ohne sich mir zu offenbaren.“
„Und nun nimmt sie Gestalt an?“ Akims Stimme klang verletzt.
Gradh seufzte und schirmte seine Augen mit der Hand ab, während er nach Osten auf das Dünenmeer blickte. „Weißt du noch, was ich dir vom Schnee erzählt habe?“
Die Frage kam so unerwartet, dass Akim einen Augenblick überlegen musste. „Gestern. Ihr sagtet, Ihr hättet niemals welchen gesehen.“
„Du hast nicht zugehört. Ich sagte, ich wäre mir nicht sicher.“
„Ich dachte …“, begann Akim, hielt jedoch inne.
„Was?“
Seinen Lehrmeister zu beleidigen galt als schwere Verfehlung und konnte das Ende der Lehre bedeuten. Doch Gradhs Augen nagelten ihn fest, bohrten sich in seine Eingeweide. „Ich dachte, Ihr hättet zu viel Sarou getrunken, damals. Dass Ihr Euch deshalb nicht sicher wart. Euch nicht erinnern konntet.“
Die Reaktion des Alten überraschte Akim, denn ein Lächeln wischte über Gradhs Gesicht. „Das war unverschämt. Und ehrlich. Und so ganz unrecht hast du nicht. Vor vielen Jahren fiel das Fest zur Letzten Nacht zusammen mit der Krönung der Kaiserin. Ein doppeltes Fest gewissermaßen. Ich habe Sarou getrunken, und zwar nicht wenig. Aber ich kannte meine Grenzen. Immer. Zumindest dachte ich das bis nach diesem Fest.“ Der alte Wüstenläufer schwieg kurz, bevor er fortfuhr. „Am frühen Morgen, fast noch in der Nacht, erwache ich. Mir ist übel. Ich will an die Luft und da sehe ich … Schnee. Ich weiß erst nicht, was es ist, bis ich hinein trete und mich an eine der Geschichten Chadas erinnere. Ich rufe die Leute, aber alle schlafen noch, niemand kommt heraus. Das finde ich seltsam. Ich laufe ein Stück vom Dorf weg, aus einem unguten Gefühl heraus. Irgendetwas sagt mir, dass etwas nicht stimmt. Schließlich sehe ich den Abdruck von diesem Stein aus.“ Er wies auf einen Felsen in der Nähe des Dorfes. „Ein Abdruck wie unserer da. Im Schnee blieb er besser haften als auf Sand.“
„Seid Ihr den Spuren nicht gefolgt?“
Gradh senkte den Blick. „Ich beschloss, mich wieder hinzulegen. Mir war übel und nicht wohl bei dem Gedanken, allein in die Wüste hinaus zu wandern. Schnee ist nicht gerade das, womit ich mich auskenne“, fügte er mit schiefem Grinsen hinzu. „Als ich wieder erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel.“
„Und die Spur?“
„Schnee und Sonne vertragen sich nicht. Der Schnee wird zu Wasser. Er verschwindet und mit ihm alle Spuren. Wir sammelten das Schneewasser und hielten das Ganze für einen unerhörten Zwischenfall. Einige hielten es auch für Hexerei. Jetzt bekommt das Ganze eine andere Bedeutung.“ Nachdenklich sah Gradh seinen Schüler an. „Deine Prüfung wird vorverlegt. Pack alles zusammen. Wir brechen sofort auf.“

Sie blieb im Wasser stehen, ungeachtet der Kälte, die sich um ihre Fesseln legte, und der scharfen Sumpfgräser, deren Spitzen sich in ihre Fußsohlen bohrten.
Ich brauche Stiefel. Wenn ich diese Reise weitergehe, brauche ich festes Schuhwerk.
Sie war ihr Leben lang barfuß gegangen. Der Boden rund um ihr Dorf lag größtenteils als welliger Sand unter Wasser, stieg außerhalb der Siedlung zu Moorinselchen an, die sich angenehm an nackte Sohlen schmiegten.
Das Dorf lag versteckt vor der Außenwelt im Deltaland der gekrümmten Insel. Der Norden, viele Tagesreisen entfernt, abgeschnitten durch den ausgedehnten Sumpf im Landesinneren, lag den größten Teil des Jahres eingehüllt in Nebel. Hier, im wasserreichen Süden, quälte feuchte Hitze Mensch und Tier, vor allem im Sommer, wenn die Insekten über sie herfielen wie eine von den Göttern gesandte Plage. Nicht, dass sie den Soldaten und Wildjägern die Moskitos und die Hitze nicht gönnte. Ein verächtliches Lächeln zuckte um ihre geschwollenen Mundwinkel, als sie an die Eindringlinge in ihren Uniformen und Ledergewändern dachte.
Sie wedelte die Fliegenschwärme um ihren Kopf weg. Anders als die blutgierigen Mücken ließen sie sich nicht von einer Schlammschicht auf dem Körper abhalten. Nur von einer Dosis Kadosos.
Ohne sich zu bewegen, hielt sie Ausschau nach den unauffälligen Wasserpflanzen. Als sie die Halme ausfindig gemacht hatte, beugte sie sich hinunter und brach sie in der Mitte durch. Mit der Spitze ihres Messers ritzte sie die Stängel der Länge nach auf und schabte die milchige Flüssigkeit heraus. Mit Speichel verrieb sie sie in ihrer Handfläche zu einer rosafarbenen Substanz. Sie achtete darauf, dass die Paste nicht in eine der zahlreichen Wunden auf ihren Handrücken und Unterarmen gelangte. Bevor sie das Kadosos auf ihrem Gesicht verteilte, begutachtete sie die Abschürfungen in der Klinge ihres Messers.
Vor der Paste wichen die Fliegenwolken zurück. Mit ihren Naturmitteln hätte sie gutes Geld verdienen können, doch der Gedanke, vor den Toren der Garnisonen um Kunden zu betteln, ließ sie das Gesicht verziehen. Zu lang waren die Soldaten von Frauen und Kindern getrennt. Zu hart war ihr Leben in diesem unwirtlichen Land, zu billig der Fusel, der sie vor Wahnsinn, Moskitos und Einsamkeit schützen sollte.
Dass die Fliegen verschwunden waren, beruhigte ihre Nerven. Fliegenwolken lockten Neugierige an. Grulorh war sicherer Hafen, doch nach dem letzten Angriff saßen Pfeil und Bogen locker. Besser, nicht aufzufallen.
Die Tage in der Wildnis hatten sie verändert. Niemals zuvor hatte ihr Herz vor Kälte gebrannt und verlangt, die Täter zu sehen, ihre Qual zu fühlen.
Nun war sie zurück. Mit Blut an den Händen. Ohne Ergebnis. Sie sollte aufhören zu suchen. Sie würde das nicht überleben, selbst wenn sie am Ende lebendig zurückkehrte. Und doch dachte sie daran, dass sie Stiefel brauchen würde auf dem Weg nach Frarn.
Die Flut spülte Meerwasser in die Flüsse und Bäche, die Grulorh umgaben. Es stieg bis an ihre Oberschenkel. Mit dem Wasser kehrten Tausende Vögel zurück. Ihr Schnattern vermischte sich mit den Schmatztönen der Wellen, die gegen die seemoosüberzogenen, muschelverkalkten Stelzen schwappten. Auf ihnen thronten bucklige Hütten, reetgedeckt, von Meersalz gesprenkelt, von Sonne und Wind ausgebleicht. An den meisten Tagen reflektierten die vielen Wasserflächen das Sonnenlicht so unbarmherzig, dass es in den Augen stach und blitzende Bilder hinterließ. Es war fast unmöglich, aus den Sümpfen heraus gegen das schimmernde Meer zu sehen. Das Dorf verschwand im Licht.
Und doch waren sie gefunden worden.
Trauer hing über dem Dorf, wob sich um jeden Häuserpfahl. Sie hatte sich über den Dorfplatz gelegt, sich über die Dächer gespannt wie ein Leichentuch, verbannte die Menschen in ihre Häuser, vernichtete alle Alltäglichkeit.
Sie schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, wie es gewesen sein mochte. Das Dorf so gut wie leer. Die meisten draußen beim Fischen. Im Wald, um Holz zu suchen. In den Sümpfen jagend oder Beeren und Kräuter sammelnd. Die Mittagssonne brennt, obwohl Wind vom Meer hereinweht. Ein Tag wie jeder andere. Plötzlich Aufruhr. Männer mit Schwertern, Angst einflößend in ihren Uniformen und mit ihren lauten Stimmen. Es muss schnell gehen, denn die Sümpfe sind nah. Jäger und Sammler rennen sofort los, als sie die Hilfeschreie hören.
„Woher wussten sie, wo wir waren?“, fragte sie.
Aus dem Wasser neben ihr tauchte ein Kopf auf, gefolgt von nackten Schultern. Der Mann, der sich aus den Wellen schälte, war breiter und größer als sie. Schweigend richtete er sich auf.
Sie beobachtete, wie seine Nasenflügel sich zu doppelter Größe aufblähten. Der milchigweiße Überzug über den Pupillen schob sich zurück, machte einem intensiven Grün Platz. Er spreizte seine Finger, um die dünnen Häute zwischen ihnen zu trocknen.
Sie schätzte die Entfernung ab, die er unter Wasser zurückgelegt hatte. Zuerst gesehen hatte sie ihn, vielmehr die schaumige Rille, die er durch das ansteigende Wasser zog, hundert Meter links von sich. Da er rechts aufgetaucht war, hatte er hinter ihrem Rücken einen Bogen geschlagen. Zuvor musste er sich bereits einige Zeit unter einem der Häuser versteckt gehalten haben. Ein Meisterschwimmer, der es länger unter Wasser aushielt als alle Frâgg, die sie kannte.
Bada könnte ihn eines Tages schlagen.
Sie drängte die Trauer an den Rand ihres Bewusstseins.
„Du stehst seit Stunden hier“, sagte er, ohne auf die Frage einzugehen. „Die Sonne wird dich unter all dem Schlamm backen wie einen Fisch im Lehm.“
Sie gestattete sich ein müdes Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte.
„Warum gehst du nicht weiter?“
„Es gibt niemanden, der mich erwartet“, antwortete sie mit leerem Blick.
„Ich warte auf dich.“
„Auch du wolltest nicht, dass ich gehe.“
„Hast du sie gefunden?“
„Nein.“ Ihre Stimme klang gepresst. „Alles, was ich fand, waren seltsame Auskünfte. Neue Fragen.“
„Berichte Tarolf und den Alten. Sie werden beschließen, was als Nächstes zu tun ist.“
„Ich weiß, was ich tun werde“, gab sie zurück. Harte Stimme, harte Augen. Ihr Entschluss stand fest. Ärger lag in der Luft.
„Vorher solltest du dich ausruhen. Die anderen begrüßen“, ergriff er sie sanft am Arm und zog sie mit sich. Nach wenigen Schritten gaben sie das Laufen im hüfthohen Wasser auf, tauchten unter und ließen sich von den Wellen ins Dorf tragen.

Gillok überließ sie der Obhut von Jouka und Herad. Die ältlichen Frauen streiften ihr die verdreckten Kleider ab, untersuchten sie und warfen sie anschließend trotz ihrer Proteste ins Feuer. Nur den mit Schnüren, Taschen und versteckten Öffnungen versehenen Lederumhang legten sie beiseite, sorgfältig darauf bedacht, keine der vielen Waffen und Behältnisse zu berühren. Jouka pfiff nach einem Jungen und bellte ihm knappe Befehle zu, woraufhin er verschwand und mit neuen Kleidungsstücken wieder auftauchte.
„Du bist sowieso zu dürr geworden für deine alten Fetzen“, sagte Jouka mit einem Blick auf ihren abgemagerten Körper.
„Hast du vergessen, wie man jagt, Syra“, pflichtete Herad ihrer älteren Schwester bei, „oder wie man isst?“
„Hier“, schob Jouka ihr einen Teller mit Fisch und gesottenem Seegras hin und langte nach einem Schlauch mit Wasser. „Iss“, fügte sie unnötigerweise hinzu.
Die Angesprochene blickte missmutig zwischen den Frauen und dem Teller hin und her. Jouka starrte mit grimmigem Gesicht zurück, bis sie sich widerwillig fügte, sich im Schneidersitz auf dem Boden niederließ und in das Fleisch biss. Der Hunger kam augenblicklich hinterher, überwältigte sie mit Schwindelgefühl und Magenschmerzen. Doch mit jedem Bissen kehrte Kraft in Körper und Geist zurück. Sie spülte das Mahl mit Wasser hinunter. Übelkeit wallte in ihr auf, als ihr Magen gegen die ungewohnte Menge protestierte. Sie zwang sie nieder und merkte sogleich, wie die Wärme des Feuers und das geschäftige Hin und Her der Schwestern sie müde machten. Bevor ihr die Augen zufallen konnten, zwang sie sich zurück auf die Beine.
Kräftige Hände drückten sie zurück. „Ruhe“, befahl Jouka mit barscher Stimme. „Du wirst deine Kräfte heute Abend brauchen. Gönne dir Rast.“
„Ich brauche keine Rast“, gab sie unwirsch zurück und schob die Hände der Alten beiseite.
„Du hilfst ihr nicht, wenn du dich aufbrauchst“, entgegnete Jouka bissig, ihre sandgrauen Augen in die der Kämpferin gebohrt. „Ein Krieger ist nutzlos, wenn er vor Schwäche schwankt.“
„Ich bin nicht schwach“, zischte die Zurechtgewiesene.
Jouka schob sich vor den Eingang, ihr in den Weg. Ihre Schwester trat stumm neben sie. „Davanas, du bist stark. Die stärkste Frau im Dorf, vielleicht die stärkste aller Frâgg.“ Joukas Stimme bebte vor Ärger. „Doch heute Abend wirst du dem Dorf berichten, aber nicht … so“, wies sie auf den schmutzigen Körper, der in zerrissener Unterwäsche steckte. „Steig in den Trog, säubere dich, lass uns deine Wunden versorgen. Dann zieh etwas an und übe dich in Respekt den Älteren gegenüber.“ Jouka wandte sich ab und pfiff erneut nach dem Jungen. „Hol heißes Wasser, Seife, Verbandszeug.“
Die Kämpferin lehnte den Kopf gegen die Wand. Das hier war schwer zu ertragen. Sie wollte allein sein.

„Sie ist zurück.“
„Ich hörte es“, gab Tarolf mit seiner hellen Stimme zurück.
Für einen Dorfältesten war er jung, gerade ein Jahrzehnt älter als Gillok. Allerdings näherte er sich dem Punkt, an dem er sich eingestehen musste, dass Jüngere ihn bei körperlichen Aktivitäten mühelos übertrumpften. Andere Männer in seinem Alter hätten dies durch Erfahrung, Weisheit oder Gelassenheit ausgeglichen. Tarolf besaß nichts von alledem, dafür jedoch eine gewisse Bauernschläue und ein starkes Gefühl für den eigenen Vorteil. Er war ein kraftloser Mann mit dünnen Haaren und eckigen Schultern; weder ein begnadeter Fischer wie sein Vetter Gillok noch ein begeisterter Jäger wie sein Vater Korod. Gleichwohl steuerte er sein Dorf seit acht Sommern durch alle Unbilden des harten Insellebens. Die Alten verehrten ihn. Er sorgte für Nahrung und Wohnraum. Vor allem achtete er darauf, sie von der Außenwelt versteckt zu halten. Nun waren sie entdeckt worden. Das hinterließ einen bitteren Nachgeschmack auf Tarolfs Zunge, der noch galliger wurde durch den Widerstand, den Syra ihm durch ihren Alleingang entgegengebracht hatte.
„Wie ist es ihr ergangen?“ Er rang sich zu einem besorgten Ton durch, konnte seinen hellsichtigen Vetter jedoch keinen Moment täuschen. Gillok spürte den Ärger Tarolfs aus jeder Pore strömen.
„Sie lebt.“
„Das ist gut.“ Zumindest dies meinte er ehrlich. Jeder Frâgg, der starb, schwächte sein Volk und damit ihn.
„Sie ist verletzt.“
Die hellen Augen Tarolfs wanderten im Kreis, verharrten niemals auf einem Fleck. „Schwer?“
Gillok zuckte die Schultern. „Du kennst sie. Wer weiß schon, ob ihre Wunden schmerzen? Wie schwer sie sind?“
„Sie ist stark“, spuckte der Dorfälteste aus.
„Tarolf“, beugte Gillok sich vor. „Sie ist nicht nur am Körper verletzt. Der Überfall und die Tage in der Wildnis haben sie verändert. Sie ist nicht mehr die Frau, die von hier fortging.“
„Was meinst du? Ist sie verrückt geworden da draußen? Es war ihr eigener Wunsch, hast du das vergessen?“
„Sie hat sich nie gewünscht, in den Sumpf zu gehen und zu tun, was sie getan hat. Es war ein Zwang, den andere ihr auferlegt haben. Dafür kannst du sie nicht bestrafen. Und verrückt? Nein. Aber anders. In sich gekehrter. Härter. Älter.“
„Sie hat gegen die Regeln verstoßen. Die Gemeinschaft verbot ihren Alleingang. Sie wird sich rechtfertigen müssen.“
„Du solltest sie nicht noch mehr strafen. Nimm ihr nicht noch die Gemeinschaft. Nicht nach alledem.“
„Das liegt an ihr. Sie muss sich entschuldigen, sie muss büßen, sie muss sich die Gemeinschaft zurückverdienen.“
„Tarolf!“ Gillok sah den Älteren entsetzt an.
„Was?“ Es sollte gefaucht klingen, doch Tarolfs Stimme klang weibisch und schrill. „Nur weil sie Schlimmes erlebt hat, ist sie von den Regeln befreit? Das würde uns auseinanderreißen. Das kann ich nicht dulden.“
„Hier geht es nicht um Syra, oder?“ Gillok legte seine Hand auf den Arm seines Vetters.
„Um wen sollte es sonst gehen?“, schüttelte Tarolf die Hand ab. Er verabscheute die Berührung der Schwimmhäute auf seiner Haut.
„Ich habe das Gefühl, dass es hier um dich geht. Um dich und dein verletztes Ehrgefühl“, erwiderte Gillok langsam, den warnenden Blick des Dorfältesten ignorierend.
„Oder es geht um dich und deine zurückgewiesenen Gefühle“, schleuderte Tarolf ihm ins Gesicht. Diesmal klang es wie ein Fauchen.

Joukas missmutiger Blick flackerte, als sie den zerschundenen Körper sah, der unter dem Dreck zum Vorschein kam. Wenigstens hatte sie gelitten auf ihrem Alleingang.
Jouka hatte sich keine Mühe gegeben, behutsam zu sein. Sie hatte das verkrustete Blut abgebürstet, Kleingetier und Schmutz von Kopf und Körper gespült. Ihre Finger waren durch das halblange Haar gefahren, ungeachtet der Knoten, zu denen es sich in feuchtem Zustand formte. Die Kriegerin hatte sie unter langen Wimpern angesehen, nichts gesagt, nicht einmal gezuckt. Ein Wunder an Selbstbeherrschung.
Herad drückte den nassen Kopf hinunter, damit sie ihn nach Wunden absuchen konnte. Wenn sie ehrlich war, scherte sie sich nicht darum, ob die eigensinnige Frau Beulen und Schrammen am Kopf hatte, aber sie war ein Kind des Stammes. So nahm Jouka sich widerwillig Zeit und inspizierte den Kopf genau, während die Kämpferin in das trübe Wasser starrte, zurückgezogen hinter einer Mauer aus Trotz und Ablehnung.
„Nichts Schwerwiegendes. Kratzer, Beulen, keine Läuse, keine Fliegenlarven, keine Sumpfwürmer. Ein Wunder bei dem Gestrüpp auf deinem Schädel und der Gegend, in der du dich herumtreibst.“ Sie hob den Kopf an und musterte das Gesicht. „Abschürfungen an der Unterlippe und Schwellung unter dem Auge. Beides unschön, aber harmlos. Das Auge war zwei Tage lang zu?“
„Einen. Ich habe gekühlt.“
„Immerhin scheinst du schnell zu heilen.“
Die Kämpferin saß aufrecht im Trog, die Beine vor dem Oberkörper verschränkt, die Arme um die Knie geschlungen. Joukas Finger fuhren über ihren Rücken, polkten in den zahlreichen Schürfwunden, forschten nach Entzündungen. Als sie um ihre Hüfte herum wanderten und den Bereich um die Rippen abklopften, hielt Syra kurz die Luft an.
„Das ist ein gemeiner Bluterguss“, stellte Jouka fest und winkte ihre Schwester hinüber. Herad beugte sich an Joukas Seite hinunter und betastete die Rippen. Syra biss sich auf die Lippen, gab aber keinen Ton von sich, auch nicht, als die Heilkundige noch zweimal derb zudrückte.
„Geprellt. Stiefeltritt?“, erkundigte sich Herad.
„Faustschlag.“
„War eine große Faust“, schlussfolgerte Jouka.
„Ziemlich.“
„Streck die Beine aus.“
Jetzt zögerte die Kämpferin, sandte kalte Blicke zu Jouka, die diese ungerührt erwiderte. Die Schwestern beobachteten, wie die Aufsässige stumm mit sich kämpfte, bevor sie Stolz und Scham hinunterschluckte.
Syra starrte in die dampfgeschwängerte Luft. Sie versuchte, die Hände Joukas zu ignorieren, die über ihren Bauch strichen. Wenigstens beschränkte sie die Berührung auf ein Minimum.
Jouka sog unüberhörbar die Luft ein, als sie den Unterleib erreichte. Sie starrte die nackte Frau so lange an, bis diese den Blick endlich erwiderte.
„Das war ein Stiefeltritt.“
„Ja.“
„War es das wert? Hast du geblutet? Aus dem Mund? Beim Wasserlassen? Beim…“
„Nein“, unterbrach die Kämpferin kalt. „Kein Blut. Keine inneren Verletzungen.“ Eine Erinnerung an die endlosen Stunden in gekrümmter Haltung auf dem Waldboden, umgeben vom Geruch ihres eigenen Erbrochenen, zuckte durch ihren Kopf. Sie schob sie beiseite.
„Wenn du noch Kinder haben wolltest, könnte dies das Ende deines Traumes gewesen sein“, setzte Jouka nach.
„Wollte ich nicht.“
Jouka wandte sich den Beinen zu, untersuchte jeden Zentimeter, auch an den Füßen. Die Füße waren wichtig. Im Wasser schwamm viel Getier, das ernste Schäden anrichten konnte, Parasiten, Larven, Egel, Würmer. Sumpfbewohner besaßen lederne Fußsohlen. Oft spürten sie nicht, wenn sie auf scharfe Steine traten, sich Stachel ins Fleisch rammten oder von Wasserbewohnern gebissen wurden. Viele starben an Infektionen. Andere lebten mit einem Bein weiter.
„Du brauchst Stiefel, wenn du so weitermachst. Du hast Blutblasen, offene Stellen und Schnitte. Keine Entzündungen, soweit ich sehen kann. Ich werde dennoch Carajes auf die Wunden geben. Nur, um sicher zu gehen.“
Die Kämpferin wurde blass, nickte aber.
„Trockne dich ab. Du kannst dich auf das Lager legen.“
Jouka warf ihrer Schwester einen stummen Blick zu, den diese sofort verstand. Sie holte ein mit Leder umwickeltes Stöckchen und gab es der nackten Frau.
Während die Schwestern die Prozedur vorbereiteten, stieg die Kämpferin aus dem Trog. Sie trocknete sich ab und schlüpfte in die Kleidungsstücke aus Hirschleder, die der Junge gebracht hatte. Sofort fühlte sie sich besser.
Sie legte sich hin, das Stöckchen im Mund. Sie wusste, was sie erwartete. Deshalb ließ sie es zu, dass Herad sie bei den Schultern packte und auf die Bettstatt drückte.
Jouka nahm zwei saubere Tücher und tränkte sie in einer Schüssel voll stinkender Flüssigkeit. Dann warf sie beide Tücher gleichzeitig um die Fußsohlen.
Der Schmerz griff mit eisigen Fingern nach Syras Kopf. Sie biss auf das Stöckchen und überließ sich dem Gefühl der Pein. Längst hatte sie gelernt, nicht gegen sie anzukämpfen. Nur einmal bäumte ihr Oberkörper sich gegen Herads Umarmung, dann fiel sie auf das Lager zurück und ertrug den beißenden Schmerz still.
„Bleib liegen“, ordnete Jouka an. „Ruhe dich aus. Wer weiß, wann du wieder Gelegenheit dazu hast.“

Akim ließ den Speer nach unten sausen. Die Spitze drang zielsicher durch das Herz des Sandfisches. Er warf ihn Gradh zu, der ihn längs auseinanderriss, während Akim das Blut mit den Händen auffing. Zuerst schlürfte der Lehrmeister die warme Flüssigkeit. Akim schluckte den Rest und leckte gründlich seine Handflächen ab. Das Fleisch aßen sie roh.
Gestärkt liefen sie weiter. Nach Osten, wie die Tage zuvor, ohne genaue Vorstellung, wohin ihr Weg sie führte. Immer dem Wind, dem stechenden Sand, der gleißenden Sonne entgegen. Ihre Umhänge waren ins Gesicht gezogen, dünne Tücher mit Sehschlitzen um ihre Köpfe gewickelt. Das Licht blieb erbarmungslos.
Gradh hatte erzählt, dass an den Wüstenrändern Regen fiel. Dreimal, viermal im Jahr. Binnen Sekunden verwandelten ausgetrocknete Bachbetten sich in Schlammflüsse. Dünen brachen auseinander und über Nacht blühte die Wüste für einige Stunden auf.
Hier, im Inneren der Insel, hatte es seit Jahrzehnten nicht geregnet. Bachläufe waren längst verschwunden, die Vegetation karg. Der Sand unter den Fußsohlen glühte. Unmöglich, länger stehen zu bleiben. Je weiter sie ins Herz der Großen Wüste vordrangen, desto stärker und beständiger wurde der Wind, der alle Fährten verwischte und immerwährend neue Gebilde schuf.
Jeder Tag verlief gleich. Sie standen in den letzten Nachtstunden auf, marschierten, rasteten um den Mittag herum. Solange die Sonne im Zenit stand, war es ratsam, sich nicht zu bewegen, sonst verlor man zu viel Körperflüssigkeit. Am späten Nachmittag wanderten sie weiter, nach Osten, tief hinein in die längliche Senke, an deren Seiten sich immer höhere Sandberge auftürmten; ein Gebirge aus rotem Sand, von tödlicher Schönheit.
Gegen Abend schichteten sie Reisig, Stroh und trockenen Tierkot zu einem Feuer. Mit der Sonne verschwand die Hitze schlagartig und es wurde empfindlich kühl.
Nachts gingen sie auf Jagd. Gradh legte Fallschnüre aus. Akim verließ sich auf sein Gehör und seine Behändigkeit. In der Regel fing er eine Handvoll Spinnen und Insekten, während Gradh Echsen oder Schlangen erbeutete.
Wasser zu finden gestaltete sich schwieriger. Morgens sammelten sie Tau vom Boden. Sie fingen ihren Urin auf, schabten sich frischen Schweiß von der Haut, saugten das Mark der Tierknochen aus, leckten an Pflanzen.
Akim jammerte nie. Dies war das Leben eines Fährtenlesers. Gradh hätte ihn beim ersten Anzeichen einer Klage gerügt. Dies war seine Prüfung, früher und härter als geplant, denn es stand mehr auf dem Spiel. Viel mehr.
Wann immer Kian in seine Gedanken schlich, tat er, was Gradh ihm geraten hatte. Er zwang sich, an den Augenblick zu denken, an seine Aufgaben im Hier und Jetzt. Nicht immer gelang das. Das eintönige Marschieren schickte seinen Geist auf Wanderschaft. Wenn das geschah, fegten Trauer, Angst und Sorge wie eine Naturgewalt über ihn, begruben ihn unter sich.

Am Abend des sechsten Tages kam Gradh zu ihm. Akim schrak zusammen, als der ältere Mann sich neben ihn auf das Nachtlager legte. Unwillkürlich rückte er von seinem Lehrmeister ab, vermied jede körperliche Berührung. Sein Herz hämmerte gegen seinen Brustkorb. Er wusste, dass Männer sich bisweilen ein Lager teilten. Er hatte auch gehört, dass manche Schüler ihren Ziehvätern ausgeliefert waren, draußen im Sandmeer. Geschichten dieser Art gelangten immer mal wieder ans Tageslicht.
So lag er stocksteif da und fragte sich, was er tun sollte. Gradh hatte niemals einen Vorstoß in diese Richtung unternommen, nie signalisiert, dass er in dem Jungen etwas anderes sah als seinen Schüler. Doch wer vermochte schon zu sagen, was wochenlange Einsamkeit und Hitze mit einem Mann anstellen konnten? Angst und Unentschlossenheit umfingen Akim wie das Trichternetz der Wüstenspinne.
„Entspann dich“, drang Gradhs knarrende Stimme an sein Ohr. „Ich bin nicht an dir interessiert. Du hast nichts vor mir zu befürchten. Ich verspreche es.“
Akim nickte mit trockenem Mund.
„Vor drei Stunden haben wir den Eingang des Großen Tales passiert. Ki akku ninu ist die Mitte der Wüste, der Siedepunkt, der Ort der bösen Geister. Menschen mit klarem Verstand meiden es. Morgen wirst du die Sandberge sehen. Riesendünen, Hochgebirge. Dünen, die nicht still stehen, die wandern, das Antlitz des Tales beständig verändern. Behalte dies immer im Kopf. Du kannst nicht nach Wegmarken Ausschau halten, weil sie am Tag darauf nicht mehr da sind, manchmal schon nach Stunden nicht mehr.
Am anderen Ende gibt es Senken, die mit Salz gefüllt sind, dem begehrtesten Salz im gesamten Reich. Es gibt Schutt, Steine, an verborgenen Stellen auch Silber und andere Erze. Um dorthin zu gelangen, müssen wir durch das Herz des Tales. Was genau uns in ihm erwartet, kann ich dir nicht sagen, denn hinein bin ich noch nie zuvor gelangt. Offen gestanden weigert sich jede Faser meines Körpers, es zu betreten.“
Akim war überrascht. Gradh mahnte zur Vorsicht, warnte vor Gefahren, betonte, dass Angst Leben rettete; aber niemals zuvor hatte er sie derart offen zugegeben.
„Du wirst Temperaturen spüren, die dein Blut zum Kochen bringen. Du wirst das Gefühl haben, brodelnden Dampf einzuatmen. Menschen, die nicht auf dieser Insel geboren und aufgewachsen sind, vertrocknen im Ki akku ninu oder erfrieren in der Eiseskälte der Nacht. Auch wir müssen uns schützen. Von heute an werden wir gemeinsam ruhen. Uns gegenseitig wärmen. Tun wir das nicht, sterben wir.“
Akim verstand. Dennoch versteifte er erneut, als er Gradhs Körper an seinem Rücken spürte, wagte kaum, zu atmen. Um sich abzulenken, dachte er laut über Gradhs Ausführungen nach.
„Warum gehen wir nicht um das Große Tal herum? Weshalb müssen wir in es hinein?“
„Instinkt.“
„Was meint Ihr?“
„Etwas flüstert mir zu, dass es nur diesen Weg gibt. Du kannst es Instinkt nennen, ein inneres Gespür, einen sechsten Sinn. Ich habe schlicht das Gefühl, dass die Bestien diesen Weg gewählt haben. Wir haben keine weiteren Spuren gefunden. Nichts deutet darauf hin, dass sie hier entlang geflohen sind. Nur meine Ahnung. Was denkst du?“
„Von Ranand aus gesehen ist es der direkte Weg. Eine Gerade. Warum sollten sie sich die Mühe machen, einen Halbkreis zu fliegen? Sie müssen nicht durch die Wüste wandern wie wir, sie fliegen über sie hinweg.“
„Falls sie nach Osten unterwegs sind“, gab Gradh zu bedenken. „Wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir nur, dass sie von Ranand aus gen Wüste aufgebrochen sind. Mittlerweile könnten sie jede Richtung eingeschlagen haben.“
„Ja“, sagte Akim kleinlaut.
In diesem Augenblick wurde seine Verzweiflung so groß, dass er nicht anders konnte, als aufzuschluchzen. Zu seiner Überraschung schalt Gradh ihn keinen Dummkopf, keinen Angsthasen, keinen kleinen Jungen. Stattdessen spürte Akim, wie sich der Griff um seine Schultern verstärkte.

Gradh hatte nicht übertrieben. In dieser und den nächsten Nächten fegte die Kälte über sie hinweg. Schlotternd und mit gefühllosen Gliedmaßen lagen sie aneinandergepresst. Nebelwolken strömten aus ihren Mündern. Zum ersten Mal sah Akim, wie viel Feuchtigkeit in seinem Atem steckte. Fortan überlegte er während der Marschstunden, wie man die Feuchtigkeit auffangen konnte.
Die Tage wurden noch heißer, doch zu seinem Erstaunen stellte Akim fest, dass er die Strapazen bewältigte. Eines Morgens erwachte er und betrachtete mit runden Augen die Muskeln an seinen Beinen. Er tastete nach seinen Fußsohlen. Die Blasen und das wunde Fleisch hatten sich zu einer lederartigen Schicht verhärtet. Seine Haut hatte sich zu einem Schwarzrot verfärbt, wie es die Stämme der Houssa-Palmen in den Oasen aufwiesen. Sie schien die Sonne besser auszuhalten. Sein Körper schied genug Schweiß aus, um ihn mit Salz und Wasser zu versorgen. Dafür produzierte er kaum noch andere Flüssigkeiten. Seine Blase war beständig leer, die Augen ausgetrocknet, Nase und Kehle versandet. Doch all dies beunruhigte ihn nicht. Er fühlte, dass sein Körper sich anpasste an Witterung und Landschaft.
Die erzwungene Nähe, Einsamkeit, Strapazen und schwindende Hoffnung ließen Gradh und ihn zusammenwachsen, obwohl sie die endlosen Tage hindurch schwiegen, sich nur noch mit spärlichen Handbewegungen und Gesichtsausdrücken verständigten. Das Feuer des immer wehenden Windes blies in ihre Kehlen und erstickte alle Worte.

Eines Abends kicherte Gradh.
„Woran denkt Ihr, Meister?“
„An Chada.“
„Meine Großmutter?“
„Ja. Du hast sie nie kennen gelernt.“
„Ich weiß genug von ihr“, gähnte Akim.
Gradh winkte ab. „Du kennst die Geschichten. Das ist nicht dasselbe. Ich hingegen kannte sie, seit ich ein Knabe war. Sie nahm mich auf und machte mich zu ihrem Schüler. Auch nach meiner Ausbildung sind wir oft zusammen gereist.“
„Ich weiß.“
„Sei still und höre zu.“
Akim feixte, weil der grantige Tonfall ihn an den Lehrmeister früherer Tage erinnerte.
„Gerade dachte ich daran, dass ich einst hier mit ihr zusammen gelegen habe.“
„Hier? An dieser Stelle?“
„Nicht so nah am Herzen des Tals, aber auch nicht weit entfernt. Wir lagen aneinander gelehnt wie wir beide jetzt. Wer konnte ahnen, dass ich viele Jahre später mit ihrem Enkel hier liegen würde?“
Akim fühlte Gradhs Lächeln. „Ihr mochtet sie sehr, nicht wahr?“
„Ich habe sie geliebt. Nicht so, wie ein Mann eine Frau liebt, eher wie ein Knabe seine Mutter. Letztlich war sie das ja auch für mich, aber daneben so viel mehr. Gefährtin, Freundin, Meisterin. Die beste Fährtenleserin, die je gelebt hat.“
„Ihr seid auch nicht schlecht, sagt man.“
„Alles, was ich weiß, verdanke ich ihr. Damit meine ich nicht nur die Fähigkeiten, die man braucht, um in der Wüste zu überleben. Chada war stark, mutig, schlau. Außerdem stur wie ein Kamel, unnachgiebig wie eine Dattelpalme und undurchschaubar wie ein verstopfter Brunnen. Zu unstet, um einen Mann zu halten. Und leichtsinnig.“ Beim letzten Wort wurde Gradh ernster.
Akim versuchte, sich seine Großmutter vorzustellen. Alles, was ihm gelang, war das unscharfe Bild einer alten Frau mit einer Haut wie Baumrinde.
„Ihre Sorglosigkeit kostete sie das Leben.“
„Wie das?“
„Ein Sandsturm überraschte uns und wir verirrten uns in die Ausläufer des Ki akku ninu. Wir hatten einige Handelsreisende dabei, erfahrene Leute. Der Sturm tobte tagelang, raubte uns die Sicht, entzog uns die Kräfte. Ich schlug vor, aus dem Kessel herauszusteigen, den beschwerlichen Umweg über die Ränder zu nehmen, doch sie beschloss, durch das Herz zu gehen, weil es kürzer war. Wir schafften es nicht. Die Hitze raubte uns die Kamele, eins nach dem anderen. Dann die Händler. Deine Großmutter stürzte eine Düne hinunter, als sie einen der Kaufleute retten wollte, riss sich an dem harten Sand die Haut auf. Die Wunden entzündeten sich. Ihr Sterben dauerte Tage.“
Akim lugte in Gradhs Gesicht. Es schimmerte wie schwarzes Holz. Keine Träne, keine Gefühlsregung, nur unbewegte Oberfläche. Selbst seine Stimme hatte alle Höhen und Tiefen verloren.
„Ich bin sicher, Ihr habt getan, was Ihr konntet.“
Gradh schwieg, bis der Schlaf sie beide übermannte.

Das Erwachen kam schnell. Mit einer leichten Drehung des Kopfes erfasste sie ihre Umgebung, während die letzten Sekunden Schlaf von ihr abfielen.
Die Hütte ächzte und wankte im Meereswind. Das zurücklaufende Wasser zerrte an den Stelzen. Ohne nach draußen zu blicken, wusste sie, dass es früher Abend war.
Sie gestattete sich, erneut die Augen zu schließen und in ihren Körper zu horchen. Ihr Herz schlug rascher als sonst, aber es galoppierte nicht wie in Momenten großer Gefahr. Möglicherweise Nachwehen eines Alptraums, an den sie sich nicht erinnerte.
Ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Ihre Wimpern fühlten sich an wie winzige Speerspitzen. Kühles Wasser würde helfen.
Die Schnitte, Schürfwunden und Beulen bissen und zwickten. Sie stufte sie als unbedeutend ein, tilgte sie aus ihrem Bewusstsein. Rippen und Unterleib schmerzten heftiger, aber sie befand, dass sie sich fast mit der vertrauten Geschmeidigkeit bewegen konnte, als sie sich aufsetzte. Gliedmaßen und Muskeln waren überanstrengt, doch die Ruhe hatte nicht geschadet. Manchmal, so hatte sie entdeckt, war es besser, nach einer Verletzung oder einem anstrengenden Kampf in Bewegung zu bleiben. Ruhe konnte wie ein Fels sein, der Muskeln und Gelenke zermalmte.
Sie blieb einen Moment sitzen, die Ellenbogen auf ihre Schenkel gestützt, den Kopf in beiden Händen. Während sie darauf wartete, dass der Schwindel nachließ, betrachtete sie ihre Füße, die in Tücher eingeschlagen und mit Bändern verschnürt waren.
Ich brauche Schuhwerk.
Fürs Erste mussten die unansehnlichen Lappen genügen. Wenigstens schützten sie vor den Parasiten, die ihren Zweitvater das Leben gekostet hatten.
Der Boden unter ihr zitterte. Sie rollte sich zur Seite, während sie nach ihrem Umhang griff. Als der Vorhang vor dem Eingang sich Sekundenbruchteile später hob, stand sie in der Mitte des Raumes.
„Du bist wach“, sagte Jouka ohne Angst vor dem auf ihre Brust gerichteten Dolch, den die Kämpferin langsam senkte und in ihrem Gürtel verstaute. „Pack deinen Kram zusammen. Tarolf erwartet dich.“

Der Dorfälteste kniff die Augen zusammen, als der Vorhang zur Seite schwang. Er wusste, dass die Männer hinter ihm sie ebenso gespannt erwarteten wie er. Mit angehaltenem Atem beobachtete er, wie sie an Jouka vorbei in den von Feuern erleuchteten Raum trat und die Anwesenden musterte. Es dauerte eine Weile, bis sie ihre Waffen Jouka ausgehändigt hatte. Die Heilkundige schlug sie in ein Tuch ein, ließ sich mit gekreuzten Beinen neben dem Eingang nieder und legte das Bündel in ihren Schoß.
Die Kämpferin richtete ihre Augen auf Tarolf, der vor ihr auf dem Boden saß. Die älteren Männer hatten sich um ihn gescharrt, die jüngeren kauerten an den Längswänden des Langhauses. Jouka und Herad saßen wie Statuen links und rechts des Eingangs. Zwei Frauen in Syras Alter lehnten mit verschränkten Armen und neugierigen Mienen an der Wand.
Gillok war einen Schritt vorgetreten, sodass er ihr am nächsten stand. Sie beachtete ihn nicht.
Tarolf ließ sich Zeit. Langsam wanderten seine Blicke über ihren Körper, schätzten ab, begutachteten, beurteilten. Gillok sah, wie seine Mundwinkel sich nach unten verzogen. Er wusste, was sein Vetter dachte. Zu dünn, zu muskulös, zu hart. Zu aufrecht. Ohne Ehrerbietung. Ohne Reue. Aufsässiger Blick, durchgedrückter Rücken, die Arme an den Hüften herabhängend, die Füße in den lächerlichen Lappen fest aufgesetzt.
Gilloks Mutter ging mit den Männern jagen, bis ein wütender Eber ihr in die Seite lief. Syras Mutter verschluckte das Meer, nachdem sie gegen einen Rochen verloren hatte. Die Wildnis unterschied nicht zwischen Männern und Frauen, aber tief im Bewusstsein ihrer Bewohner gab es das Gefühl der Ungleichheit. Frauen gingen jagen. Sie kämpften, liebten und hassten mit der gleichen Leidenschaft wie Männer. Sie übten Gewalt aus und erfuhren sie. Dennoch hatte die Natur sie anders gemacht. Und so wusste Gillok, dass alle Dorfbewohner in Syra dasselbe sahen wie Tarolf. Ein Mischwesen. Etwas, das die Gesetze der Natur störte, das natürliche Gleichgewicht aufhob, die Menschen verstörte.
Die Kämpferin war ein Ärgernis.
Das einzig Weibliche an ihr war das schwarze Haar, das wirr auf ihre Schultern fiel. Es wirkte umso auffallender neben den Schwellungen im Gesicht und den Blutergüssen auf ihren Armen und Schultern. Fast wünschte Gillok sich die Schmutzschicht auf ihren Körper zurück. Vorhin – draußen – hatte sie weniger gefährlich ausgesehen.
Er fühlte, wie der letzte Rest Mitleid im Raum schwand. Wusste, noch bevor die Befragung begonnen hatte, dass sie verlieren würde. Sie wusste es auch, erkannte er, denn sie machte keine Anstalten, die anderen für sich einzunehmen.
Die Siedlungen auf Kânegg lagen weit entfernt vom Kaiserhof. In den Sümpfen gab es keinen Thron, keine Insignien, keine Unterwürfigkeitsgesten. Niemand erwartete einen Kniefall oder einen Handkuss. Aber dass sie sich ohne Begrüßung oder Aufforderung - ohne eine Handbewegung Tarolfs - mit gekreuzten Beinen vor ihm niederließ, sorgte für missmutiges Raunen.
Tarolf schaffte es, sich seinen Unmut nicht zu sehr anmerken zu lassen. „Syriakin“, sagte er nach einem Räuspern. „Du bist zurück.“
Sie schwieg abwartend.
„Nun denn. Wir alle hier wissen, dass du gegen unseren Willen, gegen den Willen deiner Gemeinschaft aufgebrochen bist, um Rache zu üben. Eine Rache, die uns teuer zu stehen kommen kann. Das wusstest du.“
Sie schwieg, die Augen unverändert auf ihm ruhend.
Tarolf krümmte sich unter Syras Blick. Wenn Unbehagen droht, dich zu verunsichern, schlägt es schnell in Ärger um, kamen Gillok die Worte seines Vaters in den Sinn.
Wie erwartet, wurde Tarolfs Stimme lauter. „Deine Gemeinschaft schützt dich. Sie passt auf dich auf. Diese Gemeinschaft, der du verpflichtet bist, der du schuldest…“ – hier legte er eine wirkungsvolle Pause ein – „… hast du hintergangen. Wissentlich. Absichtlich. Was du getan hast“, beugte er sich vor, „nennt man Verrat.“
Sie zuckte nicht zurück. Gillok meinte, ihre Augen dunkler werden zu sehen.
Die Menschen im Raum murmelten zustimmend. Tarolf war in seinem Element. Er ereiferte sich, was seiner Stimme einen schrillen Beiklang gab. „Was hast du dir gedacht? Dass du alle Soldaten dieser Insel umbringen könntest? Du ziehst los im Alleingang. Machst uns sichtbar, bringst uns in Gefahr. Was willst du? Deinen eigenen Stamm ins Verderben stürzen?“
Gillok sah, wie ihre Schultern sich hoben und ihre Augen zu funkeln begannen. Ihre Brauen schoben sich zusammen.
Gut. Zorn macht dich menschlich. Gefühllosigkeit nicht.
Doch sie hatte sich unter Kontrolle, selbst als Tarolf weiter redete, das beifällige Gemurmel im Raum anschwoll, andere sie mit ähnlichen Anschuldigungen bedachten. Sie starrte geradeaus, saß aufrecht unter den verbalen Schlägen, die bald zu Beleidigungen wurden. Biss sich auf die Lippen. Mahlte mit dem Kiefer. Schwieg.
Gillok hasste und bewunderte sie für ihre Selbstbeherrschung. Als die ersten Fäuste gegen sie geschüttelt wurden, hatte er genug. Seine Finger spreizten sich, als er den Arm hob. Schlagartig kehrte Ruhe ein. Er warf einen langen Blick in die aufgebrachte Runde. „Das reicht.“
Tarolf blitzte ihn wütend an, erwiderte aber nichts.
Sie saß in der gleichen stoischen Haltung da. Beine überkreuzt, Rücken gerade, harte Smaragdaugen.
Plötzlich fühlte Gillok sich unsicher. Er sah sie an, hoffte auf eine Reaktion, irgendeine. Sie blieb regungslos. „Du solltest erklären, warum du aufgebrochen bist“, riet er leise.
Sie blickte zu Boden. Er wartete mit dem Dorf.
„Es ging nicht um Rache“, sagte sie rau. „Zwei Menschen sind tot. Erschlagen ohne Grund. Ein Kind wird geraubt. Ohne Grund. Es ging um Antworten.“
„Das Wohl der Gemeinschaft ist wichtiger als deine Antworten“, entgegnete Tarolf. „Tote können nicht wiedererweckt werden. Ein verschwundenes Kind darf nicht alle in Gefahr bringen. Der Stamm steht über dem Einzelnen.“
„Es ist mein Kind.“
Gillok wagte es kaum, den Kopf zu heben. Plötzlich war er da, der Schmerz in ihren Zügen. Und er war überwältigend.
„Ihr dürft sie nicht aufgeben.“ Sie beugte sich vor, zwang Tarolfs unsteten Blick zum Stillstand. „Mein Kind“, wiederholte sie mit flehenden Augen. „Ich kann nicht anders. Ich muss sie finden.“
Tarolf kaute auf seiner Lippe. „Wir alle bedauern deinen Verlust, Syriakin. Von ganzem Herzen. Doch du bringst uns in Gefahr. Uns alle. Das kann ich nicht zulassen.“
Gilloks Herzschlag beschleunigte sich, als er sah, wie ihre Miene sich in eine Maske zurückverwandelte. Als sie aufstand, waren ihre Bewegungen schwer und steif. Doch sie sah mit solch verächtlichem Blick auf Tarolf und die anderen hinunter, dass Gillok spürte, wie die Härchen in seinem Nacken sich aufstellten. „Was seid ihr doch für Feiglinge.“

Er fand sie in ihrer Hütte am Rand der Siedlung. Sie wühlte in einer Truhe und blickte nicht auf, als er eintrat.
„Syra.“
Als sie nicht reagierte, ging er zu ihr und griff nach ihrem Arm. Sie schüttelte ihn ab und fuhr damit fort, ihre Sachen zu packen.
„Syra“, wiederholte er und fasste nach beiden Handgelenken.
Er spürte ihren Widerstand. Ihr Körper wurde steif. Sie war eine ebenbürtige Kämpferin. Mit all dem Zorn in ihr ihm wahrscheinlich überlegen. Dennoch zwang er sie herum. Sie hielt den Kopf gesenkt, wich ihm aus. Widerspenstige Haare hingen ihr in die Stirn. Er strich sie zurück. Geschlossene Augen und zwei lange Stirnfalten kamen zum Vorschein.
„Hör auf“, sagte sie.
„Du kannst die Verbannung aufheben. Du musst dich nur entschuldigen.“
„Und im Dorf bleiben. Unter Bewachung.“
„Tarolf hat nicht unrecht.“
„Sie ist mein Kind!“
„Und ich verstehe dich. Wir alle tun das. Wir leiden mit dir. Ich weiß, was du durchmachst. Bada ist wie eine Tochter für mich. Aber es ist Tage her. Ich habe mit dir nach Spuren gesucht. Sie führten ins Leere. Du hast allein weiter geforscht. Jetzt stehst du vor mir, noch immer mit leeren Händen. Du jagst etwas hinterher, was … - Was glaubst du denn, was mit ihr passiert ist?“
Es zerriss ihn innerlich, als er die Worte aussprach und sah, wie ihr Gesicht kalkweiß wurde. „Das spielt keine Rolle“, flüsterte sie. „Ich muss sicher sein, verstehst du? Tava und Githe wurden abgeschlachtet, liegen gelassen, aber Bada haben sie mitgenommen. Ich habe ihre Fährten verfolgt. Stiefelspuren von vier Soldaten. Habe sie aufgespürt. Einen nach dem anderen.“
Jetzt stand er stocksteif. „Was hast du getan?“.
„Sie getötet.“
Seine Augen weiteten sich und er schluckte hart.
„Sie verdienten den Tod.“
„Bist du sicher?“
„Einer wurde bei dem Überfall verletzt. Seine Blutspur zog sich einige hundert Meter. Dann haben sie ihn verbunden. Er humpelte, kam ansonsten aber gut vorwärts. Soldaten sind hart im Nehmen. Sie marschierten gemeinsam bis zu einem Sumpfhügel mit verdorrten Bäumen. Dort trennten sie sich und gingen in verschiedene Richtungen weiter. Zu zweit jeweils.“
„Und Bada?“
Hier runzelte sie die Stirn. „Von ihr habe ich keine Spuren gefunden. Ich nahm an, sie hätten sie getragen. Also folgte ich erst der einen Gruppe. Ich schaltete einen aus, befragte den anderen. Sie hatten Bada nicht. Aber bevor der zweite Mann starb, entfuhr ihm etwas. Selbst wenn ich ganz Frarn umbrächte, würde ich nichts erfahren. Ich wollte mehr aus ihm heraus bekommen, aber ich hatte ihn zu gut getroffen.“ Ihr Lächeln war bitter. „Später spürte ich die anderen beiden weit im Sumpf auf. Ohne Bada. Wieder tötete ich den ersten Mann und befragte den zweiten. Er erzählte mir etwas Seltsames.“ Gillok wartete, bis sie sich die Worte zurechtgelegt hatte. „Er sagte, sie wären nicht allein gewesen. Die Soldaten sollten uns in die Irre führen.“
„Was? Wie?“
„Er sagte, die anderen seien nie gelandet. Ich werde daraus nicht schlau, Gill. Warum rauben Soldaten mein Kind? Warum nehmen sie es mit? Wer sind die anderen? Ich weiß nicht, wie all die Fäden zusammenlaufen. Bada ... Sie könnte noch am Leben sein. Ich muss sie suchen.“ Jetzt waren ihre Augen groß und dunkel. Er sah die Verzweiflung auf ihrem Grund. Und einen eisernen Willen.
Er dachte nach. Atmete ihren Duft ein. „All das Töten. Was macht das aus dir?“
Sie befreite sich aus seinem Griff. „Es war notwendig.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
Sie schwieg, suchte aber nach keiner besseren Antwort. Vielleicht, weil sie sie nicht kannte.
Gillok seufzte. „Was nun?“
„Frarn.“
„Was wird aus uns? Aus der Gemeinschaft? Dem Stamm? Die Ängste des Dorfes sind begründet. Deine Taten locken die Soldaten hierher.“
Davanas! Der Überfall zeigt, dass sie wissen, wo wir leben. Die Ängste sind begründet, aber das sind sie seit Jahrzehnten. Die Stützpunkte sind wie ein Netz. Ausgeworfen über die gesamte Insel. Wir schlüpfen nur durch die Maschen, weil wir unbedeutende Fische sind. Weil wir uns im Schlamm verstecken. Aber das Netz zieht sich zu. Das hat nichts mit mir zu tun.“
„Deine Morde werden sie aufstacheln. Nach Rache schreien lassen. Möglicherweise war das Ganze genau das. Eine grausam geplante Provokation.“
„Wenn es so ist, wie du sagst, ist unser Schicksal sowieso besiegelt. Dann können wir dasitzen, warten, uns still verhalten und hoffen, dass unser Glück anhält. Ich für meinen Teil kämpfe lieber.“
„Du wirst verlieren.“
„Wahrscheinlich.“ Sie zeigte das abgestorbene Aussehen wie vorhin im Langhaus. „Im Gegensatz zu euch habe ich eine Chance. Es wird Zeit.“
Sie suchte ihre restlichen Sachen zusammen. Schließlich stand sie vor ihm. In Leder gekleidet wie ein Mann, Pfeile und Bogen auf dem Rücken, Dolche, Messer, Blasrohre und Schleuder in unzähligen Riemen und Täschchen verstaut. Entschlossenheit im Gesicht. Wartend. Fragend.
„Ich kann nicht mit dir gehen“, antwortete er leise. „Die Gemeinschaft braucht mich. Und ich sie.“
Sie wandte sich ab. Wenn er Enttäuschung gesehen hatte, verbarg sie sie gut und schnell. Ein flüchtiger Eindruck, mehr nicht.
„Lass sie ruhen, Syra. Akzeptiere es. Du jagst Geistern hinterher. Hirngespinsten von sterbenden Männern. Du solltest trauern. Dich von ihr verabschieden. Ich bin hier. Ich helfe dir. Bleib hier. Bei mir. Bei deinem Volk.“
„Nicht, solange ich nicht weiß, was mit ihr geschehen ist.
„Es muss einen anderen Weg geben. Du allein … du wirst dabei umkommen.“
„Dann komm mit mir.“
„Ich bin nicht wie du. Das Töten ist nicht mein Geschäft.“
Sie trat zurück, als wiche sie einem Hieb aus. Dann wandte sie sich wortlos zum Gehen.
„Syra. Geh nicht ohne Abschied. Bitte.“
Sie verharrte auf der Schwelle. „Deine Mutter“, sagte sie. „Ich brauche ihre Stiefel.“

Wie Felswände ragten die Dünen allerorts auf. Schroff wirkten sie, uneben, mit Vorsprüngen, Stufen, Graten. Immer wieder erschrak Akim, wenn die vermeintlichen Kanten unter seinen Fingern davon rieselten. Der Schatten der Sandberge bot Schutz vor der Sonne. Dafür war das Stapfen im knöchelhohen Sand beschwerlich.
Die atemberaubende Landschaft entschädigte für die Plackerei. Rot leuchtender Sand, so weit das Auge sah, aufgetürmt zu bizarren Formationen. Über ihnen der Himmel in bleiernem Blau. Das war es also: das Herz. Er hatte Schlimmeres befürchtet.

Gegen Mittag roch Akim Blut. Kupfergeruch stieg in seine Nase. Er hörte, wie sich Gradhs Gehgeräusche veränderten, drehte sich um und zeigte auf den Fuß des Alten. Gradh blieb stirnrunzelnd stehen.
Etwas steckte in seiner Ferse. Ein Gegenstand. Ein Teil von ihm war abgebrochen, lag glitzernd inmitten der Blutstropfen.
Akim drängte seinen Meister mit stummen Gesten, sich hinzusetzen und machte sich daran, den Fuß zu untersuchen. „Es ist tief eingedrungen.“
Gradh zog einen spitzen Rattenknochen aus seiner Kleidung. Akim häufte heißen Oberflächensand zusammen und steckte die Nadel hinein, um sie zu säubern.
Der Alte stieß Luft zwischen den Zähnen aus, als die Knochennadel in seine Ferse fuhr, konzentrierte sich auf Akim. Ruhig und sicher entfernte der Fährtenleser den Gegenstand, bevor er die Wunde gewissenhaft säuberte und verband.
„Was ist das?“, hielt Akim den Splitter in die Höhe.
Gradh begutachtete ihn ausführlich. „Das ist Glas.“
„Glas?“
„Es entsteht, wenn Sand verbrennt.“
Ein Ausdruck von Ungläubigkeit trat in Akims Gesicht. „Sand brennt? Davon habe ich noch nie gehört.“
„Weil kein von Menschen geschaffenes Feuer dazu in der Lage ist.“
„Was dann?“
Gradhs Blick wanderte über die Berge und Täler. „Himmelsfeuer. Blitze. Das sind ...“
„Lichtschlangen am Himmel, ich weiß. Meine Mutter hat uns von ihnen erzählt. Das sind Märchen!“
„Nein, es gibt sie. Zusammen mit Donnern bilden sie Gewitter. Eine Wettererscheinung. Allerdings habe ich noch nie von einem Gewitter in der Wüste gehört.“
Nachdenklich betrachtete Akim die helle Oberfläche des blutigen Splitters, die scharfen Kanten, in denen sich das Sonnenlicht brach.
„Von nun an sollten wir mehr auf den Untergrund Acht geben“, warnte Gradh mit unbehaglichem Blick.

Sie fanden mehr Glas, Röhren aus verbranntem Sand, die meterweit in den Erdboden hinein liefen.
Das Herz hielt noch mehr Überraschungen bereit.
Zweimal kreuzten sie ein ausgetrocknetes Flussbett. Auf dessen Boden lagen Reste von Muscheln und Skelette von Fischen und Fröschen. Steine entpuppten sich bei näherem Hinsehen als Pflanzen. Akim jauchzte, als er die dickfleischigen Blätter auseinanderzog und die Wassertropfen zwischen ihnen entdeckte. Kegelformationen aus festem Sand durchbrachen die Dünenkämme. Die Luft wurde so trockenheiß, dass sie nur noch bei jedem fünften Schritt einatmeten aus Angst, sich die Kehlen zu verbrennen.
Am Nachmittag des vierten Tages verdunkelte sich der Himmel im Nordosten. Das ausgewaschene Blau wechselte in rascher Folge zu Grau, dann zu Weiß und wieder zurück zu einem Grau, in das sich gelbliche Schlieren mischten. Von den Seiten jagten Wolken heran und schoben sich vor die Sonne.
„Ein Sandsturm?“, fragte Akim bang.
Gradh beobachtete, wie die Wolken sich zu einem Trichter formten, der vor der Sonne tanzte, während sich um ihn herum Schleier aus Sand und Staub bildeten. „Das sieht nicht aus wie die Sandstürme, die ich kenne.“
Kurz darauf erhob sich ein Ton, der wie das Geschrei einer kämpfenden Katze klang. Ein Sirren und Singen setzte ein, gleich danach ein Brausen und Brummen. Helle Töne vermischten sich mit dunklen; ein Orchester, das in seinen Gehörgängen brandete.
Hinzu gesellte sich das Stöhnen und Pfeifen des Windes, der sich innerhalb von Sekunden zum Sturm entwickelt hatte. Die Luft spielte mit ihnen. Sie stieß sie vorwärts und zur Seite. Böen zupften an ihrer Kleidung, bauschten sie auf. Windstöße pressten ihnen den Atem aus der Brust, drückten Mund und Nase zu.
So viel Luft, doch ich ersticke.
Nadelspitzenfeine Sandkörner bohrten sich in seine Haut. Er kniff die Augen gegen Wind und Sand zusammen. Jählings fühlte er sich von einer Sturmwoge emporgehoben. Er schrie auf, als sie ihn gegen eine Düne warf.
Atemlos blieb er liegen. Um ihn kreischte der Sturm wie eine Horde Schakale. Gradh warf sich auf ihn, bedeckte ihn mit seinem Körper. Akim presste sein Gesicht in die Falten von Gradhs Umhang, roch den herben Männergeruch, eine Mischung aus Asche, Sarou und Schweiß. Er schloss die Augen und konzentrierte sich einzig auf Gradhs Geruch, versuchte, das Brüllen auszublenden, ebenso die prickelnden Schmerzen, die seinen gesamten Körper erfassten.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Geräusche verebbten, der Sturm sich legte, das Toben sich von ihnen wegbewegte.
Die Stille, die sich auf sie legte, war ohrenbetäubend.
Stöhnend schob Akim sich unter seinem Lehrmeister hervor, betastete jede Stelle seines Körpers, fühlte nach gebrochenen Knochen oder blutenden Wunden. Er fand nichts außer Schrammen und einer Beule am Hinterkopf. Zitternd blieb er sitzen, während Gradh zu sich kam und benommen um sich blickte.
Akim reichte ihm die Hand und zog ihn auf die Knie. „Seid Ihr verletzt?“, krächzte er mit sandverklebter Kehle.
„Ich glaube nicht“, erhob Gradh sich wankend.
Akim kam ebenfalls auf die Füße und machte sich in den aufgewühlten Sandhügeln auf die Suche nach ihren Speeren. „Welches Dämonenwerk war das?“
„Kein gewöhnlicher Sandsturm jedenfalls. Es scheint noch nicht vorbei.“
Akim folgte Gradhs Blick Richtung Osten, wohin der Sturm abgezogen war. In der Entfernung türmten sich die Wolken, vermischten sich mit strudelnden Staubschleiern. Blitze zuckten über den pechschwarzen Himmel, der zu bersten schien.
„Gespenstisch“, raunte Akim.
„Das Herz von Ki akku ninu. Jetzt weißt du, warum man nicht hindurch geht.“
„Wusstet Ihr, dass uns das erwartet?“
Gradh schüttelte den Kopf.
„Ihr habt mein Leben beschützt.“
„Betrachte es als Ausgleich. Du hast mich mit Nahrung versorgt, wenn meine Fallen versagten, mir den Splitter entfernt, bist vor mir gelaufen, damit ich in deinen Spuren folgen konnte, kümmerst dich um mein Wohlergehen. Dachtest du, ich bemerke es nicht?“
Akim errötete.
„Weißt du noch, als ich meinte, Chada sei die beste Fährtenleserin der Wüste?“
„Ja.“
„Du trägst ihr Erbe in dir. Noch bist du unvollkommen, doch du wirst lernen. Schnell lernen, wie du es immer getan hast.“
„Ihr meintet, ich wäre ein lausiger Kämpfer.“
„Das bist du. Anfangs zögerte ich, dich auszubilden. Doch du und Kian seid Bruas Söhne. Chadas Enkel.“
„Ihr habt euch entschieden, weil Ihr Chada nahe standet.“ Akim konnte eine Spur von Bitterkeit nicht zurückhalten.
„Stimmt. Aber das war nicht alles. Ich habe dich beobachtet, seit du ein kleiner Junge warst. Ich sah deine Geschicklichkeit, deine Behändigkeit, deine Schläue. Später bemerkte ich deine scharfen Sinne, deine Beobachtungsgabe, die Art, wie du Überlegungen anstellst. In den letzten Wochen habe ich eines erkannt: Es ist dein Geist, der dich auszeichnet. Dein Denken, deine Vorsicht. Das wird dich besser machen als die anderen. Chada war stark, aber auch stolz, leichtsinnig und ein wenig verrückt. Du wirst stärker sein. Und nun lass uns weitergehen.“
Gradh schulterte seinen Speer, hinkte in die Dämmerung. Akim folgte ihm schweigend, tief in Gedanken versunken.

Bald erkannten sie, dass die Schleier Wassertropfen waren, Millionen verheißungsvoller Wassertropfen. Wie von selbst verfielen sie in Laufschritt.
Zuerst spürte Akim den Dunst, der sich kühl auf seine Haut setzte. Kurz darauf vernahmen seine Ohren ein Klopfen, das sich rasch zu einem rhythmischen Trommeln auswuchs. Fasziniert beobachtete er die winzigen Krater, die die Tropfen in den Boden schlugen. Sandfontänen spritzten in die Luft, benetzten Waden und Oberschenkel.
Berauscht legte er seinen Kopf in den Nacken, stieß einen Freudenschrei aus und streckte die Zunge heraus.
Gradhs Kopf schoss herum, als er den Schrei vernahm. Ein strafender Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, doch seine Augen leuchteten wie die seines Schülers. Zeitgleich griffen sie zu ihren Kalebassen, hielten sie unter den Regen, lauschten verzückt, wie das Wasser in die Hohlkörper gurgelte.
Sie verloren sich im Anblick des fallenden Wassers, sprangen lachend im Kreis. Vergessen waren Strapazen und Hoffnungslosigkeit, vergessen auch ihre Umgebung.
Die ersten Tropfen verdampften zischend im Sand, zauberten eine unwirkliche Nebellandschaft herbei. Minuten später füllten die Krater sich mit Wasser, verwandelten den Boden in brodelnden Schlamm. Rinnen gruben sich in die Dünen. Sie rissen Sand mit, verbreiterten sich zu Kanälen. Sandplatten von der Größe eines Hauses lösten sich, rutschten die Berge hinunter, platschten auf den aufgeweichten Untergrund.
„Wir müssen weg hier“, schrie Gradh. „Schnell!“
Akim sah sich nach einem Ausweg um, doch wohin er auch blickte, sah er Dünen, die rutschten, wankten, nachgaben, zerflossen. Panik ergriff ihn. Er zerrte Gradh am Arm mit sich, stolperte blindlings in irgendeine Richtung, nur weg von den Schlammlawinen, die von allen Seiten auf sie zurasten. Er wollte rennen, doch seine Füße steckten bis über die Knöchel in zähem Brei. Nach wenigen Metern war er hoffnungslos erschöpft und ihm dämmerte, dass sie in der Falle saßen.
Sie kämpften mit Händen und Füßen gegen den Sog, schoben klammen Sand beiseite.
„Das bringt nichts“, brüllte Gradh.
Akim wusste, dass er die Wahrheit sprach. Der Regen rauschte ohne Unterlass, löste weitere Lawinen aus.
Verzweifelt rammte er seinen Speer in den Sandbrei, hielt sich mit beiden Armen fest. Gradh folgte seinem Beispiel. Um sie herum geriet die Welt in Auflösung. Unsichtbare Finger zerrten an ihren Körpern. Der donnernde Regen piesackte ihre Haut und kühlte die Luft so stark ab, dass sie zu frieren begannen.
Gerade als Akim glaubte, seine Muskeln würden ihm endgültig den Dienst verweigern, tat sich der Fels vor ihnen auf.
Einen Lidschlag später endete der Regen schlagartig.
Unsicher ließ Akim seinen Speer los. „Meister?“, fragte er besorgt. Sein Atem hing als weißer Nebel vor seinem Gesicht. Überall stieg Dampf aus dem Boden und verwandelte die Dünenlandschaft in ein Dunstmeer.
Gradh antwortete nicht. Über und über von klebrigem Sand bedeckt, starrte er so verwirrt auf den aus dem Nichts erwachsenen Felsen, dass Akim fürchtete, sein Lehrer hätte den Verstand verloren.
„Sag mir, dass das eine Halluzination ist“, würgte Gradh schließlich hervor.
Akim glotzte auf den schwarzen Schiefer. Der Koloss ragte über hundert Meter in den Himmel. Er bestand aus nacktem Gestein. Seine Form ähnelte einer Nadel mit abgebrochener Spitze. Ein einzelner Fels ohne Seitenausläufer, wie heraus gemeißelt aus einer Gebirgslandschaft. Soweit Akim erkennen konnte, gedieh kein Grashalm, keine Flechte auf dem anthrazitfarbenen Stein. Der Fels glänzte schwärzer als die Nacht, die ihre Finger ausstreckte.
„Ein Fels. Woher kam er?“
„Er kam nirgendwo her!“, stieß Gradh aus. „Wir haben ihn nur nicht gesehen in dem Unwetter.“ Abrupt zog der Alte seinen Speer aus dem Sand und stapfte auf den Schiefer zu.
„Was habt Ihr vor?“, rief Akim nervös.
„Hochsteigen. Sehen, was da oben ist. Hast du einen besseren Vorschlag?“
Weiterlaufen. Sich aus dem Staub machen. Vergessen.
„Von da oben haben wir einen guten Ausblick. Vielleicht sehen wir etwas. Spuren. Hinweise. Endlich ein Berg, der unser Gewicht hält.“
Akim dachte an Kian und die lange Zeit, die vergangen war. An seine Mutter. Der Fels ergab ebenso wenig Sinn wie die Flügelwesen. Das verband sie. Ihre Fremdartigkeit, ihr Auftauchen an einem Ort, an den sie nicht gehörten. Er konnte nicht zurückkehren, ohne alles versucht zu haben.
Mit verkrampften Armen befreite er seinen Speer aus dem Sand. An Gradhs Seite patschte er zum Fuß des Felsens. Blitze zuckten um den Gipfel, den sie nur ausmachen konnten, wenn sie den Kopf in den Nacken legten. Von unten sah es so aus, als würde ein Strahlenkranz um die Felsspitze lodern.
In der Nähe des Brockens wurde es deutlich kälter, als ob der Stein alle Wärme ringsum aufsaugte, auch die aus ihren Körpern. Eine Kälte, die unter die Haut drang. Unwillkürlich rieb Akim sich die nackten Oberarme.
Nicht nur Kälte verströmte der Fels, sondern auch einen üblen Geruch, der Akims Riechsinn betäubte. Er musste sich zwingen, die einzelnen Nuancen herauszufiltern. Modrig. Gleichzeitig süßlich. Stechend. Klebrig am Gaumen. Verdorben. Zersetzt.
Eine namenlose Furcht nistete sich in seinem Inneren ein.
Als sie ihre Füße auf eine Felsstufe setzten, flammte der Strahlenkranz auf. Eine Warnung, dachte Akim. Seine Beine wurden bleischwer, doch Gradh langte bereits nach einem Zacken, zog sich empor. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Mit wachsendem Unbehagen betrachtete Akim die poröse Beschaffenheit des Felsens. Sie passte nicht zu der schwarz glänzenden Oberfläche. Der Fels wirkte glatt, geradezu poliert, doch er war durchsetzt von Ritzen, Vorsprüngen, Kanten und Stufen. Sie machten den Aufstieg fast mühelos.
Als lade er uns zum Klettern ein.
Stumm zogen, schoben und hangelten sie sich nach oben. Je höher sie kletterten, desto lauter wurden die Geräusche, die den heftig wehenden Wind begleiteten. Akim vernahm ein klagendes Jaulen, unterbrochen von hohen Schreien. Donner grummelte. Der Strahlenkranz um den Gipfel nahm eine gespenstische blutrote Farbe an. Zuckend waberte er in aus- und ineinanderlaufenden Ringen in den Nachthimmel.
Akims Furcht stieg mit jedem Schritt. Mittlerweile zitterte er vor Erschöpfung und Angst, doch er folgte Gradh wie ein Salzkamel seinem Herrn.
Schließlich trennte sie noch eine Stufe vom Gipfel. Lichter tanzten um Akims Augen, kalter Schweiß brannte auf seiner Stirn. Blitze schossen um sie herum. Härchen an seinen Armen und Beinen richteten sich auf. Ein schmerzendes Kribbeln jagte über seine Haut. Der Wind hetzte in Böen um den Gipfel, raubte den Atem, zerrte an Haaren und Kleidern. Der singende Lärm erreichte übermenschliche Höhen und Tiefen.
Mit stummen, verzweifelten Blicken beschwor er Gradh, den letzten Schritt nicht zu gehen. Doch Gradh, bleich wie ein abgenagter Knochen, dunkle Ringe der Erschöpfung im Gesicht, warf seinem Schützling ein aufmunterndes Lächeln zu.
Mit einem Ruck hievte er sich über die oberste Kante.
Akim atmete langsam ein und aus, bevor er seinem Meister folgte.

Er landete in einem Alptraum.
Instinktiv, reflexartig, warf er sich auf den Boden, presste die Hände an seinen Hinterkopf, verwuchs mit dem Stein, während sein Verstand sich noch weigerte, zu begreifen.
Stumm flehte und bettelte er, presste sein Gesicht gegen den schmierigen Untergrund, kniff die Augen zusammen, schrumpfte, machte sich unsichtbar.
Doch er konnte seine Sinne nicht verschließen. Ungefiltert drangen Eindrücke auf ihn ein. Gradhs gellende Schreie. Das Knacken brechender Gelenke. Der Geruch von frischem Blut und Knochenmark.
Panik pumpte durch seine Adern, sein Herz raste. Er atmete viel zu hastig. Schwindel überwältigte ihn. Seine Augen weinten hysterische Tränen, weiteten sich vor Entsetzen, als er den Flügelschlag hörte und die knarrenden, nichtmenschlichen Stimmen.
Wie gelähmt lag er da, aber als sie ihn packten und über die Kante rollen wollten, öffnete er die Augen und wehrte sich.
Er hieb, stieß, stach, kratzte, drosch. Trat nach den monströsen Vögeln, die die Käfige bewacht hatten. Die Biester schrien und keiften, ihre Schnäbel hackten nach seinen Augen und Gliedmaßen.
Wild rollte er auf dem Boden herum, robbte nach rechts, sprang nach links, schnellte nach hinten, stocherte mit dem Speer nach vorn. Doch als nach den Vögeln die vermummten Frauen auf ihn zu kamen, wurde der unausgewogene Kampf aussichtslos. Hochgewachsen, die mit schwarzen Tüchern verhüllten Köpfe auf gleicher Höhe, wirkten sie wie eine Mauer, musterten ihn aus rotglühenden unbewegten Augen.
Dämonen.
Verzagt beobachtete er, wie sie in seine Richtung schwebten, sich schweigend ausrichteten wie eine Pfeilspitze. Weite Gewänder verbargen ihre Füße; die Säume ihrer schwarz glitzernden Roben glitten durch Dreck, Blut, menschliches Gewebe, abgetrennte Gliedmaßen.
Akims Widerstand erlosch. Furcht und Entsetzen überschwemmten seinen Verstand. Als die Frauen ihn erreichten, wirkte sein Gesicht entseelt. Schlaff rutschte er über die Kante, die Augen auf die Strahlenkorona gerichtet, die entfesselt um ihn tobte. Er fühlte Donnerschläge in seinen Fingerspitzen. Das Letzte, was er sah, waren hellblaue Blitze, die aus den Händen der Magier fuhren. Sie vereinigten sich über dem Gesteinsblock zu faszinierenden Formationen.
Auf dem Block lag Gradhs zerschmetterter Körper.
Es tut mir so leid.
Dann fiel er.

Die Gestalt kam auf ihn zugeschossen wie ein Pfeil. In weniger als einem Lidschlag erahnte er in dem fliegenden Objekt einen menschlichen Körper und streckte seinen Arm aus.
Ein schwächerer Mann wäre in den Tod gerissen worden. Er hätte sich den Arm aus dem Schultergelenk gedreht und gebrochen. Seine Arme waren kräftig wie Baumstämme, gewohnt, stundenlang mit schweren Hämmern auf Metall einzuschlagen. Manchmal zitterten sie in den Nächten weiter im Rhythmus der Schläge.
Der Schmied fing den Körper auf. Nicht mühelos, wie die Helden in den Liedern, sondern mit schmerzverzerrtem Gesicht, knirschenden Zähnen und Muskelsträngen, die zu zerreißen drohten. Brüllend, taumelnd, fluchend. Einen furchtbaren Augenblick lang hing er einarmig an einer überhängenden Kante, an die er sich geistesgegenwärtig geklammert hatte.
Dann ließ der Sog der Abwärtsbewegung nach und schnaufend zog er den leblosen Körper mit einem Ruck auf den Vorsprung. Vorsichtig legte er ihn nah der Felswand nieder, massierte sich grimassierend seine Arme und beugte sich zu der Gestalt hinunter. Ein Junge, klein, dunkelhäutig, halbnackt. Unter der Kapuze kräuselte sich schwarzes Haar. Ein Wüstenkind, zweifellos.
Der Schmied war herumgekommen in seiner Jugend. Er wusste, dass die Menschen auf Berlen Hunger litten. Sie waren zierlich, von geringer Körpergröße. Dieser Junge jedoch sah ausgemergelt aus, einem Skelett nicht unähnlich. Seine Wangenknochen, untypisch hoch für einen Madif, warfen spitze Schatten auf sein eingefallenes Gesicht. Seine Haut war staubig und aufgerissen.
Wie kam er hierher?
In weitem Umkreis gab es keine menschliche Behausung. Die meisten Madif waren rund um die Oasen im Osten und Norden sesshaft geworden. Sie verdingten sich als Fährtenleser, Fallensteller, Jäger und Kundschafter. Kleinere Stämme lebten verstreut im Landesinneren, doch er hatte noch nie gehört, dass sie die glühende Mitte der Insel bewohnten oder bereisten.
Seit er bei Struong nach Berlen übergesetzt war, hatte er kaum Menschen gesehen. Karawanen anfangs, Oasenbewohner, misstrauische Madif an den Ausläufern des Sandes, dann keine Seele mehr. Keine Behausungen oder andere Anzeichen menschlichen Lebens. Doch hier war dieser Junge.
Er rutschte an die Kante des Vorsprunges und warf einen Blick nach oben. Noch immer zuckten Blitze um den Stumpf, tauchten Lohen das Firmament in ein verstörendes Lichterspiel. Doch der Strahlenkranz war deutlich kleiner geworden. Blaues Licht in Form einer Säule stieg über dem Gipfel auf.
Er wusste nicht, was geschah auf dem unheimlichen Felsen, der übergangslos vor seinen Augen erschienen war. Er war sich nicht sicher, ob er wissen wollte, was dort oben vor sich ging. Ein Kind. Um ein Haar wäre es unbemerkt in die Tiefe gestürzt. Ihm schauderte bei dem Gedanken.
„Gehört ihr zu jenen?“ Die Worte, mit schwacher Stimme gesprochen, ließen ihn aufspringen.
Der Junge wiederholte seine Frage. Langsamer diesmal. Deutlicher. Jetzt verstand er ihn, obgleich der Knabe eine andere Mundart sprach als die Oasenstämme.
„Zu wem?“
Der Knabe wies zum Gipfel.
„Sind andere Menschen dort oben?“
Ein Ausdruck von Grauen schlich sich in das Gesicht des Jungen.
„Wer ist dort oben?“, formulierte der Schmied um.
„Frauen. Schwarze Frauen. Magier. Ungeheuer. Tote. Viele Tote. Gradh“, brachte der Junge abgehackt heraus, bevor er sich zur Seite wandte und sich übergab.
Der Schmied beobachtete stumm, wie grüne Flüssigkeit krampfartig aus seiner Kehle schwappte. Er war verwirrt, verstand nicht die Hälfte von dem, was der Wüstenjunge gesagt hatte.
Der Knabe rieb sich mit dem Handrücken über seinen Mund, betrachtete einen Moment lang die zähe Flüssigkeit, wischte sie dann zaghaft, beinahe widerstrebend, an seinem kurzen Beinkleid ab. Im Anschluss stützte er sich auf seinen Arm und ließ den Kopf hängen.
Nach einiger Zeit löste sich der Schmied von der Felswand und hockte sich neben dem Knaben nieder. Der Junge reagierte nicht und der Schmied drängte nicht.
„Warum seid Ihr am Leben?“, fragte der Junge nach langen Minuten.
„Was meinst du?“
„Nur Madif überleben die Hitze im Großen Tal.“
„Ich bin Schmied. Ich kenne Hitze.“
Die nächste Stunde ging vorüber, ohne dass sie sprachen. Der Alte beobachtete den Himmel, an dessen Horizont sich erste Streifen Tageslicht zeigten. Lähmende Müdigkeit drückte sie nieder.
Die Kälte war bereits in ihre Knochen gekrochen, als der Wind schlagartig auffrischte und sie fast von dem Vorsprung fegte. Der Schmied fühlte, wie Haar und Bart, wie von Geisterhänden gezogen, senkrecht in die Höhe schwebten. Furcht kroch über seinen Nacken, prickelte in seinen Eingeweiden. Der Knabe erstarrte ebenso wie er. Gänsehaut erblühte auf seinen Armen.
Dann erhob sich ein lautes Rauschen.
„Sie fliehen“, rief der Junge.
Der Schmied erkannte Flugwesen, die sich als Silhouetten vor dem Strahlenkranz abzeichneten. Träge schlugen sie mit ihren imposanten Flügeln, stiegen in den graphitgrauen Himmel auf, waren im gleichen Augenblick verschwunden.
Als hätten sie nie existiert.
Ein Schrei der Vögel ließ sein Herz aussetzen und den Jungen wimmern. Sofort wichen sie an die Felswand zurück und quetschten sich auf den Boden.
Der schrille Ton beendete den Spuk. Das Donnergrollen erstarb, die Blitze verglühten. Der Strahlenkranz erlosch, die blaue Lichtsäule verglomm. Zurück blieben ein kahler, graubrauner Fels und unwirkliche Erinnerungen.
„Lass uns gehen“, raffte der Schmied sich auf.
„Was ist mit Gradh?“
Der Greis blickte nach oben, dachte nach. „Lass uns gehen.“

Die Palisaden umschlossen die Garnison lückenlos. Der Schein der Fackeln und Lagerfeuer drang nur nach außen, wenn die Torflügel aufschwangen und einen Schwall Soldaten in die Wälder und Sümpfe entließen.
Die Verbannte hockte seit dem Morgengrauen in ihrem Versteck, nicht weit von der hölzernen Umzäunung entfernt. Sie hatte den Tag mit Beobachten verbracht. Geschaut. Gezählt. Gerechnet. Entscheidungen getroffen und wieder verworfen. Ein- oder zweimal gezweifelt.
Anfangs hatte sie sich an den Boden gedrückt, ihre Atmung verlangsamt, kaum gewagt, den Kopf zu heben. Im Laufe des Tages hatte die Anspannung nachgelassen. Die berittenen Soldaten versahen ihre Patrouillen eher sorglos. Plaudernd folgten sie einem ausgetretenen Weg, bis sie sich nach einigen Hundert Metern in Gruppen aufteilten. Von dort bogen sie auf mit Pfählen abgesteckte Pfade ab, die Augen auf den tückischen Boden gesenkt.
Ihre Vorsicht galt den bewachten Türmen an den vier Ecken des Stützpunktes.
Jetzt, im Schutze der Nacht, wagte sie es, ihre Position zu verändern, um ihre Muskulatur zu lockern. Sie kaute Blätter und einen Streifen gedörrten Fleisches, trank Wasser und blieb wachsam.
An die Palisaden konnte sie sich erinnern, auch an das Grinsen der Söldner und die Finger, die sich nach ihrer Mutter ausstreckten. Ebenso an die Blicke, die anzüglichen Gesten, die Pfiffe. An die Zunge, die sich aus dem Mund eines bärtigen Mannes rollte. An die Abscheu, die sie in Wogen erfasst und an die Seite ihrer Mutter gepresst hatte. An den beherrschten Zorn, den kontrollierten Atem.
Sie zwang sich, die Gefühle in die Ebenen des Vergessens zurückzuschicken. Stattdessen suchte sie in ihrem Gedächtnis nach nützlichen Erinnerungen.
Zelte. Leinentücher, gespannt gegen Sonne und Wind. Holzhütten im Schatten des Zaunes. Ein staubiger Platz. Von unzähligen Füßen und Hufen festgetretener Waldboden. Die Unterstände für die Pferde. Die Gräben im hinteren Teil für die Notdurft. Bei diesem Gedanken schnaubte sie. Den beißenden Gestank von zu vielen eingepferchten Menschen und Tieren hatte sie nach all den Jahren noch immer in der Nase.
Das war lange her. Bestimmt hatte die Siedlung sich verändert. Vergrößert, verbessert. Es gab regelmäßige Patrouillen, einen massiven Zaun, markierte Wege, Wachtürme. Kontrolle. Ordnung. Ein organisiertes Fort. Unüberwindbar und gefährlich.
Eine Patrouille bestand aus acht bewaffneten Reitern, die sich auf ihrer Runde in Gruppen aufteilten. Sie rückten jede zweite Stunde aus, kehrten nach vier Stunden zurück, ruhten, ritten erneut aus. Dazu die Torwärter und die Wachen auf den Türmen. Die Befehlshabenden. Die Handwerker. Die Händler. Die Huren. Reisende.
Das Rechnen machte sie schwindlig, aber sie zwang sich, die Zahlen in ihrem Kopf hin und her zu schieben. Wenn Männer zu Nummern wurden, verloren sie einen Teil ihrer Bedrohlichkeit. Hundert, schätzte sie. Vielleicht mehr.
Eine Menge Zelte. Bestimmt auch Häuser und Baracken. Latrinen. Ställe. Gut. Häuser warfen Schatten. Schatten bot Schutz. Häuser hatten Dächer und dunkle Ecken.
Sie richtete sich langsam auf. Ein Plan, über einen langen Tag genährt, nahm in ihrem Kopf Gestalt an.

Der breite Weg vor dem Tor war nicht bewachsen, alles Holz entfernt worden. Niemand konnte sich dem Eingang nähern, ohne von den Männern auf den Türmen entdeckt zu werden.
Sie hielt sich abseits der Schneise, bewegte sich lautlos auf Händen und Füßen. Ihr Bauch berührte den Boden erst, nachdem sie ihr Ziel erreicht hatte.
Als sie Pferdegetrappel hörte, presste sie sich flach an den Boden. Der Umhang bedeckte ihren Kopf und einen Großteil ihres Körpers. Bogen und Köcher lagen griffbereit neben ihrer Hüfte.
Eins der Pferde warnte schnaubend und tänzelte. Sie hielt den Atem an und die Augen geschlossen, dieweil die Anspannung kalt durch ihre Adern sprudelte.
Die Männer beugten sich über ihre Reittiere und spähten in die Nacht. Ein Satz hakte sich in ihrem Geist fest, wiederholte sich, während die Sekunden sich zu Minuten dehnten und Schweiß aus ihren Poren strömte.
Die Zeit steht still.
Angestrengt spähten die Soldaten in die Baumgruppen und über die Sumpfhügel. Keiner blickte auf den Wegesrand zu ihren Füßen. Zwei Männer hatten Kurzschwerter aus der Scheide gezogen, auf deren Klingen sich das Mondlicht spiegelte, doch niemand bemerkte die Gestalt im Gras.
Die Verbannte hatte Glück. Die Männer hatten die zweite Patrouille des Tages hinter sich. Sie waren erschöpft und hungrig und die feuchte Nachtluft ließ sie frösteln.
Syriakin schwitzte. Mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen atmete sie den Duft der Erde ein. Der von den Hufen aufgewirbelte Waldboden stob über sie hinweg, als die Männer sich entfernten. Sie wartete geduldig, dass das Tor aufschwang und der Schein der Feuer die Nacht erhellte. Erst jetzt hob sie den Kopf, zwang ihre Sinne, so viele Eindrücke wie möglich aufzufangen.
Zurück in ihrem Versteck ließ sie sich auf dem Grasboden nieder. Abwesend spielte sie mit einer Pfeife. Sie anzuzünden, stand außer Frage, auch wenn sie sich nach dem beruhigenden Geschmack von Tabak sehnte.
Sie hatte richtig gelegen mit ihrer Schätzung. Männer lagerten um mehrere Feuer, die vor niedrigen Baracken brannten. Im Hintergrund hatte sie stabilere Gebäude gesehen. Die Unterkünfte der Befehlshaber. Krankengebäude. Küchentrakte. Befestigte Ställe. Weniger Zelte als gedacht. Dafür Wachen auf den Türmen, am Tor und rund um den Zaun. Es würde schwierig werden.
Die Kämpferin beschloss, einige Stunden zu schlafen. Im Morgengrauen waren die Menschen am müdesten. Branntwein und Rauchwerk würden ihre Wirkung zeigen. Sie hüllte sich in ihren Umhang, rollte sich zu einer Kugel zusammen und schloss die Augen.

Die Kamele witterten sie zuerst.
Jula, der im Schatten seiner Lieblingspalme döste, öffnete sein Auge und spähte nach Westen, in dieselbe Richtung, in die auch seine Kamele starrten. Etwas war im Anmarsch, aber gegen die tiefstehende Sonne war wenig mehr auszumachen als die flirrende Sandebene, die sich nach allen Seiten erstreckte. Die Wüste gaukelte gern Dinge vor, die sich in Wirklichkeit am anderen Ende der Insel befanden. Andererseits irrten die Kamele nie. Deshalb hielt Jula sein Auge offen und verließ sich auf das Gehör der Tiere.
Die Oase lag geschützt zwischen Sandbergen. Ihren Mittelpunkt bildete ein See aus tiefblauem Wasser, in dem sich die Palmen, die in dichter Reihe am Ufer standen, spiegelten. Er war mit Abstand der größte der vier Süßwasserseen der Wüsteninsel und der einzige, in dem es Fische gab. Die durften nur an ausgesuchten Tagen gefangen werden, während Frösche und Krebse sich so rasant vermehrten, dass die Kinder sie oft zum Abendmahl sammelten. Der See hatte die Form eines in die Länge gezogenen Auges, das im östlichen Dialekt der Madif Chur hieß. So lautete auch der Name des Gewässers. Fleißige Hände hatten es in mehreren Generationen geschafft, ein raffiniertes Geflecht aus Kanälen und Rinnen rund um den See anzulegen. Es versorgte die Dattelpalmen und Houssa-Sträucher mit genügend Wasser, bedeutete Nahrung für die Bewohner.
Deren Behausungen quetschten sich zwischen Dünen und Palmengarten. Sie waren dürftig; dafür spendeten Berge und Bäume Schatten und Schutz gegen den hartnäckigen Wind.
Unzählige Spuren verliefen um die Jurten und Hütten. Jula vertrieb sich die Zeit damit, eine auszuwählen und ihr, so weit es ging, zu folgen. Die Spuren erzählten ganz eigene Geschichten. Während er sie las, kaute er auf einem Dattelkern.
Das Schnaufen Paruds riss Jula aus seiner Beschäftigung. Er schlug seine Kapuze zurück und richtete sein Auge erneut nach Westen, nahm die flimmernden Umrisse zweier Menschen wahr, die sich der Oase näherten. Die kleinere Gestalt war schmal, mit einem Kopf, der zu groß schien für die kümmerlichen Schultern.
Ein Junge.
Die Neugier des Kamelführers war geweckt. Er rutschte in eine aufrechtere Position, um besser sehen zu können. Der Knabe lief mit weichen Bewegungen, setzte die Füße mit den Zehen zuerst auf. Der mit einem Umhang bedeckte Rumpf war gebeugt. Ein Madif.
Gradh hatte angekündigt, mit seinem Schüler Puard zu besuchen. Freilich handelte es sich bei dem anderen Besucher keinesfalls um den Knurrigen. Kein Einheimischer besaß diese massige Statur und dermaßen kurze Beine. Ein Sta, wenn er sich nicht irrte.
Nachdenklich lutschte Jula an seinem Kern.
Sichtlich angeschlagen schlurften die beiden in den Schatten des Sandmassivs am Rand der Oase.
Der Junge, dessen Alter Jula aus der Entfernung nur schätzen konnte, trug Lendenschurz und Kapuzenumhang der westlichen Völker. Er war dunkler als die Madif des Ostens, erinnerte ihn an Gradh. Um Arme, Beine und Taille hatte er Hanfseile geschwungen, in denen Fallen und ein Dolch steckten. Außerdem schwang eine Kalebasse an seinem Gürtel. Körper, Kleidung und Gesicht schienen schmucklos.
Er wirkte ausgezehrt, stand gebeugt, die Arme auf die Knie gestützt, während seine Schulterblätter spitz nach oben ragten und vor Anstrengung zitterten. Sein Blick war auf die Wasserfläche gerichtet, so konzentriert, dass er nichts anderes wahrnahm.
Krebsrot leuchtete die runzlige Haut des Greises. Die wulstigen Lippen unter dem zerzausten Bart waren aufgesprungen und voller Blasen. Er trug ein locker sitzendes Gewand aus derbem Stoff. Kein Wunder, dass er japste wie die verlausten Wüstenhunde, die in der Nähe der Oase nach Abfällen suchten. Unter dem Saum schauten geschlossene Schuhe hervor. Jula stöhnte innerlich. Immerhin hatte der Fremde an eine Kopfbedeckung gedacht, auch wenn sie absonderlich aussah.
Hut, erinnerte er sich. Ein Wort, das in seiner Sprache nicht existierte.
Unter dem Kopfschutz quollen struppige, weiße Haare hervor. Sie bedeckten tiefliegende, blaue Augen. Sofort war Jula fasziniert. Madif kamen ausnahmslos dunkeläugig zur Welt. Selbst Halbblüter schlugen nach ihren Müttern.
Der Dattelkern wanderte von einer Wange in die andere, als er die Statur des Alten in Augenschein nahm. Er erkannte einen mächtigen Brustkorb mit gewaltigen Armen, an dessen Ende die größten Hände hingen, die er je gesehen hatte. Besser, dem Großvater nicht zu nahe zu kommen.
Ein seltsames Gespann, diese beiden. Grübelnd kaute Jula auf seinem Kern, betrachtete die Spuren, die in der Wüste verschwanden.
Plötzlich setzte der Junge sich ruckartig in Bewegung, steuerte auf den See zu.
Jula räkelte sich alarmiert. Wasser aus dem See zu schöpfen, galt ohne Einwilligung eines Bewohners als Diebstahl. Bislang waren die Neuankömmlinge nicht beachtet worden, weil die Bewohner Puards in dieser Stunde ihr Tagwerk beendeten und für das Abendmahl in ihre Hütten strömten.
Der Alte hielt den Madif zurück und zischte ihm Worte zu, die Jula nicht verstand. Der Junge wand sich widerstrebend, bäumte sich gegen den Arm des Greises auf.
Reglos beobachtete Jula den Zwist der beiden, als der Knabe unerwartet herumfuhr und mit dem Finger auf ihn zeigte.
Der Greis stutzte, schien verschiedene Reaktionen zu erwägen. Erst als Jula träge winkte, steuerte er, den Jungen vor sich her schiebend, auf ihn zu.
Jula lud sie mit einer Handbewegung ein, sich zu ihm in den Schatten zu setzen. Der Alte folgte der Einladung sofort. Der Knabe, aus der Nähe betrachtet eher ein Heranwachsender, zauderte. Er ließ den See nicht aus den Augen, leckte sich die spröden Lippen.
„Es scheint, Euer Freund ist durstig“, richtete Jula das Wort an den Greis, sich der Reichssprache bedienend.
„Ihr dürft die Sache getrost bei ihrem richtigen Namen nennen“, erwiderte der Greis grimmig. „Er begehrt das Wasser. Verzehrt sich danach.“
Der Karawanenführer unterdrückte ein Schmunzeln. „Tragt es ihm nicht nach. Der Junge hat in seinem Leben vermutlich noch nie so viel Wasser gesehen.“
„Kennt Ihr ihn?“
„Ich kenne Angehörige der westlichen Stämme jenseits der Großen Wüste. Er sieht ihnen ähnlich.“
„Ihr besitzt gute Augen.“
„Nun ja. Eines davon.“
Der Alte blinzelte. Jula lächelte über den eigenen Scherz, bis sein Gegenüber ebenfalls die Mundwinkel hochzog.
Der Junge stand stumm und ernst neben ihnen.
„Wisst Ihr was?“, sagte Jula. „Ich finde, wir haben Euren Gefährten lange genug auf die Folter gespannt. Erlösen wir ihn.“
Damit erhob er sich und schüttelte den Sand aus seinen Gewändern. Er überragte den Jungen und den Greis um mehr als einen Kopf. Feierlich hob er beide Arme vor die Brust, verschränkte die Finger ineinander und sprach die folgenden Worte wie eine heilige Formel: „Gewährt mir die Ehre und seid meine Gäste.“
Der Greis sah ihn dankend mit leuchtend blauen Augen an. Der Junge stand wie vom Donner gerührt. Erst als sein Begleiter ihn aufmunternd vorwärts schob, schien er zu realisieren, welches Geschenk ihm soeben gemacht worden war.
Vor der Wasserlinie wandte er sich um. In seinen Zügen standen Vorfreude und Dankbarkeit. Langsam beugte er sich hinunter, fiel erst auf ein Knie, dann auf das andere, als wolle er den Moment der Erwartung auskosten, bevor er das belebende Nass küsste.

„Mein Name ist Jonoy. Ich bin Schmied in einem Weiler im Norden Stalephs. Guyut liegt im Grenzland, unweit der Großen Furt. Hin und wieder kommen wir herüber und tauschen Metalle gegen Salz. Wie Ihr wisst, ist das Salz der Alten Seen begehrt.“
Der Karawanenführer nickte stumm.
„In jüngeren Jahren packte mich die Wanderlust. Ich kam herum. Das Schmieden sicherte mir Nahrung und Unterkunft während meiner Reisen. Ich kenne den Osten und Norden Berlens recht gut, doch diesmal wurde ich neugierig, wagte mich weiter ins Landesinnere.“
Jonoys Augen wurden leer. Er senkte den Kopf und scharrte mit seinen Füßen im Sand. Der Kameltreiber warf einen Blick auf den schlafenden Jungen.
„In der Wüste stieß ich auf Akim. Wir freundeten uns an, haben vor, uns einer der Salzkarawanen anzuschließen. Wir wollen in die Hauptstadt.“
Jula musterte den Schmied nachdenklich. „Verzeiht mir, aber Ihr seht nicht sonderlich vermögend aus. In einer Karawane zu reisen, ist eine kostspielige Angelegenheit.“
Jonoy seufzte. „Es gibt nicht viel, was ich tun kann, um den Aufwand auszugleichen, es sei denn, Ihr habt eine Schmiedearbeit auszuführen. Ansonsten bin ich von geringem Nutzen. Doch Akim ist begabt darin, Fährten zu lesen, Tiere aufzuspüren, Wege zu finden.“
Skeptisch warf Jula einen Blick auf den Schlafenden.
„Ja, ich weiß“, gab Jonoy zu. „Er wirkt wie ein junger Wüstenhund, unerfahren und hilflos. Aber auf unserem Weg hierher führte er uns so sicher, als hätte er eine Karte im Kopf.“
„Es gibt keine Karten der Wüste. Sie steht nicht lang genug still, um sie zu zeichnen.“
„Dieser Junge scheint eine Art sechsten Sinn zu haben.“
„Den haben viele in den vergessenen Dörfern. In unseren Liedern wird behauptet, über die Erde liefen unsichtbare Kraftbahnen, und die wilden Völker besäßen die Macht, sie aufzuspüren. Früher gab es auch bei uns im Osten Menschen mit dieser Fähigkeit.“
„Das klingt abenteuerlich. Wie Zauberei.“
„Wie viele unserer Geschichten. Ich glaube, dass es keine Magie ist. Vielmehr ein Verwurzeltsein mit seiner Heimat. Mit der Erde.“
„Dem widerspreche ich nicht.“
Der Kamelhirte dachte lange nach, den Kopf in den Nacken gelegt, die Füße an das Feuer gestreckt. Sein Auge suchte den sternenübersäten Nachthimmel ab, als erwarte er, dort oben eine Antwort zu finden. „Vor einigen Nächten saß ich an genau dieser Stelle und betrachtete die Himmelsbilder. Ich wurde hier geboren, müsst Ihr wissen, und führe Karawanen nach Staleph und Yruish länger, als ich denken kann. Manchmal, nach Sandstürmen oder Regenschauern, verändert sich das Antlitz der Wüste. Die alten Pfade verschwinden. Dann warte ich, bis die Nacht hereinbricht, denn die Sterne ändern sich niemals. Sie zeigen mir den Weg. Zu sagen, ich hätte mich noch nie verirrt, wäre eine Lüge, doch wie Ihr seht, lebe ich noch. Man kann also sagen, ich kenne mich aus in diesem Teil Berlens und dem Himmel darüber. Deswegen war ich auch über die Maßen erstaunt, als in jener Nacht der Himmel anders aussah als sonst.“
Jula hielt inne, richtete sein Auge auf Jonoy. Der Schmied hatte einen Finger unter den Kragen seines Gewandes geschoben, als sei er ihm zu eng. „Im Westen wurde es hell. Die Sterne bewegten sich, schienen aus der Bahn geworfen. Ich sah, was ich für Blitze hielt. Seltsame Lichterspuren, die über den Himmel zu tanzen schienen, farbige Wolken, die über das Firmament fegten, als hätten die Himmelsgötter einen Krieg entfesselt. Bis heute kann ich mir das Schauspiel nicht erklären. Ich fragte herum. Niemand schien etwas gesehen zu haben. Die meisten sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren.“
„Die Leute schliefen.“
„Und die Wachen wohl auch. Viel passiert ja auch nicht.“
„Oder sie hatten Besseres zu tun.“
„Ich frage mich, ob ich verrückt werde. Ich bin ein einsamer Mann, wisst Ihr, ohne Familie, ohne Freunde. Einsamkeit kann einen wahnsinnig machen. Die Sonne erst recht. Möglicherweise war dies das erste Zeichen.“
Sein letzter Satz schien in der Luft zu schweben.
Jonoy rieb sich den Nacken. Er schien stumme Zwiesprache mit sich zu halten.
Jula wartete, richtete sein Auge wieder auf die Gestirne.
Schließlich hieb sich der Schmied mit beiden Fäusten auf die Oberschenkel. Das Geräusch schreckte Akim auf, der sich auf den Rücken wälzte und undeutliche Worte murmelte.
„Ihr seid nicht verrückt, Freund“, begann Jonoy. „Was Ihr gesehen habt, war keine Einbildung. Doch erwartet nicht von mir, dass ich Euch sagen kann, was Ihr gesehen habt, denn das, was ich erlebt habe, übersteigt meinen Verstand.“
Er rutschte näher an Jula heran. „Vielleicht seid nicht Ihr es, der den Verstand verliert, sondern ich“, wisperte Jonoy. „Ich war dort, wo Ihr die Lichter gesehen habt, und es war … unfassbar. Ein Fels erwuchs in der Wüste, mitten aus dem Sand. Schwarz wie Kohle. Kalt. Er strahlte Grausamkeit aus. Gefahr. Um seinen Gipfel zuckten Blitze. Lichter. Ein Ort des Todes, wie aus meinen Träumen.
Ich bestieg ihn. Ich musste es tun. Es war wie ein Zwang. Kälte erfasste mich, und doch hatte ich das Gefühl, meine Hände verbrannten an dem Stein. Angst breitete sich in mir aus wie ein Gift, lähmte mich, raubte mir den Atem. Auf einem Vorsprung musste ich anhalten. Dort geschah es. Der Junge stürzte aus dem Himmel. Ich fing ihn geradewegs aus der Luft heraus!“
Für einen Augenblick dachte Jula, der Schmied wäre tatsächlich verrückt geworden, denn er begann zu kichern. Gleich darauf schlug er sich die Hände vor den Mund und schluchzte auf. Der Kamelhirte legte ihm erschüttert einen Arm auf die Schulter.
Mit belegter Stimme fuhr Jonoy fort. „Ich weiß nicht, wovon ich in dieser Nacht Zeuge geworden bin. Was immer es war; es überstieg meine Kräfte und meinen Geist. Der Junge hat noch Schlimmeres erlebt. Er war oben auf diesem verfluchten Fels.“
Jula sah bleicher aus als der Mond. Er stocherte mit einem Stock im Kameldung, der aufglühte und die Flammen neu entfachte. Sie beleuchteten Akim, dessen Augen geöffnet waren und blind in die Dunkelheit starrten. Trauer und Schrecken standen in seinen kindlichen Zügen.
„Ein ungeheures Glück, dass Ihr in der Nähe wart“, sagte der Kamelhirte zu Jonoy.
„Glück. Schicksal. Vorsehung. Zufall. Nennt es, wie Ihr wollt.“
„Verratet Ihr mir, was Ihr in der Wüste suchtet?“
„Ihr würdet mich für geistesgestört halten.“
„Und der Junge? Madif umgehen die Mitte der Insel.“
„Seine Geschichte ist noch verrückter als meine.“
Jula schwieg. Dann raffte er seine Tunika zusammen und erhob sich. „Eure und des Jungen Geschichte als Austausch gegen zwei Plätze in meiner Karawane. Dazu das Geschick des Jungen als Fährtenleser.“
Er sah Akim an, der unbeteiligt den Worten der Männer gelauscht hatte. Akim nickte, langsam, zögernd.
„Gehen wir in mein Zelt. Es wird kalt.“

Noch bevor er die Augen aufschlug, wusste er, dass etwas nicht stimmte. Er hatte geträumt, lebhaft und seltsam, doch die Erinnerung daran verblasste, bevor er sie abrufen konnte. Gleichzeitig schoss ein Gedanke in sein schlafumnebeltes Gehirn, lärmend wie die Alarmschreie während der Angriffe auf Pulenard.
Etwas stimmt nicht.
Er riss die Augen auf, fuhr in die Höhe, musste entsetzt feststellen, dass er sich nicht bewegen konnte. Einen Herzschlag lang dachte er, dass er gelähmt sei, dann registrierte sein übermüdetes Gehirn, dass etwas auf ihm saß.
Jemand.
Sie kauerte vornübergebeugt auf seinem Schoß und funkelte ihn aus kalten Augen an.
„Was?“, krächzte er.
„Pst“, senkte sie den Blick.
Er folgte ihm, ohne seinen Kopf zu bewegen, sah die Klinge an seinem Hals.
„Bringe mich nicht dazu, sie zu benutzen.“
Er erkannte ihren Tonfall sofort als einheimisch. Drei Jahrzehnte auf dieser verfluchten Insel lehrten einen einiges.
Er nickte langsam, den Blick fest auf ihr Gesicht geheftet, um sich jeden einzelnen ihrer Züge einzuprägen. „Du musst verrückt sein“, sagte er.
„Pst.“ Die kalte Klinge drückte sich an seine Kehle.
„Du musst verrückt sein“, wiederholte er im Flüsterton.
Sie zuckte mit den Schultern und ließ es geschehen, dass er sie weiterhin studierte. Fast schien es, als lese sie seine Gedanken, denn sie beugte sich so weit vor, dass er ihre Züge deutlich sehen konnte. Eine Erinnerung überkam ihn, vage und zerfließend.
„Ich kenne dich“, flüsterte er, während er ihr Gewicht abschätzte. Womöglich konnte er sie abwerfen. Genug Lärm verursachen, um die Wachen vor seiner Tür zu alarmieren.
„Sie sind tot“, raunte sie. Der Druck ihrer Knie in seinen Leisten verstärkte sich.
Seine Augen weiteten sich vor Überraschung und Schmerz. „Du bist wahnsinnig“, zischte er.
„Diese Klinge“, ließ sie das Messer aufblitzen, „ist vergiftet. Selbst wenn ich es nicht schaffe, dir die Kehle aufzuschneiden, genügt das Gift auf der Spitze, um dich zu töten. Ein einzelner Kratzer, mehr nicht.“
„Bis dahin habe ich dich überwältigt.“
„Das Gift wirkt rasch.“
Er glaubte ihr, legte sich zurück und spürte erleichtert, wie der Druck in seiner Leistengegend nachließ.
Sie setzte sich aufrecht und musterte ihn eindringlich. „Jodanam.“
Er schluckte hart. „Du kennst mich.“
„Jeder kennt dich. Du bist der Anführer der Eindringlinge. Der Kommandant.“
„Ich führe nur Befehle aus.“
„Urdat Veis Befehle. Die der Kaiserin, die glaubt, dies Land gehöre ihr.“
„Natürlich gehört es ihr! Sie ist die Kaiserin. Alle Inseln unterstehen ihrem Befehl. Ihr seid es, die sich ihr widersetzen.“
„Wir wollen in Frieden leben.“
„Das tut ihr doch. Es gibt keinen Krieg.“
„Kein Krieg ist nicht dasselbe wie Frieden. Ihr seid unrechtmäßig auf dieser Insel. Zu keiner Zeit hat ein Frâgg der Kaiserin dies Land abgetreten oder sie als Führerin anerkannt. Ihr nehmt euch, was euch nicht gehört.“
Er spürte, wie sie unter all ihrer Beherrschtheit schneller atmete. Sie war gereizt. Gut. Gefühle verursachten Fehler. Fehler bedeuteten die Niederlage.
„Also habt ihr beschlossen, in den Krieg zu ziehen?“, fragte er und versuchte, allen Hohn aus seiner Stimme herauszuhalten.
„Nur ich.“
„Du bist allein?“, entfuhr es ihm.
„Das ist ohne Bedeutung. Deine Wachen liegen mit durchstoßener Kehle in deinem Vorzimmer. Zwei weitere Männer im südlichen Wachturm ebenfalls. Einen musste ich mit dem Pfeil erledigen, weil er mich gesehen hatte. Er liegt in den Ställen.“
Wut loderte in ihm auf. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man ihn findet“, presste er heraus.
„Es dauert noch bis zur nächsten Patrouille. Ich habe ihn in den Stall mit den erschöpftesten Pferden gelegt. Aber du hast recht. Wir sollten nicht noch mehr Zeit verlieren.“
Sie verschränkte ihre Beine über seinen Oberschenkeln. Die Sohlen ihrer Stiefel bohrten sich schmerzhaft in seine Waden. Außerdem drückte seine Blase, aber dies war im Moment sein geringstes Problem. Das Messer kratzte an seinem Hals, als sie sich bewegte. Er spürte, wie einige Bartstoppeln abfielen.
„Was willst du?“
„Endlich stellst du die richtigen Fragen.“ Ihr Lächeln war so kalt, dass ihm das Blut in den Adern gefror. „Mein Stamm lebt einige Tagesreisen von hier. Mit den Soldaten in Frieden, wie du so schön sagtest.“ Jetzt glich ihr Lächeln mehr einem Zähnefletschen. „Wir können unbehelligt fischen und jagen. Das war nicht immer so, aber in den letzten Jahren haben wir Zusammentreffen mit euch weitestgehend vermieden. Haben die alten Dörfer verlassen, den Handel eingestellt. Uns versteckt. Viele von uns tragen Hass im Herzen. Gleichwohl haben wir unseren Stolz hinuntergeschluckt und uns für ein Leben im Verborgenen entschieden. Die Frâgg sind schon lange kein Kriegervolk mehr. Zudem habt ihr uns unzählige Männer und Frauen genommen. Kinder. Aber das weißt du ja alles.“
Er blinzelte, nickte langsam; unsicher, welche Reaktion sie aus ihm herauslocken wollte. „Wir wissen, dass viele Stämme ihre alten Gründe verlassen haben. Wir haben euch ziehen lassen. Du siehst: Auch wir sind des Kämpfens müde.“
„Des Kämpfens müde“, echote sie verächtlich.
„Wir verteidigen das Land.“
„Vor wem? Wer hat sich entschieden, euch anzugreifen? Ihr seid die Kriegstreiber.“
„Was willst du? Alle Soldaten dieser Insel vernichten? Allein? Die Kaiserin wird Truppen schicken, immer wieder, bis auch die letzte Sumpfschlange vernichtet ist.“ Hass und Verachtung flammten aus seinen Worten.
„Das ist es, nicht wahr?“, fragte sie. „Das ist es, was am Ende übrig bleibt. Dies hier hat nichts mit Verteidigung zu tun. Oder anderen hehren Zielen. Hass. Gier. Macht. Nur darum geht es.“
Er atmete schwer, blies sauren Schlafatem in ihr Gesicht. Sie verzog keine Miene, sprach mit monotoner Stimme weiter. „Ein Dorf mitten am Tage. Plötzlich stürmen Soldaten aus dem Sumpf, morden zwei Frauen und rauben ein Kind.“
Sie beobachtete jede Regung in seinem Gesicht, studierte die Tränensäcke, die uringelben Bartstoppeln, den spärlichen Haarkranz, den gewöhnlich ein Helm verbarg, den faltigen Hals, das Doppelkinn.
Vorschnell gealtert.
Sie hoffte, dass Schuld und Reue dies bewirkt hatten, doch in ihrem Inneren wusste sie, dass das harte Leben der Insel die Falten in sein Gesicht gegraben hatte. Das und zu viel Branntwein.
Ein Aufblitzen in seinen wässerigen Augen gab ihr zu verstehen, dass er wusste, wovon sie redete.
„Ein kleines Mädchen.“
Er sah, wie ihr Kehlkopf sich krampfhaft bewegte. Plötzlich wusste er, warum sie ihm bekannt vorkam. Das Mädchen hatte dieselben grünen Augen, dasselbe schwarze Haar besessen. Denselben störrischen Gesichtsausdruck, selbst im Moment großer Angst.
Ruckartig beugte sie sich so weit vor, dass ihr Haar sein Gesicht streifte und warmer Atem über seine Glatze strich. „Den Tod der beiden Frauen kann ich nicht ungeschehen machen, Jodanam. Er ist vergolten, aber das ändert nichts. Das Mädchen ist es, das ich suche. Ich weiß, dass du für ihr Verschwinden verantwortlich bist.“
Er zuckte zurück. Mit einem Mal drückte seine volle Blase schmerzhaft gegen seinen Unterleib. „Woher …“
„Ich weiß, dass die Soldaten aus Frarn kamen und ich weiß, dass sie Hilfe hatten. Sonderbare Hilfe, denn die Helfer sind nie gelandet.“
Er wollte lachen, erinnerte sich, dass er anfangs tatsächlich lauthals gelacht hatte und keine Silbe geglaubt hatte. Bis sie ihn aufgesucht hatten.
„Wohin haben sie das Kind gebracht?“
„Ich weiß es nicht“, brachte er heraus und quiekte, als das Messer seine Kehle berührte, ihr Knie sich in seine Genitalien bohrte. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, doch er schaffte es, die Fassung zu bewahren.
„Rede“, sagte sie mit dunkler Stimme. Die Drohung hinter ihren Worten war unüberhörbar.
„Ich weiß … nichts, Schlange“, presste er hervor.
Syriakin war erstaunt, wie ähnlich Männer reagierten. Abrupt packte sie seinen Arm mit einer Hand und drehte ihn nach außen. Eine blutrote Narbe auf der Innenseite des Unterarms wurde sichtbar. „Sieht aus wie eine Bisswunde“, sagte sie.
Diesmal traf ihn die Erinnerung wie ein Keulenschlag. Das Mädchen. Mit Armen und Beinen um sich tretend. Spuckend, brüllend. Er sah sie vor sich. Erinnerte sich an ihre Zähne in seinem Fleisch. Vor Schmerz und Überraschung hatte er die Fassung verloren. Hatte ihr einen Schlag versetzt. Sie hatte vor ihm im Dreck gelegen, Blut und Rotz im Gesicht. Er hatte ihr die Hand gereicht, einen Augenblick Respekt und Mitleid für die wilde kleine Kämpferin empfunden. Sie hatte die Gelegenheit genutzt. Plötzlich hatte sie eine Steinspitze in der Faust gehalten, winzig wie ein Fischerhaken. Der Stich hatte nicht annähernd so geschmerzt wie der Biss ihrer kräftigen Zähne. Aber es war der Unterarm gewesen, der verheilt war.
„Du“, fauchte er, als die Erkenntnis alles Denken auslöschte. Sein fußloses Bein zuckte herauf, doch sie fing den Tritt ohne Anstrengung ab.
„War es deine Vergeltung?“, fragte sie. „Hast du sie rauben lassen, weil du es mir heimzahlen wolltest? Hast du all die Jahre nach mir gesucht?“
„Ich dachte, du wärst längst tot“, stieß er hervor. „Wir haben dich…“ Angestrengt suchte er nach den richtigen Worten.
„Weggeworfen?“
„Sie berichteten mir, sie hätten dich versenkt. Da fieberte ich bereits. Als ich erwachte, warst du nur noch ein böser Traum. Gelegentlich sah ich dich vor mir, aufgedunsen, verwest, von den Fischen angefressen, aber auch dies ließ nach. Das mit dem Kind hat nichts mit mir zu tun. War sie deine Tochter? Ihr seht euch ähnlich.“
Regungslos starrte sie ihn an. Er meinte, es in ihren Augen glitzern zu sehen, doch ihre Stimme klang unverändert. „Du hast sie gesehen. Wann? Wo?“
„Vergiss sie. Du kannst sie nicht retten.“
„Retten wovor? Vor wem? Rede!“
Mühsam schüttelte er den Kopf.
„Du verbirgst etwas. Ich sehe die Angst in deinen Augen, spüre, wie dein Körper sich verkrampft. Fürchtest du sie? Die, die nicht gelandet sind? Was sind sie? Etwas, das dein Soldatenhirn nicht zu fassen vermag? Ängstigen sie dich deshalb? Suchen sie dich in deinen Träumen heim? Jodanam? Wer sind sie? Was sind sie?“
Er lachte. „Sie werden auch dich heimsuchen.“
„Ich träume nicht.“
„Ich kann dir nichts sagen.“
„Ich habe dir einen Fuß genommen, als ich noch ein Kind war. Willst du den anderen als Nächstes einbüßen? Deine Augen? Deinen Geist? Ich kenne Gifte, die dich als Hülle zurücklassen, als sabbernden alten Mann. Willst du das, Kommandant?“
„Jeden Moment kann jemand hereinkommen.“
„Dann stirbst du. Danach er.“
„Möglicherweise ist der andere schneller.“
„Mag sein. Doch ich nehme dich mit in meinen Tod.“
Mit einem Schlag fühlte er sich alt. Verbraucht und müde. Er wusste, dass er verloren hatte, weil sie nichts mehr zu verlieren hatte. Sie würde ihn auslöschen, so oder so.
„Also gut. Versprich mir nur eins.“
„Ich verspreche gar nichts, aber lass hören.“
„Erledige mich schnell.“
„Du hast mein Wort.“
„Zwei der Männer standen erst kurz unter meinem Kommando. Burdan und Smarten. Sie kamen im Frühherbst von Yruish herüber. Behaupteten, im Kaiserheer gedient zu haben, unter Urdat Vei persönlich, aber man konnte eine Meile gegen den Wind riechen, dass sie Söldner waren. Offen gestanden war mir das egal. Sie fielen nicht auf. Versahen ihren Dienst, schickten ihren Sold nach Hause, versuchten, nicht den Verstand zu verlieren. Vielleicht waren sie eine Winzigkeit ausgekochter als die anderen. Sie hielten sich beim Branntwein zurück und aus Schlägereien heraus. Beschissen beim Kartenspiel, wurden aber selten erwischt. Behandelten die Huren besser als die anderen, bekamen sie dafür preiswerter. Größtenteils blieben sie unter sich. Ich weiß noch, dass mir einmal der Gedanke kam, dass sie vielleicht Brüder oder Vettern seien, denn sie sahen sich ähnlich und schienen vertraut miteinander. Nur mit zwei anderen Männern schienen sie sich mehr einzulassen, mit Stort und Carel. Mit den beiden verrichteten sie oft ihren Dienst.“
Mit trockenem Mund hielt der Kommandant inne und schluckte.
„Die Zeit drängt“, sagte Syriakin.
„Ich habe Durst. Und ich muss pissen.“
Sie erwiderte nichts, doch ihr auffordernder Blick war unmissverständlich.
Er räusperte sich. „Ich sah die vier immer öfter zusammensitzen. Sie unterhielten sich lange. Sonderten sich ab. Schauten ständig über ihre Schultern. Wie Verschwörer oder so.“
„Was hast du unternommen?“
Er schüttelte sacht den Kopf. „Du missverstehst die Situation. Die Männer sind Fremde auf dieser Insel. Ihr Dienst ist eintönig, Natur und Klima katastrophal für die Stimmung. Es gibt kaum Ablenkung, keine Freiheit. Du würdest nicht glauben, wie viele allabendlich die wildesten Pläne schmieden, sich absurde Zukunftsfantasien ausmalen, sich Rätsel und Geschichten ausdenken.“
„Versuchst du, mir Mitleid einzureden?“
„Nein, Sumpffrau, ich erkläre dir nur, warum ich nichts unternahm. Sie mochten irgendwelche Pläne schmieden, doch sie verrichteten ihren Dienst und verursachten keine Probleme. Kein Grund, sich einzumischen. Bis ...“
„Bis was?“
Wieder räusperte er sich. „Bis sie zu mir kamen. Eines Nachts vor ein paar Wochen. Alle vier. Sie ersuchten um ein Gespräch, taten geheimnisvoll, verlangten, dass ich die Wachen hinausschickte. Zunächst weigerte ich mich, aber meine Neugier siegte.
Sie erzählten mir von einem Kind, das in einem der namenlosen Flecken entlang der Küste leben sollte. Sie beschrieben das Mädchen als wild und gefährlich. Ich lachte sie aus. Ein Sumpfkind! Wir haben die Sumpflinge unter Kontrolle, habe ich gesagt. Seit Jahren. Die Handvoll Aufständischer richtet nur begrenzt Schaden an.“
Ihr Gesicht verzog sich bei den verächtlichen Worten.
„Sie sagten, dass dieses Mädchen anders sei. Noch klein, dabei stark und schnell wie ein Krieger. Mit Zauberkräften! Sie beschworen mich, es beseitigen zu lassen, bevor es zu spät sei. Sie flehten, bettelten, drohten und verkündeten großes Unheil, das von dem Mädchen ausgehen würde. Zukünftiges Unheil, das uns alle ins Verderben reißen würde.“
Auf Syriakins Stirn bildeten sich Furchen.
„Ich lachte. Zauberkräfte? Unheil? Eine Gefahr? Eine kleine Natter aus dem Sumpf? Sie gaben nicht nach. Ich schwöre dir: Diese vier Männer standen vor mir und beteuerten, dass von diesem Mädchen Verderben ausging.“
„Woher wussten sie von ihr? Wo es lebte? Was es war?“
„Die gleichen Fragen stellte ich auch. Stort und Carel gaben zu, dass sie ihr Wissen von den Söldnern hatten. Burdan und Smarten hatten ihnen nächtelang alles eingeflüstert. Ich warf sie hinaus und bestrafte sie mit einer Woche Latrinendienst. Burdan und Smarten drucksten so lange herum, bis ich androhte, ihnen so in den Arsch zu treten, dass sie nach Yruish zurückfliegen würden. Ohne Sold. Sie nackt in die Sümpfe zu scheuchen.“
Syriakin mahlte gedankenverloren mit den Kiefern. Doch als er Anstalten machte, sich zu bewegen, gab sie ihm augenblicklich einen warnenden Stoß.
Er seufzte. „Es war wie eine dieser Beschwörungszeremonien. Sie flüsterten und gestikulierten. Die ganze Zeit bohrten sie ihre Blicke in mich, als wollten sie nach meinem Geist greifen.“
„Was erzählten sie?“
„Von einer Art Verschwörung.“
„Gegen wen?“
Er zuckte die Schultern. „Ich wurde nicht schlau daraus. Sie redeten jede Menge wirres Zeug. Über besondere Kinder. Kinder mit Zauberkräften. Sie sagten, man müsse sie vernichten. Jemand hatte ihnen eine fürstliche Belohnung für das Sumpfkind versprochen. Ich sollte ihnen helfen, das Kind zu holen.“
An dieser Stelle schrak die Kämpferin sichtlich zusammen und holte mehrmals Luft, bevor sie stumm mit dem Messer wedelte.
„Sie nannten mir Namen von Orten und Kreaturen. Fremdartige Namen, die ich mir nicht gemerkt habe. Es war alles so irrwitzig! Sie erzählten von Vogelmenschen, übernatürlichen Wesen, von denen niemand wisse. Ich hielt das Ganze für Mumpitz. Doch sie gaben nicht nach. Schließlich rangen sie mir das Versprechen ab, mich zumindest nicht einzumischen.“
„Warum hast du sie nicht von der Insel gejagt?“
„Weil ich die Angst in ihren Augen sah. Ihre Besessenheit. Ihren Eifer. Und das wiederum jagte mir einen Schauer über den Rücken. Ich mag nur ein unbedarfter Soldat sein, aber ich traue meinen Instinkten. Und die flüsterten mir zu, mich den beiden nicht in den Weg zu stellen. Und jetzt schreien sie mir zu, pissen zu gehen.“
Sie dachte nach, während sie den Bogen auf seinen Rücken gerichtet hielt und dem Plätschern lauschte. Kurz darauf füllte der scharfe Geruch nach Urin den Raum und Jodanam hüpfte, sich an Wänden und Möbeln festhaltend, zurück zu seiner Bettstatt. „Ist der Pfeil auch vergiftet?“
„Das erfährst du, wenn es zu spät ist.“
„Du bist kalt wie ein Stein.“
„Wo wollten sie mit dem Kind hin?“
Er wischte sich mit seinen Pranken über das schweißige Gesicht und stöhnte. „Auf irgendeine Insel, deren Namen ich noch nie gehört hatte. Ein paar Tage später verschwanden alle vier. Kehrten von der Patrouille nicht zurück. Niemand stellte Fragen. Menschen verschwinden eben auf dieser Insel. Die Sümpfe sind tückisch. Ich war erleichtert, obwohl der Tagesablauf aus den Fugen geriet. Die Stimmung ist auch nicht so gut nach einem solchen Vorfall. Nach zwei weiteren Tagen hatte ich das Ganze mehr oder weniger vergessen.“
„Du vergisst viel.“
„Ja, das ist eine Gabe. So werden bestimmte … Dinge nicht lästig.“
„Ich verstehe.“
Sie spannte die Sehne. An ihrem Muskelspiel erkannte er, dass der Pfeil ihn aus dieser kurzen Entfernung an die Wand nageln würde. Bei dem Gedanken wurde ihm übel.
„Was tust du?“, rief er entgeistert.
„Mein Versprechen einlösen.“
„Aber …“
„Aber es sind noch einige Minuten bis zur nächsten Patrouille? Oder bis zur nächsten Wachablösung? Wolltest du mich noch so lange hinhalten? Ich mag verrückt sein, aber ich bin nicht lebensmüde.“
Er sah, wie ihre Hand, mit einem abgeschnittenen Lederhandschuh bekleidet, das gefiederte Ende des Pfeiles ausbalancierte. Seine Arme hoben sich wie von selbst vor sein Gesicht, als könnten sie das Unabwendbare abwehren. Angsterfüllter Atem stob aus seiner Brust. „Sie kamen her, verstehst du? Die Vogelwesen. Sie waren hier, begreifst du das? Hier, in meinem Haus. Sie kamen einfach so herein, die Kinder in ihren Fängen.“
„Sie lebte?“ Der Bogen schwankte leicht, blieb aber auf ihn gerichtet.
„Sie war verängstigt und schien betäubt. Aber sie lebte.“
„Wohin gingen sie?“
„Das weiß ich nicht“, rief er pfeifend. „Sie, sie dankten mir. Blickten mich aus diesen unheimlichen Augen an, mit diesen menschlichen Gesichtern … dankten mir und sagten, wenn ich ein einziges Wort verlauten ließe, würden sie mich töten. Dann hörte ich ein Rauschen und sie waren fort.“
„Du sprachst von Kindern. Wer war noch bei ihnen?“
„Ein Junge“.
„Ein Frâgg?“
„Ich habe nicht so auf ihn geachtet. Diese Wesen standen direkt vor mir. Sie sind größer als Menschen. Haben Schnäbel und Münder und … Ich war abgelenkt.“
„Denk nach. Beeil dich.“
„Ein Junge. Blond, glaube ich. Lockige Haare.“ Er kämpfte mit seinem Gedächtnis und gegen den drohenden Tod. Plötzlich fiel ihm etwas ein, das ihn selbst überraschte. „Nein, kein Frâgg. Der Junge trug eine Uniform.“
„Ein Soldatenkind?“ Sie runzelte die Stirn.
„Nicht in Heerlagern.“ Seine Augen weiteten sich. „Ich kenne genau drei Orte auf der Welt, an denen Kinder Uniformen tragen. Die Militärakademie auf Prant. Den Kaiserhof. Und…“
„Fedaj“, fiel sie ihm ins Wort.
„Fedaj“, bestätigte er.
Schweigend sahen sie sich an. Er unternahm einen letzten Versuch, die Situation für sich zu entscheiden. „Du weißt nicht, mit was du dich anlegst, Sumpffrau“, beschwor er sie in hastigem Flüsterton. „Diese Kreaturen. Sie reden mit dir, ohne dass ein Wort aus ihnen herauskommt. Sie kamen hier hinein, in ein Lager voller Soldaten. Niemand hat sie gesehen. Und dann waren sie weg. Wie der Wind.“ Seine Hände wedelten in der Luft, griffen unvermittelt nach dem Pfeil.
Er war zu langsam. Ihre Hand ließ den Schaft los und die Sehne schnellte nach vorn.
Das Geschoss bohrte sich in seine Eingeweide und schleuderte ihn gegen die Wand. Er wollte nach Hilfe rufen, aber seiner Kehle entwich nur noch ein heiseres Pfeifen. Das Messer steckte in der weichen Kuhle unter dem Adamsapfel.
Die Kriegerin beugte sich über ihn und riss das Messer aus dem Hals, aus dem sofort Blut spritzte. Dem Tode nahe sah er, wie sie ihren Bogen schulterte und die beiden Wachen in den Raum zerrte. Dann verteilte sie Holz und Zunder aus dem Kamin auf seiner Lagerstatt, rupfte Stroh unter den Decken hervor und ließ schwarzes Pulver aus einem Säckchen darauf rieseln.
Das Ganze dauerte nur Augenblicke. Alsdann beugte sie sich wieder zu ihm hinunter. „Die toten Wachen im Turm? Der Mann im Stall? Giftpfeile aus dem Blasrohr. Sie werden sich an nichts erinnern und glauben, zu viel getrunken zu haben. Ich kann auch der Wind sein.“
Mit diesen Worten entzündete sie das schwarze Pulver mittels einer gedeckelten Schale, in der Glut am Leben gehalten wurde. Die Bettstatt des Kommandanten ging sofort in Flammen auf. Durch die dichten Rauchschwaden sah er, wie sie schlangengleich im Kamin verschwand. Auf dem Dach konnte er ihre Schritte hören, dann war da nur noch das Prasseln des Feuers. Und sein langsam werdender Herzschlag.

„Es begann mit den Träumen. Dazu müsst Ihr wissen, dass ich zeit meines Lebens von diesen Hirngespinsten heimgesucht wurde. Die Mehrzahl ist belanglos. Spielereien meines Geistes. Andere scheinen bedeutsam, obwohl ich nie weiß, weshalb. Manche sind nützlich. Musterbilder für Waffen und Werkzeuge. Wie heiß das Feuer sein muss für diese oder jene Legierung, wann ich den Balg blasen muss, solche Dinge. Manchmal sind es Albträume. Von Unfällen, die ich als Kind hatte. Von Schicksalsschlägen. Der Tod meiner Frau und meiner Töchter. Mein Sohn, der fortging und nie zurückkehrte. Dann und wann scheine ich Dinge vorherzusehen. Das brachte mir einen zwiespältigen Ruf ein. Die einen erbitten meinen Rat, andere gehen mir aus dem Weg und überkreuzen die Finger.“
An dieser Stelle bat Jonoy um einen Becher Minztee, den Jula ihm reichte. Die beiden Männer und Akim saßen um ein kleines Feuer in der Mitte einer mit Decken eingeschlagenen Jurte. Jula kaute auf einem Blatt herum, das er von einer Wangentasche in die andere schob, und das seine Zähne purpurn färbte. Wenn er den Mund öffnete, sah er aus, als blute er. Akim hatte ein Büschel dürren Grases ausgerupft und kaute gedankenverloren auf einem Halm.
Jonoys Stab lag quer über seinen Schenkeln. Er umklammerte ihn, während er sprach. „Ein Traum war anders. Eine Mischung aus vergangenem Unglück und Dingen, die nur in der Zukunft geschehen sein konnten. Ich träumte von meiner Enkelin Jonoypret. Ich sah, wie sie entführt wurde, geraubt aus meinem Dorf heraus.
Jonoypret starb noch als Säugling vor vielen Jahren am Fieber. In jener Nacht sah ich sie als das Mädchen, das sie nie geworden war. Sie wirkte natürlich, real, tobte mit anderen Kindern herum. Alles war friedlich. Dann platzten die Angreifer hinein. Soldaten und gefiederte Wesen. Sie rangen mich nieder und raubten sie.“
„Gefiederte Wesen“, echote Akim und legte die Hände vor seine Augen. Sein Brustkorb hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen.
Jula sah fragend zwischen dem Schmied und dem Wüstenjungen hin und her.
„Lasst ihn“, legte Jonoy dem Kameltreiber die Hand auf den Arm. „Ich kann für ihn berichten. Zumindest den Teil, den er mir erzählt hat.“
Während die Oase in den Schlaf sank, beschrieb Jonoy die Entführung Kians. Jula und Akim hörten schweigend zu, der Karawanenführer mit wachsendem Entsetzen, der Junge blass und mit Tränen in den Augen, die er krampfhaft hinunterschluckte.
Als Jonoy geendet hatte, schob Jula sein Rauschblatt nachdenklich in die rechte Wangentasche und leckte sich die Zähne. „Die Geschichte des Jungen und Euer Traum weisen einige beunruhigende Gemeinsamkeiten auf.“
„Beängstigend, nicht wahr?“ Jonoy beugte sich vor und musterte Jula eindringlich. „Glaubt mir, ich bin kein Fantast! Ich weiß nicht, warum diese Hirngespinste mich immer wieder heimsuchen. Ich bin Schmied, kein Schamane oder Traumdeuter.“
„Und doch seid Ihr in die Wüste aufgebrochen.“
Jonoy raufte sich den Bart. „Die Träume gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hatte Angst, einzuschlafen, denn ich träumte von den absonderlichsten Gestalten. Von Menschen, die ich nie zuvor gesehen habe und anderen, die mir vage bekannt vorkamen. Ich sehe Gesichter. Ich denke, ich habe Akim gesehen. Andere Männer und Frauen, die wichtig für mich zu sein scheinen. Und immer wieder fliege ich.“
Jula runzelte die Stirn. „Ihr fliegt? Wie ein Vogel?“
„So scheint es. Ich sehe Landschaften unter mir vorbeiziehen, so schnell, dass alles ineinander verschwimmt. Wie ein Farbband. Die Farben wechseln, fließen in- und auseinander, ohne dass ich Einzelheiten ausmachen kann.“
„Könnt Ihr die Landschaften beschreiben?“
„Anfangs ist alles gelb. Das konnte nur die Wüste sein, deshalb kam ich nach Berlen. Später sehe ich einen schwarzen Kreis, um ihn herum orange und gelbe Ringe.“
„Der Fels“, sagte Akim mit brüchiger Stimme.
„Das ist mir jetzt klar. Doch in meinem Traum war alles unschärfer, zerflossener. Einen Felsen konnte ich nicht ausmachen.“
„Weil Ihr nur in die Tiefe seht, nicht in die Länge und Breite“, schlug Jula vor.
„Jedenfalls fliege ich ab dem Felsen immer schneller. Die Farben wechseln in Windeseile. Graue und braune Töne, blaue und türkisfarbene, dann Grün in allen Schattierungen. Am Ende verlangsame ich allmählich wieder. Doch da ist alles weiß.“
„Weiß?“ Jula klang erstaunt.
„Schnee“, sagte Akim tonlos.
„Was weißt du über Schnee?“, fragte Jonoy.
„Gradh berichtete davon“, antwortete der Junge dumpf.
Jetzt horchte Jula auf. „Der knurrige Fährtenleser?“
„Mein Lehrmeister“, gab Akim mit abgewandtem Blick zurück.
„Dann bist du der Schüler, der sich hier beweisen sollte. Ich dachte es mir schon.“
„Die Reise hierher sollte meine Prüfung sein. Wir wollten in Kürze aufbrechen, doch dann passierte das mit Kian. Alles überschlug sich.“ Schmerz und Erinnerungen fluteten über Akims Gesicht, das sich verzerrte, als er neue Tränen zurückdrängte und in sich zusammensank. Jonoy wollte zu ihm hinüber rutschen, doch Jula schüttelte den Kopf.
Akim kämpfte eine Weile mit seinen Gefühlen. Keine Träne benetzte seine Wange. Als er sich schließlich aufrichtete, drückte Jula seinen Handrücken. In seinem Auge stand Anerkennung. Jonoy war schlau genug, sich aus dem stummen Gespräch der beiden Madif herauszuhalten. Er kannte ihre Kultur nicht gut genug, um die Feinheiten ihrer Lebensweise zu begreifen.
„Gradh begleitete mich bis zu dem schwarzen Felsen“, fuhr der Junge unversehens fort. Im Gegensatz zu dem Gefühlsaufruhr in seinem Inneren klang er gefasst, als er das Unwetter und den Aufstieg zum Gipfel schilderte. Erst dann schlich sich ein Zittern in seine Worte. „Als ich oben ankam, war er schon tot. Ich konnte nichts mehr tun, alles ging furchtbar schnell. Ich sah schauerliche Gestalten, unmenschliche Wesen. Die Flügeltiere saßen da und ... vertilgten ihn. Sie waren monströs. Männer standen um Käfige und eine Art Opferstein. Es war laut und überall zuckte das Licht. Am schlimmsten waren die Frauen.“
„Frauen?“, echoten die beiden Zuhörer.
„Sie glichen sich aufs Haar. Gradh hätte gegen sie gekämpft, er hätte es versucht, aber ich… ich war wie erstarrt.“ Der Junge ließ den Kopf hängen. Schuld und Scham umgaben ihn wie dunkle Schatten. „Glaubt Ihr, es sind Zauberwesen?“, flüsterte er.
Die Stille im Zelt war mit den Händen greifbar, während die Männer sich ansahen.
„Eigentlich glaube ich nicht an Zauberei“, sagte Jonoy. „Gleichzeitig werde ich von seltsamen Visionen heimgesucht, die mich bis in die Wüste führten. Ich kann nicht sagen, mit wem oder was wir es hier zu tun haben, aber irgendwie haben sie sich meiner Gedanken, vielleicht sogar meines Willens, bemächtigt.“
„Was geschieht in der Vision vom Fliegen noch?“, fragte Jula.
„Nicht viel. Die Landschaft wird weiß. Einmal tauchte ein schwarzer Ring auf, ein andermal ein dunkler Strich, wie eine Furche. Wie Akim dachte ich an Schnee, doch ist mir keine Insel bekannt, die nur aus Schnee besteht. Außer das Eisland, aber das gehört ja in den Bereich der Mythen.“
Julas Auge bekam einen lauernden Ausdruck. „Woher kennt Ihr das Eisland?“
Der Schmied sah den Kamelhirten verdutzt an.
„Die Sage vom Eisland ist eine uralte Sage der Madif. So alt, dass sie in Vergessenheit geraten ist.“ Jula beugte sich vor. „Versteht Ihr, sie ist nichts, was an den Feuern berichtet wird. Nur von wenigen wird sie noch bewahrt. Vermutlich hat Akim nie von ihr gehört, oder doch?“
„Nein“, antwortete Akim.
„Nein“, wiederholte Jula. „Wie also kommt es, dass ein Schmied aus Staleph davon weiß? Wie kommt es, dass er das Eisland in seinen Träumen sieht?“
Jonoy runzelte die Stirn und strich sich mit den Fingern über den Bart. „Wie sie in meine Träume kommt, weiß ich nicht zu sagen. Vom Eisland erfuhr ich durch die Madif selbst. Damals, als ich auf Reisen ging. Hier.“
„Hier? In Puard?“
„Ein wenig außerhalb, hinter den großen Dünen im Norden. Sie mochte die vielen Menschen nicht, die hier zusammenkamen.“
„Sie?“, fragte Jula verdutzt. „Von wem sprecht Ihr?“
„Ihr Name war Chada.“
Jonoy verstand die Welt nicht mehr, als Jula seinen Mund aufriss und Akim aussah, als hätte er einen Geist gesehen.
Jula spie die Reste des Rauschblattes ins Feuer, aus dem sofort schwarzer Rauch aufstieg. Dann legte er dem verwirrten Sta die Hand auf die Schulter. „Verzeiht mein ungebührliches Betragen. Aber dies ist wirklich eine starke Geschichte.“
„Hättet Ihr die Güte, mir zu sagen, weshalb?“
„Chada war außergewöhnlich. Jeder Madif kennt sie. Die Jüngeren denken, sie wäre eine erfundene Gestalt wie die Helden der Wüstenlieder, doch es gab sie. Ich habe sie als Kind gesehen. Leibhaftig. Man erzählt sich viele Geschichten über sie. Wer Chada kannte, stand sofort in ihrem Bann. Sie zog Menschen magisch an.“
„Diesen Eindruck hatte ich auch. Ich traf sie damals an der Großen Furt. Sie lud mich ein, sie bis Puard zu begleiten. Sie sprach die Mundart meiner Heimat und erzählte mir viel von ihrem Volk. Ich war beeindruckt, wie sie durch die Wüste fand, ohne Wege oder Markierungen. Als wäre ein unsichtbarer Faden zwischen ihr und ihrem Ziel gespannt. Der Junge hier hat auch so ein Talent.“
„Das sollte er“, sagte Jula. „Immerhin war Gradh Chadas Schüler. Und jeder hier weiß, dass Gradh die Enkelsöhne seiner Meisterin unter seine Fittiche nahm.“
„Ich kann nicht ganz folgen.“
„Chada“, meldete sich Akim zu Wort, „war meine Großmutter.“

„Die Madif kennen weder Eis noch Schnee, aber vor Urzeiten muss es diese Naturgewalten hier gegeben haben. Wie sonst erklärt man, dass sie Eingang gefunden haben in die Sagen der Wüstenstämme?
Chada wurde als Schamanin verehrt. Bereits zu ihren Lebzeiten galt sie als rätselhaft und geheimnisumwittert. Manchmal lachte und tanzte sie ausgelassen mit uns, war warmherzig, lebenslustig, voller Güte. An anderen Tagen scheute sie die Menschen. Dann verbarg sie sich hinter der Düne und schickte Gradh aus, um Wasser zu holen und Nachrichten zu hören. Gradh erklärte nichts, er war schweigsam wie ein Stein. Und so reimten sich die Leute ihre Geschichten zusammen, aus dem, was sie sahen und hörten. Dass sie mit den Tieren sprach. Dass sie blind durch die Wüste finden könne. Dass sie das Wetter beherrschte. Dass sie die verstreuten Völker zusammenhielt mit ihrer Ruhelosigkeit. Sie hielt es nirgends lange aus, sah ihre Kinder und Ehemänner kaum, verbrachte mehr Zeit mit ihrem Schüler in der Wüste als mit ihrer Familie.
Chada liebte Geschichten. Wo sie hinkam, fanden sich begeisterte Zuhörer. Ihr Gedächtnis war phänomenal. Unsere Geschichtenerzähler kerben Bilderzeichen in Tontafeln und benutzen den Sand als Bilderflächen. Chada schrieb nichts auf. Sie hatte alles im Kopf, konnte jede Geschichte wieder und wieder erzählen, immer mit denselben Worten, auch wenn Jahre vergangen waren.
Die Sage von der Eisinsel erzählte sie nur, wenn sie in einer ganz besonderen Stimmung war, melancholisch und bedrückt. Ich hatte immer den Eindruck, sie würde sie verstören. Irgendwann, ich war noch ein Kind, hörte sie auf, sie zu erzählen, und sie geriet in Vergessenheit.
Die Geschichte berichtet vom Unbekannten Land, das außerhalb des Kaiserreichs liegt. In diesem Land, nördlich vom Dran’bara, liegt die Insel Drahórsul, das Eisland, ein gewaltiger Eisberg ohne Grund, der auf dem Nordmeer treibt. Die Insel besteht nur aus Eis und Schnee. Auf ihr gedeiht nichts, denn wo kein Boden ist, kann auch nichts wachsen.
Dennoch leben Menschen dort. Chada nannte sie die Eismenschen, Drahór. Sie bauen Festungen aus Eis, schlagen Höhlen in den Untergrund und jagen die Tiere, die in den Gewässern um die Insel heimisch sind. Die Lebensumstände sind so menschenfeindlich, dass die Drahór Magie benötigen, um zu überleben. Es gibt Zauberinnen, Hexenmeister, Zukunftsseher und Heilkundige. Und die Bur-an-gnea.“
Das letzte Wort sprach Jula im Flüsterton. Sein Auge flackerte zwischen Jonoy und Akim hin und her, die mit angehaltenem Atem dem Bericht gefolgt waren.
„Das Wort habe ich schon einmal gehört“, raunte Jonoy. „Als Jüngling. Damals war ich zum ersten Mal in der Wüste. Die Männer flüsterten es, als wäre es ein verbotenes Wort, eine Art Geheimformel.“
„Nicht ohne Grund. Bei den Alten sind die Bur-an-gnea verantwortlich für alles Böse, Unerklärliche der Welt, Geschöpfe des tiefsten Aberglaubens, die Dämonen der vergessenen Sagen. Sie sind geflügelte Bestien. In Chadas Schauermärchen raubten sie Kinder, damit die Eismenschen an frisches Blut kamen.“
Akim stürzte aus dem Zelt. Die Männer hörten, wie er sich erbrach.
Jonoy stützte den Kopf in seine Hand. „Ein geraubtes Kind, Visionen, eine tote Schamanin, deren Enkel ich vor Gestalten rette, die aus den schauerlichsten Märchen entstiegen sind. Ein schwarzer Fels inmitten der Wüste. Wo um alles in der Welt sind wir da hinein geraten?“
„In etwas, das Eure Kräfte übersteigt, mein Freund. Das Ihr allein nicht bewältigen könnt.“
„Die Kaiserin muss uns helfen.“
„Erhofft Euch nicht zu viel. Eure Geschichte klingt alles andere als glaubwürdig.“
„Glaubt Ihr uns?“
„Warum sollte jemand solch eine Geschichte erfinden? Die Welt ist voller Geheimnisse.“

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Autor

Aidans Profilbild Aidan

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Kapitel:13
Sätze:2.714
Wörter:29.180
Zeichen:171.701

Kurzbeschreibung

Im Inselreich Dran'bara verschwinden Kinder, geraubt von Wesen, die den Legenden der Alten Völker entstiegen zu sein scheinen. Eine Sumpfjägerin und ein Wüstenläufer begeben sich auf die gefahrvolle Suche. Ihre spärlichen Spuren führen sie zueinander, zu neuen Gefährten und schließlich auf die geheimnisumwitterte Eisinsel Drahórsul. --- "Eisinsel" ist der 1. - hier leicht modifizierte - Band meiner Trilogie "Die Dran'bara Schriften". "Wildnis" bildet den Auftakt des Romans.

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